Den Schöpfergott vor Augen

Ein Sammelband lässt Joseph Ratzinger zum Verhältnis von Glaube und Politik zu Wort kommen

Von Tilman Asmus Fischer

An Glaube und Religion kommt, wer heutzutage Gegenwartshermeneutik betreibt, nicht vorbei. Ob man der Säkularisierungsthese oder der Idee einer Wiederkehr der Religion anhängt: für beide Positionen ist die Frage nach der Relevanz dieser Faktoren konstitutiv. Dabei sind beide Konzepte nicht bloß soziologische Deutungsmuster, sondern stehen nicht selten im Dienst weltanschaulicher Programme, die entweder einen strikten Laizismus oder eine Restauration religiöser Dominanz predigen. Daher trifft das vergangenes Jahr von Pierluca Azzaro und Carlos Granados herausgegebene Buch „Die Freiheit befreien“ den Nerv der Zeit, indem es eine Auswahl von Texten des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, bietet, die sich mit „Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ befassen.

Vom ältesten Text – einer Predigt vor katholischen Bundestagsabgeordneten aus dem Jahre 1981 – bis hin zur im Band enthaltenen Erstveröffentlichung – einer Antwort auf Marcello Peras Buch „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ – treten zwei zentrale Grundlinien hervor: Zum einen steht hinter allen Beiträgen das für Ratzinger typische Paradigma eines korrelativen Verhältnisses von Glaube und Vernunft, zum anderen erschließt der Autor vor diesem Hintergrund fundamentale Normen und Kriterien politischen Handelns in christlicher Verantwortung. Dabei erscheint der Systematiker und frühere Bischof von Rom kaum als der dogmatische Hardliner, als den ihn seine Kritiker gerne zeichnen, – sondern vielmehr als einer der großen Denker der (Post-)Moderne, dessen Positionen mannigfaltige Anknüpfungspunkte für den Diskurs eröffnen, gerade nicht nur aus einem christlichen Blickwinkel heraus.

Dies hat seinen Grund gerade darin, dass es ihm immer wieder gelingt, plausibel zu machen, in welchem Maße sich rechtsphilosophische Grundpfeiler der westlichen Zivilisationen – wie der Liberalismus und das Verständnis des Menschen als Rechtssubjekt –, die auch aus einer säkularen Perspektive unverzichtbar sind, fundamentalen Überzeugungen eines christlichen Welt- und Menschenbildes, mithin der Idee der Gottesebenbildlichkeit, verdanken. So konstatiert Ratzinger in der Auseinandersetzung mit Pera: „Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.“

Hier und an anderen Stellen tritt Ratzinger wiederholt – und mit überzeugenden Argumenten – für eine Rückbesinnung auf naturrechtliche Traditionen ein. Es ist zudem eben das Naturrecht, dem Ratzinger ein anhaltendes Dialogpotenzial beimisst – gerade für die Kirche in der Moderne: Als Argumentationsfigur ermögliche es der katholischen Kirche, „in den Gesprächen mit der säkularen Gesellschaft und mit anderen Glaubensgemeinschaften an die gemeinsame Vernunft [zu appellieren] und die Grundlagen für eine Verständigung über die ethischen Prinzipien des Rechts in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft“ zu suchen.

Letztlich verharrt Ratzinger nicht in der Reflexion rechts- und religionsphilosophischer Abstrakta, sondern buchstabiert immer wieder auch die sozialethischen – und damit letztlich auch politischen – Konsequenzen seiner Theologie aus. Dies gilt etwa für den Gedanken einer „zweite[n] Realpräsenz Jesu“ – neben der sakramentalen: „in den Geringsten, in den Getretenen dieser Welt, in den Letzten […], in denen Er von uns gefunden sein will“. Wenn Papst Franziskus in seinem Vorwort zu „Die Freiheit befreien“ ebendiesen Gedankengang – und Ratzingers damit verbundenes Eintreten für eine Christus gemäße Veränderung der Welt – hervorhebt, zeigt sich wieder einmal, in welchem Ausmaß die „politische Diakonie“ des amtierenden Papstes der Theologie – und insbesondere der Christologie – seines Amtsvorgängers verpflichtet ist.

Wie zeitlos das Denken Ratzingers ist, zeigen drei – bereits 1995 gemeinsam unter dem Titel „Wahrheit, Werte, Macht. Prüfsteine einer pluralistischen Gesellschaft“ erschienene – Vorträge, die der Autor 1991/1992 in Dallas, Paris und Pressburg gehalten hatte. Sie waren entstanden vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche im befreiten Ost(mittel)europa, sind aber noch heute aktuell – teils erschreckend aktuell: So erinnert Ratzinger angesichts fremdenfeindlicher Ausschreitungen im wiedervereinigten Deutschland an den heute fast vergessenen Faschismustheoretiker Hermann Rauschning, der den Nationalsozialismus als eine „Revolution des Nihilismus“ beschrieben hatte. Blicken wir heute nach Chemnitz und in andere deutsche Städte, wird die bleibende Bedeutung von Ratzingers Einsicht deutlich: „Die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als ein gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen, scheint mir eine Bedingung für das Bleiben der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren totalitären Folgen zu sein.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend. Herder, Freiburg 2018, 216 Seiten, ISBN 978-3-451-37980-2, EUR 22,–

