Universalisten unter sich

Die Linkspartei diskutiert ihr Verhältnis zu Religionen

Von Tilman A. Fischer und Sebastian Prinz

In den letzten Jahren wird in der Linkspartei und ihrem Umfeld verstärkt über Religion, die Beziehungen von Staat und Religionsgemeinschaften, religiöse Symbole in der Öffentlichkeit und das eigene Verhältnis zu Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften diskutiert. Nun lud die parteinahe Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) zu ihrem zweiten religionspolitischen Kolloquium ein, das unter dem Titel „Neutralität – Macht – Religiöse Vielfalt?“ stand.

Cornelia Hildebrandt, bei der RLS für Religion zuständig, charakterisierte in der Begrüßung die gegenwärtige deutsche Gesellschaft als sowohl durch Säkularisierung als auch wachsende Diversität und Bedeutung von Religion gekennzeichnet. Diese gegenläufigen Tendenzen solle die politische Linke zum Anlass nehmen, ihre Position zum Verhältnis des Staats zu Religionsgemeinschaften zu überdenken. In gleicher Weise positionierte sich auch Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau in ihrem Grußwort für die Linkspartei.

Impulse für einen derartigen Reflexionsprozess setzten der Hauptvortrag des katholischen Sozialphilosophen Hans Joas und eine anschließende Podiumsdiskussion mit Michael Bauer vom Humanistischen Verband Bayern, Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken, und dem altkatholischen Sozialethiker Franz Segbers. Joas erläuterte einerseits, dass sich die Schwächung von organisierter Religion in Deutschland vor dem globalen Hintergrund einer gegenläufigen Expansion des Christentums (und des Islam) vollzieht. Andererseits arbeitete er religiöse Transzendenzvorstellungen als ideengeschichtliche Vorbedingung für die Entstehung eines moralischen Universalismus heraus. Während Marx die Position vertreten habe, erst die Abschaffung religiöser Traditionen führe zum Universalismus, machte sich Joas für ein gemeinsames Eintreten von religiösen und säkularen Universalisten gegen moralischen Partikularismus stark – und schloss mit dem Imperativ: „Moralische Universalisten aller Länder vereinigt Euch!“

Segbers, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Christen in der Linkspartei, warb hieran anknüpfend für Bündnisse zwischen der politischen Linken und Religionsgemeinschaften und plädierte für eine Finanzierung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften durch den Staat. Bestrebungen in seiner Partei, etwa Kirchentage nicht finanziell zu fördern, bezeichnete er als überholten Schlagabtausch aus dem 19. Jahrhundert. Die Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz sprach sich zwar einerseits für eine Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften aus, andererseits erklärte sie jedoch, Kooperation sei nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern sogar erforderlich. Mit Blick auf den Islam forderte sie eine Gleichberechtigung mit anderen Religionen. Dass einige „Privilegien“ des deutschen Religionsverfassungsrechts, insbesondere der Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts, aus guten Gründen an bestimmte, durchaus erreichbare Voraussetzungen gebunden sind, spielte für Buchholz keine Rolle.

In diesem Sinne drang Christiane Schneider, religionspolitische Sprecherin der Linken in der Hamburger Bürgerschaft, auf dem Abschlusspodium auf Staatsverträge der Bundesländer mit Islamverbänden, entsprechend dem, der in Hamburg abgeschlossen worden ist – trotz Protesten, etwa gegen den Vertragspartner DITIB.

Mit der Forderung, Lehrerinnen mit Kopftuch zuzulassen, wandte Buchholz sich gegen das Berliner Neutralitätsgesetz, das demonstrative religiöse Symbole in Teilen des Öffentlichen Dienstes untersagt. Dieses Gesetz ist in ihrer Partei umstritten und stand im Zentrum des zweiten Podiums, auf dem Buchholz mit Zeynep Cetin, Leiterin des Netzwerkes gegen Diskriminierung und Islamfeindlichkeit, Michaela Ghazi von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Ralf Schöppner, Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland, Sebastian Schlüsselburg, rechtspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, und Joachim Valentin, Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen, diskutierte. Schlüsselburg vertrat im Gegensatz zum Koalitionspartner SPD die Auffassung, das Berliner Neutralitätsgesetz bestehe nach einigen Gerichtsurteilen nur noch auf dem Papier und sei nicht verfassungskonform. Für Schüsselburg verletzt das Neutralitätsgesetz das Grundrecht auf Religionsfreiheit und führt zu Diskriminierung. Nicht das Kopftuch stehe für eine geschlossene Gesellschaft, sondern das Neutralitätsgesetz.

Die RLS wird im kommenden Jahr den Dialog mit Kirchen und Religionsgemeinschaften fortsetzen. Und auch aus der Linkspartei kommen fortgesetzt positive Signale. So heißt es in einem aktuellen Positionspapier der vom Parteivorstand eingesetzten Kommission „Religionsgemeinschaften, Weltanschauungsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft“: Die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften seien konstitutiv für eine lebendige Demokratie. Sie in den privaten Raum abzudrängen würde die Zivilgesellschaft schwächen und ihnen verweigern, einen Beitrag zum demokratischen Diskurs einzubringen.

Erschienen am 22. November 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Schisma könnte sich ausweiten

Die Russische Orthodoxe Kirche und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel mit Sitz in Istanbul, dem in der Orthodoxie der Ehrenvorsitz zusteht, streiten sich um die Bildung einer unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine. Ein Gespräch dazu mit dem Ostkirchenkundler Reinhard Flogaus.

Herr Flogaus, wie konnte es zum Schisma zwischen den beiden Patriarchaten kommen?

Dr. Reinhard Flogaus vertritt als Privatdozent für Kirchengeschichte das Fach Konfessionskunde an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Mitglied der Theologischen Kommission der EKD für den Dialog mit dem Ökumenischen Patriarchat.

