Rink: Isolierung der Streitkräfte von der Zivilgesellschaft wäre gefährlich

Früher demonstrierte Sigurd Rink als Fundamentalpazifist gegen den Nato-Doppelbeschluss. Der Völkermord in Ruanda brachte ihn dazu, seine Überzeugungen in Frage zu stellen. Seit er 2014 zum ersten hauptamtlichen Militärbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland vom Rat der EKD ernannt wurde, reist er regelmäßig in Krisengebiete wie Afghanistan, Mali oder den Nahen Osten. Er erlebt hautnah, wie gefährlich und seelisch belastend ein Militäreinsatz ist, und sieht die moralische Herausforderung, mit der die Soldaten und auch die Seelsorger konfrontiert ­werden. Im Gespräch mit Tilman Asmus Fischer spricht er über Friedensethik, mangelnde Anerkennung von ­Soldaten in Gesellschaft und Kirche, die friedenspolitische Tradition der Kirche im Osten und Jugendoffiziere an Schulen.

Herr Bischof Rink, wie ist die ­biblische Friedensbotschaft für Sie mit militärischer Gewaltausübung in Einklang zu bringen?

Militärbischof Dr. Sigurd Rink
(Foto: Dr. Roger Töpelmann)

Für mich ist die wichtigste Erkenntnis das, was das Alte Testament ausführt: der Grundsatz „Frieden durch Recht“. Es geht darum, eine Rechtsordnung aufzubauen, die befriedet, die sich kristallisiert in den Zehn Geboten mit dem zentralen Gebot: „Du sollst nicht töten.“ Das Gewaltmonopol der Obrigkeit soll sich nicht willkürlich gestalten, sondern Gewalt limitieren und kanalisieren.
Dementsprechend ist für Martin Luther zentral, dass ein Verteidigungskrieg geboten sein kann, um Familie, Dorf, Stadt, Land zu schützen – aber nur, wenn er den Kriterien des „gerechten Krieges“ genügt: legitime Autorität des Kriegsführers, gerechter Grund – etwa erlittenes Unrecht – und Wiederherstellung von Frieden als Ziel des Krieges.

Wie verhält sich diese Idee eines „gerechten Krieges“ mit derjenigen des „gerechten Friedens“?

Hier haben wir es mit einem Komplementärverhältnis zu tun, und zwar dergestalt, dass die Vision einer Gesellschaft immer sein muss, eine Gesellschaft des nachhaltigen gerechten Friedens zu werden. In der Ultima Ratio des Geschehens – also im Extremfall – kann oder muss es aber auch vonseiten der Gesellschaft eine rechterhaltende oder rechterzwingende Gewalt geben.

Dies dürften Sie als junger ­Theologe anders gesehen haben. Wie hat sich in den vergangenen Jahren Ihre Haltung zum Pazifismus gewandelt?

Es gehört zu einem christlichen Zeugnis immer dazu, dass solche Stimmen ihren Raum haben. Und der fundamentale Pazifismus ist ­zunächst einmal in der gesellschaftlichen Debatte eine notwendige Stimme. Ich selbst bin allmählich zu der Überzeugung gelangt, dass man, gerade wenn man christlichen Glauben gesellschaftspolitisch versteht, nicht um eine verantwortungsethische Sicht auf die Dinge herumkommt.

Wie sieht diese Perspektive für Sie konkret aus?

Ausgehend von Besuchen in ­vielen Krisengebieten habe ich den Eindruck, dass uns in Deutschland manchmal gar nicht bewusst ist, wie wir durch die klare Ordnung und Durchsetzung eines staatlichen Gewaltmonopols auch eine Form der Befriedung für unsere Gesellschaft gewonnen haben. Es ist nämlich alles andere als romantisch, in einer Gesellschaft zu leben, die kein klares gesellschaftliches Gewaltmonopol hat und in der sich am Ende nicht die Stärke des Rechts, sondern das Recht des Stärkeren durchsetzt.

Innerhalb der EKD gibt es eine Vielfalt friedensethischer Positionen. Welche Bedeutung hat für Sie die friedensethische Tradition der östlichen Landeskirchen?

Durch die DDR-Geschichte und das Unrecht dieser Zeit war der Blick auf weltliche Obrigkeit, zu der auch die Streitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA) gehörten, sehr kritisch. Die westlichen Landeskirchen sind zwar auch kritisch gegenüber Streitkräften, jedoch aus einer anderen Motivation heraus. Es ist wichtig, die spezifische kritische Perspektive der östlichen Landes­kirchen zu hören. Aber gleichzeitig leben wir heute in der Bundesrepublik in einer Gesellschaftsordnung, wo die Streitkräfte – hoffentlich noch lange – eingebunden sind in ein System demokratischer Kontrolle und sich Soldaten als Bürger in Uniform verstehen, sodass die ­Bundeswehr über eine ganz andere Legitimation verfügt als die NVA.

In Ihrem aktuellen Buch beklagen Sie ­dennoch mangelnde Anerkennung, teils Missachtung gegenüber Soldaten in der deutschen Öffentlichkeit. Worin bringt sich diese abwertende Haltung zum Ausdruck?

