Geistliches Geleit

Kreuzweg-Meditationen im Zeichen der Pandemie

Von Tilman Asmus Fischer

„Wie anders als 2000 Jahre lang gemeinschaftliche Feier des Todes und der Auferstehung waren die Kar- und Ostertage im Jahre 2020!“ Thomas Sternberg – so in seinem Geleitwort zum Bild- und Meditationsband „Auf dem Weg zum Kreuz“ – ist zuzustimmen. Und zu ergänzen ist: Auch 2021 werden die Feiertage nicht dem entsprechen, was bisher als ‚normal‘ galt. Das im Vorjahr von Martin W. Ramb und Holger Zaborowski herausgegebene Buch stellt einen hilfreichen wie nachdenklichen Begleiter durch diese besondere Passionszeit und v. a. Karwoche dar.

Anknüpfend an die insbesondere im Katholizismus gepflegte Kreuzweg-Tradition hatten die beiden Herausgeber gemeinsam mit dem Portal „katholisch.de“ im Laufe der vorjährigen Passionszeit unterschiedliche Autoren eingeladen, angesichts der Pandemie die Leidensstationen Christi zu bedenken. Die klassischen – 14 bzw. 15 – Stationen ergänzend sind so insgesamt 20 Meditationen zusammengetragen worden, in denen sich Glaubenstradition und Gegenwart gegenseitig erschließen. Denn, wie Ramb und Zaborowski einleitend erläutern „so, wie man sich aus der eigenen Situation auf Jesu Weg zum Kreuz einlassen kann, vermag dieser umgekehrt, Licht in unser eigenes Leben, Leiden und Sterben zu werfen.“

Leisten dies bereits die Texte für sich, vollzieht sich dieser interpretatorische Akt zudem auf visueller Ebene. Denn illustriert werden die Andachten nicht etwa durch klassische religiöse Kunst, sondern durch zeitgenössische Fotografien, welche die Pandemie in unterschiedlichen Situationen porträtieren: „Schreckliche, aber auch hoffnungsvolle Bilder der Solidarität und des Beistands prägen unsere Vorstellung von dieser das Menschliche zutiefst herausfordernden Zeit“, so die Herausgeber. Vielleicht etwas plakativ gesellt sich das Bild einer Ansprache Donald Trumps auf einem Lazarettschiff zur Station der Verurteilung Jesu zum Tode. Die anderen Bild-Text-Kombinationen sind stillerer Natur, etwa die Verbindung der Beisetzung von Corona-Opfern ohne Familienangehörige in einem New Yorker Massengrab mit der Grablegung Jesu.

Der Berliner Philosoph und Publizist Thomas Brose fragt in seinem Beitrag zur Kreuztragung, „wo in der gegenwärtigen Corona-Krise etwa zu entdecken [ist], das an das Gute im Menschen erinnert“. Indem „Auf dem Weg zum Kreuz“ auch hierauf immer wieder Antwort gibt, spendet der Band Trost und Zuversicht. Mithin: Lesens- und betrachtenswer ist dieses vom Katholiken verfasste und herausgegebene Buch – in ökumenischer Verbundenheit auf dem Weg zum Osterfest – für Angehörige unterschiedlicher Konfessionen.

Martin W. Ramb und Holger Zaborowski (Hrsg.), Auf dem Weg zum Kreuz. Meditationen in Zeiten der Corona-Pandemie, EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2020, 104 Seiten, 14,95 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 13/2021.

Nicht vom gleichen Planeten

In Taiwan fragt die zwölfte Taipeh Biennale nach Zukunftsperspektiven angesichts der aktuellen ökologischen Krisen

Von Ting-Chia Wu und Tilman A. Fischer

„Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“, bezeugt Jesus Christus im Johannesevangelium (17,16) über seine Jünger. Die Erfahrung von Fremdheit in der unerlösten Welt ist für die christliche Existenz in allen Zeiten konstitutiv – und ermöglicht eine kritische Distanz zur jeweiligen sozialen Realität. Dabei ist die gesellschaftliche Wirklichkeit unserer Tage durch eine zunehmende Diversifizierung und Fragmentierung von Weltanschauungen geprägt, die den sozialen Zusammenhalt herausfordern. In einer Weise, die der christlichen „Außenperspektive“ auf die Welt vergleich ist, vermag auch die Kunst, soziale und ökologische Bedingungen zu analysiert und zu kritisiert, indem sie mit der Fremdheit von Weltbildern und -anschauungen spielt.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür bietet die aktuelle, zwölfte, Taipeh Biennale (21. November 2020 – 14. März 2021), die vom „Taipei Fine Arts Museum“ organisiert wurde. Die beiden französischen Intellektuellen, der Philosoph Bruno Latour und der freischaffende Kurator Martin Guinard-Terrin, die von den Veranstaltern eingeladen worden waren, die Biennale auszugestalten, verfolgen die Absicht, die derzeitigen politischen Spannungen ebenso wie die ökologische Krise anhand verschiedene ‚Planeten‘ zu veranschaulichen. So kommentieren Latour und Guinard-Terrin: „Es gibt zunehmende Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Welt bewohnbar erhalten werden kann, nicht nur, weil die politischen Meinungen auseinandergehen, sondern vor allem, weil wir uns nicht einig zu sein scheinen, wie die Erde beschaffen ist.“

Bedauerlicherweise werden aufgrund der gegenwärtigen Pandemie so gut wie keine ausländischen Besucher diese Ausstellung in der taiwanesischen Hauptstadt besuchen können. Umso gebotener scheint es zu sein, der Biennale journalistisch Tribut zu zollen und an dieser Stelle ein paar Schlaglichter auf sie zu werfen. Unter dem Titel „You and I don’t live on the same planet“ („Du und ich leben nicht auf demselben Planeten“) bietet die Ausstellung ein fiktives Planetarium, in dem Künstler, Wissenschaftler und Aktivisten verschiedene Aspekte von fünf ‚Planeten’ erkunden, die für unterschiedliche Visionen der Welt stehen. Diese weichen voneinander nicht nur in der Frage ab, was unter der „Welt“ zu verstehen ist, sondern auch in den Vorstellungen von angemessenen soziale und politische Reaktionen auf aktuelle Krisen wie Globalisierung, soziale Ungleichheit und Klimawandel.

Mika Rottenberg, Cosmic Generator (AP) (Foto: Ting-Chia Wu)

So folgt der Planet „Globalisierung“ dem Traum der Modernisierung, welche die materiellen Belastungsgrenzen unseres Planeten nicht berücksichtigt. Die Videoinstallation „Cosmic Generator“ der argentinischen Künstlerin Mika Rottenberg etwa zeigt, wie Mechanismen der Globalisierung Alltagskulturen auf der ganzen Welt transformieren. Dafür verwendet sie die Metapher eines Tunnels, der Orte in verschiedenen Weltregionen in Form von Konsumgüterströmen verbindet – hier einen Marktplatzes in Yiwu, Volksrepublik China, dort ein chinesisches Restaurants in Mexicali, einer mexikanischen Stadt nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Auf diese Weise porträtiert Rottenberg eine globale Konsumwirtschaft, die nicht nur zu einer Homogenisierung des Lebensstils, sondern auch zu einer Masse von (Billig-)Produkten führt, die die Grenzen des tatsächlichen Bedarfs und der ökologischen Nachhaltigkeit überschritten hat.

Viele Menschen, die sich vom Ideal der Globalisierung betrogen und infolgedessen verloren fühlen, fliehen auf den Planeten „Sicherheit“, wie er von Rechtspopulisten propagiert wird. Der niederländische Künstler Jonas Staal fokussiert einen Vordenker dieser Bewegung, den ehemaligen Trump-Berater Steve Banon. In einer Installation bietet Staal eine „Propaganda-Retrospektive“, die in Auszügen Filme präsentiert, die von Banon produziert wurden und die Alt-Right-Ideologie befördern.  Indem diese mit der Angst vor Islamismus, Liberalismus und Multikulturalismus spielt, finden einzelne ihrer Bestandteile auch in Teilen konservativer christlicher Milieus zunehmend Unterstützung – vor allem, aber nicht nur in den USA. Gleichzeitig lassen die von Banon, Trump & Co artikulierten Krisenszenarien die Gefahren des Klimawandels und der ökologischen Degeneration in den Hintergrund treten.

