Keine Selbstverständlichkeit

80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs sind deutsche und polnische Protestanten auf vielfältige Weise verbunden

Von Tilman Asmus Fischer

„Alles andere als selbstverständlich“ sei die Geschichte der deutsch-polnischen Versöhnung in den zurückliegenden Jahrzehnten. 80 Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf Polen betont Präses Annette Kurschus, die Beauftragte des Rates der EKD für die Beziehungen zu den polnischen Kirchen: „Wir bekennen uns offen und aufrichtig zu dieser Schuldgeschichte und ebenso zur Verantwortung, die uns daraus zuwächst.“ Zugleich wolle man gemeinsam mit den Partnern im Polnischen Ökumenischen Rat, dem Polska Rada Ekumeniczna (PRE), „für den Frieden zwischen unseren Ländern und den Frieden in Europa“ eintreten.

Ein entsprechendes Zeichen werden EKD und PRE am 1. September, dem Gedenktag des Kriegsbeginns, mit einem Gottesdienst in der Warschauer Trinitatiskirche setzen. Neben Kurschus wird auch PRE-Präsident Bischof Jerzy Samiec predigen. Verantwortet wird der Gottesdienst vom Deutsch-Polnischen Kontaktausschuss, der 1974 zur Koordinierung der Beziehungen zwischen EKD und PRE gegründet worden war.

Innerhalb der EKD kommt den östlichen Landeskirchen, und somit auch der EKBO, eine besondere Bedeutung für die ökumenischen Beziehungen in das unmittelbar angrenzende Polen zu. Der Grenzraum, zu dem der Osten seiner Landeskirche gehört, soll ein „Garten der Barmherzigkeit“ sein, sagt Justus Werdin, Pfarrer der EKBO für grenzüberschreitende Ökumene. Ziel seiner Bemühungen sei das Entstehen einer „Konziliaren Gemeinschaft der Kirchen an Oder und Neiße“ im Sinne der „Charta Oecumenica“ der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen von 2001.

Einen wichtigen Schritt in diese Richtung wird ein ökumenisches Bischofstreffen aller an Oder und Neiße angrenzenden Landeskirchen und Diözesen aus Deutschland und Polen in Frankfurt (Oder) am 15. Oktober darstellen. Einen Vorgeschmack darauf können Interessierte bereits am 1. September erhalten, wenn das ZDF einen Gottesdienst aus Frankfurt und einen ökumenischen Gottesdienst im polnischen Teil Gubens ausstrahlt.

Ein „gewachsenes Vertrauen und partnerschaftliche, oft sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen Polen und Deutschen“ erlebt Martin Herche, der langjährige frühere Görlitzer Generalsuperintendent, bei ökumenischen Gottesdiensten und Andachten. Die Kirchliche Stiftung evangelisches Schlesien, die er als Vorstandsvorsitzender leitet, knüpft an die Tradition der historische Kirchenprovinz Schlesien an, und pflegt zusammen mit Partnern in Polen das gemeinsame Erbe des schlesischen Protestantismus: Hierzu fördert die Stiftung Ausstellungs- und Forschungsprojekte ebenso wie konservatorische Maßnahmen polnischer evangelischer Gemeinden zum Erhalt von Kulturgütern.

Während Studienreisen der Stiftung nach Schlesien nimmt Herche bei der jüngeren Generation in Polen ein spürbares Interesse an der Lokalgeschichte wahr: „Das heißt eben auch ein Interesse an der deutschen Geschichte und der Kultur, die die heute polnischen Orte über Jahrhunderte geprägt hat.“ Die gemeinsame Geschichte wirke heute verbindend und völkerverständigend.

Ein weiteres Beispiel für die verbindende Kraft der Geschichte stellt Marcin Żerańskis Buch „Polen evangelisch. Eine Entdeckungsreise“ dar, das 2017 unter Schirmherrschaft der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen veröffentlicht wurde. Dass gerade 2019 – im Jahr des Weltkriegsgedenkens – die von Pfarrer Alexander Stokowski übersetzte deutschsprachige Fassung erschienen ist und einlädt, den heutigen Protestantismus in Polen mit seiner polnisch-deutsch-österreichischen Geschichte (neben niederländischen und böhmischen Einflüssen) kennenzulernen, ist eine eindrückliche Geste.

Gefördert wurde die Veröffentlichung des Buchs – neben der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands – vom Gustav-Adolf-Werk, einer weiteren wichtigen Säule kirchlicher Partnerschaften zwischen Deutschland und Polen. So unterstützt das Diasporawerk der EKD die Sanierung kirchlicher Gebäude und diakonische Projekte der Evangelisch-Augsburgischen sowie der Evangelisch-Reformierten Kirche in Polen und fördert über ein Stipendienprogramm Theologiestudenten beider Kirchen.

Schon jetzt tragen also vielfältige Akteure zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit im kirchlichen Raum bei. Und ihre Zahl wächst: Am 1. September werden die Berliner Domgemeinde und die Warschauer St.-Trinitatis-Gemeinde nach einem gemeinsamen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom durch eine Vertragsunterzeichnung eine neue offizielle Partnerschaft besiegeln, die auf eine Initiative aus den Reihen der Domgemeinde zurückgeht. Anfang 2019 und im Juli haben sich bereits Delegationen in Warschau und Berlin getroffen. Gestaltet werden soll die Partnerschaft auf verschiedenen Ebenen der Gemeinden. So sind unterschiedliche Veranstaltungsformate für Gemeindeglieder, Prediger, Mitarbeiter, Jugendliche und Musiker aus Berlin und Warschau geplant.

