Erschrecken vor Gott

Predigt zu Hiob 23 – und zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren

Wir sind am Ende eines schönen sonnigen Sommers angekommen. Allmählich haben wir uns wieder in den Arbeits- und Schulalltag eingelebt. Zuvor haben uns die Ferientage wieder auf Reisen geführt – durch Deutschland, Europa, vielleicht sogar darüber hinaus. Der eine oder andere wird den Urlaub womöglich auch in Polen verbracht haben. Unser Nachbarland ist ein zunehmend beliebtes Reiseziel, zumal für Deutsche. Und gerade die nördlichen Regionen an der Ostsee sind – vor allem im Spätsommer und frühen Herbst – besonders reizvoll. Jahr für Jahr lockt der Dominikanermarkt – eines der größten Volksfeste der Region – im August tausende von Gästen nach Danzig; und in den Ostseebädern warten Ablenkung und Entspannung.

Mitten durch die hügelige und seenreiche Landschaft der Kaschubei fließt zwischen Danzig und der Ostsee die Piasnitz, ein kleiner Küstenfluss, der auch dem Dorf Groß Piasnitz seinen Namen gegeben hat. Fährt man heute mit dem Auto auf den Landstraßen durch die Wälder im Umland von Groß Piasnitz, fallen die vielen Hinweisschilder am Straßenrand ins Auge. Sie zeigen zwei Kreuze und eine Flamme und weisen in den Wald hinein. Dort befinden sich, verstreut zwischen den Bäumen, kleine und große Denkmäler, eine Kapelle und unzählige Kreuze. Dieser Ort steht im schroffen Kontrast zu all den Sehenswürdigkeiten und Schönheiten, die dieser Landstrich zu bieten hat – und gehört doch ebenso zu dieser Gegend.

Hier wurden zwischen September und Dezember 1939 weit über 10.000 Menschen durch Angehörige der SS und des sogenannten „Volksdeutschen Selbstschutzes“ ermordet und im Wald verscharrt: polnische und kaschubische Intelligenz, Geisteskranke, die den Nationalsozialisten als lebensunwertes Leben galten, und eine große Zahl deportierter Häftlinge aus dem Deutschen Reich.

Gedenkstätte Piasnitz

Orte wie Piasnitz lassen uns noch heute erschrecken – und ihrer gibt es viele, wo in den Jahren nach dem 1. September 1939 Krieg geführt wurde. Wir stehen da und können nicht begreifen, wie Menschen einander antun konnten, was hier geschah; können nicht begreifen, wie ein gnädiger und gerechter Gott, dies zulassen konnte. Wirklich nachempfinden zu wollen, was die Opfer von einst nach der Besetzung ihrer Heimat durch die Wehrmacht erlebten und erlitten, wäre vermessen. Was sich uns jedoch an Orten wie dem Totenwald von Piasnitz in Bruchstücken vermittelt, ist das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins, der totalen Hilflosigkeit, ja der so empfundenen Abwesenheit Gottes. Der Predigttext für den heutigen Sonntag, gibt uns für diese Empfindung Worte. Denn auch Hiob sucht angesichts erlittener Qualen nach Gott: „Siehe, gehe ich nach vorn, so ist er nicht da, nach hinten, so bemerke ich ihn nicht, nach links, sein Tun schaue ich nicht, biege ich ab nach rechts, so sehe ich ihn nicht.“

Hiob, dem von Gott auf die Probe gestellten, leidenden Gerechten, ist alles genommen worden: Vieh und Vermögen, seine Kinder und die eigene Gesundheit. Nun sitzt er da, verarmt, von Geschwüren gezeichnet und hat bereits tagelang mit seinen Freunden Elifas, Bildad und Zofar diskutiert. Sie haben versucht, ihn zu besänftigen, sein Leiden zu erklären und zu rechtfertigen – doch vergebens: „Auch heute ist Widerspruch mein Anliegen. Gottes Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.“ Hiob ist ein strenggläubiger Jude, hat ein moralisch vorbildliches Leben geführt und darf sich von dieser Seite her im Recht wissen: Was er erleidet, hat er nicht verdient. Wie gerne würde er sich daher dem offenen Rechtsstreit mit Gott stellen – und wäre sich dessen Ausgang gewiss: „Ob er in der Fülle seiner Kraft wohl den Rechtsstreit mit mir führen würde? Nein, gerade er wird auf mich achten.“ Wenn er doch nur mit Gott verhandeln könnte, dann würde dieser ihn nicht richten. Mehr noch: Er würde sich ihm in Fürsorge zuwenden. Doch Gott entzieht sich Hiob und lässt nicht mit sich verhandeln, ob das, was Hiob widerfährt, gerecht ist. Gott lässt sich nicht ein auf einen Rechtsstreit über die Frage, ob das, was einem Menschen widerfährt, ‚angemessen‘ ist.