Die Tatsache, dass Soldaten bei uns in der Öffentlichkeit in aller Regel nicht Uniform tragen, ist ein Signum dessen. Denn in der Regel begegnet ihnen nicht – wie etwa im angelsächsischen Raum – eine Haltung der Wertschätzung, sondern im schlimmsten Fall Verunglimpfungen und Pöbeleien. Bis hin dazu, dass die Bundeswehr inzwischen so wenig in der Öffentlichkeit präsent ist, dass Leute kaum noch erkennen, ob es sich um eine Bundeswehruniform handelt oder etwa um eine der Feuerwehr oder eines anderen Dienstes. Das drückt für mich fehlende Solidarität mit den Soldaten aus.

Die Präsenz der Bundeswehr in der Öffentlichkeit ist vielfältig umstritten: wenn ein Musikkorps der Bundeswehr uniformiert an einem Gottesdienst oder Konzert in einer Kirche mitwirkt, wenn Jugend­offiziere an öffentlichen Schulen zu Gast sind. Wie positionieren Sie sich in diesen Debatten?

Weil ich ein positives Verständnis der Institution Bundeswehr im Rahmen unserer Gesellschaftsordnung habe und auch weiß, dass viele Soldaten sich als Christen verstehen, habe ich hiermit kein Problem. Und: Wenn ich sage, zu einem geordneten Staatswesen gehört, dass die Ordnung nach Innen und Außen gewährleistet ist, dann können Soldaten ebenso in Schulen auftreten wie Polizisten oder andere Kräfte. Bei dem Wirken der Jugendoffiziere handelt es sich nicht um Rekrutenwerbung, sondern um politische ­Bildungsarbeit. Wo es diese nicht gibt, droht eine Isolierung der Streitkräfte von der Zivilgesellschaft – dies hatte, unter anderen Vorzeichen, in der Weimarer Republik ­fatale Folgen.

Ziviles Element innerhalb der ­Bundeswehr zu sein, gehört zum Selbstverständnis der Militärseelsorge. Wie verstehen Sie Ihr Amt? Dieses wird teils als das des „Militärbischofs“, teils als das des „Bischofs für die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr“ bezeichnet. Erstes klingt militäraffin, letztes betont eine Distanz.

Im Gegenüber zum Staat und zur Öffentlichkeit verwenden wir – entsprechend dem Militärseelsorgevertrag – die Bezeichnung „Militär­bischof“. Der andere Begriff hat sich in der Diskussion mit den östlichen Landeskirchen in der Nachwendezeit ergeben und wird seither im binnenkirchlichen Bereich, also etwa in Synodalberichten, verwendet. Auch ich stehe voll hinter ihm, da er sehr präzise meine Aufgabe beschreibt. Aber medial – übrigens auch katholischerseits – wird eben vom „Militärbischof“ gesprochen. Und wer weiß, vielleicht ist ein solcher Stolperstein auch für etwas gut. Denn er führt dazu, dass man sich Fragen stellt: Wozu brauchen Soldaten überhaupt Seelsorge? Wie stehe ich zur Institution Bundeswehr?

Ende Mai ­erschien das Buch von ­Sigurd Rink „Können Kriege ­gerecht sein? Glaube, Zweifel, ­Gewissen – wie ich als Militär­bischof nach Antworten suche“ im Ullstein-­Verlag.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2019.

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Frieden braucht Partner

Bei der Vorstellung des diesjährigen Friedensgutachtens warnte Sigmar Gabriel Deutschland davor, sich strategisch unabhängig von den USA zu machen. Das könnte die EU spalten

Von Tilman Asmus Fischer

„Vorwärts in die Vergangenheit?“, fragt der Titel des diesjährigen Friedensgutachtens – und propagiert: „Frieden braucht Partner“. Die Spannung zwischen jener kritischen Anfrage und dieser Forderung prägte auch das Abendforum der Evangelischen Akademie zu Berlin am 4. Juni, in dessen Rahmen das Gutachten der führenden Friedensforschungsinstitute vorgestellt wurde.

Das Friedensgutachten 2019 wurde herausgegeben vom Bonn International Center for Conversion, dem Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg sowie dem Institut für Entwicklung und Frieden. Im Fokus des diesjährigen Gutachtens steht die Krise der nuklearen Weltordnung. Daneben nehmen einzelne Kapitel aus globaler Perspektive bewaffnete Konflikte, „Flucht und Gewalt“, Rüstungsdynamiken, institutionelle Friedenssicherung und transnationale Sicherheitsrisiken in den Blick.

In seiner Einführung betonte Tobias Debiel, Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (Duisburg), die Notwendigkeit neuer Partnerschaften für die globale Friedenssicherung angesichts einer zunehmend verfahrenen weltpolitischen Lage. Auch wenn die EU zentraler Referenzpunkt einer multilateral ausgerichteten Politik sei, müsse jedoch in einzelnen politischen Feldern um weitere Partner geworben werden. Dies gelte vor allem mit Blick auf die Demontage des INF-Abkommens durch Washington und Moskau. Er plädierte angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Russland und der NATO für verstärkte Bemühungen um Verständigung mit Moskau.

