Vielfältige Präsenz des Religiösen

Während die Pandemie das physische Reisen derzeit stark einschränkt, bietet es sich an, im Kopf zu fernen Zielen aufzubrechen. Ein Reiseführer des evangelischen Theologen Johann Hinrich Claussen nimmt den Leser mit zu den seltsamsten Orten der Religionen

Von Tilman Asmus Fischer

„Die beste, bildungsreichste und zugleich umweltschonendste Art des Reisens ist immer noch das Lesen.“ Und in Zeiten einer Pandemie wie der gegenwärtigen – so möchte man Johann Hinrich Claussen zustimmend ergänzen – auch die sicherste, zumindest abhängig vom potenziellen Reiseziel. Das neueste Buch des Theologen und Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland richtet sich an – im ursprünglichen oder literarischen Sinne – reisefreudige Leser, die „religiös musikalisch“ gestimmt mit offenen Augen durch die Welt gehen. Entgegen der immer wieder vorgetragenen Säkularisierungsthese spürt dieses ganz eigene Reisebuch der vielfältigen Präsenz des Religiösen und dessen lebensweltlicher Bedeutung auf allen Kontinenten nach. Indem es auf diese Weise die Religion als eine „Angelegenheit des Menschen“ (Johann Joachim Spalding) ausweist, steht es in der besten kulturhermeneutischen Tradition liberaler Theologie.

Hierzu nimmt Claussen seine Leser mit auf eine Reise zu 42 Orten, welche er als „Die seltsamsten Orte der Religionen“ markiert. Wer hinter diesem Titel ein obskures Raritätenkabinett vermutet, täuscht sich. Claussen spielt zwar mit der Idee des „Exotischen“, bedient jedoch keinerlei Exotismus. Vielmehr geht es ihm darum, anhand von Orten, die vom Verständnis „normaler“ Religiosität einer deutschen Leserschaft abweichen, sowohl auf die Breite möglicher Formen von Religion hinzuweisen als auch eben das eigene Verständnis von „Normalität“ zu hinterfragen.

Daher fasst er zuallermeist in den 20 Kapiteln je zwei oder drei dieser Orte unter thematischen Gesichtspunkten zusammen und bezieht dabei fast durchgehend je auch ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum ein, welches von der scheinbaren „Normalität“ abweicht. So beschreibt er etwa in dem Kapitel über „Verstecke des Überlebens“ neben dem portugiesischen Ort Belmonte, in dem heute die letzten Nachfahren der geflohenen iberischen Juden leben, auch den Schweizer Mont Soleil. Auf diesem hatte der katholische Bischof von Basel an der Wende zum 18. Jahrhundert ursprünglich von Berner Reformierten verfolgten Täufern Asyl gewährt – freilich unter Auflagen: „Die Täufer durften nur auf einer Höhe ab 1 000 Metern wohnen.“

Das Spektrum, welches Claussen unter dem Stichwort „religiöser Orte“ eröffnet ist breit und anregend: Neben Kirchen und anderen Gotteshäusern kommen Gedenkorte für Terroranschläge (in Nizza und Berlin), religiös gedeutete Naturgegebenheiten (wie der Druiden-Baum von Herchies, Belgien) und Landschaften (etwa der Tempel des unendlichen Grüns im japanischen Kokedera) ebenso zur Geltung wie „religiöse Städte“ (etwa das Himmlische Jerusalem in Nkamba, Kongo) und virtuelle Orte wie Onlineplattformen der Post-Evangelicals in den USA.

Die Offenheit, mit welcher der Verfasser den unterschiedlichen Gestalten religiöser Kultur begegnet, ermöglicht ihm unter anderem, zu einer neuen Wertschätzung eines Phänomens zu gelangen, das hierzulande bereits seit langer Zeit lediglich belächelt wird: der Volksfrömmigkeit. Ein faszinierendes Beispiel hierfür ist der litauische Wallfahrtsort Kryžiu kalnas (Berg der Kreuze): „an die hunderttausend Kreuze“, so Claussen, „aus Metall, Holz oder Stein, einige roh zusammengeschweißt oder -genagelt, andere recht kunstvoll gestaltet, mit der Gestalt des Gekreuzigten und ohne, mit Inschriften in vielen Sprachen, die großen Kruzifixe über und über mit Rosenkränzen und kleineren Kreuzketten behängt. Ein Weg und dann eine Holztreppe führen mitten durch dieses katholische Symboldickicht zu einer Marienfigur oben.“ Seit dem 19. Jahrhundert gedenken die Litauer hier ihrer gefallenen Freiheitskämpfer – zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus.

Mit bestimmten Orten berührt Claussen Formen von Religiosität, die der Volksfrömmigkeit verwandt erscheinen, aber doch in einem hohen Maße von Individualität – vielleicht auch einem gewissen Eigensinn – geprägt sind. Das gilt etwa für die „Sakralbauten von Eigenbrötlern“. Hier erinnert der Verfasser etwa an Väterchen Timofej, der sich noch während des Zweiten Weltkriegs aus Russland aufmachte, um in München (auf dem Gelände des heutigen Olympiaparks) die Ost-West-Friedenskirche zu errichten, in der er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 täglich die orthodoxe Liturgie feierte und mit den Menschen, die zu ihm kamen, sprach – ohne je Theologie studiert zu haben oder von einer orthodoxen Kirche anerkannt worden zu sein.

„Die seltsamsten Orte der Religionen“ führt allerdings nicht nur den Reichtum der Weltreligionen vor Augen. Das Buch verweist auch auf zweierlei anderes: auf bedrohte wie auch auf fragwürdige Religiosität. In erster Hinsicht sind etwa die uigurischen Heiligenschreine von Xinjiang bedeutsam, die vom rotchinesischen Regime in seinem Kampf gegen die autochthonen Muslime angegriffen werden: „Aus scheinbarem Respekt vor den Uiguren erkennt sie [die Pekinger Zentralregierung; TAF] bedeutende Moscheen und Schreine als ,Stätten des kulturellen Erbes‘ an. Damit verwandelt sie diese lebendigen religiösen Orte in Museen und entzieht sie ihrer eigentlichen Nutzung.“ Als Beispiel für den zweiten Gesichtspunkt gilt eines der beliebtesten Ausflugsziele der Deutschen: die Bad Meinberger Externsteine. Detailliert zeichnet Claussen ihre Inszenierung als Kultstätte germanischer Religion nach, wie sie vor allem im Nationalsozialismus propagiert und noch heute von Rechtsextremisten gepflegt wird.

