Was Heimat ausmacht

Im 60. Jahr seines Bestehens hat der Bund der Vertriebenen (BdV) am 2. September in Berlin mit einer zentralen Auftaktveranstaltung in der „Urania“ den „Tag der Heimat“ 2017 begangen. Dem Verbandsjubiläum entsprechend lautete das Leitwort „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“.

Der Festakt blieb jedoch nicht im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte verhaftet. Vielmehr verdeutlichten die Wortbeiträge die Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung der menschenrechts-, heimat- und verständigungspolitischen Belange der Vertriebenen und Aussiedler.

Kein Beauftragter der Evangelischen Kirche mehr

Das Geistliche Wort und die Totenehrung wurde erstmals von Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, gehalten.

Nur einen Monat zuvor war durch ein Interview mit dem theologischen Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes, Dr. Thies Gundlach, bekannt geworden, dass der Rat der EKD keinen Nachfolger für den 2015 ausgeschiedenen Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen, Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn, berufen wird. Ohne Dutzmann vorgreifen zu wollen, hatte Gundlach erklärt, dieser werde beim „Tag der Heimat“ darlegen „warum eine Nichtberufung eines Beauftragten nicht als Schlechterstellung der Spätaussiedler zu verstehen ist“.

Demgegenüber sprachen weder Dutzmann noch die beiden anderen Redner die einschneidende Entscheidung des Rates der EKD an. Vielmehr legte der Beauftragte das Klagelied Israels im babylonischen Exil (Psalm 137) und das Trostwort Jesaja 42,3 aus: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Vertriebene wieder willkommen

Dr. Thomas de Maizière MdB und Dr. Bernd Fabritius MdB
(Bild: Bildquelle: Peter-Paul Weiler/BdV)

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB (CSU) erinnerte in seiner Ansprache an die letztlich von Versöhnungs- und Verzichtsbereitschaft geprägte Geschichte der deutschen Vertriebenen und ihrer Verbände. Inzwischen dürften Vertriebene in der alten Heimat wieder Heimat finden, wenn sie wollten. „Aber“, fragte er, „müssen nicht gerade wir – zur Vermeidung solchen Unrechts wie in der Vergangenheit – noch mehr verlangen als nur das?“ In diesem Sinne forderte er, dass „das fundamentale Menschenrecht des Schutzes vor Vertreibung und ethnischer Säuberungen seinen normativ verankerten Platz in der europäischen Rechtsordnung erhält“. Der UN-Menschenrechtscharta von 1948 fehle „sowohl das Verbot als auch eine zumindest moralische Sanktion“ für Vertreibungsverbrechen. Mit der Forderung nach einem völkerrechtlichen Vertreibungsverbot verknüpfte Fabritius die Anliegen der Heimatverbliebenen und Aussiedler: „Der BdV hat dazu eine eindeutige Position: Wir unterstützen auf der einen Seite den Bleibewillen der Menschen und drängen auf Hilfen für die deutschen Minderheiten – und auf der anderen Seite bestehen wir darauf, dass deutsche Spätaussiedler bei uns, in Deutschland, eine angemessene Willkommenskultur vorfinden.“

Zukunft des Tages der Heimat

Wie bereits in seiner Rede zum diesjährigen nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung befasste sich Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB in seiner Festrede mit der konstitutiven Bedeutung der Erinnerung für die Identität Deutschlands – und führte gewissermaßen die am 20. Juni getätigten Überlegungen fort.

Zum einen schärfte er den Blick für die Übergänge zwischen individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis: sowohl vermittels Objekten wie in der kommenden Dauerausstellung der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ – als auch durch schriftliche und mündliche Überlieferung. Die Geschichte der Vertriebenen zu verstehen, bedeute, so der Minister, die ganze deutsche Geschichte zu verstehen.

