Das Jahrhundert der Kriege

Gregor Schöllgen analysiert die Weltgeschichte der vergangenen einhundert Jahre

In diesen Tagen wird jener Ereignisse gedacht, die als „Oktoberrevolution“ in das globale Gedächtnis eingegangen sind. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt. Seither hat es keinen universellen Frieden mehr gegeben“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem neuen Buch „Krieg“. Was dies für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutete – und bis in die gegenwärtigen Konflikte hinein, etwa in Syrien, bedeutet –, zeichnet der Erlanger Historiker auf knapp 350 Seiten nach.

Eingedenk unterschiedlicher Bücher vergleichbaren Umfangs, die im Vorfeld des Gedenkjahres 2018 erschienen sind und sich mit der historiografischen Erfassung des Ersten Weltkrieges begnügen, steht die Herausforderung klar vor Augen, die Schöllgens Vorhaben darstellt: eben einhundert Jahre Weltgeschichte zu erzählen. Damit erfasst er nicht nur politisch-militärische Dynamiken innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, sondern nimmt zugleich miteinander korrespondierende Entwicklungen in nahezu allen Erdteilen in den Blick.

Dies gelingt ihm, indem er einen chronologischen mit einem phänomenologischen Ansatz verschränkt: So nimmt jedes Kapitel seinen Ausgangspunkt in einem der kriegerischen Konflikte des 20. (und frühen 21.) Jahrhunderts, stellt dabei jedoch je ein spezifisches Phänomen heraus, dessen Wirksamkeit im weiteren Verlauf des Jahrhunderts aufgezeigt wird. Indem Schöllgen so von Kapitel zu Kapitel einzelne Aspekte des Krieges analysiert, schreitet er zugleich im historischen Verlauf voran.

Steht das erste Kapitel zur Oktoberrevolution unter dem Titel „Putsch“, kommt mit den Auseinandersetzungen der Jahre zwischen den Weltkriegen die „ethnische Säuberung“ in den Blick. Späterhin wird mit dem Bombenabwurf von Hiroshima der „Blitz“ und mit ihm die drohende atomare Vernichtung als sicherheitspolitischer Faktor eingeführt und anhand der anhaltenden Auseinandersetzungen um den Osten der Ukraine zuletzt der Aspekt der „Annexion“ fokussiert. So ist besonders aktuell die Analyse der russischen Besetzung der Krim, deren Ursachen Schöllgen aus der wechselvollen Geschichte beider beteiligter Länder herleitet. Dazwischen erhalten „Revision“, „Vernichtung“, „Teilung“ und „Intervention“ ebenso Aufmerksamkeit wie „Guerilla“, „Prävention“ und „Mord“ oder „Terror“, „Flucht“ und „Raub“.

Das von Schöllgen gewählte Konzept bewährt sich hervorragend, indem es den Blick auf wesentliche Entwicklungslinien der komplexen globalen Entwicklungen lenkt und so dem Leser ermöglicht, einen fundierten Überblick über die Ereignisgeschichte des Krieges im 20. Jahrhundert zu erlangen. Dabei funktionieren die vom Autor gewählten Phänomene als Gliederungselement, bleiben jedoch auch meist auf diese Funktion beschränkt. In der Regel werden sie selbst nicht zum Reflexionsgegenstand erhoben und auf einer allgemeinen Ebene diskutiert. Zumindest bietet jedoch der implizite Nachvollzug der Wandlung einzelner Phänomene im Zuge der historischen Entwicklungen interessante Ansätze hierzu. Problematisch erweist sich auch, dass Schöllgen seine Wahl der Phänomene nicht herleitet und begründet. Infolgedessen bleibt etwa das Phänomen „Mord“ für sich relativ blass – während man sich fragt, warum etwa „failing states“ kein eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Was Schöllgen in jedem Fall deutlich herausarbeitet, sind die politischen Dynamiken – vor allem in der jahrzehntelangen Ost-West-Konfrontation –, die latente Bedrohungssituationen erzeugten, militärische Konflikte provozierten, jedoch auch Phasen der Entspannung und friedlichen Konfliktbearbeitung eröffneten. Hier ist Schöllgen, der Mitherausgeber der Akten des Auswärtigen Amtes, ganz in seinem Metier und lässt den Leser an seinen klaren und nüchternen Analysen teilhaben. Diese erscheinen auch deshalb besonders aufschlussreich, da er es vermeidet – gerade in der Auseinandersetzung mit dem sowjetisch-amerikanischen Gegensatz –, sich auf eine Seite der Konfliktparteien zu schlagen und eine ideologisierte Geschichtsdeutung zu betreiben.

Gleichfalls nüchtern – wenn auch streitbar – ist Schöllgens abschließende Bilanz: In hellsichtiger Weise führt er die einzelnen Fäden des Buches zusammen, reflektiert sie in der Gesamtschau und wirft, einhergehend mit deutlicher Kritik an den bestehenden supranationalen Strukturen, grundsätzliche Fragen von aktueller Brisanz auf: Welche Aufmerksamkeit soll – bisher „weitgehend ausgeblendeten“ – nicht militärischen Gefahren für die internationale Sicherheit zukommen? Wird es lediglich dabei bleiben, dass Krieg – auch in Europa – inzwischen „als Mittel der Konfliktlösung wieder denkbar“ geworden ist? Welche Reformen sind nötig, sollten sich, wie Schöllgen zuspitzt, sämtliche „Systeme kollektiver Sicherheit überlebt“ haben? Wie kann und soll sich die Europäische Union in diesem Kontext zukünftig aufstellen?

