„Wir sind keine Propheten“

Wie kann man heute verantwortlich davon reden, dass Gott in der Welt handelt? Ein im April veröffentlichtes Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen befasst sich mit dem „Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens“. Michael Beintker, emeritierter Professor für Systematische Theologie und bis Frühjahr 2021 Ausschussvorsitzender, erläutert im Interview mit Tilman Asmus Fischer, was es bedeutet, Gottes Handeln als Metapher zu verstehen. Er spricht darüber, wie wir angesichts von Corona von diesem Handeln noch singen können.

Herr Beintker, seit einigen Wochen darf in Gottesdiensten wieder gesungen werden. Aber können wir – zumal ‚nach Corona‘ – noch vom Handeln Gottes so singen wie früher? Konkret: was setzt es voraus, mit Paul Gerhardt (EG 325,5) einzustimmen: „Meiner Seele Wohlergehen hat er ja recht wohl bedacht, will dem Leibe Not entstehen, nimmt er’s gleichfalls wohl in acht“?

Es setzt auf alle Fälle ein vertrauensvolles Verhältnis zu Gott als dem Herrn meines Lebens voraus. Sodann ist das Vertrauen, dass mir Gott in den Nöten und Leiden meines Lebens hilft, unabdingbar. Gott kann diese Erwartung enttäuschen und das erleben wir auch immer wieder. Dann singen wir vielleicht mit einem reformierten Psalm von Gott, „der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt“ (EG 281,3). Aber es ist auf alle Fälle so, dass man auch in der Enttäuschung der Gegenwart Gottes gewiss sein kann. Deshalb dürfen wir nicht aufhören zu singen, wie Paul Gerhard es uns empfiehlt.

Als sachgemäßes Verständnis vom Handeln Gottes schlägt das unter Ihrer Leitung erarbeitete Votum dasjenige einer Metapher vor. Und so lassen sich auch Paul Gerhardts Worte als metaphorische Rede verstehen. Worin liegen die Vorzüge eines metaphorischen Verständnisses des Handelns Gottes?

Dahinter steht ein Verständnis von Sprache, das die Übertragung von Sachverhalten in Bilder – darum geht es ja in Metaphern – ernstnimmt und erkennt: Mit Blick auf Gottes Geheimnis ist es so, dass wir von einer Wirklichkeit reden, für die wir eigentlich keine Sprache haben. Wir reden vom Unendlichen mit den Mitteln des Endlichen – oder vom Ewigen mit den Mitteln des Zeitlichen. Wir können uns eigentlich nur an der Sprache orientieren, die Gott uns selber schenkt. Das ist die Sprache des Glaubens, wie wir sie mit der Bibel erlernen. Die Metapher des Handelns hilft uns, das, was unsagbar und eigentlich auch gar nicht genau beschreibbar ist, auszusprechen und uns dafür einen Wirklichkeitsraum zu erschließen, den wir ohne sie nicht hätten.  So führt uns die Metapher in die Weite und Tiefe der Wirklichkeit Gottes.

Für Paul Gerhardt gehören zu dieser Wirklichkeit auch – drei Strophen später besungen – Gottes „Strafen, seine Schläge“ als „Zeichen, dass mein Freund, der mich liebet, mein gedenke und mich von der schnöden Welt, die uns hart gefangen hält, durch das Kreuze zu ihm lenke“. Wie singbar ist das im Sommer 2021?

Hier wird es schwierig. Paul Gerhardt dichtet in einer Situation, in der die Rede von den Widrigkeiten, die mein Leben prägen, zu schnell mit den Strafen Gottes verknüpft worden sind. Dabei soll der Gedanke trösten, dass der, der mich liebt, mich auch schlägt – und dann sind die Schläge nicht so schlimm. Das können wir in dieser Weise nicht mehr sagen, weil wir nicht in das Geheimnis Gottes schauen, um zu ergründen, wo Strafmotive liegen könnten, sondern um die Liebe zu erkennen, mit der Gott uns hält. Aber es ist natürlich so, dass die Dinge, die uns umwerfen, uns in bestimmter Weise auch immer wieder zu neuen produktiven Erfahrungen führen können. Ich habe in meinem Leben jedenfalls niemals erlebt, dass eine negative, sehr einschneidende Erfahrung am Ende nicht doch auch eine Erfahrung war, in der ein versteckter Segen lag. Aber das kann man überhaupt erst hinterher sagen und nicht in der akuten Situation – und schon gar nicht, um damit den Gedanken zu artikulieren, dass wir bestraft werden.

(Foto: MichaelGaida)

Sollte also von Gottes Strafe in Theologie und Kirche geschwiegen werden? Der frühere Militärbischof Hartmut Löwe hatte ebendiese Tendenz angesichts der Pandemie im Mai 2020 kritisiert.

Ich fand es – ähnlich wie Altbischof Löwe – verwunderlich, dass manche gesagt haben: „Das kann überhaupt nicht Gottes Strafe oder Gottes Gericht sein.“ Da habe ich mich gefragt: Woher wissen die das eigentlich? Und umgekehrt, bei denjenigen, die gesagt haben: „Ja, das muss ein Ausdruck des Gerichts Gottes sein und Gott straft“, da habe ich mich genauso gefragt: Woher wissen die das? Eigentlich muss man Prophet sein, um Fragen dieser Art zu beantworten – und da wir keine Propheten sind, ist es uns verwehrt, diese Fragen in der einen oder anderen Richtung zu beantworten. Was wir freilich sagen müssen, ist dies: Auch diese Krise hat etwas mit Gott zu tun. Das sagen wir schon deshalb, um Gott anzurufen, dass er uns verschont und dass er uns errettet; dass er der Medizin Möglichkeiten öffnet, wie wir dem Virus standhalten. Man kann nicht sagen: Diese Krise hat mit Gott überhaupt nichts zu tun. Denn damit würde man sagen: Alle entscheidenden Dinge, die in dieser Welt passieren, haben letztlich mit Gott nichts zu tun. Das wäre, finde ich, Gott nicht gemäß und auch dem Leben und unserer Erfahrung nicht gemäß.

Zu den Erfahrungen von Christinnen und Christen aller Zeitalter gehörte immer wieder, dass Gott nicht – bzw. nicht so, wie erwartet – handelt. Wie lässt sich das in die metaphorische Rede vom Handeln einfügen, die doch Aktivität vorauszusetzen scheint?

Die binäre Unterscheidung von Aktivität und Passivität ist viel zu einfach. Insbesondere der Weg ans Kreuz zeigt, dass Gott sich zurücknehmen und aller Gewalt und Allmacht entäußern kann. Dies ist jedoch keine Passivität. Denn auch das Lassen oder Unterlassen geschieht aus einem bestimmten Motiv heraus und ist insofern auch Handeln. Und so erfährt man auch im Nicht-Handeln Gottes, dass er handelt – jedenfalls, wenn man davon überzeugt ist, dass Gott existiert und das Leben bestimmt. Die Klagepsalmen sind nicht geschrieben worden aus der Überzeugung, dass Gott sich irgendwo zurückgezogen hat. Vielmehr klingt in ihnen die Enttäuschung an, dass er nicht handelt, obwohl er handeln müsste. Die Erfahrung, dass Gott nicht handelt, ist eine Glaubenserfahrung, die vor Gott ausgehalten werden muss.

Könnte dies letztlich auch zu einem Umdenken für unsere eigene Lebensführung Anlass geben?

Der moderne Mensch misst sein Menschsein an seiner Aktivität. Es könnte sich also positiv auf unsere Lebensökonomie auswirken, wenn wir uns klarmachen, dass nicht einmal Gott, der am siebten Tag von seinem Schöpfungswerk ausruhte, pausenlos aktiv ist. Auch wir müssen nicht ständig leisten.

Zum Weiterlesen: Michael Beintker u. Albrecht Philipps (Hgg.), Das Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und Vorträge aus de, Theologischen Ausschuss zur Frage nach dem Handeln Gottes (= Evangelische Impulse, Bd. 9), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021. 310 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-7887-3515-9.

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 29/2021.

Wie wäre es, die Menschen als Mosaik von Widersprüchen zu betrachten?

Jörg Scheller analysiert die Tücken der Identitätspolitik – und präsentiert einen kreativen Gegenentwurf

Tilman Asmus Fischer

Ob «Black Lives Matter» oder Gender- Mainstreaming – die Auseinandersetzungen um identitätspolitische Programme erhitzen auf vielfältige Weise die Gemüter. Zudem führt die Überbetonung einzelner Identitätsmarker und daraus abgeleiteter Communitys zu einer Untergrabung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

In diese angespannte Debattenlage hinein schreibt der Zürcher Kunsthistoriker – und um ihn nicht auf diese Identität festzulegen: Journalist, Musiker und Fitnesstrainer – Jörg Scheller seinen Essay «Identität im Zwielicht». Weder eine Apologie noch eine Verdammung von Identitätspolitik ist seine Sache, vielmehr Klärung, Unterscheidung und (im besten Sinne polemische) Kritik.

