Den Schöpfergott vor Augen

Ein Sammelband lässt Joseph Ratzinger zum Verhältnis von Glaube und Politik zu Wort kommen

Von Tilman Asmus Fischer

An Glaube und Religion kommt, wer heutzutage Gegenwartshermeneutik betreibt, nicht vorbei. Ob man der Säkularisierungsthese oder der Idee einer Wiederkehr der Religion anhängt: für beide Positionen ist die Frage nach der Relevanz dieser Faktoren konstitutiv. Dabei sind beide Konzepte nicht bloß soziologische Deutungsmuster, sondern stehen nicht selten im Dienst weltanschaulicher Programme, die entweder einen strikten Laizismus oder eine Restauration religiöser Dominanz predigen. Daher trifft das vergangenes Jahr von Pierluca Azzaro und Carlos Granados herausgegebene Buch „Die Freiheit befreien“ den Nerv der Zeit, indem es eine Auswahl von Texten des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, bietet, die sich mit „Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ befassen.

Vom ältesten Text – einer Predigt vor katholischen Bundestagsabgeordneten aus dem Jahre 1981 – bis hin zur im Band enthaltenen Erstveröffentlichung – einer Antwort auf Marcello Peras Buch „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ – treten zwei zentrale Grundlinien hervor: Zum einen steht hinter allen Beiträgen das für Ratzinger typische Paradigma eines korrelativen Verhältnisses von Glaube und Vernunft, zum anderen erschließt der Autor vor diesem Hintergrund fundamentale Normen und Kriterien politischen Handelns in christlicher Verantwortung. Dabei erscheint der Systematiker und frühere Bischof von Rom kaum als der dogmatische Hardliner, als den ihn seine Kritiker gerne zeichnen, – sondern vielmehr als einer der großen Denker der (Post-)Moderne, dessen Positionen mannigfaltige Anknüpfungspunkte für den Diskurs eröffnen, gerade nicht nur aus einem christlichen Blickwinkel heraus.

Dies hat seinen Grund gerade darin, dass es ihm immer wieder gelingt, plausibel zu machen, in welchem Maße sich rechtsphilosophische Grundpfeiler der westlichen Zivilisationen – wie der Liberalismus und das Verständnis des Menschen als Rechtssubjekt –, die auch aus einer säkularen Perspektive unverzichtbar sind, fundamentalen Überzeugungen eines christlichen Welt- und Menschenbildes, mithin der Idee der Gottesebenbildlichkeit, verdanken. So konstatiert Ratzinger in der Auseinandersetzung mit Pera: „Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.“

Hier und an anderen Stellen tritt Ratzinger wiederholt – und mit überzeugenden Argumenten – für eine Rückbesinnung auf naturrechtliche Traditionen ein. Es ist zudem eben das Naturrecht, dem Ratzinger ein anhaltendes Dialogpotenzial beimisst – gerade für die Kirche in der Moderne: Als Argumentationsfigur ermögliche es der katholischen Kirche, „in den Gesprächen mit der säkularen Gesellschaft und mit anderen Glaubensgemeinschaften an die gemeinsame Vernunft [zu appellieren] und die Grundlagen für eine Verständigung über die ethischen Prinzipien des Rechts in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft“ zu suchen.

Letztlich verharrt Ratzinger nicht in der Reflexion rechts- und religionsphilosophischer Abstrakta, sondern buchstabiert immer wieder auch die sozialethischen – und damit letztlich auch politischen – Konsequenzen seiner Theologie aus. Dies gilt etwa für den Gedanken einer „zweite[n] Realpräsenz Jesu“ – neben der sakramentalen: „in den Geringsten, in den Getretenen dieser Welt, in den Letzten […], in denen Er von uns gefunden sein will“. Wenn Papst Franziskus in seinem Vorwort zu „Die Freiheit befreien“ ebendiesen Gedankengang – und Ratzingers damit verbundenes Eintreten für eine Christus gemäße Veränderung der Welt – hervorhebt, zeigt sich wieder einmal, in welchem Ausmaß die „politische Diakonie“ des amtierenden Papstes der Theologie – und insbesondere der Christologie – seines Amtsvorgängers verpflichtet ist.

Wie zeitlos das Denken Ratzingers ist, zeigen drei – bereits 1995 gemeinsam unter dem Titel „Wahrheit, Werte, Macht. Prüfsteine einer pluralistischen Gesellschaft“ erschienene – Vorträge, die der Autor 1991/1992 in Dallas, Paris und Pressburg gehalten hatte. Sie waren entstanden vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche im befreiten Ost(mittel)europa, sind aber noch heute aktuell – teils erschreckend aktuell: So erinnert Ratzinger angesichts fremdenfeindlicher Ausschreitungen im wiedervereinigten Deutschland an den heute fast vergessenen Faschismustheoretiker Hermann Rauschning, der den Nationalsozialismus als eine „Revolution des Nihilismus“ beschrieben hatte. Blicken wir heute nach Chemnitz und in andere deutsche Städte, wird die bleibende Bedeutung von Ratzingers Einsicht deutlich: „Die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als ein gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen, scheint mir eine Bedingung für das Bleiben der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren totalitären Folgen zu sein.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend. Herder, Freiburg 2018, 216 Seiten, ISBN 978-3-451-37980-2, EUR 22,–

In ähnlicher Form erschienen am 25. Juli 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Kirche macht Politik möglich

Zu wenig kontrovers, zu viel Beifall für die Politik. Das war über den Kirchentag zu hören. Anders erlebte das ein Berliner Journalist, der dabei war.