Hinter den profunden Analysen des gesamten Buches, die ihren Schwerpunkt im Bereich der politischen Geschichte haben, stehen anthropologische und sozialgeschichtliche Aspekte deutlich zurück. Diese zu berücksichtigen, wäre, ohne den Umfang zu sprengen, wohl nur bei einer Fokussierung auf einzelne Fallbeispiele zulasten der Gesamtdarstellung möglich gewesen. Daher bleibt die – nichtsdestotrotz spannende – „Weltgeschichte“, die Schöllgen anbietet, eine vornehmlich und dezidiert politische. Fragen danach, wie die Kriege der letzten 100 Jahre Gesellschaften, Alltagsleben und Mentalitäten verändert und geprägt haben, kommen nicht in den Blick. Hier bleibt der Leser auf andere einschlägige Werke, wie etwa Jörg Baberowskis „Räume der Gewalt“ von 2015, verwiesen.

Tilman Asmus Fischer

Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. DVA (Deutsche Verlags-Anstalt), München 2017. 368 S. m. 14 Abb., 24 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 20. Dezember 2017.

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Das Danziger Weltkriegsmuseum – im Spiegel der Debatte

Historiografische und museologische Differenzierungen im deutschen Sprachraum

Selten erhalten kultur- bzw. geschichtspolitische Zerwürfnisse eine derartig große mediale Aufmerksamkeit, wie sie im Falle der anhaltenden Auseinandersetzung um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig zu verzeichnen ist. Dabei sind zwar – anders als bei der Debatte um die
„Wehrmachtsausstellung“ – nicht sonderlich kontroverse Positionen auszumachen, denn die Kritik aus der deutschsprachigen Presselandschaft an der gegenwärtigen polnischen Regierung ist weitestgehend einhellig. Dennoch lohnt es sich, unterhalb dieser übereinstimmenden Einschätzung der Akteure im gesellschaftlichen Raum genauer auf die einzelnen Stimmen zu hören, weil sie ein erheblich differenzierteres Bild der Problematik vermitteln.

Eingepfercht zwischen zwei totalitären Systemen: Die bedrängende Situation Polens lässt sich in diesem Durchgang geradezu körperlich erfahren. (Foto: Vincent Regente)

Den Beitrag, den das Museum für eine Vermittlung zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern zu leisten vermag, hebt der Historiker und Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck in seinem Beitrag „Der lange Schatten des Krieges“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (26. März 2017) hervor. Ihm erscheint das Weltkriegsmuseum als Beispiel für die wachsende Bereitschaft Polens, sich gegenüber seiner deutschen Geschichte – einschließlich des Vertreibungsgeschehens – zu öffnen : „Dass hier vor nicht so langer Zeit Menschen fremder Zunge und anderen Glaubens lebten, wird in Polen längst nicht mehr verschämt weggedrückt. So hat auch das neue Museum ein Stockwerk, das sich das ‚archäologische‘ nennt. Hier sind Tabakpfeifen und Schmuck zu sehen, die bei den Bauarbeiten freigelegt wurden.“ Der Wille zum Dialog wird für ihn auch darin erkenntlich, dass alle betroffenen Opfergruppen zu Wort kommen : „Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus.“ Die besondere Bedeutung des Museum sieht er folglich in dem Bemühen, „die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen“.

Die Vermittlungsleistung des Museums hat freilich eine inhaltlich-konzeptionelle Voraussetzung, die Reinhard Lauterbach in seiner Ausstellungskritik in der marxistischen Jungen Welt („Eine todernste Sache“, 3. April 2017) offenlegt: Das Museum ist für den Rezensenten „großartig – wenn man von seiner ‚antitotalitären‘ Ideologie absieht“. Gewiss: Entsprechende Parallelen zwischen Faschismus und Kommunismus – und somit auch der Okkupation Polens sowohl durch das Deutsche Reich als auch durch die Sowjetunion – entsprechen nicht Lauterbachs Geschichtsbild. Die Ausstellung selbst aber findet sein Wohlwollen, und zwar gerade auch wegen ihres konsequenten pazifistischen und universalistischen Ansatzes: Dieses Konzept sei „kein geringes Verdienst, denn der Kern der offiziellen Vorwürfe lautet“, dass „die ‚positive Seite‘ des Krieges, die Erziehung zu ‚Heldentum‘ und ‚Selbstaufopferung‘“, nicht genug propagiert werde. Dennoch bestimmt Lauterbach auch Leerstellen in der dargebotenen Erzählung : „Das Phänomen der polnischen Alltagskollaboration, etwa durch den Verrat verfolgter Juden, kommt freilich nur am Rande vor. Auch die ziemlich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau bis Anfang 1939 […] fallen unter den Tisch.“ Letztlich muss innerhalb des Milieus der Jungen Welt auch noch Anstoß erregen, dass es am Ende der Ausstellung „der unter geostrategischen Vorgaben der Sowjetunion entstandenen Volksrepublik Polen“ „geschichtspolitisch an den Kragen“ geht.