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Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2021, S. 31 (internationale Ausgabe: 23. Juli 2021).

Wie sozial ist digital?

Wie in der digitalisierten Welt noch Mitbestimmung möglich ist

Von Tilman Asmus Fischer

Das zurückliegende Jahr war infolge der – anhaltenden – Corona-Pandemie von vielfältigen Umwälzungen gekennzeichnet, die in besonderer Weise das Wirtschaftsleben betrafen. So stehen die Schlagwörter „Homeoffice“ und „Amazon“ zum einen für eine gravierende Flexibilisierung der Arbeitswelt, zum anderen für die nicht minder einschneidende Beschleunigung des Siegeszuges, welchen der Online-Versandhandel zulasten überkommener Marktakteure bereits vor Jahren angetreten hatte. Dies sind nur zwei der zentralen Herausforderungen, welche die Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringt. Im Kern geht es dabei um die Frage, wie sich unter den Bedingungen der Wirtschaft 4.0 ein soziales Miteinander gestalten lässt.

Noch vor der Pandemie (im September 2019) befasste sich hiermit eine interdisziplinäre Fachtagung im Rahmen der Tagungsreihe „Sozialethik konkret“, welche von der Katholisch-Sozialen Akademie „Franz Hitze Haus“, der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ sowie der Konrad-Adenauer-Stiftung getragen und in Kooperation mit dem Institut der Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster und dem (katholischen) Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Ruhr-Universität Bochum (RUB) durchgeführt wird. Ihre Beiträge sind nun in einem Sammelband erschienen, der die sozialethischen Problemstellungen tatsächlich sehr ‚konkret‘ – bzw. auf die politische und wohlfahrtsverbandliche Praxis fokussiert – vermisst. Die Schwerpunkte setzen die Hauptvorträge „Digitalisierung und Auswirkungen auf die Sozialversicherungen“ (Gerhard Kruip), „Die Besteuerung der Digitalwirtschaft“ (Florian Neumeier), „Arbeitnehmer-Mitbestimmung in einer digitalisierten Arbeitswelt“ (Philip Wenkel) und „New Welfare Consensus – Freie Wohlfahrtspflege in der digitalen Transformation“ (Eva M. Welskop-Deffaa), denen jeweils zwei Korreferate zugeordnet sind, welche die Problemfelder exemplarisch vertiefen, jedoch auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Positionen der Hauptreferenten leisten. Damit illustriert der Band die Kontroversität der aktuellen wissenschaftlichen wie politischen Debatte um eine sozialverträgliche bzw. menschenfreundliche Gestaltung der Digitalisierung.

So weist Kruip auf den bestehenden Handlungsbedarf im Bereich der Sozialversicherungen hin. Zwar sieht er im Unterschied zu landläufigen Krisenszenarien nicht die Gefahr eines Endes der „Arbeitsgesellschaft“, jedoch zeigt er auf, in welchem Maße sinkende Löhne und Verschiebungen hin zu verstärkter Solo-Selbständigkeit die bisherige Finanzierung des Sozialversicherungssystems infrage stellen. Im Rahmen seiner Überlegungen zu einer Neugestaltung des Systems wirft er die Frage nach einer Umstellung auf Steuerfinanzierung auf. Hiergegen wendet sich Hermann-Josef Große Kracht in seinem Korreferat (Wer soll das bezahlen?). Ebenso zeigt er sich über Kruips Vorschlag einer Deregulierung der Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetzgebung – „angesichts der ja auch von Kruip bedauerten Massenrealität ungesicherter Arbeitsverhältnisse“ – irritiert. Viel grundsätzlicher kritisiert Karsten Mause (Digitale Transformation und das deutsche Sozialversicherungssystem: Polit-ökonomische Anmerkungen), Kruip habe als Theologe und Sozialethiker darauf verzichtet, „dass zumindest kurz erläutert wird, welche sozialethischen Kategorien und Perspektiven in Bezug auf den im Beitragstitel benannten Themenbereich […] relevant sind.“ Eine solche Verständigung wäre ferner – so ist im Anschluss an Mause anzumerken – für die Gesamtthematik von Tagung und Sammelband einleitend wünschenswert gewesen.

Und so kommt der Hauptvortrag des Wirtschaftswissenschaftlers Neumeier auch gleich ohne explizite sozialethische Bezugnahme aus. Dafür verdeutlicht er jedoch anhand der geplanten EU-Digitalsteuer die Hürden der Umsetzung eines ethisch gebotenen Vorhabens – in diesem Fall, „Steuervermeidungspraktiken multinationaler Unternehmen Einhalt zu gebieten“ – in der politischen Praxis. So führe die geplante Gesetzgebung neben „zahlreichen konzeptionellen Problemen“ zu einer „erheblichen steuerlichen Mehrbelastung der Digitalwirtschaft, was die digitale Entwicklung innerhalb der EU erheblich hemmen könne“. Eine sozialethische Perspektive auf die „Steueroase Internet“ bietet zumindest Joachim Neumeier, Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der RUB, in seinem Korreferat. Zugleich weist er auf eine interessante Alternative zur Digitalsteuer hin: „Für europäische Staaten besteht die Möglichkeit, durch den Erwerb von Anteilen an den Konzernen an deren Gewinnen teilzuhaben. Dies könnte geschehen, wenn die Bundesbank – ähnlich wie die Schweizer Notenbank – in US-amerikanische Aktien investieren würde.“ Sind die beiden ersten Themenfelder in der Wahrnehmbarkeit ihrer – fraglos bestehenden – lebensweltlichen Konsequenzen eher mittelbarer Natur, berühren diejenigen der Mitbestimmung  sowie der Wohlfahrtspflege Fragen, die in unmittelbarer Weise mit Erfahrungen von Arbeitsnehmern und anderen Bürgern korrespondieren.

So gelangt Wenkel in seinem Hauptvortrag zu der Problembeschreibung, „dass die ohnehin hohen Hürden für die Etablierung von betrieblicher Mitbestimmung durch die Digitalierung der Arbeit noch angehoben werden können“. Dabei markiert er nicht nur „neue Arbeitsformen“, die Mitbestimmung verunmöglichen, als Ursache, sondern ebenso eine „neue Arbeitskultur“, die mit einem geringeren Willen der Arbeitnehmer zur Mitbestimmung einhergeht. Im Anschluss hieran fordert Arnd Küppers in seinem Korreferat (Mitbestimmung in digitalen Arbeitswelten – Herausforderungen und Zukunftsperspektiven), „den Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person“ seitens des Gesetzgebers „klar[zu]stellen und deren Rechtsverhältnisse [zu] regeln“: „in Richtung eines zeitgemäßen arbeitsrechtlichen Schutzes, der natürlich auch die Einbeziehung in die Betriebsverfassung bzw. in ebenfalls zeitgemäß anzupassende neue Mitbestimmungsformen beinhalten sollte“.

Eine nochmalige Weitung der Perspektive auf Digitalisierung und Solidarität nehmen die Beiträge zum „New Welfare Consensus“ vor, die auf einer ganz grundsätzlichen wie praktischen Ebene die Notwendigkeit der Ermöglichung gesamtgesellschaftlicher „digitaler Teilhabe“ sowie der Wahrnehmung des Internets als „Sozialraum“ (so Susanne Bruch in ihrem Beitrag) verdeutlichen.

Um den Sammelband wird somit, wer wissenschaftlich oder in der beruflichen Praxis mit den konkreten Folgen der Digitalisierung auf Sozialpolitik und Wohlfahrt befasst ist, nicht herumkommen. Für eine erste Beschäftigung mit wirtschafts- und sozialethischen Aspekten der Digitalisierung empfiehlt es sich, die insgesamt doch sehr speziellen Beiträge ergänzend zu einem grundlegenderen wirtschaftsethischen Entwurf zu lesen, wie Joachim Wiemeyer ihn mit seinem evangelischen Kollegen Traugott Jähnichen unlängst vorgelegt hat (Wirtschaftsethik 4.0. Der digitale Wandel als wirtschaftsethische Herausforderung, Stuttgart 2020).