Von Tilman Asmus Fischer

„Ende gut, alles gut!“ Diese Redewendung vermag auf den zurückliegenden 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund nicht so recht zuzutreffen. Denn dessen Ende – der im Fernsehen übertragene Abschlussgottesdienst im Westfalenstadion – blieb weit hinter vielleicht nicht allem, aber doch dem allermeisten zurück, was die über 120.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den vorangegangenen Tagen erleben durften.

Abschlussgottesdienst im Westfalenstadion
(Foto: DEKT)

Allen medialen Unkenrufen über die tatsächlich eher speziellen Workshops „Vulven malen“ und „Schöner kommen“ zum Trotz: Wer sich zum Protestantentreffen ins Ruhrgebiet aufgemacht hatte, erlebte nicht nur ein Freude und Zuversicht spendendes Glaubensfest, sondern ebenso Vorträge und Podien zu drängenden Fragen der Zeit und Debatten mit Tiefgang und Niveau, die bisweilen, vielleicht nicht so oft, wie erhofft, kontrovers werden konnten. Vor diesem Hintergrund wirkte das Finale im Stadion – mit seinem Kontrast aus popkultureller Inszenierung mit Hang zum Banalen und werteselig proklamierten politischen Forderungen – durchaus befremdlich.

Der Kirchentag erkannte wieder einmal die Zeichen der Zeit: Migration, Klimawandel und Populismus. Diese Herausforderungen erfordern jedoch eine besonnene, verantwortungsethisch orientierte Debatte. Die Predigt von Pfarrerin Sandra Bils aus Hannover und die Ansprache von Kirchentags präsident Hans Leyendecker waren hingegen eher von Pathos und Pauschalisierung geprägt. So etwa Leyendeckers Anklage: „Pilatus wusch sich die Hände in Unschuld. Europäische Politikerinnen und Politiker waschen sie in dem Wasser, in dem Flüchtlinge ertrinken.“

Anders als der Abschlussgottesdienst stellten die Veranstaltungen des Kirchentags mit all ihren Referenten, Moderatorinnen, Anwälten des Publikums und Diskutantinnen unter Beweis: Kirche kann und muss heute mehr denn je Raum und Akteur gesellschaftlicher Verständigungsprozesse sein. Damit trägt sie dazu bei, Politik möglich zu machen und das Vertrauen in die Demokratie zu stärken. Geschieht dies – wie auf Kirchentagen – durch persönliche Begegnung jenseits von Filterblasen in den sogenannten sozialen Medien, ist dies umso besser.

Schließlich ist zu hoffen, dass die Tage in Dortmund im Rückblick bei den Verantwortlichen des Kirchentags in Fulda das Vertrauen wachsen lassen in die Diskursfähigkeit der Kirchentagsbesuchenden. Man mag über die Entscheidung, Vertreter der AfD derart demonstrativ vom Kirchentag auszuschließen, denken, wie man will. Gleiches gilt für die kurzfristige Absage einer Veranstaltung aufgrund der Nähe zweier Podiumsteilnehmer zur BDS-Kampagne, die durch Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen einen Wandel der Politik Israels gegenüber den Palästinensern erzwingen will – dabei jedoch immer wieder zu einer Plattform antisemitischer Ideologien wird. Zumindest aber dürfte außer Frage stehen, dass Deutschlands Protestanten im Meinungsstreit über das verfügen, was der Historiker Timothy Garton Ash „robuste Zivilität“ nennt; dass sie damit auch zu einer Auseinandersetzung mit heiklen politischen Positionen fähig sind. Es gilt zu prüfen, ob ihnen die Diskussion mit deren Vertretern beim Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt/Main nicht doch zugetraut werden sollte.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 26/2019.

Der da ist und der da war und der da kommt

Andacht zu 2. Mose 3,1-15

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Wie oft haben wir diesen Kanzelgruß schon gehört – „von dem, der da ist und der da war und der da kommt“, wie es im ersten Kapitel der Johannesoffenbarung heißt. Für viele von uns wird er zur Gewohnheit geworden sein. Doch diese Worte sind mehr als eine Förmlichkeit. Diese Worte sollen uns vielmehr an etwas erinnern: daran, warum die frohe Botschaft, die Sonntag für Sonntag gepredigt wird, uns wirklich trägt; daran, von wem die Predigt spricht; daran, warum es gerade dieser ist, der uns aus den Zwängen und Verstrickungen des Alltags herausrufen und befreien kann. Neben den Dreiklang „Vater – Sohn – Heiliger Geist“ tritt ein zweiter: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Dies ist keine Konstruktion aus dem Glasturm akademischer Dogmatik. Von dem Dreiklang „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ erzählt bereits das zweite Buch Mose im dritten Kapitel.

