Gott ist mittendrin

Naturwissenschaft und Glaube

Die seltsame Welt der Quanten, der dunklen Materie und dunkler Energien ist für uns nicht sichtbar. Sie machen aber 96 Prozent des Universums aus. In den vergangenen 100 Jahren hat die Naturwissenschaft bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen, die unser Bild des Kosmos im Kleinen wie im Großen revolutionieren. Wie geht die Theologie damit um? Der Physiker und Astronom Gerhard Ackermann, ehemals Professor an der Berliner Beuth-Hochschule, befasst sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie. Im Interview mit Tilman Asmus Fischer spricht er über die Grenzen und Perspektiven christlichen Glaubens in unserer von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägten Zeit.

Professor Dr. Gerhard Ackermann
(Foto: T. A. Fischer)
Herr Ackermann, Naturwissenschaft und Glaube werden oft als Gegensatz verstanden. Vor welchen Fragen stehen beide jedoch gemeinsam?

Es gibt eine Frage, die bis heute nicht ausdiskutiert ist. Die Theologen nennen es Theodizee. Und von den Naturwissenschaften her würde ich sagen, dazu passt am besten das sogenannte Anthropische Prinzip in seiner starken Form. Dieses sagt aus, dass alle Naturkonstanten so beschaffen sind, dass es irgendwann im Rahmen der Evolution zu denkfähigen Geschöpfen wie dem Menschen kommen musste. Dieses Prinzip so zu formulieren, heißt: Da muss jemand sein. Den Naturwissenschaftlern ist dabei sicher unwohl. Wenn man das sagt, tritt man aus den Naturwissenschaften heraus. Das Anthropische Prinzip ist gewissermaßen die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Keiner von uns weiß, warum die Naturkonstanten anders sein sollten, aber auch keiner weiß, warum sie so sind, wie sie sind. Wir stoßen da an eine Wand, die man offenbar nicht durchstoßen kann.

Verbirgt sich Gott gewissermaßen hinter dieser Wand?

Nein. Wir schaffen keinen neuen Ort für Gottes Wohnsitz. Er verbirgt sich nicht hinter dieser Wand, er ist das alles – ist nicht irgendwo, sondern mittendrin. Und er hat viel mehr geschaffen, als wir uns überhaupt vorstellen können. Das zeigen die jüngste Entdeckung von über 1 000 weiteren Planeten durch die „Kepler“-Sonde und die Möglichkeit weiterer Erden im Weltraum.

Was machen solche und andere naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem persönlichen Glauben der Menschen?

Ich meine, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse eine Möglichkeit sind, die Inhalte des eigenen Glaubens zu testen. Und wenn ich mich etwa über das Alte Testament oder das apostolische Glaubensbekenntnis kritisch äußere, hat das damit zu tun, dass deren Weltbild gar nicht zu diesen Erkenntnissen passen will. Wir sind daher auf der Suche nach einer Erneuerung der theologischen Aussagen.
Mir hat einmal ein Theologe gesagt: „Was habe ich davon, wenn ich das naturwissenschaftliche Weltbild akzeptiere? Ich nehme lieber mein Weltbild.“ Als ob man ein Weltbild aus- und anziehen könnte wie einen Mantel! Das naturwissenschaftliche Weltbild ist das, was existiert – die Welt, in der wir sind. Und das muss doch mit dem Wichtigsten, was wir haben, nämlich unserem Glauben und unseren heiligen Schriften, in Einklang sein. Wenn wir aber etwa in 500 Jahren Reformation nicht dazu gekommen sind, in diese Richtung Fortschritte zu machen, dann ist das ein großer Fehler.

Welche Rolle käme bei einer „Erneuerung der theologischen Aussagen“ der Naturwissenschaft zu?

Der Naturwissenschaftler könnte ein Korrektiv für allzu märchenhafte Aussagen sein, die von anderen historisch orientierten Fakultäten zusammengetragen werden. Das ist nicht abwertend gemeint, aber es ist einfach so, dass die Naturwissenschaften rechnen, bestimmen, messen und sagen: „So ist es“ oder „So ist es nicht“. Man nehme nur den oft behaupteten Gegensatz von Darwinscher Theorie und Schöpfungsbericht: Als ob Gott etwas anderes wäre als die Darwinsche Theorie! Gottes Weg, die Menschen zu schaffen, war eben ein bisschen anders als es in der Bibel steht. Er hat diesen Weg gewählt, der uns bis heute aus Einzellern vor siebenhundert Milliarden Jahren entwickelt hat. Wer kann denn ein solches Konzept sonst entwickeln? Wenn ich an Gott glaube, dann muss ich auch annehmen, dass das alles seine Idee war.

