„Einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus“

Zum 130. Geburtstag von Senatspräsident a. D. Hermann Rauschning

Personengedenktage geben einen willkommenen Anlass, an die historischen Verdienste zu erinnern, denen ein Jubilar seine Stellung im kollektiven Gedächtnis verdankt. Zugleich ermuntern sie aber auch dazu, Aspekte seiner Biografie in Erinnerung zu rufen, die im populären Diskurs nur nachrangig Berücksichtigung finden. Beiden Dimensionen möchte der folgende Beitrag nachgehen, der sich aus Anlass des 130. Geburtstags dem am 7. August 1887 in Thorn geborenen Hermann Rauschning widmet : Das dominierende Bild vom ersten NSDAP-Senatspräsidenten der Freien Stadt Danzig und späteren Hitler-Gegner bliebe unvollständig, wenn nicht auch die Jahre von 1945 bis zu seinem Tod am 8. Februar 1982 in Portland (Oregon, USA) Beachtung fänden, denn hier begegnet uns Rauschning sowohl als vielbeachteter Zeitzeuge wie als politischer Denker, der sich in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik nachdrücklich am öffentlichen Diskurs über die Deutschland-Politik beteiligte.

Von Thorn nach Portland – ein verschlungener Lebensweg

Der Weg, den Hermann Rauschning nach seinen Jugendjahren in Thorn mit einem Studium der Musikwissenschaft in München und Berlin einschlug, ließ eine spätere politische Karriere noch nicht erahnen. Zumindest jedoch offenbarte bereits seine Dissertation über die „Geschichte der Musik und Musikpflege in Danzig“ (1911), dass Rauschning in seinem Denken nationalen Paradigmen durchaus verpflichtet war – so dass seine überarbeitete Abhandlung bei ihrer Drucklegung im Jahre 1931 dann, den Tendenzen der Zeit entsprechend, dezidiert die Zugehörigkeit Danzigs allein zur deutschen Kultur propagieren konnte.

Sein Eintreten für nationale Interessen – zunächst einmal für diejenigen der Deutschen als nationaler Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit – prägte sich bei seiner ersten beruflichen Tätigkeit als Leiter der Deutschen Bücherei in Posen ab 1920 sodann schon deutlicher aus. Sein nach der Übersiedlung in die Freie Stadt Danzig erschienenes Buch „Die Entdeutschung Westpreußens und Posens. Zehn Jahre polnischer Politik“ (1930) hat bis heute wesentlichen Einfluss auf das gängige Bild über die Lage der Deutschen im Korridorgebiet.

In den Jahren 1931 bis 1934 sollte Rauschning eine wechselhafte Rolle in der Freien Stadt spielen: Nachdem er 1931 der NSDAP beigetreten war, brachte ihn 1933 eine Koalition mit dem katholischen Zentrum in das Amt des Danziger Senatspräsidenten. Schon bald offenbarten sich jedoch wesentliche weltanschauliche Differenzen zur Mehrheit der Danziger Nationalsozialisten, an deren Spitze Gauleiter Albert Forster stand. Diese Spannungen hat Marcus Pyka (Zürich 2005) auf den Punkt gebracht: Während „etwa Gauleiter Forster in erster Linie Nationalsozialist und somit ganz und gar auf Hitler fixiert war, hatte der stellvertretende Gauleiter Rauschning durchaus seinen eigenen Kopf. Dieser zeigte sich etwa bei der Frage der Wirtschaftspolitik […]. Daneben betrachtete Rauschning einen Ausgleich mit Polen als ein politisches Ziel von eigenem Wert, und auch mit der nationalsozialistischen Rassenideologie konnte er wohl nur bedingt etwas anfangen.“

Am Ende dieser Auseinandersetzungen verließ Rauschning 1934 Amt und Partei und schlug sich auf die Seite der Opposition; 1934 emigrierte er schließlich nach Polen und ab 1938 mit Zwischenstationen in der Schweiz und Frankreich in die USA. In diesen Jahren erreichte sein publizistisches Wirken einen ersten Höhepunkt: Den größten – und bis heute anhaltenden – Bekanntheitsgrad erreichten die 1940 veröffentlichten „Gespräche mit Hitler“; mindestens ebenso bedeutend war jedoch sein Entwurf einer konservativen Faschismustheorie in seiner Monographie „Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich“, die besonders bemerkenswert ist, da diese fundamentale Kritik bereits 1938 – also deutlich vor den Gräueln des Zweiten Weltkriegs – formuliert wurde.

Nationalsozialismus und Weltkrieg hatten dazu geführt, dass Rauschning seinen neuen Lebensmittelpunkt in den 1940er Jahren im US-Bundesstaat Oregon gefunden hatte, wo er sich 1948 als Farmer niederließ. Als Vortragsreisender und Publizist sollte er jedoch weiterhin in der jungen Bundesrepublik – insbesondere in den 1950er Jahren – präsent bleiben.

Der politische Denker

Es verwundert nicht, dass sich der ehemalige Danziger Senatspräsident in den Nachkriegsjahren gerade auch zu Fragen der Vertriebenenpolitik äußerte. So veröffentlichte das Mitteilungsblatt der Landsmannschaft Ostpreußen (Wir Ostpreußen 3 / 1950) seinen Artikel „Danzig im gesamtdeutschen Schicksal“. Hier wandte er sich gegen politische Strömungen, die versuchten, aus der Geschichte und völkerrechtlichen Stellung Danzigs einen vertriebenenpolitischen Sonderweg der Danziger jenseits der Gesamtheit der deutschen Vertriebenen zu entwickeln: Er forderte, „daß sich die Ostdeutschen als Ganzes der Würde und Aufgabe als einer […] Gruppe bewußt werden und Einfluß auf die Gestaltung der Gesamtpolitik Deutschlands und Europas zu gewinnen versuchen“.

Unter dem leitenden Motiv des Einsatzes für ein wiedervereinigtes und unabhängiges Deutschland befasste er sich freilich nicht nur mit der deutschen Perspektive, sondern berücksichtigte auch stets die Entwicklungen in der internationalen Politik. So beobachtete er im „Ostpreußenblatt“ (Nr. 11 / 1953) etwa die Aktivitäten der erst wenige Monate im Amt befindlichen Regierung Eisenhower und stellte fest: „Außerhalb der Vereinigten Staaten macht sich wohltuend geltend, daß eine Hand die Zügel hält, die weiß, wohin sie fahren will.“

Die Provenienz der oben zitierten Artikel darf allerdings nicht den Blick auf die Breite von Rauschnings publizistischem Schaffen verstellen. Neben weiteren Artikeln und Monographien wie „Die deutsche Einheit und der Weltfriede“ (1955) beteiligte sich Rauschning als Autor – und überdies sogar als Mitbegründer – an den „Blättern für deutsche und internationale Politik“. Diese sind bis heute eine der angesehensten Fachzeitschriften im Umfeld der Politikwissenschaft.