Im Falle einzelner Orte kann das Buch beim Leser freilich den Wunsch nach einer kritischeren Thematisierung theologischer Anfragen an deren religiösen Charakter hinterlassen. Dies gilt im Besonderen für den Tierfriedhof Hamburg-Jenfeld. Im Anschluss an die Betrachtung der dort gepflegte Trauerkultur wirft Claussen die Frage auf: „Wenn Menschen also um einen Hund oder eine Katze aufrichtig trauern, sollte man dann als Pastor den Abschied nicht aus seelsorgerlichen Gründen begleiten?“ Hier dürften sich allerdings durchaus weitergehende Fragen aufdrängen: Welche Konsequenzen hat eine – zumal religiös eingekleidete – „Vermenschlichung“ der tierischen Mitgeschöpfe für ein sachgemäßes und verantwortliches Verhältnis des Menschen zu sich selbst wie eben auch zum Tier? Und welche möglichen Interventionen ergeben sich hier aus der Perspektive des christlichen Begriffs von Mensch und Schöpfung?

Beschlossen wird das Buch von einem Ort, der dem Verfasser besonders wichtig gewesen zu sein scheint, widmet er ihm doch als einzigem ein Kapitel für sich. Immerhin kennzeichnet Claussen diesen Ort – mitten im Grenzdurchgangslager Friedland – auch als ein Unikum: „Mittendrin, ganz unauffällig, befindet sich die ,Evangelische Lagerkapelle‘, wie auf einem Schild in altertümlicher deutscher Schrift über dem schlichten Eingang zu lesen ist. Doch so bescheiden sie sich gibt, stellt sie dennoch etwas Einzigartiges dar. Denn kein anderes Aufnahmelager in Deutschland besitzt solch eine eigene Kirche.“ Es zeichnet Claussens „Reisebuch“ aus, dass es gerade auch zum Kennenlernen solcher auf den ersten Blick „unspektakulärer“ Orte einlädt – wie dieses nach dem Zweiten Weltkrieg für deutsche Ostvertriebene geschaffene Gotteshauses, dessen innere Gestalt von Werken der bedeutenden Erbauungskünstlerin Paula Jordan geprägt ist. Ein Besuch der werktags von acht bis 17 Uhr öffentlich zugänglichen Kapelle ließe sich gewiss auch mit einer Besichtigung des 2016 eröffneten Museums Friedland verbinden, welches die Geschichte des Aufnahmelagers dokumentiert.

Erschienen am 12. November 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Johann Hinrich Claussen, Die seltsamsten Orte der Religionen, München 2020.

Fremde Frömmigkeit: in weiter Ferne so nah

In seinem neuen Buch erkundet der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen „Die seltsamsten Orte der Religionen“. Tilman Asmus Fischer sprach mit ihm über dessen theoretische Grundlagen, die Fragwürdigkeit der Säkularisierungsthese und das Schicksal uigurischer Heiligenschreine.

Herr Claussen, der Titel Ihres Buches klingt ein wenig nach einer religiösen Raritäten- und Exotika-Sammlung. Was erwartet den Leser?

Mit dem Titel wollte ich Neugier wecken und die Leser weglocken von eingefahrenen Vorstellungen darüber, was Religion ist. Denn damit assoziiert man in Deutschland zunächst einmal nur die evangelische und katholische Kirche. Aber natürlich spiele ich in dem Buch auch etwas mit dem Exotischen, Touristischen, Überraschenden – auch mit dem Gruseligen manchmal. Es handelt sich jedoch nicht um eine Freak-Show. Denn bei aller Lesefreude geht es doch um ein ernsthaftes Anliegen, nämlich Religion in ihrer Breite und Tiefe einem deutschen Publikum zur Kenntnis zu geben.

Nur dass nicht unwesentliche Teile des deutschen Publikums der Meinung sind, Religion sei ein im Rückzug begriffenes Phänomen. Wozu dann seine „seltsamen Orte“ aufsuchen?

Erstens weiß ich nicht, ob die Religion tatsächlich im Rückzug begriffen ist. Da haben wir in Deutschland eine nur eingeschränkte Wahrnehmung. Zweitens stellt man selnst im Gespräch mit sich als säkular verstehenden Menschen fest: Es gibt auch für sie Orte von unbedingter Bedeutung – Räume und Naturgegebenheiten, die für sie mit letzten Bedeutungen verbunden sind. Manchmal zur eigenen Überraschung! Und da macht es doch Spaß, sich auf die Reise zu begeben und zu fragen: Was finden wir in der Ferne an Religion, die uns vielleicht zunächst fremd ist, uns dann jedoch Respekt abnötigt? Dann aber auch: Was finden wir an Religion, wenn wir uns in der eigenen Nachbarschaft – in Deutschland – umsehen? Vielleicht ist Religion uns ja viel näher, als wir manchmal meinen.

Dabei stellt sich freilich die Frage, was man unter „Religion“ versteht. Welchen Religionsbegriff legen Sie Ihrem Buch zugrunde?

Einerseits arbeite ich mit einem sehr weiten Religionsbegriff – andererseits aber auch wieder mit einem ganz engen. Weit ist, dass ich nicht nur evangelisches Christentum an anderen Orten aufsuche, sondern ganz unterschiedliche hinduistische, zen-buddhistische, aber auch charismatische Religionen oder Formen von Volksfrömmigkeit, die sich gar nicht mehr richtig zuordnen lassen. Eng ist, dass ich nur Orte aufgesucht habe, die von Menschen genutzt werden, die diese Nutzung als religiös beschreiben. Daher habe ich auf Orte wie Fußballstadien oder die Diskothek „Berghain“ verzichtet, auch wenn sie mir von einzelnen Gesprächspartnern nahegelegt wurden.

Nicht alle, aber viele der Orte, über die Sie schreiben, haben Sie selbst bereist. Gibt es dabei einzelne, die für Ihre persönliche Auseinandersetzung mit Religion besonders bedeutsam sind?

Als ich mich an das Buch machte, fragte ich mich, welche Orte für mich selber besonders relevant waren. Dabei kam ich auf zwei Ortsbegegnungen, die mir besondere Lust auf das Buch gemacht haben: Als ich nach meinem Examen ein Jahr als Hilfsprediger in Argentinien arbeitete und meine ersten Schritte auf dem pastoralen Weg beschritt, begegnete ich dem Kult der „Difunta Correa“, der inoffizielle Heilige der Lastwagenfahrer. Das war eine mir ganz fremde Art von Frömmigkeit, die mich faszinierte und nicht wieder losgelassen hat. Und dann kamen meine Frau und ich bei einem Portugal-Urlaub in das kleine Örtchen Belmonte und stellten mit Erstaunen fest: Hier leben ja die letzten Marranen, also Nachfahren der im Mittelalter aus Spanien geflohenen Juden, die dort unter einer ‚katholischen Decke‘ als Krypto-Juden überlebt hatten.