Kommen die Naturwissenschaften als Korrektiv der Theologie ihrerseits ohne eigene vorausgesetzte „Glaubenssätze“ aus?

Naturwissenschaften sind nicht voraussetzungslos, sondern arbeiten alle mit bestimmten Annahmen. Es ist ja auch so, dass die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, dass sich diese Annahmen immer wieder gewandelt haben, da bisher für wahr Gehaltenes aufgegeben werden musste. So ging die Elektrotechnik des 19. Jahrhunderts noch vom Äther als einer Substanz aus, in der sich elektromagnetische Wellen fortsetzen können – etwa das Licht von Sternen. Man konnte sich nicht vorstellen, dass sich Wellen ohne ein Medium, dass sie bewegen, fortpflanzen können.
Das war ein Glaubenssatz der Physiker – und solche Glaubenssätze, davon bin ich überzeugt, gibt es auch heute noch in der Physik. Diese beziehen sich vor allem auf den Urknall und die Frage dunkler Materie und Energie. Daher sollte man als Naturwissenschaftler auch die nötige Bescheidenheit haben, zu sagen: „Ich weiß, es könnte auch anders sein, weil ich eine bestimmte Größe noch gar nicht richtig fassen kann.“

Ist dies eine Einsicht, die eine spezifisch naturwissenschaftliche Religiosität eröffnet?

Es ist schwierig, das so allgemein zu sagen. Als Naturwissenschaftler weiß ich um die Grenzen der Erkenntnis. Aber ich setze Gott nicht hinter diese Grenze, sondern ich sage: Das, was ich erkenne, das sind eigentlich nur die Wunder, die es wirklich gibt. Wenn ich einen Löwenzahn auf der Wiese blühen sehe, ist er strahlend gelb. Ich weiß, dass Gelb im Spektrum eigentlich die schwächste Farbe ist. Aber indem der Löwenzahn Grün und Rot zu einem glänzenden Gelb-Weiß mischt, kann er so strahlen. Und wenn ich so etwas entdeckt habe, dann ist das für mich ein Wunder und bleibt ein Wunder, eben auch, wenn ich es erklären kann.

Naturwissenschaftliche Erklärungen machen das Wunder nicht kleiner?

Die Vorstellung, dass Wunder immer so sein müssen, dass man sie nicht erklären kann, geht an der Wirklichkeit des Glaubens genauso vorbei wie an derjenigen des Wissens. Wissen und Glauben gehören zusammen und stehen in einer Wechselwirkung. Vielleicht sind die Naturwissenschaftler manchmal die Gläubigsten, wenn sie hinter etwas her sind und es im Labor oder am Himmel, wo auch immer, unbedingt finden wollen. Sie haben eine Idee, wie das sein kann, und plötzlich finden sie es. Wenn man so etwas findet, kann man das niemandem erzählen, weil ja niemand in der Materie drinsteckt.
Das sind Momente, um derentwillen man eigentlich Naturwissenschaften studiert. Davon gibt es vielleicht drei oder vier im Leben. Das ist einfach wunderbar. Der Rest ist harte Arbeit. Am Ende kann man jedes Wunder erklären. Das tut dem Wunder keine Abbruch, höchstens unserer Vorstellung von Wundern. Die biblischen Wunder hatten seinerzeit eine Funktion, die sie heute nicht mehr haben. Entscheidend ist heute vielmehr, was Jesus verkündet und gelehrt hat.

Gilt dies auch für Tod und Auferstehung Jesu? Fällt mit diesem unerklärlichen Ereignis nicht auch die Zusage eines Lebens nach dem Tod?

Der Tod ist für mich naturwissenschaftlich eine Singularität. Singularität ist ein Zustand, bei dem die Vorgeschichte und die Geschichte, die danach kommt, nicht miteinander zusammenhängen. Viele Dinge des Endes kann man schon physikalisch erklären. Manche Naturwissenschaftler setzen hinter den Tod einen Punkt. Das war das Leben. Das war alles. Mich bringt diese Situation zur Singularität. Und ich bin überzeugt, es geht danach in mir unbekannter Form weiter. Das kann ich niemandem erklären. Zu dieser Einsicht muss jeder selber kommen. Da kann man nur hoffen – und ich hoffe schon.

Ist das der entscheidende Punkt, wo wir – jenseits des bleibenden Wertes der biblischen Ethik – auf eine uns gegebene Zusage vertrauen müssen?

