Luthers Erben im Osten Europas

Sammelband zur Reformationsgeschichte in Ostmittel- und Südosteuropa

Das Gedenkjahr 2019 ist bestimmt durch die Erinnerung an die Implosion der kommunistischen Gewaltherrschaft im Osten Europas – und an den vorausgegangenen gewaltlosen Kampf der Bürgerrechtler in den Warschauer-Pakt-Staaten. Eine andere, gut 500 Jahre vorausliegende Freiheitsbewegung in Ostmittel- und Südosteuropa würdigt eine aktuelle Veröffentlichung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: „Der Durchbruch kam im Osten.“

Mitherausgeber ist Ulrich Hutter-Wolandt, Pfarrer im Berliner Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf. Mit seinen beiden eigenen Beiträgen wendet er sich der schlesischen und pommerschen Reformationsgeschichte zu. Während er die Reformation in Schlesien bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555 im Überblick darstellt, wählt er für Pommern einen personalen Zugriff und nähert sich Leben und Theologie Johannes Bugenhagens als Historiker, Reformator, Organisator und Seelsorger an.

Mit Blick auf die seit dem Reformationsjubiläum 2017 bestehende Partnerschaft zwischen der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz dürfte auch der Beitrag von Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa, über die Reformation in Siebenbürgen von besonderem Interesse sein.

Die Perspektive, die die Aufsätze eröffnen, ist eine europäische, jedoch ebenso eine ökumenische, nicht zuletzt durch die Beteiligung zweier im Umfeld der katholischen Kirchengeschichte beheimateter Historiker. Zum einen befasst sich Udo Arnold, Präsident der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens, ausgehend von der Säkularisierung des früheren Ordensstaates mit dem Herzogtum Preußen als erstem protestantischen Fürstentum. Zum anderen beschreibt Rudolf Grulich, Wissenschaftlicher Direktor des katholischen Instituts für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien die Reformation in den böhmischen Ländern und in Oberungarn, entlang der Confessio Augustana, der Confessio Montana und der Confessio Bohemica.

Zuletzt bietet das Buch jedoch nicht nur Beiträge zur Reformationsgeschichte, sondern versteht sich zudem als wissenschaftliches Statement zur Debatte um das zurückliegende Reformationsjubiläum. So sind den landeskundlichen Abhandlungen Gedanken zum Reformationsjubiläum vorangestellt, die Klaus Weigelt, Präsident der Stiftung deutsche Kultur im östlichen Europa, im Vorfeld der Feierlichkeiten von 2017 veröffentlicht hatte. Beschlossen wird der Band durch eine „Bilanz des Reformationsgedenkens 2017“ von Ulrich Hutter-Wolandt.

Der Durchbruch kam im Osten. Die Reformation in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, den böhmischen Ländern und in Siebenbürgen, herausgegeben von Hans-Günther Parplies und Ulrich Hutter-Wolandt, Verlag der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn 2018, 160 Seiten, 11,90 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 39/2019.

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Von der Borsigstraße nach Schwante

Das Berliner Sprachenkonvikt ebnete der SDP-Gründung in Schwante den Weg

Von Tilman Asmus Fischer

Das Pfarrhaus von Schwante ist mit gutem Recht als Gründungsort der „Sozialdemokratischen Partei“ (SDP) in der DDR in die Geschichte eingegangen. Mit dieser Gründung befreite sich die Sozialdemokratie im östlichen deutschen Staat aus dem Würgegriff der SED-Zwangsvereinigung. Ebenso mit gutem Recht wurde jedoch am 8. September auch an einem weiteren Erinnerungsort, der mit den seinerzeitigen Entwicklungen aufs Engste verbunden ist, der SDP-Gründung gedacht: dem früheren Sprachenkonvikt in der Borsigstraße, Berlin-Mitte.

Das Sprachenkonvikt, ehemals die theologische Ausbildungsstätte in Ost-Berlin (1950–1990/91), heute als Theologisches Konvikt Berlin ein Studierendenwohnheim, war vor und nach Schwante für die Entstehung und Konsolidierung der neuen Partei von größter Bedeutung. Nicht nur, dass es als einer der wenigen Orte offenen und kritischen Denkens in der DDR den geistigen Nährboden für die SDP-Gründung bereitet hatte. Bereits am 26. August 1989 hatte Markus Meckel im Rahmen einer Tagung des „Arbeitskreises Theologie und Philosophie“ im zum Konvikt gehörenden Saal der Golgatha-Gemeinde den Aufruf zur Gründung der SDP öffentlich gemacht. Am 3. Dezember verabschiedeten die Sozialdemokraten im Konvikt ihre erste Erklärung zur Deutschen Einheit.

