Ein gelungener Kompromiss

Das Konzept für die Dauerausstellung im Deutschlandhaus

Bereits im Juni hatte die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ihr Konzept für die Dauerausstellung präsentiert, die im Deutschlandhaus, unweit des Potsdamer Platzes, in Berlin realisiert werden soll. Vor dem Hintergrund der hitzigen Debatten, die den Weg zum „Sichtbaren Zeichen“ begleiteten, dürfen weder die Herausforderung noch die Verantwortung, die sich mit der Arbeit an diesem Konzept verbunden haben, niedrig eingeschätzt werden. Am Ende ist es dem Stab der Stiftung um Direktorin Dr. Gundula Bavendamm gelungen, ein Papier vorzulegen, in dem die unterschiedlichen Fraktionen der zurückliegenden Diskussionen ihre Positionen ernst genommen sehen können, ohne dass die Gesamtkonzeption hätte Abstriche bei der inhaltlichen Kohärenz machen müssen.

Verknüpfung komplementärer Perspektiven

Aufschlussreich ist bereits die Grobgliederung der Ausstellung in drei Hauptabschnitte: „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Darein hat sich eine der besonders umstrittenen Fragen der letzten Jahre eingeschrieben: Soll die Vertreibung der Deutschen als Teil des Phänomens Zwangsmigration als einer historischen Konstante des kurzen 20. Jahrhunderts thematisiert werden, unter dem Risiko, den historischen Nexus zwischen Zweitem Weltkrieg und deutschem Heimatverlust zu vernachlässigen? Oder soll eben diese Verbindung das Narrativ der Ausstellung prägen, was wiederum zu einer Ausblendung historischer Parallelen vom Ersten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg geführt hätte?

Diesen Konflikt löst die Konzeption, indem sie beide Ansätze zur Geltung kommen lässt. Eine phänomenologische Annäherung an den Problemzusammenhang nimmt der erste Hauptteil vor, indem er zunächst einen historischen Überblick gibt und – hiervon ausgehend – sodann in Form von Themeninseln zentrale Aspekte von grundsätzlicher Bedeutung fokussiert: „Begriffe und Kontroversen“ – „Nation und Nationalismus“ – „Zwang und Gewalt“ – „Lager – Transit und Provisorium“ – „Völkerrecht und Menschenrechte“.

Der – umfangreichere und detaillierter untergliederte – zweite Hauptabschnitt nimmt, hieran anknüpfend, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ in den Blick. Die Verbindung deutscher Expansion und Vertreibung der Deutschen ist diesem Ausstellungsbereich durch seinen ersten Unterabschnitt zugrunde gelegt: „Totalität und Entgrenzung: Deutsche Expansionspolitik und Zweiter Weltkrieg (1938–1944)“. Nachdem der zweite Unterabschnitt „Pläne der Alliierten und der Exilregierungen für eine Nachkriegsordnung Europas durch Vertreibungen (1939–1945)“ thematisiert hat, nehmen dann zwei Teilbereiche die beiden wesentlichen Phasen deutscher Zwangsmigration separat in den Blick: „Evakuierung und Flucht der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten (1944/45)“ und die „ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas (1944–1948)“.

Letztlich dürfte es den Verfassern der Konzeption gelungen sein, aus zwei ursprünglich kontrastiv aneinander profilierten Ansätzen zwei zueinander komplementäre Perspektiven entwickelt zu haben. Abgeschlossen wird die Dauerausstellung mit dem dritten Hauptteil über „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Für diesen Bereich entwickelt das Konzept das Narrativ einer nicht unbelasteten, aber letztlich erfolgreichen Integrationsgeschichte: vom „gesellschaftliche[n] Experiment“ über „Konfliktgesellschaft und deutsche Frage“ und die Spannung zwischen „Polarisierung und Verständigung“ hin zu „Erinnerung und Gedächtnis im Wandel“.

