Cyber-Krieg und Populismus – Korrelative Herausforderungen für Deutschland und Europa

Gastbeitrag für das „Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft“

Zwei Sorgen wurden seit der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl immer wieder mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 artikuliert: mögliche Hackerangriffe im Vorfeld des Urnenganges und der Parlamentseinzung einer Partei mit starken populistischen Strömungen. Nun liegt die Wahl hinter uns: Die AfD ist mit einem zweistelligen Ergebnis im Bundestag vertreten und die Cyber-Bedrohungen – mithin die Gefahr militärischer Angriffe im Cyber-Raum – bestehen fort. Daher lohnt sich ein Blick auf die korrelativen Beziehungen zwischen beiden Herausforderungen: Cyber-Krieg und Populismus.

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Herausforderungen der Cyber-Abwehr

Eine Problemanzeige unter friedensethischen Gesichtspunkten

Was die internationale Öffentlichkeit Mitte Mai 2017 mit der Cyber-Atacke „Wanna Cry“ erlebte, erinnert an den Plot so manchen „James Bond“-Films: Dunkle Mächte setzen Teile der zivilen Infrastruktur außer Kraft, erpressen und verbreiten Angst. Dass diese Bedrohungen nicht mehr in das Reich futuristisch angehauchter Agentenfilme gehören, sondern bereits unsere Gegenwart prägen, ist freilich nichts neues. Die Politik hat schon vor längerem begonnen, zu reagieren – doch bedürfen die aktuellen Herausforderungen ebenso wie die Reaktionen auf sie einer grundsätzlichen Reflexion.

Bereits zwei Entwicklungen der zurückliegenden Monate veranlassen zum Nachdenken: Zum einen hat das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) nach intensiver Vorbereitung ein eigenständiges Kommando Cyber- und Informationsraum (CIR) ins Leben gerufen, das sich seit April unter der Führung eines eigenen Inspekteurs, Generalleutnant Ludwig Leinhos, befindet. Zum anderen mehren sich deutliche Anzeichen, dass sich innerhalb der krisengeschüttelten Europäischen Union die einst gescheiterte Idee einer europäischen Verteidigungsunion nach und nach doch noch durchsetzen könnte. Daher scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Abwehr von Angriffen im CIR – längst auf der Agenda europäischer Sicherheitspolitik – zu einem der zentralen Gegenstände gemeinsamer europäischer Verteidigungspolitik wird.

Vollständiger Beitrag auf thinking-europe.eu…

Wer spricht heute noch von Friedensethik?

Ein neues Standardwerk ist erschienen – und die Friedensethik sucht ihren Standort

Von Tilman Asmus Fischer

Es sei ein „bemerkenswertes Zeichen unserer Zeit, dass wir über Frieden nicht mehr sprechen“. So charakterisierte Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, auf der Tagung der Evangelischen Akademie „Friedensethik – politisch auf verlorenem Posten?“ am 27. März in Berlin den öffentlichen Diskurs. Ziel aktueller Konfliktbewältigung sei ein Waffenstillstand, höchstens Sicherheit. Gewalt und Konflikte seien das Dauerthema. Wer aber, fragte der Bundestagsabgeordnete, „spricht heute noch von Friedensethik“?

In eine sich derart gestaltende Debatte im öffentlichen Raum hinein ist nun das „Handbuch Friedensethik“ erschienen, dessen Vorstellung den Anlass für die Akademie-Tagung im Haus der EKD bot. Herausgegeben von der Sozialwissenschaftlerin Ines-Jacqueline Werkner und dem katholischen Sozialethiker Klaus Ebeling, stellt es ein interdisziplinär angelegtes Standardwerk dar. Seine Autoren klären zunächst friedensethische Grundbegriffe und skizzieren unterschiedliche friedensethische Diskurse – über den abendländischen Kulturraum hinaus –, um sodann aktuelle Kontroversen und Entwicklungen eingehend zu analysieren und schließlich die Friedens- und Konfliktforschung selbst zu reflektieren.

Podiumsdiskussion mit Friedhelm Hengsbach, Norbert Röttgen, Klaus Ebeling, Ines-Jacqueline Werkner, Thorsten Bonacker, Fernando Enns
(Foto: Evangelische Akademie zu Berlin)

Die unterschiedlichen Positionen, die sich im Spannungsfeld von Friedensethik, Friedenspolitik und Friedensforschung begegnen und mit denen sich das Handbuch auseinandersetzt, traten bereits in den Statements und der Podiumsdiskussion der Tagung zutage.

