Erinnern an Vergangenes für die Zukunft

Marienbader Gespräche zu deutscher und tschechischer Gedenkstättenarbeit

Mit „Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur zwischen Generationenwechsel, Nationalismus und Antisemitismus“ hatte sich der Sudetendeutsche Rat (SR) für seine heurigen Marienbader Gespräche vom 28. bis 30. Juni ein Thema gewählt, das – anlässlich des Gedenkens an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren – sowohl von geschichtspolitischer als auch – mit Blick auf wachsende rechtspopulistische Strömungen in Europa – von tagespolitischer Relevanz ist. Dieser – auch von Generalsekretärin Christa Naaß MdL a.D. in ihrer Eröffnungsrede betonten – doppelten Bedeutsamkeit der vom Bundesministerium des Innern geförderten Tagung entsprach es sodann auch, dass die Tagung unter die Worte „Zukunft Erinnerung“ gestellt worden war.

Einen Überblick über die öffentliche Gedenkstättenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland gab Rita Hagl-Kehl MdB, sozialdemokratisches Mitglied des SR und Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, indem sie die geschichtspolitischen Grundlinien der Bundesregierung ausgehend von den einschlägigen Passagen des Koalitionsvertrags entfaltete und anhand des aktuellen Bundesprogramms „Jugend erinnert“ erläuterte.

An Hagl-Kehl anknüpfend wurde exemplarisch die Gedenkstättenarbeit in Bayern in den Blick genommen, wobei sowohl Praktiker als auch verantwortliche Landespolitiker zu Wort kamen.

Exemplarische Einblicke gaben Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, und Dr. Hildegard Kronawitter MdL a.D., Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e.V. Beide stellten die grenzübergreifende Dimension ihrer jeweiligen Arbeit heraus. Im Falle der KZ-Gedenkstätte ist diese bereits historisch bedingt, da der Lagerkomplex Flossenbürg über Außenlager sowohl im Deutschen Reich als auch im annektierten Tschechien verfügte. Vermittels des Zentralthemas „Freiheit“ seien – so Kronawitter – auch außerhalb Deutschlands junge Menschen von der Geschichte der Weißen Rose fasziniert; so habe die Stiftung etwa eine eigene Wanderausstellung auf Tschechisch erarbeitet, die im östlichen Nachbarland gut angenommen werde.

Moderiert vom Vorsitzenden des Adalbert Stifter Vereins, Dr. Peter Becher diskutierten sodann die zuständigen Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel (Grüne), Dr. Helmut Kaltenhauser (FDP), Margit Wild (SPD) und Josef Zellmeier (CSU) über die Rahmenbedingungen der bayerischen Gedenkstättenpolitik, wobei ein parteiübergreifender Konsens über die Notwendigkeit deutlich wurde, die Infrastruktur der entsprechenden Einrichtungen zu stärken.

Weitere Einblicke in geschichtspolitische Handlungsfelder gaben die Vorträge des früheren Bayerischen Kultusministers Dr. Ludwig Spaenle und von Erich Schneeberger, Landesvorsitzender des bayerischen Verbandes der Sinti und Roma. Spaenle sprach über die Erfahrungen und Erkenntnisse, die er im zurückliegenden Jahr im neugeschaffenen Amt des Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe sammeln konnte. Schneeberger wiederum stellte die Grundzüge und Potenziale des Staatsvertrags zwischen dem Freistaats Bayern mit den Sinti und Roma dar.

Beispiele der tschechischen Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit kamen von Jaroslav Ostrčilík, dem Initiator des Brünner Versöhnungsmarsches, und BdV-Präsidiumsmitglied Milan Horáček. Dieser berichtete von seinem in Tschechien, aber ebenso auf europapolitischer Ebene geführten Kampf um die geschichtspolitische Anerkennung und Aufarbeitung „eines verschwiegenen Völkermordes“ an Sinti und Roma im böhmischen Lager Lety.

Neben den ‚großen‘ Gedenkstätten, die sich mit den Verbrechen des 20. Jahrhunderts verbinden, kamen auch lokale – und dabei primär kirchliche – Erinnerungsorte in den Blick. Zum einen stellte Jakub Ded die Arbeit seines Vereins „Omnium“ vor, der sich für den Erhalt historischer Friedhöfe einsetzt. Zum anderen hatten die Tagungsteilnehmer die Gelegenheit, anlässlich eines Konzerts des Westböhmischen Symphonieorchesters, Marienbad, die St.-Annen-Kirche von Palitsch kennenzulernen, für deren Restaurierung sich eine zivilgesellschaftliche Initiative einsetzt.