Dompredigerin Petra Zimmermann ist überzeugt, dass „Begegnungen, Gespräche und das Wissen voneinander helfen können“, der Spaltung Europas sowie Ressentiments und Geschichtsvergessenheit deutlich entgegenzuwirken. „Wir brauchen den Austausch von Erinnerungen, die sich eingeschrieben haben in das Gedächtnis der Familien, in das Gedächtnis der Städte, der Gemeinden.“ Aber die Gemeindepartnerschaft soll mehr sein als ein Geschichtsseminar: „Mit den beiden Kirchen St. Trinitatis und Berliner Dom verbinden sich auch zwei Orte, die es mit ähnlichen Herausforderungen und Chancen von Kirchen in den historischen Zentren ihrer Hauptstädte zu tun haben.“ Im Raum stünde etwa die Frage nach der Rolle von evangelischen Kirchen in der Postmoderne: „Wie können wir in den verdichteten Zentren der Städte mit ihrer Urbanität und Diversität Räume eröffnen, in denen das Gespräch über Glauben, Weltanschauungen und Kulturen geführt werden kann?“

Auf die vor den Gemeinden liegende Partnerschaft schaut Zimmermann zuversichtlich. Die Begegnungen in diesem Jahr hätten gezeigt: „Es geht. Verständigung ist möglich. Vertrauen kann wachsen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 35/2019.

Erschrecken vor Gott

Predigt zu Hiob 23 – und zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren

Wir sind am Ende eines schönen sonnigen Sommers angekommen. Allmählich haben wir uns wieder in den Arbeits- und Schulalltag eingelebt. Zuvor haben uns die Ferientage wieder auf Reisen geführt – durch Deutschland, Europa, vielleicht sogar darüber hinaus. Der eine oder andere wird den Urlaub womöglich auch in Polen verbracht haben. Unser Nachbarland ist ein zunehmend beliebtes Reiseziel, zumal für Deutsche. Und gerade die nördlichen Regionen an der Ostsee sind – vor allem im Spätsommer und frühen Herbst – besonders reizvoll. Jahr für Jahr lockt der Dominikanermarkt – eines der größten Volksfeste der Region – im August tausende von Gästen nach Danzig; und in den Ostseebädern warten Ablenkung und Entspannung.

Mitten durch die hügelige und seenreiche Landschaft der Kaschubei fließt zwischen Danzig und der Ostsee die Piasnitz, ein kleiner Küstenfluss, der auch dem Dorf Groß Piasnitz seinen Namen gegeben hat. Fährt man heute mit dem Auto auf den Landstraßen durch die Wälder im Umland von Groß Piasnitz, fallen die vielen Hinweisschilder am Straßenrand ins Auge. Sie zeigen zwei Kreuze und eine Flamme und weisen in den Wald hinein. Dort befinden sich, verstreut zwischen den Bäumen, kleine und große Denkmäler, eine Kapelle und unzählige Kreuze. Dieser Ort steht im schroffen Kontrast zu all den Sehenswürdigkeiten und Schönheiten, die dieser Landstrich zu bieten hat – und gehört doch ebenso zu dieser Gegend.

Hier wurden zwischen September und Dezember 1939 weit über 10.000 Menschen durch Angehörige der SS und des sogenannten „Volksdeutschen Selbstschutzes“ ermordet und im Wald verscharrt: polnische und kaschubische Intelligenz, Geisteskranke, die den Nationalsozialisten als lebensunwertes Leben galten, und eine große Zahl deportierter Häftlinge aus dem Deutschen Reich.

Gedenkstätte Piasnitz

Orte wie Piasnitz lassen uns noch heute erschrecken – und ihrer gibt es viele, wo in den Jahren nach dem 1. September 1939 Krieg geführt wurde. Wir stehen da und können nicht begreifen, wie Menschen einander antun konnten, was hier geschah; können nicht begreifen, wie ein gnädiger und gerechter Gott, dies zulassen konnte. Wirklich nachempfinden zu wollen, was die Opfer von einst nach der Besetzung ihrer Heimat durch die Wehrmacht erlebten und erlitten, wäre vermessen. Was sich uns jedoch an Orten wie dem Totenwald von Piasnitz in Bruchstücken vermittelt, ist das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins, der totalen Hilflosigkeit, ja der so empfundenen Abwesenheit Gottes. Der Predigttext für den heutigen Sonntag, gibt uns für diese Empfindung Worte. Denn auch Hiob sucht angesichts erlittener Qualen nach Gott: „Siehe, gehe ich nach vorn, so ist er nicht da, nach hinten, so bemerke ich ihn nicht, nach links, sein Tun schaue ich nicht, biege ich ab nach rechts, so sehe ich ihn nicht.“