Zuletzt: Mit den Uiguren kommt in Ihrem Buch wiederum eine religiöse – muslimische – Gruppe in den Blick, die gegenwärtig Verfolgung leidet. Was erfährt der Leser über das Schicksal ihrer Schreine in der von Peking beherrschten Provinz Xinjiang?

Anders als der Mehrheitsislam kennen die Uiguren so etwas wie Heiligenverehrung. Diese drückt sich in für die Heiligen errichteten Schreinen aus: kleinen feinen Ast-Kreationen in der Natur – ähnlich minimalistischer Land Art –, aber auch großen Tempeln. Diese sind jedoch bedroht. Denn die Regierung in Peking kämpft einen Kampf gegen diese bezaubernden Schreine, um die uigurische Volkskultur zu zerstören: Die heiligen Orte werden vernichtet oder zu touristischen Ausflugszielen erklärt und damit komplett entfremdet.

Johann Hinrich Claussen, Die seltsamsten Orte der Religionen, C. H. Beck, München 2020, 239 Seiten, 20 Euro.

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 43/2020.

Drastische Analyse und gewagte Vision

Der Islam und die islamische Welt

Mouhanad Khorchide: Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam, Freiburg 2020. 256 S. 22,00 € (D)
Ruud Koopmans: Das verfallene Haus des Islam. Die religiösen Ursachen für Unfreiheit, Stagnation und Gewalt, München 2020. 288 S. 22,00 € (D)

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Ethnologin Susanne Schröter den „politischen Islam“ im Untertitel ihres gleichnamigen Buches als „Stresstest für Deutschland“ apostrophiert. Es ist ein Indiz für die – angesichts der tatsächlichen Krisenphänomene verständlich – Brisanz dieses Themas im öffentlichen Diskurs, dass auch die Bücher seriöser Geisteswissenschaftler derart plastische Titel tragen. Hierin stehen Schröter auch die beiden in diesem Jahr erschienenen Bücher des islamischen Theologen Mouhanad Khorchide und des Soziologen Ruud Koopmans in nichts nach.

Weiterlesen…

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Herder Korrespondenz 9/2020, S. 53.

Vom ‚einfachen Leben‘

Ein großer Roman über die Vergänglichkeit des Lebens – Gedanken auch zum 70. Todestag von Ernst Wiechert

Von Tilman Asmus Fischer

Die Folgen, welche die Corona-Pandemie in den vergangenen Wochen gezeitigt hat, sind nicht nur gesamtgesellschaftlicher – ökonomischer, sozialer und politischer – Art, sondern verfügen zugleich über eine individuelle, existenzielle Dimension: Zum einen schafft die plötzliche Entschleunigung des Alltags Raum, sich der Geschwindigkeit, Taktung und Unstetigkeit bewusst zu werden, die das Leben im ‚Normal‘-Zustand vor – und wohl auch nach – Corona prägen. Zum anderen werden wir in Gestalt der permanenten Thematisierung von Krankheit und Tod der Fragilität, Kontingenz und mithin der Endlichkeit unseres Lebens bewusst.

Quelle: Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft

Zentrale Aspekte beider Gedankengänge bringt der Beter von Psalm 90 (V. 9f.) zur Sprache: „Darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ Es sind ebendiese Verse, die der Schriftsteller Ernst Wiechert ins Zentrum seines 1939 erschienenen Romans „Das einfache Leben“ gestellt hat. Auch über 80 Jahre danach – und vielleicht gerade im Frühjahr 2020 – lohnt es sich, das Buch neu zur Hand zu nehmen. In ihm führen die Worte „wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz“ für Marinekapitän Thomas von Orla in einer Krisensituation zur Neujustierung seines Lebens. Nach der moralischen Katastrophe des verlorenen Ersten Weltkriegs und angesichts des rastlosen Großstadtlebens entscheidet er sich, ein von körperlicher Arbeit und ethischen Reflexionen geprägtes Leben als Einsiedler auf einer Seeinsel in den masurischen Wäldern zu beginnen.

Freilich zielt Wiechert mit seinem Entwurf eines ‚einfachen Lebens‘ nicht auf ein heiteres Landidyll ab. Das liegt schon angesichts der biographischen Verortung des Romans fern, war die Arbeit an dem Buch für den NS-kritischen Autor doch immerhin Teil seiner Verarbeitung einer zweimonatigen Haft im Konzentrationslager Buchenwald 1938. Sind es für den von Wiechert gezeichneten Protagonisten in „Das einfache Leben“ auch die Verwerfungen des Ersten Weltkriegs, die der Bewältigung bedürfen, standen dem Autor selbst Einblicke in noch tiefere menschliche Abgründe vor Augen. (Explizit mit seinen KZ-Erfahrungen setzte sich Wiechert literarisch in seinem autobiographischen Bericht „Der Totenwald“ auseinander, der erst 1945 veröffentlicht werden konnte.)

Und so ist der Frieden, den Thomas von Orla am Ende des Romans findet, auch ein erfahrungsgesättigter – und dergestalt gezeichneter –, tiefernster Einklang mit der Schöpfung, die „ihren Gang“ geht: „Sie streute aus und sammelte wieder ein. Das Maß ihrer Ernte blieb immer gleich, weil das Maß ihrer Saat das gleiche blieb. Man trug seinen Helm und rührte seine Hände, und ab und zu konnte man den Helm abbinden und die Hände in den Schoß legen. Nicht oft, aber ab und zu. Und manchmal konnte man es in den Nächten über das Wasser blitzen sehen, einen stillen, rötlichen Schein, und konnte meinen, daß er von der goldenen Krone herrühre, die auf dem Grund lag. Und einmal auch, viel später, würde man vielleicht meinen können, daß man ein fröhliches Herz besitze.“

Wie Thomas von Orla sind die meisten Figuren der Romane und Novellen von Ernst Wiechert, dessen Todestag sich am 24. August zum 70. Mal jährt, hochkomplexe Persönlichkeiten, die sich – wie der Autor selbst – in äußeren und gerade auch inneren Konfliktlagen zu bewähren haben. Sie wiederzuentdecken, ist – nicht zuletzt für den heutigen Leser – ausgesprochen vielversprechend. Dies auch, da man auf diese Weise mit Wiechert einen anspruchsvollen christlichen Schriftsteller kennenlernt, der für das tröstliche und heilsame Potenzial von Religion eintritt, da sie sich für das Subjekt als hilfreich erweisen kann – wie etwa für Thomas von Orla durch einen Psalm, der als Selbstdeutungsangebot wirksam wird.

