Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

Der „Kanzler der Einheit“ und die Deutschen aus dem Osten

Zum Tod von Bundeskanzler Helmut Kohl (* 3. April 1930 – † 16. Juni 2017)

Mitte Juni ist Helmut Kohl in seinem Geburtsort Ludwigshafen verstorben. Abschied vom „Kanzler der Einheit“ nehmen auch deutsche Heimatvertriebene und Heimatverbliebene. Mit ihm verbinden sie in besonderer Weise die Jahre der politischen Wende in Europa.

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB würdigte Helmut Kohl, dem bereits 1984 die Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen verliehen worden war, als „Verfechter der ­europäischen Idee“ und Unterstützer der Vertriebenen und Aussiedler: „Im In- und Ausland“ habe er deren „besonderen Anteil […] am geistigen und materiellen Wiederaufbau Deutschlands deutlich“ heraus gestellt und sich dafür eingesetzt, „Geschichte und Kultur der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu fördern sowie die Aufarbeitung auch des Vertreibungsunrechtes voranzubringen“.

Vollständiger Artikel auf der-westpreusse.de…

Das Danziger Weltkriegsmuseum – im Spiegel der Debatte

Historiografische und museologische Differenzierungen im deutschen Sprachraum

Selten erhalten kultur- bzw. geschichtspolitische Zerwürfnisse eine derartig große mediale Aufmerksamkeit, wie sie im Falle der anhaltenden Auseinandersetzung um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig zu verzeichnen ist. Dabei sind zwar – anders als bei der Debatte um die
„Wehrmachtsausstellung“ – nicht sonderlich kontroverse Positionen auszumachen, denn die Kritik aus der deutschsprachigen Presselandschaft an der gegenwärtigen polnischen Regierung ist weitestgehend einhellig. Dennoch lohnt es sich, unterhalb dieser übereinstimmenden Einschätzung der Akteure im gesellschaftlichen Raum genauer auf die einzelnen Stimmen zu hören, weil sie ein erheblich differenzierteres Bild der Problematik vermitteln.

Eingepfercht zwischen zwei totalitären Systemen: Die bedrängende Situation Polens lässt sich in diesem Durchgang geradezu körperlich erfahren. (Foto: Vincent Regente)

Den Beitrag, den das Museum für eine Vermittlung zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern zu leisten vermag, hebt der Historiker und Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck in seinem Beitrag „Der lange Schatten des Krieges“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (26. März 2017) hervor. Ihm erscheint das Weltkriegsmuseum als Beispiel für die wachsende Bereitschaft Polens, sich gegenüber seiner deutschen Geschichte – einschließlich des Vertreibungsgeschehens – zu öffnen : „Dass hier vor nicht so langer Zeit Menschen fremder Zunge und anderen Glaubens lebten, wird in Polen längst nicht mehr verschämt weggedrückt. So hat auch das neue Museum ein Stockwerk, das sich das ‚archäologische‘ nennt. Hier sind Tabakpfeifen und Schmuck zu sehen, die bei den Bauarbeiten freigelegt wurden.“ Der Wille zum Dialog wird für ihn auch darin erkenntlich, dass alle betroffenen Opfergruppen zu Wort kommen : „Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus.“ Die besondere Bedeutung des Museum sieht er folglich in dem Bemühen, „die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen“.

Die Vermittlungsleistung des Museums hat freilich eine inhaltlich-konzeptionelle Voraussetzung, die Reinhard Lauterbach in seiner Ausstellungskritik in der marxistischen Jungen Welt („Eine todernste Sache“, 3. April 2017) offenlegt: Das Museum ist für den Rezensenten „großartig – wenn man von seiner ‚antitotalitären‘ Ideologie absieht“. Gewiss: Entsprechende Parallelen zwischen Faschismus und Kommunismus – und somit auch der Okkupation Polens sowohl durch das Deutsche Reich als auch durch die Sowjetunion – entsprechen nicht Lauterbachs Geschichtsbild. Die Ausstellung selbst aber findet sein Wohlwollen, und zwar gerade auch wegen ihres konsequenten pazifistischen und universalistischen Ansatzes: Dieses Konzept sei „kein geringes Verdienst, denn der Kern der offiziellen Vorwürfe lautet“, dass „die ‚positive Seite‘ des Krieges, die Erziehung zu ‚Heldentum‘ und ‚Selbstaufopferung‘“, nicht genug propagiert werde. Dennoch bestimmt Lauterbach auch Leerstellen in der dargebotenen Erzählung : „Das Phänomen der polnischen Alltagskollaboration, etwa durch den Verrat verfolgter Juden, kommt freilich nur am Rande vor. Auch die ziemlich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau bis Anfang 1939 […] fallen unter den Tisch.“ Letztlich muss innerhalb des Milieus der Jungen Welt auch noch Anstoß erregen, dass es am Ende der Ausstellung „der unter geostrategischen Vorgaben der Sowjetunion entstandenen Volksrepublik Polen“ „geschichtspolitisch an den Kragen“ geht.