Das ist tatsächlich ein Punkt, an dem man vertrauen muss. Ich vertraue darauf, denn was sollte das alles im Hier und Jetzt sonst? Das ist freilich teleologisch, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Tod das Ende ist? Vorstellen kann man es sich eigentlich nicht. Man könnte es nur wissen. Aber das Wissen hört an dieser Stelle auf – das ist das Dramatische. Das ist eine Nagelprobe, die man naturwissenschaftlich nicht bestehen kann.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 6/2017, Glaube und Heimat – Mitteldeutsche Kirchenzeitung 6/2017, Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 6/2017.

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Auf den Spuren christlichen Glaubens

Hans-Gerd Krabbes „Glaubensbuch“ bietet spannende Ansätze, die jedoch auf der Strecke bleiben

Von Tilman Asmus Fischer

„Was will mir der Verfasser sagen?“ Wenn diese Frage während der Lektüre eines Buches aufkommt und bedacht wird, kann sie Ausgangspunkt einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Gelesenen sein, an deren Ende ein tieferes Verständnis für die Gedanken des Autors steht. In einen solchen Prozess tritt unweigerlich der Leser von Hans-Gerd Krabbes „Glaubensbuch“ „Christlichen Glauben bekennen: nach dem Apostolikum“ ein.

Die etwa 80 Seiten strukturieren sich anhand zentraler Texte des christlichen Glaubens: dem Apostolicum, den zehn Geboten, dem Vater Unser und dem Missionsbefehl. Indem der Leser die einzelnen Abschnitte durchschreitet, begegnet er einer Vielfalt von Gedanken, die der Autor ausgehend von den zugrunde gelegten Texten entwickelt. Dabei lassen sich im Wesentlichen zwei miteinander verschränkte Herangehensweisen unterscheiden, mit denen sich Krabbe dem christlichen Glauben nähert: Zum einen erschließt er in dogmatischer Hinsicht exemplarisch einzelne Worte der biblischen und kirchlichen Überlieferung. Zum anderen spürt er menschlichen Empfindungen nach und erschließt damit auf menschlicher Erfahrung beruhende Zugänge zum Glauben.

Leider treten jedoch in der Regel die implizierten Argumentationsgänge nicht zu Tage. Der Verfasser scheint einzelne Gedanken assoziativ zu verknüpfen. Dabei droht der Leser auf der Strecke zu bleiben und sich am Ende der Lektüre immer noch zu fragen, was der Verfasser ihm nun genau sagen will? Dies wird dadurch verstärkt, dass Krabbe keine erkennbare Zielgruppe anspricht: Werden an einigen Stellen theologische Überlegungen vorausgesetzt, die man bei einem Leser, der gerade in den Glauben eingeführt werden will, nicht voraussetzen kann, so entwickelt das Buch jedoch durchgehend auch keine konzisen theologischen Gedankengänge, die für die Lektüre durch einen theologisch gebildeten Leser fruchtbringend sind. Hinzu kommen unvermittelte Exkurse zu Fragen wie der Jungfrauengeburt, der Kindertaufe oder der Marien-Verehrung, deren Sinn und Zweck in der Gesamtkomposition unklar bleiben. Das ist umso bedauerlicher, als der Autor – dies lassen einige Stellen erkennen – durchaus dem Leser etwas zu sagen hätte: Dies ist der Fall etwa bei seinem klaren Eintreten für ein gemeinsames ökumenisches Bewusstsein aller Kirchen als eine „im Herrn einige“ Kirche.

Dies gilt aber auch für seine Reflexionen zur Notwendigkeit des persönlichen Bekenntnisses angesichts des Gerichtes: „Dass wir alle dem Gericht Gottes entgegenleben und entgegensterben, davon sollten wir ausgehen, ein jeder für sich, und davon, dass wir alle Jesus Christus als unseren Fürsprecher (1. Johannes 2, 1) wahrlich brauchen und nötig haben!“ Dass Krabbe „sperrige“ Kategorien wie das Gericht nicht ausspart, ist ihm hoch anzurechnen. Mehr von dem zu erfahren, was er uns über sie sagen will, wäre wünschenswert gewesen.

Hans-Gerd Krabbe: Christlichen Glauben bekennen: nach dem Apostolicum, Edition Glauben und Leben, Münster 2016, ISBN 978-3-944804-06-4, 82 Seiten, 14,90 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 34/2016.

Gelassenheit, Mut und Weisheit

In meiner Kindheit schenkte mir mein Großvater einen gerahmten Druck des bekannten Gelassenheitsgebetes: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Diese Worte begleiten mich nun schon seit langer Zeit – anfangs wohl eher noch als eine Lebensweisheit, die zu vernünftigen Tugenden ermuntert: Gelassenheit, Mut und Weisheit.