Philipp Schumacher: Moses vor dem brennenden Dornbusch, 1930
(Katholisches Religionsbüchlein für das Bistum Speyer, 1951)

Gegenwart

Auf dem Berg Horeb offenbart sich Gott Mose in einer Situation größter Bedrängnis: Sein Volk lebt versklavt unter ägyptischer Herrschaft, er selbst – der Unterdrückung entflohen – als Hirte im Wüstenexil. Da bricht Gott in seine und seines Volkes Gegenwart hinein – wird präsent: als mitfühlender und handelnder Gott. Er sieht das Elend und erkennt das Leiden. Schon dies ist eine heilsame Zusage: Die Mächte dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Mögen die Israeliten auch geknechtet und in Unrecht gehalten werden – der Blick ihrer Unterdrücker auf sie ist bereits relativiert; es gibt eine Instanz, die um Elend und Leid weiß und es beim Namen nennt. Aber mehr als das: Gott weiß nicht nur um Elend und Leid, er will es auch wehren und die Israeliten in die Freiheit führen. Und hierzu bedient er sich des Mose: „ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst“.

Die Befreiungsgeschichte, die diesem Fanal folgt, kennen wir: Den Exodus. Die sagenhafte Erzählung einer solchen Befreiung müssen wir nicht versuchen, eins zu eins mit Bemühungen um historische Genauigkeit in das Hier und Jetzt zu übertragen. Ihr tieferer Sinn bewahrheitet sich uns jedoch dort, wo wir erleben, dass das Vertrauen auf Gott innerlich befreit und zu befreiendem Handeln befähigt, wie einst Mose: Er kann die Israeliten in die Freiheit führen, da er weiß, dass Gott das Leid der Israeliten sieht. Der konkreten Befreiung muss vorausgehen, dass die Perspektive der Unterdrücker relativiert wird: Das hebt Unrecht und Unterdrückung nicht auf, aber das Wissen der Unterdrückten, von Gott angesehen zu sein, nimmt den Unterdrückern das letzte Wort und eröffnet neue Perspektiven. Solche neuen Perspektiven können dazu führen, sich konkret zu befreien. Dass erleben wir im Kleinen, wenn wir uns frei machen von bedrängenden Normen und Urteilen unserer Mitmenschen. Das erleben wir aber auch im Großen, wo Menschen sich dazu befreien lassen, gesellschaftliche und politische Verhältnisse neu zu denken und für einen Wandel einzutreten.

So wird Gott auch dem Mose gegenwärtig. Doch in diesem befreienden Sinne bedeutsam und wirksam wird diese Gegenwart Gottes für ihn erst dadurch, dass sie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft Gottes steht.

Vergangenheit

Der junge Israelit sieht das Wunder – einen brennenden, jedoch nicht verbrennenden Dornbusch –, barfuß steht er schließlich auf dem heiligen Land. Doch das Ereignis erschließt sich ihm erst, als sich sein Gegenüber in der gemeinsamen Vergangenheit mit seinem Volk zu erkennen gibt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Er ist der Gott, der Abraham zum ‚Vater der Völker‘ machte, ihm im hohen Alter seinen Sohn Isaak schenkte und mit Jakob am Jabbok rang. So hat sich Gott in der Vergangenheit erwiesen – und im Wissen um diese Vergangenheit wird er nun von Mose erkannt, der vor ihm sein Angesicht verhüllt: „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“.

Diese Gottesfurch ist keine Furcht, die in Passivität drängt – Mose wird nicht starr vor Angst. Sie ist vielmehr das ehrfürchtige Vertrauen auf Macht und Größe Gottes, wie sie sich in der Geschichte gezeigt haben. Dieses Vertrauen eröffnet neue Perspektiven und Handlungsoptionen. Mose fragt: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Und Gott antwortet: „Ich will mit dir sein.“ Gott will an seiner Seite gehen, wie er bereits an der Seite seiner Väter gegangen war. Hierauf darf Mose vertrauen und in diesem – historisch gewachsenen – Vertrauen kann Mose zu den Israeliten gehen. Und wenn er zu ihnen spricht, kann er wiederum an ebendieses Vertrauen appellieren: „Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!“

Der Glaube bedarf der historischen Vergewisserung, des vorausliegenden Glaubenszeugnisses. Das ist bei uns nicht anders als bei den Israeliten vor tausenden von Jahren. Solche Zeugnisse finden wir in der Bibel, jedoch auch in der Geschichte unserer Kirche: Martin Luthers „Hier stehe ich“ ist ein solches Freiheitszeugnis. Neben dieses treten im 20. Jahrhundert etwa die Zeugnisse bekennender Christen unter totalitärer Herrschaft in Europa. Nicht umsonst prägten gerade Christen die Bürgerrechtsbewegung der Wendejahre im Ostblock, deren 30. Wiederkehr wir dieser Tage gedenken.