Nach der Ankündigung des Ökumenischen Patriarchats, Schritte zur Schaffung einer selbständigen orthodoxen Kirche in der Ukraine einzuleiten, beschloss die ROK am 14. September, die namentliche Nennung des Ökumenischen Patriarchen bei den gottesdienstlichen Fürbitten zu unterlassen, und untersagte bis auf weiteres die Konzelebration von russischen Geistlichen mit Geistlichen des Ökumenischen Patriarchats. Außerdem hat die ROK ihren Rückzug aus allen interorthodoxen und ökumenischen Gremien und Kommissionen erklärt, in denen Konstantinopel den Vorsitz oder stellvertretenden Vorsitz hat. Dies betrifft z.B. die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland, aber auch die theologischen Dialoge der Orthodoxen Kirchen mit dem Lutherischen Weltbund, den Katholiken oder den Anglikanern.
Am 11. Oktober hat dann das Ökumenische Patriarchat mit den beiden bislang unkanonischen, nach der Wende in der Ukraine entstandenen Kirchen, d.h. mit der „Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats“ und der „Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche“, Kirchengemeinschaft hergestellt. Die ROK, zu der die einzige bislang anerkannte „Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ gehört, hat daraufhin am 15. Oktober die Kirchengemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat aufgekündigt und den russischen Gläubigen den Sakramentsempfang in dessen Kirchen bei Strafe untersagt.

Wieso eskaliert die Situation gerade jetzt?

Der Wunsch nach kirchlicher Unabhängigkeit von Moskau hat in der Ukraine durch die russische Annexion der Krim und die von Russland unterstützte Abspaltung der Ostukraine deutlich zugenommen. Den Ausschlag gegeben haben der ukrainische Präsident und das ukrainische Parlament, welche im April 2018 den Ökumenischen Patriarchen gebeten haben, der Orthodoxie in der Ukraine die Autokephalie zu verleihen – also die organisatorische Selbständigkeit bei gleichzeitiger dogmatisch-kanonischer Einheit mit den anderen orthodoxen Kirchen Dieser Bitte haben sich inzwischen alle Bischöfe der beiden bisher unkanonischen Kirchen, aber auch einzelne Bischöfe der Kirche des Moskauer Patriarchats angeschlossen. Nach dem Scheitern der Versuche, mit Moskau zu einer einvernehmlichen Lösung für die Ukraine zu kommen, hat das Ökumenische Patriarchat sich nun zu einer unilateralen Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxen in der Ukraine entschlossen und damit Moskau brüskiert.

Was sind die Hintergründe dieses Streites?

Zum einen beansprucht die ROK auch nach dem Zerfall der Sowjetunion für praktisch deren gesamtes Territorium – abgesehen von Georgien – weiterhin die alleinige kirchliche Zuständigkeit. Dies trifft ganz besonders auf die Ukraine zu, war doch Kiew die Wiege der russischen Orthodoxie und für mehrere Jahrhunderte auch das kirchliche Zentrum des russischen Reiches. Andererseits beansprucht der Ökumenische Patriarch als orthodoxer Ersthierarch die Zuständigkeit für die weltweite orthodoxe Diaspora und für die Verleihung der Autokephalie. Im Falle der Ukraine beruft sich Konstantinopel zudem darauf, dass es selbst bis 1686 kirchlich für die Metropolie Kiew zuständig war. Die im Gefolge der russischen Eroberung der Ukraine erfolgte Übertragung dieser Zuständigkeit an Moskau sei mit der wiedererlangten staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine hinfällig. Deshalb habe das Ökumenische Patriarchat auch schon 1924 der Polnischen Orthodoxen Kirche, die kirchlich ursprünglich ebenfalls zu Kiew gehörte, die Autokephalie verliehen, was Moskau dann erst 1949 durch eine eigene Autokephalieerklärung anerkannt hat.

Wie wird es weitergehen?

Wenn der Plan des Ökumenischen Patriarchats aufgeht, wird es nach einer Vereinigungssynode tatsächlich zu einer selbständigen Ukrainischen Orthodoxen Kirche kommen, der dann wohl die Mehrheit der Orthodoxen angehören wird. Ich gehe aber davon aus, dass ein Teil der Gläubigen, insbesondere mit russischen Wurzeln, weiterhin dem Moskauer Patriarchat angehören will, so dass es statt derzeit drei künftig zwei orthodoxe Kirchen in der Ukraine geben wird.
Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass sich nach der Verleihung der Autokephalie das jetzige Schisma zwischen Konstantinopel und Moskau auch auf andere orthodoxe Kirchen ausdehnen wird und es zu einer Spaltung der Orthodoxie in zwei Lager kommt, zwischen denen keine Kirchengemeinschaft mehr besteht. Die jüngsten Äußerungen des serbischen Patriarchen Irinej scheinen dies nahezulegen. Diese Gefahr erfüllt mich mit großer Sorge.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2018.

November 1918: Die Revolution in Danzig

Von Tilman Asmus Fischer

Der Kieler Matrosenaufstand vom 3. November 1918 ist – neben den gewaltsamen Auseinandersetzungen der Folgemonate, vor allem in Berlin – zum Inbegriff der revolutionären Umbrüche geworden, die das Ende des Ersten Weltkrieges und den Übergang Deutschlands vom Kaiserreich zur Weimarer Republik begleiteten. Auch wenn heute Kiel, Berlin und vielleicht noch die Münchner Räterepublik das historische Bild der Matrosen- und Rätebewegung prägen: Auch Danzig war Ziel und Schauplatz des Umsturzes, der am Ende nicht in die Räterepublik, sondern in eine Demokratie führte.

Es scheint, als hätte sich die historische Forschung – weil die revolutionären Umtriebe in Danzig keine Dynamik entwickeln konnten, die derjenigen in den genannten Städten vergleichbar wäre – nicht sonderlich für die Tage des Umbruchs an der Motlau interessiert. Zwar sparen die stadtgeschichtlichen Monografien die Thematik nicht aus, um sich jedoch ein konkretes Bild von der Lage vor Ort machen zu können, ist es notwendig, sich „ad fontes“ – zu den Quellen – zu begeben. Ein solches Zeitdokument ist uns mit den noch 1918 im Verlag W. F. Burau in Danzig veröffentlichten Erinnerungen von Hauptmann a. D. Dr. Wilhelm Brönner, „Die Revolutionstage in Danzig“, überliefert. Sie umfassen den Zeitraum zwischen dem 3. und 18. November 1918 und vermögen uns noch heute einen Einblick in die Vorgänge auf Danzigs Straßen und die Stimmungslage in der Stadt zu gewähren.