Mit der Zeit habe ich jedoch erfahren, dass die Tugenden für denjenigen, der das Gebet spricht, einen Grund haben, der für uns unverfügbar ist: Natürlich können wir uns vernünftig bemühen, zur rechten Zeit gelassen oder mutig zu sein. Dies versuche ich tagtäglich – ob in der journalistischen Arbeit, im politischen Ehrenamt oder angesichts persönlicher Herausforderungen. Ich habe aber gelernt, dass wir gelassen und mutig sein dürfen, weil wir selbst weder Schöpfer aller Dinge sind, noch das letzte Wort haben. Da ist ein Dritter: Gott, von dem Luther sagt, „dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten“.

Zu Mut und Gelassenheit befähigen wir uns nicht selbst, sondern dazu werden wir befähigt. Den, der uns dabei trägt, bitte ich mit dem Gebet immer wieder um die notwendige Einsicht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen im Rahmen der Artikelreihe „Christen sprechen über ihren Glauben“ in: Frohe Botschaft. Evangelische Monatszeitschrift, 117. Jahrgang, 6. März 2016, Lätare / 4. Sonntag der Passionszeit.

Religion und Integration

Eine Diskussion zwischen Margot Käßmann, Ahmad Milad Karimi und Micha Brumlik zur Frage, welche Rolle Religion bei der Integration von Flüchtlingen spielt

Von Tilman Asmus Fischer

Welche Reibungen könnten entstehen, wenn angesichts der laufenden politischen Debatten eine lutherische Altbischöfin, ein islamischer Religionswissenschaftler und ein jüdischer Religionsphilosoph über die „Rolle von Religionen bei der Integration von Geflüchteten in Deutschland und Europa“ sprechen? Kaum Reibungen gab es bei der Podiumsdiskussion zwischen Margot Käßmann, Ahmad Milad Karimi und Micha Brumlik am 27. Januar in der Villa Elisabeth, Berlin-Mitte. Geladen hatten die „Dialogperspektiven“, ein Programm für interreligiösen Dialog des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks.

Bereits die der Diskussion vorangestellten Hinführungen der drei Referenten waren vom Streben nach Konsens geprägt: Alle drei stellten Fluchterzählungen als Zentralthemen der jeweiligen heiligen Schriften heraus – von der Vertreibung aus dem Paradies bis hin zum heimatlosen Propheten Mohammed. Dass jede der drei Religionen zur Empathie mit Flüchtlingen befähigt – und zu Verantwortung ihnen gegenüber auffordert, war damit schnell geklärt.

Das sich anschließende – von Johanna Korneli und Jo Frank moderierte – Gespräch stieß immer wieder an Grenzen, wo es um eine Rolle von Religion im Integrationsprozess ging, die über diese allgemeinen Feststellungen zu Empathie und Verantwortung hinausgeht: Die Rolle von Religion und Bekenntnis des einzelnen Menschen. Gleich zu Anfang sprach sich das Podium gegen eine Überbewertung des Kriteriums ‚Religion’ in der Wahrnehmung der Flüchtlinge aus. Karimi begründete dies mit der „religiösen Verletzung“, die die Betroffenen in ihrer Heimat erlebt hätten, Käßmann mit einer um sich greifenden Negativbewertung alles Religiösen als fundamentalistisch.

Im weiteren Verlauf kreiste die Diskussion um die europäische Mitverantwortung für Fluchtursachen, die Leistungsfähigkeit von Religionsgemeinschaften in aktuellen Problemlösungen, das öffentliche „Sprechen über Flüchtlinge“. Der Aspekt persönlicher Religiosität kam erst wieder angesichts der Angst jüdischer Gemeinden vor wachsendem Antisemitismus durch arabische Zuwanderung und der Ereignisse der Kölner Silvesternacht zur Sprache.

Karimi lehnte unter Verweis darauf, dass sich ein gläubiger Muslim nicht wie in Köln geschehen verhalten könne, die Frage, ob ‚Köln’ etwas mit dem Islam zu tun habe, in dieser Schlichtheit kategorisch ab. Demgegenüber gestand Brumlik kritisch zu, auch sich als Jude kritische Fragen gefallen lassen zu müssen: Etwa nach der Aufforderung zu Steinig Besessener im Buch Levitikus. Insgesamt trug Brumlik wesentlich zur Belebung der Debatte bei. So kritisierte er etwa die Konzentration auf Fluchtursachen in der laufenden Debatte als „Ausflucht“ vor den aktuellen Fragen der Integration, die jetzt geklärt werden müssten.