Hiob, dem von Gott auf die Probe gestellten, leidenden Gerechten, ist alles genommen worden: Vieh und Vermögen, seine Kinder und die eigene Gesundheit. Nun sitzt er da, verarmt, von Geschwüren gezeichnet und hat bereits tagelang mit seinen Freunden Elifas, Bildad und Zofar diskutiert. Sie haben versucht, ihn zu besänftigen, sein Leiden zu erklären und zu rechtfertigen – doch vergebens: „Auch heute ist Widerspruch mein Anliegen. Gottes Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.“ Hiob ist ein strenggläubiger Jude, hat ein moralisch vorbildliches Leben geführt und darf sich von dieser Seite her im Recht wissen: Was er erleidet, hat er nicht verdient. Wie gerne würde er sich daher dem offenen Rechtsstreit mit Gott stellen – und wäre sich dessen Ausgang gewiss: „Ob er in der Fülle seiner Kraft wohl den Rechtsstreit mit mir führen würde? Nein, gerade er wird auf mich achten.“ Wenn er doch nur mit Gott verhandeln könnte, dann würde dieser ihn nicht richten. Mehr noch: Er würde sich ihm in Fürsorge zuwenden. Doch Gott entzieht sich Hiob und lässt nicht mit sich verhandeln, ob das, was Hiob widerfährt, gerecht ist. Gott lässt sich nicht ein auf einen Rechtsstreit über die Frage, ob das, was einem Menschen widerfährt, ‚angemessen‘ ist.

Es gehört dies zur Tragik des Gedenkens an die Opfer von Gewaltherrschaft, Vernichtungskrieg und Rassenwahn: Zwar können wir rein historisch erklären, welche Ideologien und Weltanschauungen die Täter trieben, warum Befehlshaber unter welchen Bedingungen Massaker und Erschießungen anordnen. Und wenn wir einen Blick in die Untiefen des menschlichen Wesens wagen, können wir versuchen, nachzuvollziehen, wieso und unter welchen Umständen Menschen in der Lage sind, einander Gewalt – bis hin zu tödlicher Gewalt – anzutun. Jörg Baberowski, der hier in Berlin Zeitgeschichte lehrt, hat dies über Jahre getan, um am Ende in der Einleitung seines Buchs über „Gewalträume“ zu schreiben: „Der Autor wird zum Pessimisten, und er muss sich vor dem Bösen schützen, das er überall sieht und spürt. Eines Tages muss er aufhören, sich mit der Gewalt zu beschäftigen, weil sie sein Leben vergiftet und seine Stimmung verdüstert.“

Jeder Mensch kann, so Baberowski, unter bestimmten Bedingungen zum Gewalttäter und Mörder werden, vor allem wenn er straffrei handeln kann – so wie die SS im Hinterland der Kriegsfront. Der fatale Umkehrschluss lautet daher jedoch auch: dass wiederum jeder Mensch auch willkürlich Opfer der Gewalt werden kann. Dass sich ab dem 1. September 1939 in Osteuropa Räume der Gewalt öffneten, in denen Menschen andere Menschen ungestraft quälen und abschlachten konnten, lässt sich im Sinne geschichtlicher Zusammenhänge und Verläufe erklären – und die Verantwortung hierfür lastet noch heute schwer auf unseren Schultern. Warum aber gerade der eine oder die andere diesem Wüten zum Opfer fallen musste, bleibt letztlich unerklärlich, ist nicht zu rechtfertigen – erst recht nicht aus dem Lebenswandel und der Person des einzelnen heraus. Welchem einzelnen Opfer der Nationalsozialisten hätte man es absprechen können, mit Hiobs Worten gegen Gott aufzubegehren: „Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.“

Diese Frage bleibt – und diese Spannung bleibt, dass sich Gott unserer Erwägung und Berechnung gänzlich entzieht, wie auch Hiob erkennen muss: „Doch er, der Eine – wer kann ihm wehren? –, er tut, was seine Seele begehrt. Ja, er wird vollenden, was für mich bestimmt ist; und dergleichen hat er vieles noch im Sinn.“ Wie kann Gott solches Unrecht zulassen? Diese Spannung beschönigen oder wegdeuten zu wollen, wäre billig – billig gegenüber dem Text und billig gegenüber den Opfern, derer wir heute gedenken. Bestürzung, Beben und Verzagen können auch Teil der Beziehung von Menschen zu Gott sein. Dies ist die Einsicht dieses Predigttextes an diesem Gedenktag – und gewiss keine leichte. Aber sie ist eine notwendige Irritation für uns, die wir doch immer wieder dazu neigen, von Gott zu erwarten, dass er unseren Vorstellungen zu entsprechen habe.

Jedoch – und auch dies gehört zur Botschaft des Hiob-Buchs: Ebenso können Klage und Widerspruch zur Gottesbeziehung gehören angesichts von Unrecht und Leid, das der Volksmund dann ja auch ganz zu Recht als „himmelschreiend“ bezeichnet. Im Klagen und Anklagen gegen Gott wenden wir uns nicht von ihm ab, sondern zu ihm hin. Nicht ohne Grund schilt Gott im Hiobbuch am Ende auch nicht seinen Ankläger Hiob, sondern dessen Freunde, die diesen in seiner Anklage zum Verstummen bringen wollten: „… da sprach der HERR zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und gegen deine beiden Freunde: Denn ihr habt über mich nicht Wahres geredet wie mein Knecht Hiob.“ (Hiob 42,7)