An diesen Ort hatte am vergangenen Sonntag das heutige Theologische Konvikt Berlin gemeinsam mit SPD und EKBO zu einer feierlichen Abendveranstaltung unter dem Titel „Der Geist von Schwante und das Sprachenkonvikt“ eingeladen. Nach einem Grußwort von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein sprach Richard Schröder, 1977 bis 1991 Philosophiedozent am Sprachenkonvikt und 1990 SDP-Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer, über den „Beitrag der Evangelischen Kirche im Prozess der Demokratisierung“. Anschließend erinnerten sich die beiden SDP-Gründer Martin Gutzeit und Markus Meckel, moderiert von der Journalistin und ehemaligen Konviktualin Jana Münkel, an die wechselvollen Monate der Wendezeit.

Immer wieder wurde in den unterschiedlichen Wortbeiträgen das Ineinander des kirchlichen und politischen Erbes der Jahre 1989/90 deutlich. Trautwein würdigte in ihrem Grußwort die spezifische theologische Tradition, die sich aus der damaligen Freiheitsbewegung herausgebildet habe und die EKBO bis heute präge. Schröder hob in seinem Vortrag besonders den Beitrag der Kirchen in der DDR zum gewaltfreien Widerstand hervor. Dieser führte letztlich zum Erfolg, da die Machthaber – im eigenen Denken gewaltsamer Revolutionen gefangen – hierauf nicht vorbereitet waren: „Eine Revolte hätte die SED sofort niedergeschlagen, denn darauf war sie trainiert.“

Ebenso wie Schröder erinnerte Gutzeit daran, dass sich die Oppositionsbewegung der DDR freilich nicht nur den Kirchen, sondern auch anderen Faktoren zu verdanken hatte – etwa den globalen politischen Entwicklungen, die sich vor allem mit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), blockübergreifende Konferenzen der europäischen Staaten zur Zeit des Ost-West-Konfliktes, verbanden. Was den Kreis um die SDP-Gründer von anderen Teilen der Oppositionsgruppen in der DDR unterschied, war, so Meckel, dass es ihnen nicht nur um eine offene Debatte über die gesellschaftlichen und politischen Missstände ging, sondern darum, selbst konkrete politische Verantwortung zu übernehmen: „Wir sagten: ‚Wir warten nicht, sondern es gilt, die Dinge selber in die Hand zu nehmen.‘“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 37/2019.

Keine Selbstverständlichkeit

80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs sind deutsche und polnische Protestanten auf vielfältige Weise verbunden

Von Tilman Asmus Fischer

„Alles andere als selbstverständlich“ sei die Geschichte der deutsch-polnischen Versöhnung in den zurückliegenden Jahrzehnten. 80 Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf Polen betont Präses Annette Kurschus, die Beauftragte des Rates der EKD für die Beziehungen zu den polnischen Kirchen: „Wir bekennen uns offen und aufrichtig zu dieser Schuldgeschichte und ebenso zur Verantwortung, die uns daraus zuwächst.“ Zugleich wolle man gemeinsam mit den Partnern im Polnischen Ökumenischen Rat, dem Polska Rada Ekumeniczna (PRE), „für den Frieden zwischen unseren Ländern und den Frieden in Europa“ eintreten.

Ein entsprechendes Zeichen werden EKD und PRE am 1. September, dem Gedenktag des Kriegsbeginns, mit einem Gottesdienst in der Warschauer Trinitatiskirche setzen. Neben Kurschus wird auch PRE-Präsident Bischof Jerzy Samiec predigen. Verantwortet wird der Gottesdienst vom Deutsch-Polnischen Kontaktausschuss, der 1974 zur Koordinierung der Beziehungen zwischen EKD und PRE gegründet worden war.

Innerhalb der EKD kommt den östlichen Landeskirchen, und somit auch der EKBO, eine besondere Bedeutung für die ökumenischen Beziehungen in das unmittelbar angrenzende Polen zu. Der Grenzraum, zu dem der Osten seiner Landeskirche gehört, soll ein „Garten der Barmherzigkeit“ sein, sagt Justus Werdin, Pfarrer der EKBO für grenzüberschreitende Ökumene. Ziel seiner Bemühungen sei das Entstehen einer „Konziliaren Gemeinschaft der Kirchen an Oder und Neiße“ im Sinne der „Charta Oecumenica“ der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen von 2001.

Einen wichtigen Schritt in diese Richtung wird ein ökumenisches Bischofstreffen aller an Oder und Neiße angrenzenden Landeskirchen und Diözesen aus Deutschland und Polen in Frankfurt (Oder) am 15. Oktober darstellen. Einen Vorgeschmack darauf können Interessierte bereits am 1. September erhalten, wenn das ZDF einen Gottesdienst aus Frankfurt und einen ökumenischen Gottesdienst im polnischen Teil Gubens ausstrahlt.