Letztlich war es der Welt-Journalist Matthias Kamann, dem es aus dem Publikum heraus gelang, durch einen Vergleich zu den jüngsten sexuellen Übergriffen die Debatte zuzuspitzen: Niemand würde bestreiten, dass die Homophobie in katholischen Milieus der alten Bundesrepublik auch etwas mit der damaligen Religiosität zu tun gehabt habe. Dies veranlasste Brumlik zu der Feststellung, dass es neben der wahrhaftigen Auslegung einer Glaubenslehre, in der breiten Masse immer auch tradierte Muster gebe, wo die Religion nicht richtig verstanden werde. Am Ende musste seine hieraus folgende elementare Frage unbeantwortet stehenbleiben: „Wie können wir trennscharf zwischen Religion und Kultur unterscheiden?“ Mit ihrer noch ausstehenden Beantwortung erwuchs aus der Diskussion eine wichtige ‚Dialogperspektive’.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 6/2016.

Es gibt noch viel zu tun

Von Tilman Asmus Fischer

Wissenschaftliche Fachliteratur ist teuer – dies gilt umso mehr, je spezieller das fragliche Thema ist. Folglich haben es – oft zu Unrecht sogenannte – Nischenthemen schwer, in ihrem Fachbereich oder gar in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Vor diesem Problem standen in der Nachkriegszeit die Judaistik und der wissenschaftliche Dialog zwischen Kirche und Judentum. Dabei war doch gerade dieser Austausch nach Nationalsozialismus und Rassenwahn so bitter nötig. Aus Einsicht in die Notwendigkeit, hier Abhilfe zu schaffen, wurde an der West-Berliner Kirchlichen Hochschule 1960 das Institut Kirche und Judentum (IKJ) unter Leitung von Günther Harder begründet, der es bis 1974 leitete.

Publikationen der letzten Jahre in den Büroräumen des Instituts.  Foto: H-C. Bandholz
Publikationen der letzten Jahre in den Büroräumen des Instituts.
Foto: H-C. Bandholz

Hier werden seither Forschungen zur Beziehung zwischen Christentum und Judentum betrieben – und entsprechende Forschungsergebnisse in Publikationen umgesetzt. In seiner Schriftenreihe „Studien zu Kirche und Israel. Neue Folge“ sollen zu erschwinglichen Preisen sowohl neue Forschungen zu den christlich-jüdischen Beziehungen seit der Antike als auch neue Initiativen zum jüdisch-christlichen Dialog an Interessierte vermittelt werden. Um breite Kreise in Kirche und Wissenschaft zu erreichen, hat das Institut parallel zur Verlagstätigkeit unterschiedliche Veranstaltungsformate von Einzelvorträgen bis hin zu Israel-Studienfahrten entwickelt.

Unter Harders Nachfolger, dem Neutestamentler Peter von der Osten-Sacken, erfolgte 1994 die Angliederung an die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und der Wechsel in Räumlichkeiten des Berliner Doms. 2007 zog das Werk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit der Übernahme der Leitung durch den Alttestamentler Rüdiger Liwak letztmalig und nun in die Räume der Fakultät um.

Nachdem ab 2010 Liwaks Fachkollege Markus Witte das IKJ geleitet hatte, führt seit Mai 2015 mit dem Kirchenhistoriker Christoph Markschies erstmals kein Exeget kommissarisch die Geschäfte des Instituts. Da Markschies jedoch zuletzt selbst mit Forschungen zum Judentum hervorgetreten war, betraute ihn die EKBO mit der Leitung. Zuletzt war der ehemalige Präsident der Humboldt-Universität an einer englischsprachigen Veröffentlichung über die „Tegernsee-Haggadah“ beteiligt, deren deutschsprachige Ausgabe bald im Publikationsangebot des IKJ erscheinen wird.

Diese Ausgabe der Liturgie des als Teil des Pessach-Festes begangenen Sederabends dürfte auch für die weitere Aufarbeitung der spannungsreichen jüdisch-christlichen Beziehungsgeschichte von Bedeutung sein. Grund ist ein ihr zugehöriger lateinischer Kommentar. Dessen Verfasser, ein Mönch aus dem Kloster Tegernsee, war nicht nur ein großer Kenner der jüdischen Religion, sondern auch „voller antijudaistischer Vorurteile, insofern typisch für die spätmittelalterliche christliche gelehrte Beschäftigung mit dem Judentum“, erläutert Christoph Markschies. „Das Buch ist sowohl für Menschen interessant, die eine schön illustrierte mittelalterliche Haggadah kaufen und sich über jüdische Pessach-Bräuche informieren wollen, als auch für Leserinnen und Leser, die etwas über das jüdisch-christliche Verhältnis im Mittelalter erfahren wollen“, berichtet Markschies. Es sei die erste Edition dieses bislang unbekannten, ersten christlichen Kommentars mit Übersetzung und Kommentar und ein Vollfaksimile der prachtvollen Handschrift.