Der Bund der Vertriebenen hatte stets Anteil an der Entwicklung der Bundesstiftung und deren Ausstellung. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB im Gespräch mit Dr. Gundula Bavendamm.
(Foto: privat)

Regionalgeschichtliche Gesichtspunkte

Das Konzept-Papier ist zu umfangreich, als dass sich an dieser Stelle – neben einer Analyse der großen Linie – sämtliche regionalgeschichtlichen Gesichtspunkte der Konzeption erörtern ließen. Vielmehr kann hier nur eine Problemanzeige für das untere Weichselland erfolgen.

In der Unterabteilung zum „Kriegsende in den Ostgebieten des Deutschen Reiches“ sind es zwei mit Westpreußen verbundene Ereignisse, welche die Komplexität der Entwicklungen an der näher rückenden Ostfront verdeutlichen: auf der einen Seite der Untergang der Wilhelm Gustloff, auf der anderen Seite das Massaker von Palmnicken, dem jüdische Häftlinge von Außenlagern des KZ Stutthof zum Opfer fielen. Zwei weitere Bereiche der Ausstellung beleuchten die „Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ sowie die „Vertreibungen im Zusammenhang mit der Westverschiebung Polens“.

Zwar benennt das Konzept Fragen der europäischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit, eine abschließende Einschätzung über deren Einordnung in den Gesamtkontext ist jedoch noch nicht möglich. In jedem Fall dürfte es sich hier um einen der neuralgischen Punkte der Ausstellung handeln bzw. um einen Indikator dafüür, mit welcher Offenheit Fragen etwa nach der Bedeutung antideutscher Tendenzen in der polnischen Politik von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs bis hin zum „Bromberger Blutsonntag“ und seinem Umfeld verhandelt werden können.

Gleichermaßen abzuwarten ist, inwiefern das Schicksal ziviler deutscher Zwangsarbeiter – wie etwa im „Zentralen Arbeitslager Potulice“ – als flächendeckendes Phänomen erörtert wird. Für die Themeninsel zu Lagern scheint es bisher noch nicht vorgesehen zu sein, in den Abschnitten zu einzelnen Vertreibungsgebieten wird dieser Gesichtspunkt nur für Nord-Ostpreußen und Südosteuropa expliziert. Gleichfalls fraglich ist, in welchem Umfang die Heimatverbliebenen in den Oder-Neiße-Gebieten Berücksichtigung finden werden.

Bereits diese Schlaglichter machen deutlich, dass das nun vorliegende Konzept noch hinreichende Spielräume bei seiner Umsetzung lässt, sodass die endgültige Gestaltung mit großem Interesse zu erwarten ist.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2017.

Advertisements

Reise in eine versunkene Welt

Ausstellung „Jerzy Bahr – Mein Königsberg“

Königsberg am frühen Morgen: „Gähnende Leere, rote, zerschlagene Ziegel und Gassen, die einst Straßen waren.“ So erinnerte sich der polnische Diplomat Jerzy Bahr (†) an die ostpreußische Metropole nach seinem ersten Besuch in den 1970er Jahren. Über Bahrs Faszination für Königsberg zeigt die westpreußische Stadt Krockow jetzt eine Ausstellung.

Als 1963 „Namen, die keiner mehr nennt“ von der aus Ostpreußen stammenden Autorin Marion Gräfin Dönhoffs erschien, würdigte der „Spiegel“ das Buch als „bewegendes Porträt einer versunkenen Welt“. Die Faszination, die von dieser „versunkenen Welt“ ausgeht, ist auch knapp 55 Jahre danach noch spürbar. Dies trifft in besonderer Weise auf das Samland mit der Provinzhauptstadt Königsberg zu.

In der Ausstellung finden die Besucher u.a. eine Reihe von Bildern und Karten des alten Königsberg

Zu denjenigen, die sich der Faszination Königsbergs nicht entziehen konnten, gehörte auch der im Vorjahr verstorbene polnische Diplomat Jerzy Bahr. Nach sieben Jahren im Dienst des polnischen Außenministeriums war Bahr 1981 nach Ausrufung des Kriegsrechts nach Österreich geflohen. Es folgten Tätigkeiten für Radio Free Europe und das Osteuropa-Studien-Institut Bern-Freiburg. Mit seiner Rückkehr nach Polen 1989 konnte er seine diplomatische Laufbahn fortsetzen, die ihn unter anderem als Botschafter von 1996 bis 2001 nach Kiew, von 2001 bis 2005 nach Vilnius und von 2006 bis 2010 nach Moskau führte.