Wie stark der Danziger Museumsstreit inzwischen zum symbolischen Austragungsfeld weltanschaulicher Kämpfe geworden ist, in denen sich autoritär-konservative und liberale politische Konzepte gegenüberstehen, belegt Andreas Breitenstein in einem Kommentar, den die Neue Zürcher Zeitung („Die Liebe zum Ausnahmezustand“, 6. April 2017) veröffentlicht hat. Einen Tag zuvor hatte das polnische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Kulturministers entschieden, dass die seit langem geplante Zusammenlegung des Weltkrieg-II-Museums mit dem Museum des Verteidigungskrieges von 1939 auf der Westerplatte rechtens sei. Angesichts dieser neuerlichen Wendung beklagt der Literaturkritiker und Journalist Breitenstein die starre Haltung einer Regierung, die „über ihren fundamentalistischen Schatten [hätte] springen müssen“ und keinerlei Bereitschaft zu entwickeln vermocht hat, das Museum „einfach so in die Freiheit seines Wirkens [zu] entlassen“. Bedroht sieht er damit das Museum als Zeichen „für ein modernes und liberales, weltoffenes und nachdenkliches, sprich : europäisches Polen, das die Größe hat, differenziert mit seiner Geschichte umzugehen“.

Die grundsätzlich plausible Zuordnung von „Fortschrittlichkeit“ und „Reaktion“ vermag allerdings auch nicht den Blick darauf zu verstellen, dass das Museum keineswegs radikal mit den Traditionen der polnischen Geschichtskultur bricht. In der Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. April, (die gleiche, in der Andreas Breitensteins Kommentar erschienen ist) geht Felix Ackermann ausführlich auf das Konzept ein („Weltkriegsmuseum in Danzig: In Polen dokumentiert ein Museum die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und blickt über dessen Ende hinaus“). Dabei kommt er zu dem aufschlussreichen Urteil, dass die Kritik, das Konzept sei „nicht ausreichend Polen-zentriert, kaum nachvollziehbar“ sei : „Die polnische politische Rechte befürchtet zu Unrecht, dass polnisches Leid und polnischer Widerstand in Danzig nicht sichtbar würden. Auch das Funktionieren des polnischen Untergrundstaates stellt die Ausstellung ausführlich dar.“ Erst recht werde am Ende der Ausstellung die in Polen allgegenwärtige These veranschaulicht, dass in Danzig der Zweite Weltkrieg mit den Kämpfen an der Westerplatte nicht nur begonnen habe“, sondern dass vor allem die Solidarność-Bewegung „den Weg für die Beilegung des Kalten Krieges geebnet habe.“

Gerade dieser Beitrag, der der Ausstellung in gewissen Hinsichten sogar den „Charme eines Militärdepots“ zuspricht – den die politische Führung doch ebenfalls wohlgefällig aufnehmen müsste –, lässt somit unmissverständlich erkennen, dass die Regierung schwerlich eine vermittelnde bzw. „mittlere“ Position zulässt, sondern in gewisser Weise „aufs Ganze“ gehen wird.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 5/2017.

Zwischen Ratlosigkeit und Misstrauen

Fünf Fragen an Professor Dr. Jerzy Maćków

Professor Dr. Jerzy Maćków, Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Politikwissenschaft (Mittel- und Osteuropa) an der Universität Regensburg, analysiert die aktuellen Spannungen in den deutsch-polnischen Beziehungen und innerhalb der politischen Landschaft Polens. Dabei zeigt er Defizite des politischen Diskurses auf allen Seiten auf.

2016 stand unter dem Vorzeichen des 25-jährigen Bestehens des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages. In welchem Zustand sehen Sie heute diese Nachbarschaft?

Professor Dr. Jerzy Maćków (Foto: Privat)

In einer seltsamen Krise. Ökonomisch, menschlich, kulturell entwickeln sich die Beziehungen zwar nicht überragend – das war übrigens im letzten Vierteljahrhundert zu keinem Zeitpunkt der Fall gewesen – aber doch kontinuierlich zum Besseren. Politisch haben wir es dagegen mit einer Weigerung beider Seiten zu tun, nach gemeinsamen Interessen zu suchen. Diese irgendwie wehleidige Haltung hat sich auch in der Öffentlichkeit beider Länder breit gemacht.

Welchen Anteil hat die gegenwärtige polnische Regierungspolitik an diesem Zustand – welche womöglich auch deutsche Reaktionen auf diese?

Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2015 brachten in Polen die überwältigenden Siege des großen politischen Lagers, das von der Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) geführt wird. Dieses Lager misstraut Deutschland und will enger mit den Wyschehrad-Staaten zusammenarbeiten. Da die deutschen Medien und die deutsche Diplomatie die Bundesrepublik auf eine solche Wende im Nachbarland nicht vorbereitet haben, ignoriert Deutschland nun etwas ratlos die Kritik der polnischen Regierung an den deutschen Geschäften mit Gazprom, an der „nicht nachvollziehbaren“ deutschen Flüchtlingspolitik oder daran, dass sich die Bundesrepublik stets gegen die NATO-Basen in Polen und im Baltikum aussprach; Präsident Obama setzte diesem Widerstand beim Warschauer NATO-Gipfel 2016 ein Ende. Umgekehrt bestätigt das deutsche Anprangern des rabiaten Umgangs der Parlamentsmehrheit mit dem Verfassungsgericht in Polen die polnische Regierung in ihrer Wahrnehmung, die Bundesrepublik finde sich damit nicht ab, dass das ihr gefügige polnische Establishment wegen seines Opportunismus und Arroganz abgewählt wurde.

Die Opposition gegen den Kurs der Regierung formiert sich im „Komitet Obrony Demokracji“ (Komitee zur Verteidigung der Demokratie). Welchen Einfluss hat diese Organisation auf den innerpolnischen und grenzübergreifenden politischen Diskurs?

