Länderporträt Taiwan

Blickwechsel von Tilman Asmus Fischer

Zwei Topoi bestimmten die neue mediale Aufmerksamkeit, die in den vergangenen zwei Jahren der ostasiatischen Inselrepublik Taiwan zukommt: auf der einen Seite eine zumindest über lange Strecken mustergültige Bewältigung der Corona-Pandemie durch Politik und Zivilgesellschaft; auf der anderen Seite das – zuletzt anlässlich des Besuchs von Nancy Pelosi – immer lauter werdende Säbelrasseln der Kommunistischen Partei Chinas, die nach Hongkong lieber gestern als heute die demokratische Republik China, so der offizielle Name Taiwans, der Volksrepublik China einverleiben würde. Was ist dies für ein Land, dessen Gesellschaft für ihre Resilienz bewundert wird, das jedoch weltweit von lediglich 14 Regierungen – darunter leider nicht die deutsche, jedoch der Vatikan – als souveräner Staat anerkannt wird?

Diese Frage stellt sich bei einem Interesse, das über tagespolitisch relevante Schlagzeilen hinausgeht. Wer sie sich stellt, kann so manches lernen über eine Insel mit einem faszinierenden interkulturellen – und in Teilen auch interreligiösen – Erbe, über friedliche politische Transformationen sowie über eine Gesellschaft, die Liberalismus und Traditionsbewusstsein verbindet. Einblicke in dieses breite Themenspektrum eröffnet die unlängst erschienene „Gebrauchsanweisung für Taiwan“ des preisgekrönten deutschen Schriftstellers Stephan Thome. Sie liest sich gleich einer – wenn auch nicht unkritischen – Liebeserklärung an das Land, in das er als Student kam und das ihm – inzwischen mit einer Taiwanerin verheiratet – zur Heimat wurde. Ebenfalls heuer erschien sein Roman „Pflaumenregen“, der die Zeitgeschichte Taiwans literarisch verarbeitenen.

Ein starkes zeitgeschichtliches und erinnerungskulturelles Interesse prägt auch sein Länderporträt – in besonderer Weise mit Blick auf die Diktatur der Nationalen Volkspartei Chinas „Kuomintang“. Diese regierte 1949 bis 1987 unter Kriegsrecht auf Taiwan, wohin sich die Regierung der Republik China zurückzog, als Mao auf dem Festland die Volksrepublik errichtete. An diese Zeit erinnert heute die Gedenkstätte auf Lü Dao – bis 1987 Gefängnisinsel der Kuomintang, anhand derer Thome feinfühlig die Prägekraft der Unterdrückungserfahrungen für das kollektive Gedächtnis und das demokratische Selbstbewusstsein des heutigen Taiwans entfaltet.

Gleichfalls gehört es zu Thomes Handschrift, dass ihr die fachliche Expertise des studierten Sinologen, Philosophen und Religionswissenschaftlers abzuspüren ist. So tut es nicht Wunder, dass just eines der umfangreichsten Kapitel der taiwanischen Religionsgeschichte gewidmet ist. Thome arbeitet heraus, wie gerade die autochthone religiöse Tradition in der Zeit der Unterdrückung durch die japanischen Kolonialherren bis 1945 zu einem wesentlichen Identitätsmarker wurde.

Heute sind vor allem buddhistische Laienorganisationen in der Zivilgesellschaft sichtbar – immer wieder aber auch die christliche Minderheit. Deren Geschichte ist ambivalent, da der 1975 gestorbene Diktator Chiang Kai-shek selbst als Konvertit der methodistischen Kirche angehörte, die ihn stützte. Währenddessen standen Presbyterianer und Katholiken auf der Seite der unterdrückten indigenen Völker, deren Sprache und Kultur sie schützten und die ihrerseits bis heute in der großen Mehrheit Christen sind.

Stephan Thome: Gebrauchsanweisung für Taiwan, Piper, 224 Seiten, ISBN 978-3-492-27745-7; 15,00 Euro

Erschienen in: Glaube + Heimat. Mitteldeutsche Kirchenzeitung 39/2022; unter anderem Titel in: Evangelischer Kirchenbote 40/2022.

