Zachäus ansprechen!

Andacht zu Lk 19,1-10

In den Evangelien steht dem Leser eine große Zahl ganz unterschiedlicher Personen gegenüber: Fischer, Soldaten, Obdachlose – Männer, Frauen, Kinder – Fromme, Eiferer und Zweifler. Ihre Geschichten erzählen von Begegnungen mit dem Sohn Gottes. Sie nehmen uns mit hinein in den Glauben an Jesus Christus, mit hinein in die Nachfolge. Und sie geben uns Beispiele, von denen wir heute lernen können. Dabei tut dies nicht jede Gestalt in gleicher Weise. Vielmehr sind uns aus dem jeweiligen Kontext heraus, in dem wir stehen, bestimmte biblische Personen besonders nahe – ist es der eine Mann oder die eine Frau der Heiligen Schrift, die uns Beispiel und Vorbild sind, uns mit ihrem Zeugnis bewegen. In humanitären Notlagen vielleicht der barmherzige Samariter, in großer Bedrängnis aus Glaubensgründen der Erzmärtyrer Stephanus.

Welche Gestalt kann uns als Christen in Mitteleuropa in besonderer Weise ansprechen? Wir befinden uns weder in einer humanitären Notlage, noch werden wir bedrängt, wie etwa unsere Geschwister im Machtbereich des sogenannten „Islamischen Staates“. Was hingegen prägt unsere Lebenszusammenhänge, aus denen heraus wir auf Gottes Wort hören? Sicher relativer Wohlstand; dann aber auch der zunehmende Verlust an Glaubensgewissheiten in unserer Gesellschaft; in einer Gesellschaft, die mehr und mehr ihren Zusammenhalt verliert. In welcher biblischen Figur können wir in dieser Situation einen Weggefährten und Zeitgenossen finden? – Hier denke ich an Zachäus, den Oberzöllner von Jericho, von dem der Evangelist Lukas im 19. Kapitel erzählt (V. 1-10):

1 Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. 2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. 3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. 4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. 5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. 6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. 7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. 8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. 9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Der Prager Theologe Tomáš Halík hat vor einigen Jahren in seinem Buch „Geduld mit Gott“ die „Geschichte von Zachäus heute“ erzählt. Er erinnerte sich an eine Andacht, die er Anfang der 1990er Jahre zum Christfest vor tschechischen Parlamentariern gehalten hatte. Er verglich aus diesem Anlass das Evangelium von Zachäus mit der Lage im eigenen Land:

James Tissot: Zacchaeus in the Sycamore Awaiting the Passage of Jesus
(Brooklyn Museum)

„Als nach langer Zeit die Jünger Christi nach dem Sturz des Kommunismus frei vor die Öffentlichkeit getreten waren, fanden sie überall eine große Zahl Applaudierender um sich versammelt, allerdings auch einige wenige feindlich Gesinnte immer noch mit drohend geballten Fäusten. Wahrgenommen wurde jedoch nicht der Umstand, dass die umher stehenden Bäume voll mit Zachäusgestalten besetzt waren, mit jenen also, die sich nicht unter die alten oder die ganz neuen Gläubigen mischen wollten oder konnten, ohne dabei gleichgültig oder feindselig zu sein. Sie waren auf der Suche und voller Neugier, zugleich wollten sie aber Abstand und ihre Sicht der Dinge bewahren; diese seltsam gemischte Gemütsverfassung bestehend aus Fragen und Erwartungen, Interesse und Schüchternheit, manchmal vielleicht auch aus Schuldgefühl und gewisser ‚Ungehörigkeit‘, ließ sie versteckt im Dickicht der Feigenblätter verharren.“ (Tomáš Halík, Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute, Freiburg i. Br. 72014, S. 21f.)

Ist die Situation im Jahr 2018 so viel anders als im Prag der 1990er Jahre? Sowohl in Tschechien als auch in Deutschland leben wir Christen in einer mehr und mehr säkularen Gesellschaft. Gewiss, immer noch erleben die Großkirchen „eine große Zahl Applaudierender um sich versammelt“ – ob vergangenes Jahr zum Reformationsjubiläum oder heuer beim Katholikentag in Münster. Und auch „feindlich Gesinnte immer noch mit drohend geballten Fäusten“ sind uns erhalten geblieben; man denke nur an radikale Gegendemonstranten, die aufmarschieren, wenn christliche Lebensschützer zu einer Kundgebung aufrufen. Und sind nicht noch heute „die umher stehenden Bäume voll mit Zachäusgestalten besetzt“? – Gewiss! Aber nehmen wir sie zu genüge wahr? Haben wir die Chance, die uns das Ende des Kommunismus in Europa eröffnet hat, die Chance, uns den Säkularen, den Zweiflern, den Suchenden ernsthaft zuzuwenden, wirklich genutzt? – Ich fürchte, nicht. Wir haben nicht oft genug in die Maulbeerbäume aufgeschaut – zu den stillen Menschen am Rande –, sondern sind mit Blicken und Sinnen bei den Massen auf der Straße geblieben – uns und unsere Glaubensgeschwister in unserem Glauben bestärkend, verhaftet in der Auseinandersetzung mit Radikallaizisten und Antiklerikalen.

