AFD – eine Alternative für Juden?

Die Initiatoren der Gruppe „Juden in der AfD“ wollen eine Stimme des jüdischen Lebens in Deutschland sein.

Von Tilman Asmus Fischer

Die AfD sei „keine Alternative für Juden“, hatten der Zentralrat der Juden in Deutschland und mehrere Dutzend jüdischer Organisationen bereits vor Gründung der Bundesvereinigung „Juden in der AfD“ (JAfD) am zurückliegenden Wochenende erklärt. Ihre Haltung begründen die Unterzeichner mit antidemokratischen und rechtsradikalen Strömungen innerhalb der Partei. Zudem richte sich auch die Politik der AfD direkt gegen Juden: „Die AfD fordert in ihrem Wahlprogramm ein Verbot des koscheren Sehächtens und der Beschneidung. Wer diese im Judentum fundamentalen Gebote zur Disposition stellt, der spricht Juden in Deutschland das Recht ab, in diesem Land zu leben.“ Wie will der Zentralrat nun, nach Gründung der JAfD, mit der neuen Vereinigung umgehen? Da er eine Zusammenarbeit mit der AfD ablehne, lehne er auch eine Zusammenarbeit mit der neuen Bundesvereinigung ab, erklärt der Zentralrat gegenüber der „Tagespost“.

Einen ersten Eindruck vom Selbstverständnis und der Programmatik der JAfD vermittelt eine vorläufige Grundsatzerklärung, die von den Initiatoren vorbereitet worden war und deren Bearbeitung durch den Vorstand der gerade gegründeten Vereinigung noch aussteht. Dominiert wird das Papier von der – in der AfD etablierten – ablehnenden Haltung gegenüber ‚dem Islam‘, unter besonderer Betonung antisemitischer Positionen im islamischen Kontext und hieraus resultierender Ausschreitungen gegen Juden. Diese islamkritische Stoßrichtung prägt zugleich die pro-israelischen Positionen der Erklärung. Ein weiteres klassisches Motiv der AfD-Programmatik wird mit der Ablehnung von „Gender-Mainstreaming und Frühsexualisierung“ angeführt. Insgesamt liegt für die JAfD-Gründer eine „Allianz der Rechtskonservativen in Europa mit dem Judentum“ äußerst nahe. Eine interessante Parallele besteht zur Kritik der Gesamtpartei und der Gruppe „Christen in der AfD“ an den deutschen Amtskirchen: So gehe man „nicht davon aus, Unterstützung vonseiten des Zentralrats zu erhalten, da dieses Organ, ebenso wie etwa die Landeskirchen und Diözesen, aus staatlichen Mitteln finanziert wird und mithin eine gewisse Konformität zur Schau zu stellen hat“.

Es gilt abzuwarten, wie sich die inhaltliche Profilierung der JAfD vollziehen wird – ist doch bisher ein markantes programmatisches „Mehr“, das über die bekannten AfD-Positionen hinausginge, nicht erkenntlich. Hören wird man auf jeden Fall von der neuen Bundesvereinigung. Gegenüber der „Tagespost“ gibt der stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Fuhl einen Ausblick auf die mittelfristigen Aktivitäten: „Wir wollen inner- und außerparteilicher Ansprechpartner für alle Bereiche jüdischen Lebens in Deutschland, Israel-Politik, jüdische Geschichte/Antisemitismus sein. Wir wollen mit Expertisen, Vorträgen, Stellungnahmen und Resolutionen unser Wissen teilen.“

Skeptisch gegenüber einem Engagement von Juden in der AfD äußert sich der Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in einer Erklärung, die kurz nach Gründung der JAfD erschien: „Wer jüdischer Abstammung und Mitglied der AfD ist oder sie wählt, ignoriert bewusst, dass Ausgrenzung und Hass jüdisches Leben gefährden.“

Vor allem aber verweist die Erklärung auf eine eigenständige theologisch grundgelegte politische Tradition des Judentums, welche die JAfD-Programmatik nach dieser Interpretation offenbar ausspare: „Das Judentum hat immer betont, dass die Menschenwürde und die Freiheit des Einzelnen nicht ohne eine soziale Gesellschaft zu verwirklichen sind. Das ist eine politische Kernaussage der Tora (Bibel) und des Talmuds.“ Zudem erinnere „das Judentum mit dem Pessachfest an die Freiheit durch die Beendigung der Sklaverei“ – und damit an Freiheit als „ein Hauptmotiv des Judentums“. Auf die Betonung gemeinsamer Anliegen von Judentum und Christentum hofft Volker Münz, der als kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion die Gründung der JAfD begrüßt: „Ich erwarte, dass die politischen und ethischen Gemeinsamkeiten zwischen konservativen christlichen und jüdischen Deutschen deutlicher sichtbar werden. Die europäische Kultur ist tief vom Christentum geprägt, das Christentum seinerseits im Judentum verwurzelt – es gibt deshalb viele Werte, die wir teilen und denen wir im politischen Diskurs in Zukunft noch mehr Gewicht verleihen können.“

