Beauftragte in schwierigen Zeiten

Natalie Pawlik im Interview

Russlands Krieg gegen die Ukraine, Diskriminierung deutscher Schüler in Polen – die Lage, in der Natalie Pawlik MdB das Amt der Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten angetreten hat, kann gewiss nicht als leicht bezeichnet werden. Im Interview mit Tilman A. Fischer spricht die 1992 im sibirischen Wostok geborene Sozialdemokratin über ihre Positionen, persönliche Anliegen und die Erfahrungen der ersten Monate im Amt.

Frau Pawlik, Sie sind als russlanddeutsche Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen. Gibt es einen konkreten biographischen Moment, von dem Sie rückblickend sagen würden, dass Ihnen die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Gruppe der Aussiedler erstmals explizit bewusst geworden ist?

Dadurch, dass ich meinen Großvater noch kennengelernt habe, dessen Biographie sehr von den Kriegsfolgen geprägt war, war das Schicksal der Russlanddeutschen immer ein Thema in unserer Familie. Wir haben – zumal aufgrund der Traumatisierung meines Großvaters – immer offen über diese Geschichte gesprochen. So richtig ist mir in der Grundschule bewusst geworden, dass wir zu einer besonderen Gruppe gehören: Ich wohnte in einem Aussiedlerwohnheim – andere Mitschüler in „normalen“ Häusern oder Wohnungen. Dass wir irgendwie anders sind, wurde ab diesem Zeitpunkt immer deutlicher. Außerdem hatte ich in meiner Biographie immer wieder Phasen – zum Beispiel als Teenager –, in denen ich mehr mit russischsprachigen Menschen zu tun hatte und dadurch natürlich auch in Identitätskonflikte gekommen bin.

Wann wurden diese Erfahrungen und Zusammenhänge für Sie als Politikerin relevant?

Seit dem „Fall Lisa“, im Jahr 2016, habe ich angefangen mich sehr offensiv mit Aussiedlerpolitik zu befassen, weil es mich sehr geärgert hat, wie zu der Zeit in den Medien über Russlanddeutsche berichtet wurde. Eine ganze Gruppe wurde damals in ein negatives Licht gerückt. Es hat mich wütend gemacht, dass nicht die Vielfalt der russlanddeutschen Community, die Vielen, die sich engagieren und Teil dieser Gesellschaft sind, im Fokus standen, sondern die Russlanddeutschen immer nur in einem negativen Kontext dargestellt wurden. Das wollte ich damals nicht zulassen und so habe ich begonnen, mich intensiv mit Aussiedlerpolitik und den Herausforderungen der Community zu beschäftigen

Welche Erfahrungen haben Sie in den Jahren als Jugendliche und junge Politikerin mit den Selbstorganisationen der Deutschen aus Russland gesammelt?

Als Jugendliche war ich in der Tanzgruppe „Internationaler Club Bad Nauheim“ aktiv – zusammen mit Menschen aus unterschiedlichen Nationen, darunter viele Russischsprachige: jüdische Kontingentflüchtlinge und Russlanddeutsche. Hierüber kam ich zur Deutschen Jugend aus Russland (DJR), dort habe ich recht früh begonnen Theater zu spielen und an Jugendprojekten teilzunehmen. Seit 2016/17 bin ich auch Mitglied bei der Deutschen Jugend aus Russland in Hessen. Dort habe ich im Rahmen der politischen Bildungsarbeit als Referentin und Teilnehmerin mitgewirkt. Im Rahmen meiner neuen Aufgabe als Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten arbeite ich sehr eng mit den Selbstorganisationen, den Vereinen und Landsmannschaften der verschiedenen Aussiedlergruppen zusammen. Dieser enge Austausch und der regelmäßige Kontakt sind mir auch sehr wichtig.

Nun ist das Verhältnis Ihrer Partei zu den organisierten Vertriebenen und Aussiedlern historisch nicht spannungsfrei. Wie reagierte man in den Reihen der SPD auf Ihr Engagement?

In der SPD wurde es immer sehr positiv wahrgenommen, dass ich mich als Russlanddeutsche in der Partei engagiere. Zugleich habe ich immer versucht, innerhalb der Partei einen Zugang zu aussiedlerpolitischen Themen zu organisieren und für gegenseitiges Verständnis zu sorgen und Menschen zusammenzubringen. Es ist natürlich immer herausfordernd, in der SPD – wie auch in den anderen Parteien – ein Bewusstsein für aussiedler- und vertriebenenpolitische Fragen zu schaffen, da diese oft als Nischenthemen abgestempelt werden. Dennoch konnte ich immer wieder offene Türen einrennen. Was mich jedoch aufgebracht hat, war, wenn ich auch aus den eigenen Reihen Kommentare über „die Russlanddeutschen“, die als „die Russen“ oder „die AfD-Wähler“ bezeichnet wurden, gehört habe. Ich sehe es als meine Aufgabe an, dafür zu sorgen, das Wissen über die Anliegen und die Geschichte von Aussiedlern und Vertrieben weiterzutragen und dafür zu sorgen, dass Vorurteile abgebaut werden.

Und wie sieht es umgekehrt aus: Wie werden Sie als sozialdemokratische Fachpolitikerin von den Zielgruppen wahrgenommen?

Bei meiner Tätigkeit geht es vordergründig um die Anliegen der Angehörigen der nationalen Minderheiten, der deutschen Minderheiten und der verschiedenen Aussiedler- und Vertriebenengruppen. Da spielt meine Parteizugehörigkeit eine nebensächliche Rolle. Es freut mich aber natürlich, wenn es mir gelingt, innerhalb der Sozialdemokratie ein Interesse für die Themen der Vertriebenen und Heimatverbliebenen herzustellen, ebenso wie ich mich freue, wenn sich Vertriebene und Heimatverbliebene sozialdemokratischen Ideen öffnen. Tatsächlich hatten – etwa die deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa (MOE) sowie den Staaten der ehemaligen Sowjetunion – bisher wenige direkte Berührungspunkte mit der SPD. Nicht zuletzt, weil die Position des Aussiedlerbeauftragten lange Zeit konservativ besetzt war, aber auch, weil es in der SPD bisher keine große Gruppe gibt, die sich für die deutschen Minderheiten engagiert. Anfang November hatten wir aber bereits ein gutes Treffen zwischen der Spitze der SPD-Bundestagsfraktion und der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Minderheiten (AGDM). Das sind Brücken, die ich gut bauen kann und bauen möchte, auch im Sinne der politischen Vielfalt und Überparteilichkeit in diesem Politikfeld.

Gibt es so etwas wie einen sozialdemokratischen Schriftzug, der in Ihrer Wahrnehmung des Amtes als Beauftragte der Bundesregierung deutlich werden könnte?

Ich setze Aussiedler- und Vertriebenenpolitik zum einen stark in den gesamtgesellschaftlichen Kontext. Das heißt, ich habe den Anspruch, nicht nur an die Geschichte zu erinnern, sondern tages- und sozialpolitische Bezüge herzustellen: Wie war der Integrationsprozess der Vertriebenen und Aussiedler? Welche strukturellen Hürden müssen sie und ihre Nachkommen auch heute noch meistern? Wie können sie dabei unterstützt werden? Was können wir aus der Geschichte der Aussiedler und Vertriebenen für die Gegenwart lernen, um die Aufnahme- und Integrationsprozesse zu verbessern und Vielfalt in unserer Gesellschaft zu stärken? Zum anderen habe ich einen sehr offenen Heimatbegriff: Für mich ist Heimat nicht diskriminierend, sondern inklusiv. Die Bundesrepublik Deutschland soll auch für Menschen Heimat sein, die woanders geboren wurden und woanders herkommen. Entscheidend ist die Frage, wie eine moderne, vielfältige Gesellschaft aussehen kann, in der Aussiedler sowie die deutschen Heimatvertriebenen und ihre Nachfahren ihre Identität und ihre Mehrsprachigkeit leben können und sie gesellschaftliche und soziale Teilhabe haben. Dabei geht es nicht zuletzt auch um Sichtbarkeit – als Teil der Gesellschaft.

