Erinnerungsorte der Reformation

Auch im Osten hat die Reformation ihre Spuren hinterlassen

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die geschichtlichen Entwicklungen rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen sehr aufschlussreich sein. In diesem Sinne sollen hier die historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer beleuchtet werden.

Infolge von Flucht und Vertreibung fehlen in diesen Kulturlandschaften heute die Träger des historisch gewachsenen protestantischen Erbes – kirchlicher Traditionen und Frömmigkeitskulturen – oder sie befinden sich, wo sie es nicht schon zuvor taten, in der Lage einer kleinen Minderheit. Dennoch erinnern zwischen Riga, Odessa und der Gottscheer Sprachinsel immer noch viele Orte und Kulturdenkmäler an die Reformationsgeschichte und die Vielfalt protestantischen Lebens im Osten Europas. 14 solcher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden.

Während die Gebiete in Mittelost- und Nordosteuropa weiten Teils traditionell evangelisch-lutherisch geprägt waren, ja, das Luthertum oft auch als die ‚deutsche‘ Religion erlebt wurde, war die vorherrschende christliche Religion im europäischen Südosten der römische Katholizismus. Diesen Raum dominierte bis zur Entstehung junger Staaten am Ende des Ersten Weltkriegs zwei Mächte, die wenig Sympathien für den Protestantismus hegten und daher kaum bereit waren, ihn in ihren Ländern zu pflegen, geschweige denn, besondere Erinnerungsorte zu bewahren. Südosteuropa bietet daher weniger ausgewiesene Erinnerungsorte der Reformation. Doch der genaue Blick lohnt sich: Gerade aus Diaspora und Bedrückung heraus entstanden bemerkenswerte Varianten des Protestantismus.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

Königsberg – Hauptstadt des ersten protestantischen Staates

Nur acht Jahre nach dem Wittenberger Thesenanschlag wurde mit der Säkularisierung eines Teils des ehemaligen Deutschordensstaates der erste protestantische Staat gegründet: Das Herzogtum Preußen mit seiner Hauptstadt Königsberg. Begleitet hatte die schon zuvor eingeführte Reformation Martin Luther persönlich, der als Ratgeber des neuen Herzogs Albrecht fungierte. Rasch wurde Königsberg zu einem wichtigen reformatorischen Zentrum im Ostseeraum, wozu vor allem auch die Gründung der Albertus-Universität im Jahre 1544 beitrug. 400 Jahre später – im August 1944 – zerstörten britische Bomber die Universität sowie die einstige evangelische Hauptkirche, den Dom, zusammen mit weiten Teilen der Innenstadt. Der Dom konnte nach Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft – vor allem durch finanzielle Förderung aus Deutschland – wiederhergestellt werden. Die heutige lutherische Diaspora im Königsberger Gebiet besteht vor allem aus Russlanddeutschen, die sich hier in den letzten Jahrzehnten niederließen.

Baltikum: Petrikirche, Riga – Reformation und Bürgertum

Die Territorien des Deutschen Ordens nördlich Preußens sollten auch über das Jahr 1525 hinaus noch unter Herrschaft des katholischen Ordens bleiben. Hier waren es vor allem die deutschen Bürger in den Städten, die sich um die Durchsetzung der Reformation verdient machten. Riga etwa hatte sich bereits 1522 der Reformation angeschlossen. Wahrzeichen dieser bürgerlichen Reformation ist die Rigaer Petrikirche, der älteste Kirchbau des Baltikums. Hier befinden sich Grablegen unterschiedlicher Patrizierfamilien. Die Petrikirche liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom, wo bis in die 1530er Jahre hinein noch der Rigaer Erzbischof residierte, bevor auch seine Kirche den Lutheranern zugeschlagen wurde. Ausdruck fand der kulturelle Reichtum des baltischen Protestantismus auch in Form der 1734 in der Petrikirche von Gottfried Kloosen errichteten Barockorgel. Seit einigen Jahren setzt sich eine deutsch-estnische Stiftung für ihre Rekonstruktion ein (www.peters-church-organ-riga.com).

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Danzig – Nebeneinander von Altgläubigen und Protestanten

Zu den Orten, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, gehören auch exklusiv katholische Erinnerungsorte – wie die Königliche Kapelle in Danzig. Sie liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu St. Marien, der wohl bedeutendsten (bis 1945 evangelischen) Backsteinkirche des Ostseeraumes. Ihre Existenz verdankt die Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – der Reformation im Hanseraum: Nachdem allmählich alle Kirchen, einschließlich St. Marien, evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde daraufhin die „Kaplica Królewska“ als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in protestantisch gewordenen Städten – als andererseits auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen sowie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Russland: Kolonie Molotschna – Mennoniten an der Wolga

In Danzig und seinem Umland fanden während des 16. Jahrhunderts im Westen Europas – gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern – verfolgte Täufer Zuflucht, zeitweise auch einer ihrer Namensgeber Menno Simons. Im 18. und 19. Jahrhundert folgten viele dieser Mennoniten der Einladung der russischen Regenten, sich im Zarenreich anzusiedeln. Im Zuge der von ihnen vorangetriebenen Binnenkolonisation entstand u. a. 1804 die Kolonie Molotschna in der heutigen Ukraine. In dieser späterhin mit 57 Dörfern größten Kolonie in Russland wurde die mennonitische Alltags- und Frömmigkeitskultur gepflegt und gelebt. Hierzu gehörte auch die Mundart der westpreußischen Mennoniten, Plautdietsch, in welcher der Name der Kolonie „Molosch“ lautet. Diese Tradition fand mit dem Zweiten Weltkrieg ein Ende: 1943 erfolgte die Umsiedlung in den Warthegau, von wo aus die Russlandmennoniten nach der sowjetischen Besetzung nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurden.

Treptow – der Landtag und die Einführung der Reformation

Treptow an der Rega ist für die Einführung der Reformation im damaligen Herzogtum Pommern von doppelter Bedeutung: Zum einen im Hinblick auf die Beschlussfassung über die Annahme des neuen Bekenntnisses, zum anderen auf die Durchsetzung der hiermit verbundenen Kirchenreformen. In erster Hinsicht kommt Treptow in den Blick, da hier 1534 der eigens hierzu einberufene Landtag tagte, der die – bereits in vielen Kirchen vermittelte – lutherische Lehre annahm. Der zweite Aspekt verbindet sich mit der Marienkirche, an der ab 1509 der spätere Reformator Johannes Bugenhagen wirkte. Nachdem es ihn selbst längst ins Herz der Reformationsbewegung – an die Universität Wittenberg – verschlagen hatte, war er es, der im Anschluss an den Landtag die Ausgestaltung der neuen Pommerschen Kirchenordnung übernahm, was er auch für viele andere reformatorische Herrschaften tat. Dass der Pommer Bugenhagen zeitweise auch an der Universität von Kopenhagen lehrte, verdeutlicht zusätzlich, dass seine historische Bedeutung erkennbar über Deutschland hinausgeht.