Danzig im November 1918 – ein Überblick

Bevor wir auf die einzelnen Ereignisse blicken, die Brönner aus Danzig berichtete, ist es jedoch notwendig, sich einen Überblick über den historischen Gesamtzusammenhang zu verschaffen. Wie verlief die große Linie der Danziger Revolution?  Und warum blieb hier eine Gewalteskalation, anders als etwa in Berlin, aus? – Peter Oliver Loew erlaubt uns nachzuvollziehen, wie auch an der Motlau quasi über Nacht eine neue politische Epoche anbrach:

„Nur wenige Stunden nachdem der Kaiser abgedankt hatte, hielt die Revolution auch in Danzig Einzug. Am 10. November stürmten revolutionäre Matrosen Gefängnisse in der Stadt, und bei einer Großkundgebung auf dem Heumarkt verkündeten führende Sozialdemokraten die Ausrufung der Republik. Ein deutscher Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Macht in Danzig, auch ein polnischer Rat entstand. Die Garnison unterstellte sich den Räten und sorgte, gemeinsam mit der Bürgerwehr, für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Am 11. November legte ein Generalstreik die Stadt lahm.“

Dafür, dass die Revolution sich an der Motlau ohne sonderliche Radikalität oder Gewaltausschreitungen vollzog, lassen sich im Wesentlichen vier Erklärungen finden. Das von Loew ins Feld geführte erste Argument, die Danziger seien ob der angespannten Nahrungsmittelversorgung eher mit der Fürsorge für ihr Überleben als mit der Revolution befasst gewesen, mag vielleicht das schwächste sein: Sicher entbehrt es nicht jeder Plausibilität, jedoch muss in Rechnung gestellt werden, dass auch im weiteren revolutionären Deutschland ein Versorgungsnotstand herrschte. Zweitens erhielt die politische Linke nach dem ersten revolutionären Aufflammen wieder ernstzunehmende Konkurrenz: Angesichts der verlautbarten polnischen Ansprüche auf Danzig konnte die politische Rechte mit antipolnischen Positionen schnell Rückhalt in der Bevölkerung gewinnen. Drittens kann darüber spekuliert werden, wie sich die Geschichte vollzogen hätte, wenn nicht per preußischer Kabinettsorder vom 24. März 1865 die preußische Marinestation der Ostsee – also die oberste Kommandobehörde der preußischen Seestreitkräfte in der Ostsee – von Danzig nach Kiel verlegt worden wäre. Andernfalls, so kann angenommen werden, wäre Danzig in der Folge zentraler Standort der Marine des Norddeutschen Bundes und der Kaiserlichen Marine gewesen – und letztlich hätte die Stadt dann das historische Schicksal treffen können, das nun Kiel ereilte. Viertens und letztens ist es – wie Loew hervorhebt – Julius Gehl zuzurechnen, dass sich die Revolution in Danzig verhältnismäßig ruhig vollzog. Der gelernte Maurer leitete von 1912 bis 1919 als Bezirksparteisekretär und Vorsitzender den SPD-Bezirk Westpreußen mit Sitz in Danzig und verantwortete von 1917 bis 1918 als Redakteur die sozialdemokratische Zeitung „Danziger Volkswacht“. Hätte er nicht mäßigend auf die Entwicklungen eingewirkt, hätten sich die Umbrüche durchaus anders vollziehen können.

Autosuggestion:  Angst vor „roten Schiffen“

Und dies wäre genau genommen gar nicht so unwahrscheinlich gewesen. Denn auch in Danzig lässt sich ein Phänomen identifizieren, das Mark Jones in seinem 2017 erschienen Buch „Am Anfang war Gewalt“ über die Gründungsmonate der Weimarer Republik herausgearbeitet hat:  Autosuggestion. So fielen die ersten blutigen Schüsse in Kiel, weil sich unter den revolutionären Matrosen die Wahnvorstellung ausgebildet hatte, jederzeit mit Angriffen konterrevolutionärer Offiziere rechnen zu müssen;  ebenso resultierten die Forderungen nach staatlichen Gewaltmaßnahmen gegen die Spartakisten in Berlin aus dem Mythos einer russisch finanzierten Geheimarmee des Kommunistenführers Karl Liebknecht. Was Mark Jones für die großen revolutionären Ereignisse in Kiel, Berlin und München konstatiert hat, trifft – das zeigen die Erinnerungen von Brönner – auch auf die graduell weniger intensiven Entwicklungen in Danzig zu.

Hier scheint es ebenso wie dort vornehmlich eine unklare Informationslage – eine Mischung aus vermuteten Gefahren und bedrohlichen Gerüchten – gewesen zu sein, die das Stimmungsbild in der Stadt und ihrem Umland prägte. So mutmaßte man am 4. November, für Danzig drohe „die Gefahr einer englischen Flottenlandung oder eine Landung von Teilen der meuternden Flotte“:  „Die roten Schiffe konnten erscheinen, um auch in Danzig die revolutionäre Bewegung in Gang zu bringen;  sie konnten auch aus Mangel an Proviant in der Höhe Danzigs die Küste anlaufen. Man erfuhr bald von Landungen in Swinemünde und Stolpmünde. – Z. T. sollten es Fahrzeuge gewesen sein, die noch königstreu vor den Meuterern flüchteten.“ Entsprechend dem ambivalenten äußeren Bedrohungsszenario mutmaßte man zugleich rege über das Gefahrenpotenzial innerhalb der Stadtgrenzen:  „Von geheimnisvollen Versammlungen, von Zettel- und Flugblattverteilungen wurde gemunkelt. Ein Extrablatt erschien nach dem anderen.“

Eindrucksvoll verdeutlicht Brönners Notiz vom 8. November, wie sich durch das – letztlich nicht verifizierbare – äußere Bedrohungsszenario im Zusammenspiel mit Anzeichen innerer Unruhen die öffentliche Stimmung mehr und mehr zuspitzte :  „Zwei rote Schiffe sollen vor Hela liegen. Ist Fliegeraufklärung möglich?  Es lag dichter Nebel, die Marinenachrichtenstelle hat nichts gesehen. Die Revoltestimmung in Danziger Straßen wird stärker bemerkbar. Es knallt überall:  Halbwüchsige und Kinder werfen Schwärmer und andere Feuerwerkskörper. Frauen und Kinder erzählen in den Straßen, in dieser Nacht gehe es los. Väter und Brüder würden sich auf dem Bahnhof prügeln gehen. Wie schon in diesem Kriege denkt man wieder an Einpacken, an noch rasch zu erledigende wichtige Geschäfte, an Abreise, an Wegsendung von Frau und Kind.“ Interessant ist vor allem der Hinweis auf die Geräuschkulisse, die auf Schüsse und andere Ausschreitungen schließen lassen konnte. In anderen Städten waren es, wie Jones herausstellt, ebensolche akustischen Signale, die von einer der sich gegenüberstehenden Parteien – oftmals grundlos – als feindlicher Beschuss gedeutet wurden, so dass die Situation eskalierte und es in der Folge zu tatsächlichen Gewaltausschreitungen, teils auch mit Todesopfern, kam. Brönners Aufzeichnungen verdeutlichen, dass es neben den unmittelbar für Danzig erwarteten Entwicklungen immer wieder auch die Nachrichten aus Berlin und anderen Stätten der Revolution – sowie solche über die Verhandlungen mit den Alliierten – waren, die in Danzig wachsam verfolgt wurden und die Prognose über die eigene Situation mitbestimmten.

