Die Linke und die Kirche

Die Teilnahme der Linkspartei am Katholikentag wird anders als bei der AfD nicht kritisiert – Eine Analyse.

Von Tilman Asmus Fischer

Vehement ist über die Teilnahme von Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, an einer Podiumsdiskussion auf dem Katholikentag diskutiert worden. Dass das Verhältnis zwischen der AfD und den Kirchen zerrüttet ist, ist nichts Neues. Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass anders als im Fall Münz die Beteiligung von Christine Buchholz – religionspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion – an der Podiumsdiskussion nicht problematisiert wurde. Dabei finden sich auch im Verhältnis der Linken zu den Kirchen erhebliche Differenzen. Dies gilt nicht nur für laizistische Strömungen, sondern auch für ethisch problematische Positionsbestimmungen – etwa in Fragen des Lebensrechts. Hiermit verbunden ist die Unterstützung aggressiver Demonstrationen selbst gegen solche Kundgebungen von Lebensschützern, an denen Bischöfe teilnehmen.

Einen Eindruck von den kirchenpolitischen Konfliktlinien vermittelt das Programm der Linken zur zurückliegenden Bundestagswahl: Das Konzept „institutionelle Trennung von Staat und Kirche“ geht dort einher mit den plakativen Forderungen nach Abschaffung der Militärseelsorge und dem Ende des staatlichen Kirchensteuereinzugs. Der wichtigste Punkt des Forderungskataloges schlechthin ist die Ablösung der Staatsleistungen gemäß dem Verfassungsauftrag von 1919. Wenn ferner die „rechtliche Gleichstellung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften“ angemahnt wird, so wird hier fälschlicherweise unterstellt, dass einzelne Religionsgemeinschaften – beziehungsweise die Kirchen – durch das deutsche Religionsverfassungsrecht privilegiert würden.

Auf den zweiten Blick wird deutlich, warum weder das Gros der kirchenpolitischen Forderungen noch etwa das Eintreten für eine noch weitergehende Liberalisierung der Abtreibungsgesetzgebung zu einem vergleichbaren Schlagabtausch mit den Kirchen führt wie im Falle des AfD: Aufgrund der klaren weltanschaulichen Abgrenzung zwischen den Kirchen und der Linken reduziert sich die Diskussion auf Sachfragen; währenddessen geht es in der Auseinandersetzung mit der AfD um die Deutungshoheit über das „Christliche“ und die daraus zu ziehenden politischen Konsequenzen – im Zweifelsfall eben um gegenseitige Exkommunikation. Im Falle der Linken ist diese Frage obsolet, da bisher a priori keine weltanschauliche Gemeinsamkeit unterstellt wird.

Dementsprechend vollziehen sich auch gegenwärtig die eigentlich spannenden Diskussionen um die Haltung der Linken zu Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsfragen innerhalb der Partei – beziehungsweise in Foren der ihr nahestehenden Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS). Denn bereits seit Jahren ist ein zunehmendes Abrücken von einem rigiden Laizismus zu verzeichnen. Dies macht bereits der gewandelte Umgang mit den Staatsleistungen in den vergangenen Jahren deutlich: Sah noch der 2012 durch die Fraktion eingebrachte Entwurf für ein Staatsleistungsablösegesetz eine Ablösung ohne Verhandlungen mit den Kirchen vor, forderte ein entsprechender Antrag 2016 bereits – deutlich kompromissorientierter – eine Expertenkommission beim Bundesfinanzministerium, der auch Vertreter „der beiden großen Amtskirchen“ angehören sollten. In den vergangenen Monaten hat das Nachdenken über eine profilierte linke Religionspolitik zunehmend Fahrt aufgenommen. Nachdem der vom Landesverband Sachsen 2016 eingebrachte radikal-laizistische Parteitagsantrag „Liberté, Egalité, Laicité. Die Zeit für eine konsequente Trennung von Staat und Religionen in der Bundesrepublik Deutschland ist gekommen“ für neue Diskussionen gesorgt und starken Gegenwind erhalten hatte, setzte der Parteivorstand Anfang 2017 eine Kommission „Religionsgemeinschaften, Weltanschauungsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft“ ein.