Auch heute gibt es Menschen, die sich in Europa – vor allem im östlichen Europa – aus einem befreienden Glauben heraus für politischen und gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Im vergangenen Herbst erzählte mir der griechisch-katholische Weihbischof von Kiew, Bohdan Dzyurakh, wie sich seine Kirche im Dezember 2013 an die Seite der proeuropäischen Demokratiebewegung stellte und er selbst mit anderen Geistlichen unter Scharfschützenfeuer den Menschen auf dem Maidan beistand. Auf die letzten Jahre zurückblickend, entwarf er das Bild einer Kirche, die sich durch die Botschaft ihrer Verkündung befreit sieht und aus diesem Bewusstsein heraus politisch und gesellschaftlich tätig wird:

„Kirche wird immer ‚mater et magistra‘ genannt, und wenn die Kirche nicht nur Lehrerin, sondern auch Mutter sein möchte, dann kann sie sich nicht vom Leid der Menschen zurückziehen, wo sie in ihrer Würde erniedrigt, verfolgt und ihrer Rechte beraubt werden. […] Wir betrachten uns nicht als diejenigen, die den Machthabern dienen, sondern wir wollen dem Volk, den Menschen dienen – und genauso sehen wir die Berufung der Politiker. Wenn die Politiker aber von dieser Berufung abweichen, wenn sie versuchen, die Leute zu unterdrücken und auszubeuten, dann muss die Kirche die Stimme der Unterdrückten werden.“

Solche Worte regen an, zu fragen, wo der Glaube uns selbst innerlich befreit und zum Handeln drängt – oder wir uns vielmehr von ihm befreien lassen und uns nicht dieser Befreiung versperren sollten.

Zukunft

Doch das Wissen um die Geschichtsmächtigkeit Gottes allein wird uns nicht genügen, um uns von Gott befreien zu lassen, so wie es auch Mose und den Israeliten nicht genügt hat. Hierauf zielt Moses Frage, was er denn den Israeliten sagen solle, wenn diese fragten: „Wie ist sein Name?“ – „Mose erwartet vom Volk die Frage nach Sinn und Wesen eines von den Vätern her bekannten Namens.“ So hat es Martin Buber formuliert. Seine Frage zielt also auf eine Eigenschaft Gottes, die diesen gegenüber seinem Volk ausweist und Vertrauen stiftet.

Dies ist eine große Frage, auf die der Gefragte eine erstaunlich kurze Antwort gibt: „Ich werde sein“. Was soll dies nun über Gott sagen? Fehlt doch gerade jegliches Prädikat für Gott: Was wird er sein? Liebevoll, zornig, mächtig, allwissend, richtend, rechtend? Jedoch: Diese kürzeste aller denkbaren Antworten ist zugleich die eigentlich größte und umfassendste Antwort: Gott lässt sich nicht auf eine Eigenschaft festlegen. Aber mehr noch: Die Antwort hätte ja auch lauten können: „Ich bin.“ Indem Gott jedoch antwortet „Ich werde sein“, greift er über Vergangenheit und Gegenwart hinaus: Er erweist seine Hoheit über die Zukunft.

Eben hierin unterscheidet er sich von jedem Geschöpf und jeder irdischen Macht: Denn es mag mehr oder weniger einfach sein, eine Aussage über sich selbst zu treffen vor dem Hintergrund der eigenen Vergangenheit und Gegenwart. Doch spätestens, wenn ich versuche, eine Aussage über mich in der Zukunft zu treffen, werde ich meiner Bedingtheit durch Umstände und Entwicklungen gewahr, die nicht in meiner Hand liegen. Frühere Generationen haben diese Erfahrung, dass die eigene Zukunft letztlich unberechenbar ist, in die Worte gefasst: „So Gott will und wir leben“. Eben, so Gott will – und nicht wir. „Ich werde sein“ – dies heißt für die Israeliten zugleich: ‚Ich werde für Euch da sein.‘ – Was auch immer passiert. Dieser Zusage bedarf es, um auf Gott zu vertrauen. Dass Gott war und an ihrer Seite war, wussten die Israeliten aus ihrer Geschichte.

Dass Gott sein wird und an ihrer Seite sein wird, dessen können sie sich nicht selbst versichern. Aber Gott spricht es ihnen zu, so wie er es auch uns heute zuspricht. Und so, wie die Israeliten diesen Zuspruch bejahen konnten, sind auch wir eingeladen, ihn zu bejahen – im Vertrauen auf den, „der da ist und der da war und der da kommt“.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Morgenandacht am 2. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2019, in Marienbad im Rahmen der Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates.

Prononciert

Eine praktische Kulturtheologie

Wilhelm Gräb: Vom Menschsein und der Religion. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2018, 348 Seiten, Euro 39,–.