Und so ist Hiobs Klage keine stille Klage – und sie schließt mit einem Satz, der auch uns zur Klage ermutigt, einer Klage im Ringen mit Gott: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“ Wenn wir in diesem Sinne heute die Opfer von einst beklagen, dann tritt neben unsere Klage zugleich jedoch auch die Zusage: Gott mag uns in seinem unergründlichen Ratschluss fremd und entzogen sein. Jedoch ist er immer auch der Zugewandte, der Mitleidende, ist gerade in den Opfern, die uns so unerklärlich sind, gegenwärtig. Einer, dem diese Präsenz Gottes gerade im Angesicht des Leids bewusstwurde, war Elie Wiesel. In seinem autobiografischen Auschwitz-Buch „Die Nacht“ schildert er die Hinrichtung eines Jungen, der zusammen mit zwei anderen Häftlingen wegen Sabotage zum Tode verurteilt worden war:

„‚Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. ‚Mützen ab!‘ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. ‚Mützen auf!‘ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr… Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch … Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. […] Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: ‚Wo ist Gott?‘ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‚Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen…‘“

Elie Wiesel konnte Gott im Jungen am Galgen erkennen. Wurde Gott in solcher Weise auch für Menschen im Wald von Piasnitz erfahrbar? Wir wissen es nicht – und es zu behaupten, hieße, die Schrecken des Jahres 1939 in einer Weise zu bemänteln, die gerade uns nicht zusteht. Wir dürfen es jedoch hoffen. Und dies ist eine Hoffnung, die unseren Blick am Ende von den Verwerfungen der Vergangenheit in die Zukunft richten lässt. Denn wo Gott ist, da ist immer auch ein Neubeginn möglich: Kein Schlussstrich, aber eine Klage über die Opfer, aus der ein Eingestehen von Schuld und eine innere Umkehr folgen. Dies hebt die Unfassbarkeit des Leids und die Notwendigkeit der Klage nicht auf, aber aus der Klage können neue Begegnungen entstehen und Beziehungen wachsen. Das nennen wir dann Verständigung und Versöhnung. Schritte dieser Entwicklung dürfen wir bereits seit Jahrzehnten zwischen Polen und Deutschen erleben – Gott sei Dank! Und ganz in diesem Sinne dürfen wir festhalten an dem Widerspruch des Hiob, der letztlich ein Festhalten ist an der Hoffnung auf Gott und Gottes Gerechtigkeit: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“

Predigt im Gottesdienst zur Erinnerung an 80 Jahre Beginn des 2. Weltkrieges am 11. Sonntag nach Trinitatis, 1. September 2019, in der Ev. Patmos-Gemeinde Berlin-Steglitz.

Erinnern an Vergangenes für die Zukunft

Marienbader Gespräche zu deutscher und tschechischer Gedenkstättenarbeit

Mit „Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur zwischen Generationenwechsel, Nationalismus und Antisemitismus“ hatte sich der Sudetendeutsche Rat (SR) für seine heurigen Marienbader Gespräche vom 28. bis 30. Juni ein Thema gewählt, das – anlässlich des Gedenkens an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren – sowohl von geschichtspolitischer als auch – mit Blick auf wachsende rechtspopulistische Strömungen in Europa – von tagespolitischer Relevanz ist. Dieser – auch von Generalsekretärin Christa Naaß MdL a.D. in ihrer Eröffnungsrede betonten – doppelten Bedeutsamkeit der vom Bundesministerium des Innern geförderten Tagung entsprach es sodann auch, dass die Tagung unter die Worte „Zukunft Erinnerung“ gestellt worden war.

Einen Überblick über die öffentliche Gedenkstättenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland gab Rita Hagl-Kehl MdB, sozialdemokratisches Mitglied des SR und Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, indem sie die geschichtspolitischen Grundlinien der Bundesregierung ausgehend von den einschlägigen Passagen des Koalitionsvertrags entfaltete und anhand des aktuellen Bundesprogramms „Jugend erinnert“ erläuterte.

An Hagl-Kehl anknüpfend wurde exemplarisch die Gedenkstättenarbeit in Bayern in den Blick genommen, wobei sowohl Praktiker als auch verantwortliche Landespolitiker zu Wort kamen.

Exemplarische Einblicke gaben Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, und Dr. Hildegard Kronawitter MdL a.D., Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e.V. Beide stellten die grenzübergreifende Dimension ihrer jeweiligen Arbeit heraus. Im Falle der KZ-Gedenkstätte ist diese bereits historisch bedingt, da der Lagerkomplex Flossenbürg über Außenlager sowohl im Deutschen Reich als auch im annektierten Tschechien verfügte. Vermittels des Zentralthemas „Freiheit“ seien – so Kronawitter – auch außerhalb Deutschlands junge Menschen von der Geschichte der Weißen Rose fasziniert; so habe die Stiftung etwa eine eigene Wanderausstellung auf Tschechisch erarbeitet, die im östlichen Nachbarland gut angenommen werde.

Moderiert vom Vorsitzenden des Adalbert Stifter Vereins, Dr. Peter Becher diskutierten sodann die zuständigen Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel (Grüne), Dr. Helmut Kaltenhauser (FDP), Margit Wild (SPD) und Josef Zellmeier (CSU) über die Rahmenbedingungen der bayerischen Gedenkstättenpolitik, wobei ein parteiübergreifender Konsens über die Notwendigkeit deutlich wurde, die Infrastruktur der entsprechenden Einrichtungen zu stärken.