Leidenschaft für Königsberg

Dass ihn sein Lebensweg sowohl mit dem deutschsprachigen Raum als auch mit den östlichen und nordöstlichen Nachbarn Polens verband, mag ihn dazu prädestiniert haben, seine von Jugend an gehegte Leidenschaft für die Ostseemetropole Königsberg zu vertiefen; und dies nicht nur als erster polnischer Generalkonsul in Königsberg 1992 bis 1994. Vor allem betätigte er sich privat als Sammler historischer Relikte aus der Pregelstadt. Im Gespräch mit dem Publizisten Jerzy Sadecki sagte er: „Seit meiner frühen Jugend habe ich meine Leidenschaft auf alles gerichtet, was Königsberg betraf.“ Er erinnerte sich an einen frühen Königsberg-Besuch in den 1970er-Jahren: „Früh morgens im Zentrum der Stadt sah ich nur gähnende Leere, rote, zerschlagene Ziegel und Gassen, die einst Straßen waren. Ich verblüffte meinen Kollegen, da in meinem Kopf noch eine Karte Königsbergs aus der Vorkriegszeit existierte, indem ich ihm zeigte, wo sich früher welche Straße befand.“

Mit den Augen Bahrs

Grażyna Patryn, Kustodin des Regionalmuseums im westpreußischen Krockow, ermöglicht nun in Form einer Ausstellung, Jerzy Bahr auf seinem Gedankenspaziergang durch das alte Königsberg zu folgen. Nachdem die Familie Bahrs dem Museum den Nachlass des ehemaligen Generalkonsuls – neben der Artefaktensammlung eine umfangreiche Königsberg-Bibliothek und ein kleines Archiv zu Königsberger Themen – übergeben hatte, begann Patryn, hieraus eine liebevoll gestaltete Ausstellung zu konzipieren und umzusetzen. Diese ist noch bis Ende des Jahres in Krockow zu besichtigen.

Die Sammlung reicht von historischen Drucken und Uniformabzeichen über Bierflaschen Königsberger Brauereien und historische Postkarten bis zu einer Mehltüte der Königsberger Walzmühle und einem Porzellangriff für den Abzug einer Klospülung mit Signier der Bauklempnerei „Herm. Liedtke“. Damit eröffnet sie nicht nur einen Zugang zu unterschiedlichen Aspekten der Königsberger Stadtgeschichte. Vielmehr spiegelt sich in ihr das Interesse des Sammlers für die Alltagsgeschichte und das Leben der Menschen, für die die Dinge einst bedeutsam waren.

Dass die Sammlung eines polnischen Diplomaten zum deutschen Königsberg nun in der Kaschubei – an der Danziger Bucht der heutigen russischen Oblast gegenüberliegend – ihre neue Heimat gefunden hat, mag ein Zufall sein, ist nichtsdestoweniger aber sinnfällig: erinnert dieser Sachverhalt doch an die historische Verwobenheit der Kulturlandschaften im südlichen Ostseeraum – und an die gemeinsame Verantwortung der dort einst und heute siedelnden Völker für das gemeinsame Kulturerbe.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Wochenblatt.pl 39/2017.

Was Heimat ausmacht

Im 60. Jahr seines Bestehens hat der Bund der Vertriebenen (BdV) am 2. September in Berlin mit einer zentralen Auftaktveranstaltung in der „Urania“ den „Tag der Heimat“ 2017 begangen. Dem Verbandsjubiläum entsprechend lautete das Leitwort „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“.

Der Festakt blieb jedoch nicht im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte verhaftet. Vielmehr verdeutlichten die Wortbeiträge die Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung der menschenrechts-, heimat- und verständigungspolitischen Belange der Vertriebenen und Aussiedler.

Kein Beauftragter der Evangelischen Kirche mehr

Das Geistliche Wort und die Totenehrung wurde erstmals von Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, gehalten.

