Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Advertisements

Ohne Ablaufdatum

Staatsleistungen – eine bleibende Herausforderung der Kirchenpolitik

Von Cornelius Wiesner und Tilman A. Fischer

Jahr für Jahr überweisen die Bundesländer einen Betrag von rund 500 Millionen Euro an die beiden Amtskirchen: Staatsleistungen, denen bei flüchtigem Blick keine erkennbare Gegenleistung zugrunde liegt. Immer wieder wird gefragt, ob das ewig so bleiben soll.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Zuletzt strebte die Partei Die Linke im Haushaltsausschuss des Bundestags die Einsetzung einer Expertenkommission beim Bundesfinanzministerium an. Die Kommission hätte die Zahlungen überprüfen und Vorschläge unterbreiten sollen, „welche Konsequenzen der Gesetzgeber in Hinblick auf den zukünftigen Umgang mit der Zahlung von Staatsleistungen aus der Evaluierung ziehen sollte“. Union und SPD stimmten im März gegen den Antrag, die Grünen enthielten sich. Wo genau liegt das Problem?

Vor 200 Jahren wurde jedes kirchliche Amt im heutigen Deutschland durch Landwirtschaft finanziert. Auf nahezu jedem Flecken kirchlichen Landes ruhten Versorgungslasten – Gelder oder Naturalien. Damit Napoleon linksrheinische deutsche Fürstentümer annektieren konnte, wurden diese 1803 kurzerhand mit kirchlichem Land entschädigt. Hierzu wurden vor allem kirchliche Herrschaften ihrer Titel und ihres Eigentums entkleidet und damit auch die Finanzierung der kirchlichen Ämter gekappt. Im Gegenzug wurden die mit dem neuen Land bedachten Herrschaften verpflichtet, weitgehend die Versorgungslasten zu übernehmen. Die heutigen Bundesländer gehen auf diese Herrschaften zurück und behielten die Pflicht zu diesen Staatsleistungen.

Die Verpflichtungen sind über die Jahrhunderte einvernehmlich neu geregelt worden, etwa durch Staatskirchenverträge. Seit 1919 besteht eine verfassungsrechtliche Pflicht, diese Leistungen „abzulösen“, nämlich mit der einmaligen vielfachen Leistung einer Jahreszahlung. Der Bund müsste allgemeine Regeln aufstellen, die Länder dann entsprechende Gesetze erlassen. Nach welchen Prinzipien der Bund solche Grundsätze aufstellen soll, verrät die Verfassung nicht. Der Bund müsste jedenfalls einen ganzen Strauß von Rücksichtnahmen und Freundschaftsregelungen beachten. Auch müsste eine Regelung gefunden werden, welche die Länder überhaupt finanzieren können.

So wäre es „angesichts der Schuldenbremse für viele Bundesländer sehr schwierig, eine komplette Ablösung zu finanzieren“, erläutert Kerstin Griese, Beauftragte der SPD-Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften. Daher könne „der Bund hier nicht mit einer Rahmengesetzgebung voranpreschen“, meint Griese, solange die Länder nicht signalisierten, „die auf die Landeshaushalte zukommenden Folgen tragen zu wollen“.

Ohne Grundsatzgesetz des Bundes können die Länder indes nicht aktiv werden. Auch die genaue Höhe der Verluste, die die Kirchen 1803 zu erleiden hatten und nach denen die Ablösung zu bemessen wäre, ist umstritten. So bleibt der Verfassungsauftrag seit 98 Jahren uneingelöst. Dabei hat es „sowohl auf kommunaler als auch auf staatlicher Ebene bereits vereinzelte ,Ablösevorgänge‘ gegeben, zum Beispiel in Hessen die Rahmenvereinbarung zur Ablösung kommunaler Kirchenbaulasten“, erklärt Franz Josef Jung, Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der Unionsfraktion. Für ihn ist klar: „Ist die Motivation in den Bundesländern vorhanden, können die teilweise sehr komplexen und unterschiedlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Staatsleistungen abgelöst werden – diese Motivation sehe ich aktuell bei den Ländern in der Fläche nicht.“

Inzwischen mehren sich Stimmen, die laut danach fragen, ob mit den seit über 200 Jahren andauernden Leistungen die alte Verpflichtung nicht inzwischen erfüllt ist und der Ablöseauftrag damit obsolet geworden ist – eine Frage, die auch im Antrag der Linken anklingt.

