„Einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus“

Zum 130. Geburtstag von Senatspräsident a. D. Hermann Rauschning

Personengedenktage geben einen willkommenen Anlass, an die historischen Verdienste zu erinnern, denen ein Jubilar seine Stellung im kollektiven Gedächtnis verdankt. Zugleich ermuntern sie aber auch dazu, Aspekte seiner Biografie in Erinnerung zu rufen, die im populären Diskurs nur nachrangig Berücksichtigung finden. Beiden Dimensionen möchte der folgende Beitrag nachgehen, der sich aus Anlass des 130. Geburtstags dem am 7. August 1887 in Thorn geborenen Hermann Rauschning widmet : Das dominierende Bild vom ersten NSDAP-Senatspräsidenten der Freien Stadt Danzig und späteren Hitler-Gegner bliebe unvollständig, wenn nicht auch die Jahre von 1945 bis zu seinem Tod am 8. Februar 1982 in Portland (Oregon, USA) Beachtung fänden, denn hier begegnet uns Rauschning sowohl als vielbeachteter Zeitzeuge wie als politischer Denker, der sich in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik nachdrücklich am öffentlichen Diskurs über die Deutschland-Politik beteiligte.

Von Thorn nach Portland – ein verschlungener Lebensweg

Der Weg, den Hermann Rauschning nach seinen Jugendjahren in Thorn mit einem Studium der Musikwissenschaft in München und Berlin einschlug, ließ eine spätere politische Karriere noch nicht erahnen. Zumindest jedoch offenbarte bereits seine Dissertation über die „Geschichte der Musik und Musikpflege in Danzig“ (1911), dass Rauschning in seinem Denken nationalen Paradigmen durchaus verpflichtet war – so dass seine überarbeitete Abhandlung bei ihrer Drucklegung im Jahre 1931 dann, den Tendenzen der Zeit entsprechend, dezidiert die Zugehörigkeit Danzigs allein zur deutschen Kultur propagieren konnte.

Sein Eintreten für nationale Interessen – zunächst einmal für diejenigen der Deutschen als nationaler Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit – prägte sich bei seiner ersten beruflichen Tätigkeit als Leiter der Deutschen Bücherei in Posen ab 1920 sodann schon deutlicher aus. Sein nach der Übersiedlung in die Freie Stadt Danzig erschienenes Buch „Die Entdeutschung Westpreußens und Posens. Zehn Jahre polnischer Politik“ (1930) hat bis heute wesentlichen Einfluss auf das gängige Bild über die Lage der Deutschen im Korridorgebiet.

In den Jahren 1931 bis 1934 sollte Rauschning eine wechselhafte Rolle in der Freien Stadt spielen: Nachdem er 1931 der NSDAP beigetreten war, brachte ihn 1933 eine Koalition mit dem katholischen Zentrum in das Amt des Danziger Senatspräsidenten. Schon bald offenbarten sich jedoch wesentliche weltanschauliche Differenzen zur Mehrheit der Danziger Nationalsozialisten, an deren Spitze Gauleiter Albert Forster stand. Diese Spannungen hat Marcus Pyka (Zürich 2005) auf den Punkt gebracht: Während „etwa Gauleiter Forster in erster Linie Nationalsozialist und somit ganz und gar auf Hitler fixiert war, hatte der stellvertretende Gauleiter Rauschning durchaus seinen eigenen Kopf. Dieser zeigte sich etwa bei der Frage der Wirtschaftspolitik […]. Daneben betrachtete Rauschning einen Ausgleich mit Polen als ein politisches Ziel von eigenem Wert, und auch mit der nationalsozialistischen Rassenideologie konnte er wohl nur bedingt etwas anfangen.“

Am Ende dieser Auseinandersetzungen verließ Rauschning 1934 Amt und Partei und schlug sich auf die Seite der Opposition; 1934 emigrierte er schließlich nach Polen und ab 1938 mit Zwischenstationen in der Schweiz und Frankreich in die USA. In diesen Jahren erreichte sein publizistisches Wirken einen ersten Höhepunkt: Den größten – und bis heute anhaltenden – Bekanntheitsgrad erreichten die 1940 veröffentlichten „Gespräche mit Hitler“; mindestens ebenso bedeutend war jedoch sein Entwurf einer konservativen Faschismustheorie in seiner Monographie „Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich“, die besonders bemerkenswert ist, da diese fundamentale Kritik bereits 1938 – also deutlich vor den Gräueln des Zweiten Weltkriegs – formuliert wurde.

Nationalsozialismus und Weltkrieg hatten dazu geführt, dass Rauschning seinen neuen Lebensmittelpunkt in den 1940er Jahren im US-Bundesstaat Oregon gefunden hatte, wo er sich 1948 als Farmer niederließ. Als Vortragsreisender und Publizist sollte er jedoch weiterhin in der jungen Bundesrepublik – insbesondere in den 1950er Jahren – präsent bleiben.

Der politische Denker

Es verwundert nicht, dass sich der ehemalige Danziger Senatspräsident in den Nachkriegsjahren gerade auch zu Fragen der Vertriebenenpolitik äußerte. So veröffentlichte das Mitteilungsblatt der Landsmannschaft Ostpreußen (Wir Ostpreußen 3 / 1950) seinen Artikel „Danzig im gesamtdeutschen Schicksal“. Hier wandte er sich gegen politische Strömungen, die versuchten, aus der Geschichte und völkerrechtlichen Stellung Danzigs einen vertriebenenpolitischen Sonderweg der Danziger jenseits der Gesamtheit der deutschen Vertriebenen zu entwickeln: Er forderte, „daß sich die Ostdeutschen als Ganzes der Würde und Aufgabe als einer […] Gruppe bewußt werden und Einfluß auf die Gestaltung der Gesamtpolitik Deutschlands und Europas zu gewinnen versuchen“.

Unter dem leitenden Motiv des Einsatzes für ein wiedervereinigtes und unabhängiges Deutschland befasste er sich freilich nicht nur mit der deutschen Perspektive, sondern berücksichtigte auch stets die Entwicklungen in der internationalen Politik. So beobachtete er im „Ostpreußenblatt“ (Nr. 11 / 1953) etwa die Aktivitäten der erst wenige Monate im Amt befindlichen Regierung Eisenhower und stellte fest: „Außerhalb der Vereinigten Staaten macht sich wohltuend geltend, daß eine Hand die Zügel hält, die weiß, wohin sie fahren will.“

Die Provenienz der oben zitierten Artikel darf allerdings nicht den Blick auf die Breite von Rauschnings publizistischem Schaffen verstellen. Neben weiteren Artikeln und Monographien wie „Die deutsche Einheit und der Weltfriede“ (1955) beteiligte sich Rauschning als Autor – und überdies sogar als Mitbegründer – an den „Blättern für deutsche und internationale Politik“. Diese sind bis heute eine der angesehensten Fachzeitschriften im Umfeld der Politikwissenschaft.

Am 9. September 1985 veröffentlicht der „Spiegel“ einen ausführlichen Beitrag über den Fälschungscharakter der „Gespräche mit Hitler“. (Ausschnitt auf dem Beitrag „Zitat, Zitat, Zitat, und nichts weiter“ von Wolfgang Malanowski, in: Der Spiegel 37/1985; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514710.html)

Der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker

Ebenso wie der politische Denker war auch der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker Rauschning in die öffentlichen Diskurse der Zeit involviert. Dies verdeutlicht eine Reihe von Beiträgen, die über mehrere Jahrzehnte hinweg im Spiegel erschienen sind.