Am Ende dürfte die Entwicklung einer Gruppe wie der JAfD nicht nur ein Phänomen des religionspolitischen Diskurses sein. Sie ist auch Indikator für Entwicklungen, die Fragen der grenzüberschreitenden Ökumene und des interreligiösen Dialogs betreffen. Denn sowohl die Idee einer „Allianz“ von Judentum und Rechtskonservativen als auch die eines gemeinsamen Eintretens konservativer Juden und Christen für gemeinsame Werte korrespondieren mit dem Konzept einer „konservativen Ökumene“, die von der Russischen Orthodoxen Kirche ebenso wie von konservativen Christen in den USA unterstützt wird.

Sollte diese Vision, die zwar Konservative über Konfessionsgrenzen hinweg vereint, die einzelnen religiösen Gemeinschaften jedoch vor eine Zerreißprobe stellt, auch für Deutschland an Relevanz gewinnen?

Erschienen am 11. Oktober 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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„Wir nutzen die Liturgie“

Bischof Clemens Pickel von Saratow, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz in Russland, über die praktische Seite der Neuevangelisation in Russland.

Von Tilman A. Fischer

Herr Bischof, Neuevangelisierung – was bedeutet das für die katholische Kirche in einem Land, das mehr und mehr die Orthodoxie für sich wiederentdeckt?

Neuevangelisierung hat etwas Anrüchiges an sich für Menschen in Russland. Dort lebt man in dem Verständnis, Russland sei immer orthodox gewesen – also schon eintausend Jahre. Dass da dieses Vakuum des Kommunismus war, wird zwar irgendwie registriert, aber im Grunde ist die Idee einer Neuevangelisierung, wie sie die katholische Kirche immer wieder will, den Leuten in Russland unverständlich.

Was meinen demgegenüber die Angehörigen der katholischen Diaspora selbst hierzu?

Die Katholiken, die im Kommunismus ausgehalten haben, sagen: Natürlich muss man neu anfangen! Die alten wolgadeutschen Großmütter, die den Glauben noch an die Enkel weitergegeben haben, waren vor 25 Jahren – als sich Russland öffnete – am Ende. Es war eine Sternstunde, dass die katholische Kirche ihnen noch zur Hilfe kommen konnte bevor der glimmende Docht ganz ausgelöscht war. Das waren einzelne Familien, die geheim noch gebetet haben. Sie verstanden und verstehen, dass die junge Generation jetzt ein Fundament braucht: Katechismus, Glaubenswissen. Es reicht heute nicht mehr aus, zu sagen, am Sonntag geht man in die Kirche. Da macht kein Jugendlicher mehr mit.

Wie konnte und kann ein Neuanfang gelingen?

Die Neuevangelisierung passiert praktisch durch Verkündigung – durch Katechese und Predigt. Natürlich nur für die Leute, die zur Kirche kommen. Aber: Menschen in Russland, die Gott suchen, kommen zur Liturgie, zur Eucharistie. Kirche ist für sie in der Hauptsache Liturgie. Das heißt, wir nutzen die Liturgie durch die in sie eingebettete Predigt zur Evangelisierung. Ich habe in meinem Bistum, so lange ich Bischof bin, allen Priestern immer wieder gesagt: „Bitte jeden Tag predigen, auch wenn nur kurz, aber eine kleine Predigt soll sein.“ Das ist unser Angebot: Den Leuten zu helfen, nicht nur zu beten und durch die Liturgie spirituell zu wachsen, sondern auch geistig durch eine sachliche und klare Predigt.

Gibt es darüber hinaus denn für Ihr Bistum so etwas wie einen „Masterplan“ für die Neuevangelisierung?

Ich habe keine riesigen Konzepte – was man sich in Deutschland immer wieder wünscht. Wenn uns ein Hilfswerk unterstützt, möchte es am liebsten wissen: Was bringt das? In drei Jahren, fünf Jahren? Wie wird es dann bei Ihnen aussehen? Wer wird das Projekt weiterfinanzieren? Gibt es Multiplikatoren? – So funktioniert das in Russland nicht. Einen Plan machen, ist das eine, die Realität ist das andere. Das kommt im religiösen, kirchlichen Bereich daher, dass über drei Generationen organisatorisch nichts da war. Die Leute wollen wirklich, glauben, beten, sind eifrig – kommen, wenn möglich, jeden Tag zur Kirche. Aber dann irgendwann nach zwei, drei Jahren oder fünf Jahren kommt bei einigen plötzlich ein Bruch und wir verlieren sie wieder – teils Menschen, die selbst Wortgottesdienste halten und in der Katechese mitdiskutieren konnten.