In ähnlicher Form erschienen am 25. Juli 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Gerechter Krieg, gerechter Frieden

Sigurd Rink blickt auf militärische Konflikte und ethische Herausforderungen

Von Tilman Asmus Fischer

Können Kriege gerecht sein? Dass gerade diese Frage dem Buch eines evangelischen Militärbischofs seinen Titel gibt, mag auf den ersten Blick als Provokation erscheinen. War die Friedensethik – zumal die evangelische – doch längst auf Distanz zur Lehre vom „gerechten Krieg“ gegangen. Und dies nicht ohne Grund; Sigurd Rink verweist selbst auf den fatalen Beitrag, den die Kirche in ihrer Geschichte zur Legitimierung militärischer Aggressionen unter dem Vorwand des iustum bellum geleistet hat. Und so steht Rink auch fern davon, mit dem gegenwärtig prägenden Paradigma des „gerechten Friedens“ zu brechen, dem Frieden mehr als die Abwesenheit von Gewalt bedeutet. Vielmehr geht es ihm darum, „die Tradition vom gerechten Krieg als Mittel der Gewaltbegrenzung“ zu verstehen, also die Frage nach der Rechtfertigung militärischer Gewalt kritisch an sicherheitspolitische und militärische Entscheidungen zu stellen. Dabei steht für ihn fest: „Die Ultima Ratio, die äußerste Möglichkeit eines Einsatzes rechtserhaltender Gewalt, ist für mich keine hohle Phrase, die man relativieren kann. Sie ist angesichts dessen, was militärische Interventionen bewirken – nicht zuletzt auch im Leben der Soldatinnen und Soldaten –, mit äußerster Sorgfalt zu prüfen.“

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Erschienen in: Der Tagesspiegel, 31. Juli 2019.

Der da ist und der da war und der da kommt

Andacht zu 2. Mose 3,1-15

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Wie oft haben wir diesen Kanzelgruß schon gehört – „von dem, der da ist und der da war und der da kommt“, wie es im ersten Kapitel der Johannesoffenbarung heißt. Für viele von uns wird er zur Gewohnheit geworden sein. Doch diese Worte sind mehr als eine Förmlichkeit. Diese Worte sollen uns vielmehr an etwas erinnern: daran, warum die frohe Botschaft, die Sonntag für Sonntag gepredigt wird, uns wirklich trägt; daran, von wem die Predigt spricht; daran, warum es gerade dieser ist, der uns aus den Zwängen und Verstrickungen des Alltags herausrufen und befreien kann. Neben den Dreiklang „Vater – Sohn – Heiliger Geist“ tritt ein zweiter: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dies ist keine Konstruktion aus dem Glasturm akademischer Dogmatik. Von dem Dreiklang „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ erzählt bereits das zweite Buch Mose im dritten Kapitel.

Philipp Schumacher: Moses vor dem brennenden Dornbusch, 1930
(Katholisches Religionsbüchlein für das Bistum Speyer, 1951)

Gegenwart

Auf dem Berg Horeb offenbart sich Gott Mose in einer Situation größter Bedrängnis: Sein Volk lebt versklavt unter ägyptischer Herrschaft, er selbst – der Unterdrückung entflohen – als Hirte im Wüstenexil. Da bricht Gott in seine und seines Volkes Gegenwart hinein – wird präsent: als mitfühlender und handelnder Gott. Er sieht das Elend und erkennt das Leiden. Schon dies ist eine heilsame Zusage: Die Mächte dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Mögen die Israeliten auch geknechtet und in Unrecht gehalten werden – der Blick ihrer Unterdrücker auf sie ist bereits relativiert; es gibt eine Instanz, die um Elend und Leid weiß und es beim Namen nennt. Aber mehr als das: Gott weiß nicht nur um Elend und Leid, er will es auch wehren und die Israeliten in die Freiheit führen. Und hierzu bedient er sich des Mose: „ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst“.

Die Befreiungsgeschichte, die diesem Fanal folgt, kennen wir: Den Exodus. Die sagenhafte Erzählung einer solchen Befreiung müssen wir nicht versuchen, eins zu eins mit Bemühungen um historische Genauigkeit in das Hier und Jetzt zu übertragen. Ihr tieferer Sinn bewahrheitet sich uns jedoch dort, wo wir erleben, dass das Vertrauen auf Gott innerlich befreit und zu befreiendem Handeln befähigt, wie einst Mose: Er kann die Israeliten in die Freiheit führen, da er weiß, dass Gott das Leid der Israeliten sieht. Der konkreten Befreiung muss vorausgehen, dass die Perspektive der Unterdrücker relativiert wird: Das hebt Unrecht und Unterdrückung nicht auf, aber das Wissen der Unterdrückten, von Gott angesehen zu sein, nimmt den Unterdrückern das letzte Wort und eröffnet neue Perspektiven. Solche neuen Perspektiven können dazu führen, sich konkret zu befreien. Dass erleben wir im Kleinen, wenn wir uns frei machen von bedrängenden Normen und Urteilen unserer Mitmenschen. Das erleben wir aber auch im Großen, wo Menschen sich dazu befreien lassen, gesellschaftliche und politische Verhältnisse neu zu denken und für einen Wandel einzutreten.