Wissenschaftliche Gesamtschau und Streitschrift – in einer solchen Doppelgestalt erscheint das neue Buch von Wilhelm Gräb. Als Gesamtschau bietet „Vom Menschsein und der Religion“ den Ertrag einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Fragen der Religionsphilosophie – immer wieder ausgehend vom und hinführend zum Denken Friedrich D. E. Schleiermachers. Als Streitschrift kann das Buch insofern gelesen werden, als ihm der Impetus innewohnt, auf eine Ausrichtung der Gesamtheit evangelischer Theologie im Sinne einer „praktischen Kulturtheologie“ hinzuwirken – in wiederholter Abgrenzung zu einer Offenbarungstheologie, deren gewichtiger Vertreter Karl Barth bei Gräb Schleiermacher gewissermaßen als Antipode gegenübersteht.

Schleiermacher dominiert sodann auch den ersten der vier Teile des Buches, in dem die „Religion in ihrer Zugehörigkeit zum Menschen“ beleuchtet wird. Neben dem Gründungsvater der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität kommen hier vor allem Paul Ricoeur, Philipp Jacob Spener, Paul Tillich und Falk Wagner zur Geltung. Dieser Durchgang durch die Theologie- und Philosophiegeschichte umfasst zugleich etwas mehr als die Hälfte des gesamten Buches. Die drei in der zweiten Hälfte versammelten Abschnitte nehmen hieran anknüpfend Aktualisierungen vor – mit Blick zunächst auf kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen von Religion, alsdann auch auf die „kulturelle Performanz der Religion“ in bildender Kunst, Musik und Literatur. Abschließend buchstabiert Gräb die Konsequenzen seiner Überlegungen für die akademische Theologie aus.

Prägnanz gewinnen die Gedankengänge des Verfassers durch seine Neigung zu pointierten Kontrastierungen – begonnen bei derjenigen zwischen Sinnfragen und Dogma als Zentrum des Verständnisses von Religion. Hinzu tritt etwa die Gegenüberstellung von „religiöser Deutungskultur“ und „tradierte(n) Glaubenssätzen als geoffenbarte(r) Glaubenswahrheit“ als Gegenstand religiöser Bildung. Dies setzt sich fort bis in den Entwurf einer „praktischen Kulturtheologie“, die sich die „theologische Hermeneutik der Kultur“ zur Aufgabe macht. Sie steht damit einer „Kirchentheologie“ gegenüber, die sich primär den biblischen und kirchlichen Überlieferungen verpflichtet weiß. Teils drängt sich freilich die Frage auf, welche weiteren Perspektiven sich eröffneten, wenn das Verhältnis zwischen den gegenübergestellten Konzepten etwas weniger dichotom aufgefasst würde. Etwa, wenn Gräb die gegenwärtige Öffentliche Theologie als dogmatisch-wächteramtlich umreißt und ihr eine Ausrichtung an der Religion als „Angelegenheit des Menschen“ im Sinne Spaldings gegenüberstellt.

Als wissenschaftliche Gesamtschau zeigt das Buch Voraussetzungen und ideengeschichtliche Entwicklungen theologischen und religionsphilosophischen Denkens in der Tradition Speners, Schleiermachers und Tillichs ebenso auf wie ihren Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen in einer weltanschaulich pluralistischen und individualisierten Gesellschaft. Damit vermag das Buch, die Beweggründe, Konzepte und Argumente neuprotestantischer, beziehungsweise liberaler Theologie zu plausibilisieren und – auch dem anderen theologischen Denkschulen verpflichteten Leser – zu erschließen. Das prononcierte und streitbare Eintreten Gräbs für eine „praktische Kulturtheologie“ fordert den Leser heraus, sich dieser Position gegenüber zu verhalten: Mag es auch teils so erscheinen, als wenn der Spielraum zwischen Zustimmung oder Ablehnung gering sei – dies stellt in jedem Fall sicher, dass es nicht bei einer beliebigen Haltung gegenüber den Thesen des Autors bleibt, sondern vielmehr eine fruchtbare Kontroverse eröffnet wird.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 5/2019.

Im Ministerium zur Andacht

Seit 2016 bietet die Evangelische Militärseelsorge regelmäßige Gottesdienste im Verteidigungsministerium an

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist Mittwochmorgen, viertel vor acht. Malte Mevissen durchquert den Innenhof des Bendlerblocks. Alle zwei Wochen betritt der Kirchenmusiker, der hauptberuflich für eine große Kreditanstalt in der beruflichen Weiterbildung tätig ist, den von Feldjägern bewachten Seitenflügel des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) in Berlin. In der hauseigenen Kapelle wird er gleich den Gottesdienst begleiten, den Militärdekan Peter Schmidt mit zivilen wie uniformierten Mitarbeitern des Hauses feiert.