Auf den Spuren gelebter Religion

Fotografie-Ausstellung: Jutta Benzenberg fragt in der Guardini Galerie in Berlin-Kreuzberg nach Gott im einst atheistischen Albanien

Von Tilman Asmus Fischer

Unter den Theologen der Gegenwart hat sich insbesondere Wilhelm Gräb für eine Theologie der gelebten Religion – in Tradition der deutschen Aufklärung – starkgemacht. Also für eine Theologie, welche „die alltagspraktische gelebte, sich in der Kultur als ihrer Lebenswelt zum Ausdruck bringende wie durch diese ebenso geformte Religion der Menschen zu ihrem Gegenstand“ hat. Dabei kann gelebte Religion nicht nur anhand soziologischer Untersuchungen qualitativer wie quantitativer Art erschlossen werden. Vielmehr gibt es ganz unterschiedliche Zugänge, die zu einer interdisziplinären Perspektive einladen. Hierzu zählen nicht zuletzt auch Formen der künstlerischen Auseinandersetzung mit Alltagsreligiosität. Ein eindrückliches Beispiel hierfür bietet die gegenwärtig in der Guardini Galerie gezeigte Ausstellung „Gott in Albanien“ der Fotografin Jutta Benzenberg.

Dabei regt die Künstlerin mit dem Fokus auf Albanien – ihrer zweiten Heimat – in besonderer Weise zur Reflexion ein: Zum einen porträtiert sie eine südosteuropäische Gesellschaft, in der Christen und Muslime nicht erst seit Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts neben- und miteinander leben. Zum anderen erhalten Religionsgemeinschaften in ihren Werken ein Gesicht, die nach Ende der Sozialistischen Volksrepublik Albanien ihrem jeweiligen Bekenntnis wieder offen Ausdruck verleihen können. Wie kaum ein anderer kommunistischer Diktator hatte Enver Hoxha in seinem Staat Religionen unterdrückt; 1967 war Albanien sogar ausdrücklich zum atheistischen Staat erklärt worden.

Wie seit der Befreiung vom Kommunismus Religion nun wieder im privaten wie öffentlichen Raum gelebt werden kann, verfolgt Benzenberg mit aufmerksamem Auge durch die Linse ihrer Kamera. Die so entstandenen Bilder sind ästhetisch anspruchsvoll wie schnörkellos – und dabei strikt dem Blick auf das Individuum verpflichtet: „Schräge Anschnitte und ungewöhnliche Durchblicke, Nahsicht im Detail und strenge Bildnisse en face – alle Stilmittel der Fotografie scheinen hier erlaubt, wenn sie für eine individuelle Perspektive stehen“, erläutert Kuratorin Frizzi Krella.

Für Porträts – wie dasjenige von George Frendo, römisch-katholischer Erzbischof von Tirana – greift die Benzenberg auch auf ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Fotografie zurück. Was ihre Bilder jedoch in besonderer Weise auszeichnet, ist die Bereitschaft „für den besonderen Moment, der darüber hinaus ein subtiles Augenzwinkern mit einschließt“, wie Krella erläutert. Dies zeigt sich etwa, wenn ein Teilnehmer des Ramadan auf dem Skanderbeg-Platz in Tirana konzentriert auf seinem Smartphone tippt, während die restliche versammelte Gemeinschaft sich auf das Gebet einzustimmen scheint. Hier, wie in vielen anderen Bildern vermischen sich – nochmals Krella – „Tradition, Ritual und zeitgenössischer Lebensgeist auf wunderbare Weise“. Auch und vielleicht gerade hierin kommt gelebte Religion zum Ausdruck.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 1/2022.