Während auf diese Weise bereits heute Menschen der ökologischen Bedrohungslage – innerlich – entfliehen, spielt der der Planet „Flucht“ mit der futuristischen Möglichkeit einer kleinen Gruppe Privilegierter, sich gleich an Orte, der nicht vom Klimawandel betroffen sind, abzusetzen – in diesem Falle auf den Mars. Jedoch reagieren nicht alle Menschen auf die Konsequenzen der Globalisierung mit Flucht, sondern einige auch auf progressive Weise: Der „terrestrische“ Planet steht für diejenigen, die auf der Erde, wie sie tatsächlich ist, „landen“ und versuchen, das Gleichgewicht zwischen Wohlstand und der Achtung planetarer Belastungsgrenzen zu halten. Dieser Kampf beginnt mit der Anerkennung des Lebensraums des Menschen als der kritischen Zone der Erde, der ‚dünnen‘ Erdoberfläche, in der Gestein und Vegetation sich berühren und die ein komplexes wie fragiles Gebilde darstellt. Die taiwanesische Künstlerin Yu-Hsin Su fragt in ihrer Installation nach der Sichtbarkeit der Erdoberfläche als ebendieser „kritischen Zone“. Dafür nutzt sie das Material einer visuellen Datenbank taiwanesischer und deutscher Geologen, welche die bisherige Veränderung des Ökosystems in der taiwanesischen Taroko-Schlucht dokumentiert.

Mit einem fünften Planeten, „alternativen Gravitation“, porträtieren die Kuratoren Menschen und soziale Gruppen, die nicht ausschließlich einem der anderen „Planeten“ angehören, sondern sich von diesen Weltvisionen in divergierender Weise angezogen und abgestoßen fühlen. Damit dürfte sich hierin wohl der größte Teil der Weltbevölkerung repräsentiert finden.

In ihrer Gesamtheit exponiert die Biennale Umwelt- und Klimaschutz als ein Thema, welches von existenzieller Bedeutung für die Menschheit und den einzelnen Menschen ist. Dieser Tatsache entspricht in religiöser Sprache der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“. In diesem Sinne spricht die Ausstellung implizit auch die religiöse Dimension des Umweltschutzes aus. Hierzu passt, dass es der Kurator Bruno Latour ist, der seit Jahren darum kämpft, die Verbindungen zwischen Theologie und Klimaschutz zu stärken; etwa durch eine Seminarreihe, die er seit drei Jahren für die katholische Universität Paris (Institut Catholique de Paris) organisiert. Wenn Latour auch in Taiwan kein überwiegend katholisches oder christliches Publikum anspricht, kann diese Ausstellung dennoch auch als Aufforderung angesehen werden, die Verantwortung von Kirche, Theologie und Christen im Allgemeinen für diese Welt zu überdenken – auch wenn sie „nicht von der Welt“ sind.

Erschienen am 4. März 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Die Digitalisierung ist kein Automatismus

Angesichts der wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Digitalisierung appelliert der evangelische Sozialethiker Traugott Jähnichen an den Gestaltungsauftrag der Politik. Hierüber sowie über die gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Joachim Wiemeyer verfasste „Wirtschaftsethik 4.0“ spricht er im Interview mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Jähnichen, Homeoffice und Onlineversandhandel sind zwei Schlagworte, die mit Blick auf die Konsequenzen der Corona-Krise für das Wirtschaftsleben von zentraler Bedeutung sind. Welche wirtschaftsethischen Herausforderungen der Digitalisierung stellen sich im Pandemiejahr 2020 wie unter einem Brennglas dar?

Menschen im Homeoffice erleben Freiheiten der individuellen Zeitgestaltung. Es sind Spielräume gegeben, Privates und Berufliches neu zu sortieren. Zugleich kann die fehlende Abgrenzung von Lebens- und Arbeitszeit zu einer Dauer- und im Extremfall Überbelastung führen, vor allem wenn zugleich Kinder – etwa wgegen geschlossener Kitas oder Schulen –betreut werden müssen. Der Onlinehandel hat durch die Corona-Pandemie noch einmal einen unglaublichen Schub erhalten, zu Lasten des stationären Handels. Zugleich bauen Online-Händler ihre dominante Markt- und oft auch Machtposition weiter aus, denn sie wissen immer mehr über uns…

Das erste Kapitel Ihrer unlängst erschienene „Wirtschaftsethik 4.0“ setzt ein mit einer Besinnung auf die „Systematik der christlichen Sozialethik“. Welche Einsichten aus deren Tradition sind angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen von bleibender Bedeutung – und wo erfordern diese eine Neujustierung?

Die christliche Sozialethik gehört zu den entscheidenden Impulsen der Ordnungskonzeption der Sozialen Marktwirtschaft. Deren Grundsätze müssen heute auf die Bereiche digitalen Wirtschaftens übertragen werden, insbesondere im Blick auf die Bekämpfung wirtschaftlicher Monopole oder Oligopole. Zugleich stellen sich Fragen des Arbeits- und des Sozialrechts in neuer Weise. Bisher hat sich die christliche Sozialethik stark an dem nationalstaatlichen Rahmen orientiert, dies wird immer unzureichender.

Im Gegenzug ließe sich auch fragen: Haben wir es bei der Wirtschaft 4.0 mit neuen ethischen Herausforderungen zu tun oder mit altbekannten Fragen in neuer Gestalt?

Sowohl als auch. Die neuen ethischen Herausforderungen sehe ich vor allem in der Aufgabe, die historisch mühsam errungenen Arbeitnehmerrechte in der digitalen Arbeitswelt in neuer Weise zu sichern: Das reicht von Mitbestimmungsrechten, der Rolle von Betriebsräten und Gewerkschaften bis hin zu der Frage, wie die Sozialversicherungssysteme mit den Bedingungen der digitalen Arbeitswelten gut verbunden werden können.

Verfasst haben Sie das Buch gemeinsam mit Ihrem katholischen Fachkollegen Joachim Wiemeyer. Es handelt sich also gewissermaßen um einen ökumenischen Entwurf. Wie einmütig fällt ein solches interkonfessionelles Ringen mit Fragen der Digitalisierung aus – bzw. welche Akzentsetzungen steuern jeweils evangelische Sozialethik und katholische Soziallehre bei?

Wir haben das Buch sehr einvernehmlich erarbeitet, sowohl in den theologisch-sozialethischen Grundlagen wie in den ethischen Konkretionen. Wir beziehen uns bewusst auf die inzwischen lange Tradition gemeinsamer Verlautbarungen der Kirchen zu Fragen der Sozial- und Wirtschaftsordnung. Im Blick auf das Verständnis der Subsidiarität gibt es unterschiedliche Akzentsetzungen. Der Protestantismus ist nach wie vor stärker auf den Staat als den Garanten sozialer Sicherungen bezogen als der Katholizismus. Dafür betont die katholische Soziallehre stärker die Bedeutung der Familie und auch sozialer Bewegungen.

Im öffentlichen Diskurs erscheint die Digitalisierung bisweilen als ein unabweisliches Fatum, dem Gesellschaft und Wirtschaft alternativlos ausgeliefert sind. Was spricht für Sie gegen einen solchen „Technikdeterminismus“?