Sigmar Gabriel, Martin Dutzmann, Claudia Baumgart-Ochse, Christoph von Marschall und Ursula Schröder (v.l.).

In einer kritischen Würdigung hinterfragte Sigmar Gabriel exemplarisch drei Postulate des Gutachtens: Der Annahme, Deutschland und Europa stellten attraktive Partner beziehungsweise Vermittler in der globalen Konfliktbewältigung dar, widersprach der frühere Bundesaußenminister. Er hielt dem entgegen, dass Deutschland und Europa infolge einer Verschiebung der Machtachsen vom Atlantik zum Pazifik heute eigentlich in keinem der weltweiten Konflikte eine entscheidende Rolle spielten. Mit Blick auf Erwägungen zu einer strategischen Unabhängigkeit von den USA warnte er davor, dass eine solche die EU zu spalten drohe – gerade angesichts der engen Anbindung ostmitteleuropäischer Staaten an Washington. Entgegen grundsätzlicher Vorbehalte gegenüber einer nicht nur werte-, sondern auch interessengeleiteter Politik betonte er die Notwendigkeit, gemeinsame Interessen zu formulieren, wenn man neue multilaterale Bündnisse schmieden wolle.

Sodann stellte sich Gabriel – moderiert von Claudia Baumgart-Ochse vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens-und Konfliktforschung in Frankfurt am Main – der Diskussion mit Ursula Schröder, wissenschaftliche Direktorin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Martin Dutzmann, dem Bevollmächtigten der EKD bei der Bundesrepublik, sowie Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der „Tagesspiegel“-Chefredaktion.

Ursula Schröder betonte die in den Augen der Herausgeber bestehende Notwendigkeit, die aus den Analysen des Gutachtens erwachsenden Forderungen an die Politik zu adressieren – auch im Wissen darum, dass diese wiederum Sachzwängen unterläge, wie sie Gabriel referiert hatte. Dutzmann ging – aus der Perspektive der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung – auf einzelne konkrete Fragestellungen, etwa der Rüstungsexportkontrolle, ein. So kritisierte er, dass die Rüstungspolitik bundespolitisch im Wirtschafts- und nicht im Sicherheits ressort angesiedelt sei. Marschall fokussierte die Debatte um eine strategische Ausrichtung der Außenpolitik auf die Frage nach einem adäquaten Umgang mit US-Präsident Donald Trump. Zwar sei er selbst nicht dessen Anhänger, doch gehe die hierzulande gepflegte Trump-Verdammung teilweise zu weit. In diesem Sinne plädierte er für eine pragmatische Haltung gegenüber dem Weißen Haus, die Trump zwar kritisiere, aber nicht per se alles, was von Trump kommt, für das Schlimme halte.

Friedensgutachten 2019, LIT Verlag, Berlin 2019. 146 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-643-14351-8.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2019.

Gedenken an den Vernichtungskrieg

Eine zivilgesellschaftliche Initiative fordert ein „Polendenkmal“ in Berlin

Von Tilman Asmus Fischer

Es dürfte nur wenige öffentliche Räume geben, die eine ähnlich hohe Denkmal-Dichte aufweisen können wie das Berliner Stadtzentrum. Ebenso vielfältig wie die historischen Prozesse und Ereignisse, die mit der Bundeshauptstadt verbunden sind, sind die geschichtspolitischen Initiativen, die in Stein gehauene und aus Metall gegossene Spuren im Stadtbild hinterlassen haben. Wenn es nach den Initiatoren eines im November 2017 an den Deutschen Bundestag gerichteten Aufrufs geht, soll ein „Polendenkmal“ auf dem Askanischen Platz in Berlin-Kreuzberg „zum Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945“ die monumentalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ergänzen.

Warschau im Januar 1945 (Bild: M.Świerczyński)

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die in den sechs Kriegsjahren in Polen begangenen Verbrechen, auf die der Aufruf verweist, von ihrer Qualität und Quantität her eine eigenständige Form des Gedenkens rechtfertigen. So qualifiziert auch die neuere zeitgeschichtliche Forschung die Kriegsführung in Polen als Vernichtungskrieg: von den Massenerschießungen nach Kriegsbeginn, über die Shoa (unter den ermordeten Juden befanden sich drei Millionen polnische Staatsbürger) bis zur Zerstörung Warschaus in den letzten Kriegsmonaten.

Ins Leben gerufen haben die Initiative neben den früheren Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse sowie dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, der Direktor des Deutschen Polen-Instituts (Darmstadt), Dieter Bingen, sowie der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, Florian Mausbach. Zu den weiteren Unterzeichnern des Aufrufs gehören auch Bischof Markus Dröge, Erzbischof Heiner Koch, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein sowie der langjährige EKD- und EKBO-Synodale Klaus Wittmann.