Seit der Ernennung zur Aussiedlerbeauftragten hatten Sie bereits vielfältige Gelegenheiten, ihren Blick über die russlanddeutsche Gemeinschaft hinaus zu weiten. Welche Erfahrungen und Eindrücke sind dabei von zentraler Bedeutung?

Vor meiner Ernennung hatte ich noch keine enge Zusammenarbeit mit Teilen der Landsmannschaften oder den Selbstorganisationen der deutschen Minderheiten in MOE und der Gemeinschaft unabhängiger Staaten. Im Zuge meiner Ernennung habe ich aber natürlich zeitnah Kontakt aufgenommen und die meisten Akteurinnen und Akteure kennengelernt. So konnte ich zum Beispiel im Rahmen des Sudetendeutschen Tages wichtige Vertreterinnen und Vertreter dieser Gruppe kennenlernen, und konnte beispielsweise bei meiner Reise nach Polen der deutschen Minderheit in Polen in ihrer Breite begegnen. Die Auseinandersetzungen mit der Frage des Heimatverlustes und das Ankommen in einer neuen Heimat ähneln den Diskursen, die ich auch aus der russlanddeutschen Community kenne. Es gibt zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den Gruppen, für die ich zuständig bin. Gleichwohl ist jede Gruppe in ihrer Geschichte, ihren Traditionen, ihren Arbeitsweisen und ihren Anliegen sehr individuell. Das finde ich spannend zu sehen. Auch meine Besuche bei den nationalen Minderheiten in Deutschland haben meinen Blick nochmal neu für die Geschichte und die Herausforderungen der einzelnen Gruppen geöffnet – mit allen Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Am Ende geht es aber doch bei allen um Sichtbarkeit, Teilhabe, Chancen, ein Leben frei von Diskriminierung; und das verbindet, nach meiner Einschätzung, letztlich auch alle Gruppen miteinander.

Sowohl für die deutschen Heimatvertriebenen als auch für die Heimatverbliebenen stellt sich in diesen Jahren die Herausforderung des Erinnerungstransfers. Welche Perspektiven sehen Sie hier?

Es ist sehr wichtig, dass wir weiterhin erinnern. Deshalb sind Institutionen wie das Dokumentationszentrum in Oppeln oder die ostdeutschen Landesmuseen wichtig, die die Geschichte weitertragen. Was ich aber auch betonen möchte: In Polen habe ich eine unglaublich lebendige Jugend der deutschen Minderheit erlebt – sie ist wahnsinnig aktiv. Dort engagieren sich sehr viele junge Menschen, die sich sowohl mit der Geschichte als auch mit der Gegenwart beschäftigen. Das finde ich sehr beeindruckend – und darum geht es eben gerade auch: Dass wir die junge Generation mitnehmen, die dem Ganzen eine Zukunft gibt. Die Jugendarbeit zu stärken ist mir ein wichtiges Anliegen.

Umso fataler sind die Maßnahmen der polnischen Regierung gegen die deutsche Volksgruppe. Wie schätzen Sie deren menschenrechtliche Lage ein und welche Handlungsmöglichkeiten haben Sie?

Ich bin sehr erschrocken darüber, dass in Europa, in Polen wieder Diskriminierungen einer Minderheit stattfinden – und zwar so offensichtlich: Wenn einseitig bei der deutschen Minderheit der muttersprachliche Unterricht gekürzt wird, werden damit Kinder für parteipolitische Interessen in Sippenhaft genommen. Das bedeutet ganz konkret: Über 50.000 Kindern wird die Möglichkeit genommen, in muttersprachlichem Deutschunterricht Deutsch zu lernen. Es gehört zu unseren Aufgaben, der deutschen Minderheit in diesen Zeiten zur Seite zu stehen. Ich freue mich sehr, dass wir vor diesem Hintergrund 5 Millionen Euro im Bundeshaushalt 2023 für die außerschulische Sprachförderung der deutschen Minderheit in Polen verankern konnten. Gleichzeitig versucht die Bundesregierung auch, auf diplomatischem Wege dahin zu kommen, dass die Kürzungen zurückgenommen werden.

Blicken wir noch etwas weiter nach Osten, sind wir gegenwärtig mit besonders schwerwiegenden Fragen konfrontiert. Welche Auswirkungen hat der russische Überfall auf die Ukraine auf Ihren Arbeitsbereich?

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine wirkt sich stark auf meine Arbeit aus. Einerseits gibt es dadurch starken Handlungsbedarf für die Heimatverbliebenen, also vor allem für die deutsche Minderheit in der Ukraine. Hier geht es um humanitäre Hilfe und die Unterstützung des Verbandswesens, aber auch um die Frage: Wie schaffen wir es für Menschen, die sich für eine Umsiedlung nach Deutschland entscheiden, eine schnelle Aufnahme im Rahmen eines Härtefallverfahrens zu ermöglichen? Gleiches gilt natürlich für die deutsche Minderheit in Russland, die gegenwärtig massiven Repressionen ausgesetzt ist. Die Organisationskonten sollten gesperrt werden, und zum Teil wurden sie als Agentenorganisationen gehandelt. Gleichzeitig stellt der Wechselkurs die Finanzierung von Projekten der deutschen Minderheit in Russland vor große Herausforderungen. Andererseits passiert sehr viel innerhalb der russischsprachigen Community hier in Deutschland. Es ist allgemein bekannt, dass Putin versucht, auch im Ausland seine Narrative und Desinformationen zu verbreiten. Bei einigen wirkt das nach wie vor. Daher ist es eines meiner zentralen Anliegen, daran zu arbeiten, dass die Desinformationskampagnen nicht erfolgreich sind, sondern dass unsere Gesellschaft zusammenhält. Ich kämpfe dafür, dass Desinformationen ihre Wirkung nicht entfallen können und trete dagegen an, dass Menschen völlig unbehelligt in Blasen der Desinformation unterwegs sind und sich dadurch von unserer Demokratie abkoppeln.

Wie kann das gelingen?

Zum Beispiel sind viele junge Menschen aus den Reihen der Spätaussiedler zuhause großen Konflikten ausgesetzt – oft mit ihren Eltern und Großeltern, die andere Informationen konsumieren. Diese Jugendlichen müssen in der Entwicklung von Kompetenzen unterstützt werden, um mit den Konfliktsituationen zurechtzukommen. Hier gilt es, ihnen im Rahmen der politischen Bildung Kommunikationsstrategien an die Hand zu geben, um auch zuhause unsere demokratischen Werte verteidigen, und Falschinformationen widerlegen zu können. Gleichzeitig ist es natürlich auch wichtig, dass wir die politische und digitale Bildung auch für Erwachsene und ältere Menschen stärken.

Welche Bedeutung kommt den Organisationen der deutschen Aussiedler und Heimatvertriebenen in der Bewältigung der Lage zu?