Weitere Einblicke in geschichtspolitische Handlungsfelder gaben die Vorträge des früheren Bayerischen Kultusministers Dr. Ludwig Spaenle und von Erich Schneeberger, Landesvorsitzender des bayerischen Verbandes der Sinti und Roma. Spaenle sprach über die Erfahrungen und Erkenntnisse, die er im zurückliegenden Jahr im neugeschaffenen Amt des Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe sammeln konnte. Schneeberger wiederum stellte die Grundzüge und Potenziale des Staatsvertrags zwischen dem Freistaats Bayern mit den Sinti und Roma dar.

Beispiele der tschechischen Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit kamen von Jaroslav Ostrčilík, dem Initiator des Brünner Versöhnungsmarsches, und BdV-Präsidiumsmitglied Milan Horáček. Dieser berichtete von seinem in Tschechien, aber ebenso auf europapolitischer Ebene geführten Kampf um die geschichtspolitische Anerkennung und Aufarbeitung „eines verschwiegenen Völkermordes“ an Sinti und Roma im böhmischen Lager Lety.

Neben den ‚großen‘ Gedenkstätten, die sich mit den Verbrechen des 20. Jahrhunderts verbinden, kamen auch lokale – und dabei primär kirchliche – Erinnerungsorte in den Blick. Zum einen stellte Jakub Ded die Arbeit seines Vereins „Omnium“ vor, der sich für den Erhalt historischer Friedhöfe einsetzt. Zum anderen hatten die Tagungsteilnehmer die Gelegenheit, anlässlich eines Konzerts des Westböhmischen Symphonieorchesters, Marienbad, die St.-Annen-Kirche von Palitsch kennenzulernen, für deren Restaurierung sich eine zivilgesellschaftliche Initiative einsetzt.

Eine Rückbindung des Tagungsthemas an den größeren Kontext der deutschtschechischen Nachbarschaftspolitik stellten Dr. Christoph Israng, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, der Leiter des Sudetendeutschen Büros, Peter Barton, sowie Senator Prof. Dr. Zdeněk Papoušek von der KDU-ČSL (Christliche und Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei) sicher, die aus der je eigenen Perspektive über den aktuellen Stand der grenzübergreifenden Beziehungen berichteten.

Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, arbeitete in seinem Abschlussvortrag die zentrale erinnerungspolitische Dimension der Vertriebenen- sowie Volksgruppenpolitik heraus. Dabei betonte er das Potenzial von Gedenkstätten – mithin Denkmälern –, zu einem Nachdenken über Fragen von aktueller politischer Bedeutung, etwa die Gestaltung Europas, anzuregen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 3/2019.

Gedenken an den Vernichtungskrieg

Eine zivilgesellschaftliche Initiative fordert ein „Polendenkmal“ in Berlin

Von Tilman Asmus Fischer

Es dürfte nur wenige öffentliche Räume geben, die eine ähnlich hohe Denkmal-Dichte aufweisen können wie das Berliner Stadtzentrum. Ebenso vielfältig wie die historischen Prozesse und Ereignisse, die mit der Bundeshauptstadt verbunden sind, sind die geschichtspolitischen Initiativen, die in Stein gehauene und aus Metall gegossene Spuren im Stadtbild hinterlassen haben. Wenn es nach den Initiatoren eines im November 2017 an den Deutschen Bundestag gerichteten Aufrufs geht, soll ein „Polendenkmal“ auf dem Askanischen Platz in Berlin-Kreuzberg „zum Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945“ die monumentalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ergänzen.

Warschau im Januar 1945 (Bild: M.Świerczyński)

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die in den sechs Kriegsjahren in Polen begangenen Verbrechen, auf die der Aufruf verweist, von ihrer Qualität und Quantität her eine eigenständige Form des Gedenkens rechtfertigen. So qualifiziert auch die neuere zeitgeschichtliche Forschung die Kriegsführung in Polen als Vernichtungskrieg: von den Massenerschießungen nach Kriegsbeginn, über die Shoa (unter den ermordeten Juden befanden sich drei Millionen polnische Staatsbürger) bis zur Zerstörung Warschaus in den letzten Kriegsmonaten.

Ins Leben gerufen haben die Initiative neben den früheren Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse sowie dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, der Direktor des Deutschen Polen-Instituts (Darmstadt), Dieter Bingen, sowie der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, Florian Mausbach. Zu den weiteren Unterzeichnern des Aufrufs gehören auch Bischof Markus Dröge, Erzbischof Heiner Koch, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein sowie der langjährige EKD- und EKBO-Synodale Klaus Wittmann.

Seit der Veröffentlichung des Aufrufs vor gut anderthalb Jahren wirbt die Initiative auf unterschiedlichen Ebenen für ihr Projekt: Neben mehreren Informationsgesprächen mit Abgeordneten unterschiedlicher Bundestagsfraktionen fand im März eine Podiumsdiskussion in der Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund statt. Am 14. Mai präsentierte Emilie Mansfeld, Leiterin des Berliner Büros des Deutschen Polen-Instituts, auf Einladung der Evangelischen Akademie zu Berlin im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wglady Einblicke“ die Initiative vor zivilgesellschaftlichen Multiplikatoren der deutsch-polnischen Zusammenarbeit im Haus der EKD.

