„Wir sind keine Propheten“

Wie kann man heute verantwortlich davon reden, dass Gott in der Welt handelt? Ein im April veröffentlichtes Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen befasst sich mit dem „Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens“. Michael Beintker, emeritierter Professor für Systematische Theologie und bis Frühjahr 2021 Ausschussvorsitzender, erläutert im Interview mit Tilman Asmus Fischer, was es bedeutet, Gottes Handeln als Metapher zu verstehen. Er spricht darüber, wie wir angesichts von Corona von diesem Handeln noch singen können.

Herr Beintker, seit einigen Wochen darf in Gottesdiensten wieder gesungen werden. Aber können wir – zumal ‚nach Corona‘ – noch vom Handeln Gottes so singen wie früher? Konkret: was setzt es voraus, mit Paul Gerhardt (EG 325,5) einzustimmen: „Meiner Seele Wohlergehen hat er ja recht wohl bedacht, will dem Leibe Not entstehen, nimmt er’s gleichfalls wohl in acht“?

Es setzt auf alle Fälle ein vertrauensvolles Verhältnis zu Gott als dem Herrn meines Lebens voraus. Sodann ist das Vertrauen, dass mir Gott in den Nöten und Leiden meines Lebens hilft, unabdingbar. Gott kann diese Erwartung enttäuschen und das erleben wir auch immer wieder. Dann singen wir vielleicht mit einem reformierten Psalm von Gott, „der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt“ (EG 281,3). Aber es ist auf alle Fälle so, dass man auch in der Enttäuschung der Gegenwart Gottes gewiss sein kann. Deshalb dürfen wir nicht aufhören zu singen, wie Paul Gerhard es uns empfiehlt.

Als sachgemäßes Verständnis vom Handeln Gottes schlägt das unter Ihrer Leitung erarbeitete Votum dasjenige einer Metapher vor. Und so lassen sich auch Paul Gerhardts Worte als metaphorische Rede verstehen. Worin liegen die Vorzüge eines metaphorischen Verständnisses des Handelns Gottes?

Dahinter steht ein Verständnis von Sprache, das die Übertragung von Sachverhalten in Bilder – darum geht es ja in Metaphern – ernstnimmt und erkennt: Mit Blick auf Gottes Geheimnis ist es so, dass wir von einer Wirklichkeit reden, für die wir eigentlich keine Sprache haben. Wir reden vom Unendlichen mit den Mitteln des Endlichen – oder vom Ewigen mit den Mitteln des Zeitlichen. Wir können uns eigentlich nur an der Sprache orientieren, die Gott uns selber schenkt. Das ist die Sprache des Glaubens, wie wir sie mit der Bibel erlernen. Die Metapher des Handelns hilft uns, das, was unsagbar und eigentlich auch gar nicht genau beschreibbar ist, auszusprechen und uns dafür einen Wirklichkeitsraum zu erschließen, den wir ohne sie nicht hätten.  So führt uns die Metapher in die Weite und Tiefe der Wirklichkeit Gottes.

Für Paul Gerhardt gehören zu dieser Wirklichkeit auch – drei Strophen später besungen – Gottes „Strafen, seine Schläge“ als „Zeichen, dass mein Freund, der mich liebet, mein gedenke und mich von der schnöden Welt, die uns hart gefangen hält, durch das Kreuze zu ihm lenke“. Wie singbar ist das im Sommer 2021?

Hier wird es schwierig. Paul Gerhardt dichtet in einer Situation, in der die Rede von den Widrigkeiten, die mein Leben prägen, zu schnell mit den Strafen Gottes verknüpft worden sind. Dabei soll der Gedanke trösten, dass der, der mich liebt, mich auch schlägt – und dann sind die Schläge nicht so schlimm. Das können wir in dieser Weise nicht mehr sagen, weil wir nicht in das Geheimnis Gottes schauen, um zu ergründen, wo Strafmotive liegen könnten, sondern um die Liebe zu erkennen, mit der Gott uns hält. Aber es ist natürlich so, dass die Dinge, die uns umwerfen, uns in bestimmter Weise auch immer wieder zu neuen produktiven Erfahrungen führen können. Ich habe in meinem Leben jedenfalls niemals erlebt, dass eine negative, sehr einschneidende Erfahrung am Ende nicht doch auch eine Erfahrung war, in der ein versteckter Segen lag. Aber das kann man überhaupt erst hinterher sagen und nicht in der akuten Situation – und schon gar nicht, um damit den Gedanken zu artikulieren, dass wir bestraft werden.

(Foto: MichaelGaida)

Sollte also von Gottes Strafe in Theologie und Kirche geschwiegen werden? Der frühere Militärbischof Hartmut Löwe hatte ebendiese Tendenz angesichts der Pandemie im Mai 2020 kritisiert.

Ich fand es – ähnlich wie Altbischof Löwe – verwunderlich, dass manche gesagt haben: „Das kann überhaupt nicht Gottes Strafe oder Gottes Gericht sein.“ Da habe ich mich gefragt: Woher wissen die das eigentlich? Und umgekehrt, bei denjenigen, die gesagt haben: „Ja, das muss ein Ausdruck des Gerichts Gottes sein und Gott straft“, da habe ich mich genauso gefragt: Woher wissen die das? Eigentlich muss man Prophet sein, um Fragen dieser Art zu beantworten – und da wir keine Propheten sind, ist es uns verwehrt, diese Fragen in der einen oder anderen Richtung zu beantworten. Was wir freilich sagen müssen, ist dies: Auch diese Krise hat etwas mit Gott zu tun. Das sagen wir schon deshalb, um Gott anzurufen, dass er uns verschont und dass er uns errettet; dass er der Medizin Möglichkeiten öffnet, wie wir dem Virus standhalten. Man kann nicht sagen: Diese Krise hat mit Gott überhaupt nichts zu tun. Denn damit würde man sagen: Alle entscheidenden Dinge, die in dieser Welt passieren, haben letztlich mit Gott nichts zu tun. Das wäre, finde ich, Gott nicht gemäß und auch dem Leben und unserer Erfahrung nicht gemäß.

Zu den Erfahrungen von Christinnen und Christen aller Zeitalter gehörte immer wieder, dass Gott nicht – bzw. nicht so, wie erwartet – handelt. Wie lässt sich das in die metaphorische Rede vom Handeln einfügen, die doch Aktivität vorauszusetzen scheint?

Die binäre Unterscheidung von Aktivität und Passivität ist viel zu einfach. Insbesondere der Weg ans Kreuz zeigt, dass Gott sich zurücknehmen und aller Gewalt und Allmacht entäußern kann. Dies ist jedoch keine Passivität. Denn auch das Lassen oder Unterlassen geschieht aus einem bestimmten Motiv heraus und ist insofern auch Handeln. Und so erfährt man auch im Nicht-Handeln Gottes, dass er handelt – jedenfalls, wenn man davon überzeugt ist, dass Gott existiert und das Leben bestimmt. Die Klagepsalmen sind nicht geschrieben worden aus der Überzeugung, dass Gott sich irgendwo zurückgezogen hat. Vielmehr klingt in ihnen die Enttäuschung an, dass er nicht handelt, obwohl er handeln müsste. Die Erfahrung, dass Gott nicht handelt, ist eine Glaubenserfahrung, die vor Gott ausgehalten werden muss.

Könnte dies letztlich auch zu einem Umdenken für unsere eigene Lebensführung Anlass geben?

Der moderne Mensch misst sein Menschsein an seiner Aktivität. Es könnte sich also positiv auf unsere Lebensökonomie auswirken, wenn wir uns klarmachen, dass nicht einmal Gott, der am siebten Tag von seinem Schöpfungswerk ausruhte, pausenlos aktiv ist. Auch wir müssen nicht ständig leisten.