Wir haben ganz viele Vertriebenen- und Aussiedlerorganisationen, die bei der Aufnahme und der Unterbringung von Geflüchteten unterstützen, Hilfspakete und Spenden gesammelt und in die Ukraine gebracht haben. Unter den Vertriebenen und Spätaussiedlern gibt es eine große Solidarität und ein tiefsitzendes Erschrecken darüber, dass so etwas in Europa wieder passiert ist. Ganz viele russlanddeutsche Organisationen haben sich klar öffentlich gegen diesen Krieg positioniert. Ich bin davon überzeugt, dass diese Stimmen wichtig sind. Gleichzeitig arbeiten auch die Selbstorganisationen daran, dass unsere Gesellschaft gerade in diesen Zeiten zusammenhält.

Was aber kann zuletzt getan werden, um den bedrängten Deutschen in Putins Reich zu helfen?

Für sie öffnen wir ebenfalls das Härtefallverfahren bei der Aufnahme. Ich bin im ständigen Austausch mit den Vertreterinnen und Vertretern dort, um zu sehen, wie wir sie weiterhin unterstützten können. Wir können ihnen Wege zeigen, Russland sicher zu verlassen. Gerade auch im Kontext der Mobilmachung durch Putin haben wir das Härtefallverfahren für Menschen aus Russland geöffnet. Aber auch der deutschen Minderheit stehen wir zur Seite und helfen, wo wir helfen können.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2022.

Aufklärung über geschichtliche Prozesse

Buchempfehlung zu: Mark Jones, 1923. Ein deutsches Trauma

Ein ideales Timing kann man dem irischen Historiker Mark Jones nicht absprechen. 2017 war er mit seinem Buch „Am Anfang war Gewalt“ an die Öffentlichkeit getreten, das sich mit der Entstehung der Weimarer Republik im Kontext der deutschen Revolution der Jahre 1918 und 1919 befasste. Fünf Jahre später hat er nun, 2022, ein Werk unter dem Titel „1923. Ein deutsches Trauma“ auf den Markt gebracht. Dabei hat der Autor sich jedoch wohl nicht nur von der simplen Einsicht treiben lassen, dass die Deutschen gerne Bücher kaufen, die sich an der 100. Wiederkehr von Epochenjahren orientieren.

Abspüren lässt sich dem Buch vielmehr die – begründete – Überzeugung, durch historische Analyse und Reflexion zu einer Aufklärung über geschichtliche Prozesse beizutragen, die auch von gegenwärtiger Relevanz ist. Für die deutsche Leserschaft handelt es sich dabei gewissermaßen um eine „Selbstaufklärung“; denn Jones‘ Bücher eröffnen ein tieferes Verständnis für historische Entwicklungen, die nicht nur die deutsche Geschichte, sondern zugleich das kollektive Gedächtnis und politische Mentalitäten in der longue durée, der in langen Zeiträumen betrachteten Geschichte, geprägt haben.

Indem Jones eine Studie über das Jahr 1923 vorlegt, fokussiert er ein Jahr, dessen Ereignisse nachhaltigen Einfluss auf das spannungsreiche Verhältnis der Deutschen zu ihrer ersten Republik hatte, und betrachtet damit zentrale Aspekte der Demokratie-Geschichte Deutschlands gleichsam unter dem Brennglas. Dabei liegt es Jones fern, die letztlich arbiträren Grenzen des Kalenderjahres zu einem inhaltlichen Kriterium zu erheben – und so beginnt das Buch nicht erst mit der französischen Ruhrbesetzung im Januar 1923, sondern bereits mit dem Rathenau-Mord 1922 und reicht mit dem seit Dezember 1923 erarbeiteten Dawes-Plan zur Regelung der deutschen Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges weit in das Jahr 1924 hinein.

Zwischen diesen Wegmarken bieten die – dann wieder kalendarisch strukturierten – zwölf Kapitel aber spannende Einzelstudien zu zentralen Ereignissen eines von drohendem Bürgerkrieg, Inflation und politischem Extremismus von rechts und links geprägten Jahres. Dabei gelingt es Jones, wie bereits in seiner Monographie „Am Anfang war Gewalt“, makrogeschichtliche Fragestellungen derart zu – durch intensive Quellenarbeit erschlossenen – mikrogeschichtlichen Fallstudien in Beziehung zu setzen, dass neue Perspektiven und Einsichten erschlossen werden. Dies gilt für die massenweise Vergewaltigung deutscher Frauen durch französische Besatzungssoldaten ebenso wie für antisemitische Gewalttaten im Kontext des erstarkenden Rechtsextremismus – aber auch für Beispiele gelingenden Krisenmanagements einer demokratischen Regierung.

Mark Jones, 1923. Ein deutsches Trauma. Basierend auf neu erschlossenem Quellenmaterial aus europäischen Archiven, aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, Berlin: Propyläen, 2022;. 384 S., Hardcover, € 26,00 – ISBN 9783549100301

Tilman Asmus Fischer

O. T. erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2022.

Was die Sprache enthüllt

Ein aktueller Band vereint zeitkritische Essays über Identität, Politik und Religion

Von Tilman Asmus Fischer

Seit 2015 eröffnet die Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden (StGO) mit ihrer Schriftenreihe „Georgiana“ – so der Untertitel – „neue theologische Perspektiven“. Zunächst herausgegeben vom Gründer der Bruderschaft, Ulrich Schacht, und ihrem heutigem Großkomtur, Thomas A. Seidel, wird sie nach Schachts Tod von Seidel gemeinsam mit dem Publizisten Sebastian Kleinschmidt fortgeführt. Mit Sprache im Spannungsfeld von Politik und Religion nimmt sich der heuer erschienene siebente Band eines tatsächlich äußerst brisanten Themas an. Die in den meisten Beiträgen dominierende Kritik an gegenwärtigen identitätspolitisch motivierten Versuchen von ‚Sprachreformen‘ ist zwar in der großen Linie ebenso berechtigt wie genau besehen nicht neu. Jedoch ergeben sich tatsächlich neue Perspektiven, indem durch die Gesamtheit der Aufsätze der virulente Streit um die Sprache in einen größeren Zusammenhang eingeordnet wird. Grundlage des Buches sind die Vorträge des LIX. Konvents der StGO im Oktober 2020 im Erfurter Augustinerkloster.

Es trägt durchaus zum Gehalt des Bandes bei, dass er dem Aufsatz von Annette Weidhas, Programm- und Verlagsleiterin der Evangelischen Verlagsanstalt, fast ein Drittel des Umfangs einräumt. Denn ihre Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Identitätspolitiken ist differenzierter als es der polemische Titel („Das Virus der Identitätspolitik“) erwarten lässt – aber gerade deshalb besonders prägnant. Aus gesellschaftswissenschaftlicher, philosophischer und vor allem auch theologischer Perspektive gelingt es ihr, die „Gendersprache“ als „Signum eines neuen Irrationalismus“ auszuweisen.

Leider erreichen nicht alle der weiteren Beiträge das argumentative Niveau von Weidhas. Dies hat seinen Grund auch an teils ambivalenten Zungenschlägen, derer sich einzelne Autoren befleißigen. So wird etwa nicht abschließend ersichtlich, weshalb sich der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai in seiner Abhandlung über „Sprache der Gewalt – Gewalt der Sprache“ zu einer expliziten Apologie der AfD genötigt sieht, wenn er festhält: „Das Problem entsteht nicht da, wo eine Opposition die Regierung ‚jagen‘ will, wie oft wurde das in der Geschichte des Parlamentarismus bereits angedroht, sondern dort, wo bestimmte politische Gruppen so etwas äußern dürfen und andere nicht.“

Angesichts versprengter Indizien einer gewissen Kulturkampfmentalität in der Auseinandersetzung mit identitätspolitischen Trends mag man aus vollem Herzen Harald Seubert, Professor für Philosophie und Fachbereichsleitung für Missions und Religionswissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologische Hochschule Basel, zustimmen. Dieser mahnt in seinen Erwägungen zum „Logos Europas“ auch „ein Wort gegen die Verhärtungen derjenigen“ an, „die die Political Correctnesses und Sprechverbote mit einem gewissen Recht anklagen, aber selbst das Logon didonai: das kluge wechselseitige Rechenschaft-Geben, versagen und sich in Ideologien verhärten.