Auch wenn es Gedenkorte gebe, die bereits unter anderem an polnische Kriegsopfer erinnerten, wie etwa das Holocaust-Mahnmal, fehle – so Mansfeld – ein Denkmal, das konkret der polnischen Opfergruppe erinnere. Entsprechende Denkmäler bestünden etwa für die ermordeten Sinti und Roma sowie Homosexuellen. Mithin werde das Thema der Kriegsverbrechen im besetzten Polen dies- und jenseits der Oder asymmetrisch wahrgenommen; so gebe es bis heute keinen entsprechenden Termin im Kalender des öffentlichen Gedenkens in Deutschland. Insofern verbinden die Initiatoren mit ihrem Vorstoß die Hoffnung, über die Forderung nach einem Denkmal hinaus für dieses Defizit zu sensibilisieren und damit eine erinnerungspolitische Brücke zum Nachbarland zu schlagen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 22/2019.

Weitere Informationen: http://www.polendenkmal.de

Mit dem Mut, gegen Mehrheiten zu handeln

Vor 50 Jahren starb Pfarrer Johannes Schwartzkopff

Von Tilman Asmus Fischer

Als der pensionierte Pfarrer Theodor Johannes Schwartzkopff im Sommer 1968 auf dem Friedhof in Berlin-Mariendorf beigesetzt wurde, konnte kaum ein Mitglied seiner alten Gemeinde an der Trauerfeier teilnehmen – lag diese doch hinter der Mauer im abgeriegelten Ost-Berlin. Dies soll am Volkstrauertag dieses Jahres anders sein, wenn die Immanuelgemeinde aus Berlin-Prenzlauer Berg mit einem Gottesdienst und anschließenden Besuch am Grab ihres langjährigen Pfarrers gedenkt. Am Buß- und Bettag wird sodann eine Gedenktafel für den Zeugen des Kirchenkampfes in der Zeit des Nationalsozialismus vor der Immanuelkirche eingeweiht.

(Foto: Archiv der Ev. Immanuel-Kirchengemeinde
Prenzlauer Berg)

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, lagen bereits fast 20 reiche Jahre als Pfarrer hinter dem 1889 in Wolfsburg geborenen Johannes Schwartzkopff: 1914 Hilfspfarrer im westpreußischen Bromberg, anschließend Feldgeistlicher im Ersten Weltkrieg, wurde er 1917 Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Von Anfang an widersetzte sich Schwartzkopff – seit 1925 Domprediger am Güstrower Dom – der NSDAP und ihrem protestantischen Vortrupp, den „Deutschen Christen“ (DC).

Als einflussreiches Mitglied der Bekennenden Kirche und des Pfarrernotbundes war Schwartzkopff dem Staat und seiner „zerstörten“ – also von den DC übernommenen – Landeskirche ein Dorn im Auge. Nach zeitweiser Amtsenthebung, Verurteilung und Strafversetzung bot sich ihm 1937 die Gelegenheit, einem Ruf an die Berliner Immanuelkirche zu folgen. Hier leitete er – als Gegenpart zum deutschchristlichen Pfarrer Ferdinand Lies – die Gemeinde der Bekennenden Kirche und setzte sich unerschrocken für bedrohte und verfolgte Menschen ein.

Damit zählt Schwartzkopff für Mark Pockrandt, heute Pfarrer der Immanuelgemeinde, zu den prägenden Pfarrpersonen in der Geschichte seiner Gemeinde: „Er setzte sich in der Zeit des Nationalsozialismus für verfolgte jüdische Menschen ein und organisierte den Einsatz vieler Helfenden zur Versorgung von Menschen in Not.“ Trotz mehrfacher Verhaftung beteiligte sich Schwartzkopff an der Rettung von Menschen, die aufgrund der Nürnberger Rassegesetze verfolgt wurden – unter anderem taufte er den aus einer sogenannten Mischehe stammenden späteren Schriftsteller Sigmar Schollak. Ebenso solidarisierte er sich mit seinem als Homosexuellen verfolgten Amtsbruder Friedrich Klein.

Pfarrer Pockrandt erinnert daran, dass Schwartzkopff das Engagement für seine Mitmenschen auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte. „Ein großes Problem war: Wo konnten die Trümmerfrauen tagsüber ihre Kinder lassen? So gründete Schwartzkopff 1946 den Kinderhort der Immanuelgemeinde, der auch zu DDR-Zeiten als kirchlicher Hort bestehen blieb.“ Zudem gehörte er dem Evangelischen Oberkirchenrat an und verantwortete die Arbeit der Bahnhofsmission. Über Berlin hinaus machte sich der Theologe verdient um die Pflege des Erbes von Ernst Barlach: Den ihm aus Güstrower Zeiten verbundenen Bildhauer hatte er 1938 bestattet; dessen Werke galten den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“.

Nach seiner Pensionierung 1958 ließ sich Schwartzkopff in West-Berlin nieder. Dort starb er am 22. Juni 1968: „Jeder, der ihn kannte, wird wissen, dass in Verkündigung und Seelsorge die ganze fruchtbare Kraft der Güte und Liebe sein Wirken bestimmte. Immer war ihm der Andere der Nächste!“, hieß es damals in der zensierten Gemeindezeitung.