Seit der Veröffentlichung des Aufrufs vor gut anderthalb Jahren wirbt die Initiative auf unterschiedlichen Ebenen für ihr Projekt: Neben mehreren Informationsgesprächen mit Abgeordneten unterschiedlicher Bundestagsfraktionen fand im März eine Podiumsdiskussion in der Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund statt. Am 14. Mai präsentierte Emilie Mansfeld, Leiterin des Berliner Büros des Deutschen Polen-Instituts, auf Einladung der Evangelischen Akademie zu Berlin im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wglady Einblicke“ die Initiative vor zivilgesellschaftlichen Multiplikatoren der deutsch-polnischen Zusammenarbeit im Haus der EKD.

Auch wenn es Gedenkorte gebe, die bereits unter anderem an polnische Kriegsopfer erinnerten, wie etwa das Holocaust-Mahnmal, fehle – so Mansfeld – ein Denkmal, das konkret der polnischen Opfergruppe erinnere. Entsprechende Denkmäler bestünden etwa für die ermordeten Sinti und Roma sowie Homosexuellen. Mithin werde das Thema der Kriegsverbrechen im besetzten Polen dies- und jenseits der Oder asymmetrisch wahrgenommen; so gebe es bis heute keinen entsprechenden Termin im Kalender des öffentlichen Gedenkens in Deutschland. Insofern verbinden die Initiatoren mit ihrem Vorstoß die Hoffnung, über die Forderung nach einem Denkmal hinaus für dieses Defizit zu sensibilisieren und damit eine erinnerungspolitische Brücke zum Nachbarland zu schlagen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 22/2019.

Weitere Informationen: http://www.polendenkmal.de

Sport als Thema der Kirche

Bernhard Felmberg ist seit 20 Jahren Sportbeauftragter der EKBO

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist der 32. Spieltag, eine Stunde bevor im Olympiastadion Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart antreten und nach einer langen Durststrecke wieder einen Sieg erringen wird. Pfarrer Bernhard Felmberg und sein katholischer Amtsbruder Gregor Bellin begrüßen die Gottesdienstteilnehmer, die sich wie vor jedem Heimspiel der Hertha zu einer Andacht in der stadioneigenen Kapelle einfinden. 20 Minuten kommen Fans, Spieler, Funktionäre der Hertha, aber auch der gegnerischen Mannschaft zusammen, um zu beten, zu singen und auf das Evangelium zu hören.

Bernhard Felmberg predigt regelmäßig
in der Kapelle des Olympiastadions in
Berlin

Diesmal wird Bernhard Felmberg über die Emmaus-Jünger predigen – die sich auf dem Weg befinden gleich Fußballfans auf dem Heimweg nach einer Niederlage –, und seinen Zuhörern zusprechen: Wie die Jünger sollen auch wir uns heute von Gott finden lassen! Verkündigung im Stadion – dies ist eine der Aufgaben, die Bernhard Felmberg als Sportbeauftragter der EKBO versieht. Dieses Ehrenamt hat er seit nunmehr 20 Jahren inne – 20 Jahre, in denen er hauptberuflich zunächst in unterschiedlichen kirchlichen Funktionen und seit 2014 im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung tätig ist.

Warum ist ihm Sport überhaupt als Thema für die Kirche wichtig? – „Kirche“, so Felmberg, „ist immer in Gefahr, milieuverengt zu existieren.“ Die evangelische Kirche habe sich aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zurückgezogen – jedoch: „Der Sport ist ein vitaler Bereich, wo Menschen unterwegs sind, die noch neugierig auf unsere Kirche sind.“ Kirche am anderen Ort – etwa im Stadion – zu sein, heiße, offen zu sein für Menschen die Fragen nach Gott haben. Menschen an den Orten zu begegnen, die für sie prägend sind.

Daher sieht es Felmberg kritisch, dass die Situation des Kirchensports in einzelnen Gemeinden inzwischen schwierig sei: „Früher gab es etwa viele Tischtennisgruppen in Gemeindesälen.“ Heute vermieteten Kirchengemeinden ihre Gebäude viel stärker und es würden teils von kirchlichen Sportgruppen Mieten gefordert, die diese nicht zahlen könnten. „Diese Entwicklung kann ich als Sportbeauftragter nicht gutheißen.“ Anders als bei anderen Gruppen innerhalb der Gemeinden werde bei den Kirchensportlern zudem – fälschlicherweise – der Beitrag zum Gemeindewachstum in Frage gestellt.

Dabei kann die Sportarbeit der EKBO auf eine lange Tradition zurückblicken, die vor allem im alten West-Berlin eine starke Ausprägung hatte. Dies findet noch heute seinen Niederschlag darin, dass die „Evangelische Sportarbeit Berlin-Brandenburg“ als eingetragener Verein Mitglied des Landessportbunds Berlin ist. Dementsprechend vielfältig sind die Aufgaben des Sportbeauftragten. „Der Sportbeauftragte ist zunächst als Geistlicher zuständig für Andachten, Gottesdienste und Gespräche mit denjenigen, die in der verfassten Kirche Sport treiben.“ Zudem ist er – vor allem innerhalb des Arbeitskreises Kirche und Sport – mit unterschiedlichen sportethischen Fragen befasst.