Ein „gewachsenes Vertrauen und partnerschaftliche, oft sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen Polen und Deutschen“ erlebt Martin Herche, der langjährige frühere Görlitzer Generalsuperintendent, bei ökumenischen Gottesdiensten und Andachten. Die Kirchliche Stiftung evangelisches Schlesien, die er als Vorstandsvorsitzender leitet, knüpft an die Tradition der historische Kirchenprovinz Schlesien an, und pflegt zusammen mit Partnern in Polen das gemeinsame Erbe des schlesischen Protestantismus: Hierzu fördert die Stiftung Ausstellungs- und Forschungsprojekte ebenso wie konservatorische Maßnahmen polnischer evangelischer Gemeinden zum Erhalt von Kulturgütern.

Während Studienreisen der Stiftung nach Schlesien nimmt Herche bei der jüngeren Generation in Polen ein spürbares Interesse an der Lokalgeschichte wahr: „Das heißt eben auch ein Interesse an der deutschen Geschichte und der Kultur, die die heute polnischen Orte über Jahrhunderte geprägt hat.“ Die gemeinsame Geschichte wirke heute verbindend und völkerverständigend.

Ein weiteres Beispiel für die verbindende Kraft der Geschichte stellt Marcin Żerańskis Buch „Polen evangelisch. Eine Entdeckungsreise“ dar, das 2017 unter Schirmherrschaft der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen veröffentlicht wurde. Dass gerade 2019 – im Jahr des Weltkriegsgedenkens – die von Pfarrer Alexander Stokowski übersetzte deutschsprachige Fassung erschienen ist und einlädt, den heutigen Protestantismus in Polen mit seiner polnisch-deutsch-österreichischen Geschichte (neben niederländischen und böhmischen Einflüssen) kennenzulernen, ist eine eindrückliche Geste.

Gefördert wurde die Veröffentlichung des Buchs – neben der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands – vom Gustav-Adolf-Werk, einer weiteren wichtigen Säule kirchlicher Partnerschaften zwischen Deutschland und Polen. So unterstützt das Diasporawerk der EKD die Sanierung kirchlicher Gebäude und diakonische Projekte der Evangelisch-Augsburgischen sowie der Evangelisch-Reformierten Kirche in Polen und fördert über ein Stipendienprogramm Theologiestudenten beider Kirchen.

Schon jetzt tragen also vielfältige Akteure zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit im kirchlichen Raum bei. Und ihre Zahl wächst: Am 1. September werden die Berliner Domgemeinde und die Warschauer St.-Trinitatis-Gemeinde nach einem gemeinsamen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom durch eine Vertragsunterzeichnung eine neue offizielle Partnerschaft besiegeln, die auf eine Initiative aus den Reihen der Domgemeinde zurückgeht. Anfang 2019 und im Juli haben sich bereits Delegationen in Warschau und Berlin getroffen. Gestaltet werden soll die Partnerschaft auf verschiedenen Ebenen der Gemeinden. So sind unterschiedliche Veranstaltungsformate für Gemeindeglieder, Prediger, Mitarbeiter, Jugendliche und Musiker aus Berlin und Warschau geplant.

Dompredigerin Petra Zimmermann ist überzeugt, dass „Begegnungen, Gespräche und das Wissen voneinander helfen können“, der Spaltung Europas sowie Ressentiments und Geschichtsvergessenheit deutlich entgegenzuwirken. „Wir brauchen den Austausch von Erinnerungen, die sich eingeschrieben haben in das Gedächtnis der Familien, in das Gedächtnis der Städte, der Gemeinden.“ Aber die Gemeindepartnerschaft soll mehr sein als ein Geschichtsseminar: „Mit den beiden Kirchen St. Trinitatis und Berliner Dom verbinden sich auch zwei Orte, die es mit ähnlichen Herausforderungen und Chancen von Kirchen in den historischen Zentren ihrer Hauptstädte zu tun haben.“ Im Raum stünde etwa die Frage nach der Rolle von evangelischen Kirchen in der Postmoderne: „Wie können wir in den verdichteten Zentren der Städte mit ihrer Urbanität und Diversität Räume eröffnen, in denen das Gespräch über Glauben, Weltanschauungen und Kulturen geführt werden kann?“

Auf die vor den Gemeinden liegende Partnerschaft schaut Zimmermann zuversichtlich. Die Begegnungen in diesem Jahr hätten gezeigt: „Es geht. Verständigung ist möglich. Vertrauen kann wachsen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 35/2019.

Erschrecken vor Gott

Predigt zu Hiob 23 – und zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren

Wir sind am Ende eines schönen sonnigen Sommers angekommen. Allmählich haben wir uns wieder in den Arbeits- und Schulalltag eingelebt. Zuvor haben uns die Ferientage wieder auf Reisen geführt – durch Deutschland, Europa, vielleicht sogar darüber hinaus. Der eine oder andere wird den Urlaub womöglich auch in Polen verbracht haben. Unser Nachbarland ist ein zunehmend beliebtes Reiseziel, zumal für Deutsche. Und gerade die nördlichen Regionen an der Ostsee sind – vor allem im Spätsommer und frühen Herbst – besonders reizvoll. Jahr für Jahr lockt der Dominikanermarkt – eines der größten Volksfeste der Region – im August tausende von Gästen nach Danzig; und in den Ostseebädern warten Ablenkung und Entspannung.