Die Opposition in Polen ist geteilt, personell miserabel aufgestellt und unfähig, parlamentarische Arbeit zu betreiben. So rächt sich der Umstand, dass das Establishment im vergangenen Vierteljahrhundert keine richtigen politischen Parteien, sondern reine Machtvereine gebildet hat. Sowohl die bis 2015 regierende „Bürgerplattform“ (PO) als auch die nach postsowjetischem Muster eigens für Wahlkampfzwecke gegründete „Nowoczesna“ (Moderne) entbehren des Parteigeistes – „party spirit“. Gemäß der Parteienforschung bildet sich dieser in einer langen ideellen Auseinandersetzung aus, die beiden Gruppierungen ganz unbekannt ist. Auch die PiS wird übrigens stramm geführt, sie ist aber durch konsequente Rhetorik der sozialen Fürsorge, des Patriotismus und der Modernisierung ihren Hauptgegnern im Parlament ideell weit überlegen. Unter diesen Umständen wurde die Protestbewegung KOD, die von einem Teil der Mittelklasse unterstützt wird, zum dynamischsten Teil der Opposition. Die PO und die „Moderne“ haben sich in ihrer Schwäche entschieden, zu dieser außerparlamentarischen Opposition hinzuzustoßen. Deshalb führt die Opposition ihren politischen Kampf vor allem in den eigenen Massenmedien und auf der Straße. Diese Vorgehensweise gegen die nach wie vor populäre Regierung könnte in Gewalt umschlagen. Die PiS agiert zwar oft schier hoffnungslos tollpatschig und selbstherrlich, sie hat dennoch an einer solchen Eskalation kein Interesse. Auch die Übertragung des polnischen Konfliktes auf die EU-Ebene erhöht die Eskalationsgefahr.

Welche Bedeutung kommt in der jetzigen Situation der Erfahrung mit der sowjetischen Gewaltherrschaft und ihrer Überwindung zu: Dienen sie eher der historischen Legitimation des nationalkonservativen Lagers – oder der Bürgerrechtsbewegung?

Aus der Sicht der Regierung hat das bisherige Establishment die Werte, für die die Gegner des Kommunismus kämpften, nach 1989 verraten und eigene Interessen auf Kosten der einfachen Menschen und der polnischen Unabhängigkeit verfolgt. Sie blendet dabei aus, dass die Solidarność-
Bewegung auch für stabile, unabhängige Institutionen gekämpft hat. Die Opposition hat wiederum kein Problem damit, in ihren angeblichen Kampf für Demokratie und gegen den Totalitarismus Offiziere des kommunistischen Sicherheitsdienstes sowie der „Volksarmee“, deren Rentenprivilegien die PiS abgeschafft hat, einzuspannen. Diese großartige polnische Tradition wird also von den Konfliktparteien regelrecht ruiniert.

Was können die deutschen Vertriebenenverbände zu einer Entspannung der aktuellen Situation beitragen?

Sie sollen nicht den Eindruck erwecken, dass sie in dem in Polen so genannten „polnisch-polnischen Krieg“ Partei ergreifen. Vielmehr könnten sie mit Polen aller politischen Lager, die nach wie vor Europa-begeistert sind, europäische Interessen verfolgen. Es bietet sich in diesem Zusammenhang an, zusammen an der Unterstützung der für die Zukunft Europas augenblicklich zentralen Staaten – der Ukraine und des vom Kreml zunehmend bedrohten Belarus – zu arbeiten. Dabei könnten die deutschen Vertriebenen besonders in den von Versäumnissen der letzten Jahrzehnte gekennzeichneten Prozess der polnisch-ukrainischen Aussöhnung ihre wertvollen Erfahrungen einbringen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 2/2017.

Europäische Sicherheitspolitik – zwischen Washington und Moskau

Gastbeitrag für Offiziere.ch:

“Die Armee der Zukunft – Nationale oder europäische Aufgabe?” Unter dieser Frage stand der 25. Europäische Abend, den die Europa-Union Deutschland und der Deutsche Beamten Bund (dbb) gemeinsam mit der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland am 12. Dezember 2016 im Berliner “dbb forum” veranstalteten. Bei der Erörterung des größeren Problemzusammenhangs traten ausdifferenzierte und teils konträre Positionen der parlamentarischen, administrativen und militärischen Verantwortungsträger zu Tage.

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Westpreußen – ein Land der Reformation

Eine Spurensuche entlang reformationsgeschichtlicher Erinnerungsorte

Von Tilman Asmus Fischer

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die Ereignisse rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen – gerade wie das untere Weichselland – sehr aufschlussreich sein.

Infolge von Flucht und Vertreibung ist Westpreußen heute ein Raum, in dem weitestgehend Katholiken und nur noch eine kleine Schar von Lutheranern leben. Es finden sich freilich noch viele Orte und Kulturdenkmäler, die eng mit der Reformationsgeschichte verbunden sind und darüber hinaus von der Vielfalt protestantischen Lebens im Ostseeraum zeugen. Neun solcher kirchengeschichtlicher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden. Diese Orte vermögen, sowohl die Vielschichtigkeit der ‚Reformation‘ als auch ihre ökumenische Dimension und die unterschiedlichen Ausprägungen dessen zu verdeutlichen, was wir ‚den Protestantismus‘ nennen. Beginnen soll unsere Spurensuche mit grundsätzlichen Überlegungen, ausgehend von der protestantischen Kirche Westpreußens schlechthin.