Zum anderen fragte de Maizière nach der Zukunft des „Tages der Heimat“. Da Erinnerung nicht zwingend des persönlichen Erlebens bedürfe, könne dieser Gedenktag auch über die Erlebnisgeneration hinaus ein „Erinnerungsort“ von bleibender Bedeutung sein. Der Minister wünschte sich, dass zukünftig Vertriebene, Einheimische und Nachgeborene an diesem Tag gemeinsam darüber diskutierten, was Heimat heute ausmacht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Wochenblatt.pl 36/2017.

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Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

Das Danziger Weltkriegsmuseum – im Spiegel der Debatte

Historiografische und museologische Differenzierungen im deutschen Sprachraum

Selten erhalten kultur- bzw. geschichtspolitische Zerwürfnisse eine derartig große mediale Aufmerksamkeit, wie sie im Falle der anhaltenden Auseinandersetzung um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig zu verzeichnen ist. Dabei sind zwar – anders als bei der Debatte um die
„Wehrmachtsausstellung“ – nicht sonderlich kontroverse Positionen auszumachen, denn die Kritik aus der deutschsprachigen Presselandschaft an der gegenwärtigen polnischen Regierung ist weitestgehend einhellig. Dennoch lohnt es sich, unterhalb dieser übereinstimmenden Einschätzung der Akteure im gesellschaftlichen Raum genauer auf die einzelnen Stimmen zu hören, weil sie ein erheblich differenzierteres Bild der Problematik vermitteln.

Eingepfercht zwischen zwei totalitären Systemen: Die bedrängende Situation Polens lässt sich in diesem Durchgang geradezu körperlich erfahren. (Foto: Vincent Regente)

Den Beitrag, den das Museum für eine Vermittlung zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern zu leisten vermag, hebt der Historiker und Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck in seinem Beitrag „Der lange Schatten des Krieges“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (26. März 2017) hervor. Ihm erscheint das Weltkriegsmuseum als Beispiel für die wachsende Bereitschaft Polens, sich gegenüber seiner deutschen Geschichte – einschließlich des Vertreibungsgeschehens – zu öffnen : „Dass hier vor nicht so langer Zeit Menschen fremder Zunge und anderen Glaubens lebten, wird in Polen längst nicht mehr verschämt weggedrückt. So hat auch das neue Museum ein Stockwerk, das sich das ‚archäologische‘ nennt. Hier sind Tabakpfeifen und Schmuck zu sehen, die bei den Bauarbeiten freigelegt wurden.“ Der Wille zum Dialog wird für ihn auch darin erkenntlich, dass alle betroffenen Opfergruppen zu Wort kommen : „Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus.“ Die besondere Bedeutung des Museum sieht er folglich in dem Bemühen, „die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen“.

Die Vermittlungsleistung des Museums hat freilich eine inhaltlich-konzeptionelle Voraussetzung, die Reinhard Lauterbach in seiner Ausstellungskritik in der marxistischen Jungen Welt („Eine todernste Sache“, 3. April 2017) offenlegt: Das Museum ist für den Rezensenten „großartig – wenn man von seiner ‚antitotalitären‘ Ideologie absieht“. Gewiss: Entsprechende Parallelen zwischen Faschismus und Kommunismus – und somit auch der Okkupation Polens sowohl durch das Deutsche Reich als auch durch die Sowjetunion – entsprechen nicht Lauterbachs Geschichtsbild. Die Ausstellung selbst aber findet sein Wohlwollen, und zwar gerade auch wegen ihres konsequenten pazifistischen und universalistischen Ansatzes: Dieses Konzept sei „kein geringes Verdienst, denn der Kern der offiziellen Vorwürfe lautet“, dass „die ‚positive Seite‘ des Krieges, die Erziehung zu ‚Heldentum‘ und ‚Selbstaufopferung‘“, nicht genug propagiert werde. Dennoch bestimmt Lauterbach auch Leerstellen in der dargebotenen Erzählung : „Das Phänomen der polnischen Alltagskollaboration, etwa durch den Verrat verfolgter Juden, kommt freilich nur am Rande vor. Auch die ziemlich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau bis Anfang 1939 […] fallen unter den Tisch.“ Letztlich muss innerhalb des Milieus der Jungen Welt auch noch Anstoß erregen, dass es am Ende der Ausstellung „der unter geostrategischen Vorgaben der Sowjetunion entstandenen Volksrepublik Polen“ „geschichtspolitisch an den Kragen“ geht.