Jesus begegnet dem Mann auf dem Maulbeerbaum in anderer Weise: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ – Er spricht Zachäus bei seinem Namen an. Und das heißt: Er kennt Zachäus, er weiß um seine „gemischte Gemütsverfassung bestehend aus Fragen und Erwartungen, Interesse und Schüchternheit, manchmal vielleicht auch aus Schuldgefühl und gewisser ‚Ungehörigkeit‘“. Derart Zachäus ansprechen, „kann nur jemand, der ‚seinen Namen kennt‘ – von dessen Geheimnis weiß“ (a.a.O., S. 25). Hierzu müssen wir eine gewisse Selbstgenügsamkeit überwinden, zu der wir Christen neigen und die Halík mit einer Anekdote beschreibt:

„Einmal sah ich an der Wand einer Station der Prager U-Bahn die Inschrift ‚Jesus ist die Antwort!‘, gekritzelt wohl von jemandem, der eben von einer evangelikalen Versammlung mit großem Enthusiasmus unterwegs nach Hause war. Ein anderer hatte zutreffend dazugeschrieben: ‚Aber wie war die Frage?‘“ (A.a.O., S. 25f.)

Wie war die Frage? – Dies müssen wir uns und unser säkulares Gegenüber immer wieder aufs Neue fragen. Gewiss ist es eine Gnade, wenn wir fest in unserem Glauben stehen, wenn wir Jesus Christus treu bekennen können. Aber der Weg zu Gott führt nicht einfach nur durch eine Konfrontation mit Zeugnissen unseres Glaubens – sondern vielmehr durch existenzielle menschliche Erfahrungen, Sorgen, Lebensfragen, aus denen sich erst Jesus als die Antwort erschließt. In der „Ökumenischen Erklärung katholischer und evangelischer Professoren und Hochschullehrer der Theologie zum bayerischen Kreuzerlass“ heißt es: „Wer auf das Kreuz blickt, sieht sich dabei gleichermaßen konfrontiert mit einem wesentlichen Werteanker unserer humanistischen Toleranzkultur wie mit Jesus Christus als dem Sohn Gottes.“ (https://www.kreuzerlass.de/) Das ist systematisch-theologisch sicher richtig. Jedoch: Was ist damit gewonnen für den christlichen Glauben in einer säkularen Gesellschaft?

Seit Wochen ringen Politik und Theologie bereits mit der Frage, wie öffentlich sichtbar das Kreuz sein darf. Gegenstand der Debatte ist also lediglich das Wie des öffentlichen Bekennens unserer Glaubensüberzeugung: „Jesus ist die Antwort!“ Wann aber haben wir mit ähnlicher Intensität mit der Frage gerungen, die uns erst dazu verhilft, mit Zachäus ins Gespräch zu kommen? – Wie war die Frage? Mit welchen Fragen begegnet Zachäus heute in seiner „gemischten Gemütsverfassung“ Jesus Christus?

Die heutigen Zachäusgestalten werden weiter auf dem Maulbeerbaum auf uns warten, darauf warten, dass wir zu ihnen aufblicken, „ihren Namen kennen“ und sie ansprechen – um vielleicht eines Tages gewiss zu werden: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.“

Morgenandacht am 2. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juni 2018, in Marienbad im Rahmen der Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates.

Advertisements

„Streit darf hart sein“

Prof. Dr. Lars Castellucci, der dem Deutschen Bundestag seit 2013 angehört, ist seit wenigen Wochen Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion. Im Interview spricht der evangelische Politiker über persönliche Überzeugungen und aktuelle religionspolitische Herausforderungen.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Castellucci, was bedeutet es für Sie, als Christ in der Politik, in der SPD tätig zu sein?

Das passt für mich wunderbar zusammen. Ich finde, dass sich die Werte, die ich als Heranwachsender durch ein christliches Elternhaus mitbekommen habe, und das, was mir später politisch wichtig wurde – Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – gegenseitig stärken.