So wird Gott auch dem Mose gegenwärtig. Doch in diesem befreienden Sinne bedeutsam und wirksam wird diese Gegenwart Gottes für ihn erst dadurch, dass sie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft Gottes steht.

Vergangenheit

Der junge Israelit sieht das Wunder – einen brennenden, jedoch nicht verbrennenden Dornbusch –, barfuß steht er schließlich auf dem heiligen Land. Doch das Ereignis erschließt sich ihm erst, als sich sein Gegenüber in der gemeinsamen Vergangenheit mit seinem Volk zu erkennen gibt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Er ist der Gott, der Abraham zum ‚Vater der Völker‘ machte, ihm im hohen Alter seinen Sohn Isaak schenkte und mit Jakob am Jabbok rang. So hat sich Gott in der Vergangenheit erwiesen – und im Wissen um diese Vergangenheit wird er nun von Mose erkannt, der vor ihm sein Angesicht verhüllt: „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“.

Diese Gottesfurch ist keine Furcht, die in Passivität drängt – Mose wird nicht starr vor Angst. Sie ist vielmehr das ehrfürchtige Vertrauen auf Macht und Größe Gottes, wie sie sich in der Geschichte gezeigt haben. Dieses Vertrauen eröffnet neue Perspektiven und Handlungsoptionen. Mose fragt: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Und Gott antwortet: „Ich will mit dir sein.“ Gott will an seiner Seite gehen, wie er bereits an der Seite seiner Väter gegangen war. Hierauf darf Mose vertrauen und in diesem – historisch gewachsenen – Vertrauen kann Mose zu den Israeliten gehen. Und wenn er zu ihnen spricht, kann er wiederum an ebendieses Vertrauen appellieren: „Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!“

Der Glaube bedarf der historischen Vergewisserung, des vorausliegenden Glaubenszeugnisses. Das ist bei uns nicht anders als bei den Israeliten vor tausenden von Jahren. Solche Zeugnisse finden wir in der Bibel, jedoch auch in der Geschichte unserer Kirche: Martin Luthers „Hier stehe ich“ ist ein solches Freiheitszeugnis. Neben dieses treten im 20. Jahrhundert etwa die Zeugnisse bekennender Christen unter totalitärer Herrschaft in Europa. Nicht umsonst prägten gerade Christen die Bürgerrechtsbewegung der Wendejahre im Ostblock, deren 30. Wiederkehr wir dieser Tage gedenken.

Auch heute gibt es Menschen, die sich in Europa – vor allem im östlichen Europa – aus einem befreienden Glauben heraus für politischen und gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Im vergangenen Herbst erzählte mir der griechisch-katholische Weihbischof von Kiew, Bohdan Dzyurakh, wie sich seine Kirche im Dezember 2013 an die Seite der proeuropäischen Demokratiebewegung stellte und er selbst mit anderen Geistlichen unter Scharfschützenfeuer den Menschen auf dem Maidan beistand. Auf die letzten Jahre zurückblickend, entwarf er das Bild einer Kirche, die sich durch die Botschaft ihrer Verkündung befreit sieht und aus diesem Bewusstsein heraus politisch und gesellschaftlich tätig wird:

„Kirche wird immer ‚mater et magistra‘ genannt, und wenn die Kirche nicht nur Lehrerin, sondern auch Mutter sein möchte, dann kann sie sich nicht vom Leid der Menschen zurückziehen, wo sie in ihrer Würde erniedrigt, verfolgt und ihrer Rechte beraubt werden. […] Wir betrachten uns nicht als diejenigen, die den Machthabern dienen, sondern wir wollen dem Volk, den Menschen dienen – und genauso sehen wir die Berufung der Politiker. Wenn die Politiker aber von dieser Berufung abweichen, wenn sie versuchen, die Leute zu unterdrücken und auszubeuten, dann muss die Kirche die Stimme der Unterdrückten werden.“

Solche Worte regen an, zu fragen, wo der Glaube uns selbst innerlich befreit und zum Handeln drängt – oder wir uns vielmehr von ihm befreien lassen und uns nicht dieser Befreiung versperren sollten.

Zukunft

Doch das Wissen um die Geschichtsmächtigkeit Gottes allein wird uns nicht genügen, um uns von Gott befreien zu lassen, so wie es auch Mose und den Israeliten nicht genügt hat. Hierauf zielt Moses Frage, was er denn den Israeliten sagen solle, wenn diese fragten: „Wie ist sein Name?“ – „Mose erwartet vom Volk die Frage nach Sinn und Wesen eines von den Vätern her bekannten Namens.“ So hat es Martin Buber formuliert. Seine Frage zielt also auf eine Eigenschaft Gottes, die diesen gegenüber seinem Volk ausweist und Vertrauen stiftet.

Dies ist eine große Frage, auf die der Gefragte eine erstaunlich kurze Antwort gibt: „Ich werde sein“. Was soll dies nun über Gott sagen? Fehlt doch gerade jegliches Prädikat für Gott: Was wird er sein? Liebevoll, zornig, mächtig, allwissend, richtend, rechtend? Jedoch: Diese kürzeste aller denkbaren Antworten ist zugleich die eigentlich größte und umfassendste Antwort: Gott lässt sich nicht auf eine Eigenschaft festlegen. Aber mehr noch: Die Antwort hätte ja auch lauten können: „Ich bin.“ Indem Gott jedoch antwortet „Ich werde sein“, greift er über Vergangenheit und Gegenwart hinaus: Er erweist seine Hoheit über die Zukunft.

