Jede entgegenstehende nationale Vorschrift unangewendet lassen

Die Konsequenzen der EuGH-Rechtsprechung für Staatskirchenrecht und Kirchen.

Von Tilman Asmus Fischer

Am 31. Mai hat der Generalanwalt beim Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) Melchior Wathelet im Rechtsstreit um den entlassenen Chefarzt einer katholischen Klinik in Düsseldorf Stellung bezogen: Die Kündigung des katholischen Mediziners, der nach einer Scheidung neu geheiratet hatte, widerspreche dem Verbot religiöser Diskriminierung. Eine wesentliche und gerechtfertigte berufliche Anforderung konnte Wathelet in der Erwartung, dass ein katholischer Chefarzt den heiligen und unauflöslichen Charakter der Ehe im Sinne des katholischen Lehramtes beachte, nicht erkennen. Der Generalanwalt betont in seinem Schlussgutachten, ein nationales Gericht sei „verpflichtet, im Rahmen seiner Befugnisse den dem Einzelnen aus dem allgemeinen Verbot der Diskriminierung wegen der Religion erwachsenden Rechtsschutz zu gewährleisten und für die volle Wirksamkeit dieses Verbots zu sorgen, indem es erforderlichenfalls jede entgegenstehende nationale Vorschrift unangewendet lässt“.

Mit dieser Forderung stellt sich der Wathelet in eine Linie mit dem vielbeachteten EuGH-Urteil vom 17. April dieses Jahres. Im Falle der Vera Egenberger, die dagegen geklagt hatte, als Konfessionslose von den Bewerbern für eine befristete Referentenstelle beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung ausgeschlossen worden zu sein, hatte der EuGH entschieden: Zwar sei ein Gericht nicht befugt, über das Ethos an sich zu entscheiden, welches einer beruflichen Anforderung zugrunde liege. Jedoch müsse im Einzelfall von Gerichten kontrolliert werden können, ob die Religion „nach der Art der betreffenden Tätigkeiten oder den vorgesehenen Umständen ihrer Ausübung eine wesentliche, rechtmäßige und gerechtfertigte berufliche Anforderung angesichts des Ethos“ einer Kirche oder anderen Organisation sei.

Demnach haben die Kirchen künftig anhand transparenter Kriterien für den Einzelfall zu plausibilisieren, dass eine entsprechende Anforderung notwendig und objektiv geboten ist. Laut Urteil habe die Anforderung zudem „mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im Einklang“ zu stehen. Lehramtliche Referenzen für eine entsprechende Kriteriologie gibt es genug, etwa die Enzyklika Deus caritas est (2005). Hier formuliert Papst Benedikt XVI.: „Der Mitarbeiter jeder katholischen karitativen Organisation will mit der Kirche und daher mit dem Bischof dafür arbeiten, daß sich die Liebe Gottes in der Welt ausbreitet. Er will durch sein Teilnehmen am Liebestun der Kirche Zeuge Gottes und Christi sein und gerade darum absichtslos den Menschen Gutes tun.“

Das Urteil vom 17. April hat Konsequenzen: in grundsätzlicher europa- und arbeitsrechtlicher Hinsicht, für das deutsche Staatskirchenrecht und für die Praxis der Kirchen als Arbeitgeber. Diese drei Aspekte beleuchteten Ende Mai in einem Fachgespräch der Katholischen Akademie in Berlin – moderiert von Professor Dr. Ansgar Hense, Direktor des Instituts für Staatskirchenrecht der Diözesen Deutschlands – Uta Losem vom Kommissariat der deutschen Bischöfe und Professor Dr. Matthias Ruffert, Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Europarecht an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort wie gegenüber der „Tagespost“ erläuterten sie die juristischen und praktischen Folgen der jüngsten EuGH-Rechtsprechung.