Wie müssen wir uns das unter diesen Bedingungen gewachsene Leben in Ihrem Bistum und seinen Gemeinden vorstellen?

Unsere Gemeinden sind ganz klein. Im gesamten Bistum haben wir 20 000 Katholiken und das Bistum ist viermal so groß wie Deutschland. Da kann man natürlich staunen, dass wir trotzdem 40 Priester haben – aber so mancher Priester fährt im Jahr 50 000 Kilometer mit dem Auto, um seine Leute zu besuchen. Dafür sind die Gemeinden aber lebendig: nicht im Sinne von überaktiv – heute dies, morgen das. Lebendig im Sinne davon, dass Leben und Lieben zusammengehören. Wenn jemand nicht zum Gottesdienst kommt, fällt das auf und man kümmert sich umeinander. Das ist gelebte Nächstenliebe – dafür brauchen wir nicht erst ein Caritas-Büro zu gründen.

Ist Ihr Motto also: Evangelisation durch gelebte Gemeinschaft statt Großveranstaltungen?

Wir organisieren schon auch Großveranstaltungen – vor allem für Jugendliche: Dekanatsjugendtage, Diözesanjugendtage, ein gesamtrussisches Jugendtreffen alle drei Jahre. Aber der Akzent liegt tatsächlich mehr auf dem alltäglichen Miteinander: natürlich Christ zu sein, nicht nach einem Lehrbuch. Evangelisierung funktioniert nicht dadurch, andere als Zielgruppe zu fokussieren, sondern dadurch, an sich selbst zu arbeiten. Wenn ich mir selbst Mühe gebe, ein guter Christ zu sein und ein besserer als noch gestern, helfe ich anderen viel mehr als mit Lehrbüchern und Programmen.

Wenn Sie doch an die Öffentlichkeit treten: Wie reagiert die orthodoxe Seite?

Wir sind in der Öffentlichkeit kaum gefragt – beziehungsweise sind wir nach russischem Verständnis ein Fremdkörper, werden oft als „römische“ Auslandskirche betrachtet. Das sind Assoziationen, die bei vielen Russen tief drinstecken – bis hin zu Äußerungen wie: „Wir sind Christen, Ihr seid katholisch.“

Wie stellt sich der Staat vor diesem Hintergrund in kirchenpolitischen Fragen?

Der russische Staat ist ein säkularer Staat und die orthodoxe Kirche eine – freilich die größte – unter mehreren Kirchen. Es gibt so manche Gesetze, die sehen bedrohlich aus. So ist es – ohne einen kirchlichen Dienstausweis – verboten, in ein Dorf zu fahren und in einer Privatwohnung Katechese zu halten. Vergleichbare Gesetze gibt es in letzter Zeit verstärkt. Aber insgesamt ist das nicht die russische Politik: Dort sind wir als katholische Kirche anerkannt, staatlich registriert und die diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan bestehen auf bester Ebene. Wir sind als katholische Kirche nicht die Bösen, die Verdächtigen – naja, verdächtig für manche schon, aber wer wie ich in der DDR geboren wurde, der kennt das. Damit kann man leben.

Erschienen am 20. September 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Mit den Mönchen sieht man besser

Wie Rod Dreher die Kirche wachrütteln will.

Von Tilman Asmus Fischer

„Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: ,Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen.‘“ Diese Worte aus der Ordensregel des heiligen Benedikt stellt der orthodoxe Publizist Rod Dreher seinem neuen Buch voran, mit dem er versucht, das Gedankengut Benedikts von Nursia für das heutige Christentum fruchtbar zu machen. Jetzt liegt „Die Benedikt-Option“, übersetzt von Tobias Klein, auch in deutscher Sprache vor.

Dreher bietet zunächst eine Analyse der Gegenwartslage von Christen in der westlichen Gesellschaft – dabei bezieht er sich weitestgehend auf die Vereinigten Staaten von Amerika, was der deutsche Rezipient zu berücksichtigen hat. Christen – zumindest konservative – stellen dieser Einschätzung nach eine Minderheit dar, die durch die tonangebenden Akteure der säkularen Moderne zunehmend unter Druck geraten. Auf gut 40 Seiten bemüht sich Dreher um eine Herleitung der gegenwärtigen Krise, die bereits mit dem Aufkommen des Nominalismus – und der damit einhergehenden Trennung von „transzendenter und materieller Realität“ – einsetzt und dann stracks über Reformation, Aufklärung und die Umwälzungen des langen 19. Jahrhunderts bis in die Moderne verläuft.

Dieser – zwangsläufig verkürzten – Verfallsgeschichte stellt Dreher im Folgenden die Idee eines ,mönchischen‘ Lebens nach den Regeln des heiligen Benedikt gegenüber. Hiervon verspricht sich der Autor, nicht zu Unrecht, die Möglichkeit, gegenkulturelle Lebensmodelle zu entwickeln und in einer mehrheitlich säkularen Gesellschaft ein autonomes christliches Glaubensleben zu führen. Zentrale Begriffe dieses auf Benedikt aufbauenden Konzeptes sind: Arbeit, Askese, Ausgewogenheit, Beständigkeit, Gastfreundschaft, Gebet, Gemeinschaft und Ordnung.

