Der Westen muss seine naive Haltung ablegen

Die Volksrepublik China unterdrückt nicht nur religiöse Minderheiten im eigenen Land, sondern stellt deren Angehörigen auch im Ausland nach. Das geschieht im Rahmen einer stillen Unterwanderung der westlichen Demokratien und der Weltordnung. Dies birgt Gefahren – auch friedenspolitischer Natur. Im Interview mit Tilman Asmus Fischer spricht die China-Expertin Mareike Ohlberg über Machtpolitik, Infiltration und Meinungsmache der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) außerhalb des eigenen Landes.

Frau Ohlberg, hierzulande wird immer wieder über die Unterdrückung religiöser Minderheiten – zuletzt insbesondere von Muslimen – in der Volksrepublik China berichtet. Wie sicher vor Übergriffen sind hingegen muslimische Uiguren, die ins Ausland emigriert sind, um in Freiheit zu leben?

Viele Uiguren, die hier leben, haben noch Familie in China und sind dadurch leicht unter Druck zu setzen. Es kommt häufig vor, dass Uiguren von chinesischen Beamten kontaktiert und gezwungen werden, Informationen über sich selbst oder auch über andere Mitglieder der Exilgemeinschaft an den Parteistaat zu liefern. Prominenten Uiguren wird das Leben schwer gemacht, indem die chinesische Polizei sie als vermeintliche „Terroristen“ bei westlichen Behörden meldet und ihre Verhaftung verlangt. Hinzu kommt eine riesige psychische Belastung: Plötzlich verschwinden Verwandte in China spurlos. Manchmal tauchen sie ein oder zwei Jahre später wieder auf und sind völlig verwandelt, können nicht mehr offen sprechen. Oder aber sie wenden sich per von der Partei inszenierter Videobotschaften an ihre im Ausland lebenden Angehörigen und beschuldigen sie, China schaden zu wollen.

Die Verfolgung von Dissidenten im Ausland ist nur einer von vielen Aspekten, die Sie in Ihrem Buch „Die lautlose Eroberung“ beschreiben. Was genau hat es mit dieser „Unterwanderung“ auf sich – bzw. was ist die Agenda, die von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) verfolgt wird?

Die Motivation für das Verhalten der Partei im Ausland kommt aus dem Inneren heraus. Es geht darum, die Welt so umzugestalten, dass die Macht der KPCh langfristig gesichert ist. Einerseits geht es hier darum, Ideen wie Demokratie, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit zu kontern. Das chinesische autokratische System soll international mindestens genauso viel Anerkennung bekommen wie demokratische Regierungsformen. Chinesische Tabus – wie Kritik an der KPCh – sollen auch im Ausland durchgesetzt werden. Das klappt natürlich nicht immer, aber leider häufiger als man denkt. Manchmal sogar im vorauseilenden Gehorsam. Andererseits sieht sich die Partei in einer feindlich gesinnten Weltordnung, die sie nicht mit aufgebaut hat. Um dies Stück für Stück zu ändern, baut die chinesische Regierung Parallelstrukturen auf, wie zum Beispiel die 17+1 Initiative oder die Neue Seidenstraße, die sinozentrisch ausgerichtet sind.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben beide großen Kirchen in Deutschland mit einem Gemeinsamen Wort vor schwindendem Vertrauen in die liberale Demokratie gewarnt. Inwiefern trägt die Politik Festlandchinas zur Demokratie- und Europaskepsis in der EU bei?

Es ist schon länger so, dass es Bewunderung für die Errungenschaften Chinas gibt. China und vor allem die Chinesen selbst haben natürlich viel erreicht in den letzten Jahrzehnten. Aber hinter der Bewunderung steckt neben der Unzufriedenheit mit dem eigenen System meistens auch ein verklärter Blick auf autokratische Länder und ihre vermeintliche Effizienz. Viele Menschen scheinen keine Vorstellung mehr davon zu haben, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben.
Unter dem derzeitigen Staats- und Parteichef Xi Jinping ist man seit einigen Jahren in die Offensive gegangen und bewirbt das chinesische Modell aktiv, auch indem die chinesische Regierung Krisen im Westen ausnutzt, um die Demokratie als fundamental schlechtes Regierungsmodell anzugreifen, das zu Chaos und Ineffizienz führt. Das sieht man stark in der Covid-19-Krise, war aber auch zum Beispiel in der Flüchtlingskrise bereits der Fall: Die Partei hat menschenverachtende, rassistische Narrativen über Geflüchtete in Europa weitgehend toleriert und zum Teil sogar befördert. So konnte sie das Bild eines chaotischen, von „kriminellen Horden überrannten“ Westens einem „stabilen, geordneten China“ gegenüberstellen. Die Demokratieskepsis in Europa geht nicht von China aus, aber die KPCh hat ein starkes Interesse daran, diese Denkweisen auch hierzulande zu stärken.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die KPCh sei im Denken des „Kalten Krieges“ gefangen. Besteht die Gefahr, dass China auch den Westen in Reaktion hierauf in ebendieses Denken hineindrängt? Droht hier eine neue – ggf. auch gewaltsame – Blockkonfrontation?

Wir bewegen uns tatsächlich in diese Richtung und ich beobachte das mit Sorge. Einige argumentieren, dass man sich China erst zum Feind macht, indem man es als Feind betrachtet. Die Frage ist aber: Wie geht man mit einer autokratischen Regierung um, die bereits seit 30 Jahren einen einseitigen Kalten Krieg führt, von einer unausweichlichen ideologischen Konfrontation mit dem Westen überzeugt ist und dementsprechend handelt? Klar ist: Wir brauchen ein besseres, realistischeres Verständnis der Ziele der KPCh.
Die Wahrscheinlichkeit eines „heißen“ Konflikts ist aus meiner Sicht übrigens höher als in der öffentlichen Debatte angenommen. Die KPCh beansprucht Taiwan, ein de facto unabhängiges Land, als Teil Chinas; die „Wiedervereinigung“ wird als wichtiger anzustrebender Meilenstein der sogenannten Wiederauferstehung des chinesischen Volkes gesehen. Die Gefahr einer militärischen Übernahme Taiwans besteht aber schon lange unabhängig von der Einstellung des Westens gegenüber die KPCh. Hier geht es für uns also vor allem darum, wie man glaubwürdig signalisieren kann, dass die Kosten einer Invasion auf Taiwan für China zu hoch wären. Das tut man sicher nicht, indem man die chinesische Sichtweise auf Taiwan legitimiert und unterstützt.

Wie genau sollte der Westen in angemessener Weise auf die von Ihnen skizzierten Herausforderungen reagieren?

Vor allem muss der Westen seine naive Haltung gegenüber der KPCh ablegen. Politische Beziehungen, Handel und Austausch mit China müssen und sollen nicht komplett eingestellt werden, aber wir müssen strategischer vorgehen, die Ziele der Partei besser verstehen und vor allem auch unsere eigenen roten Linien definieren. Die Herangehensweise der letzten Jahre und Jahrzehnte können wir uns nicht mehr leisten.

Was muss dabei geschehen, dass berechtigte Sorgen angesichts der Geopolitik der KPCh nicht zu einer Diskriminierung chinesischer Minderheiten im Westen führen?

Wir sagen in unserem Buch, dass klar zwischen der Partei und China bzw. Chinesen unterschieden werden muss. Zum einen, weil die Partei selbst den Anspruch hat, alles „Chinesische“ zu repräsentieren und es unheimlich wichtig ist, diesen Mythos nicht zu unterstützen. Es ist zum anderen aber auch wichtig, um eben nicht „die Chinesen“ zum neuen Feindbild aufzubauen. Wie alle anderen Völker sind Chinesen divers. Manche unterstützen ihre Regierung aktiv. Andere, vor allem Exilchinesen, wiederum ärgern sich, dass westliche Länder sich aus Angst vor der chinesischen Regierung selbst zensieren. Viele fallen irgendwo dazwischen. Das einzige, was ich nur immer wieder sagen kann ist: wenn Sie etwas ändern wollen, dann wenden Sie sich an diejenigen, die tatsächlich die Macht haben, etwas zu ändern. Schreiben Sie an Frau Merkel oder an Ihren Bundestagsabgeordneten. Kritisieren Sie Firmen, die Menschenrechtsverletzungen möglicherweise hinnehmen, weil sie vom Chinageschäft profitieren. Fordern Sie eine bessere Chinapolitik, die die Profite einiger weniger nicht über unsere Werte stellt. Aber wenden Sie sich nicht gegen ihre chinesischen oder chinesisch aussehenden Mitmenschen.

Clive Hamilton, Mareike Ohlberg, Die lautlose Eroberung. Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet, DVA, München 2020, 496 Seiten, 26 Euro

In ähnlicher Form erschienen in: „die Kirche” – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 21/2020.