Am 9. September 1985 veröffentlicht der „Spiegel“ einen ausführlichen Beitrag über den Fälschungscharakter der „Gespräche mit Hitler“. (Ausschnitt auf dem Beitrag „Zitat, Zitat, Zitat, und nichts weiter“ von Wolfgang Malanowski, in: Der Spiegel 37/1985; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514710.html)

Der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker

Ebenso wie der politische Denker war auch der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker Rauschning in die öffentlichen Diskurse der Zeit involviert. Dies verdeutlicht eine Reihe von Beiträgen, die über mehrere Jahrzehnte hinweg im Spiegel erschienen sind.

Von besonderer Bedeutung ist ein Artikel vom 18. November 1959 aus einer Serie, die entgegen der öffentlichen Mehrheitsmeinung für eine Alleintäterschaft des Kommunisten van der Lubbe beim Reichstagsbrand eintrat. Rauschnings „Gespräche“ galten zu dieser Zeit noch als ein wesentlicher Beleg für die Täterschaft der Nationalsozialisten, wollte Rauschning doch ein entsprechendes Eingeständnis persönlich von Göring vernommen haben. Im Vorfeld der Veröffentlichung hatte der „Spiegel“ mit Rauschning korrespondiert, der nun zurückruderte und lediglich noch Bruchstücke eines Gespräches von Göring mitgehört haben wollte. Das Magazin kam zu dem Schluss: Angesichts dieser Einschränkung müsse Rauschning „auch zumindest die Möglichkeit zugeben […], daß er die Worte Görings mißverstanden hat. Als historische Quelle kann sein Bericht jedenfalls nicht gelten“.

Zwar veröffentlichte der Spiegel am 23. Dezember eine ganzseitige Reaktion auf die Kritik Rauschnings, der Geltungsanspruch der „Gespräche“ hatte jedoch erste Risse bekommen. Obwohl sich die Bedenken bereits während der 1960er Jahre noch mehrten, sollte eine fundierte Dekonstruktion von Rauschnings „kreativer“ Geschichtsschreibung erst in den 1980er Jahren erfolgen. Immerhin zitierte der Spiegel noch 1980 in einer Artikelserie über die „kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946“ Rauschning als verlässlichen Zeitzeugen.

Auch wenn die immer stärker anwachsenden Zweifel an der Authentizität letztlich zur Gewissheit über den Fälschungscharakter der „Gespräche“ wurden, blieb Rauschning in den Nachkriegsjahrzehnten ein wichtiger Referenzpunkt für das Nachdenken über die Zeit des Nationalsozialismus. Dieser Nimbus scheint sich weniger der Korrektheit und Zuverlässigkeit von Tatsachenberichten als vielmehr dem Verdienst zu verdanken, bereits frühzeitig und hellsichtig das Wesen der NS-Ideologie durchdrungen und als Chronist der NS-Zeit wesentliche Entwicklungslinien nachgezeichnet zu haben. So schloss Joachim Fest seinen zum 80. Geburtstag Hitlers verfassten Artikel (Der Spiegel, 17 / 1969), in dem er sich gegen die Bagatellisierung des Diktators als „Verkehrsunfall der deutschen Geschichte“ wandte, mit dezidiertem Verweis auf Rauschning: dieser, „der ihm eine Zeitlang selbst erlegen ist, hat ihn 1938 eine ‚universale Beunruhigung‘ genannt. Die Gegenwart ist hinter dieser Einsicht noch zurück.“

Die bleibende Bedeutung des Schaffens des Danziger Senatspräsidenten brachte gerade einer der Mitbegründer der Danziger Solidarność-Gewerkschaft, der Publizist Adam Michnik, in einem Spiegel-Beitrag des Jahres 1994 (Nr. 2) auf den Punkt : „Hermann Rauschning, einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus, prägte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs den Begriff der ‚Revolution des Nihilismus‘. Nihilisten waren für ihn gleichermaßen Hitler und Stalin, die Nazis und die Bolschewiken. Sie verbanden die Faszination des primitiven Denkens und die Überzeugung von der endgültigen Krise der Demokratie.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2017.

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Der Krieg nach dem Krieg

Robert Gerwarth untersucht historische Prozesse und Gewalt-Dynamiken nach 1918

2017 steht unübersehbar unter dem erinnerungspolitischen Vorzeichen des Jubiläums »der Reformation«, die von den tonangebenden Geschichtsinterpreten gegenwärtig wieder zum Inbegriff gesellschaftlichen Fortschritts erhoben wird. Umso deutlicher dürfte sich von den Reformations-feierlichkeiten der gedenkkulturelle Fluchtpunkt des Jahres 2018 unterscheiden:  Das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Immerhin führen die historischen Ereignisse, die sich mit ihm verbinden, in besonders drastischer Weise die Brüchigkeit der Fassade menschlicher »Zivilisation« vor Augen.

Ebenso kurz wie eine Reduzierung »der Reformation« auf ihre kulturgeschichtlichen »Errungenschaften« würde freilich eine Geschichtsdeutung greifen, die im offiziellen Ende des Ersten Weltkrieges bereits einen Abschluss des mit ihm einhergehenden Zivilisationsbruches sehen wollte. Den – freilich nicht neuen – Einwand, dass der Erste Weltkrieg vielmehr dunkle Schatten weit hinein in das 20. Jahrhundert wirft, ja dessen Konflikte sich ohne ihn gar nicht erklären lassen, unterstreicht der Historiker Robert Gerwarth mit seinem neuesten Buch Die Besiegten. Das blutige Ende des Ersten Weltkriegs.

Multiethnizität und Staatszerfall

Seine vergleichende Studie, in deren Zentrum der Zerfall der europäischen Großreiche – des Russischen Reiches, des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns – sowie des Osmanischen Reiches steht, analysiert detailliert die vielfältigen politischen und Gewalt-­Dynamiken, die gerade erst in der Endphase des Krieges ihren Ausgang nahmen und sich weit über ihn hinaus fortschrieben. Dabei ziehen sich zwei zentrale Beobachtungen als Konstanten durch die Konfliktgeschichte der Zwischenkriegszeit.