Nur einen Monat zuvor war durch ein Interview mit dem theologischen Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes, Dr. Thies Gundlach, bekannt geworden, dass der Rat der EKD keinen Nachfolger für den 2015 ausgeschiedenen Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen, Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn, berufen wird. Ohne Dutzmann vorgreifen zu wollen, hatte Gundlach erklärt, dieser werde beim „Tag der Heimat“ darlegen „warum eine Nichtberufung eines Beauftragten nicht als Schlechterstellung der Spätaussiedler zu verstehen ist“.

Demgegenüber sprachen weder Dutzmann noch die beiden anderen Redner die einschneidende Entscheidung des Rates der EKD an. Vielmehr legte der Beauftragte das Klagelied Israels im babylonischen Exil (Psalm 137) und das Trostwort Jesaja 42,3 aus: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Vertriebene wieder willkommen

Dr. Thomas de Maizière MdB und Dr. Bernd Fabritius MdB
(Bild: Bildquelle: Peter-Paul Weiler/BdV)

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB (CSU) erinnerte in seiner Ansprache an die letztlich von Versöhnungs- und Verzichtsbereitschaft geprägte Geschichte der deutschen Vertriebenen und ihrer Verbände. Inzwischen dürften Vertriebene in der alten Heimat wieder Heimat finden, wenn sie wollten. „Aber“, fragte er, „müssen nicht gerade wir – zur Vermeidung solchen Unrechts wie in der Vergangenheit – noch mehr verlangen als nur das?“ In diesem Sinne forderte er, dass „das fundamentale Menschenrecht des Schutzes vor Vertreibung und ethnischer Säuberungen seinen normativ verankerten Platz in der europäischen Rechtsordnung erhält“. Der UN-Menschenrechtscharta von 1948 fehle „sowohl das Verbot als auch eine zumindest moralische Sanktion“ für Vertreibungsverbrechen. Mit der Forderung nach einem völkerrechtlichen Vertreibungsverbot verknüpfte Fabritius die Anliegen der Heimatverbliebenen und Aussiedler: „Der BdV hat dazu eine eindeutige Position: Wir unterstützen auf der einen Seite den Bleibewillen der Menschen und drängen auf Hilfen für die deutschen Minderheiten – und auf der anderen Seite bestehen wir darauf, dass deutsche Spätaussiedler bei uns, in Deutschland, eine angemessene Willkommenskultur vorfinden.“

Zukunft des Tages der Heimat

Wie bereits in seiner Rede zum diesjährigen nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung befasste sich Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB in seiner Festrede mit der konstitutiven Bedeutung der Erinnerung für die Identität Deutschlands – und führte gewissermaßen die am 20. Juni getätigten Überlegungen fort.

Zum einen schärfte er den Blick für die Übergänge zwischen individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis: sowohl vermittels Objekten wie in der kommenden Dauerausstellung der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ – als auch durch schriftliche und mündliche Überlieferung. Die Geschichte der Vertriebenen zu verstehen, bedeute, so der Minister, die ganze deutsche Geschichte zu verstehen.

Zum anderen fragte de Maizière nach der Zukunft des „Tages der Heimat“. Da Erinnerung nicht zwingend des persönlichen Erlebens bedürfe, könne dieser Gedenktag auch über die Erlebnisgeneration hinaus ein „Erinnerungsort“ von bleibender Bedeutung sein. Der Minister wünschte sich, dass zukünftig Vertriebene, Einheimische und Nachgeborene an diesem Tag gemeinsam darüber diskutierten, was Heimat heute ausmacht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Wochenblatt.pl 36/2017.

Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

Das Danziger Weltkriegsmuseum – im Spiegel der Debatte

Historiografische und museologische Differenzierungen im deutschen Sprachraum

Selten erhalten kultur- bzw. geschichtspolitische Zerwürfnisse eine derartig große mediale Aufmerksamkeit, wie sie im Falle der anhaltenden Auseinandersetzung um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig zu verzeichnen ist. Dabei sind zwar – anders als bei der Debatte um die
„Wehrmachtsausstellung“ – nicht sonderlich kontroverse Positionen auszumachen, denn die Kritik aus der deutschsprachigen Presselandschaft an der gegenwärtigen polnischen Regierung ist weitestgehend einhellig. Dennoch lohnt es sich, unterhalb dieser übereinstimmenden Einschätzung der Akteure im gesellschaftlichen Raum genauer auf die einzelnen Stimmen zu hören, weil sie ein erheblich differenzierteres Bild der Problematik vermitteln.