Martin Dabrowski / Patricia Ehret / Mark Radtke (Hrsg.): Digitale Transformation und Solidarität. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2020, 165 Seiten, ISBN-13: 978-350670-314-9, EUR 69,–

Erschienen am 8. Juli 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Mehr Spielraum gegenüber Peking

Was wird aus Taiwan? Der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff untersucht die Bedeutung der Stärke Chinas

Von Tilman Asmus Fischer

„Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras.“ Mit dem ersten Teil dieses afrikanischen Sprichworts hat der FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff sein heuer erschienenes Buch betitelt und damit bildlich den „kalten Krieg des 21. Jahrhunderts“ – zwischen den Vereinigten Staaten und Rotchina – erfasst, der im Zentrum seiner Überlegungen steht. Das Gras – Deutschland und die EU, bleiben wir auf der Ebene der allegorischen Auslegung – vor größeren Verheerungen zu bewahren, ist das Anliegen des Historikers und früheren Diplomaten. Und so bietet Lambsdorff einen politischen Debattenbeitrag auf der Grundlage geschichtlicher Tiefenkenntnis und politischer Weitsicht, nicht jedoch eine geschichts- oder politikwissenschaftliche Analyse im engeren Sinne. Dies ist auch nicht nötig, liegen in dieser Hinsicht doch mit Michael Schumans „Superpower Interrupted. The Chinese History of the World“ (erschien im Mai auf Deutsch unter dem Titel „Die ewige Supermacht“; Rezension folgt) sowie Clive Hamiltons und Mareike Ohlbergs „Die lautlose Eroberung. Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet“ zwei im Vorjahr erschienene Standardwerke vor.

Diese und andere Monografien, die von der publizistischen Aufmerksamkeit für die Herausforderungen zeugen, die sich mit dem Aufstieg Festlandchinas verbinden, machen durchgehend deutlich, dass es einer umfassenden politisch-gesellschaftlichen Verständigung darüber bedarf, wie sich die Staaten Europas im 21. Jahrhundert geopolitisch aufstellen wollen. Es ist Lambsdorffs Verdienst, über die zugrundeliegenden historischen Entwicklungen und politischen Zusammenhänge einen Überblick gegeben und hieran anknüpfend eine Positionsbestimmung mit deutlich liberaler Akzentsetzung vorgenommen zu haben.

So ist der erste Teil des Buches auch zunächst einmal nicht der eigentlichen Problemanalyse gewidmet, sondern bietet eine Würdigung des „European Way of Life“, seiner historischen Genese und aktuellen politischen Rahmenbedingungen. Das von Lambsdorff vertretene Freiheitsverständnis steht dabei – in für einen FDP-Politiker authentischer Weise – in der Tradition des politischen Liberalismus, einschließlich eines (latent unterkomplexen) Säkularisierungsparadigmas oder einer deutlichen Skepsis gegenüber religiösen Ordnungsvorstellungen. Aus einer weniger politischen als vielmehr grundsätzlichen sozialethischen Perspektive hätten einzelne Aspekte von Freiheit – etwa ihre konstitutive Wahrnehmung in Verantwortung und ihr daraus erwachsender Zumutungscharakter – eine stärkere Akzentuierung verdient.

1905 besiegten Asiaten eine europäische Macht

Der zweite Teil der Monographie ist sodann der Infragestellung ebendieses liberalen Politikmodells gewidmet. Dabei macht Lambsdorff deutlich, dass er selbst diese Analyse nicht etwa aus einer eurozentrischen Perspektive vollzieht. So ist das erste Kapitel dieses Abschnitts der „Welt aus nichtwestlicher Sicht“ gewidmet. Es gelingt Lambsdorff zu verdeutlichen, welche Wirkmächtigkeit globalgeschichtliche Zusammenhänge – gerade hinsichtlich der historischen Phase des europäischen Expansionismus und Kolonialismus – für die politische Programmatik oder Mentalität der chinesischen Staatsführung und damit für die heutige Tagespolitik haben. Zentrale Bedeutung kommt für Lambsdorff dabei – in Anknüpfung an den Politologen Pankaj Mishra – der Seeschlacht von Tsushima während des Russisch-Japanischen Krieges im Mai 1905 zu: „Zum ersten Mal in der Neuzeit hatten Asiaten eine europäische Großmacht besiegt und damit die These von den ,unterlegenen Rassen‘ widerlegt, die, so die weitverbreitete Vorstellung, angeblich unfähig zu den technischen, militärischen und wirtschaftlichen Leistungen der Europäer waren.“

Lambsdorff zeigt, in welchem Maße die Kompensation der historischen Demütigungen bis heute das Großmachtstreben Pekings prägt. Dieser Analyse stellt der Verfasser entsprechende Betrachtungen hinsichtlich Russlands und der Türkei zur Seite. Vor diesem Hintergrund interpretiert der Autor im folgenden Kapitel die gegenwärtige weltpolitische Lage mit dem Deutungsmuster einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“: prämoderner, moderner und – im Falle etwa der EU – postmoderner Ordnungen. Letzte zeichnen sich durch die Entstehung eines „grenzüberschreitenden Geflechts aus politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen zivilgesellschaftlichen, medialen, künstlerischen Beziehungen auf allen möglichen Ebenen“ aus, „bei denen ,Nationalstaatlichkeit‘ funktional – nicht emotional – zunehmend an Bedeutung verliert.“ Der Untergrabung ebendieser Ordnung durch feindliche politische Ideologien sowie der Widerlegung des Beharrens auf dem Primat nationaler Souveränität bei der Lösung gegenwärtiger globaler Probleme sind die beiden folgenden Kapitel gewidmet.

Plädoyer für mehr Westen und mehr Europa

Im dritten und letzten Teil seines Buches wendet sich Lambsdorff der Frage zu, welche politischen Konsequenzen vor dem Hintergrund seiner Einschätzungen in Berlin und Brüssel zu ziehen sind, um der Volksrepublik China in adäquater Weise begegnen zu können. Dabei geht er deutlich über rein sicherheits- und verteidigungspolitische Optionen hinaus und bietet einen umfassenden Ansatz, der auch die Frage nach Reformen der Demokratien europäischer Prägung mit einschließt.

Lambsdorff plädiert angesichts der weltpolitischen Lage – neben „mehr Welt“ und „mehr Freiheit“ – für „mehr Europa“ und „mehr Westen“, was neben der Stärkung der EU auch eine verstärkte Verantwortungsübernahme innerhalb der NATO bedeutet. Damit ergänzt der Verfasser eine Reihe weiterer Diskussionsbeiträge, die in jüngster Zeit in die gleiche Richtung weisen. So plädierte unlängst auch der frühere Sicherheitsberater von Bundeskanzlerin Merkel, General Erich Vad, vor dem Hintergrund einer Lambsdorff ähnlichen Analyse für eine „schnelle, militärische Handlungsfähigkeit Europas“ im Sinne eines „bis zu 8 bis 10000 Soldaten und Soldatinnen umfassenden militärischen Schnelleingreifverbands, bestehend aus Freiwilligen aller EU-Staaten unter direktem Oberbefehl der EU-Kommission“.

Die Programmatik, die Lambsdorff entwickelt, ist auf einer grundsätzlichen Ebene einem Enhancements der deutschen und europäischen Demokratien und ihrer Strukturen gewidmet. Gerade angesichts der von Lambsdorff betonten Notwendigkeit politisch-strategischen Denkens würde man sich freilich etwas mehr Klartext hinsichtlich konkreter Handlungsmöglichkeiten gegenüber Rotchina wünschen. So spricht das Buch wiederholt die Bedrohung Hongkongs sowie Taiwans durch die Volksrepublik China an.

Angesichts der von Peking geschaffenen Fakten hin zu einer immer weiterreichenden Gleichschaltung Hongkongs ließe sich etwa fragen: Was kann seitens des globalen Westens – jenseits von Solidaritätsbekundungen – konkret getan werden, um die demokratische Republik China effektiv und nachhaltig vor den Expansionsbestrebungen der Kommunistischen Partei Chinas zu schützen?

Alexander Graf Lambsdorff: Wenn Elefanten kämpfen. Deutschlands Rolle in den kalten Kriegen des 21. Jahrhunderts. Propyläen Verlag, Berlin 2021, 304 Seiten, ISBN-13: 978-354910-032-5, EUR 24,–

Erschienen am 10. Juni 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Gibt es bald einen neuen „Geist der europäischen Union“?

Ferdinand von Schirach erklärt die bisher niedergelegten Grundrechte als mangelhaft. In seinem neuen Buch „Jeder Mensch“ formuliert er neue Regeln, die seiner Meinung nach als Grundrechte gelten sollten.

Von Tilman Asmus Fischer

„Wir, die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union, erachten die nachfolgenden Grundrechte, in Ergänzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Europäischen Menschenrechtskonvention, der Charta der Grundrechte der Europäischen Union und der Verfassungen ihrer Mitgliedsstaaten, als selbstverständlich…“ Mit diesen Worten lässt Ferdinand von Schirach seine Erklärung sechs neuer europäischer Grundrechte beginnen, die im Zentrum seines unlängst erschienenen Büchleins „Jeder Mensch“ stehen und durch die nach dem Willen einer gleichnamigen Online-Petition ein Verfassungskonvent die Charta der Grundrechte der Europäischen Union um folgende Grundrechte erweitern soll.