Wie stark der Danziger Museumsstreit inzwischen zum symbolischen Austragungsfeld weltanschaulicher Kämpfe geworden ist, in denen sich autoritär-konservative und liberale politische Konzepte gegenüberstehen, belegt Andreas Breitenstein in einem Kommentar, den die Neue Zürcher Zeitung („Die Liebe zum Ausnahmezustand“, 6. April 2017) veröffentlicht hat. Einen Tag zuvor hatte das polnische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Kulturministers entschieden, dass die seit langem geplante Zusammenlegung des Weltkrieg-II-Museums mit dem Museum des Verteidigungskrieges von 1939 auf der Westerplatte rechtens sei. Angesichts dieser neuerlichen Wendung beklagt der Literaturkritiker und Journalist Breitenstein die starre Haltung einer Regierung, die „über ihren fundamentalistischen Schatten [hätte] springen müssen“ und keinerlei Bereitschaft zu entwickeln vermocht hat, das Museum „einfach so in die Freiheit seines Wirkens [zu] entlassen“. Bedroht sieht er damit das Museum als Zeichen „für ein modernes und liberales, weltoffenes und nachdenkliches, sprich : europäisches Polen, das die Größe hat, differenziert mit seiner Geschichte umzugehen“.

Die grundsätzlich plausible Zuordnung von „Fortschrittlichkeit“ und „Reaktion“ vermag allerdings auch nicht den Blick darauf zu verstellen, dass das Museum keineswegs radikal mit den Traditionen der polnischen Geschichtskultur bricht. In der Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. April, (die gleiche, in der Andreas Breitensteins Kommentar erschienen ist) geht Felix Ackermann ausführlich auf das Konzept ein („Weltkriegsmuseum in Danzig: In Polen dokumentiert ein Museum die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und blickt über dessen Ende hinaus“). Dabei kommt er zu dem aufschlussreichen Urteil, dass die Kritik, das Konzept sei „nicht ausreichend Polen-zentriert, kaum nachvollziehbar“ sei : „Die polnische politische Rechte befürchtet zu Unrecht, dass polnisches Leid und polnischer Widerstand in Danzig nicht sichtbar würden. Auch das Funktionieren des polnischen Untergrundstaates stellt die Ausstellung ausführlich dar.“ Erst recht werde am Ende der Ausstellung die in Polen allgegenwärtige These veranschaulicht, dass in Danzig der Zweite Weltkrieg mit den Kämpfen an der Westerplatte nicht nur begonnen habe“, sondern dass vor allem die Solidarność-Bewegung „den Weg für die Beilegung des Kalten Krieges geebnet habe.“

Gerade dieser Beitrag, der der Ausstellung in gewissen Hinsichten sogar den „Charme eines Militärdepots“ zuspricht – den die politische Führung doch ebenfalls wohlgefällig aufnehmen müsste –, lässt somit unmissverständlich erkennen, dass die Regierung schwerlich eine vermittelnde bzw. „mittlere“ Position zulässt, sondern in gewisser Weise „aufs Ganze“ gehen wird.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 5/2017.

Fragwürdige Argumente für verständliche Motive

„Erwartungen der Polonia“ zwischen Interessen und Vereinnahmung

„Die Polonia in Deutschland vertritt, trotz aller Differenzen, in den für sie bedeutenden Angelegenheiten immer einen gemeinsam erarbeiteten Standpunkt. Sie wartete und wartet immer noch mit beispielloser Geduld auf die volle und symmetrische Umsetzung des deutsch-polnischen Vertrages [gem. Nachbarschaftsvertrages; Anm. d. A.].“ Dieses Bild zeichnet Wiesław Lewicki in seinem Beitrag „Die Erwartungen der Polonia in Deutschland“ für das deutsch-polnische Magazin „Dialog“ (Nr. 118, 2016).