Was heißt das konkret für Ihre politische Positionsbestimmung?

Das erste, was mich antreibt, ist das christliche Menschenbild – um die theologische Metapher zu bemühen: die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Der erste Artikel des Grundgesetzes speist sich für mich direkt aus den Werten, die wir nicht erst mit der Aufklärung bei uns eingepflanzt haben. Das ist für mich vielmehr eine christliche Prägung, den Menschen erst einmal als gleichwürdig zu betrachten – unabhängig davon, wo er herkommt, was er kann und so weiter. Aus dieser Haltung heraus will ich Politik machen.

Ein zentrales Thema ist für Sie die Asyl- und Flüchtlingspolitik – auch als Mitglied in der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wie erleben Sie die öffentliche Diskussion über diese Themen im Alltag?

Ich frage bei meinen Veranstaltungen zum Thema Flüchtlinge immer: „Ist hier jemand gegen Flüchtlinge?“ – Dann meldet sich keiner. Und das halte ich für ein Problem. Ich hätte gerne Leute da, die auch kritisch fragen und die Probleme, die sie haben, frei artikulieren. In der Kirche sehe ich manchmal auch, dass oben von „den Fremden, die in deinen Toren wohnen“ (5. Mose 16) gepredigt wird und unten die Leute hin und her rutschen und das zum Teil gar nicht mehr hören können. Der Raum ist nicht unbedingt da, das einmal miteinander zu klären: Was für Verletzungen, Erfahrungen und Ängste sind da bei den Menschen?

Wie können Politik und Kirchen hier gegensteuern? – Gerade angesichts des wachsenden Zulaufs, den rechtspopulistische Positionen erfahren.

Wir müssen unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch bringen und nicht immer nur Gesprächskreise pflegen, die sich ohnehin schon verstehen. Denn das ist es, woran es in diesem Lande in erster Linie mangelt: an Miteinander, an Gespräch zu den relevanten Themen über Milieugrenzen und Konfessionen hinweg. Wenn Streit immer als etwas Schlechtes angesehen wird, hat man nicht verstanden, dass der Streit in einer liberalen Demokratie notwendig ist. Er muss gut geführt werden, darf nicht persönlich werden – aber in der Sache kann und darf er hart sein.

In Ihrem neuen Amt sind Sie nun besonders mit Fragen des Religionsverfassungsrechts befasst. Wo sehen Sie hier die zentralen Herausforderungen?

Ganz grundsätzlich sehe ich keine Bedarfe für größere Umwälzungen. Was es braucht, ist immer wieder eine gesellschaftliche Verständigung: Wo sehen wir Probleme? Wo wünschen wir uns Veränderungen?

Was kann das konkret bedeuten?

Wie sieht es etwa mit Religionsunterricht in den Schulen aus? Da gibt es eine bunte Vielfalt an Modellen in den unterschiedlichen Bundesländern, die immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden müssen. – Muss man langsam nachziehen, wo es um die Besetzung von Rundfunkräten geht? Dort sitzen einzelne gesellschaftliche Gruppen, die seinerzeit hineingenommen wurden, heute aber deutlich weniger Menschen vertreten. Hier gilt es, die heutige gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. – Aber das ist für mich alles ein Prozess. Auf diese Fragen wird man kontinuierlich schauen und miteinander Lösungen aushandeln müssen.

Blicken wir abschließend konkret auf die islamischen Religionsgemeinschaften: Welche Perspektiven sehen Sie für deren Integration – speziell ihre Etablierung als Körperschaft des öffentlichen Rechts?

Ich verstehe das Anliegen, es ist wahrscheinlich auch ein kluges, denn so können wir Rechte und Pflichten gegenseitig festlegen. Aber es stellt sich doch die Frage: Wer spricht eigentlich für wen? Die Vielfalt auf der Seite des Islam ist so groß, dass ich im Moment nicht durchsteigen würde, wem ich da mehr Kompetenzen in die Hand gebe – mit wem ich da verhandeln würde und mit wem nicht. Mit Leuten, die an Ankara hängen, schon mal gleich gar nicht. Aber mit anderen, die nur 20.000 Leute vertreten, auch nicht. Da muss sich noch einiges sortieren, bevor wir in dieser Richtung weiterkommen.

In ähnlicher Form erschienen am 24. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Was ist Heimat? Was ist Identität?