Eine Entdeckungsreise entlang der Ostseeküste

In Volker Koepps bisher letztem Ostsee-Film begegnet dem Publikum ein faszinierender wie spannungsreicher Natur- und Kulturraum

Vielfache Seestücke

In Zeiten der durch Corona bedingten Isolation schweifen die Gedanken vieler Menschen zu geliebten Orten, die sie aufgrund von Reisebeschränkungen gerade nicht aufsuchen können. So mancher bringt diese Sehnsucht in den sozialen Medien durch die Veröffentlichung von See-Bildern – oft Aufnahmen aus dem letzten Urlaub – zum Ausdruck. Und der maritime Ankerherz-Verlag versieht auf Facebook eines dieser seiner Fotos mit der verheißungsvollen Zusage: „Irgendwann stehen wir wieder am Meer“. Angesichts der ästhetischen Qualität zumindest einiger der das Netz flutenden Bilder könnte man schon fast davon sprechen, dass sich die Netzgemeinde des Genres der – bisher eher mit der klassischen Malerei assoziierten – „Seestücke“ bemächtigt hat.

Ein weiteres Beispiel für die transmediale Aneignung der Seestück-Motivik stellt der bereits im vergangenen Jahr auf DVD veröffentlichte Dokumentarfilm „Seestück“ des Regisseurs Volker Koepp dar. Dieser bildet zugleich den bisherigen Höhepunkt der intensiven filmischen Befassung mit der Ostsee, die für Koepp in den 1990er Jahren mit seinen ersten Ostpreußen-Filmen „Kalte Heimat“ und „Fremde Ufer“ begann, denen nach der Jahrhundertwende u. a. „Kurische Nehrung“ und „Schattenland – Reise nach Masuren“ wie auch „Berlin – Stettin“ und „Pommernland“ folgten. Zu nennen wäre aber gerade auch der Dokumentarfilm „Söhne“, mit dem sich Koepp des individuellen Schicksals einer westpreußischen Vertriebenenfamilie annahm.

Der kulturgeschichtlichen Tradition, in die sich Koepp nun mit Seestück stellt, ist er sich durchaus bewusst. So denke er, wenn er an Seestücke denke, nicht nur „an die großen filmischen Bilder, die ich mit oder ohne Kamera an der Ostsee erlebt habe“. Vielmehr seien es „auch die Darstellungen in der Malerei, die immer wieder in Gedanken aufscheinen; schließlich ist der Begriff ‚Seestück‘ ein fester Terminus in der Bildenden Kunst, gebräuchlicher noch als ‚Landstück‘. Die Motive: die hohen Himmel über dem Meer und ihre Wolkenbildungen. Wellen und Stürme. Überhaupt: der Wind und die Elementarkräfte. Buchenwälder, die bis an die Strände reichen. Steilküsten und Wanderdünen. Die großen Ströme, die sich übers Haff ins Meer ergießen. Das winterliche Erstarren des Wassers an den Küsten, die bizarren Eisbildungen, Platten, die sich wie gefrorene Wellen übereinander schieben.“

Themen, Orte und Menschen

Wenn Koepp das letztgenannte Phänomen im Kommentar zu seinem Film mit der kritischen Anmerkung verbindet, dass dies „allerdings aufgrund der Klimaerwärmung nicht mehr oft zu erleben“ sein dürfte, deutet sich bereits an, dass die Ostsee dem Zuschauer in seinem Film nicht nur als sinnlich erfahrbare Landschaft begegnet, sondern in ihrer faszinierenden Mehrdimensionalität: als Ökosystem, Lebens-, Wirtschafts- und Kulturraum, jedoch auch als Feld nicht unerheblicher politischer Spannungen. Diese thematische Vielfalt spiegelt sich sowohl in den unterschiedlichen Orten, die Koepp für seinen Film aufsucht als auch in dem breit gefächerten Spektrum an Menschen, die der Regisseur porträtiert hat.

Im Uhrzeigersinn betrachtet, führt Koepp den Zuschauer auf die Insel Usedom, nach Greifswald und in seinen Bodden, nach Rügen, Warnemünde, auf die dänische Insel Bornholm, an die schwedische Schärenküste bei Simpnäs, in das estnische Fischerdorf Lindii, zum lettischen Strand bei Domesnes (Kap Kolka) – dem nördlichsten Punkt Kurlands –, nach Königsberg und zum pommerschen Badeort Swinemünde. In seiner Choreographie bindet sich Koepp jedoch nicht an eine geographische Reihenfolge, sondern verknüpft die einzelnen Orte anhand thematischer Assoziationen, so dass sich vielfältige Vergleiche, Spannungen und Perspektiven eröffnen.

Die Ostsee bei Sarkau
(Foto: Edition Salzgeber)

So vermag der Zuschauer nachzuempfinden, dass die Dreharbeiten für den Regisseur selbst eine „Entdeckungsreise“ waren, wie er rückblickend feststellt: „Der Reiseschriftsteller Willibald Alexis hat vor bald 200 Jahren notiert, dass der Wandernde, der vor seiner Reise schon alles weiß, unterwegs nichts mehr sieht und auch keine wirklichen Erlebnisse hat.“ Dies beziehe sich im Falle von Seestück auch auf „die für diesen Film so wichtigen Bilder und Stimmungen aus der Natur. Ohne direkt darauf zu sprechen zu kommen, soll man spüren können, warum die Ostsee eine so große Anziehungskraft für Maler und Literaten hatte und warum sie sich so besonders für die Bildung von Mythen eignete.“

Unter den deutschen Protagonisten sind mit den Biologen Michael Succow – emeritierter Professor an der Greifswalder Universität sowie Träger des „Alternativen Nobelpreises“ – und Ulrich Bathmann – Direktor des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung in Warnemünde – Stimmen prominent vertreten, die für die ökologischen Bedrohungen des südlichen Ostseeraums sensibilisieren. In Swinemünde trifft der Zuschauer auf Lidia Vittendorf und Joanna Agatowska, die der Stadtverordnetenversammlung der pommerschen Stadt angehören, und im Norden Ostpreußens auf die in Rossitten lebende und arbeitende Galina Lugutusowa und ihre Familie sowie den Königsberger Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Wladimir Gilmanov. Das Baltikum begegnet in Person zweier engagierter Frauen: Lasma Medne, die nahe Domesnes lebt und im dortigen „Zentrum für Natur“ arbeitet. Merle Jantson zog vor einigen Jahren in das Fischerdorf Lindii an der Pernauer Bucht und ist dort im Vorstand einer Non-Profit-Organisation für Kunst und Freizeit tätig. Eines der Gesichter Skandinaviens in dem Dokumentarfilm ist der pensionierte Heeresoberst Joakim Collin, der die Sommer in seinem Haus in den Schären nördlich von Stockholm verbringt.

Zwischen Idylle und Kritik

Koepps „Entdeckungsreise“ bietet beides: die berührende ästhetische Erfahrung der idyllischen – teils auch romantisch-rauen – Ostsee, eingefangen durch großartige Einstellungen von Kameramann Uwe Mann, ebenso wie eine feinfühlige Diagnose der Probleme, die den Ostseeraum heute beeinträchtigen, bzw. der Sorgen, die seine Bewohner umtreiben. Für eine solche doppelte Perspektive ist der Regisseur Koepp schon deshalb prädestiniert, weil er – wie bereits seine bisherigen Ostsee-Filme belegen – die Gegenwart stets vor dem Hintergrund der spannungsreichen Historie der Region betrachtet: „Der geografische Raum der Ostsee hat eine lange Geschichte aus Kriegen, Teilungen, Vertreibungen und Flüchtlingsströmen.“ Ihn interessiere die Geschichte der Deutschen und ihrer Nachbarn im Osten und Norden: „Die Hoffnungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Und die neuen Spannungen der letzten Zeit: Großmanöver der Nato an den baltischen Küsten und russische Scheinangriffe.“

Es mag insbesondere für das Publikum in Deutschland – dessen geopolitischer Diskurs, sofern es ihn überhaupt gibt, noch von der Idee eines „Endes der Geschichte“ und dem Einstreichen der Friedensdividende nach Untergang der Sowjetunion geprägt ist – aufrüttelnd sein, wie die militärischen Spannungen zwischen NATO und Russland das Leben der Menschen weiter östlich und nördlich an der Ostsee prägen. Dies artikulieren Koepps Gesprächspartner. Einer Ursachenanalyse enthält sich der Regisseur: Dies entspricht prinzipiell der Konzeption seiner (wohlgemerkt) Dokumentar-Filme und lässt sich hier auch konsequent durchhalten – anders als dies beim Blick auf ein anderes Meer wäre, das Schwarze Meer, bei dem die völkerrechtswidrige Annektion der Krim eindeutige Positionierungen unausweichlich fordern würde.

Dem deutschen Publikum vertrautere Themen, derer sich Seestück annimmt, sind der Umweltschutz und die Lage der Fischereiwirtschaft. „Schon vor Jahren“, erinnert sich Koepp, „erzählten mir Fischer von Phosphor-Resten aus Weltkriegs-Munition in ihren Fischernetzen, mit denen sie sich die Hände verbrannten“. Heute dominierten hingegen die Auswirkungen des Klimawandels: „Durch die Erwärmung des Meerwassers bilden sich Blaualgenteppiche und Todeszonen immer weiter aus.“ Jedoch auch die „allgemeine Verschmutzung der Meere“ sei „ein großes Problem“.