Als dann in Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft 2006 der Umbau des Olympiastadions anstand, setzte sich Felmberg gemeinsam mit Bischof Wolfgang Huber für die Einrichtung einer Kapelle im Olympiastadion ein – und hatten hiermit Erfolg. Wie aber steht es um Kapelle und Andachten vor Heimspielen, sollten die Pläne für ein neues eigenes Hertha-Stadion Wirklichkeit werden? Hier ist Felmberg zuversichtlich: „Hertha BSC weiß, dass ein neues Stadion ohne Kapelle nicht geht. Das haben wir mit der Vereinsspitze so besprochen. Der Präsident Werner Gegenbauer sieht, was wir seit nunmehr 13 Jahren hier leisten. Er unterstützt unsere Arbeit.“

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 21/2019.

Prononciert

Eine praktische Kulturtheologie

Wilhelm Gräb: Vom Menschsein und der Religion. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2018, 348 Seiten, Euro 39,–.

Wissenschaftliche Gesamtschau und Streitschrift – in einer solchen Doppelgestalt erscheint das neue Buch von Wilhelm Gräb. Als Gesamtschau bietet „Vom Menschsein und der Religion“ den Ertrag einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Fragen der Religionsphilosophie – immer wieder ausgehend vom und hinführend zum Denken Friedrich D. E. Schleiermachers. Als Streitschrift kann das Buch insofern gelesen werden, als ihm der Impetus innewohnt, auf eine Ausrichtung der Gesamtheit evangelischer Theologie im Sinne einer „praktischen Kulturtheologie“ hinzuwirken – in wiederholter Abgrenzung zu einer Offenbarungstheologie, deren gewichtiger Vertreter Karl Barth bei Gräb Schleiermacher gewissermaßen als Antipode gegenübersteht.

Schleiermacher dominiert sodann auch den ersten der vier Teile des Buches, in dem die „Religion in ihrer Zugehörigkeit zum Menschen“ beleuchtet wird. Neben dem Gründungsvater der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität kommen hier vor allem Paul Ricoeur, Philipp Jacob Spener, Paul Tillich und Falk Wagner zur Geltung. Dieser Durchgang durch die Theologie- und Philosophiegeschichte umfasst zugleich etwas mehr als die Hälfte des gesamten Buches. Die drei in der zweiten Hälfte versammelten Abschnitte nehmen hieran anknüpfend Aktualisierungen vor – mit Blick zunächst auf kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen von Religion, alsdann auch auf die „kulturelle Performanz der Religion“ in bildender Kunst, Musik und Literatur. Abschließend buchstabiert Gräb die Konsequenzen seiner Überlegungen für die akademische Theologie aus.

Prägnanz gewinnen die Gedankengänge des Verfassers durch seine Neigung zu pointierten Kontrastierungen – begonnen bei derjenigen zwischen Sinnfragen und Dogma als Zentrum des Verständnisses von Religion. Hinzu tritt etwa die Gegenüberstellung von „religiöser Deutungskultur“ und „tradierte(n) Glaubenssätzen als geoffenbarte(r) Glaubenswahrheit“ als Gegenstand religiöser Bildung. Dies setzt sich fort bis in den Entwurf einer „praktischen Kulturtheologie“, die sich die „theologische Hermeneutik der Kultur“ zur Aufgabe macht. Sie steht damit einer „Kirchentheologie“ gegenüber, die sich primär den biblischen und kirchlichen Überlieferungen verpflichtet weiß. Teils drängt sich freilich die Frage auf, welche weiteren Perspektiven sich eröffneten, wenn das Verhältnis zwischen den gegenübergestellten Konzepten etwas weniger dichotom aufgefasst würde. Etwa, wenn Gräb die gegenwärtige Öffentliche Theologie als dogmatisch-wächteramtlich umreißt und ihr eine Ausrichtung an der Religion als „Angelegenheit des Menschen“ im Sinne Spaldings gegenüberstellt.

Als wissenschaftliche Gesamtschau zeigt das Buch Voraussetzungen und ideengeschichtliche Entwicklungen theologischen und religionsphilosophischen Denkens in der Tradition Speners, Schleiermachers und Tillichs ebenso auf wie ihren Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen in einer weltanschaulich pluralistischen und individualisierten Gesellschaft. Damit vermag das Buch, die Beweggründe, Konzepte und Argumente neuprotestantischer, beziehungsweise liberaler Theologie zu plausibilisieren und – auch dem anderen theologischen Denkschulen verpflichteten Leser – zu erschließen. Das prononcierte und streitbare Eintreten Gräbs für eine „praktische Kulturtheologie“ fordert den Leser heraus, sich dieser Position gegenüber zu verhalten: Mag es auch teils so erscheinen, als wenn der Spielraum zwischen Zustimmung oder Ablehnung gering sei – dies stellt in jedem Fall sicher, dass es nicht bei einer beliebigen Haltung gegenüber den Thesen des Autors bleibt, sondern vielmehr eine fruchtbare Kontroverse eröffnet wird.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 5/2019.