Revolution in geordneten Bahnen

Angesichts der Ungewissheit über die tatsächliche Bedrohungslage vollzogen sich die politischen und militärischen Entwicklungen im Danziger Gebiet folgendermaßen:  Um den 4. November wurden mehrere auswärtige Truppenteile zur Absicherung der Stadt nach Danzig verlegt. Dabei entschieden sich die politischen Verantwortungsträger – bei allen notwendigen militärischen Sicherheitsmaßnahmen – nicht für Gewalt als erstes Mittel. Vielmehr herrschte Besonnenheit, und man setzte für den Fall der Fälle primär auf Verhandlungen, sofern „die meuternden Matrosen bei der erwarteten Ankunft mit sich reden lassen“ würden. Bevor jedoch meuternde Matrosen in Danzig anlanden konnten, kamen einem solchen Unterfangen am 7. November – wie Brönner treffend anmerkt, dem „Jahrestag der russischen Revolution“ – die Arbeiter und Matrosen der Putziger Seefliegerschule zuvor. Deren Arbeiter- und Soldatenrat erklärte unmittelbar im Zusammenhang mit seiner Gründung, für die „Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung werde Sorge getragen“. Da auf Grundlage dieser Ankündigung offenbar ein Einvernehmen mit dem Kommando der Seefliegerschule hergestellt werden konnte, wurde von einem militärischen Eingreifen gegen die Meuterer abgesehen, und es kam zu keinen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Nichtsdestoweniger besetzten Matrosen aus Putzig den Bahnhof von Rheda.

„Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ in der „Danziger Volkswacht“ vom 9. November 1918. (Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung)

Zwei Tage später – am 9. November – kam auch in Danzig und seiner unmittelbaren Umgebung der Personenverkehr zum Erliegen. Dennoch:  Auch hier blieb es dank der Besonnenheit aller Parteien – vor allem wohl des bereits erwähnten Julius Gehl – ruhig. Dieser erklärte weitsichtig, dass „die Bewegung in Danzig ruhig verlaufen“ würde, wenn „nicht geschossen werde“ – zumal er ohnehin prognostizierte, dass beim Einsatz militärischer Mittel die Truppen den Gehorsam verweigern würden. Dies erwartete er auch für den Fall einer Landung von Schiffen meuternder Soldaten :  „Vielleicht würden die Küstenbatterien einige Schüsse abgeben, aber was mache das Kriegsschiffen aus, und sobald erst Landungen erfolgt seien, werde kein Widerstand mehr geleistet.“ Gehl scheint es nicht nur gelungen zu sein, derart präventiv dem Einsatz militärischer Mittel entgegengewirkt zu haben. Vielmehr kam es am 9. November auch zu wegweisenden Einigungen zwischen den entscheidenden Akteuren in der Stadt: den Mehrheitssozialisten – also der SPD –, den „Unabhängigen“ – also der radikaleren USPD, die sich während des Krieges von ihrer Mutterpartei abgespalten hatte – und der städtischen Verwaltung. Nach einer gemeinsamen Sitzung von SPD und USPD traten um neun Uhr im Stadtverordnetensaal Vertreter der Sozialisten und der Behörden – „Oberpräsident, Regierungspräsident, Polizeipräsident, Bürgermeister, Stadträte, Kommandierender General, Kommandantur, Kriegsamtsstelle“ – zusammen. Das Ergebnis dieser Besprechung kann gewissermaßen als Einigung auf eine ‚Revolution in geordneten Bahnen‘ bezeichnet werden: „Große Versammlung zur Ausrufung der Republik soll Sonntag [also am nachfolgenden Tage], Generalstreik Montag stattfinden. […] Im gleichen Maße, wie Parteileitung ruhigen Verlauf gewährleisten könne, wollen Behörden vom Eingreifen ihrerseits absehen. […] Kommandierender General und Oberpräsident bitten Bevölkerung Danzigs, Bürger und Soldaten, Ruhe zu behalten und zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung jeder nach Kräften mitzuwirken.“ Von ebendiesem Geist war auch ein „Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ geprägt, der am gleichen Tag in Gehls „Danziger Volkswacht“ erschien.

Nur wenige Stunden nach der Sitzung war es eine Nachricht aus Berlin, die um 15 Uhr die Danziger Extrablatt-Leser erreichte und zunächst Ruhe und Ordnung in Frage zu stellen schien:  Der Kaiser hat abgedankt! – „In Kasernen fängt tumultartiges Treiben an. Absetzung von Vorgesetzten wird gefordert.“ Als erstes wählt das Infanterie-Regiment 128 einen Soldatenrat, andere wie die 5. Grenadiere folgen. Zu einer Eskalation der Lage kommt es jedoch auch nach dieser Entwicklung nicht – vielmehr erklären die Einheiten gegenüber der SPD-Parteiführung, sie stünden „zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zur Verfügung“. Und dies scheint am 9. November – dem Tag des Endes der Monarchie – dann auch gelungen zu sein. So ist die einzige Begebenheit, die Brönner über den Abend dieses geschichtsträchtigen Tages berichtet, eher anekdotischer Natur:  „Kurz nach Mitternacht treffe torkelnden Betrunkenen auf Dominikswall. Brüllt singend:  Freiheit, Freiheit, keine Mauern, kein Zuchthaus, frei muß der Mensch sein, und unterbricht sich drohend zu einem Passanten: Verfolgst du mir, was! Du willst mir wohl verfolgen? Passant weicht wortlos aus.“