Ganz in diesem Sinne ist es zu begrüßen, dass sich das Buch letztlich nicht in der populären wie leicht skandalisierbaren Frage der Gendersprache ‚verbeißt‘. Vielmehr bedenken einige der Beiträge tiefergehend den Logos-Begriff, wie er unter Aufgriff des Johannesevangeliums auch den Titel des Bandes regiert, andere bieten Zugänge zu relevanten Fragen und Aspekten von Sprache in gegenwartskulturellen, ethischen und nicht zuletzt kirchlichen Hinsichten. Einen Sonderstatus nimmt dabei der Essay „Denn ich bin Schrift, und du bist Wunde. Die Sprachen kreuzen sich“ des gebürtig aus Sri Lanka stammenden Berliner Schriftstellers Senthuran Varatharajah ein, der sich in ergreifender Weise mit der Bedeutung von Sprache im Kontext seiner – mit der Integration in Deutschland einhergehenden – Begegnung mit dem Christentum und der biblischen Offenbarung auseinandersetzt.

Neben dem bereits erwähnten Beitrag Seuberts ist es vor allem der japanisch-deutsche katholische Theologe und frühere Jesuit Michael Daishiro Nakajima, der sich mit dem Logos-Begriff auseinandersetzt, indem er „Wort und Liebe“ als „Grundoffenbarungen des göttlichen Seins“ thematisiert. Von besonderer Relevanz für sozialethische Zusammenhänge ist der Beitrag „Cur homo sapiens non deus“ von Jobst Landgrebe, der gewissermaßen an den „Georgiana“-Vorgängerband anknüpft (Coram Deo versus Homo Deus. Christliche Humanität statt Selbstvergottung, 2022). Überzeugend arbeitet der selbständige Unternehmer für Künstliche Intelligenz heraus, warum Maschinen im Sinne menschlicher Sprache „niemals sprechen werden“; damit bietet er wesentliche Argumentationen gegen Gehalt und Begründung trans- und posthumanistischer Zukunftsszenarien.

Wie steht es zuletzt um die Kirchen – bzw. konkret die evangelischen Kirchen – und ihre Sprachfähigkeit in der Gegenwart? René Nehring, engagierter protestantischer Laie und Chefredakteur der Preußischen Allgemeinen Zeitung, bietet mit „Verkümmerte Botschaft. Anmerkungen zur Krise der evangelischen Kirche und ihrer Sprache“ ein (nicht wirklich überraschendes, aber durchaus bedenkenswertes) Zeugnis des Unbehagens heutiger konservativer Protestanden mit ihrer Kirche.

Leider vermag Christoph Meyns, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, in seinen Ausführungen nicht wirklich weiterführende Perspektiven aufzuzeigen („Im Anfang war das Wort. Das Wort Gottes in der Spannung zwischen dem Auftrag der Kirche und der Dynamik des öffentlichen Raumes“). Nach feinsinnigen Reflexionen über seine eigene religiöse Sozialisation und Erfahrungen mit außereuropäischen Frömmigkeitskulturen bietet sein Vortrag leider vor allem Allgemeinplätze über aktuelle Lage und Herausforderungen kirchlicher Publizistik.

Thomas A. Seidel u. Sebastian Kleinschmidt (Hrsgg.): Im Anfang war das Wort. Sprache, Politik, Religion (Georgiana. Neue theologische Perspektiven, Bd. 7). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2022, EUR 25,–

Tilman Asmus Fischer

Erschienen am 8. Dezember 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Wie autonom ist die Kunst noch?

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich fragt nach dem Zustand der Kunst. Schönheit ist heute Konsumprodukt, Mode, Design oder auch eine Form des politischen Aktivismus

Von Tilman Asmus Fischer

Immer wieder gelingt es dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich, mit Texten an die Öffentlichkeit zu treten, denen nicht nur im Fachdiskurs seiner akademischen Disziplin die berechtigte Aufmerksamkeit sicher ist, sondern die zugleich immer auch das Potenzial in sich tragen, einen durchdachten Beitrag zur Selbstaufklärung einer breiteren interessierten Leserschaft zu leisten. Dies gilt auch für seine jüngste Monografie: „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“. Der Titel klingt zwar etwas abstrakter und nüchterner als „Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung“ (2013) oder „Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ (2017). Doch bestätigt eine der mit größter Verve medial ausgetragenen Debatten dieses Jahres, dass es Ullrich auch hier gelungen ist, mit dem Finger am Puls der Zeit eine kunstwissenschaftliche Fragestellung mit Gegenwartsrelevanz zu identifizieren: Kurz vor Eröffnung der Documenta erschienen, liest sich das Buch so, als habe der Autor den Antisemitismus-Skandal vorhersehen können – bzw. erhellt Ullrich einen fundamentalen Paradigmenwechsel im zeitgenössischen Kunstverständnis, der auf einer tieferen Ebene verständlich macht, wie es zu dem Eklat hatte kommen können.

Gemeint ist der Übergang von einem gut 200 Jahre im Westen dominanten autonomen zu einem nicht-autonomen Kunstverständnis. Dabei stilisierte das Autonomie-Ideal Kunst als eine von allen anderen gesellschaftlichen Sphären unabhängigen Bereich, in dem eigenen Gesetzen folgend Werke geschaffen werden, die nicht Totalität für sich beanspruchen, sondern zudem ihren Betrachter zu transzendieren vermögen. Kunst ist in diesem Sinne nur Kunst und nicht auch oder zugleich Design, Konsumprodukt oder anderweitig externen Ansprüchen unterworfen. An die Stelle dieses Kunstbegriffs ist ein solcher getreten, der, wie Ullrich nachzeichnet, ganz bewusst die Grenzen zu anderen Bereichen aufbricht und für den gilt, „dass Kunst heute dann besonders geschätzt wird, wenn sie zugleich etwas anderes ist“ – also ein Konsumprodukt, Mode, Design oder eben auch eine Form des politischen Aktivismus.

Der Kunstwissenschaftler bekennt, dass er diesen Umbruch selbst wie einen „Filmriss“ wahrnehme: „Auf einmal wirken Ideen und Ansprüche autonomer Kunst, die die gesamte westliche Moderne prägten, die oft maßlos und radikal, oft aber auch befreiend waren, fremd und wie aus der Vergangenheit.“ Das Buch will verstanden werden als der Versuch des Verfassers, sich „in dieser Welt zurechtzufinden“ – und man kann ihm nur danken, dass er den Leser in wissenschaftlich präziser wie zugleich allgemeinverständlicher (und nicht zuletzt auch unterhaltsamer) Sprache an diesem Orientierungsversuch teilhaben lässt. Denn die Lektüre vermag ein sich immer wieder diffus artikulierendes oder in einem plumpen „Ist das Kunst oder kann das weg?“ bahnbrechendes Hadern mit der zeitgenössischen Kunst zu dechiffrieren als Ausdruck eben dieses Filmrisses, als den wenn schon der Kunstwissenschaftler, dann erst recht der interessierte Laie den Wandel im Kunstbegriff erleben dürfte. Diese Klärung vollzieht Ullrich in zwei Schritten, indem er zunächst fragt: „Was hat die Idee autonomer Kunst geschwächt?“ – um hieran anzuschließen: „Wie sieht die neue Kunst(welt) aus?“