Beitrag für „Guardini akut“ (KW 18, 2020), ein Angebot der der Guardini Stiftung e.V. in der Corona-Krise:
https://www.guardini.de/projekte/guardini-akut/guardini-akut-kw-18-tilman-asmus-fischer.html

Klartext in Sachen Judentum und Israel

Michael Wolffsohn kämpft mit seinem neuen Buch für „Fakten in Geschichte und Politik“

Von Tilman Asmus Fischer

„Tacheles reden“ – diese Redewendung kennt wohl fast jeder. Sie bedeutet: Klartext reden ohne falsche Rücksichtnahme. Eingewandert ist das Wortspiel über das Jiddische in den deutschen Wortschatz, ursprünglich abstammend vom althebräischen Wort Taklit. Das lässt sich mit „Ende“, „Äußerstes“ oder „Zweck“ übersetzen.

„Tacheles reden“ – genau das tut auch der 1947 in Tel Aviv geborene Historiker Michael Wolffsohn in seinem Buch, das darum eben den Titel „Tacheles“ trägt. Wolffsohn lehrte über 30 Jahre an der Bundeswehr-Universität München Neuere Geschichte. In Zeiten von Fakenews, Debatten um „politische Korrektheit“ und einer von Rechtspopulisten ausgerufenen geschichtspolitischen Kehrtwende tritt der Autor für „Fakten in Geschichte und Politik“ ein – seziert Narrative, die die deutsche Erinnerungskultur prägen, und zeigt auf, wie auf diesem Hintergrund Tagespolitik betrieben wird.

Gleich einem roten Faden kommt Wolffsohn, dessen Vorfahren Ende der 1930er Jahre aus Berlin ins damalige Mandatsgebiet Palästina flohen, immer wieder auf die christlich-jüdischen, deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Beziehungen zu sprechen. Auch hier verzichtet er auf eine falsche Rücksichtnahme. Das gilt gerade – aber nicht nur – für seine scharfsinnigen Analysen zum Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus sowie zum Antisemitismus in Deutschland und Europa. Auf dessen islamische und politisch linke Spielarten – neben den dominanten rechten – weist er deutlich hin.

Unabhängig von den Gefahren des Antisemitismus markiert Wolffsohn zudem die in unseren Sphären prägende Säkularisierung der Gesellschaften als entscheidende Herausforderung für das Diaspora-Judentum: „Von innen betrachtet, jenseits aller Gefahren von außen, führt die nichtreligiöse, kulturell und historisch ajüdische Mehrheit der Diaspora-Juden eine geradezu klassisch ‚absurde Existenz‘. Sie ist und ist zugleich nicht jüdisch.“

Vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie der immer wieder wuchernden Judenfeindschaft gewinnt sowohl Wolffsohns begründete Kritik an der Israel-Distanz von Teilen der politischen Landschaft Deutschlands, als auch seine Betonung der Bedeutung des jüdischen Staates an Evidenz: „Wenn überhaupt ein Staat seine (jüdischen; TAF) Bürger schützen kann und will, weil die Gesellschaft dessen Gewaltmonopol billigt und Polizei sowie Militär als Teil ihres Wir wahrnimmt, dann Israel.“

Spannend macht die Lektüre des Buches in besonderer Weise, dass der Zeithistoriker über die Epochengrenzen der Neuzeit hinausgreift und dabei Überlegungen insbesondere auch zur antiken Religionsgeschichte anstellt. Anhand von König David und Judas zeigt er: Judentum und Christentum haben – auch innerhalb der jeweiligen Überlieferungsgemeinschaft – vielfältige Bilder der biblischen Personen hervorgebracht. Zudem befasst sich Wolffsohn mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Hebräischer Bibel und Neuem Testament in Menschen- und Gottesbild und Ethik. Seine hierbei entwickelten Thesen sollten für den interreligiösen Dialog fruchtbar gemacht werden: denn auch dieser kann „Tacheles reden“ vertragen.

Michael Wolffsohn, Tacheles. Im Kampf um die Fakten in Geschichte und Politik, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2020. 320 Seiten, 26 Euro.

Erschienen in: „die Kirche” – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 17/2020.

Den Schöpfergott vor Augen

Ein Sammelband lässt Joseph Ratzinger zum Verhältnis von Glaube und Politik zu Wort kommen

Von Tilman Asmus Fischer

An Glaube und Religion kommt, wer heutzutage Gegenwartshermeneutik betreibt, nicht vorbei. Ob man der Säkularisierungsthese oder der Idee einer Wiederkehr der Religion anhängt: für beide Positionen ist die Frage nach der Relevanz dieser Faktoren konstitutiv. Dabei sind beide Konzepte nicht bloß soziologische Deutungsmuster, sondern stehen nicht selten im Dienst weltanschaulicher Programme, die entweder einen strikten Laizismus oder eine Restauration religiöser Dominanz predigen. Daher trifft das vergangenes Jahr von Pierluca Azzaro und Carlos Granados herausgegebene Buch „Die Freiheit befreien“ den Nerv der Zeit, indem es eine Auswahl von Texten des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, bietet, die sich mit „Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ befassen.

Vom ältesten Text – einer Predigt vor katholischen Bundestagsabgeordneten aus dem Jahre 1981 – bis hin zur im Band enthaltenen Erstveröffentlichung – einer Antwort auf Marcello Peras Buch „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ – treten zwei zentrale Grundlinien hervor: Zum einen steht hinter allen Beiträgen das für Ratzinger typische Paradigma eines korrelativen Verhältnisses von Glaube und Vernunft, zum anderen erschließt der Autor vor diesem Hintergrund fundamentale Normen und Kriterien politischen Handelns in christlicher Verantwortung. Dabei erscheint der Systematiker und frühere Bischof von Rom kaum als der dogmatische Hardliner, als den ihn seine Kritiker gerne zeichnen, – sondern vielmehr als einer der großen Denker der (Post-)Moderne, dessen Positionen mannigfaltige Anknüpfungspunkte für den Diskurs eröffnen, gerade nicht nur aus einem christlichen Blickwinkel heraus.