Die zentrale arbeits- und europarechtliche Frage stellt sich für Matthias Ruffert mit Blick auf Artikel 17, Absatz 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV). Dieser garantiert: „Die Union achtet den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen, und beeinträchtigt ihn nicht.“ Angesichts des Urteils stellt Ruffert fest: „Der EuGH misst Artikel 17 AEUV keine wirkliche Bedeutung bei, obwohl es sich um eine Bestimmung des europäischen Verfassungsrechts bzw. Primärrechts handelt.“ Demgegenüber gewichte der EuGH das Verbot von Diskriminierungen, das sich auch in der Grundrechtecharta findet, sehr hoch. „Man muss sich jedoch fragen“, gibt Ruffert zu bedenken, „ob dieses im Europarecht insgesamt eine derart hohe Bedeutung hat – jedenfalls in Fällen, die sich aus gewachsenen, rechtsstaatlich akzeptierten Strukturen des mitgliedstaatlichen Rechts entwickelt haben.“ Alles in allem beobachte er die Tendenz, dass sich der EuGH – ursprünglich mit zentralen Fragen der europäischen Integration betraut – zunehmend „als europäisches Antidiskriminierungsgericht“ verstehe.

Für den Kontext des deutschen Staatskirchenrechts werden alle kirchliche Ebenen wieder über die Formulierung stabiler Verhaltenserwartungen an die im kirchlichen Dienst Tätigen nachdenken müssen. Ansgar Hense erläutert: „Dies ist ein – wenngleich von außen kommender – Anlass zur Selbstreflexion. Es ist erneut die Frage aufzuwerfen: ‚Was wollen wir, was ist uns wirklich wichtig?’ Kirchliche Dokumente wie etwa das Motu Proprio über den Dienst der Liebe Papst Benedikts XVI. bieten beachtliche Hinweise zur Profilierung katholischer Einrichtungsidentität bis hin zum auch thematisierten ‚Arbeitsrecht’. Ungeachtet der noch zu erwartenden Judikate lohnt sich ein grundsätzlichen Nachdenken über Neujustierungen des kirchlichen Arbeitsrechts, wie es gegenwärtig unter dem Label vom personen- zum institutionenorientierten Verständnis diskutiert wird.“

Wie wird es weitergehen? – Uta Losem weist darauf hin, dass man angesichts der neuesten EuGH-Rechtsprechung noch nicht in eine „pessimistische Grundhaltung“ verfallen muss. Die „erhöhten Begründungsanforderungen“ seien von der Kirche und den kirchlichen Arbeitgebern nun zu erfüllen und so das christliche Ethos und die daraus folgenden Grundsätze zu erläutern. Dabei gelte es, dafür zu sorgen, „dass die Bedeutung des Transzendenzgedanken deutlich wird“ – geht dieser doch über ein allgemeines ethischen Leitbild hinaus, dem sich auch Menschen eines anderen Bekenntnisses oder ohne Bekenntnis anschließen könnten. Denn für die Arbeitsrechtsspezialistin steht fest: Etwa der auf einen transzendenten Gott gerichtete Zuspruch am Kranken- oder Sterbebett ist keine Frage einer Leitbildverpflichtung.

Beitrag für www.die-tagespost.de (Die Tagespost -Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur), 5. Juni 2018.

Advertisements

Kieselstein im Schuh der Linken

Die Evangelische Kirche diskutierte mit Bodo Ramelow darüber, wo man zwischen Christentum und Marxismus steht

Von Tilman Asmus Fischer

Bodo Ramelow ist nicht nur der erste – und bisher einzige – Ministerpräsident, den die Partei „Die Linke“ im vereinigten Deutschland stellt. Der Chef der Erfurter Landesregierung, der in Rheinhessen aufwuchs – wo er aus der evangelischen Kirche austrat – und in Thüringen wieder in die evangelische Kirche eintrat, ist auch einer der profiliertesten Christen innerhalb seiner Partei.

Bodo Ramelow, Jörg Antoine, Hans-Georg Furian und Moderator Hans Dieter Heimendahl (von links).

Damit ist Bodo Ramelow prädestiniert, zum Dialog zwischen „Der Linken“ und den Kirchen beizutragen, der sich gegenwärtig auf unterschiedlichen Ebenen entwickelt. Hinzuweisen wäre etwa auf einen unlängst von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Sammelband zum „gemeinsamen Erbe von Christen und Marx“. Einen vergleichbaren Ansatz verfolgte die Podiumsdiskussion mit den Leitfragen „Wie viel Marx steckt in Jesus? Und wie viel Jesus in Marx?“, zu welcher der Kirchenkreis Lichtenberg-Oberspree am 29. Mai im Rahmen des „1. Lichtenberger Dialogs“ eingeladen hatte. Moderiert von Hans Dieter Heimendahl, Leiter der Hauptabteilung Kultur von Deutschlandradio Kultur, stellte sich Ramelow dem Disput mit Jörg Antoine, Konsistorialpräsident der EKBO, und Hans-Georg Furian, Superintendent des einladenden Kirchenkreises.