Mit den Fischern kehrt Koepp zu einem der Hauptmotive klassischer „Seestücke“ – in Öl oder Acryl auf Leinwand – zurück. Jedoch ist ihr Leben – zumindest mit Blick auf dessen ökologische und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen – härter als zu den Zeiten, als man sie in Gemälden festhielt: „Ihr Alltag“, so Koepp, „hat sich durch den Rückgang der Fischbestände und die Regulierung durch EU-Normen und Fangquoten drastisch verändert.“ Geringe Verdienste führten für viele zur Aufgabe des Berufs: „Wie in der Landwirtschaft findet auch hier die Verdrängung durch hochtechnisierte, industrialisierte Unternehmen statt.“

Tilman Asmus Fischer

Seestück, Regie: Volker Koepp, Deutschland 2018. 135 Minuten, FSK 0, Dolby Digital 2.0 + 5.1, Region 2, mehrsprachige Originalfassung, Audiodeskription (Deutsch), ISBN/GTIN 4040592007335 – € 16,90.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2020.

Vom Werden der ersten deutschen Republik

Das Deutsche Historische Museum blickt auf die Weimarer Republik – und am Rande auf das Verhältnis von Staat und Kirche

Herrschaft ist notwendig – jedoch hat kein Mensch ein angeborenes Recht zur Beherrschung anderer Menschen. Von diesen beiden Prämissen ging der böhmisch-österreichische Rechtspositivist Hans Kelsen in seiner theoretischen Begründung der liberalen Demokratie aus, der er die Ideen von Gleichheit und Freiheit zugrunde legte. Angesichts gegenwärtiger Krisenphänomene in der politischen Kultur erschließt eine Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) die demokratietheoretischen und demokratiepraktischen Traditionen der Weimarer Republik – und knüpft dabei programmatisch an ihren großen Verteidiger Kelsen an. So ist bereits der Titel der Ausstellung dem seiner Denkschrift aus dem Jahre 1920 entlehnt: „Vom Wesen und Wert der Demokratie“.

Blick in die Ausstellung: die Wahlurne als Symbol für demokratische Teilhabe. Foto: DHM / David von Becker

Das Bild, das hier von der Weimarer Republik gezeichnet wird, ist anders, als es der Ausstellungsbesucher erwarten dürfte – und eröffnet gerade deshalb neue Perspektiven: Im Zentrum stehen weder die Geburtswehen noch das tragische Ende der ersten parlamentarischen Demokratie auf deutschem Boden. Vielmehr nimmt die Ausstellung demokratische Aushandlungsprozesse in den Blick, innerhalb derer sich die Verfassungs- und Staatsordnung herausbildete. Berücksichtigung finden gleichfalls soziokulturelle Dynamiken – von der Wohnkultur über Frauenemanzipation bis zur Medienrevolution des Radios –, die sich unter den neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entfalten konnten.

Wenn auch nicht an prominenter Stelle, so kommen hierbei doch kontinuierlich Fragen des Verhältnisses von Staat und Kirche zur Sprache – und immer wieder wird auch die Rolle politischer Christen deutlich. Auch wenn die Ausstellung auf eine genauere Würdigung der – bis heute gültigen – religionsverfassungsrechtlichen Bestimmungen der Weimarer Reichsverfassung verzichtet, wird doch die hohe Bedeutung deutlich, die der Religions- und Bekenntnisfreiheit in der Weimarer Republik beigemessen wurde. Genannt wird sie bereits in einem Flugblatt mit dem Regierungsprogramm des Rats der Volksbeauftragten vom 12. November 1918.

Exemplarisch Einblick in religionspolitische Debatten der folgenden Jahre gibt ein eigenständiger Abschnitt, der sich dem Kampf um die Konfessionsschule respektive Einheitsschule widmet. Während die katholische Zentrumspartei auf dem Erhalt ersterer beharrte, forderten Linke und Liberale die Einführung der zweiten. Am Ende standen ein Kompromiss des Nebeneinanders beider Modelle und der Verzicht auf eine reichsweite Regelung. In Person des Priesters und Reichsarbeitsministers Heinrich Brauns kann der kundige Ausstellungsbesucher sich zudem den Einfluss der katholischen Soziallehre auf die Weimarer Sozialpolitik erschließen. Auch wenn die katholische Soziallehre als wichtige zeitgenössische Strömung der christlichen Sozialethik weitestgehend ausgeklammert bleibt, erfährt zumindest eine ihrer wesentlichen Früchte dieser Jahre, die Arbeitslosenversicherung, eine hinreichende Würdigung.

Erstaunlich ist, dass das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, der republikanische und größte Wehrverband der Weimarer Republik, lediglich am Rande Erwähnung findet. Dabei war es mit mehr als drei Millionen Mitgliedern aus dem Umfeld von SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei einer der wichtigsten prodemokratischen politischen Akteure – mit großer Ausstrahlungskraft in die Zivilgesellschaft. In seinen Reihen kämpften auch viele bekennende Christen, vor allem aus dem Kreis der Zentrumsmitglieder, für die Demokratie. Gewiss lässt sich fragen, in welchem Verhältnis die konstitutive Bedeutung für die Weimarer Republik zur Repräsentation in der DHM-Schau steht – zumal wenn demgegenüber dem Themenfeld „Offener Umgang mit Sexualität“, von Markus Hirschfeld bis zur queeren Publizistik der 1920er Jahre, gleich eine eigene Abteilung gewidmet wird.

Weimar. Vom Wesen und Wert der Demokratie. Bis zum 22. September im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2, Berlin-Mitte. Geöffnet täglich 10–18 Uhr. Eintritt: 8/ermäßigt 4 Euro, bis 18 Jahre kostenlos. Telefon: (030) 203 04-0

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 30/2019.

„Beobachter und Begleiter der Historie seiner Gegenwart“

Zum Tode von Arnulf Baring

67 Jahre waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Einmarsch der Roten Armee in Deutschland vergangen. Doch als Arnulf Baring sich am 31. Mai 2012 im Berliner Kronprinzenpalais aus dem Publikum zu Wort meldete, klangen noch immer Ergriffenheit und Erschütterung aus seiner Stimme, als er von den Erlebnissen der Berliner Zivilbevölkerung – namentlich seiner eigenen Mutter – in den letzten Kriegstagen 1945 berichtete, deren Zeuge er als fast 13-Jähriger geworden war.

Prof. Dr. Arnulf Baring
(Foto: Tohma)

Wer – wie der Verfasser dieser Zeilen – im Frühling 2012 Arnulf Baring als diskussionsfreudigen Gast einer Begleitveranstaltung zur Ausstellungstrilogie „HeimatWeh“ der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen (ZgV) erlebte, der hörte folglich nicht nur den renommierten Zeithistoriker, sondern zugleich den persönlich betroffenen Zeitzeugen. Die Podiumsdiskussion befasste sich mit dem lange tabuisierten Thema der Massenvergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg war es für Angehörige der Flakhelfergeneration nicht üblich, Emotionen, Betroffenheit zu zeigen – gerade wenn es um das selbst Erlebte ging.

Arnulf Baring tat dies in bewegender Weise – und gab dabei zugleich Einblick in das Innere eines der prononciertesten Intellektuellen der Bonner und Berliner Republik; denn die persönliche Involviertheit zeichnete Arnulf Baring aus: Zum einen die Involviertheit dessen, der den Untergang des Dritten Reichs sowie den demokratischen Neuanfang der Bundesrepublik erlebte, während sich seine Heimatstadt Dresden unter kommunistischer Gewaltherrschaft befand; zum anderen die Involviertheit dessen, der als politischer Kopf – zunächst Sozialdemokrat, dann parteilos – in der öffentlichen Debatte nie den Streit scheute, mit Deutschland rang, an Deutschland litt.

Dabei war Barings Perspektive nie eine national verengte: Bereits sein Studium der Rechts- und Politikwissenschaften führte ihn nicht nur an deutsche Hochschulen, sondern ebenso nach New York und Paris. Und in Berlin, wo er von 1969 bis 1998 als ordentlicher Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität wirkte, befand er sich an einem Brennpunkt internationaler Politik. Unter diesen Bedingungen dachte er Deutschland stets im Kontext westlicher – aber ebenso östlicher – Politik. „Arnulf Baring, der Zeit seines Berufslebens auch Journalist war und sich vor allem als Staatsbürger verstand, hat von Deutschland stets geredet, als sei es seine Familie“, erinnert sein Schüler Peter Carstensen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Mal besorgt, mal erfreut über gewisse Fortschritte im Umgang mit den Verwandten, stets aber ermunternd und fordernd, wenn es um Rolle und Verantwortung der Bundesrepublik in der Welt ging.“

Die Verbindung von klarsichtiger politisch-zeithistorischer Analyse und dem persönlichen Eintreten für hieraus als richtig erkannte Überzeugungen zeigt sich im Besonderen an Arnulf Barings Verhältnis zum Osten Europas – den der Hochschullehrer regelmäßig mit seinen Studenten bereiste. In der Regierungszeit Willy Brandts unterstützte Baring diesen ebenso wie dessen neue Ostpolitik. Später setzte er dieser Zeit mit seinem Buch „Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel“ ein Denkmal. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer Verständigung und Versöhnung mit dem Osten verstellte Baring jedoch nicht den Blick auf die Notwendigkeit eines angemessenen Gedenkens auch der deutschen Weltkriegsopfer – zumal derjenigen von Flucht und Vertreibung.