Dies hat seinen Grund gerade darin, dass es ihm immer wieder gelingt, plausibel zu machen, in welchem Maße sich rechtsphilosophische Grundpfeiler der westlichen Zivilisationen – wie der Liberalismus und das Verständnis des Menschen als Rechtssubjekt –, die auch aus einer säkularen Perspektive unverzichtbar sind, fundamentalen Überzeugungen eines christlichen Welt- und Menschenbildes, mithin der Idee der Gottesebenbildlichkeit, verdanken. So konstatiert Ratzinger in der Auseinandersetzung mit Pera: „Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.“

Hier und an anderen Stellen tritt Ratzinger wiederholt – und mit überzeugenden Argumenten – für eine Rückbesinnung auf naturrechtliche Traditionen ein. Es ist zudem eben das Naturrecht, dem Ratzinger ein anhaltendes Dialogpotenzial beimisst – gerade für die Kirche in der Moderne: Als Argumentationsfigur ermögliche es der katholischen Kirche, „in den Gesprächen mit der säkularen Gesellschaft und mit anderen Glaubensgemeinschaften an die gemeinsame Vernunft [zu appellieren] und die Grundlagen für eine Verständigung über die ethischen Prinzipien des Rechts in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft“ zu suchen.

Letztlich verharrt Ratzinger nicht in der Reflexion rechts- und religionsphilosophischer Abstrakta, sondern buchstabiert immer wieder auch die sozialethischen – und damit letztlich auch politischen – Konsequenzen seiner Theologie aus. Dies gilt etwa für den Gedanken einer „zweite[n] Realpräsenz Jesu“ – neben der sakramentalen: „in den Geringsten, in den Getretenen dieser Welt, in den Letzten […], in denen Er von uns gefunden sein will“. Wenn Papst Franziskus in seinem Vorwort zu „Die Freiheit befreien“ ebendiesen Gedankengang – und Ratzingers damit verbundenes Eintreten für eine Christus gemäße Veränderung der Welt – hervorhebt, zeigt sich wieder einmal, in welchem Ausmaß die „politische Diakonie“ des amtierenden Papstes der Theologie – und insbesondere der Christologie – seines Amtsvorgängers verpflichtet ist.

Wie zeitlos das Denken Ratzingers ist, zeigen drei – bereits 1995 gemeinsam unter dem Titel „Wahrheit, Werte, Macht. Prüfsteine einer pluralistischen Gesellschaft“ erschienene – Vorträge, die der Autor 1991/1992 in Dallas, Paris und Pressburg gehalten hatte. Sie waren entstanden vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche im befreiten Ost(mittel)europa, sind aber noch heute aktuell – teils erschreckend aktuell: So erinnert Ratzinger angesichts fremdenfeindlicher Ausschreitungen im wiedervereinigten Deutschland an den heute fast vergessenen Faschismustheoretiker Hermann Rauschning, der den Nationalsozialismus als eine „Revolution des Nihilismus“ beschrieben hatte. Blicken wir heute nach Chemnitz und in andere deutsche Städte, wird die bleibende Bedeutung von Ratzingers Einsicht deutlich: „Die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als ein gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen, scheint mir eine Bedingung für das Bleiben der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren totalitären Folgen zu sein.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend. Herder, Freiburg 2018, 216 Seiten, ISBN 978-3-451-37980-2, EUR 22,–

In ähnlicher Form erschienen am 25. Juli 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Kirche macht Politik möglich

Zu wenig kontrovers, zu viel Beifall für die Politik. Das war über den Kirchentag zu hören. Anders erlebte das ein Berliner Journalist, der dabei war.

Von Tilman Asmus Fischer

„Ende gut, alles gut!“ Diese Redewendung vermag auf den zurückliegenden 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund nicht so recht zuzutreffen. Denn dessen Ende – der im Fernsehen übertragene Abschlussgottesdienst im Westfalenstadion – blieb weit hinter vielleicht nicht allem, aber doch dem allermeisten zurück, was die über 120.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den vorangegangenen Tagen erleben durften.

Abschlussgottesdienst im Westfalenstadion
(Foto: DEKT)

Allen medialen Unkenrufen über die tatsächlich eher speziellen Workshops „Vulven malen“ und „Schöner kommen“ zum Trotz: Wer sich zum Protestantentreffen ins Ruhrgebiet aufgemacht hatte, erlebte nicht nur ein Freude und Zuversicht spendendes Glaubensfest, sondern ebenso Vorträge und Podien zu drängenden Fragen der Zeit und Debatten mit Tiefgang und Niveau, die bisweilen, vielleicht nicht so oft, wie erhofft, kontrovers werden konnten. Vor diesem Hintergrund wirkte das Finale im Stadion – mit seinem Kontrast aus popkultureller Inszenierung mit Hang zum Banalen und werteselig proklamierten politischen Forderungen – durchaus befremdlich.

Der Kirchentag erkannte wieder einmal die Zeichen der Zeit: Migration, Klimawandel und Populismus. Diese Herausforderungen erfordern jedoch eine besonnene, verantwortungsethisch orientierte Debatte. Die Predigt von Pfarrerin Sandra Bils aus Hannover und die Ansprache von Kirchentags präsident Hans Leyendecker waren hingegen eher von Pathos und Pauschalisierung geprägt. So etwa Leyendeckers Anklage: „Pilatus wusch sich die Hände in Unschuld. Europäische Politikerinnen und Politiker waschen sie in dem Wasser, in dem Flüchtlinge ertrinken.“

Anders als der Abschlussgottesdienst stellten die Veranstaltungen des Kirchentags mit all ihren Referenten, Moderatorinnen, Anwälten des Publikums und Diskutantinnen unter Beweis: Kirche kann und muss heute mehr denn je Raum und Akteur gesellschaftlicher Verständigungsprozesse sein. Damit trägt sie dazu bei, Politik möglich zu machen und das Vertrauen in die Demokratie zu stärken. Geschieht dies – wie auf Kirchentagen – durch persönliche Begegnung jenseits von Filterblasen in den sogenannten sozialen Medien, ist dies umso besser.