Zum Weiterlesen: Michael Beintker u. Albrecht Philipps (Hgg.), Das Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und Vorträge aus de, Theologischen Ausschuss zur Frage nach dem Handeln Gottes (= Evangelische Impulse, Bd. 9), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021. 310 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-7887-3515-9.

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 29/2021.

Wie wäre es, die Menschen als Mosaik von Widersprüchen zu betrachten?

Jörg Scheller analysiert die Tücken der Identitätspolitik – und präsentiert einen kreativen Gegenentwurf

Tilman Asmus Fischer

Ob «Black Lives Matter» oder Gender- Mainstreaming – die Auseinandersetzungen um identitätspolitische Programme erhitzen auf vielfältige Weise die Gemüter. Zudem führt die Überbetonung einzelner Identitätsmarker und daraus abgeleiteter Communitys zu einer Untergrabung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

In diese angespannte Debattenlage hinein schreibt der Zürcher Kunsthistoriker – und um ihn nicht auf diese Identität festzulegen: Journalist, Musiker und Fitnesstrainer – Jörg Scheller seinen Essay «Identität im Zwielicht». Weder eine Apologie noch eine Verdammung von Identitätspolitik ist seine Sache, vielmehr Klärung, Unterscheidung und (im besten Sinne polemische) Kritik.

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Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2021, S. 31 (internationale Ausgabe: 23. Juli 2021).

Missionsstation Prag

Thomas Hüsch erlebt als Seelsorger der deutschsprachigen Gemeinde Bekenntnischristentum in einem säkularen Umfeld

Von Tilman A. Fischer

Das Jahr 2021 dürfte sich Thomas Hüsch wohl anders vorgestellt haben: Als er am 13. September vergangenen Jahres seine erste Messe in St. Johannes Nepomuk am Felsen zelebrierte herrschte in Prag noch halbwegs Normalität. Jedoch bereits seine für Oktober geplante offizielle Einführung als Gemeindeseelsorger der Deutschsprachigen Katholischen Pfarrei Prag durch Erzbischof Dominik Kardinal Duka OP musste aufgrund der Pandemielage abgesagt werden. Dann betreute Hüsch, der von seinem Heimatbistum Trier und dem Katholischen Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz für zwei Jahre in die tschechische Hauptstadt entsandt ist, seine Gemeindeglieder monatelang im Lockdown-Modus. „Wir sind dankbar für die Möglichkeit, weiterhin Präsenzgottesdienste feiern können“, berichtet Hüsch, ansonsten hat die Gemeinde die persönlichen Begegnungen jedoch schmerzlich vermisst. Monatelang konnten alle Zusammenkünfte, wenn überhaupt, nur digital stattfinden.

Verstärkt habe sich in den Monaten der Pandemie die ökumenische Verbundenheit mit der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Prag. „Der intensive Austausch“, so Hüsch, „ist in dieser Zeit für uns alle von großer Bedeutung.“ Bereits seit längerem geben beide Gemeinden einen gemeinsamen Monatsüberblick mit aktuellen Informationen heraus. Zudem werden der – gegenwärtig ebenfalls digitale – Religionsunterricht an der Deutschen Schule Prag sowie unterschiedliche andere Angebote gemeinsam verantwortet. „In vielen Punkten“, bekennt Hüsch, „sind die gemeinsame christliche Basis und die gemeinsame Sprache wichtiger als konfessionelle Unterschiede.“ Letzteres mag gerade auch für die – wenn auch verhältnismäßig kleine – Gruppe der autochthonen Deutschen unter den Gemeindegliedern gelten. Über sie ist die Pfarrei auch der deutschen Minderheit in Prag und Mittelböhmen verbunden. Weitere Kontakte konnte Hüsch bereits auch zur Ackermann-Gemeinde knüpfen, in der sich seit der Vertreibung sudetendeutsche Katholiken organisiert haben und sich grenzüberschreitend im Geiste der Versöhnung engagieren.

Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag. (Foto: LandesEcho)

Für heimatvertriebene wie heimatverbliebene Deutschböhmen ist die deutschsprachige Pfarrei von großer Bedeutung – steht sie doch beispielhaft für die Versöhnung und das europäische Miteinander von Deutschen und Tschechen nach Weltkrieg und Vertreibung. Die den wilden Vertreibungen folgende staatliche Aussiedlung der Sudetendeutschen jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Bereits vor fünf Jahren hatte Kardinal Duka die deutsche Gemeinde zu einer Personalpfarrei des Erzbistums Prag erhoben und diese Entscheidung im Festgottesdienst mit den Worten kommentiert: „Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache.“ Thomas Hüsch selbst erlebt den Kontakt zu seinen tschechischen Amtsbrüdern und zur Diözesanverwaltung als sehr gut – und konnte trotz Corona bereits erste Eindrücke vom tschechischen Katholizismus sammeln. Diese stellen für ihn das in Deutschland verbreitete Bild der tschechischen Gesellschaft als „atheistisch“ in seiner stereotypen Einseitigkeit infrage.

Gewiss sei Tschechien aus historischen Gründen säkularer als Deutschland, jedenfalls mehr als seine Westerwälder Heimat, so Hüsch. Jedoch könne er dafür bei den Gläubigen eine „ausgeprägte Frömmigkeit“ feststellen: „Anstelle von volkskirchlichen Strukturen haben wir es in Tschechien mit einem Bekenntnischristentum zu tun.“ Zu beobachten, wie Kirche in dieser Weise bestehen und leben kann, erfährt Hüsch für sich persönlich als anregend. Auch vor dem Hintergrund seiner bisherigen Erfahrungen: Als Dechant des Dekanats Koblenz, dem er seit 2012 vorstand, war Hüsch an der Ende 2019 auf ein Veto des Vatikans hin ausgesetzten Pfarreireform des Bistums Trier beteiligt. In Tschechien sei das in Deutschland teilweise noch anzutreffende traditionelle Kirchenverständnis bereits nicht mehr praktikabel: „Hier kann man lernen, dass Kirche missionarisch sein und auf die Menschen zugehen muss.“ Ein Festhalten am Ideal der Volkskirche stellt für Hüsch hingegen einen „Kampf gegen Windmühlen“ dar.

Die Aufgeschlossenheit für die Vielfalt an christlichen Frömmigkeitsformen und kirchlichem Leben innerhalb des Katholizismus prägt Hüsch seit seinem Studium, welches er nach ersten Semestern in Heidelberg auf Einladung seines Bistums in der Gregoriana in Rom absolvierte, wo er zur Hausgemeinschaft des Collegium Germanicum et Hungaricum gehörte. Hier habe er gelernt, dass seine Kirche zwar „hierarchisch geführt, jedoch weltweit vielfältig“ sei. In Rom, vor allem aber durch außereuropäische Kommilitonen habe er Formen von Emotionalität, Gemeinschaft oder auch Heiligenverehrung kennengelernt, die den „verkopften“ Deutschen zunächst befremdeten. Eine frühe Beziehung zu Prag war übrigens bereits zur Zeit seines Studiums in Heidelberg entstanden, seit der Hüsch der Katholischen Deutschen Studentenverbindung Ferdinandea-Prag zu Heidelberg im CV angehört. Diese konnte bis zu ihrer dem Verbot durch die Nationalsozialisten zuvorkommenden Selbstauflösung 1939 auf eine 53jährige Tradition an der Prager Karls-Universität zurückblicken und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland wiederbegründet.