Mitten durch die hügelige und seenreiche Landschaft der Kaschubei fließt zwischen Danzig und der Ostsee die Piasnitz, ein kleiner Küstenfluss, der auch dem Dorf Groß Piasnitz seinen Namen gegeben hat. Fährt man heute mit dem Auto auf den Landstraßen durch die Wälder im Umland von Groß Piasnitz, fallen die vielen Hinweisschilder am Straßenrand ins Auge. Sie zeigen zwei Kreuze und eine Flamme und weisen in den Wald hinein. Dort befinden sich, verstreut zwischen den Bäumen, kleine und große Denkmäler, eine Kapelle und unzählige Kreuze. Dieser Ort steht im schroffen Kontrast zu all den Sehenswürdigkeiten und Schönheiten, die dieser Landstrich zu bieten hat – und gehört doch ebenso zu dieser Gegend.

Hier wurden zwischen September und Dezember 1939 weit über 10.000 Menschen durch Angehörige der SS und des sogenannten „Volksdeutschen Selbstschutzes“ ermordet und im Wald verscharrt: polnische und kaschubische Intelligenz, Geisteskranke, die den Nationalsozialisten als lebensunwertes Leben galten, und eine große Zahl deportierter Häftlinge aus dem Deutschen Reich.

Gedenkstätte Piasnitz

Orte wie Piasnitz lassen uns noch heute erschrecken – und ihrer gibt es viele, wo in den Jahren nach dem 1. September 1939 Krieg geführt wurde. Wir stehen da und können nicht begreifen, wie Menschen einander antun konnten, was hier geschah; können nicht begreifen, wie ein gnädiger und gerechter Gott, dies zulassen konnte. Wirklich nachempfinden zu wollen, was die Opfer von einst nach der Besetzung ihrer Heimat durch die Wehrmacht erlebten und erlitten, wäre vermessen. Was sich uns jedoch an Orten wie dem Totenwald von Piasnitz in Bruchstücken vermittelt, ist das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins, der totalen Hilflosigkeit, ja der so empfundenen Abwesenheit Gottes. Der Predigttext für den heutigen Sonntag, gibt uns für diese Empfindung Worte. Denn auch Hiob sucht angesichts erlittener Qualen nach Gott: „Siehe, gehe ich nach vorn, so ist er nicht da, nach hinten, so bemerke ich ihn nicht, nach links, sein Tun schaue ich nicht, biege ich ab nach rechts, so sehe ich ihn nicht.“

Hiob, dem von Gott auf die Probe gestellten, leidenden Gerechten, ist alles genommen worden: Vieh und Vermögen, seine Kinder und die eigene Gesundheit. Nun sitzt er da, verarmt, von Geschwüren gezeichnet und hat bereits tagelang mit seinen Freunden Elifas, Bildad und Zofar diskutiert. Sie haben versucht, ihn zu besänftigen, sein Leiden zu erklären und zu rechtfertigen – doch vergebens: „Auch heute ist Widerspruch mein Anliegen. Gottes Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.“ Hiob ist ein strenggläubiger Jude, hat ein moralisch vorbildliches Leben geführt und darf sich von dieser Seite her im Recht wissen: Was er erleidet, hat er nicht verdient. Wie gerne würde er sich daher dem offenen Rechtsstreit mit Gott stellen – und wäre sich dessen Ausgang gewiss: „Ob er in der Fülle seiner Kraft wohl den Rechtsstreit mit mir führen würde? Nein, gerade er wird auf mich achten.“ Wenn er doch nur mit Gott verhandeln könnte, dann würde dieser ihn nicht richten. Mehr noch: Er würde sich ihm in Fürsorge zuwenden. Doch Gott entzieht sich Hiob und lässt nicht mit sich verhandeln, ob das, was Hiob widerfährt, gerecht ist. Gott lässt sich nicht ein auf einen Rechtsstreit über die Frage, ob das, was einem Menschen widerfährt, ‚angemessen‘ ist.