Es gehört dies zur Tragik des Gedenkens an die Opfer von Gewaltherrschaft, Vernichtungskrieg und Rassenwahn: Zwar können wir rein historisch erklären, welche Ideologien und Weltanschauungen die Täter trieben, warum Befehlshaber unter welchen Bedingungen Massaker und Erschießungen anordnen. Und wenn wir einen Blick in die Untiefen des menschlichen Wesens wagen, können wir versuchen, nachzuvollziehen, wieso und unter welchen Umständen Menschen in der Lage sind, einander Gewalt – bis hin zu tödlicher Gewalt – anzutun. Jörg Baberowski, der hier in Berlin Zeitgeschichte lehrt, hat dies über Jahre getan, um am Ende in der Einleitung seines Buchs über „Gewalträume“ zu schreiben: „Der Autor wird zum Pessimisten, und er muss sich vor dem Bösen schützen, das er überall sieht und spürt. Eines Tages muss er aufhören, sich mit der Gewalt zu beschäftigen, weil sie sein Leben vergiftet und seine Stimmung verdüstert.“

Jeder Mensch kann, so Baberowski, unter bestimmten Bedingungen zum Gewalttäter und Mörder werden, vor allem wenn er straffrei handeln kann – so wie die SS im Hinterland der Kriegsfront. Der fatale Umkehrschluss lautet daher jedoch auch: dass wiederum jeder Mensch auch willkürlich Opfer der Gewalt werden kann. Dass sich ab dem 1. September 1939 in Osteuropa Räume der Gewalt öffneten, in denen Menschen andere Menschen ungestraft quälen und abschlachten konnten, lässt sich im Sinne geschichtlicher Zusammenhänge und Verläufe erklären – und die Verantwortung hierfür lastet noch heute schwer auf unseren Schultern. Warum aber gerade der eine oder die andere diesem Wüten zum Opfer fallen musste, bleibt letztlich unerklärlich, ist nicht zu rechtfertigen – erst recht nicht aus dem Lebenswandel und der Person des einzelnen heraus. Welchem einzelnen Opfer der Nationalsozialisten hätte man es absprechen können, mit Hiobs Worten gegen Gott aufzubegehren: „Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.“

Diese Frage bleibt – und diese Spannung bleibt, dass sich Gott unserer Erwägung und Berechnung gänzlich entzieht, wie auch Hiob erkennen muss: „Doch er, der Eine – wer kann ihm wehren? –, er tut, was seine Seele begehrt. Ja, er wird vollenden, was für mich bestimmt ist; und dergleichen hat er vieles noch im Sinn.“ Wie kann Gott solches Unrecht zulassen? Diese Spannung beschönigen oder wegdeuten zu wollen, wäre billig – billig gegenüber dem Text und billig gegenüber den Opfern, derer wir heute gedenken. Bestürzung, Beben und Verzagen können auch Teil der Beziehung von Menschen zu Gott sein. Dies ist die Einsicht dieses Predigttextes an diesem Gedenktag – und gewiss keine leichte. Aber sie ist eine notwendige Irritation für uns, die wir doch immer wieder dazu neigen, von Gott zu erwarten, dass er unseren Vorstellungen zu entsprechen habe.

Jedoch – und auch dies gehört zur Botschaft des Hiob-Buchs: Ebenso können Klage und Widerspruch zur Gottesbeziehung gehören angesichts von Unrecht und Leid, das der Volksmund dann ja auch ganz zu Recht als „himmelschreiend“ bezeichnet. Im Klagen und Anklagen gegen Gott wenden wir uns nicht von ihm ab, sondern zu ihm hin. Nicht ohne Grund schilt Gott im Hiobbuch am Ende auch nicht seinen Ankläger Hiob, sondern dessen Freunde, die diesen in seiner Anklage zum Verstummen bringen wollten: „… da sprach der HERR zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und gegen deine beiden Freunde: Denn ihr habt über mich nicht Wahres geredet wie mein Knecht Hiob.“ (Hiob 42,7)

Und so ist Hiobs Klage keine stille Klage – und sie schließt mit einem Satz, der auch uns zur Klage ermutigt, einer Klage im Ringen mit Gott: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“ Wenn wir in diesem Sinne heute die Opfer von einst beklagen, dann tritt neben unsere Klage zugleich jedoch auch die Zusage: Gott mag uns in seinem unergründlichen Ratschluss fremd und entzogen sein. Jedoch ist er immer auch der Zugewandte, der Mitleidende, ist gerade in den Opfern, die uns so unerklärlich sind, gegenwärtig. Einer, dem diese Präsenz Gottes gerade im Angesicht des Leids bewusstwurde, war Elie Wiesel. In seinem autobiografischen Auschwitz-Buch „Die Nacht“ schildert er die Hinrichtung eines Jungen, der zusammen mit zwei anderen Häftlingen wegen Sabotage zum Tode verurteilt worden war:

„‚Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. ‚Mützen ab!‘ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. ‚Mützen auf!‘ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr… Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch … Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. […] Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: ‚Wo ist Gott?‘ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‚Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen…‘“

Elie Wiesel konnte Gott im Jungen am Galgen erkennen. Wurde Gott in solcher Weise auch für Menschen im Wald von Piasnitz erfahrbar? Wir wissen es nicht – und es zu behaupten, hieße, die Schrecken des Jahres 1939 in einer Weise zu bemänteln, die gerade uns nicht zusteht. Wir dürfen es jedoch hoffen. Und dies ist eine Hoffnung, die unseren Blick am Ende von den Verwerfungen der Vergangenheit in die Zukunft richten lässt. Denn wo Gott ist, da ist immer auch ein Neubeginn möglich: Kein Schlussstrich, aber eine Klage über die Opfer, aus der ein Eingestehen von Schuld und eine innere Umkehr folgen. Dies hebt die Unfassbarkeit des Leids und die Notwendigkeit der Klage nicht auf, aber aus der Klage können neue Begegnungen entstehen und Beziehungen wachsen. Das nennen wir dann Verständigung und Versöhnung. Schritte dieser Entwicklung dürfen wir bereits seit Jahrzehnten zwischen Polen und Deutschen erleben – Gott sei Dank! Und ganz in diesem Sinne dürfen wir festhalten an dem Widerspruch des Hiob, der letztlich ein Festhalten ist an der Hoffnung auf Gott und Gottes Gerechtigkeit: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“

Predigt im Gottesdienst zur Erinnerung an 80 Jahre Beginn des 2. Weltkrieges am 11. Sonntag nach Trinitatis, 1. September 2019, in der Ev. Patmos-Gemeinde Berlin-Steglitz.

Der da ist und der da war und der da kommt

Andacht zu 2. Mose 3,1-15

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Wie oft haben wir diesen Kanzelgruß schon gehört – „von dem, der da ist und der da war und der da kommt“, wie es im ersten Kapitel der Johannesoffenbarung heißt. Für viele von uns wird er zur Gewohnheit geworden sein. Doch diese Worte sind mehr als eine Förmlichkeit. Diese Worte sollen uns vielmehr an etwas erinnern: daran, warum die frohe Botschaft, die Sonntag für Sonntag gepredigt wird, uns wirklich trägt; daran, von wem die Predigt spricht; daran, warum es gerade dieser ist, der uns aus den Zwängen und Verstrickungen des Alltags herausrufen und befreien kann. Neben den Dreiklang „Vater – Sohn – Heiliger Geist“ tritt ein zweiter: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dies ist keine Konstruktion aus dem Glasturm akademischer Dogmatik. Von dem Dreiklang „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ erzählt bereits das zweite Buch Mose im dritten Kapitel.

Philipp Schumacher: Moses vor dem brennenden Dornbusch, 1930
(Katholisches Religionsbüchlein für das Bistum Speyer, 1951)

Gegenwart

Auf dem Berg Horeb offenbart sich Gott Mose in einer Situation größter Bedrängnis: Sein Volk lebt versklavt unter ägyptischer Herrschaft, er selbst – der Unterdrückung entflohen – als Hirte im Wüstenexil. Da bricht Gott in seine und seines Volkes Gegenwart hinein – wird präsent: als mitfühlender und handelnder Gott. Er sieht das Elend und erkennt das Leiden. Schon dies ist eine heilsame Zusage: Die Mächte dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Mögen die Israeliten auch geknechtet und in Unrecht gehalten werden – der Blick ihrer Unterdrücker auf sie ist bereits relativiert; es gibt eine Instanz, die um Elend und Leid weiß und es beim Namen nennt. Aber mehr als das: Gott weiß nicht nur um Elend und Leid, er will es auch wehren und die Israeliten in die Freiheit führen. Und hierzu bedient er sich des Mose: „ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst“.

Die Befreiungsgeschichte, die diesem Fanal folgt, kennen wir: Den Exodus. Die sagenhafte Erzählung einer solchen Befreiung müssen wir nicht versuchen, eins zu eins mit Bemühungen um historische Genauigkeit in das Hier und Jetzt zu übertragen. Ihr tieferer Sinn bewahrheitet sich uns jedoch dort, wo wir erleben, dass das Vertrauen auf Gott innerlich befreit und zu befreiendem Handeln befähigt, wie einst Mose: Er kann die Israeliten in die Freiheit führen, da er weiß, dass Gott das Leid der Israeliten sieht. Der konkreten Befreiung muss vorausgehen, dass die Perspektive der Unterdrücker relativiert wird: Das hebt Unrecht und Unterdrückung nicht auf, aber das Wissen der Unterdrückten, von Gott angesehen zu sein, nimmt den Unterdrückern das letzte Wort und eröffnet neue Perspektiven. Solche neuen Perspektiven können dazu führen, sich konkret zu befreien. Dass erleben wir im Kleinen, wenn wir uns frei machen von bedrängenden Normen und Urteilen unserer Mitmenschen. Das erleben wir aber auch im Großen, wo Menschen sich dazu befreien lassen, gesellschaftliche und politische Verhältnisse neu zu denken und für einen Wandel einzutreten.