Das Vorhaben, dass Hüschs Cartell- und Bundesbrüder ihm – wie bereits geplant – in Prag einen Besuch abstatten, musste freilich angesichts der Pandemie-Entwicklungen einige Zeit ausgesetzt werden. Vordringlicher als derlei persönliche Einschränkungen ist für den Seelsorger jedoch auch die Frage, wie „Corona die Gemeinde nachhaltig verändert“: „Wird sich auch die katholische Kirche langfristig auf ein niedriges Niveau von Gottesdienstbesuchen einstellen müssen? Welche Angebote halten die Gemeinden zusammen?“ In jedem Fall stellt sich Hüsch darauf ein, nach Ende der Pandemie die „Formate physischen Zusammenkommens“ massiv auszubauen. Er sei dankbar, hierbei an die Arbeit seines Amtsvorgängers Pater Martin Leitgöb CSsR anknüpfen zu können. Gespannt ist er darauf, welche Akzente er selbst zukünftig wird setzen können –, wenn in Prag wieder Normalität herrscht. Am ersten Augustwochenende steht anlässlich der 75-Jahr-Feier der Ackermann-Gemeinde ein deutsch-tschechisches Picknick in Prag auf dem Programm – mit Festmesse und Kulturprogramm.

Erschienen am 15. Juli 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Wie sozial ist digital?

Wie in der digitalisierten Welt noch Mitbestimmung möglich ist

Von Tilman Asmus Fischer

Das zurückliegende Jahr war infolge der – anhaltenden – Corona-Pandemie von vielfältigen Umwälzungen gekennzeichnet, die in besonderer Weise das Wirtschaftsleben betrafen. So stehen die Schlagwörter „Homeoffice“ und „Amazon“ zum einen für eine gravierende Flexibilisierung der Arbeitswelt, zum anderen für die nicht minder einschneidende Beschleunigung des Siegeszuges, welchen der Online-Versandhandel zulasten überkommener Marktakteure bereits vor Jahren angetreten hatte. Dies sind nur zwei der zentralen Herausforderungen, welche die Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringt. Im Kern geht es dabei um die Frage, wie sich unter den Bedingungen der Wirtschaft 4.0 ein soziales Miteinander gestalten lässt.

Noch vor der Pandemie (im September 2019) befasste sich hiermit eine interdisziplinäre Fachtagung im Rahmen der Tagungsreihe „Sozialethik konkret“, welche von der Katholisch-Sozialen Akademie „Franz Hitze Haus“, der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ sowie der Konrad-Adenauer-Stiftung getragen und in Kooperation mit dem Institut der Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster und dem (katholischen) Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Ruhr-Universität Bochum (RUB) durchgeführt wird. Ihre Beiträge sind nun in einem Sammelband erschienen, der die sozialethischen Problemstellungen tatsächlich sehr ‚konkret‘ – bzw. auf die politische und wohlfahrtsverbandliche Praxis fokussiert – vermisst. Die Schwerpunkte setzen die Hauptvorträge „Digitalisierung und Auswirkungen auf die Sozialversicherungen“ (Gerhard Kruip), „Die Besteuerung der Digitalwirtschaft“ (Florian Neumeier), „Arbeitnehmer-Mitbestimmung in einer digitalisierten Arbeitswelt“ (Philip Wenkel) und „New Welfare Consensus – Freie Wohlfahrtspflege in der digitalen Transformation“ (Eva M. Welskop-Deffaa), denen jeweils zwei Korreferate zugeordnet sind, welche die Problemfelder exemplarisch vertiefen, jedoch auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Positionen der Hauptreferenten leisten. Damit illustriert der Band die Kontroversität der aktuellen wissenschaftlichen wie politischen Debatte um eine sozialverträgliche bzw. menschenfreundliche Gestaltung der Digitalisierung.

So weist Kruip auf den bestehenden Handlungsbedarf im Bereich der Sozialversicherungen hin. Zwar sieht er im Unterschied zu landläufigen Krisenszenarien nicht die Gefahr eines Endes der „Arbeitsgesellschaft“, jedoch zeigt er auf, in welchem Maße sinkende Löhne und Verschiebungen hin zu verstärkter Solo-Selbständigkeit die bisherige Finanzierung des Sozialversicherungssystems infrage stellen. Im Rahmen seiner Überlegungen zu einer Neugestaltung des Systems wirft er die Frage nach einer Umstellung auf Steuerfinanzierung auf. Hiergegen wendet sich Hermann-Josef Große Kracht in seinem Korreferat (Wer soll das bezahlen?). Ebenso zeigt er sich über Kruips Vorschlag einer Deregulierung der Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetzgebung – „angesichts der ja auch von Kruip bedauerten Massenrealität ungesicherter Arbeitsverhältnisse“ – irritiert. Viel grundsätzlicher kritisiert Karsten Mause (Digitale Transformation und das deutsche Sozialversicherungssystem: Polit-ökonomische Anmerkungen), Kruip habe als Theologe und Sozialethiker darauf verzichtet, „dass zumindest kurz erläutert wird, welche sozialethischen Kategorien und Perspektiven in Bezug auf den im Beitragstitel benannten Themenbereich […] relevant sind.“ Eine solche Verständigung wäre ferner – so ist im Anschluss an Mause anzumerken – für die Gesamtthematik von Tagung und Sammelband einleitend wünschenswert gewesen.

Und so kommt der Hauptvortrag des Wirtschaftswissenschaftlers Neumeier auch gleich ohne explizite sozialethische Bezugnahme aus. Dafür verdeutlicht er jedoch anhand der geplanten EU-Digitalsteuer die Hürden der Umsetzung eines ethisch gebotenen Vorhabens – in diesem Fall, „Steuervermeidungspraktiken multinationaler Unternehmen Einhalt zu gebieten“ – in der politischen Praxis. So führe die geplante Gesetzgebung neben „zahlreichen konzeptionellen Problemen“ zu einer „erheblichen steuerlichen Mehrbelastung der Digitalwirtschaft, was die digitale Entwicklung innerhalb der EU erheblich hemmen könne“. Eine sozialethische Perspektive auf die „Steueroase Internet“ bietet zumindest Joachim Neumeier, Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der RUB, in seinem Korreferat. Zugleich weist er auf eine interessante Alternative zur Digitalsteuer hin: „Für europäische Staaten besteht die Möglichkeit, durch den Erwerb von Anteilen an den Konzernen an deren Gewinnen teilzuhaben. Dies könnte geschehen, wenn die Bundesbank – ähnlich wie die Schweizer Notenbank – in US-amerikanische Aktien investieren würde.“ Sind die beiden ersten Themenfelder in der Wahrnehmbarkeit ihrer – fraglos bestehenden – lebensweltlichen Konsequenzen eher mittelbarer Natur, berühren diejenigen der Mitbestimmung  sowie der Wohlfahrtspflege Fragen, die in unmittelbarer Weise mit Erfahrungen von Arbeitsnehmern und anderen Bürgern korrespondieren.

So gelangt Wenkel in seinem Hauptvortrag zu der Problembeschreibung, „dass die ohnehin hohen Hürden für die Etablierung von betrieblicher Mitbestimmung durch die Digitalierung der Arbeit noch angehoben werden können“. Dabei markiert er nicht nur „neue Arbeitsformen“, die Mitbestimmung verunmöglichen, als Ursache, sondern ebenso eine „neue Arbeitskultur“, die mit einem geringeren Willen der Arbeitnehmer zur Mitbestimmung einhergeht. Im Anschluss hieran fordert Arnd Küppers in seinem Korreferat (Mitbestimmung in digitalen Arbeitswelten – Herausforderungen und Zukunftsperspektiven), „den Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person“ seitens des Gesetzgebers „klar[zu]stellen und deren Rechtsverhältnisse [zu] regeln“: „in Richtung eines zeitgemäßen arbeitsrechtlichen Schutzes, der natürlich auch die Einbeziehung in die Betriebsverfassung bzw. in ebenfalls zeitgemäß anzupassende neue Mitbestimmungsformen beinhalten sollte“.