Entsprechende Defizite in Geschichtspolitik und Erinnerungskultur aufzuzeigen, wurde Baring, zumal in den letzten Jahren seines Schaffens, nicht müde. Nur folgerichtig würdigte ihn der Vorsitzende des ZgV, Dr. Christean Wagner, als „eine wichtige Stimme an der Seite der Heimatvertriebenen“. Baring war nicht nur ein gern gesehener Gast und Redner bei Veranstaltungen des Bundes der Vertriebenen und seiner Mitgliedsverbände. Zudem gehörte er zu den prominenten Unterstützern des ZgV und trat auch in der breiteren Medienöffentlichkeit, wie etwa im Fernsehen, als Mahner in Erscheinung. „Ihm war es wichtig“, so Wagner, „die Vertreibung nicht als partielles Schicksal der deutschen Vertriebenen zu sehen, sondern als kollektiven Verlust von Räumen und Seelenlandschaften, in denen Deutsche Jahrhunderte zu Hause waren: Vertreibung und Heimatverlust als eine Verlusterfahrung nicht nur der Vertriebenen, sondern des ganzen Volkes.“

Zu dem Elan, mit dem sich Baring in öffentliche Debatten einbrachte, gehörte die Neigung, bisweilen „übers Ziel hinaus“ zu schießen, wie Carstensen konstatiert, – auch in der Diskussion um Flucht und Vertreibung. Doch gilt auch hier, woran Carstensen festhält : Bei „aller Kritik, die er übte, war sie stets doch getrieben von großer Zuneigung zu den Institutionen und Personen, die in Nachkriegsdeutschland Geschichte ausmachten. Der detaillierte Blick zurück ins Dritte Reich hat ihn auch als Hochschullehrer weniger interessiert. Er wusste um die Bürde der Vergangenheit, trug sie mit. Doch lieber war er Beobachter und Begleiter der Historie seiner Gegenwart.“

Am 2. März ist Arnulf Baring in Berlin gestorben.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2019.

Der aufgeklärte Sonderweg

Dieter Langewiesche analysiert Europas Umgang mit dem Krieg – bis zur „humanitären Intervention“ von heute.

Von Tilman Asmus Fischer

In diesem Jahr wird in vielfacher Weise an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren erinnert. Dieser hat sich in Form und Ausmaß als einzigartig in das europäische Gedächtnis eingeschrieben. Dies hatte allerdings zuvor bereits für den Ersten Weltkrieg gegolten. Beide Weltkriege werden heute zumeist mit Blick auf ihre tiefgreifenden Folgen für die Gesellschaften des 20. Jahrhunderts diskutiert. Eine differenziertere Sichtweise ergibt sich daraus, sie in die Tradition europäischer Kriege in der Neuzeit einzuordnen. Einem solchen Ansatz folgt der Heidelberger Historiker Dieter Langewiesche in seinem opus magnum: „Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne“, erschienen im Rahmen der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung.

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Erschienen in: Der Tagesspiegel, 6. Februar 2019.

Universalisten unter sich

Die Linkspartei diskutiert ihr Verhältnis zu Religionen

Von Tilman A. Fischer und Sebastian Prinz

In den letzten Jahren wird in der Linkspartei und ihrem Umfeld verstärkt über Religion, die Beziehungen von Staat und Religionsgemeinschaften, religiöse Symbole in der Öffentlichkeit und das eigene Verhältnis zu Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften diskutiert. Nun lud die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) zu ihrem zweiten religionspolitischen Kolloquium ein, das unter dem Titel „Neutralität – Macht – Religiöse Vielfalt?“ stand.

Cornelia Hildebrandt, bei der RLS für Religion zuständig, charakterisierte in der Begrüßung die gegenwärtige deutsche Gesellschaft als sowohl durch Säkularisierung als auch wachsende Diversität und Bedeutung von Religion gekennzeichnet. Diese gegenläufigen Tendenzen solle die politische Linke zum Anlass nehmen, ihre Position zum Verhältnis des Staats zu Religionsgemeinschaften zu überdenken. In gleicher Weise positionierte sich auch Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau in ihrem Grußwort für die Linkspartei.

Impulse für einen derartigen Reflexionsprozess setzten der Hauptvortrag des katholischen Sozialphilosophen Hans Joas und eine anschließende Podiumsdiskussion mit Michael Bauer vom Humanistischen Verband Bayern, Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken, und dem altkatholischen Sozialethiker Franz Segbers. Joas erläuterte einerseits, dass sich die Schwächung von organisierter Religion in Deutschland vor dem globalen Hintergrund einer gegenläufigen Expansion des Christentums (und des Islam) vollzieht. Andererseits arbeitete er religiöse Transzendenzvorstellungen als ideengeschichtliche Vorbedingung für die Entstehung eines moralischen Universalismus heraus. Während Marx die Position vertreten habe, erst die Abschaffung religiöser Traditionen führe zum Universalismus, machte sich Joas für ein gemeinsames Eintreten von religiösen und säkularen Universalisten gegen moralischen Partikularismus stark – und schloss mit dem Imperativ: „Moralische Universalisten aller Länder vereinigt Euch!“

Segbers, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Christen in der Linkspartei, warb hieran anknüpfend für Bündnisse zwischen der politischen Linken und Religionsgemeinschaften und plädierte für eine Finanzierung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften durch den Staat. Bestrebungen in seiner Partei, etwa Kirchentage nicht finanziell zu fördern, bezeichnete er als überholten Schlagabtausch aus dem 19. Jahrhundert. Die Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz sprach sich zwar einerseits für eine Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften aus, andererseits erklärte sie jedoch, Kooperation sei nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern sogar erforderlich. Mit Blick auf den Islam forderte sie eine Gleichberechtigung mit anderen Religionen. Dass einige „Privilegien“ des deutschen Religionsverfassungsrechts, insbesondere der Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts, aus guten Gründen an bestimmte, durchaus erreichbare Voraussetzungen gebunden sind, spielte für Buchholz keine Rolle.

In diesem Sinne drang Christiane Schneider, religionspolitische Sprecherin der Linken in der Hamburger Bürgerschaft, auf dem Abschlusspodium auf Staatsverträge der Bundesländer mit Islamverbänden, entsprechend dem, der in Hamburg abgeschlossen worden ist – trotz Protesten, etwa gegen den Vertragspartner DITIB.

Mit der Forderung, Lehrerinnen mit Kopftuch zuzulassen, wandte Buchholz sich gegen das Berliner Neutralitätsgesetz, das demonstrative religiöse Symbole in Teilen des Öffentlichen Dienstes untersagt. Dieses Gesetz ist in ihrer Partei umstritten und stand im Zentrum des zweiten Podiums, auf dem Buchholz mit Zeynep Cetin, Leiterin des Netzwerkes gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit, Michaela Ghazi von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Ralf Schöppner, Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland, Sebastian Schlüsselburg, rechtspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, und Joachim Valentin, Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen, diskutierte. Schlüsselburg vertrat im Gegensatz zum Koalitionspartner SPD die Auffassung, das Berliner Neutralitätsgesetz bestehe nach einigen Gerichtsurteilen nur noch auf dem Papier und sei nicht verfassungskonform. Für Schüsselburg verletzt das Neutralitätsgesetz das Grundrecht auf Religionsfreiheit und führt zu Diskriminierung. Nicht das Kopftuch stehe für eine geschlossene Gesellschaft, sondern das Neutralitätsgesetz.

Die RLS wird im kommenden Jahr den Dialog mit Kirchen und Religionsgemeinschaften fortsetzen. Und auch aus der Linkspartei kommen fortgesetzt positive Signale. So heißt es in einem aktuellen Positionspapier der vom Parteivorstand eingesetzten Kommission „Religionsgemeinschaften, Weltanschauungsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft“: Die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften seien konstitutiv für eine lebendige Demokratie. Sie in den privaten Raum abzudrängen würde die Zivilgesellschaft schwächen und ihnen verweigern, einen Beitrag zum demokratischen Diskurs einzubringen.

Erschienen am 22. November 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Schisma könnte sich ausweiten

Die Russische Orthodoxe Kirche und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel mit Sitz in Istanbul, dem in der Orthodoxie der Ehrenvorsitz zusteht, streiten sich um die Bildung einer unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine. Ein Gespräch dazu mit dem Ostkirchenkundler Reinhard Flogaus.

Herr Flogaus, wie konnte es zum Schisma zwischen den beiden Patriarchaten kommen?

Dr. Reinhard Flogaus vertritt als Privatdozent für Kirchengeschichte das Fach Konfessionskunde an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Mitglied der Theologischen Kommission der EKD für den Dialog mit dem Ökumenischen Patriarchat.