Waren zuvor Gottesdienste im BMVg lediglich anlassbezogen durchgeführt worden, entschied sich Schmidt, als er 2016 das Amt des Militärdekans antrat, einmal im Monat jeweils eine Andacht und einen Abendmahlsgottesdienst anzubieten – verbunden mit der anschließenden Möglichkeit eines gemeinsamen Frühstücks. Und dieses Angebot wird dankbar angenommen. „Man merkt, dass die Menschen den Zuspruch suchen“, so Schmidt. Es fügte sich, dass just 2016 die Kapelle im BMVg in neue Räumlichkeiten umziehen musste. Dies bot Gelegenheit zur Neugestaltung – einschließlich einer Orgel. Zuvor hatte ein Keyboard für die musikalische Gestaltung herhalten müssen.

Als Peter Schmidt vor zweieinhalb Jahren einen Organisten suchte, ergab es sich, dass er Malte Mevissen bei einem Gottesdienst in seiner Ortsgemeinde kennenlernte, wo dieser als Organist eingesprungen war. Dies tut Mevissen an vielen Sonntagen im Jahr in unterschiedlichen Berliner Kirchen. Bereits als Jugendlicher hatte er begonnen, sich das Orgelspiel beizubringen, später legte er die Prüfung für den C-Schein als Kirchenmusiker ab. Es folgte ein Studium der Schulmusik, das ihn letztlich jedoch in den Bereich der Erwachsenenbildung führte. An Sonntagen – oder eben zweimal im Monat am Mittwochmorgen – zieht es ihn aber immer wieder als nebenamtlichen Organisten ans Manual.

Während es draußen über den Dächern Berlins hell wird, treffen die Gottesdienstbesucher in der Kapelle ein. Viele kommen regelmäßig, man kennt sich. Peter Schmidt begrüßt jeden mit Händedruck. Hierarchien spielen in der Kapelle keine Rolle: Hier sitzen politische Entscheidungsträger neben Feldjägern vom Wachdienst. Gemeinsam ist ihnen, dass sie durch den Ort, an dem sie arbeiten, in besonderer Weise geprägt sind, sagt Schmidt: „Das Haus färbt ab. Es handelt sich um Menschen, die unter starkem Druck stehen und die enorme öffentliche Aufmerksamkeit spüren, die dem Ministerium zukommt.“ Auch aus kirchenmusikalischer Sicht hat der Teilnehmerkreis seine Besonderheiten: „Der Gesang ist viel kräftiger als in normalen Gemeinden“, stellt Mevissen fest. Die ausgeprägte Singbereitschaft mag damit zusammenhängen, dass es sich bei der Teilnahme an einem Gottesdienst mitten in der Arbeitswoche um eine sehr bewusste Entscheidung handelt.

Mit ihren Gedanken und Fragen können sich die Gottesdienstbesucher in der Kunstinstallation vorne in der Kapelle wiederfinden: Eine Holzskulptur zeigt einen Menschen, der – verlassen auf einem großen Stuhl sitzend – seinen Kopf einem Relief zugewandt hat, welches das Gesicht des Gekreuzigten zeigt. „Ein Mensch, der sein Maß sucht und auf Gott blickt“, so deutet Schmidt das Kunstwerk. In diesem Sinne will Militärdekan Peter Schmidt mit seinen Gottesdiensten den Besuchern helfen, den christlichen Glauben zu erschließen. Dabei spielen für ihn Predigt, Liturgie und Kirchenmusik unmittelbar zusammen. Damit trägt gerade auch das Orgelspiel von Malte Mevissen wesentlich zum Dienst an den Menschen im BMVg bei.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 8/2019.

Qualifizierte Seelsorge für alle

Das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) arbeitet an Konzepten, eine muslimische ­Seelsorge in der Bundeswehr zu etablieren. Dies war bereits vor mehreren Jahren aus dem ­Umfeld islamischer Verbände gefordert worden. Auch wenn noch keine Entscheidung getroffen ist, berührt die Frage einer muslimischen Militärseelsorge das Selbstverständnis und die Grundlagen der ­Militärseelsorge in Deutschland. Daher äußert sich Militärbischof ­Sigurd Rink im ­Gespräch mit ­Tilman Asmus Fischer erstmals zu seinen Standpunkt in dieser Debatte.

Bischof Rink, mehrfach ist im Umfeld der „Deutschen Islam Konferenz“ die Idee einer muslimischen Militärseelsorge vorgetragen worden. Wie stehen Sie zu einem ­solchen Vorhaben?

Als christliche Seelsorge in der Bundeswehr stehen wir für positive Religionsfreiheit ein, die das Grundgesetz bietet. Daher stehen wir diesem Vorstoß prinzipiell positiv gegenüber. Denn die Zeiten der 1950er Jahre, aus denen der Militärseelsorgevertrag stammt, in denen weit über 90 Prozent der Soldaten zu einer der beiden großen Kirchen gehörten, ist vorbei – heute sind es zwischen 50 und 60 Prozent. Daher gibt es an dieser Stelle kein Monopol der Kirchen. Aufgrund dessen ist es eine Frage des Pluralismus, dass man aus diesen alten Strukturen herauskommt und Menschen anderer Religionszugehörigkeit in der Seelsorge berücksichtigt, wie es das Grund­gesetz vorsieht (Grundgesetz Artikel 140 in Verbindung mit Artikel 141 Weimarer Reichsverfassung).