Europa zwischen Aufbruch und Krise

30 Jahre nach der friedlichen Revolution: Rückblick und Ausblick

Vom 19. bis 20. März veranstalteten der Berliner Beauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Deutsche Gesellschaft in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund eine Fachkonferenz zum Thema „1989-2019: Die Revolution in der DDR und in Ostmitteleuropa. Globale Entwicklungen und Perspektiven“. Diese ging nicht nur – gemeinsamen und divergierenden – Entwicklungen in einzelnen früheren Ostblockstaaten nach, sondern fragte zudem nach deren Rezeption und gegenwärtigen Bedeutung.

Dr. Manfred Sapper
(Fotos: Deutsche Gesellschaft)

In seinem Eröffnungsvortrag über „1989/90 als globale Zäsur“ plädierte Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“, dafür, diese Zäsur mit den Jahren 1989 bis 1991 zu fassen, denn erst mit Auflösung der Sowjetunion habe sich die entscheidenden historische Konstellation des 20. Jahrhunderts aufgelöst: der Ost-West-Konflikt, der als ideologischer, politischer, ökonomischer sowie militärischer Konflikt die Weltpolitik strukturiert – und sich zugleich in Form von Dissidentenverfolgung und Antikommunismus als innergesellschaftlicher Konflikt innerhalb der sich gegenüberstehenden Blöcke ausgewirkt habe.

Prof. Dr. Klaus Gestwa

Die historischen Umbrüche im östlichen Europa, die zum Ende dieser Konfrontation geführt hatten, charakterisierte Prof. Dr. Klaus Gestwa, Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Eberhard Karls Universität Tübingen, „als Mischform von Reform und Revolution“ und damit zugleich als „etwas weltgeschichtlich Neues“. Damit knüpfte er in seinem Vortrag über „Das Ende des osteuropäischen Staatssozialismus“ an den von Timothy Gorden Ash geprägten Begriff der „Refolution“ an. Während einer Podiumsdiskussion über die „Veränderung der internationalen Ordnung“ infolge von 1989/90 rief Gestwa die Rolle von Nichtregierungsorganisationen – und dies bereits in den vorangegangenen Jahren – in Erinnerung. Jene hätten dazu beigetragen, dass der Ostblock durch den Eisernen Vorhang niemals hermetisch abgeriegelt gewesen sei. Auch wenn Gestwa lediglich prominente Beispiele wie Amnesty International oder Greenpeace ins Feld führte, trifft diese Feststellung natürlich auch auf Akteure wie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, die innerhalb der Schlesischen Jugend formierte Arbeitsgemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Ostdeutschland (die spätere AGMO e.V.) oder die Internationale Paneuropa-Union zu.

Wie dies bereits der Konferenztitel implizierte, waren die Beiträge – zumindest in weiten Teilen – komparativ angelegt und legten neben Gemeinsamkeiten auch wesentliche Unterschiede zwischen der DDR (bzw. dem vereinigten Deutschland) und den übrigen Ostblockstaaten offen, sowohl was die historische Gestalt der Revolution als auch deren Rezeption betrifft. So verwies etwa Dr. Oliver Bange vom Historischen Institut der Universität Mannheim auf die unterschiedlichen – und im Falle der meisten ostmitteleuropäischen Staaten eben fehlenden – Demokratietraditionen, an die die revolutionären Kräfte anknüpfen bzw. ohne die sie auskommen mussten; dies präge bis heute die unterschiedlichen politischen Kulturen in den betreffenden Staaten.

Von daher versteht es sich auch, dass Prof. Dr. Ralph Jessen, Historisches Institut der Universität zu Köln, hinter dem Titel seines Vortrags ein Fragezeichen ergänzt sehen wollte: „1989/90 als europäischer Erinnerungsort?“ Denn, wie er zeigte, ist das Gedenken an diese Jahre nur schwach europäisiert, wofür Jessen verschiedene Ursachen ausmachen kann: Jedes Land bringt bereits eine eigene Geschichtskultur, also Formen und Modi des Umgangs mit der eigenen Geschichte, mit. Ebenso unterschiedlich sind die Entwicklungen, die sich für die heutigen Staaten mit der damaligen Wende verbinden; sie reichen von staatlicher Kontinuität über Staatsbildung und -transformation bis zur Wiedervereinigung. Zudem stehen die Jahre 1989/1990 für jedes Land in je eigener Weise in Beziehung zur „Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts“, die Jessen mit den Jahren 1939, 1941 und 1945 markierte. Vor diesem Hintergrund erscheinen die einzelnen nationalen Erzählungen über das Ende des Kommunismus nicht nur per se heterogen, sondern stehen sich in einem Verhältnis zwischen Asymmetrie und Konkurrenz gegenüber.