So wird Gott auch dem Mose gegenwärtig. Doch in diesem befreienden Sinne bedeutsam und wirksam wird diese Gegenwart Gottes für ihn erst dadurch, dass sie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft Gottes steht.

Vergangenheit

Der junge Israelit sieht das Wunder – einen brennenden, jedoch nicht verbrennenden Dornbusch –, barfuß steht er schließlich auf dem heiligen Land. Doch das Ereignis erschließt sich ihm erst, als sich sein Gegenüber in der gemeinsamen Vergangenheit mit seinem Volk zu erkennen gibt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Er ist der Gott, der Abraham zum ‚Vater der Völker‘ machte, ihm im hohen Alter seinen Sohn Isaak schenkte und mit Jakob am Jabbok rang. So hat sich Gott in der Vergangenheit erwiesen – und im Wissen um diese Vergangenheit wird er nun von Mose erkannt, der vor ihm sein Angesicht verhüllt: „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“.

Diese Gottesfurch ist keine Furcht, die in Passivität drängt – Mose wird nicht starr vor Angst. Sie ist vielmehr das ehrfürchtige Vertrauen auf Macht und Größe Gottes, wie sie sich in der Geschichte gezeigt haben. Dieses Vertrauen eröffnet neue Perspektiven und Handlungsoptionen. Mose fragt: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Und Gott antwortet: „Ich will mit dir sein.“ Gott will an seiner Seite gehen, wie er bereits an der Seite seiner Väter gegangen war. Hierauf darf Mose vertrauen und in diesem – historisch gewachsenen – Vertrauen kann Mose zu den Israeliten gehen. Und wenn er zu ihnen spricht, kann er wiederum an ebendieses Vertrauen appellieren: „Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!“

Der Glaube bedarf der historischen Vergewisserung, des vorausliegenden Glaubenszeugnisses. Das ist bei uns nicht anders als bei den Israeliten vor tausenden von Jahren. Solche Zeugnisse finden wir in der Bibel, jedoch auch in der Geschichte unserer Kirche: Martin Luthers „Hier stehe ich“ ist ein solches Freiheitszeugnis. Neben dieses treten im 20. Jahrhundert etwa die Zeugnisse bekennender Christen unter totalitärer Herrschaft in Europa. Nicht umsonst prägten gerade Christen die Bürgerrechtsbewegung der Wendejahre im Ostblock, deren 30. Wiederkehr wir dieser Tage gedenken.

Auch heute gibt es Menschen, die sich in Europa – vor allem im östlichen Europa – aus einem befreienden Glauben heraus für politischen und gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Im vergangenen Herbst erzählte mir der griechisch-katholische Weihbischof von Kiew, Bohdan Dzyurakh, wie sich seine Kirche im Dezember 2013 an die Seite der proeuropäischen Demokratiebewegung stellte und er selbst mit anderen Geistlichen unter Scharfschützenfeuer den Menschen auf dem Maidan beistand. Auf die letzten Jahre zurückblickend, entwarf er das Bild einer Kirche, die sich durch die Botschaft ihrer Verkündung befreit sieht und aus diesem Bewusstsein heraus politisch und gesellschaftlich tätig wird:

„Kirche wird immer ‚mater et magistra‘ genannt, und wenn die Kirche nicht nur Lehrerin, sondern auch Mutter sein möchte, dann kann sie sich nicht vom Leid der Menschen zurückziehen, wo sie in ihrer Würde erniedrigt, verfolgt und ihrer Rechte beraubt werden. […] Wir betrachten uns nicht als diejenigen, die den Machthabern dienen, sondern wir wollen dem Volk, den Menschen dienen – und genauso sehen wir die Berufung der Politiker. Wenn die Politiker aber von dieser Berufung abweichen, wenn sie versuchen, die Leute zu unterdrücken und auszubeuten, dann muss die Kirche die Stimme der Unterdrückten werden.“

Solche Worte regen an, zu fragen, wo der Glaube uns selbst innerlich befreit und zum Handeln drängt – oder wir uns vielmehr von ihm befreien lassen und uns nicht dieser Befreiung versperren sollten.

Zukunft

Doch das Wissen um die Geschichtsmächtigkeit Gottes allein wird uns nicht genügen, um uns von Gott befreien zu lassen, so wie es auch Mose und den Israeliten nicht genügt hat. Hierauf zielt Moses Frage, was er denn den Israeliten sagen solle, wenn diese fragten: „Wie ist sein Name?“ – „Mose erwartet vom Volk die Frage nach Sinn und Wesen eines von den Vätern her bekannten Namens.“ So hat es Martin Buber formuliert. Seine Frage zielt also auf eine Eigenschaft Gottes, die diesen gegenüber seinem Volk ausweist und Vertrauen stiftet.