Von besonderer Bedeutung ist ein Artikel vom 18. November 1959 aus einer Serie, die entgegen der öffentlichen Mehrheitsmeinung für eine Alleintäterschaft des Kommunisten van der Lubbe beim Reichstagsbrand eintrat. Rauschnings „Gespräche“ galten zu dieser Zeit noch als ein wesentlicher Beleg für die Täterschaft der Nationalsozialisten, wollte Rauschning doch ein entsprechendes Eingeständnis persönlich von Göring vernommen haben. Im Vorfeld der Veröffentlichung hatte der „Spiegel“ mit Rauschning korrespondiert, der nun zurückruderte und lediglich noch Bruchstücke eines Gespräches von Göring mitgehört haben wollte. Das Magazin kam zu dem Schluss: Angesichts dieser Einschränkung müsse Rauschning „auch zumindest die Möglichkeit zugeben […], daß er die Worte Görings mißverstanden hat. Als historische Quelle kann sein Bericht jedenfalls nicht gelten“.

Zwar veröffentlichte der Spiegel am 23. Dezember eine ganzseitige Reaktion auf die Kritik Rauschnings, der Geltungsanspruch der „Gespräche“ hatte jedoch erste Risse bekommen. Obwohl sich die Bedenken bereits während der 1960er Jahre noch mehrten, sollte eine fundierte Dekonstruktion von Rauschnings „kreativer“ Geschichtsschreibung erst in den 1980er Jahren erfolgen. Immerhin zitierte der Spiegel noch 1980 in einer Artikelserie über die „kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946“ Rauschning als verlässlichen Zeitzeugen.

Auch wenn die immer stärker anwachsenden Zweifel an der Authentizität letztlich zur Gewissheit über den Fälschungscharakter der „Gespräche“ wurden, blieb Rauschning in den Nachkriegsjahrzehnten ein wichtiger Referenzpunkt für das Nachdenken über die Zeit des Nationalsozialismus. Dieser Nimbus scheint sich weniger der Korrektheit und Zuverlässigkeit von Tatsachenberichten als vielmehr dem Verdienst zu verdanken, bereits frühzeitig und hellsichtig das Wesen der NS-Ideologie durchdrungen und als Chronist der NS-Zeit wesentliche Entwicklungslinien nachgezeichnet zu haben. So schloss Joachim Fest seinen zum 80. Geburtstag Hitlers verfassten Artikel (Der Spiegel, 17 / 1969), in dem er sich gegen die Bagatellisierung des Diktators als „Verkehrsunfall der deutschen Geschichte“ wandte, mit dezidiertem Verweis auf Rauschning: dieser, „der ihm eine Zeitlang selbst erlegen ist, hat ihn 1938 eine ‚universale Beunruhigung‘ genannt. Die Gegenwart ist hinter dieser Einsicht noch zurück.“

Die bleibende Bedeutung des Schaffens des Danziger Senatspräsidenten brachte gerade einer der Mitbegründer der Danziger Solidarność-Gewerkschaft, der Publizist Adam Michnik, in einem Spiegel-Beitrag des Jahres 1994 (Nr. 2) auf den Punkt : „Hermann Rauschning, einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus, prägte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs den Begriff der ‚Revolution des Nihilismus‘. Nihilisten waren für ihn gleichermaßen Hitler und Stalin, die Nazis und die Bolschewiken. Sie verbanden die Faszination des primitiven Denkens und die Überzeugung von der endgültigen Krise der Demokratie.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2017.

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Der Krieg nach dem Krieg

Robert Gerwarth untersucht historische Prozesse und Gewalt-Dynamiken nach 1918

2017 steht unübersehbar unter dem erinnerungspolitischen Vorzeichen des Jubiläums »der Reformation«, die von den tonangebenden Geschichtsinterpreten gegenwärtig wieder zum Inbegriff gesellschaftlichen Fortschritts erhoben wird. Umso deutlicher dürfte sich von den Reformations-feierlichkeiten der gedenkkulturelle Fluchtpunkt des Jahres 2018 unterscheiden:  Das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Immerhin führen die historischen Ereignisse, die sich mit ihm verbinden, in besonders drastischer Weise die Brüchigkeit der Fassade menschlicher »Zivilisation« vor Augen.

Ebenso kurz wie eine Reduzierung »der Reformation« auf ihre kulturgeschichtlichen »Errungenschaften« würde freilich eine Geschichtsdeutung greifen, die im offiziellen Ende des Ersten Weltkrieges bereits einen Abschluss des mit ihm einhergehenden Zivilisationsbruches sehen wollte. Den – freilich nicht neuen – Einwand, dass der Erste Weltkrieg vielmehr dunkle Schatten weit hinein in das 20. Jahrhundert wirft, ja dessen Konflikte sich ohne ihn gar nicht erklären lassen, unterstreicht der Historiker Robert Gerwarth mit seinem neuesten Buch Die Besiegten. Das blutige Ende des Ersten Weltkriegs.

Multiethnizität und Staatszerfall

Seine vergleichende Studie, in deren Zentrum der Zerfall der europäischen Großreiche – des Russischen Reiches, des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns – sowie des Osmanischen Reiches steht, analysiert detailliert die vielfältigen politischen und Gewalt-­Dynamiken, die gerade erst in der Endphase des Krieges ihren Ausgang nahmen und sich weit über ihn hinaus fortschrieben. Dabei ziehen sich zwei zentrale Beobachtungen als Konstanten durch die Konfliktgeschichte der Zwischenkriegszeit.

Zum einen arbeitet Gerwarth das fatale Dilemma zwischen dem Streben nach einer ethnischen Einheitlichkeit und der faktischen Multiethnizität der neu entstandenen Staaten Ost(mittel)europas heraus: »Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen und ihren imperialen Vorgängern […] bestand nicht in der erhofften ›ethnischen Reinheit‹, sondern vielmehr darin, dass sie wesentlich kleiner waren und die ethnischen Hierarchien sich umgekehrt hatten.«

Diese Diagnose alleine verleiht dem Buch freilich noch keinen Mehrwert, da sie sich in der historiografischen Deutung des Ersten Weltkrieges bereits weitestgehend durchgesetzt hat. Brisanz gewinnt diese Entwicklung jedoch dadurch, dass der Autor sie zum andern in einen wechselseitigen Zusammenhang mit einem zweiten Prozess stellt, der jene Problematik beeinflusst und letztlich verstärkt: einem Staatszerfall, der, wie ihn Gerwarth nachzeichnet, an failing und failed states und deren blutige Konsequenzen erinnert, mit denen wir es heute außerhalb Europas zu tun haben. »In Ermangelung funktionstüchtiger Staaten auf dem Gebiet der ehemaligen europäischen Landimperien maßen sich Milizen unterschiedlicher Coleur die Rolle von Nationalheeren an, und die Trennlinien zwischen Freund und Feind, Soldaten und Zivilisten verschwammen zusehends, was fatale Folgen haben sollte.«

Kontextualisierung von Einzelkonflikten

»Die Besiegten« hilft, Zusammenhänge, Parallelen und Unterschiede zwischen den unterschiedlichen regionalen Konflikten der Zwischenkriegszeit zu erkennen, und verdeutlicht historische Phänomene, die das Gesicht Europas in der Nachkriegszeit prägten. Damit bietet der Autor einen großen Aufriss der Gesamtproblematik und ermöglicht damit eine Kontextualisierung der einzelnen konkreten Konfliktkonstellationen.