Eine nochmalige Weitung der Perspektive auf Digitalisierung und Solidarität nehmen die Beiträge zum „New Welfare Consensus“ vor, die auf einer ganz grundsätzlichen wie praktischen Ebene die Notwendigkeit der Ermöglichung gesamtgesellschaftlicher „digitaler Teilhabe“ sowie der Wahrnehmung des Internets als „Sozialraum“ (so Susanne Bruch in ihrem Beitrag) verdeutlichen.

Um den Sammelband wird somit, wer wissenschaftlich oder in der beruflichen Praxis mit den konkreten Folgen der Digitalisierung auf Sozialpolitik und Wohlfahrt befasst ist, nicht herumkommen. Für eine erste Beschäftigung mit wirtschafts- und sozialethischen Aspekten der Digitalisierung empfiehlt es sich, die insgesamt doch sehr speziellen Beiträge ergänzend zu einem grundlegenderen wirtschaftsethischen Entwurf zu lesen, wie Joachim Wiemeyer ihn mit seinem evangelischen Kollegen Traugott Jähnichen unlängst vorgelegt hat (Wirtschaftsethik 4.0. Der digitale Wandel als wirtschaftsethische Herausforderung, Stuttgart 2020).

Martin Dabrowski / Patricia Ehret / Mark Radtke (Hrsg.): Digitale Transformation und Solidarität. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2020, 165 Seiten, ISBN-13: 978-350670-314-9, EUR 69,–

Erschienen am 8. Juli 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Gott und die Welt in Berlin

Fotografinnen und Fotografen zeigen Religion als eine „Angelegenheit des Menschen“

Von Wen-Ling Chung und Tilman A. Fischer

„Glaube ich?“ – „Ist Glaube notwendig?“ Diese und verwandte Fragen waren zu jeder Zeit von Bedeutung. In einer von Säkularisierung ebenso wie von religiöser Diversifizierung geprägten Stadt wie Berlin stellen sie sich in besonderer Intensität. Exemplarisch nachgespürt haben ihr aus unterschiedlichen Perspektiven 13 junge Künstlerinnen und Künstler von der privaten Berliner „Ostkreuzschule für Fotografie“. Die Guardini Galerie präsentiert ihre Interpretationen der Frage nach Religion bzw. ihre visualisierten Antworten im Rahmen der Ausstellung „Berlin, Gott und die Welt“.

Dabei stehen die Kunstwerke für einen weiten Religionsbegriff ein, der über das Fürwahrhalten von Glaubenssätzen hinausgeht und Religion im existenziellen Sinne als eine – in den Worten Johann Joachim Spaldings – „Angelegenheit des Menschen“ erfasst: stets geht es auch um eine Selbstbefragung hinsichtlich Sinn, Identität und Selbstverhältnis. So reflektiert etwa Massimiliano Corteselli („The first crow that cracked a nut“) über das Gefühl von Einsamkeit im Verwiesensein des Menschen auf seinen eigene Körper.

Andere Fotografinnen und Fotografen befassen sich mit Fragen der Sexualität oder auch mit den Wechselbeziehungen zwischen religiöser und ethnischer bzw. politischer Identität. „Das Buddhistische Haus. Ehi passiko – komm und sieh“ von Janick Entremont dokumentiert den ältesten buddhistische Tempel Europas in Frohnau. Kleine Details des Tempels, die normalerweise nicht bemerkt würden, werden sehr genau betrachtet und in Nahaufnahmen gezeigt.

„Beyond mountains more mountains“ von David Remmtsen porträtiert die Minderheitsgruppe der Jesiden in Berlin, die wegen politischer Verfolgung und Genozid vor dem sogenannten „Islamischen Staat“ nach Deutschland geflüchtet sind. Das Foto einer Geburtstagsfeier stellt die inneren Spannungen ihres Lebens eindrücklich dar: Die jugendliche Hoffnung der Teenager bricht sich mit Besorgnis angesichts der Vergangenheit und offener Zukunftsfragen: Die Leidensgeschichte der Jesiden – Traumata, Diaspora und Identitätssuche Identität – mischt sich mit neuen Unsicherheiten, auch angesichts der aktuellen Pandemielage.

Mit dem Gebet nimmt Mirka Pflüger („Zwei Teile Ein Ganzes“) einen der wichtigsten Vollzüge des Glaubenslebens in unterschiedlichen Religionen in den Blick. Es liegt nicht am gegenwärtigen „Social Distancing“, dass die Beterinnen und Beter nicht in dichter Gemeinschaft erscheinen. Vielmehr geht es der Künstlerin um das Beten als einen intensiven Dialog zwischen dem Beter und Gott, der eines physisch wie seelisch geschützten Raumes bedarf. Komplementär zu Pflüger nimmt Timo Schlüter die Orte religiöser Praxis in den Blick: Statt Menschen fokussiert er auf die „Fassaden des Glaubens“ – Außenansichten der Gebäude von verschiedenen Religionsgemeinschaften in Berlin. Was bleibt: „profane“ Alltäglichkeit oder stille Feierlichkeit? Dieser und anderen Fragen nachzugehen, laden die Kunstwerke noch bis Ende des Monats in der Guardini Galerie ein.

„Berlin, Gott und die Welt“, Guardini Galerie (Askanischer Platz 4, 10963 Berlin), Montag bis Freitag von 13 bis 18 Uhr, Eintritt frei; weitere Informationen: http://www.guardini.de

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 25/2021.

Mehr Spielraum gegenüber Peking

Was wird aus Taiwan? Der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff untersucht die Bedeutung der Stärke Chinas

Von Tilman Asmus Fischer

„Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras.“ Mit dem ersten Teil dieses afrikanischen Sprichworts hat der FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff sein heuer erschienenes Buch betitelt und damit bildlich den „kalten Krieg des 21. Jahrhunderts“ – zwischen den Vereinigten Staaten und Rotchina – erfasst, der im Zentrum seiner Überlegungen steht. Das Gras – Deutschland und die EU, bleiben wir auf der Ebene der allegorischen Auslegung – vor größeren Verheerungen zu bewahren, ist das Anliegen des Historikers und früheren Diplomaten. Und so bietet Lambsdorff einen politischen Debattenbeitrag auf der Grundlage geschichtlicher Tiefenkenntnis und politischer Weitsicht, nicht jedoch eine geschichts- oder politikwissenschaftliche Analyse im engeren Sinne. Dies ist auch nicht nötig, liegen in dieser Hinsicht doch mit Michael Schumans „Superpower Interrupted. The Chinese History of the World“ (erschien im Mai auf Deutsch unter dem Titel „Die ewige Supermacht“; Rezension folgt) sowie Clive Hamiltons und Mareike Ohlbergs „Die lautlose Eroberung. Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet“ zwei im Vorjahr erschienene Standardwerke vor.

Diese und andere Monografien, die von der publizistischen Aufmerksamkeit für die Herausforderungen zeugen, die sich mit dem Aufstieg Festlandchinas verbinden, machen durchgehend deutlich, dass es einer umfassenden politisch-gesellschaftlichen Verständigung darüber bedarf, wie sich die Staaten Europas im 21. Jahrhundert geopolitisch aufstellen wollen. Es ist Lambsdorffs Verdienst, über die zugrundeliegenden historischen Entwicklungen und politischen Zusammenhänge einen Überblick gegeben und hieran anknüpfend eine Positionsbestimmung mit deutlich liberaler Akzentsetzung vorgenommen zu haben.

So ist der erste Teil des Buches auch zunächst einmal nicht der eigentlichen Problemanalyse gewidmet, sondern bietet eine Würdigung des „European Way of Life“, seiner historischen Genese und aktuellen politischen Rahmenbedingungen. Das von Lambsdorff vertretene Freiheitsverständnis steht dabei – in für einen FDP-Politiker authentischer Weise – in der Tradition des politischen Liberalismus, einschließlich eines (latent unterkomplexen) Säkularisierungsparadigmas oder einer deutlichen Skepsis gegenüber religiösen Ordnungsvorstellungen. Aus einer weniger politischen als vielmehr grundsätzlichen sozialethischen Perspektive hätten einzelne Aspekte von Freiheit – etwa ihre konstitutive Wahrnehmung in Verantwortung und ihr daraus erwachsender Zumutungscharakter – eine stärkere Akzentuierung verdient.