Was bedeutet das konkret? In fünf weiteren Kapiteln vermittelt Dreher dies anhand von Beispielen einzelner konservativ-christlicher Initiativen unterschiedlich konfessioneller Herkunft. Dabei finden sowohl Fragen nach einer neuen Form christlicher Politik und einer Rückbesinnung auf alte kirchliche Traditionen einen Platz als auch die Auseinandersetzung mit neuen gemeinschaftlichen Lebensformen – vom Familien- bis zum Gemeindeleben – und der Schaffung eigenständiger Bildungsangebote – vom Heimunterricht bis hin zu universitärer Bildung.

Während dies – freilich neu akzentuierte – Problemfelder sind, die auch hierzulande zum klassischen Repertoire von Diskursen um christliche beziehungsweise kirchliche Zukunftsstrategien zählen, eröffnet Dreher unter der Überschrift „Bereit sein für harte Arbeit“ einen bisher weniger bedachten Aspekt: Welche beruflichen und wirtschaftlichen Perspektiven haben Christen, die aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen nicht mehr an ihrem früheren Arbeitsplatz festhalten können?

In zwei abschließenden Kapiteln befasst sich Dreher schließlich mit grundsätzlichen Fragestellungen, die für ihn von zentraler Bedeutung sind: mit der Haltung zur Sexualität und derjenigen zur Technologie. Dominieren im ersten Fall seine Grundsatzkritik an der sexuellen Revolution und seine klare Ablehnung von Pornografie, bietet er im zweiten Fall spannende Reflexionen über den ambivalenten Charakter technologischer Neuerungen.

Während Dreher auf der einen Seite nicht deren alltäglichen Vorzüge leugnet, zeichnet er auf einer grundsätzlicheren Ebene nach, wie sie das menschliche Bewusstsein verändern: „Wenn wir Technologie ganz nach unserem Belieben nutzen können, solange das Ergebnis nur zu unserer Zufriedenheit beiträgt, dann ist jede Realität ,virtuelle Realität‘, das heißt, sie steht jeder Interpretation offen, die uns bleibt.“

Zwar erhebt Dreher lediglich den Anspruch, mit seinem Buch die Kirche „wachrütteln“ zu wollen und „Geschichten konservativer Christen“ zu erzählen und legt kein geschlossenes theologisches Konzept vor. Dennoch lohnt es sich, nach seinen theologischen und religionsphilosophischen Implikationen zu fragen. Dabei ist es – unabhängig davon, wie man sich zu Drehers Ideen im Einzelnen stellt – zunächst einmal spannend, mit der „Benedikt-Option“ einen gedanklichen Entwurf zu lesen, der sich deutlich vom kirchlich-theologischen Mainstream in Deutschland absetzt, indem er unter dem Vorzeichen eines quasi-monastischen Lebens das zu bewahrende Seelenheil des Individuums dem Einwirken der Kirchen auf die Mehrheitsgesellschaft vorordnet. Damit stellt sich der Konvertit Dreher in die Tradition der Orthodoxen Kirche – ein Sachverhalt, den zudem die regelmäßige Berufung auf „traditionelle Werte“ verdeutlicht, wie sie gerade auch die Russische Orthodoxen Kirche propagiert.

Damit einhergehend adaptiert Dreher jedoch auch die Spannungen, die typisch für das Verhältnis zwischen Orthodoxie und „westlicher Moderne“ sind. Dessen schwerwiegendste Folge ist noch nicht einmal, dass die LGBT-Bewegung für Dreher eine derart dominante Stellung in seinem Bedrohungsszenario einnimmt, dass man sich fragen muss, ob dies der Vielfältigkeit an Herausforderungen für das Christentum im 21. Jahrhundert gerecht wird. Vielmehr ist die „Benedikt-Option“ grundiert durch eine tiefgreifende Dichotomie von Welt und „rechtgläubiger“ – ein von Dreher gerne gebrauchter aber nicht näher gefasster Terminus – Christenheit.

Hiermit verbindet sich nicht nur eine endzeitliche Stimmung, die Dreher implizit beschwört, sondern zudem eine explizite kulturkämpferische Metaphorik, wenn etwa von einer „Besatzungspolitik“ der kulturellen Linken, einem gegenwärtigen „Zustand des Barbarismus“ oder von Gottesdiensten als „Waffe“ und „Bollwerk“ die Rede ist.