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk zieht eine persönliche Bilanz zur deutschen Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik

Von Tilman Asmus Fischer

„Da ist unsre Heimat, diese Dinge / bleiben in den Tiefen unserer Seele / Fest und innig mit uns selbst verwachsen, / dass sie nichts vermag von uns zu scheiden; / Selber sind wir alle jene Dinge.“ Worte des Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler stellt Hartmut Koschyk seinem gerade erschienenen Buch „Heimat – Identität – Glaube“ voran. Die Zeilen bringen eine Sensibilität für die Tiefendimension der Begriffe „Heimat“ und „Identität“ zum Ausdruck, die der Politiker Koschyk mit dem Dichter Spitteler teilt.

Eben diese Sensibilität trägt dazu bei, dass das Buch am Ende mehr darstellt, als eine Bilanz deutscher Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik, die der langjährige Bundestagsabgeordnete am Ende seiner Amtszeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (2012–2017) vorgelegt hat. Zwar lässt sich das Werk auch als kundige Überblicksdarstellung zu diesen Themenbereichen lesen. So beginnt der Verfasser etwa mit einem einführenden Kapitel über „Heimat – Nation – Staat im 18. und 19. Jahrhundert“, dem ein gleichermaßen grundsätzlicher Abschnitt über „Die deutschen Heimatvertriebenen im Kontext deutscher und europäischer Teilung und Einheit“ folgt.

Zugleich trägt das Buch jedoch die erkennbare Handschrift eines Menschen, der – als Kind oberschlesischer Heimatvertriebener – von den verhandelten historischen und politischen Fragen selbst unmittelbar persönlich betroffen ist. Zudem schärft der bekennende Katholik Koschyk mit seinem Buch den Blick für die Rolle von Glaube und Kirche für Integration und Identitätspflege sowohl der deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa als auch der ethnischen Minderheiten in Deutschland. Damit ist das Buch gerade für eine kirchliche Leserschaft von großem Interesse.

Auch wenn den Fragen der Vertriebenen, Aussiedler und Minderheiten im politischen Alltag heutzutage eine eher randständige Bedeutung zukommt, gelingt es Koschyk, zu verdeutlichen, dass die einschlägigen Sachverhalte Problemstellungen berühren, die von grundsätzlicher Bedeutung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt sind: „Heimat, Identität und Glaube helfen den Menschen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern und ihnen selbstbewusst zu begegnen.“

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik, EOS, Sankt Ottilien 2018, 464 Seiten, 19,95 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 9/2018.

Heimat – Identität – Glaube

Hartmut Koschyk legt Rechenschaft ab – und die ungarische Botschaft lud in Berlin zur Buchvorstellung

Nach 27-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag hat Hartmut Koschyk im vergangenen Jahr seine hauptamtliche Tätigkeit in der Bundespolitik beendet. Aus diesem Anlass hat der CSU-Politiker ganz persönlich Rechenschaft abgelegt: über sein Wirken in den vergangenen Jahrzehnten – sowie über Grundfragen und leitende Motive dieses Engagements.

Hartmut Koschyk bei der Buchvorstellung in Berlin
(Foto: Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland)

„Heimat – Identität – Glaube“ – unter diese drei Begriffe hat Koschyk sein frisch erschienenes Buch gestellt, das am 29. Januar auf Einladung von Botschafter Dr. Peter Györkös in der Ungarischen Botschaft in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auf 464 Seiten bietet die Monographie mehr als einen grundlegenden Beitrag über „Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“, wie es der Untertitel ankündigt; vielmehr formuliert Hartmut Koschyk aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in der Vertriebenen-, Aussiedler- und Volksgruppenpolitik zugleich weiter ausgreifende Grundeinsichten in die Struktur des politischen Raums und legt ein Bekenntnis ab für eine wertegebundene Politik, die sich den drei Leitbegriffen des Buchtitels verpflichtet sieht.

Dabei „schimmert“ zudem „die Liebe zu den Menschen“ durch, denen Koschyks Engagement – wie der reformierte Theologe und ungarische Minister für Humanressourcen Zoltán Balog in seiner Festrede erklärte – stets gegolten hat. Und so erscheint es nur angemessen, dass drei Repräsentanten der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in die ungarische Botschaft gekommen waren, um den Autor und sein Buch zu würdigen: der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, sowie der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida.

Alle Redner hoben aus der je eigenen Perspektive die zentrale Bedeutung des Glaubens im Zusammenhang mit „Heimat“ und „Identität“ hervor: In der Nachkriegszeit, so hielt etwa der studierte katholische Theologe Bernard Gaida fest, habe der Glaube geholfen, „Leid zu ertragen“, während er heute den Weg zur Aussöhnung eröffne. Bernd Posselt warnte eindringlich vor der Gefahr, dass Glaube lediglich zur „Requisite der Identität werde“; demgegenüber gehe der Glaube nicht in Traditionspflege auf, sondern müsse Salz und Sauerteig Europas bleiben. So könne etwa das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, als nachhaltige Begründung für den Minderheitenschutz gelesen werden.