Im Januar 2018 führte die RLS ihr erstes religionspolitisches Kolloquium durch, wo die Kirchen als zivilgesellschaftliche Akteure gewürdigt wurden. Zunehmend scheint auch die Suche nach weltanschaulichen Übereinstimmungen in den Fokus zu rücken. Im Vorwort zu ihrem unlängst für die RLS herausgegebenen Sammelband „Alle Verhältnisse umzuwerfen… und die Mächtigen vom Thron zu stürzen“ schreiben Michael Ramminger und Franz Segbers: „Es gibt ein gemeinsames Erbe, aus dem Christinnen und Christen wie Karl Marx auch schöpfen, leben und kämpfen.“ Es mag sein, dass eine solche Besinnung auf gemeinsame – vornehmlich ethische – Traditionsbestände zu einer (man muss wohl sagen weiteren) Annäherung zwischen der politischen Linken und dem kirchlichen Milieu führen. Aber – wie das Beispiel der AfD zeigt: Die Betonung des Gemeinsamen birgt immer auch Konfliktpotenzial.

Erschienen am 12. April 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen

Eine Wanderausstellung erinnert an das Zeugnis von Franz Stock.

Von Tilman Asmus Fischer

Warum erinnert eine evangelische Innenstadtkirche in Berlin an das Zeugnis eines katholischen Priesters in der Zeit des Nationalismus? So zeigt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche bis zum 29. April eine vom Franz-Stock-Komitee Deutschland kuratierte Wanderausstellung über „Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“.

Es war im Sommer 2014, als Pfarrer Martin Germer kunsthistorische Recherchen über die Geschichte der Fassade der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nach Chartres führten. Dort hatte der Glasmaler Gabriel Loire die Fenster der Glaswände geschaffen, die das Erscheinungsbild der neuen Gedächtniskirche prägen. In Chartres wurde Germer auf das Wirken des Paderborner Diözesanpriesters Franz Stock aufmerksam, der von 1945 bis 1947 in einem Kriegsgefangenenlager nahe Chartres ein „Priesterseminar hinter Stacheldraht“ leitete, in dem etwa 900 deutsche Kriegsgefangene von deutschen und französischen Theologen unterrichtet wurden. „Schon damals war mir klar: Hierzu müssen wir in Berlin etwas machen“, erinnert er sich.

Für die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die der Nagelkreuz-Gemeinschaft von Coventry angehört, ist Stock über seine Zeit in Chartres hinaus von Bedeutung, hebt Germer hervor. Denn bereits seit den 1920er Jahren war Stock – entgegen den Zeichen der Zeit – für Brüderlichkeit zwischen Deutschen und Franzosen eingetreten. Initial für dieses Engagement war die Teilnahme an einem internationalen Jugendtreffen für den Frieden 1926 in Frankreich. Gerade ein Jahr nach der nationalsozialistischen Macht-übernahme war er als geistlicher Leiter der deutschen Gemeinde nach Paris entsandt worden. Dort intensivierte er nicht nur seine Kontakte zu Frankreich, sondern nahm sich auch der deutschen Dissidenten an, die nach Frankreich geflohen waren. Nachdem er kriegsbedingt hatte nach Deutschland zurückkehren müssen, konnte Stock nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht in seine Gemeinde zurückkehren. Zusätzlich wurde er Feldprediger im Nebenamt.