Schließlich ist zu hoffen, dass die Tage in Dortmund im Rückblick bei den Verantwortlichen des Kirchentags in Fulda das Vertrauen wachsen lassen in die Diskursfähigkeit der Kirchentagsbesuchenden. Man mag über die Entscheidung, Vertreter der AfD derart demonstrativ vom Kirchentag auszuschließen, denken, wie man will. Gleiches gilt für die kurzfristige Absage einer Veranstaltung aufgrund der Nähe zweier Podiumsteilnehmer zur BDS-Kampagne, die durch Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen einen Wandel der Politik Israels gegenüber den Palästinensern erzwingen will – dabei jedoch immer wieder zu einer Plattform antisemitischer Ideologien wird. Zumindest aber dürfte außer Frage stehen, dass Deutschlands Protestanten im Meinungsstreit über das verfügen, was der Historiker Timothy Garton Ash „robuste Zivilität“ nennt; dass sie damit auch zu einer Auseinandersetzung mit heiklen politischen Positionen fähig sind. Es gilt zu prüfen, ob ihnen die Diskussion mit deren Vertretern beim Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt/Main nicht doch zugetraut werden sollte.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 26/2019.

Der da ist und der da war und der da kommt

Andacht zu 2. Mose 3,1-15

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Wie oft haben wir diesen Kanzelgruß schon gehört – „von dem, der da ist und der da war und der da kommt“, wie es im ersten Kapitel der Johannesoffenbarung heißt. Für viele von uns wird er zur Gewohnheit geworden sein. Doch diese Worte sind mehr als eine Förmlichkeit. Diese Worte sollen uns vielmehr an etwas erinnern: daran, warum die frohe Botschaft, die Sonntag für Sonntag gepredigt wird, uns wirklich trägt; daran, von wem die Predigt spricht; daran, warum es gerade dieser ist, der uns aus den Zwängen und Verstrickungen des Alltags herausrufen und befreien kann. Neben den Dreiklang „Vater – Sohn – Heiliger Geist“ tritt ein zweiter: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dies ist keine Konstruktion aus dem Glasturm akademischer Dogmatik. Von dem Dreiklang „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ erzählt bereits das zweite Buch Mose im dritten Kapitel.

Philipp Schumacher: Moses vor dem brennenden Dornbusch, 1930
(Katholisches Religionsbüchlein für das Bistum Speyer, 1951)

Gegenwart

Auf dem Berg Horeb offenbart sich Gott Mose in einer Situation größter Bedrängnis: Sein Volk lebt versklavt unter ägyptischer Herrschaft, er selbst – der Unterdrückung entflohen – als Hirte im Wüstenexil. Da bricht Gott in seine und seines Volkes Gegenwart hinein – wird präsent: als mitfühlender und handelnder Gott. Er sieht das Elend und erkennt das Leiden. Schon dies ist eine heilsame Zusage: Die Mächte dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Mögen die Israeliten auch geknechtet und in Unrecht gehalten werden – der Blick ihrer Unterdrücker auf sie ist bereits relativiert; es gibt eine Instanz, die um Elend und Leid weiß und es beim Namen nennt. Aber mehr als das: Gott weiß nicht nur um Elend und Leid, er will es auch wehren und die Israeliten in die Freiheit führen. Und hierzu bedient er sich des Mose: „ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst“.

Die Befreiungsgeschichte, die diesem Fanal folgt, kennen wir: Den Exodus. Die sagenhafte Erzählung einer solchen Befreiung müssen wir nicht versuchen, eins zu eins mit Bemühungen um historische Genauigkeit in das Hier und Jetzt zu übertragen. Ihr tieferer Sinn bewahrheitet sich uns jedoch dort, wo wir erleben, dass das Vertrauen auf Gott innerlich befreit und zu befreiendem Handeln befähigt, wie einst Mose: Er kann die Israeliten in die Freiheit führen, da er weiß, dass Gott das Leid der Israeliten sieht. Der konkreten Befreiung muss vorausgehen, dass die Perspektive der Unterdrücker relativiert wird: Das hebt Unrecht und Unterdrückung nicht auf, aber das Wissen der Unterdrückten, von Gott angesehen zu sein, nimmt den Unterdrückern das letzte Wort und eröffnet neue Perspektiven. Solche neuen Perspektiven können dazu führen, sich konkret zu befreien. Dass erleben wir im Kleinen, wenn wir uns frei machen von bedrängenden Normen und Urteilen unserer Mitmenschen. Das erleben wir aber auch im Großen, wo Menschen sich dazu befreien lassen, gesellschaftliche und politische Verhältnisse neu zu denken und für einen Wandel einzutreten.

So wird Gott auch dem Mose gegenwärtig. Doch in diesem befreienden Sinne bedeutsam und wirksam wird diese Gegenwart Gottes für ihn erst dadurch, dass sie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft Gottes steht.

Vergangenheit

Der junge Israelit sieht das Wunder – einen brennenden, jedoch nicht verbrennenden Dornbusch –, barfuß steht er schließlich auf dem heiligen Land. Doch das Ereignis erschließt sich ihm erst, als sich sein Gegenüber in der gemeinsamen Vergangenheit mit seinem Volk zu erkennen gibt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Er ist der Gott, der Abraham zum ‚Vater der Völker‘ machte, ihm im hohen Alter seinen Sohn Isaak schenkte und mit Jakob am Jabbok rang. So hat sich Gott in der Vergangenheit erwiesen – und im Wissen um diese Vergangenheit wird er nun von Mose erkannt, der vor ihm sein Angesicht verhüllt: „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“.

Diese Gottesfurch ist keine Furcht, die in Passivität drängt – Mose wird nicht starr vor Angst. Sie ist vielmehr das ehrfürchtige Vertrauen auf Macht und Größe Gottes, wie sie sich in der Geschichte gezeigt haben. Dieses Vertrauen eröffnet neue Perspektiven und Handlungsoptionen. Mose fragt: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Und Gott antwortet: „Ich will mit dir sein.“ Gott will an seiner Seite gehen, wie er bereits an der Seite seiner Väter gegangen war. Hierauf darf Mose vertrauen und in diesem – historisch gewachsenen – Vertrauen kann Mose zu den Israeliten gehen. Und wenn er zu ihnen spricht, kann er wiederum an ebendieses Vertrauen appellieren: „Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!“

Der Glaube bedarf der historischen Vergewisserung, des vorausliegenden Glaubenszeugnisses. Das ist bei uns nicht anders als bei den Israeliten vor tausenden von Jahren. Solche Zeugnisse finden wir in der Bibel, jedoch auch in der Geschichte unserer Kirche: Martin Luthers „Hier stehe ich“ ist ein solches Freiheitszeugnis. Neben dieses treten im 20. Jahrhundert etwa die Zeugnisse bekennender Christen unter totalitärer Herrschaft in Europa. Nicht umsonst prägten gerade Christen die Bürgerrechtsbewegung der Wendejahre im Ostblock, deren 30. Wiederkehr wir dieser Tage gedenken.