Das wenige Tage zuvor begangene Jubiläum der Römischen Verträge nahm Friedhelm Hengsbach, jesuitischer Sozialwissenschaftler und emeritierter Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main, eingangs zum Anlass, kritisch den verbreiteten „Jubel über 60 Jahre Frieden in Europa“ zu hinterfragen. Hierfür müsse man angesichts der spürbaren neuen Kriege und Kampfhandlungen an den Grenzen der Staatengemeinschaft „schon ein Auge zudrücken“.

Wie jedoch mit den aktuellen Konflikten umgehen? Thorsten Bonacker, Professor am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg, markierte drei friedensethische Prinzipien, die Antworten auf Fragen außenpolitischen Handelns eröffneten: Frieden, der Kooperation und Vertrauen voraussetze – Gerechtigkeit, die der Minderung von Asymmetrien bedürfe – und Sicherheit, die Prävention von Konflikten fordere.

Inhaltliche Reibung bestand am stärksten zwischen Norbert Röttgen und Fernando Enns, Professor an der Universität Hamburg und Leiter der dortigen Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen“. Röttgen kritisierte die oft behauptete Dichotomie von Friedensethik und Realpolitik als Verengung. Er differenzierte jedoch: Friedensethik sei intellektuell edel, funktioniert in der Realität in seiner Reinform aber nicht. Auf der anderen Seite hielt Enns ein flammendes Plädoyer für gewaltfreies Engagement: Dieses müsse die Menschen in den Konfliktgebieten hören, eigenes Machtkalkül zurückstellen, auf gewachsenen Beziehungen vor Ort aufbauen, die Zivilgesellschaft einbinden und Waffen verbannen. Hingegen stünden einseitiges Parteiergreifen und die Unglaubwürdigkeit von Parteien, die von außen befrieden wollten, einem solchen Ansatz der Konfliktprävention entgegen.

Die Podiumsdiskussion offenbarte auf der einen Seite die Notwendigkeit, die Norm der Gewaltfreiheit zu stärken – gerade auch ausgehend von der Reflexion über zurückliegende Konflikte: „Wenn der letzte Schuss gefallen ist, denken wir nicht mehr über die Vorgeschichte nach“, gab Bonacker zu bedenken. Auf der anderen Seite wurde jedoch anhand des Beispiels Syrien auch die Brüchigkeit der Einhaltung dieser Norm in realen Konfliktlagen deutlich: „Alle Erfahrung sagt“, so Röttgen, „wenn wir die Gewaltanwendung des IS nicht mit Gewalt eindämmen, wird es zu mehr Toten kommen.“

Ines-Jacqueline Werkner und Klaus Ebeling (Hrsg.): Handbuch Friedensethik, Springer VS, Heidelberg 2017, 979 Seiten, 79,99 Euro

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 15/2017.

Cyberkrieg als friedensethische Herausforderung

Angesichts der wachsenden Bedrohungen im digitalen Raum entsteht in der Bundeswehr – neben Heer, Marine und Luftwaffe – ein weiterer militärischer Organisationsbereich „Cyber- und Informationsraum“. Diese Entwicklung hat Konsequenzen für friedensethische Fragestellungen. Hierüber spricht der Theologe Sigurd Rink im Interview mit Tilman Asmus Fischer. Seit 2014 ist Rink als – erster hauptamtlicher – Evangelischer Militärbischof geistlicher Leiter der evangelischen Militärseelsorge in der Bundeswehr.

Bischof Rink, der Cyberraum stellt neue Herausforderungen an das Militär. Welche friedensethischen Fragen stellen Sie sich als Theologe dabei?

Militärbischof Dr. Sigurd Rink
(Foto: Dr. Roger Töpelmann)

In der neuen Gesprächslage wird eine Reihe ethischer Fragen aufgeworfen, die bisher so nicht auf dem Schirm waren. Heute haben wir es mit einer asymmetrischen beziehungsweise verdeckten Kriegsführung zu tun, in der nicht mehr ein Land dem anderen den Krieg erklärt, sondern es findet – wie auf der Krim – ein territorialer Übergriff statt, der als solcher überhaupt nicht gekennzeichnet ist. Zudem ist die verwundbarste Stelle nicht mehr ein Objekt oder Territorium, sondern die Logistik eines Landes, etwa die Kraftwerkstechnik, mit der die Energiezufuhr eines Landes lahmgelegt werden kann.