Eine Rückbindung des Tagungsthemas an den größeren Kontext der deutschtschechischen Nachbarschaftspolitik stellten Dr. Christoph Israng, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, der Leiter des Sudetendeutschen Büros, Peter Barton, sowie Senator Prof. Dr. Zdeněk Papoušek von der KDU-ČSL (Christliche und Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei) sicher, die aus der je eigenen Perspektive über den aktuellen Stand der grenzübergreifenden Beziehungen berichteten.

Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, arbeitete in seinem Abschlussvortrag die zentrale erinnerungspolitische Dimension der Vertriebenen- sowie Volksgruppenpolitik heraus. Dabei betonte er das Potenzial von Gedenkstätten – mithin Denkmälern –, zu einem Nachdenken über Fragen von aktueller politischer Bedeutung, etwa die Gestaltung Europas, anzuregen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 3/2019.

Werbeanzeigen

Gedenken an den Vernichtungskrieg

Eine zivilgesellschaftliche Initiative fordert ein „Polendenkmal“ in Berlin

Von Tilman Asmus Fischer

Es dürfte nur wenige öffentliche Räume geben, die eine ähnlich hohe Denkmal-Dichte aufweisen können wie das Berliner Stadtzentrum. Ebenso vielfältig wie die historischen Prozesse und Ereignisse, die mit der Bundeshauptstadt verbunden sind, sind die geschichtspolitischen Initiativen, die in Stein gehauene und aus Metall gegossene Spuren im Stadtbild hinterlassen haben. Wenn es nach den Initiatoren eines im November 2017 an den Deutschen Bundestag gerichteten Aufrufs geht, soll ein „Polendenkmal“ auf dem Askanischen Platz in Berlin-Kreuzberg „zum Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945“ die monumentalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ergänzen.

Warschau im Januar 1945 (Bild: M.Świerczyński)

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die in den sechs Kriegsjahren in Polen begangenen Verbrechen, auf die der Aufruf verweist, von ihrer Qualität und Quantität her eine eigenständige Form des Gedenkens rechtfertigen. So qualifiziert auch die neuere zeitgeschichtliche Forschung die Kriegsführung in Polen als Vernichtungskrieg: von den Massenerschießungen nach Kriegsbeginn, über die Shoa (unter den ermordeten Juden befanden sich drei Millionen polnische Staatsbürger) bis zur Zerstörung Warschaus in den letzten Kriegsmonaten.

Ins Leben gerufen haben die Initiative neben den früheren Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse sowie dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, der Direktor des Deutschen Polen-Instituts (Darmstadt), Dieter Bingen, sowie der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, Florian Mausbach. Zu den weiteren Unterzeichnern des Aufrufs gehören auch Bischof Markus Dröge, Erzbischof Heiner Koch, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein sowie der langjährige EKD- und EKBO-Synodale Klaus Wittmann.

Seit der Veröffentlichung des Aufrufs vor gut anderthalb Jahren wirbt die Initiative auf unterschiedlichen Ebenen für ihr Projekt: Neben mehreren Informationsgesprächen mit Abgeordneten unterschiedlicher Bundestagsfraktionen fand im März eine Podiumsdiskussion in der Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund statt. Am 14. Mai präsentierte Emilie Mansfeld, Leiterin des Berliner Büros des Deutschen Polen-Instituts, auf Einladung der Evangelischen Akademie zu Berlin im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wglady Einblicke“ die Initiative vor zivilgesellschaftlichen Multiplikatoren der deutsch-polnischen Zusammenarbeit im Haus der EKD.

Auch wenn es Gedenkorte gebe, die bereits unter anderem an polnische Kriegsopfer erinnerten, wie etwa das Holocaust-Mahnmal, fehle – so Mansfeld – ein Denkmal, das konkret der polnischen Opfergruppe erinnere. Entsprechende Denkmäler bestünden etwa für die ermordeten Sinti und Roma sowie Homosexuellen. Mithin werde das Thema der Kriegsverbrechen im besetzten Polen dies- und jenseits der Oder asymmetrisch wahrgenommen; so gebe es bis heute keinen entsprechenden Termin im Kalender des öffentlichen Gedenkens in Deutschland. Insofern verbinden die Initiatoren mit ihrem Vorstoß die Hoffnung, über die Forderung nach einem Denkmal hinaus für dieses Defizit zu sensibilisieren und damit eine erinnerungspolitische Brücke zum Nachbarland zu schlagen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 22/2019.