Großkundgebung und Gefängnisstürmungen

Einige Stunden vor Beginn der für Sonntag, den 10. November, geplanten Großkundgebung, um 9.30 Uhr, traf in Danzig ein Zug aus Richtung Dirschau ein. Seine Insassen, 150 Zivilisten und Militärangehörige, gaben sich als Danziger auf dem Weg zu ihren Angehörigen in der Stadt aus. Nichts Böses ahnend, ließ man sie gewähren. Tatsächlich handelte es sich jedoch um – größtenteils aus Gefängnissen befreite – Bolschewisten, die nun eine regelrechte Welle von Gefängniserstürmungen in Danzig auslösten. Ziel waren die Militärarrestanstalten I und II in der Elisabethkirchengasse bzw. am Schlüsseldamm, das Festungsgefängnis am Nonnenhof, die Nebenarrestanstalt Schießstange sowie das Gefangenenlager Troyl. Überall waren die Gefängnisstürmer erfolgreich – wobei neben politischen Häftlingen und arrestierten Soldaten zudem tatsächliche Straftäter befreit wurden. Wenn die Erstürmungen auch unter Androhung von Waffengewalt erfolgten und von Plünderungen begleitet waren, kam es zu keinen ernstlichen Schusswechseln oder gar Todesopfern. Das gleiche gilt für revolutionäre Ausschreitungen auf den Straßen, die Brönner gleichwohl eindringlich beschreibt:

„In den Hauptverkehrsadern setzt zwischen 9 und 10 Uhr eine Jagd auf Soldaten ein, die noch Kokarden, Abzeichen auf der Schulter, Seitengewehre tragen. Es kommt zu Wortwechseln und Gestikulationen, nicht zu Blutvergießen, soweit bekannt geworden. Auch Offiziere werden erst recht nicht geschont. […] Auch über uniformierte Polizeibeamte […] geht es her. Wo einer angehalten wird, bildet sich im Augenblick ein Menschenknäuel, bald rechts, bald links vom Fahrdamm. Im Laufschritt eilen die ersten Straßengänger zu, wie die Eisenspäne zum Magneten. Ueberall auf dem Pflaster Kokarden und abgeschnittene Schulterklappen.“

Eingedenk der Entwicklungen, welche die Revolution etwa in Berlin nahm, ist es bemerkenswert, dass die Situation in Danzig bei solchen Szenen in den Straßen nicht weiter eskalierte. Entsprechend friedlich konnte schließlich auch die Versammlung auf dem Heumarkt verlaufen: Es wurden Reden gehalten, die rote Fahne gehisst und ein dreifaches Hoch auf die Republik ausgerufen. Die Stimmung der schätzungsweise 15.000 Anwesenden beschreibt Brönner als ekstatisch. Auch in den folgenden Stunden blieb die Stimmung gehoben: „Wohin man kommt, in den Straßen kichernde Weiber, kecke Burschen, Schreien, Johlen, Grammophonlärm aus den Häusern, die Straßenbahnen mit brechender Überfracht auf Trittbrettern und Puffern. Noch immer ist Krieg, noch immer rast an der Front das mordende Feuer; daran denkt niemand.“ Die Feierlichkeiten hielten auch noch an, nachdem um drei Uhr die Waffenstillstandbedingungen bekannt wurden. Trotz des ansonsten friedlichen Verlaufes kam es am Abend und an den Folgetagen durchaus auch zu Einbrüchen und Plünderungen. Diese vermehrten sich im Laufe von zwei Wochen derart, dass es zu einer Reihe von Verhaftungen und seitens der Behörden zur Androhung der Todesstrafe kam.

Innere Ordnung und äußere Konflikte

Auf dezidierten Wunsch des Sozialdemokraten Gehl blieben die bisherigen Behördenspitzen auch nach Ausrufung der Republik im Amt – von den Revolutionären wurde die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung garantiert. Planmäßig verlief am 11. November der Generalstreik, an dem sich neben den Arbeitern auch die Soldaten beteiligten. Ab dem 13. November zeigte die Polizei – im Auftrag der Räte – wieder vermehrt Präsenz auf den Straßen. Jedoch:  Bereits ab dem 12. November erreichten die Kommandantur und Soldatenräte besorgniserregende Mitteilungen aus dem Umland:  „Am Mittag wird Hilfe gegen die Polen im Kreise Karthaus erbeten, die die Lieferung von Lebensmitteln verweigern und sich zusammenrotten […]. Nachrichten laufen ein, daß auf dem Lande auch die Förster entwaffnet und von den Polen bedroht werden. Selbständigkeitsdrang überall, alles will aus den Fugen.“

Hier kündigt sich an, was in den folgenden Monaten und Jahren das Schicksal Westpreußens prägen sollte: der – zumal durch die Germanisierungspolitik der vorangegangenen Jahrzehnte geschürte – deutsch-polnische Nationalitätenkonflikt, der unter dem Vorzeichen des 14-Punkte-Programms des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson für Danzig die Gründung der ‚ungeliebten‘ Freien Stadt bedeutete. Ahnten Brönner und seine Zeitgenossen dies bereits? Mit dem 18. November schließt sein Bericht: „Aus Berlin kommt das Schlagwort vom Null-Stundentag, aus Schlesien und Posen die Meldung von bevorstehenden Angriffen auf deutsches Staatsgebiet und der Entsendung deutscher Abwehrtruppen, und man erinnert sich des stolzen Evangeliums der jungen Republik: Friede, Freiheit, Arbeit, Brot!“

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2018.

„Wir nutzen die Liturgie“

Bischof Clemens Pickel von Saratow, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz in Russland, über die praktische Seite der Neuevangelisation in Russland.

Von Tilman A. Fischer

Herr Bischof, Neuevangelisierung – was bedeutet das für die katholische Kirche in einem Land, das mehr und mehr die Orthodoxie für sich wiederentdeckt?

Neuevangelisierung hat etwas Anrüchiges an sich für Menschen in Russland. Dort lebt man in dem Verständnis, Russland sei immer orthodox gewesen – also schon eintausend Jahre. Dass da dieses Vakuum des Kommunismus war, wird zwar irgendwie registriert, aber im Grunde ist die Idee einer Neuevangelisierung, wie sie die katholische Kirche immer wieder will, den Leuten in Russland unverständlich.

Was meinen demgegenüber die Angehörigen der katholischen Diaspora selbst hierzu?

Die Katholiken, die im Kommunismus ausgehalten haben, sagen: Natürlich muss man neu anfangen! Die alten wolgadeutschen Großmütter, die den Glauben noch an die Enkel weitergegeben haben, waren vor 25 Jahren – als sich Russland öffnete – am Ende. Es war eine Sternstunde, dass die katholische Kirche ihnen noch zur Hilfe kommen konnte bevor der glimmende Docht ganz ausgelöscht war. Das waren einzelne Familien, die geheim noch gebetet haben. Sie verstanden und verstehen, dass die junge Generation jetzt ein Fundament braucht: Katechismus, Glaubenswissen. Es reicht heute nicht mehr aus, zu sagen, am Sonntag geht man in die Kirche. Da macht kein Jugendlicher mehr mit.