Einer der wichtigsten Dachverbände der Polonia in Deutschland ist der Bund der Polen in Deutschland. Sein Symbol ist das 1932 von der Grafikerin Janina Kłopocka entworfene Rodło (zusammengesetzt aus Rodzina (Familie) und Godło (Wappen)). Es zeichnet den Verlauf der Weichsel (als Symbol des polnischen Volkes) nach und markiert die Lage der Stadt Krakau (als Symbol der polnischen Kultur).
(Bild: Pernambuko)

Was der Präsident des Europäischen Kultur- und Medieninstituts „Polonicus“ und ehemalige Vorsitzende des Kongresses der Polonia in Deutschland über das polnische Verbandswesen in Deutschland schreibt, ist für sich genommen absolut begrüßenswert: Anders als bisweilen behauptet, seien die Organisationen nicht zerstritten, sondern pflegten gemeinsam das polnische Kulturerbe in Deutschland und unterstützten die europäische Integration. Auch dass Lewicki als Verbandsvertreter eine vermehrte staatliche Unterstützung der Polonia fordert, ist grundsätzlich nicht problematisch. Bedauerlich ist hingegen, dass Lewicki durch ungenaue historische, politische und soziologische Argumente, mit denen er die „Erwartungen der Polonia“ zu untermauern sucht, letztlich die lauteren Motive und auch die Glaubwürdigkeit der eigenen Position untergräbt.

Behauptete Symmetrie und argumentative Unklarheit

Dies meint noch nicht einmal die von jeher durch die Polonia ins Feld geführte „Symmetrie“ zwischen der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen und den Polen in Deutschland, die sie aus dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag ableitet. Dass dieser Vertrag insofern von einem Geist der „Symmetrie“ geprägt ist, als sich beide Staaten den Wunsch zu eigen machen, die Angehörigen des Nachbarvolkes in ihrer Identitätspflege zu unterstützen, möchte wohl niemand bestreiten. Dies begründet jedoch noch keine Symmetrie der Rechtspositionen beider Gruppen, die sich dadurch unterscheiden, dass es sich bei der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen um eine angestammte und anerkannte nationale Minderheit handelt. Dass Lewicki über diesen entscheidenden Unterschied zur Stärkung der eigenen Position hinwegsieht, mag man ihm gerne zugestehen – auch wenn diese Argumentation letztlich mittelbar Kräften in der Republik Polen in die Hand spielt, die unter Verweis auf die fehlende „Symmetrie“ gegen die Unterstützung der deutschen Volksgruppe agitieren.

Ebenso wird man hinnehmen müssen, dass Lewicki zwar bedauernd die fehlende „Symmetrie“ in den Raum stellt, aber letztlich – nach Ausführungen über die Geschichte der deutschen Polonia und die aktuelle verbandspolitische Lage – positive Entwicklungen in der staatlichen Förderung der letzten Jahre aufzeigt, jedoch gerade nicht ausbuchstabiert, welche Erwartungen konkret unerfüllt blieben und somit die Asymmetrie begründen könnten. Hiermit versäumt Lewicki schließlich, seiner Argumentation die an und für sich zu erwartende Pointe in Form expliziter politischer Forderungen zu verleihen.

Einspruch muss jedoch erhoben werden, wo für die berechtigten Anliegen der Polonia Argumente ins Feld geführt werden, die entweder im eindeutigen Widerspruch zu historischen und sozialwissenschaftlichen Fakten stehen oder unmittelbar zulasten der deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler gehen. So schmerzlich zweites für die Betroffenen sein mag, stellt erstes angesichts der Gebrechen des „postfaktischen Zeitalters“ schon fast das größere Problem dar.

Historische Argumentation im postfaktischen Zeitalter

Hinsichtlich der geschichtlichen Genese der deutschen Polonia schreibt Lewicki, sich einer Halbwahrheit bedienend: „Historisch betrachtet, gelangten Polen infolge der drei Teilungen der Polnischen Adelsrepublik – 1772, 1793, 1795 – auf deutsches Gebiet. Die meisten Polen, die in dieser Zeit in deutschen Ländern lebten, waren Einheimische, die sich mit den Teilungen auf preußischem Territorium wiedergefunden hatten, so etwa die Bewohner von Schlesien, Pommern oder Masuren.“ Es wäre töricht zu bestreiten, dass Schlesien, Pommern und Masuren eine autochthone slawische Bevölkerung hatten – oder die polnischen Teilungen dazu führten, dass eine große Zahl von Polen preußische Staatsbürger wurden.