Auch heute gibt es Menschen, die sich in Europa – vor allem im östlichen Europa – aus einem befreienden Glauben heraus für politischen und gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Im vergangenen Herbst erzählte mir der griechisch-katholische Weihbischof von Kiew, Bohdan Dzyurakh, wie sich seine Kirche im Dezember 2013 an die Seite der proeuropäischen Demokratiebewegung stellte und er selbst mit anderen Geistlichen unter Scharfschützenfeuer den Menschen auf dem Maidan beistand. Auf die letzten Jahre zurückblickend, entwarf er das Bild einer Kirche, die sich durch die Botschaft ihrer Verkündung befreit sieht und aus diesem Bewusstsein heraus politisch und gesellschaftlich tätig wird:

„Kirche wird immer ‚mater et magistra‘ genannt, und wenn die Kirche nicht nur Lehrerin, sondern auch Mutter sein möchte, dann kann sie sich nicht vom Leid der Menschen zurückziehen, wo sie in ihrer Würde erniedrigt, verfolgt und ihrer Rechte beraubt werden. […] Wir betrachten uns nicht als diejenigen, die den Machthabern dienen, sondern wir wollen dem Volk, den Menschen dienen – und genauso sehen wir die Berufung der Politiker. Wenn die Politiker aber von dieser Berufung abweichen, wenn sie versuchen, die Leute zu unterdrücken und auszubeuten, dann muss die Kirche die Stimme der Unterdrückten werden.“

Solche Worte regen an, zu fragen, wo der Glaube uns selbst innerlich befreit und zum Handeln drängt – oder wir uns vielmehr von ihm befreien lassen und uns nicht dieser Befreiung versperren sollten.

Zukunft

Doch das Wissen um die Geschichtsmächtigkeit Gottes allein wird uns nicht genügen, um uns von Gott befreien zu lassen, so wie es auch Mose und den Israeliten nicht genügt hat. Hierauf zielt Moses Frage, was er denn den Israeliten sagen solle, wenn diese fragten: „Wie ist sein Name?“ – „Mose erwartet vom Volk die Frage nach Sinn und Wesen eines von den Vätern her bekannten Namens.“ So hat es Martin Buber formuliert. Seine Frage zielt also auf eine Eigenschaft Gottes, die diesen gegenüber seinem Volk ausweist und Vertrauen stiftet.

Dies ist eine große Frage, auf die der Gefragte eine erstaunlich kurze Antwort gibt: „Ich werde sein“. Was soll dies nun über Gott sagen? Fehlt doch gerade jegliches Prädikat für Gott: Was wird er sein? Liebevoll, zornig, mächtig, allwissend, richtend, rechtend? Jedoch: Diese kürzeste aller denkbaren Antworten ist zugleich die eigentlich größte und umfassendste Antwort: Gott lässt sich nicht auf eine Eigenschaft festlegen. Aber mehr noch: Die Antwort hätte ja auch lauten können: „Ich bin.“ Indem Gott jedoch antwortet „Ich werde sein“, greift er über Vergangenheit und Gegenwart hinaus: Er erweist seine Hoheit über die Zukunft.

Eben hierin unterscheidet er sich von jedem Geschöpf und jeder irdischen Macht: Denn es mag mehr oder weniger einfach sein, eine Aussage über sich selbst zu treffen vor dem Hintergrund der eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Doch spätestens, wenn ich versuche, eine Aussage über mich in der Zukunft zu treffen, werde ich meiner Bedingtheit durch Umstände und Entwicklungen gewahr, die nicht in meiner Hand liegen. Frühere Generationen haben diese Erfahrung, dass die eigene Zukunft letztlich unberechenbar ist, in die Worte gefasst: „So Gott will und wir leben“. Eben, so Gott will – und nicht wir. „Ich werde sein“ – dies heißt für die Israeliten zugleich: ‚Ich werde für Euch da sein.‘ – Was auch immer passiert. Dieser Zusage bedarf es, um auf Gott zu vertrauen. Dass Gott war und an ihrer Seite war, wussten die Israeliten aus ihrer Geschichte.

Dass Gott sein wird und an ihrer Seite sein wird, dessen können sie sich nicht selbst versichern. Aber Gott spricht es ihnen zu, so wie er es auch uns heute zuspricht. Und so, wie die Israeliten diesen Zuspruch bejahen konnten, sind auch wir eingeladen, ihn zu bejahen – im Vertrauen auf den, „der da ist und der da war und der da kommt“.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Morgenandacht am 2. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2019, in Marienbad im Rahmen der Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates.

Prononciert

Eine praktische Kulturtheologie

Wilhelm Gräb: Vom Menschsein und der Religion. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2018, 348 Seiten, Euro 39,–.

Wissenschaftliche Gesamtschau und Streitschrift – in einer solchen Doppelgestalt erscheint das neue Buch von Wilhelm Gräb. Als Gesamtschau bietet „Vom Menschsein und der Religion“ den Ertrag einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Fragen der Religionsphilosophie – immer wieder ausgehend vom und hinführend zum Denken Friedrich D. E. Schleiermachers. Als Streitschrift kann das Buch insofern gelesen werden, als ihm der Impetus innewohnt, auf eine Ausrichtung der Gesamtheit evangelischer Theologie im Sinne einer „praktischen Kulturtheologie“ hinzuwirken – in wiederholter Abgrenzung zu einer Offenbarungstheologie, deren gewichtiger Vertreter Karl Barth bei Gräb Schleiermacher gewissermaßen als Antipode gegenübersteht.

Schleiermacher dominiert sodann auch den ersten der vier Teile des Buches, in dem die „Religion in ihrer Zugehörigkeit zum Menschen“ beleuchtet wird. Neben dem Gründungsvater der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität kommen hier vor allem Paul Ricoeur, Philipp Jacob Spener, Paul Tillich und Falk Wagner zur Geltung. Dieser Durchgang durch die Theologie- und Philosophiegeschichte umfasst zugleich etwas mehr als die Hälfte des gesamten Buches. Die drei in der zweiten Hälfte versammelten Abschnitte nehmen hieran anknüpfend Aktualisierungen vor – mit Blick zunächst auf kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen von Religion, alsdann auch auf die „kulturelle Performanz der Religion“ in bildender Kunst, Musik und Literatur. Abschließend buchstabiert Gräb die Konsequenzen seiner Überlegungen für die akademische Theologie aus.