Dementsprechend ist das Buch nicht anhand territorialer Kriterien, sondern einzelner historischer Phänomene gegliedert, welche die drei Hauptkapitel – »Niederlage«, »Revolution und Konterrevolution«, »Imperialer Zerfall« – und einen Ausblick auf »die europäische Krise des 20. Jahrhunderts« strukturieren. Da sich Gerwarth mit einem historischen Raum befasst, der sich immerhin von Finnland bis an die Levante erstreckt, sollte man das Buch nicht mit der Erwartung lesen, eine detaillierte Nachkriegsgeschichte einer einzelnen Region geboten zu bekommen. Wer sich jedoch für die größeren Zusammenhänge und ihre Verflechtung mit den einzelnen Konflikten und Gewalträumen interessiert, liest das Buch mit Gewinn. – Im Folgenden soll anhand des Deutschen Reiches verdeutlicht werden, in welcher Weise Gerwarth dazu verhilft, die Geschichte einer – exemplarischen – Konfliktpartei im Kontext zu denken.

Das Deutsche Reich in Zeiten des Umbruchs

Die für das Deutsche Reich relevanten Entwicklungen, die Gerwarth akzentuiert, lassen sich in militärische, territoriale, weltanschauliche und – zum großen Teil hieraus ­resultierende – politische unterscheiden.

Zunächst bedeutete das Ende der regulären Kampfhandlungen des Weltkrieges für deutsche Waffenträger nicht zwingend das Ende des Kriegs­alltags. Dies verdeutlicht eindrücklich der anhaltende Einsatz deutscher Kämpfer in den gewaltsamen Auseinandersetzungen des Baltikums – bei dem das Deutsche Reich auch gegenüber den Alliierten aus einer Machtposition heraus agieren konnte:  Nach der Errichtung einer deutschfreundlichen Marionettenregierung in Lettland 1919 forderten die westlichen Siegermächte »von der Regierung Ebert die sofortige Rückberufung sämtlicher Freikorps nach Deutschland, worauf diese mit dem Hinweis reagierte, dass die Westmächte das Baltikum dann selbst gegen die Bolschewiki verteidigen müssten. Die Alliierten lenkten ein und rückten von ihrer ultimativen Forderung nach dem deutschen Abzug ab.«

Kriegsfolgen

Die territorialen Konsequenzen des Ersten Weltkrieges wiederum verbinden sich in besonderer Weise mit dem unteren Weichselland. Hier – wie andernorts – zeigte sich das Wilsonsche Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker im Sinne der Schaffung neuer Nationalstaaten als lebensfeindliches Paradox: Wilson hatte versprochen, »ein wiederhergestelltes Polen solle ein ›unbestritten‹ von polnischer Bevölkerung bewohntes Gebiet werden mit einem ›freien und sicheren Zugang zur See‹. Beide Versprechen zu erfüllen war unmöglich, denn entlang der Ostseeküste gab es eine dichte deutsche Besiedlung.«

Der Erste Weltkrieg veränderte jedoch nicht nur die deutschen Grenzen, sondern mindestens ebenso tiefgreifend das Denken im Lande. Zum einen schlug sich die Niederlage in einem wachsenden Nationalismus nieder, der etwa in der deutschen Wissenschaftslandschaft zur Entstehung der auf Revision drängenden »Ostforschung« führte. Zum zweiten entwickelten politisch reaktionäre Kräfte aus dem Untergang von 1918 und den Kriegsfolgen heraus Begründungsmuster für ihre Ablehnung der jungen Demokratie. Als historischen Zeugen lässt Gerwarth den westpreußischen Reichstagsabgeordneten Elard von Oldenburg-Januschau zu Wort kommen: »Ich finde keine Worte, um meinen Schmerz über das Geschehen des Novembers 1918 wiederzugeben, um zu schildern, was in mir zerbrach. Ich fühlte eine Welt einstürzen und unter ihren Trümmern alles das begraben, was der Inhalt meines Lebens gewesen war, was meine Eltern mich von Kindesbeinen an zu verehren gelehrt hatten.«

Neben den Gegensatz von Demokratie und Reaktion trat zudem die geistesgeschichtliche Dichotomie, die bis zum Ende des Kalten Krieges prägend bleiben sollte: diejenige zwischen Kommunismus und Antikommunismus. Dass sich gerade die feindliche, ablehnende Haltung im Deutschen Reich in besonderer Weise ausprägte, resultierte aus dem immensen Zuzug antibolschewistischer bzw. zaristischer Flüchtlinge aus Russland: »Im Herbst 1920 waren bereits 560 000 Russen im Deutschen Reich eingetroffen. Berlin – und dort vor allem die Bezirke Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg (das damals den Spitznamen ›Charlottengrad‹ erhielt) – entwickelte sich zum Zentrum der russischen Exilgemeinde, deren Mitglieder in der deutschen Hauptstadt bis 1922 nicht weniger als 72 Verlage gründeten.«

Politische Konsequenzen

Die bereits skizzierten Entwickelungen sollten im Laufe der Jahre unmittelbare politische Konsequenzen zeitigen. So kam es in den neuen Nationalstaaten Ostmitteleuropas zu nachhaltigen Verletzungen der Minderheitenrechte, etwa derjenigen der deutschen Volksgruppen: »Was die ›Besiegten‹ Europas einte, war der Glaube dass ihre ›verlorenen‹ Minderheiten um jeden Preis ›heimgeholt‹ werden mussten, wodurch die Revidierung der Verträge schon lange vor dem Aufkommen der Nazis ganz oben auf der politischen Agenda stand.«

Dass diese Entwicklung für das Deutsche Reich in singulärer Weise zum Aufstieg der Nationalsozialisten und in den Zweiten Weltkrieg führte, darf nicht den Blick dafür trüben, dass sich dieser Weg nicht in einem luftleeren Raum vollzog. Vielmehr gibt es weitreichende Parallelen und Zusammenhänge, auf die Gerwarth aufmerksam macht. Dies gilt vor allem für den Zerfall des Osmanischen Reiches und die Entstehung der kemalistischen Türkei, denen die Monographie detailliert nachspürt. Ebendiese historischen Vorgänge gehörten wiederum zu den prägenden Eindrücken, unter denen sich die faschistischen Diktaturen in Rom und Berlin herausbildeten: »Mit seinem kompromisslosen Widerstand gegen den Druck der Alliierten rang Kemal Hitler große Hochachtung ab. Wie dieser aus den Trümmern der Niederlage einen radikal säkularen, nationalistischen und ethnisch homogenen Nationalstaat schuf, verdiente in den Augen Hitlers Respekt. Nicht zuletzt die genozidale KEF-Politik [KEF = Komitee für Einheit und Fortschritt] gegenüber den Armeniern zu Kriegszeiten und Kemals skrupellose Vertreibungen der osmanischen Christen übten einen nachhaltigen Einfluss auf die nationalsozialistische Vorstellungswelt aus.«

Ausblick: Gegenwartsbedeutung

Diese umfangreiche Studie ist freilich nicht nur ein gut recherchiertes Geschichtswerk, sondern zugleich ein Buch von gegenwärtiger Brisanz – begegnen dem Leser doch grundsätzliche Problemstellungen und Gewaltphänomene, die das weitere 20. Jahrhundert ebenso prägten wie unsere gegenwärtige Zeit. Dies gilt für die Auflösung von »klar umrissenen Frontlinien« und die Entstehung eines Guerillakrieges ebenso wie für die damit einhergehende Aufhebung der Unterscheidung von Zivilisten und Kämpfern – eine Tendenz, die im Einflussgebiet des »Islamischen Staates« momentan einen beklemmenden Höhepunkt erreicht. Ferner weist Gerwarth eine Brutalisierung der vom Krieg betroffenen Gesellschaften nach, die zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Möglichkeit von Konflikt- und Gewaltprävention, ja mithin über anthropologische Anlagen zur Gewalttätigkeit überhaupt anregt. Letztlich kreist das Buch jedoch aus historischer Perspektive um einen Topos, der in der Friedensethik von wachsender Bedeutung ist: demjenigen des »gerechten Friedens«. 1918 zumindest wurde er in keiner Weise erreicht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 6/2017.