Es gehört dies zur Tragik des Gedenkens an die Opfer von Gewaltherrschaft, Vernichtungskrieg und Rassenwahn: Zwar können wir rein historisch erklären, welche Ideologien und Weltanschauungen die Täter trieben, warum Befehlshaber unter welchen Bedingungen Massaker und Erschießungen anordnen. Und wenn wir einen Blick in die Untiefen des menschlichen Wesens wagen, können wir versuchen, nachzuvollziehen, wieso und unter welchen Umständen Menschen in der Lage sind, einander Gewalt – bis hin zu tödlicher Gewalt – anzutun. Jörg Baberowski, der hier in Berlin Zeitgeschichte lehrt, hat dies über Jahre getan, um am Ende in der Einleitung seines Buchs über „Gewalträume“ zu schreiben: „Der Autor wird zum Pessimisten, und er muss sich vor dem Bösen schützen, das er überall sieht und spürt. Eines Tages muss er aufhören, sich mit der Gewalt zu beschäftigen, weil sie sein Leben vergiftet und seine Stimmung verdüstert.“

Jeder Mensch kann, so Baberowski, unter bestimmten Bedingungen zum Gewalttäter und Mörder werden, vor allem wenn er straffrei handeln kann – so wie die SS im Hinterland der Kriegsfront. Der fatale Umkehrschluss lautet daher jedoch auch: dass wiederum jeder Mensch auch willkürlich Opfer der Gewalt werden kann. Dass sich ab dem 1. September 1939 in Osteuropa Räume der Gewalt öffneten, in denen Menschen andere Menschen ungestraft quälen und abschlachten konnten, lässt sich im Sinne geschichtlicher Zusammenhänge und Verläufe erklären – und die Verantwortung hierfür lastet noch heute schwer auf unseren Schultern. Warum aber gerade der eine oder die andere diesem Wüten zum Opfer fallen musste, bleibt letztlich unerklärlich, ist nicht zu rechtfertigen – erst recht nicht aus dem Lebenswandel und der Person des einzelnen heraus. Welchem einzelnen Opfer der Nationalsozialisten hätte man es absprechen können, mit Hiobs Worten gegen Gott aufzubegehren: „Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.“

Diese Frage bleibt – und diese Spannung bleibt, dass sich Gott unserer Erwägung und Berechnung gänzlich entzieht, wie auch Hiob erkennen muss: „Doch er, der Eine – wer kann ihm wehren? –, er tut, was seine Seele begehrt. Ja, er wird vollenden, was für mich bestimmt ist; und dergleichen hat er vieles noch im Sinn.“ Wie kann Gott solches Unrecht zulassen? Diese Spannung beschönigen oder wegdeuten zu wollen, wäre billig – billig gegenüber dem Text und billig gegenüber den Opfern, derer wir heute gedenken. Bestürzung, Beben und Verzagen können auch Teil der Beziehung von Menschen zu Gott sein. Dies ist die Einsicht dieses Predigttextes an diesem Gedenktag – und gewiss keine leichte. Aber sie ist eine notwendige Irritation für uns, die wir doch immer wieder dazu neigen, von Gott zu erwarten, dass er unseren Vorstellungen zu entsprechen habe.

Jedoch – und auch dies gehört zur Botschaft des Hiob-Buchs: Ebenso können Klage und Widerspruch zur Gottesbeziehung gehören angesichts von Unrecht und Leid, das der Volksmund dann ja auch ganz zu Recht als „himmelschreiend“ bezeichnet. Im Klagen und Anklagen gegen Gott wenden wir uns nicht von ihm ab, sondern zu ihm hin. Nicht ohne Grund schilt Gott im Hiobbuch am Ende auch nicht seinen Ankläger Hiob, sondern dessen Freunde, die diesen in seiner Anklage zum Verstummen bringen wollten: „… da sprach der HERR zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und gegen deine beiden Freunde: Denn ihr habt über mich nicht Wahres geredet wie mein Knecht Hiob.“ (Hiob 42,7)

Und so ist Hiobs Klage keine stille Klage – und sie schließt mit einem Satz, der auch uns zur Klage ermutigt, einer Klage im Ringen mit Gott: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“ Wenn wir in diesem Sinne heute die Opfer von einst beklagen, dann tritt neben unsere Klage zugleich jedoch auch die Zusage: Gott mag uns in seinem unergründlichen Ratschluss fremd und entzogen sein. Jedoch ist er immer auch der Zugewandte, der Mitleidende, ist gerade in den Opfern, die uns so unerklärlich sind, gegenwärtig. Einer, dem diese Präsenz Gottes gerade im Angesicht des Leids bewusstwurde, war Elie Wiesel. In seinem autobiografischen Auschwitz-Buch „Die Nacht“ schildert er die Hinrichtung eines Jungen, der zusammen mit zwei anderen Häftlingen wegen Sabotage zum Tode verurteilt worden war:

„‚Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. ‚Mützen ab!‘ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. ‚Mützen auf!‘ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr… Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch … Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. […] Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: ‚Wo ist Gott?‘ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‚Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen…‘“