Wie verändert eine solche Aufweichung der Grenzen eines militärischen Angriffs unser Verständnis von Sicherheit und legitimen Sicherheitsinteressen?

Unser Blick auf diese Fragen wird erweitert. Es geht eben nicht nur um eine Abwehr und Kriegsführung im klassischen Sinne. Dabei gibt es neben Hacker-Angriffen auf den Bundestag subtilere und sublimere Formen der Einflussnahme, die auch schon relevant sind. Man muss sich einfach einmal anschauen, was mutmaßlich im amerikanischen Wahlkampf passiert ist und was vermutlich entweder jetzt schon passiert oder sich noch im Laufe des Jahres in Europa ereignet: Inwiefern nehmen ausländische Kräfte Einfluss auf Wahlen, politische Bewegungen, Meinungsbildung und soziale Medien? Man darf nicht übertreiben, aber es scheint so zu sein, dass ausländische Kräfte Einfluss im Sinne ihrer Interessen nehmen und unter Umständen erfolgreich damit sind.

Nach welchen Normen und Kriterien kann ein militärischer Akteur wie die Bundeswehr entscheiden, wie er auf solche Angriffe reagiert?

Zunächst muss man überhaupt erst einmal ein genaues Lagebild erhalten. Hierzu ist technische und personelle Ausstattung notwendig, in die gegenwärtig auf Betreiben von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen investiert wird. Aus dem Lagebild heraus muss man fragen: Wo gibt es Entwicklungen in einem legitimen Korridor, die wir wahrnehmen, ohne zu intervenieren? Wo sind andererseits Grenzüberschreitungen, die man entsprechend ahnden muss? Und das ist letztlich nicht nur eine Frage militärischer Verteidigung, sondern auch der Diplomatie.

Verändert sich damit das Aufeinanderangewiesensein militärischer und ziviler Akteure?

Das glaube ich schon. Man spricht in unserem Handlungsfeld vom sogenannten „vernetzten Einsatz“ und ich glaube nach wie vor, dass die Beobachtungsfähigkeit von Phänomenen der Cyber-Abwehr nicht auf den militärischen Sektor begrenzt ist, sondern es gibt hochprofessionelle EDV-Profis, die ihre Beobachtungen auf ziviler Ebene machen. An dieser Stelle zu einem Austausch zu gelangen, ist sicherlich absolut hilfreich.

Welche ethischen Herausforderungen stellen sich schließlich im Anschluss an die „Beobachtungsfähigkeit“ – da, wo tatsächlich EDV-basiert militärisch eingegriffen werden muss?

In den vergangenen Jahren ist über den Einsatz von Drohnen diskutiert worden, da bei diesem unbemannten Fluggerät nicht mehr sichergestellt sei, dass am Ende der Mensch die Entscheidungen trifft. Diese Automatisierung und Autonomisierung der Waffensysteme wird weiter voranschreiten. Aber was bedeutet es, wenn am Ende der Technikkette kein Mensch mehr steht, sondern unter Umständen ein Computeralgorithmus entscheidet, ob die Muster der Entscheidungssituation so sind, dass Waffensysteme ausgelöst werden?

Was bedeutet dies für die Einschätzung der Cyber-Abwehr?

Die entscheidende Frage für mich als Theologe heißt an der Stelle immer: Steht am Ende noch ein Mensch als verantwortungsvolles Individuum, das über die Entscheidungen wacht und sie auslöst? Es könnte fatale Wechselwirkungen hervorrufen, wenn gegenseitig automatisierte Waffensysteme aufeinander zulaufen. Die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr sieht die Verantwortungsethik im Mittelpunkt.

Unter anderem Titel erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 14/2017.

Gott ist mittendrin

Naturwissenschaft und Glaube

Die seltsame Welt der Quanten, der dunklen Materie und dunkler Energien ist für uns nicht sichtbar. Sie machen aber 96 Prozent des Universums aus. In den vergangenen 100 Jahren hat die Naturwissenschaft bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen, die unser Bild des Kosmos im Kleinen wie im Großen revolutionieren. Wie geht die Theologie damit um? Der Physiker und Astronom Gerhard Ackermann, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, befasst sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Im Interview mit Tilman Asmus Fischer spricht er über die Grenzen und Perspektiven christlichen Glaubens in unserer von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägten Zeit.