Die Digitalisierung ist kein Automatismus. Wie Algorithmen programmiert werden, welche Grenzen durch den Datenschutz gesetzt werden, wie man Monopolbildungen im Netz begrenzt und vieles mehr, das sind Fragen, die im Sinn einer humanen, sozialen und nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung durch die Politik geregelt werden müssen. Wie der elektrische Strom vor mehr als hundert Jahren nach und nach alle Lebensbereiche durchdrungen hat, wird dies in einer noch stärker unseren Alltag bestimmenden Weise durch die Digitalisierung geschehen. Dabei halten die zu setzenden Regeln der Gestaltung mit dem schnellen technischen und ökonomischen Wandel nur schwer Schritt. Die Politik ist herausgefordert, gegenüber dem chinesischen System der immer totaleren Staatskontrolle und dem angelsächsischen Laissez-Faire, was den großen Digitalunternehmen weitgehend freies Spiel eröffnet, eine Alternative zu entwickeln.  

Wenn also das Heft des Handelns bei der Politik liegt, welcher vordringlicher Handlungsbedarf besteht aus Perspektive des Sozialethikers gegenwärtig auf den Ebenen der deutschen, europäischen und internationalen Politik?

Ich sehe die europäische Ebene in der Schlüsselposition. Ein Nationalstaat allein kann nur bedingt angemessene Regeln durchsetzen, die Ebene der internationalen Politik ist diesbezüglich bisher nur wenig handlungsfähig und -willig. Selbst die Bekämpfung von Cyber-Kriminalität wird international kaum koordiniert, vermutlich mischen einige Nationalstaaten durch die Duldung oder Förderung krimineller Aktivitäten sogar kräftig mit. Daher gibt es für eine gute Digitalpolitik auf der Ebene der EU keine Alternative. Mit der Datenschutzgrundverordnung ist ein erster, sinnvoller Schritt gegangen worden. Aber auch die EU-Ebene ist in vielerlei Hinsicht unzureichend.

Worin zeigt sich das vornehmlich?

Besonders deutlich wird dies im Blick auf eine koordinierte Steuerpolitik, damit Internet-Riesen wie Amazon und Facebook ihre in Europa erzielten Gewinne angemessen versteuern. Leider gibt es diesbezüglich in der EU einige Länder, die man quasi als Steueroasen bezeichnen muss. Gestaltungsperspektiven über die EU-Ebene hinaus sind vornehmlich für einen Kurswechsel in Richtung Nachhaltigkeit notwendig. Ob der digitale Wandel die Nachhaltigkeit stärkt, ist kein Selbstläufer, sondern muss – idealer Weise durch internationale Vereinbarungen – gesteuert werden. Die nationale Ebene ist vorrangig im Blick auf den Datenschutz herausgefordert. Die Ambivalenzen erleben wir gerade angesichts der Corona-Krise. Ein guter Datenschutz wie in Deutschland ist einerseits sinnvoll, lässt aber andererseits ein in Ostasien – auch in demokratischen Ländern – wirksames Instrument wie die digitale Nachverfolgung von Infektionen fast wirkungslos werden. Wie hier eine Ausbalancierung der Anforderungen zu gestalten ist, bleibt eine offene Frage. Insofern sind durchaus alle Ebenen herausgefordert, zentral sind jedoch eindeutig die Gestaltungsmöglichkeiten der EU.

Traugott Jähnichen und Joachim Wiemeyer, Wirtschaftsethik 4.0. Der digitale Wandel als wirtschafts ethische Herausforderung. Band 15 der Reihe „Ethik – Grundlagen und Handlungsfelder“, Kohlhammer, Stuttgart 2020, 266 Seiten, 32 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 2/2021.

Religion als kulturelle Ressource

In „Heimat Europa“ erkunden unterschiedlichste Autoren das geistige Fundament, auf dem sich das europäische Menschenbild begründet

Von Tilman Asmus Fischer

In den seit 2015 vermehrt geführten Debatten um Erbe und Zukunft Europas wird immer wieder der Topos des „christlichen Abendlands“ bedient – entweder als unverzichtbarer und bedrohter Kern europäischer Identität oder als moralisches Argument zur Untermauerung politischer Humanitätsforderungen. In jedem Fall scheint man bei der Frage nach Europa nicht um diejenige nach dem Christentum und seinem Beitrag zum geistigen Fundament Europas herumzukommen. Es ist ebendieser Diskurs, der sich in dem bereits 2019 erschienenen Sammelband „Heimat Europa?“ spiegelt, den Martin W. Ramb, Abteilungsleiter Religionspädagogik, Medien und Kultur im Bischöfliches Ordinariat Limburg, gemeinsam mit Holger Zaborowski, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, herausgegeben hat.

Zu den Beiträgerinnen und Beiträgern gehören neben einer Reihe von Theologen aus Deutschland und dem europäischen Ausland – unter anderem Stephan van Erp, Professor an der Universität Leuven, Jean-Claude Hollerich SJ, Erzbischof des Erzbistums Luxemburg, und Gianfranco Kardinal Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rats für Kultur – Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Disziplinen und Bereichen des öffentlichen Lebens: neben der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff und der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig etwa auch die langjährige Gewerkschaftsfunktionärin und Sozialpolitikerin Ursula Engelen-Kefer sowie der Unternehmensberater Prinz Asfa-Wossen Asserate.

Gemeinsam ist den meisten Autorinnen und Autoren, dass sie Europa als Heimat nicht im Sinne einer kulturell homogenen Einheit denken, jedoch auf einen Grundbestand verbindender Denktraditionen verweisen, die vornehmlich ein spezifisches Menschenbild prägt. Freilich: Einzelne der Autoren verwehren sich gegen die Idee eines spezifischen identitätsstiftenden moralisch-weltanschaulichen Fundaments Europas; hierfür scheint vornehmlich die Sorge vor einer identitätspolitischen Hybris Europas ausschlaggebend zu sein.

Der Beitrag des jüdisch-christlichen Erbes zur kulturellen und philosophischen Identität Europas wird in den vielfältigen Beiträgen hinlänglich deutlich. So hebt der Religionswissenschaftler Jens Zimmermann die Einsicht des katholischen Philosophen Robert Spaemann hervor, „dass ohne den persönlichen Gott des Judentums und den zur Trinität hinführenden christlichen Inkarnationsgedanken das uns vertraute Bild der von Freiheit, Würde und Sozialität gekennzeichneten Person wohl nicht zustande gekommen wäre“.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Apell von Martin Ramb besonders eindringlich, zur Überwindung der gegenwärtigen Krise Europas müsse Europa lernen, „seine Religionsphobie zu überwinden und dabei seine Laizität weiterzuentwickeln und Religion als kulturelle Ressource für ein lebendiges Zusammenleben seiner Bürger zu begreifen“. Dieses Plädoyer dürfte in den vergangenen Monaten zusätzliches Gewicht erhalten haben: Denn in der gegenwärtigen existenziellen Pandemiekrise zeigt sich zunehmend, dass eine funktionierende Bürokratie alleine den Zusammenhalt Europas nicht zu garantieren vermag, sondern es vielmehr einer tiefergehenden Begründung bedarf, um die Gemeinschaft mit Leben zu füllen.

Martin W. Ramb und Holger Zaborowski (Hrsg.), Heimat Europa?, Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 431 Seiten, 22 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 1/2021.

„Unsere Tür ist offen für alle“

Der Buchladen St. Nikolai ist eine Institution der Theologie in Berlin. Durch die Folgen der Corona-Pandemie ist er jedoch in der Existenz bedroht. Gründer Marc-Roderich Pfau spricht im Interview mit Tilman A. Fischer über die Geschichte und Zukunft seiner Buchhandlung

Herr Pfau, 1997 haben Sie den Buchladen St. Nikolai im Nikolaiviertel gegründet. Was war damals ihre Motivation?