Ergänzend zu den eigenen Forschungen und Veröffentlichungen kooperiert das IKJ mit einer Reihe nationaler und internationaler Partnereinrichtungen. Dies ist vor allem das in Berlin ansässige, 2011 gegründete Zentrum Jüdische Studien, aber auch das an der Universität Greifswald angesiedelte Gustaf-Dalman-Institut für Palästina-Archäologie. So konnte in der ersten Hälfte des Jahres 2015 eine in Greifswald erarbeitete Wanderausstellung über das Werk des Palästinaforschers Gustaf Dalman (1855–1941) in der Berliner Fakultät gezeigt werden.

Zur diesjährigen traditionellen Sommeruniversität – „Der Messias im christlich-jüdischen Gespräch“ – erwartet das IKJ wissenschaftliche Hochkaräter, darunter die Alttestamentlerin Beate Ego von der Ruhr-Universität Bochum und Hermann Spiekermann von der Universität Göttingen. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern werden sie vom 25. bis 28. August über Messiaskonzeptionen im Judentum und Christentum diskutieren.

Die internationale Zusammenarbeit soll, so berichtet Christoph Markschies, eine baldige Intensivierung erfahren: „Gemeinsam mit Maren Niehoff, Professorin an der Hebräischen Universität in Jerusalem, und Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, werden die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und christlicher Bibelauslegung studiert werden.“ Dabei wolle man sich exemplarisch mit der Interpretation der fünf Bücher Mose beim ersten christlichen Universalgelehrten Origenes und den frühen rabbinischen Auslegern befassen. „Dazu wird Frau Niehoff als Gast für eine längere Zeit am Institut wirken“, so Markschies.

Die Arbeit am christlich-jüdischen Verhältnis bleibt jedoch nicht in Antike und Mittelalter stehen – vielmehr will das IKJ zukünftig den Blick gerade auch auf ehemalige Theologen der Fakultät und Universität richten, an die es selbst angegliedert ist. Hierbei wird es, so Markschies, vor allem um den Kirchenhistoriker „August Neander, einen zum Christentum konvertierten Hamburger Juden, und Adolf Harnack, dessen ambivalentes Verhältnis zum Judentum häufig zu Klischees verzeichnet wird“, gehen – aber auch um IKJ-Gründer Harder. Neben der Wissenschaft soll das Institut jedoch auch wieder stärker in die deutschen Landeskirchen hineinwirken – dabei denkt Christoph Markschies an „Arbeitshilfen zum Israel-Sonntag, für Unterrichtseinheiten und Gemeindeseminare, ein koordiniertes Vortrags- und Seminarangebot“.

Es gibt noch viel zu tun. Hierzu, betont Markschies, ist ein ebenfalls finanzieller Ausbau des Instituts und die entsprechende Einwerbung weiterer Geldmittel notwendig.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 32/2015.

Für die Sommeruniversität „Der Messias im christlich-jüdischen Gespräch“ vom 25. bis 28. August gibt es noch freie Plätze. Teilnehmer sind herzlich willkommen. Informationen finden Sie unter
Telefon: (030) 20 93 59 40
http://www.ikj-berlin.de

Unsichtbare Scheiterhaufen überwinden

Reformation ist nicht allein auf Wittenberg zurückzuführen. Und sie ist nicht erst ein Thema des 16. Jahrhunderts. Bereits mehr als 100 Jahre vor dem lutherischen Thesenanschlag sorgte ein europäischer Theologe für geistige Bewegung im Christentum: der Böhme Jan Hus. Er kritisierte unter anderem die anmaßende Autorität des Papstes, den Ablasshandel, die Reliquienverehrung und führte die tschechische Predigt ein. Christus sah er als alleiniges Haupt der Kirche an und die Bibel als einzigen Maßstab. Dafür büßte er vor 600 Jahren mit seinem Leben. Am 6. Juli 1415 wurde er auf dem Konstanzer Konzil verbrannt.

Bei Hus war schon so manches angelegt, was späterhin bei Luther zu finden sein sollte. Jedoch, wie gesagt: Anders als bei Luther führten ihn seine Abweichungen zum Scheiterhaufen. Seine Theologie – und die Einforderung eines offenen Disputs mit seinen Opponenten.