Der ersten Frage nähert er sich aus drei Blickrichtungen: Zunächst zeigt er ideengeschichtlich auf, dass der Begriff autonomer Kunst „eine Erschöpfung und Entleerung erfahren [hat], worauf reagiert wurde, indem man Kunst mit Qualitäten anderer Bereiche neu auflud“. Sodann fokussiert der Autor die Konsequenzen der Globalisierung für den Kunstmarkt, „auf dem es um die Eignung von Kunst als Markenprodukt“ geht, und die kuratorische Praxis, die auf die „Verknüpfbarkeit mit jeweils aktuellen, über die Kunst hinaus relevanten Diskursen“ abzielt; auf beiden Feldern wird die Idee der Autonomie dadurch relativiert, dass „transkulturell nach anderen Parametern über Aufmerksamkeit und Erfolg entschieden wird“. Drittens wählt Ullrich einen medientheoretischen Zugang, indem er zeigt, wie „die Sozialen Medien mit ihrer Binnenlogik und speziellen Aufmerksamkeitsökonomie herkömmliche Klassifizierungen und damit nicht zuletzt Grenzziehungen zwischen Kunstwerken und Artefakten, die vor allem auf Konsum und Aktivismus ausgerichtet sind“, verändern.

Die sich im Zuge dieser Entwicklungen formierende „neue Kunst(welt)“ beschreibt Ullrich zunächst hinsichtlich sowohl der „Eigenschaften und Funktionen nicht mehr autonomer Kunst“ als auch der Konsequenzen für die Institution des Museums. Abschließend bietet der Verfasser Beispiele von seiner Einschätzung nach gelungener und misslungener postautonomer Kunst. Dabei gelangt er etwa zu einer fundierten Kritik des Wirkens von Ai Weiwei, dessen spezifische Eigenschaft als Künstler angesichts der Fokussierung auf politischen Aktivismus fraglich erscheint.

Wie in anderen seiner Texte gelingt es Ullrich, mittels einer intensiven Analyse einzelner Artefakte – hier insbesondere der „Little Cloud“-Reihe von „Friends With You“ – Charakteristika post-autonomer Kunst herauszuarbeiten. Hierzu gehört neben der prinzipiellen Bedeutungsvielfalt des einzelnen Artefakts eine hiermit verbundene Stärkung der Position des Rezipienten, der nicht mehr nur Kunst (im Museum) betrachtet, sondern sie sich aneignet und sich selbst kreativ mit ihr auseinandersetzt (wenn er einzelne Artefakte etwa auf Instagram in Szene setzt). Es ist charakteristisch für die Perspektive Wolfgang Ullrichs, dass er – wie in vielen seiner Texte – auch hier auf spirituelle bzw. religiöse Dimensionen von Kunst abhebt. So kann er nicht nur das ‚therapeutische‘ Potenzial von künstlerischen Artefakten bzw. Konsumprodukten für seelisches wie gesellschaftspolitisches Enhancement würdigen; so können sie Trost spenden, wie die „Companions“ von KAWS, oder dem Sammler zu einem neuen Selbstbewusstsein verhelfen. Vielmehr gelangt er auch zu einer differenzierten kritischen Einschätzung des Ineinander von „Kommerzialisierung und Fetischisierung“ im Bereich postautonomer Kunst.

Was Ullrich hinsichtlich der Folgen des gewandelten Kunstbegriffes für die museale Praxis erläutert, dringt vor in die tieferen Dimensionen gegenwärtig eher plakativ geführter Debatten um postkoloniale und weitere identitätspolitisch motivierte Kritiken und Interventionen: „Entstanden und groß geworden im Zuge der Ideale autonomer Kunst, sind Museen ihrerseits unter Legitimationsdruck geraten, seit das, was sie sammeln und zeigen, zugleich nach mehr als nur kunstspezifischen Kriterien betrachtet und beurteilt wird.“ Ullrich stimmt weder in die Klage über „Cancle Culture“ ein, noch macht er sich extreme identitätspolitische Forderungen zu eigen. Vielmehr bietet er eine Analyse, die zur Versachlichung der Debatte beizutragen vermag.

Wolfgang Ullrich: Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022, ISBN-13: 978-380315-190-2, EUR 22,–

Erschienen am 20. Oktober 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Jenseits der Stereotype

Das „Berliner Religionsgespräch“ widmete sich der Orthodoxie in Zeiten des Krieges

Von Tilman Asmus Fischer

Bereits seit Jahren lädt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit dem Verlag der Weltreligionen, Deutschlandradio Kultur und der Udo Keller Stiftung Forum Humanum zu den „Berliner Religionsgesprächen“ ein. Dabei sei jedoch noch nie ein aktuelleres Thema formuliert worden wie für die Diskussion am 4. Oktober, führte Akademiedirektor Christoph Markschies in seiner Begrüßung aus: „Orthodoxien im Krieg – Heiliges Russland und christlicher Westen“.

Der evangelische Theologe markierte es als dringende Notwendigkeit, den westlichen Blick auf ‚die Orthodoxie‘ zu differenzieren. Am Beispiel des 1913 von Adolf von Harnack gehaltenen Vortrags „Der Geist der morgenländischen Kirche im Unterschied von der abendländischen“ verdeutlichte der habilitierter Kirchenhistoriker die Traditionen der Stereotypisierung der Orthodoxie als „das schlechterdings Andere der abendländischen Kirche“: Dass von Harnack die östliche Christenheit als „versteinerte Kirche“ der westlichen als Kirche der Aufklärung gegenüberstellte, erklärte Markschies freilich weniger mit mangelnder Kenntnis als vielmehr aus dem „Krieg“ des gebürtigen Deutschbalten gegen die Orthodoxie in Abwehr einer Russifizierung des Baltikums.

Dass Markschies es nicht bei den einleitenden Worten beließ, sondern zudem – für den erkrankten RBB-Redakteur Harald Asel – kurzfristig die Moderation übernahm, gereichte der Veranstaltung zum Vorteil, insoweit der Hausherr seine eigene fachliche Expertise in das Gespräch einbringen konnte.

In diesem wandte sich Emmanuel Sfiatkos, Vikarbischof der Griechisch-Orthodoxen Metropolie in Deutschland, kritisch gegen die durch die Titelformulierung zum Ausdruck gebrachte Diagnose einer Spaltung der Orthodoxie: Die Orthodoxen verstünden sich – trotz innerer Auseinandersetzungen und des Trends zur Autokephalie – als eine orthodoxe Kirche, geeint durch Kirchenrecht, Lehre und Ritus. Der gegenwärtige Krieg sei ein solcher zwischen zwei Staaten, nicht jedoch zwischen zwei Kirchen. Da er andererseits nicht mit Kritik am Moskauer Patriarchen Kyrill zurückhielt – der die orthodoxe „Theologie durch den Wolf gedreht“ habe – blieben Sfiatkos Wortbeiträge letztlich nicht frei von einer eigentümlichen Spannung zwischen dem ekklesiologischen Postulat kirchlicher Einheit und deutlichen Anzeichen für einen gegenläufigen Zustand der sichtbaren Kirche.