Eben hierin unterscheidet er sich von jedem Geschöpf und jeder irdischen Macht: Denn es mag mehr oder weniger einfach sein, eine Aussage über sich selbst zu treffen vor dem Hintergrund der eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Doch spätestens, wenn ich versuche, eine Aussage über mich in der Zukunft zu treffen, werde ich meiner Bedingtheit durch Umstände und Entwicklungen gewahr, die nicht in meiner Hand liegen. Frühere Generationen haben diese Erfahrung, dass die eigene Zukunft letztlich unberechenbar ist, in die Worte gefasst: „So Gott will und wir leben“. Eben, so Gott will – und nicht wir. „Ich werde sein“ – dies heißt für die Israeliten zugleich: ‚Ich werde für Euch da sein.‘ – Was auch immer passiert. Dieser Zusage bedarf es, um auf Gott zu vertrauen. Dass Gott war und an ihrer Seite war, wussten die Israeliten aus ihrer Geschichte.

Dass Gott sein wird und an ihrer Seite sein wird, dessen können sie sich nicht selbst versichern. Aber Gott spricht es ihnen zu, so wie er es auch uns heute zuspricht. Und so, wie die Israeliten diesen Zuspruch bejahen konnten, sind auch wir eingeladen, ihn zu bejahen – im Vertrauen auf den, „der da ist und der da war und der da kommt“.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Morgenandacht am 2. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2019, in Marienbad im Rahmen der Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates.

Zwischen Revolution und Reflexion

Ein Aufsatzband der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschließt das „gemeinsame Erbe von Christen und Marx“

Von Tilman Asmus Fischer

2018 wurde auf unterschiedliche Weise anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx das Verhältnis von Christentum und Marxismus beleuchtet. Einen Beitrag aus dem Umfeld der politischen Linken – namentlich der Rosa-Luxemburg-Stiftung – haben die beiden Theologen Michael Ramminger und Franz Segbers mit einem Sammelband vorgelegt, der den programmatischen Titel trägt: „‚Alle Verhältnisse umzuwerfen… und die Mächtigen vom Thron zu Stürzen.‘ Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx“.

Diesem ‚gemeinsamen Erbe‘ wird – nach einer Einführung durch die Herausgeber und den Theologen Kuno Füssel – auf dreifache Weise nachgespürt: Zuerst in einem schlaglichtartigen Rückblick auf das wechselvolle Verhältnis von Kirche und marxistischer Bewegung; dann vermittels Beiträgen zu unterschiedlichen Fragen des gegenwärtigen Diskurses, die sich zwischen Religionsphilosophie, Exegese und Sozialethik bewegen. Abschließend werden exemplarische Formationen der christlichen Marxismus-Rezeption auf den Philippinen sowie in Nord- und Südamerika erörtert. Dabei wird freilich deutlich, dass es sich bei einer ‚christlich-marxistischen‘ Symbiose – wie sie die den Autoren vor Augen stehen mag – eher um ein Zweckbündnis handelt, das gewiss nicht fundamentale Differenzen in Welt- und Menschenbild zu überwinden vermag (und in das sich zu fügen wohl auch nicht jeder Christ willens sein wird).

Den zentralen Ertrag bringt der zweite Hauptabschnitt des Sammelbandes hervor. Wenn die einzelnen Verfasser auch aus unterschiedlichen Disziplinen kommend ihre je individuelle Perspektive fruchtbar machen, lassen sich doch einige grundsätzliche Fragen und Aspekte benennen, die sich als roter Faden durch das Buch ziehen und zum fortgesetzten Nachdenken – und Diskutieren – anregen: Dies gilt vor allem für die Spannung zwischen (politischer) Ethik und christlicher Eschatologie. Denn während es den Autoren gelingt, aus der christlichen Tradition plausibel politische Imperative mit Blick auf gegenwärtige soziale, ökologische und ökonomische Missstände abzuleiten, bedürften die Ambivalenzen menschlicher Selbsterlösungshoffnungen einer tiefergehenden Reflexion als dieser Sammelband liefert.

Demgegenüber wird die marxistische Kritik am Fetischcharakter der Ware aus unterschiedlichen Perspektiven eingehend analysiert und zudem immer wieder ihre Anschlussfähigkeit an theologische Diskurse – vor allem ausgehend von der alttestamentlichen Idolatriekritik – erörtert (z. B. Michael Ramminger: Götzen, Fetische und das Jenseits des Kapitalismus). Mithin erscheint es lohnend, das theologische Nachdenken über den ungebändigten Kapitalismus als lebensfeindliche „Marktreligion“ (so dann auch im Titel des entsprechenden Aufsatzes von Franz Hinkelammert) weiter zu vertiefen; und dies nicht nur, weil es im Trend des gegenwärtigen Pontifikates liegt. Vielmehr eröffnet diese Perspektive entscheidende Einsichten in die Gebrechen und die Erlösungsbedürftigkeit einer vom Materialismus geprägten Gesellschaft. Dass solche Sozialkritik freilich nicht zwingend einen marxistischen Standpunktes voraussetzt, zeigen im Übrigen die wissenschaftlichen Würdigungen der Befreiungstheologie durch Gerhard Ludwig Kardinal Müller, die der Sammelband freilich nicht entsprechend rezipiert. Dies ist umso bedauerlicher, als eine Auseinandersetzung mit Müllers Überlegungen einen erheblichen Beitrag dazu geleistet hätte, in einem stärkeren Maße auch die Spannungen zu bedenken, die zwischen christlichen und marxistischen Vorstellungen einer Weltveränderung bestehen.