Die Stärke des Gesprächs lag weniger in einer tiefgehenden Reflexion des Verhältnisses von Christentum und Marxismus. Vielmehr vermochten Ministerpräsident und Superintendent mittels ihrer biografischen Zugänge auszuloten, was es persönlich bedeutet, im Spannungsfeld zwischen beiden Weltanschauungen zu leben.

Ramelow berichtete davon, zunächst allein in der Kirchenbank gesessen zu haben, nachdem er begonnen habe, sich innerhalb der damaligen PDS zu engagieren. Und er sprach darüber, was es bedeutet, als Christ „der Kieselstein im Schuh“ seiner Partei zu sein. So habe er von Beginn an immer wieder ein Thema auf die Agenda gesetzt: „Wie geht die PDS mit dem Thema ‚Christen in der DDR‘ um?“

Furian erinnerte daran, was es bedeutete, als Christ im real existierenden Sozialismus zu leben. Die eigenen Erfahrungen aus der DDR-Zeit führten ihn auch zu kritischen Kommentaren der vom Marxismus inspirierten politischen Konzepte: „Wenn ich denke, dass durch mein Handeln eine vollendete Welt entsteht, ist eigentlich jeder Mensch nur ein notwendiges Opfer auf dem Weg zu ihrer Erlangung.“ Daher solle man sich hüten, „eine Weltanschauung zu entwickeln, in der es am Ende notwendige Opfer“ gebe.

Während Ramelow fragte, ob dies nicht für alle Diktaturen zuträfe, und darauf hinwies, Marx habe keine angepassten Duckmäuser hervorbringen wollen, ließ Jörg Antoine Marx – bei aller Wertschätzung für dessen analytisches Werk – nicht so leicht davonkommen: Man könne nicht alles, was nach ihm schlecht gelaufen sei, Marx nicht anlasten. Ebenso sei „auch Luther Teil einer Schuldgeschichte, wenn auch nicht verantwortlich für die Shoah“. Vergleichbar problematisch sei Marx mit Blick auf bürgerliche Rechte: Er kenne „etwa keine Abwehrrechte gegen totalitäre Übergriffe auf den Bürger“.

Was bleibt? – „Glauben Sie an eine christliche oder sozialethische Parusie?“, fragte Heimendahl abschließend. Ramelows Antwort zur Wiederkunft Christi fiel abgeklärt aus: „Die großen Erzählungen überlasse ich den großen Erzählern“ – er selbst sei an der alltäglichen Praxis interessiert. Und hier sei gegenwärtig „gesellschaftlicher Kitt notwendig“ – der könne aus der Bibel oder von Marx genommen werden.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 23/2018.

„Streit darf hart sein“

Prof. Dr. Lars Castellucci, der dem Deutschen Bundestag seit 2013 angehört, ist seit wenigen Wochen Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion. Im Interview spricht der evangelische Politiker über persönliche Überzeugungen und aktuelle religionspolitische Herausforderungen.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Castellucci, was bedeutet es für Sie, als Christ in der Politik, in der SPD tätig zu sein?

Das passt für mich wunderbar zusammen. Ich finde, dass sich die Werte, die ich als Heranwachsender durch ein christliches Elternhaus mitbekommen habe, und das, was mir später politisch wichtig wurde – Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – gegenseitig stärken.

Was heißt das konkret für Ihre politische Positionsbestimmung?

Das erste, was mich antreibt, ist das christliche Menschenbild – um die theologische Metapher zu bemühen: die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Der erste Artikel des Grundgesetzes speist sich für mich direkt aus den Werten, die wir nicht erst mit der Aufklärung bei uns eingepflanzt haben. Das ist für mich vielmehr eine christliche Prägung, den Menschen erst einmal als gleichwürdig zu betrachten – unabhängig davon, wo er herkommt, was er kann und so weiter. Aus dieser Haltung heraus will ich Politik machen.