Dezidiert gegen die Darstellung einer trotz Autokephalie-Bestrebungen geeinten Orthodoxie wandte sich die Theologin Regina Elsner vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien Berlin. Historisch betrachtet sei die Autokephalie in den seltensten Fällen konfliktfrei vergeben worden. Ein Schlüsselmoment der gegenwärtigen Auseinandersetzung in und mit der Orthodoxie sei die Grundentscheidung, was man unter „Theologie“ verstehe – bzw. ob man Sozialethik als Theologie verstehe. Denn hiermit – so folgt aus Elsners Ausführungen – entscheidet sich letztlich, ob Fragen der politischen Ethik theologische Relevanz beigemessen wird, was dann auch die Haltung von Kirchen zu politischen Entscheidungen als ein theologisches Problem erweist. Trotz jüngerer Aufbrüche sei, so Elsner, die Frage nach dem guten Leben allerdings in der orthodoxen Theologie wenig entwickelt.

Wie aber ist das gegenwärtige theologische Profil der russischen Orthodoxie zu modellieren? Als Phänomen eines bei allen Kontinuitäten dennoch in den zurückliegenden 30 Jahren wahrnehmbaren „Prozesses der Veränderung“ in der Russisch-orthodoxen Kirche (ROK) auf gemeindlicher wie akademisch-theologischer Ebene markierte die – digital zugeschaltete – Religionssoziologin Kristina Stöckl (Universität Innsbruck) die „Öffnung hin zu modernen Themen“ wie demjenigen der Menschenrechte. Kyrill vermittle allerdings den Eindruck, als habe sich in den vergangenen Jahrzehnten nichts gewandelt. Der Züricher Fachjournalist für Religion, Kirche und Gesellschaft Michael Meier charakterisierte seinerseits die vom gegenwärtigen Patriarchen vertretenen Positionen als per se kaum theologisch: Was sich als Theologie ausgebe sei „nationalistisch und ideologisch aufgeladen“ – demgegenüber blieben Aspekte der Kontingenzbewältigung außen vor.

Was bedeuten diese Voraussetzungen für den künftigen ökumenischen Dialog zwischen den westlichen und östlichen Kirchen? Durch die Bank problematisierten die Diskutanten die in den vergangenen Jahrzehnten dominante Fokussierung der evangelischen wie katholischen Kirchen auf die ROK als orthodoxen Gesprächspartner. Thomas Németh, Professor für die Theologie des christlichen Ostens an der Universität Wien sowie Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, warf – gleichfalls digital zugeschaltet – die spannende Frage auf: „Was hat die katholische Kirche und evangelischen Kirchen so an der ROK so fasziniert? Die Größe oder etwas, was einem in der eigenen Kirche fehlt?“

In dieser, aber auch in vielen weiteren Hinsichten verdeutlichte das Berliner Religionsgespräch die Notwendigkeit einer vertieften theologischen Auseinandersetzung mit der und nicht nur über die Orthodoxie. Vor dem Hintergrund der politischen Verwerfungen dieses Jahres mag dabei auch ein Gedanke der Reflexion wert sein, den Heinrich Schlier ausgehend von der Mahnung des Apostels Paulus zur „Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“ (Eph 4,3) formulierte: „Weicht dieser Friede […], dann fällt auch die Einheit dahin. Und umgekehrt: zerbricht die Einheit, dann zerbricht auch der Friede, den die Einheit stützt. Und zwar teilt sich, wie die Geschichte lehrt, die Friedlosigkeit von dem eigentlichen Ort des Friedens, der Kirche, dem Kosmos mit, so daß allmählich auch dort kein Friede mehr geschlossen werden kann. Die zerbrochene Einheit der Kirche ist der Unfriede. Der Unfriede läßt sie und die Welt nicht mehr zur Einheit kommen.“

Erschienen am 13. Oktober 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Nicht abgeschottet

Religiöse Orte entfalten besonders in Krisenzeiten eine soziale Kraft

Von Tilman Asmus Fischer

Unter religionssoziologischer Perspektive stellen die sogenannten „neuen Bundesländer“ einen spannenden Betrachtungsgegenstand dar: Zählten die christlichen bzw. evangelischen Kirchen zu den zentralen Akteuren der friedlichen Revolution, so kommt der Osten der Bundesrepublik heute vor allem unter dem Schlagwort der Säkularisierung in den Blick – nebst dem Harder eines Teils der Alteingesessenen mit der migrationsbedingten weltanschaulichen Pluralisierung. Dieser spannungsreiche Befund war am 6. September Gegenstand der Podiumsdiskussion „Glaube verbindet? Religion im Wandel“, zu der die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Zukunftswerkstatt Einheit“ nach Berlin eingeladen hatte.

Unter der Moderation von ARD-Hörfunkkorrespondentin Vera Wolfskämpf diskutierten die evangelischen Theologen Gregor Hohberg, Ilse Junkermann und Ellen Ueberschär sowie der Islamwissenschaftler Yunus Yaldiz manches Altbekannte vom Verdienst der Kirchen um die Wiederbereinigung bis zu den religionspolitischen Herausforderungen der Postmoderne. In der Zusammenschau ergaben sich jedoch immer wieder neue Perspektiven und Einsichten, die – auch für den mit den Themenkreisen vertrauten Zuhörer – einen inhaltliche Mehrwehrt erbrachten. Dies mag vielleicht in besonderer Weise für die Akzentuierung der gesellschaftlichen Bedeutung religiöser Orte gelten, die sich wie ein roter Faden durch die Diskussion zog.

Hatte die Moderation zunächst mit einem impliziten Gegensatz zwischen Spiritualität und politischem Engagement kokettiert, so machten sowohl Hohberg, Pfarrer und Initiator House of One, als auch Ueberschär, Vorstand der Stephanus-Stiftung, demgegenüber die konstitutive Verbundenheit zwischen beiden Aspekten in den Wendejahren deutlich. Hohberg, der die Zeit ebenso wie Ueberschär als angehender Theologe in der DDR erlebte, betonte, dass die Öffnung der kirchlichen Räume für Oppositionsgruppen gerade „aus einer Glaubensüberzeugung heraus“ erfolgt sei. Er markierte es als bemerkenswert, dass die selbst unter politischem Druck stehende Kirche „sich nicht abgeschottet hat, sondern es geschafft hat, einen Freiraum zu schaffen für Leute, die anders dachten, die anderes wollten, die anderes im Blick hatten als der Staat“. Ueberschär verwies auf die hierüber hinausgehende „Tradition des Protestantismus, sich in öffentliche Angelegenheiten einzumischen. Denn der Glaube findet ja nicht hinter den Kirchenmauern statt, sondern im Alltag.“ So habe aus „Einzelkämpfern“ ein „Sturm von Menschen“ werden können, „die gesagt haben: So wollen wir nicht leben, weil es nicht der Menschenwürde entspricht, in so einer Diktatur zu sein.“

Junkermann, Leiterin der Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR“ an der Universität Leipzig zog ausgehend von der Rolle der Kirchen in der friedlichen Revolution Parallelen zur Flüchtlingskrise 2015/2016, in der diese wiederum ihre Räume öffneten: als Notunterkünfte und Suppenküchen. In beiden Situationen, so die frühere Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (2009-2019), habe die Kirche gezeigt „welche sozialen Kompetenzen sie in Krisenzeiten hat“. Dabei verwahrte sie sich gegen ein zu idealisiertes Bild „der Kirchen“ in der DDR und erinnerte an Vorbehalte kirchenleitender Persönlichkeiten gegen eine Gefährdung der eigenen Freiräume durch unvorsichtige politische Kooperationen.