1905 besiegten Asiaten eine europäische Macht

Der zweite Teil der Monographie ist sodann der Infragestellung ebendieses liberalen Politikmodells gewidmet. Dabei macht Lambsdorff deutlich, dass er selbst diese Analyse nicht etwa aus einer eurozentrischen Perspektive vollzieht. So ist das erste Kapitel dieses Abschnitts der „Welt aus nichtwestlicher Sicht“ gewidmet. Es gelingt Lambsdorff zu verdeutlichen, welche Wirkmächtigkeit globalgeschichtliche Zusammenhänge – gerade hinsichtlich der historischen Phase des europäischen Expansionismus und Kolonialismus – für die politische Programmatik oder Mentalität der chinesischen Staatsführung und damit für die heutige Tagespolitik haben. Zentrale Bedeutung kommt für Lambsdorff dabei – in Anknüpfung an den Politologen Pankaj Mishra – der Seeschlacht von Tsushima während des Russisch-Japanischen Krieges im Mai 1905 zu: „Zum ersten Mal in der Neuzeit hatten Asiaten eine europäische Großmacht besiegt und damit die These von den ,unterlegenen Rassen‘ widerlegt, die, so die weitverbreitete Vorstellung, angeblich unfähig zu den technischen, militärischen und wirtschaftlichen Leistungen der Europäer waren.“

Lambsdorff zeigt, in welchem Maße die Kompensation der historischen Demütigungen bis heute das Großmachtstreben Pekings prägt. Dieser Analyse stellt der Verfasser entsprechende Betrachtungen hinsichtlich Russlands und der Türkei zur Seite. Vor diesem Hintergrund interpretiert der Autor im folgenden Kapitel die gegenwärtige weltpolitische Lage mit dem Deutungsmuster einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“: prämoderner, moderner und – im Falle etwa der EU – postmoderner Ordnungen. Letzte zeichnen sich durch die Entstehung eines „grenzüberschreitenden Geflechts aus politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen zivilgesellschaftlichen, medialen, künstlerischen Beziehungen auf allen möglichen Ebenen“ aus, „bei denen ,Nationalstaatlichkeit‘ funktional – nicht emotional – zunehmend an Bedeutung verliert.“ Der Untergrabung ebendieser Ordnung durch feindliche politische Ideologien sowie der Widerlegung des Beharrens auf dem Primat nationaler Souveränität bei der Lösung gegenwärtiger globaler Probleme sind die beiden folgenden Kapitel gewidmet.

Plädoyer für mehr Westen und mehr Europa

Im dritten und letzten Teil seines Buches wendet sich Lambsdorff der Frage zu, welche politischen Konsequenzen vor dem Hintergrund seiner Einschätzungen in Berlin und Brüssel zu ziehen sind, um der Volksrepublik China in adäquater Weise begegnen zu können. Dabei geht er deutlich über rein sicherheits- und verteidigungspolitische Optionen hinaus und bietet einen umfassenden Ansatz, der auch die Frage nach Reformen der Demokratien europäischer Prägung mit einschließt.

Lambsdorff plädiert angesichts der weltpolitischen Lage – neben „mehr Welt“ und „mehr Freiheit“ – für „mehr Europa“ und „mehr Westen“, was neben der Stärkung der EU auch eine verstärkte Verantwortungsübernahme innerhalb der NATO bedeutet. Damit ergänzt der Verfasser eine Reihe weiterer Diskussionsbeiträge, die in jüngster Zeit in die gleiche Richtung weisen. So plädierte unlängst auch der frühere Sicherheitsberater von Bundeskanzlerin Merkel, General Erich Vad, vor dem Hintergrund einer Lambsdorff ähnlichen Analyse für eine „schnelle, militärische Handlungsfähigkeit Europas“ im Sinne eines „bis zu 8 bis 10000 Soldaten und Soldatinnen umfassenden militärischen Schnelleingreifverbands, bestehend aus Freiwilligen aller EU-Staaten unter direktem Oberbefehl der EU-Kommission“.

Die Programmatik, die Lambsdorff entwickelt, ist auf einer grundsätzlichen Ebene einem Enhancements der deutschen und europäischen Demokratien und ihrer Strukturen gewidmet. Gerade angesichts der von Lambsdorff betonten Notwendigkeit politisch-strategischen Denkens würde man sich freilich etwas mehr Klartext hinsichtlich konkreter Handlungsmöglichkeiten gegenüber Rotchina wünschen. So spricht das Buch wiederholt die Bedrohung Hongkongs sowie Taiwans durch die Volksrepublik China an.

Angesichts der von Peking geschaffenen Fakten hin zu einer immer weiterreichenden Gleichschaltung Hongkongs ließe sich etwa fragen: Was kann seitens des globalen Westens – jenseits von Solidaritätsbekundungen – konkret getan werden, um die demokratische Republik China effektiv und nachhaltig vor den Expansionsbestrebungen der Kommunistischen Partei Chinas zu schützen?

Alexander Graf Lambsdorff: Wenn Elefanten kämpfen. Deutschlands Rolle in den kalten Kriegen des 21. Jahrhunderts. Propyläen Verlag, Berlin 2021, 304 Seiten, ISBN-13: 978-354910-032-5, EUR 24,–

Erschienen am 10. Juni 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Am Rand eines Abgrunds entlang

Zeitgenössische Kunst greift immer wieder Sinnfragen auf, wie sie auch für Religion und Theologie von zentraler Bedeutung sind. Daher lohnt es sich, aus christlicher Perspektive auf Spurensuche zu gehen: Die israelische Künstlerin Nira Pereg spürt der Spannung religiöser Orte nach

Von Tilman Asmus Fischer

In wohl kaum einem Land ist Religion derart omnipräsent wie in Israel und Palästina. Und so tut es nicht Wunder, dass die Prägekraft des Religiösen – in positiver wie teils höchst problematischer Weise – immer wieder auch von israelischen und palästinensischen Künstlern in ihren Werken thematisiert wird. Dies gilt in besonderer Weise für die 1969 in Tel Aviv geborene Videokünstlerin Nira Pereg, deren Installationen weltweit – und immer wieder auch in Berlin sowie anderen deutschen Städten – gezeigt wurden und nach der Pandemie hoffentlich auch wieder gezeigt werden.

Gemeinsamkeiten in Hebron

Wie die Künstlerin, die in New York und Jerusalem studierte und seitdem auch selbst an unterschiedlichen internationalen Hochschulen lehrt, der Präsenz und den Formen des Religiösen nachgeht, verdeutlicht in besonderer Weise ihre Videoinstallation „Abraham Abraham Sarah Sarah“ aus dem Jahr 2012. Sie ist der von Juden und Muslimen gemeinsam genutzten Kultstätte in Hebron gewidmet. Dort befindet sich die Grabhöhle der Erzeltern Sarah und Abraham, Rebekka und Isaak sowie Lea und Jakob.

Nira Pereg 2014 (Foto: N. Pereg)

Zwei spiegelbildlich angelegte Videos dokumentieren den Moment, wenn zu einem der Hochfeste von Judentum beziehungsweise Islam je die eine Religionsgemeinschaft den gesamten Gebäudekomplex räumt, um ihn der anderen zu überlassen, und diese ihn wiederum ihren Bedürfnissen entsprechend einrichtet: Es werden Transparente ab- beziehungsweise aufgehängt, Regale aus- oder eingeräumt und Teppiche geschleppt.