Zum einen arbeitet Gerwarth das fatale Dilemma zwischen dem Streben nach einer ethnischen Einheitlichkeit und der faktischen Multiethnizität der neu entstandenen Staaten Ost(mittel)europas heraus: »Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen und ihren imperialen Vorgängern […] bestand nicht in der erhofften ›ethnischen Reinheit‹, sondern vielmehr darin, dass sie wesentlich kleiner waren und die ethnischen Hierarchien sich umgekehrt hatten.«

Diese Diagnose alleine verleiht dem Buch freilich noch keinen Mehrwert, da sie sich in der historiografischen Deutung des Ersten Weltkrieges bereits weitestgehend durchgesetzt hat. Brisanz gewinnt diese Entwicklung jedoch dadurch, dass der Autor sie zum andern in einen wechselseitigen Zusammenhang mit einem zweiten Prozess stellt, der jene Problematik beeinflusst und letztlich verstärkt: einem Staatszerfall, der, wie ihn Gerwarth nachzeichnet, an failing und failed states und deren blutige Konsequenzen erinnert, mit denen wir es heute außerhalb Europas zu tun haben. »In Ermangelung funktionstüchtiger Staaten auf dem Gebiet der ehemaligen europäischen Landimperien maßen sich Milizen unterschiedlicher Coleur die Rolle von Nationalheeren an, und die Trennlinien zwischen Freund und Feind, Soldaten und Zivilisten verschwammen zusehends, was fatale Folgen haben sollte.«

Kontextualisierung von Einzelkonflikten

»Die Besiegten« hilft, Zusammenhänge, Parallelen und Unterschiede zwischen den unterschiedlichen regionalen Konflikten der Zwischenkriegszeit zu erkennen, und verdeutlicht historische Phänomene, die das Gesicht Europas in der Nachkriegszeit prägten. Damit bietet der Autor einen großen Aufriss der Gesamtproblematik und ermöglicht damit eine Kontextualisierung der einzelnen konkreten Konfliktkonstellationen.

Dementsprechend ist das Buch nicht anhand territorialer Kriterien, sondern einzelner historischer Phänomene gegliedert, welche die drei Hauptkapitel – »Niederlage«, »Revolution und Konterrevolution«, »Imperialer Zerfall« – und einen Ausblick auf »die europäische Krise des 20. Jahrhunderts« strukturieren. Da sich Gerwarth mit einem historischen Raum befasst, der sich immerhin von Finnland bis an die Levante erstreckt, sollte man das Buch nicht mit der Erwartung lesen, eine detaillierte Nachkriegsgeschichte einer einzelnen Region geboten zu bekommen. Wer sich jedoch für die größeren Zusammenhänge und ihre Verflechtung mit den einzelnen Konflikten und Gewalträumen interessiert, liest das Buch mit Gewinn. – Im Folgenden soll anhand des Deutschen Reiches verdeutlicht werden, in welcher Weise Gerwarth dazu verhilft, die Geschichte einer – exemplarischen – Konfliktpartei im Kontext zu denken.

Das Deutsche Reich in Zeiten des Umbruchs

Die für das Deutsche Reich relevanten Entwicklungen, die Gerwarth akzentuiert, lassen sich in militärische, territoriale, weltanschauliche und – zum großen Teil hieraus ­resultierende – politische unterscheiden.

Zunächst bedeutete das Ende der regulären Kampfhandlungen des Weltkrieges für deutsche Waffenträger nicht zwingend das Ende des Kriegs­alltags. Dies verdeutlicht eindrücklich der anhaltende Einsatz deutscher Kämpfer in den gewaltsamen Auseinandersetzungen des Baltikums – bei dem das Deutsche Reich auch gegenüber den Alliierten aus einer Machtposition heraus agieren konnte:  Nach der Errichtung einer deutschfreundlichen Marionettenregierung in Lettland 1919 forderten die westlichen Siegermächte »von der Regierung Ebert die sofortige Rückberufung sämtlicher Freikorps nach Deutschland, worauf diese mit dem Hinweis reagierte, dass die Westmächte das Baltikum dann selbst gegen die Bolschewiki verteidigen müssten. Die Alliierten lenkten ein und rückten von ihrer ultimativen Forderung nach dem deutschen Abzug ab.«

Kriegsfolgen

Die territorialen Konsequenzen des Ersten Weltkrieges wiederum verbinden sich in besonderer Weise mit dem unteren Weichselland. Hier – wie andernorts – zeigte sich das Wilsonsche Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker im Sinne der Schaffung neuer Nationalstaaten als lebensfeindliches Paradox: Wilson hatte versprochen, »ein wiederhergestelltes Polen solle ein ›unbestritten‹ von polnischer Bevölkerung bewohntes Gebiet werden mit einem ›freien und sicheren Zugang zur See‹. Beide Versprechen zu erfüllen war unmöglich, denn entlang der Ostseeküste gab es eine dichte deutsche Besiedlung.«

Der Erste Weltkrieg veränderte jedoch nicht nur die deutschen Grenzen, sondern mindestens ebenso tiefgreifend das Denken im Lande. Zum einen schlug sich die Niederlage in einem wachsenden Nationalismus nieder, der etwa in der deutschen Wissenschaftslandschaft zur Entstehung der auf Revision drängenden »Ostforschung« führte. Zum zweiten entwickelten politisch reaktionäre Kräfte aus dem Untergang von 1918 und den Kriegsfolgen heraus Begründungsmuster für ihre Ablehnung der jungen Demokratie. Als historischen Zeugen lässt Gerwarth den westpreußischen Reichstagsabgeordneten Elard von Oldenburg-Januschau zu Wort kommen: »Ich finde keine Worte, um meinen Schmerz über das Geschehen des Novembers 1918 wiederzugeben, um zu schildern, was in mir zerbrach. Ich fühlte eine Welt einstürzen und unter ihren Trümmern alles das begraben, was der Inhalt meines Lebens gewesen war, was meine Eltern mich von Kindesbeinen an zu verehren gelehrt hatten.«

Neben den Gegensatz von Demokratie und Reaktion trat zudem die geistesgeschichtliche Dichotomie, die bis zum Ende des Kalten Krieges prägend bleiben sollte: diejenige zwischen Kommunismus und Antikommunismus. Dass sich gerade die feindliche, ablehnende Haltung im Deutschen Reich in besonderer Weise ausprägte, resultierte aus dem immensen Zuzug antibolschewistischer bzw. zaristischer Flüchtlinge aus Russland: »Im Herbst 1920 waren bereits 560 000 Russen im Deutschen Reich eingetroffen. Berlin – und dort vor allem die Bezirke Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg (das damals den Spitznamen ›Charlottengrad‹ erhielt) – entwickelte sich zum Zentrum der russischen Exilgemeinde, deren Mitglieder in der deutschen Hauptstadt bis 1922 nicht weniger als 72 Verlage gründeten.«

Politische Konsequenzen

Die bereits skizzierten Entwickelungen sollten im Laufe der Jahre unmittelbare politische Konsequenzen zeitigen. So kam es in den neuen Nationalstaaten Ostmitteleuropas zu nachhaltigen Verletzungen der Minderheitenrechte, etwa derjenigen der deutschen Volksgruppen: »Was die ›Besiegten‹ Europas einte, war der Glaube dass ihre ›verlorenen‹ Minderheiten um jeden Preis ›heimgeholt‹ werden mussten, wodurch die Revidierung der Verträge schon lange vor dem Aufkommen der Nazis ganz oben auf der politischen Agenda stand.«