Weitere Informationen: http://www.polendenkmal.de

Mit dem Mut, gegen Mehrheiten zu handeln

Vor 50 Jahren starb Pfarrer Johannes Schwartzkopff

Von Tilman Asmus Fischer

Als der pensionierte Pfarrer Theodor Johannes Schwartzkopff im Sommer 1968 auf dem Friedhof in Berlin-Mariendorf beigesetzt wurde, konnte kaum ein Mitglied seiner alten Gemeinde an der Trauerfeier teilnehmen – lag diese doch hinter der Mauer im abgeriegelten Ost-Berlin. Dies soll am Volkstrauertag dieses Jahres anders sein, wenn die Immanuelgemeinde aus Berlin-Prenzlauer Berg mit einem Gottesdienst und anschließenden Besuch am Grab ihres langjährigen Pfarrers gedenkt. Am Buß- und Bettag wird sodann eine Gedenktafel für den Zeugen des Kirchenkampfes in der Zeit des Nationalsozialismus vor der Immanuelkirche eingeweiht.

(Foto: Archiv der Ev. Immanuel-Kirchengemeinde
Prenzlauer Berg)

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, lagen bereits fast 20 reiche Jahre als Pfarrer hinter dem 1889 in Wolfsburg geborenen Johannes Schwartzkopff: 1914 Hilfspfarrer im westpreußischen Bromberg, anschließend Feldgeistlicher im Ersten Weltkrieg, wurde er 1917 Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Von Anfang an widersetzte sich Schwartzkopff – seit 1925 Domprediger am Güstrower Dom – der NSDAP und ihrem protestantischen Vortrupp, den „Deutschen Christen“ (DC).

Als einflussreiches Mitglied der Bekennenden Kirche und des Pfarrernotbundes war Schwartzkopff dem Staat und seiner „zerstörten“ – also von den DC übernommenen – Landeskirche ein Dorn im Auge. Nach zeitweiser Amtsenthebung, Verurteilung und Strafversetzung bot sich ihm 1937 die Gelegenheit, einem Ruf an die Berliner Immanuelkirche zu folgen. Hier leitete er – als Gegenpart zum deutschchristlichen Pfarrer Ferdinand Lies – die Gemeinde der Bekennenden Kirche und setzte sich unerschrocken für bedrohte und verfolgte Menschen ein.

Damit zählt Schwartzkopff für Mark Pockrandt, heute Pfarrer der Immanuelgemeinde, zu den prägenden Pfarrpersonen in der Geschichte seiner Gemeinde: „Er setzte sich in der Zeit des Nationalsozialismus für verfolgte jüdische Menschen ein und organisierte den Einsatz vieler Helfenden zur Versorgung von Menschen in Not.“ Trotz mehrfacher Verhaftung beteiligte sich Schwartzkopff an der Rettung von Menschen, die aufgrund der Nürnberger Rassegesetze verfolgt wurden – unter anderem taufte er den aus einer sogenannten Mischehe stammenden späteren Schriftsteller Sigmar Schollak. Ebenso solidarisierte er sich mit seinem als Homosexuellen verfolgten Amtsbruder Friedrich Klein.

Pfarrer Pockrandt erinnert daran, dass Schwartzkopff das Engagement für seine Mitmenschen auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte. „Ein großes Problem war: Wo konnten die Trümmerfrauen tagsüber ihre Kinder lassen? So gründete Schwartzkopff 1946 den Kinderhort der Immanuelgemeinde, der auch zu DDR-Zeiten als kirchlicher Hort bestehen blieb.“ Zudem gehörte er dem Evangelischen Oberkirchenrat an und verantwortete die Arbeit der Bahnhofsmission. Über Berlin hinaus machte sich der Theologe verdient um die Pflege des Erbes von Ernst Barlach: Den ihm aus Güstrower Zeiten verbundenen Bildhauer hatte er 1938 bestattet; dessen Werke galten den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“.

Nach seiner Pensionierung 1958 ließ sich Schwartzkopff in West-Berlin nieder. Dort starb er am 22. Juni 1968: „Jeder, der ihn kannte, wird wissen, dass in Verkündigung und Seelsorge die ganze fruchtbare Kraft der Güte und Liebe sein Wirken bestimmte. Immer war ihm der Andere der Nächste!“, hieß es damals in der zensierten Gemeindezeitung.