Die Zugehörigkeit zur katholischen Militärseelsorge ermöglichte es ihm, in den Gefängnissen der Wehrmacht inhaftierte Geiseln und Resistance-Kämpfer seelsorgerlich und – unter Inkaufnahme eines enormen persönlichen Risikos – auch praktisch zu unterstützen. Sein Dienst an den Gefangenen beinhaltete auch, fast Tausend von ihnen bis zu ihrer Hinrichtung zu begleiten. „Die Seelsorge an den vielen, die er in den Tod begleitete, geht über das hinaus, was Menschen leisten können“, sagt Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin. Eine Seligsprechung, wie sie seit 2009 vom Erzbistum Paderborn, dem Heimatbistum Stocks, angestrebt wird, würde „diesen Dienst ebenso ehren, wie seinen Einsatz für das ,Priesterseminar hinter Stacheldraht‘.“

An die Lebensstationen von Franz Stock erinnern in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun einzelne – reich bebilderte – Schautafeln. Ergänzt werden sie in Berlin durch weitere Ausstellungsstücke, die neben der Zeit Stocks als Feldgeistlicher auch sein künstlerisches und literarisches Schaffen beleuchten. So beteiligt sich das Archiv des Katholischen Militärbischofs in Berlin mit einzelnen Ausstellungsstücken, die an den Arbeitsalltag der Militärseelsorger erinnern – darunter etwa liturgische Gegenstände aus einem „Feldtornister der Wehrmacht für Feldseelsorge“.

Über dem Altar der Kapelle ist während der Zeit der Ausstellung eine von Stock gemalte Pieta zu sehen, welche die Szene der Kreuzabnahme in ein Gefangenenlager verlegt. Sind im Hintergrund die Türme der Kathedrale von Chartres zu erkennen, erinnert der Stamm des Kreuzes erschreckend an die Pfähle, an denen die von Stock betreuten Häftlinge zur Zeit der Besatzung erschossen worden waren. Weitere Repliken von Gemälden Stocks vermitteln einen Eindruck von den Empfindungen – und der festen Glaubenstreue – des Geistlichen. Zwei Originalausgaben erinnern ferner daran, dass Stock nicht nur als Priester zwischen Deutschen und Franzosen vermittelte. Vielmehr verfasste und veröffentlichte er auch einschlägige Schriften – neben dem selbstillustrierten Buch „Die Bretagne. Ein Erlebnis“ auch eine historische Abhandlung über „Die ersten deutschen Buchdrucker in Paris um 1500“.

Lutz Nehk ist der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche „sehr dankbar, dass sie die Ausstellung nach Berlin geholt hat“. Zwar genieße die Person Franz Stock im deutschsprachigen Katholizismus eine hohe Bekanntheit, anders als im Erzbistum Paderborn gebe es in Berlin jedoch keine eigene Tradition des Stock-Gedenkens: „Daher hatten wir katholischerseits in Berlin die Ausstellung überhaupt nicht im Blick.“ Jedoch sei es eine große Bereicherung, das Leben von Franz Stock vorgestellt zu bekommen – das Leben eines Menschen, der „in Zeiten deutscher Verbrechen viel Gutes getan hat“.

Daher erkennt Nehk in Stocks Zeugnis ein „Signal für unsere Zeit“: Auch wenn heutige Lebenssituationen nicht mit denjenigen im Nationalsozialismus vergleichbar seien, bestehe auch heute für Christen der Auftrag, sich in allen Lagen für ihre Nächsten einzusetzen – „hierin ist Franz Stock Vorbild und Ermutigung“.

„Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“, Bis 29. April 2018, Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz, Berlin-Charlottenburg), täglich 13–19 Uhr.
Weitere Informationen – auch über Begleitveranstaltungen und Führungen unter: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de

Erschienen am 12. April 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

„Wie es wirklich war“

Der Theologe Manfred Lütz präsentiert sein neues Buch zur „Skandalgeschichte des Christentums“ – und zwei Politiker diskutieren über das Fundament Europas.