Klarsichtig und ohne politische Vereinnahmung

Den Kulturbeauftragten des Rates der EKD, Johann Hinrich Claussen inspirierte Peregs Videoinstallation dazu, die Grabhöhle der Patriarchen in Hebron unter „Die seltsamsten Orte der Religionen“ zu zählen, denen er im vergangenen Jahr ein Buch widmete. Die beiden Filme zeigen, so Claussen, „aus einer künstlerischen Perspektive einen seltsamen Ritus an einem religiös extrem aufgeladenen Ort“. Dabei beweist die Künstlerin großes Feingefühl, wenn sie die Spannung des Raumes einfängt, ohne die religiösen oder politischen Akteure plakativ zur Schau zu stellen – oder sich gar von einer der ihnen verbundenen Konflikt -parteien vereinnahmen zu lassen.

„Nira Pereg“, so Claussen, „hat in ihren Kurzfilmen die politischen und militärischen Zusammenhänge nicht direkt abgebildet. Auch lässt sie in ihren Filmen das eigentlich Religiöse außen vor. Sie zeigt nur die Vorbereitungen zu den jeweiligen Festen, nicht die Gottesdienste, Gebete, Lesungen und Ansprachen.“ Es sei, als ob sie „mit ihrer Kamera und ihrem Mikrofon genau am Rand eines Abgrunds entlanggehe“. Der zunächst einmal distanzierte Blick Peregs auf den Gegenstand ihrer Kunstwerke ist jedoch nicht teilnahmslos oder unpolitisch. Vielmehr seziert sie in klarsichtiger Weise gesellschaftliche Konfliktlinien und lädt zum Nachdenken über diese ein.

Utopisches Potenzial

Die gezielte künstlerische Entfremdung von Alltag und religiösen wie kulturellen Gewohnheiten ist charakteristisch für das Werk von Pereg, die hiermit Normalität und Konventionen hinterfragt und neue Perspektiven eröffnet. So gelingt es ihr in „Abraham Abraham Sarah Sarah“, mit künstlerischen Mitteln sichtbar zu machen, was den Akteuren selbst – gefangen in der jeweiligen Binnenperspektive – wahrscheinlich verschlossen bleibt: dass hier im spannungsreichen Miteinander zweier Religionen etwas Drittes entsteht.

Was Pereg mittels Videoschnitt erzeugt, beschreibt Claussen als „Bild eines neuartigen Rituals“: „Dieses Ritual des Räumens verbindet zwei Religionen, die zwar verfeindet, einander aber auch ähnlich sind. Sie mögen durch Kleidungsgebote unterschieden sein, aber ihre Ausrichtung auf diesen heiligen Ort und darauf, was hier zu tun ist, rückt sie einander sehr nahe.“ Der EKD-Kulturbeauftragte vermag hier sogar ein utopisches Potenzial in Peregs Filmen zu erkennen: „Religionen können sich zumindest einen Kellerraum teilen. Oder wäre das zu harmonisch gedacht?“

Weitere Informationen zu den Arbeiten von Nira Pereg sowie die beiden Kurzfilme „Abraham Abraham, Sarah Sarah“ sind auf der Internetseite der Künstlerin zu finden: www.nirapereg.net

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 22/2021.

Rebell aus Glauben

Thomas Broses Erinnerungen erhellen das Wesen des christlichen Widerstands

Von Tilman Asmus Fischer

Unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie haben zumal die letztjährigen Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit ohne öffentlichkeitswirksame Großveranstaltungen auskommen müssen. Es mag aber vielleicht auch in einer Zeit, in der die Farben des vereinten Deutschlands von Rechtspopulisten und Corona-Leugnern instrumentalisiert werden, angezeigt gewesen sein, diesem Jahrestag auf stillere und nachdenklichere Weise zu begegnen. Ein solcher nachdenklicher Blick lohnt sich auch noch im Folgejahr. Behilflich können dabei Bücher wie „Mein deutsches Neuland“ sein. Die „Notizen eines ostdeutschen Katholiken“ – Verfasser ist der Fundamentaltheologe und Berliner Philosophieprofessor Thomas Brose – bieten zweierlei: Einblick in die katholische Diaspora in Mitteldeutschland vor und nach 1989/90, sowie philosophisch-theologische Deutungen dieser persönlichen Erfahrungen und der zeitgeschichtlichen Umbrüche der Wendejahre.

(Foto: Tobi85)

Eine klassische Autobiographie erwartet den Leser nicht. Der persönliche Lebenslauf des Autors bleibt – ohne dass sich Verständnislücken ergeben – eher im Hintergrund und dient vielmehr als Ausgangspunkt für exemplarische Wahrnehmungen und Erfahrungen eines Diasporakatholiken in der DDR bzw. den neuen Bundesländern. Diese zeichnen sich durch eine feinsinnige Beobachtungsgabe aus, mit der Brose gerade auch die atheistische Alltagskultur des SED-Staates schildert. So interpretiert er etwa – ausgehend von Erinnerungen an einen Schulausflug – den Berliner Fernsehturm als „gebaute Weltanschauung“ des sich in Systemüberlegenheit wähnenden Sozialismus; zugleich jedoch als einen Ort, der ihm neue Perspektiven öffnete (und damit die Intention seiner Baumeister ad absurdum führte): „Was ich da oben zwischen Himmel und Erde sah, ging mir unter die Haut: Zum allerersten Mal blickte ich in den ‚Westen‘. […] Aber vor unseren Kinderaugen wurde auch etwas Trostloses sichtbar: Mitten durch Berlin zog sich die Mauer.“

Es sind insbesondere die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, die sich bei Brose beklemmend lesen. Gewiss, auch als junger Erwachsener war er in bedrohlicher Weise vom christenfeindlichen Regime bedroht, das ihn – nach Theologie- und Philosophiestudium in Erfurt – als Mitarbeiter der Katholischen Studentengemeinde (KSG) in Ost-Berlin überwachen ließ. Es sind jedoch gerade die Erlebnisse des Heranwachsenden, aus denen die Erfahrung des Ausgeliefertseins gegenüber einer feindlichen Umwelt sprechen: „Soweit ich zurückdenken kann, musste ich darum kämpfen, gegensätzliche Welten – christliches Elternhaus und atheistische Schule – miteinander irgendwie in Einklang zu bringen. Bereits nach einigen Schuljahren war mir klar, Berufswünsche wie Lehrer, Journalist oder Sportreporter kommen für dich, den Katholiken, in einem Land, das völlig andere Bekenntnisse erwartet, nicht in Frage. Anfänglich war diese Einsicht schmerzhaft. Aber mit der Zeit erschien mir das fast selbstverständlich.“

Freilich: Thomas Brose hat sich in diese Selbstverständlichkeit nicht gefügt. Seine „Notizen“ sind nicht aus der Perspektive einer inneren Emigration oder systemkonformer Resignation geschrieben. Vielmehr könnten sie auch den Titel der im gleichen Jahr erschienenen Lebenserinnerungen von Joachim Kardinal Meisner tragen: „Wer sich anpasst, kann gleich einpacken“. Er sei, so Brose, „in die Rolle hineingewachsen, Rechenschaft zu geben über meinen Glauben – kein schmerzfreier Verstehensprozess“: „Auseinandersetzungen zwischen Glaube und Atheismus, Religion und Gesellschaft sind für mich zu einem Lebensthema geworden.“ Die biographischen Texte Meisners und Broses lassen sich gewissermaßen komplementär zueinander lesen. Beide erinnern an das Ringen des katholischen Minderheitenkirche mit dem Kommunismus im Berlin der 1980er Jahre, jedoch aus zwei sich ergänzenden Perspektiven: Führte Meisner diese Auseinandersetzung – wenn auch mit großer Volksnähe – aus dem bischöflichen Ordinariat heraus, betrieb Brose akademische Graswurzelbewegungen im Umfeld der Berliner Universität Unter den Linden: vor der Wende in Form unzähliger – vom System argwöhnisch beäugter – KSG-Veranstaltungen zu theologischen und philosophischen Fragen; nach der Wende im gemeinsamen Einsatz mit Eugen Biser für den Erhalt bzw. die Wiederbelebung des Erbes Romano Guardinis an dessen historischer universitärer Wirkungsstätte. Es sind Erinnerungen wie an Biser – vor allem aber an seinen Freud Henryk Bereska – die Broses „Notizen“ eine besondere persönliche Note geben, da aus ihnen eine tiefe und herzliche Wertschätzung zwischenmenschlicher Begegnungen spricht, die den eigenen Lebensweg begleiteten.

