Ohne Ablaufdatum

Staatsleistungen – eine bleibende Herausforderung der Kirchenpolitik

Von Cornelius Wiesner und Tilman A. Fischer

Jahr für Jahr überweisen die Bundesländer einen Betrag von rund 500 Millionen Euro an die beiden Amtskirchen: Staatsleistungen, denen bei flüchtigem Blick keine erkennbare Gegenleistung zugrunde liegt. Immer wieder wird gefragt, ob das ewig so bleiben soll.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Zuletzt strebte die Partei Die Linke im Haushaltsausschuss des Bundestags die Einsetzung einer Expertenkommission beim Bundesfinanzministerium an. Die Kommission hätte die Zahlungen überprüfen und Vorschläge unterbreiten sollen, „welche Konsequenzen der Gesetzgeber in Hinblick auf den zukünftigen Umgang mit der Zahlung von Staatsleistungen aus der Evaluierung ziehen sollte“. Union und SPD stimmten im März gegen den Antrag, die Grünen enthielten sich. Wo genau liegt das Problem?

Vor 200 Jahren wurde jedes kirchliche Amt im heutigen Deutschland durch Landwirtschaft finanziert. Auf nahezu jedem Flecken kirchlichen Landes ruhten Versorgungslasten – Gelder oder Naturalien. Damit Napoleon linksrheinische deutsche Fürstentümer annektieren konnte, wurden diese 1803 kurzerhand mit kirchlichem Land entschädigt. Hierzu wurden vor allem kirchliche Herrschaften ihrer Titel und ihres Eigentums entkleidet und damit auch die Finanzierung der kirchlichen Ämter gekappt. Im Gegenzug wurden die mit dem neuen Land bedachten Herrschaften verpflichtet, weitgehend die Versorgungslasten zu übernehmen. Die heutigen Bundesländer gehen auf diese Herrschaften zurück und behielten die Pflicht zu diesen Staatsleistungen.

Die Verpflichtungen sind über die Jahrhunderte einvernehmlich neu geregelt worden, etwa durch Staatskirchenverträge. Seit 1919 besteht eine verfassungsrechtliche Pflicht, diese Leistungen „abzulösen“, nämlich mit der einmaligen vielfachen Leistung einer Jahreszahlung. Der Bund müsste allgemeine Regeln aufstellen, die Länder dann entsprechende Gesetze erlassen. Nach welchen Prinzipien der Bund solche Grundsätze aufstellen soll, verrät die Verfassung nicht. Der Bund müsste jedenfalls einen ganzen Strauß von Rücksichtnahmen und Freundschaftsregelungen beachten. Auch müsste eine Regelung gefunden werden, welche die Länder überhaupt finanzieren können.

So wäre es „angesichts der Schuldenbremse für viele Bundesländer sehr schwierig, eine komplette Ablösung zu finanzieren“, erläutert Kerstin Griese, Beauftragte der SPD-Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften. Daher könne „der Bund hier nicht mit einer Rahmengesetzgebung voranpreschen“, meint Griese, solange die Länder nicht signalisierten, „die auf die Landeshaushalte zukommenden Folgen tragen zu wollen“.

Ohne Grundsatzgesetz des Bundes können die Länder indes nicht aktiv werden. Auch die genaue Höhe der Verluste, die die Kirchen 1803 zu erleiden hatten und nach denen die Ablösung zu bemessen wäre, ist umstritten. So bleibt der Verfassungsauftrag seit 98 Jahren uneingelöst. Dabei hat es „sowohl auf kommunaler als auch auf staatlicher Ebene bereits vereinzelte ,Ablösevorgänge‘ gegeben, zum Beispiel in Hessen die Rahmenvereinbarung zur Ablösung kommunaler Kirchenbaulasten“, erklärt Franz Josef Jung, Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der Unionsfraktion. Für ihn ist klar: „Ist die Motivation in den Bundesländern vorhanden, können die teilweise sehr komplexen und unterschiedlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Staatsleistungen abgelöst werden – diese Motivation sehe ich aktuell bei den Ländern in der Fläche nicht.“

Inzwischen mehren sich Stimmen, die laut danach fragen, ob mit den seit über 200 Jahren andauernden Leistungen die alte Verpflichtung nicht inzwischen erfüllt ist und der Ablöseauftrag damit obsolet geworden ist – eine Frage, die auch im Antrag der Linken anklingt.

