Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Reise in eine versunkene Welt

Ausstellung „Jerzy Bahr – Mein Königsberg“

Königsberg am frühen Morgen: „Gähnende Leere, rote, zerschlagene Ziegel und Gassen, die einst Straßen waren.“ So erinnerte sich der polnische Diplomat Jerzy Bahr (†) an die ostpreußische Metropole nach seinem ersten Besuch in den 1970er Jahren. Über Bahrs Faszination für Königsberg zeigt die westpreußische Stadt Krockow jetzt eine Ausstellung.

Als 1963 „Namen, die keiner mehr nennt“ von der aus Ostpreußen stammenden Autorin Marion Gräfin Dönhoffs erschien, würdigte der „Spiegel“ das Buch als „bewegendes Porträt einer versunkenen Welt“. Die Faszination, die von dieser „versunkenen Welt“ ausgeht, ist auch knapp 55 Jahre danach noch spürbar. Dies trifft in besonderer Weise auf das Samland mit der Provinzhauptstadt Königsberg zu.

In der Ausstellung finden die Besucher u.a. eine Reihe von Bildern und Karten des alten Königsberg

Zu denjenigen, die sich der Faszination Königsbergs nicht entziehen konnten, gehörte auch der im Vorjahr verstorbene polnische Diplomat Jerzy Bahr. Nach sieben Jahren im Dienst des polnischen Außenministeriums war Bahr 1981 nach Ausrufung des Kriegsrechts nach Österreich geflohen. Es folgten Tätigkeiten für Radio Free Europe und das Osteuropa-Studien-Institut Bern-Freiburg. Mit seiner Rückkehr nach Polen 1989 konnte er seine diplomatische Laufbahn fortsetzen, die ihn unter anderem als Botschafter von 1996 bis 2001 nach Kiew, von 2001 bis 2005 nach Vilnius und von 2006 bis 2010 nach Moskau führte.

Leidenschaft für Königsberg

Dass ihn sein Lebensweg sowohl mit dem deutschsprachigen Raum als auch mit den östlichen und nordöstlichen Nachbarn Polens verband, mag ihn dazu prädestiniert haben, seine von Jugend an gehegte Leidenschaft für die Ostseemetropole Königsberg zu vertiefen; und dies nicht nur als erster polnischer Generalkonsul in Königsberg 1992 bis 1994. Vor allem betätigte er sich privat als Sammler historischer Relikte aus der Pregelstadt. Im Gespräch mit dem Publizisten Jerzy Sadecki sagte er: „Seit meiner frühen Jugend habe ich meine Leidenschaft auf alles gerichtet, was Königsberg betraf.“ Er erinnerte sich an einen frühen Königsberg-Besuch in den 1970er-Jahren: „Früh morgens im Zentrum der Stadt sah ich nur gähnende Leere, rote, zerschlagene Ziegel und Gassen, die einst Straßen waren. Ich verblüffte meinen Kollegen, da in meinem Kopf noch eine Karte Königsbergs aus der Vorkriegszeit existierte, indem ich ihm zeigte, wo sich früher welche Straße befand.“

Mit den Augen Bahrs

Grażyna Patryn, Kustodin des Regionalmuseums im westpreußischen Krockow, ermöglicht nun in Form einer Ausstellung, Jerzy Bahr auf seinem Gedankenspaziergang durch das alte Königsberg zu folgen. Nachdem die Familie Bahrs dem Museum den Nachlass des ehemaligen Generalkonsuls – neben der Artefaktensammlung eine umfangreiche Königsberg-Bibliothek und ein kleines Archiv zu Königsberger Themen – übergeben hatte, begann Patryn, hieraus eine liebevoll gestaltete Ausstellung zu konzipieren und umzusetzen. Diese ist noch bis Ende des Jahres in Krockow zu besichtigen.

Die Sammlung reicht von historischen Drucken und Uniformabzeichen über Bierflaschen Königsberger Brauereien und historische Postkarten bis zu einer Mehltüte der Königsberger Walzmühle und einem Porzellangriff für den Abzug einer Klospülung mit Signier der Bauklempnerei „Herm. Liedtke“. Damit eröffnet sie nicht nur einen Zugang zu unterschiedlichen Aspekten der Königsberger Stadtgeschichte. Vielmehr spiegelt sich in ihr das Interesse des Sammlers für die Alltagsgeschichte und das Leben der Menschen, für die die Dinge einst bedeutsam waren.