Ein zentrales Thema ist für Sie die Asyl- und Flüchtlingspolitik – auch als Mitglied in der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wie erleben Sie die öffentliche Diskussion über diese Themen im Alltag?

Ich frage bei meinen Veranstaltungen zum Thema Flüchtlinge immer: „Ist hier jemand gegen Flüchtlinge?“ – Dann meldet sich keiner. Und das halte ich für ein Problem. Ich hätte gerne Leute da, die auch kritisch fragen und die Probleme, die sie haben, frei artikulieren. In der Kirche sehe ich manchmal auch, dass oben von „den Fremden, die in deinen Toren wohnen“ (5. Mose 16) gepredigt wird und unten die Leute hin und her rutschen und das zum Teil gar nicht mehr hören können. Der Raum ist nicht unbedingt da, das einmal miteinander zu klären: Was für Verletzungen, Erfahrungen und Ängste sind da bei den Menschen?

Wie können Politik und Kirchen hier gegensteuern? – Gerade angesichts des wachsenden Zulaufs, den rechtspopulistische Positionen erfahren.

Wir müssen unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch bringen und nicht immer nur Gesprächskreise pflegen, die sich ohnehin schon verstehen. Denn das ist es, woran es in diesem Lande in erster Linie mangelt: an Miteinander, an Gespräch zu den relevanten Themen über Milieugrenzen und Konfessionen hinweg. Wenn Streit immer als etwas Schlechtes angesehen wird, hat man nicht verstanden, dass der Streit in einer liberalen Demokratie notwendig ist. Er muss gut geführt werden, darf nicht persönlich werden – aber in der Sache kann und darf er hart sein.

In Ihrem neuen Amt sind Sie nun besonders mit Fragen des Religionsverfassungsrechts befasst. Wo sehen Sie hier die zentralen Herausforderungen?

Ganz grundsätzlich sehe ich keine Bedarfe für größere Umwälzungen. Was es braucht, ist immer wieder eine gesellschaftliche Verständigung: Wo sehen wir Probleme? Wo wünschen wir uns Veränderungen?

Was kann das konkret bedeuten?

Wie sieht es etwa mit Religionsunterricht in den Schulen aus? Da gibt es eine bunte Vielfalt an Modellen in den unterschiedlichen Bundesländern, die immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden müssen. – Muss man langsam nachziehen, wo es um die Besetzung von Rundfunkräten geht? Dort sitzen einzelne gesellschaftliche Gruppen, die seinerzeit hineingenommen wurden, heute aber deutlich weniger Menschen vertreten. Hier gilt es, die heutige gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. – Aber das ist für mich alles ein Prozess. Auf diese Fragen wird man kontinuierlich schauen und miteinander Lösungen aushandeln müssen.

Blicken wir abschließend konkret auf die islamischen Religionsgemeinschaften: Welche Perspektiven sehen Sie für deren Integration – speziell ihre Etablierung als Körperschaft des öffentlichen Rechts?

Ich verstehe das Anliegen, es ist wahrscheinlich auch ein kluges, denn so können wir Rechte und Pflichten gegenseitig festlegen. Aber es stellt sich doch die Frage: Wer spricht eigentlich für wen? Die Vielfalt auf der Seite des Islam ist so groß, dass ich im Moment nicht durchsteigen würde, wem ich da mehr Kompetenzen in die Hand gebe – mit wem ich da verhandeln würde und mit wem nicht. Mit Leuten, die an Ankara hängen, schon mal gleich gar nicht. Aber mit anderen, die nur 20.000 Leute vertreten, auch nicht. Da muss sich noch einiges sortieren, bevor wir in dieser Richtung weiterkommen.

In ähnlicher Form erschienen am 24. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Wieder streiten lernen

Michel Friedman diskutierte über Gegenwartsfragen des Verhältnisses von Staat und Religion

Von Tilman Asmus Fischer

„Still ist nicht so meins“ – auch wenn Michel Friedman damit schmunzelnd zunächst nur die Frage beantwortet hatte, ob er das Mineralwasser mit oder ohne Kohlensäure trinken wolle: Bei der anschließenden Diskussion in der Villa Elisabeth in Berlin Anfang Mai wurde schnell deutlich, dass dies nicht nur auf seine Trinkgewohnheiten zutrifft. Eingeladen hatte das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) im Rahmen seines Programmes „Dialogperspektiven: Religionen und Weltanschauungen im Gespräch“.