Robert Gerwarth: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. München, Siedler 2017. Aus dem Englischen von Alexander Weber. Original­titel: The Vanquished. Europe and the Aftermath of the Great War. Gebunden, 480 Seiten, ISBN 978-3-8275-0037-3. € 29,99

Das Danziger Weltkriegsmuseum – im Spiegel der Debatte

Historiografische und museologische Differenzierungen im deutschen Sprachraum

Selten erhalten kultur- bzw. geschichtspolitische Zerwürfnisse eine derartig große mediale Aufmerksamkeit, wie sie im Falle der anhaltenden Auseinandersetzung um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig zu verzeichnen ist. Dabei sind zwar – anders als bei der Debatte um die
„Wehrmachtsausstellung“ – nicht sonderlich kontroverse Positionen auszumachen, denn die Kritik aus der deutschsprachigen Presselandschaft an der gegenwärtigen polnischen Regierung ist weitestgehend einhellig. Dennoch lohnt es sich, unterhalb dieser übereinstimmenden Einschätzung der Akteure im gesellschaftlichen Raum genauer auf die einzelnen Stimmen zu hören, weil sie ein erheblich differenzierteres Bild der Problematik vermitteln.

Eingepfercht zwischen zwei totalitären Systemen: Die bedrängende Situation Polens lässt sich in diesem Durchgang geradezu körperlich erfahren. (Foto: Vincent Regente)

Den Beitrag, den das Museum für eine Vermittlung zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern zu leisten vermag, hebt der Historiker und Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck in seinem Beitrag „Der lange Schatten des Krieges“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (26. März 2017) hervor. Ihm erscheint das Weltkriegsmuseum als Beispiel für die wachsende Bereitschaft Polens, sich gegenüber seiner deutschen Geschichte – einschließlich des Vertreibungsgeschehens – zu öffnen : „Dass hier vor nicht so langer Zeit Menschen fremder Zunge und anderen Glaubens lebten, wird in Polen längst nicht mehr verschämt weggedrückt. So hat auch das neue Museum ein Stockwerk, das sich das ‚archäologische‘ nennt. Hier sind Tabakpfeifen und Schmuck zu sehen, die bei den Bauarbeiten freigelegt wurden.“ Der Wille zum Dialog wird für ihn auch darin erkenntlich, dass alle betroffenen Opfergruppen zu Wort kommen : „Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus.“ Die besondere Bedeutung des Museum sieht er folglich in dem Bemühen, „die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen“.

Die Vermittlungsleistung des Museums hat freilich eine inhaltlich-konzeptionelle Voraussetzung, die Reinhard Lauterbach in seiner Ausstellungskritik in der marxistischen Jungen Welt („Eine todernste Sache“, 3. April 2017) offenlegt: Das Museum ist für den Rezensenten „großartig – wenn man von seiner ‚antitotalitären‘ Ideologie absieht“. Gewiss: Entsprechende Parallelen zwischen Faschismus und Kommunismus – und somit auch der Okkupation Polens sowohl durch das Deutsche Reich als auch durch die Sowjetunion – entsprechen nicht Lauterbachs Geschichtsbild. Die Ausstellung selbst aber findet sein Wohlwollen, und zwar gerade auch wegen ihres konsequenten pazifistischen und universalistischen Ansatzes: Dieses Konzept sei „kein geringes Verdienst, denn der Kern der offiziellen Vorwürfe lautet“, dass „die ‚positive Seite‘ des Krieges, die Erziehung zu ‚Heldentum‘ und ‚Selbstaufopferung‘“, nicht genug propagiert werde. Dennoch bestimmt Lauterbach auch Leerstellen in der dargebotenen Erzählung : „Das Phänomen der polnischen Alltagskollaboration, etwa durch den Verrat verfolgter Juden, kommt freilich nur am Rande vor. Auch die ziemlich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau bis Anfang 1939 […] fallen unter den Tisch.“ Letztlich muss innerhalb des Milieus der Jungen Welt auch noch Anstoß erregen, dass es am Ende der Ausstellung „der unter geostrategischen Vorgaben der Sowjetunion entstandenen Volksrepublik Polen“ „geschichtspolitisch an den Kragen“ geht.

Wie stark der Danziger Museumsstreit inzwischen zum symbolischen Austragungsfeld weltanschaulicher Kämpfe geworden ist, in denen sich autoritär-konservative und liberale politische Konzepte gegenüberstehen, belegt Andreas Breitenstein in einem Kommentar, den die Neue Zürcher Zeitung („Die Liebe zum Ausnahmezustand“, 6. April 2017) veröffentlicht hat. Einen Tag zuvor hatte das polnische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Kulturministers entschieden, dass die seit langem geplante Zusammenlegung des Weltkrieg-II-Museums mit dem Museum des Verteidigungskrieges von 1939 auf der Westerplatte rechtens sei. Angesichts dieser neuerlichen Wendung beklagt der Literaturkritiker und Journalist Breitenstein die starre Haltung einer Regierung, die „über ihren fundamentalistischen Schatten [hätte] springen müssen“ und keinerlei Bereitschaft zu entwickeln vermocht hat, das Museum „einfach so in die Freiheit seines Wirkens [zu] entlassen“. Bedroht sieht er damit das Museum als Zeichen „für ein modernes und liberales, weltoffenes und nachdenkliches, sprich : europäisches Polen, das die Größe hat, differenziert mit seiner Geschichte umzugehen“.

Die grundsätzlich plausible Zuordnung von „Fortschrittlichkeit“ und „Reaktion“ vermag allerdings auch nicht den Blick darauf zu verstellen, dass das Museum keineswegs radikal mit den Traditionen der polnischen Geschichtskultur bricht. In der Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. April, (die gleiche, in der Andreas Breitensteins Kommentar erschienen ist) geht Felix Ackermann ausführlich auf das Konzept ein („Weltkriegsmuseum in Danzig: In Polen dokumentiert ein Museum die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und blickt über dessen Ende hinaus“). Dabei kommt er zu dem aufschlussreichen Urteil, dass die Kritik, das Konzept sei „nicht ausreichend Polen-zentriert, kaum nachvollziehbar“ sei : „Die polnische politische Rechte befürchtet zu Unrecht, dass polnisches Leid und polnischer Widerstand in Danzig nicht sichtbar würden. Auch das Funktionieren des polnischen Untergrundstaates stellt die Ausstellung ausführlich dar.“ Erst recht werde am Ende der Ausstellung die in Polen allgegenwärtige These veranschaulicht, dass in Danzig der Zweite Weltkrieg mit den Kämpfen an der Westerplatte nicht nur begonnen habe“, sondern dass vor allem die Solidarność-Bewegung „den Weg für die Beilegung des Kalten Krieges geebnet habe.“

Gerade dieser Beitrag, der der Ausstellung in gewissen Hinsichten sogar den „Charme eines Militärdepots“ zuspricht – den die politische Führung doch ebenfalls wohlgefällig aufnehmen müsste –, lässt somit unmissverständlich erkennen, dass die Regierung schwerlich eine vermittelnde bzw. „mittlere“ Position zulässt, sondern in gewisser Weise „aufs Ganze“ gehen wird.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 5/2017.

Finger in der Wunde

Die Autoren Andreas Kitschke und Matthias Grünzig nehmen die Geschichte der Garnisonkirche in den Blick

Von Tilman Asmus Fischer

Es mag zu den positiven Effekten intensiver geschichtspolitischer Auseinandersetzungen gehören, dass sie zu gleichfalls intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit den zugrundeliegenden historischen Gegenständen anregen. In diesem Sinne dürfen die Erträge der Bauforschung zur Potsdamer Garnisonkirche zu verstehen sein, die der Denkmalpfleger Andreas Kitschke und der Fachjournalist für städtebauliche Fragen, Matthias Grünzig, kürzlich veröffentlicht haben.