Fraustadt – Valerius Herberger und das „Kripplein Christi“

Bereits vor dem Anschluss an das evangelische Preußen war der protestantische Glaube in das traditionell römisch-katholische Polen gelangt. Eine Hochburg der dortigen Evangelischen war Fraustadt im Lebuser Land. Mit dem Ort verbindet sich nicht nur der Name des dort geborenen Schriftstellers Christian Gryphius, sondern auch der des Theologen Valerius Herberger. Von ihm stammt das Kirchenlied „Valet will ich dir geben“, das sich noch heute im Evangelischen Gesangbuch findet (EG 523). Als 1604 die lutherische Gemeinde ihre Kirche an die Katholiken abtreten musste, ließ er zwei nebeneinander liegende Wohnhäuser zu einem Bethaus umbauen: Es entstand die neue lutherische Kirche mit dem sprechenden Namen „Kripplein Christi“. Nach einem Brand 1647 wiederhergestellt, ist sie bis heute erhalten geblieben.

Węgrów – Zentrum des Protestantismus im Herzen Polens

Dass der Protestantismus in das nahe der Oder gelegene Fraustadt gelangte, mag nicht verwundern. Jedoch reichte die Ausbreitung des evangelischen Glaubens bis in das später zu Russisch-Polen gehörende Masowien. Hier bildete die Kleinstadt (heute ca. 13.000 Einwohner) Węgrów ein Zentrum protestantischen Lebens. Zu verdanken hat der Ort seine evangelische Prägung der verhältnismäßig toleranten polnisch-litauischen Religionspolitik. So genehmigte etwa Magnat Bogusław Radziwiłł 1651, eine evangelische Kirche zu bauen. Zeitweise verfügten die hier wirkende evangelische Splittergruppe der Antitrinitarier sogar über eine eigene Schule und Druckerei. Von hier wurde auch Warschau seelsorgerlich betreut, bevor es den dortigen Protestanten 1777 gestattet wurde, eine eigene Kirche zu errichten. Bis heute gibt es in Węgrów eine lutherische Diasporagemeinde. Sie ist – mit etwa zehn Gottesdienstbesuchern an Sonntagen – zwar klein, besitzt aus ihrer Geschichte heraus jedoch eine Reihe von Liegenschaften.

Asch – Ursprung des Protestantismus in Böhmen

Ganz im Westen Tschechiens steht das einzige Lutherdenkmal des Landes: In Asch zeugt es davon, dass die Stadt Zentrum des gleichnamigen Ascher Zipfels war. Anders als im übrigen Altösterreich setzte sich hier unter den Lehnsherren von Zedtwitz über Jahrhunderte die Gegenreformation nicht durch, sodass der Protestantismus sogar volkskirchlichen Charakter erlangte. 1960 fiel die evangelische Kirche in Asch einem Brand zum Opfer. An sie erinnert heute ein Denkmal, unweit des Lutherdenkmals. Beide sind letzter Hinweis auf den alten Protestantismus. Bevor durch Toleranz- und Protestantenpatent die Ausübung der evangelischen Religion möglich wurden, galt Asch, dessen Rechte im Westfälischen Frieden bestätigt worden waren, zeitweise als einziger Ort freier öffentlicher Religionsausübung für Protestanten in den habsburgischen Erblanden. Die herausragende Rolle behielt Asch lange bei: In Böhmen, Mähren und dem österreichischen Schlesien blieb der Protestantismus bis heute in der Diaspora.

Schlesien: Friedenskirchen und Gnadenkirchen

Der Protestantismus in Schlesien wurde zwei Mal mit herausragenden Kirchbauprivilegien ausgestattet. 1648 garantierte der Westfälsche Friede den Bau der „Friedenskirchen“ in Glogau, Jauer und Schweidnitz. Dem Friedensschluss verdanken sie ihren Namen. Die Genehmigung der Bauten war mit Einschränkungen verbunden: Sie waren außerhalb der Städte, ohne Turm und Glocken zu errichten, auch durfte kein dauerhafter Stein verwendet werden. Ihre markante, daraus resultierende Fachwerkarchitektur hebt sie jedoch als beeindruckende Kirchbauten hervor. Ein halbes Jahrhundert später kam es dann zu einer Erneuerung des Friedens: Im Zuge des nordischen Krieges lagen die Schweden in Schlesien. Sie rangen 1707 dem geschwächten Kaiser die Konvention von Altranstädt und den Bau von sechs Gnadenkirchen ab. Fünf in Niederschlesien, eine im oberschlesischen Teschen. Der Teschener Kirche kam so besondere Bedeutung zu. 2015 verlieh die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa Teschen den Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“.

Die Artikularkirche Käsmark – ein Zugeständnis

Im ungarischen Teil der Doppelmonarchie, zu dem auch die Slowakei zu zählen ist, existierte der Protestantismus, auch dank der Tolerierung durch die Osmanen, unter günstigeren Bedingungen. Eine ambivalente Rolle spielte Leopold I., der erst den Protestanten Ungarns 888 Kirchen nahm, dann aber durch die Türkenbedrohung beim Landtag von Ödenburg 1681 Zugeständnisse machte: 50 Kirchen wurden zurückgegeben oder Bauplätze für neue Kirchen zugeteilt. Vorbild dieser sogenannten Artikularkirchen waren die schlesischen Friedenskirchen. Auch in diesem Fall musste auf festes Baumaterial und einen steinernen Sockel verzichtet, zudem außerhalb von Ortschaften, ohne direkten Straßenzugang, Turm und Glocke gebaut werden. Fünf Artikularkirchen sind noch erhalten, dreien wurde der UNESCO-Weltkulturerbestatus verliehen. Die bekannteste steht in Käsmark. 1890 wurde sie außen verputzt, sodass die Holzkirche als solche nicht mehr zu erkennen ist. Ihr Inneres beeindruckt mit reicher volkstümlicher Ausstattung.

Galizien: Der Bielitzer Zion in Bielitz-Biala

Am geographischen Rand Galiziens liegt Bielitz-Biala. Durch die Doppelstadt fließt die Bialka, die alte Grenze von Österreichisch-Schlesien mit Bielitz und Galizien mit Biala. Die für den Protestantismus bedeutsameren Orte liegen in Bielitz und streng genommen nicht in Galizien. 1610 verfügte die evangelische Gemeinde in Bielitz über acht Kirchen, aber infolge der Gegenreformation sollte den Protestanten ab 1660 für 100 Jahre lediglich ihr Friedhof bleiben. Doch sie blieben evangelisch, ohne Pfarrer und ohne Kirche. Im polnischen Biala genossen sie größere Rechte, wenngleich es auch hier keine Kirche gab. 1781 erhielt das nunmehr galizische Biala die Erlaubnis zum Bau eines evangelischen Bethauses. Auch in Bielitz begann bald darauf der Bau einer Kirche. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte bildete sich das wohl bekannteste Kirchbauensemble des östlichen Habsburgerreichs: Der Bielitzer Zion. Rund um die Kirche entstanden Pfarrhäuser, Schulen, eine Bibliothek, eine Druckerei, ein Waisen-, ein Diakonissenhaus, und: das heute einzige Luther-Denkmal in Polen.