Wie stark der Danziger Museumsstreit inzwischen zum symbolischen Austragungsfeld weltanschaulicher Kämpfe geworden ist, in denen sich autoritär-konservative und liberale politische Konzepte gegenüberstehen, belegt Andreas Breitenstein in einem Kommentar, den die Neue Zürcher Zeitung („Die Liebe zum Ausnahmezustand“, 6. April 2017) veröffentlicht hat. Einen Tag zuvor hatte das polnische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Kulturministers entschieden, dass die seit langem geplante Zusammenlegung des Weltkrieg-II-Museums mit dem Museum des Verteidigungskrieges von 1939 auf der Westerplatte rechtens sei. Angesichts dieser neuerlichen Wendung beklagt der Literaturkritiker und Journalist Breitenstein die starre Haltung einer Regierung, die „über ihren fundamentalistischen Schatten [hätte] springen müssen“ und keinerlei Bereitschaft zu entwickeln vermocht hat, das Museum „einfach so in die Freiheit seines Wirkens [zu] entlassen“. Bedroht sieht er damit das Museum als Zeichen „für ein modernes und liberales, weltoffenes und nachdenkliches, sprich : europäisches Polen, das die Größe hat, differenziert mit seiner Geschichte umzugehen“.

Die grundsätzlich plausible Zuordnung von „Fortschrittlichkeit“ und „Reaktion“ vermag allerdings auch nicht den Blick darauf zu verstellen, dass das Museum keineswegs radikal mit den Traditionen der polnischen Geschichtskultur bricht. In der Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. April, (die gleiche, in der Andreas Breitensteins Kommentar erschienen ist) geht Felix Ackermann ausführlich auf das Konzept ein („Weltkriegsmuseum in Danzig: In Polen dokumentiert ein Museum die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und blickt über dessen Ende hinaus“). Dabei kommt er zu dem aufschlussreichen Urteil, dass die Kritik, das Konzept sei „nicht ausreichend Polen-zentriert, kaum nachvollziehbar“ sei : „Die polnische politische Rechte befürchtet zu Unrecht, dass polnisches Leid und polnischer Widerstand in Danzig nicht sichtbar würden. Auch das Funktionieren des polnischen Untergrundstaates stellt die Ausstellung ausführlich dar.“ Erst recht werde am Ende der Ausstellung die in Polen allgegenwärtige These veranschaulicht, dass in Danzig der Zweite Weltkrieg mit den Kämpfen an der Westerplatte nicht nur begonnen habe“, sondern dass vor allem die Solidarność-Bewegung „den Weg für die Beilegung des Kalten Krieges geebnet habe.“

Gerade dieser Beitrag, der der Ausstellung in gewissen Hinsichten sogar den „Charme eines Militärdepots“ zuspricht – den die politische Führung doch ebenfalls wohlgefällig aufnehmen müsste –, lässt somit unmissverständlich erkennen, dass die Regierung schwerlich eine vermittelnde bzw. „mittlere“ Position zulässt, sondern in gewisser Weise „aufs Ganze“ gehen wird.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 5/2017.