Die entscheidendere Schwachstelle des Sammelbandes liegt jedoch bei den zeitgeschichtlichen Beiträgen im ersten Teil des Buches. Es wäre an dieser Stelle eigentlich auch ein Aufsatz zum historischen Schicksal verfolgter Christen im realexistierenden Sozialismus zu erwarten gewesen. Jedoch finden sich als originärer Beitrag für den Sammelband hingegen „Politisch-biografische Anmerkungen einer ehemaligen Pfarrerin in der DDR“ – aus der Feder von Ilsegret Fink, die nicht unbedingt zum systemkritischen Spektrum evangelischer Theologen in der DDR zu zählen ist. Ergänzt werden ihre Ausführungen lediglich durch den gekürzten Nachdruck eines Textes des bereits 2009 verstorbenen Ost-CDU-Funktionärs Günter Wirth (Marxismus, Glauben und Religion in der DDR).

Die Stärken des historischen Rückblicks liegen hingegen in den kirchen- und theologiegeschichtlichen Beiträgen zum 19. und 20. Jahrhundert – vor allem von Franz Segbers, Julia Lis und Hermann-Josef Große Kracht. Segbers (Das Kommunistische Manifest und die Denkschrift der Inneren Mission) und Lis (ChristInnen und SozialistInnen – Gegner oder Bündnispartner? Sozialpolitik und Arbeiterbewegung bei Kolping und Ketteler) geben exemplarisch Einblick in sozialdiakonische Ansätze der katholischen wie evangelischen Kirche des 19. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen unpolitischer Wohlfahrt und Solidarisierung mit der Arbeiterbewegung. Große Kracht („… auf den Schultern von Karl Marx“) spürt sodann den unterschiedlichen Phasen der Marx-Rezeption im Werk des Jahrhunderttheologen und Sozialethikers Oswald von Nell-Breuning SJ nach.

Neuerlich spannt der letzte Abschnitt einen historischen Bogen auf – diesmal vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Neben zwei grundsätzlicheren Beiträgen zu Marxismus und Befreiungstheologie in Lateinamerika von Michael Löwy (Der Marxismus der Theologie der Befreiung) und Nancy Cardoso (Weder Abschrift noch Kopie: Nicht eine weniger. Marxismen in Lateinamerika) geben die Aufsätze von Franz Segbers und Jörg Rieger Einblicke in zwei weniger bekannte Konstellationen einer christlich-marxistischen Symbiose: Während sich Segbers mit der Geschichte der von Rom losgesagten Iglesia Filipina Independiente befasst, zeichnet Rieger die lange Tradition der – zwischenzeitlich in den Hintergrund getretenen – christlichen Linken bzw. des linken Christentums in den USA nach.

Michael Ramminger u. Franz Segbers (Hrsg.): „Alle Verhältnisse umzuwerfen… und die Mächtigen vom Thron zu stürzen.“ Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx, VSA: Verlag, Hamburg 2018, 248 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-89965-790-6.

In ähnlicher Form erschienen am 13. Juni 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Rink: Isolierung der Streitkräfte von der Zivilgesellschaft wäre gefährlich

Früher demonstrierte Sigurd Rink als Fundamentalpazifist gegen den Nato-Doppelbeschluss. Der Völkermord in Ruanda brachte ihn dazu, seine Überzeugungen in Frage zu stellen. Seit er 2014 zum ersten hauptamtlichen Militärbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland vom Rat der EKD ernannt wurde, reist er regelmäßig in Krisengebiete wie Afghanistan, Mali oder den Nahen Osten. Er erlebt hautnah, wie gefährlich und seelisch belastend ein Militäreinsatz ist, und sieht die moralische Herausforderung, mit der die Soldaten und auch die Seelsorger konfrontiert ­werden. Im Gespräch mit Tilman Asmus Fischer spricht er über Friedensethik, mangelnde Anerkennung von ­Soldaten in Gesellschaft und Kirche, die friedenspolitische Tradition der Kirche im Osten und Jugendoffiziere an Schulen.

Herr Bischof Rink, wie ist die ­biblische Friedensbotschaft für Sie mit militärischer Gewaltausübung in Einklang zu bringen?