Siebenbürgen: Die Schwarze Kirche in Kronstadt

Auch in Kronstadt erwartet den Besucher ein Ensemble aus Denkmal und Kirche: Vor der Stadtkirche steht die Statue von Johannes Honterus. Seine Rechte deutet auf das Honterus-Gymnasium, in seiner Linken hält er sein Reformationsbüchlein und die Schulordnung. Honterus war Stadtrat von Kronstadt und Gründer besagten Gymnasiums. Vor allem aber wird er heute als Reformator Siebenbürgens verehrt. Seine Zeitgenossen schätzten ihn als Schriftsteller und Humanisten. Seine Grablege fand er in der Marien-, der späteren Schwarzen Kirche, wo nach Einführung der Reformation der erste evangelische Gottesdient abgehalten worden war. Die Kirche erhielt ihren Namen durch einen Stadtbrand am 21. April 1689. Damals brannte die ganze Innenstadt. Der Name, den der Volksmund der Kirche wegen ihrer geschwärzten Mauern gab, erinnerte an die Katastrophe. Ihre Bedeutung ist jedoch weit größer. Sie ist der größte Sakralbau Rumäniens und die größte Hallenkirche östlich von Wien, die mit Orgel, Glocke, orientalischen Teppichen und weiteren Kunstschätzen lockt.

Schloss Auersperg – Reformation unter dem Schutz des Adels

Der Protestantismus verbreitete sich in Slowenien früh unter dem Schutz des lokalen Adels. Einzelne Familien taten sich besonders hervor, auch das Haus Auersperg. Aus Rašica, einem kleinen Dorf unterhalb des Schlosses Auersperg, stammt der Reformator Sloweniens, Primož Trubar. Tubar gilt als Zentralgestalt der slowenischen Geschichte, vor allem als Begründer der slowenischen Schriftsprache. Er war zunächst Pfarrer in der Unterkrain, wirkte in Ljubljana, aber auch in Triest, Kempten und dann als Exulant in Derendingen bei Tübingen, wo er 1586 starb. Trubar stand mit mehreren Mitgliedern der Familie Auersperg in freundschaftlichem Verhältnis. Sie waren Förderer des Protestantismus. Auch die Schlosskapelle der Burg Auersperg wurde früh für evangelische Gottesdienste freigegeben. Die Verbundenheit mit dem Haus Auersperg verdeutlicht Trubars Widmung des letzten Bandes seiner Übersetzung des Neuen Testaments, die u. a. zwei Auerspergern gewidmet ist, die zu dieser Zeit in Tübingen studierten.

Bessarabien: Überkonfessionelles Christentum

Ganz andere Wege wurden in den vergleichsweise jungen Gemeinden Bessarabiens beschritten: Es waren Pietisten und Erweckte, die dem Aufruf Zar Alexander I. zur Besiedelung gefolgt waren. Die Gründer der Kolonie Teplitz z.B. reisten zusammen mit anderen Aussiedlern mit dem Zielort Kaukasus, da man dort den Aufnahmeort der auserwählten Gemeinde in der Endzeit erwartete. Zar Alexander galt dieser chiliastisch geprägten Gruppe als Retter des Christentums. Anfangs gab es gut zwei Dutzend Kolonien. Einzig die Kolonisten in Sarata brachten ihren eigenen Geistlichen, den römisch-katholischen Priester Ignaz Lindl mit. Lindl gestaltete das kirchliche Leben bewusst überkonfessionell. 1823 verließ er Sarata, 1824 trat er der Evangelischen Kirche bei. Lindls Bußpredigten erfreuten sich weit über Sarata heraus großer Beliebtheit, Pilgerfahrten nach Sarata wurden durchgeführt, Konventikel in den einzelnen Kolonien gebildet. Die Kirche in Sarata ist heute noch erhalten. Sie wurde aufwändig restauriert und 1995 wieder eingeweiht.

Johannes Nett
Tilman A. Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 05/2017.

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Lasst euch nicht irre machen

Ein Gespräch zum Predigttext am Reformationsfest zwischen Doctor Martin Luther und dem Berliner Theologiestudenten Tilman Asmus Fischer

Predigttext am Reformationsfest: Matthäus 10, 26b–33

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Tilman Asmus Fischer: Gerade hat Jesus seine Jünger ausgesandt und ihnen angekündigt, dass sie Verfolgung leiden werden: „Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen“ (Matthäus 10,17). Jetzt beginnt er, ihnen Mut zuzusprechen: Sie brauchen nicht die Menschen, sondern nur Gott zu fürchten! Diese Ermutigung gilt jedem Christen, der sich auf das Abenteuer des Glaubens einlässt und Jesus vertraut – bis heute. Wenn wir heute an die Reformation erinnern, Herr Luther, frage ich mich: Wie haben Sie und Ihre Anhänger damals diese göttliche Ermutigung gelesen?

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

Martin Luther: „Lasset Euch nicht irre machen, dasjenige öffentlich zu lehren, was ihr im Verborgenen gehört habt; gleichwie jene, die sich von Außen verstellen, dasjenige zu lehren, was sie von Innen von ihrem Lehrer, dem Satan, hören: deswegen werden sie genöthigt, ihre innerlichen Lügen von Außen mit dem Schein der Wahrheit, der Religion, der Kirche, der Gerechtigkeit zu schmücken. Aber vergebens. […] Ihr aber habt dergleichen Täuscherei nicht nöthig; wenn ihr lehret als vor Gott und in Christo mit lauterem Gewissen, und nicht anders im Herzen denket, als ihr im Worte lehret.“

Fischer: Wer möchte das nicht können? Sich mutig hinstellen und für das als wahr Erkannte und Geglaubte eintreten: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Aber wie oft erleben wir, dass wir an diesem Selbstanspruch scheitern? Das ging Ihnen doch auch lange so, Dr. Luther. Sicher, wir müssen heute in Deutschland als Christinnen und Christen nicht um unser Leben bangen. Doch erleben auch wir Anfechtungen im Alltag, seien es Terroranschläge oder Ängste, die uns Propheten unterschiedlichster Couleur einflüstern, seien es persönliche Krisen oder Schicksalsschläge.

All dies kann uns Anlass geben, zu zweifeln, nicht mehr mutig und frei zu glauben und aus diesem Glauben zu leben. Unseren Glauben bekennen könnten wir schon im alltäglichen Gespräch – ob beim Mittagessen mit Kollegen oder am Tresen in der Stammkneipe. Aber wie oft schweigen wir, wie oft hören wir: „Ich glaube nicht.“ – „Ich glaube nur an mich.“ – „Glauben gehört ins Mittelalter.“ – Und bekennen dann selbst nicht, warum wir doch glauben. Plötzlich fällt es uns auch nicht mehr so leicht, für all das einzutreten, was uns Christinnen und Christen wichtig ist: Gastfreundschaft, Schutz des Lebens, Gerechtigkeit. Was denken Sie: Haben wir einen ernsthaften Grund, zu verzagen?