Dass diese Entwicklung für das Deutsche Reich in singulärer Weise zum Aufstieg der Nationalsozialisten und in den Zweiten Weltkrieg führte, darf nicht den Blick dafür trüben, dass sich dieser Weg nicht in einem luftleeren Raum vollzog. Vielmehr gibt es weitreichende Parallelen und Zusammenhänge, auf die Gerwarth aufmerksam macht. Dies gilt vor allem für den Zerfall des Osmanischen Reiches und die Entstehung der kemalistischen Türkei, denen die Monographie detailliert nachspürt. Ebendiese historischen Vorgänge gehörten wiederum zu den prägenden Eindrücken, unter denen sich die faschistischen Diktaturen in Rom und Berlin herausbildeten: »Mit seinem kompromisslosen Widerstand gegen den Druck der Alliierten rang Kemal Hitler große Hochachtung ab. Wie dieser aus den Trümmern der Niederlage einen radikal säkularen, nationalistischen und ethnisch homogenen Nationalstaat schuf, verdiente in den Augen Hitlers Respekt. Nicht zuletzt die genozidale KEF-Politik [KEF = Komitee für Einheit und Fortschritt] gegenüber den Armeniern zu Kriegszeiten und Kemals skrupellose Vertreibungen der osmanischen Christen übten einen nachhaltigen Einfluss auf die nationalsozialistische Vorstellungswelt aus.«

Ausblick: Gegenwartsbedeutung

Diese umfangreiche Studie ist freilich nicht nur ein gut recherchiertes Geschichtswerk, sondern zugleich ein Buch von gegenwärtiger Brisanz – begegnen dem Leser doch grundsätzliche Problemstellungen und Gewaltphänomene, die das weitere 20. Jahrhundert ebenso prägten wie unsere gegenwärtige Zeit. Dies gilt für die Auflösung von »klar umrissenen Frontlinien« und die Entstehung eines Guerillakrieges ebenso wie für die damit einhergehende Aufhebung der Unterscheidung von Zivilisten und Kämpfern – eine Tendenz, die im Einflussgebiet des »Islamischen Staates« momentan einen beklemmenden Höhepunkt erreicht. Ferner weist Gerwarth eine Brutalisierung der vom Krieg betroffenen Gesellschaften nach, die zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Möglichkeit von Konflikt- und Gewaltprävention, ja mithin über anthropologische Anlagen zur Gewalttätigkeit überhaupt anregt. Letztlich kreist das Buch jedoch aus historischer Perspektive um einen Topos, der in der Friedensethik von wachsender Bedeutung ist: demjenigen des »gerechten Friedens«. 1918 zumindest wurde er in keiner Weise erreicht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 6/2017.

Robert Gerwarth: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. München, Siedler 2017. Aus dem Englischen von Alexander Weber. Original­titel: The Vanquished. Europe and the Aftermath of the Great War. Gebunden, 480 Seiten, ISBN 978-3-8275-0037-3. € 29,99

Wehrarchitektur und Kriegskinder

Zwei Kurzrezensionen aus der Reihe „vorgestellt“

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945

Das Preussenland erfreut sich – vor allem auch touristisch – als Land der Ordensburgen großer Beliebtheit. Seine dabei oft übersehene Bedeutung für die Wehrarchitektur jüngerer Epochen ruft der Katalog über „Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945“ in Erinnerung, der eine gleichnamige Ausstellung des Kulturzentrums Ostpreußen dokumentiert. Nach einem knappen historischen Abriss über die Geschichte des Festungsbaus in den östlichen Provinzen Preußens gibt das Buch einen Überblick über die jeweiligen Festungen und sonstigen Befestigungen in West- und Ostpreußen. Den Abschnitten sind jeweils kurze Einführungen zu den Spezifika der Befestigungstypen vorangestellt. Für den westpreußischen Raum dokumentiert der Katalog die Festungen Danzig, Marienburg, Graudenz, Thorn, die Feste „Weichselmünde“, die Fortifikationen der Stadt Elbing, die Brückenköpfe Dirschau, Münsterwalde, Culm und Fordon sowie die „Weichselbatterien“. Sehr hilfreich ist – gerade für den militärgeschichtlichen Laien – das Glossar sowie – für Leser, die an tiefer gehenden Informationen interessiert sind – das Literaturverzeichnis. Da das Buch selbst eher schlaglichtartig die wichtigsten Fakten vermittelt, ist eine solche ergänzende Lektüre zu empfehlen. Auch wenn man sich bisweilen mehr Kontextinformationen wünschte, bietet das Buch doch durchaus erste wichtige Einblicke in den Themenbereich west- und ostpreußischer Wehrarchitektur.

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Historia w kamieniu i betonie. Fortyfikacje miedzy Wisła a Niemnem 1700–1945 / Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945. Ellingen 2016, 64 Seiten mit farbigen Abbildungen, € 8,– Zu beziehen über das Kulturzentrum Ostpreußen (www.kulturzentrumostpreussen.de).

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder

In den zurückliegenden Jahren hat die Auseinandersetzung mit den Schicksalen und Erfahrungen der Kriegskinder- und Kriegsenkelgeneration einen reichen publizistischen Ertrag hervorgebracht – von autobiografischen Texten bis hin zu wissenschaftlichen Analysen. Erich Andersen nimmt nun mit seinem Büchlein „Kriegsjunge Hänners Kriegskinderbilder“ Zeichnungen seines Kindheitsfreundes Johannes Bartosch – 1934 in Danzig geboren – zum Ausgangspunkt einer persönlich gehaltenen Auseinandersetzung mit den Erfahrungswelten dieses westpreußischen Flüchtlingskindes im Norddeutschland der Nachkriegszeit. Auch wenn seine Betrachtungen keinen übermäßigen Abstraktionsgrad erreichen bzw. die Versuche, die durch die Kriegszeit geprägten Mentalitäten einzuordnen, eher apologetisch und zuweilen unbeholfen wirken, regt der Autor doch nachhaltig zu einer Auseinandersetzung mit Bildquellen als Medien kindlicher Kriegs- und Nachkriegserfahrungen an. (Einzelne Passagen, die vor dem Hintergrund historischer Zusammenhänge gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen kritisieren, erscheinen allerdings von Attitüden besetzt und wären durchaus entbehrlich.) Die umfangreich dokumentierten Bilder zeugen einerseits von etablierten Narrativen von Flucht und Vertreibung, andererseits aber auch von individuellen Erfahrungen des Protagonisten. Die von ihnen ausgehenden Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit eines Einheimischen und eines Flüchtlings entfalten zugleich eine persönliche Alltagsgeschichte der Nachkriegszeit, die über das spezifische Schicksal der Heimatvertriebenen hinausweist.

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder. Berlin 2016, 92 Seiten mit farbigen Abbildungen € 15,– ISBN 978-3-86460-419-5.

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 3/2017.

Ernst Hornig – ein widerständiger Christ

Vor 40 Jahren starb der erste Nachkriegs-Bischof der Evangelischen Kirche von Schlesien

Von Tilman Asmus Fischer

1928 wurde der am 25. August 1894 im schlesischen Kohlfurt geborene Ernst Hornig als Pfarrer der Breslauer St.-Barbara-Kirche eingeführt. Wer konnte zu dieser Zeit ahnen, dass sich der junge Theologe als kirchliche Führungspersönlichkeit der schlesischen Protestanten im Nationalsozialismus, im Krieg und in der Nachkriegszeit bewähren sollte?