Hartmut Koschyk selbst nutzte seine abschließenden Dankesworte, um drei konkrete Forderungen für die Weiterentwicklung der Minderheitenpolitik zu formulieren: Während er die angehenden Koalitionsfraktionen an das Versprechen erinnerte, ein Expertengremium für Fragen des Antiziganismus zu schaffen, forderte er die anwesenden Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Europäischen Bürgerinitiative „Minority SafePack“ auf. Für die zukünftige Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten regte er schließlich an, diesen Aufgabenbereich „inhaltlich und organisatorisch“ noch zu erweitern.

Tilman Asmus Fischer

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik. EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2018. Paperback, 464 S., ISBN 978-3-8306-7881-6, € 19,95.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die kommunistische Bewegung erhöhte sich zur Ersatzreligion, die Gegner wurden verteufelt: Das Deutsche Historische Museum erinnert an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Von Tilman Asmus Fischer

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“, hatten Karl Marx und Friedrich Engels 1847/48 im Manifest der Kommunistischen Partei verkündet. 70 Jahre später – 1917 – sollte dieses Gespenst in Russland erstmals Wirklichkeit werden, um in den folgenden Jahrzehnten in verheerender Weise global zu spuken. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem unlängst erschienenen Buch „Krieg“. Und so verwundert es nicht, dass sich die Erinnerung an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution nicht auf Russland beschränkt, sondern einen internationalen Widerhall erfährt.

In Berlin widmet das Deutsche Historische Museum dem kommunistischen Umsturz eine gemeinsam mit dem Schweizerischen Nationalmuseum kuratierte Ausstellung: „1917. Revolution. Russland und Europa“ bietet nicht nur eine überwältigende Schau von über 500 Exponaten, die den historischen Weg von der vorrevolutionären Gesellschaft durch die Revolutions- und Bürgerkriegsjahre bis hin zu den Folgewirkungen für die europäische Staatenwelt nachzeichnet. Vielmehr wird zudem der Kommunismus als totalitäre Weltanschauung greifbar, der neben sich keine alternative Gegenwartsdeutung dulden konnte und damit zwangsläufig gegenüber dissidentischen Positionen – und letztlich auch den Kirchen – unduldsam auftreten musste. Die Gesamtheit der Ausstellungsstücke fesselt den Betrachter nicht nur aufgrund ihres Umfangs, sondern vor allem wegen ihrer inneren Vielfalt: Alltagsgegenstände finden sich ebenso wie Druckschriften und Plakate oder zeitgenössische Kunstwerke, die von den Umbruchjahren zeugen. Unter den Kunsterzeugnissen sind auch solche der sakralen Kunst; etwa eine Ikone der Gottesmutter der Rührung, eine Öllampe und ein Weihrauchgefäß aus den Jahren der Jahrhundertwende. Sie repräsentieren im ersten Teil der Ausstellung, der „Aufbruch und Zerfall“ in der vorrevolutionären Gesellschaft thematisiert, die russisch-orthodoxe Kirche als einen der zentralen gesellschaftlichen Akteure – neben Bauern- und Arbeiterschaft, Adel, Militär und der Intelligenzija. In ausgewogener Weise gelingt hier eine Charakterisierung des späten Zarenreichs, das sich sowohl durch gravierende soziale Spaltungen und Repressionen als auch durch einen nicht zu verkennenden kulturellen Reichtum auszeichnete – und das letztlich an seiner zu großen Reformunfähigkeit scheiterte.

Vor diesem Hintergrund wird dem Ausstellungsbesucher die Entstehung der Oktoberrevolution aus den Wirren des Ersten Weltkriegs und der Kriegsmüdigkeit der russischen Bevölkerung heraus erschlossen. Deutlich treten die Wurzeln der Revolution in einem Bemühen um soziale, politische und gesellschaftliche Reformen hervor; ebenso deutlich jedoch auch die Pervertierung dieses politischen Kampfes – spätestens im Bürgerkrieg, in dem sich die Fronten zwischen revolutionären und konterrevolutionären Truppen zusehends verhärteten und sich beide Seiten in nichts nachstanden – weder in Gewaltanwendung noch in der propagandistischen Verleumdung des Gegners. Und so erscheint die Geschichte der Oktoberrevolution als eine Geschichte der verratenen Ideale: Findet sich im Abschnitt der Ausstellung über die „Machtübernahme der Bolschewiki“ noch die „Deklaration über die Rechte der Völker Russlands“ (2. November 1917), die auch religiöse Zugeständnisse beinhaltete, berichtet bereits die Sektion zum Bürgerkrieg über den Kampf gegen die Freiheitsbestrebungen der Ukraine wie in Belarus – und wird späterhin das propagandistische und gewaltsame Vorgehen gegen die Kirchen deutlich.