„Die Henker ergreifen ihn, binden ihn mit nassen Stricken an einen Pflock, legen ihm eine rostige Kette um den Hals und schichten bis auf Kinnhöhe Holz, Reisig und Stroh um ihn auf. Noch einmal wird er vom Pfalzgrafen und vom Marschall von Pappenheim gefragt, ob er seine Ketzereien widerrufen wolle – so könne der sein Leben retten. Ein letztes Mal antwortet der Magister: Welche Irrtümer soll ich widerrufen? Ich bin mir keines einzigen bewusst! In der evangelischen Wahrheit, die ich geschrieben, gelehrt und gepredigt habe, will ich heute gerne sterben!“ (nachzulesen bei Arnd Brummer, Jan Hus. Warum ein frommer Katholik auf dem Scheiterhaufen endete, Wichern-Porträts)

Hus ist selbst kein Leisetreter: Auf der Prager Diözesansynode fordert er die Exkommunikation hurender Kleriker. „Als grausame Inkarnation der Verlogenheit und Habsucht entlarvt Hus die sogenannten Bettelorden, die fetten Mönche des Herrn, die ihre Armut lediglich vortäuschten, um an Geld zu kommen.“ Wer sich also in der Tradition dieses Hus sieht, darf auch einmal deftig werden – ein Zug, den heute die politische Korrektheit in Debatten oft vereitelt.

Eines sollte uns jedoch das Beispiel „Hus“ lehren: auch mit den Vertretern der Gegenseite im Gespräch zu bleiben und sie nicht auf den Scheiterhaufen zu schicken. Gewiss und zum großen Glück gibt es in unserer sich als aufgeklärt verstehenden Zeit keine Scheiterhaufen aus Holz, wie denjenigen, der Hus zum Verhängnis wurde. Aber es gibt unsichtbare Scheiterhaufen, die wir errichten, wenn wir versuchen, das Gegenüber zu marginalisieren oder gar mundtot zu machen.

Jeder Mensch, der eine andere Position vertritt als ich selbst, hat dennoch so viel Respekt verdient, dass ich mich nicht dazu herablasse, ihn zu negieren, eben auch nicht sein Recht auf Selbstpositionierung. In der evangelischen Kirche sollte dies erst recht gelten, da wir doch letztlich – ebenso wie Hus – eine Instanz außerhalb von uns als Richterin anrufen können: die Heilige Schrift. Eben diese sollte uns zu mehr Gelassenheit im Disput ermutigen – in gut protestantischer Tradition! In gut hussitischer Tradition!

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Frohe Botschaft Juli/2015.

Öffnung statt Rückzug

Die aktuelle Studie „Religion in der Moderne“ gibt den Kirchen wenig Spielraum, um ihren Bedeutungsverlust abzuwenden

Gegen die Moderne scheinen Kirchen nicht anzukommen: Dass Religion langsam, aber sicher an Bedeutung verliert, sei kaum aufzuhalten, sagt etwa der Religionssoziologe Detlef Pollack und stützt sich dabei auf das umfangreiche Datenmaterial seiner aktuellen Studie „Religion in der Moderne“. Und doch haben Kirchen einen Spielraum, gegen diese Entwicklung anzugehen – wenn es ihnen gelingt, ihre Relevanz für andere Bereiche deutlich zu machen und sich mit nichtreligiösen Akteuren und Interessen zu verbinden.

Von Tilman Asmus Fischer

Hamburg/Münster. Die Zukunftsperspektive, die die gerade erschienene Studie „Religion in der Moderne“ den Kirchen eröffnet, ist nicht rosig. Auf die Frage, was Kirche tun könne, um Bedeutungsrückgang und Gleichgültigkeit der Menschen aufzuhalten, antwortet ihr Autor Detlef Pollack in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur: „Die Kirchen sind dieser Abwendung der Gläubigen häufig machtlos ausgeliefert.“ Denn nicht theologische Differenzen, sondern schlicht Gleichgültigkeit seien Ursache der Distanz. Hier ließe sich nachfragen, inwiefern sich das Schicksal der Kirche nicht auch in der Zuwendung konfessionsloser Menschen zu Jesus Christus entscheiden könnte.