Einer geordneten Ablösung der Staatsleistungen gemäß dem Verfassungsauftrag ist für die EKD denkbar. Heidrun Schnell, Leiterin der Finanzabteilung, erklärt: „Wir stehen dem offen gegenüber und haben wiederholt signalisiert, dass wir zu Verhandlungen bereit sind, bei denen die Interessen der Kirchen angemessen berücksichtigt werden.“

Trotz Vorbehalten gegen den Antrag der Linken fordert auch der Sprecher für Religionspolitik der Grünen-Fraktion Volker Beck eine „Expertenkommission, die die Modalitäten eines Ablösungsgrundsätzegesetzes formuliert“: „Die Umsetzung des Verfassungsauftrages würde mehr Transparenz schaffen und die Chance zur Befriedung einer Debatte bringen, die teilweise erbittert geführt wird und das gesellschaftliche Klima für die Kirchen vergiftet.“

Fortgesetzt wird die Debatte in jedem Fall. „Die Linke wird das Thema weiter auf die Tagesordnung setzen“, kündigt Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion, an: „Spätestens 2019, wenn der Verfassungsauftrag, die Staatsleistungen abzulösen, 100 Jahre alt wird, sollte endlich eine Regelung gefunden sein.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 18/2017.

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Liturgischer Aufbruch

In Berlin Stadtmitte entstehen neue gottesdienstliche Angebote

Von Tilman Asmus Fischer

Drei Lesungen, regelmäßige Abendmahlsfeier und gesungene Liturgie – ist das nicht ein katholischer Gottesdienst? Diese Frage hört Holger Schmidt häufig. Nein, antwortet der aus der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg stammende Theologe. Seit 2010 ist er Pfarrer der Berliner Evangelischen Kirchengemeinde Kreuzberg-Mitte: „Das ist evangelisch-lutherisch“, so Holger Schmidt. Ebenso die Feier vergessener Aposteltage und biblischer Marienfeste.

Der Erhalt und die Weiterentwicklung liturgischer Traditionen sind einer von mehreren Wegen, die im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte gegangen wird, um Menschen mit der frohen Botschaft zu erreichen. Superintendent Bertold Höcker kann zwei Grundströmungen ausmachen: Neben der Wiederentdeckung von Kirchenjahr und Liturgie wie in Kreuzberg, finden sich zielgruppenspezifische Angebote. Die Martha-Gemeinde in Kreuzberg etwa bietet gezielt Frauenarbeit, während sich der Konvent an der Reformationskirche in Moabit mit Angeboten vor allem an junge Menschen wendet.

Die Profilierung eines missionarischen und liturgischen Gottesdienstangebots begann in der Kirchengemeinde in Kreuzberg-Mitte mit der Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes als „Lutherische Messe“. Inzwischen ist daneben ein vielfältiges Angebot an Werktagsgottesdiensten getreten: Dienstags wird um 9 Uhr in der Melanchthon-Kirche die Laudes, das liturgische Morgengebet, und um 18 Uhr in der St. Jacobi-Kirche ein Friedensgebet gefeiert. Donnerstags kommt man um 12 Uhr zur Mittagsmesse in der St. Jacobi-Kirche und um 18 Uhr zur Vesper, dem Liturgische Abendgebet der Kirche, in der Melanchthon-Kirche zusammen. Freitags findet um 12 Uhr in der St. Jacobi-Kirche ein Mittagsgebet statt.

Zudem feiert die Gemeinde alle zwei Wochen samstags einen Abendgottesdienst in Form einer evangelischen Hochmesse mit Vortragekreuz, Leuchtern und Weihrauch. Die Anregung stammt vom Gemeindekirchenrat, der sich in einem intensiven Prozess etwa mittels eines Workshops mit den verschiedenen Bedürfnissen der Gemeindeglieder in Kreuzberg-Mitte befasste.

Einige der Neuerungen im Kirchenkreis verdanken sich ausländischen Impulsen. So berichtet Bertold Höcker vom Partner-Kirchenkreis in New York, dort sei die öffentliche Wirksamkeit von Kirche als Institution inzwischen fast erloschen. Was zähle, seien die Authentizität der Prediger und überzeugende Angebote. Höcker ist sich sicher: „In zehn Jahren werden auch hierzulande kirchliche Orte und nicht mehr die einzelnen Gemeinden im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen.“ Dies heiße jedoch nicht, dass es sie als Rechtsträger nicht mehr gebe. Aber nicht jede könne für alle Zielgruppen Angebote schaffen.