Neben einer Ausgabe der antikirchlichen Satire-Zeitschrift „Gottloser“ präsentiert die Ausstellung Fotos, welche die 1929 von Stalin eingeleitete Zerstörung von Kirchenglocken zeigt; allein bis 1935 wurden 25 000 Klöster und Kirchen vernichtet. Für viele der Betroffenen bestand die einzige Überlebenschance in der Flucht in den Westen, der die Ausstellung einen eigenen Raum widmet. Unter den Artefakten, die russische Flüchtlinge nach Europa und Amerika begleiteten, finden sich unter anderem eine Bibel (um 1916) und ein traditioneller Hochzeitsschal. Andere Objekte erzählen vom kulturellen Leben der geflohenen orthodoxen Christen: Eine Ikone, die Moses und die Gottesmutter zeigt, erinnert an die rege Aktivität von Exilanten in der Sammlung und Ausstellung sakraler russischer Kunst, die ab 1921 von Sowjetrussland zwecks Devisenbeschaffung verkauft wurde. Und die Hochzeitskrone aus einer russischen Exil-Gemeinde illustriert die identitätswahrende Pflege religiöser Traditionen im Ausland.

Jedoch nicht nur Christen, sondern gerade auch Juden wurden Opfer des sich herausbildenden autoritären Systems. Dabei konnten die neuen Machthaber auf eine bereits etablierte antisemitische Tradition zurückgreifen, an die in der Ausstellung Fotos von den Opfern der Judenpogrome aus den Jahren 1903 bis 1905 erinnern; bereits zwischen 1881 und 1914 hatten etwa zwei Millionen Juden unter dem bestehenden Druck das zaristische Russland verlassen. Im Zusammenhang mit den „Folgen der Revolution“ für Russland kommt exemplarisch das Schicksal des hebräischen Habima-Theaters zur Sprache: eines jüdischen Ensembles, das sich zunächst aufgrund der von den Revolutionären erstrittenen religiösen Freiheiten für Juden formieren konnte, dann jedoch aufgrund der neuen Verfolgungen Sowjetrussland verlassen musste.

Nicht nur, dass bereits die junge Sowjetunion rigoros gegen Religionsgemeinschaften vorging; vielmehr – dies verdeutlichen weite Strecken der Schau im DHM – gingen die Revolution und die Gründung der UdSSR von ihren frühen Phasen an mit einer kultischen, wenn nicht religiösen Überhöhung der eigenen Bewegung, quasi einer Transzendierung ihrer Programmatik einher. So vermitteln die – vielfach zu sehenden – Propagandaplakate der Bolschewisten nicht einfach nur politische Inhalte, sondern kleiden diese in das Gewand von Erlösungshoffnungen; der politische Gegner hingegen erscheint, wo er ins Bild gesetzt wird, als das Böse schlechthin.

Den Ausstrahlungen der Revolution und der Polarisierung zwischen ihren Unterstützern und Gegnern, die ganz Europa betrafen, widmet die Ausstellung – wie es bereits ihr Name anzeigt – große Aufmerksamkeit. Nachdem der Besucher das monumentale Gemälde „Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern“ von Isaak I. Brodski erblickt hat, hat er die Möglichkeit, sich in einzelnen kleinen Kabinetten über die Entwicklungen in Deutschland, Italien, Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Polen zu informieren. Beleuchtet werden nicht nur die jeweiligen kommunistischen Bewegungen und ihre Vorfeldorganisationen, wie die von Käthe Kollwitz mitbegründete „Internationale Arbeiterhilfe“ – sondern ebenso die kritische Auseinandersetzung in den westlichen Ländern mit dem Phänomen des Bolschewismus. Diese reicht von linken Kritikern wie Karl Kautsky (Die Diktatur des Proletariats, 1918) über den konservativen Antibolschewismus bis hin zur antibolschewistischen Agitation der jungen faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien.