Die sechs Artikel reagieren auf die drängendsten Herausforderungen, die sich aus der gegenwärtigen ökologischen Krise, der Digitalisierung, den Phänomenen des postfaktischen Zeitalters sowie der Globalisierung ergeben. Artikel 1 postuliert das Recht, „in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben“, Artikel 2 dasjenige auf „digitale Selbstbestimmung“ sowie ein Verbot der „Ausforschung oder Manipulation von Menschen“. Artikel 3 fokussiert den Umgang mit Künstlicher Intelligenz: „Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.“ Gemäß Artikel 4 hat jeder Mensch das Recht, „dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen“. Mit Blick die Globalisierung erklärt Artikel 5: Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.“ Technischer Natur ist zuletzt der sechste Artikel, der die Möglichkeit einer „Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten“ eröffnet.

Die Hinführung zu dieser Erklärung stellt ein Rückblick auf die Entstehung und Wirkung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776 sowie der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 dar, die für von Schirachs Erklärung Vorbildcharakter haben. Im Zentrum des historischen Abrisses steht Marie-Joseph Motier, Marquis de La Fayette, der an der Seite George Washingtons im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte, bevor er schließlich – unterstützt von Thomas Jefferson – in Paris den Entwurf für die Menschen- und Bürgerrechtserklärung verfasste. Die beiden neuzeitlichen Rechtstexte dienen dem Juristen von Schirach als Kontrast zur – von ihm als erweiterungsbedürftig erachteten – „Charta der Grundrechte der Europäischen Union“: „Sie gibt, wenn man so will, den Geist der Verfassungen und des Rechts aller Länder der Europäischen Union wieder. Aber so brillant dieser Kompromiss auch ist – er hat nicht die Kraft der Erklärungen von 1776 und 1789.“

Dass sich das rechtshistorische Heldenepos um den revolutionären Marquis ergreifend liest, erstaunt angesichts des schriftstellerischen Talents von Schirachs nicht. Vielmehr stellt sich die Frage, warum der Verfasser derart auf die Stärke des historischen Narrativs setzt und wie überzeugend diese Akzentuierung letztlich ist. Gewiss: Jeder, der über politischen, ökonomischen und ökologischen Sachverstand sowie eine solide sozialethische Grundorientierung verfügt, wird dem Anliegen und sachlichen Gehalt der von Schirachschen Grundrechtsergänzungen zustimmen. Ebenso wird, wer über historische Bildung verfügt, nicht die utopische Dimension und rechtshistorische Bedeutung der amerikanischen und französischen Deklarationen bestreiten wollen, die von Schirach betont.

Jedoch: Lag nicht die Kraft der historischen Erklärungen gerade darin, dass sie im Kontext konkreter politischer – und nicht zuletzt auch mit physischer Gewalt ausgetragener – Konfliktsituationen entstanden und sie von Menschen formuliert wurden, die einer anderen Gruppe greifbare individuelle Rechts abrangen. So wenig die Missstände, gegen die sich von Schirach richtet, zu leugnen sind und so honorig die Gesinnung seiner Unterstützer ist: Es fehlt der aus unmittelbarer lebensweltlicher Erfahrung erwachsene Handlungsdruck, der im 18. Jahrhundert zum revolutionären Aufbegehren führte. Damit bleibt von Schirachs Argumentation anachronistisch – und scheint letztlich auch eher familiengeschichtlich bedingt zu sein; so klärt (erst) eine persönliche Anmerkung im Anhang auf: „Der Urgroßvater meiner Urgroßmutter hieß John Middleton, er war einer der 56 Gründerväter der Vereinigten Staaten, die 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterschrieben. Sein Schwager, Edward Rutledge, unterzeichnete diese Erklärung ebenfalls.“

Es ist bedauerlich, dass der Verfasser auf das – sehr persönlich motivierte – historische Narrativ setzt, statt seinen Entwurf vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Problemstellungen und der europäischen Rechtslage zu entfalten. Dies tut ausführlich ein von den Juristen Ulrich Karpenstein, Jens Kersten, Remo Klinger und Bijan Moini verfasster Kommentar, der auf der Internetseite des die Petition „Jeder Mensch“ betreibenden Vereins unentgeltlich zur Verfügung steht – und stattdessen als Bestandteil des Buches diesem deutlich Substanz hätte verleihen können.

Am Ende muss aber neben den Bedenken zur historischen Argumentation von Schirachs auch noch eine grundsätzlichere Rückfrage formuliert werden: Wäre es nicht präziser gewesen, die Mehrheit der ethisch absolut begründeten Forderungen als „Grundpflichten“ denn als ergänzende „Grundrechte“ zu formulieren? Bestünde ein wegweisender Beitrag zum Schutz der Umwelt nicht darin, diese zwar nicht als Rechtsträger zu konstruieren, ihre Bewahrung jedoch als Anspruch an den Menschen zu formulieren, der in Selbstzwecklichkeit der Natur und nicht des Menschen begründet liegt? Noch problematischer ist in dieser Hinsicht, dass Artikel 5 europäische Konsumenten, nicht aber außereuropäische Arbeitskräfte als Rechtsträger behandelt. Ebenso sollte der Grundsatz, dass „wesentliche Entscheidungen […] ein Mensch treffen“ muss, nicht nur als Recht, sondern mindestens gleichermaßen als allgemeine Sorgfaltspflicht des Menschen verstanden werden, wenn Digitalisierung tatsächlich menschenfreundlich gestaltet werden soll. Ähnliches gilt für die Norm der Wahrheitsorientierung, welche wohl nur geringfügig den Gebrechen des postfaktischen Zeitalters wird abhelfen können, wenn sie nicht – idealiter – alle Diskursteilnehmer (innerhalb derer offizielle „Amtsträger“ ja nur eine Minderheit ausmachen) in die Pflicht nimmt.

Auch wenn eine Kodifizierung von Menschen- oder Bürgerpflichten – mit guten Gründen – problematischer und unwahrscheinlicher ist als eine Erweiterung bereits bestehender Grundrechte: Revolutionärer und provokanter wäre es gewesen, als öffentlicher Intellektueller mit Gleichgesonnenen öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam zu machen, dass die Krisen der Gegenwart nur bestanden werden können, wenn sich der homo politicus nicht nur an seinen verbrieften Rechten, sondern auch seinen – zumindest moralischen – Pflichten ausrichtet.

Ferdinand von Schirach: Jeder Mensch. Luchterhand Literaturverlag, München 2021, ISBN-13: 978-363087-671-9, 32 Seiten, EUR 5,-

Erschienen am 22. April 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Auf dem Weg zum „Homo Deus“?

Der Mensch zwischen Vergöttlichung und Abdankung

Entwicklungen der Neurowissenschaft und Digitalisierung stellen das humanistische Menschenbild zunehmend in Frage. Trans- und Posthumanisten träumen sogar von einer Überwindung des Menschen, wie wir ihn kennen. Thomas Fuchs, Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, hat mit seinem unlängst erschienenen Buch eine „Verteidigung des Menschen“ unternommen.

Mit Tilman Asmus Fischer sprach er über die Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen sowie über die Frage, ob die Zukunft einer neuen Spezies, dem „Homo Deus“, gehört.

Herr Fuchs, Ihr Buch trägt den Titel „Verteidigung des Menschen“. Welchem Angriff sehen Sie den Menschen ausgesetzt und welchen konkreten Bedrohungen wollen Sie begegnen?

Es geht in erster Linie um ein Menschenbild, welches unser bisheriges Verständnis von uns selbst in Frage stellt. Mit Yuval Noah Harari kann man auf einen seiner prominentesten Vertreter hinweisen, dessen Buch „Homo Deus“ als ein düsteres Zukunftsszenario bekannt geworden ist. Harari argumentiert darin, dass der wissenschaftlich-technologische Fortschritt und unsere zunehmende Kenntnis der Organismus- und Gehirnfunktionen das liberale und humanistische Menschenbild obsolet machen. Wir müssten uns letztlich als biologische Algorithmen verstehen, die sich aufgrund von Hirnprozessen lediglich einbilden, selbstbestimmte, freie Wesen zu sein. Dieses Bild des Menschen, wie es gegenwärtig in der Biologie und Neurowissenschaft dominant geworden ist, steht im Einklang mit dem technologischen Fortschritt durch Digitalisierung und „Künstliche Intelligenz“. Auch diese legen nahe, dass menschliches Bewusstsein letztlich simulierbar, in digitalen Prozessen darstellbar ist. Bio-, Neurowissenschaften und technologische Entwicklungen laufen also gemeinsam darauf hinaus, dass wir am Ende nur schlechtere algorithmische Maschinen sind.

Welche Konsequenzen zieht dieses neuroreduktionistische, also den Menschen auf seine Gehirnfunktionen reduzierende Menschenbild nach sich?