In den Jahren davor habe ich, ach… Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Bei meiner Landeskirche, der heuteigen Nordkirche, gab es nach dem Examen eine zweijährige Wartezeit auf einen Vikariatsplatz. Ich entschied, die besondere Gelegenheit zu nutzen, die sich in Berlin nach dem Zusammenschluss mehrerer theologischer Fakultäten ergeben hatte, und eröffnete in der Nähe des neuen Theologicums eine christliche Buchhandlung. Dabei konnte ich meine Liebe zu Büchern mit einer Tätigkeit verbinden, bei der theologische Bildung ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist.

Ihr Geschäft liegt in Sichtweite zweier gegensätzlicher Gebäude: des DDR-Prestigebaus Fernsehturm sowie der St. Marienkirche. Was bedeutet es für die Bundeshauptstadt, dass es an diesem spannungsreichen Ort eine theologische Buchhandlung gibt?

Eine christliche Buchhandlung dürfte für jeden Ort dieser Welt eine wichtige Einrichtung sein. Sogar in der DDR galten christliche Buchhandlungen als Orte, an denen man Bücher finden konnte, die sonst im Angebot fehlten, und wurden auch von Atheisten gern besucht. Unsere Tür ist offen für alle, obwohl unser Angebot natürlich primär auf Christenmenschen zugeschnitten ist. Der andere Schwerpunkt unserer Buchhandlung liegt bei Berlin-Literatur. Wir besorgen aber natürlich mit Freude auch alle anderen Bücher.

Die Buchhandlung ist aktuell in ihrer Existenz bedroht. Wie ist es hierzu gekommen?

Die Auswirkungen der Corona-Krise blieben leider nicht auf die Monate März und April beschränkt, obwohl es uns bald wieder erlaubt war zu öffnen. Während des ersten Lockdowns haben uns viele Kunden vor allem durch Online-Bestellungen über unsere Homepage nikolaibuch.de am Leben erhalten – wofür ich an dieser Stelle nochmals allen Kunden herzlich danken möchte! Aber zwei unserer Standbeine sind seitdem weggebrochen. Zum einen verzichtet die Universität weitgehend auf Präsenzveranstaltungen, weshalb Studierende nicht mehr automatisch in die Nähe unserer Buchhandlung kommen. Zum anderen meiden Berliner und Touristen seit dem Beginn der Pandemie das Zentrum.

Stellt das Advents- und Weihnachtsgeschäft für Sie unter den aktuellen Bedingungen noch eine Hoffnung dar?

Das Weihnachtsgeschäft ist für den Buchhandel überlebenswichtig, da etwa ein Drittel des Jahresumsatzes rund um Weihnachten erzielt wird. Wenn es in diesem Jahr ausbleiben würde, wäre das katastrophal. Aber noch habe ich Hoffnung!

Ist die Schließung Ende des Jahres unabweisbar? Bzw. was müsste geschehen, um den Fortbestand des Buchladens St. Nikolai zu sichern?

Wenn die Corona-Krise Anfang 2021 überstanden wäre, gäbe es keinen Grund, an Schließung zu denken. Alles hängt entscheidend davon ab, ob Kunden auch während des zweiten Lockdowns den Weg zu uns finden oder ihre Bücherwünsche online über unser Geschäft abwickeln, indem sie sich die Bücher von uns zuschicken lassen. 

Zuletzt: Was sagt uns das Schicksal Ihres Geschäftes über die Lage des Bucheinzelhandels an sich? Und welche ethischen Anfragen an die aktuelle Konsummentalität verbinden sich hiermit?

Tatsächlich ist die Lage im Buchhandel sehr unterschiedlich. Kleine Kietzbuchhandlungen erfahren momentan viel Zuspruch, da viele Menschen in der Urlaubszeit zuhause geblieben sind und mehr Zeit zum Lesen haben. Auch Kinderbücher sind stark nachgefragt. Durch unsere Spezialisierung und Lage ist die Situation bei uns allerdings eine völlig andere.

Online-Buchhandel verstehe ich als eine echte Chance für uns, denn er bietet eine Alternative für alle, die ethische Bedenken umtreiben. Denn das Geschäftsmodell des bekannten Online-Riesen beruht auf prekärer Beschäftigung – im Lager und in der Zustellung – und in der konsequenten „Steuervermeidung“. Viele mögen diesen Moloch mit ihren Bestellungen deshalb nicht weiter mästen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn man kann – ohne zusätzliche Kosten – mit online-Einkäufen sogar den stationären Handel und die Attraktivität der Innenstadt stärken! Das ist wichtig zu wissen, gerade wenn man jetzt coronabedingt den Weg in das Stadtzentrum meiden will. Probieren Sie es aus!

Buchladen St. Nikolai
Rathausstraße 17-19, 10178 Berlin
www.nikolaibuch.de

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 46/2020.

Vielfältige Präsenz des Religiösen

Während die Pandemie das physische Reisen derzeit stark einschränkt, bietet es sich an, im Kopf zu fernen Zielen aufzubrechen. Ein Reiseführer des evangelischen Theologen Johann Hinrich Claussen nimmt den Leser mit zu den seltsamsten Orten der Religionen

Von Tilman Asmus Fischer

„Die beste, bildungsreichste und zugleich umweltschonendste Art des Reisens ist immer noch das Lesen.“ Und in Zeiten einer Pandemie wie der gegenwärtigen – so möchte man Johann Hinrich Claussen zustimmend ergänzen – auch die sicherste, zumindest abhängig vom potenziellen Reiseziel. Das neueste Buch des Theologen und Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland richtet sich an – im ursprünglichen oder literarischen Sinne – reisefreudige Leser, die „religiös musikalisch“ gestimmt mit offenen Augen durch die Welt gehen. Entgegen der immer wieder vorgetragenen Säkularisierungsthese spürt dieses ganz eigene Reisebuch der vielfältigen Präsenz des Religiösen und dessen lebensweltlicher Bedeutung auf allen Kontinenten nach. Indem es auf diese Weise die Religion als eine „Angelegenheit des Menschen“ (Johann Joachim Spalding) ausweist, steht es in der besten kulturhermeneutischen Tradition liberaler Theologie.

Hierzu nimmt Claussen seine Leser mit auf eine Reise zu 42 Orten, welche er als „Die seltsamsten Orte der Religionen“ markiert. Wer hinter diesem Titel ein obskures Raritätenkabinett vermutet, täuscht sich. Claussen spielt zwar mit der Idee des „Exotischen“, bedient jedoch keinerlei Exotismus. Vielmehr geht es ihm darum, anhand von Orten, die vom Verständnis „normaler“ Religiosität einer deutschen Leserschaft abweichen, sowohl auf die Breite möglicher Formen von Religion hinzuweisen als auch eben das eigene Verständnis von „Normalität“ zu hinterfragen.

Daher fasst er zuallermeist in den 20 Kapiteln je zwei oder drei dieser Orte unter thematischen Gesichtspunkten zusammen und bezieht dabei fast durchgehend je auch ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum ein, welches von der scheinbaren „Normalität“ abweicht. So beschreibt er etwa in dem Kapitel über „Verstecke des Überlebens“ neben dem portugiesischen Ort Belmonte, in dem heute die letzten Nachfahren der geflohenen iberischen Juden leben, auch den Schweizer Mont Soleil. Auf diesem hatte der katholische Bischof von Basel an der Wende zum 18. Jahrhundert ursprünglich von Berner Reformierten verfolgten Täufern Asyl gewährt – freilich unter Auflagen: „Die Täufer durften nur auf einer Höhe ab 1 000 Metern wohnen.“

Das Spektrum, welches Claussen unter dem Stichwort „religiöser Orte“ eröffnet ist breit und anregend: Neben Kirchen und anderen Gotteshäusern kommen Gedenkorte für Terroranschläge (in Nizza und Berlin), religiös gedeutete Naturgegebenheiten (wie der Druiden-Baum von Herchies, Belgien) und Landschaften (etwa der Tempel des unendlichen Grüns im japanischen Kokedera) ebenso zur Geltung wie „religiöse Städte“ (etwa das Himmlische Jerusalem in Nkamba, Kongo) und virtuelle Orte wie Onlineplattformen der Post-Evangelicals in den USA.