Eingepfercht zwischen zwei totalitären Systemen: Die bedrängende Situation Polens lässt sich in diesem Durchgang geradezu körperlich erfahren. (Foto: Vincent Regente)

Den Beitrag, den das Museum für eine Vermittlung zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern zu leisten vermag, hebt der Historiker und Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck in seinem Beitrag „Der lange Schatten des Krieges“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (26. März 2017) hervor. Ihm erscheint das Weltkriegsmuseum als Beispiel für die wachsende Bereitschaft Polens, sich gegenüber seiner deutschen Geschichte – einschließlich des Vertreibungsgeschehens – zu öffnen : „Dass hier vor nicht so langer Zeit Menschen fremder Zunge und anderen Glaubens lebten, wird in Polen längst nicht mehr verschämt weggedrückt. So hat auch das neue Museum ein Stockwerk, das sich das ‚archäologische‘ nennt. Hier sind Tabakpfeifen und Schmuck zu sehen, die bei den Bauarbeiten freigelegt wurden.“ Der Wille zum Dialog wird für ihn auch darin erkenntlich, dass alle betroffenen Opfergruppen zu Wort kommen : „Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus.“ Die besondere Bedeutung des Museum sieht er folglich in dem Bemühen, „die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen“.

Die Vermittlungsleistung des Museums hat freilich eine inhaltlich-konzeptionelle Voraussetzung, die Reinhard Lauterbach in seiner Ausstellungskritik in der marxistischen Jungen Welt („Eine todernste Sache“, 3. April 2017) offenlegt: Das Museum ist für den Rezensenten „großartig – wenn man von seiner ‚antitotalitären‘ Ideologie absieht“. Gewiss: Entsprechende Parallelen zwischen Faschismus und Kommunismus – und somit auch der Okkupation Polens sowohl durch das Deutsche Reich als auch durch die Sowjetunion – entsprechen nicht Lauterbachs Geschichtsbild. Die Ausstellung selbst aber findet sein Wohlwollen, und zwar gerade auch wegen ihres konsequenten pazifistischen und universalistischen Ansatzes: Dieses Konzept sei „kein geringes Verdienst, denn der Kern der offiziellen Vorwürfe lautet“, dass „die ‚positive Seite‘ des Krieges, die Erziehung zu ‚Heldentum‘ und ‚Selbstaufopferung‘“, nicht genug propagiert werde. Dennoch bestimmt Lauterbach auch Leerstellen in der dargebotenen Erzählung : „Das Phänomen der polnischen Alltagskollaboration, etwa durch den Verrat verfolgter Juden, kommt freilich nur am Rande vor. Auch die ziemlich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau bis Anfang 1939 […] fallen unter den Tisch.“ Letztlich muss innerhalb des Milieus der Jungen Welt auch noch Anstoß erregen, dass es am Ende der Ausstellung „der unter geostrategischen Vorgaben der Sowjetunion entstandenen Volksrepublik Polen“ „geschichtspolitisch an den Kragen“ geht.

Wie stark der Danziger Museumsstreit inzwischen zum symbolischen Austragungsfeld weltanschaulicher Kämpfe geworden ist, in denen sich autoritär-konservative und liberale politische Konzepte gegenüberstehen, belegt Andreas Breitenstein in einem Kommentar, den die Neue Zürcher Zeitung („Die Liebe zum Ausnahmezustand“, 6. April 2017) veröffentlicht hat. Einen Tag zuvor hatte das polnische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Kulturministers entschieden, dass die seit langem geplante Zusammenlegung des Weltkrieg-II-Museums mit dem Museum des Verteidigungskrieges von 1939 auf der Westerplatte rechtens sei. Angesichts dieser neuerlichen Wendung beklagt der Literaturkritiker und Journalist Breitenstein die starre Haltung einer Regierung, die „über ihren fundamentalistischen Schatten [hätte] springen müssen“ und keinerlei Bereitschaft zu entwickeln vermocht hat, das Museum „einfach so in die Freiheit seines Wirkens [zu] entlassen“. Bedroht sieht er damit das Museum als Zeichen „für ein modernes und liberales, weltoffenes und nachdenkliches, sprich : europäisches Polen, das die Größe hat, differenziert mit seiner Geschichte umzugehen“.