Einer geordneten Ablösung der Staatsleistungen gemäß dem Verfassungsauftrag ist für die EKD denkbar. Heidrun Schnell, Leiterin der Finanzabteilung, erklärt: „Wir stehen dem offen gegenüber und haben wiederholt signalisiert, dass wir zu Verhandlungen bereit sind, bei denen die Interessen der Kirchen angemessen berücksichtigt werden.“

Trotz Vorbehalten gegen den Antrag der Linken fordert auch der Sprecher für Religionspolitik der Grünen-Fraktion Volker Beck eine „Expertenkommission, die die Modalitäten eines Ablösungsgrundsätzegesetzes formuliert“: „Die Umsetzung des Verfassungsauftrages würde mehr Transparenz schaffen und die Chance zur Befriedung einer Debatte bringen, die teilweise erbittert geführt wird und das gesellschaftliche Klima für die Kirchen vergiftet.“

Fortgesetzt wird die Debatte in jedem Fall. „Die Linke wird das Thema weiter auf die Tagesordnung setzen“, kündigt Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion, an: „Spätestens 2019, wenn der Verfassungsauftrag, die Staatsleistungen abzulösen, 100 Jahre alt wird, sollte endlich eine Regelung gefunden sein.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 18/2017.

Liturgischer Aufbruch

In Berlin Stadtmitte entstehen neue gottesdienstliche Angebote

Von Tilman Asmus Fischer

Drei Lesungen, regelmäßige Abendmahlsfeier und gesungene Liturgie – ist das nicht ein katholischer Gottesdienst? Diese Frage hört Holger Schmidt häufig. Nein, antwortet der aus der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg stammende Theologe. Seit 2010 ist er Pfarrer der Berliner Evangelischen Kirchengemeinde Kreuzberg-Mitte: „Das ist evangelisch-lutherisch“, so Holger Schmidt. Ebenso die Feier vergessener Aposteltage und biblischer Marienfeste.

Der Erhalt und die Weiterentwicklung liturgischer Traditionen sind einer von mehreren Wegen, die im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte gegangen wird, um Menschen mit der frohen Botschaft zu erreichen. Superintendent Bertold Höcker kann zwei Grundströmungen ausmachen: Neben der Wiederentdeckung von Kirchenjahr und Liturgie wie in Kreuzberg, finden sich zielgruppenspezifische Angebote. Die Martha-Gemeinde in Kreuzberg etwa bietet gezielt Frauenarbeit, während sich der Konvent an der Reformationskirche in Moabit mit Angeboten vor allem an junge Menschen wendet.

Die Profilierung eines missionarischen und liturgischen Gottesdienstangebots begann in der Kirchengemeinde in Kreuzberg-Mitte mit der Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes als „Lutherische Messe“. Inzwischen ist daneben ein vielfältiges Angebot an Werktagsgottesdiensten getreten: Dienstags wird um 9 Uhr in der Melanchthon-Kirche die Laudes, das liturgische Morgengebet, und um 18 Uhr in der St. Jacobi-Kirche ein Friedensgebet gefeiert. Donnerstags kommt man um 12 Uhr zur Mittagsmesse in der St. Jacobi-Kirche und um 18 Uhr zur Vesper, dem Liturgische Abendgebet der Kirche, in der Melanchthon-Kirche zusammen. Freitags findet um 12 Uhr in der St. Jacobi-Kirche ein Mittagsgebet statt.

Zudem feiert die Gemeinde alle zwei Wochen samstags einen Abendgottesdienst in Form einer evangelischen Hochmesse mit Vortragekreuz, Leuchtern und Weihrauch. Die Anregung stammt vom Gemeindekirchenrat, der sich in einem intensiven Prozess etwa mittels eines Workshops mit den verschiedenen Bedürfnissen der Gemeindeglieder in Kreuzberg-Mitte befasste.