Für Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO, ist es wichtig, an Johannes Schwartzkopff zu erinnern, „denn er war einer der wenigen Christen, der in der Diktatur des Nationalsozialisten den Mut hatte, außer der Reihe zu stehen und Verfolgten zu helfen“. Im Unterschied zu ihm hätten sich selbst Pfarrer der Bekennenden Kirche schwer damit getan, jüdischen Menschen zu helfen. „Wir erinnern an Pfarrer Schwartzkopff als ein Beispiel für christliche Nächstenliebe in schwerer Zeit und für Zivilcourage, den Mut gegen die Mehrheit zu handeln“, betont Gardei. Noch heute könne man aus dem Leben des Bekenntnispfarrers lernen: „Es ist wichtig, dem eigenen christlichen Gewissen zu folgen und sich nicht einfach der Mehrheitsmeinung anzuschließen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 46/2018.

„Nach Hitler kommen wir!“

Eine Wanderausstellung erinnert an den republikanischen Wehrverband der Weimarer Republik – und an seine katholischen Unterstützer.

Von Tilman Asmus Fischer

Es war der größte Wehrverband der Weimarer Republik: das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“. 1923 von Anhängern der großen republikanisch gesonnenen Parteien – der DDP (Deutsche Demokratische Partei), der SPD und des Zentrums –, die gemeinsam die „Weimarer Koalition“ bildeten, gegründet, versammelte das Reichsbanner mehr frühere Kriegsteilnehmer und weitere Mitglieder als die antidemokratischen Wehrverbände: allen voran der „Rote Frontkämpferbund“ und der „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“.

Bemerkenswert ist, dass zu einer Zeit, als in weiten Teilen von Politik und Gesellschaft noch klare Fronten zwischen der politischen Linken und den Kirchen bestanden, hier Sozialdemokraten und Christen – vor allem Katholiken – gemeinsam für eine republikanische Staatsordnung stritten. Dies verdeutlicht auch die neuaufgelegte Wanderausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“, die das – nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebte – Reichsbanner gemeinsam mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand erarbeitet hat.

Das Reichsbanner war strikt überparteilich organisiert: Neben Anhängern der drei republikanischen Parteien konnten auch Parteilose Mitglied werden, bei Gremienwahlen wurde auf die Vertretung von DDP, SPD und Zentrum geachtet. Zwar waren beide Bundesvorsitzende des Reichsbanners während der Weimarer Republik – Otto Hörsing und Karl Höltermann – Sozialdemokraten. Zudem stellte in der Mehrheit der Gaue die SPD vier Fünftel der Mitglieder. Jedoch waren in katholisch geprägten Regionen Zentrums-Mitglieder durchaus stärker vertreten. Vor allem aber finden sich unter den Aktivisten und Unterstützern zahlreiche prominente Katholiken. Einigen von ihnen sind in der Ausstellung exemplarische Porträts gewidmet.

Zu ihnen zählt die Sozialpolitikerin und Reichstagsabgeordnete Christine Teusch, die als Autorin der „Illustrierten Reichsbanner-Zeitung“ in Erscheinung trat, in der sie forderte: „Die Frau wählt republikanisch!“ Neben ihr unterstützten auch andere Politikerinnen das Reichsbanner – und dies, obwohl sich der Verband nach einer hierzu geführten Debatte, die die Ausstellung reflektiert, dezidiert dazu entschieden hatte, als Veteranenvereinigung Frauen nicht die Mitgliedschaft zu gewähren.

Neben politisch engagierten Laien findet sich mit dem oberschlesischen Priester Carl Ulitzka auch einer der markantesten Vertreter des deutschen Klerus der Zwischenkriegszeit. Der Zentrums-Parlamentarier – er gehörte sowohl der verfassungsgebenden Nationalversammlung als auch bis 1933 dem Reichstag an – war nicht nur Mitglied des Reichsbanners, sondern trat für dieses auch als Redner und Publizist in Erscheinung.

Die Ausstellung zeigt unterschiedliche Formen, in denen der Verband versuchte, einer prorepublikanischen Haltung in der Gesellschaft bleibenden Ausdruck zu verleihen: Hierzu zählten Straßenwahlkampf zu Urnengängen von der Kommunal- bis zur Reichsebene und die Ausrichtung von „Bundesverfassungsfeiern“ ebenso wie die Errichtung republikanischer Denkmäler, sowie der Vertrieb republikanischer Konsumprodukte von schwarz-rot-goldenen Bierkrügen bis hin zu „Reichsbanner-Cigaretten“.

