Randbemerkung – Touristen-Mantra

Von Tilman Asmus Fischer

Eigentlich sind Touristen in Berlin etwas Nettes: Sie geben einem das Gefühl, in einer begehrenswerten Stadt zu leben – arm aber sexy. Sie kommen einem mit breitem Lächeln auf dem Gehsteig entgegen – weil sie nach dem Weg fragen wollen. Eigentlich… Anders schaut es aus, wenn man abends geschafft von der Arbeit kommt, sich durch die schlendernden Massen schieben muss, die scheinbar alle Zeit der Welt haben und diese am liebsten zu viert nebeneinander spazierend verbringen. Diese liebenswerten Geschöpfe, die am Ende der Rolltreppe ihren Stadtplan ausbreiten und zum Fels in der Brandung nachströmender Rolltreppenfahrer werden – wer kennt sie nicht?

Wie soll man da reagieren? Ist man den als Berliner selbst der bessere Tourist? Zumindest glaubt der Verfasser dieser Zeilen, dass man als Berliner durchaus an den Touristen wachsen kann. Geht es Ihnen, liebe Hauptstadtbürger, nicht auch bisweilen im Ausland so? Sie bleiben mitten auf dem Trottoir stehen, weil sie ‘das’ Fotomotiv entdeckt haben – doch dann treten sie an die Seite, lichten das Objekt der Begierde fast ebenso schön ab, derweil ein Dutzend anderer Passanten von Ihnen ungestört vorbeiziehen kann. Diesen freundliche Zug, im letzten Moment das eigene Fehlverhalten zu korrigieren – ihn haben wir uns durch schmerzliche Erfahrungen angeeignet Ja, so sei die kühne These, dem Berliner eröffnet der Umgang mit Touristen eine höhere Stufe sittlicher Reife.

Möge er diese auch im Umgang mit den Touristen im eigenen Kiez erreichen. Meist reagiert man nicht so, wie man es sich für sich selbst wünscht. Sollte man es vielleicht mit dem leisen Aufsagen eines Mantras versuchen? Etwa: „Ich mag Touristen, ich mag…“ Oder: „Danke für die Bettensteuer, danke…“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 33/2014.

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Randbemerkung – Der Nachbar

Von Tilman Asmus Fischer

Es zu einer Zeit, als man in Limburg noch über Badewannen nachdachte und in Rom ein hochkarätiger Theologe mit fraglichem Ansehen beim linken Kirchenvolk auf dem Thron des Petrus saß. Mit einem Freund war ich in unserer Nachbarschaft – einer Gegend mit vielen Dönerbuden und mindestens ebenso vielen Automatenkasinos – in einem der wenigen annehmbaren Weinlokale eingekehrt.

Beim Blick auf die Straße fiel mir ein Spaziergänger ins Auge, dessen Aussehen mich zu meinem Bekannten sagen ließ: „Der schaut ja aus wie der neue Erzbischof: Gesicht, Brille – aber ohne Ornat.“ Und privat in dieser nicht gerade christlichen und standesgemäßen Gegend? Das konnte nicht sein!

Fast hatte ich dieses Ereignis vergessen, da erfuhr ich aus dem Erzbistum, dass Kardinal Woelki nicht nur tatsächlich im ‘roten Wedding’, sondern sogar mir gegenüber an einer recht befahrenen Durchgangsstraße wohnt. Im Missionsgebiet! Nicht „standesgemäß“ wie sein Vorgänger – zum Missfallen von Teilen des bürgerlichen Kirchenvolks. Und tatsächlich konnte man ihn – schon bevor Franziskus die „Kirche der Armen“ ausrief – als Hirten unter seinen verirrten Schäflein erleben: Frühmorgens im Ornat auf dem Weg zum ersten Termin oder abends in Zivil vor dem Kaiser’s-Supermarkt.

Nun geht der bescheidene Bischof zurück ins Erzland des Katholizismus – in einer Zeit, in der man in Limburg darüber nachdenkt, was man mit den Badewannen machen soll, und in Rom ein „Mann des Volkes“ auf dem Thron des Petrus sitzt. Wer weiß, wie lange man einen Nachfolger für ihn suchen wird und wer dabei wird mitreden dürfen. Spannend mag vor allem eine Frage sein: Wo wird er wohnen?

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 30/2014.

Halleluja

Eine ökumenische Begegnung im Karneval

Einmarsch, „Kölle Alaaf“, Abmarsch. Kostümsitzung der Roten Funken, Kölns ältester Karnevalsgarde. Als Berliner und zumal als Protestant wähnt man sich als Exot im Saal. Während das Tanzmariechen vorne ihr Beinchen schwingt, werden Getränke bestellt, kommt man ins Gespräch. Neben mir sitzt Norbert, ein „Roter Funke“, erkennbar an seinem Krätzchen, der traditionellen Kappe der Gardegesellschaften.

Schnell muss ich mich als „Immi“, Nicht-Kölner, outen, was bei der rheinischen Offenheit nicht schwerfällt. Doch die Reaktion überrascht dann doch: Der „Funke“ gibt sich seinerseits als Wahl-Berliner zu erkennen, wir wohnen nur wenige S-Bahn-Haltestellen voneinander entfernt. Nach der ersten Runde Kölsch erwähne ich mein Theologiestudium. Es folgt die unumgängliche Frage: „Katholisch oder evangelisch?“ Ich bejahe letzteres.