Damit erfordert die „Benedikt-Option“ vor allem eine vertiefte Reflexion der Überzeugung, dass Christen „nicht von der Welt“ sind. Gewiss lassen sich ausgehend von Drehers Überlegungen auch hierzulande kreative Initiativen für ein gegenkulturelles Christentum entwickeln – jedoch darf nicht ausgeblendet werden, dass wir eben in und mit der Gegenwartskultur leben, in die wir hineingestellt sind.

Rod Dreher: Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft. Fe-Medienverlag, Kißlegg 2018, 400 Seiten
ISBN 978-3863572051 , EUR 19,95

Erschienen am 9. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Der Bekenntnisstarke

Profiliert und mediengewandt: Werner Münch, Schirmherr von „Freude am Glauben“.

Von Tilman Asmus Fischer

Als Schirmherr des Kongresses „Freude am Glauben“ gehört Werner Münch zu den profiliertesten Katholiken in Deutschland. Mit ihm hat das Forum Deutscher Katholiken – dessen Kuratorium Münch angehört – einen renommierten Unterstützer aus dem öffentlichen Leben, der eine bemerkenswerte akademische Karriere und ein Wirken auf unterschiedlichen politischen Ebenen aufzuweisen hat.

Zudem ist der facettenreiche Lebensweg des 1940 in Kirchhellen geborenen Münch geprägt durch tiefen Glauben und ein hieraus erwachsendes nachhaltiges Engagement als bekennender Christ. Über seine frühe Prägung durch die katholische Diaspora in Salzgitter, wo er nach dem Krieg in einfachen Verhältnissen aufwuchs, berichtet Münch in einem Gespräch mit Stefan Meetschen, das unlängst unter dem Titel „Leben mit christlichen Werten“ in Buchform erschien: „Das Gemeindeleben, auch das Verhalten der Gemeinde in den Eucharistiefeiern, war anders als heute. Die Andacht in der Liturgie war ganz selbstverständlich, ohne die vielen ,Events‘, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vielfach Einzug gehalten haben.“ Das Buch wird am Freitag beim Kongress „Freude am Glauben“ um 20 Uhr im Kongresszentrum Esperanto in Fulda vorgestellt.

Letztlich verwundert es vor dem Hintergrund derart starker konfessioneller Prägung nicht, dass sich Münch nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie in den Dienst des katholischen Hochschulwesens stellte. So war er in den 1970er Jahren nicht nur Professor und Rektor der in Vechta ansässigen Katholischen Fachhochschule Norddeutschland, sondern zudem auch Präsident der Rektorenkonferenz kirchlicher Fachhochschulen.

Dabei gingen Münchs Ambitionen über den Bereich der Bildungspolitik hinaus: 1984 zog er für die CDU ins Europaparlament ein und nachdem er seine Partei bei den ersten demokratischen Wahlen in Sachsen-Anhalt unterstützt hatte, wurde er 1990 Finanzminister und 1991 Ministerpräsident des mitteldeutschen Bundeslandes. Nach seinem Rücktritt 1993 blieb er weiterhin aktiv – als politischer Berater, unter anderem für Bulgarien und Aserbaidschan, aber auch als Katholik. Dem tat auch sein Austritt aus der CDU 2009 keinen Abbruch: „Ich habe meine christlich orientierte und motivierte Missionsarbeit im politischen und gesellschaftlichen Raum nicht eingestellt, sondern sie nur verlagert“, erklärt er Meetschen. Neben seinem Engagement im Forum Deutscher Katholiken ist er als Publizist und in der Joseph-Höffner-Gesellschaft, zeitweise auch in deren Vorstand, aktiv.

Erschienen am 19. Juli 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Zachäus ansprechen!

Andacht zu Lk 19,1-10

In den Evangelien steht dem Leser eine große Zahl ganz unterschiedlicher Personen gegenüber: Fischer, Soldaten, Obdachlose – Männer, Frauen, Kinder – Fromme, Eiferer und Zweifler. Ihre Geschichten erzählen von Begegnungen mit dem Sohn Gottes. Sie nehmen uns mit hinein in den Glauben an Jesus Christus, mit hinein in die Nachfolge. Und sie geben uns Beispiele, von denen wir heute lernen können. Dabei tut dies nicht jede Gestalt in gleicher Weise. Vielmehr sind uns aus dem jeweiligen Kontext heraus, in dem wir stehen, bestimmte biblische Personen besonders nahe – ist es der eine Mann oder die eine Frau der Heiligen Schrift, die uns Beispiel und Vorbild sind, uns mit ihrem Zeugnis bewegen. In humanitären Notlagen vielleicht der barmherzige Samariter, in großer Bedrängnis aus Glaubensgründen der Erzmärtyrer Stephanus.