Nach der Ankündigung des Ökumenischen Patriarchats, Schritte zur Schaffung einer selbständigen orthodoxen Kirche in der Ukraine einzuleiten, beschloss die ROK am 14. September, die namentliche Nennung des Ökumenischen Patriarchen bei den gottesdienstlichen Fürbitten zu unterlassen, und untersagte bis auf weiteres die Konzelebration von russischen Geistlichen mit Geistlichen des Ökumenischen Patriarchats. Außerdem hat die ROK ihren Rückzug aus allen interorthodoxen und ökumenischen Gremien und Kommissionen erklärt, in denen Konstantinopel den Vorsitz oder stellvertretenden Vorsitz hat. Dies betrifft z.B. die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland, aber auch die theologischen Dialoge der Orthodoxen Kirchen mit dem Lutherischen Weltbund, den Katholiken oder den Anglikanern.
Am 11. Oktober hat dann das Ökumenische Patriarchat mit den beiden bislang unkanonischen, nach der Wende in der Ukraine entstandenen Kirchen, d.h. mit der „Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats“ und der „Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche“, Kirchengemeinschaft hergestellt. Die ROK, zu der die einzige bislang anerkannte „Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ gehört, hat daraufhin am 15. Oktober die Kirchengemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat aufgekündigt und den russischen Gläubigen den Sakramentsempfang in dessen Kirchen bei Strafe untersagt.

Wieso eskaliert die Situation gerade jetzt?

Der Wunsch nach kirchlicher Unabhängigkeit von Moskau hat in der Ukraine durch die russische Annexion der Krim und die von Russland unterstützte Abspaltung der Ostukraine deutlich zugenommen. Den Ausschlag gegeben haben der ukrainische Präsident und das ukrainische Parlament, welche im April 2018 den Ökumenischen Patriarchen gebeten haben, der Orthodoxie in der Ukraine die Autokephalie zu verleihen – also die organisatorische Selbständigkeit bei gleichzeitiger dogmatisch-kanonischer Einheit mit den anderen orthodoxen Kirchen Dieser Bitte haben sich inzwischen alle Bischöfe der beiden bisher unkanonischen Kirchen, aber auch einzelne Bischöfe der Kirche des Moskauer Patriarchats angeschlossen. Nach dem Scheitern der Versuche, mit Moskau zu einer einvernehmlichen Lösung für die Ukraine zu kommen, hat das Ökumenische Patriarchat sich nun zu einer unilateralen Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxen in der Ukraine entschlossen und damit Moskau brüskiert.

Was sind die Hintergründe dieses Streites?

Zum einen beansprucht die ROK auch nach dem Zerfall der Sowjetunion für praktisch deren gesamtes Territorium – abgesehen von Georgien – weiterhin die alleinige kirchliche Zuständigkeit. Dies trifft ganz besonders auf die Ukraine zu, war doch Kiew die Wiege der russischen Orthodoxie und für mehrere Jahrhunderte auch das kirchliche Zentrum des russischen Reiches. Andererseits beansprucht der Ökumenische Patriarch als orthodoxer Ersthierarch die Zuständigkeit für die weltweite orthodoxe Diaspora und für die Verleihung der Autokephalie. Im Falle der Ukraine beruft sich Konstantinopel zudem darauf, dass es selbst bis 1686 kirchlich für die Metropolie Kiew zuständig war. Die im Gefolge der russischen Eroberung der Ukraine erfolgte Übertragung dieser Zuständigkeit an Moskau sei mit der wiedererlangten staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine hinfällig. Deshalb habe das Ökumenische Patriarchat auch schon 1924 der Polnischen Orthodoxen Kirche, die kirchlich ursprünglich ebenfalls zu Kiew gehörte, die Autokephalie verliehen, was Moskau dann erst 1949 durch eine eigene Autokephalieerklärung anerkannt hat.

Wie wird es weitergehen?

Wenn der Plan des Ökumenischen Patriarchats aufgeht, wird es nach einer Vereinigungssynode tatsächlich zu einer selbständigen Ukrainischen Orthodoxen Kirche kommen, der dann wohl die Mehrheit der Orthodoxen angehören wird. Ich gehe aber davon aus, dass ein Teil der Gläubigen, insbesondere mit russischen Wurzeln, weiterhin dem Moskauer Patriarchat angehören will, so dass es statt derzeit drei künftig zwei orthodoxe Kirchen in der Ukraine geben wird.
Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass sich nach der Verleihung der Autokephalie das jetzige Schisma zwischen Konstantinopel und Moskau auch auf andere orthodoxe Kirchen ausdehnen wird und es zu einer Spaltung der Orthodoxie in zwei Lager kommt, zwischen denen keine Kirchengemeinschaft mehr besteht. Die jüngsten Äußerungen des serbischen Patriarchen Irinej scheinen dies nahezulegen. Diese Gefahr erfüllt mich mit großer Sorge.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2018.

November 1918: Die Revolution in Danzig

Von Tilman Asmus Fischer

Der Kieler Matrosenaufstand vom 3. November 1918 ist – neben den gewaltsamen Auseinandersetzungen der Folgemonate, vor allem in Berlin – zum Inbegriff der revolutionären Umbrüche geworden, die das Ende des Ersten Weltkrieges und den Übergang Deutschlands vom Kaiserreich zur Weimarer Republik begleiteten. Auch wenn heute Kiel, Berlin und vielleicht noch die Münchner Räterepublik das historische Bild der Matrosen- und Rätebewegung prägen: Auch Danzig war Ziel und Schauplatz des Umsturzes, der am Ende nicht in die Räterepublik, sondern in eine Demokratie führte.

Es scheint, als hätte sich die historische Forschung – weil die revolutionären Umtriebe in Danzig keine Dynamik entwickeln konnten, die derjenigen in den genannten Städten vergleichbar wäre – nicht sonderlich für die Tage des Umbruchs an der Motlau interessiert. Zwar sparen die stadtgeschichtlichen Monografien die Thematik nicht aus, um sich jedoch ein konkretes Bild von der Lage vor Ort machen zu können, ist es notwendig, sich „ad fontes“ – zu den Quellen – zu begeben. Ein solches Zeitdokument ist uns mit den noch 1918 im Verlag W. F. Burau in Danzig veröffentlichten Erinnerungen von Hauptmann a. D. Dr. Wilhelm Brönner, „Die Revolutionstage in Danzig“, überliefert. Sie umfassen den Zeitraum zwischen dem 3. und 18. November 1918 und vermögen uns noch heute einen Einblick in die Vorgänge auf Danzigs Straßen und die Stimmungslage in der Stadt zu gewähren.

Danzig im November 1918 – ein Überblick

Bevor wir auf die einzelnen Ereignisse blicken, die Brönner aus Danzig berichtete, ist es jedoch notwendig, sich einen Überblick über den historischen Gesamtzusammenhang zu verschaffen. Wie verlief die große Linie der Danziger Revolution?  Und warum blieb hier eine Gewalteskalation, anders als etwa in Berlin, aus? – Peter Oliver Loew erlaubt uns nachzuvollziehen, wie auch an der Motlau quasi über Nacht eine neue politische Epoche anbrach:

„Nur wenige Stunden nachdem der Kaiser abgedankt hatte, hielt die Revolution auch in Danzig Einzug. Am 10. November stürmten revolutionäre Matrosen Gefängnisse in der Stadt, und bei einer Großkundgebung auf dem Heumarkt verkündeten führende Sozialdemokraten die Ausrufung der Republik. Ein deutscher Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Macht in Danzig, auch ein polnischer Rat entstand. Die Garnison unterstellte sich den Räten und sorgte, gemeinsam mit der Bürgerwehr, für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Am 11. November legte ein Generalstreik die Stadt lahm.“

Dafür, dass die Revolution sich an der Motlau ohne sonderliche Radikalität oder Gewaltausschreitungen vollzog, lassen sich im Wesentlichen vier Erklärungen finden. Das von Loew ins Feld geführte erste Argument, die Danziger seien ob der angespannten Nahrungsmittelversorgung eher mit der Fürsorge für ihr Überleben als mit der Revolution befasst gewesen, mag vielleicht das schwächste sein: Sicher entbehrt es nicht jeder Plausibilität, jedoch muss in Rechnung gestellt werden, dass auch im weiteren revolutionären Deutschland ein Versorgungsnotstand herrschte. Zweitens erhielt die politische Linke nach dem ersten revolutionären Aufflammen wieder ernstzunehmende Konkurrenz: Angesichts der verlautbarten polnischen Ansprüche auf Danzig konnte die politische Rechte mit antipolnischen Positionen schnell Rückhalt in der Bevölkerung gewinnen. Drittens kann darüber spekuliert werden, wie sich die Geschichte vollzogen hätte, wenn nicht per preußischer Kabinettsorder vom 24. März 1865 die preußische Marinestation der Ostsee – also die oberste Kommandobehörde der preußischen Seestreitkräfte in der Ostsee – von Danzig nach Kiel verlegt worden wäre. Andernfalls, so kann angenommen werden, wäre Danzig in der Folge zentraler Standort der Marine des Norddeutschen Bundes und der Kaiserlichen Marine gewesen – und letztlich hätte die Stadt dann das historische Schicksal treffen können, das nun Kiel ereilte. Viertens und letztens ist es – wie Loew hervorhebt – Julius Gehl zuzurechnen, dass sich die Revolution in Danzig verhältnismäßig ruhig vollzog. Der gelernte Maurer leitete von 1912 bis 1919 als Bezirksparteisekretär und Vorsitzender den SPD-Bezirk Westpreußen mit Sitz in Danzig und verantwortete von 1917 bis 1918 als Redakteur die sozialdemokratische Zeitung „Danziger Volkswacht“. Hätte er nicht mäßigend auf die Entwicklungen eingewirkt, hätten sich die Umbrüche durchaus anders vollziehen können.