Wehrarchitektur und Kriegskinder

Zwei Kurzrezensionen aus der Reihe „vorgestellt“

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945

Das Preussenland erfreut sich – vor allem auch touristisch – als Land der Ordensburgen großer Beliebtheit. Seine dabei oft übersehene Bedeutung für die Wehrarchitektur jüngerer Epochen ruft der Katalog über „Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945“ in Erinnerung, der eine gleichnamige Ausstellung des Kulturzentrums Ostpreußen dokumentiert. Nach einem knappen historischen Abriss über die Geschichte des Festungsbaus in den östlichen Provinzen Preußens gibt das Buch einen Überblick über die jeweiligen Festungen und sonstigen Befestigungen in West- und Ostpreußen. Den Abschnitten sind jeweils kurze Einführungen zu den Spezifika der Befestigungstypen vorangestellt. Für den westpreußischen Raum dokumentiert der Katalog die Festungen Danzig, Marienburg, Graudenz, Thorn, die Feste „Weichselmünde“, die Fortifikationen der Stadt Elbing, die Brückenköpfe Dirschau, Münsterwalde, Culm und Fordon sowie die „Weichselbatterien“. Sehr hilfreich ist – gerade für den militärgeschichtlichen Laien – das Glossar sowie – für Leser, die an tiefer gehenden Informationen interessiert sind – das Literaturverzeichnis. Da das Buch selbst eher schlaglichtartig die wichtigsten Fakten vermittelt, ist eine solche ergänzende Lektüre zu empfehlen. Auch wenn man sich bisweilen mehr Kontextinformationen wünschte, bietet das Buch doch durchaus erste wichtige Einblicke in den Themenbereich west- und ostpreußischer Wehrarchitektur.

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Historia w kamieniu i betonie. Fortyfikacje miedzy Wisła a Niemnem 1700–1945 / Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945. Ellingen 2016, 64 Seiten mit farbigen Abbildungen, € 8,– Zu beziehen über das Kulturzentrum Ostpreußen (www.kulturzentrumostpreussen.de).

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder

In den zurückliegenden Jahren hat die Auseinandersetzung mit den Schicksalen und Erfahrungen der Kriegskinder- und Kriegsenkelgeneration einen reichen publizistischen Ertrag hervorgebracht – von autobiografischen Texten bis hin zu wissenschaftlichen Analysen. Erich Andersen nimmt nun mit seinem Büchlein „Kriegsjunge Hänners Kriegskinderbilder“ Zeichnungen seines Kindheitsfreundes Johannes Bartosch – 1934 in Danzig geboren – zum Ausgangspunkt einer persönlich gehaltenen Auseinandersetzung mit den Erfahrungswelten dieses westpreußischen Flüchtlingskindes im Norddeutschland der Nachkriegszeit. Auch wenn seine Betrachtungen keinen übermäßigen Abstraktionsgrad erreichen bzw. die Versuche, die durch die Kriegszeit geprägten Mentalitäten einzuordnen, eher apologetisch und zuweilen unbeholfen wirken, regt der Autor doch nachhaltig zu einer Auseinandersetzung mit Bildquellen als Medien kindlicher Kriegs- und Nachkriegserfahrungen an. (Einzelne Passagen, die vor dem Hintergrund historischer Zusammenhänge gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen kritisieren, erscheinen allerdings von Attitüden besetzt und wären durchaus entbehrlich.) Die umfangreich dokumentierten Bilder zeugen einerseits von etablierten Narrativen von Flucht und Vertreibung, andererseits aber auch von individuellen Erfahrungen des Protagonisten. Die von ihnen ausgehenden Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit eines Einheimischen und eines Flüchtlings entfalten zugleich eine persönliche Alltagsgeschichte der Nachkriegszeit, die über das spezifische Schicksal der Heimatvertriebenen hinausweist.

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder. Berlin 2016, 92 Seiten mit farbigen Abbildungen € 15,– ISBN 978-3-86460-419-5.

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 3/2017.