Welche Gestalt kann uns als Christen in Mitteleuropa in besonderer Weise ansprechen? Wir befinden uns weder in einer humanitären Notlage, noch werden wir bedrängt, wie etwa unsere Geschwister im Machtbereich des sogenannten „Islamischen Staates“. Was hingegen prägt unsere Lebenszusammenhänge, aus denen heraus wir auf Gottes Wort hören? Sicher relativer Wohlstand; dann aber auch der zunehmende Verlust an Glaubensgewissheiten in unserer Gesellschaft; in einer Gesellschaft, die mehr und mehr ihren Zusammenhalt verliert. In welcher biblischen Figur können wir in dieser Situation einen Weggefährten und Zeitgenossen finden? – Hier denke ich an Zachäus, den Oberzöllner von Jericho, von dem der Evangelist Lukas im 19. Kapitel erzählt (V. 1-10):

1 Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. 2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. 3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. 4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste. 5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein. 6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. 7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. 8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. 9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Der Prager Theologe Tomáš Halík hat vor einigen Jahren in seinem Buch „Geduld mit Gott“ die „Geschichte von Zachäus heute“ erzählt. Er erinnerte sich an eine Andacht, die er Anfang der 1990er Jahre zum Christfest vor tschechischen Parlamentariern gehalten hatte. Er verglich aus diesem Anlass das Evangelium von Zachäus mit der Lage im eigenen Land:

James Tissot: Zacchaeus in the Sycamore Awaiting the Passage of Jesus
(Brooklyn Museum)

„Als nach langer Zeit die Jünger Christi nach dem Sturz des Kommunismus frei vor die Öffentlichkeit getreten waren, fanden sie überall eine große Zahl Applaudierender um sich versammelt, allerdings auch einige wenige feindlich Gesinnte immer noch mit drohend geballten Fäusten. Wahrgenommen wurde jedoch nicht der Umstand, dass die umher stehenden Bäume voll mit Zachäusgestalten besetzt waren, mit jenen also, die sich nicht unter die alten oder die ganz neuen Gläubigen mischen wollten oder konnten, ohne dabei gleichgültig oder feindselig zu sein. Sie waren auf der Suche und voller Neugier, zugleich wollten sie aber Abstand und ihre Sicht der Dinge bewahren; diese seltsam gemischte Gemütsverfassung bestehend aus Fragen und Erwartungen, Interesse und Schüchternheit, manchmal vielleicht auch aus Schuldgefühl und gewisser ‚Ungehörigkeit‘, ließ sie versteckt im Dickicht der Feigenblätter verharren.“ (Tomáš Halík, Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute, Freiburg i. Br. 72014, S. 21f.)

Ist die Situation im Jahr 2018 so viel anders als im Prag der 1990er Jahre? Sowohl in Tschechien als auch in Deutschland leben wir Christen in einer mehr und mehr säkularen Gesellschaft. Gewiss, immer noch erleben die Großkirchen „eine große Zahl Applaudierender um sich versammelt“ – ob vergangenes Jahr zum Reformationsjubiläum oder heuer beim Katholikentag in Münster. Und auch „feindlich Gesinnte immer noch mit drohend geballten Fäusten“ sind uns erhalten geblieben; man denke nur an radikale Gegendemonstranten, die aufmarschieren, wenn christliche Lebensschützer zu einer Kundgebung aufrufen. Und sind nicht noch heute „die umher stehenden Bäume voll mit Zachäusgestalten besetzt“? – Gewiss! Aber nehmen wir sie zu genüge wahr? Haben wir die Chance, die uns das Ende des Kommunismus in Europa eröffnet hat, die Chance, uns den Säkularen, den Zweiflern, den Suchenden ernsthaft zuzuwenden, wirklich genutzt? – Ich fürchte, nicht. Wir haben nicht oft genug in die Maulbeerbäume aufgeschaut – zu den stillen Menschen am Rande –, sondern sind mit Blicken und Sinnen bei den Massen auf der Straße geblieben – uns und unsere Glaubensgeschwister in unserem Glauben bestärkend, verhaftet in der Auseinandersetzung mit Radikallaizisten und Antiklerikalen.

Jesus begegnet dem Mann auf dem Maulbeerbaum in anderer Weise: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ – Er spricht Zachäus bei seinem Namen an. Und das heißt: Er kennt Zachäus, er weiß um seine „gemischte Gemütsverfassung bestehend aus Fragen und Erwartungen, Interesse und Schüchternheit, manchmal vielleicht auch aus Schuldgefühl und gewisser ‚Ungehörigkeit‘“. Derart Zachäus ansprechen, „kann nur jemand, der ‚seinen Namen kennt‘ – von dessen Geheimnis weiß“ (a.a.O., S. 25). Hierzu müssen wir eine gewisse Selbstgenügsamkeit überwinden, zu der wir Christen neigen und die Halík mit einer Anekdote beschreibt:

„Einmal sah ich an der Wand einer Station der Prager U-Bahn die Inschrift ‚Jesus ist die Antwort!‘, gekritzelt wohl von jemandem, der eben von einer evangelikalen Versammlung mit großem Enthusiasmus unterwegs nach Hause war. Ein anderer hatte zutreffend dazugeschrieben: ‚Aber wie war die Frage?‘“ (A.a.O., S. 25f.)