Die Annahme von Harari ist ja, dass wir uns nach und nach den Algorithmen, Datenanalysen und Prognosen der „Künstlichen Intelligenz“ und der Big-Data-Systeme überlassen werden, weil sie ohnehin viel besser über uns und unsere Zukunft Bescheid wissen als unsere beschränkte menschliche Selbstwahrnehmung. Und das halte ich insgesamt doch für eine gefährliche Entwicklung, die uns gewissermaßen unter unsere Maschinen stellt und diese wiederum anthropomorph versteht. Wir geraten damit zunehmend in die Gefahr, unsere Entscheidungen – bis hin zu gesellschaftlichen Prozessen und politischen Strategien – an Systeme Künstlicher Intelligenz zu delegieren, sie also aus den Händen zu geben. Das bedroht natürlich auch die liberale Demokratie, die auf der Annahme des selbstbestimmten, seine Entscheidungen verantwortenden Individuums beruht.

Aber wird der Mensch, wie wir ihn kennen und verstehen, nicht noch viel grundsätzlicher in Frage gestellt?

Nehmen wir den Begriff „Homo Deus“ von Harari, so stellen wir darin eine interessante Ambivalenz fest: „Homo Deus“ ist einerseits der Mensch, der zum ersten Mal als wirklicher Schöpfer von Intelligenz, Geist, vielleicht sogar künstlichem Leben auftreten, sich also an die Stelle Gottes setzen will. Andererseits ist damit eine Abdankung verbunden, da der leibliche, irdische, sterbliche Mensch letztlich kläglich hinter seinen eigenen – technischen – Geschöpfen zurückbleibt. Der Posthumanismus ist dann eine logische Fortführung dieser Ambivalenz: Wenn der Mensch soweit kommt, zum Schöpfer zu werden, dann ist er eigentlich schon über sich hinausgeschritten und muss einer überlegenen, posthumanen Spezies Platz machen. Darin stecken sowohl Misanthropie als auch „New Age“-Optimismus: Ein neuer, optimierter Mensch soll an die Stelle des mangelhaften alten treten.

Was sagt uns eine solche Vision über das Verhältnis zum körperlichen Geschaffensein des Menschen?

Die deterministische Sicht des Menschen passt zur Deutung des menschlichen Körpers als eines Apparates, der beliebig getunt werden kann. So geht der Transhumanismus davon aus, dass wir unsere Natur ganz neugestalten oder uns vor ihr sogar verabschieden können, da sie ja nur zufällig so geworden ist, wie die blinde Evolution sie entwickelt hat. Was in diesem Menschenbild fehlt, ist vor allem die Leiblichkeit und Lebendigkeit, also die Tatsache, dass wir nicht reine Geister, aber auch nicht reine Mechanismen sind, sondern Lebewesen, lebendige Wesen mit einem verkörperten Geist.

Kommt der Transhumanismus also, obschon der Homo zum Deus wird, scheinbar ohne Transzendenz aus?

Ja, das Leben, das wir haben, wird hier in keiner Weise mehr als eingebettet verstanden in einen Zusammenhang – der Tradition, der übergeordneten Kultur, der Generationen oder gar in einen religiösen, also transzendenten Zusammenhang. Sondern dieses Leben wird verstanden als radikal diesseitig, als radikal säkular, und dann ist die Sterblichkeit, Begrenztheit und Abhängigkeit dieses Lebens von einem physischen Körper natürlich ein Skandal, etwas Unerträgliches, was weder akzeptiert werden kann noch muss: Dieser Körper ist ohnehin nicht etwas Lebendiges, Selbstseiendes, sondern ein materieller Mechanismus, und den können wir nach Belieben neu gestalten und rekonstruieren.

Wiederholt haben Sie nun auf die Dimension der Leiblichkeit des Menschen hingewiesen. Was hat es mit diesem Konzept auf sich, das Sie in Ihrem Buch dem reduktionistischen Menschenbild sowie trans- und posthumanistischen Utopien entgegenstellen?

Ich möchte drei Aspekte einer Phänomenologie der Leiblichkeit hervorheben: Wir sind als erlebende Wesen zunächst einmal immer über unseren Leib in der Welt. Erst über das Medium des Körpers bewohne ich die Welt, und es ist das ganze meines Organismus – und nicht nur das Gehirn – das mich ausmacht. Sodann sind wir uns erst über unsere Leiblichkeit einander gegenwärtig. Es gibt eine Verbindung zwischen uns, die sich nicht zwischen Gehirnen, sondern im zwischenleiblichen Kontakt abspielt. Und zuletzt konstituieren wir als leibliche Wesen gemeinsam Realität. Am Ende hängt die gemeinsame Wirklichkeit nicht von digitaler Kommunikation, sondern davon ab, dass wir gemeinsam Gegenstände betrachten, sie einander geben und einander berühren können.

Besteht für den so verstandenen Menschen als leibliches Geschöpf noch eine Perspektive – oder gehört die Zukunft dem „Homo Deus“?

Die Abschaffung des Menschen durch sich selbst halte ich für eine Negativ-Utopie, der keine Zukunft beschieden sein wird. Der Grund ist vor allem der, dass wir letztlich immer in unserer Leiblichkeit verankert bleiben: Es sind die Prozesse des Spürens, des Fühlens, des Triebes, der Lust, die uns immer wieder auf unsere Leiblichkeit zurückverweisen. Und auch die Beziehung zum anderen, die Berührung und den Kontakt, werden wir auf Dauer nicht vermissen können.

Können Sie also am Ende doch Entwarnung geben?

Die Vorstellung, das Bewusstsein ohne Lebendigkeit aus dem Körper zu destillieren oder gar durch „Künstliche Intelligenz“ schaffen zu können, halte ich aus naturphilosophischen und biologischen Gründen für absurd. Eine reale Gefahr ist jedoch, dass wir unsere Freiheit und Selbstverantwortung zugunsten „intelligenter“ Systeme schrittweise preisgeben. Wir werden uns nicht abschaffen und auch nicht abschaffen können zugunsten einer anderen Spezies – aber es droht eine Selbstentmündigung des Menschen, der wir Einhalt gebieten müssen.

Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 331 Seiten, 22 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 14/2021.

Freiheit

Von Tilman Asmus Fischer

Immer wieder rekurriert das Grundgesetz auf die „freiheitliche demokratische Grundordnung“ der Bundesrepublik. Begrifflich und inhaltlich verpflichtet sie den deutschen Staat nicht nur auf das Demokratieprinzip, sondern qualifiziert ihr Demokratieverständnis dahingehend näher, dass es am Prinzip der Freiheit orientiert ist. Dies spiegelt sich auch im Text des Grundgesetzes: Wird die Demokratie als eines der fünf Staatstrukturprinzipien – Demokratie-, Rechtsstaats-, Republik-, Bundesstaats- und Sozialstaatsprinzip – erst ab Artikel 20 expliziert, geben die zuvor entfalteten Grundrechte – und darin besonders die Freiheitsrechte – den Cantus firmus für die Staatstruktur vor.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Nachdem Art. 1 die grundsätzliche Unantastbarkeit der Menschenwürde verankert hat, wird mit Art. 2 das Prinzip der Freiheit als allgemeine Handlungsfreiheit eingeführt, um in den folgenden Artikeln konkretisiert zu werden: als Gewissens- und Religionsfreiheit (Art. 4) ebenso wie beispielsweise als Koalitions- (Art. 9) oder Eigentumsfreiheit (Art. 14). Dabei lohnt der grundlegende Art. 2 durchaus einer näheren Betrachtung. In beiden Absätzen wird die persönliche Freiheit des Menschen akzentuiert: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit…“ – „Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ Tiefe gewinnt der Begriff dieser Freiheit durch die Aussagen, welche von diesen beiden Zusagen eingeklammert werden – im Sinne einer Näherbestimmung und Begrenzung:

„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“: Die Verbindung von Freiheit und körperlicher Unversehrtheit ist gerade aus heutiger Perspektive bemerkenswert. Denn dieser Verknüpfung liegt die Einsicht zugrunde, dass es sich beim Menschen, um ein leibliches Wesen handelt, dessen leibliche Integrität – die Geist und Körper einschließt – Voraussetzung dafür ist, seine Freiheit leben zu können. Dies ist eine Tatsache, die angesichts des gegenwärtigen Trends, die Person auf ein Vernunftwesen – letztlich ein funktionsfähiges Gehirn, welches sich eines (im Zweifelsfall zu optimierenden) Körpers bedient – zu reduzieren, nicht deutlich genug betont werden kann. Den Vätern und Müttern des Grundgesetzes stand – angesichts einer Diktatur, die sich in unzähliger Weise an der körperlichen Unversehrtheit ihrer Opfer und Gegner verging – diese conditio humana noch eindeutiger vor Augen.