Die Offenheit, mit welcher der Verfasser den unterschiedlichen Gestalten religiöser Kultur begegnet, ermöglicht ihm unter anderem, zu einer neuen Wertschätzung eines Phänomens zu gelangen, das hierzulande bereits seit langer Zeit lediglich belächelt wird: der Volksfrömmigkeit. Ein faszinierendes Beispiel hierfür ist der litauische Wallfahrtsort Kryžiu kalnas (Berg der Kreuze): „an die hunderttausend Kreuze“, so Claussen, „aus Metall, Holz oder Stein, einige roh zusammengeschweißt oder -genagelt, andere recht kunstvoll gestaltet, mit der Gestalt des Gekreuzigten und ohne, mit Inschriften in vielen Sprachen, die großen Kruzifixe über und über mit Rosenkränzen und kleineren Kreuzketten behängt. Ein Weg und dann eine Holztreppe führen mitten durch dieses katholische Symboldickicht zu einer Marienfigur oben.“ Seit dem 19. Jahrhundert gedenken die Litauer hier ihrer gefallenen Freiheitskämpfer – zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus.

Mit bestimmten Orten berührt Claussen Formen von Religiosität, die der Volksfrömmigkeit verwandt erscheinen, aber doch in einem hohen Maße von Individualität – vielleicht auch einem gewissen Eigensinn – geprägt sind. Das gilt etwa für die „Sakralbauten von Eigenbrötlern“. Hier erinnert der Verfasser etwa an Väterchen Timofej, der sich noch während des Zweiten Weltkriegs aus Russland aufmachte, um in München (auf dem Gelände des heutigen Olympiaparks) die Ost-West-Friedenskirche zu errichten, in der er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 täglich die orthodoxe Liturgie feierte und mit den Menschen, die zu ihm kamen, sprach – ohne je Theologie studiert zu haben oder von einer orthodoxen Kirche anerkannt worden zu sein.

„Die seltsamsten Orte der Religionen“ führt allerdings nicht nur den Reichtum der Weltreligionen vor Augen. Das Buch verweist auch auf zweierlei anderes: auf bedrohte wie auch auf fragwürdige Religiosität. In erster Hinsicht sind etwa die uigurischen Heiligenschreine von Xinjiang bedeutsam, die vom rotchinesischen Regime in seinem Kampf gegen die autochthonen Muslime angegriffen werden: „Aus scheinbarem Respekt vor den Uiguren erkennt sie [die Pekinger Zentralregierung; TAF] bedeutende Moscheen und Schreine als ,Stätten des kulturellen Erbes‘ an. Damit verwandelt sie diese lebendigen religiösen Orte in Museen und entzieht sie ihrer eigentlichen Nutzung.“ Als Beispiel für den zweiten Gesichtspunkt gilt eines der beliebtesten Ausflugsziele der Deutschen: die Bad Meinberger Externsteine. Detailliert zeichnet Claussen ihre Inszenierung als Kultstätte germanischer Religion nach, wie sie vor allem im Nationalsozialismus propagiert und noch heute von Rechtsextremisten gepflegt wird.

Im Falle einzelner Orte kann das Buch beim Leser freilich den Wunsch nach einer kritischeren Thematisierung theologischer Anfragen an deren religiösen Charakter hinterlassen. Dies gilt im Besonderen für den Tierfriedhof Hamburg-Jenfeld. Im Anschluss an die Betrachtung der dort gepflegte Trauerkultur wirft Claussen die Frage auf: „Wenn Menschen also um einen Hund oder eine Katze aufrichtig trauern, sollte man dann als Pastor den Abschied nicht aus seelsorgerlichen Gründen begleiten?“ Hier dürften sich allerdings durchaus weitergehende Fragen aufdrängen: Welche Konsequenzen hat eine – zumal religiös eingekleidete – „Vermenschlichung“ der tierischen Mitgeschöpfe für ein sachgemäßes und verantwortliches Verhältnis des Menschen zu sich selbst wie eben auch zum Tier? Und welche möglichen Interventionen ergeben sich hier aus der Perspektive des christlichen Begriffs von Mensch und Schöpfung?

Beschlossen wird das Buch von einem Ort, der dem Verfasser besonders wichtig gewesen zu sein scheint, widmet er ihm doch als einzigem ein Kapitel für sich. Immerhin kennzeichnet Claussen diesen Ort – mitten im Grenzdurchgangslager Friedland – auch als ein Unikum: „Mittendrin, ganz unauffällig, befindet sich die ,Evangelische Lagerkapelle‘, wie auf einem Schild in altertümlicher deutscher Schrift über dem schlichten Eingang zu lesen ist. Doch so bescheiden sie sich gibt, stellt sie dennoch etwas Einzigartiges dar. Denn kein anderes Aufnahmelager in Deutschland besitzt solch eine eigene Kirche.“ Es zeichnet Claussens „Reisebuch“ aus, dass es gerade auch zum Kennenlernen solcher auf den ersten Blick „unspektakulärer“ Orte einlädt – wie dieses nach dem Zweiten Weltkrieg für deutsche Ostvertriebene geschaffene Gotteshauses, dessen innere Gestalt von Werken der bedeutenden Erbauungskünstlerin Paula Jordan geprägt ist. Ein Besuch der werktags von acht bis 17 Uhr öffentlich zugänglichen Kapelle ließe sich gewiss auch mit einer Besichtigung des 2016 eröffneten Museums Friedland verbinden, welches die Geschichte des Aufnahmelagers dokumentiert.

Erschienen am 12. November 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Johann Hinrich Claussen, Die seltsamsten Orte der Religionen, München 2020.

Sprachstudium im Dreiländereck

Deutschland fördert die polnische Sprache am Kompetenz- und Koordinationszentrum Polnisch im sächsischen Ostritz

Von Tilman Asmus Fischer

Dreißig Jahre nach Überwindung der Spaltung Europas haben die Beziehungen Deutschlands zu seinen östlichen Nachbarstaaten eine bisher einmalige Qualität erreicht – trotz aller aktuellen politischen Spannungen. Dies gilt insbesondere für das Feld der Zivilgesellschaft und der grenzüberschreitenden Kulturvermittlung. Besonders spürbar ist dies im Länderdreieck zwischen Deutschland, Polen und Tschechien, deren gemeinsame Geschichte nicht frei von Belastungen ist. Vielfältig sind inzwischen die kommunalpolitischen, ökonomischen, sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen über die einst trennenden Grenzen in dieser europäischen Kulturlandschaft hinweg. Hierzu trägt auch die wechselseitige Präsenz der Sprachen der Nachbarländer in den drei Grenzregionen bei.

Ein Ort, an dem dies spürbar wird, ist das Internationale Begegnungszentrum (IBZ) Sankt Marienthal. Beheimatet ist es auf dem Gelände des Zisterzienserinnenklosters Sankt Marienthal im sächsischen Ostritz, das seinen Aufbau nach der Wende unterstützte. Seit fast 30 Jahren ist es ein wichtiger Träger für Umwelt- und Familienbildung im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländer-Eck. Und seit 2019 ist es nun Sitz eines neuen Akteurs der deutsch-polnischen Nachbarschaftsarbeit: des „Kompetenz- und Koordinationszentrums Polnisch“ (KoKoPol). Es wurde im Sommer offiziell eröffnet. Das vom Auswärtigen Amt sowie dem sächsischen Freistaat geförderte Institut verfolgt die Aufgabe, die Kenntnis der polnischen Sprache in Deutschland zu verbreiten.