Dies ist eine große Frage, auf die der Gefragte eine erstaunlich kurze Antwort gibt: „Ich werde sein“. Was soll dies nun über Gott sagen? Fehlt doch gerade jegliches Prädikat für Gott: Was wird er sein? Liebevoll, zornig, mächtig, allwissend, richtend, rechtend? Jedoch: Diese kürzeste aller denkbaren Antworten ist zugleich die eigentlich größte und umfassendste Antwort: Gott lässt sich nicht auf eine Eigenschaft festlegen. Aber mehr noch: Die Antwort hätte ja auch lauten können: „Ich bin.“ Indem Gott jedoch antwortet „Ich werde sein“, greift er über Vergangenheit und Gegenwart hinaus: Er erweist seine Hoheit über die Zukunft.

Eben hierin unterscheidet er sich von jedem Geschöpf und jeder irdischen Macht: Denn es mag mehr oder weniger einfach sein, eine Aussage über sich selbst zu treffen vor dem Hintergrund der eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Doch spätestens, wenn ich versuche, eine Aussage über mich in der Zukunft zu treffen, werde ich meiner Bedingtheit durch Umstände und Entwicklungen gewahr, die nicht in meiner Hand liegen. Frühere Generationen haben diese Erfahrung, dass die eigene Zukunft letztlich unberechenbar ist, in die Worte gefasst: „So Gott will und wir leben“. Eben, so Gott will – und nicht wir. „Ich werde sein“ – dies heißt für die Israeliten zugleich: ‚Ich werde für Euch da sein.‘ – Was auch immer passiert. Dieser Zusage bedarf es, um auf Gott zu vertrauen. Dass Gott war und an ihrer Seite war, wussten die Israeliten aus ihrer Geschichte.

Dass Gott sein wird und an ihrer Seite sein wird, dessen können sie sich nicht selbst versichern. Aber Gott spricht es ihnen zu, so wie er es auch uns heute zuspricht. Und so, wie die Israeliten diesen Zuspruch bejahen konnten, sind auch wir eingeladen, ihn zu bejahen – im Vertrauen auf den, „der da ist und der da war und der da kommt“.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Morgenandacht am 2. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2019, in Marienbad im Rahmen der Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates.

Vom Gott des Lebens

Markus Witte eröffnet einen „christotransparenten“ Zugang zum Alten Testament – und einen realistischen Blick auf den Menschen

Von Tilman Asmus Fischer

Am Ende eines Jahres mit vehementen Debatten über die Kanonizität des Alten Testaments hat der Berliner Alttestamentler Markus Witte 2015 eine Sammlung von 16 Predigten über das Alte Testament veröffentlicht. Ihnen vorangestellt ist eine Einführung „Zur Bedeutung des Alten Testaments“. Sie basiert auf dem Beitrag des Autors zu einer öffentlichen Diskussion über die Kanonizität des Alten Testaments mit seinem Kollegen, dem Systematischen Theologen Notger Slenczka, im Sommer 2015.

Insofern darf das Buch auch – aber nicht ausschließlich – als Antwort auf die Kanon-Debatte verstanden werden. Dabei verzichtet Markus Witte darauf, zu polarisieren. Vielmehr wirbt er für einen „christotransparenten Zugang“ zum Alten Testament, der „auf eine Erhellung der verschiedenen Theologien des Alten Testaments“ zielt, „die das neutestamentliche Verständnis von Jesus als Christus, Herr und Gott prägen“.

Was dies bedeutet, illustrieren die in Frankfurt am Main und Berlin gehaltenen Predigten aus den Jahren 2002 bis 2015. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Erfahrungen – Fußnoten erläutern in angemessener Weise notwendig, zeitgeschichtliche Kontexte – erschließen die Predigten die heute aktuellen und dem Menschen lebensdienlichen Botschaften des Alten Testaments. Hier begegnet Gott den Menschen als der „Gott des Lebens“, auf den bereits der Titel des Buches verweist, und der zum Menschen spricht: „Ich will, dass du lebst.“

Bei aller Bejahung des Lebens sind die Predigten jedoch eines nicht: Wohlfühl-Theologie. Denn wo Markus Witte es dem Leser eröffnet, aus den Augen des Alten Testaments auf den Menschen zu blicken, entsteht eine Anthropologie, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie nicht den Blick auf Gott verliert. Hier ist der Mensch gefordert, sich in seinem Leben gerade auf Gott zu besinnen: „Wissen und Wissenschaft ist nicht vom Teufel, genauso wenig wie Geld, Kunst oder Liebe vom Teufel ist – was Gott verboten hat, ist, dass wir uns eine andere Lebensmitte als ihn suchen“, so Witte über die Paradieserzählung.