Von Tilman Asmus Fischer

Einem von ihm diagnostizierten Missstand zu wehren, tritt der Psychiater und katholische Theologe Manfred Lütz mit seinem neuen Buch an: „Christen schämen sich für ihre Geschichte, obwohl sie sie nicht kennen“ – sie schämten sich gewissermaßen vorsorglich. Unter Mitarbeit des Kirchenhistorikers Arnold Angenendt hat Lütz eine kritische Sichtung der Skandalgeschichte des Christentums vorgenommen und nun „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ vorgelegt. Ihr Ziel sei es gewesen, die Geschichte nach aktuellem Forschungsstand so darzustellen, „wie es wirklich war“, so Lütz bei der Buchvorstellung am 28. Februar in Berlin. Hiermit lehnt sich Lütz an das geschichtswissenschaftliche Paradigma Leopold von Rankes (1795-1886) an, Geschichte so zu erzählen „wie es eigentlich gewesen“ sei.

Gregor Gysi und Jens Spahn

Inzwischen ist die Historikerzunft hinreichend skeptisch gegenüber einem solch hochtrabenden Selbstanspruch. Und so brauchte es nicht zu verwundern, dass der Historiker und Luther-Biograf Heinz Schilling in seiner Würdigung des Buches einige Grautöne der europäischen Kirchengeschichte akzentuierte, vor allem mit Blick auf den 30jährigen Krieg. Dabei sei der „eigentliche Skandal“ der „Fundamentalismus, der im Christentum selbst entstanden ist“ und es sei schockierend, wie unter dem Vorzeichen der reinen Lehre „aus der Reformation dieser Glaubenskrieg hervorgegangen ist“.

Trotzdem – vielleicht aber auch gerade weil – Lütz so kühn ist, sich Rankes Motto zu verpflichten, hat sein Buch in jedem Fall das Potenzial, eine Debatte über die Tragfähigkeit des Christentums als geistiges Fundament Europas zu befruchten. Im Rahmen der Buchvorstellung diskutierten hierüber schon einmal Gregory Gysi (Die Linke) und Jens Spahn (CDU) unter der Moderation von Wulf Schmiese mit dem Autor.

Dabei war es gerade Gysi, der – aus agnostischer Perspektive – seine Wertschätzung für die gesellschaftsprägende Kraft des christlichen Glaubens herausstellte: „Wenn es das Christentum nicht gäbe, würde über bestimmte Fragen nicht nachgedacht.“ Mithin wäre eine Moral, die Normen wie etwa Barmherzigkeit beinhalte, ohne eine transzendente Verankerung gegenwärtig kaum allgemeinverbindlich formulierbar – auch nicht durch eine politische Partei wie „Die Linke“.

Einen weiteren Gesichtspunkt – nämlich denjenigen der Ideologiekritik – machte Jens Spahn stark: „Glaube schützt vor Ideologie.“ So laufe, wer im Vertrauen auf das Jenseits stehe und um die Unmöglichkeit menschlicher Selbsterlösung wisse, nicht Gefahr, das Paradies auf Erden schaffen zu wollen und dafür Menschen an die je eigene Theorie anzupassen. Dementsprechend seien für ihn – in Abgrenzung zum früheren SPD-Vorsitzenden Martin Schulz – nicht Institutionen des staatlichen Sozialsystems, wie Kindergärten und Rentenversicherung, sondern moralische Verpflichtungen und verbindliche Beziehungen „tragende Säulen der Gesellschaft“.

Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Herder, Freiburg 2018, 288 Seiten, 22 Euro

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 10/2018.

Wertschätzung für Wehrdienst

Der evangelische Militärbischof Sigurd Rink hat im Februar davor gewarnt, dass Menschen zunehmend aus ökonomischer Perspektivlosigkeit den Weg in die Bundeswehr wählten – überproportional aus dem Osten Deutschlands. Darüber sprach Tilman A. Fischer mit dem für die neuen Bundesländer zuständigen Leitenden Militärdekan Helmut Jakobus.