Gründe für die Ansiedlung des KoKoPol am IBZ, erläutert IBZ-Vorstandsvorsitzender Michael Schlitt, „waren dessen Lage im Freistaat Sachsen unmittelbar an der deutsch-polnischen Grenze, die Beteiligung des IBZ an der Finanzierung und Vorfinanzierung von KoKoPol sowie die langjährige Erfahrung des IBZ im Bereich der deutsch-polnischen Zusammenarbeit“. Das IBZ verfüge zudem nicht nur über Erfahrungen im Aufbau von Organisationen, sondern ebenso über „die notwendigen deutsch-polnischen Netzwerke sowie über ein beträchtliches Know-How in der Durchführung von Veranstaltungen, Workshops, Tagungen und Kongressen“.

Mit seiner Zielsetzung steht das KoKoPol nicht allein da. Bereits seit langem unterstützt die öffentliche Hand in Deutschland die Förderung der polnischen Kultur und Sprache. Damit entspricht sie ihrer Verantwortung für die lange historische Tradition, welche die polnische Volksgruppe in Deutschland hat. Anders als die Deutschen in der Republik Polen, zu dessen Territorium die 1991 abgetretenen deutschen Ostgebiete (mit den dort heimatverbliebenen autochthonen Deutschen) gehören, stellen die deutschen Staatsbürger polnischer Abstammung in der Bundesrepublik jedoch keine anerkannte nationale Minderheit dar. Daher erfolgen öffentliche Maßnahmen zur Förderung ihres Kulturlebens und der polnischen Sprache seitens der Bundesrepublik aus freier Entscheidung und entsprechen – anders als die Förderung der deutschen Volksgruppe durch die Republik Polen – nicht gesetzlich verbrieften Minderheitenrechten.

Die Breite an Förderinitiativen für die polnische Sprache sollen in der ersten Arbeitsphase des KoKoPol nun zunächst einmal von diesem erfasst und der Öffentlichkeit transparent publik gemacht werden. Zudem vernetzt und unterstützt das KoKoPol eben diese Aktivitäten sowie Einrichtungen und berät öffentliche wie privatwirtschaftliche Einrichtungen bei deren Bedarfen an polnischer Sprachkompetenz. Gemeinsam mit anderen Partnern ausgerichtete Fachtagungen sollen späterhin der Reflexion und dem Erfahrungsaustausch im Bereich der Sprachvermittlung dienen.

Neben der Kooperation mit anderen Trägern hat KoKoPol bereits ein eigenes Angebot an Sprachkursen entwickelt, die sich an Manager, aber gerade auch an staatliche Bedienstete aus Diplomatie, Regierungsverwaltung, Polizei und Schule richten. In der Lehrerschaft wendet sich das Angebot gerade an solche Lehrer, deren Klassen einen hohen Anteil an Schülern mit polnischer Herkunftssprache aufweisen. Diesen bietet das KoKoPol eine einwöchige Fortbildung, die durch Erwerb polnischer Grundkenntnisse ihre interkulturelle Kompetenz steigern soll. Neben Lehrern wird aber auch auf Schüler aus deutsch-polnischen Elternhäusern als Multiplikatoren gesetzt, die sich zu „Sprachanimateuren“ ausbilden lassen können, um als solche „mittels einfacher spielerischer Methoden in gemischten Klassen die Distanz zu Polnisch als einer unbekannten Nachbarsprache abzubauen“, so die Angebotsbeschreibung. Wie ambitioniert das angestrebte Spektrum eigener Tätigkeiten ist, zeigt ein Blick in die selbstgesetzten Maßnahmenbereiche des KoKoPol. Diese reichen von der Präsentation von Ausstellungen über „Polnisch als Herkunftssprache für polnischstämmige Schüler“ bis hin zu „Polnisch für zivilgesellschaftlich Aktive in Politik, Städte- und Kirchenpartnerschaften, Deutsch-Polnischen Gesellschaften u.a.“.

„Das IBZ verfügt über langjährige Kooperationen mit kirchlichen Trägern wie etwa dem Caritasverband des Bistums Dresden-Meißen“, erläutert Schlitt. Die Angebote von KoKoPol richteten sich zwar nicht an einzelne Bürgerinnen und Bürger. Jedoch gebe es Angebote, „die sich speziell an die zahlreichen deutsch-polnischen Partnerschaften von Kirchengemeinden richten“: „Die Förderung dieser Partnerschaften wie die der Städtepartnerschaften durch die Vermittlung der polnischen Sprache ist ein wichtiges Anliegen von KoKoPol. Dazu wird es bereits im nächsten Jahr die ersten konkreten Angebote geben.“

Einen ersten Eindruck von den bisher entfalteten Aktivitäten des KoKoPol sowie seinen Kooperationspartnern bietet die erste Ausgabe des hauseigenen – natürlich bilingualen – Magazins „Polonus. Zeitschrift für die polnische Sprache“, das von dem emeritierten Linguistik-Professor Aleksander-Marek Sadowski betreut wird und auf der Internetseite des Zentrums zum Download zur Verfügung steht.

Erschienen am 12. November 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Verwandelnde Kraft des gemeinsamen Erinnerns

Anlässlich des Erscheinens des Sammelbandes „Geteilte Erinnerung – versöhnte Geschichte?“ spricht Annette Kurschus im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die Aufarbeitung der deutsch-polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende ist Beauftragte des Rates der EKD für die deutsch-polnischen Beziehungen.

Präses Kurschus, welche Impulse konnten im Rahmen des offiziellen Gedenkens zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen 2019 gesetzt werden, wie es das Buch „Geteilte Erinnerung – versöhnte Geschichte?“ exemplarisch dokumentiert?

Den 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen haben wir, die Evangelische Kirche in Deutschland gemeinsam mit unseren Partnern im Polnischen Ökumenischen Rat, zum Anlass genommen, in Warschau einen ökumenischen Gedenk- und Friedensgottesdienst zu feiern. In ihrer jeweiligen polnischen oder deutschen Muttersprache kamen darin Menschen zu Wort, die das Leid hautnah erlebt haben und trotzdem – oder gerade deshalb – über Jahrzehnte hinweg behutsame Schritte aufeinander zu gegangen sind. Welche verwandelnde Kraft das gemeinsame Erinnern in sich birgt und wie es uns ermutigt, den Weg der Versöhnung konsequent weiterzugehen, wurde an diesem Tag spürbar.

Präses Dr. h. c. Annette Kurschus (Foto: EKvW / Jörg Dieckmann)

Welche Akzente wiederum setzt der von Ihnen mitverantwortete Sammelband für die kritische Auseinandersetzung mit den Jahren von Nationalsozialismus und Krieg, die vor 75 Jahren endeten?

Unser Band versammelt teils unveröffentlichte Forschungsbeiträge, die aus der Arbeit der sog. Gemeinsamen Kirchengeschichtskommission des Rates der EKD und des Polnischen Ökumenischen Rates hervorgegangen sind. Die Kommission hat ihre Arbeit im Wendejahr 1989 aufgenommen und in vielfacher Hinsicht Neuland betreten. Zum ersten Mal überhaupt haben sich deutsche und polnische Forscher gemeinsam einem Zeitabschnitt zugewandt, der auf beiden Seiten mit traumatischen Erinnerungen verbunden ist. Auf deutscher Seite haben sie uns mehr und mehr zu verstehen gegeben, wie tief unselige Ideologien und nationalsozialistische Propaganda auch unsere kirchliche Haltung gegenüber unseren polnischen Nachbarn geprägt haben – übrigens bis weit über 1945 hinaus. Insofern dokumentiert unser Sammelband, wie wichtig die historische Aufarbeitung dieser unheilvollen Verästelungen für den Verständigungs- und Versöhnungsprozess zwischen Polen und Deutschen bis heute ist. Unsere Erinnerungskultur braucht die historische Expertise, nicht nur um das Vergangene zu verstehen, sondern auch unsere gegenwärtige Verantwortung zu begreifen.