„Das hatte ich mir schon gedacht, wie ein Katholik siehst Du auch nicht aus.“ Woran Norbert das erkannt hat? Aber, er muss es ja wissen, denn nun gibt er sich als Diakon und Ordensmann der Salvatorianer zu erkennen. Da sitzen nun zwei von der Spree, ein evangelischer Theologiestudent und ein katholischer Krankenhausseelsorger in Köln, schunkeln, lachen und singen. Auch „Halleluja“ – freilich nicht das aus der Liturgie, sondern den lebensbejahenden Klassiker der Kölsch-Rock-Band „Brings“. Am Ende sind wir doch vor dem Herrgott alle gleich – so auch im Karneval, der für kurze Zeit die Unterschiede des Alltags vergessen lässt.

Womöglich können wir Protestanten, vor allem in den neuen Bundesländern, noch bei unsern rheinisch-katholischen Geschwistern Nachhilfe nehmen: Glaube und „Spaß an der Freud“ müssen sich nicht ausschließen. Nachdem die „Höhner“ mit „Schenk mir Dein Herz“ den Saal zum Toben brachten, erzählt mir Norbert von einer Trauung, bei der das Lied zum Auszug gespielt wurde – nicht vom Band, sondern an der Orgel.

„Im Rheinland und fast überall
ist das Symbol der Karneval.
Und Pater Brown wusste schon:
‘Es ist ein Teil der Religion.’
Und im Garten des Lebens
ist Humor der beste Dung.
‘Es lebe unser Fasteleer’,
säät der Bergischer Jung.“

– Willibert Pauels, Diakon und Büttenredner (Ne Bergische Jung) –

Tilman Asmus Fischer, Berlin, Februar 2014

Randbemerkung – Vorglühen

Von Tilman Asmus Fischer

Es war ein sonniger Herbsttag, als mir auf dem Weg zur U-Bahn der süße Duft gebrannter Mandeln in die Nase stieg. Die Eisdiele in meiner Straße hatte umgebaut. Den kühlen Erfrischungen waren Lebkuchen und glasierte Äpfel gewichen. Über all dem prangte ein Plastik-Weihnachtsmann, der mit seiner roten Schnapsnase fröhlich grüßte.

Media Markt lehrte uns ja bereits vergangenes Jahr: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ Frei nach Sepp Herberger kann man da nur ergänzen: „Nach dem Fest ist vor dem Fest.“ Auch 2012 hat sich der Einzelhandel dies zum Motto gemacht und lockt uns mit einem bunten Weihnachts-Allerlei, bis hin zum Weihnachts-Schoko-Marzipan-Öl – für „die anheizende Partner-Massage“.

Mittlerweile hat man es sich ja abgewöhnt, sich moralisch hierüber zu ereifern. Aber die Verwunderung über sonderlich skurrile Erscheinungen wird wohl – mit gutem Grunde – nie enden. Das gilt vor allem für die vor einigen Tagen ausgeklungene Melange aus verfrühter Weihnachtlichkeit und Halloween: Wenn im Kaufhaus das Zombiekostüm neben dem Christbaumschmuck feilgeboten wird und Teenager beim Glühwein vorglühen, um anschließend die Nachbarschaft zu terrorisieren – als Dankeschön rücken die entnervten Rentner dann den Lebkuchen aus dem Sonderangebot im Supermarkt heraus …

Aber das hätten wir nun hinter uns. Mittlerweile ist es ja wirklich kalt geworden und was wäre da schöner als ein warmer Punsch und ein Bummel durch die KaDeWe-Weihnachtsabteilung, dagegen wird doch nichts einzuwenden sein. Wenn wir Volkstrauertag und Totensonntag absolviert haben, kann die Party richtig losgehen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 47, 18. November 2012.

Randbemerkung – Gott@facebook

Von Tilman Asmus Fischer

Hirnforscher Manfred Spitzer hat erkannt: Wir klicken uns das Gehirn weg! Facebook etc. stumpfen ab. Tatsächlich? Vielmehr kann das größte soziale Netzwerk ganz neue Perspektiven eröffnen. Etwa, wenn man sich auf die Suche nach Gott macht.

Das wohl erstaunlichste Ergebnis, das Facebook bei der Suche nach „Gott“ ausspuckt, ist die offizielle Fanseite von Karel Gott – nicht nur, weil die goldene Stimme aus Prag mehr Fans zu haben scheint als der überirdische Namensvetter beziehungsweise seine irdischen Prokuristen. Was diese in Gottes Namen treiben, ist bisweilen recht skurril. So postet „Gott“ auf einer Seite Bilder von „göttlichen“ Fertiggerichten und Grußbotschaften, die vor Banalität strotzen. Es bleibt ein mulmiges Gefühl. Will man dem Kommentator zustimmen, der schreibt: „Was für Spinner es im I-net gibt“? Oder verbergen sich hinter dem Projekt gut gemeinte Absichten? Will da wer auf volkstümliche Weise missionieren – sprich: sich anbiedern?

Eindeutiger geht es da schon bei einem anderen „Gott“ zu, der locker erklärt: „Gott bindet sich nicht an religiöse Vorstellungen. Gott ist niemals hieb- und stichfest. Gott ist ein seltsamer Gedanke.“ Aber verwundert diese Vorstellung, wenn man sieht, dass „Gott“, „Jesus“ und „Heiliger Geist“ auch gerne mal den Kategorien „Produkt/Dienstleistung“ oder „Person des öffentlichen Lebens“ zugeordnet werden?

Wenn man all dies sieht, kann man schmunzeln oder die Stirn runzeln – mancher mag vielleicht auch an das zweite Gebot denken: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Na ja, im Zweifelsfall kann man ja eine gleichnamige Facebook-Gruppe gründen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 43, 21. Oktober 2012.