Wie finden sich die Probleme, auf die Dr. Rink hinweist, im Alltag der Soldaten und der Militärseelsorge wieder?

Es ist nun – nach Abschaffung der Wehrpflicht – so, dass Menschen auch zur Bundeswehr kommen, weil sie eine berufliche Perspektive suchen, und in einer Armee gibt es ganz viele Mannschaftsdienstgrade, die besetzt werden müssen, und hierfür braucht es Leute, die von ihrer schulischen und beruflichen Qualifikation dort hingehören.

Nun weist Dr. Rink auf die Tatsache des bestehenden Ungleichgewichts in der geografischen Herkunft der Soldaten hin.

Die Tatsache ist, dass es Gegenden gibt, die strukturschwach sind. Nicht aus Zufall sind viele Bundeswehrliegenschaften in strukturschwachen Gegenden, weil der Bund ja auch die Aufgabe hat, dort beschäftigungspolitische Impulse zu setzen.

Aber beeinflusst die faktische soziale Determiniertheit der Berufswahl das Selbstbewusstsein der Soldaten und wird dies unter Mannschaftern – vor allem aus den neuen Bundesländern – problematisiert?

Nein. – Ich kann nur sagen, ein bisschen mehr Osten tut unserem Land gut…

… im Sinne des Zusammenwachsens der alten und neuen Bundesländer?

Es ist ein Beitrag zum Zusammenwachsen, aber es ist auch ein Beitrag der Bundeswehr, jungen Menschen aus strukturschwachen Gegenden eine Chance zu geben. Der Gang zur Bundeswehr ist ein guter Weg: Die jungen Menschen leisten einen Dienst für unser Land – aber auch für sich selbst. Denn Grundsatz ist bei der Bundeswehr: Wer eine Weile bleibt, kommt beruflich qualifizierter raus als er reingekommen ist.

In welchem Verhältnis stehen hier Ausbildung bzw. Lohnarbeit und Dienst für die Gesellschaft?

Wenn man Teil einer Berufsarmee wird, dann ist das eine berufliche Entscheidung. Und wenn junge Leute aus den neuen Bundesländern diese berufliche Entscheidung treffen, dann ist das hoch zu respektieren, weil der Soldatenberuf kein Beruf wie jeder andere ist, sondern viele Opfer gebracht werden müssen: Mobilität, Verfügbarkeit, Auslandseinsätze.

Was für eine Rolle spielt angesichts dieser Opfer gesellschaftliche Anerkennung für die Soldaten?

Die Soldaten würden sich schon wünschen, dass ihr Dienst, der ja stellvertretend für andere getan wird, mehr geschätzt wird. Da hat die Gesellschaft eine Bringschuld, die sie nicht einlöst. Und dadurch, dass wir eine Berufs- und keine Wehrpflichtarmee mehr haben, besteht die Gefahr, dass die Gesellschaft vergisst, dass sie diese Bringschuld hat.

Wie wirkt diese Erfahrung mangelnder Anerkennung daheim gerade auf Soldaten aus den neuen Bundesländern in der gesamtdeutschen Bundeswehr?

Hier muss man differenzieren: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Bundeswehr und die Soldaten in den neuen Bundesländern eine weitaus höhere Wertschätzung erfahren als in der alten Bundesrepublik. Und der Grund, warum junge Leute hier eher geneigt sind, zur Bundeswehr zu gehen, hat nicht nur mit Strukturschwäche zu tun. Es liegt auch daran, dass sich Milieus fortsetzen. Die damalige DDR war weitaus höher militarisiert als die Bundesrepublik. Wenn der Vater schon Uniform getragen hat, dann ist der Gedanke für die nächste Generation naheliegender als wenn man immer schon in einer Gesellschaft lebte, wo man so gut wie nie Soldaten sah.

Zugespitzt: Ist damit nicht der „Staatsbürger in Uniform“ im Osten des Landes stärker verinnerlicht als im Westen?