Autosuggestion:  Angst vor „roten Schiffen“

Und dies wäre genau genommen gar nicht so unwahrscheinlich gewesen. Denn auch in Danzig lässt sich ein Phänomen identifizieren, das Mark Jones in seinem 2017 erschienen Buch „Am Anfang war Gewalt“ über die Gründungsmonate der Weimarer Republik herausgearbeitet hat:  Autosuggestion. So fielen die ersten blutigen Schüsse in Kiel, weil sich unter den revolutionären Matrosen die Wahnvorstellung ausgebildet hatte, jederzeit mit Angriffen konterrevolutionärer Offiziere rechnen zu müssen;  ebenso resultierten die Forderungen nach staatlichen Gewaltmaßnahmen gegen die Spartakisten in Berlin aus dem Mythos einer russisch finanzierten Geheimarmee des Kommunistenführers Karl Liebknecht. Was Mark Jones für die großen revolutionären Ereignisse in Kiel, Berlin und München konstatiert hat, trifft – das zeigen die Erinnerungen von Brönner – auch auf die graduell weniger intensiven Entwicklungen in Danzig zu.

Hier scheint es ebenso wie dort vornehmlich eine unklare Informationslage – eine Mischung aus vermuteten Gefahren und bedrohlichen Gerüchten – gewesen zu sein, die das Stimmungsbild in der Stadt und ihrem Umland prägte. So mutmaßte man am 4. November, für Danzig drohe „die Gefahr einer englischen Flottenlandung oder eine Landung von Teilen der meuternden Flotte“:  „Die roten Schiffe konnten erscheinen, um auch in Danzig die revolutionäre Bewegung in Gang zu bringen;  sie konnten auch aus Mangel an Proviant in der Höhe Danzigs die Küste anlaufen. Man erfuhr bald von Landungen in Swinemünde und Stolpmünde. – Z. T. sollten es Fahrzeuge gewesen sein, die noch königstreu vor den Meuterern flüchteten.“ Entsprechend dem ambivalenten äußeren Bedrohungsszenario mutmaßte man zugleich rege über das Gefahrenpotenzial innerhalb der Stadtgrenzen:  „Von geheimnisvollen Versammlungen, von Zettel- und Flugblattverteilungen wurde gemunkelt. Ein Extrablatt erschien nach dem anderen.“

Eindrucksvoll verdeutlicht Brönners Notiz vom 8. November, wie sich durch das – letztlich nicht verifizierbare – äußere Bedrohungsszenario im Zusammenspiel mit Anzeichen innerer Unruhen die öffentliche Stimmung mehr und mehr zuspitzte :  „Zwei rote Schiffe sollen vor Hela liegen. Ist Fliegeraufklärung möglich?  Es lag dichter Nebel, die Marinenachrichtenstelle hat nichts gesehen. Die Revoltestimmung in Danziger Straßen wird stärker bemerkbar. Es knallt überall:  Halbwüchsige und Kinder werfen Schwärmer und andere Feuerwerkskörper. Frauen und Kinder erzählen in den Straßen, in dieser Nacht gehe es los. Väter und Brüder würden sich auf dem Bahnhof prügeln gehen. Wie schon in diesem Kriege denkt man wieder an Einpacken, an noch rasch zu erledigende wichtige Geschäfte, an Abreise, an Wegsendung von Frau und Kind.“ Interessant ist vor allem der Hinweis auf die Geräuschkulisse, die auf Schüsse und andere Ausschreitungen schließen lassen konnte. In anderen Städten waren es, wie Jones herausstellt, ebensolche akustischen Signale, die von einer der sich gegenüberstehenden Parteien – oftmals grundlos – als feindlicher Beschuss gedeutet wurden, so dass die Situation eskalierte und es in der Folge zu tatsächlichen Gewaltausschreitungen, teils auch mit Todesopfern, kam. Brönners Aufzeichnungen verdeutlichen, dass es neben den unmittelbar für Danzig erwarteten Entwicklungen immer wieder auch die Nachrichten aus Berlin und anderen Stätten der Revolution – sowie solche über die Verhandlungen mit den Alliierten – waren, die in Danzig wachsam verfolgt wurden und die Prognose über die eigene Situation mitbestimmten.

Revolution in geordneten Bahnen

Angesichts der Ungewissheit über die tatsächliche Bedrohungslage vollzogen sich die politischen und militärischen Entwicklungen im Danziger Gebiet folgendermaßen:  Um den 4. November wurden mehrere auswärtige Truppenteile zur Absicherung der Stadt nach Danzig verlegt. Dabei entschieden sich die politischen Verantwortungsträger – bei allen notwendigen militärischen Sicherheitsmaßnahmen – nicht für Gewalt als erstes Mittel. Vielmehr herrschte Besonnenheit, und man setzte für den Fall der Fälle primär auf Verhandlungen, sofern „die meuternden Matrosen bei der erwarteten Ankunft mit sich reden lassen“ würden. Bevor jedoch meuternde Matrosen in Danzig anlanden konnten, kamen einem solchen Unterfangen am 7. November – wie Brönner treffend anmerkt, dem „Jahrestag der russischen Revolution“ – die Arbeiter und Matrosen der Putziger Seefliegerschule zuvor. Deren Arbeiter- und Soldatenrat erklärte unmittelbar im Zusammenhang mit seiner Gründung, für die „Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung werde Sorge getragen“. Da auf Grundlage dieser Ankündigung offenbar ein Einvernehmen mit dem Kommando der Seefliegerschule hergestellt werden konnte, wurde von einem militärischen Eingreifen gegen die Meuterer abgesehen, und es kam zu keinen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Nichtsdestoweniger besetzten Matrosen aus Putzig den Bahnhof von Rheda.

„Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ in der „Danziger Volkswacht“ vom 9. November 1918. (Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung)

Zwei Tage später – am 9. November – kam auch in Danzig und seiner unmittelbaren Umgebung der Personenverkehr zum Erliegen. Dennoch:  Auch hier blieb es dank der Besonnenheit aller Parteien – vor allem wohl des bereits erwähnten Julius Gehl – ruhig. Dieser erklärte weitsichtig, dass „die Bewegung in Danzig ruhig verlaufen“ würde, wenn „nicht geschossen werde“ – zumal er ohnehin prognostizierte, dass beim Einsatz militärischer Mittel die Truppen den Gehorsam verweigern würden. Dies erwartete er auch für den Fall einer Landung von Schiffen meuternder Soldaten :  „Vielleicht würden die Küstenbatterien einige Schüsse abgeben, aber was mache das Kriegsschiffen aus, und sobald erst Landungen erfolgt seien, werde kein Widerstand mehr geleistet.“ Gehl scheint es nicht nur gelungen zu sein, derart präventiv dem Einsatz militärischer Mittel entgegengewirkt zu haben. Vielmehr kam es am 9. November auch zu wegweisenden Einigungen zwischen den entscheidenden Akteuren in der Stadt: den Mehrheitssozialisten – also der SPD –, den „Unabhängigen“ – also der radikaleren USPD, die sich während des Krieges von ihrer Mutterpartei abgespalten hatte – und der städtischen Verwaltung. Nach einer gemeinsamen Sitzung von SPD und USPD traten um neun Uhr im Stadtverordnetensaal Vertreter der Sozialisten und der Behörden – „Oberpräsident, Regierungspräsident, Polizeipräsident, Bürgermeister, Stadträte, Kommandierender General, Kommandantur, Kriegsamtsstelle“ – zusammen. Das Ergebnis dieser Besprechung kann gewissermaßen als Einigung auf eine ‚Revolution in geordneten Bahnen‘ bezeichnet werden: „Große Versammlung zur Ausrufung der Republik soll Sonntag [also am nachfolgenden Tage], Generalstreik Montag stattfinden. […] Im gleichen Maße, wie Parteileitung ruhigen Verlauf gewährleisten könne, wollen Behörden vom Eingreifen ihrerseits absehen. […] Kommandierender General und Oberpräsident bitten Bevölkerung Danzigs, Bürger und Soldaten, Ruhe zu behalten und zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung jeder nach Kräften mitzuwirken.“ Von ebendiesem Geist war auch ein „Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ geprägt, der am gleichen Tag in Gehls „Danziger Volkswacht“ erschien.