Brose blickt jedoch nicht nur zurück. Vielmehr richtet er im letzten Abschnitt seines Buches den Blick nach vorne, fragt was „ostdeutsche Christen in die Einheit einbringen“ und beschreibt gegenwärtige Herausforderungen des Diasporakatholizismus. Dabei kommt zwar auch deutlich das berechtigte Bedauern über die gravierende Unterrepräsentation von mitteldeutschen Katholiken in kirchlichen Führungspositionen zum Ausdruck. Vor allem und zuletzt erinnert der Autor seine Kirche aber an ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung – in Auseinandersetzung mit neuen Formen des Atheismus ebenso wie mit vielfältigen Formen kultureller und politischer Verunsicherung: „Ich denke, die Konflikte, die in unserer Gesellschaft – auch infolge der Corona-Pandemie seit dem Frühjahr 2020 – aufgebrochen sind, weisen über den Bereich des Politischen hinaus. Sie machen nicht zuletzt auf das Problem metaphysischer Obdachlosigkeit aufmerksam.“

Thomas Brose: Mein deutsches Neuland. Notizen eines ostdeutschen Katholiken. Bonifatius-Verlag, Paderborn, 2020, 144 Seiten, ISBN 978-3897108455, EUR 12,–

Erschienen am 27. Mai 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Kein sicherer Ort in Europa

Das Europäische Büro für Kriegsdienstverweigerung (EBCO) schlägt in seinem Jahresbericht 2020 Alarm: Verletzungen des Menschenrechts auf Kriegsdienstverweigerung scheinen von der Tagesordnung der EU zu verschwinden. Dabei werden Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen in Europa verfolgt, verhaftet, bedroht. Über die aktuelle Lage spricht Vorstandsmitglied Maike Rolf im Interview mit Tilman Asmus Fischer. Sie vertritt die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) im EBCO

Frau Rolf, wie stellt sich – vor dem Hintergrund des EBCO-Jahresberichts 2020 – die aktuelle Lage von Kriegsdienstverweigerern in Europa dar?

Grundsätzlich ist es schön, dass in den letzten zehn bis zwanzig Jahren sehr viele Länder die Wehrpflicht abgeschafft haben. Tatsächlich haben inzwischen einige Staaten aber die Wehrpflicht wiedereingeführt: 2014 die Ukraine, 2015 Litauen, 2017 Georgien, 2018 Schweden und Serbien denkt aktuell darüber nach. In vielen Ländern hat der Zivildienst Strafcharakter, z. B. in Griechenland: Er dauert länger als der Kriegsdienst, man darf sich nicht aussuchen, wo man ihn leistet, sondern wird der Post oder einem Krankenhaus zugewiesen. Zugleich ist man – bei einer geringen Besoldung – gezwungen, in eine andere Stadt zu ziehen. Das heißt: Verweigern kann nur, wessen Familie sich dies leisten kann. Auch in einem unserer Nachbarländer – der Schweiz – wird die Möglichkeit der Verweigerung immer weiter erschwert.

Das Europäische Parlament in Straßburg (Foto: Diliff)

Im Falle der osteuropäischen Staaten, lässts sich die Wiedereinführung der Wehrpflicht vor dem Hintergrund der russischen Außenpolitik erklären. Welche Motive lassen sich aber im Falle der anderen Staaten für diese Entwicklung ausmachen?

Viele Armeen merken, dass sie nicht so gute Leute bekommen, seit es keine Wehrpflicht mehr gibt. Sie müssen aktiv werben und sich attraktiv machen; aber trotzdem bekommen sie Personal, das schlechter gebildet ist und von den Kompetenzen her geringer eingeschätzt wird. Das macht schon viel aus. Vor allem ist es aber so, dass militärische Sicherheitslogiken sehr präsent sind und nach der Phase von Entspannung und Abrüstung ab 1990 wieder erstarken. In diese Richtung gehen auch die Bestrebungen hin zu einer europäischen Armee und in diesem Zusammenhang gibt es tatsächlich auch die Forderung nach einem weiterentwickelten europäischen Wehrdienst – und zwar von der Organisation „Finabel“, der ältesten Militärorganisation für die Kooperation zwischen europäischen Armeen. Auch wenn hiermit die Idee eines alternativen Freiwilligendienstes verbunden ist, ist dieser Gedanke natürlich ein Wahnsinn.

Angesichts der Einschränkungen des Rechtes auf Kriegsdienstverweigerung, die Sie in Ihrem Jahresbericht für einzelne EU-Mitgliedsstaaten beklagen: Böte ein europäischer Wehrdienst mit einheitlichen europarechtlichen Regelungen nicht auch die Perspektive von mehr Rechtssicherheit für Kriegsdienstverweigerer – etwa in Griechenland?

Das wäre natürlich gut. Es gibt ja Regelungen wie die EU-Leitlinie zu Religion- und Glaubensfreiheit von 2013, in der das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen auch explizit enthalten ist. Das Problem ist die Umsetzung: Die Mitgliedsstaaten erkennen die Regelungen an, aber setzen sie häufig nicht um. Frustrierend ist natürlich auch, dass es keine Möglichkeit gibt, die Umsetzung der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegenüber den Nicht-EU-Mitgliedsstaaten Türkei und Russland durchzusetzen: Zwar werden in Straßburg häufig Urteile zugunsten von Kriegsdienstverweigerern gefällt, von den betroffenen Staaten jedoch ignoriert.

Mit diesen beiden sprechen Sie nun auch Staaten an, die nicht Mitglied der EU, jedoch des Europarats sind. Wie gestalten sich die Unterschiede hinsichtlich des Schutzes bzw. der Verfolgung von Kriegsdienstverweigerern in Staaten innerhalb und außerhalb der EU?

In der Türkei bedeutet Kriegsdienstverweigerung den „sozialen Tod“: Man hat keinen Pass mehr, man kann nicht mehr arbeiten oder eine Wohnung mieten. Aber auch in Aserbaidschan herrschen schwere Bedingungen. Die überwiegende Zahl der Länder, die Mitglied der EU sind, sind eher bereit, Menschenrechte wie dasjenige auf Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen – und dazu tragen natürlich auch die bestehenden EU-Regelungen bei. Entscheidender als die formale Frage, ob ein Staat Mitglied der EU ist, scheint mir jedoch der jeweilige Demokratisierungsgrad zu sein. Je ausgeprägter die demokratischen Strukturen eines Landes sind, desto weniger Menschenrechtsverletzungen gibt es.

Dies mag durchaus die Situation in den erst seit 1989 demokratisierten Staaten Osteuropas sowie in Griechenland zu erklären. Wie hoch ist denn die Sensibilität innerhalb der EU-Institutionen für noch bestehende Missstände in den Mitgliedsstaaten?

Tatsächlich kann man sagen: Kriegsdienstverweigerung verschwindet von der menschenrechtspolitischen Agenda. Als die Wehrpflicht noch in vielen Staaten bestand und mit harten verfahren durchgesetzt wurde, mussten sich mehr Menschen hiermit beschäftigen. Das ist heute nicht mehr so. Aber die bestehenden Probleme – wie etwa in Griechenland – sind nicht zuletzt problematisch für die Außendarstellung der EU.