Prägnanz gewinnen die Gedankengänge des Verfassers durch seine Neigung zu pointierten Kontrastierungen – begonnen bei derjenigen zwischen Sinnfragen und Dogma als Zentrum des Verständnisses von Religion. Hinzu tritt etwa die Gegenüberstellung von „religiöser Deutungskultur“ und „tradierte(n) Glaubenssätzen als geoffenbarte(r) Glaubenswahrheit“ als Gegenstand religiöser Bildung. Dies setzt sich fort bis in den Entwurf einer „praktischen Kulturtheologie“, die sich die „theologische Hermeneutik der Kultur“ zur Aufgabe macht. Sie steht damit einer „Kirchentheologie“ gegenüber, die sich primär den biblischen und kirchlichen Überlieferungen verpflichtet weiß. Teils drängt sich freilich die Frage auf, welche weiteren Perspektiven sich eröffneten, wenn das Verhältnis zwischen den gegenübergestellten Konzepten etwas weniger dichotom aufgefasst würde. Etwa, wenn Gräb die gegenwärtige Öffentliche Theologie als dogmatisch-wächteramtlich umreißt und ihr eine Ausrichtung an der Religion als „Angelegenheit des Menschen“ im Sinne Spaldings gegenüberstellt.

Als wissenschaftliche Gesamtschau zeigt das Buch Voraussetzungen und ideengeschichtliche Entwicklungen theologischen und religionsphilosophischen Denkens in der Tradition Speners, Schleiermachers und Tillichs ebenso auf wie ihren Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen in einer weltanschaulich pluralistischen und individualisierten Gesellschaft. Damit vermag das Buch, die Beweggründe, Konzepte und Argumente neuprotestantischer, beziehungsweise liberaler Theologie zu plausibilisieren und – auch dem anderen theologischen Denkschulen verpflichteten Leser – zu erschließen. Das prononcierte und streitbare Eintreten Gräbs für eine „praktische Kulturtheologie“ fordert den Leser heraus, sich dieser Position gegenüber zu verhalten: Mag es auch teils so erscheinen, als wenn der Spielraum zwischen Zustimmung oder Ablehnung gering sei – dies stellt in jedem Fall sicher, dass es nicht bei einer beliebigen Haltung gegenüber den Thesen des Autors bleibt, sondern vielmehr eine fruchtbare Kontroverse eröffnet wird.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 5/2019.

Im Ministerium zur Andacht

Seit 2016 bietet die Evangelische Militärseelsorge regelmäßige Gottesdienste im Verteidigungsministerium an

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist Mittwochmorgen, viertel vor acht. Malte Mevissen durchquert den Innenhof des Bendlerblocks. Alle zwei Wochen betritt der Kirchenmusiker, der hauptberuflich für eine große Kreditanstalt in der beruflichen Weiterbildung tätig ist, den von Feldjägern bewachten Seitenflügel des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) in Berlin. In der hauseigenen Kapelle wird er gleich den Gottesdienst begleiten, den Militärdekan Peter Schmidt mit zivilen wie uniformierten Mitarbeitern des Hauses feiert.

Waren zuvor Gottesdienste im BMVg lediglich anlassbezogen durchgeführt worden, entschied sich Schmidt, als er 2016 das Amt des Militärdekans antrat, einmal im Monat jeweils eine Andacht und einen Abendmahlsgottesdienst anzubieten – verbunden mit der anschließenden Möglichkeit eines gemeinsamen Frühstücks. Und dieses Angebot wird dankbar angenommen. „Man merkt, dass die Menschen den Zuspruch suchen“, so Schmidt. Es fügte sich, dass just 2016 die Kapelle im BMVg in neue Räumlichkeiten umziehen musste. Dies bot Gelegenheit zur Neugestaltung – einschließlich einer Orgel. Zuvor hatte ein Keyboard für die musikalische Gestaltung herhalten müssen.

Als Peter Schmidt vor zweieinhalb Jahren einen Organisten suchte, ergab es sich, dass er Malte Mevissen bei einem Gottesdienst in seiner Ortsgemeinde kennenlernte, wo dieser als Organist eingesprungen war. Dies tut Mevissen an vielen Sonntagen im Jahr in unterschiedlichen Berliner Kirchen. Bereits als Jugendlicher hatte er begonnen, sich das Orgelspiel beizubringen, später legte er die Prüfung für den C-Schein als Kirchenmusiker ab. Es folgte ein Studium der Schulmusik, das ihn letztlich jedoch in den Bereich der Erwachsenenbildung führte. An Sonntagen – oder eben zweimal im Monat am Mittwochmorgen – zieht es ihn aber immer wieder als nebenamtlichen Organisten ans Manual.

Während es draußen über den Dächern Berlins hell wird, treffen die Gottesdienstbesucher in der Kapelle ein. Viele kommen regelmäßig, man kennt sich. Peter Schmidt begrüßt jeden mit Händedruck. Hierarchien spielen in der Kapelle keine Rolle: Hier sitzen politische Entscheidungsträger neben Feldjägern vom Wachdienst. Gemeinsam ist ihnen, dass sie durch den Ort, an dem sie arbeiten, in besonderer Weise geprägt sind, sagt Schmidt: „Das Haus färbt ab. Es handelt sich um Menschen, die unter starkem Druck stehen und die enorme öffentliche Aufmerksamkeit spüren, die dem Ministerium zukommt.“ Auch aus kirchenmusikalischer Sicht hat der Teilnehmerkreis seine Besonderheiten: „Der Gesang ist viel kräftiger als in normalen Gemeinden“, stellt Mevissen fest. Die ausgeprägte Singbereitschaft mag damit zusammenhängen, dass es sich bei der Teilnahme an einem Gottesdienst mitten in der Arbeitswoche um eine sehr bewusste Entscheidung handelt.

Mit ihren Gedanken und Fragen können sich die Gottesdienstbesucher in der Kunstinstallation vorne in der Kapelle wiederfinden: Eine Holzskulptur zeigt einen Menschen, der – verlassen auf einem großen Stuhl sitzend – seinen Kopf einem Relief zugewandt hat, welches das Gesicht des Gekreuzigten zeigt. „Ein Mensch, der sein Maß sucht und auf Gott blickt“, so deutet Schmidt das Kunstwerk. In diesem Sinne will Militärdekan Peter Schmidt mit seinen Gottesdiensten den Besuchern helfen, den christlichen Glauben zu erschließen. Dabei spielen für ihn Predigt, Liturgie und Kirchenmusik unmittelbar zusammen. Damit trägt gerade auch das Orgelspiel von Malte Mevissen wesentlich zum Dienst an den Menschen im BMVg bei.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 8/2019.