Michel Friedman
(Foto: T. A. Fischer)

Im Gespräch mit dem Publizisten und ELES-Geschäftsführer Jo Frank diskutierte der Jurist und Philosoph Friedman über eine Frage, die zuletzt durch den bayerischen Kreuz-Erlass neue Aktualität gewonnen hatte: „Wie viel Religion verträgt der Staat?“

Und so stand zu Beginn – trotz Friedmans Warnung, Tagespolitik versperre „Hirnräume“ – die umstrittene Entscheidung von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Zentrum. Im Einklang mit der Kritik des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx problematisierte Friedman die verordnete Kreuz-Pflicht als Politisierung eines religiösen Symbols, das Söder damit auf ein „Logo einer kulturellen Geschichte“ reduziere.

Das Gespräch verließ bald das verminte Feld der Tagespolitik, sodass „Hirnräume“ für grundsätzlichere Probleme frei wurden. Jo Frank hob zunächst an, die Diskussion auf allgemeine Aspekte religiöser und nationaler Identitäten in der deutschen Gesellschaft zu lenken. Jedoch schöpfte die Debatte durch ihre immer neue Rückbindung an Fragen des Staatskirchenrechtes beziehungsweise Religionsverfassungsrechtes nicht die Potenziale aus, die die Auseinandersetzung mit einem der führenden jüdischen Intellektuellen Deutschlands bot.

Frank stellte die Religionsgesetzgebung der Weimarer Reichsverfassung, den Religionsgemeinschaften zugestandenen Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts oder vertragliche Regelungen zwischen Staat und Kirche zur Diskussion. Friedman gelang es dabei immer wieder, den Blick auf die hieran anknüpfenden gesellschaftlichen Debatten zu lenken.

Längst, so Friedman, befänden wir uns in einem Diskurs, der das Verhältnis der Gesellschaft zur Religion neu aushandle. Ursache dafür sei nicht nur die wachsende Zahl deutscher Muslime, sondern auch die zunehmende Entkirchlichung. Die Frage, wie sich diese Entwicklungen in Gesellschaftspolitik umsetzen ließen, sei eine Frage der Generation 20 plus.

Vor diesem Hintergrund kritisierte Friedman scharf die gegenwärtige Diskursmüdigkeit nicht nur der jungen Deutschen: „Seit Jahren unterfordert sich die Gesellschaft in der Diskussion.“ Er selbst – Professor an der Frankfurt University of Applied Science – sei entsetzt darüber, wie „brav“ die heutigen Studenten seien. Dabei brauche die Gesellschaft einen aktiven Diskurs: „Lernen wir doch einfach wieder streiten!“

Zudem, so Friedmans zweiter zentraler Kritikpunkt, habe die öffentliche Diskussion zu lange wichtige Realitäten ausgeblendet: „Warum hat man nicht darauf geachtet, wer in Moscheen predigt?“ Erst 50 Jahre nachdem die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen, habe die Gesellschaft ernsthaft begonnen, sich mit der muslimischen Religionsgemeinschaft als Akteur auseinanderzusetzen. Dabei gehe es – wie eigentlich immer – weniger um Integration als vielmehr um Emanzipation: Menschen dazu zu befähigen, eigene Identitäten zu entwickeln und anderen gegenüberzustellen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 20/2018.

Richtig streiten in der Kirche

Am 27. April hielt Bischof Dr. Markus Dröge auf der religionspolitischen Tagung der SPD-Bundestagsfraktion einen Vortrag zum Thema „Richtig streiten in der Kirche“. Im Interview spricht er über den Beitrag der Kirchen zu einer gelingenden Diskussionskultur.

Herr Bischof Dröge, in Deutschland verschärft sich der öffentliche Diskurs. Hat dies Auswirkungen auf die Kirche?

Dröge: Die gesellschaftliche Situation wirkt sich bis in die Gemeinden hinein aus, sodass auch rechtspopulistische Positionen vertreten werden. Und da kommt es in unserer Kirche darauf an, in den Gemeinden Räume zu schaffen, in denen man über die Probleme der Menschen sprechen kann, ohne die oft ausgrenzenden und menschenfeindlichen Lösungsvorschläge des Rechtspopulismus zu übernehmen.