Beschlossen wird die Ausstellung durch eine Zusammenstellung von Werken der Gegenwartskunst und Zitaten historischer Persönlichkeiten, die in einem Rückblick das Erbe der Oktoberrevolution reflektieren: Vielleicht am eindrucksvollsten ist die Skulptur „Hero, Leader, God“ von Alexander S. Kosolapov (USA, 2007), die Hand in Hand voranschreitend Lenin, Mickey Mouse und Jesus Christus zeigt. Indem der Künstler in provokanter Weise die Austauschbarkeit von Idolen und Führern in Ideologie und Propaganda thematisiert, spiegelt das Kunstwerk zugleich die fatale Vergottung eines utopischen Gesellschaftsmodells; den passenden Kontrast bildet ein Zitat von Hannah Arendt, das sich auf der gegenüberliegenden Wand findet: Die Revolution habe „erst eine unvergleichliche Hoffnung in die Welt gebracht, um die gleiche Welt in eine um so tiefere Verzweiflung zu stürzen“.

Erschienen am 24. Oktober 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Lasst euch nicht irre machen

Ein Gespräch zum Predigttext am Reformationsfest zwischen Doctor Martin Luther und dem Berliner Theologiestudenten Tilman Asmus Fischer

Predigttext am Reformationsfest: Matthäus 10, 26b–33

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Tilman Asmus Fischer: Gerade hat Jesus seine Jünger ausgesandt und ihnen angekündigt, dass sie Verfolgung leiden werden: „Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen“ (Matthäus 10,17). Jetzt beginnt er, ihnen Mut zuzusprechen: Sie brauchen nicht die Menschen, sondern nur Gott zu fürchten! Diese Ermutigung gilt jedem Christen, der sich auf das Abenteuer des Glaubens einlässt und Jesus vertraut – bis heute. Wenn wir heute an die Reformation erinnern, Herr Luther, frage ich mich: Wie haben Sie und Ihre Anhänger damals diese göttliche Ermutigung gelesen?

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

Martin Luther: „Lasset Euch nicht irre machen, dasjenige öffentlich zu lehren, was ihr im Verborgenen gehört habt; gleichwie jene, die sich von Außen verstellen, dasjenige zu lehren, was sie von Innen von ihrem Lehrer, dem Satan, hören: deswegen werden sie genöthigt, ihre innerlichen Lügen von Außen mit dem Schein der Wahrheit, der Religion, der Kirche, der Gerechtigkeit zu schmücken. Aber vergebens. […] Ihr aber habt dergleichen Täuscherei nicht nöthig; wenn ihr lehret als vor Gott und in Christo mit lauterem Gewissen, und nicht anders im Herzen denket, als ihr im Worte lehret.“

Fischer: Wer möchte das nicht können? Sich mutig hinstellen und für das als wahr Erkannte und Geglaubte eintreten: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Aber wie oft erleben wir, dass wir an diesem Selbstanspruch scheitern? Das ging Ihnen doch auch lange so, Dr. Luther. Sicher, wir müssen heute in Deutschland als Christinnen und Christen nicht um unser Leben bangen. Doch erleben auch wir Anfechtungen im Alltag, seien es Terroranschläge oder Ängste, die uns Propheten unterschiedlichster Couleur einflüstern, seien es persönliche Krisen oder Schicksalsschläge.

All dies kann uns Anlass geben, zu zweifeln, nicht mehr mutig und frei zu glauben und aus diesem Glauben zu leben. Unseren Glauben bekennen könnten wir schon im alltäglichen Gespräch – ob beim Mittagessen mit Kollegen oder am Tresen in der Stammkneipe. Aber wie oft schweigen wir, wie oft hören wir: „Ich glaube nicht.“ – „Ich glaube nur an mich.“ – „Glauben gehört ins Mittelalter.“ – Und bekennen dann selbst nicht, warum wir doch glauben. Plötzlich fällt es uns auch nicht mehr so leicht, für all das einzutreten, was uns Christinnen und Christen wichtig ist: Gastfreundschaft, Schutz des Lebens, Gerechtigkeit. Was denken Sie: Haben wir einen ernsthaften Grund, zu verzagen?

Luther: „Wenn nun Gott auch jegliche Sperlinge also zählt und für sie sorgt: um wie viel mehr zählt und sorgt Er auch ganz gewiss für euch; nicht allein als Menschen, sondern auch als meine Knechte und Gläubige. Und Er lässt keinem von euch etwas Böses widerfahren ohne Sein Vorwissen und Willen, ob es gleich das Ansehen hat, als ob Er von euch Nichts wisse und sich um euch nicht kümmere. – O, was ist das für eine unaussprechliche Sorgfalt eines solchen Vaters! – Darum sollen wir alle Trübsale verschlingen und wie einen Funken ersäufen in diesem Meere der unendlichen Liebe und Sorge Gottes für uns, und mit Verspottung von ihnen reden.“

Fischer: Aber bei allem Trost, den wir in diesen Worten finden, Herr Luther: Da ist noch etwas anderes, das uns fortschrittliche und aufgeklärte Menschen befremdet. Liegt da nicht auch eine Drohung in der Luft? Wie verstehen Sie es, dass wir den fürchten sollen, „der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“?