Dass die Sammlung eines polnischen Diplomaten zum deutschen Königsberg nun in der Kaschubei – an der Danziger Bucht der heutigen russischen Oblast gegenüberliegend – ihre neue Heimat gefunden hat, mag ein Zufall sein, ist nichtsdestoweniger aber sinnfällig: erinnert dieser Sachverhalt doch an die historische Verwobenheit der Kulturlandschaften im südlichen Ostseeraum – und an die gemeinsame Verantwortung der dort einst und heute siedelnden Völker für das gemeinsame Kulturerbe.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Wochenblatt.pl 39/2017.

Was Heimat ausmacht

Im 60. Jahr seines Bestehens hat der Bund der Vertriebenen (BdV) am 2. September in Berlin mit einer zentralen Auftaktveranstaltung in der „Urania“ den „Tag der Heimat“ 2017 begangen. Dem Verbandsjubiläum entsprechend lautete das Leitwort „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“.

Der Festakt blieb jedoch nicht im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte verhaftet. Vielmehr verdeutlichten die Wortbeiträge die Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung der menschenrechts-, heimat- und verständigungspolitischen Belange der Vertriebenen und Aussiedler.

Kein Beauftragter der Evangelischen Kirche mehr

Das Geistliche Wort und die Totenehrung wurde erstmals von Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, gehalten.

Nur einen Monat zuvor war durch ein Interview mit dem theologischen Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes, Dr. Thies Gundlach, bekannt geworden, dass der Rat der EKD keinen Nachfolger für den 2015 ausgeschiedenen Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen, Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn, berufen wird. Ohne Dutzmann vorgreifen zu wollen, hatte Gundlach erklärt, dieser werde beim „Tag der Heimat“ darlegen „warum eine Nichtberufung eines Beauftragten nicht als Schlechterstellung der Spätaussiedler zu verstehen ist“.

Demgegenüber sprachen weder Dutzmann noch die beiden anderen Redner die einschneidende Entscheidung des Rates der EKD an. Vielmehr legte der Beauftragte das Klagelied Israels im babylonischen Exil (Psalm 137) und das Trostwort Jesaja 42,3 aus: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Vertriebene wieder willkommen

Dr. Thomas de Maizière MdB und Dr. Bernd Fabritius MdB
(Bild: Bildquelle: Peter-Paul Weiler/BdV)

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB (CSU) erinnerte in seiner Ansprache an die letztlich von Versöhnungs- und Verzichtsbereitschaft geprägte Geschichte der deutschen Vertriebenen und ihrer Verbände. Inzwischen dürften Vertriebene in der alten Heimat wieder Heimat finden, wenn sie wollten. „Aber“, fragte er, „müssen nicht gerade wir – zur Vermeidung solchen Unrechts wie in der Vergangenheit – noch mehr verlangen als nur das?“ In diesem Sinne forderte er, dass „das fundamentale Menschenrecht des Schutzes vor Vertreibung und ethnischer Säuberungen seinen normativ verankerten Platz in der europäischen Rechtsordnung erhält“. Der UN-Menschenrechtscharta von 1948 fehle „sowohl das Verbot als auch eine zumindest moralische Sanktion“ für Vertreibungsverbrechen. Mit der Forderung nach einem völkerrechtlichen Vertreibungsverbot verknüpfte Fabritius die Anliegen der Heimatverbliebenen und Aussiedler: „Der BdV hat dazu eine eindeutige Position: Wir unterstützen auf der einen Seite den Bleibewillen der Menschen und drängen auf Hilfen für die deutschen Minderheiten – und auf der anderen Seite bestehen wir darauf, dass deutsche Spätaussiedler bei uns, in Deutschland, eine angemessene Willkommenskultur vorfinden.“

Zukunft des Tages der Heimat

Wie bereits in seiner Rede zum diesjährigen nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung befasste sich Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB in seiner Festrede mit der konstitutiven Bedeutung der Erinnerung für die Identität Deutschlands – und führte gewissermaßen die am 20. Juni getätigten Überlegungen fort.