Der Gedanke des Staatsbürgers in Uniform hängt sehr eng mit dem Gedanken der Inneren Führung zusammen und das Militärbild, das man landläufig aus der DDR mitbrachte, ist natürlich ein anderes. Aber das Gefühl, mit zur Gesellschaft zu gehören, ist im Osten eher größer. Wobei man natürlich auch hier differenzieren muss: In dem Teilbereich der ostdeutschen Gesellschaft, der sich zur Kirche hält, da sieht es eher anders aus.

In ähnlicher Form erschienen in: Glaube und Heimat – Mitteldeutsche Kirchenzeitung 9/2018.

Was ist Heimat? Was ist Identität?

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk zieht eine persönliche Bilanz zur deutschen Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik

Von Tilman Asmus Fischer

„Da ist unsre Heimat, diese Dinge / bleiben in den Tiefen unserer Seele / Fest und innig mit uns selbst verwachsen, / dass sie nichts vermag von uns zu scheiden; / Selber sind wir alle jene Dinge.“ Worte des Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler stellt Hartmut Koschyk seinem gerade erschienenen Buch „Heimat – Identität – Glaube“ voran. Die Zeilen bringen eine Sensibilität für die Tiefendimension der Begriffe „Heimat“ und „Identität“ zum Ausdruck, die der Politiker Koschyk mit dem Dichter Spitteler teilt.

Eben diese Sensibilität trägt dazu bei, dass das Buch am Ende mehr darstellt, als eine Bilanz deutscher Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik, die der langjährige Bundestagsabgeordnete am Ende seiner Amtszeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (2012–2017) vorgelegt hat. Zwar lässt sich das Werk auch als kundige Überblicksdarstellung zu diesen Themenbereichen lesen. So beginnt der Verfasser etwa mit einem einführenden Kapitel über „Heimat – Nation – Staat im 18. und 19. Jahrhundert“, dem ein gleichermaßen grundsätzlicher Abschnitt über „Die deutschen Heimatvertriebenen im Kontext deutscher und europäischer Teilung und Einheit“ folgt.

Zugleich trägt das Buch jedoch die erkennbare Handschrift eines Menschen, der – als Kind oberschlesischer Heimatvertriebener – von den verhandelten historischen und politischen Fragen selbst unmittelbar persönlich betroffen ist. Zudem schärft der bekennende Katholik Koschyk mit seinem Buch den Blick für die Rolle von Glaube und Kirche für Integration und Identitätspflege sowohl der deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa als auch der ethnischen Minderheiten in Deutschland. Damit ist das Buch gerade für eine kirchliche Leserschaft von großem Interesse.

Auch wenn den Fragen der Vertriebenen, Aussiedler und Minderheiten im politischen Alltag heutzutage eine eher randständige Bedeutung zukommt, gelingt es Koschyk, zu verdeutlichen, dass die einschlägigen Sachverhalte Problemstellungen berühren, die von grundsätzlicher Bedeutung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt sind: „Heimat, Identität und Glaube helfen den Menschen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern und ihnen selbstbewusst zu begegnen.“

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik, EOS, Sankt Ottilien 2018, 464 Seiten, 19,95 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 9/2018.

Heimat – Identität – Glaube

Hartmut Koschyk legt Rechenschaft ab – und die ungarische Botschaft lud in Berlin zur Buchvorstellung

Nach 27-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag hat Hartmut Koschyk im vergangenen Jahr seine hauptamtliche Tätigkeit in der Bundespolitik beendet. Aus diesem Anlass hat der CSU-Politiker ganz persönlich Rechenschaft abgelegt: über sein Wirken in den vergangenen Jahrzehnten – sowie über Grundfragen und leitende Motive dieses Engagements.