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Ernst Hornig (Foto: privat)

Nach seiner Schulzeit an Gymnasien in Breslau und Glogau hatte Hornig als Soldat den Ersten Weltkrieg erlebt. Das Studium der evangelischen Theologie führte ihn zwischen 1918 und 1922 nach Halle und neuerlich nach Breslau, bevor er 1923 Vikar in Waldburg wurde. Nach seiner Ordination erhielt er im Folgejahr eine Pfarrstelle in Friedland. Die Breslauer St.-Barbara-Kirche, deren Pfarrer er 1928 wurde und bis 1946 bleiben sollte, war die Wirkungsstätte, von der aus er die Zeit des Nationalsozialismus, Weltkrieges und der Vertreibung bestehen sollte.

Als sich im September 1933 der Pfarrernotbund konstituierte, gehörte Ernst Hornig zu seinen Mitbegründern. Ab 1933 stand er dem schlesischen Pfarrernotbund vor und saß von 1934 sowohl im preußischen Bruderrat als auch im Rat der Bekennenden Kirche Schlesiens. Der Diktatur – und den ihr ergebenen „Deutschen Christen“ – widerstand Hornig in Wort und Tat: Er solidarisierte sich nicht nur mit Amtsbrüdern, deren KZ-Haft er im September 1944 abkündigte – auch rettete er mehrere jüdische Schlesier vor der Verfolgung durch den Staat. Den nationalsozialistischen Machthabern war der Breslauer Pfarrer ein Dorn im Auge: 1934 und 1937 wurde er verhaftet und mehrfach mit juristischen Verfahren überzogen – allein die Abkündigung der inhaftierten Theologen führte zu einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark. 1938 erfolgte schließlich die Ausweisung aus der Provinz Brandenburg und der Reichshauptstadt Berlin.

Dennoch blieb Hornig ein wichtiger kirchenpolitischer Akteur. Nicht zuletzt, als die Schrecken des Krieges Schlesien heimsuchten: Als Breslau 1945 bereits von sowjetischen Truppen eingekesselt war, verhandelte Hornig – der sich dem Evakuierungsbefehl widersetzt hatte – im Mai an der Spitze einer gemeinsamen Abordnung der evangelischen und katholischen Kirche mit dem in Breslau kommandierenden Wehrmachtsgeneral Hermann Niehoff über eine Übergabe der zur Festung erklärten Stadt. Durch die Kapitulation Niehoffs am 6. Mai konnten der Zivilbevölkerung weitere Kampfhandlungen erspart bleiben.

Wie keine andere Person der kirchlichen Zeitgeschichte steht Hornig sowohl für das Ende der historischen preußischen Kirchenprovinz Schlesien, als auch für den Neubeginn des schlesischen Protestantismus im Restteil Schlesiens westlich der Oder-Neiße-Linie, der nach Kriegsende zur Sowjetischen Besatzungszone gehörte: Von 1945 bis zu seiner Ausweisung 1946 führte Hornig noch in Breslau als Vorsitzender die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Schlesien und damit die noch in Schlesien verbliebenen deutschen Protestanten.

Nach der Ausweisung beschränkte sich sein Wirken auf den westlich der Neiße gelegenen Teil Schlesiens und seiner Landeskirche. Fortan sollte Görlitz zu seiner neuen Wirkungsstätte werden: Von hieraus war er ab 1946 als Bevollmächtigter des Hilfswerks der Evangelischen Kirche von Schlesien und als Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche der Union (heute Union evangelischer Kirchen) tätig. Am 23. Juli erfolgte seine Berufung zum Bischof durch die Landessynode. In dieser Funktion war er bis 1963 in Görlitz ansässig.

Seinen Ruhestand verbrachte Hornig – befasst mit der publizistischen Aufarbeitung des Kirchenkapfes und der Kirchengeschichte seiner schlesischen Heimat – ab 1964 in Bad Vilbel-Heilsberg. Am 5. Dezember 1976 erlag er den Folgen eines Unfalls.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 49/2016.

„Erinnerungseinsamkeit“

Christopher Spatz: Ostpreußische Wolfskinder. Erfahrungsräume und Identitäten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Osnabrück: fibre Verlag, 2017, 239 S., Karte, € 29,80

Eine Dissertation als Buchempfehlung zum Weihnachtsfest? Und dann auch noch zu einem Kriegs- und Vertreibungsthema? – Im Falle von Christopher Spatz’ neuem Standardwerk über Ostpreußische Wolfskinder kann ich diese Empfehlung besten Gewissens geben! Nicht nur, weil das Buch – nach dem methodisch-theoretischen Vorspann – die historische Analyse mit einer dichten Erzählung von Einzelschicksalen verbindet, sondern auch, weil der Autor einen wichtigen – wissenschaftlich fundierten – Debattenbeitrag zum Vertreibungsdiskurs leistet, der von Betroffenen und historisch Interessierten zur Kenntnis genommen werden sollte.

Zum einen leistet der Autor – der Dutzende Interviews mit Wolfskindern geführt und Archivmaterialien ausgewertet hat – Grundlagenarbeit zur Geschichte einer Opfergruppe, die für die historische Forschung ein immer noch wenig erschlossenes Problemfeld darstellt. Zum anderen führt Spatz einen Begriff ein, der womöglich zukünftig in der Aufarbeitung der individuellen und kollektiven Rezeption von „Flucht und Vertreibung“ wirkmächtig werden kann: Die Erinnerungseinsamkeit – ein für die Gruppe der Wolfskinder markantes Phänomen, das jedoch mithin viele Vertriebene für sich beanspruchen können, ohne dass es bisher analytisch expliziert worden wäre.

„Im öffentlichen Kommunikationsraum klangen“, so Spatz, „schon versuchs- und scheibchenweise geäußerte Erinnerungen von Wolfskindern dissonant und inkorrekt, da sie sich vom Adressaten nicht zufriedenstellend in ein offiziell anerkanntes Opfernarrativ einordnen ließen und somit die soziale Erwartungshaltung verfehlen mussten.“ Als Konsequenzen für die Betroffenen macht Spatz ebenso „Verdrängungsstrategien“ wie Versuche einer Anpassung des eigenen Narrativs an die vermuteten sozialen Erwartungen deutlich.