Die grundsätzlich plausible Zuordnung von „Fortschrittlichkeit“ und „Reaktion“ vermag allerdings auch nicht den Blick darauf zu verstellen, dass das Museum keineswegs radikal mit den Traditionen der polnischen Geschichtskultur bricht. In der Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. April, (die gleiche, in der Andreas Breitensteins Kommentar erschienen ist) geht Felix Ackermann ausführlich auf das Konzept ein („Weltkriegsmuseum in Danzig: In Polen dokumentiert ein Museum die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und blickt über dessen Ende hinaus“). Dabei kommt er zu dem aufschlussreichen Urteil, dass die Kritik, das Konzept sei „nicht ausreichend Polen-zentriert, kaum nachvollziehbar“ sei : „Die polnische politische Rechte befürchtet zu Unrecht, dass polnisches Leid und polnischer Widerstand in Danzig nicht sichtbar würden. Auch das Funktionieren des polnischen Untergrundstaates stellt die Ausstellung ausführlich dar.“ Erst recht werde am Ende der Ausstellung die in Polen allgegenwärtige These veranschaulicht, dass in Danzig der Zweite Weltkrieg mit den Kämpfen an der Westerplatte nicht nur begonnen habe“, sondern dass vor allem die Solidarność-Bewegung „den Weg für die Beilegung des Kalten Krieges geebnet habe.“

Gerade dieser Beitrag, der der Ausstellung in gewissen Hinsichten sogar den „Charme eines Militärdepots“ zuspricht – den die politische Führung doch ebenfalls wohlgefällig aufnehmen müsste –, lässt somit unmissverständlich erkennen, dass die Regierung schwerlich eine vermittelnde bzw. „mittlere“ Position zulässt, sondern in gewisser Weise „aufs Ganze“ gehen wird.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 5/2017.

Wehrarchitektur und Kriegskinder

Zwei Kurzrezensionen aus der Reihe „vorgestellt“

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945

Das Preussenland erfreut sich – vor allem auch touristisch – als Land der Ordensburgen großer Beliebtheit. Seine dabei oft übersehene Bedeutung für die Wehrarchitektur jüngerer Epochen ruft der Katalog über „Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945“ in Erinnerung, der eine gleichnamige Ausstellung des Kulturzentrums Ostpreußen dokumentiert. Nach einem knappen historischen Abriss über die Geschichte des Festungsbaus in den östlichen Provinzen Preußens gibt das Buch einen Überblick über die jeweiligen Festungen und sonstigen Befestigungen in West- und Ostpreußen. Den Abschnitten sind jeweils kurze Einführungen zu den Spezifika der Befestigungstypen vorangestellt. Für den westpreußischen Raum dokumentiert der Katalog die Festungen Danzig, Marienburg, Graudenz, Thorn, die Feste „Weichselmünde“, die Fortifikationen der Stadt Elbing, die Brückenköpfe Dirschau, Münsterwalde, Culm und Fordon sowie die „Weichselbatterien“. Sehr hilfreich ist – gerade für den militärgeschichtlichen Laien – das Glossar sowie – für Leser, die an tiefer gehenden Informationen interessiert sind – das Literaturverzeichnis. Da das Buch selbst eher schlaglichtartig die wichtigsten Fakten vermittelt, ist eine solche ergänzende Lektüre zu empfehlen. Auch wenn man sich bisweilen mehr Kontextinformationen wünschte, bietet das Buch doch durchaus erste wichtige Einblicke in den Themenbereich west- und ostpreußischer Wehrarchitektur.