Bereits die Titel der Bücher verdeutlichen die jeweiligen Perspektiven und Positionsbestimmungen der beiden Wissenschaftler. „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ – hier spannt Kitschke den großen Bogen der Baugeschichte und präsentiert die kunsthistorische und geschichtliche Bedeutung der Kirche im Durchgang durch die Jahrhunderte. Damit dokumentiert er nicht nur den Beitrag der Garnisonkirche zur historischen Identität Potsdams, sondern trägt seinerseits zugleich zur Sinnstiftung des Wiederaufbaus bei.

„Für Deutschland und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ – durch diese epochale Eingrenzung legt Grünzig den Finger in die Wunde. Das 20. Jahrhundert mit der politischen Instrumentalisierung der Kirche in Weimarer Republik und „Drittem Reich“ auf der einen Seite und partieller Wiederherstellung und Abriss in der Zeit der DDR auf der anderen Seite stellt den empfindlichen Punkt in den laufenden Debatten dar.

Der umfassendere Ansatz Kitschkes wählt unterschiedliche Zugänge zum Gebäude: Zunächst erschließt er die Garnisonkirche als ein Denkmal der Potsdamer Stadt- und Städtebaugeschichte. Den historischen Kontext der Kirche vertieft er, indem er sie in den Zusammenhang der für die Potsdamer Garnison errichteten Kirchenbauten einordnet. Eine grundsätzliche Abhandlung unter Gesichtspunkten der Architekturgeschichte und der historischen Ausstattung der Kirche untermauert ihre kunst- und kulturhistorische Bedeutung. Ergänzt wird sie durch zwei ausführliche Übersichten über historische Ereignisse, die sich mit der Garnisonkirche verbinden, und konservatorische Maßnahmen sowie Umgestaltungen im Laufe der Jahrhunderte.

Dem Ansatz des Verfassers entsprechend erfasst Grünzigs „Für Deutschland und Vaterland“ nicht die Breite an Bedeutungszuschreibungen, die der Garnisonkirche zukommen. Dafür wird die Auseinandersetzung mit den belastenden Aspekten der Geschichte der Garnisonkirche vertieft: Dass die nationalistische Instrumentalisierung der Garnisonkirche bereits vor 1933 ansetzt, verdeutlicht die Darstellung zur Garnisonkirche in der Weimarer Republik. Seiner historischen Bedeutung entsprechend widmet Grünzig dem „Tag von Potsdam“ eine eingehende Analyse, um anschließend die Verstetigung der nationalsozialistischen Vereinnahmung der Kirche bis 1945 zu beschreiben. Das abschließende Kapitel zur Nachkriegszeit beleuchtet unterschiedliche Entwicklungen in Kirche, Politik und Gesellschaft, die dem Abriss vorausgingen.

Letztlich sind es nicht nur geschichtspolitische Konflikte, welche die historische Forschung befördern, sondern deren Früchte wirken ihrerseits auf den erinnerungspolitischen Diskurs zurück. So bringt sich Andreas Kitschke aufgrund seiner Arbeiten immer wieder in die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ein und widerspricht der Verengung ihrer Geschichte auf die Zeit des Nationalsozialismus. Und Matthias Grünzigs Veröffentlichung veranlasste unlängst Manfred Stolpe zur Intervention: Gegenüber den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ betonte er, die Behauptung, dass „die Garnisonkirche beim Wiederaufbau zerstörter Kirchengebäude keine Priorität genossen habe, entspreche ‚nur der halben Wahrheit‘“.

Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte. 400 Seiten, 372 Abb., gebunden. Be.bra, Berlin 2015, 28 Euro.
Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. 383 Seiten, 24 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2017.

Ernst Hornig – ein widerständiger Christ

Vor 40 Jahren starb der erste Nachkriegs-Bischof der Evangelischen Kirche von Schlesien

Von Tilman Asmus Fischer

1928 wurde der am 25. August 1894 im schlesischen Kohlfurt geborene Ernst Hornig als Pfarrer der Breslauer St.-Barbara-Kirche eingeführt. Wer konnte zu dieser Zeit ahnen, dass sich der junge Theologe als kirchliche Führungspersönlichkeit der schlesischen Protestanten im Nationalsozialismus, im Krieg und in der Nachkriegszeit bewähren sollte?

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Ernst Hornig (Foto: privat)

Nach seiner Schulzeit an Gymnasien in Breslau und Glogau hatte Hornig als Soldat den Ersten Weltkrieg erlebt. Das Studium der evangelischen Theologie führte ihn zwischen 1918 und 1922 nach Halle und neuerlich nach Breslau, bevor er 1923 Vikar in Waldburg wurde. Nach seiner Ordination erhielt er im Folgejahr eine Pfarrstelle in Friedland. Die Breslauer St.-Barbara-Kirche, deren Pfarrer er 1928 wurde und bis 1946 bleiben sollte, war die Wirkungsstätte, von der aus er die Zeit des Nationalsozialismus, Weltkrieges und der Vertreibung bestehen sollte.

Als sich im September 1933 der Pfarrernotbund konstituierte, gehörte Ernst Hornig zu seinen Mitbegründern. Ab 1933 stand er dem schlesischen Pfarrernotbund vor und saß von 1934 sowohl im preußischen Bruderrat als auch im Rat der Bekennenden Kirche Schlesiens. Der Diktatur – und den ihr ergebenen „Deutschen Christen“ – widerstand Hornig in Wort und Tat: Er solidarisierte sich nicht nur mit Amtsbrüdern, deren KZ-Haft er im September 1944 abkündigte – auch rettete er mehrere jüdische Schlesier vor der Verfolgung durch den Staat. Den nationalsozialistischen Machthabern war der Breslauer Pfarrer ein Dorn im Auge: 1934 und 1937 wurde er verhaftet und mehrfach mit juristischen Verfahren überzogen – allein die Abkündigung der inhaftierten Theologen führte zu einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark. 1938 erfolgte schließlich die Ausweisung aus der Provinz Brandenburg und der Reichshauptstadt Berlin.

Dennoch blieb Hornig ein wichtiger kirchenpolitischer Akteur. Nicht zuletzt, als die Schrecken des Krieges Schlesien heimsuchten: Als Breslau 1945 bereits von sowjetischen Truppen eingekesselt war, verhandelte Hornig – der sich dem Evakuierungsbefehl widersetzt hatte – im Mai an der Spitze einer gemeinsamen Abordnung der evangelischen und katholischen Kirche mit dem in Breslau kommandierenden Wehrmachtsgeneral Hermann Niehoff über eine Übergabe der zur Festung erklärten Stadt. Durch die Kapitulation Niehoffs am 6. Mai konnten der Zivilbevölkerung weitere Kampfhandlungen erspart bleiben.

Wie keine andere Person der kirchlichen Zeitgeschichte steht Hornig sowohl für das Ende der historischen preußischen Kirchenprovinz Schlesien, als auch für den Neubeginn des schlesischen Protestantismus im Restteil Schlesiens westlich der Oder-Neiße-Linie, der nach Kriegsende zur Sowjetischen Besatzungszone gehörte: Von 1945 bis zu seiner Ausweisung 1946 führte Hornig noch in Breslau als Vorsitzender die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Schlesien und damit die noch in Schlesien verbliebenen deutschen Protestanten.