Oft sei in den Gemeinden von der Vielfalt an Gaben die Rede, sagt Holger Schmidt: „Aber Leib Christi sind wir nicht nur in der Gemeinde, sondern alle Gemeinden als Kirche zusammen.“ Daher ist er dankbar, Interessierte für profilierte Frauenarbeit auf die Martha-Gemeinde verweisen zu können und andererseits Glieder aus anderen Gemeinden auf Grund ihrer Bedürfnisse in seinen Gottesdiensten in Kreuzberg begrüßen zu dürfen. Diese „Verweiskompetenz“ ist für Bertold Höcker und Holger Schmidt das Gebot der Stunde. Innerhalb einer Stadt sollen unterschiedliche Angebote ermöglicht werden – von der lutherischen Messe in Kreuzberg bis zum reformierten Gottesdienst in Neukölln. „Wir müssen die Vielfalt evangelischer Spiritualität deutlich machen“, so Höcker. Und hierzu gehört eben auch der Weihrauch, den Holger Schmidt seit diesem Kirchenjahr in einigen Gottesdiensten einsetzt und mit dem die Gegenwart Christi liturgisch angezeigt werden soll.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 11/2016.

Partnerschaftsmodelle im Wandel 

Eine Tagung der Akademie widmete sich dem Thema „Schwule und lesbische Liebe in unserer Kirche“

Von Tilman Asmus Fischer

Mit einem Beschluss der Landessynode auf der Frühjahrstagung Anfang April soll in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgschlesische Oberlausitz (EKBO) die Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften mit der Ehe zwischen Frau und Mann eingeführt werden: also Trauagende und Eintragung ins Kirchbuch. Zu dieser Thematik veranstaltete die Evangelische Akademie zu Berlin am 26. und 27. Februar auf Schwanenwerder am Wannsee in Berlin eine Tagung, die unter dem Titel stand: „Schwule und lesbische Liebe in unserer Kirche. Auf dem Weg zum EKBO-Synodenbeschluss“.

Argumente für und gegen eine Gleichstellung seien zur Genüge ausgetauscht worden, so Akademiedirektor Rüdiger Sachau einleitend: EKD-weit seit Jahrzehnten in Debatten über Homosexualität und Kirche, innerhalb der EKBO bei diversen Diskussionen im Vorfeld der anstehenden Entscheidung. Vor diesem Hintergrund wolle die Tagung diesen Austausch von Argumenten nicht wiederholen, sondern aus befürwortender Perspektive die Entscheidung begleiten. Sie sei, so Sachau als „Teil eines größeren Gesprächsprozesses“, etwa nach den Diskussionen in Kirchenkreisen, zu sehen.

Einleitend referierte der Erlanger Ethik-Professor Peter Dabrock über eine verantwortliche „Protestantische Sexualethik heute“. Dabei warb er für einen kriteriengeleiteten Ansatz, zu dessen Zentralbegriffen etwa Freiwilligkeit, Achtung der Andersheit und Lebensdienlichkeit gehören. In der anschließenden Diskussion führte Dabrock an, dass ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Lebenspartnerschaft und traditioneller Ehe grundsätzlich denkbar sei. Die Vehemenz konservativer Verteidigungen der Ehe habe jedoch dazu geführt, dass heute im Gegenzug nur noch eine völlige Gleichstellung vertretbar sei.

Diese Beobachtung zum zurückliegenden Diskurs fand eine Ergänzung im Vortrag Michael Brinkschröders von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Homosexuelle und Kirche (HUK) über „Christliche Antihomosexualität und ihre Begründungen“. Er fasste zwar russische Orthodoxie, US-amerikanische Evangelikale und afrikanische Kirchenvertreter, die Todesstrafen für Homosexuelle unterstützen, ebenso unter eine „Ökumene der Homophoben“ zusammen, wie deutsche Kritiker des Gendermainstreamings. Jedoch betonte Brinkschröder auch Differenzen innerhalb dieser Netzwerke. Über deren Vergleichbarkeit wäre anderswo nochmal vertieft zu diskutieren.