Hartmut Koschyk bei der Buchvorstellung in Berlin
(Foto: Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland)

„Heimat – Identität – Glaube“ – unter diese drei Begriffe hat Koschyk sein frisch erschienenes Buch gestellt, das am 29. Januar auf Einladung von Botschafter Dr. Peter Györkös in der Ungarischen Botschaft in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auf 464 Seiten bietet die Monographie mehr als einen grundlegenden Beitrag über „Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“, wie es der Untertitel ankündigt; vielmehr formuliert Hartmut Koschyk aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in der Vertriebenen-, Aussiedler- und Volksgruppenpolitik zugleich weiter ausgreifende Grundeinsichten in die Struktur des politischen Raums und legt ein Bekenntnis ab für eine wertegebundene Politik, die sich den drei Leitbegriffen des Buchtitels verpflichtet sieht.

Dabei „schimmert“ zudem „die Liebe zu den Menschen“ durch, denen Koschyks Engagement – wie der reformierte Theologe und ungarische Minister für Humanressourcen Zoltán Balog in seiner Festrede erklärte – stets gegolten hat. Und so erscheint es nur angemessen, dass drei Repräsentanten der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in die ungarische Botschaft gekommen waren, um den Autor und sein Buch zu würdigen: der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, sowie der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida.

Alle Redner hoben aus der je eigenen Perspektive die zentrale Bedeutung des Glaubens im Zusammenhang mit „Heimat“ und „Identität“ hervor: In der Nachkriegszeit, so hielt etwa der studierte katholische Theologe Bernard Gaida fest, habe der Glaube geholfen, „Leid zu ertragen“, während er heute den Weg zur Aussöhnung eröffne. Bernd Posselt warnte eindringlich vor der Gefahr, dass Glaube lediglich zur „Requisite der Identität werde“; demgegenüber gehe der Glaube nicht in Traditionspflege auf, sondern müsse Salz und Sauerteig Europas bleiben. So könne etwa das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, als nachhaltige Begründung für den Minderheitenschutz gelesen werden.

Hartmut Koschyk selbst nutzte seine abschließenden Dankesworte, um drei konkrete Forderungen für die Weiterentwicklung der Minderheitenpolitik zu formulieren: Während er die angehenden Koalitionsfraktionen an das Versprechen erinnerte, ein Expertengremium für Fragen des Antiziganismus zu schaffen, forderte er die anwesenden Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Europäischen Bürgerinitiative „Minority SafePack“ auf. Für die zukünftige Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten regte er schließlich an, diesen Aufgabenbereich „inhaltlich und organisatorisch“ noch zu erweitern.

Tilman Asmus Fischer

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik. EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2018. Paperback, 464 S., ISBN 978-3-8306-7881-6, € 19,95.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

„Mit Christus auf Golgatha“

Christenverfolgung im Nahen Osten war Thema einer Tagung des Gustav-Adolf-Werks in Berlin

Von Tilman Asmus Fischer

Am Sonntag Reminiszere gedenken Christen weltweit ihrer bedrängten und verfolgten Geschwister. Dabei stehen aufgrund der gegenwärtigen politischen Entwicklungen vor allem die Gemeinden im Nahen Osten im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zu ihrer Unterstützung rief Bischof Markus Dröge gemeinsam mit Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt auf. Diese Unterstützung ist auch anderen kirchlichen Werken – wie etwa dem Gustav-Adolf-Werk (GAW) – ein Anliegen. Der GAW-Bundesverband veröffentlichte unlängst ein Themenheft „Hilf mir vor meinen Verfolgern!“ über bedrohte evangelische Christen in Syrien und will in diesem Jahr dortige Gemeinden mit 25.000 Euro unterstützen.