Militärbischof Dr. Sigurd Rink
(Foto: Dr. Roger Töpelmann)

Für mich ist die wichtigste Erkenntnis das, was das Alte Testament ausführt: der Grundsatz „Frieden durch Recht“. Es geht darum, eine Rechtsordnung aufzubauen, die befriedet, die sich kristallisiert in den Zehn Geboten mit dem zentralen Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Das Gewaltmonopol der Obrigkeit soll sich nicht willkürlich gestalten, sondern Gewalt limitieren und kanalisieren.
Dementsprechend ist für Martin Luther zentral, dass ein Verteidigungskrieg geboten sein kann, um Familie, Dorf, Stadt, Land zu schützen – aber nur, wenn er den Kriterien des „gerechten Krieges“ genügt: legitime Autorität des Kriegsführers, gerechter Grund – etwa erlittenes Unrecht – und Wiederherstellung von Frieden als Ziel des Krieges.

Wie verhält sich diese Idee eines „gerechten Krieges“ mit derjenigen des „gerechten Friedens“?

Hier haben wir es mit einem Komplementärverhältnis zu tun, und zwar dergestalt, dass die Vision einer Gesellschaft immer sein muss, eine Gesellschaft des nachhaltigen gerechten Friedens zu werden. In der Ultima Ratio des Geschehens – also im Extremfall – kann oder muss es aber auch vonseiten der Gesellschaft eine rechterhaltende oder rechterzwingende Gewalt geben.

Dies dürften Sie als junger ­Theologe anders gesehen haben. Wie hat sich in den vergangenen Jahren Ihre Haltung zum Pazifismus gewandelt?

Es gehört zu einem christlichen Zeugnis immer dazu, dass solche Stimmen ihren Raum haben. Und der fundamentale Pazifismus ist ­zunächst einmal in der gesellschaftlichen Debatte eine notwendige Stimme. Ich selbst bin allmählich zu der Überzeugung gelangt, dass man, gerade wenn man christlichen Glauben gesellschaftspolitisch versteht, nicht um eine verantwortungsethische Sicht auf die Dinge herumkommt.

Wie sieht diese Perspektive für Sie konkret aus?

Ausgehend von Besuchen in ­vielen Krisengebieten habe ich den Eindruck, dass uns in Deutschland manchmal gar nicht bewusst ist, wie wir durch die klare Ordnung und Durchsetzung eines staatlichen Gewaltmonopols auch eine Form der Befriedung für unsere Gesellschaft gewonnen haben. Es ist nämlich alles andere als romantisch, in einer Gesellschaft zu leben, die kein klares gesellschaftliches Gewaltmonopol hat und in der sich am Ende nicht die Stärke des Rechts, sondern das Recht des Stärkeren durchsetzt.

Innerhalb der EKD gibt es eine Vielfalt friedensethischer Positionen. Welche Bedeutung hat für Sie die friedensethische Tradition der östlichen Landeskirchen?

Durch die DDR-Geschichte und das Unrecht dieser Zeit war der Blick auf weltliche Obrigkeit, zu der auch die Streitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA) gehörten, sehr kritisch. Die westlichen Landeskirchen sind zwar auch kritisch gegenüber Streitkräften, jedoch aus einer anderen Motivation heraus. Es ist wichtig, die spezifische kritische Perspektive der östlichen Landes­kirchen zu hören. Aber gleichzeitig leben wir heute in der Bundesrepublik in einer Gesellschaftsordnung, wo die Streitkräfte – hoffentlich noch lange – eingebunden sind in ein System demokratischer Kontrolle und sich Soldaten als Bürger in Uniform verstehen, sodass die ­Bundeswehr über eine ganz andere Legitimation verfügt als die NVA.

In Ihrem aktuellen Buch beklagen Sie ­dennoch mangelnde Anerkennung, teils Missachtung gegenüber Soldaten in der deutschen Öffentlichkeit. Worin bringt sich diese abwertende Haltung zum Ausdruck?

Die Tatsache, dass Soldaten bei uns in der Öffentlichkeit in aller Regel nicht Uniform tragen, ist ein Signum dessen. Denn in der Regel begegnet ihnen nicht – wie etwa im angelsächsischen Raum – eine Haltung der Wertschätzung, sondern im schlimmsten Fall Verunglimpfungen und Pöbeleien. Bis hin dazu, dass die Bundeswehr inzwischen so wenig in der Öffentlichkeit präsent ist, dass Leute kaum noch erkennen, ob es sich um eine Bundeswehruniform handelt oder etwa um eine der Feuerwehr oder eines anderen Dienstes. Das drückt für mich fehlende Solidarität mit den Soldaten aus.

Die Präsenz der Bundeswehr in der Öffentlichkeit ist vielfältig umstritten: wenn ein Musikkorps der Bundeswehr uniformiert an einem Gottesdienst oder Konzert in einer Kirche mitwirkt, wenn Jugend­offiziere an öffentlichen Schulen zu Gast sind. Wie positionieren Sie sich in diesen Debatten?

Weil ich ein positives Verständnis der Institution Bundeswehr im Rahmen unserer Gesellschaftsordnung habe und auch weiß, dass viele Soldaten sich als Christen verstehen, habe ich hiermit kein Problem. Und: Wenn ich sage, zu einem geordneten Staatswesen gehört, dass die Ordnung nach Innen und Außen gewährleistet ist, dann können Soldaten ebenso in Schulen auftreten wie Polizisten oder andere Kräfte. Bei dem Wirken der Jugendoffiziere handelt es sich nicht um Rekrutenwerbung, sondern um politische ­Bildungsarbeit. Wo es diese nicht gibt, droht eine Isolierung der Streitkräfte von der Zivilgesellschaft – dies hatte, unter anderen Vorzeichen, in der Weimarer Republik ­fatale Folgen.