Elie Wiesel konnte Gott im Jungen am Galgen erkennen. Wurde Gott in solcher Weise auch für Menschen im Wald von Piasnitz erfahrbar? Wir wissen es nicht – und es zu behaupten, hieße, die Schrecken des Jahres 1939 in einer Weise zu bemänteln, die gerade uns nicht zusteht. Wir dürfen es jedoch hoffen. Und dies ist eine Hoffnung, die unseren Blick am Ende von den Verwerfungen der Vergangenheit in die Zukunft richten lässt. Denn wo Gott ist, da ist immer auch ein Neubeginn möglich: Kein Schlussstrich, aber eine Klage über die Opfer, aus der ein Eingestehen von Schuld und eine innere Umkehr folgen. Dies hebt die Unfassbarkeit des Leids und die Notwendigkeit der Klage nicht auf, aber aus der Klage können neue Begegnungen entstehen und Beziehungen wachsen. Das nennen wir dann Verständigung und Versöhnung. Schritte dieser Entwicklung dürfen wir bereits seit Jahrzehnten zwischen Polen und Deutschen erleben – Gott sei Dank! Und ganz in diesem Sinne dürfen wir festhalten an dem Widerspruch des Hiob, der letztlich ein Festhalten ist an der Hoffnung auf Gott und Gottes Gerechtigkeit: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“

Predigt im Gottesdienst zur Erinnerung an 80 Jahre Beginn des 2. Weltkrieges am 11. Sonntag nach Trinitatis, 1. September 2019, in der Ev. Patmos-Gemeinde Berlin-Steglitz.

Gefordert ist der „ganze Kerl“

Seit 150 Jahren wirken die Dominikaner in Berlin-Moabit. Inmitten einer Großpfarrei mit Zehntausenden Katholiken evangelisieren sie mit weltkirchlichem Ideenreichtum

Von Tilman Asmus Fischer

„Und da war es, als ob alles ruhig und klar würde, und ich ging mit einem Glücksgefühl nach Hause…“ So erinnert sich Romano Guardini, im Wintersemester 1905/1906 Student der Nationalökonomie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, an sein Berufungserlebnis, das ihm während eines Hochamts in der Kirche des Dominikanerklosters St. Paulus in Berlin-Moabit widerfuhr. Hier in der Oldenburger Straße wirkt der Orden der Prediger heuer seit nunmehr 150 Jahren. So, wie dieser Ort vor mehr als 100 Jahren für Romano Guardini – der anschließend Priester und einer der bedeutendsten Religionsphilosophen seines Jahrhunderts wurde – wirksam geworden ist, wollen die Dominikaner auch heute aus dem und für den Glauben wirken.

Und so verstehen sie sich – ganz im Sinne der Neuevangelisation – als aktive Zelle in der Bundeshauptstadt, die mit ihren Angeboten auch über ihren unmittelbaren Stadtteil hinaus ausstrahlt. In einem weitgehend säkularen Lebensraum wie Berlin bedeutet dies, immer wieder neue Wege zu gehen und hergebrachte Strukturen zu überdenken. Leitend ist hierbei für Pater Michael Dillmann, den Prior des Klosters, die immer neue Frage: „Wo kann sich der Orden profilieren? Was kann man aus einem solchen Kloster ,machen‘?“

Seit Anfang des Jahres bildet St. Paulus das Zentrum der neuen Großpfarrei St. Elisabeth, die von Pater Michael geleitet wird. Damit sind die Brüder für die gesamte Pfarrpastoral in sechs Kirchen und für 26.000 Katholiken in Tiergarten und Wedding verantwortlich. Hinzu kommen die Betreuung weiterer Kapellen sowie die Krankenhausseelsorge an der Charité. Bestritten werden diese Aufgaben – neben Haupt- und Ehrenamtlichen in den einzelnen Gemeinden – vom Konvent in St. Paulus, einer internationalen und verhältnismäßig jungen Gruppe von acht Patres: sechs der Ordensmitglieder – von denen der jüngste 37 und der älteste 92 Jahre alt ist – haben das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht; und neben fünf deutschen Brüdern stammen drei aus Polen, Belarus und der englischen Provinz des Ordens.

Allein in der Pfarrkirche St. Paulus besuchen jeden Sonntag in vier Messen mehr als 500 Menschen den Gottesdienst. „Wir legen“, so Pater Michael, „großen Wert auf Predigt und Liturgie, die wir mit besonderer Feierlichkeit begehen.“ Dies gilt gerade auch für die Sonntagabendmesse, die von den jungen Sängerinnen und Sängern der Vokalschola „Ave Florum Flos“ mit vierstimmigen Gesängen in Tradition des Liturgischen Instituts der Dominikaner in Krakau begleitet wird. Einer weiteren Krakauer Inspiration – der dortigen Gruppe „Christus in der Altstadt“ – verdankt sich die Initiative junger Katholiken „Christus in Moabit“, die sich einmal im Monat zur Messe und Anbetung trifft und auf der Straße offen Menschen einlädt, daran teilzunehmen.