Luther: „Wenn nun Gott auch jegliche Sperlinge also zählt und für sie sorgt: um wie viel mehr zählt und sorgt Er auch ganz gewiss für euch; nicht allein als Menschen, sondern auch als meine Knechte und Gläubige. Und Er lässt keinem von euch etwas Böses widerfahren ohne Sein Vorwissen und Willen, ob es gleich das Ansehen hat, als ob Er von euch Nichts wisse und sich um euch nicht kümmere. – O, was ist das für eine unaussprechliche Sorgfalt eines solchen Vaters! – Darum sollen wir alle Trübsale verschlingen und wie einen Funken ersäufen in diesem Meere der unendlichen Liebe und Sorge Gottes für uns, und mit Verspottung von ihnen reden.“

Fischer: Aber bei allem Trost, den wir in diesen Worten finden, Herr Luther: Da ist noch etwas anderes, das uns fortschrittliche und aufgeklärte Menschen befremdet. Liegt da nicht auch eine Drohung in der Luft? Wie verstehen Sie es, dass wir den fürchten sollen, „der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“?

Luther: „Da ihr gerechte Sache und einen gnädigen Gott habt, und euer Leben gewiß ewig sein soll, so seid stark und schlaget Alles in den Wind, damit ihr nicht, wenn ihr eure Sache verleugnet, auch Gottes Zorn und den ewigen Tod zuzieht.“

Fischer: Muss das sein? In der Predigt zum Reformationsfest? Scheinbar verfliegt die frohe Feierstimmung – und gar nicht mehr so mutig und frei stehen wir vor einer äußerst drastischen Ansage: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“ Auch wenn wir uns das nicht gerne eingestehen wollen: Der allmächtige Gott ist nicht nur der „liebe Gott“, an den wir uns wenden können, sondern eben auch der Gott des Gerichtes. Im Geiste sehen wir uns in einem Gerichtssaal, der aus einer Geschichte von Franz Kafka stammen könnte. Der ewige Richter schwingt den Hammer – Schuldspruch: „Der Angeklagte wird schuldig befunden, am 30. Oktober 1998 in der Betriebskantine Jesus Christus verleugnet zu haben.“ Nochmals schlägt der Hammer. Urteil: „Fegefeuer“. Kann das gemeint sein, am Reformationstag?, verehrter Herr Doctor?

Luther: „Christus will damit nicht das haben, dass, wenn Ihn Jemand verleugne, Ihm in Ewigkeit nicht wieder geholfen werden könne; sondern dieses ist Seine Meinung: wenn Jemand in der Verleugnung beharrt, so wolle Er ihn auch beständig verleugnen; wo aber Jemand von der Verleugnung zum Bekenntnis wieder umkehrt, so will Er auch zum Bekenntnis wieder umkehren.“

Fischer: Also können wir heute doch getrost und frohen Mutes in Ihre Worte einstimmen und singen: „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen; er wandt zu mir das Vaterherz, es war bei ihm fürwahr kein Scherz, er ließ’s sein Bestes kosten.“ Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die (gekürzten) Luther-Zitate stammen aus „Luthers Auslegung des Matthäus-Evangelium Kapitel 3–25“, Erwin Mühlhaupt, 1952.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 44/2017.

Europa id est patria!

Gedanken zu Europa (Januar 2017)

Von Tilman Asmus Fischer

2017 könnte für Europa ein Jahr der Bewährung werden: Neben den strukturellen Problemen der – um das Vereinigte Königreich geschrumpften – Europäischen Union stehen in einzelnen Mitgliedsstaaten entscheidende Wahlen und unter den Bedingungen des neuen Präsidenten im Weißen Haus eine Neuausrichtung der transatlantischen Beziehungen an. Dies alles vollzieht sich vor dem Hintergrund eskalierender hegemonialer Bestrebungen Russlands, das in der Ukraine einen sichtbaren Krieg mit Waffen, und in den Medien einen unsichtbaren mit Trollen und Fake News führt.

Bundesaußenminister a.D. Joschka Fischer hat vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung zu Recht festgestellt: „Wenn Europa daher auf dem europäischen Kontinent eine dauerhafte Friedensordnung will, dann wird es vor allem ernst genommen werden müssen. Das ist gegenwärtig eindeutig nicht der Fall.“ Hierzu freilich bedarf es einer europäischen Verteidigungsstrategie, wie Fischer sie fordert – jedoch nicht ausschließlich einer solchen. Denn, wenn Putin unter dem Vorzeichen des postfaktischen Zeitalters einen Kampf um die Köpfe führt, dann ist es mit militärischer Abschreckung alleine nicht getan. Dann bedarf es einer weltanschaulichen Immunisierung – einer Vergewisserung der kulturellen Identität Europas und des grenzübergreifenden Zusammenhalts der europäischen Nationalstaaten und ihrer Bürger.

Anlass, sich auf das gemeinsame historische und geistige Erbe zu besinnen, bietet 2017 das Gedenken an 500 Jahre Reformation – und dies nicht nur für die europäischen Lutheraner bzw. Protestanten. Denn alternativ zu dichotomen Deutungsmustern der Reformation als Kirchenspaltung oder Geburtsstunde der reformatorischen Kirchen bietet sich eine Perspektive auf das Phänomen „Reformation“ jenseits konfessioneller Befindlichkeiten: Eine Perspektive auf die Reformation als einem Reformprozess, der nicht nur im Kontext katholischer Reformströmungen entstand, sondern der in der Gestalt und Wirkmacht, die er annahm, so nur unter den Bedingungen einer gesamteuropäischen akademischen, kirchlichen und gelehrten Kultur möglich war. Dieser Tatsache hat der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann mit seiner unlängst erschienenen Reformationsgeschichte „Erlöste und Verdammte“ (C. H. Beck, München 2016) ein Denkmal gesetzt. – Nachhaltige Reformen, möchte man pointiert aus dem schließen, was uns in der Reformation vor Augen tritt, gehen in Europa nur europäisch und nicht in nationalstaatlichem Klein-Klein.

Bereits auf den ersten Seiten findet sich bei Kaufmann der Ausruf von Papst Pius II. angesichts des Falls von Konstantinopel 1453 und der Eroberung vormals christlicher Territorien außerhalb Europas: „Europa id est patria“ – Europa, das ist die („übrig gebliebene“, wäre zu ergänzen) Heimat! So manifestierte sich europäisches (Selbst)bewusstsein am Vorabend der Reformation auch unter – in diesem Fall osmanischem – Druck von außen. Und heute? Führen die russische Hegemonialpolitik, die Unterhöhlung menschenrechtlicher Standards durch den türkischen Vertragspartner der EU und die Risiken der „America First“-Politik zu einer neuen Besinnung auf „Europa id est patria“? – Natürlich nicht im Sinne der schuldhaften Geschichte europäischer Kreuzzüge, sondern einer ethisch-weltanschaulichen Zurüstung der europäischen Zivilgesellschaft.

Die Antwort auf eben diese Frage ist es, die uns das Jahr 2017 geben könnte. Und wie sie ausfällt, liegt zu einem guten Teil in der Hand der Europäer selbst. Die paneuropäische Bewegung mit all ihren Gliederungen freilich wird gemäß ihrem Wahlspruch – „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ – für Europa als Heimat eintreten.

Beitrag auf der Internetseite der Paneuropa-Jugend Deutschland e.V.