Nachdem Uwe-Karsten Plisch von der Evangelischen Studierendengemeinde in der Bundesrepublik Deutschland über „Gleichgeschlechtliche Liebe und die Bibel“ referiert hatte, widmete sich Traugott Roser, Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, liturgischen Überlegungen im Spannungsfeld „Gleichgeschlechtliche Liebe, Ehe und Segen“: „Ich weiß nicht, was mit uns geschehen wäre, wenn uns zuvor niemand liturgisch glaubbar gemacht hätte, dass Gott unsere Partnerschaft begleitete“, schloss er aus dem Lebensweg mit seinem 2006 verstorbenen Partner.

Nicht die konkrete Zeremonie, sondern der Segen für die Beziehung seien das Entscheidende. Das postulierte der Theologe, der dazu ermunterte, die Bedürfnisse und Erfahrungen Homosexueller zum Ausgangspunkt zu nehmen, auch die alten liturgischen Formen der Trauungsgottesdienste neu zu entdecken und kennenzulernen.

Insgesamt standen die in Vortrag und Diskussion artikulierten Überlegungen im Spannungsfeld zwischen einer Stärkung der Institution Ehe durch ihre Öffnung und der Annahme, ebendiese Entwicklung könne zu einer weitergehenden „Transformation des traditionellen Eheverständnisses“ führen, wie es Tagungsleiterin Eva Harasta artikulierte. Die laufende Debatte – das machte vor allem dieser Teil der Tagung deutlich – könnte noch Folgen haben, die heute in ihrer Gänze nicht absehbar sind.

In diese Richtung wies auch die Abschlussdiskussion. Sie schloss an einen Vortrag von Constanze Körner, Leiterin des Berliner Regenbogenfamilienzentrums, über „Gleichgeschlechtliche Liebe und die Familie“ an. So hinterfragte Superintendentin Viola Kennert im Gespräch die Festlegung von Geschlechtern per se als Resultat einer patriarchalen Ordnung. Und Thomas Beckmann von der HUK betonte: „Es gibt noch viel mehr Formen gelingenden Lebens neben der dauerhaften Zweierbeziehung.“

Von den zurückliegenden Gesprächen in den Kirchenkreisen berichtete Propst Christian Stäblein. Die Synode hatte beschlossen, vor der Entscheidung, im April Diskussion in Gemeinden zu führen. „Die Diskurse werden weitergehen. Es ist ja nicht richtig, dass wir zweitausend Jahre ein Eheverständnis hatten. Und das gilt für alle Lebensführungsfragen. Wir sind in der Entwicklung von Modellen der Partnerschaft so im Wandel, dass wir nicht sagen können: Wir haben jetzt in der EKBO eine definitive Form gefunden.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 10/2016.

Wie auf Erden

Das Wiedersehen mit dem kleinen schwedischen Kirchenchor setzt auf große Themen. Schafft es der neue Film, „Wie im Himmel“ zu toppen?

Von Tilman Asmus Fischer

Viele Kinobesucher haben den kleinen schwedischen Kirchenchor aus dem Spielfilm „Wie im Himmel“ (2004) geliebt. Der große Kino-Erfolg wurde 2005 als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert und begeisterte weit über eine Million deutsche Kinozuschauer. Nun soll es nach über zehn Jahren ein Wiedersehen geben – unter dem Titel „Wie auf Erden“.

Nach dem plötzlichen Tod des Chorleiters bringt seine Lebensgefährtin Lena – neuerlich von der energischen Frida Sophia Hallgren gespielt – das gemeinsame Kind zur Welt. In das eigene Chaos der Gefühle hinein bittet sie Gemeindepfarrer Siv – frisch von der Gattin verlassen und wegen Alkoholismus kurz vor der Suspendierung –, die Kirchenmusik zu übernehmen: Die zu oft zu leere Kirche soll anlässlich des Kirchjubiläums voll sein – dank guter Musik.

Lena beschließt, mit dem Laienchor Händels Halleluja aufzuführen. Damit bringt sie einen „professionellen“ Kirchenmusiker gegen sich auf, der das Konzert mit Berufsmusikern bestreiten will. Nebenbei mischt Lena die Gemeinde auf: Die Kirchenbänke verschwinden, es werden moderne Gottesdienste gefeiert, getanzt und musiziert. Am Ende setzt sich die Gemeinde gegen konservative Kirchenobere und Lenas Konkurrenten durch.