Für Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO, ist es wichtig, an Johannes Schwartzkopff zu erinnern, „denn er war einer der wenigen Christen, der in der Diktatur des Nationalsozialisten den Mut hatte, außer der Reihe zu stehen und Verfolgten zu helfen“. Im Unterschied zu ihm hätten sich selbst Pfarrer der Bekennenden Kirche schwer damit getan, jüdischen Menschen zu helfen. „Wir erinnern an Pfarrer Schwartzkopff als ein Beispiel für christliche Nächstenliebe in schwerer Zeit und für Zivilcourage, den Mut gegen die Mehrheit zu handeln“, betont Gardei. Noch heute könne man aus dem Leben des Bekenntnispfarrers lernen: „Es ist wichtig, dem eigenen christlichen Gewissen zu folgen und sich nicht einfach der Mehrheitsmeinung anzuschließen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 46/2018.

„Nach Hitler kommen wir!“

Eine Wanderausstellung erinnert an den republikanischen Wehrverband der Weimarer Republik – und an seine katholischen Unterstützer.

Von Tilman Asmus Fischer

Es war der größte Wehrverband der Weimarer Republik: das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“. 1923 von Anhängern der großen republikanisch gesonnenen Parteien – der DDP (Deutsche Demokratische Partei), der SPD und des Zentrums –, die gemeinsam die „Weimarer Koalition“ bildeten, gegründet, versammelte das Reichsbanner mehr frühere Kriegsteilnehmer und weitere Mitglieder als die antidemokratischen Wehrverbände: allen voran der „Rote Frontkämpferbund“ und der „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“.

Bemerkenswert ist, dass zu einer Zeit, als in weiten Teilen von Politik und Gesellschaft noch klare Fronten zwischen der politischen Linken und den Kirchen bestanden, hier Sozialdemokraten und Christen – vor allem Katholiken – gemeinsam für eine republikanische Staatsordnung stritten. Dies verdeutlicht auch die neuaufgelegte Wanderausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“, die das – nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebte – Reichsbanner gemeinsam mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erarbeitet hat.

Das Reichsbanner war strikt überparteilich organisiert: Neben Anhängern der drei republikanischen Parteien konnten auch Parteilose Mitglied werden, bei Gremienwahlen wurde auf die Vertretung von DDP, SPD und Zentrum geachtet. Zwar waren beide Bundesvorsitzende des Reichsbanners während der Weimarer Republik – Otto Hörsing und Karl Höltermann – Sozialdemokraten. Zudem stellte in der Mehrheit der Gaue die SPD vier Fünftel der Mitglieder. Jedoch waren in katholisch geprägten Regionen Zentrums-Mitglieder durchaus stärker vertreten. Vor allem aber finden sich unter den Aktivisten und Unterstützern zahlreiche prominente Katholiken. Einigen von ihnen sind in der Ausstellung exemplarische Porträts gewidmet.

Zu ihnen zählt die Sozialpolitikerin und Reichstagsabgeordnete Christine Teusch, die als Autorin der „Illustrierten Reichsbanner-Zeitung“ in Erscheinung trat, in der sie forderte: „Die Frau wählt republikanisch!“ Neben ihr unterstützten auch andere Politikerinnen das Reichsbanner – und dies, obwohl sich der Verband nach einer hierzu geführten Debatte, die die Ausstellung reflektiert, dezidiert dazu entschieden hatte, als Veteranenvereinigung Frauen nicht die Mitgliedschaft zu gewähren.

Neben politisch engagierten Laien findet sich mit dem oberschlesischen Priester Carl Ulitzka auch einer der markantesten Vertreter des deutschen Klerus der Zwischenkriegszeit. Der Zentrums-Parlamentarier – er gehörte sowohl der verfassungsgebenden Nationalversammlung als auch bis 1933 dem Reichstag an – war nicht nur Mitglied des Reichsbanners, sondern trat für dieses auch als Redner und Publizist in Erscheinung.

Die Ausstellung zeigt unterschiedliche Formen, in denen der Verband versuchte, einer prorepublikanischen Haltung in der Gesellschaft bleibenden Ausdruck zu verleihen: Hierzu zählten Straßenwahlkampf zu Urnengängen von der Kommunal- bis zur Reichsebene und die Ausrichtung von „Bundesverfassungsfeiern“ ebenso wie die Errichtung republikanischer Denkmäler, sowie der Vertrieb republikanischer Konsumprodukte von schwarz-rot-goldenen Bierkrügen bis hin zu „Reichsbanner-Cigaretten“.

Es gehört zur Tragik der Geschichte des Reichsbanners, dass er als größter Wehrverband – selbst nach Gründung der „Eisernen Front“ 1931 gemeinsam mit SPD und Gewerkschaften – der nationalsozialistischen Machtergreifung am Ende nichts entgegensetzen konnte. Letztlich stimmten sogar Reichsbanner-Mitglieder wie Ulitzka im Parlament dem sogenannten „Ermächtigungsgesetz“ zu. Dies schützte sie freilich nicht vor Verfolgung durch das NS-Regime: Auch Ulitzka wurde 1945 bis 1945 im KZ Dachau festgehalten.