Yaldiz, Berater an der Fachstelle Islam im Land Brandenburg, weitete die Perspektive, indem er auf die Bedeutung von Moscheen und Gebetsräumen als soziale Räume verwies: „Die Kirche oder der Gebetsraum ist ein Ort, an dem man sich versammelt, an dem man Dinge diskutiert – manchmal näher am Glauben, manchmal weiter weg vom Glauben.“ Darüber hinaus böten die zur Trägerschaft von Moscheen und Gebetsräumen gegründeten Vereine Muslimen aus autoritären Staaten und Gesellschaften eine Möglichkeit, Demokratie praktisch zu lernen. Auch hier trat im Gespräch die transformative Kraft religiöser Orte zutage – auch und gerade in einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 39/2022.

Länderporträt Taiwan

Blickwechsel von Tilman Asmus Fischer

Zwei Topoi bestimmten die neue mediale Aufmerksamkeit, die in den vergangenen zwei Jahren der ostasiatischen Inselrepublik Taiwan zukommt: auf der einen Seite eine zumindest über lange Strecken mustergültige Bewältigung der Corona-Pandemie durch Politik und Zivilgesellschaft; auf der anderen Seite das – zuletzt anlässlich des Besuchs von Nancy Pelosi – immer lauter werdende Säbelrasseln der Kommunistischen Partei Chinas, die nach Hongkong lieber gestern als heute die demokratische Republik China, so der offizielle Name Taiwans, der Volksrepublik China einverleiben würde. Was ist dies für ein Land, dessen Gesellschaft für ihre Resilienz bewundert wird, das jedoch weltweit von lediglich 14 Regierungen – darunter leider nicht die deutsche, jedoch der Vatikan – als souveräner Staat anerkannt wird?

Diese Frage stellt sich bei einem Interesse, das über tagespolitisch relevante Schlagzeilen hinausgeht. Wer sie sich stellt, kann so manches lernen über eine Insel mit einem faszinierenden interkulturellen – und in Teilen auch interreligiösen – Erbe, über friedliche politische Transformationen sowie über eine Gesellschaft, die Liberalismus und Traditionsbewusstsein verbindet. Einblicke in dieses breite Themenspektrum eröffnet die unlängst erschienene „Gebrauchsanweisung für Taiwan“ des preisgekrönten deutschen Schriftstellers Stephan Thome. Sie liest sich gleich einer – wenn auch nicht unkritischen – Liebeserklärung an das Land, in das er als Student kam und das ihm – inzwischen mit einer Taiwanerin verheiratet – zur Heimat wurde. Ebenfalls heuer erschien sein Roman „Pflaumenregen“, der die Zeitgeschichte Taiwans literarisch verarbeitenen.

Ein starkes zeitgeschichtliches und erinnerungskulturelles Interesse prägt auch sein Länderporträt – in besonderer Weise mit Blick auf die Diktatur der Nationalen Volkspartei Chinas „Kuomintang“. Diese regierte 1949 bis 1987 unter Kriegsrecht auf Taiwan, wohin sich die Regierung der Republik China zurückzog, als Mao auf dem Festland die Volksrepublik errichtete. An diese Zeit erinnert heute die Gedenkstätte auf Lü Dao – bis 1987 Gefängnisinsel der Kuomintang, anhand derer Thome feinfühlig die Prägekraft der Unterdrückungserfahrungen für das kollektive Gedächtnis und das demokratische Selbstbewusstsein des heutigen Taiwans entfaltet.

Gleichfalls gehört es zu Thomes Handschrift, dass ihr die fachliche Expertise des studierten Sinologen, Philosophen und Religionswissenschaftlers abzuspüren ist. So tut es nicht Wunder, dass just eines der umfangreichsten Kapitel der taiwanischen Religionsgeschichte gewidmet ist. Thome arbeitet heraus, wie gerade die autochthone religiöse Tradition in der Zeit der Unterdrückung durch die japanischen Kolonialherren bis 1945 zu einem wesentlichen Identitätsmarker wurde.

Heute sind vor allem buddhistische Laienorganisationen in der Zivilgesellschaft sichtbar – immer wieder aber auch die christliche Minderheit. Deren Geschichte ist ambivalent, da der 1975 gestorbene Diktator Chiang Kai-shek selbst als Konvertit der methodistischen Kirche angehörte, die ihn stützte. Währenddessen standen Presbyterianer und Katholiken auf der Seite der unterdrückten indigenen Völker, deren Sprache und Kultur sie schützten und die ihrerseits bis heute in der großen Mehrheit Christen sind.

Stephan Thome: Gebrauchsanweisung für Taiwan, Piper, 224 Seiten, ISBN 978-3-492-27745-7; 15,00 Euro

Erschienen in: Glaube + Heimat. Mitteldeutsche Kirchenzeitung 39/2022; unter anderem Titel in: Evangelischer Kirchenbote 40/2022.

Mehr Polen und Europa für die deutsche Erinnerungskultur

Der „Ort des Erinnerns und der Begegnung mit Polen“ ist im Entstehen begriffen. Eine Diskussionsveranstaltung des Deutschen Polen Instituts ordnete ihn in den Kontext deutsch-polnischer Erinnerungspolitik ein.

Vor einem Dreivierteljahr hatte der damalige Bundeaußenminister Heiko Maas in Berlin das Konzept für den 2020 vom Bundestag beschlossenen „Ort des Erinnerns und der Begegnung mit Polen“ vorgestellt. Die Umsetzung ebendieses Beschlusses dürfte Parlament und Regierung in der noch verhältnismäßig jungen Legislaturperiode beschäftigen. Die Entscheidung für den Polen-Ort geht auf eine in den Jahren zuvor etablierte und am Deutschen Polen Institut (DPI) angesiedelte zivilgesellschaftliche Initiative zurück, die die Errichtung eines Denkmals für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieg gefordert hatte. Geht es nach einem Konzeptpapier aus dem Vorjahr, sollen es gerade auch zivilgesellschaftliche Akteure sein, die den Polen-Ort mit Leben füllen. Vor diesem Hintergrund versprach die am 7. Juni vom DPI in der Europäischen Akademie Berlin durchgeführte Tagung „Rund um den ‚Ort des Erinnerns und der Begegnung mit Polen‘“ Einblicke in die Entwicklungsperspektiven dieses Projektes zu geben. In besonderer Weise galt dies für die öffentliche Podiumsdiskussion, welche unter dem Titel „Erinnern für die Zukunft: Wie viel Polen, wie viel Europa braucht die deutsche Erinnerungskultur?“ das Vorhaben in seinen größeren geschichtspolitischen Kontext einordnete.

Eingeladen hatte das DPI hierzu Dr. Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Leiter der Gedenkstätte KZ Sachsenhausen, Dr. Annemarie Franke, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa sowie wissenschaftliche Projektmitarbeiterin beim Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität, und Dr. Raphael Utz, Leiter der beim Deutschen Historischen Museum angesiedelten Stabsstelle Dokumentationszentrum „Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa“ (ZWBE). Moderiert wurde die Debatte von DPI-Direktor Prof. Dr. Peter Oliver Loew. Dabei konnte dieser zugleich seine Expertise als Vertreter seines Instituts in der Expertenkommission zur Einrichtung des Polen-Ortes ins Spiel bringen, so dass sich die Diskussion als – nicht zuletzt für das Auditorium fruchtbares wie anregendes – kollegiales Fachgespräch vollzog, in das sich im zweiten Teil auch Publikumsgäste einbringen konnten.

Einleitend hob Loew hervor, dass das Anliegen des Polen-Orts deutlich größere Zustimmung in Gesellschaft und Politik gefunden habe, seit sich herauskristallisiert habe, dass es nicht „nur“ – wie im Falle der ursprünglichen Initiative – um ein Denkmal, sondern einen Ort der Erinnerung und Begegnung gehe. Entwickelt werden soll dieser im engen grenzüberschreitenden Austausch: Das „Gespräch muss entscheidender Bestandteil des Polen-Ortes sein“, steht für Loew fest. Dabei könne man an die Erfahrungen bei der Erarbeitung des deutsch-polnischen Schulbuchs anknüpfen, das inhaltlich sehr gelungen sei.