Wie konnte und kann ein Neuanfang gelingen?

Die Neuevangelisierung passiert praktisch durch Verkündigung – durch Katechese und Predigt. Natürlich nur für die Leute, die zur Kirche kommen. Aber: Menschen in Russland, die Gott suchen, kommen zur Liturgie, zur Eucharistie. Kirche ist für sie in der Hauptsache Liturgie. Das heißt, wir nutzen die Liturgie durch die in sie eingebettete Predigt zur Evangelisierung. Ich habe in meinem Bistum, so lange ich Bischof bin, allen Priestern immer wieder gesagt: „Bitte jeden Tag predigen, auch wenn nur kurz, aber eine kleine Predigt soll sein.“ Das ist unser Angebot: Den Leuten zu helfen, nicht nur zu beten und durch die Liturgie spirituell zu wachsen, sondern auch geistig durch eine sachliche und klare Predigt.

Gibt es darüber hinaus denn für Ihr Bistum so etwas wie einen „Masterplan“ für die Neuevangelisierung?

Ich habe keine riesigen Konzepte – was man sich in Deutschland immer wieder wünscht. Wenn uns ein Hilfswerk unterstützt, möchte es am liebsten wissen: Was bringt das? In drei Jahren, fünf Jahren? Wie wird es dann bei Ihnen aussehen? Wer wird das Projekt weiterfinanzieren? Gibt es Multiplikatoren? – So funktioniert das in Russland nicht. Einen Plan machen, ist das eine, die Realität ist das andere. Das kommt im religiösen, kirchlichen Bereich daher, dass über drei Generationen organisatorisch nichts da war. Die Leute wollen wirklich, glauben, beten, sind eifrig – kommen, wenn möglich, jeden Tag zur Kirche. Aber dann irgendwann nach zwei, drei Jahren oder fünf Jahren kommt bei einigen plötzlich ein Bruch und wir verlieren sie wieder – teils Menschen, die selbst Wortgottesdienste halten und in der Katechese mitdiskutieren konnten.

Wie müssen wir uns das unter diesen Bedingungen gewachsene Leben in Ihrem Bistum und seinen Gemeinden vorstellen?

Unsere Gemeinden sind ganz klein. Im gesamten Bistum haben wir 20 000 Katholiken und das Bistum ist viermal so groß wie Deutschland. Da kann man natürlich staunen, dass wir trotzdem 40 Priester haben – aber so mancher Priester fährt im Jahr 50 000 Kilometer mit dem Auto, um seine Leute zu besuchen. Dafür sind die Gemeinden aber lebendig: nicht im Sinne von überaktiv – heute dies, morgen das. Lebendig im Sinne davon, dass Leben und Lieben zusammengehören. Wenn jemand nicht zum Gottesdienst kommt, fällt das auf und man kümmert sich umeinander. Das ist gelebte Nächstenliebe – dafür brauchen wir nicht erst ein Caritas-Büro zu gründen.

Ist Ihr Motto also: Evangelisation durch gelebte Gemeinschaft statt Großveranstaltungen?

Wir organisieren schon auch Großveranstaltungen – vor allem für Jugendliche: Dekanatsjugendtage, Diözesanjugendtage, ein gesamtrussisches Jugendtreffen alle drei Jahre. Aber der Akzent liegt tatsächlich mehr auf dem alltäglichen Miteinander: natürlich Christ zu sein, nicht nach einem Lehrbuch. Evangelisierung funktioniert nicht dadurch, andere als Zielgruppe zu fokussieren, sondern dadurch, an sich selbst zu arbeiten. Wenn ich mir selbst Mühe gebe, ein guter Christ zu sein und ein besserer als noch gestern, helfe ich anderen viel mehr als mit Lehrbüchern und Programmen.

Wenn Sie doch an die Öffentlichkeit treten: Wie reagiert die orthodoxe Seite?

Wir sind in der Öffentlichkeit kaum gefragt – beziehungsweise sind wir nach russischem Verständnis ein Fremdkörper, werden oft als „römische“ Auslandskirche betrachtet. Das sind Assoziationen, die bei vielen Russen tief drinstecken – bis hin zu Äußerungen wie: „Wir sind Christen, Ihr seid katholisch.“

Wie stellt sich der Staat vor diesem Hintergrund in kirchenpolitischen Fragen?

Der russische Staat ist ein säkularer Staat und die orthodoxe Kirche eine – freilich die größte – unter mehreren Kirchen. Es gibt so manche Gesetze, die sehen bedrohlich aus. So ist es – ohne einen kirchlichen Dienstausweis – verboten, in ein Dorf zu fahren und in einer Privatwohnung Katechese zu halten. Vergleichbare Gesetze gibt es in letzter Zeit verstärkt. Aber insgesamt ist das nicht die russische Politik: Dort sind wir als katholische Kirche anerkannt, staatlich registriert und die diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan bestehen auf bester Ebene. Wir sind als katholische Kirche nicht die Bösen, die Verdächtigen – naja, verdächtig für manche schon, aber wer wie ich in der DDR geboren wurde, der kennt das. Damit kann man leben.

Erschienen am 20. September 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

„Streit darf hart sein“

Prof. Dr. Lars Castellucci, der dem Deutschen Bundestag seit 2013 angehört, ist seit wenigen Wochen Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion. Im Interview spricht der evangelische Politiker über persönliche Überzeugungen und aktuelle religionspolitische Herausforderungen.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Castellucci, was bedeutet es für Sie, als Christ in der Politik, in der SPD tätig zu sein?

Das passt für mich wunderbar zusammen. Ich finde, dass sich die Werte, die ich als Heranwachsender durch ein christliches Elternhaus mitbekommen habe, und das, was mir später politisch wichtig wurde – Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – gegenseitig stärken.

Was heißt das konkret für Ihre politische Positionsbestimmung?

Das erste, was mich antreibt, ist das christliche Menschenbild – um die theologische Metapher zu bemühen: die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Der erste Artikel des Grundgesetzes speist sich für mich direkt aus den Werten, die wir nicht erst mit der Aufklärung bei uns eingepflanzt haben. Das ist für mich vielmehr eine christliche Prägung, den Menschen erst einmal als gleichwürdig zu betrachten – unabhängig davon, wo er herkommt, was er kann und so weiter. Aus dieser Haltung heraus will ich Politik machen.