Kann die Kirche hiermit zu einer neuen Form der gesellschaftlichen Debatten beitragen?

Bischof Dr. Markus Dröge
(Foto: Philipp Hahn)

Dröge: Wir müssen innerhalb der Kirche unsere sachgerechte Diskurs- und auch Streitkultur – Streit um den besten Weg – aufrechterhalten. Hierfür steht unsere Synodenkultur. Aber wir müssen auch in die Gesellschaft hineinwirken, so gut wir es können, und dazu beitragen, dass der Zusammenhalt weiterhin gelingt und Probleme im demokratischen Diskurs vernünftig behandelt werden.

Was sind für Sie zentrale Regeln eines gelungenen Streites – in Synode oder Politik?

Dröge: Es muss unterschieden werden zwischen der Person und dem, was eine Person vertritt und tut; in theologischer Sprache: zwischen Person und Werk. Es mag sein, dass ich in einer Diskussion völlig entsetzt bin über die Meinung meines Nächsten, aber ich darf nicht völlig entsetzt sein über die Person. Als Person ist er genau wie ich ein anerkanntes Kind Gottes mit seiner Würde und seinen Rechten und seinem Gewissen.

Welche Konsequenzen hat diese Unterscheidung für die alltägliche Debattenkultur in der Kirche?

Dröge: Wenn ein Kirchenmitglied auch Mitglied der AfD ist, ist das kein Grund, ihn auszuschließen. Es ist nur ein Grund ihn oder sie auszuschließen, wenn er oder sie selbst menschenfeindliche Äußerungen tätigt – etwa einzelne Gruppen von Menschen prinzipiell herabwürdigt. Wenn jemand politische Auffassungen vertritt, die auch innerhalb der AfD vertreten werden, dann ist dies ein Grund, sich mit ihm sachlich auseinanderzusetzen.

Wie werden unterschiedliche Gemeinden der Herausforderung gerecht, entsprechende Spannungen auszuhalten?

Dröge: Es gibt erste soziologische Untersuchungen, die zeigen: Eine Gemeinde, die es gewohnt ist, offen unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, ist kaum anfällig für Rechtspopulismus – egal ob sie eher liberal oder konservativ ist, ob sie theologisch eher evangelikal oder von der Befreiungstheologie geprägt ist. Aber immer da, wo in einer Gemeinde eine Main­stream-Meinung unhinterfragt vertreten wird, da gibt es eher Affinität für rechtspopulistisches Gedankengut.

Reizworte gegenwärtiger Debatten sind »Heimat« und »Identität« – welche inhaltlichen Angebote kann die Kirche hierzu machen?

Dröge: Wir haben als in der Fläche präsente Organisation wie wenig andere die Chance, dazu beizutragen, dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht – aber nicht eines, das davon lebt, alle Fremden als Feinde zu sehen. Es geht um ein Heimatgefühl, mit dem man seine Heimat liebt, aber die Herausforderungen gemeinsam angeht und auch die Neubürger mit in diese Aufgabe hineinnimmt.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

In ähnlicher Form erschienen in: Glaube und Heimat – Mitteldeutsche Kirchenzeitung 19/2018.

Weltkirche zu Gast in Dresden

Im Bistum Sankt Clemens in Saratow leben 20 000 Diaspora-Katholiken. Die Konferenz ihrer Seelsorger tagte im Bistum Dresden-Meißen.

Von Tilman Asmus Fischer

Eigentlich war Clemens Pickel 1990 – damals Priester des Bistums Dresden-Meißen – lediglich auf drei Jahre mit der Seelsorge an den verbliebenen Deutschen in Tadschikistan und ab 1991 in Marx an der Wolga beauftragt worden. Nachdem seine dortige Amtszeit auf acht Jahre verlängert worden war, hätte er 1998 wieder nach Sachsen zurückkehren müssen. Dem kam jedoch Papst Johannes Paul II. zuvor, indem er ihn zum Weihbischof für die Apostolische Administratur für das Europäische Russland – und ein Jahr später zum Apostolischen Administrator für das Europäische Südrussland – ernannte. 2002 traf die Kurie eine weitere wegweisende Entscheidung: die Umwandlung der päpstlichen Administraturen auf russischem Staatsgebiet in eigenständige Bistümer. Und so entstand das Bistum Sankt Clemens in Saratow, dessen erster Bischof Pickel wurde. Dort leben in einer extremen Diasporalage unter 45 Millionen Einwohner ca. 20 000 Katholiken.