Professor Dr. Gerhard Ackermann
(Foto: T. A. Fischer)
Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?

Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott gewissermaßen hinter dieser Wand?

Nein. Wir schaffen keinen neuen Ort für Gottes Wohnsitz. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können. Das zeigen die jüngste Entdeckung von über 1 000 weiteren Planeten durch die „Kepler“-Sonde und die Möglichkeit weiterer Erden im Weltraum.

Was machen solche und andere naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?

Ich meine, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse eine Möglichkeit sind, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.
Mir hat einmal ein Theologe gesagt: „Was habe ich davon, wenn ich das naturwissenschaftliche Weltbild akzeptiere? Ich nehme lieber mein Weltbild.“ Als ob man ein Weltbild aus- und anziehen könnte wie einen Mantel! Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber etwa in 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer „Erneuerung der theologischen Aussagen“ der Naturwissenschaft zu?

Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zusammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: „So ist es“ oder „So ist es nicht“. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte „Glaubenssätze“ aus?

Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, dass sie bewegen, fortpflanzen können.
Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: „Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.“

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?

Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?

Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Wenn man so etwas findet, kann man das niemandem erzählen, weil ja niemand in der Materie drinsteckt.
Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keine Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr, was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?

Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?

Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 6/2017, Glaube und Heimat – Mitteldeutsche Kirchenzeitung 6/2017, Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 6/2017.

Auf ein Wort: Identität um der Menschenrechte Willen

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen e. V.

„Identität schützen – Menschenrechte achten“ lautet das diesjährige Leitwort für den Tag der Heimat. Diese Formel ist nicht nur aktuell – denkt man an unzählige Menschen, die heute aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Identität auf der Flucht sind. Sie hat auch anhaltende Bedeutung für diejenigen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren oder jenseits von Oder und Neiße als Minderheit in ihrer Heimat verblieben. Dabei lässt sich zwischen den beiden Forderungen „Identität schützen“ und „Menschenrechte achten“ eine spannende Wechselbeziehung beobachten.

Auf der einen Seite kann die Verwirklichung von (kulturellen) Menschenrechten als Voraussetzung für den Schutz von Identität betrachtet werden: Der im Frühjahr gefasste Regierungsbeschluss zur Kulturförderung nach dem Bundesvertriebenengesetz gibt Grund zur Hoffnung, dass Geschichte, Tradition und Identität der Heimatvertriebenen und ihrer Nachkommen weiterhin in Deutschland Schutz erfahren und zunehmend als Teil des kollektiven deutschen Gedächtnisses verstanden werden. Was den Schutz und die Weiterentwicklung der – gerade auch sprachlichen – Identität der deutschen Volksgruppen in Ostmittel- und Osteuropa betrifft, so besteht in einzelnen Staaten weiterhin nicht unerheblicher Handlungs- und Verhandlungsbedarf.

Auf der anderen Seite ist jedoch festzuhalten, dass Identität wiederum Voraussetzungen schafft, unter denen die Achtung von Menschenrechten möglich wird. Der Ethiker Eilert Herms hat auf die Bedeutung von Tradition für die Ermöglichung gesellschaftlichen Fortschritts hingewiesen: Dieser ist nur realisierbar auf der Grundlage bisheriger gesellschaftlicher Errungenschaften und Erfahrungen aus historischen Lernprozessen – die jeweils der Überlieferung, der Tradition bedürfen. Nun lassen sich Tradition und Identität nicht einfach gleichsetzen – jedoch möchte ich an dieser Stelle von Identität als bewusster sinnstiftender Aneignung von Tradition(en) durch Einzelne oder Gruppen ausgehen.

Dieses Verständnis von Tradition schärft das Bewusstsein dafür, dass wir es mit Erfahrungsbereichen zu tun haben, die über Sprache und Brauchtum hinausgehen. Gegenstand von Identität sind damit auch historische Erfahrungen, die mehr oder weniger explizit von Generation zu Generation weitergegeben werden. Zu diesen Erfahrungen gehören – insbesondere mit Blick auf das 20. Jahrhundert – auch diejenigen begangenen und erlittenen Unrechts; späterhin Erfahrungen gelungener und misslungener Verständigungs- und Versöhnungsprozesse. Diese Erfahrungen werden tradiert und prägen die Identität einzelner Gruppen: Kaschuben und Polen gedenken etwa in Piasnitz der Massaker im Zweiten Weltkrieg, deutsche Heimatvertriebene und Heimatverbliebene in Gdingen des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“.