Ziviles Element innerhalb der ­Bundeswehr zu sein, gehört zum Selbstverständnis der Militärseelsorge. Wie verstehen Sie Ihr Amt? Dieses wird teils als das des „Militärbischofs“, teils als das des „Bischofs für die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr“ bezeichnet. Erstes klingt militäraffin, letztes betont eine Distanz.

Im Gegenüber zum Staat und zur Öffentlichkeit verwenden wir – entsprechend dem Militärseelsorgevertrag – die Bezeichnung „Militär­bischof“. Der andere Begriff hat sich in der Diskussion mit den östlichen Landeskirchen in der Nachwendezeit ergeben und wird seither im binnenkirchlichen Bereich, also etwa in Synodalberichten, verwendet. Auch ich stehe voll hinter ihm, da er sehr präzise meine Aufgabe beschreibt. Aber medial – übrigens auch katholischerseits – wird eben vom „Militärbischof“ gesprochen. Und wer weiß, vielleicht ist ein solcher Stolperstein auch für etwas gut. Denn er führt dazu, dass man sich Fragen stellt: Wozu brauchen Soldaten überhaupt Seelsorge? Wie stehe ich zur Institution Bundeswehr?

Ende Mai ­erschien das Buch von ­Sigurd Rink „Können Kriege ­gerecht sein? Glaube, Zweifel, ­Gewissen – wie ich als Militär­bischof nach Antworten suche“ im Ullstein-­Verlag.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2019.

Frieden braucht Partner

Bei der Vorstellung des diesjährigen Friedensgutachtens warnte Sigmar Gabriel Deutschland davor, sich strategisch unabhängig von den USA zu machen. Das könnte die EU spalten

Von Tilman Asmus Fischer

„Vorwärts in die Vergangenheit?“, fragt der Titel des diesjährigen Friedensgutachtens – und propagiert: „Frieden braucht Partner“. Die Spannung zwischen jener kritischen Anfrage und dieser Forderung prägte auch das Abendforum der Evangelischen Akademie zu Berlin am 4. Juni, in dessen Rahmen das Gutachten der führenden Friedensforschungsinstitute vorgestellt wurde.

Das Friedensgutachten 2019 wurde herausgegeben vom Bonn International Center for Conversion, dem Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg sowie dem Institut für Entwicklung und Frieden. Im Fokus des diesjährigen Gutachtens steht die Krise der nuklearen Weltordnung. Daneben nehmen einzelne Kapitel aus globaler Perspektive bewaffnete Konflikte, „Flucht und Gewalt“, Rüstungsdynamiken, institutionelle Friedenssicherung und transnationale Sicherheitsrisiken in den Blick.

In seiner Einführung betonte Tobias Debiel, Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (Duisburg), die Notwendigkeit neuer Partnerschaften für die globale Friedenssicherung angesichts einer zunehmend verfahrenen weltpolitischen Lage. Auch wenn die EU zentraler Referenzpunkt einer multilateral ausgerichteten Politik sei, müsse jedoch in einzelnen politischen Feldern um weitere Partner geworben werden. Dies gelte vor allem mit Blick auf die Demontage des INF-Abkommens durch Washington und Moskau. Er plädierte angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Russland und der NATO für verstärkte Bemühungen um Verständigung mit Moskau.

Sigmar Gabriel, Martin Dutzmann, Claudia Baumgart-Ochse, Christoph von Marschall und Ursula Schröder (v.l.).

In einer kritischen Würdigung hinterfragte Sigmar Gabriel exemplarisch drei Postulate des Gutachtens: Der Annahme, Deutschland und Europa stellten attraktive Partner beziehungsweise Vermittler in der globalen Konfliktbewältigung dar, widersprach der frühere Bundesaußenminister. Er hielt dem entgegen, dass Deutschland und Europa infolge einer Verschiebung der Machtachsen vom Atlantik zum Pazifik heute eigentlich in keinem der weltweiten Konflikte eine entscheidende Rolle spielten. Mit Blick auf Erwägungen zu einer strategischen Unabhängigkeit von den USA warnte er davor, dass eine solche die EU zu spalten drohe – gerade angesichts der engen Anbindung ostmitteleuropäischer Staaten an Washington. Entgegen grundsätzlicher Vorbehalte gegenüber einer nicht nur werte-, sondern auch interessengeleiteter Politik betonte er die Notwendigkeit, gemeinsame Interessen zu formulieren, wenn man neue multilaterale Bündnisse schmieden wolle.

Sodann stellte sich Gabriel – moderiert von Claudia Baumgart-Ochse vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens-und Konfliktforschung in Frankfurt am Main – der Diskussion mit Ursula Schröder, wissenschaftliche Direktorin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Martin Dutzmann, dem Bevollmächtigten der EKD bei der Bundesrepublik, sowie Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der „Tagesspiegel“-Chefredaktion.