Junge Erwachsene anzusprechen, ist auch das Ziel weiterer Angebote, mit denen sich die Brüder zudem an Interessierte über die eigene Pfarrgemeinde hinaus wenden. „Mit unserer ,Dominikanischen Glaubensschule‘ richten wir uns an erwachsene Taufbewerber und Menschen, die sich auf ihre Firmung vorbereiten wollen“, berichtet Pater Michael – doch sei auch willkommen, wer seinen Glauben unabhängig von einem solchen Anlass vertiefen wolle; darunter immer wieder auch Menschen, die beabsichtigten, zur katholischen Kirche zu konvertieren. In dreizehn Sitzungen werden jährlich mit circa 25 Teilnehmern Fragen der Kirchengeschichte, Liturgie, Dogmatik und Ethik sowie der persönlichen Frömmigkeit erörtert. „Am Ende des letzten Jahrgangs standen sechs Taufen in der Osternacht“, so Pater Michael: „Es waren aber auch schon mal mehr.“

Schon jetzt wirken zudem einzelne der Konventsmitglieder außerhalb von Berlin im Namen ihres Ordens: So ist Pater Rodrigo Kahl als Liturgiedozent am Priesterseminar der Petrusbruderschaft in Wigratzbad tätig. Und Pater Thomas Grießbach lehrt als Professor der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart sowie an weiteren deutschen Universitäten Rhetorische Kommunikation beziehungsweise berät Unternehmen wie Bistümer in Fragen der Personal- und Organisationsentwicklung.

Über die Jahrzehnte hinweg haben sich um das Kloster herum weitere Orte kirchlichen Lebens angesiedelt. Dabei ist zunächst an die beiden muttersprachlichen Gemeinden zu denken, die hier Gottesdienste in ungarischer Sprache und nach maronitischem Ritus feiern; hinzu kommen ferner polnische Gottesdienste. In einzelnen Räumlichkeiten des Klosters sind Einrichtungen der Caritas beheimatet, und in der unmittelbaren Nachbarschaft entstanden ein katholischer Hort mit 250 Kindern und eine katholische Grundschule mit circa 400 Schülern. Zudem existieren Dominikanische Laiengemeinschaften, die am geistlichen Leben in St. Paulus teilnehmen.

In den kommenden Jahren soll das Seminarangebot der Dominikaner systematisch ausgebaut werden: Geplant ist die Einrichtung eines „Dominikanischen Zentrums für Katechese und Spiritualität“, das für ganz Berlin neben Vorträgen und Exerzitien auch Ehe- und Taufvorbereitungskurse sowie Trauerbegleitung und Einführungen in die dominikanische Spiritualität und Mystik anbietet. Der Prior weiß, dass diese Vorhaben von den Brüdern viel verlangen – aber so sei das nun einmal: „Evangelisierung fordert den ,ganzen Kerl‘.“

Erschienen am 22. August 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Den Schöpfergott vor Augen

Ein Sammelband lässt Joseph Ratzinger zum Verhältnis von Glaube und Politik zu Wort kommen

Von Tilman Asmus Fischer

An Glaube und Religion kommt, wer heutzutage Gegenwartshermeneutik betreibt, nicht vorbei. Ob man der Säkularisierungsthese oder der Idee einer Wiederkehr der Religion anhängt: für beide Positionen ist die Frage nach der Relevanz dieser Faktoren konstitutiv. Dabei sind beide Konzepte nicht bloß soziologische Deutungsmuster, sondern stehen nicht selten im Dienst weltanschaulicher Programme, die entweder einen strikten Laizismus oder eine Restauration religiöser Dominanz predigen. Daher trifft das vergangenes Jahr von Pierluca Azzaro und Carlos Granados herausgegebene Buch „Die Freiheit befreien“ den Nerv der Zeit, indem es eine Auswahl von Texten des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, bietet, die sich mit „Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ befassen.

Vom ältesten Text – einer Predigt vor katholischen Bundestagsabgeordneten aus dem Jahre 1981 – bis hin zur im Band enthaltenen Erstveröffentlichung – einer Antwort auf Marcello Peras Buch „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ – treten zwei zentrale Grundlinien hervor: Zum einen steht hinter allen Beiträgen das für Ratzinger typische Paradigma eines korrelativen Verhältnisses von Glaube und Vernunft, zum anderen erschließt der Autor vor diesem Hintergrund fundamentale Normen und Kriterien politischen Handelns in christlicher Verantwortung. Dabei erscheint der Systematiker und frühere Bischof von Rom kaum als der dogmatische Hardliner, als den ihn seine Kritiker gerne zeichnen, – sondern vielmehr als einer der großen Denker der (Post-)Moderne, dessen Positionen mannigfaltige Anknüpfungspunkte für den Diskurs eröffnen, gerade nicht nur aus einem christlichen Blickwinkel heraus.