Gewiss keine leichte Kost – auch aufgrund der Schilderungen aus dem Königsberger Gebiet der Nachkriegszeit. Aber dennoch: die Lektüre lohnt sich in jedem Falle.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Patriot und Europäer

Vor 50 Jahren starb der sudetendeutsche Sozialdemokrat und BdV-Präsident Wenzel Jaksch

„Mit Erschütterung werden alle Menschen, die das politische Leben in der Bundesrepublik verfolgen, diese Nachricht aufgenommen haben“, schrieb Marian Hepke – 1962 bis 1968 Chefredakteur des „Westpreußen“ – in seinem Nachruf auf Wenzel Jaksch vom 5. Dezember 1966 (DW34/1966). Der Präsident des Bundes der Vertriebenen war am 27. November den Folgen eines Verkehrsunfalls erlegen – nach Jahrzehnten des politischen Wirkens, das verwoben war mit dem Schicksal Europas im Zeitalter eines übersteigerten Nationalismus. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Ableben wollen wir diesem Werdegang und den daraus entwickelten vertriebenenpolitischen Positionen Jakschs nachspüren – und ihn dabei auch selbst zu Wort kommen lassen.

Wien, Prag, London, Bonn – Stationen eines politischen Lebens

Das politische Leben Wenzel Jakschs begann noch in der österreichischen Doppelmonarchie, in deren Donaumetropole Wien sich der 1896 im südböhmischen Langstrobnitz geborene Handwerkersohn als Bauarbeiter verdingte und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) anschloss. Als er gerade 22 Jahre alt war, zerbrach die Habsburgermonarchie und mit ihr auch die SDAP. In Böhmen und Mähren konstituierte sich die Sozialdemokratie 1919 wieder als Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP). Dort engagierte sich Jaksch nun als Journalist und Politiker.

Wenzel Jaksch beim Tag der Deutschen im September 1965 in der Berliner Waldbühne zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (Quelle: BdV­Archiv)
Zehn Jahre nach Gründung der DSAP wurde er für seine Partei ins Prager Parlament gewählt, ab 1938 stand er ihr als Parteivorsitzender vor. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits fünf Jahre der Auseinandersetzung mit der 1933 von Konrad Henlein gegründeten nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei hinter den sudetendeutschen Sozialdemokraten. Den Kampf gegen den Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich verloren die demokratischen Kräfte Tschechiens, und mit ihnen die DSAP. Da das Sudetenland nun der nationalsozialistischen Reichsregierung unterstand, musste Jaksch 1939 ins britische Exil gehen. So wie zuvor gegen den Anschluss des Sudetenlandes kämpfte er nun in London gegen die von Edvard Beneš langfristig entwickelten Pläne zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei.

Auch diese konnten Jaksch und seine Mitstreiter nicht verhindern: Dem Kriegsende folgten Vertreibungen aus dem Sudetenland – und Jahre der Integration im Rest Deutschlands. Nach seiner Rückkehr in den freien Teil Deutschlands widmete Jaksch seine Energie dem Wohl seiner sudetendeutschen Landsleute und mit ihnen der Gesamtheit der deutschen Vertriebenen sowie der mit ihrem Schicksal wiederum verbundenen Völker Mittel­ und Osteuropas : Seit 1950 Ministerialdirektor des Landes Hessen, leitete er das Landesamt für Vertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte. Von 1951 bis zu seinem Tod war Jaksch Bundesvorsitzender der Seliger­Gemeinde (Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten). Seit 1957 saß Jaksch für die SPD im Deutschen Bundestag. 1961 wurde er Vizepräsident, 1964 Präsident des Bundes der Vertriebenen und 1963 Präsident der Bundesversammlung der Sudetendeutschen.

Ein europäischer Patriot – vertriebenenpolitische Positionen

Das multiethnische Erbe Böhmens und Mährens prägte ebenso wie die selbst erlebten und erlittenen Folgen eines übersteigerten Nationalismus das historische und politische Denken Jakschs. Hiervon legt eindrücklich sein 1958 erschienenes Buch „Europas Weg nach Potsdam“ Zeugnis ab. Dabei blieb sein Sinnen nicht auf den Raum der alten Donaumonarchie oder das Wohl des deutschen Volkes beschränkt, sondern wahrte stets eine gesamteuropäische Perspektive. Dadurch waren seine Konzeptionen gleichermaßen auch für alle ostdeutschen Landsleute anschlussfähig.

Dies gilt exemplarisch für seine beim Bundestreffen der Westpreußen 1962 gehaltene Rede (abgedruckt in : DW 21 / 1962). Sie nimmt ihren Ausgang von einer maßvolleren Interpretation der deutschen Ostsiedlung, die nicht im nationalistischen Sinne, eine unter dem Vorzeichen der Germanisierung stehenden „Zivilisierung“ hervorhebt, sondern in ihr stärker einen Beitrag zur Festigung des europäischen Kulturkreises sieht:

„Gerade am Unterlauf der Weichsel sprechen die Steine davon, daß die vielgeschmähte deutsche Ostkolonisation in Wahrheit ein entscheidender Beitrag zur Europäisierung Osteuropas gewesen ist. Städte wie Danzig, Marienwerder, Thorn und Bromberg waren mächtige Ausstrahlungspunkte der westchristlichen Zivilisation. Über diese Brückenstellung ist dem polnischen Volk der Anschluß an das westchristliche Europa erst ermöglicht und abgesichert worden.“

Diesem europäischen Paradigma folgend, schließt das politische Denken Jakschs konsequent an sein historisches an – und so fordert er 1962 dazu auf, „die gemeinsamen Interessen der Völkerfamilie westlich der russischen Staatsgrenze zu erkennen und in den Vordergrund zu stellen“. Diese Einsicht führte ihn freilich gerade dazu, deutsche Rechtspositionen nicht voreilig aufzugeben, sondern vielmehr deren Wahrung in den Kontext einer gesamteuropäischen Entwicklung hin zu Freiheit und Demokratie zu stellen:

„Deshalb sollen alle wahren polnischen Patrioten wissen, daß die zehn Millionen vertriebener Deutscher in der Bundesrepublik nicht ihre Feinde sind, sondern ihre besten Bundesgenossen. Unsere Heimatliebe ist die stärkste moralische Kraft, die an dem Eisernen Vorhang rüttelt. Das Streben des deutschen Volkes nach Wiedervereinigung, Freiheit und Selbstbestimmung ist die beste Bürgschaft und die stärkste Hoffnung für die kommende Einheit Gesamteuropas.“

1966 – das Jahr der Bewährung

Vor dem Hintergrund der politischen Konzepte und Ideen Jakschs gewinnt sein Unfalltod neben dem persönlichen Schicksal auch eine historische Tragik. Noch am Jahresanfang hatte er sich mit einem Beitrag unter dem Titel „Wach sein – Gebot der Stunde“ (DW 1/1966) an die Öffentlichkeit gewandt und postuliert : „Das Jahr 1966 wird für uns und für alle freien Deutschen ein Jahr der Bewährung sein.“ Dabei sah er die deutschen Heimatvertriebenen und ihre Unterstützer mit zwei zentralen Aufgaben konfrontiert:

„Wir müssen der moralischen Müdigkeit Widerstand leisten, welche die geistigen Führungsschichten unseres Volkes ergriffen hat. Die Auseinandersetzung muß geführt werden zwischen ehrlicher Verständigungspolitik und einem Versöhnungsgerede, hinter dem sich nur die Kapitulationsbereitschaft vor Unrecht und Diktaturgewalt verbirgt.“

In diesem Sinne gäben sich die Heimatvertriebenen, so Jaksch, „keiner Illusion über den Ausgang eines Friedensgespräches hin, daß im Schatten russischer Bajonette geführt werden muss“. Zugleich betonte er jedoch das wachsende Verlangen nach einem Gedankenaustausch innerhalb der deutschen und der polnischen Zivilgesellschaft. Seine Absage an eine Verständigungspolitik, die deutsche Rechtspositionen gegenüber kommunistischen Diktaturen aufgeben wollte, schloss daher für Jaksch nicht aus, dass die „vertriebenen Deutschen […] jeden Versuch begrüßen [werden], die gemeinsamen Interessen eines geteilten Deutschlands und eines geteilten Polen auszuloten“.