Oberpfarrkirche St. Marien, Danzig

In ihrem 1929 erschienen Buch „Die Marienkirche in Danzig“ preisen Karl Gruber und Erich Keyser die altehrwürdige evangelische Oberpfarrkirche als „Gotteshaus der Bürger, errichtet durch das einmütige Zusammenwirken der Brüderschaften, Gewerke und Geschlechter“. Diese Perspektive auf die Marienkirche verdeutlicht bereits den enormen Identifikationswert, den Europas größte Backsteinkirche für ihre Stadt hatte. Dies ist umso bemerkenswerter, als hier eine von katholischen Bürgern vor der Kirchenspaltung errichtete Kirche zum Identifikationspunkt einer protestantisch dominierten Bürgerschaft wurde. Ebenso konnten westpreußische Kirchen auch bis in unsere Tage hinein den Kirchenbrief der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen zieren, obwohl die Gotteshäuser mit Kriegsende der katholischen Kirche übergeben worden waren.

Diese Beobachtung erinnert uns an zweierlei Zusammenhänge, die es bei unserer Spurensuche zu bedenken gilt : Zum einen, dass ein Erinnerungsort nicht statisch ist, sondern stets von den Zu- und Überschreibungen lebt, die er im Verlauf seiner Geschichte erhält. Daher stellt unsere heutige Spurensuche auch notwendiger Weise nur eine Bestandsaufnahme von Bedeutungen dar, die einem Denkmal oder Ort unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt – demjenigen der Reformation – Konturen verleihen. Zum anderen weist uns St. Marien darauf hin, dass ein und demselben Erinnerungsort gleichzeitig differierende, wenn nicht gegensätzliche Bedeutungen zukommen können – hier etwa eine deutsche bzw. protestantische oder eine katholische bzw. polnische.

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig (Foto: Diego Delso via Wikimedia)
Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Reformation und Katholizismus

Wenn wir in diesem Sinne nach Orten fragen, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, dann gelangt man auch zu exklusiv katholischen Erinnerungsorten, in denen ein entsprechendes Narrativ der Reformationsgeschichte manifest wird.

Königliche Kapelle, Danzig

Am sinnfälligsten wird dies an der Königlichen Kapelle, die der Marienkirche unmittelbar benachbart ist. Immerhin verdankt diese Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – ihre Existenz der Reformation in Danzig : Nachdem nach und nach alle Kirchen evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde darauf hin die Kaplica Królewska – die Königliche Kapelle – als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in Städten, die sich mehrheitlich zum Protestantismus bekehrten – aber ebenso auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen wie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

Jesuitenkolleg, Deutsch Krone

Der Kontext der katholischen Reaktionen auf den Prozess der Reformation wird wesentlich von der sogenannten Gegenreformation – und damit einer ihrer treibenden Akteurinnen : der Societas Jesu (SJ) – bestimmt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die – letztlich kirchenspaltende – evangelische Reformation selbst in einer Zeit innerkatholischer Reformbewegungen entwickelte und ebenso wenig davon unabhängig gedacht werden kann wie die SJ selbst.

Die Jesuiten entfalteten auch im späteren West- und Ostpreußen rege Aktivitäten und konzentrierten sich – ihrem Gelübde entsprechend – vor allem auf das Bildungswesen. So gründeten sie 1665 auch im damals zu Polen gehörigen Deutsch Krone eines der Jesuitenkollegien. Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung mussten 1672 und 1703 jeweils größere Gebäude bezogen werden. Als der Jesuitenorden 1773 vom Papst aufgelöst wurde, erfolgte die Umwandlung in ein katholisches Gymnasium. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 200 Schüler die Schule. – An dem 1798 bis 1805 errichteten Gebäude des Gymnasiums erinnert heute noch eine Gedenktafel an das ehemalige Jesuitenkolleg.

Zwischen Konflikt und Verständigung

Bereits die vorangegangenen Erinnerungsorte zeigen, dass die westpreußische Reformationsgeschichte eine ebenso protestantisch-katholische wie deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist, in der gerade auch die polnische Krone als Förderer des Katholizismus in Erscheinung tritt. Ein Blick auf zwei weitere Städte des Königlichen Preußen – Elbing und Thorn – verhilft dazu, dieses Bild zu differenzieren. So steht Thorn einerseits für eine blutige, von der polnischen Krone mitgetragene Eskalation der konfessionellen Konflikte im Jahre 1724, andererseits aber auch für die 79 Jahre zuvor durchgeführten Thorner Religionsgespäche, die ebenfalls vom polnischen König initiiert wurden. Einer ihrer zentralen Akteure, der protestantische Ökumeniker Comenius, lebte und wirkte zu dieser Zeit in Elbing. (Diese thematischen Zusammenhänge hat Manfred Richter bereits in der DW-Ausgabe vom April 2016, S. 14f., in größerer Ausführlichkeit erläutert.)

Comenius in Elbing

Der den Böhmischen Brüdern angehörende Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670) genoss bereits zu seinen Lebzeiten europaweite Anerkennung. Sie führte dazu, dass der schwedische Königshof Comenius beauftragte, ein Konzept zur Erneuerung des Schulsystems zu entwickeln. Deshalb kam der Gelehrte 1642 in das schwedisch besetzte Elbing, wo er bis 1648 blieb. Hier verfasste er nicht nur sein Hauptwerk „Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica), sondern unterstützte auch die Vorbereitungen des „Colloquium Charitativum“, das vom 28. August bis zum 22. November 1645 in Thorn stattfand und zur Vermittlung zwischen Katholiken und Protestanten beitragen sollte. Der Elbinger Stadtrat unterstützte Comenius’ Bemühungen und stellte ihm eine Karosse für die Reise nach Thorn zur Verfügung.