Es geht um die großen Themen: Leben und Tod – Hoffnung und Zweifel. Der Film wartet mit Emotionen, bewegenden Bildern und einer überzeugenden Besetzung auf – wie bereits „Wie im Himmel“. Man kann durchaus zwischendurch eine Träne verdrücken. Am Ende bleibt „Wie auf Erden“ jedoch hinter seinem Vorgänger zurück. Das liegt vor allem daran, dass der Film inhaltlich überladen ist – der Zuschauer fragt sich: Geht es um Lenas Versuch, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden? Oder um das Schicksal einer kleinen Kirchengemeinde auf dem Lande? Oder vielleicht doch eher um Lenas neu erwachende Liebe zu einem Handwerker, der an der Restaurierung der Kirche beteiligt ist?

In jedem Fall regt der Film zum Nachdenken über Gegenwartsprobleme der Kirche an: Während Siv als Pfarrer seiner Gemeinde vor allem den strafenden Gott predigt, steht Lena für einen lebensbejahenden Glauben. Mit einer Herzlosigkeit, die die Aufrichtigkeit der Kirche in Frage stellt, steht der stereotype Kirchenratsvorsitzende ebenso Sivs Lebenskrise wie den Neuerungen in der Gemeinde gegenüber.

Der Film plädiert für eine Kirche, die bereit ist, hergebrachte Konventionen zugunsten der Frohen Botschaft in Frage zu stellen. Dass dazu Geschlechtsverkehr in der Kirche dargestellt wird, ist geschmacklos. Dass Jesus Christus zum Happy End, das Anleihen bei Bollywood nicht verleugnen kann, vom Kreuz steigt und sich unter die Gemeinde mischt, prätentiös.

Wie auf Erden. Schweden 2015. Regie: Kay Pollak. Kinostart 3. Dezember.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.

Geocaching à la Luther 2017

Kurzkommentar für ein „Pro und Contra: Ist Luther als reisende Playmobilfigur als Vorbereitung aufs Reformationsjubiläum sinnvoll?“

Kontra von Tilman A. Fischer

Eigentlich ist das Projekt zu originell, das Engagement seines Initiators zu anerkennenswert, als dass man guten Gewissens Einspruch dagegen erheben könnte. Aber nur eigentlich: Denn das Luther-Geocaching steht nicht alleine, sondern muss im Gesamtzusammenhang der Luther-Dekade gesehen werden. In diesem Kontext ergeben sich zwei Einwände:

Zunächst einmal ist der Cache eines von vielen Projekten innerhalb von „Luther 2017“, das sich der gesellschaftlichen, historischen Bedeutung der Reformation widmet. All diese Initiativen haben ihren guten Sinn und ihre Berechtigung. Welche Bedeutung – frage ich mich bisweilen – kommt jedoch daneben der Dimension des persönlichen Glaubens zu? Mit Blick auf 2017 sind zwei hervorragende EKD-Texte entstanden zum Kreuztod und zur Rechtfertigungslehre. Wie lassen sich Glaubensschätze reformatorischer Lehre, wie sie hier geborgen wurden, in ähnlicher Weise populär vermitteln? Leicht ist es gewiss nicht – aber den Versuch sollte es wert sein. Wenn auch vielleicht nicht als Cache.

Sodann handelt es sich – mal wieder – um ein Projekt, das das große und facettenreiche Phänomen Reformation reduziert und in der Begrenztheit auf Luther und die Reformation Wittenberger Prägung popularisiert. Dabei erscheint es ebenso fragwürdig, wenn auf der einen Seite ein kritischer Umgang mit Luther – und seinen Schattenseiten, etwa dem Antijudaismus – proklamiert und auf der anderen Seite eine stereotype Luther-Devotionalie – ein Markenprodukt aus dem Hause Playmobil – vermarktet wird.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.
Hintergrund ist ein Martin-Luther- Geocache im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 (http://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/geocaching-mit-martin-luther/).

150 Jahre im Geist der Diakonissen

Lazarus-Stiftungsvorstand Martin Wulff spricht über Erbe, Gegenwart und Zukunft der diakonischen Arbeit

Wenn Sie, Herr Wulff, auf 150 Jahre Lazarus-Diakonie in Berlin zurückblicken, was macht den Geist dieses Werkes aus?

Es ist ganz klar der Geist eines Diakonissenhauses. Die Schwesternschaft hat die Arbeit geprägt, in schweren und guten Zeiten – das steht außer Frage. Die Schwestern bildeten zugleich eine Dienst-, Glaubens- und Lebensgemeinschaft.