Kürzlich besuchte Bischof Pickel nun wieder einmal seine sächsische Heimat – und brachte fast seine ganze Diözese mit, oder vielmehr fast alle ihre Seelsorger: 40 Priester und 60 Ordensleute. Anlass bot die jährliche mehrtägige Pastoralkonferenz des Bistums Sankt Clemens, die 2018 in Naundorf (Sächsische Schweiz) stattfand. Weil es je mehrere hundert Kilometer von einem Seelsorgezentrum zum anderen seien, erläuterte Pickel, seien diese längeren jährlichen Treffen notwendig: „Weiterbildung, Austausch, gemeinsames Gebet und auch ein wenig Erholung gehören traditionell zu der Begegnung, bei der möglichst niemand fehlen sollte, bei der aber auch – die Erfahrung zeigt es – kaum jemand fehlen möchte. Gewöhnlich organisieren wir die Konferenz bei uns im Bistum, ausnahmsweise aber auch an anderen Orten, was dann auch mit Gründen wie Dank und Motivationsschub zu tun hat, denn einfach ist es in der südrussischen Diaspora nicht.“ In diesem Jahr befasste sich die Konferenz mit dem Thema „Pastorale Fragen im Zusammenhang mit heutiger Bioethik“.

Einen Höhepunkt der Tagung stellte die Feier der heiligen Messein der Katholischen Hofkirche zu Dresden dar – neben Bischof Pickel mit Bischof Heinrich Timmerevers und Bischof emeritus Joachim Reinelt. Anschließend hatte das Bistum Dresden-Meißen zu einem gemeinsamen Imbiss mit Vertretern von Gemeinden eingeladen, die Partnerschaften mit Gemeinden der Diözese Sankt Clemens pflegen. Unter Leitung des Weltkirchen- und Umweltbeauftragten des Bistums Dresden-Meißen, Ulrich Clausen, bot eine Podiumsdiskussion Rückblick und Ausblick auf die gelebte Partnerschaft. Eine Partnerschaft, durch die – so Bischof Pickel – „Glauben wächst“: Wenn Katholiken in Russland auch eine verschwindend kleine Minderheit darstellten, gehörten sie doch zur katholischen Weltkirche. Durch die gelebten Beziehungen zwischen Ost und West werde so Katholizität erlebbar.

Gemeinsam mit Bischof Pickel sprach hierüber unter anderem Pfarrer Bosco Marschner. Gewissermaßen ist er dem Vorbild Bischof Pickels gefolgt: Zuvor Pfarrer in Zittau, entschloss er sich, ab August 2015 die katholische Gemeinde in Marx an der Wolga zu übernehmen. Sowohl der Bischof als auch sein Pfarrer sind nicht nur mit den alltäglichen Herausforderungen der Diaspora befasst, sondern zudem bestrebt, für deren Fragen und Belange die deutsche Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Beide berichten auf eigenen Blogs über ihr Leben und Wirken. Bischof Pickel hat zudem bereits einschlägige Buchveröffentlichungen vorgelegt.

Bischof Timmerevers bezeichnete seine eigenen Begegnungen mit den Seelsorgern der Saratower Diözese als „bewegend und mitreißend“. Besonders fasziniert äußerte er sich darüber, wie in Saratow „Weltkirche gelebt“ werde. Da die kleine katholische Gemeinschaft in Russland selbst kaum eigene Seelsorger hervorbringen, ist die Kirche auf den Dienst von ausländischen Geschwistern angewiesen. „Für ganz Russland besteht ein einziges Priesterseminar, in dem momentan gerade einmal elf Seminaristen ausgebildet werden“, erläuterte Bischof Pickel. Ob am Ende auch tatsächlich alle zu Priestern geweiht würden, sei noch nicht abzusehen. Und so arbeitet er in seinem Bistum mit Ordensangehörigen und Priestern aus über 30 Ländern zusammen. Unter den Ordensleuten finden sich – anders als es sich gemeinhin in Deutschland darstellt – viele junge Frauen. Dies markierte Gabriele Haseneder aus Zittau – der Partnergemeinde von Astrachan – als Beispiel dafür, dass die Partnerschaft Einblicke eröffne, von denen gerade auch die deutschen Katholiken profitieren könnten.