Luther: „Da ihr gerechte Sache und einen gnädigen Gott habt, und euer Leben gewiß ewig sein soll, so seid stark und schlaget Alles in den Wind, damit ihr nicht, wenn ihr eure Sache verleugnet, auch Gottes Zorn und den ewigen Tod zuzieht.“

Fischer: Muss das sein? In der Predigt zum Reformationsfest? Scheinbar verfliegt die frohe Feierstimmung – und gar nicht mehr so mutig und frei stehen wir vor einer äußerst drastischen Ansage: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“ Auch wenn wir uns das nicht gerne eingestehen wollen: Der allmächtige Gott ist nicht nur der „liebe Gott“, an den wir uns wenden können, sondern eben auch der Gott des Gerichtes. Im Geiste sehen wir uns in einem Gerichtssaal, der aus einer Geschichte von Franz Kafka stammen könnte. Der ewige Richter schwingt den Hammer – Schuldspruch: „Der Angeklagte wird schuldig befunden, am 30. Oktober 1998 in der Betriebskantine Jesus Christus verleugnet zu haben.“ Nochmals schlägt der Hammer. Urteil: „Fegefeuer“. Kann das gemeint sein, am Reformationstag?, verehrter Herr Doctor?

Luther: „Christus will damit nicht das haben, dass, wenn Ihn Jemand verleugne, Ihm in Ewigkeit nicht wieder geholfen werden könne; sondern dieses ist Seine Meinung: wenn Jemand in der Verleugnung beharrt, so wolle Er ihn auch beständig verleugnen; wo aber Jemand von der Verleugnung zum Bekenntnis wieder umkehrt, so will Er auch zum Bekenntnis wieder umkehren.“

Fischer: Also können wir heute doch getrost und frohen Mutes in Ihre Worte einstimmen und singen: „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen; er wandt zu mir das Vaterherz, es war bei ihm fürwahr kein Scherz, er ließ’s sein Bestes kosten.“ Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die (gekürzten) Luther-Zitate stammen aus „Luthers Auslegung des Matthäus-Evangelium Kapitel 3–25“, Erwin Mühlhaupt, 1952.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 44/2017.

Gott ist mittendrin

Naturwissenschaft und Glaube

Die seltsame Welt der Quanten, der dunklen Materie und dunkler Energien ist für uns nicht sichtbar. Sie machen aber 96 Prozent des Universums aus. In den vergangenen 100 Jahren hat die Naturwissenschaft bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen, die unser Bild des Kosmos im Kleinen wie im Großen revolutionieren. Wie geht die Theologie damit um? Der Physiker und Astronom Gerhard Ackermann, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, befasst sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Im Interview mit Tilman Asmus Fischer spricht er über die Grenzen und Perspektiven christlichen Glaubens in unserer von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägten Zeit.

Professor Dr. Gerhard Ackermann
(Foto: T. A. Fischer)
Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?

Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott gewissermaßen hinter dieser Wand?

Nein. Wir schaffen keinen neuen Ort für Gottes Wohnsitz. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können. Das zeigen die jüngste Entdeckung von über 1 000 weiteren Planeten durch die „Kepler“-Sonde und die Möglichkeit weiterer Erden im Weltraum.

Was machen solche und andere naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?

Ich meine, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse eine Möglichkeit sind, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.
Mir hat einmal ein Theologe gesagt: „Was habe ich davon, wenn ich das naturwissenschaftliche Weltbild akzeptiere? Ich nehme lieber mein Weltbild.“ Als ob man ein Weltbild aus- und anziehen könnte wie einen Mantel! Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber etwa in 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer „Erneuerung der theologischen Aussagen“ der Naturwissenschaft zu?

Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zusammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: „So ist es“ oder „So ist es nicht“. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte „Glaubenssätze“ aus?

Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, dass sie bewegen, fortpflanzen können.
Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: „Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.“

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?

Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?

Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Wenn man so etwas findet, kann man das niemandem erzählen, weil ja niemand in der Materie drinsteckt.
Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keine Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr, was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?

Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?

Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 6/2017, Glaube und Heimat – Mitteldeutsche Kirchenzeitung 6/2017, Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 6/2017.