Immer wieder zeigt Witte, indem er den Leser durch die alttestamentlichen Schriften führt, wo wir Gott als Lebensmitte aus dem Blick verlieren – so ist die entworfene Anthropologie aufrüttelnd realistisch: „Wir alle haben unseren Abel, den wir erschlugen.“ Über den einzelnen Menschen hinaus gelangen die Predigten immer wieder auch zu kritischen Gegenwartsanalysen – etwa ausgehend von 1. Mose 34: „Vielleicht ist die Gnadenlosigkeit, die sich in unserer Gesellschaft zeigt, gerade ein Symptom ihrer Gottlosigkeit. Wo der Tod Gottes verkündet wird, wird auch der Tod der Gnade verkündet: Gottlosigkeit gebiert Gnadenlosigkeit.“

Witte bleibt jedoch nicht beim Brudermörder stehen, denn „wir sind auch Kain, den Gott immer wieder neu anspricht, ins Leben holt und zum Städtebauer werden lässt“. Diese Ansprache darf der Leser immer wieder bei der Lektüre des Buches dankbar erfahren.

Markus Witte: Vom Gott des Lebens. Predigten über Texte aus dem Alten Testament. Mit einer Einführung in seine Bedeutung für Glaube, Theologie und Kirche. Neukirchen-Vluyn 2015, 158 Seiten, 14,99 Euro

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 14/2016.

Die Debatte geht weiter

Die Tagung „Nicht ohne das Alte Testament“ zeigte konstruktive Ansätze. Trotz kurzfristiger Absage Slenczkas

Von Tilman Asmus Fischer

„Entspricht es etwa gerade einem christlichen Ernstnehmen der Bedeutung des Tanach für das Judentum, wenn man das ‚Alte Testament‘ aus dem christlichen Kanon herausschneidet?“ So fragten die Evangelische Akademie zu Berlin (EAB) und das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in der ursprünglichen Ankündigung ihrer Tagung „‚Nicht ohne das Alte Testament‘. Die Bedeutung der Hebräischen Bibel für Christentum und Judentum“, die vom 8. bis 10. Dezember in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin stattfand. Gemeint war hier die Position des Berliner Theologieprofessors Notger Slenczka, der selbst an prominenter Stelle seine Überlegungen vortragen und mit dem jüdischen Religionsphilosophen Professor Micha Brumlik diskutieren sollte.

Slenczka hatte 2013 in einem Aufsatz die Frage aufgeworfen, inwiefern sich die Kirche vom Alten Testament angesprochen fühlen könne, ohne die „exklusive Zuwendung Gottes an Israel beziehungsweise das Judentum“ infrage zu stellen. Dieser Gedankengang führte 2015 zu vehementen Auseinandersetzungen. In diesen zog sein Fakultätskollege Christoph Markschies, Professor, Kirchenhistoriker und Leiter des Instituts Kirche und Judentum (IKJ), Parallelen zwischen Slenczka und nationalsozialistischen Theologen. Er verweigert bis heute jedoch die persönliche Diskussion.

Die nach Meinung von Slenczka verzerrte Darstellung seiner Position und die nachträgliche Nennung des IKJ als Kooperationspartner in der Veranstaltungsankündigung führten kurzfristig zur Absage der Teilnahme Slenczkas.

Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie, bedauert das Fehlen von Notger Slenczka auf der Tagung. Er hätte sich gefreut, wenn er an der Veranstaltung teilgenommen und seinen Standpunkt vertreten hätte. Eine Brüskierung sei in keinem Fall beabsichtigt gewesen, so Sachau und Eva Harasta, Tagungsleiterin und Theologin.

Das Einbeziehen des IKJ als ideellen Partner, so Sachau, hänge mit der hohen Bedeutung des Instituts für die EKBO zusammen. Harasta ergänzt, dass die Teilnahme von Christoph Markschies an der Podiumsdiskussion sich aus dessen Leitungsrolle für das Institut ergeben habe. Rückblickend stellt Sachau fest, dass es präziser gewesen wäre, in der Ankündigung der Tagung die von Slenczka aufgeworfene Infragestellung der Kanonizität des Alten Testaments herauszustellen – und nicht vom „Herausschneiden“ aus dem christlichen Kanon zu sprechen. Allerdings habe die bleibende Bedeutung der hebräischen Bibel für Judentum und Christentum im Mittelpunkt gestanden sowie die Notwendigkeit, den jüdisch-christlichen Dialog weiterzuführen.

Die große Mehrzahl der Referenten war spürbar um Deeskalation bemüht. Zu dieser trug auch der konzeptionelle Gesamtaufriss der Tagung bei, der sich dem Alten Testament aus unterschiedlichen Perspektiven näherte.