Nach der Ausweisung beschränkte sich sein Wirken auf den westlich der Neiße gelegenen Teil Schlesiens und seiner Landeskirche. Fortan sollte Görlitz zu seiner neuen Wirkungsstätte werden: Von hieraus war er ab 1946 als Bevollmächtigter des Hilfswerks der Evangelischen Kirche von Schlesien und als Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche der Union (heute Union evangelischer Kirchen) tätig. Am 23. Juli erfolgte seine Berufung zum Bischof durch die Landessynode. In dieser Funktion war er bis 1963 in Görlitz ansässig.

Seinen Ruhestand verbrachte Hornig – befasst mit der publizistischen Aufarbeitung des Kirchenkapfes und der Kirchengeschichte seiner schlesischen Heimat – ab 1964 in Bad Vilbel-Heilsberg. Am 5. Dezember 1976 erlag er den Folgen eines Unfalls.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 49/2016.

Patriot und Europäer

Vor 50 Jahren starb der sudetendeutsche Sozialdemokrat und BdV-Präsident Wenzel Jaksch

„Mit Erschütterung werden alle Menschen, die das politische Leben in der Bundesrepublik verfolgen, diese Nachricht aufgenommen haben“, schrieb Marian Hepke – 1962 bis 1968 Chefredakteur des „Westpreußen“ – in seinem Nachruf auf Wenzel Jaksch vom 5. Dezember 1966 (DW34/1966). Der Präsident des Bundes der Vertriebenen war am 27. November den Folgen eines Verkehrsunfalls erlegen – nach Jahrzehnten des politischen Wirkens, das verwoben war mit dem Schicksal Europas im Zeitalter eines übersteigerten Nationalismus. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Ableben wollen wir diesem Werdegang und den daraus entwickelten vertriebenenpolitischen Positionen Jakschs nachspüren – und ihn dabei auch selbst zu Wort kommen lassen.

Wien, Prag, London, Bonn – Stationen eines politischen Lebens

Das politische Leben Wenzel Jakschs begann noch in der österreichischen Doppelmonarchie, in deren Donaumetropole Wien sich der 1896 im südböhmischen Langstrobnitz geborene Handwerkersohn als Bauarbeiter verdingte und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) anschloss. Als er gerade 22 Jahre alt war, zerbrach die Habsburgermonarchie und mit ihr auch die SDAP. In Böhmen und Mähren konstituierte sich die Sozialdemokratie 1919 wieder als Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP). Dort engagierte sich Jaksch nun als Journalist und Politiker.

Wenzel Jaksch beim Tag der Deutschen im September 1965 in der Berliner Waldbühne zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (Quelle: BdV­Archiv)
Zehn Jahre nach Gründung der DSAP wurde er für seine Partei ins Prager Parlament gewählt, ab 1938 stand er ihr als Parteivorsitzender vor. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits fünf Jahre der Auseinandersetzung mit der 1933 von Konrad Henlein gegründeten nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei hinter den sudetendeutschen Sozialdemokraten. Den Kampf gegen den Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich verloren die demokratischen Kräfte Tschechiens, und mit ihnen die DSAP. Da das Sudetenland nun der nationalsozialistischen Reichsregierung unterstand, musste Jaksch 1939 ins britische Exil gehen. So wie zuvor gegen den Anschluss des Sudetenlandes kämpfte er nun in London gegen die von Edvard Beneš langfristig entwickelten Pläne zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei.

Auch diese konnten Jaksch und seine Mitstreiter nicht verhindern: Dem Kriegsende folgten Vertreibungen aus dem Sudetenland – und Jahre der Integration im Rest Deutschlands. Nach seiner Rückkehr in den freien Teil Deutschlands widmete Jaksch seine Energie dem Wohl seiner sudetendeutschen Landsleute und mit ihnen der Gesamtheit der deutschen Vertriebenen sowie der mit ihrem Schicksal wiederum verbundenen Völker Mittel­ und Osteuropas : Seit 1950 Ministerialdirektor des Landes Hessen, leitete er das Landesamt für Vertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte. Von 1951 bis zu seinem Tod war Jaksch Bundesvorsitzender der Seliger­Gemeinde (Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten). Seit 1957 saß Jaksch für die SPD im Deutschen Bundestag. 1961 wurde er Vizepräsident, 1964 Präsident des Bundes der Vertriebenen und 1963 Präsident der Bundesversammlung der Sudetendeutschen.

Ein europäischer Patriot – vertriebenenpolitische Positionen

Das multiethnische Erbe Böhmens und Mährens prägte ebenso wie die selbst erlebten und erlittenen Folgen eines übersteigerten Nationalismus das historische und politische Denken Jakschs. Hiervon legt eindrücklich sein 1958 erschienenes Buch „Europas Weg nach Potsdam“ Zeugnis ab. Dabei blieb sein Sinnen nicht auf den Raum der alten Donaumonarchie oder das Wohl des deutschen Volkes beschränkt, sondern wahrte stets eine gesamteuropäische Perspektive. Dadurch waren seine Konzeptionen gleichermaßen auch für alle ostdeutschen Landsleute anschlussfähig.

Dies gilt exemplarisch für seine beim Bundestreffen der Westpreußen 1962 gehaltene Rede (abgedruckt in : DW 21 / 1962). Sie nimmt ihren Ausgang von einer maßvolleren Interpretation der deutschen Ostsiedlung, die nicht im nationalistischen Sinne, eine unter dem Vorzeichen der Germanisierung stehenden „Zivilisierung“ hervorhebt, sondern in ihr stärker einen Beitrag zur Festigung des europäischen Kulturkreises sieht:

„Gerade am Unterlauf der Weichsel sprechen die Steine davon, daß die vielgeschmähte deutsche Ostkolonisation in Wahrheit ein entscheidender Beitrag zur Europäisierung Osteuropas gewesen ist. Städte wie Danzig, Marienwerder, Thorn und Bromberg waren mächtige Ausstrahlungspunkte der westchristlichen Zivilisation. Über diese Brückenstellung ist dem polnischen Volk der Anschluß an das westchristliche Europa erst ermöglicht und abgesichert worden.“

Diesem europäischen Paradigma folgend, schließt das politische Denken Jakschs konsequent an sein historisches an – und so fordert er 1962 dazu auf, „die gemeinsamen Interessen der Völkerfamilie westlich der russischen Staatsgrenze zu erkennen und in den Vordergrund zu stellen“. Diese Einsicht führte ihn freilich gerade dazu, deutsche Rechtspositionen nicht voreilig aufzugeben, sondern vielmehr deren Wahrung in den Kontext einer gesamteuropäischen Entwicklung hin zu Freiheit und Demokratie zu stellen:

„Deshalb sollen alle wahren polnischen Patrioten wissen, daß die zehn Millionen vertriebener Deutscher in der Bundesrepublik nicht ihre Feinde sind, sondern ihre besten Bundesgenossen. Unsere Heimatliebe ist die stärkste moralische Kraft, die an dem Eisernen Vorhang rüttelt. Das Streben des deutschen Volkes nach Wiedervereinigung, Freiheit und Selbstbestimmung ist die beste Bürgschaft und die stärkste Hoffnung für die kommende Einheit Gesamteuropas.“

1966 – das Jahr der Bewährung

Vor dem Hintergrund der politischen Konzepte und Ideen Jakschs gewinnt sein Unfalltod neben dem persönlichen Schicksal auch eine historische Tragik. Noch am Jahresanfang hatte er sich mit einem Beitrag unter dem Titel „Wach sein – Gebot der Stunde“ (DW 1/1966) an die Öffentlichkeit gewandt und postuliert : „Das Jahr 1966 wird für uns und für alle freien Deutschen ein Jahr der Bewährung sein.“ Dabei sah er die deutschen Heimatvertriebenen und ihre Unterstützer mit zwei zentralen Aufgaben konfrontiert:

„Wir müssen der moralischen Müdigkeit Widerstand leisten, welche die geistigen Führungsschichten unseres Volkes ergriffen hat. Die Auseinandersetzung muß geführt werden zwischen ehrlicher Verständigungspolitik und einem Versöhnungsgerede, hinter dem sich nur die Kapitulationsbereitschaft vor Unrecht und Diktaturgewalt verbirgt.“

In diesem Sinne gäben sich die Heimatvertriebenen, so Jaksch, „keiner Illusion über den Ausgang eines Friedensgespräches hin, daß im Schatten russischer Bajonette geführt werden muss“. Zugleich betonte er jedoch das wachsende Verlangen nach einem Gedankenaustausch innerhalb der deutschen und der polnischen Zivilgesellschaft. Seine Absage an eine Verständigungspolitik, die deutsche Rechtspositionen gegenüber kommunistischen Diktaturen aufgeben wollte, schloss daher für Jaksch nicht aus, dass die „vertriebenen Deutschen […] jeden Versuch begrüßen [werden], die gemeinsamen Interessen eines geteilten Deutschlands und eines geteilten Polen auszuloten“.