Jaksch sah 1966 nicht nur die Gefahren einer riskanten Verständigungspolitik, sondern hatte zugleich die Kritiker dieses politischen Kurses im Blick, die am rechten Rand Aufstellung nahmen: Sie waren, wie Marian Hepke trefflich analysierte (DW 32 vom 15. 11. 1966), getragen vom allgemeinen „Unbehagen – nicht nur an Bonn und der CDU/CSU, nicht nur an der Unentschlossenheit und Lauheit in der Vertretung der deutschen Interessen, an der Schwerfälligkeit des ganzen Apparats, an der Bereitschaft, allen zu helfen, nur den Deutschen selbst nicht“. Erst vor dem Hintergrund dieser beiden Gefährdungen erklärt sich vollständig Jakschs dringende, schon Anfang des Jahres erhobene Forderung, der BdV müsse sich „als ein Rückhalt aller patriotischen Kräfte im Lande bewähren“, denn : „Das Problem des Jahres 1966 ist die Formierung einer patriotischen Mitte im freien Teil Deutschlands.“

Am 6. November kam dann mit der hessischen Landtagswahl der große Schock: Mit 7,95 Prozent zog die Nationaldemokratische Partei Deutschlands in das Wiesbadener Parlament ein – und bestätigte damit Jakschs weitsichtiges Bemühen um ein Bündnis der gemäßigten Vertreter nationaler Interessen. Marian Hepke schrieb hierzu
in seinem soeben schon zitierten Beitrag (DW 32/1966) : „Als Mitte Mai dieses Jahres Wenzel Jaksch […] bei der Deutschlandkundgebung in Bonn sich für die Schaffung einer ‚nationalen Mitte‘ aussprach, wurde auch er von den ‚tonangebenden‘ Massenmedien in der Bundesrepublik belächelt und als Phantast abgetan […]. Sogar in den Reihen seiner eigenen Partei soll es Jaksch nicht leicht gehabt haben nach dieser Kundgebung. Und doch hat er sich als einer der wenigen maßgeblichen Politiker erwiesen, die Fingerspitzengefühl haben, die über die notwendige ‚Witterung‘ für das, was in der Luft liegt, verfügen. Die Wahl in Hessen hat ihm Recht gegeben.“

Gerade in dieser Situation hatte die deutsche Politik einen Wenzel Jaksch nötig, der in der Lage war, nationale Interessen unter dem Vorzeichen gesamteuropäischer Verantwortung zu formulieren, und um einen Patriotismus rang, der von einem breiten gemäßigten politischen Spektrum getragen werden konnte. Dass seine Stimme nur drei Wochen nach der Hessen­Wahl für immer verstummte, war umso fataler. Zumindest aber blieb der Bundesrepublik, den Vertriebenen und der Sozialdemokratie das politische Vermächtnis eines Mannes, über den Marian Hepke in seinem Nachruf schrieb: „Sein Einsatz für das Selbstbestimmungsrecht der Völker war so überzeugend wie sein Wille zur Humanität.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 11/2016.

„Es hatte dieses Thema von ihm Besitz ergriffen“

Zum 90. Geburtstag des Gustloff-Chronisten Heinz Schön

Es gibt Historiker, die sich besondere Verdienste um die Erforschung einzelner historischer Phänomene zu erwerben vermochten. Es gibt Zeitzeugen, die durch ihre authentischen Berichte vergangenen Ereignissen ein Gesicht zu geben vermochten. Und es gibt Publizisten, die es immer wieder vermochten, die Erinnerung an einzelne dieser Ereignisse in der Öffentlichkeit lebendig zu erhalten. In manchen Fällen vereinen Persönlichkeit zwei, in seltenen Fällen alle drei dieser Vermögen. Einer von ihnen war Heinz Schön, der am 3. Juni 1926 im niederschlesischen Jauer das Licht der Welt erblickte.

Die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges mit Flucht und Vertreibung der Ostdeutschen erlebte der Schlesier im südlichen Ostseeraum, wo er Zeuge der größten Schiffskatastrophe – nicht nur des Zweiten Weltkriegs – wurde: dem Abschuss und Untergang der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945. Nur einen halben Monat nach der eigenen Rettung ging der junge Schön wieder an Bord: Das Kommando führte ihn auf die „General San Martin“, auf der er elf weitere Transporte von Flüchtlingen erlebte, die ihn 22 mal über das „Grab der Wilhelm Gustloff“ führten. Es sollten noch 46 Jahre vergehen, bis er selbst an einem Tauchgang zum Schiffswrack teilnehmen konnte.

Wie die Kriegserlebnisse sein weiteres Leben bestimmen sollten, hat der westpreußische Literaturnobelpreisträger Günter Grass beschrieben, der Schön in seiner Novelle „Im Krebsgang“ (Göttingen 2002) ein literarisches Denkmal setzte:

„Sein Werdegang ist wie meiner auf das Unglücksschiff fixiert. Knapp ein Jahr vor Kriegsende kam er als Zahlmeisterassistent auf die Gustloff. Eigentlich hatte Heinz Schön nach erfolgreichem Aufstieg in der Marine-Hitlerjugend zur Kriegsmarine gewollt, doch musste er, seiner schwachen Augen wegen, bei der Handelsmarine anmustern. Da er den Untergang des KdF-Passagier-, dann Lazarett-, darauf Kasernen- und schließlich Flüchtlingstransportschiffes überlebte, begann er nach dem Krieg alles zu sammeln und aufzuschreiben, was die Gustloff in guten und schlechten Zeiten betraf. Er kannte nur dieses eine Thema; oder es hatte einzig dieses Thema von ihm Besitz ergriffen. […] Alles hatte er aufgelistet: die Anzahl der Kabinen, die Unmengen Reiseproviant, die Größe des Sonnendecks in Quadratmetern, die Zahl der kompletten und der am Ende fehlenden Rettungsboote und schließlich – von Buchauflage zu Buchauflage steigend – die Zahl der Toten und Überlebenden.“