So zeigte die Tagung konstruktive Ansätze einer theologischen Durchdringung von Problemfeldern auf, für die die von Slenczka angestoßene Debatte sensibilisiert. Zentrale Bedeutung kommt dabei den Beobachtungen von Andreas Schüle, Professor für Altes Testament, zu: Das Aufkommen von Thesen wie denjenigen Slenczkas sei ein Indikator für Krisensituationen der Kirche – eine allgemeine Verunsicherung über Wesen und Kern des Christentums. Dabei handele es sich heute um eine Krise des modernen Liberalismus. Zu dieser habe auch das Selbstverständnis der alttestamentlichen Wissenschaft als einer rein historischen Wissenschaft beigetragen, die sich vor definitiven Aussagen und der Frage nach Christus-Bezügen scheue.

Steht damit der evangelischen Theologie als eine Konsequenz aus der Debatte ein schrifthermeneutischer und christologischer Umschwung ins Haus? Zumindest wurden seitens der jüdischen Referenten kritische Anfragen gegenüber der protestantischen Theologie deutlich, die in ihrer Grundsätzlichkeit über die Frage der Kanonizität des Alten Testaments hinausgehen. Brumlik knüpfte an Slenczkas Rekurs auf Schleiermachers „frommes Bewusstsein“ der Christen als Kriterium für ihren Zugang zum Alten Testament an: Theologie, so Brumlik, habe nicht vom Subjekt, sondern von Gott und seinem Wort auszugehen. Und der ehemalige württembergische Landesrabbiner Joel Berger stellte fest, es sei mit Blick auf die Heilige Schrift immer nur von „Texten“ die Rede gewesen, was ihn zur Frage trieb: „Geht es nicht um Offenbarung?“

So mag die Debatte der Anfang einer grundsätzlicheren Diskussion sein, für die Notger Slenczka zur Verfügung steht – wenn sie fair geführt werde, wie er im Gespräch mit „die Kirche“ betont. Die anstehenden Fragen seien nicht „in der Lebensdauer von Pressemeldungen“ zu beantworten. Ihre Klärung dauere Jahre, „und wer weiß, vielleicht kommt am Ende heraus, dass ich nicht Recht habe. Aber die gewonnene Klärung wird auch die traditionelle Position nicht unverändert lassen“. Ihm gehe es um eine „Grundlagenreflexion“: „Wo diese nicht geführt wird, wird Wissenschaft langweilig und traditionell.“

Weitere Informationen: Absage und Stellungnahme von Professor Notger Slenczka unter: http://www.theologie.huberlin.de/de/st/AT/EAB

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 51/52/2015.

Versöhnte Verschiedenheit

Die Systematiker Notger Slenczka und Wolf Krötke sowie die Alttestamentler Hanna Liss und Markus Witte (v.l.).
Die Systematiker Notger Slenczka und Wolf Krötke sowie die Alttestamentler Hanna Liss und Markus Witte (v.l.).

Streitgespräch über die Bedeutung des Alten Testaments für Christen machte weiteren Diskussionsbedarf deutlich

Ist das Alte Testament Quelle und Norm christlichen Glaubens? Oder gehört es genaugenommen gar nicht in den biblischen Kanon? Das hatte der Berliner Systematik-Professor Notger Slenczka vor wenigen Monaten behauptet und mit dieser These für reichlich Wirbel gesorgt (vgl. unser Dossier in Ausgabe 20). Bischöfe und Theologen gingen auf Distanz, fürchteten antijudaistische Vorbehalte. In der Berliner Humboldt-Universität wurde die Streitfrage jetzt wieder aufgenommen. Unter Leitung des emeritierten Systematikers Wolf Krötke diskutierten die Alttestamentler Markus Witte und Hanna Liss mit Slenczka über dessen umstrittene Thesen.

Von Tilman Asmus Fischer

Berlin. Die Argumentation von Notger Slenczka lässt sich so zusammenfassen: Die Kanonizität eines Textes setzt die „Identifikation der gegenwärtigen Religionsgemeinschaft mit den ursprünglichen Adressaten“ des Textes voraus. Die gegenwärtige christliche Theologie jedoch stelle diese Identität von Kirche und Bundesvolk, also Israel, nicht her.

Für den Berliner Systematiker wirft dies die Frage auf, inwiefern sich die Kirche vom Alten Testament angesprochen fühlen könne, ohne die „exklusive Zuwendung Gottes an Israel beziehungsweise das Judentum“ infrage zu stellen. Da die Gotteserfahrung mit Jesus Christus eine elementare Wandlung erfahre, schlägt Slenczka vor, das Alte als ein im Neuen Testament aufgenommenes und gedeutetes „Zeugnis und Ausdruck der vor- und außerchristlichen Gotteserfahrung“ zu verstehen.

Der Alttestamentler Markus Witte wies darauf hin, dass es problematisch sei, die „theologische Mitte“ des Alten Testaments auf den Bund Gottes mit Israel zu reduzieren. Er warb stattdessen dafür, die Pluralität des alttestamentlichen Kanons zu bedenken, der nicht nur einen Adressaten kenne, sondern vielmehr universalistische Elemente habe.