Westpreußen – ein Land der Reformation

Eine Spurensuche entlang reformationsgeschichtlicher Erinnerungsorte

Von Tilman Asmus Fischer

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die Ereignisse rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen – gerade wie das untere Weichselland – sehr aufschlussreich sein.

Infolge von Flucht und Vertreibung ist Westpreußen heute ein Raum, in dem weitestgehend Katholiken und nur noch eine kleine Schar von Lutheranern leben. Es finden sich freilich noch viele Orte und Kulturdenkmäler, die eng mit der Reformationsgeschichte verbunden sind und darüber hinaus von der Vielfalt protestantischen Lebens im Ostseeraum zeugen. Neun solcher kirchengeschichtlicher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden. Diese Orte vermögen, sowohl die Vielschichtigkeit der ‚Reformation‘ als auch ihre ökumenische Dimension und die unterschiedlichen Ausprägungen dessen zu verdeutlichen, was wir ‚den Protestantismus‘ nennen. Beginnen soll unsere Spurensuche mit grundsätzlichen Überlegungen, ausgehend von der protestantischen Kirche Westpreußens schlechthin.

Oberpfarrkirche St. Marien, Danzig

In ihrem 1929 erschienen Buch „Die Marienkirche in Danzig“ preisen Karl Gruber und Erich Keyser die altehrwürdige evangelische Oberpfarrkirche als „Gotteshaus der Bürger, errichtet durch das einmütige Zusammenwirken der Brüderschaften, Gewerke und Geschlechter“. Diese Perspektive auf die Marienkirche verdeutlicht bereits den enormen Identifikationswert, den Europas größte Backsteinkirche für ihre Stadt hatte. Dies ist umso bemerkenswerter, als hier eine von katholischen Bürgern vor der Kirchenspaltung errichtete Kirche zum Identifikationspunkt einer protestantisch dominierten Bürgerschaft wurde. Ebenso konnten westpreußische Kirchen auch bis in unsere Tage hinein den Kirchenbrief der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen zieren, obwohl die Gotteshäuser mit Kriegsende der katholischen Kirche übergeben worden waren.

Diese Beobachtung erinnert uns an zweierlei Zusammenhänge, die es bei unserer Spurensuche zu bedenken gilt : Zum einen, dass ein Erinnerungsort nicht statisch ist, sondern stets von den Zu- und Überschreibungen lebt, die er im Verlauf seiner Geschichte erhält. Daher stellt unsere heutige Spurensuche auch notwendiger Weise nur eine Bestandsaufnahme von Bedeutungen dar, die einem Denkmal oder Ort unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt – demjenigen der Reformation – Konturen verleihen. Zum anderen weist uns St. Marien darauf hin, dass ein und demselben Erinnerungsort gleichzeitig differierende, wenn nicht gegensätzliche Bedeutungen zukommen können – hier etwa eine deutsche bzw. protestantische oder eine katholische bzw. polnische.

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig (Foto: Diego Delso via Wikimedia)
Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Reformation und Katholizismus

Wenn wir in diesem Sinne nach Orten fragen, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, dann gelangt man auch zu exklusiv katholischen Erinnerungsorten, in denen ein entsprechendes Narrativ der Reformationsgeschichte manifest wird.

Königliche Kapelle, Danzig

Am sinnfälligsten wird dies an der Königlichen Kapelle, die der Marienkirche unmittelbar benachbart ist. Immerhin verdankt diese Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – ihre Existenz der Reformation in Danzig : Nachdem nach und nach alle Kirchen evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde darauf hin die Kaplica Królewska – die Königliche Kapelle – als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in Städten, die sich mehrheitlich zum Protestantismus bekehrten – aber ebenso auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen wie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

Jesuitenkolleg, Deutsch Krone

Der Kontext der katholischen Reaktionen auf den Prozess der Reformation wird wesentlich von der sogenannten Gegenreformation – und damit einer ihrer treibenden Akteurinnen : der Societas Jesu (SJ) – bestimmt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die – letztlich kirchenspaltende – evangelische Reformation selbst in einer Zeit innerkatholischer Reformbewegungen entwickelte und ebenso wenig davon unabhängig gedacht werden kann wie die SJ selbst.

Die Jesuiten entfalteten auch im späteren West- und Ostpreußen rege Aktivitäten und konzentrierten sich – ihrem Gelübde entsprechend – vor allem auf das Bildungswesen. So gründeten sie 1665 auch im damals zu Polen gehörigen Deutsch Krone eines der Jesuitenkollegien. Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung mussten 1672 und 1703 jeweils größere Gebäude bezogen werden. Als der Jesuitenorden 1773 vom Papst aufgelöst wurde, erfolgte die Umwandlung in ein katholisches Gymnasium. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 200 Schüler die Schule. – An dem 1798 bis 1805 errichteten Gebäude des Gymnasiums erinnert heute noch eine Gedenktafel an das ehemalige Jesuitenkolleg.

Zwischen Konflikt und Verständigung

Bereits die vorangegangenen Erinnerungsorte zeigen, dass die westpreußische Reformationsgeschichte eine ebenso protestantisch-katholische wie deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist, in der gerade auch die polnische Krone als Förderer des Katholizismus in Erscheinung tritt. Ein Blick auf zwei weitere Städte des Königlichen Preußen – Elbing und Thorn – verhilft dazu, dieses Bild zu differenzieren. So steht Thorn einerseits für eine blutige, von der polnischen Krone mitgetragene Eskalation der konfessionellen Konflikte im Jahre 1724, andererseits aber auch für die 79 Jahre zuvor durchgeführten Thorner Religionsgespäche, die ebenfalls vom polnischen König initiiert wurden. Einer ihrer zentralen Akteure, der protestantische Ökumeniker Comenius, lebte und wirkte zu dieser Zeit in Elbing. (Diese thematischen Zusammenhänge hat Manfred Richter bereits in der DW-Ausgabe vom April 2016, S. 14f., in größerer Ausführlichkeit erläutert.)

Comenius in Elbing

Der den Böhmischen Brüdern angehörende Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670) genoss bereits zu seinen Lebzeiten europaweite Anerkennung. Sie führte dazu, dass der schwedische Königshof Comenius beauftragte, ein Konzept zur Erneuerung des Schulsystems zu entwickeln. Deshalb kam der Gelehrte 1642 in das schwedisch besetzte Elbing, wo er bis 1648 blieb. Hier verfasste er nicht nur sein Hauptwerk „Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica), sondern unterstützte auch die Vorbereitungen des „Colloquium Charitativum“, das vom 28. August bis zum 22. November 1645 in Thorn stattfand und zur Vermittlung zwischen Katholiken und Protestanten beitragen sollte. Der Elbinger Stadtrat unterstützte Comenius’ Bemühungen und stellte ihm eine Karosse für die Reise nach Thorn zur Verfügung.