Bereits 1945 – neben seiner Arbeit bei der Reederei der Gustloff, der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft – führte Schön erste Gespräche mit Besatzungsangehörigen, etwa Kapitän Friedrich Petersen. Später – als Student in Göttingen und 1953 bis 1990 im Dienst der Stadt Herford – setzte er die Aufarbeitung fort. Seine Sammlungs und Forschungstätigkeiten waren für Schön Grundlage eines fast 65 Jahre umspannenden publizistischen Wirkens: Dieses begann mit dem Erscheinen der Reportage „Die Wilhelm Gustloff-Katastrophe wie sie wirklich war“ ab dem 20. Februar 1949 in der Hannoveraner Wochenzeitung „Heim und Welt“. Nur drei Jahre später folgte die erste Monografie: „Der Untergang der Wilhelm Gustloff – Tatsachenbericht eines Überlebenden“. Die zweite – „Die letzte Fahrt der Wilhelm Gustloff“ – folgte 1960. Noch im Jahr seines Todes erschien posthum das gemeinsam mit Jürgen Kleindienst herausgegebene Buch „Pommern auf der Flucht 1945. Rettung über die Ostsee aus den Pommernhäfen Rügenwalde, Kolberg, Stettin, Swinemünde, Greifswald, Stralsund und Saßnitz“. In den dazwischenliegenden Jahrzehnten erschienen Standardwerke zur Vertreibung im Ostseeraum – heraus sticht die 1983 in erster Auflage erschienene Dokumentation „Ostsee 45 – Menschen, Schiffe, Schicksale“.

Lazarettschiff "Wilhelm Gustloff" in Danzig  (Hans Söhnke, September 1939; Quelle Bundesarchiv)
Lazarettschiff „Wilhelm Gustloff“ in Danzig
(Hans Söhnke, September 1939; Quelle Bundesarchiv)

Im Laufe der 1960er/70er-Jahre war es Heinz Schön möglich, seine Arbeit in den Dienst der staatlich geförderten Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung zu stellen und mit seiner Expertise zu ihrem Fortschreiten beizutragen. An diese Zeit erinnert Schön im Vorwort zur 2008 erschienen Dokumentation „Die letzte Fahrt der Wilhelm Gustloff“: „Durch meine beiden Gustloff-Bücher und meine Berichte in der Presse war Konteradmiral a.D. Conrad Engelhardt auf mich aufmerksam geworden. Der Admiral, Anfang 1945 von Großadmiral Dönitz als ‚Seetransportchef Ostsee‘ eingesetzt, hatte von der Bundesregierung Anfang 1962 den Auftrag erhalten, an der Ostakademie Lüneburg eine ‚Forschungsstelle Ostsee‘ einzurichten. Diese sollte unter seiner Leitung eine ‚Offizielle Dokumentation über die Rückführung von Flüchtlingen, Verwundeten und Soldaten mit Schiffen der Handels- und Kriegsmarine 1944/45 über die Ostsee‘ erarbeiten. Ich stellte mich als ‚Ehrenamtlicher Mitarbeiter‘ in den Dienst dieser Aufgabe und wurde sieben Jahre lang zum jüngsten und engsten Mitarbeiter des Admirals, bis 1972 die Auflösung der 6-köpfigen Forschungsstelle erfolgte. Die Bundesregierung hatte sich entschlossen, auf die Herausgabe der Dokumentation zu verzichten. 1981 begann ich mit der publizistischen Auswertung meiner umfangreichen Archivsammlung über die Gustloff und die Flucht über die Ostsee 1944/45.“

Die Früchte dieser „publizistischen Auswertung“ bescherten Schön eine über Jahrzehnte anhaltende Prominenz in den einschlägigen Kreisen – bisweilen auch über diese hinaus. Dies liegt womöglich vor allem daran, dass Heinz Schön nicht dabei stehenblieb, unterschiedliche Veröffentlichungen zu realisieren. Vielmehr nahm er in vielfacher Weise Einfluss auf die bundesdeutsche Erinnerungskultur. Als Zeitzeuge trat er in den deutschen Medien – etwa im Magazin „Stern“ oder in einer WDR-Dokumentation, die 1991 während eines Aufenthaltes in Gdingen entstand – und der internationalen Presse in Erscheinung. Zudem beteiligte er sich als wissenschaftlicher Berater an den beiden Filmproduktionen „Nacht fiel über Gotenhafen“ (1959) und „Die Gustloff“ (2008). Der zweite der beiden Filme führte 63 Jahre nach Flucht und Vertreibung zu einem erneuten Anwachsen des historischen Interesses an den Ereignissen am Ende des Zweiten Weltkrieges.

1985 und 1995 führte Schön die Überlebenden der Gustloff-Katastrophe anlässlich des 40. und 50. Jahrestages zu „Erinnerungstreffen“ zusammen, die er gemeinsam mit dem „Kuratorium Erinnerungsstätte Albatros – Rettung über See e.V.“ in Damp an der Ostsee organisierte. Zu Begegnungen mit anderen Zeitzeugen kam es jedoch nicht nur in Deutschland: Fast jährlich reiste Schön in den 1990er Jahren nach Russland, wo er etwa Wladimir Kowalenko traf, der als Offizier auf der „S13“ gedient hatte – dem U-Boot, das die „Gustloff“ versenkte. 1992 folgten zwei Begegnungen mit Wladimir Kourotschkin, der das Torpedo auf das Flüchtlingsschiff abgefeuert hatte – und bei der ersten Aussprache die hohe Zahl ziviler Opfer nicht glauben konnte. An die nächste Begegnung erinnert sich Schön folgendermaßen: „Was ich ihm vor zehn Wochen über den Untergang der ‚Gustloff‘ erzählt hatte, hatte ihn Tage und Nächte bis in die Träume verfolgt. Als wir uns verabschiedeten sagte er zu mir: ‚Der Krieg ist eine schlimme Sache. Sich gegenseitig umbringen und Frauen und Kinder töten – wozu? Es muss andere Wege geben, ohne Blutvergießen miteinander zu leben.‘ Späte Einsicht eines alten Mannes, der sein Leben lang Kommunist und leidenschaftlicher Soldat gewesen war.“

Mit seinen Verdiensten um die Aufarbeitung der Gustloff-Katastrophe erwarb sich Schön ebenso Ansehen in der Fachwelt wie unter den Betroffenen von Flucht und Vertreibung. Nicht nur, dass er bis ins hohe Alter ein begehrter Referent bei unterschiedlichen Veranstaltungen war: 2008 erhielt Schön mit der Ehrenplakette die höchste Auszeichnung des Bundes der Vertriebenen. Bereits 1984 hatte ihm die Landsmannschaft Westpreußen den Marienburg-Preis verliehen. Auch die Bundesrepublik Deutschland würdigte das Wirken Schöns, dem der Bundespräsident 1986 das Bundesverdienstkreuz am Bande verlieh.

Am 7. April 2013 starb Heinz Schön im nordrhein-westfälischen Bad Salzuflen.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst, Nr. 02/2016.
In ähnlicher Form in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 6/2016.