„Gott in Albanien. Jutta Benzenberg“, bis 25. Februar 2022 in der Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, 10963 Berlin. Weitere Informationen: http://www.guardini.de

Eine Insel in Bedrängnis

Seit mehreren Wochen verletzt die Luftwaffe der Volksrepublik China wiederholt den Luftraum von Taiwan. Die Insel wird von Peking als abtrünnige Provinz betrachtet – die Mehrheit der Taiwaner lehnt eine Vereinigung mit dem chinesischen Festland ab. Seit 1949 verwaltet sich die Insel selbst, 1996 gab es nach einer langen Phase der Einparteienherrschaft die ersten freien Präsidentschaftswahlen. Die Insel gilt mittlerweile als die vielleicht lebendigste Demokratie Ostasiens. Sie pflegt ein vielfältiges kulturelles Erbe. Daran haben gerade auch die in Taiwan vertretenen Religionen Anteil. Hierüber spricht der Schriftsteller und Religionswissenschaftler Stephan Thome im Interview mit Tilman A. Fischer. Thome lebt in Taipei, der Hauptstadt ­Taiwans. Unlängst erschien sein Reiseführer „Gebrauchsanweisung für Taiwan“.

Herr Thome, welche Bedeutung kommt Religion für die Entstehung einer taiwanischen Identität zu?

Man kann zeigen, dass in der Zeit der Kolonialherrschaft Japans über Taiwan ab Ende des 19. Jahrhunderts dem Kampf gegen die angestammten autochthonen (einheimischen, Anm. d. Red.) Religionen eine besondere Bedeutung zukam. Tempel waren immer auch soziale Orte, denen man misstraute, die man überwachen und teilweise schließen ließ. Taiwaner wurden gezwungen, in japanischen Shinto-Schreinen zu beten und traditionelle Rituale wurden umgeprägt. Diese gemeinsam erfahrene Unterdrückung hat dazu geführt, dass sich unter den Taiwanern so etwas wie eine gemeinsame Identität herausgebildet hat. Seit dieser Zeit lässt sich zurückver­folgen, wie sich die Taiwaner allmählich als Volk verstehen.

Auf die japanische Kolonialherrschaft folgte nach 1945 die Rückgabe an China, das sichinzwischen eine Republik nannte, aber de facto eine Diktatur war. Wie setzte sich in dieser Zeit das Verhältnis von Religion und Identität fort?

Wenn man über Religion in dieser Zeit spricht, muss man zunächst einmal das Christentum erwähnen.  Präsident Chiang Kai-shek war zum Christentum übergetreten, weil seine – in Amerika aufgewachsene – Frau der methodistischen Kirche ­angehörte. Er las in der Bibel und ging regelmäßig in die Kirche, wo er teilweise selbst predigte. Natürlich übernahm er gewisse Vorstellungen seines konfuzianisch geprägten Weltbildes, sodass eine sehr besondere Religiosität entstand, in der etwa Nächstenliebe keine so große Rolle spielte.

Die Methodisten waren somit auch die staatstragende und staatstreue Kirche, in der sich vor allem die Festländer wie Chiang Kai-shek versammelten, die 1949 nach Taiwan geflohen waren. Gleichzeitig gab es die Presbyterianer, die vor allem unter den Taiwanern und den Ureinwohnern missionierten – bis sich ­herausstellte, dass sie mehr und mehr in eine Frontstellung gegen das Regime und sein Streben nach einer homogen chinesischen Identität Taiwans gerieten.

Wie kam es hierzu?

Die Mission der Presbyterianer, aber auch der katholischen Kirche, stand für ein Christentum, das die indigenen Völker nicht unterdrückte, sondern vielmehr einen Freiraum für die Bewahrung ihrer kulturellen Identität und Sprachen darstellte. Chiang Kai-shek aber wollte das Taiwanische, also die Regionalsprache der Insel, aufgrund seiner Sinisierungspolitik nicht ­dulden: Die Menschen sollten hauptsächlich oder am besten ausschließlich Chinesisch sprechen. So ist es bezeichnend für die Frömmigkeit Chiang Kai-sheks, dass er etwa die Verbreitung von Bibeln, die die Missionare ins Taiwanische oder in Stammessprachen hatten übersetzen lassen, unterbinden ließ.