Tumult und Blutgericht in Thorn

Die Religionsgespräche führten letztlich allerdings nicht zu konkreten Ergebnissen, und das Verhältnis zwischen den Konfessionen blieb weiterhin angespannt. 1724 ereignete sich dann – wiederum in Thorn – der erwähnte offene Ausbruch der Gegensätze. Nachdem die – maßgeblich von den Jesuiten getragene – Gegenreformation in den vorangegangenen Jahren in der lutherisch dominierten Stadt vorangetrieben worden war, kam es am Fronleichnamstag jenes Jahres zum „Thorner Tumult“, bei dem protestantische Bürger das Jesuitenkloster stürmten und verwüsteten. Nun musste bzw. konnte der polnische König August II. mit aller Härte durchgreifen : Nicht nur, dass sämtliche Hauptkirchen der Stadt der katholischen Kirche übereignet wurden ; vielmehr wurden am 7. Dezember auch ein Bürgermeister und neun Thorner Bürger öffentlich hingerichtet.

Die Erben der Reformation

Die Reformation führte jedoch nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen der lutherischen Lehre und dem Katholizismus, denn der Protestantismus brachte im Laufe seiner Entwicklung auch aus sich selbst eine ganze Reihe unterschiedlicher Denominationen und Minderheiten hervor, von denen hier nur einige exemplarisch vorgestellt werden sollen.

St. Peter und Paul, Danzig

Der nach der lutherischen Reformation bedeutendste Schritt in der weiteren Entwicklung war die Herausbildung der reformierten Konfession. – Nachdem die in der Alten Vorstadt von Danzig gelegene Kirche St. Peter und Paul 1557 lutherisch geworden war, ging sie 1622 an die Danziger Reformierten über. Das calvinistische Bürgertum zeichnete sich vielerorts durch ein ausgeprägtes Erfolgsstreben aus, das Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ scharfsinnig auf seine theologischen Voraussetzungen hin analysiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn wir unter den Gemeindegliedern in St. Peter und Paul späterhin z. B. auch den Kaufmann Johann Uphagen und den bedeutenden Kupferstecher Daniel Chodowiecki entdecken. Die vielleicht bedeutendste Person, die mit St. Peter und Paul in Verbindung steht, ist jedoch der Theologe, Naturwissenschaftler und spätere Entdeckungsreisende Johann Reinhold Forster, der hier als Kandidat wirkte und ins Pfarramt ordinierte wurde.

Heilig Geist-Kirche, Danzig

1817 fasste König Friedrich Wilhelm III. alle lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer unierten Landeskirche zusammen. Diejenigen Gemeinden, die den Zusammenschluss aus theologischen Erwägungen ablehnten, mussten scharfe Verfolgung erdulden. Die aus diesem Prozess 1830 hervorgegangene Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen wurde erst 1845 staatlich anerkannt.

Diese ‚altlutherische‘ Kirche hatte ihren Schwerpunkt in Schlesien, aber in ganz Preußen Anhänger. Während der 1840er Jahre entstand ein eigener Danziger Pfarrbezirk, und 1854 erwarb man die Heilig Geist-Kirche in der Danziger Tobiasgasse 1b. 1943 umfasste die in der früheren Hospitalkirche ansässige Gemeinde 503 Seelen. 1945 wurde die Kirche schwer zerstört. Nach dem Krieg beschlossen die neuen Machthaber dann eine Nutzungsänderung, in deren Folge das Gebäude seit den 1950er Jahren in den Gebäudekomplex einer Grundschule integriert ist.

Heubuden (Kreis Marienburg / Großes Werder)

Mit den Täufern kommt eine protestantische Strömung ins Bild, die in Europa gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern verfolgt wurde. Deshalb flohen im 16. Jahrhundert viele Täufer nach Danzig und in das Umland der Stadt, wo sich zeitweilig auch ihr Anführer und Namensgeber Menno Simons aufhielt. Einer der Orte, an denen die Glaubensflüchtlinge aus dem flämischen, niederländischen, friesischen, und oberdeutschen Raum ansässig wurden, war Heubuden in der späteren Freien Stadt Danzig. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte sich dort das Niederländische als Gottesdienstsprache gehalten. 1768 erhielt Heubuden eine eigene Kirche, und Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gemeinde Heubuden-Marienburg in Marienburg ein eigenes Gemeindehaus. 1929 hatte die Gemeinde 1.092 getaufte Glieder. – Heute erinnern in Heubuden eine Gedenktafel an der ehemaligen Mennonitenkirche, vor allem aber der erhaltene, 2,6 Hektar umfassende Mennoniten-Friedhof an die einstigen Einwohner des Ortes.

Slowinzisches Dorf, Klucken (Kreis Stolp, Pommern)

Neben den drei konfessionellen Minderheiten der Reformierten, Altlutheraner und Mennoniten soll zum Schluss noch eine weitere Gruppe berücksichtigt werden: die Slowinzen, bei denen es sich jedoch nicht um eine innerprotestantische Minderheit handelt. Zur Minderheit wurden die Slowinzen innerhalb der westslawischen Bevölkerung des südlichen Ostseeraums vielmehr durch ihr evangelisches Bekenntnis, das mit einer Nähe zur deutschen Kultur einherging. Damit ergänzen die Slowinzen, die in Pommern zwischen Stolp und Leba lebten, das Bild der katholischen Kaschuben.

Am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die große Mehrheit der deutschsprachigen Slowinzen vertrieben. Die slowinzischen Muttersprachler durften in ihrer Heimat bleiben, was freilich das Aussterben des – dem Kaschubischen verwandten – Slowinzischen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermochte. Dies mag man heute umso mehr bedauern, als angenommen werden kann, dass etwa der Konfirmandenunterricht in dieser Region noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in dieser Sprache gehalten wurde. Heute dokumentiert nur noch das Freilichtmuseum „Slowinzisches Dorf“ in Klucken das Leben dieser westslawischen
Protestanten.

Auf dem Weg zu den Erinnerungsorten …

… DANZIG

  • Heilig Geist-Kirche: Szkoła Podstawowa nr 50 im. Emilii Plater, ul. Grobla IV / 8, 80-837 Gdańsk
  • Königliche Kapelle: Sie liegt auf der Rückseite der Marienkirche in der Świętego Ducha, 80-980 Gdańsk
  • St. Marien: Bazylika Mariacka w Gdańsku, Podkramarska 5, 80-834 Gdańsk. Weitere Informationen: http://www.bazylikamariacka.gdansk.pl
  • St. Peter und Paul: Rzymskokatolicka Parafia św. Piotra i Pawła, ul. Żabi Kruk 3, 80-822 Gdańsk

… DEUTSCH KRONE

Jesuitenkolleg: Zespół Szkół nr 1 w Wałczu, Kilińszczaków 59, 78-604 Wałcz

… HEUBUDEN: 82-200 Stogi, Powiat Malborski

… KLUCKEN

Slowinzisches Dorf: Muzeum Wsi Słowińskiej w Klukach, Kluki 27, 76-214 Smołdzino. Das Freilichtmuseum ist ganzjährig geöffnet. Weitere Informationen: http://www.muzeumkluki.pl

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 1/2017.

Flucht und Vertreibung prägen unsere Gesellschaft 

Fünf Fragen an Dr. Bernd Fabritius MdB

Der CSU-Bundestagsabgeordnete und Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) Dr. Bernd Fabritius zieht Bilanz über das Jahr 2016 und gibt einen Ausblick auf die vertriebenenpolitischen Herausforderungen des Jahres 2017.