1945 bedeutete zugleich insofern eine historische Zäsur, als eine nicht gewaltlose Nachkriegszeit und letztlich Jahrzehnte der Blockkonfrontation folgten. Welche Aspekte dieser spannungsreichen Phase werden von den Autoren beleuchtet?

Die Beiträge zur Entwicklung in den Nachkriegsjahren arbeiten die verheerenden Folgen des Nationalsozialismus, die Konsequenzen der territorial-politischen Verän­derungen und die Auswirkungen der kommunistischen Regime auf die Kirchen in Polen und in Deutschland auf. Sie decken Versuche ihrer Instrumentalisierung auf, aber auch die zarten Neuanfänge der Annäherung. Exemplarisch verweise ich auf die Arbeit meines Mitherausgebers Dr. Bernd Krebs, der sich um die Erforschung der deutsch-polnischen Beziehungen in besonderer Weise verdient gemacht hat, und die seines polnischen Kollegen Jarosław Kłaczkow. Es ist ein Erfolg der Gemeinsamen Kirchengeschichtskommission, dass zur Erforschung dieser wichtigen Phase neben deutschen Quellen erstmals auch Quellen aus kirchlichen Archiven in Polen genutzt wurden. Nur so konnte ein differenziertes Bild entstehen.

Wie ist vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen das historische Versöhnungswerk evangelischer Christen diesseits und jenseits von Oder und Neiße zu bewerten?

Tatsächlich wird man sagen dürfen, dass der Verständigungs- und Versöhnungsprozess zwischen Deutschland und Polen, der ja ein Meilenstein zur Überwindung der Teilung Europas war, wesentlich von den Kirchen in Deutschland und Polen mitgestaltet und befördert wurde. Er begann leise und unscheinbar durch Einzelkontakte, Gemeindebesuche und erste Partnerschaften. Historische Bedeutung erlangte daraufhin die sog. „Ostdenkschrift“ der EKD aus dem Jahr 1965, die in grundsätzlicher Weise die Frage nach dem Verhältnis zu den polnischen Nachbarn gestellt hat und damit der Annäherung auf politischer Ebene den Boden bereitete. Aber, und das betone ich ausdrücklich, es waren nicht nur evangelische Christen an diesem Prozess maßgeblich beteiligt. Ich erinnere an einen Brief desselben Jahres, worin katholische polnische Bischöfe an ihre deutschen Amtskollegen schrieben: „Wir vergeben und wir bitten um Vergebung“. Auch das war ein Meilenstein.

Welchen Beitrag können die protestantischen Kirchen in Deutschland und Polen zum grenzübergreifenden Miteinander heute erbringen, da die Beziehungen zwischen dem westlichen und östlichen Europa auf neuartige Weise angespannt sind?

Gerade in der gegenwärtigen Situation, in der die Vorbehalte zwischen europäischen Partnern und Nachbarn wieder größer zu werden drohen, in der rechtspopulistische Kräfte Sand ins Getriebe des Versöhnungsprozesses streuen und Öl ins Feuer alter Ressentiments gießen, kommt den starken Beziehungen zwischen unseren Kirchen eine wichtige Bedeutung zu. Ich denke an die vielen Gemeindepartnerschaften, die den Dialog fördern und aufrecht erhalten. Und ich denke an die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Polnischen Ökumenischen Rat und ihre jahrzehntelange gute Tradition. Gemeinsam mit unseren polnischen Partnern beobachten wir die Entwicklungen in Europa mit Sorge. Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie rückwärtsgewandte Geister den Versöhnungs- und Friedensprozess in Europa umkehren.

Bernd Krebs/Annette Kurschus/Dirk Stelter (Hrsg.), Geteilte Erinnerung – versöhnte Geschichte? Deutsche und polnische Protestanten im Spannungsfeld der Ideologien des 20. Jahrhunderts, Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2020, 258 Seiten, 29 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 45/2020.

Von einem, der standhielt

Die Erinnerungen des Joachim Kardinal Meisner

Er gehörte zu den polarisierendsten und kontroversesten Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus im 20. Jahrhundert: der Erfurter Weihbischof, Berliner Bischof und Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner (1933-2017). Die Schlachten um seine theologischen und kirchenpolitischen Positionen sind geschlagen, die Fronten waren früh – und sind teils über seinen Tod hinaus bis heute – verhärtet. Und so ist auch von den unlängst posthum erschienenen Lebenserinnerungen nicht zu erwarten, dass sie in die alten Debatten von Ökumene über Sexualethik bis Sakralkunst neue Dynamik bringen.

Jedoch vermögen sie womöglich – den Anhängern wie Kritikern des konservativen Frontmanns in der Deutschen Bischofskonferenz – zu erhellen, in welchem Maße Faktoren der Zeitgeschichte das theologische Profil und die Frömmigkeit eines markanten Kirchenführers der vergangenen Jahrzehnte prägten. Dies waren vor allem zum einen Flucht und Vertreibung, die für den gebürtigen Breslauer den Verlust seiner schlesischen Heimat bedeuteten, zum anderen die kommunistische Gewaltherrschaft in der SBZ/„DDR“, die Meisner als heranwachsender Katholik, Theologiestudent, Priester und Bischof in ihren unterschiedlichsten Facetten kennenlernte.

Rückblickend gelangt der Verfasser selbst zu einer klaren Interpretation der Bedeutung der Jahre bis 1989 für sein Wirkens im westlichen bzw. wiedervereinigten Deutschland: „Im Grunde waren diese Erfahrungen auch ein gutes Noviziat für später. Es hat uns immun gemacht gegen die Versuchungen der sogenannten freien Welt, die nicht aufgibt, einen Bischof zu sich hinüberzuziehen. Doch wenn er diesen Versuchungen erliegt, um es leichter zu haben, hat er nichts mehr in der Hand, weil er alles weggegeben hat. So wie Hans im Glück bleibt ihm dann nur noch ein Stein. Wer sich anpasst, kann gleich einpacken.“ Unbenommen der Frage, welche Berechtigung dem für diese Deutung konstitutiven Verfallsnarrativ mit Blick auf die ‚freie Welt‘ – also den Westen – zukommt: Die hieraus sprechende Prägekraft biografischer Erfahrungen für das theologische Profil Meisners findet nicht zuletzt darin Bestätigung, dass die Herausgeber der Erinnerungen (Meisners Testamentsvollstrecker Msgr. Markus Bosbach und die Journalistin Gudrun Schmidt, die Meisners Erinnerungen aufzeichnete und edierte) den Schlusssatz als Buchtitel ausgewählt haben.

Drei Grundlinien lassen sich für diese spezifische Prägung Meisners ausmachen: Zum einen betont Meisner eine spezifisch schlesische Frömmigkeit, die vor allem vor dem Hintergrund des protestantischen bzw. säkularen Umfeldes in Mitteldeutschland ab 1945 Strahlkraft gewinnt. Zum anderen arbeitet er die ideologischen und praktisch-politischen Konfrontationen zwischen Kirche und SED-Regime heraus. Zuletzt gewährt der frühere Berliner Bischof, der als solcher Grenzgänger zwischen Ost(-Berlin) und West(-Berlin) war, Einblick in die sich zumeist im Untergrund vollziehende Unterstützung der katholischen Kirche in den anderen Warschauer-Pakt-Staaten.