Über welchen tatsächlichen ­Bedarf unter den Soldaten ­sprechen wir hierbei eigentlich?

Die Datenlage ist aufgrund des Datenschutzes unklar. Die Zahl der Soldaten muslimischer Herkunft dürfte bei 3000 bis 5000 liegen. Aber wirklich bekannt haben sich zu ihrem muslimischen Glauben in freiwilligen Erhebungen nur ungefähr 1500. Das sind bei knapp 180000 Soldaten in der Bundeswehr ein Prozent. Diese Gruppe verteilt sich jedoch auf etwa 200 Standorte. Seitens der evangelischen Militärseelsorge rechnen wir etwa mit einem Pfarrer für 1500 Soldaten. Man kann sich vorstellen, was dies im Falle einer muslimischen Seelsorge für die Praxis bedeuten würde.

Welche Voraussetzungen müssen Militärpfarrer in ebendieser Praxis als Seelsorger mitbringen?

Bei Militärpfarrerinnen und -pfarrern können Sie davon ausgehen, dass sie grundständig Theologie studiert haben. Damit verbunden ist natürlich die Qualifizierung in der Seelsorge noch mal ganz besonders ausgeprägt. Und das ist in unserem Bereich bitter nötig, denn wir befinden uns in den Streitkräften ja oft in absoluten moralischen und ethischen Grenzsituationen, wo es nicht reicht, nur mit offenem Ohr zuzuhören.

Wären entsprechende Standards dann auch bei islamischen Seelsorgern zu erwarten?

Im Bereich der islamischen Seelsorge kann bisher nicht zwingend ein grundständiges Studium vorausgesetzt werden. Hinzu kommt, dass Seelsorge nicht zur Kernkompetenz eines Imams gehört und daher nicht im Fokus seiner Ausbildung steht. Man darf an den Qualitätsansprüchen keine Abstriche machen, sondern muss fragen: Was brauchen Streitkräfte, damit dort eine qualifizierte Seelsorge stattfinden kann? Und dann wäre Sorge dafür zu tragen, dass die Menschen, die an dieser Stelle aus anderen Konfessionen oder Religionen kommen, ein ­entsprechendes Qualifikationsprofil mitbringen.

Wer käme überhaupt als Träger einer solchen Seelsorge in Frage? Immerhin besteht der Islam in Deutschland nicht als repräsentative Körperschaft des öffentlichen Rechts. Müsste daher eine muslimische Seelsorge – zumindest übergangsweise – in den Strukturen der Bundeswehr selbst ­angesiedelt werden?

Genau das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Es war eine unheimlich große Errungenschaft der 1950er Jahre, dass man gesagt hat: Wir wollen keine Kontinuität zur Wehrmacht, in der die Seelsorge Teil der Truppe war. Daher hielte ich es für ausgesprochen schwierig, muslimische Seelsorger hiervon ­abweichend in die Streitkräfte einzugliedern. Damit stünden die ­Seelsorger unmittelbar in der militärischen Befehlsordnung – und ganz wichtige Kriterien, die die Seelsorge auszeichnen, wären überhaupt nicht mehr wahrzunehmen: Ich nenne nur das Seelsorge- und Beicht­geheimnis.

Wie könnte für Sie eine alternative Perspektive aussehen?

Ich denke, dass an dieser Stelle ein Modell ratsam wäre, in dem ein Beirat – bestehend aus Vertretern des Ministeriums sowie den islamischen Gemeinden und Verbänden – eine muslimische Seelsorge in der Bundeswehr koordiniert. Dazu bedarf es freilich zunächst eines Verständigungsprozesses zwischen und mit den islamischen Verbänden in Deutschland.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 2/2019.

AFD – eine Alternative für Juden?

Die Initiatoren der Gruppe „Juden in der AfD“ wollen eine Stimme des jüdischen Lebens in Deutschland sein.

Von Tilman Asmus Fischer

Die AfD sei „keine Alternative für Juden“, hatten der Zentralrat der Juden in Deutschland und mehrere Dutzend jüdischer Organisationen bereits vor Gründung der Bundesvereinigung „Juden in der AfD“ (JAfD) am zurückliegenden Wochenende erklärt. Ihre Haltung begründen die Unterzeichner mit antidemokratischen und rechtsradikalen Strömungen innerhalb der Partei. Zudem richte sich auch die Politik der AfD direkt gegen Juden: „Die AfD fordert in ihrem Wahlprogramm ein Verbot des koscheren Sehächtens und der Beschneidung. Wer diese im Judentum fundamentalen Gebote zur Disposition stellt, der spricht Juden in Deutschland das Recht ab, in diesem Land zu leben.“ Wie will der Zentralrat nun, nach Gründung der JAfD, mit der neuen Vereinigung umgehen? Da er eine Zusammenarbeit mit der AfD ablehne, lehne er auch eine Zusammenarbeit mit der neuen Bundesvereinigung ab, erklärt der Zentralrat gegenüber der „Tagespost“.