Zur Halbwahrheit werden diese beiden Fakten jedoch durch ihre schwammige Verknüpfung: So gehörten Pommern, Schlesien und das ostpreußische Masurens bereits vor und völlig unabhängig von den polnischen Teilungen zu Preußen. Anstatt aus beiden Aspekten heraus mit ihrer je eigenen Wirkmacht eine historische Verantwortung Deutschlands für den slawischen Bestandteil seines historischen Erbes abzuleiten, konstruiert Lewicki hier eine historische Verknüpfung, die eher an die – im breiten historischen Diskurs überwundene – Rhetorik der „wiedergewonnenen Westgebiete“ erinnert.

Vereinnahmung zulasten deutscher Spätaussiedler

Ähnlich kreativ wie die historische ist Lewickis soziologische Argumentationsführung. So gelangt er – unter Berufung auf die Studie „Zwischen zwei Welten“ des Instituts für Auslandsbeziehungen – zu dem Ergebnis, dass gegenwärtig „zwischen 1,5 und 2 Millionen deutscher Bürger mit polnischen Wurzeln in Deutschland“ lebten. Das mag eine ‚stimmige‘ Zahl sein, wenn man denn unter „polnischen Wurzeln“ einen persönlichen bzw. familiären Bezug zum Staatsgebiet der Republik Polen in den Grenzen von 1991 versteht. Doch speist sich diese Zahl – die sich deutlich von den knapp über 740.000 polnischen Staatsbürgern unterscheidet, die Ende 2015 laut Statistischem Bundesamt in der Bundesrepublik lebten – somit nicht nur aus polnischen Displaced Persons und Migranten, sondern hat nur durch die Subsumierung deutscher Aussiedler und Spätaussiedler Bestand. Gewiss waren unter diesen auch polnische Ehepartner und Kinder aus gemischtnationalen Familien. Für das Gros der Betroffenen blendet Lewicki jedoch aus, dass es sich um Menschen handelte, auf die dasselbe Phänomen zutrifft, das er selbst für die Genese der deutschen Polonia im Zuge der polnischen Teilungen veranschlagt: Nur dass es sich in diesem Falle um deutsche Einheimische handelte, die sich infolge des (Ersten und) Zweiten Weltkriegs auf polnischem bzw. polnisch verwaltetem Territorium wiedergefunden hatten.

Die Vereinnahmung deutscher Aussiedler und Spätaussiedler – Menschen, die bis 1990 in der Volksrepublik Polen teils erhebliche Menschenrechtsverletzungen erlitten, denen einige durch Ausreise entgehen konnten – für die Statistik der Polonia geschieht dabei nicht heimlich, sondern wird von Lewicki in ihrer historischen Ungenauigkeit offen nachvollzogen: „In den Nachkriegsjahren kamen nach und nach Aussiedler und Spätaussiedler nach Deutschland, von denen einige auch nach Zuerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit ihre polnische Staatsangehörigkeit nicht ablegten und ihre polnische Identität beibehielten.“

Kulturpolitische Konsequenzen der Vereinnahmung

Die Frage, inwiefern Lewicki durch die argumentative ‚Integration‘ deutscher Spätaussiedler in die Polonia letztlich deren Charakter als denjenigen einer nationalen Minderheit verwässert, kann hier offen bleiben. Vielmehr ist diese Argumentation auf einer allgemeineren Ebene ausgesprochen bedauerlich. Denn an und für sich wäre eine Besinnung der Polonia, der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen und der deutschen Heimatvertriebenen auf gemeinsame kulturpolitische Interessen angesichts der gemeinsamen – und geteilten – Geschichte absolut wünschenswert. Eine solche Entwicklung rückt jedoch angesichts derartiger Vereinnahmungstendenzen eher in die Ferne.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 1/2017. In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 4/2017.

Flucht und Vertreibung prägen unsere Gesellschaft 

Fünf Fragen an Dr. Bernd Fabritius MdB

Der CSU-Bundestagsabgeordnete und Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) Dr. Bernd Fabritius zieht Bilanz über das Jahr 2016 und gibt einen Ausblick auf die vertriebenenpolitischen Herausforderungen des Jahres 2017.

Das Verhältnis zwischen der deutschen und der polnischen Politik wurde 2016 durch den national konservativen Regierungskurs in Warschau stark beeinflusst. Wie hat sich diese Beeinträchtigung auf die politischen Kontakte und Dialoge des BdV mit Polen ausgewirkt?

Dr. Bernd Fabritius MdB (Foto: Patrick Levin)
Derzeit gilt es, klar zwischen den verschiedenen politischen Ebenen in Polen zu unterscheiden. Kommunal – bis hin zu einzelnen Woiwodschaften – besteht nach wie vor fruchtbarer Austausch. Hiervon zeugen auch die vielfältigen Aktivitäten der Landsmannschaft Westpreußen. Durch den jahrzehntelangen verständigungspolitischen Einsatz auf der Ebene von Mensch zu Mensch wurde der Boden hier erfolgreich bereitet. Auf der höchsten politischen Ebene kommt der Dialog zwischen den Vertriebenen und der Republik Polen überaus schwer in Gang. Dies bedauere ich.