Aber wer ist überhaupt noch ansprechbar? „Nach Selbstauskunft von Befragten befinden sich in Westdeutschland gerade einmal drei Prozent der Konfessionslosen religiös auf der Suche.“ Eine Perspektive tut sich jedoch auf, wo die Studie über positive Effekte eines gesellschaftlichen Engagements der Kirchen berichtet: „Die Verbindung von religiösen mit kulturellen, politischen, sozialen und nationalen Funktionen kommt der kirchlichen Integrationsfähigkeit zugute.“

Ein solches ‚Hereinragen’ der Kirche in die Gesellschaft sieht der Professor für Religionssoziologie in Münster sowohl im Bereich der Bildung als auch im Falle politischer Einbringung gegeben. Heißt: Wollen Religion und Kirche Relevanz haben, müssen sie sich als relevant für die Mitwelt erweisen. Bei der Dienstleistung Bildung handelt es sich eben um einen Dienst der Kirche an der Gesellschaft, der zu einem gelingenden Leben der Menschen beitragen will.

Wie wichtig es ist, dass Kirche dabei in ihrem Engagement von anderen Akteuren aufgrund ihrer spezifischen Mission unterscheidbar bleibt, macht Pollacks Mahnung mit Blick auf politische Aktivitäten deutlich: „Mischt sich Kirche gesellschaftlich ein, muss das aber mit ihrer Kernkompetenz, zum Beispiel Nächstenliebe, in Verbindung stehen, sonst überzieht die Kirche ihr Konto. Die Gefahr ist immer, dass Kirche sich nur noch im Anpassungsgang an eine individualisierte Gesellschaft befindet und dadurch an Profil verliert. Die Gefahr ist aber auch, dass sie sich über die Gesellschaft stellt. In diesem Spannungsfeld muss sich die Kirche bewähren.“

Wie nun will Kirche im Spannungsfeld der Gesellschaft handeln? Im Interview spricht Pollack von „nur kleinen Stellschrauben“ zur Abfederung des Abwärtstrends. Wie groß oder klein der verbleibende Spielraum ist, wird sich noch zeigen müssen. In jedem Fall wäre ein wichtiger Schluss, die Erkenntnis der Studie zur Gesellschaftsrelevanz von Kirche in Bildung und Politik auf die Ebene der Gemeinden zu übertragen. Welche Kapazitäten haben die Landeskirchen, ein gemeindliches Leben anzuregen, das nicht nur den Bestand sichert und Angebote für Gemeindeglieder schafft, sondern dem „Bau des Reiches Gottes“ in der Welt dient, wie es schon seit Längerem der Missiologe Johannes Reimer fordert?

Wichtig scheint eine offene und breite Verständigung über Auftrag und Sendung innerhalb der Kirche und eine verständliche Vermittlung des so gewonnenen Selbstbildes nach außen zu sein. So neue Energie zu gewinnen, Gemeinden und kirchliche Werke als Transformatoren der Gesellschaft zu verstehen, könnte einen Trend wenden, den die Studie aufzeigt: Schrumpfende Religionsgemeinschaften werden nicht etwa um Mitglieder werbend aktiver, sondern schränken ihre Tätigkeiten ein.

Ein Indikator für die Notwendigkeit einer innerlichen wie äußerlichen Neu-Orientierung sind die immer wieder von Vertretern der Grünen vorgetragenen Überlegungen zum Staats-Kirchen-Verhältnis. In einem unlängst veröffentlichten Aufsatz schreibt Volker Beck: „Heute klafft der tatsächliche Bedarf an religiös geprägten Sozial- und Bildungseinrichtungen, wie er sich näherungsweise am jeweiligen Bevölkerungsanteil ablesen lässt, und der reale Bestand solcher Einrichtungen eklatant auseinander.“ Diese Position müsste Kirche auffordern, deutlich zu machen, dass sich ihr Dienst eben nicht auf die Gläubigen beschränkt, sondern an die ganze Welt richtet. Letztlich, dass Gemeinden vor Ort Gemeinde „für andere“ sind, wie es Reimer formuliert.

Profilierung tut not, sie darf jedoch nicht nur die Gemeinde- und Kirchengestalt betreffen – gerade die Kirche sollte zugleich auf ihr theologisches Profil achten. Welches Welt-, Gottes- und Menschenbild vertritt und bewirbt sie? Zwar sieht die Studie die – noch – große Verbreitung von Gottesvorstellungen in Westeuropa befördert durch ihre zunehmende Abstraktheit. Aber: „Sowohl in den Niederlanden als auch in Westdeutschland ist für Menschen mit einer unbestimmten Gottesvorstellung Religion nach eigenem Bekunden weniger wichtig als für jene, die an einen persönlichen Gott glauben.“ Das persönliche Betroffensein von Glaubensfragen hängt also zentral von einer konkreten Gottesvorstellung ab.

Erschienen in: Evangelische Zeitung 23/2015 (www.evangelische-zeitung.de).

Detlef Pollack, Gergely Rosta (Hrsgg.): Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt 2015.