Im Bekenntnis zur Kanonpluralität und zu einer existenziellen Interpretation des Alten Testaments – „der Text erschließt sich mir in meinem Menschsein“, so Slenczka – fanden die beiden Berliner Theologen dann zusammen. Der wesentliche Unterschied bleibt jedoch in der Frage bestehen, ob das, was sich im Alten Testament erschließt, eine außerchristliche Gotteserfahrung ist oder beide Testamente von denselben Mustern der Lebensdeutung geprägt sind, ja sich ergänzen und das Alte Testament somit ein christliches Buch ist.

Diese Frage berührt neben der systematischen und alttestamentlichen Theologie auch die heutigen Gläubigen: Tritt uns in den Texten des Alten Testaments ein anderer Gott entgegen als im Neuen Testament? Haben wir als getaufte Christen zu ihm im Alten Testament dieselbe Beziehung, wie sie uns die Taufe auf den Namen seines Sohnes schenkt?

Hier führt Slenczka etwa Johannes 1,1-14 („Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind …“) ins Feld – während Witte darauf verweist, dass Altes wie Neues Testament gleichermaßen vom lebensstiftenden Schöpfer sprechen.

Dass die jüdische Theologie unabhängig ist von diesen innerchristlichen Debatten um das Alte Testament, verdeutlichte Hanna Liss, Professorin für Bibel und jüdische Bibelauslegung in Heidelberg. Der aktuelle Streit um den Kanon der christlichen Bibel sei – das klang an – für die jüdische Theologie letztlich unerheblich. Sie verwies auf die grundlegenden Unterschiede im Kanonverständnis von Christentum und Judentum: Für letztes sei etwa die historische Vorrangstellung der mündlichen Überlieferung prägend gewesen. Abschließend merkte Liss an: „Macht doch, was ihr wollt!“ Eine Aussage, die vielleicht etwas Druck aus der innerkirchlichen Debatte über das Schriftverständnis nehmen kann.

Dabei verlief die Disputation selbst – dies zeigten die Beiträge sowohl auf dem Podium als auch die Rückfragen aus dem Auditorium – bereits so entspannt und konstruktiv, wie man es sich für die vergangenen Monate gewünscht hätte. Beispielsweise hinsichtlich der Frage der letztlichen Einordnung des Alten Testaments. In den vorangegangenen Auseinandersetzungen hatte Slenczka die Überlegung geäußert, inwiefern das Alte Testament etwa mit den Apokryphen gleichzusetzen sei – also jenen Texten des Judentums, die nicht zum biblischen Kanon gehören. Bischöfe und Theologen gingen auf Distanz, fürchteten antijudaistische Vorbehalte. Hier stellte Slenczka, dem es darauf angekommen war, den Konsequenzen des aktuell verbreiteten Verständnisses des Alten Testaments nachzugehen, klar, er hänge nicht an Begriffen, ebenso könnte man von deuterokanonischen Schriften sprechen.

Hierzu kommentierte das Berliner Institut für Kirche und Judentum noch während der Veranstaltung auf Facebook: „Erfreuliche und zugleich erschütternde Klarstellung: Das ganze Alte Testament ist in der christlichen Kirche nach Sl. [Slenczka, Anmerkung der Redaktion] deuterokanonisch!“ Dessen gegenwärtiger Leiter, der Kirchenhistoriker Christoph Markschies, hatte sich zu Beginn der Debatte im Frühjahr gemeinsam mit einigen Kollegen von Slenczka distanziert, verweigerte jedoch die öffentliche Disputation mit ihm.

Dies ist umso bedauerlicher, als Markschies zugleich Vorsitzender der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist. Denn ein so heftig debattiertes Thema betrifft die theologischen Grundkoordinaten des größten deutschen Kirchenbundes. Bereits 2012 war es bei den Vorbereitungen einer „Bild“-Bibelausgabe zu einem Streit zwischen der EKD und dem lutherischen Theologen Jobst Schöne gekommen. Die Kritik des EKD-Kirchenamtes an seiner christusbezogenen Einführung zum Alten Testament zitiert Schöne mit den Worten, es sei „in der EKD Konsens, dass das Alte Testament ein Eigenrecht hat und nicht nur und nicht zuerst als Christuszeugnis gelesen werden kann und sollte“.

Offensichtlich besteht trotz der anscheinenden Übereinstimmung noch Diskussionsbedarf. Dies hat Notger Slenczka deutlich gemacht, indem er die systematisch-theologischen Konsequenzen dieses Konsenses wissenschaftlich aufgezeigt hat. Diese notwendige Debatte fortzuführen, war das große Verdienst der Disputation.

Erschienen in: Evangelische Zeitung 30/2015 (www.evangelische-zeitung.de). Zuvor in ähnlicher Form in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 29/2015.