Zum einen schärfte er den Blick für die Übergänge zwischen individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis: sowohl vermittels Objekten wie in der kommenden Dauerausstellung der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ – als auch durch schriftliche und mündliche Überlieferung. Die Geschichte der Vertriebenen zu verstehen, bedeute, so der Minister, die ganze deutsche Geschichte zu verstehen.

Zum anderen fragte de Maizière nach der Zukunft des „Tages der Heimat“. Da Erinnerung nicht zwingend des persönlichen Erlebens bedürfe, könne dieser Gedenktag auch über die Erlebnisgeneration hinaus ein „Erinnerungsort“ von bleibender Bedeutung sein. Der Minister wünschte sich, dass zukünftig Vertriebene, Einheimische und Nachgeborene an diesem Tag gemeinsam darüber diskutierten, was Heimat heute ausmacht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Wochenblatt.pl 36/2017.

Auf ein Wort: 60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen

2017 schaut der Bund der Vertriebenen auf seine Gründung im Jahre 1957 zurück. Nicht umsonst steht der Tag der Heimat unter dem Motto: „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“. Diese begriffliche Trias verdeutlicht die Vielfalt der Arbeit, die der BdV und die ihm angeschlossenen Verbände seit Jahrzehnten leisten: Sie war niemals allein nur Vertriebenenpolitik, nur Kulturarbeit oder nur Verständigungspolitik.

Das Eintreten für die Rechte deutscher Heimatvertriebener, Flüchtlinge und Aussiedler – der Einsatz für die Bewahrung des heimatlichen Kulturerbes – das aufrichtige Bemühen um Verständigung mit den Nachbarvölkern, all dies gehört untrennbar zusammen. Auf nur eines dieser Ziele lässt sich die Gesamtheit der deutschen Vertriebenen weder von ihren Kritikern noch von einzelnen Akteuren reduzieren, die ihrerseits versuchen, sie für ihre politische Agenda zu vereinnahmen.

Mit ihrem Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung haben die Vertriebenen und Aussiedler in verschiedenen Phasen der bundesdeutschen Geschichte jeweils eigene Akzente im öffentlichen Diskurs gesetzt – ja, das Gesicht unseres Landes mitgeprägt: In den frühen Jahren der Bonner Republik standen vor allem sozialpolitische Forderungen im Zentrum; angesichts des hohen Risikos der Altersarmut unter Spätaussiedlern haben sie zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen. In Jahren, als Teile der deutschen Bevölkerung begannen, sich mit dem realexistierenden Sozialismus im östlichen Europa abzufinden, verbanden die Vertriebenen mit der Forderung nach Recht auf Heimat diejenige nach Freiheit und Demokratie für den ganzen Kontinent. Parallel hierzu trieben Deutsche aus dem Osten die Erforschung und Bewahrung des Kulturerbes der Landschaften zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer voran. Vor und nach dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft waren es Vertriebene und Flüchtlinge, die steten Kontakt zu den alten und neuen Bewohnern ihrer Heimat hielten – und damit die europäische Integration wesentlich förderten.

Aufgrund ihres langjährigen und nachhaltigen zivilgesellschaftlichen Engagements sind Vertriebene, Flüchtlinge und Spätaussiedler längst in der bundesdeutschen Gesellschaft angekommen – ihre Ziele gelten zumindest den Unionsparteien als „Kernanliegen“, und in der letzten Ausgabe dieser Zeitung bezeichnete der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes die Betreuung von Spätaussiedlern als „Regelaufgabe“ der Kirchen. Dass ihre Anliegen inzwischen „Kernanliegen“ und „Regelaufgaben“ geworden sind, können Vertriebene und Aussiedler gewiss als Indiz für ihre gesellschaftliche und politische Etablierung verbuchen. Dabei bergen „Kernanliegen“ und „Regelaufgaben“ aber immer auch das Risiko, dass sie zur Routine werden und sich irgendwann unter „ferner liefen“ finden.