Einige der Neuerungen im Kirchenkreis verdanken sich ausländischen Impulsen. So berichtet Bertold Höcker vom Partner-Kirchenkreis in New York, dort sei die öffentliche Wirksamkeit von Kirche als Institution inzwischen fast erloschen. Was zähle, seien die Authentizität der Prediger und überzeugende Angebote. Höcker ist sich sicher: „In zehn Jahren werden auch hierzulande kirchliche Orte und nicht mehr die einzelnen Gemeinden im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen.“ Dies heiße jedoch nicht, dass es sie als Rechtsträger nicht mehr gebe. Aber nicht jede könne für alle Zielgruppen Angebote schaffen.

Oft sei in den Gemeinden von der Vielfalt an Gaben die Rede, sagt Holger Schmidt: „Aber Leib Christi sind wir nicht nur in der Gemeinde, sondern alle Gemeinden als Kirche zusammen.“ Daher ist er dankbar, Interessierte für profilierte Frauenarbeit auf die Martha-Gemeinde verweisen zu können und andererseits Glieder aus anderen Gemeinden auf Grund ihrer Bedürfnisse in seinen Gottesdiensten in Kreuzberg begrüßen zu dürfen. Diese „Verweiskompetenz“ ist für Bertold Höcker und Holger Schmidt das Gebot der Stunde. Innerhalb einer Stadt sollen unterschiedliche Angebote ermöglicht werden – von der lutherischen Messe in Kreuzberg bis zum reformierten Gottesdienst in Neukölln. „Wir müssen die Vielfalt evangelischer Spiritualität deutlich machen“, so Höcker. Und hierzu gehört eben auch der Weihrauch, den Holger Schmidt seit diesem Kirchenjahr in einigen Gottesdiensten einsetzt und mit dem die Gegenwart Christi liturgisch angezeigt werden soll.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 11/2016.

Partnerschaftsmodelle im Wandel 

Eine Tagung der Akademie widmete sich dem Thema „Schwule und lesbische Liebe in unserer Kirche“

Von Tilman Asmus Fischer

Mit einem Beschluss der Landessynode auf der Frühjahrstagung Anfang April soll in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgschlesische Oberlausitz (EKBO) die Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften mit der Ehe zwischen Frau und Mann eingeführt werden: also Trauagende und Eintragung ins Kirchbuch. Zu dieser Thematik veranstaltete die Evangelische Akademie zu Berlin am 26. und 27. Februar auf Schwanenwerder am Wannsee in Berlin eine Tagung, die unter dem Titel stand: „Schwule und lesbische Liebe in unserer Kirche. Auf dem Weg zum EKBO-Synodenbeschluss“.

Argumente für und gegen eine Gleichstellung seien zur Genüge ausgetauscht worden, so Akademiedirektor Rüdiger Sachau einleitend: EKD-weit seit Jahrzehnten in Debatten über Homosexualität und Kirche, innerhalb der EKBO bei diversen Diskussionen im Vorfeld der anstehenden Entscheidung. Vor diesem Hintergrund wolle die Tagung diesen Austausch von Argumenten nicht wiederholen, sondern aus befürwortender Perspektive die Entscheidung begleiten. Sie sei, so Sachau als „Teil eines größeren Gesprächsprozesses“, etwa nach den Diskussionen in Kirchenkreisen, zu sehen.

Einleitend referierte der Erlanger Ethik-Professor Peter Dabrock über eine verantwortliche „Protestantische Sexualethik heute“. Dabei warb er für einen kriteriengeleiteten Ansatz, zu dessen Zentralbegriffen etwa Freiwilligkeit, Achtung der Andersheit und Lebensdienlichkeit gehören. In der anschließenden Diskussion führte Dabrock an, dass ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Lebenspartnerschaft und traditioneller Ehe grundsätzlich denkbar sei. Die Vehemenz konservativer Verteidigungen der Ehe habe jedoch dazu geführt, dass heute im Gegenzug nur noch eine völlige Gleichstellung vertretbar sei.

Diese Beobachtung zum zurückliegenden Diskurs fand eine Ergänzung im Vortrag Michael Brinkschröders von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Homosexuelle und Kirche (HUK) über „Christliche Antihomosexualität und ihre Begründungen“. Er fasste zwar russische Orthodoxie, US-amerikanische Evangelikale und afrikanische Kirchenvertreter, die Todesstrafen für Homosexuelle unterstützen, ebenso unter eine „Ökumene der Homophoben“ zusammen, wie deutsche Kritiker des Gendermainstreamings. Jedoch betonte Brinkschröder auch Differenzen innerhalb dieser Netzwerke. Über deren Vergleichbarkeit wäre anderswo nochmal vertieft zu diskutieren.