Vor kurzem konnte die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung das Richtfest des Deutschlandhauses feiern und einen neuen Beraterkreis berufen. Gleichzeitig konnte man der Presse Äußerungen über eine mögliche Überarbeitung des Ausstellungskonzepts entnehmen. Wie entwickelt sich das Projekt aus Ihrer Perspektive?

Es ist gut, dass es trotz der sich verzögernden Bauarbeiten positive Nachrichten von der Stiftung gibt. Das Richtfest war eine Gelegenheit, sich erneut sichtbar zu machen und zu zeigen, dass es vorwärts geht. Der internationale und fachlich breit aufgestellte Beraterkreis hat jetzt Gelegenheit, sich zu bewähren. Was die Diskussion über Grundlagenpapiere angeht, habe ich stets betont, dass für den BdV das 2012 in breiter politischer Mehrheit beschlossene Stiftungskonzept gilt. Ein tragfähiges Konzept für die Dauerausstellung wiederum bleibt eine der vordringlichsten Aufgaben. Der vorhandene Entwurf muss entsprechend den im Stiftungskonzept definierten Zielen sowie den Gegebenheiten des Ausstellungsortes weiterentwickelt werden. Die sechs BdV-Mitglieder im Stiftungsrat werden dies konstruktiv begleiten.

Mit der Entschädigung für zivile deutsche Zwangsarbeiter hat der Deutsche Bundestag 2016 eine der entscheidenden Forderungen des BdV aus den vergangenen Jahren in die Tat umgesetzt. Was sagt uns dieser große politische Erfolg über die gesellschaftliche und politische Bedeutung, die die Folgen von Flucht und Vertreibung noch heute in unserem Land haben?

Die Tatsache, dass diese wichtige symbolische Anerkennung erst mehr als sieben Jahrzehnte nach den leidvollen Ereignissen möglich wurde, zeigt eindrucksvoll, dass die Aufarbeitung von Flucht, Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit weiterhin eine zentrale Aufgabe bleibt. Bis heute prägen auch diese Ereignisse unsere gesamtgesellschaftliche Identität. Im kollektiven Gedächtnis müssen sie daher noch viel präsenter werden.

2017 steht die Wahl zum Deutschen Bundestag an. Was sind die zentralen Fragen und Herausforderungen, denen die deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler gegenüber den politischen Bewerbern Geltung verleihen werden?

Ihre Fragen haben ja schon ein Stück weit auf die Themen hingeführt, nach deren zukünftiger politischer Ausgestaltung der BdV die Parteien sicher auch wieder schriftlich befragen wird. Dazu gehört die weitere Anerkennung und Förderung der verständigungspolitischen Arbeit der deutschen Heimatvertriebenen, Spätaussiedler und ihrer Verbände – der Brückenfunktion in die Heimat- und Siedlungsgebiete. Dazu gehört die Verankerung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung im kollektiven Gedächtnis der Nation und der dafür nötige Erinnerungstransfer von der betroffenen zu den nachfolgenden Generationen.
Dazu gehört der gesetzliche Auftrag zu Erhalt, Pflege und Weiterentwicklung des Kulturerbes der Deutschen aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa und die Frage, wie die Vertriebenen und ihre Verbände als lebendige Kulturträger in diesen Prozess eingebunden werden. Und dazu gehören die Anliegen unserer Aussiedler und Spätaussiedler im Hinblick auf Aufnahme und Integration, aber auch auf das in diesen Kreisen besonders große Risiko der Altersarmut.

Neben der Bundestagswahl wird das kommende Jahr unter anderem durch die bundesweiten Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum geprägt werden. Welche Bedeutung hat dieses Gedenken für die deutschen Heimatvertriebenen und die – oft als Protestanten in der Diaspora lebenden – Heimatverbliebenen?