Es sind gerade diese tradierten Erfahrungen, die ihre Träger dazu veranlassen, sich heute vehement für die Achtung von Menschenrechten und gegen Menschenrechtsverletzungen einzusetzen. Diese Erfahrungen sind nicht herauslösbar aus der kulturellen Identität ihrer Träger und nicht unabhängig von ihr tradierbar. Und gerade deshalb gilt auch: Identität schützen – um der Menschenrechte Willen!

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 9/2016.

Auf den Spuren christlichen Glaubens

Hans-Gerd Krabbes „Glaubensbuch“ bietet spannende Ansätze, die jedoch auf der Strecke bleiben

Von Tilman Asmus Fischer

„Was will mir der Verfasser sagen?“ Wenn diese Frage während der Lektüre eines Buches aufkommt und bedacht wird, kann sie Ausgangspunkt einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Gelesenen sein, an deren Ende ein tieferes Verständnis für die Gedanken des Autors steht. In einen solchen Prozess tritt unweigerlich der Leser von Hans-Gerd Krabbes „Glaubensbuch“ „Christlichen Glauben bekennen: nach dem Apostolikum“ ein.

Die etwa 80 Seiten strukturieren sich anhand zentraler Texte des christlichen Glaubens: dem Apostolicum, den zehn Geboten, dem Vater Unser und dem Missionsbefehl. Indem der Leser die einzelnen Abschnitte durchschreitet, begegnet er einer Vielfalt von Gedanken, die der Autor ausgehend von den zugrunde gelegten Texten entwickelt. Dabei lassen sich im Wesentlichen zwei miteinander verschränkte Herangehensweisen unterscheiden, mit denen sich Krabbe dem christlichen Glauben nähert: Zum einen erschließt er in dogmatischer Hinsicht exemplarisch einzelne Worte der biblischen und kirchlichen Überlieferung. Zum anderen spürt er menschlichen Empfindungen nach und erschließt damit auf menschlicher Erfahrung beruhende Zugänge zum Glauben.

Leider treten jedoch in der Regel die implizierten Argumentationsgänge nicht zu Tage. Der Verfasser scheint einzelne Gedanken assoziativ zu verknüpfen. Dabei droht der Leser auf der Strecke zu bleiben und sich am Ende der Lektüre immer noch zu fragen, was der Verfasser ihm nun genau sagen will? Dies wird dadurch verstärkt, dass Krabbe keine erkennbare Zielgruppe anspricht: Werden an einigen Stellen theologische Überlegungen vorausgesetzt, die man bei einem Leser, der gerade in den Glauben eingeführt werden will, nicht voraussetzen kann, so entwickelt das Buch jedoch durchgehend auch keine konzisen theologischen Gedankengänge, die für die Lektüre durch einen theologisch gebildeten Leser fruchtbringend sind. Hinzu kommen unvermittelte Exkurse zu Fragen wie der Jungfrauengeburt, der Kindertaufe oder der Marien-Verehrung, deren Sinn und Zweck in der Gesamtkomposition unklar bleiben. Das ist umso bedauerlicher, als der Autor – dies lassen einige Stellen erkennen – durchaus dem Leser etwas zu sagen hätte: Dies ist der Fall etwa bei seinem klaren Eintreten für ein gemeinsames ökumenisches Bewusstsein aller Kirchen als eine „im Herrn einige“ Kirche.

Dies gilt aber auch für seine Reflexionen zur Notwendigkeit des persönlichen Bekenntnisses angesichts des Gerichtes: „Dass wir alle dem Gericht Gottes entgegenleben und entgegensterben, davon sollten wir ausgehen, ein jeder für sich, und davon, dass wir alle Jesus Christus als unseren Fürsprecher (1. Johannes 2, 1) wahrlich brauchen und nötig haben!“ Dass Krabbe „sperrige“ Kategorien wie das Gericht nicht ausspart, ist ihm hoch anzurechnen. Mehr von dem zu erfahren, was er uns über sie sagen will, wäre wünschenswert gewesen.

Hans-Gerd Krabbe: Christlichen Glauben bekennen: nach dem Apostolicum, Edition Glauben und Leben, Münster 2016, ISBN 978-3-944804-06-4, 82 Seiten, 14,90 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 34/2016.