Hierzu möchte auch das GAW der Landeskirche beitragen, das sich bedrängter und verfolgter Christen im Nahen Osten mit seinem Studientag 2018 am 19. Februar annahm. Hierzu begrüßte Wolfgang Barthen, Vorsitzender des GAW und früherer Superintendent sachkundige Referenten. Neben Hans-Georg Furian, Superintendent des Kirchenkreises Lichtenberg-Oberspree, der über die Lage in der EKBO berichtete, waren das Friederike Weltzien, 1999 bis 2008 Pfarrerin der Deutschen Evangelischen Gemeinde im Libanon, die in Beirut lebende Journalistin Luisa Meyer sowie Amil Gorgis von der Syrisch-Orthodoxen Gemeinde zu Berlin. Aus ihrer je eigenen Perspektive vermittelten sie ein facettenreiches und differenziertes Bild der Lage vor Ort. Friederike Weltzien und Luisa Meyer verdeutlichten die Omnipräsenz und Vielfalt von Religion in der libanesischen Politik und Gesellschaft: Der Libanon sei, so Weltzien, eine „Völkergemeinschaft mit den unterschiedlichsten Ausprägungen von Religiösität“ – ein Leben ohne Religion sei eigentlich nicht vorstellbar. Luisa Meyer arbeitete heraus, wie die politische Verfasstheit des Libanon diesen Sachverhalt abbildet: So stellt die Verfassung den einzelnen Religionsgemeinschaften per Quotenregelungen die Repräsentation im Parlament und administrativen Ämtern sicher. Protestanten steht etwa ein Sitz im Parlament zu – Konfessionslose hingegen sind von der politischen Mitwirkung faktisch ausgeschlossen.

In diesem Rahmen stehen die Konfessionen in Konkurrenz zueinander. Diese zeigt sich etwa im Wettstreit um den Bau möglichst großer Moscheen oder Kirchen, von denen Weltzien und Meyer berichteten – in erstem Fall vor allem finanziert durch reiche islamische Stiftungen, wie Amil Gorgis ergänzte. Es kommt jedoch nicht mehr zu Ausschreitungen und Massakern wie während des Libanesischen Bürgerkrieges 1975 bis 1990. Die Traumata dieser Zeit sitzen jedoch tief – und erklären die in der libanesischen Gesellschaft verwurzelte Angst vor einem Übergreifen des Syrienkrieges auf den Libanon.

Vor dem Krieg in Syrien habe unter der Assad-Herrschaft mit ihren Folter-Gefängnissen und Spitzeln eine „Atmosphäre des Misstrauens“ bestanden, auch gegenüber Christen, so Weltzien. Jedoch seien sie als Religionsgemeinschaft in ihrem Bestand nicht bedroht gewesen. Heute sei die Lage syrischer Christen dagegen mit der Metapher „mit Christus auf Golgatha“ zu beschreiben, machte Amil Gorgis deutlich. Christen haben Tote zu beklagen in Gemeinden und Familien. Sie müssen den Verlust ihrer Kirchen und Klöster verkraften, doch das Schlimmste sei, dass man „alles auslöschen wolle, was an sie erinnert“. Die verbliebenen Gemeinden, einst im Mittelstand beheimatet, seien verarmt und kaum in der Lage, sich und ihren Geschwistern zu helfen.

Jedoch: Verfolgung und Vertreibung müssen nicht das letzte Wort haben. So berichtete Amil Gorgis von einem Hilfsprojekt in der irakischen Ninive-Ebene, wo Christen ihre zerstörten Dörfer wieder aufbauen und sich neu ansiedeln. Aber er weiß, wie schwer es ist, nach erlittenem Unrecht einen Neubeginn in der Diaspora zu wagen: „Ein Haus kann man wieder aufbauen, aber wenn Vertrauen kaputt geht, ist das eine andere Geschichte.“

Das Themenheft über Syrien „Hilf mir vor meinen Verfolgern“ kann für 5 Euro beim Gustav-Adolf-Werk der EKBO e.V. (www.gawberlin.de) angefordert werden. Kontakt: Tel (030) 31001-1100; E-Mail office@gaw-berlin.de.

Unter anderem Titel erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 8/2018.