Verschwundenen Orten auf der Spur

Das „Zentrum gegen Vertreibungen“ präsentiert in Berlin seine fünfte Ausstellung

„Namen, die keiner mehr nennt“ – mit dem Titel ihres vielfach aufgelegten Buches hatte Marion Gräfin Dönhoff bereits vor Jahrzehnten auf einen Aspekt des deutschen Gebietsverlustes im Osten aufmerksam gemacht, der über die Fragen von Staatsgebiet und Privateigentum weit hinaus geht : Das Verschwinden der Geschichte von Vertreibungsgebieten aus dem kollektiven Gedächtnis, das mit der Vernichtung historischer Orte einherging. Diese Form des Verlustes beschäftigt nicht nur die von dort Geflüchteten und Vertriebenen, sondern gleichfalls die heute in diesen Landschaften lebenden Menschen.

Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein. (Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)
Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein.
(Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)

Erstmals befasst sich nun eine Ausstellung auf grundsätzlicher Ebene mit den Ursachen, Dimensionen und Konsequenzen des Verlustes ganzer Orte und ihrer Geschichte im heutigen Königsberger Gebiet, in Polen und Tschechien. „Verschwunden – Orte, die es nicht mehr gibt“ ist zugleich die fünfte Ausstellung der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZgV). Anders als die vier vorangegangenen Ausstellungen ist sie von Anbeginn an als Wanderausstellung konzipiert und wird im Berliner Kronprinzenpalais gegenwärtig erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Eröffnet wurde sie am 8. November durch die ZgV-Vorstandsvorsitzende Erika Steinbach MdB und den ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Hans-Gert Pöttering.

Vermittelt von Texttafeln, Bild- und Kartenmaterial sowie mehreren Multimediastationen, zeichnet die Ausstellung Schicksale unterschiedlicher Orte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nach. Dabei fasst sie den Begriff verschwundener „Orte“ zugunsten der Erschließung grundsätzlicher Phänomene kollektiven Verlustes von Kulturerbe und Erinnerungen recht weit: „Dörfer, Städte, Kirchen, Bauernhöfe, Schlösser, Fabriken oder Industrieanlagen sowie Friedhöfe, Denkmäler, Standbilder oder Inschriften überdauern nur, wenn es Menschen dafür gibt. Was aber wird aus ihnen, wenn die Menschen plötzlich verschwinden?“ – So fragte Erika Steinbach im Rahmen ihrer Erläuterungen anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Mit Entvölkerung, Kriegszerstörungen und Grenzziehungen, die ihrerseits weitreichende Konsequenzen zeitigten, erfasst die Ausstellung die primären Ursachen für die Vernichtung und fehlende Wiederherstellung ganzer Orte und Stadtteile oder einzelner Denkmäler. Mit der Entfernung von Symbolen, mit Kirchenfeindlichkeit bzw. Atheismus und schließlich mit „Preußenhass“ und dem propagierten „Klassenkampf “ fokussiert sie die Motivationen und konkreten Programme einer gezielten kultur- und geschichtspolitischen Umgestaltung der historischen deutschen Reichs- und Siedlungsgebiete. Dabei geraten sozioökonomische Faktoren wie Enteignung, Planwirtschaft und städtebauliche Neuordnungen allerdings nicht aus dem Blick. Schließlich wird die Perspektive auch auf konstruktive Entwicklungen – in Form von selektivem Wiederaufbau und Rekonstruktionsversuchen – erweitert.

„Hauptanliegen der Ausstellung ist es, in einer ‚historischen Spurensuche‘ diesem Untergang exemplarisch nachzuspüren“, erklärte Erika Steinbach: „Gleichzeitig legt die Ausstellung ein Augenmerk auf aktuell zu beobachtende bürgerschaftliche, kommunale und staatliche Initiativen, noch vorhandene Bauwerke, Kulturdenkmäler, Friedhöfe und andere Spuren der deutschen Vergangenheit zu retten oder in Einzelfällen sogar neu zu errichten.“

Unter den untersuchten Beispielen finden sich auch westpreußische Orte : Danzig, Elbing und –subsumiert unter „Ostpreußen“ – Schloss Finckenstein sowie Gut Neudeck ; gleichfalls für die westpreußische Geschichte relevant sind das Ehrenmal in Tannenberg sowie das „Westpreußenkreuz“ und weitere „Abstimmungsdenkmäler“. Finckenstein und Neudeck gehören zu denjenigen Orten, deren Erhalt aufgrund ihrer prominenten Bedeutung für – das auf Militarismus und Feudalismus reduzierte – Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den neuen Machthabern abgelehnt wurde.