Im Zusammenhang mit dem eigenen Lebenslauf gibt Meisner immer wieder wichtige Hinweise zur Prosopographie des Klerus im ostzonalen Katholizismus. Neben Erinnerungen an einzelne Persönlichkeiten gilt dies im Besonderen für die sich aus der Gesamtschau ergebende Bedeutung ostdeutscher (und darunter vor allem schlesischer) Geistlicher für die katholische Kirche in der SBZ/„DDR“. Angesichts der Akribie, mit der Meisner ansonsten die entsprechenden Traditionslinien hervorhebt, erstaunt ein Bericht aus seiner Berliner Amtszeit (1980-1989): Nach dem behördlichen Verbot für katholische Jugendliche aus der „DDR“, wie zuvor mit polnischen Altersgenossen nach Tschenstochau zu wallfahrten, habe man sich entschieden „eine Wallfahrt von Berlin nach Rügen“ einzuführen, wo es freilich „nur eine kleine Kirche als Heiligtum gab“. Weder findet sich hier ein Hinweis darauf, dass der Bau der erwähnten Kapelle „Maria Meeresstern“ vor dem Ersten Weltkrieg von dem schlesischen Priester und späteren letzten deutschen Bischof des Ermlands Maximilian Kaller betrieben worden war; noch wird erwähnt, dass ebendiese Kapelle bereits auf eine kurze Wallfahrtstradition zurückblicken konnte, die 1951 von heimatvertriebenen Katholiken in der Diaspora begründet worden war. Sollte beides dem kundigen Katholiken und Schlesier Meisner unbekannt gewesen sein?

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 5/2020.

Joachim Kardinal Meisner, Wer sich anpasst, kann gleich einpacken. Lebenserinnerungen, Freiburg i. Br. 2020.

Reise durch die Vielfalt des Christentums

Hans Möhler präsentiert architektonisch ungewöhnliche Sakralbauten

Von Tilman Asmus Fischer

„Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen“, weiß der Beter von Psalm 139. Aus diesen Worten spricht das gläubige Bewusstsein für die räumliche wie metaphorische Grenzenlosigkeit der Gnade und Zuwendung Gottes zu Menschen. Dieses Gefühl wiederum drängt zur Dankbarkeit – bereits den Psalmbeter: „Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.“

Doch auch über die gesamte Geschichte der Kirche hinweg haben Christen in aller Welt ihr Gottvertrauen sowie ihre Dankbarkeit gegenüber ihrem Schöpfer und Erlöser in Form von Kirchbauten Gestalt annehmen lassen. Und so reicht nicht nur Gottes Hand bis an das „Ende des Meeres“, sondern finden sich auch dort Gotteshäuser, die zu Stille, Gebet und Verehrung einladen: zum Beispiel eine bulgarisch-orthodoxe Kapelle in der Antarktis. Die St. Ivan-Rilski-Kapelle ist eine von acht Kirchen in der Antarktis, die zumeist auf dort tätige Polarforscher zurückgehen. Ihr Patron Ivan Rilski gilt als Schutzpatron der Bulgaren und gründete im zehnten Jahrhundert das bedeutende Kloster Rila. Während dieses größte Kloster Bulgariens seit 1983 zum UNESCO-Welterbe zählt, dürfte der antarktische Wellblechbau mit Kreuz, Altar, Ikonen und Glocke nur den wenigsten Menschen bekannt sein.

Er findet sich jedoch in dem von Hans Möhler herausgegebenen Bildband „Gottes besondere Häuser“, der sich der „ungewöhnlichsten Kirchen der Welt“ annimmt. Der Herausgeber weiß um die kulturelle Prägekraft von Kirchen als sichtbaren Ausdrucks der christlichen Tradition: „Rom ist die Stadt der tausend Kirchen, sagt man. Die kleine mazedonische Stadt Ohrid kann allein 365 Kirchen aufweisen. Weltberühmte Kathedralen ziehen jährlich hunderttausende Besucher aus nah und fern an, und wenn Notre-Dame de Paris brennt, geht eine Welle des Erschreckens um die Welt.“

Ohne die Bedeutung solcher Denkmäler des Glaubens mindern zu wollen verfolgt Möhlers Buch den Ansatz, den Blick auf die architektonische Präsenz des Christentums zu weiten – gewissermaßen vom Zentrum zur Peripherie: „Wer auf Reisen ein wenig die Augen offenhält“, so Möhler, „findet Kirchen und Kirchlein, die kaum jemand kennt – am Straßenrand im Libanon, in den entlegensten Wüstenbergen Äthiopiens oder in der Abgeschiedenheit der Kapverdischen Inseln. Sie sind ungewöhnlich klein oder alt, präsentieren sich in ungewohntem architektonischem Gewand, stehen an besonderen Orten oder tragen eine außergewöhnliche Geschichte in ihren Mauern.“

Und sie zeugen von der Vielfalt der Christentumsgeschichte. So ist einerseits die 1609 im indischen Panjim errichtete römisch-katholische Kirche „Unsere Liebe Frau von der unbefleckten Empfängnis“ ein Relikt des mit dem europäischen Kolonialismus einhergehenden Kulturtransfers. Andererseits kommen eigenständige nicht-europäische Christentümer zur Geltung, wie etwa die in Japan unter Abspaltung vom Methodismus entstandene Mukyokai-Bewegung, die ein am Urchristentum orientiertes Leben jenseits überkommener kirchlicher Strukturen anstrebt. Ihrem Gründer Uchimuru Kanzo ist eine – von offiziellen Denominationen unabhängige – Kirche in Karuizawa gewidmet.

Das im heutigen Irak gelegene Kloster Mor Mattai von Bartella gehört zum historischen Erbe der orientalischen Christen – und erinnert zugleich an das Schicksal dieser heutigen Diaspora: Gegründet wurde es 363 von dem syrisch-christlichen Eremiten Matthias; zuletzt entging es knapp der Zerstörung durch den „Islamischen Staat“. Andere Kirchen sind bezeichnende Dokumente des neuzeitlichen Christentums. Zu ihnen zählt die Kathedrale Nuesta Senora del Carmen, die 1968 im venezolanischen Barquismeto errichtet wurde. Ihrer futuristisch anmutenden Gestalt kann man die Aufbruchsstimmung abspüren, die mit dem Ölboom und der Einführung der Demokratie einhergingen. Den Schwerpunkt freilich legt Möhlers Buches – gewollt oder ungewollt – auf Europa. Inwiefern es damit der – jenseits konfessioneller Grenzen zu verstehenden – Katholizität des Christentums entspricht, bleibt fraglich. Es bietet dennoch spannende Anregungen für Reisen oder schlicht die Beschäftigung mit der globalen Vielfalt des Christentums. Den Anspruch, die porträtierten Kirchen „kunsthistorisch und architektonisch überbordend“ zu beschreiben, verfolgt es nicht. Vielmehr geht es Möhler darum, sie „kurzweilig mit ihren Besonderheiten“ vorzustellen. Dies tut er freilich ausgesprochen knapp. Wenn der Autor in seinem Vorwort hervorhebt, die Kirchen erzählten „uns Geschichten aus ihrer Entstehungszeit genauso wie aus dem gegenwärtigen Leben ihrer Gemeinde“, wäre es eigentlich wünschenswert, wenn er die Leser an diesen umfangreicher teilhaben ließe, als er dies tut.

Dass die Kürze der gebotenen Informationen durch einen sonderlichen ästhetisch-künstlerischen Anspruch ausgeglichen würde, kann nicht unbedingt gesagt werden. Gewiss sind die Motive, die Möhler versammelt, durchaus hübsch. Grafisch spannende Perspektiven auf die Gebäude sind eher in der Minderheit. Ein Grund hierfür mag sein, das die verwendeten Bilder fast ausschließlich aus der freien Medien-Plattform „Wikimedia Commons“ und von unterschiedlichsten Urhebern stammen und nicht von einem kleineren Kreis ausgewählter Fotografen, die in der ihnen eigenen ästhetischen Sprache die Kirchbauten porträtierten. Diese kritischen Anmerkungen tun dem inspirierenden Ansatz von „Gottes besondere Häuser“ freilich keinen Abbruch.

Hans Möhler: Gottes besondere Häuser. Eine Reise zu den ungewöhnlichsten Kirchen der Welt. Luther-Verlag, Bielefeld 2020, 152 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-7858-0766-8, EUR 20,–

Erschienen am 29. Oktober 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).