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Historia w kamieniu i betonie. Fortyfikacje miedzy Wisła a Niemnem 1700–1945 / Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945. Ellingen 2016, 64 Seiten mit farbigen Abbildungen, € 8,– Zu beziehen über das Kulturzentrum Ostpreußen (www.kulturzentrumostpreussen.de).

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder

In den zurückliegenden Jahren hat die Auseinandersetzung mit den Schicksalen und Erfahrungen der Kriegskinder- und Kriegsenkelgeneration einen reichen publizistischen Ertrag hervorgebracht – von autobiografischen Texten bis hin zu wissenschaftlichen Analysen. Erich Andersen nimmt nun mit seinem Büchlein „Kriegsjunge Hänners Kriegskinderbilder“ Zeichnungen seines Kindheitsfreundes Johannes Bartosch – 1934 in Danzig geboren – zum Ausgangspunkt einer persönlich gehaltenen Auseinandersetzung mit den Erfahrungswelten dieses westpreußischen Flüchtlingskindes im Norddeutschland der Nachkriegszeit. Auch wenn seine Betrachtungen keinen übermäßigen Abstraktionsgrad erreichen bzw. die Versuche, die durch die Kriegszeit geprägten Mentalitäten einzuordnen, eher apologetisch und zuweilen unbeholfen wirken, regt der Autor doch nachhaltig zu einer Auseinandersetzung mit Bildquellen als Medien kindlicher Kriegs- und Nachkriegserfahrungen an. (Einzelne Passagen, die vor dem Hintergrund historischer Zusammenhänge gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen kritisieren, erscheinen allerdings von Attitüden besetzt und wären durchaus entbehrlich.) Die umfangreich dokumentierten Bilder zeugen einerseits von etablierten Narrativen von Flucht und Vertreibung, andererseits aber auch von individuellen Erfahrungen des Protagonisten. Die von ihnen ausgehenden Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit eines Einheimischen und eines Flüchtlings entfalten zugleich eine persönliche Alltagsgeschichte der Nachkriegszeit, die über das spezifische Schicksal der Heimatvertriebenen hinausweist.

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder. Berlin 2016, 92 Seiten mit farbigen Abbildungen € 15,– ISBN 978-3-86460-419-5.

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 3/2017.

Verschwundenen Orten auf der Spur

Das „Zentrum gegen Vertreibungen“ präsentiert in Berlin seine fünfte Ausstellung

„Namen, die keiner mehr nennt“ – mit dem Titel ihres vielfach aufgelegten Buches hatte Marion Gräfin Dönhoff bereits vor Jahrzehnten auf einen Aspekt des deutschen Gebietsverlustes im Osten aufmerksam gemacht, der über die Fragen von Staatsgebiet und Privateigentum weit hinaus geht : Das Verschwinden der Geschichte von Vertreibungsgebieten aus dem kollektiven Gedächtnis, das mit der Vernichtung historischer Orte einherging. Diese Form des Verlustes beschäftigt nicht nur die von dort Geflüchteten und Vertriebenen, sondern gleichfalls die heute in diesen Landschaften lebenden Menschen.

Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein. (Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)
Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein.
(Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)

Erstmals befasst sich nun eine Ausstellung auf grundsätzlicher Ebene mit den Ursachen, Dimensionen und Konsequenzen des Verlustes ganzer Orte und ihrer Geschichte im heutigen Königsberger Gebiet, in Polen und Tschechien. „Verschwunden – Orte, die es nicht mehr gibt“ ist zugleich die fünfte Ausstellung der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZgV). Anders als die vier vorangegangenen Ausstellungen ist sie von Anbeginn an als Wanderausstellung konzipiert und wird im Berliner Kronprinzenpalais gegenwärtig erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Eröffnet wurde sie am 8. November durch die ZgV-Vorstandsvorsitzende Erika Steinbach MdB und den ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Hans-Gert Pöttering.