Zugleich wird der Bürger daran erinnert, dass die Entfaltung seiner Persönlichkeit nur so weit reicht, dass „er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“: Die persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung erreichen Grenzen in den Rechten – und eben auch in der Freiheit – der Mitmenschen. Aus Perspektive christlicher Ethik muss der Andere jedoch nicht nur als Schranke der eigenen Freiheit verstanden werden. Vielmehr kann Freiheit – im Sinne der Idee „kommunikativer Freiheit“, wie Wolfgang Huber sie entwickelt hat – von der Beziehung zum Anderen her gedacht werden. Ein solche Perspektive qualifiziert den Anderen dann nicht mehr nur von seinem limitierenden Charakter für meine eigene Freiheit her, sondern zugleich als Person, der gegenüber ich meine Freiheit in Verantwortung wahrnehme:

„Der Ausgangspunkt dabei ist, dass ich diese Freiheit zunächst mal als etwas mir Anvertrautes ansehe, also etwas, womit ich nicht beliebig umgehen kann. Also, es ist nicht ein Begriff von Freiheit als Beliebigkeit, sondern von Freiheit als einer mir anvertrauten Handlungs- und Lebensmöglichkeit. Und die kommt zu ihrer Erfüllung, wenn ich sie dazu einsetze, dass auch andere in Freiheit leben können. Insofern ist die Rücksichtnahme auf die Freiheit anderer nicht eine Einschränkung meiner Freiheit, sondern Ausdruck meiner Freiheit, weil meine eigene Freiheit reicher, vielfältiger dadurch wird, dass ich sehe, dass die Freiheit anderer dadurch gefördert wird, dass ich selbst mit meiner Freiheit verantwortlich umgehe.“ (Wolfgang Huber, Von der Freiheit. Perspektiven für eine solidarische Welt, C. H. Beck, München 2012.)

Erschienen in: Himmel & Erde. Gemeindezeitung für den Wilmersdorfer Süden, S. 7. (Der Beitrag erschien als Teil einer Reihe zu den Grundrechten des Grundgesetzes.)

Nicht vom gleichen Planeten

In Taiwan fragt die zwölfte Taipeh Biennale nach Zukunftsperspektiven angesichts der aktuellen ökologischen Krisen

Von Ting-Chia Wu und Tilman A. Fischer

„Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“, bezeugt Jesus Christus im Johannesevangelium (17,16) über seine Jünger. Die Erfahrung von Fremdheit in der unerlösten Welt ist für die christliche Existenz in allen Zeiten konstitutiv – und ermöglicht eine kritische Distanz zur jeweiligen sozialen Realität. Dabei ist die gesellschaftliche Wirklichkeit unserer Tage durch eine zunehmende Diversifizierung und Fragmentierung von Weltanschauungen geprägt, die den sozialen Zusammenhalt herausfordern. In einer Weise, die der christlichen „Außenperspektive“ auf die Welt vergleich ist, vermag auch die Kunst, soziale und ökologische Bedingungen zu analysiert und zu kritisiert, indem sie mit der Fremdheit von Weltbildern und -anschauungen spielt.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür bietet die aktuelle, zwölfte, Taipeh Biennale (21. November 2020 – 14. März 2021), die vom „Taipei Fine Arts Museum“ organisiert wurde. Die beiden französischen Intellektuellen, der Philosoph Bruno Latour und der freischaffende Kurator Martin Guinard-Terrin, die von den Veranstaltern eingeladen worden waren, die Biennale auszugestalten, verfolgen die Absicht, die derzeitigen politischen Spannungen ebenso wie die ökologische Krise anhand verschiedene ‚Planeten‘ zu veranschaulichen. So kommentieren Latour und Guinard-Terrin: „Es gibt zunehmende Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Welt bewohnbar erhalten werden kann, nicht nur, weil die politischen Meinungen auseinandergehen, sondern vor allem, weil wir uns nicht einig zu sein scheinen, wie die Erde beschaffen ist.“

Bedauerlicherweise werden aufgrund der gegenwärtigen Pandemie so gut wie keine ausländischen Besucher diese Ausstellung in der taiwanesischen Hauptstadt besuchen können. Umso gebotener scheint es zu sein, der Biennale journalistisch Tribut zu zollen und an dieser Stelle ein paar Schlaglichter auf sie zu werfen. Unter dem Titel „You and I don’t live on the same planet“ („Du und ich leben nicht auf demselben Planeten“) bietet die Ausstellung ein fiktives Planetarium, in dem Künstler, Wissenschaftler und Aktivisten verschiedene Aspekte von fünf ‚Planeten’ erkunden, die für unterschiedliche Visionen der Welt stehen. Diese weichen voneinander nicht nur in der Frage ab, was unter der „Welt“ zu verstehen ist, sondern auch in den Vorstellungen von angemessenen soziale und politische Reaktionen auf aktuelle Krisen wie Globalisierung, soziale Ungleichheit und Klimawandel.

Mika Rottenberg, Cosmic Generator (AP) (Foto: Ting-Chia Wu)

So folgt der Planet „Globalisierung“ dem Traum der Modernisierung, welche die materiellen Belastungsgrenzen unseres Planeten nicht berücksichtigt. Die Videoinstallation „Cosmic Generator“ der argentinischen Künstlerin Mika Rottenberg etwa zeigt, wie Mechanismen der Globalisierung Alltagskulturen auf der ganzen Welt transformieren. Dafür verwendet sie die Metapher eines Tunnels, der Orte in verschiedenen Weltregionen in Form von Konsumgüterströmen verbindet – hier einen Marktplatzes in Yiwu, Volksrepublik China, dort ein chinesisches Restaurants in Mexicali, einer mexikanischen Stadt nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Auf diese Weise porträtiert Rottenberg eine globale Konsumwirtschaft, die nicht nur zu einer Homogenisierung des Lebensstils, sondern auch zu einer Masse von (Billig-)Produkten führt, die die Grenzen des tatsächlichen Bedarfs und der ökologischen Nachhaltigkeit überschritten hat.

Viele Menschen, die sich vom Ideal der Globalisierung betrogen und infolgedessen verloren fühlen, fliehen auf den Planeten „Sicherheit“, wie er von Rechtspopulisten propagiert wird. Der niederländische Künstler Jonas Staal fokussiert einen Vordenker dieser Bewegung, den ehemaligen Trump-Berater Steve Banon. In einer Installation bietet Staal eine „Propaganda-Retrospektive“, die in Auszügen Filme präsentiert, die von Banon produziert wurden und die Alt-Right-Ideologie befördern.  Indem diese mit der Angst vor Islamismus, Liberalismus und Multikulturalismus spielt, finden einzelne ihrer Bestandteile auch in Teilen konservativer christlicher Milieus zunehmend Unterstützung – vor allem, aber nicht nur in den USA. Gleichzeitig lassen die von Banon, Trump & Co artikulierten Krisenszenarien die Gefahren des Klimawandels und der ökologischen Degeneration in den Hintergrund treten.

Während auf diese Weise bereits heute Menschen der ökologischen Bedrohungslage – innerlich – entfliehen, spielt der der Planet „Flucht“ mit der futuristischen Möglichkeit einer kleinen Gruppe Privilegierter, sich gleich an Orte, der nicht vom Klimawandel betroffen sind, abzusetzen – in diesem Falle auf den Mars. Jedoch reagieren nicht alle Menschen auf die Konsequenzen der Globalisierung mit Flucht, sondern einige auch auf progressive Weise: Der „terrestrische“ Planet steht für diejenigen, die auf der Erde, wie sie tatsächlich ist, „landen“ und versuchen, das Gleichgewicht zwischen Wohlstand und der Achtung planetarer Belastungsgrenzen zu halten. Dieser Kampf beginnt mit der Anerkennung des Lebensraums des Menschen als der kritischen Zone der Erde, der ‚dünnen‘ Erdoberfläche, in der Gestein und Vegetation sich berühren und die ein komplexes wie fragiles Gebilde darstellt. Die taiwanesische Künstlerin Yu-Hsin Su fragt in ihrer Installation nach der Sichtbarkeit der Erdoberfläche als ebendieser „kritischen Zone“. Dafür nutzt sie das Material einer visuellen Datenbank taiwanesischer und deutscher Geologen, welche die bisherige Veränderung des Ökosystems in der taiwanesischen Taroko-Schlucht dokumentiert.

Mit einem fünften Planeten, „alternativen Gravitation“, porträtieren die Kuratoren Menschen und soziale Gruppen, die nicht ausschließlich einem der anderen „Planeten“ angehören, sondern sich von diesen Weltvisionen in divergierender Weise angezogen und abgestoßen fühlen. Damit dürfte sich hierin wohl der größte Teil der Weltbevölkerung repräsentiert finden.