Unter den Widerstandskämpfern der 1930er und 1940er Jahre finden sich mehrere Reichsbanner-Männer. Einige überlebten noch nicht einmal die ersten Jahre der Diktatur. Anderen war es vergönnt, nach dem Krieg die neue Demokratie mitzugestalten. Zu ihnen gehörte etwa der Zentrumspolitiker Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, der bis 1933 die Kindergruppe des Reichsbanners, den „Vortrupp Schwarz-Rot-Gold“ betreut hatte und 1953 für die FDP in den Bundestag einzog. – Noch bei der letzten Bundesgeneralversammlung des Reichsbanners im Februar 1933 hatte Karl Höltermann erklärt: „Nach Hitler kommen wir! Es werden wieder die deutschen Republikaner sein, die einen Scherbenhaufen aufräumen müssen. Auf diesen Tag richten wir uns ein!“

Ausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“. Geöffnet bis zum 22. Juli 2018 im Sonderausstellungsbereich der Gedenkstätte Deutscher Widerstand – Stauffenbergstraße 13–14, 10785 Berlin. (Eingang über den Ehrenhof). Öffnungszeiten: Mo.–Mi. u. Fr. 9–18 Uhr; Do. 9–20 Uhr; Sa., So. und Feiertage 10–18 Uhr.

Erschienen am 28. Juni 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Die vergessenen Republikaner

Eine Wanderausstellung erinnert an die Geschichte des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold

Von Tilman Asmus Fischer

Das historische ‚Straßenbild‘ der Weimarer Republik ist heute weitestgehend geprägt durch diejenigen Kräfte, die sich im Umfeld der aus Weltkriegsveteranen rekrutierten antidemokratischen Wehrverbände formierten: des „Roten Frontkämpferbundes“ und des deutschnationalen „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“. Darüber vergessen wird meist der mitgliederstärkste Wehrverband der 1920er und – bis zur Zerschlagung – 1930er Jahre: das 1924 von Mitgliedern der demokratischen Parteien – SPD, Zentrum, DDP (Deutsche Demokratische Partei) – gegründete „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“.

Dessen Geschichte in Erinnerung zu rufen, ist Ziel der neuaufgelegten Wanderausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“. Erstellt wurde sie von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gemeinsam mit dem „Reichsbanner“, das 1953 wiederbegründet wurde und bis heute als „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten“ fortbesteht. Die um eine Ausstellungsvitrine ergänzte Schautafelausstellung beleuchtet nicht nur die Verbandsgeschichte und den – letztlich verlorenen – Kampf des Reichsbanners für den Erhalt der Weimarer Republik.

Vielmehr eröffnet sie einen Einblick in das tägliche Leben und politische Wirken der staatstragenden Kräfte in der ersten deutschen Demokratie und vermittelt anhand einzelner porträtierter Mitglieder einen Eindruck von der Vielseitigkeit der unterschiedlichen Milieus, die sich – vereint durch das gemeinsame Ziel des Schutzes der Republik – im Reichsbanner versammelten. Hierzu gehörten, neben eher kirchenfernen Sozialdemokraten und katholischen Zentrumsanhängern auch einzelne Vertreter des protestantischen Bürgertums.

Einer von ihnen war der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss, der für die DDP dem Reichstag angehörte. Der Volkswirt und Politikwissenschaftler bezog nicht nur als Publizist Stellung gegen den Nationalsozialismus; etwa mit seiner 1932 erschienen historisch-politischen Studie „Hitlers Weg“. Auch brachte er sich mit Reden und Veröffentlichungen aktiv in die Arbeit des Reichsbanners ein. Zudem zeigt die Person Heuss, dies verschwiegt die Ausstellung nicht, auch die Tragik des Endes der demokratischen Kräfte im Deutschen Reich – vor ihrem Weg in den Untergrund: 1933 gehörte Heuss zu den Abgeordneten, die wider das eigene Gewissen für das Ermächtigungsgesetz stimmten.

Dies scheint ein Stück weit symptomatisch zu sein: Einerseits schloss sich das Reichsbanner gemeinsam mit SPD und sozialdemokratischen Organisationen zum demokratischen Bündnis „Eiserne Front“ zusammen. Zudem bot es auf der Straße den Nationalsozialisten die Stirn und hatte dabei selbst auch Todesopfer zu beklagen. Andererseits konnte sich die Führung des Reichsbanners 1932 innerhalb der „Eisernen Front“ nicht mit ihrer Forderung dursetzen, aktiv – mit gewaltfreiem Protest oder einem Generalstreik – gegen den „Preußenschlag“ vorzugehen.

Mit dem Verbot bzw. der Selbstauflösung des Reichsbanners 1933 endet die bewegende Ausstellung. Einzelne Mitglieder des Reichsbanners, die nicht ins Exil gingen oder von den Nationalsozialisten ermordet wurden, gingen in den folgenden Jahren in den Untergrund und brachten sich in den Widerstand gegen die Diktatur ein.

Die Ausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“ wird bis zum 22. Juli 2018 im Sonderausstellungsbereich der Gedenkstätte Deutscher Widerstand – Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin – gezeigt (Eingang über den Ehrenhof). Öffnungszeiten: Mo-Mi u. Fr 9-18 Uhr; Do 9-20 Uhr; Sa, So und Feiertage 10-18 Uhr.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 25/2018.