Wie jedoch soll Polen an den Gremien der im Entstehen begriffenen Institution konkret beteiligt werden? Diese – bekanntermaßen politisch wie diplomatisch sensible – Frage wurde aus dem Publikum an das Podium herangetragen, auch mit Blick auf das ZWBE. Hinsichtlich des Polen-Ortes gab Loew zu verstehen, dass gegenwärtig noch keine Klarheit über die Gremienbesetzung – und mithin über die Rechtsform der Institution – bestünde. In jedem Fall bedürfe es jedoch unterschiedlicher Gesprächskreise, die sich mit „symbolischem Erinnern“, „Ausstellung“ und „Wanderausstellungen“ befassten. Es sei wünschenswert, wenn der Ort im Prozess-Charakter bleibe und sich dynamisch weiterentwickle.

Für die konzeptionelle Ausrichtung des Polen-Ortes war von besonderer Bedeutung, dass Raphael Utz das künftige ZWBE vertrat, dessen Errichtung der Bundestag in zeitlicher Nähe zu seiner Entscheidung zugunsten des Polen-Ortes beschlossen hatte und mit ihm  eine nicht geringe inhaltliche Schnittmenge aufweist. Befürchtungen einer Konkurrenz zwischen den beiden und ggf. weiteren Institutionen konnte Utz jedoch zerstreuen. Vielmehr könnten sich die Orte ergänzen, wenn nur in vernünftiger Weise aufeinander verwiesen würde. Zudem habe das ZWBE ganz Europa – bzw. 27 von der deutschen Besatzungsherrschaft betroffene Staaten – im Blick. Hinsichtlich der Beteiligung internationaler Partner an den Gremien der Gedenkstätte gab Utz zu verstehen, man wolle keinen mit Botschaftern besetzten „internationalen Aufsichtsrat“, der zum Gegenstand er Interessen nationaler Erinnerungspolitiken werde. Er selbst habe bereits „Besuch von Vertretern der russischen Botschaft“ erhalten, die „klare Vorstellungen“ von der Gedenkstätte gehabt hätten. Anstelle von Vertretern der einzelstaatlichen Regierungen setze man vielmehr auf Vertreter aus der europäischen Zivilgesellschaft und Wissenschaft, die durch ein angegliedertes „Forum der Erinnerung“ bzw. im Haus angesiedelte Forschungsprojekte einbezogen werden sollten.

Axel Drecoll weitete den Blick nochmals, indem er auf die Wechselbeziehung zwischen Informationszentren wie dem Polen-Ort oder dem ZWBE und Gedenkstätten, die an konkreten historischen Orten an das dortige Geschehen erinnerten, nachzeichnete. Letztere seien auf erstere angewiesen, da diese der breiten Bevölkerung historisches Wissen vermittelten, das notwendig sei, um sich auf Gedenkstätten einlassen zu können. Es brauche solche Information, „damit Gedenkorte nicht erstarren“. Auch hier komme es letztlich auf eine funktionierende Verweisstruktur an. Aus dem Publikum vorgetragene Befürchtungen eines abnehmenden Interesses an Informations- und Gedenkorten infolge des zunehmenden zeitlichen Abstandes zum Zweiten Weltkrieg bewertete Drecoll als unbegründet, insbesondere da er beobachte, dass heute auch noch die inzwischen vierte Generation die Verfolgung ihrer Vorfahren als Teil der eigenen Familiengeschichte verstehe.

Ausgehend von den Erfahrungen der Gedenkstätte KZ Sachsenhausen, fragte Drecoll hingegen nach der „Grenze bei separaten Orten des Erinnerns“ für einzelne Opfergruppen: So seien in Sachsenhausen zwar zu einer großen Zahlen Polen inhaftiert gewesen – insgesamt seien jedoch Angehörige vieler Nationen unter den Opfern. In diesem Bewusstsein stelle sich die Frage, wie damit umgegangen werden solle, wenn – in Entsprechung zum Polen-Ort – auch andere Völker wie etwa die Ukrainer ihren eigenen „Ort“ forderten. Auf den „Knackpunkt“ der vielbesprochenen Opferkonkurrenz in geschichtspolitischen Debatten wies mit Blick auf den Polen-Ort auch Annemarie Franke hin. Zuerst nämlich – 2012 – war eine Gedenkstätte für die polnischen Weltkriegsopfer just in Reaktion auf die Einweihung des Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma gefordert worden. Damals habe Władysław Bartoszewski als polnischer Staatssekretär und außenpolitischer Berater Donald Tusks die staatliche Position Polens vertreten. Dass der Polen-Ort demgegenüber nun aus einer zivilgesellschaftlichen Initiative heraus entstanden sei, hält Franke für einen wichtigen Unterschied.

Wie jede gegenwärtige Veranstaltung zu ostmitteleuropäischen Themen stand auch die Diskussion zum Polen-Ort im Schatten des russischen Überfalls auf die Ukraine – so dass merklich die Gegenwarts- und Zukunftsdimension von Erinnerungskultur(en) hervortrat. Dass „heute Angriffskriege mit dem Zweiten Weltkrieg begründet werden“, zeige, so Decroll die Bedeutung von Gedenkstätten und historischer Bildung. Und wie Franke betonte, sei eine „gemeinsame Bewältigung der Folgen des Ukraine-Krieges“ gerade auch im Dialog zwischen Deutschland und Polen wichtig. Bei Begegnungen, wie sie der Polen-Ort ermöglichen solle, dürfe es nicht um beliebige Begegnungen gehen, sondern darum, „Impulse zu geben, mehr voneinander zu lernen“. Was es brauche, sei ein „Ort kritischer Begegnung auf Augenhöhe“.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 3/2022 und Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2022.

„Beziehungen auf allen Ebenen ausbauen“

In den vergangenen Wochen zerbrach sich Europa den Kopf über Nancy Pelosis Taiwan-Reise und deren Folgen für den Pazifikraum. Die Perspektive der Taiwaner selbst kam kaum zu Wort. Der auf Taiwan lebende deutsche Schriftsteller Stephan Thome („Pflaumenregen“ und „Gebrauchsanweisung für Taiwan“) spricht im Interview über die politische Stimmung in der taiwanischen Öffentlichkeit – und deren skeptische Haltung gegenüber der europäischen Chinapolitik. 

Herr Thome, wie sind die politischen Entwicklungen und die militärische Gefahrenlage der letzten Wochen in der taiwanischen Öffentlichkeit diskutiert worden? 

Grundsätzlich war der Tonfall nicht so alarmiert und aufgeregt wie in der westlichen Berichterstattung. Es gibt hier eine lange Gewöhnung an und Vertrautheit mit dieser Bedrohungssituation. Die Regierung in Peking droht seit über 70 Jahren damit, die Insel einzunehmen, und es gab in der Vergangenheit schon mehrfach krisenhafte Zuspitzungen und drohende Eskalationen. Man sagt nicht umsonst, dass es sich gegenwärtig um die vierte Krise in der Taiwanstraße handelt. Die dritte war 1995/96, und davor gab es noch zwei, bei denen teilweise auch Raketen auf die Taiwan vorgelagerten Inseln abgeschossen wurden. Also, wenn man das ein bisschen kontextualisiert, dann ist das nichts so ganz Außergewöhnliches.  

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