Über die individuelle Bedeutung hinaus, zu der etwa eine erneute Selbstvergewisserung im Glauben zählen mag, ist das Reformationsjubiläum sicher ein besonderer Anlass, um insgesamt der auch in konfessioneller Hinsicht interessanten Geschichte der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu gedenken. So gilt es, an die Reformatoren zu erinnern, die in diesen Gebieten gewirkt haben – wie beispielsweise Johannes Bugenhagen, der in Pommern wirkte, oder Johannes Honterus, den Reformator der Siebenbürger Sachsen. Die damaligen Umbrüche – so leidbehaftet manche Auswirkungen gewesen sein mögen – zeigen doch auch, dass Europa schon seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Kulturraum ist. Für die in der Diaspora lebenden deutschen Protestanten unter den Heimatverbliebenen ist das Jubiläum außerdem eine Gelegenheit, ihre Gemeinschaften zu stärken.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Verschwundenen Orten auf der Spur

Das „Zentrum gegen Vertreibungen“ präsentiert in Berlin seine fünfte Ausstellung

„Namen, die keiner mehr nennt“ – mit dem Titel ihres vielfach aufgelegten Buches hatte Marion Gräfin Dönhoff bereits vor Jahrzehnten auf einen Aspekt des deutschen Gebietsverlustes im Osten aufmerksam gemacht, der über die Fragen von Staatsgebiet und Privateigentum weit hinaus geht : Das Verschwinden der Geschichte von Vertreibungsgebieten aus dem kollektiven Gedächtnis, das mit der Vernichtung historischer Orte einherging. Diese Form des Verlustes beschäftigt nicht nur die von dort Geflüchteten und Vertriebenen, sondern gleichfalls die heute in diesen Landschaften lebenden Menschen.

Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein. (Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)
Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein.
(Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)

Erstmals befasst sich nun eine Ausstellung auf grundsätzlicher Ebene mit den Ursachen, Dimensionen und Konsequenzen des Verlustes ganzer Orte und ihrer Geschichte im heutigen Königsberger Gebiet, in Polen und Tschechien. „Verschwunden – Orte, die es nicht mehr gibt“ ist zugleich die fünfte Ausstellung der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZgV). Anders als die vier vorangegangenen Ausstellungen ist sie von Anbeginn an als Wanderausstellung konzipiert und wird im Berliner Kronprinzenpalais gegenwärtig erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Eröffnet wurde sie am 8. November durch die ZgV-Vorstandsvorsitzende Erika Steinbach MdB und den ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Hans-Gert Pöttering.

Vermittelt von Texttafeln, Bild- und Kartenmaterial sowie mehreren Multimediastationen, zeichnet die Ausstellung Schicksale unterschiedlicher Orte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nach. Dabei fasst sie den Begriff verschwundener „Orte“ zugunsten der Erschließung grundsätzlicher Phänomene kollektiven Verlustes von Kulturerbe und Erinnerungen recht weit: „Dörfer, Städte, Kirchen, Bauernhöfe, Schlösser, Fabriken oder Industrieanlagen sowie Friedhöfe, Denkmäler, Standbilder oder Inschriften überdauern nur, wenn es Menschen dafür gibt. Was aber wird aus ihnen, wenn die Menschen plötzlich verschwinden?“ – So fragte Erika Steinbach im Rahmen ihrer Erläuterungen anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Mit Entvölkerung, Kriegszerstörungen und Grenzziehungen, die ihrerseits weitreichende Konsequenzen zeitigten, erfasst die Ausstellung die primären Ursachen für die Vernichtung und fehlende Wiederherstellung ganzer Orte und Stadtteile oder einzelner Denkmäler. Mit der Entfernung von Symbolen, mit Kirchenfeindlichkeit bzw. Atheismus und schließlich mit „Preußenhass“ und dem propagierten „Klassenkampf “ fokussiert sie die Motivationen und konkreten Programme einer gezielten kultur- und geschichtspolitischen Umgestaltung der historischen deutschen Reichs- und Siedlungsgebiete. Dabei geraten sozioökonomische Faktoren wie Enteignung, Planwirtschaft und städtebauliche Neuordnungen allerdings nicht aus dem Blick. Schließlich wird die Perspektive auch auf konstruktive Entwicklungen – in Form von selektivem Wiederaufbau und Rekonstruktionsversuchen – erweitert.

„Hauptanliegen der Ausstellung ist es, in einer ‚historischen Spurensuche‘ diesem Untergang exemplarisch nachzuspüren“, erklärte Erika Steinbach: „Gleichzeitig legt die Ausstellung ein Augenmerk auf aktuell zu beobachtende bürgerschaftliche, kommunale und staatliche Initiativen, noch vorhandene Bauwerke, Kulturdenkmäler, Friedhöfe und andere Spuren der deutschen Vergangenheit zu retten oder in Einzelfällen sogar neu zu errichten.“

Unter den untersuchten Beispielen finden sich auch westpreußische Orte : Danzig, Elbing und –subsumiert unter „Ostpreußen“ – Schloss Finckenstein sowie Gut Neudeck ; gleichfalls für die westpreußische Geschichte relevant sind das Ehrenmal in Tannenberg sowie das „Westpreußenkreuz“ und weitere „Abstimmungsdenkmäler“. Finckenstein und Neudeck gehören zu denjenigen Orten, deren Erhalt aufgrund ihrer prominenten Bedeutung für – das auf Militarismus und Feudalismus reduzierte – Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den neuen Machthabern abgelehnt wurde.