In ihrer Gesamtheit exponiert die Biennale Umwelt- und Klimaschutz als ein Thema, welches von existenzieller Bedeutung für die Menschheit und den einzelnen Menschen ist. Dieser Tatsache entspricht in religiöser Sprache der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“. In diesem Sinne spricht die Ausstellung implizit auch die religiöse Dimension des Umweltschutzes aus. Hierzu passt, dass es der Kurator Bruno Latour ist, der seit Jahren darum kämpft, die Verbindungen zwischen Theologie und Klimaschutz zu stärken; etwa durch eine Seminarreihe, die er seit drei Jahren für die katholische Universität Paris (Institut Catholique de Paris) organisiert. Wenn Latour auch in Taiwan kein überwiegend katholisches oder christliches Publikum anspricht, kann diese Ausstellung dennoch auch als Aufforderung angesehen werden, die Verantwortung von Kirche, Theologie und Christen im Allgemeinen für diese Welt zu überdenken – auch wenn sie „nicht von der Welt“ sind.

Erschienen am 4. März 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Die Digitalisierung ist kein Automatismus

Angesichts der wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Digitalisierung appelliert der evangelische Sozialethiker Traugott Jähnichen an den Gestaltungsauftrag der Politik. Hierüber sowie über die gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Joachim Wiemeyer verfasste „Wirtschaftsethik 4.0“ spricht er im Interview mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Jähnichen, Homeoffice und Onlineversandhandel sind zwei Schlagworte, die mit Blick auf die Konsequenzen der Corona-Krise für das Wirtschaftsleben von zentraler Bedeutung sind. Welche wirtschaftsethischen Herausforderungen der Digitalisierung stellen sich im Pandemiejahr 2020 wie unter einem Brennglas dar?

Menschen im Homeoffice erleben Freiheiten der individuellen Zeitgestaltung. Es sind Spielräume gegeben, Privates und Berufliches neu zu sortieren. Zugleich kann die fehlende Abgrenzung von Lebens- und Arbeitszeit zu einer Dauer- und im Extremfall Überbelastung führen, vor allem wenn zugleich Kinder – etwa wgegen geschlossener Kitas oder Schulen –betreut werden müssen. Der Onlinehandel hat durch die Corona-Pandemie noch einmal einen unglaublichen Schub erhalten, zu Lasten des stationären Handels. Zugleich bauen Online-Händler ihre dominante Markt- und oft auch Machtposition weiter aus, denn sie wissen immer mehr über uns…

Das erste Kapitel Ihrer unlängst erschienene „Wirtschaftsethik 4.0“ setzt ein mit einer Besinnung auf die „Systematik der christlichen Sozialethik“. Welche Einsichten aus deren Tradition sind angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen von bleibender Bedeutung – und wo erfordern diese eine Neujustierung?

Die christliche Sozialethik gehört zu den entscheidenden Impulsen der Ordnungskonzeption der Sozialen Marktwirtschaft. Deren Grundsätze müssen heute auf die Bereiche digitalen Wirtschaftens übertragen werden, insbesondere im Blick auf die Bekämpfung wirtschaftlicher Monopole oder Oligopole. Zugleich stellen sich Fragen des Arbeits- und des Sozialrechts in neuer Weise. Bisher hat sich die christliche Sozialethik stark an dem nationalstaatlichen Rahmen orientiert, dies wird immer unzureichender.

Im Gegenzug ließe sich auch fragen: Haben wir es bei der Wirtschaft 4.0 mit neuen ethischen Herausforderungen zu tun oder mit altbekannten Fragen in neuer Gestalt?

Sowohl als auch. Die neuen ethischen Herausforderungen sehe ich vor allem in der Aufgabe, die historisch mühsam errungenen Arbeitnehmerrechte in der digitalen Arbeitswelt in neuer Weise zu sichern: Das reicht von Mitbestimmungsrechten, der Rolle von Betriebsräten und Gewerkschaften bis hin zu der Frage, wie die Sozialversicherungssysteme mit den Bedingungen der digitalen Arbeitswelten gut verbunden werden können.

Verfasst haben Sie das Buch gemeinsam mit Ihrem katholischen Fachkollegen Joachim Wiemeyer. Es handelt sich also gewissermaßen um einen ökumenischen Entwurf. Wie einmütig fällt ein solches interkonfessionelles Ringen mit Fragen der Digitalisierung aus – bzw. welche Akzentsetzungen steuern jeweils evangelische Sozialethik und katholische Soziallehre bei?

Wir haben das Buch sehr einvernehmlich erarbeitet, sowohl in den theologisch-sozialethischen Grundlagen wie in den ethischen Konkretionen. Wir beziehen uns bewusst auf die inzwischen lange Tradition gemeinsamer Verlautbarungen der Kirchen zu Fragen der Sozial- und Wirtschaftsordnung. Im Blick auf das Verständnis der Subsidiarität gibt es unterschiedliche Akzentsetzungen. Der Protestantismus ist nach wie vor stärker auf den Staat als den Garanten sozialer Sicherungen bezogen als der Katholizismus. Dafür betont die katholische Soziallehre stärker die Bedeutung der Familie und auch sozialer Bewegungen.

Im öffentlichen Diskurs erscheint die Digitalisierung bisweilen als ein unabweisliches Fatum, dem Gesellschaft und Wirtschaft alternativlos ausgeliefert sind. Was spricht für Sie gegen einen solchen „Technikdeterminismus“?

Die Digitalisierung ist kein Automatismus. Wie Algorithmen programmiert werden, welche Grenzen durch den Datenschutz gesetzt werden, wie man Monopolbildungen im Netz begrenzt und vieles mehr, das sind Fragen, die im Sinn einer humanen, sozialen und nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung durch die Politik geregelt werden müssen. Wie der elektrische Strom vor mehr als hundert Jahren nach und nach alle Lebensbereiche durchdrungen hat, wird dies in einer noch stärker unseren Alltag bestimmenden Weise durch die Digitalisierung geschehen. Dabei halten die zu setzenden Regeln der Gestaltung mit dem schnellen technischen und ökonomischen Wandel nur schwer Schritt. Die Politik ist herausgefordert, gegenüber dem chinesischen System der immer totaleren Staatskontrolle und dem angelsächsischen Laissez-Faire, was den großen Digitalunternehmen weitgehend freies Spiel eröffnet, eine Alternative zu entwickeln.  

Wenn also das Heft des Handelns bei der Politik liegt, welcher vordringlicher Handlungsbedarf besteht aus Perspektive des Sozialethikers gegenwärtig auf den Ebenen der deutschen, europäischen und internationalen Politik?

Ich sehe die europäische Ebene in der Schlüsselposition. Ein Nationalstaat allein kann nur bedingt angemessene Regeln durchsetzen, die Ebene der internationalen Politik ist diesbezüglich bisher nur wenig handlungsfähig und -willig. Selbst die Bekämpfung von Cyber-Kriminalität wird international kaum koordiniert, vermutlich mischen einige Nationalstaaten durch die Duldung oder Förderung krimineller Aktivitäten sogar kräftig mit. Daher gibt es für eine gute Digitalpolitik auf der Ebene der EU keine Alternative. Mit der Datenschutzgrundverordnung ist ein erster, sinnvoller Schritt gegangen worden. Aber auch die EU-Ebene ist in vielerlei Hinsicht unzureichend.

Worin zeigt sich das vornehmlich?

Besonders deutlich wird dies im Blick auf eine koordinierte Steuerpolitik, damit Internet-Riesen wie Amazon und Facebook ihre in Europa erzielten Gewinne angemessen versteuern. Leider gibt es diesbezüglich in der EU einige Länder, die man quasi als Steueroasen bezeichnen muss. Gestaltungsperspektiven über die EU-Ebene hinaus sind vornehmlich für einen Kurswechsel in Richtung Nachhaltigkeit notwendig. Ob der digitale Wandel die Nachhaltigkeit stärkt, ist kein Selbstläufer, sondern muss – idealer Weise durch internationale Vereinbarungen – gesteuert werden. Die nationale Ebene ist vorrangig im Blick auf den Datenschutz herausgefordert. Die Ambivalenzen erleben wir gerade angesichts der Corona-Krise. Ein guter Datenschutz wie in Deutschland ist einerseits sinnvoll, lässt aber andererseits ein in Ostasien – auch in demokratischen Ländern – wirksames Instrument wie die digitale Nachverfolgung von Infektionen fast wirkungslos werden. Wie hier eine Ausbalancierung der Anforderungen zu gestalten ist, bleibt eine offene Frage. Insofern sind durchaus alle Ebenen herausgefordert, zentral sind jedoch eindeutig die Gestaltungsmöglichkeiten der EU.

Traugott Jähnichen und Joachim Wiemeyer, Wirtschaftsethik 4.0. Der digitale Wandel als wirtschafts ethische Herausforderung. Band 15 der Reihe „Ethik – Grundlagen und Handlungsfelder“, Kohlhammer, Stuttgart 2020, 266 Seiten, 32 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 2/2021.