Hat diese Lebensform heute noch Zukunft?

Es gibt heute neuere Formen von Diakonieschwestern – bei den meisten entfällt der Aspekt der Lebensgemeinschaft. Die Schwestern der Lazarusdiakonie haben sich seinerzeit entschieden, das traditionelle Leben weiterzuführen. Aufgrund des Umstandes, dass diese Form heute keine Interessentinnen mehr findet, leben noch 17 Schwestern im Ruhestand im Diakonissenmutterhaus. Die Aufgaben der Einrichtungen der Lazarus-Diakonie sind von der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal übernommen worden. Dabei ist klar: Die heute hochbetagten Schwestern haben für die Stiftung Lazarus-Diakonie gelebt und gearbeitet, weshalb es selbstverständlich ist, dass sie von uns versorgt werden – und das meint keine Minimalversorgung. Sie sind uns allen lieb und sollen im Mutterhaus alt werden können.

Wie gestaltet sich heute das Leben im Mutterhaus?

Neben der Versorgung und Betreuung der Schwestern besteht eine sogenannte Anstaltsgemeinde mit einem regen geistlichen Leben, zu dem tägliche Andachten und Gottesdienste gehören. Zugleich ist hier auch das geistliche Zentrum für Mitarbeitende der Lazarus-Diakonie und dazugehöriger Einrichtungen. Hier finden sie geistliche Begleitung und Gruppenangebote.

Lobetal und die Lazarus-Diakonie stehen mit ihren Einrichtungen vor Herausforderungen der Gegenwart. Wie unterscheiden sich diese von denjenigen der Gründungszeit?

Als die Lazarus-Diakonie gegründet wurde, gab es in Berlin eine sichtbare soziale Not, derer sich die Gründer annahmen – mit bürgerschaftlichem Engagement, wie man Neudeutsch sagen würde. Dieses war getragen vom Glauben und der Überzeugung, Nächstenliebe leben zu müssen. Heute stehen wir vor der Herausforderung, unsere Arbeit mit hoher Professionalität zu betreiben – auf gleichfalls sichtbarer christlicher Grundlage.

Gelingt dies angesichts der Zwänge, die der Wettbewerb mit sich bringt?

Wir können uns gerade wegen unserer christlichen Ausstrahlung im Wettbewerb behaupten. Profil und Wirtschaftlichkeit bedingen einander. Christliche Pflegeeinrichtungen werden von der Öffentlichkeit positiv bewertet. Andererseits müssen wir wirtschaftlich sein, um uns das christliche Profil – und das meint nicht nur die hauptberuflichen Seelsorger – leisten zu können.

Zum Profil gehört auch die Pflege sterbender Menschen. Das Lazarus-Hospiz war das erste konfessionelle Hospiz im Land Berlin. Wie steht die Lazarus-Diakonie zur gegenwärtigen Debatte um die Sterbehilfe?

Wir treten ganz klar gegen aktive Sterbehilfe ein. Doch es stellt sich die Frage: Was kommt dann? Hospize und Angebote der Palliativmedizin sind der richtige Ansatz, brauchen aber genug qualifizierte Ärzte. Hier erwarte ich eine Unterstützung des Ausbaus der notwendigen Strukturen – auch in den Krankenhäusern.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 28/2015.

Stiftung „Lazarus-Diakonie Berlin“: http://www.lazarus-diakonie.de

Ein Dach für Leib und Seele

Pfarrer Joachim Lenz wurde im Juni 2014 zum neuen Theologischen Vorstand der Berliner Stadtmission berufen. Er folgt auf Hans-Georg Filker, der nach 25 Jahren Vorstandsarbeit in den Ruhestand ging. Joachim Lenz stammt aus dem Rheinland und arbeitete bisher als Kirchentagspastor beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Am 8. März wurde er von Bischof Markus Dröge in seinen Dienst eingeführt. Nach den ersten Wochen im Amt sprach Tilman Asmus Fischer mit dem neuen Direktor der Berliner Stadtmission über erste Einblicke und künftige Herausforderungen seiner Arbeit.

Herr Lenz, „Wir begegnen Menschen“, schreibt die Berliner Stadtmission in ihrem Leitbild – welche Begegnungen waren für Sie in Ihren ersten 100 Tagen als Stadtmissionsdirektor besonders bewegend?