Daher gilt es, nach 60 Jahren des Einsatzes für Menschenrechte, Heimat und Verständigung die bleibend aktuelle – und nicht nur beiläufige – Bedeutung dieser Maximen zu betonen: Angesichts weltweiter Zwangsmigration ist die Forderung „Heimatrecht ist Menschenrecht“ von anhaltender Brisanz. Spätaussiedler stellen auch heute noch eine der größten Migrantengruppen unseres Landes dar, deren Integration es weiterhin zu vertiefen gilt – im Sinne gesellschaftlicher Stabilität und Pluralität. Und letztlich: Angesichts der neuen Spannungen zwischen westlichen und östlichen Mitgliedsstaaten der EU, braucht es auch heute noch die Hand der Vertriebenen, die sich den östlichen Nachbarn entgegenstreckt – unabhängig davon, wie sich das politische Klima zwischen Berlin und Warschau darstellt.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 9/2017.

„Regelaufgabe der Kirchen“

Fünf Fragen an Dr. Thies Gundlach

Bereits kurz nach den Feierlichkeiten anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der „Ostdenkschrift“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Jahre 2015 war Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn aus dem Amt des Beauftragten des Rates der EKD für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen ausgeschieden. Gegenüber dieser Zeitung erklärte die EKD nun, dass es im Rahmen einer allgemeinen Verkleinerung des Kreises der Beauftragten nicht zu einer Neubesetzung kommen werde. Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, stellt sich im Interview Rückfragen, die sich aus dieser Entscheidung ergeben.

Herr Dr. Gundlach, über Jahrzehnte war der Beauftragte des Rates der EKD eine feste Institution und ein wichtiger Ansprechpartner für Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler. Welche Überlegungen gaben Anlass dazu, nun auf eine Fortführung dieses Amtes zu verzichten?

Dr. Thies Gundlach (Foto: EKD)

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat eine längere und intensive Diskussion der Frage hinter sich, welche Beauftragungen er einrichten will und welche nicht. Denn Beauftragungen sind im Kern ja Delegationen von Themen an ausgewählte Personen, die in aller Regel nicht Mitglied des Rates der EKD oder seines Amtes sind. Diese Delegationen dienen einerseits einer Entlastung des Rates, andererseits ermöglichen sie eine gewisse Konzentration auf einen spezifischen Aufgabenbereich. Nicht verbunden mit einer Beauftragung war und ist eine Form der Bewertung oder gar Priorisierung von Aufgabenfeldern. Demzufolge ist die Nicht-Beauftragung eines Themenfeldes auch keinesfalls als Zurückstellung zu verstehen. Vor diesem Hintergrund hat der Rat der EKD die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten angewachsenen Beauftragungen kritisch geprüft und insbesondere dort keine neue Beauftragung ausgesprochen, wo Aufgabenfelder im Laufe der Jahre zu Regelaufgaben geworden sind.

Wer wird innerhalb der EKD in Zukunft die bisherigen Aufgaben des Beauftragten wahrnehmen und den Vertriebenen bzw. Spätaussiedlern als Gesprächspartner zur Verfügung stehen?

Auch wenn zukünftig die Aufgaben des Beauftragten für Spätaussiedler nicht in gleicher Weise wahrgenommen werden können, wie sie von dem hochengagierten und hochkompetenten letzten Beauftragten, Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn, ausgeführt wurden, ist die Zuständigkeit für den Themenbereich vom Rat der EKD klar geregelt. Im Grundsatz ist die Zuständigkeit an den theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD übertragen worden und wird von mir – gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen – nach besten Wissen und Gewissen übernommen.

Zwar wird die Zahl derjenigen, die Flucht und Vertreibung während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs persönlich erlebten, von Jahr zu Jahr geringer. Demgegenüber stellen jedoch die Aussiedler und Spätaussiedler gegenwärtig eine der beiden größten Migrantengruppen in der bundesdeutschen Gesellschaft dar, bei deren Integration bis heute zudem große Herausforderungen bestehen. Was bedeutet die vom Rat der EKD getroffene Entscheidung für die Bedeutung, die diesem Problemzusammenhang innerhalb der gesellschaftlichen Diakonie zukommt?