Der Jahresbericht sowie weitere Informationen stehen auf der Internetseite des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung (EBCO) zur Verfügung: www.ebco-beoc.org

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 17/2021.

Gibt es bald einen neuen „Geist der europäischen Union“?

Ferdinand von Schirach erklärt die bisher niedergelegten Grundrechte als mangelhaft. In seinem neuen Buch „Jeder Mensch“ formuliert er neue Regeln, die seiner Meinung nach als Grundrechte gelten sollten.

Von Tilman Asmus Fischer

„Wir, die Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union, erachten die nachfolgenden Grundrechte, in Ergänzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Europäischen Menschenrechtskonvention, der Charta der Grundrechte der Europäischen Union und der Verfassungen ihrer Mitgliedsstaaten, als selbstverständlich…“ Mit diesen Worten lässt Ferdinand von Schirach seine Erklärung sechs neuer europäischer Grundrechte beginnen, die im Zentrum seines unlängst erschienenen Büchleins „Jeder Mensch“ stehen und durch die nach dem Willen einer gleichnamigen Online-Petition ein Verfassungskonvent die Charta der Grundrechte der Europäischen Union um folgende Grundrechte erweitern soll.

Die sechs Artikel reagieren auf die drängendsten Herausforderungen, die sich aus der gegenwärtigen ökologischen Krise, der Digitalisierung, den Phänomenen des postfaktischen Zeitalters sowie der Globalisierung ergeben. Artikel 1 postuliert das Recht, „in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben“, Artikel 2 dasjenige auf „digitale Selbstbestimmung“ sowie ein Verbot der „Ausforschung oder Manipulation von Menschen“. Artikel 3 fokussiert den Umgang mit Künstlicher Intelligenz: „Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.“ Gemäß Artikel 4 hat jeder Mensch das Recht, „dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen“. Mit Blick die Globalisierung erklärt Artikel 5: Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.“ Technischer Natur ist zuletzt der sechste Artikel, der die Möglichkeit einer „Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten“ eröffnet.

Die Hinführung zu dieser Erklärung stellt ein Rückblick auf die Entstehung und Wirkung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776 sowie der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 dar, die für von Schirachs Erklärung Vorbildcharakter haben. Im Zentrum des historischen Abrisses steht Marie-Joseph Motier, Marquis de La Fayette, der an der Seite George Washingtons im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte, bevor er schließlich – unterstützt von Thomas Jefferson – in Paris den Entwurf für die Menschen- und Bürgerrechtserklärung verfasste. Die beiden neuzeitlichen Rechtstexte dienen dem Juristen von Schirach als Kontrast zur – von ihm als erweiterungsbedürftig erachteten – „Charta der Grundrechte der Europäischen Union“: „Sie gibt, wenn man so will, den Geist der Verfassungen und des Rechts aller Länder der Europäischen Union wieder. Aber so brillant dieser Kompromiss auch ist – er hat nicht die Kraft der Erklärungen von 1776 und 1789.“

Dass sich das rechtshistorische Heldenepos um den revolutionären Marquis ergreifend liest, erstaunt angesichts des schriftstellerischen Talents von Schirachs nicht. Vielmehr stellt sich die Frage, warum der Verfasser derart auf die Stärke des historischen Narrativs setzt und wie überzeugend diese Akzentuierung letztlich ist. Gewiss: Jeder, der über politischen, ökonomischen und ökologischen Sachverstand sowie eine solide sozialethische Grundorientierung verfügt, wird dem Anliegen und sachlichen Gehalt der von Schirachschen Grundrechtsergänzungen zustimmen. Ebenso wird, wer über historische Bildung verfügt, nicht die utopische Dimension und rechtshistorische Bedeutung der amerikanischen und französischen Deklarationen bestreiten wollen, die von Schirach betont.

Jedoch: Lag nicht die Kraft der historischen Erklärungen gerade darin, dass sie im Kontext konkreter politischer – und nicht zuletzt auch mit physischer Gewalt ausgetragener – Konfliktsituationen entstanden und sie von Menschen formuliert wurden, die einer anderen Gruppe greifbare individuelle Rechts abrangen. So wenig die Missstände, gegen die sich von Schirach richtet, zu leugnen sind und so honorig die Gesinnung seiner Unterstützer ist: Es fehlt der aus unmittelbarer lebensweltlicher Erfahrung erwachsene Handlungsdruck, der im 18. Jahrhundert zum revolutionären Aufbegehren führte. Damit bleibt von Schirachs Argumentation anachronistisch – und scheint letztlich auch eher familiengeschichtlich bedingt zu sein; so klärt (erst) eine persönliche Anmerkung im Anhang auf: „Der Urgroßvater meiner Urgroßmutter hieß John Middleton, er war einer der 56 Gründerväter der Vereinigten Staaten, die 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterschrieben. Sein Schwager, Edward Rutledge, unterzeichnete diese Erklärung ebenfalls.“

Es ist bedauerlich, dass der Verfasser auf das – sehr persönlich motivierte – historische Narrativ setzt, statt seinen Entwurf vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Problemstellungen und der europäischen Rechtslage zu entfalten. Dies tut ausführlich ein von den Juristen Ulrich Karpenstein, Jens Kersten, Remo Klinger und Bijan Moini verfasster Kommentar, der auf der Internetseite des die Petition „Jeder Mensch“ betreibenden Vereins unentgeltlich zur Verfügung steht – und stattdessen als Bestandteil des Buches diesem deutlich Substanz hätte verleihen können.

Am Ende muss aber neben den Bedenken zur historischen Argumentation von Schirachs auch noch eine grundsätzlichere Rückfrage formuliert werden: Wäre es nicht präziser gewesen, die Mehrheit der ethisch absolut begründeten Forderungen als „Grundpflichten“ denn als ergänzende „Grundrechte“ zu formulieren? Bestünde ein wegweisender Beitrag zum Schutz der Umwelt nicht darin, diese zwar nicht als Rechtsträger zu konstruieren, ihre Bewahrung jedoch als Anspruch an den Menschen zu formulieren, der in Selbstzwecklichkeit der Natur und nicht des Menschen begründet liegt? Noch problematischer ist in dieser Hinsicht, dass Artikel 5 europäische Konsumenten, nicht aber außereuropäische Arbeitskräfte als Rechtsträger behandelt. Ebenso sollte der Grundsatz, dass „wesentliche Entscheidungen […] ein Mensch treffen“ muss, nicht nur als Recht, sondern mindestens gleichermaßen als allgemeine Sorgfaltspflicht des Menschen verstanden werden, wenn Digitalisierung tatsächlich menschenfreundlich gestaltet werden soll. Ähnliches gilt für die Norm der Wahrheitsorientierung, welche wohl nur geringfügig den Gebrechen des postfaktischen Zeitalters wird abhelfen können, wenn sie nicht – idealiter – alle Diskursteilnehmer (innerhalb derer offizielle „Amtsträger“ ja nur eine Minderheit ausmachen) in die Pflicht nimmt.

Auch wenn eine Kodifizierung von Menschen- oder Bürgerpflichten – mit guten Gründen – problematischer und unwahrscheinlicher ist als eine Erweiterung bereits bestehender Grundrechte: Revolutionärer und provokanter wäre es gewesen, als öffentlicher Intellektueller mit Gleichgesonnenen öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam zu machen, dass die Krisen der Gegenwart nur bestanden werden können, wenn sich der homo politicus nicht nur an seinen verbrieften Rechten, sondern auch seinen – zumindest moralischen – Pflichten ausrichtet.

Ferdinand von Schirach: Jeder Mensch. Luchterhand Literaturverlag, München 2021, ISBN-13: 978-363087-671-9, 32 Seiten, EUR 5,-

Erschienen am 22. April 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).