Nur wenige Stunden nach der Sitzung war es eine Nachricht aus Berlin, die um 15 Uhr die Danziger Extrablatt-Leser erreichte und zunächst Ruhe und Ordnung in Frage zu stellen schien:  Der Kaiser hat abgedankt! – „In Kasernen fängt tumultartiges Treiben an. Absetzung von Vorgesetzten wird gefordert.“ Als erstes wählt das Infanterie-Regiment 128 einen Soldatenrat, andere wie die 5. Grenadiere folgen. Zu einer Eskalation der Lage kommt es jedoch auch nach dieser Entwicklung nicht – vielmehr erklären die Einheiten gegenüber der SPD-Parteiführung, sie stünden „zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zur Verfügung“. Und dies scheint am 9. November – dem Tag des Endes der Monarchie – dann auch gelungen zu sein. So ist die einzige Begebenheit, die Brönner über den Abend dieses geschichtsträchtigen Tages berichtet, eher anekdotischer Natur:  „Kurz nach Mitternacht treffe torkelnden Betrunkenen auf Dominikswall. Brüllt singend:  Freiheit, Freiheit, keine Mauern, kein Zuchthaus, frei muß der Mensch sein, und unterbricht sich drohend zu einem Passanten: Verfolgst du mir, was! Du willst mir wohl verfolgen? Passant weicht wortlos aus.“

Großkundgebung und Gefängnisstürmungen

Einige Stunden vor Beginn der für Sonntag, den 10. November, geplanten Großkundgebung, um 9.30 Uhr, traf in Danzig ein Zug aus Richtung Dirschau ein. Seine Insassen, 150 Zivilisten und Militärangehörige, gaben sich als Danziger auf dem Weg zu ihren Angehörigen in der Stadt aus. Nichts Böses ahnend, ließ man sie gewähren. Tatsächlich handelte es sich jedoch um – größtenteils aus Gefängnissen befreite – Bolschewisten, die nun eine regelrechte Welle von Gefängniserstürmungen in Danzig auslösten. Ziel waren die Militärarrestanstalten I und II in der Elisabethkirchengasse bzw. am Schlüsseldamm, das Festungsgefängnis am Nonnenhof, die Nebenarrestanstalt Schießstange sowie das Gefangenenlager Troyl. Überall waren die Gefängnisstürmer erfolgreich – wobei neben politischen Häftlingen und arrestierten Soldaten zudem tatsächliche Straftäter befreit wurden. Wenn die Erstürmungen auch unter Androhung von Waffengewalt erfolgten und von Plünderungen begleitet waren, kam es zu keinen ernstlichen Schusswechseln oder gar Todesopfern. Das gleiche gilt für revolutionäre Ausschreitungen auf den Straßen, die Brönner gleichwohl eindringlich beschreibt:

„In den Hauptverkehrsadern setzt zwischen 9 und 10 Uhr eine Jagd auf Soldaten ein, die noch Kokarden, Abzeichen auf der Schulter, Seitengewehre tragen. Es kommt zu Wortwechseln und Gestikulationen, nicht zu Blutvergießen, soweit bekannt geworden. Auch Offiziere werden erst recht nicht geschont. […] Auch über uniformierte Polizeibeamte […] geht es her. Wo einer angehalten wird, bildet sich im Augenblick ein Menschenknäuel, bald rechts, bald links vom Fahrdamm. Im Laufschritt eilen die ersten Straßengänger zu, wie die Eisenspäne zum Magneten. Ueberall auf dem Pflaster Kokarden und abgeschnittene Schulterklappen.“

Eingedenk der Entwicklungen, welche die Revolution etwa in Berlin nahm, ist es bemerkenswert, dass die Situation in Danzig bei solchen Szenen in den Straßen nicht weiter eskalierte. Entsprechend friedlich konnte schließlich auch die Versammlung auf dem Heumarkt verlaufen: Es wurden Reden gehalten, die rote Fahne gehisst und ein dreifaches Hoch auf die Republik ausgerufen. Die Stimmung der schätzungsweise 15.000 Anwesenden beschreibt Brönner als ekstatisch. Auch in den folgenden Stunden blieb die Stimmung gehoben: „Wohin man kommt, in den Straßen kichernde Weiber, kecke Burschen, Schreien, Johlen, Grammophonlärm aus den Häusern, die Straßenbahnen mit brechender Überfracht auf Trittbrettern und Puffern. Noch immer ist Krieg, noch immer rast an der Front das mordende Feuer; daran denkt niemand.“ Die Feierlichkeiten hielten auch noch an, nachdem um drei Uhr die Waffenstillstandbedingungen bekannt wurden. Trotz des ansonsten friedlichen Verlaufes kam es am Abend und an den Folgetagen durchaus auch zu Einbrüchen und Plünderungen. Diese vermehrten sich im Laufe von zwei Wochen derart, dass es zu einer Reihe von Verhaftungen und seitens der Behörden zur Androhung der Todesstrafe kam.

Innere Ordnung und äußere Konflikte

Auf dezidierten Wunsch des Sozialdemokraten Gehl blieben die bisherigen Behördenspitzen auch nach Ausrufung der Republik im Amt – von den Revolutionären wurde die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung garantiert. Planmäßig verlief am 11. November der Generalstreik, an dem sich neben den Arbeitern auch die Soldaten beteiligten. Ab dem 13. November zeigte die Polizei – im Auftrag der Räte – wieder vermehrt Präsenz auf den Straßen. Jedoch:  Bereits ab dem 12. November erreichten die Kommandantur und Soldatenräte besorgniserregende Mitteilungen aus dem Umland:  „Am Mittag wird Hilfe gegen die Polen im Kreise Karthaus erbeten, die die Lieferung von Lebensmitteln verweigern und sich zusammenrotten […]. Nachrichten laufen ein, daß auf dem Lande auch die Förster entwaffnet und von den Polen bedroht werden. Selbständigkeitsdrang überall, alles will aus den Fugen.“

Hier kündigt sich an, was in den folgenden Monaten und Jahren das Schicksal Westpreußens prägen sollte: der – zumal durch die Germanisierungspolitik der vorangegangenen Jahrzehnte geschürte – deutsch-polnische Nationalitätenkonflikt, der unter dem Vorzeichen des 14-Punkte-Programms des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson für Danzig die Gründung der ‚ungeliebten‘ Freien Stadt bedeutete. Ahnten Brönner und seine Zeitgenossen dies bereits? Mit dem 18. November schließt sein Bericht: „Aus Berlin kommt das Schlagwort vom Null-Stundentag, aus Schlesien und Posen die Meldung von bevorstehenden Angriffen auf deutsches Staatsgebiet und der Entsendung deutscher Abwehrtruppen, und man erinnert sich des stolzen Evangeliums der jungen Republik: Friede, Freiheit, Arbeit, Brot!“

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2018.

„Wir nutzen die Liturgie“

Bischof Clemens Pickel von Saratow, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz in Russland, über die praktische Seite der Neuevangelisation in Russland.

Von Tilman A. Fischer

Herr Bischof, Neuevangelisierung – was bedeutet das für die katholische Kirche in einem Land, das mehr und mehr die Orthodoxie für sich wiederentdeckt?

Neuevangelisierung hat etwas Anrüchiges an sich für Menschen in Russland. Dort lebt man in dem Verständnis, Russland sei immer orthodox gewesen – also schon eintausend Jahre. Dass da dieses Vakuum des Kommunismus war, wird zwar irgendwie registriert, aber im Grunde ist die Idee einer Neuevangelisierung, wie sie die katholische Kirche immer wieder will, den Leuten in Russland unverständlich.

Was meinen demgegenüber die Angehörigen der katholischen Diaspora selbst hierzu?

Die Katholiken, die im Kommunismus ausgehalten haben, sagen: Natürlich muss man neu anfangen! Die alten wolgadeutschen Großmütter, die den Glauben noch an die Enkel weitergegeben haben, waren vor 25 Jahren – als sich Russland öffnete – am Ende. Es war eine Sternstunde, dass die katholische Kirche ihnen noch zur Hilfe kommen konnte bevor der glimmende Docht ganz ausgelöscht war. Das waren einzelne Familien, die geheim noch gebetet haben. Sie verstanden und verstehen, dass die junge Generation jetzt ein Fundament braucht: Katechismus, Glaubenswissen. Es reicht heute nicht mehr aus, zu sagen, am Sonntag geht man in die Kirche. Da macht kein Jugendlicher mehr mit.

Wie konnte und kann ein Neuanfang gelingen?

Die Neuevangelisierung passiert praktisch durch Verkündigung – durch Katechese und Predigt. Natürlich nur für die Leute, die zur Kirche kommen. Aber: Menschen in Russland, die Gott suchen, kommen zur Liturgie, zur Eucharistie. Kirche ist für sie in der Hauptsache Liturgie. Das heißt, wir nutzen die Liturgie durch die in sie eingebettete Predigt zur Evangelisierung. Ich habe in meinem Bistum, so lange ich Bischof bin, allen Priestern immer wieder gesagt: „Bitte jeden Tag predigen, auch wenn nur kurz, aber eine kleine Predigt soll sein.“ Das ist unser Angebot: Den Leuten zu helfen, nicht nur zu beten und durch die Liturgie spirituell zu wachsen, sondern auch geistig durch eine sachliche und klare Predigt.