Die Rezeptionen der unterschiedlichen Revolutionsgeschichten verbinden sich mit der Frage nach gegenwärtigen Trends und Spannungen innerhalb der Europäischen Union. Und so fragte Prof. Dr. Ulrich Herbert, Historisches Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, in seinem Vortrag: „Wohin strebt Europa?“ Ursachen einer zunehmenden Entfremdung vom westlichen Teil der EU sieht er bei den ostmitteleuropäischen Staaten in dort vorhandenen xenophoben Traditionen, der „Wahrnehmung Brüssels als Machtzentrum, das der wiedergewonnenen nationalen Autonomie entgegensteht“, und einem grundsätzlichen „Fremdeln mit der Moderne“. Dennoch schloss Herbert zuversichtlich: „Vorangetrieben wurde die europäische Vereinigung vor allem durch ihre Krisen.“ Daher müsse gerade jetzt „eigentlich Hoffnung bestehen, denn in der Krise hat sich Europa immer wieder bewährt“.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 2/2019.

„Zeichen eines veränderten Klimas“

Die Humboldt-Universität zu Berlin bekommt ein neues Institut für Katholische Theologie.

Von Tilman Asmus Fischer

Im Wintersemester 2019/2020 wird das neu gegründete Institut für Katholische Theologie (IKT) an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) den Lehrbetrieb aufnehmen. Am 29. März informierten die HU, das Erzbistum Berlin und die Senatskanzlei – Wissenschaft und Forschung die Öffentlichkeit über den aktuellen Planungsstand und die anstehenden Entwicklungen. Zum künftigen Lehrangebot des IKT soll neben Lehramtsstudiengängen auch ein Monobachelorstudiengang „Religion und Gesellschaft“ gehören.

Für Johannes Helmrath, Gründungsdirektor des IKT, war die „Neugründung eines Instituts in nur elf Monaten eine große Herausforderung“, die er gemeinsam mit seinem Team gerne angenommen habe: „Heute kann ich sagen, dass wir das Institut für Katholische Theologie pünktlich zum 1. Oktober 2019 eröffnen werden. Es wird die Katholische Theologie und die theologischen Wissenschaften insgesamt sehr bereichern.“

Das von den Initiatoren des IKT vorgestellte Institutsprofil klingt ambitioniert. Neben Lehramtsstudenten soll das Studium sich an künftige Medienschaffende, Wissenschaftler und zivilgesellschaftliche Multiplikatoren richten. Dabei soll inhaltlich sowohl der spezifischen religionskulturellen Situation Berlins als auch einem globalgeschichtlichen Ansatz Rechnung getragen werden. Dem humboldtschen Bildungsideal entsprechend soll das IKT verbunden mit der Lehre auch ambitionierte Forschung leisten. Daher wird mit Spannung abzuwarten sein, welche Schwerpunktsetzungen im Profil des Instituts sich durch die Ergebnisse der anstehenden Berufungsverfahren ergeben werden.

Sabine Kunst, Präsidentin der HU, verspricht, die katholische Theologie in das wissenschaftliche Netzwerk der Universität einzubinden: „Wir kommen damit dem Diskurs der Theologien an der HU Schritt für Schritt näher.“ Hiervon erhofft sie sich einen über Berlin hinausreichenden Ertrag, „denn trotz einer vermeintlich säkularer werdenden Gesellschaft sind diese aktuellen Entwicklungen spannend und im interdisziplinären Diskurs gerade an der Humboldt-Universität wichtig“.

Damit das IKT jedoch seinen Betrieb aufnehmen kann, sind – neben den Berufungen – noch einige wichtige Weichenstellungen notwendig. So müssen der Akademische Senat und das Erzbistum Berlin noch der Studien- und Prüfungsordnung zustimmen, die ab dem kommenden Wintersemester den Bachelorstudiengang „Katholische Theologie“ mit Lehramtsoption im Kern- oder Zweitfach regeln soll. Ein Jahr später sollen dann der Lehramtsmaster und der Studiengang „Religion und Gesellschaft“ starten. Die hierzu notwendige Studien- und Prüfungsordnung soll nach Berufung der IKT-Professoren von diesen verabschiedet werden.

Die ersten zehn Kandidaten werden sich am 25. und 26. April mit Probevorträgen im Senatssaal der Humboldt-Universität (Unter den Linden 6) vorstellen. Die Bewerber für die Professur für Historische Theologie sind Regina Heyder (Mainz), Günther Wassilowsky (Frankfurt/Main), Sebastian Holzbrecher (Mainz), Jörg Ernesti (Augsburg) und Norbert Köster (Münster). Für die Professur für Biblische Theologie stellen sich am folgenden Tag Veronika Burz-Tropper (Wien), Johannes Bremer (Bochum), Katharina Pyschny (Bochum), Michael Sommer (Halle-Wittenberg) und Christina Kumpmann (Aachen). Öffentliche Diskussionen und Fragen von Studenten sind hierbei möglich. Insgesamt haben sich 140 Kandidaten beworben. Das neue Institut wird nicht nur das inhaltliche Portfolio der HU erweitern, sondern bedeutet eine konkrete Bereicherung für die Studentenschaft aller Fakultäten, hebt Pater Max Cappabianca OP, Studierendenpfarrer der Katholischen Studierendengemeinde Edith Stein (KSG), gegenüber der „Tagespost“ hervor. Wenn seine Gemeindemitglieder auch aus unterschiedlichsten Studiengängen kämen, hätten sie oft zudem Interesse an theologischen Fragen: „In Zukunft gibt es also an der HU die Möglichkeit, Theologie in seine Studien einfließen zu lassen und mit Theologinnen und Theologen ins Gespräch zu kommen.“