Ursula Schröder betonte die in den Augen der Herausgeber bestehende Notwendigkeit, die aus den Analysen des Gutachtens erwachsenden Forderungen an die Politik zu adressieren – auch im Wissen darum, dass diese wiederum Sachzwängen unterläge, wie sie Gabriel referiert hatte. Dutzmann ging – aus der Perspektive der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung – auf einzelne konkrete Fragestellungen, etwa der Rüstungsexportkontrolle, ein. So kritisierte er, dass die Rüstungspolitik bundespolitisch im Wirtschafts- und nicht im Sicherheits ressort angesiedelt sei. Marschall fokussierte die Debatte um eine strategische Ausrichtung der Außenpolitik auf die Frage nach einem adäquaten Umgang mit US-Präsident Donald Trump. Zwar sei er selbst nicht dessen Anhänger, doch gehe die hierzulande gepflegte Trump-Verdammung teilweise zu weit. In diesem Sinne plädierte er für eine pragmatische Haltung gegenüber dem Weißen Haus, die Trump zwar kritisiere, aber nicht per se alles, was von Trump kommt, für das Schlimme halte.

Friedensgutachten 2019, LIT Verlag, Berlin 2019. 146 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-643-14351-8.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2019.

Prononciert

Eine praktische Kulturtheologie

Wilhelm Gräb: Vom Menschsein und der Religion. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2018, 348 Seiten, Euro 39,–.

Wissenschaftliche Gesamtschau und Streitschrift – in einer solchen Doppelgestalt erscheint das neue Buch von Wilhelm Gräb. Als Gesamtschau bietet „Vom Menschsein und der Religion“ den Ertrag einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Fragen der Religionsphilosophie – immer wieder ausgehend vom und hinführend zum Denken Friedrich D. E. Schleiermachers. Als Streitschrift kann das Buch insofern gelesen werden, als ihm der Impetus innewohnt, auf eine Ausrichtung der Gesamtheit evangelischer Theologie im Sinne einer „praktischen Kulturtheologie“ hinzuwirken – in wiederholter Abgrenzung zu einer Offenbarungstheologie, deren gewichtiger Vertreter Karl Barth bei Gräb Schleiermacher gewissermaßen als Antipode gegenübersteht.

Schleiermacher dominiert sodann auch den ersten der vier Teile des Buches, in dem die „Religion in ihrer Zugehörigkeit zum Menschen“ beleuchtet wird. Neben dem Gründungsvater der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität kommen hier vor allem Paul Ricoeur, Philipp Jacob Spener, Paul Tillich und Falk Wagner zur Geltung. Dieser Durchgang durch die Theologie- und Philosophiegeschichte umfasst zugleich etwas mehr als die Hälfte des gesamten Buches. Die drei in der zweiten Hälfte versammelten Abschnitte nehmen hieran anknüpfend Aktualisierungen vor – mit Blick zunächst auf kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen von Religion, alsdann auch auf die „kulturelle Performanz der Religion“ in bildender Kunst, Musik und Literatur. Abschließend buchstabiert Gräb die Konsequenzen seiner Überlegungen für die akademische Theologie aus.

Prägnanz gewinnen die Gedankengänge des Verfassers durch seine Neigung zu pointierten Kontrastierungen – begonnen bei derjenigen zwischen Sinnfragen und Dogma als Zentrum des Verständnisses von Religion. Hinzu tritt etwa die Gegenüberstellung von „religiöser Deutungskultur“ und „tradierte(n) Glaubenssätzen als geoffenbarte(r) Glaubenswahrheit“ als Gegenstand religiöser Bildung. Dies setzt sich fort bis in den Entwurf einer „praktischen Kulturtheologie“, die sich die „theologische Hermeneutik der Kultur“ zur Aufgabe macht. Sie steht damit einer „Kirchentheologie“ gegenüber, die sich primär den biblischen und kirchlichen Überlieferungen verpflichtet weiß. Teils drängt sich freilich die Frage auf, welche weiteren Perspektiven sich eröffneten, wenn das Verhältnis zwischen den gegenübergestellten Konzepten etwas weniger dichotom aufgefasst würde. Etwa, wenn Gräb die gegenwärtige Öffentliche Theologie als dogmatisch-wächteramtlich umreißt und ihr eine Ausrichtung an der Religion als „Angelegenheit des Menschen“ im Sinne Spaldings gegenüberstellt.

Als wissenschaftliche Gesamtschau zeigt das Buch Voraussetzungen und ideengeschichtliche Entwicklungen theologischen und religionsphilosophischen Denkens in der Tradition Speners, Schleiermachers und Tillichs ebenso auf wie ihren Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen in einer weltanschaulich pluralistischen und individualisierten Gesellschaft. Damit vermag das Buch, die Beweggründe, Konzepte und Argumente neuprotestantischer, beziehungsweise liberaler Theologie zu plausibilisieren und – auch dem anderen theologischen Denkschulen verpflichteten Leser – zu erschließen. Das prononcierte und streitbare Eintreten Gräbs für eine „praktische Kulturtheologie“ fordert den Leser heraus, sich dieser Position gegenüber zu verhalten: Mag es auch teils so erscheinen, als wenn der Spielraum zwischen Zustimmung oder Ablehnung gering sei – dies stellt in jedem Fall sicher, dass es nicht bei einer beliebigen Haltung gegenüber den Thesen des Autors bleibt, sondern vielmehr eine fruchtbare Kontroverse eröffnet wird.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 5/2019.