Gibt es darüber hinaus denn für Ihr Bistum so etwas wie einen „Masterplan“ für die Neuevangelisierung?

Ich habe keine riesigen Konzepte – was man sich in Deutschland immer wieder wünscht. Wenn uns ein Hilfswerk unterstützt, möchte es am liebsten wissen: Was bringt das? In drei Jahren, fünf Jahren? Wie wird es dann bei Ihnen aussehen? Wer wird das Projekt weiterfinanzieren? Gibt es Multiplikatoren? – So funktioniert das in Russland nicht. Einen Plan machen, ist das eine, die Realität ist das andere. Das kommt im religiösen, kirchlichen Bereich daher, dass über drei Generationen organisatorisch nichts da war. Die Leute wollen wirklich, glauben, beten, sind eifrig – kommen, wenn möglich, jeden Tag zur Kirche. Aber dann irgendwann nach zwei, drei Jahren oder fünf Jahren kommt bei einigen plötzlich ein Bruch und wir verlieren sie wieder – teils Menschen, die selbst Wortgottesdienste halten und in der Katechese mitdiskutieren konnten.

Wie müssen wir uns das unter diesen Bedingungen gewachsene Leben in Ihrem Bistum und seinen Gemeinden vorstellen?

Unsere Gemeinden sind ganz klein. Im gesamten Bistum haben wir 20 000 Katholiken und das Bistum ist viermal so groß wie Deutschland. Da kann man natürlich staunen, dass wir trotzdem 40 Priester haben – aber so mancher Priester fährt im Jahr 50 000 Kilometer mit dem Auto, um seine Leute zu besuchen. Dafür sind die Gemeinden aber lebendig: nicht im Sinne von überaktiv – heute dies, morgen das. Lebendig im Sinne davon, dass Leben und Lieben zusammengehören. Wenn jemand nicht zum Gottesdienst kommt, fällt das auf und man kümmert sich umeinander. Das ist gelebte Nächstenliebe – dafür brauchen wir nicht erst ein Caritas-Büro zu gründen.

Ist Ihr Motto also: Evangelisation durch gelebte Gemeinschaft statt Großveranstaltungen?

Wir organisieren schon auch Großveranstaltungen – vor allem für Jugendliche: Dekanatsjugendtage, Diözesanjugendtage, ein gesamtrussisches Jugendtreffen alle drei Jahre. Aber der Akzent liegt tatsächlich mehr auf dem alltäglichen Miteinander: natürlich Christ zu sein, nicht nach einem Lehrbuch. Evangelisierung funktioniert nicht dadurch, andere als Zielgruppe zu fokussieren, sondern dadurch, an sich selbst zu arbeiten. Wenn ich mir selbst Mühe gebe, ein guter Christ zu sein und ein besserer als noch gestern, helfe ich anderen viel mehr als mit Lehrbüchern und Programmen.

Wenn Sie doch an die Öffentlichkeit treten: Wie reagiert die orthodoxe Seite?

Wir sind in der Öffentlichkeit kaum gefragt – beziehungsweise sind wir nach russischem Verständnis ein Fremdkörper, werden oft als „römische“ Auslandskirche betrachtet. Das sind Assoziationen, die bei vielen Russen tief drinstecken – bis hin zu Äußerungen wie: „Wir sind Christen, Ihr seid katholisch.“

Wie stellt sich der Staat vor diesem Hintergrund in kirchenpolitischen Fragen?

Der russische Staat ist ein säkularer Staat und die orthodoxe Kirche eine – freilich die größte – unter mehreren Kirchen. Es gibt so manche Gesetze, die sehen bedrohlich aus. So ist es – ohne einen kirchlichen Dienstausweis – verboten, in ein Dorf zu fahren und in einer Privatwohnung Katechese zu halten. Vergleichbare Gesetze gibt es in letzter Zeit verstärkt. Aber insgesamt ist das nicht die russische Politik: Dort sind wir als katholische Kirche anerkannt, staatlich registriert und die diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan bestehen auf bester Ebene. Wir sind als katholische Kirche nicht die Bösen, die Verdächtigen – naja, verdächtig für manche schon, aber wer wie ich in der DDR geboren wurde, der kennt das. Damit kann man leben.

Erschienen am 20. September 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

„Streit darf hart sein“

Prof. Dr. Lars Castellucci, der dem Deutschen Bundestag seit 2013 angehört, ist seit wenigen Wochen Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion. Im Interview spricht der evangelische Politiker über persönliche Überzeugungen und aktuelle religionspolitische Herausforderungen.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Castellucci, was bedeutet es für Sie, als Christ in der Politik, in der SPD tätig zu sein?

Das passt für mich wunderbar zusammen. Ich finde, dass sich die Werte, die ich als Heranwachsender durch ein christliches Elternhaus mitbekommen habe, und das, was mir später politisch wichtig wurde – Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – gegenseitig stärken.

Was heißt das konkret für Ihre politische Positionsbestimmung?

Das erste, was mich antreibt, ist das christliche Menschenbild – um die theologische Metapher zu bemühen: die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Der erste Artikel des Grundgesetzes speist sich für mich direkt aus den Werten, die wir nicht erst mit der Aufklärung bei uns eingepflanzt haben. Das ist für mich vielmehr eine christliche Prägung, den Menschen erst einmal als gleichwürdig zu betrachten – unabhängig davon, wo er herkommt, was er kann und so weiter. Aus dieser Haltung heraus will ich Politik machen.

Ein zentrales Thema ist für Sie die Asyl- und Flüchtlingspolitik – auch als Mitglied in der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wie erleben Sie die öffentliche Diskussion über diese Themen im Alltag?

Ich frage bei meinen Veranstaltungen zum Thema Flüchtlinge immer: „Ist hier jemand gegen Flüchtlinge?“ – Dann meldet sich keiner. Und das halte ich für ein Problem. Ich hätte gerne Leute da, die auch kritisch fragen und die Probleme, die sie haben, frei artikulieren. In der Kirche sehe ich manchmal auch, dass oben von „den Fremden, die in deinen Toren wohnen“ (5. Mose 16) gepredigt wird und unten die Leute hin und her rutschen und das zum Teil gar nicht mehr hören können. Der Raum ist nicht unbedingt da, das einmal miteinander zu klären: Was für Verletzungen, Erfahrungen und Ängste sind da bei den Menschen?

Wie können Politik und Kirchen hier gegensteuern? – Gerade angesichts des wachsenden Zulaufs, den rechtspopulistische Positionen erfahren.

Wir müssen unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch bringen und nicht immer nur Gesprächskreise pflegen, die sich ohnehin schon verstehen. Denn das ist es, woran es in diesem Lande in erster Linie mangelt: an Miteinander, an Gespräch zu den relevanten Themen über Milieugrenzen und Konfessionen hinweg. Wenn Streit immer als etwas Schlechtes angesehen wird, hat man nicht verstanden, dass der Streit in einer liberalen Demokratie notwendig ist. Er muss gut geführt werden, darf nicht persönlich werden – aber in der Sache kann und darf er hart sein.

In Ihrem neuen Amt sind Sie nun besonders mit Fragen des Religionsverfassungsrechts befasst. Wo sehen Sie hier die zentralen Herausforderungen?

Ganz grundsätzlich sehe ich keine Bedarfe für größere Umwälzungen. Was es braucht, ist immer wieder eine gesellschaftliche Verständigung: Wo sehen wir Probleme? Wo wünschen wir uns Veränderungen?

Was kann das konkret bedeuten?

Wie sieht es etwa mit Religionsunterricht in den Schulen aus? Da gibt es eine bunte Vielfalt an Modellen in den unterschiedlichen Bundesländern, die immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden müssen. – Muss man langsam nachziehen, wo es um die Besetzung von Rundfunkräten geht? Dort sitzen einzelne gesellschaftliche Gruppen, die seinerzeit hineingenommen wurden, heute aber deutlich weniger Menschen vertreten. Hier gilt es, die heutige gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. – Aber das ist für mich alles ein Prozess. Auf diese Fragen wird man kontinuierlich schauen und miteinander Lösungen aushandeln müssen.

Blicken wir abschließend konkret auf die islamischen Religionsgemeinschaften: Welche Perspektiven sehen Sie für deren Integration – speziell ihre Etablierung als Körperschaft des öffentlichen Rechts?

Ich verstehe das Anliegen, es ist wahrscheinlich auch ein kluges, denn so können wir Rechte und Pflichten gegenseitig festlegen. Aber es stellt sich doch die Frage: Wer spricht eigentlich für wen? Die Vielfalt auf der Seite des Islam ist so groß, dass ich im Moment nicht durchsteigen würde, wem ich da mehr Kompetenzen in die Hand gebe – mit wem ich da verhandeln würde und mit wem nicht. Mit Leuten, die an Ankara hängen, schon mal gleich gar nicht. Aber mit anderen, die nur 20.000 Leute vertreten, auch nicht. Da muss sich noch einiges sortieren, bevor wir in dieser Richtung weiterkommen.

In ähnlicher Form erschienen am 24. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).