Jaksch sah 1966 nicht nur die Gefahren einer riskanten Verständigungspolitik, sondern hatte zugleich die Kritiker dieses politischen Kurses im Blick, die am rechten Rand Aufstellung nahmen: Sie waren, wie Marian Hepke trefflich analysierte (DW 32 vom 15. 11. 1966), getragen vom allgemeinen „Unbehagen – nicht nur an Bonn und der CDU/CSU, nicht nur an der Unentschlossenheit und Lauheit in der Vertretung der deutschen Interessen, an der Schwerfälligkeit des ganzen Apparats, an der Bereitschaft, allen zu helfen, nur den Deutschen selbst nicht“. Erst vor dem Hintergrund dieser beiden Gefährdungen erklärt sich vollständig Jakschs dringende, schon Anfang des Jahres erhobene Forderung, der BdV müsse sich „als ein Rückhalt aller patriotischen Kräfte im Lande bewähren“, denn : „Das Problem des Jahres 1966 ist die Formierung einer patriotischen Mitte im freien Teil Deutschlands.“

Am 6. November kam dann mit der hessischen Landtagswahl der große Schock: Mit 7,95 Prozent zog die Nationaldemokratische Partei Deutschlands in das Wiesbadener Parlament ein – und bestätigte damit Jakschs weitsichtiges Bemühen um ein Bündnis der gemäßigten Vertreter nationaler Interessen. Marian Hepke schrieb hierzu
in seinem soeben schon zitierten Beitrag (DW 32/1966) : „Als Mitte Mai dieses Jahres Wenzel Jaksch […] bei der Deutschlandkundgebung in Bonn sich für die Schaffung einer ‚nationalen Mitte‘ aussprach, wurde auch er von den ‚tonangebenden‘ Massenmedien in der Bundesrepublik belächelt und als Phantast abgetan […]. Sogar in den Reihen seiner eigenen Partei soll es Jaksch nicht leicht gehabt haben nach dieser Kundgebung. Und doch hat er sich als einer der wenigen maßgeblichen Politiker erwiesen, die Fingerspitzengefühl haben, die über die notwendige ‚Witterung‘ für das, was in der Luft liegt, verfügen. Die Wahl in Hessen hat ihm Recht gegeben.“

Gerade in dieser Situation hatte die deutsche Politik einen Wenzel Jaksch nötig, der in der Lage war, nationale Interessen unter dem Vorzeichen gesamteuropäischer Verantwortung zu formulieren, und um einen Patriotismus rang, der von einem breiten gemäßigten politischen Spektrum getragen werden konnte. Dass seine Stimme nur drei Wochen nach der Hessen­Wahl für immer verstummte, war umso fataler. Zumindest aber blieb der Bundesrepublik, den Vertriebenen und der Sozialdemokratie das politische Vermächtnis eines Mannes, über den Marian Hepke in seinem Nachruf schrieb: „Sein Einsatz für das Selbstbestimmungsrecht der Völker war so überzeugend wie sein Wille zur Humanität.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 11/2016.

Stutthof – Juristische Aufarbeitung nach über 70 Jahren

In absehbarer Zeit könnte es zu Prozessen gegen vier männliche Angehörige des Wachpersonals und vier weibliche Zivilangestellte (Jahrgänge 1918 bis 1927) des Konzentrationslagers Stutthof kommen. Die Ludwigsburger Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen hat ihre Erkenntnisse an mehrere zuständige Staatsanwaltschaften weitergeleitet. Der Vorwurf gegen die acht in der Bundesrepublik Ansässigen lautet Beihilfe zum Mord. Der Ausgang der Verfahren ist jedoch offen, da noch nicht eindeutig geklärt ist, ob die Tätigkeit als Wachmann oder Telefonistin einen hinreichenden Tatverdacht für die Behilfe zum Mord ergibt.

Eine Herausforderung für das Strafrecht

Von Cornelius Wiesner

Wegweisend für die Perspektive der Ermittlungsverfahren und möglicher Prozesse wird die anstehende Entscheidung des Bundesgerichtshofs über die Revision der letztjährigen Verurteilung des SS-Angehörigen Oskar Gröning sein. Denn: Bisher bewertete die Strafjustiz solche Fälle anders. Der Berliner Jurist Cornelius Wiesner erläutert in einem Gastbeitrag die jüngsten Verschiebungen in der bundesdeutschen Rechtsprechung.

Die Beurteilung nationalsozialistischer Verbrechen bereitet erhebliche Schwierigkeiten – nicht nur wegen ihrer historischen Dimension. Gilt es, die Strafbarkeit eines am Holocaust Beteiligten zu beurteilen, stößt die Systematik des deutschen Strafrechts selbst an ihre Grenzen. Eine Gerichtsentscheidung von 2015 und die Aufnahme von Ermittlungen gegen Personal des KZ Stutthof befeuern die Debatte neu und lassen eine wegweisende Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) erwarten.

Verletzen mehrere Personen ein Strafgesetz gemeinschaftlich, tun sie dies als „Täter“ oder als „Teilnehmer“. Wer die Tathandlung willentlich beherrscht – als Befehlshaber, als Ausführender oder sonst als Person mit kritischem eigenen Tatbeitrag –, gilt als Täter. Wer mit dem Vorsatz oder zumindest der Billigung, die Tat eines anderen zu fördern, diesem bei dessen Tat lediglich Hilfe leistet, gilt dagegen als Teilnehmer. Schwierig ist dabei die Abgrenzung zwischen einem wirklichen „Fördern“ der Tat und einem bloßen „nützlichen Zutun“. Nicht jedes Beseitigen von Hindernissen für eine Straftat ist eine strafbare Beihilfe. Das Strafrecht muss hier eine Grenze ziehen. Aber wo liegt diese Grenze?

Besteht eine gewisse gedankliche Nähe zu den eigentlichen Morden, ist die Frage noch relativ leicht zu beantworten. Die bundesdeutsche Justiz verurteilte in den 1960er Jahren bereits SS-Personal aus den Vernichtungslagern, das gezielt an Selektionen mitgewirkt hatte, ohne an den eigentlichen Tötungen beteiligt gewesen zu sein. Entscheidend war, dass die Angeklagten die Funktion des Lagers erkannt und darin eine für dessen Betrieb wesentliche Funktion eingenommen hatten.