Die geistlichen, spirituellen und politischen Angebote der KSG seien dabei auch für Studenten und Dozenten des IKT von Interesse: „Daher freuen wir uns schon sehr auf die Zusammenarbeit!“ Für Cappabianca reicht die Bedeutung des neuen Instituts über Berlin hinaus: „Die Hauptstadt hat eine bundesweite und europäische Bedeutung. Daher ist die Präsenz eines solchen Instituts in der Hauptstadt wichtig, um in einer globalisierten Welt sprachfähig zu bleiben.“ Weltweit würden Religionen künftig tendenziell eine wachsende Bedeutung haben: „Da ist es gut, Fachleute zu haben!“ Fachlich gestärkt wird die katholische Theologie gerade auch im Vergleich zum bisherigen Seminar für katholische Theologie an der Freien Universität Berlin, das in den vergangenen Jahren eher ein Schattendasein führte. Dessen Studenten werden nun in die Studiengänge der HU eingegliedert. Seinen Sitz wird das neue Institut in der Hannoverschen Straße in Berlin-Mitte – gleich neben dem Kommissariat der Deutschen Bischöfe – haben. In dem Gebäude, das zuvor der Gerichtsmedizin diente, wird zugleich das parallel in Gründung befindliche Institut für Islamische Theologie angesiedelt, was die interdisziplinäre Ausrichtung des Instituts versinnbildlicht.

Und so mehr freut sich auch Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, auf einen offenen wie kritischen Dialog mit der Evangelischen, Islamischen und Jüdischen Theologie, sowie mit den weiteren Human- wie Naturwissenschaften: „Ich freue mich auf den wissenschaftlichen Streit um das Bild vom Menschen und die Frage nach Gott, ich freue mich auf bio- und medizinethische Debatten, gerade auch angesichts der Nachbarschaft des Instituts zur Charité.“

Kooperationen – nicht nur mit dem islamischen Institut, sondern auch mit der evangelischen Theologischen Fakultät der HU und der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin – sind bereits in Planung. Zudem soll die – bisher an der Theologischen Fakultät angesiedelte – Guardini Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung als sechster Lehrstuhl am IKT fortgeführt werden. Eine entsprechende Finanzierung bis 2022 wurde von der Guardini-Stiftung zugesagt.

Ugo Perone, langjähriger Inhaber der Guardini-Professur, sieht in der Institutsgründung „ein deutliches Zeichen eines kulturell veränderten Klimas in Berlin“. Er fordert, die Chancen aufzugreifen, die sich aus der neuen Aufmerksamkeit für Religion und katholische Intellektualität ergeben: „Die Tatsache, dass gleichzeitig ein Institut für islamische Theologie eröffnet wird, unterstreicht, dass der theologische Diskurs nicht nur innerhalb der jeweiligen Konfessionen und Religionen Bedeutung hat, sondern gesellschaftlich relevant ist.“ Daher gelte es, „in einen fruchtbaren Austausch mit den anderen theologischen Institutionen einzutreten“. Sein eigener Lehrstuhl sehe sich in seiner interkonfessionellen und interreligiösen Funktion bestätigt und bestärkt, diesen Weg auch weiterhin zu verfolgen, so Perone: „Die Religionsphilosophie bietet ein ausgezeichnetes Feld für einen offenen und ernsten Dialog.“ In diesem Sinne die gegenwärtigen Herausforderungen anzunehmen, bedeute eine „Fortsetzung des Denkens Romano Guardinis in der heutigen Zeit“.

Auch über den akademischen Raum hin-aus verbinden sich mit dem neuen Institut Hoffnungen und Erwartungen – gerade auch für das „katholische Berlin“. So sieht Joachim Hake, Direktor der Katholischen Akademie in Berlin in der unmittelbaren räumlichen Nachbarschaft des neuen Instituts zur Akademie „eine große Chance für eine selbstverständliche Kooperation“. Vom IKT erhoffe er sich eine deutliche Stärkung der katholischen Präsenz in der Hauptstadt, so Hake: „Das meint weniger das notwendige interdisziplinäre Gespräch der Wissenschaften untereinander als vor allem die transdisziplinären Gespräche von Theologie mit den Politikern und Kulturschaffenden, mit Juristen, Medizinern und Wirtschaftsvertretern.“ Dringliche Fragen gebe es genug: „Kulturelle, politische und religiöse Identität, Anthropologie, Medizinethik und die Hermeneutik der eigenen katholischen Überlieferung und Tradition.“

Erschienen am 25. April 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de). (Mit Material von KNA)