Auch als Betroffener oder Engagierter in diesem Arbeitsbereich wird man anerkennen, dass die großen Erstherausforderungen der Spätaussiedler seit einigen Jahren nicht mehr in gleicher Weise auf der ganzen Gesellschaft und damit auch auf der Kirche lasten wie zuvor. Es ist festzuhalten: Aussiedler und Spätaussiedler sind weithin angekommen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft und sind ein stabilisierender Faktor der lebensweltlichen Pluralität. Darauf haben sich Kommunen, Kirchenkreise und Landeskirchen eingestellt. Natürlich gibt es nach wie vor viel zu tun im Bereich der Integration, der Begleitung und der Beratung, aber diese Herausforderungen sind nicht mehr vergleichbar mit den Aufgaben, die in den 1980er und 1990er Jahren vorlagen. Insofern signalisiert der Verzicht des Rates der EKD auf eine Berufung eines Beauftragten lediglich, dass die Arbeit mit (Spät-)Aussiedlern zu einer Regelaufgabe der Kirchen geworden ist.

Vergangenes Jahr hat die Deutsche Bischofskonferenz die Beendigung der bisherigen Visitaturen beschlossen, die für die Betreuung der einzelnen landsmannschaftlichen Gruppen katholischer Vertriebener zuständig waren; demgegenüber liegt die Vertriebenenpastoral nun in den Händen der Selbstorganisationen der katholischen Vertriebenen. Innerhalb der EKD organisieren sich die Deutschen aus dem Osten im Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen bzw. den hierin zusammengeschlossenen Gemeinschaften und Hilfskomitees. Welche Zukunftsperspektive hat die EKD für ihren wichtigen Dienst an den von Flucht und Vertreibung Betroffenen bzw. den Nachgeborenen – und wie wird sie deren Organisationen unterstützen?

Grundsätzlich werden solche Initiativen und wichtigen Dienste auf der regionalen Ebene gefördert und geistlich-diakonisch begleitet, soweit die Kräfte reichen. Zugleich können Anfragen im Blick auf Unterstützung und Begleitung gesamtdeutscher Initiativen selbstverständlich an das Kirchenamt der EKD gerichtet werden, sie werden dort bearbeitet und ggf. an die zuständigen Stellen weitervermittelt.

Am 2. September wird der Bund der Vertriebenen mit einem zentralen Festakt den Tag der Heimat begehen, der 2017 unter dem Motto steht: „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“. In der bisherigen Tradition des Beauftragten beabsichtigen Sie in diesem Jahr für die EKD das Geistliche Wort zu halten. Ohne Ihrer Ansprache zu weit vorgreifen zu wollen: Welche Botschaft hat die EKD im Jahre 2017 für die deutschen Flüchtlinge, Vertriebenen und Spätaussiedler?

Leider werde ich aufgrund einer anderen Verpflichtung – entgegen ursprünglicher Planungen – persönlich nicht anwesend sein können. Herr Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der EKD in Berlin, wird diese Aufgabe übernehmen. Er wird – ohne ihm nun meinerseits vorgreifen zu wollen – ganz auf der hier entfalteten Linie ebenfalls darlegen, warum eine Nichtberufung eines Beauftragten nicht als Schlechterstellung der Spätaussiedler zu verstehen ist.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2017.

Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

Der „Kanzler der Einheit“ und die Deutschen aus dem Osten

Zum Tod von Bundeskanzler Helmut Kohl (* 3. April 1930 – † 16. Juni 2017)

Mitte Juni ist Helmut Kohl in seinem Geburtsort Ludwigshafen verstorben. Abschied vom „Kanzler der Einheit“ nehmen auch deutsche Heimatvertriebene und Heimatverbliebene. Mit ihm verbinden sie in besonderer Weise die Jahre der politischen Wende in Europa.

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB würdigte Helmut Kohl, dem bereits 1984 die Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen verliehen worden war, als „Verfechter der ­europäischen Idee“ und Unterstützer der Vertriebenen und Aussiedler: „Im In- und Ausland“ habe er deren „besonderen Anteil […] am geistigen und materiellen Wiederaufbau Deutschlands deutlich“ heraus gestellt und sich dafür eingesetzt, „Geschichte und Kultur der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu fördern sowie die Aufarbeitung auch des Vertreibungsunrechtes voranzubringen“.

Vollständiger Artikel auf der-westpreusse.de…