Es gehört zur Tragik der Geschichte des Reichsbanners, dass er als größter Wehrverband – selbst nach Gründung der „Eisernen Front“ 1931 gemeinsam mit SPD und Gewerkschaften – der nationalsozialistischen Machtergreifung am Ende nichts entgegensetzen konnte. Letztlich stimmten sogar Reichsbanner-Mitglieder wie Ulitzka im Parlament dem sogenannten „Ermächtigungsgesetz“ zu. Dies schützte sie freilich nicht vor Verfolgung durch das NS-Regime: Auch Ulitzka wurde 1945 bis 1945 im KZ Dachau festgehalten.

Unter den Widerstandskämpfern der 1930er und 1940er Jahre finden sich mehrere Reichsbanner-Männer. Einige überlebten noch nicht einmal die ersten Jahre der Diktatur. Anderen war es vergönnt, nach dem Krieg die neue Demokratie mitzugestalten. Zu ihnen gehörte etwa der Zentrumspolitiker Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, der bis 1933 die Kindergruppe des Reichsbanners, den „Vortrupp Schwarz-Rot-Gold“ betreut hatte und 1953 für die FDP in den Bundestag einzog. – Noch bei der letzten Bundesgeneralversammlung des Reichsbanners im Februar 1933 hatte Karl Höltermann erklärt: „Nach Hitler kommen wir! Es werden wieder die deutschen Republikaner sein, die einen Scherbenhaufen aufräumen müssen. Auf diesen Tag richten wir uns ein!“

Ausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“. Geöffnet bis zum 22. Juli 2018 im Sonderausstellungsbereich der Gedenkstätte Deutscher Widerstand – Stauffenbergstraße 13–14, 10785 Berlin. (Eingang über den Ehrenhof). Öffnungszeiten: Mo.–Mi. u. Fr. 9–18 Uhr; Do. 9–20 Uhr; Sa., So. und Feiertage 10–18 Uhr.

Erschienen am 28. Juni 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Die vergessenen Republikaner

Eine Wanderausstellung erinnert an die Geschichte des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold

Von Tilman Asmus Fischer

Das historische ‚Straßenbild‘ der Weimarer Republik ist heute weitestgehend geprägt durch diejenigen Kräfte, die sich im Umfeld der aus Weltkriegsveteranen rekrutierten antidemokratischen Wehrverbände formierten: des „Roten Frontkämpferbundes“ und des deutschnationalen „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“. Darüber vergessen wird meist der mitgliederstärkste Wehrverband der 1920er und – bis zur Zerschlagung – 1930er Jahre: das 1924 von Mitgliedern der demokratischen Parteien – SPD, Zentrum, DDP (Deutsche Demokratische Partei) – gegründete „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“.

Dessen Geschichte in Erinnerung zu rufen, ist Ziel der neuaufgelegten Wanderausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“. Erstellt wurde sie von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gemeinsam mit dem „Reichsbanner“, das 1953 wiederbegründet wurde und bis heute als „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten“ fortbesteht. Die um eine Ausstellungsvitrine ergänzte Schautafelausstellung beleuchtet nicht nur die Verbandsgeschichte und den – letztlich verlorenen – Kampf des Reichsbanners für den Erhalt der Weimarer Republik.

Vielmehr eröffnet sie einen Einblick in das tägliche Leben und politische Wirken der staatstragenden Kräfte in der ersten deutschen Demokratie und vermittelt anhand einzelner porträtierter Mitglieder einen Eindruck von der Vielseitigkeit der unterschiedlichen Milieus, die sich – vereint durch das gemeinsame Ziel des Schutzes der Republik – im Reichsbanner versammelten. Hierzu gehörten, neben eher kirchenfernen Sozialdemokraten und katholischen Zentrumsanhängern auch einzelne Vertreter des protestantischen Bürgertums.

Einer von ihnen war der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss, der für die DDP dem Reichstag angehörte. Der Volkswirt und Politikwissenschaftler bezog nicht nur als Publizist Stellung gegen den Nationalsozialismus; etwa mit seiner 1932 erschienen historisch-politischen Studie „Hitlers Weg“. Auch brachte er sich mit Reden und Veröffentlichungen aktiv in die Arbeit des Reichsbanners ein. Zudem zeigt die Person Heuss, dies verschwiegt die Ausstellung nicht, auch die Tragik des Endes der demokratischen Kräfte im Deutschen Reich – vor ihrem Weg in den Untergrund: 1933 gehörte Heuss zu den Abgeordneten, die wider das eigene Gewissen für das Ermächtigungsgesetz stimmten.