Welche Rolle spielen Presbyterianer und Methodisten im modernen Taiwan?

Zunächst muss man sagen: Der Anteil der Christen an der Bevölkerung Taiwans beträgt ungefähr fünf Prozent, wir reden also von einer gesellschaftlich eher kleinen Gruppe. Nach wie vor ist es aber so, dass die Ureinwohner, welche zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, zu fast 80 Prozent Christen sind. Unter ihnen dominiert die presbyterianische Kirche, die weiterhin das Renommee hat, sich gegen die Diktatur gestellt zu haben. 

Es gibt immer noch eine methodistische Kirche, die weiterhin eine starke Bindung an die vom Festland stammende Nationalpartei Kuomintang hat und sich auch immer wieder in gesellschaftliche Diskurse einmischt. So kam etwa der Widerstand gegen die Gleichstellung der Ehefür gleichgeschlechtliche Paare, die ­Taiwan als erster asiatischer Staat einführte, vor allem aus den Reihen der methodistischen Kirche. Am Ende handelt es sich aber eben um eine kleine Gruppe, die laut sein kann, aber keine gesellschaftliche Kraft wie in den USA darstellt.

Wer sind denn die einflussreichen religiösen Akteure der heutigen Zivilgesellschaft Taiwans?

Da muss man auf die buddhistischen Organisationen verweisen, weil es die größten sind und weil sie diese Rolle in den letzten Jahrzehnten am entschiedensten ausgeübt haben. Vor allem die von einer buddhistischen Nonne gegründete „Tzu Chi“ (Barmherzige Hilfe) war nicht unwichtig in den letzten Jahren als „Kirche“. In ihr wird das spirituelle, theologische Moment in soziales Engagement auf den unterschiedlichsten Feldern eingebettet: Katastrophenhilfe, Krankenhäuser. Hier werden zivilgesellschaftliche Werte gepflegt.

Man muss sich einbringen, jeder kann durch eigenes Engagement – aber auch durch Spenden – in eine Position gelangen, die Anerkennung verschafft, so wie bestimmte Ehrenämter hierzulande. Man hat ein Gemeinschaftserlebnis, das eine spirituelle Dimension hat und kann sich gut fühlen, wenn man sich engagiert. Freilich: Wenn man sich in den Buddhismus intellektuell vertieft, kann das schon sehr anspruchsvoll sein. Daher verzichtet man bei Tzu Chi hierauf, sodass manche Kritiker von einem Wohlfühl-Buddhismus sprechen.

Dieser hat zuletzt, wie sie in Ihrem Buch darstellen, auch eine nicht zu unterschätzende außenpolitische Bedeutung.

In einem Staat, der international nicht als Staat in Erscheinung treten kann, weil es ihm an Sichtbarkeit auf den internationalen Bühnen und Foren fehlt, nehmen solche Organisationen, die sehr finanzkräftig sind und über hunderte Dependancen im Ausland verfügen, gewissermaßen eine Stellvertreterfunktion wahr: Sie sind „Botschaften“ Taiwans – und wenn sie durch ihr soziales Engagement auch „nur“ die Botschaft eines „Wohlfühl-Buddhismus“ verbreiten, ist diese doch immer noch besser als die Botschaften, die aus der Volks­republik kommen.

Buchtipp: Stephan Thome, Gebrauchsanweisung für Taiwan, September 2021, Piper, 224 Seiten, 15 Euro