Das Verhältnis zwischen der deutschen und der polnischen Politik wurde 2016 durch den national konservativen Regierungskurs in Warschau stark beeinflusst. Wie hat sich diese Beeinträchtigung auf die politischen Kontakte und Dialoge des BdV mit Polen ausgewirkt?

Dr. Bernd Fabritius MdB (Foto: Patrick Levin)
Derzeit gilt es, klar zwischen den verschiedenen politischen Ebenen in Polen zu unterscheiden. Kommunal – bis hin zu einzelnen Woiwodschaften – besteht nach wie vor fruchtbarer Austausch. Hiervon zeugen auch die vielfältigen Aktivitäten der Landsmannschaft Westpreußen. Durch den jahrzehntelangen verständigungspolitischen Einsatz auf der Ebene von Mensch zu Mensch wurde der Boden hier erfolgreich bereitet. Auf der höchsten politischen Ebene kommt der Dialog zwischen den Vertriebenen und der Republik Polen überaus schwer in Gang. Dies bedauere ich.

Vor kurzem konnte die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung das Richtfest des Deutschlandhauses feiern und einen neuen Beraterkreis berufen. Gleichzeitig konnte man der Presse Äußerungen über eine mögliche Überarbeitung des Ausstellungskonzepts entnehmen. Wie entwickelt sich das Projekt aus Ihrer Perspektive?

Es ist gut, dass es trotz der sich verzögernden Bauarbeiten positive Nachrichten von der Stiftung gibt. Das Richtfest war eine Gelegenheit, sich erneut sichtbar zu machen und zu zeigen, dass es vorwärts geht. Der internationale und fachlich breit aufgestellte Beraterkreis hat jetzt Gelegenheit, sich zu bewähren. Was die Diskussion über Grundlagenpapiere angeht, habe ich stets betont, dass für den BdV das 2012 in breiter politischer Mehrheit beschlossene Stiftungskonzept gilt. Ein tragfähiges Konzept für die Dauerausstellung wiederum bleibt eine der vordringlichsten Aufgaben. Der vorhandene Entwurf muss entsprechend den im Stiftungskonzept definierten Zielen sowie den Gegebenheiten des Ausstellungsortes weiterentwickelt werden. Die sechs BdV-Mitglieder im Stiftungsrat werden dies konstruktiv begleiten.

Mit der Entschädigung für zivile deutsche Zwangsarbeiter hat der Deutsche Bundestag 2016 eine der entscheidenden Forderungen des BdV aus den vergangenen Jahren in die Tat umgesetzt. Was sagt uns dieser große politische Erfolg über die gesellschaftliche und politische Bedeutung, die die Folgen von Flucht und Vertreibung noch heute in unserem Land haben?

Die Tatsache, dass diese wichtige symbolische Anerkennung erst mehr als sieben Jahrzehnte nach den leidvollen Ereignissen möglich wurde, zeigt eindrucksvoll, dass die Aufarbeitung von Flucht, Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit weiterhin eine zentrale Aufgabe bleibt. Bis heute prägen auch diese Ereignisse unsere gesamtgesellschaftliche Identität. Im kollektiven Gedächtnis müssen sie daher noch viel präsenter werden.

2017 steht die Wahl zum Deutschen Bundestag an. Was sind die zentralen Fragen und Herausforderungen, denen die deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler gegenüber den politischen Bewerbern Geltung verleihen werden?

Ihre Fragen haben ja schon ein Stück weit auf die Themen hingeführt, nach deren zukünftiger politischer Ausgestaltung der BdV die Parteien sicher auch wieder schriftlich befragen wird. Dazu gehört die weitere Anerkennung und Förderung der verständigungspolitischen Arbeit der deutschen Heimatvertriebenen, Spätaussiedler und ihrer Verbände – der Brückenfunktion in die Heimat- und Siedlungsgebiete. Dazu gehört die Verankerung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung im kollektiven Gedächtnis der Nation und der dafür nötige Erinnerungstransfer von der betroffenen zu den nachfolgenden Generationen.
Dazu gehört der gesetzliche Auftrag zu Erhalt, Pflege und Weiterentwicklung des Kulturerbes der Deutschen aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa und die Frage, wie die Vertriebenen und ihre Verbände als lebendige Kulturträger in diesen Prozess eingebunden werden. Und dazu gehören die Anliegen unserer Aussiedler und Spätaussiedler im Hinblick auf Aufnahme und Integration, aber auch auf das in diesen Kreisen besonders große Risiko der Altersarmut.

Neben der Bundestagswahl wird das kommende Jahr unter anderem durch die bundesweiten Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum geprägt werden. Welche Bedeutung hat dieses Gedenken für die deutschen Heimatvertriebenen und die – oft als Protestanten in der Diaspora lebenden – Heimatverbliebenen?

Über die individuelle Bedeutung hinaus, zu der etwa eine erneute Selbstvergewisserung im Glauben zählen mag, ist das Reformationsjubiläum sicher ein besonderer Anlass, um insgesamt der auch in konfessioneller Hinsicht interessanten Geschichte der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu gedenken. So gilt es, an die Reformatoren zu erinnern, die in diesen Gebieten gewirkt haben – wie beispielsweise Johannes Bugenhagen, der in Pommern wirkte, oder Johannes Honterus, den Reformator der Siebenbürger Sachsen. Die damaligen Umbrüche – so leidbehaftet manche Auswirkungen gewesen sein mögen – zeigen doch auch, dass Europa schon seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Kulturraum ist. Für die in der Diaspora lebenden deutschen Protestanten unter den Heimatverbliebenen ist das Jubiläum außerdem eine Gelegenheit, ihre Gemeinschaften zu stärken.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Die Reformation als europäisches Phänomen

Aktuelle Perspektiven auf das reformatorische Erbe Ostmitteleuropas

Das Reformationsjubiläum drohe, so formulierte es die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg vor längerer Zeit, als „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert zu werden. Einen wichtigen Beitrag dazu, dass es so nicht zwingend kommen muss, haben das Deutsches Historisches Museum (DHM) und das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) mit einer gemeinsamen internationalen Tagung vom 8. bis 10. März in Berlin geleistet. Sie stand unter dem Titel „Der Luthereffekt im östlichen Europa – Geschichte, Kultur, Erinnerung“ und hatte ihren Ausgangspunkt in dem grundlegenden Vortrag des Leipziger Historikers Prof. Dr. Winfried Eberhard über „Die Rezeption der lutherischen Reformation in Ostmitteleuropa“.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.
St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Diese grenzübergreifende Rezeption verlief äußerst vielfältig, wie Eberhard aufzeigte und durch die weiteren Vorträge der Tagung illustriert wurde: Während sie in Polen friedlich scheiterte – was vor allem auch an der unversöhnlichen Haltung der Lutheraner gegenüber den Reformierten lag –, scheiterte sie in Böhmen gewaltsam an der Unterdrückung durch die katholische Monarchie. Bis heute leben Protestanten in diesen Regionen in der Diaspora. Zu einer Blüte des Protestantismus kam es hingegen in Ungarn, wo er durch Adel und Städte unterstützt wurde, – und im Herzogtum Preußen, das als einer der ersten protestantischen Staaten aus dem säkularisierten Deutschordensstaat entstand.