Wie war die Frage? – Dies müssen wir uns und unser säkulares Gegenüber immer wieder aufs Neue fragen. Gewiss ist es eine Gnade, wenn wir fest in unserem Glauben stehen, wenn wir Jesus Christus treu bekennen können. Aber der Weg zu Gott führt nicht einfach nur durch eine Konfrontation mit Zeugnissen unseres Glaubens – sondern vielmehr durch existenzielle menschliche Erfahrungen, Sorgen, Lebensfragen, aus denen sich erst Jesus als die Antwort erschließt. In der „Ökumenischen Erklärung katholischer und evangelischer Professoren und Hochschullehrer der Theologie zum bayerischen Kreuzerlass“ heißt es: „Wer auf das Kreuz blickt, sieht sich dabei gleichermaßen konfrontiert mit einem wesentlichen Werteanker unserer humanistischen Toleranzkultur wie mit Jesus Christus als dem Sohn Gottes.“ (https://www.kreuzerlass.de/) Das ist systematisch-theologisch sicher richtig. Jedoch: Was ist damit gewonnen für den christlichen Glauben in einer säkularen Gesellschaft?

Seit Wochen ringen Politik und Theologie bereits mit der Frage, wie öffentlich sichtbar das Kreuz sein darf. Gegenstand der Debatte ist also lediglich das Wie des öffentlichen Bekennens unserer Glaubensüberzeugung: „Jesus ist die Antwort!“ Wann aber haben wir mit ähnlicher Intensität mit der Frage gerungen, die uns erst dazu verhilft, mit Zachäus ins Gespräch zu kommen? – Wie war die Frage? Mit welchen Fragen begegnet Zachäus heute in seiner „gemischten Gemütsverfassung“ Jesus Christus?

Die heutigen Zachäusgestalten werden weiter auf dem Maulbeerbaum auf uns warten, darauf warten, dass wir zu ihnen aufblicken, „ihren Namen kennen“ und sie ansprechen – um vielleicht eines Tages gewiss zu werden: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.“

Morgenandacht am 2. Sonntag nach Trinitatis, 10. Juni 2018, in Marienbad im Rahmen der Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates.

„Streit darf hart sein“

Prof. Dr. Lars Castellucci, der dem Deutschen Bundestag seit 2013 angehört, ist seit wenigen Wochen Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion. Im Interview spricht der evangelische Politiker über persönliche Überzeugungen und aktuelle religionspolitische Herausforderungen.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Castellucci, was bedeutet es für Sie, als Christ in der Politik, in der SPD tätig zu sein?

Das passt für mich wunderbar zusammen. Ich finde, dass sich die Werte, die ich als Heranwachsender durch ein christliches Elternhaus mitbekommen habe, und das, was mir später politisch wichtig wurde – Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – gegenseitig stärken.

Was heißt das konkret für Ihre politische Positionsbestimmung?

Das erste, was mich antreibt, ist das christliche Menschenbild – um die theologische Metapher zu bemühen: die Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Der erste Artikel des Grundgesetzes speist sich für mich direkt aus den Werten, die wir nicht erst mit der Aufklärung bei uns eingepflanzt haben. Das ist für mich vielmehr eine christliche Prägung, den Menschen erst einmal als gleichwürdig zu betrachten – unabhängig davon, wo er herkommt, was er kann und so weiter. Aus dieser Haltung heraus will ich Politik machen.

Ein zentrales Thema ist für Sie die Asyl- und Flüchtlingspolitik – auch als Mitglied in der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wie erleben Sie die öffentliche Diskussion über diese Themen im Alltag?

Ich frage bei meinen Veranstaltungen zum Thema Flüchtlinge immer: „Ist hier jemand gegen Flüchtlinge?“ – Dann meldet sich keiner. Und das halte ich für ein Problem. Ich hätte gerne Leute da, die auch kritisch fragen und die Probleme, die sie haben, frei artikulieren. In der Kirche sehe ich manchmal auch, dass oben von „den Fremden, die in deinen Toren wohnen“ (5. Mose 16) gepredigt wird und unten die Leute hin und her rutschen und das zum Teil gar nicht mehr hören können. Der Raum ist nicht unbedingt da, das einmal miteinander zu klären: Was für Verletzungen, Erfahrungen und Ängste sind da bei den Menschen?

Wie können Politik und Kirchen hier gegensteuern? – Gerade angesichts des wachsenden Zulaufs, den rechtspopulistische Positionen erfahren.

Wir müssen unterschiedliche Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch bringen und nicht immer nur Gesprächskreise pflegen, die sich ohnehin schon verstehen. Denn das ist es, woran es in diesem Lande in erster Linie mangelt: an Miteinander, an Gespräch zu den relevanten Themen über Milieugrenzen und Konfessionen hinweg. Wenn Streit immer als etwas Schlechtes angesehen wird, hat man nicht verstanden, dass der Streit in einer liberalen Demokratie notwendig ist. Er muss gut geführt werden, darf nicht persönlich werden – aber in der Sache kann und darf er hart sein.