Vermittelt von Texttafeln, Bild- und Kartenmaterial sowie mehreren Multimediastationen, zeichnet die Ausstellung Schicksale unterschiedlicher Orte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nach. Dabei fasst sie den Begriff verschwundener „Orte“ zugunsten der Erschließung grundsätzlicher Phänomene kollektiven Verlustes von Kulturerbe und Erinnerungen recht weit: „Dörfer, Städte, Kirchen, Bauernhöfe, Schlösser, Fabriken oder Industrieanlagen sowie Friedhöfe, Denkmäler, Standbilder oder Inschriften überdauern nur, wenn es Menschen dafür gibt. Was aber wird aus ihnen, wenn die Menschen plötzlich verschwinden?“ – So fragte Erika Steinbach im Rahmen ihrer Erläuterungen anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Mit Entvölkerung, Kriegszerstörungen und Grenzziehungen, die ihrerseits weitreichende Konsequenzen zeitigten, erfasst die Ausstellung die primären Ursachen für die Vernichtung und fehlende Wiederherstellung ganzer Orte und Stadtteile oder einzelner Denkmäler. Mit der Entfernung von Symbolen, mit Kirchenfeindlichkeit bzw. Atheismus und schließlich mit „Preußenhass“ und dem propagierten „Klassenkampf “ fokussiert sie die Motivationen und konkreten Programme einer gezielten kultur- und geschichtspolitischen Umgestaltung der historischen deutschen Reichs- und Siedlungsgebiete. Dabei geraten sozioökonomische Faktoren wie Enteignung, Planwirtschaft und städtebauliche Neuordnungen allerdings nicht aus dem Blick. Schließlich wird die Perspektive auch auf konstruktive Entwicklungen – in Form von selektivem Wiederaufbau und Rekonstruktionsversuchen – erweitert.

„Hauptanliegen der Ausstellung ist es, in einer ‚historischen Spurensuche‘ diesem Untergang exemplarisch nachzuspüren“, erklärte Erika Steinbach: „Gleichzeitig legt die Ausstellung ein Augenmerk auf aktuell zu beobachtende bürgerschaftliche, kommunale und staatliche Initiativen, noch vorhandene Bauwerke, Kulturdenkmäler, Friedhöfe und andere Spuren der deutschen Vergangenheit zu retten oder in Einzelfällen sogar neu zu errichten.“

Unter den untersuchten Beispielen finden sich auch westpreußische Orte : Danzig, Elbing und –subsumiert unter „Ostpreußen“ – Schloss Finckenstein sowie Gut Neudeck ; gleichfalls für die westpreußische Geschichte relevant sind das Ehrenmal in Tannenberg sowie das „Westpreußenkreuz“ und weitere „Abstimmungsdenkmäler“. Finckenstein und Neudeck gehören zu denjenigen Orten, deren Erhalt aufgrund ihrer prominenten Bedeutung für – das auf Militarismus und Feudalismus reduzierte – Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den neuen Machthabern abgelehnt wurde.

Anhand der in der Zwischenkriegszeit in West- und Ostpreußen errichteten Denkmäler thematisiert die Ausstellung zudem eine Reihe symbolisch aufgeladener Orte, die gerade die Funktion erfüllten, die rechtmäßige Zugehörigkeit ihrer Landschaft zum deutschen Staat zu dokumentieren – und deshalb nach dem Kriege gänzlich obsolet geworden waren. Mit Danzig und Elbing werden am Ende jedoch auch zwei jeweils unterschiedliche Konzepte des Wiederaufbaus großflächig zerstörter Städte präsentiert.

Neben vielen Besuchern sollte der Ausstellung zu wünschen sein, dass sie einen nachhaltigen Nachahmungseffekt hervorruft : Indem sie einzelne der Namen, die keiner mehr nennt, wieder in Erinnerung bringt, weist sie zugleich auf die große Zahl der verschwundenen Orte hin, die bisher nicht bis kaum erschlossen oder gar erforscht sind.

Tilman Asmus Fischer

Bis zum 8. Januar 2017 wird die Ausstellung von Montag bis Mittwoch zwischen 10 und 18 Uhr und von Donnerstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr im Kronprinzenpalais (Unter den Linden 3, 10117 Berlin) für Besucher geöffnet sein. Die Eintrittspreise betragen 5 Euro, ermäßigt 2 Euro. Nach vorheriger Absprache können Führungen organisiert werden. Weitere Informationen: http://www.ausstellung-verschwundeneorte.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.