Die Lieblingskinder Gottes und ihr Präsident

Die Unterstützung, die US-Präsident Donald Trump aus den Reihen der Evangelikalen erhält, wirft Fragen über das Verhältnis des nordamerikanischen Protestantismus zur Demokratie auf. Darüber spricht Philip Gorski, Professor für Soziologie an der Yale University, im Interview mit Tilman A. Fischer.

Herr Gorski, 1939 schaffte es Kate Smiths Einspielung von „God Bless America“ in die Top 10 der US-Hitparade. Was hat es traditionell mit dem besonderen Verhältnis Gottes zu den Vereinigten Staaten auf sich?

Die Amerikaner haben sich schon immer als Lieblingskind Gottes verstanden. Das fing schon mit den Puritanern in Neu-England an, die sich als die wahrhaftigen Nachfolger der Alt-Israeliten begriffen haben. Die heutigen Evangelikalen sind nicht mehr ganz so anmaßend, glauben aber, dass Amerikas Macht und Wohlstand mit ihrer Frömmigkeit und Gottesfürchtigkeit zusammenhängt.

Auf welche biblischen und theologischen Traditionen konnten die ersten christlichen Siedler in Amerika hierbei anknüpfen?

An zwei inzwischen fast vergessen Strömungen protestantischer Theologie: die sogenannte „Bündnistheologie“ und die typologische Hermeneutik. Die Puritaner glaubten ein heiliges Bündnis mit Gott abgeschlossen zu haben: sie sollten die biblische „Stadt auf dem Hügel“ aufbauen; Gott würde sie im Gegenzug beschützen und ihnen gnädig sein. Daher also: „God Bess America“. Die Puritaner verstanden die Figuren und Tropen vor allen des „Alten Testaments“ nicht als einmalige geschichtliche Ereignisse sondern vielmehr als sich wiederholende Dramen, in denen auch sie selbst ihre Rollen spielten.

Welches Verhältnis konnte sich vor diesem Hintergrund seit der europäischen Besiedlung Amerikas zwischen den christlichen Denominationen und der Demokratie entwickeln?

Das Verhältnis war lange eher komplementär. Intern waren die Kirchengemeinden selbst demokratisch organisiert. Die Kirchen- und Predigerämter wurden zumeist lokal gewählt.  So dienten sie als „Schulen der Demokratie“, wie der große französische Soziologe Alexis de Tocqueville sie bezeichnete. 

Gilt dies auch noch heute?

Nicht mehr. Immer mehr Kirchengemeinden sind unter ökonomischem Gesichtspunkten organisiert. Sie werden von oben geführt von unternehmenslustigen Pastoren und wohlhabenden Geschäftsleute aus der Gemeinde. Der Kirchendienst wird zur Dienstleistung, der Kirchenbesuch zum Spektakel und das Kirchenvolk zum bloßen Publikum.

Hat das auch die politischen Mentalitäten amerikanischer Christen verändert?

Ja und zwar entscheidend. Die kleinen eher demokratisch strukturierten Kirchengemeinden – in den Worten  Tocquevilles noch „Schulen der Demokratie“ – weichen zunehmend großen eher geschäftlich ausgerichteten Kirchen-Unternehmen, in denen sich der Pastor als CEO versteht. Kein Wunder also, dass so viele Mitglieder sogenannter „Megakirchen“ sich zu Hause fühlen bei Trump.

Bei allen Unterschieden waren die Präsidenten der USA immer auch als Christen erkennbar. Was verbindet und was unterscheidet z. B. den Baptisten und Demokraten Jimmy Carter vom Methodisten und Republikaner George W. Bush?

Rückblickend trennt sie weniger als man gemeinhin zu denken pflegt, zumindest was die Sozialpolitik betrifft. George W. Bush wollte die Republikanische Partei im Sinne eines „barmherzigen Konservativismus“ umgestalten. Wie Carter, wollte er eine Politik im Sinne christlicher Nächstenliebe verfolgen. Wäre 9/11 nicht gewesen und Dick Cheney nicht im Amt, wäre es ihm vielleicht auch gelungen. Nur glaubte Bush – wie allzu viele konservative Christen in den USA – dass man das Böse mit Gewalt aus der Welt jagen könne, und die USA speziell dazu berufen seien.

Donald Trump – u. a. mehrfach verheirateter Betreiber von Spielcasinos – scheint auf den ersten Blick für einen Erfolg im christlich-konservativen Milieu nicht prädestiniert zu sein. Was verschafft ihm dennoch gerade unter Evangelikalen einen so großen Zuspruch?

Nicht wenige glauben im Ernst, dass Trump ein „guter Christ“ sei. Manchen anderen geht es darum, möglichst viele konservative Richter ins Amt zu setzen und dadurch eines Tages die Abtreibung völlig zu verbieten. Viele amerikanische Christen halten sich für „die meist verfolgte Gruppe“ in den USA und sehen in Trump einen starken von Gott gesandten „Beschützer.“

Worauf beruht das Empfinden einer ‚Verfolgung‘ von Christen in den USA?

Konkret wird auf bekannte Fälle hingewiesen, wie z.B. die von strengen Evangelikalen in Colorado geführte Bäckerei die vor Gericht kam, weil die Betreiber keinen Hochzeitskuchen für ein schwules Paar backen wollten. Generell berufen sich viele weiße Evangelikale auf ihre „religiöse Freiheit.“ Was sie mit deren angeblicher Beschneidung in Wirklichkeit damit meinen, ist der Verlust ihrer Privilegien als die tonangebende Mehrheit. Dabei versteht sich diese Gruppe als eine Mehrheit unter den Weißen, die sich insgesamt inzwischen einer nicht-weißen Mehrheit gegenübersehen. Also sind in diesem Fall Religion und Rasse miteinander völlig verquickt.

Aus deutscher Perspektive wird gerne über „die“ amerikanischen Evangelikalen und Trump gesprochen. Wie legitim ist es jedoch, die Evangelikalen über einen Kamm zu scheren?

Wenn man von „den“ Evangelikalen spricht, hat man meistens ältere, weiße Evangelikale im Sinne. So viele theologische Gemeinsamkeiten sie auch mit jüngeren und bzw. oder nicht-weißen Evangelikalen haben, vertreten letztere oft eher fortschrittliche politische Ansichten, beispielsweise was Einwanderung oder Klimaschutz betrifft. 

Wie wiederum stellen sich die theologisch moderateren evangelischen „Mainline Churches“ der USA zur gegenwärtigen Regierungspolitik?

Die sind auch politisch moderater. Aber auch in ihren Reihen finden sich viele weiße christliche Nationalisten, die mit den Evangelikalen das Gefühl teilen „ihr“ Land zu „verlieren.“

Lassen Sie uns zum Schluss auf die diesjährige Präsidentschaftswahl blicken! Ich möchte Sie um zwei Szenarien bitten. Zunächst: Wie könnte ein Wahlsieg Trumps das Staats-Kirche-Verhältnis weiter verändern?

Ein Wahlsieg Trumps würde meiner Meinung nach nur wenige Folgen für das Staats-Kirche-Verhältnis haben, dafür ganz verheerende Folgen für die Demokratie. Er würde vielleicht leichte Verschiebung der „Trennungsmauer“ geben, z.B., was die Rechte christlicher Firmen oder Unternehmer betrifft. Aber vor allem wäre es mit freien und offenen Wahlen erst mal vorbei in den USA.

Inwiefern sollten spätere Wahlen unfreier sein? Und an welchem Punkt könnten sich amerikanische Christen bzw. Kirchen zu öffentlicher Kritik und Intervention berufen fühlen – im Sinne Bonhoeffers Formulierung ‚dem Rad in die Speichen zu fallen‘?

Sollten Trump und die Republikanker die Wahl gewinnen und bzw. oder im Amt bleiben, werden sie ihre bisherige Strategie fortsetzen: das heißt, Wahlrecht und Wahlbeteiligung so zu beschränken und die Wahlkreisen so einzuteilen, dass eine Bevölkerungsminderheit dennoch die politische Mehrheit stellen kann. Darüber hinaus werden sie es nicht scheuen offenkundigen Wahlbetrug zu begehen. Man schaue nur, wie sie gegenwärtig gegen die Briefwahl agitieren. Sollte Donald Trump 2020 gewinnen, heißt der Präsident 2024 wahrscheinlich immer noch Donald Trump – es fragt sich nur ob Senior oder Junior.

Widerstand dürfte wohl in erster Linie aus den Reihen der schwarzen Kirchen kommen, die seit der ersten Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahren zu den Hauptträgern demokratischer Werte geworden sind.

Zuletzt: Wie könnte sich demgegenüber ein Wahlsieg der Demokraten auswirken?

Das ist zurzeit die letzte Hoffnung für die amerikanische Demokratie.

Buchtipp: Philip Gorski, Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump, Herder Verlag, Freiburg 2020, 224 Seiten, 24 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 42/2020; Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg 42/2020.