Ein zentrales Thema ist für Sie die Asyl- und Flüchtlingspolitik – auch als Mitglied in der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wie erleben Sie die öffentliche Diskussion über diese Themen im Alltag?

Ich frage bei meinen Veranstaltungen zum Thema Flüchtlinge immer: „Ist hier jemand gegen Flüchtlinge?“ – Dann meldet sich keiner. Und das halte ich für ein Problem. Ich hätte gerne Leute da, die auch kritisch fragen und die Probleme, die sie haben, frei artikulieren. In der Kirche sehe ich manchmal auch, dass oben von „den Fremden, die in deinen Toren wohnen“ (5. Mose 16) gepredigt wird und unten die Leute hin und her rutschen und das zum Teil gar nicht mehr hören können. Der Raum ist nicht unbedingt da, das einmal miteinander zu klären: Was für Verletzungen, Erfahrungen und Ängste sind da bei den Menschen?

Wie können Politik und Kirchen hier gegensteuern? – Gerade angesichts des wachsenden Zulaufs, den rechtspopulistische Positionen erfahren.

Wir müssen unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch bringen und nicht immer nur Gesprächskreise pflegen, die sich ohnehin schon verstehen. Denn das ist es, woran es in diesem Lande in erster Linie mangelt: an Miteinander, an Gespräch zu den relevanten Themen über Milieugrenzen und Konfessionen hinweg. Wenn Streit immer als etwas Schlechtes angesehen wird, hat man nicht verstanden, dass der Streit in einer liberalen Demokratie notwendig ist. Er muss gut geführt werden, darf nicht persönlich werden – aber in der Sache kann und darf er hart sein.

In Ihrem neuen Amt sind Sie nun besonders mit Fragen des Religionsverfassungsrechts befasst. Wo sehen Sie hier die zentralen Herausforderungen?

Ganz grundsätzlich sehe ich keine Bedarfe für größere Umwälzungen. Was es braucht, ist immer wieder eine gesellschaftliche Verständigung: Wo sehen wir Probleme? Wo wünschen wir uns Veränderungen?

Was kann das konkret bedeuten?

Wie sieht es etwa mit Religionsunterricht in den Schulen aus? Da gibt es eine bunte Vielfalt an Modellen in den unterschiedlichen Bundesländern, die immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden müssen. – Muss man langsam nachziehen, wo es um die Besetzung von Rundfunkräten geht? Dort sitzen einzelne gesellschaftliche Gruppen, die seinerzeit hineingenommen wurden, heute aber deutlich weniger Menschen vertreten. Hier gilt es, die heutige gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. – Aber das ist für mich alles ein Prozess. Auf diese Fragen wird man kontinuierlich schauen und miteinander Lösungen aushandeln müssen.

Blicken wir abschließend konkret auf die islamischen Religionsgemeinschaften: Welche Perspektiven sehen Sie für deren Integration – speziell ihre Etablierung als Körperschaft des öffentlichen Rechts?

Ich verstehe das Anliegen, es ist wahrscheinlich auch ein kluges, denn so können wir Rechte und Pflichten gegenseitig festlegen. Aber es stellt sich doch die Frage: Wer spricht eigentlich für wen? Die Vielfalt auf der Seite des Islam ist so groß, dass ich im Moment nicht durchsteigen würde, wem ich da mehr Kompetenzen in die Hand gebe – mit wem ich da verhandeln würde und mit wem nicht. Mit Leuten, die an Ankara hängen, schon mal gleich gar nicht. Aber mit anderen, die nur 20.000 Leute vertreten, auch nicht. Da muss sich noch einiges sortieren, bevor wir in dieser Richtung weiterkommen.

In ähnlicher Form erschienen am 24. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen

Eine Wanderausstellung erinnert an das Zeugnis von Franz Stock.

Von Tilman Asmus Fischer

Warum erinnert eine evangelische Innenstadtkirche in Berlin an das Zeugnis eines katholischen Priesters in der Zeit des Nationalismus? So zeigt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche bis zum 29. April eine vom Franz-Stock-Komitee Deutschland kuratierte Wanderausstellung über „Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“.

Es war im Sommer 2014, als Pfarrer Martin Germer kunsthistorische Recherchen über die Geschichte der Fassade der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nach Chartres führten. Dort hatte der Glasmaler Gabriel Loire die Fenster der Glaswände geschaffen, die das Erscheinungsbild der neuen Gedächtniskirche prägen. In Chartres wurde Germer auf das Wirken des Paderborner Diözesanpriesters Franz Stock aufmerksam, der von 1945 bis 1947 in einem Kriegsgefangenenlager nahe Chartres ein „Priesterseminar hinter Stacheldraht“ leitete, in dem etwa 900 deutsche Kriegsgefangene von deutschen und französischen Theologen unterrichtet wurden. „Schon damals war mir klar: Hierzu müssen wir in Berlin etwas machen“, erinnert er sich.

Für die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die der Nagelkreuz-Gemeinschaft von Coventry angehört, ist Stock über seine Zeit in Chartres hinaus von Bedeutung, hebt Germer hervor. Denn bereits seit den 1920er Jahren war Stock – entgegen den Zeichen der Zeit – für Brüderlichkeit zwischen Deutschen und Franzosen eingetreten. Initial für dieses Engagement war die Teilnahme an einem internationalen Jugendtreffen für den Frieden 1926 in Frankreich. Gerade ein Jahr nach der nationalsozialistischen Macht-übernahme war er als geistlicher Leiter der deutschen Gemeinde nach Paris entsandt worden. Dort intensivierte er nicht nur seine Kontakte zu Frankreich, sondern nahm sich auch der deutschen Dissidenten an, die nach Frankreich geflohen waren. Nachdem er kriegsbedingt hatte nach Deutschland zurückkehren müssen, konnte Stock nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht in seine Gemeinde zurückkehren. Zusätzlich wurde er Feldprediger im Nebenamt.