Einen ersten Eindruck vom Selbstverständnis und der Programmatik der JAfD vermittelt eine vorläufige Grundsatzerklärung, die von den Initiatoren vorbereitet worden war und deren Bearbeitung durch den Vorstand der gerade gegründeten Vereinigung noch aussteht. Dominiert wird das Papier von der – in der AfD etablierten – ablehnenden Haltung gegenüber ‚dem Islam‘, unter besonderer Betonung antisemitischer Positionen im islamischen Kontext und hieraus resultierender Ausschreitungen gegen Juden. Diese islamkritische Stoßrichtung prägt zugleich die pro-israelischen Positionen der Erklärung. Ein weiteres klassisches Motiv der AfD-Programmatik wird mit der Ablehnung von „Gender-Mainstreaming und Frühsexualisierung“ angeführt. Insgesamt liegt für die JAfD-Gründer eine „Allianz der Rechtskonservativen in Europa mit dem Judentum“ äußerst nahe. Eine interessante Parallele besteht zur Kritik der Gesamtpartei und der Gruppe „Christen in der AfD“ an den deutschen Amtskirchen: So gehe man „nicht davon aus, Unterstützung vonseiten des Zentralrats zu erhalten, da dieses Organ, ebenso wie etwa die Landeskirchen und Diözesen, aus staatlichen Mitteln finanziert wird und mithin eine gewisse Konformität zur Schau zu stellen hat“.

Es gilt abzuwarten, wie sich die inhaltliche Profilierung der JAfD vollziehen wird – ist doch bisher ein markantes programmatisches „Mehr“, das über die bekannten AfD-Positionen hinausginge, nicht erkenntlich. Hören wird man auf jeden Fall von der neuen Bundesvereinigung. Gegenüber der „Tagespost“ gibt der stellvertretende Vorsitzende Wolfgang Fuhl einen Ausblick auf die mittelfristigen Aktivitäten: „Wir wollen inner- und außerparteilicher Ansprechpartner für alle Bereiche jüdischen Lebens in Deutschland, Israel-Politik, jüdische Geschichte/Antisemitismus sein. Wir wollen mit Expertisen, Vorträgen, Stellungnahmen und Resolutionen unser Wissen teilen.“

Skeptisch gegenüber einem Engagement von Juden in der AfD äußert sich der Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in einer Erklärung, die kurz nach Gründung der JAfD erschien: „Wer jüdischer Abstammung und Mitglied der AfD ist oder sie wählt, ignoriert bewusst, dass Ausgrenzung und Hass jüdisches Leben gefährden.“

Vor allem aber verweist die Erklärung auf eine eigenständige theologisch grundgelegte politische Tradition des Judentums, welche die JAfD-Programmatik nach dieser Interpretation offenbar ausspare: „Das Judentum hat immer betont, dass die Menschenwürde und die Freiheit des Einzelnen nicht ohne eine soziale Gesellschaft zu verwirklichen sind. Das ist eine politische Kernaussage der Tora (Bibel) und des Talmuds.“ Zudem erinnere „das Judentum mit dem Pessachfest an die Freiheit durch die Beendigung der Sklaverei“ – und damit an Freiheit als „ein Hauptmotiv des Judentums“. Auf die Betonung gemeinsamer Anliegen von Judentum und Christentum hofft Volker Münz, der als kirchenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion die Gründung der JAfD begrüßt: „Ich erwarte, dass die politischen und ethischen Gemeinsamkeiten zwischen konservativen christlichen und jüdischen Deutschen deutlicher sichtbar werden. Die europäische Kultur ist tief vom Christentum geprägt, das Christentum seinerseits im Judentum verwurzelt – es gibt deshalb viele Werte, die wir teilen und denen wir im politischen Diskurs in Zukunft noch mehr Gewicht verleihen können.“

Am Ende dürfte die Entwicklung einer Gruppe wie der JAfD nicht nur ein Phänomen des religionspolitischen Diskurses sein. Sie ist auch Indikator für Entwicklungen, die Fragen der grenzüberschreitenden Ökumene und des interreligiösen Dialogs betreffen. Denn sowohl die Idee einer „Allianz“ von Judentum und Rechtskonservativen als auch die eines gemeinsamen Eintretens konservativer Juden und Christen für gemeinsame Werte korrespondieren mit dem Konzept einer „konservativen Ökumene“, die von der Russischen Orthodoxen Kirche ebenso wie von konservativen Christen in den USA unterstützt wird.

Sollte diese Vision, die zwar Konservative über Konfessionsgrenzen hinweg vereint, die einzelnen religiösen Gemeinschaften jedoch vor eine Zerreißprobe stellt, auch für Deutschland an Relevanz gewinnen?

Erschienen am 11. Oktober 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).