Anhand der in der Zwischenkriegszeit in West- und Ostpreußen errichteten Denkmäler thematisiert die Ausstellung zudem eine Reihe symbolisch aufgeladener Orte, die gerade die Funktion erfüllten, die rechtmäßige Zugehörigkeit ihrer Landschaft zum deutschen Staat zu dokumentieren – und deshalb nach dem Kriege gänzlich obsolet geworden waren. Mit Danzig und Elbing werden am Ende jedoch auch zwei jeweils unterschiedliche Konzepte des Wiederaufbaus großflächig zerstörter Städte präsentiert.

Neben vielen Besuchern sollte der Ausstellung zu wünschen sein, dass sie einen nachhaltigen Nachahmungseffekt hervorruft : Indem sie einzelne der Namen, die keiner mehr nennt, wieder in Erinnerung bringt, weist sie zugleich auf die große Zahl der verschwundenen Orte hin, die bisher nicht bis kaum erschlossen oder gar erforscht sind.

Tilman Asmus Fischer

Bis zum 8. Januar 2017 wird die Ausstellung von Montag bis Mittwoch zwischen 10 und 18 Uhr und von Donnerstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr im Kronprinzenpalais (Unter den Linden 3, 10117 Berlin) für Besucher geöffnet sein. Die Eintrittspreise betragen 5 Euro, ermäßigt 2 Euro. Nach vorheriger Absprache können Führungen organisiert werden. Weitere Informationen: http://www.ausstellung-verschwundeneorte.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Der Bundespräsident als Diskurs-Kritiker

Klare Worte von Joachim Gauck zur Vertreibung der Deutschen und zu heutigen Flüchtlingen

Schlanker als in den Vorjahren war am 3. September 2016 das Programm des zentralen Auftaktes zum Tag der Heimat in der Berliner „Urania“. So kam – gerahmt vom Geistlichen Wort des Weihbischofs Dr. Reinhard Hauke und der Ansprache des BdV-Präsidenten Dr. Bernd Fabritius MdB – der Festrede von Bundespräsident Joachim Gauck die Aufmerksamkeit zu, die ihr gebührte. Wagte das deutsche Staatsoberhaupt doch eine differenzierte Einschätzung der historischen und aktuellen Diskurse um Flucht und Vertreibung in Deutschland – und scheute sich keinesfalls vor Reibungen mit unterschiedlichen politischen Sichtweisen.

Bundespräsident Joachim Gauck spricht beim Tag der Heimat (Foto: André Wagenzik / BdV)
Bundespräsident Joachim Gauck spricht beim Tag der Heimat
(Foto: André Wagenzik / BdV)

Ausgehend von der Erkenntnis, dass „selbst nach sieben Jahrzehnten […] die Vergangenheit nicht gänzlich vergangen“ ist, vielmehr Kriegstraumata immer noch nachwirken können, würdigte Gauck die im Vorjahr vom Bundestag beschlossene Entschädigung für zivile deutsche Zwangsarbeiter vor allem als Signal gegenüber den Betroffenen: „Wir interessieren uns für Euer Schicksal! Wir wollen das Wissen über Eure Erlebnisse auch nachfolgenden Generationen vermitteln“. Exemplarisch führte Gauck das besondere Schicksal – und die daraus folgende Traumatisierung – der Zwangsarbeiter vor Augen und weitete schließlich die Perspektive auf die Gesamtheit des Flucht- und Vertreibungsgeschehens.

Vor diesem Hintergrund würdigte der Bundespräsident die Integration und politische Entwicklungsfähigkeit der deutschen Heimatvertriebenen: Ihr Weg „begann mit Verzweiflung, mit Trauer, oft auch mit Groll, führte später zur Öffnung gegenüber der neuen Heimat und schließlich – wohl auch unter dem Druck politischer Ereignisse – zur Aussöhnung mit dem Verlust der alten Heimat.“ Eine solche Bilanz mag denjenigen, die sich seinerzeit „dem Druck politischer Ereignisse“ nur widerwillig fügten, ebenso zu denken geben wie denjenigen, die die Vertriebenen noch immer als Ewiggestrige schmähen.