Die Zugehörigkeit zur katholischen Militärseelsorge ermöglichte es ihm, in den Gefängnissen der Wehrmacht inhaftierte Geiseln und Resistance-Kämpfer seelsorgerlich und – unter Inkaufnahme eines enormen persönlichen Risikos – auch praktisch zu unterstützen. Sein Dienst an den Gefangenen beinhaltete auch, fast Tausend von ihnen bis zu ihrer Hinrichtung zu begleiten. „Die Seelsorge an den vielen, die er in den Tod begleitete, geht über das hinaus, was Menschen leisten können“, sagt Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin. Eine Seligsprechung, wie sie seit 2009 vom Erzbistum Paderborn, dem Heimatbistum Stocks, angestrebt wird, würde „diesen Dienst ebenso ehren, wie seinen Einsatz für das ,Priesterseminar hinter Stacheldraht‘.“

An die Lebensstationen von Franz Stock erinnern in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun einzelne – reich bebilderte – Schautafeln. Ergänzt werden sie in Berlin durch weitere Ausstellungsstücke, die neben der Zeit Stocks als Feldgeistlicher auch sein künstlerisches und literarisches Schaffen beleuchten. So beteiligt sich das Archiv des Katholischen Militärbischofs in Berlin mit einzelnen Ausstellungsstücken, die an den Arbeitsalltag der Militärseelsorger erinnern – darunter etwa liturgische Gegenstände aus einem „Feldtornister der Wehrmacht für Feldseelsorge“.

Über dem Altar der Kapelle ist während der Zeit der Ausstellung eine von Stock gemalte Pieta zu sehen, welche die Szene der Kreuzabnahme in ein Gefangenenlager verlegt. Sind im Hintergrund die Türme der Kathedrale von Chartres zu erkennen, erinnert der Stamm des Kreuzes erschreckend an die Pfähle, an denen die von Stock betreuten Häftlinge zur Zeit der Besatzung erschossen worden waren. Weitere Repliken von Gemälden Stocks vermitteln einen Eindruck von den Empfindungen – und der festen Glaubenstreue – des Geistlichen. Zwei Originalausgaben erinnern ferner daran, dass Stock nicht nur als Priester zwischen Deutschen und Franzosen vermittelte. Vielmehr verfasste und veröffentlichte er auch einschlägige Schriften – neben dem selbstillustrierten Buch „Die Bretagne. Ein Erlebnis“ auch eine historische Abhandlung über „Die ersten deutschen Buchdrucker in Paris um 1500“.

Lutz Nehk ist der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche „sehr dankbar, dass sie die Ausstellung nach Berlin geholt hat“. Zwar genieße die Person Franz Stock im deutschsprachigen Katholizismus eine hohe Bekanntheit, anders als im Erzbistum Paderborn gebe es in Berlin jedoch keine eigene Tradition des Stock-Gedenkens: „Daher hatten wir katholischerseits in Berlin die Ausstellung überhaupt nicht im Blick.“ Jedoch sei es eine große Bereicherung, das Leben von Franz Stock vorgestellt zu bekommen – das Leben eines Menschen, der „in Zeiten deutscher Verbrechen viel Gutes getan hat“.

Daher erkennt Nehk in Stocks Zeugnis ein „Signal für unsere Zeit“: Auch wenn heutige Lebenssituationen nicht mit denjenigen im Nationalsozialismus vergleichbar seien, bestehe auch heute für Christen der Auftrag, sich in allen Lagen für ihre Nächsten einzusetzen – „hierin ist Franz Stock Vorbild und Ermutigung“.

„Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“, Bis 29. April 2018, Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz, Berlin-Charlottenburg), täglich 13–19 Uhr.
Weitere Informationen – auch über Begleitveranstaltungen und Führungen unter: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de

Erschienen am 12. April 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Heimat – Identität – Glaube

Hartmut Koschyk legt Rechenschaft ab – und die ungarische Botschaft lud in Berlin zur Buchvorstellung

Nach 27-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag hat Hartmut Koschyk im vergangenen Jahr seine hauptamtliche Tätigkeit in der Bundespolitik beendet. Aus diesem Anlass hat der CSU-Politiker ganz persönlich Rechenschaft abgelegt: über sein Wirken in den vergangenen Jahrzehnten – sowie über Grundfragen und leitende Motive dieses Engagements.

Hartmut Koschyk bei der Buchvorstellung in Berlin
(Foto: Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland)

„Heimat – Identität – Glaube“ – unter diese drei Begriffe hat Koschyk sein frisch erschienenes Buch gestellt, das am 29. Januar auf Einladung von Botschafter Dr. Peter Györkös in der Ungarischen Botschaft in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auf 464 Seiten bietet die Monographie mehr als einen grundlegenden Beitrag über „Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“, wie es der Untertitel ankündigt; vielmehr formuliert Hartmut Koschyk aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in der Vertriebenen-, Aussiedler- und Volksgruppenpolitik zugleich weiter ausgreifende Grundeinsichten in die Struktur des politischen Raums und legt ein Bekenntnis ab für eine wertegebundene Politik, die sich den drei Leitbegriffen des Buchtitels verpflichtet sieht.

Dabei „schimmert“ zudem „die Liebe zu den Menschen“ durch, denen Koschyks Engagement – wie der reformierte Theologe und ungarische Minister für Humanressourcen Zoltán Balog in seiner Festrede erklärte – stets gegolten hat. Und so erscheint es nur angemessen, dass drei Repräsentanten der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in die ungarische Botschaft gekommen waren, um den Autor und sein Buch zu würdigen: der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, sowie der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida.

Alle Redner hoben aus der je eigenen Perspektive die zentrale Bedeutung des Glaubens im Zusammenhang mit „Heimat“ und „Identität“ hervor: In der Nachkriegszeit, so hielt etwa der studierte katholische Theologe Bernard Gaida fest, habe der Glaube geholfen, „Leid zu ertragen“, während er heute den Weg zur Aussöhnung eröffne. Bernd Posselt warnte eindringlich vor der Gefahr, dass Glaube lediglich zur „Requisite der Identität werde“; demgegenüber gehe der Glaube nicht in Traditionspflege auf, sondern müsse Salz und Sauerteig Europas bleiben. So könne etwa das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, als nachhaltige Begründung für den Minderheitenschutz gelesen werden.

Hartmut Koschyk selbst nutzte seine abschließenden Dankesworte, um drei konkrete Forderungen für die Weiterentwicklung der Minderheitenpolitik zu formulieren: Während er die angehenden Koalitionsfraktionen an das Versprechen erinnerte, ein Expertengremium für Fragen des Antiziganismus zu schaffen, forderte er die anwesenden Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Europäischen Bürgerinitiative „Minority SafePack“ auf. Für die zukünftige Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten regte er schließlich an, diesen Aufgabenbereich „inhaltlich und organisatorisch“ noch zu erweitern.

Tilman Asmus Fischer

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik. EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2018. Paperback, 464 S., ISBN 978-3-8306-7881-6, € 19,95.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.