Diese ganz unterschiedlichen Entwicklungen ‚der Reformation’ waren geprägt durch ebenso unterschiedliche historische Konstellationen: So waren es im Ostseeraum in besonderer Weise Hansestädte, die sich zur protestantischen Avantgarde entwickelten – hatten die europaweit vernetzten Kaufmannsfamilien doch früh Kontakt und Zugang zu reformatorischer Lehre und Schrifttum. Hier wäre für das spätere Westpreußen vor allem an Danzig und Thorn zu erinnern. Diese Querverbindungen im Einzugsbereich der Hanse zeigte Anja Rasche (Speyer / Lübeck) in ihrem Vortrag „Reformation im Hanseraum: Kaufleute, Bücher und Sanktionen“ auf. Währenddessen setzte in Siebenbürgen die Entstehung lutherischer Zentren in Schäßburg, Hermannstadt und Kronstadt die Tolerierung der damaligen osmanischen Besatzer voraus.

Bisweilen wurde reformatorisches Erbe auch noch Jahrhunderte später wirksam: Etwa in Galizien, wo unter Theodor Zöckler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lutherische Gemeinden aufblühten – eine Entwicklung über die Katrin Boeckh (München / Regensburg) referierte (Identitäten und transnationale Netzwerke. Lutheranische Gemeinden in Galizien). So vielfältig wie die jeweiligen historischen Situationen, waren auch die kirchlich Ausformungen, die sich aus ihnen entwickelten: So zählten sich im Siebenbürgen des 16. und 17 Jahrhunderts auch die Dreifaltigkeit leugnende Unitarier zu den theologischen Erben Luthers (Edit Szegedi, Klausenburg / Cluj-Napoca: Luther als Bezugsgröße der siebenbürgischen Reformierten und Unitarier im 16.-17. Jahrhundert). Zugleich führten im Ungarn des 17. Jahrhunderts aus Österreich vertriebene Lutheraner ihr Eigenleben (Peter Ötvös, Szeged: Die lutherischen Exulanten aus Österreich auf ungarischem Boden, ihre Vorhaben und Integrationsversuche).

Die Dimensionen und Perspektiven des Phänomens Reformation, wie es sich im östlichen Mitteleuropa ausprägte, sind so vielfältig, dass sie hier nur ansatzweise benannt werden konnten. Wer sich diesem Zugang zum grenzübergreifenden Erbe unserer Kirchen nicht verschließt, darf sich auf das für 2017 angekündigte Erscheinen des Tagungsbandes von BKGE und DHM freuen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 17/2016.

Von Flucht und Vertreibung geprägt

Nur fast vier Prozent der Gesamtbevölkerung stellen die Evangelischen in Österreich. Dies hat seinen Grund auch in der jahrhundertelangen Verfolgung österreichischer Protestanten. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich, spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die aktuelle Bedeutung dieser historischen Prägung.

Bischof Bünker, die Themen Flucht, Vertreibung, Migration sind heute wieder aktuell – allerdings auch historisch prägend für die Geschichte Ihrer Kirche. Was sind die zentralen Ereignisse?

Im wesentlichen sind es zwei Erfahrungen, die die evangelische Kirche in Österreich im Hinblick auf diese Themen geprägt haben: Das erste ist die Tatsache, dass tausende Evangelische in Österreich aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Das beginnt bereits Ende des 16. Jahrhunderts. Die letzte Vertreibung aus rein religiösen Gründen in Österreich und Mitteleuropa war dann in den 1830er Jahren die der Zillertaler Evangelischen. Das zweite ist die Erfahrung nach 1944 und 1945: Die Aufnahme der Vertriebenen und Geflüchteten – vor allem aus Siebenbürgen. Viele von ihnen haben sich in Österreich angesiedelt, Gemeinden gegründet und sind heute ein wichtiger Teil unserer Kirche.

Haben diese Ereignisse Frömmigkeit und kirchliches Leben in spezifischer Weise geprägt?

Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Vorsitzender des Evangelischen Oberkirchenrates A.u.H.B. in Österreich
(Foto: Uschmann)

Sie haben für die autochthonen Evangelischen in Österreich, dazu geführt, dass das Evangelisch-Sein immer klar von der katholischen Mehrheitskirche unterschieden sein musste. Und bis heute legen Evangelische da und dort großen Wert darauf, dass etwa die Pfarrer vertraut im schwarzen Talar zu sehen sind und dass in vielen anderen Punkten das typisch Evangelische gestärkt wird.

Wie werden Sie aus dieser Prägung einer Diaspora-Kirche heraus das Jahr 2017 begehen?

Für uns war von Anfang an klar: Wir gestalten dieses Jahr gemeinsam, die drei evangelischen Kirchen in Österreich, die lutherische, die reformierte und die methodistische. Von daher haben wir nie ein Luther-Jubiläum im Auge gehabt, sondern immer ein Reformationsjubiläum. Gesamtkirchlich wird es 2017 – neben dem großen Jubiläumsfest am 30. September auf dem Wiener Rathausplatz – unter anderem eine Ausstellung in Wien geben: Die meisten Wiener wissen nicht, dass die Bevölkerung ihrer Stadt bis weit ins 17 Jahrhundert hinein mehrheitlich evangelisch war. Die kulturprägende Kraft des Protestantismus deutlich zu machen, ist ein zentrales Anliegen.

Ist das österreichische Reformationsjubiläum – vor dem historischen Hintergrund der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie – in besonderer Weise europäisch?

Es macht eine der europäischen Facetten des Protestantismus sichtbar. Die Geschichte der Evangelischen in der k. u. k. Monarchie ist auf der einen Seite von der Erfahrung geprägt, dass diese Monarchie der gelebte Beweis war, dass es möglich ist, Einheit zu leben in einer kulturellen, politischen, sprachlichen, religiösen Pluralität. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung der Diaspora: Im gesamten Donauraum waren und sind die Evangelischen in der Minderheit. Das ist etwas aktuell europäisches, denn Europa ist ein von Minderheiten geprägter Kontinent.

Dieses Europa sieht sich heute wieder mit Heimatlosen konfrontiert – wie positionieren Sie sich in der Flüchtlingskrise?

Irgendwann werden unsere Enkel uns fragen: Was habt Ihr gewusst? Und was habt Ihr getan? Ich denke, dass wir noch längst nicht in richtiger Form unserer Verantwortung gerecht werden. Die Menschen, die aus Syrien fliehen, werden aufgrund der Lage vor Ort nicht nur in den Nachbarländern bleiben können. Man muss den betroffenen Ländern wirkungsvoller helfen. Und zugleich müssen wir denjenigen, die vor Gewalt und Terror fliehen, Schutz und Aufnahme gewähren. Asyl ist ein Menschenrecht – und das kann man nicht teilen, kontingentieren und mit Zäunen reglementieren.

Das Interview entstand am 15. Februar in Berlin im Rahmen der Tagung „Evangelisches Leben in Österreich und Slowenien“ des Gustav-Adolf-Werks der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (www.gaw-berlin.de).

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2016.