Dies scheint ein Stück weit symptomatisch zu sein: Einerseits schloss sich das Reichsbanner gemeinsam mit SPD und sozialdemokratischen Organisationen zum demokratischen Bündnis „Eiserne Front“ zusammen. Zudem bot es auf der Straße den Nationalsozialisten die Stirn und hatte dabei selbst auch Todesopfer zu beklagen. Andererseits konnte sich die Führung des Reichsbanners 1932 innerhalb der „Eisernen Front“ nicht mit ihrer Forderung dursetzen, aktiv – mit gewaltfreiem Protest oder einem Generalstreik – gegen den „Preußenschlag“ vorzugehen.

Mit dem Verbot bzw. der Selbstauflösung des Reichsbanners 1933 endet die bewegende Ausstellung. Einzelne Mitglieder des Reichsbanners, die nicht ins Exil gingen oder von den Nationalsozialisten ermordet wurden, gingen in den folgenden Jahren in den Untergrund und brachten sich in den Widerstand gegen die Diktatur ein.

Die Ausstellung „Für Freiheit und Republik! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924 bis 1933“ wird bis zum 22. Juli 2018 im Sonderausstellungsbereich der Gedenkstätte Deutscher Widerstand – Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin – gezeigt (Eingang über den Ehrenhof). Öffnungszeiten: Mo-Mi u. Fr 9-18 Uhr; Do 9-20 Uhr; Sa, So und Feiertage 10-18 Uhr.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 25/2018.

Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen

Eine Wanderausstellung erinnert an das Zeugnis von Franz Stock.

Von Tilman Asmus Fischer

Warum erinnert eine evangelische Innenstadtkirche in Berlin an das Zeugnis eines katholischen Priesters in der Zeit des Nationalismus? So zeigt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche bis zum 29. April eine vom Franz-Stock-Komitee Deutschland kuratierte Wanderausstellung über „Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“.

Es war im Sommer 2014, als Pfarrer Martin Germer kunsthistorische Recherchen über die Geschichte der Fassade der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nach Chartres führten. Dort hatte der Glasmaler Gabriel Loire die Fenster der Glaswände geschaffen, die das Erscheinungsbild der neuen Gedächtniskirche prägen. In Chartres wurde Germer auf das Wirken des Paderborner Diözesanpriesters Franz Stock aufmerksam, der von 1945 bis 1947 in einem Kriegsgefangenenlager nahe Chartres ein „Priesterseminar hinter Stacheldraht“ leitete, in dem etwa 900 deutsche Kriegsgefangene von deutschen und französischen Theologen unterrichtet wurden. „Schon damals war mir klar: Hierzu müssen wir in Berlin etwas machen“, erinnert er sich.

Für die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die der Nagelkreuz-Gemeinschaft von Coventry angehört, ist Stock über seine Zeit in Chartres hinaus von Bedeutung, hebt Germer hervor. Denn bereits seit den 1920er Jahren war Stock – entgegen den Zeichen der Zeit – für Brüderlichkeit zwischen Deutschen und Franzosen eingetreten. Initial für dieses Engagement war die Teilnahme an einem internationalen Jugendtreffen für den Frieden 1926 in Frankreich. Gerade ein Jahr nach der nationalsozialistischen Macht-übernahme war er als geistlicher Leiter der deutschen Gemeinde nach Paris entsandt worden. Dort intensivierte er nicht nur seine Kontakte zu Frankreich, sondern nahm sich auch der deutschen Dissidenten an, die nach Frankreich geflohen waren. Nachdem er kriegsbedingt hatte nach Deutschland zurückkehren müssen, konnte Stock nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht in seine Gemeinde zurückkehren. Zusätzlich wurde er Feldprediger im Nebenamt.

Die Zugehörigkeit zur katholischen Militärseelsorge ermöglichte es ihm, in den Gefängnissen der Wehrmacht inhaftierte Geiseln und Resistance-Kämpfer seelsorgerlich und – unter Inkaufnahme eines enormen persönlichen Risikos – auch praktisch zu unterstützen. Sein Dienst an den Gefangenen beinhaltete auch, fast Tausend von ihnen bis zu ihrer Hinrichtung zu begleiten. „Die Seelsorge an den vielen, die er in den Tod begleitete, geht über das hinaus, was Menschen leisten können“, sagt Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin. Eine Seligsprechung, wie sie seit 2009 vom Erzbistum Paderborn, dem Heimatbistum Stocks, angestrebt wird, würde „diesen Dienst ebenso ehren, wie seinen Einsatz für das ,Priesterseminar hinter Stacheldraht‘.“

An die Lebensstationen von Franz Stock erinnern in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun einzelne – reich bebilderte – Schautafeln. Ergänzt werden sie in Berlin durch weitere Ausstellungsstücke, die neben der Zeit Stocks als Feldgeistlicher auch sein künstlerisches und literarisches Schaffen beleuchten. So beteiligt sich das Archiv des Katholischen Militärbischofs in Berlin mit einzelnen Ausstellungsstücken, die an den Arbeitsalltag der Militärseelsorger erinnern – darunter etwa liturgische Gegenstände aus einem „Feldtornister der Wehrmacht für Feldseelsorge“.