Taiwan – Überblick auf Geschichte und Politik

Auf Taiwan besteht die 1912 gegründete – und damals ganz China umfassende – Republik China fort. 1949 floh deren Staatsregierung samt ihrer antikommunistischen Anhänger auf die Insel, als Mao Tse-tung in Festlandchina die Volksrepublik China etablierte. Damit beanspruchten zwei Regierungen, ganz China zu vertreten: die Volksrepublik China unter Mao Tse-tung auf dem Festland und die Republik China unter Chiang Kai-shek auf Taiwan. Taiwan verwaltet sich seit 1949 selbst und bezeichnet sich offiziell als Republik China. 1971 übertrugen die Vereinten Nationen jedoch die alleinige Vertretung Chinas auf die Volks­republik; Taiwan musste daraufhin die UN verlassen. Gegenwärtig erkennen weltweit nur 14 Staaten Taiwan als souveränen Staat an. Bis Ende der 1980er Jahre regierte die vom Festland stammende Nationale Volkspartei Chinas (Kuomintang, KMT) Taiwan diktatorisch – unter der Führung von Präsident Chiang Kai-shek bis zu dessen Tod 1975 . In dieser Zeit erfolgte eine teils gewaltsame Sinisierung der Bevölkerung, also eine umfassende sprach­liche und kulturelle Assimilierung der ethnisch vielfältigen Inselbevölkerung in die Kultur Festlandchinas. Sie wurde von der KMT zur Norm erhoben. Unter der Regierung von Chiang Ching-kuo, Sohn des vorma­ligen Präsidenten, vollzog sich eine allmähliche Demokratisierung. Die seit 2016 regierende Präsidentin Tsai Ing-wen und ihre Demokratische Fortschrittspartei setzen auf die faktische Unabhängigkeit von der Volks­republik China. Die Mehrheit der Bevölkerung Taiwans versteht sich als Taiwaner und lehnt eine Vereinigung mit dem Festland ab. Daher droht die Volksrepublik China immer wieder damit, Taiwan mit Waffengewalt zu erobern, wenn dieses sich nicht freiwillig dem „Mutterland“ anschließt. Peking macht auch klar, dass es eine formelle Unabhängigkeitserklärung der Insel als Kriegsgrund sehen würde.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 47/2021 und auf www.die-kirche.de.

Bischof der geteilten Stadt

Vor der Wende rang Alfred Kardinal Bengsch um Ost und West. Das Porträt eines ‚Theologen der Einheit‘

Von Tilman Asmus Fischer

Zur Zeitgeschichte des Erzbistums Berlin sind gegenwärtig wichtige Veröffentlichungen zu vermerken. Bereits vergangenes Jahr waren posthum die Memoiren Joachim Kardinal Meisners erschienen, der von 1980 bis 1989 Bischof in der geteilten Stadt gewesen war. Heuer unternimmt nun die neue Monografie des Kirchenhistorikers Stefan Samerski den verdienstvollen Versuch, die Lücke zwischen dem umfangreich erforschten Julius Kardinal Döpfner (Berliner Bischof 1957–1961) und Meisner zu füllen: Mit „Alfred Bengsch. Bischof im geteilten Berlin“ legt Samerski zu dessen 100. Geburtstag bzw. dem 60. Jahrestag seiner Inthronisation eine Biografie des wohl prägendsten Berliner Oberhirten der Vorwendezeit vor.

Erzbischof Dr. Alfred Kardinal Bengsch 1978 in Erfurt
(Bundesarchiv, Bild 183-T0924-0004 / Ludwig, Jürgen / CC-BY-SA 3.0)

Das Buch war mit Interesse zu erwarten gewesen, kommt Bensch doch zum einen im kollektiven Gedächtnis des mitteldeutschen Katholizismus die Rolle einer bedeutenden Führungspersönlichkeit zu; zum anderen waren seine ekklesiologisch konservativen Positionen sowie seine politische Abstinenz stets auch Gegenstand deutlicher Kritik. Samerski bedient weder ein hagiographisches Narrativ, noch zeichnet er Bengsch als Dunkelmann. Vielmehr wählt er den Weg einer sachlich-positivistischen Lebensdarstellung, die sowohl die Bedeutung des Kardinals als auch die Ambivalenzen benennt, die sich damit verbanden, als Oberhirte unter den Bedingungen eines kirchenfeindlichen Regimes zu agieren. Dabei stützt sich Samerski auf einen umfangreichen Bestand an Druckerzeugnissen, Archivalien und selbstgeführten Zeitzeugeninterviews. Freilich hat der gewählte Zugriff den Preis, dass bisweilen unterschiedliche Perspektiven der Quellen auf Bengschs Persönlichkeit und Wirken nebeneinander und in Spannung zueinander stehen, ohne gewichtet oder an eine These des Biographen rückgekoppelt zu werden.