Wie aber sind die Personen zu beurteilen, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern in vollem Bewusstsein der dortigen Verbrechen lediglich Maschinen bedient, Verwaltungstätigkeiten ausgeführt oder Anlagen gewartet haben? Für diejenigen, deren Tat nicht in unmittelbarem Zusammengang mit der perfiden Todesmaschinerie stand, ist der Tatvorwurf schwerer zu begründen. Richtschnur war bislang eine BGH-Entscheidung von 1969. Ein SS-Zahnarzt aus dem Lager Auschwitz wurde damals vom Bundesgerichtshof freigesprochen. Seine Funktion als Zahnarzt im Lager, auch wenn er sie mit Wissen und Billigung der Todesmaschinerie dort ausgefüllt habe, genüge nicht für eine Beihilfe zum Mord. Strafbar könne nur sein, wer den Mord konkret gefördert habe. Staatsanwaltschaften in Deutschland stellten darauf hin vielfach Ermittlungen ein. Sie dürfen nach dem Gesetz nur dann Anklage erheben, wenn sie eine Verurteilung für wahrscheinlicher halten als einen Freispruch (es muss ein „hinreichender Tatverdacht“ bestehen) – und eine Verurteilung war aufgrund BGH-Rechtsprechung von 1969 nun nicht mehr anzunehmen.

Nun steht diese Rechtsprechung auf dem Prüfstand. Das Landgericht München II verurteilte bereits 2011 den SS-Wachmann Demjanjuk des Vernichtungslagers Sobibór, obwohl ihm das konkrete Fördern der Morde dort nicht nachgewiesen werden konnte. Ausreichend sei die Funktion des Angeklagten gewesen. Unter anderem hätten die Wachleute dort eine Drohkulisse gegen mögliche Revolten gebildet und damit den Lagerbetrieb selbst konkret gefördert. Noch ehe der BGH über die eingelegte Revision und damit verbunden eine Abkehr von seiner bisherigen Rechtsprechung entscheiden konnte, starb der Angeklagte jedoch.

2015 hat das Landgericht Lüneburg den als „Buchhalter von Auschwitz“ bekannt gewordenen SS-Mann Gröning verurteilt, der dort, für die Insassen sichtbar, das von ihnen abgegebene Gepäck bewacht und – in Kenntnis des Schicksals seiner Eigentümer – später inventarisiert haben soll. Damit, so das Gericht, habe er die Arglosigkeit bei den Deportierten aufrechterhalten und den ungestörten Betrieb der Todesmaschinerie hierdurch und noch durch weitere Tätigkeiten gefördert. Auch dies bedeutet eine Abkehr von der bisherigen Rechtsprechung und ist nun im Wege der Revision dem BGH vorgelegt worden.

Das höchste deutsche Strafgericht hat jetzt eine schwierige Entscheidung zu fällen. Bestraft werden darf nur, wessen Tat schon bei Begehung nach dem Gesetz strafbar war – ein Verfassungsgrundsatz (Art. 103 Abs. 2 GG). Der BGH kann hier deshalb nicht einfach eine Einzelfallrechtsprechung entwickeln, auch wenn eine solche jetzt mit Verweis auf die Einzigartigkeit des Holocaust von ihm gefordert wird. Vielmehr muss er die Strafbarkeit einer Beihilfe zum Mord für die angeklagte Tat aus der Systematik des Strafrechts selbst herleiten und das Lüneburger Urteil darauf aufbauend dann entweder bestätigen oder verwerfen. Will er von seiner bisherigen Linie abweichen, muss er dies nachvollziehbar begründen. Und selbst dann könnte der An- geklagte noch Rechtsschutz vor dem Bundesverfassungsgericht suchen. Gelingt dem BGH jedoch eine systematisch überzeugende Begründung und hält diese auch vor dem Bundesverfassungsgericht stand, wird dies bahnbrechende Folgen für laufende oder noch anstehende Ermittlungen gegen die letzten lebenden Beteiligten der NS-Massenverbrechen haben.

Cornelius Wiesner ist Rechtsreferendar am Berliner Kammergericht und rechtshistorischer Doktorand an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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Zum Hintergrund: Die Vorermittlungen

Jens Rommel, der als leitender Oberstaatsanwalt der Zentralen Stelle vorsteht, spricht im Interview über die Hintergründe der abgeschlossenen Vorermittlungen.

Wie ist die Zentrale Stelle auf die noch lebenden Zivilangestellten und Angehörigen des Wachpersonals aufmerksam geworden?

Wir haben zunächst einen juristischen Gedanken auf das Lager Stutthof übertragen, den die Zentrale Stelle zu Auschwitz entwickelt hat: Auch ohne Nachweis einer konkreten Beteiligung an einem einzelnen Mord kann sich ein Wachmann strafbar gemacht haben: Allein durch seinen Dienst im Lager hat er das Vernichtungsprogramm gefördert oder erleichtert.

Nach unseren Vorermittlungen war das Konzentrationslager Stutthof von Juli bis Oktober 1944 in die sogenannte „Endlösung“ einbezogen: Tausende jüdische Gefangene wurden systematisch ermordet – durch Genickschüsse oder in Gaskammern. Dann haben wir nach Belegen dafür gesucht, welche Personen wann welche Funktionen ausgeübt haben. Soweit die Betroffenen noch leben, konnten wir nun die Verfahren an die zuständigen Staatsanwaltschaften weiterleiten.

Wie verlaufen konkret die Vorermittlungen, von denen in den Medienberichten zu lesen war bzw. was schließt sich im weiteren Verlauf genau hieran an?

Wir werten sämtliche Dokumente aus, die uns im In- und Ausland zugänglich sind. Dazu gehören vor allem Unterlagen zu Versetzungen in das Lager oder weg von Stutthof, Krankmeldungen, Mitteilungen über Beförderungen und Auszeichnungen oder Ähnliches. Zuletzt prüfen wir, ob die betroffene Person noch lebt und wo sie sich aufhält.
Die Staatsanwaltschaften können im Rahmen der weiteren Ermittlungen Durchsuchungen beantragen, die Beschuldigten und weitere Zeugen vernehmen, Sachverständige beauftragen und auch den Gesundheitszustand der hochbetagten Betroffenen prüfen. Am Ende haben die Staatsanwälte zu entscheiden, ob sie Anklage erheben.

Besteht im Rahmen solcher Ermittlungsverfahren auch eine Zusammenarbeit mit polnischen Akteuren – hier dem Archiv der Gedenkstätte in Stutthof?

Wir arbeiten seit langem eng mit Partnern im Ausland zusammen, in Polen besteht ein enger Kontakt vor allem mit der Hauptkommission zur Verfolgung der Verbrechen gegen das polnische Volk (IPN). Bei Konzentrationslagern wie Stutthof nutzen wir gerne den Sachverstand der dortigen Gedenkstätten.

Gab es bereits Begegnungen mit den Männern und Frauen, die im Zentrum der Ermittlungen stehen? Wenn ja, wie haben sie auf die erhobenen Vorwürfe reagiert?

Die Vernehmung der Beschuldigten wird von den Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden vorgenommen, meist im Zusammenhang mit einer Durchsuchung. Einzelne Beschuldigte wurden schon mit den Vorwürfen konfrontiert; vor Berichten über etwaige Äußerungen müssen wir die weiteren Ermittlungen abwarten.

Besteht für Ihre Behörde Aussicht, weitere Ermittlungen gegen mutmaßliche Verbrecher aus Stutthof einzuleiten?

Wir werden uns weiter bemühen, Personal aufzuspüren, das durch seinen Dienst einen Beitrag zum Vernichtungsprogramm in Stutthof geleistet hat. Wir fühlen uns durch Gerichtsurteile aus Lüneburg und Detmold in unserem weiten Ansatz bestätigt. Wichtig wird die Revisionsentscheidung des Bundesgerichtshofs im Fall Gröning aus Lüneburg sein: Unter welchen Voraussetzungen ist auch ein einzelner Wachmann mitverantwortlich für systematische Massenmorde in einem Konzentrationslager?

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 9/2016.