Anhand der in der Zwischenkriegszeit in West- und Ostpreußen errichteten Denkmäler thematisiert die Ausstellung zudem eine Reihe symbolisch aufgeladener Orte, die gerade die Funktion erfüllten, die rechtmäßige Zugehörigkeit ihrer Landschaft zum deutschen Staat zu dokumentieren – und deshalb nach dem Kriege gänzlich obsolet geworden waren. Mit Danzig und Elbing werden am Ende jedoch auch zwei jeweils unterschiedliche Konzepte des Wiederaufbaus großflächig zerstörter Städte präsentiert.

Neben vielen Besuchern sollte der Ausstellung zu wünschen sein, dass sie einen nachhaltigen Nachahmungseffekt hervorruft : Indem sie einzelne der Namen, die keiner mehr nennt, wieder in Erinnerung bringt, weist sie zugleich auf die große Zahl der verschwundenen Orte hin, die bisher nicht bis kaum erschlossen oder gar erforscht sind.

Tilman Asmus Fischer

Bis zum 8. Januar 2017 wird die Ausstellung von Montag bis Mittwoch zwischen 10 und 18 Uhr und von Donnerstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr im Kronprinzenpalais (Unter den Linden 3, 10117 Berlin) für Besucher geöffnet sein. Die Eintrittspreise betragen 5 Euro, ermäßigt 2 Euro. Nach vorheriger Absprache können Führungen organisiert werden. Weitere Informationen: http://www.ausstellung-verschwundeneorte.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

„Erinnerungseinsamkeit“

Christopher Spatz: Ostpreußische Wolfskinder. Erfahrungsräume und Identitäten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Osnabrück: fibre Verlag, 2017, 239 S., Karte, € 29,80

Eine Dissertation als Buchempfehlung zum Weihnachtsfest? Und dann auch noch zu einem Kriegs- und Vertreibungsthema? – Im Falle von Christopher Spatz’ neuem Standardwerk über Ostpreußische Wolfskinder kann ich diese Empfehlung besten Gewissens geben! Nicht nur, weil das Buch – nach dem methodisch-theoretischen Vorspann – die historische Analyse mit einer dichten Erzählung von Einzelschicksalen verbindet, sondern auch, weil der Autor einen wichtigen – wissenschaftlich fundierten – Debattenbeitrag zum Vertreibungsdiskurs leistet, der von Betroffenen und historisch Interessierten zur Kenntnis genommen werden sollte.

Zum einen leistet der Autor – der Dutzende Interviews mit Wolfskindern geführt und Archivmaterialien ausgewertet hat – Grundlagenarbeit zur Geschichte einer Opfergruppe, die für die historische Forschung ein immer noch wenig erschlossenes Problemfeld darstellt. Zum anderen führt Spatz einen Begriff ein, der womöglich zukünftig in der Aufarbeitung der individuellen und kollektiven Rezeption von „Flucht und Vertreibung“ wirkmächtig werden kann: Die Erinnerungseinsamkeit – ein für die Gruppe der Wolfskinder markantes Phänomen, das jedoch mithin viele Vertriebene für sich beanspruchen können, ohne dass es bisher analytisch expliziert worden wäre.