Tumult und Blutgericht in Thorn

Die Religionsgespräche führten letztlich allerdings nicht zu konkreten Ergebnissen, und das Verhältnis zwischen den Konfessionen blieb weiterhin angespannt. 1724 ereignete sich dann – wiederum in Thorn – der erwähnte offene Ausbruch der Gegensätze. Nachdem die – maßgeblich von den Jesuiten getragene – Gegenreformation in den vorangegangenen Jahren in der lutherisch dominierten Stadt vorangetrieben worden war, kam es am Fronleichnamstag jenes Jahres zum „Thorner Tumult“, bei dem protestantische Bürger das Jesuitenkloster stürmten und verwüsteten. Nun musste bzw. konnte der polnische König August II. mit aller Härte durchgreifen : Nicht nur, dass sämtliche Hauptkirchen der Stadt der katholischen Kirche übereignet wurden ; vielmehr wurden am 7. Dezember auch ein Bürgermeister und neun Thorner Bürger öffentlich hingerichtet.

Die Erben der Reformation

Die Reformation führte jedoch nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen der lutherischen Lehre und dem Katholizismus, denn der Protestantismus brachte im Laufe seiner Entwicklung auch aus sich selbst eine ganze Reihe unterschiedlicher Denominationen und Minderheiten hervor, von denen hier nur einige exemplarisch vorgestellt werden sollen.

St. Peter und Paul, Danzig

Der nach der lutherischen Reformation bedeutendste Schritt in der weiteren Entwicklung war die Herausbildung der reformierten Konfession. – Nachdem die in der Alten Vorstadt von Danzig gelegene Kirche St. Peter und Paul 1557 lutherisch geworden war, ging sie 1622 an die Danziger Reformierten über. Das calvinistische Bürgertum zeichnete sich vielerorts durch ein ausgeprägtes Erfolgsstreben aus, das Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ scharfsinnig auf seine theologischen Voraussetzungen hin analysiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn wir unter den Gemeindegliedern in St. Peter und Paul späterhin z. B. auch den Kaufmann Johann Uphagen und den bedeutenden Kupferstecher Daniel Chodowiecki entdecken. Die vielleicht bedeutendste Person, die mit St. Peter und Paul in Verbindung steht, ist jedoch der Theologe, Naturwissenschaftler und spätere Entdeckungsreisende Johann Reinhold Forster, der hier als Kandidat wirkte und ins Pfarramt ordinierte wurde.

Heilig Geist-Kirche, Danzig

1817 fasste König Friedrich Wilhelm III. alle lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer unierten Landeskirche zusammen. Diejenigen Gemeinden, die den Zusammenschluss aus theologischen Erwägungen ablehnten, mussten scharfe Verfolgung erdulden. Die aus diesem Prozess 1830 hervorgegangene Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen wurde erst 1845 staatlich anerkannt.

Diese ‚altlutherische‘ Kirche hatte ihren Schwerpunkt in Schlesien, aber in ganz Preußen Anhänger. Während der 1840er Jahre entstand ein eigener Danziger Pfarrbezirk, und 1854 erwarb man die Heilig Geist-Kirche in der Danziger Tobiasgasse 1b. 1943 umfasste die in der früheren Hospitalkirche ansässige Gemeinde 503 Seelen. 1945 wurde die Kirche schwer zerstört. Nach dem Krieg beschlossen die neuen Machthaber dann eine Nutzungsänderung, in deren Folge das Gebäude seit den 1950er Jahren in den Gebäudekomplex einer Grundschule integriert ist.

Heubuden (Kreis Marienburg / Großes Werder)

Mit den Täufern kommt eine protestantische Strömung ins Bild, die in Europa gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern verfolgt wurde. Deshalb flohen im 16. Jahrhundert viele Täufer nach Danzig und in das Umland der Stadt, wo sich zeitweilig auch ihr Anführer und Namensgeber Menno Simons aufhielt. Einer der Orte, an denen die Glaubensflüchtlinge aus dem flämischen, niederländischen, friesischen, und oberdeutschen Raum ansässig wurden, war Heubuden in der späteren Freien Stadt Danzig. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte sich dort das Niederländische als Gottesdienstsprache gehalten. 1768 erhielt Heubuden eine eigene Kirche, und Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gemeinde Heubuden-Marienburg in Marienburg ein eigenes Gemeindehaus. 1929 hatte die Gemeinde 1.092 getaufte Glieder. – Heute erinnern in Heubuden eine Gedenktafel an der ehemaligen Mennonitenkirche, vor allem aber der erhaltene, 2,6 Hektar umfassende Mennoniten-Friedhof an die einstigen Einwohner des Ortes.

Slowinzisches Dorf, Klucken (Kreis Stolp, Pommern)

Neben den drei konfessionellen Minderheiten der Reformierten, Altlutheraner und Mennoniten soll zum Schluss noch eine weitere Gruppe berücksichtigt werden: die Slowinzen, bei denen es sich jedoch nicht um eine innerprotestantische Minderheit handelt. Zur Minderheit wurden die Slowinzen innerhalb der westslawischen Bevölkerung des südlichen Ostseeraums vielmehr durch ihr evangelisches Bekenntnis, das mit einer Nähe zur deutschen Kultur einherging. Damit ergänzen die Slowinzen, die in Pommern zwischen Stolp und Leba lebten, das Bild der katholischen Kaschuben.

Am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die große Mehrheit der deutschsprachigen Slowinzen vertrieben. Die slowinzischen Muttersprachler durften in ihrer Heimat bleiben, was freilich das Aussterben des – dem Kaschubischen verwandten – Slowinzischen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermochte. Dies mag man heute umso mehr bedauern, als angenommen werden kann, dass etwa der Konfirmandenunterricht in dieser Region noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in dieser Sprache gehalten wurde. Heute dokumentiert nur noch das Freilichtmuseum „Slowinzisches Dorf“ in Klucken das Leben dieser westslawischen
Protestanten.