Dies hat seinen Grund gerade darin, dass es ihm immer wieder gelingt, plausibel zu machen, in welchem Maße sich rechtsphilosophische Grundpfeiler der westlichen Zivilisationen – wie der Liberalismus und das Verständnis des Menschen als Rechtssubjekt –, die auch aus einer säkularen Perspektive unverzichtbar sind, fundamentalen Überzeugungen eines christlichen Welt- und Menschenbildes, mithin der Idee der Gottesebenbildlichkeit, verdanken. So konstatiert Ratzinger in der Auseinandersetzung mit Pera: „Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.“

Hier und an anderen Stellen tritt Ratzinger wiederholt – und mit überzeugenden Argumenten – für eine Rückbesinnung auf naturrechtliche Traditionen ein. Es ist zudem eben das Naturrecht, dem Ratzinger ein anhaltendes Dialogpotenzial beimisst – gerade für die Kirche in der Moderne: Als Argumentationsfigur ermögliche es der katholischen Kirche, „in den Gesprächen mit der säkularen Gesellschaft und mit anderen Glaubensgemeinschaften an die gemeinsame Vernunft [zu appellieren] und die Grundlagen für eine Verständigung über die ethischen Prinzipien des Rechts in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft“ zu suchen.

Letztlich verharrt Ratzinger nicht in der Reflexion rechts- und religionsphilosophischer Abstrakta, sondern buchstabiert immer wieder auch die sozialethischen – und damit letztlich auch politischen – Konsequenzen seiner Theologie aus. Dies gilt etwa für den Gedanken einer „zweite[n] Realpräsenz Jesu“ – neben der sakramentalen: „in den Geringsten, in den Getretenen dieser Welt, in den Letzten […], in denen Er von uns gefunden sein will“. Wenn Papst Franziskus in seinem Vorwort zu „Die Freiheit befreien“ ebendiesen Gedankengang – und Ratzingers damit verbundenes Eintreten für eine Christus gemäße Veränderung der Welt – hervorhebt, zeigt sich wieder einmal, in welchem Ausmaß die „politische Diakonie“ des amtierenden Papstes der Theologie – und insbesondere der Christologie – seines Amtsvorgängers verpflichtet ist.

Wie zeitlos das Denken Ratzingers ist, zeigen drei – bereits 1995 gemeinsam unter dem Titel „Wahrheit, Werte, Macht. Prüfsteine einer pluralistischen Gesellschaft“ erschienene – Vorträge, die der Autor 1991/1992 in Dallas, Paris und Pressburg gehalten hatte. Sie waren entstanden vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche im befreiten Ost(mittel)europa, sind aber noch heute aktuell – teils erschreckend aktuell: So erinnert Ratzinger angesichts fremdenfeindlicher Ausschreitungen im wiedervereinigten Deutschland an den heute fast vergessenen Faschismustheoretiker Hermann Rauschning, der den Nationalsozialismus als eine „Revolution des Nihilismus“ beschrieben hatte. Blicken wir heute nach Chemnitz und in andere deutsche Städte, wird die bleibende Bedeutung von Ratzingers Einsicht deutlich: „Die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als ein gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen, scheint mir eine Bedingung für das Bleiben der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren totalitären Folgen zu sein.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend. Herder, Freiburg 2018, 216 Seiten, ISBN 978-3-451-37980-2, EUR 22,–

In ähnlicher Form erschienen am 25. Juli 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Gerechter Krieg, gerechter Frieden

Sigurd Rink blickt auf militärische Konflikte und ethische Herausforderungen

Von Tilman Asmus Fischer

Können Kriege gerecht sein? Dass gerade diese Frage dem Buch eines evangelischen Militärbischofs seinen Titel gibt, mag auf den ersten Blick als Provokation erscheinen. War die Friedensethik – zumal die evangelische – doch längst auf Distanz zur Lehre vom „gerechten Krieg“ gegangen. Und dies nicht ohne Grund; Sigurd Rink verweist selbst auf den fatalen Beitrag, den die Kirche in ihrer Geschichte zur Legitimierung militärischer Aggressionen unter dem Vorwand des iustum bellum geleistet hat. Und so steht Rink auch fern davon, mit dem gegenwärtig prägenden Paradigma des „gerechten Friedens“ zu brechen, dem Frieden mehr als die Abwesenheit von Gewalt bedeutet. Vielmehr geht es ihm darum, „die Tradition vom gerechten Krieg als Mittel der Gewaltbegrenzung“ zu verstehen, also die Frage nach der Rechtfertigung militärischer Gewalt kritisch an sicherheitspolitische und militärische Entscheidungen zu stellen. Dabei steht für ihn fest: „Die Ultima Ratio, die äußerste Möglichkeit eines Einsatzes rechtserhaltender Gewalt, ist für mich keine hohle Phrase, die man relativieren kann. Sie ist angesichts dessen, was militärische Interventionen bewirken – nicht zuletzt auch im Leben der Soldatinnen und Soldaten –, mit äußerster Sorgfalt zu prüfen.“

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Erschienen in: Der Tagesspiegel, 31. Juli 2019.