„Im öffentlichen Kommunikationsraum klangen“, so Spatz, „schon versuchs- und scheibchenweise geäußerte Erinnerungen von Wolfskindern dissonant und inkorrekt, da sie sich vom Adressaten nicht zufriedenstellend in ein offiziell anerkanntes Opfernarrativ einordnen ließen und somit die soziale Erwartungshaltung verfehlen mussten.“ Als Konsequenzen für die Betroffenen macht Spatz ebenso „Verdrängungsstrategien“ wie Versuche einer Anpassung des eigenen Narrativs an die vermuteten sozialen Erwartungen deutlich.

Gewiss keine leichte Kost – auch aufgrund der Schilderungen aus dem Königsberger Gebiet der Nachkriegszeit. Aber dennoch: die Lektüre lohnt sich in jedem Falle.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Der Bundespräsident als Diskurs-Kritiker

Klare Worte von Joachim Gauck zur Vertreibung der Deutschen und zu heutigen Flüchtlingen

Schlanker als in den Vorjahren war am 3. September 2016 das Programm des zentralen Auftaktes zum Tag der Heimat in der Berliner „Urania“. So kam – gerahmt vom Geistlichen Wort des Weihbischofs Dr. Reinhard Hauke und der Ansprache des BdV-Präsidenten Dr. Bernd Fabritius MdB – der Festrede von Bundespräsident Joachim Gauck die Aufmerksamkeit zu, die ihr gebührte. Wagte das deutsche Staatsoberhaupt doch eine differenzierte Einschätzung der historischen und aktuellen Diskurse um Flucht und Vertreibung in Deutschland – und scheute sich keinesfalls vor Reibungen mit unterschiedlichen politischen Sichtweisen.

Bundespräsident Joachim Gauck spricht beim Tag der Heimat (Foto: André Wagenzik / BdV)
Bundespräsident Joachim Gauck spricht beim Tag der Heimat
(Foto: André Wagenzik / BdV)

Ausgehend von der Erkenntnis, dass „selbst nach sieben Jahrzehnten […] die Vergangenheit nicht gänzlich vergangen“ ist, vielmehr Kriegstraumata immer noch nachwirken können, würdigte Gauck die im Vorjahr vom Bundestag beschlossene Entschädigung für zivile deutsche Zwangsarbeiter vor allem als Signal gegenüber den Betroffenen: „Wir interessieren uns für Euer Schicksal! Wir wollen das Wissen über Eure Erlebnisse auch nachfolgenden Generationen vermitteln“. Exemplarisch führte Gauck das besondere Schicksal – und die daraus folgende Traumatisierung – der Zwangsarbeiter vor Augen und weitete schließlich die Perspektive auf die Gesamtheit des Flucht- und Vertreibungsgeschehens.

Vor diesem Hintergrund würdigte der Bundespräsident die Integration und politische Entwicklungsfähigkeit der deutschen Heimatvertriebenen: Ihr Weg „begann mit Verzweiflung, mit Trauer, oft auch mit Groll, führte später zur Öffnung gegenüber der neuen Heimat und schließlich – wohl auch unter dem Druck politischer Ereignisse – zur Aussöhnung mit dem Verlust der alten Heimat.“ Eine solche Bilanz mag denjenigen, die sich seinerzeit „dem Druck politischer Ereignisse“ nur widerwillig fügten, ebenso zu denken geben wie denjenigen, die die Vertriebenen noch immer als Ewiggestrige schmähen.

Man darf gewiss einen Appell für die Überwindung teils bis heute verhärteter Fronten darin sehen, wenn Gauck im Blick auf die zurückliegenden Jahrzehnte feststellte: „Ich kann verstehen, dass Flüchtlinge und Vertriebene Unwillen auf sich zogen, solange Verbandsvertreter mit territorialen Forderungen auftraten oder selbstgerecht nur das eigene Leid thematisierten – als Störenfriede in einem Europa, das nach dem Kalten Krieg die Annäherung brauchte und suchte. Ich kann aber auch die Klagen und den Groll vieler Flüchtlinge und Vertriebener verstehen, die sich mit ihrem Schicksal zeitweilig von der Gesellschaft allein gelassen sahen und kaum Verständnis erhoffen konnten. Ich verstehe das.“