Auf dem Weg zu den Erinnerungsorten …

… DANZIG

  • Heilig Geist-Kirche: Szkoła Podstawowa nr 50 im. Emilii Plater, ul. Grobla IV / 8, 80-837 Gdańsk
  • Königliche Kapelle: Sie liegt auf der Rückseite der Marienkirche in der Świętego Ducha, 80-980 Gdańsk
  • St. Marien: Bazylika Mariacka w Gdańsku, Podkramarska 5, 80-834 Gdańsk. Weitere Informationen: http://www.bazylikamariacka.gdansk.pl
  • St. Peter und Paul: Rzymskokatolicka Parafia św. Piotra i Pawła, ul. Żabi Kruk 3, 80-822 Gdańsk

… DEUTSCH KRONE

Jesuitenkolleg: Zespół Szkół nr 1 w Wałczu, Kilińszczaków 59, 78-604 Wałcz

… HEUBUDEN: 82-200 Stogi, Powiat Malborski

… KLUCKEN

Slowinzisches Dorf: Muzeum Wsi Słowińskiej w Klukach, Kluki 27, 76-214 Smołdzino. Das Freilichtmuseum ist ganzjährig geöffnet. Weitere Informationen: http://www.muzeumkluki.pl

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 1/2017.

Flucht und Vertreibung prägen unsere Gesellschaft 

Fünf Fragen an Dr. Bernd Fabritius MdB

Der CSU-Bundestagsabgeordnete und Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) Dr. Bernd Fabritius zieht Bilanz über das Jahr 2016 und gibt einen Ausblick auf die vertriebenenpolitischen Herausforderungen des Jahres 2017.

Das Verhältnis zwischen der deutschen und der polnischen Politik wurde 2016 durch den national konservativen Regierungskurs in Warschau stark beeinflusst. Wie hat sich diese Beeinträchtigung auf die politischen Kontakte und Dialoge des BdV mit Polen ausgewirkt?

Dr. Bernd Fabritius MdB (Foto: Patrick Levin)
Derzeit gilt es, klar zwischen den verschiedenen politischen Ebenen in Polen zu unterscheiden. Kommunal – bis hin zu einzelnen Woiwodschaften – besteht nach wie vor fruchtbarer Austausch. Hiervon zeugen auch die vielfältigen Aktivitäten der Landsmannschaft Westpreußen. Durch den jahrzehntelangen verständigungspolitischen Einsatz auf der Ebene von Mensch zu Mensch wurde der Boden hier erfolgreich bereitet. Auf der höchsten politischen Ebene kommt der Dialog zwischen den Vertriebenen und der Republik Polen überaus schwer in Gang. Dies bedauere ich.

Vor kurzem konnte die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung das Richtfest des Deutschlandhauses feiern und einen neuen Beraterkreis berufen. Gleichzeitig konnte man der Presse Äußerungen über eine mögliche Überarbeitung des Ausstellungskonzepts entnehmen. Wie entwickelt sich das Projekt aus Ihrer Perspektive?

Es ist gut, dass es trotz der sich verzögernden Bauarbeiten positive Nachrichten von der Stiftung gibt. Das Richtfest war eine Gelegenheit, sich erneut sichtbar zu machen und zu zeigen, dass es vorwärts geht. Der internationale und fachlich breit aufgestellte Beraterkreis hat jetzt Gelegenheit, sich zu bewähren. Was die Diskussion über Grundlagenpapiere angeht, habe ich stets betont, dass für den BdV das 2012 in breiter politischer Mehrheit beschlossene Stiftungskonzept gilt. Ein tragfähiges Konzept für die Dauerausstellung wiederum bleibt eine der vordringlichsten Aufgaben. Der vorhandene Entwurf muss entsprechend den im Stiftungskonzept definierten Zielen sowie den Gegebenheiten des Ausstellungsortes weiterentwickelt werden. Die sechs BdV-Mitglieder im Stiftungsrat werden dies konstruktiv begleiten.

Mit der Entschädigung für zivile deutsche Zwangsarbeiter hat der Deutsche Bundestag 2016 eine der entscheidenden Forderungen des BdV aus den vergangenen Jahren in die Tat umgesetzt. Was sagt uns dieser große politische Erfolg über die gesellschaftliche und politische Bedeutung, die die Folgen von Flucht und Vertreibung noch heute in unserem Land haben?

Die Tatsache, dass diese wichtige symbolische Anerkennung erst mehr als sieben Jahrzehnte nach den leidvollen Ereignissen möglich wurde, zeigt eindrucksvoll, dass die Aufarbeitung von Flucht, Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit weiterhin eine zentrale Aufgabe bleibt. Bis heute prägen auch diese Ereignisse unsere gesamtgesellschaftliche Identität. Im kollektiven Gedächtnis müssen sie daher noch viel präsenter werden.

2017 steht die Wahl zum Deutschen Bundestag an. Was sind die zentralen Fragen und Herausforderungen, denen die deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler gegenüber den politischen Bewerbern Geltung verleihen werden?