Eine Frau am Alex hat mich bewegt. Wir haben sie nachts um zwei Uhr mit dem Kältebus besucht. Sie wartete dort schon seit vielen Wochen auf ihren Freund. Für unseren Tee und die Worte war sie dankbar, mit in die Notunterkunft wollte sie nicht. Irgendetwas in ihrer Seele sperrte sich. Dann sind da die vielen Begegnungen mit hoch engagierten und kompetenten Frauen und Männern, die sich für andere einsetzen, beruflich und ehrenamtlich. Junge und alte, mit unterschiedlichen Hintergründen. Ich hatte das Privileg, fast alle Einrichtungen der Stadtmission besuchen zu können. Was da, bei oft sehr belastenden Umständen, an Einsatz, Freundlichkeit und Kompetenzen zusammenkommt, finde ich umwerfend.

Gab es auch Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, ob es die richtige Entscheidung war, Ihr neues Amt anzunehmen?

Bevor ich nach Berlin kam, habe ich lange überlegt, ob der Dienst bei der Stadtmission das Richtige für mich ist. Mein Respekt vor der Fülle und Dichte der Arbeitsgebiete ist in den ersten Monaten in Berlin noch gewachsen. Aber nun habe ich in den Gemeinden und Einrichtungen viele großartige Menschen kennengelernt und bin sehr froh, bei dem wunderbaren Projekt Stadtmission mitmachen zu können und das Meine einzubringen.

Was sehen Sie als zentrale Herausforderungen für die Stadtmission und Ihr Amt, wenn Sie auf die Gespräche und Erlebnisse in den letzten Wochen zurückblicken?

Die zentrale Frage ist immer die nach den Prioritäten. Wo müssen wir uns jetzt neu engagieren? Wo sollen wir wie weitermachen? Es gibt viel mehr Aufgaben, als wir abdecken können! Glaubensfreiheit und soziale Probleme werden in Berlin derzeit nicht weniger, sondern mehr. Wie können wir die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten an alles Volk? An alles Volk – also an Arme und Reiche, an Bedürftige und Gestaltende, an Müde und an Kreative? Wo sind wir als freies Werk in der EKBO besonders gefordert? Vielleicht, nein ganz sicher, zunehmend in der Flüchtlingsarbeit.

Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland wird voraussichtlich auch in den kommenden Monaten anwachsen. Wie wollen Sie mit der Stadtmission dieser Entwicklung begegnen?

Die Not der Geflüchteten ist groß und ihre Zahl wird noch größer werden. Wir können da nur gemeinsam reagieren und Wege finden, zusammen mit Senat und Bezirksämtern, mit anderen Trägern und den Menschen vor Ort. Mit unseren Projekten haben wir als Stadtmission unsere Erfahrungen einzubringen. Vor mehreren Monaten hat die Stadtmission eine Notunterkunft eröffnet, in der Geflüchtete unterkommen, die ganz neu in Berlin sind. Wir bieten täglich 300 Menschen ein möglichst freundliches Willkommen in unserer Stadt. Viele hundert neue Ehrenamtliche machen das möglich. Wir haben zum Beispiel im organisatorischen Bereich Menschen mit hohen Kompetenzen. Da sehen wir immer wieder auch, woran es mangelt – im Blick auf Begleitung, Beratung, Seelsorge. Da lernen und überlegen wir derzeit, was besser und was neu gemacht werden kann.

Die Stadtmission trägt „Mission“ in ihrem Namen – auch die EKBO will „Kirche mit Mission“ sein. Mission – was heißt das heute? Was heißt das für Sie?

Was Mission heißt und wie das gehen kann, überlege ich auch ständig neu. Klar ist, dass wir eine Mission haben: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“ (Jeremia 29,7) ist das biblische Leitwort der Berliner Stadtmission. Wir wollen die Menschen in unserer Stadt so anschauen, wie Gott sie anschaut: hoffnungsvoll, als von Gott geliebte, gewollte und begabte Menschen. Und wir suchen Gott in einem jeden von ihnen. Denen, die es brauchen, bieten wir ein Dach für Leib und Seele an.
Wir sagen offen, dass wir als Christenmenschen, also in der Nachfolge Jesu, unterwegs sind. So wollen wir gemeinsam mit unserer Kirche Rechenschaft geben von der Hoffnung, die in uns ist.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2015.