Nachdem Uwe-Karsten Plisch von der Evangelischen Studierendengemeinde in der Bundesrepublik Deutschland über „Gleichgeschlechtliche Liebe und die Bibel“ referiert hatte, widmete sich Traugott Roser, Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, liturgischen Überlegungen im Spannungsfeld „Gleichgeschlechtliche Liebe, Ehe und Segen“: „Ich weiß nicht, was mit uns geschehen wäre, wenn uns zuvor niemand liturgisch glaubbar gemacht hätte, dass Gott unsere Partnerschaft begleitete“, schloss er aus dem Lebensweg mit seinem 2006 verstorbenen Partner.

Nicht die konkrete Zeremonie, sondern der Segen für die Beziehung seien das Entscheidende. Das postulierte der Theologe, der dazu ermunterte, die Bedürfnisse und Erfahrungen Homosexueller zum Ausgangspunkt zu nehmen, auch die alten liturgischen Formen der Trauungsgottesdienste neu zu entdecken und kennenzulernen.

Insgesamt standen die in Vortrag und Diskussion artikulierten Überlegungen im Spannungsfeld zwischen einer Stärkung der Institution Ehe durch ihre Öffnung und der Annahme, ebendiese Entwicklung könne zu einer weitergehenden „Transformation des traditionellen Eheverständnisses“ führen, wie es Tagungsleiterin Eva Harasta artikulierte. Die laufende Debatte – das machte vor allem dieser Teil der Tagung deutlich – könnte noch Folgen haben, die heute in ihrer Gänze nicht absehbar sind.

In diese Richtung wies auch die Abschlussdiskussion. Sie schloss an einen Vortrag von Constanze Körner, Leiterin des Berliner Regenbogenfamilienzentrums, über „Gleichgeschlechtliche Liebe und die Familie“ an. So hinterfragte Superintendentin Viola Kennert im Gespräch die Festlegung von Geschlechtern per se als Resultat einer patriarchalen Ordnung. Und Thomas Beckmann von der HUK betonte: „Es gibt noch viel mehr Formen gelingenden Lebens neben der dauerhaften Zweierbeziehung.“

Von den zurückliegenden Gesprächen in den Kirchenkreisen berichtete Propst Christian Stäblein. Die Synode hatte beschlossen, vor der Entscheidung, im April Diskussion in Gemeinden zu führen. „Die Diskurse werden weitergehen. Es ist ja nicht richtig, dass wir zweitausend Jahre ein Eheverständnis hatten. Und das gilt für alle Lebensführungsfragen. Wir sind in der Entwicklung von Modellen der Partnerschaft so im Wandel, dass wir nicht sagen können: Wir haben jetzt in der EKBO eine definitive Form gefunden.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 10/2016.

Wie auf Erden

Das Wiedersehen mit dem kleinen schwedischen Kirchenchor setzt auf große Themen. Schafft es der neue Film, „Wie im Himmel“ zu toppen?

Von Tilman Asmus Fischer

Viele Kinobesucher haben den kleinen schwedischen Kirchenchor aus dem Spielfilm „Wie im Himmel“ (2004) geliebt. Der große Kino-Erfolg wurde 2005 als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert und begeisterte weit über eine Million deutsche Kinozuschauer. Nun soll es nach über zehn Jahren ein Wiedersehen geben – unter dem Titel „Wie auf Erden“.

Nach dem plötzlichen Tod des Chorleiters bringt seine Lebensgefährtin Lena – neuerlich von der energischen Frida Sophia Hallgren gespielt – das gemeinsame Kind zur Welt. In das eigene Chaos der Gefühle hinein bittet sie Gemeindepfarrer Siv – frisch von der Gattin verlassen und wegen Alkoholismus kurz vor der Suspendierung –, die Kirchenmusik zu übernehmen: Die zu oft zu leere Kirche soll anlässlich des Kirchjubiläums voll sein – dank guter Musik.