Über dem Altar der Kapelle ist während der Zeit der Ausstellung eine von Stock gemalte Pieta zu sehen, welche die Szene der Kreuzabnahme in ein Gefangenenlager verlegt. Sind im Hintergrund die Türme der Kathedrale von Chartres zu erkennen, erinnert der Stamm des Kreuzes erschreckend an die Pfähle, an denen die von Stock betreuten Häftlinge zur Zeit der Besatzung erschossen worden waren. Weitere Repliken von Gemälden Stocks vermitteln einen Eindruck von den Empfindungen – und der festen Glaubenstreue – des Geistlichen. Zwei Originalausgaben erinnern ferner daran, dass Stock nicht nur als Priester zwischen Deutschen und Franzosen vermittelte. Vielmehr verfasste und veröffentlichte er auch einschlägige Schriften – neben dem selbstillustrierten Buch „Die Bretagne. Ein Erlebnis“ auch eine historische Abhandlung über „Die ersten deutschen Buchdrucker in Paris um 1500“.

Lutz Nehk ist der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche „sehr dankbar, dass sie die Ausstellung nach Berlin geholt hat“. Zwar genieße die Person Franz Stock im deutschsprachigen Katholizismus eine hohe Bekanntheit, anders als im Erzbistum Paderborn gebe es in Berlin jedoch keine eigene Tradition des Stock-Gedenkens: „Daher hatten wir katholischerseits in Berlin die Ausstellung überhaupt nicht im Blick.“ Jedoch sei es eine große Bereicherung, das Leben von Franz Stock vorgestellt zu bekommen – das Leben eines Menschen, der „in Zeiten deutscher Verbrechen viel Gutes getan hat“.

Daher erkennt Nehk in Stocks Zeugnis ein „Signal für unsere Zeit“: Auch wenn heutige Lebenssituationen nicht mit denjenigen im Nationalsozialismus vergleichbar seien, bestehe auch heute für Christen der Auftrag, sich in allen Lagen für ihre Nächsten einzusetzen – „hierin ist Franz Stock Vorbild und Ermutigung“.

„Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“, Bis 29. April 2018, Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz, Berlin-Charlottenburg), täglich 13–19 Uhr.
Weitere Informationen – auch über Begleitveranstaltungen und Führungen unter: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de

Erschienen am 12. April 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Der lange Schatten des Ersten Weltkrieges

Fünf Fragen an General a. D. Wolfgang Schneiderhan

1918 – vor 100 Jahren – endete der Erste Weltkrieg; dieses Ereignis markiert eine historische Zäsur, deren Folgen bis heute nachwirken. Wolfgang Schneiderhan, von 2002 bis 2009 Generalinspekteur der Bundeswehr und seit 2017 Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, spricht im Interview über die Gegenwartsbedeutung des Ersten Weltkrieges.

Herr Schneiderhan, 1918 steht nicht nur für den Waffenstillstand vom 11. November. Vielmehr hat 1918 für viele Regionen kein Ende der Kampfhandlungen, für einige sogar neue Gewalteskalationen bedeutet; hinzu kommt der Zerfall der großen europäischen Vielvölkerstaaten. Woran genau können und sollten wir daher 2018 erinnern?

Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
(Foto: Uwe Zucchi)

Wir sollten erinnern, wie wichtig Versöhnung ist. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Zweite Weltkrieg eine Wiederholung des Ersten ist, wie viele Historiker sagen, aber er hat seine Wurzeln dort. Auch die mangelnde Bereitschaft zum Erkennen und Eingestehen der eigenen Schuld trug dazu bei. „Das rechte Ende des Vierjahreskrieges wäre ein föderiertes Europa gewesen, denn er hatte das Prinzip autonomer National- und Machtstaaten in Europa ad absurdum geführt“, schrieb Golo Mann in der ZEIT schon 1964 (!).
Wir wissen, was stattdessen geschah. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich fast alle einig, dass dies „Nie wieder!“ geschehen darf. Deswegen müssen wir 2018 daran erinnern, wohin nationalistisches Denken, Vorurteile und Verachtung, Neid und Hass führen.