In Ihrem neuen Amt sind Sie nun besonders mit Fragen des Religionsverfassungsrechts befasst. Wo sehen Sie hier die zentralen Herausforderungen?

Ganz grundsätzlich sehe ich keine Bedarfe für größere Umwälzungen. Was es braucht, ist immer wieder eine gesellschaftliche Verständigung: Wo sehen wir Probleme? Wo wünschen wir uns Veränderungen?

Was kann das konkret bedeuten?

Wie sieht es etwa mit Religionsunterricht in den Schulen aus? Da gibt es eine bunte Vielfalt an Modellen in den unterschiedlichen Bundesländern, die immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden müssen. – Muss man langsam nachziehen, wo es um die Besetzung von Rundfunkräten geht? Dort sitzen einzelne gesellschaftliche Gruppen, die seinerzeit hineingenommen wurden, heute aber deutlich weniger Menschen vertreten. Hier gilt es, die heutige gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. – Aber das ist für mich alles ein Prozess. Auf diese Fragen wird man kontinuierlich schauen und miteinander Lösungen aushandeln müssen.

Blicken wir abschließend konkret auf die islamischen Religionsgemeinschaften: Welche Perspektiven sehen Sie für deren Integration – speziell ihre Etablierung als Körperschaft des öffentlichen Rechts?

Ich verstehe das Anliegen, es ist wahrscheinlich auch ein kluges, denn so können wir Rechte und Pflichten gegenseitig festlegen. Aber es stellt sich doch die Frage: Wer spricht eigentlich für wen? Die Vielfalt auf der Seite des Islam ist so groß, dass ich im Moment nicht durchsteigen würde, wem ich da mehr Kompetenzen in die Hand gebe – mit wem ich da verhandeln würde und mit wem nicht. Mit Leuten, die an Ankara hängen, schon mal gleich gar nicht. Aber mit anderen, die nur 20.000 Leute vertreten, auch nicht. Da muss sich noch einiges sortieren, bevor wir in dieser Richtung weiterkommen.

In ähnlicher Form erschienen am 24. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Was ist Heimat? Was ist Identität?

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk zieht eine persönliche Bilanz zur deutschen Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik

Von Tilman Asmus Fischer

„Da ist unsre Heimat, diese Dinge / bleiben in den Tiefen unserer Seele / Fest und innig mit uns selbst verwachsen, / dass sie nichts vermag von uns zu scheiden; / Selber sind wir alle jene Dinge.“ Worte des Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler stellt Hartmut Koschyk seinem gerade erschienenen Buch „Heimat – Identität – Glaube“ voran. Die Zeilen bringen eine Sensibilität für die Tiefendimension der Begriffe „Heimat“ und „Identität“ zum Ausdruck, die der Politiker Koschyk mit dem Dichter Spitteler teilt.

Eben diese Sensibilität trägt dazu bei, dass das Buch am Ende mehr darstellt, als eine Bilanz deutscher Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik, die der langjährige Bundestagsabgeordnete am Ende seiner Amtszeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (2012–2017) vorgelegt hat. Zwar lässt sich das Werk auch als kundige Überblicksdarstellung zu diesen Themenbereichen lesen. So beginnt der Verfasser etwa mit einem einführenden Kapitel über „Heimat – Nation – Staat im 18. und 19. Jahrhundert“, dem ein gleichermaßen grundsätzlicher Abschnitt über „Die deutschen Heimatvertriebenen im Kontext deutscher und europäischer Teilung und Einheit“ folgt.

Zugleich trägt das Buch jedoch die erkennbare Handschrift eines Menschen, der – als Kind oberschlesischer Heimatvertriebener – von den verhandelten historischen und politischen Fragen selbst unmittelbar persönlich betroffen ist. Zudem schärft der bekennende Katholik Koschyk mit seinem Buch den Blick für die Rolle von Glaube und Kirche für Integration und Identitätspflege sowohl der deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa als auch der ethnischen Minderheiten in Deutschland. Damit ist das Buch gerade für eine kirchliche Leserschaft von großem Interesse.

Auch wenn den Fragen der Vertriebenen, Aussiedler und Minderheiten im politischen Alltag heutzutage eine eher randständige Bedeutung zukommt, gelingt es Koschyk, zu verdeutlichen, dass die einschlägigen Sachverhalte Problemstellungen berühren, die von grundsätzlicher Bedeutung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt sind: „Heimat, Identität und Glaube helfen den Menschen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern und ihnen selbstbewusst zu begegnen.“

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik, EOS, Sankt Ottilien 2018, 464 Seiten, 19,95 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 9/2018.