Lena beschließt, mit dem Laienchor Händels Halleluja aufzuführen. Damit bringt sie einen „professionellen“ Kirchenmusiker gegen sich auf, der das Konzert mit Berufsmusikern bestreiten will. Nebenbei mischt Lena die Gemeinde auf: Die Kirchenbänke verschwinden, es werden moderne Gottesdienste gefeiert, getanzt und musiziert. Am Ende setzt sich die Gemeinde gegen konservative Kirchenobere und Lenas Konkurrenten durch.

Es geht um die großen Themen: Leben und Tod – Hoffnung und Zweifel. Der Film wartet mit Emotionen, bewegenden Bildern und einer überzeugenden Besetzung auf – wie bereits „Wie im Himmel“. Man kann durchaus zwischendurch eine Träne verdrücken. Am Ende bleibt „Wie auf Erden“ jedoch hinter seinem Vorgänger zurück. Das liegt vor allem daran, dass der Film inhaltlich überladen ist – der Zuschauer fragt sich: Geht es um Lenas Versuch, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden? Oder um das Schicksal einer kleinen Kirchengemeinde auf dem Lande? Oder vielleicht doch eher um Lenas neu erwachende Liebe zu einem Handwerker, der an der Restaurierung der Kirche beteiligt ist?

In jedem Fall regt der Film zum Nachdenken über Gegenwartsprobleme der Kirche an: Während Siv als Pfarrer seiner Gemeinde vor allem den strafenden Gott predigt, steht Lena für einen lebensbejahenden Glauben. Mit einer Herzlosigkeit, die die Aufrichtigkeit der Kirche in Frage stellt, steht der stereotype Kirchenratsvorsitzende ebenso Sivs Lebenskrise wie den Neuerungen in der Gemeinde gegenüber.

Der Film plädiert für eine Kirche, die bereit ist, hergebrachte Konventionen zugunsten der Frohen Botschaft in Frage zu stellen. Dass dazu Geschlechtsverkehr in der Kirche dargestellt wird, ist geschmacklos. Dass Jesus Christus zum Happy End, das Anleihen bei Bollywood nicht verleugnen kann, vom Kreuz steigt und sich unter die Gemeinde mischt, prätentiös.

Wie auf Erden. Schweden 2015. Regie: Kay Pollak. Kinostart 3. Dezember.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.

Geocaching à la Luther 2017

Kurzkommentar für ein „Pro und Contra: Ist Luther als reisende Playmobilfigur als Vorbereitung aufs Reformationsjubiläum sinnvoll?“

Kontra von Tilman A. Fischer

Eigentlich ist das Projekt zu originell, das Engagement seines Initiators zu anerkennenswert, als dass man guten Gewissens Einspruch dagegen erheben könnte. Aber nur eigentlich: Denn das Luther-Geocaching steht nicht alleine, sondern muss im Gesamtzusammenhang der Luther-Dekade gesehen werden. In diesem Kontext ergeben sich zwei Einwände:

Zunächst einmal ist der Cache eines von vielen Projekten innerhalb von „Luther 2017“, das sich der gesellschaftlichen, historischen Bedeutung der Reformation widmet. All diese Initiativen haben ihren guten Sinn und ihre Berechtigung. Welche Bedeutung – frage ich mich bisweilen – kommt jedoch daneben der Dimension des persönlichen Glaubens zu? Mit Blick auf 2017 sind zwei hervorragende EKD-Texte entstanden zum Kreuztod und zur Rechtfertigungslehre. Wie lassen sich Glaubensschätze reformatorischer Lehre, wie sie hier geborgen wurden, in ähnlicher Weise populär vermitteln? Leicht ist es gewiss nicht – aber den Versuch sollte es wert sein. Wenn auch vielleicht nicht als Cache.

Sodann handelt es sich – mal wieder – um ein Projekt, das das große und facettenreiche Phänomen Reformation reduziert und in der Begrenztheit auf Luther und die Reformation Wittenberger Prägung popularisiert. Dabei erscheint es ebenso fragwürdig, wenn auf der einen Seite ein kritischer Umgang mit Luther – und seinen Schattenseiten, etwa dem Antijudaismus – proklamiert und auf der anderen Seite eine stereotype Luther-Devotionalie – ein Markenprodukt aus dem Hause Playmobil – vermarktet wird.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.
Hintergrund ist ein Martin-Luther- Geocache im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 (http://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/geocaching-mit-martin-luther/).