Man darf gewiss einen Appell für die Überwindung teils bis heute verhärteter Fronten darin sehen, wenn Gauck im Blick auf die zurückliegenden Jahrzehnte feststellte: „Ich kann verstehen, dass Flüchtlinge und Vertriebene Unwillen auf sich zogen, solange Verbandsvertreter mit territorialen Forderungen auftraten oder selbstgerecht nur das eigene Leid thematisierten – als Störenfriede in einem Europa, das nach dem Kalten Krieg die Annäherung brauchte und suchte. Ich kann aber auch die Klagen und den Groll vieler Flüchtlinge und Vertriebener verstehen, die sich mit ihrem Schicksal zeitweilig von der Gesellschaft allein gelassen sahen und kaum Verständnis erhoffen konnten. Ich verstehe das.“

Seinen differenzierten Rückblick auf den – lange Zeit von Marginalisierung und Stigmatisierung geprägten – Vertreibungsdiskurs schloss Gauck mit zwei Imperativen: „Die Vertriebenen dürfen, ja sie sollen sich erinnern, damit ihre Seelen Frieden finden. Die Gesellschaft darf, ja sie soll sich erinnern, um – gerade in der heutigen Zeit – Sensibilität gegenüber den Themen Flucht und Vertreibung auf der ganzen Welt zu schaffen und zu erhalten.“ Hiermit verknüpfte er die Forderung nach einer – über das Erinnern an Flucht und Vertreibung hinausgehenden – Wiederaneignung des deutschen Kulturerbes im östlichen Europa für das kollektive europäische Gedächtnis: „Und sie erwächst nicht nur aus dem Interesse von Deutschen – manchmal sind die Menschen in unseren Nachbarländern sogar noch stärker motiviert.“

Schließlich blieb Gauck jedoch nicht beim – mittlerweile europäisierten – Gedenken an Flucht, Vertreibung und die verlorene Heimat stehen, sondern bezog gleichermaßen differenziert Stellung zur aktuellen Fluchtproblematik. Deutlicher als in seiner Rede beim nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung 2015 akzentuierte er dabei neben der Pflicht zum Flüchtlingsschutz und den allen Flüchtlingen und Vertriebenen gemeinsamen existenziellen Erfahrungen die Frage, „wie wir unserer rechtlichen und moralischen Verpflichtung zum Schutz von Verfolgten nachkommen können, ohne die Stabilität und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu gefährden.“

Dies mag Indiz für eine allgemeine Verschiebung in der Debatte um die Flüchtlingspolitik sein. Bezeichnend ist, dass Gaucks Argumentation letztlich die Thesen aufgreift, die der ehemalige SFVV-Direktor Professor Dr. Manfred Kittel seit vergangenem Jahr mehrfach zur Debatte gestellt hatte. Dies gilt zum einen für die mit kulturellen Unterschieden verbundenen Integrationsherausforderungen: „Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen ja Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, denselben christlichen Konfessionen und derselben Kultur angehörten. Heute fällt Einheimischen wie Neuankömmlingen die sprachliche Verständigung schwer, sehr schwer, und jede Seite fremdelt mit den Mentalitäten, Religionen und Lebensstilen der jeweils Anderen.“

Zum andern scheint Gauck auch mit Blick auf die grundsätzliche Perspektive von Bleiberecht und Rückkehroptionen mit Kittel übereinzustimmen: „Im Unterschied zu den Vertriebenen von damals ist Deutschland für die Flüchtlinge von heute auch nicht das Vaterland, sondern der fremde Staat, der sich in vielen Fällen nur als vorübergehender Schutzraum oder zeitweiliges Gastland erweisen wird. Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wird, müssen unser Land in der Regel wieder verlassen. Selbst für jene, die als politische oder Bürgerkriegsflüchtlinge anerkannt sind, existiert – anders als bei den Deutschen nach 1945 – oftmals tatsächlich eine Rückkehroption.“

Dass es bei allen Unterschieden nicht zu einer Opferkonkurrenz kommen darf, machte Gauck gleichfalls deutlich: „Wirkliche Empathie sieht allein das leidende Individuum. Deshalb ist mir auch jene Haltung im aktuellen Diskurs fragwürdig, die die Flüchtlinge von heute willkommen heißt, das Schicksal der Landsleute von damals aber ignoriert oder marginalisiert.“ Statt sich gegenseitig aus dem Diskurs zu verdrängen, sollten damalige und heutige Opfer „ihre Schicksale vielmehr miteinander verknüpfen“.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2016.