Ihre Fragen haben ja schon ein Stück weit auf die Themen hingeführt, nach deren zukünftiger politischer Ausgestaltung der BdV die Parteien sicher auch wieder schriftlich befragen wird. Dazu gehört die weitere Anerkennung und Förderung der verständigungspolitischen Arbeit der deutschen Heimatvertriebenen, Spätaussiedler und ihrer Verbände – der Brückenfunktion in die Heimat- und Siedlungsgebiete. Dazu gehört die Verankerung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung im kollektiven Gedächtnis der Nation und der dafür nötige Erinnerungstransfer von der betroffenen zu den nachfolgenden Generationen.
Dazu gehört der gesetzliche Auftrag zu Erhalt, Pflege und Weiterentwicklung des Kulturerbes der Deutschen aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa und die Frage, wie die Vertriebenen und ihre Verbände als lebendige Kulturträger in diesen Prozess eingebunden werden. Und dazu gehören die Anliegen unserer Aussiedler und Spätaussiedler im Hinblick auf Aufnahme und Integration, aber auch auf das in diesen Kreisen besonders große Risiko der Altersarmut.

Neben der Bundestagswahl wird das kommende Jahr unter anderem durch die bundesweiten Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum geprägt werden. Welche Bedeutung hat dieses Gedenken für die deutschen Heimatvertriebenen und die – oft als Protestanten in der Diaspora lebenden – Heimatverbliebenen?

Über die individuelle Bedeutung hinaus, zu der etwa eine erneute Selbstvergewisserung im Glauben zählen mag, ist das Reformationsjubiläum sicher ein besonderer Anlass, um insgesamt der auch in konfessioneller Hinsicht interessanten Geschichte der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu gedenken. So gilt es, an die Reformatoren zu erinnern, die in diesen Gebieten gewirkt haben – wie beispielsweise Johannes Bugenhagen, der in Pommern wirkte, oder Johannes Honterus, den Reformator der Siebenbürger Sachsen. Die damaligen Umbrüche – so leidbehaftet manche Auswirkungen gewesen sein mögen – zeigen doch auch, dass Europa schon seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Kulturraum ist. Für die in der Diaspora lebenden deutschen Protestanten unter den Heimatverbliebenen ist das Jubiläum außerdem eine Gelegenheit, ihre Gemeinschaften zu stärken.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Auf den Spuren christlichen Glaubens

Hans-Gerd Krabbes „Glaubensbuch“ bietet spannende Ansätze, die jedoch auf der Strecke bleiben

Von Tilman Asmus Fischer

„Was will mir der Verfasser sagen?“ Wenn diese Frage während der Lektüre eines Buches aufkommt und bedacht wird, kann sie Ausgangspunkt einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Gelesenen sein, an deren Ende ein tieferes Verständnis für die Gedanken des Autors steht. In einen solchen Prozess tritt unweigerlich der Leser von Hans-Gerd Krabbes „Glaubensbuch“ „Christlichen Glauben bekennen: nach dem Apostolikum“ ein.

Die etwa 80 Seiten strukturieren sich anhand zentraler Texte des christlichen Glaubens: dem Apostolicum, den zehn Geboten, dem Vater Unser und dem Missionsbefehl. Indem der Leser die einzelnen Abschnitte durchschreitet, begegnet er einer Vielfalt von Gedanken, die der Autor ausgehend von den zugrunde gelegten Texten entwickelt. Dabei lassen sich im Wesentlichen zwei miteinander verschränkte Herangehensweisen unterscheiden, mit denen sich Krabbe dem christlichen Glauben nähert: Zum einen erschließt er in dogmatischer Hinsicht exemplarisch einzelne Worte der biblischen und kirchlichen Überlieferung. Zum anderen spürt er menschlichen Empfindungen nach und erschließt damit auf menschlicher Erfahrung beruhende Zugänge zum Glauben.

Leider treten jedoch in der Regel die implizierten Argumentationsgänge nicht zu Tage. Der Verfasser scheint einzelne Gedanken assoziativ zu verknüpfen. Dabei droht der Leser auf der Strecke zu bleiben und sich am Ende der Lektüre immer noch zu fragen, was der Verfasser ihm nun genau sagen will? Dies wird dadurch verstärkt, dass Krabbe keine erkennbare Zielgruppe anspricht: Werden an einigen Stellen theologische Überlegungen vorausgesetzt, die man bei einem Leser, der gerade in den Glauben eingeführt werden will, nicht voraussetzen kann, so entwickelt das Buch jedoch durchgehend auch keine konzisen theologischen Gedankengänge, die für die Lektüre durch einen theologisch gebildeten Leser fruchtbringend sind. Hinzu kommen unvermittelte Exkurse zu Fragen wie der Jungfrauengeburt, der Kindertaufe oder der Marien-Verehrung, deren Sinn und Zweck in der Gesamtkomposition unklar bleiben. Das ist umso bedauerlicher, als der Autor – dies lassen einige Stellen erkennen – durchaus dem Leser etwas zu sagen hätte: Dies ist der Fall etwa bei seinem klaren Eintreten für ein gemeinsames ökumenisches Bewusstsein aller Kirchen als eine „im Herrn einige“ Kirche.

Dies gilt aber auch für seine Reflexionen zur Notwendigkeit des persönlichen Bekenntnisses angesichts des Gerichtes: „Dass wir alle dem Gericht Gottes entgegenleben und entgegensterben, davon sollten wir ausgehen, ein jeder für sich, und davon, dass wir alle Jesus Christus als unseren Fürsprecher (1. Johannes 2, 1) wahrlich brauchen und nötig haben!“ Dass Krabbe „sperrige“ Kategorien wie das Gericht nicht ausspart, ist ihm hoch anzurechnen. Mehr von dem zu erfahren, was er uns über sie sagen will, wäre wünschenswert gewesen.

Hans-Gerd Krabbe: Christlichen Glauben bekennen: nach dem Apostolicum, Edition Glauben und Leben, Münster 2016, ISBN 978-3-944804-06-4, 82 Seiten, 14,90 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 34/2016.