Es stellt sich auch die Frage nach dem Wert des Erinnerns für die gegenwärtige Politik: Wie prägen die Folgen des Ersten Weltkrieges die heutige sicherheits- und geopolitische Gesamtlage, mit der Sie als früherer Generalinspekteur wie kaum ein anderer vertraut sind?

Die Unruhen und gewaltsamen Konflikte im arabischen Raum sind unter anderem auch Folgen der willkürlichen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die aktuellen Spannungen mit der russischen Föderation und einigen osteuropäischen Ländern sind letztendlich auch Folgen des Ersten Weltkrieges, auch die Situation der baltischen Staaten (die sich von Russland bedroht fühlen). An Polen kann man die Auswirkungen gut sehen. Das Land war bis Ende des Ersten Weltkrieges unter den damaligen Großmächten Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland aufgeteilt und in die jeweiligen Staatsgebiete eingegliedert. Das führte zu der Situation, dass polnische Soldaten gegeneinander kämpfen mussten. Erst mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der einstigen Großmächte gelang es Polen, die Autonomie zu erlangen und einen Staat zu gründen. Deshalb spielt der Erste Weltkrieg im Selbstverständnis des polnischen Staats eine große Rolle. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Mehrheit in Polen den Ersten Weltkrieg als die Katastrophe wahrnimmt, die die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg schuf. Trotz des großen Leids, das die Polen erfahren mussten, waren sie bereit zur Versöhnung. Dafür sind wir außerordentlich dankbar. Und die Versöhnung ermöglicht gegenseitiges Verständnis, ermöglicht Zusammenarbeit und vielleicht sogar dann auch Freundschaft.

Vor dem Hintergrund dieser historischen und politischen Dimensionen: Welche Schwerpunkte wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Sie seit vergangenem Jahr vorstehen, gemeinsam mit seinen Partnern im In- und Ausland 2018 setzen?

Unser großes Thema ist das gemeinsame europäische Gedenken. Hier arbeiten wir mit unseren internationalen Partnern zusammen. Dabei ist die Bandbreite sehr groß – um nur einiges zu nennen: Wir schreiben einen deutsch-französischen Comicwettbewerb für Jugendliche aus, wir werden vom 11. bis 18. November eine internationale Gedenkwoche veranstalten, und unsere Landes- und Bezirksverbände planen und realisieren viele verschiedene Gedenkprojekte.

Wie fügt sich das deutsche Gedenken an Weltkrieg und Kriegsende in die europäische Gedenkkulturen, vor allem diejenigen in Ostmittel- und Osteuropa, ein?

Es ist ein gemeinsames Gedenken. Dazu gehört auch, dass man Unterschiede akzeptiert, aber einen Schwerpunkt auf wichtige Gemeinsamkeiten legt. Das eine: Wir wollen alle in Frieden leben. Und das andere: Wir leben in einem gemeinsamen Haus – in Europa. Da kann man durchaus – wenn ich das Bild bemühen darf – sein Zimmer nach Wunsch einrichten, aber es gibt ein gemeinsames Dach und ein gemeinsames Fundament. Und dazu gehören der Wunsch nach Frieden und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um diesen Frieden zu sichern.

Seit mehreren Jahren beobachten wir, etwa in Polen, neue nationale und nationalistische Bewegungen mit entsprechenden Geschichtspolitiken. Welchen Einfluss nehmen diese auf das dortige Erinnern an 1918?

Dazu kann man spekulieren, aber das möchte ich nicht. Bedenken Sie: Es gab seit Jahrhunderten deutsch-polnische Nachbarschaft, aber auch immer Auseinandersetzungen um Grenzen. Das sind historisch unterschiedliche Erfahrungen. Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 war kein Krieg um Territorien und kein Kampf von Soldaten, sondern Terror gegen das Land und seine Bevölkerung. Zehntausende Angehörige der polnischen Intelligenz wurden ermordet. Die Nationalsozialisten wollten gezielt die polnische Kultur auslöschen. Das ist im deutschen Geschichtsbewusstsein nicht unbedingt fest verankert. Aber wenn wir uns das bewusst machen, müssen wir den Polen sehr dankbar sein, dass sie zur Versöhnung bereit waren und heute freundschaftliche Beziehungen überhaupt möglich sind.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.