150 Jahre im Geist der Diakonissen

Lazarus-Stiftungsvorstand Martin Wulff spricht über Erbe, Gegenwart und Zukunft der diakonischen Arbeit

Wenn Sie, Herr Wulff, auf 150 Jahre Lazarus-Diakonie in Berlin zurückblicken, was macht den Geist dieses Werkes aus?

Es ist ganz klar der Geist eines Diakonissenhauses. Die Schwesternschaft hat die Arbeit geprägt, in schweren und guten Zeiten – das steht außer Frage. Die Schwestern bildeten zugleich eine Dienst-, Glaubens- und Lebensgemeinschaft.

Hat diese Lebensform heute noch Zukunft?

Es gibt heute neuere Formen von Diakonieschwestern – bei den meisten entfällt der Aspekt der Lebensgemeinschaft. Die Schwestern der Lazarusdiakonie haben sich seinerzeit entschieden, das traditionelle Leben weiterzuführen. Aufgrund des Umstandes, dass diese Form heute keine Interessentinnen mehr findet, leben noch 17 Schwestern im Ruhestand im Diakonissenmutterhaus. Die Aufgaben der Einrichtungen der Lazarus-Diakonie sind von der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal übernommen worden. Dabei ist klar: Die heute hochbetagten Schwestern haben für die Stiftung Lazarus-Diakonie gelebt und gearbeitet, weshalb es selbstverständlich ist, dass sie von uns versorgt werden – und das meint keine Minimalversorgung. Sie sind uns allen lieb und sollen im Mutterhaus alt werden können.

Wie gestaltet sich heute das Leben im Mutterhaus?

Neben der Versorgung und Betreuung der Schwestern besteht eine sogenannte Anstaltsgemeinde mit einem regen geistlichen Leben, zu dem tägliche Andachten und Gottesdienste gehören. Zugleich ist hier auch das geistliche Zentrum für Mitarbeitende der Lazarus-Diakonie und dazugehöriger Einrichtungen. Hier finden sie geistliche Begleitung und Gruppenangebote.

Lobetal und die Lazarus-Diakonie stehen mit ihren Einrichtungen vor Herausforderungen der Gegenwart. Wie unterscheiden sich diese von denjenigen der Gründungszeit?

Als die Lazarus-Diakonie gegründet wurde, gab es in Berlin eine sichtbare soziale Not, derer sich die Gründer annahmen – mit bürgerschaftlichem Engagement, wie man Neudeutsch sagen würde. Dieses war getragen vom Glauben und der Überzeugung, Nächstenliebe leben zu müssen. Heute stehen wir vor der Herausforderung, unsere Arbeit mit hoher Professionalität zu betreiben – auf gleichfalls sichtbarer christlicher Grundlage.

Gelingt dies angesichts der Zwänge, die der Wettbewerb mit sich bringt?

Wir können uns gerade wegen unserer christlichen Ausstrahlung im Wettbewerb behaupten. Profil und Wirtschaftlichkeit bedingen einander. Christliche Pflegeeinrichtungen werden von der Öffentlichkeit positiv bewertet. Andererseits müssen wir wirtschaftlich sein, um uns das christliche Profil – und das meint nicht nur die hauptberuflichen Seelsorger – leisten zu können.

Zum Profil gehört auch die Pflege sterbender Menschen. Das Lazarus-Hospiz war das erste konfessionelle Hospiz im Land Berlin. Wie steht die Lazarus-Diakonie zur gegenwärtigen Debatte um die Sterbehilfe?

Wir treten ganz klar gegen aktive Sterbehilfe ein. Doch es stellt sich die Frage: Was kommt dann? Hospize und Angebote der Palliativmedizin sind der richtige Ansatz, brauchen aber genug qualifizierte Ärzte. Hier erwarte ich eine Unterstützung des Ausbaus der notwendigen Strukturen – auch in den Krankenhäusern.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 28/2015.

Stiftung „Lazarus-Diakonie Berlin“: http://www.lazarus-diakonie.de