Pfarrer Marschner vermittelte einen exemplarischen Eindruck von der Bedeutung, die die Partnerschaft für seine Gemeinde in Marx hat. Da die deutschen Geschwister weit weg seien, wachse die Verbundenheit erst allmählich. Jedoch sei vor allem das grenzüberschreitende Gebet füreinander den Menschen zunehmend wichtig. Dabei verdeutlichte er zugleich: „Natürlich ist das Materielle auch wichtig.“ So ermögliche es die Partnergemeinde durch ihre Unterstützung jungen Katholiken aus Marx, nach Taizé zu reisen.

Bischof Timmerevers zeigte sich während der Diskussion begeistert von den bestehenden sächsisch-russischen Beziehungen und äußerte seinen persönlichen Wunsch, die bestehenden Partnerschaften zu verstetigen. Die Anwesenden forderte er zur Unterstützung der Glaubensgeschwister im Bistum Sankt Clemens auf: „Ich lade Sie ein, alles zu tun, was Sie tun können – und den Rest tut der liebe Gott.“

Erschienen am 10. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Heinrich Bedford-Strohm. Der Akademiker

Von Tilmann Asmus Fischer

benso wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, hat auch Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, seit 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), aus Anlass des Münchener Kruzifix-Erlasses vor einer politischen Vereinnahmung des Kreuzes gewarnt. Nichtsdestotrotz begrüßte er grundsätzlich das öffentliche Sichtbarmachen des Kreuzes: „Religion lässt sich nicht in die Privatsphäre verbannen.“

Es ist dies mehr als eine Meinungsäußerung zur tagespolitischen Debatte, sondern vielmehr Ausdruck einer grundsätzlichen Positionsbestimmung des – nicht nur kirchenleitenden, sondern vor allem auch akademischen – Theologen Bedford-Strohm, der 1960 in Memmingen geboren wurde. Anders als seine beiden Vorgänger an der Spitze des protestantischen Kirchenbundes – Margot Käßmann und Nikolaus Schneider – blickte er bei Amtsantritt auf eine umfangreiche universitäre Tätigkeit zurück.

Dies war zuletzt bei Wolfgang Huber (Ratsvorsitzender 2003 bis 2009) der Fall gewesen. Bei diesem wiederum wurde Bedford-Strohm 1992 mit einer Arbeit unter dem Titel „Vorrang für die Armen. Auf dem Weg zu einer theologischen Theorie der Gerechtigkeit“ promoviert. Seit 2004 war Bedford-Strohm an der Universität Bamberg Professor für Systematische Theologie. Hier gründete er 2008 die „Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie“. Es ist die Programmatik der Öffentlichen Theologie, der nicht nur der Wissenschaftler, sondern auch der Bischof Bedford-Strohm verpflichtet ist. Als er 2011 Bischof der bayerischen Landeskirche wurde, musste er seinen Lehrstuhl aufgeben. In seiner Abschiedsvorlesung am 26. Juli formulierte er ein Credo der Öffentlichen Theologie: „Von den Traditionen her, aus denen die Kirche lebt, inspirierende Kraft für die ganze Gesellschaft zu entfalten, das ist eine Aufgabe der Kirche und der kirchenleitenden Organe, etwa des Landesbischofs, die in der Zukunft eine besondere Bedeutung bekommen muss und bekommen wird.“

Vor diesem Hintergrund erklärt sich, weshalb Bedford-Strohm bei aller Kritik auch das Kreuz im öffentlichen Raum befürwortet: Da aus ihm – richtig verstanden – ebendiese Tradition und inspirierende Kraft spricht. Entscheidend sei für ihn, so hatte er erklärt, dass das Kreuz vom Inhalt her mit Leben erfüllt werde: „Das heißt Feindesliebe, Einsatz für die Schwachen, universales Liebesgebot; also nicht die Benutzung des Kreuzes zur Abwehr gegen andere, sondern als Grundlage dafür, dass wir eine Verantwortung für alle Menschen haben.“

Erschienen am 10. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).