Seinen differenzierten Rückblick auf den – lange Zeit von Marginalisierung und Stigmatisierung geprägten – Vertreibungsdiskurs schloss Gauck mit zwei Imperativen: „Die Vertriebenen dürfen, ja sie sollen sich erinnern, damit ihre Seelen Frieden finden. Die Gesellschaft darf, ja sie soll sich erinnern, um – gerade in der heutigen Zeit – Sensibilität gegenüber den Themen Flucht und Vertreibung auf der ganzen Welt zu schaffen und zu erhalten.“ Hiermit verknüpfte er die Forderung nach einer – über das Erinnern an Flucht und Vertreibung hinausgehenden – Wiederaneignung des deutschen Kulturerbes im östlichen Europa für das kollektive europäische Gedächtnis: „Und sie erwächst nicht nur aus dem Interesse von Deutschen – manchmal sind die Menschen in unseren Nachbarländern sogar noch stärker motiviert.“

Schließlich blieb Gauck jedoch nicht beim – mittlerweile europäisierten – Gedenken an Flucht, Vertreibung und die verlorene Heimat stehen, sondern bezog gleichermaßen differenziert Stellung zur aktuellen Fluchtproblematik. Deutlicher als in seiner Rede beim nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung 2015 akzentuierte er dabei neben der Pflicht zum Flüchtlingsschutz und den allen Flüchtlingen und Vertriebenen gemeinsamen existenziellen Erfahrungen die Frage, „wie wir unserer rechtlichen und moralischen Verpflichtung zum Schutz von Verfolgten nachkommen können, ohne die Stabilität und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu gefährden.“

Dies mag Indiz für eine allgemeine Verschiebung in der Debatte um die Flüchtlingspolitik sein. Bezeichnend ist, dass Gaucks Argumentation letztlich die Thesen aufgreift, die der ehemalige SFVV-Direktor Professor Dr. Manfred Kittel seit vergangenem Jahr mehrfach zur Debatte gestellt hatte. Dies gilt zum einen für die mit kulturellen Unterschieden verbundenen Integrationsherausforderungen: „Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen ja Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, denselben christlichen Konfessionen und derselben Kultur angehörten. Heute fällt Einheimischen wie Neuankömmlingen die sprachliche Verständigung schwer, sehr schwer, und jede Seite fremdelt mit den Mentalitäten, Religionen und Lebensstilen der jeweils Anderen.“

Zum andern scheint Gauck auch mit Blick auf die grundsätzliche Perspektive von Bleiberecht und Rückkehroptionen mit Kittel übereinzustimmen: „Im Unterschied zu den Vertriebenen von damals ist Deutschland für die Flüchtlinge von heute auch nicht das Vaterland, sondern der fremde Staat, der sich in vielen Fällen nur als vorübergehender Schutzraum oder zeitweiliges Gastland erweisen wird. Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wird, müssen unser Land in der Regel wieder verlassen. Selbst für jene, die als politische oder Bürgerkriegsflüchtlinge anerkannt sind, existiert – anders als bei den Deutschen nach 1945 – oftmals tatsächlich eine Rückkehroption.“

Dass es bei allen Unterschieden nicht zu einer Opferkonkurrenz kommen darf, machte Gauck gleichfalls deutlich: „Wirkliche Empathie sieht allein das leidende Individuum. Deshalb ist mir auch jene Haltung im aktuellen Diskurs fragwürdig, die die Flüchtlinge von heute willkommen heißt, das Schicksal der Landsleute von damals aber ignoriert oder marginalisiert.“ Statt sich gegenseitig aus dem Diskurs zu verdrängen, sollten damalige und heutige Opfer „ihre Schicksale vielmehr miteinander verknüpfen“.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2016.