Vor allem ist jedoch zu würdigen, dass Samerski nicht der naheliegenden Versuchung erliegt, seine Bengsch-Biografie – aufgrund der Brisanz der ihren Hintergrund bildenden deutschen Teilungsgeschichte – auf die kirchenpolitische Figur zu reduzieren. Vielmehr reflektiert er nachhaltig Bengsch als Theologen sowie die theologischen Motive seines Handelns. Dies gilt zum einen für die bereits früh entwickelte kreuzestheologische Prägung Bengschs. So würdigt Papst Benedikt XVI. als der wohl prominenteste zitierte Zeitzeuge dessen theologisches Profil im Kontext der Nachkriegszeit: „Gegenüber der damals vorherrschenden einseitigen Orientierung an der Inkarnation hat Bengsch das Kreuz als den Richtpunkt der Theologie herausgestellt.“ Zum anderen tritt in dem von Samerski gezeichneten Porträt des Kardinals deutlich die ‚Einheit‘ als zentrales Motiv von Theologie, Ekklesiologie und folglich auch des kirchenpolitischen Wirkens Bengschs hervor. Dies bedeutete nicht zuletzt das permanente Ringen des Erzbischofs um das eine Bistum in Ost und West – also um den Erhalt des kirchenpolitischen Status quo. Dass dieser nicht zuletzt durch eine politische Abstinenz erkauft wurde, die der Oberhirte nicht nur selbst übte, sondern auch in seinem Einflussgebiet rigide durchsetzte, verschweigt der Autor nicht.

Das kirchenpolitische Vermächtnis Bengschs tritt bei Samerski nicht nur hinsichtlich der Diözese des Kardinals, sondern gerade auch unter weltkirchlicher Perspektive in den Blick. Dies gilt zum einen für die ausführlich gewürdigte Beteiligung Bengschs am Zweiten Vatikanischen Konzil. Zum anderen trägt die Lebensdarstellung ganz deutlich die Handschrift ihres – durch wichtige Forschungen zur ostmitteleuropäischen Kirchengeschichte hervorgetretenen – Verfassers, wo in besonderer Weise die Verbundenheit des Berliner Bischofs zu den Geschwistern in anderen Ostblock-Staaten hervorgehoben wird. Diese, sowie die eigene Lage in der „DDR“ brachte ihn Teils in deutliche Opposition zur unter dem Pontifikat Pauls VI. entwickelten vatikanischen Ostpolitik, die über die Köpfe des örtlichen Klerus hinweg auf direkte Verhandlungen zwischen Vatikan und Ostblock-Regierungen setzte. Zudem entwickelte Bengsch, wie Samerski an vielen Beispielen zeigt, eine „persönliche Ostpolitik“ auf der Grundlage persönlicher Beziehungen, nicht nur zum Krakauer Erzbischof und späteren Papst Johannes Paul II., sondern auch in die Tschechoslowakei oder nach Litauen.

Auf Ambivalenzen mag – neben den oben ausgeführten Aspekten – auch hinweisen, was das Buch für die gegenwärtige Diskussion um sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kontext austrägt. Dass diese – tagespolitisch brisante – Passage kurz ausfällt, ist der Tatsache geschuldet, dass das grundlegende juristische Gutachten „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946“ erst kurz vor Fertigstellung des Buchmanuskripts veröffentlicht wurde. Zwei Fallbeispiele, die Samerski nachverfolgt, deuten darauf hin, dass Bengsch in entsprechenden Fällen nicht tatenlos blieb, jedoch auch nicht zu einer Aufklärung im engeren – und erst recht strafrechtlichen – Sinne beitrug. Man wird sich jedoch dem Votum des Biografen anschließen müssen: „Zukünftige historische Studien müssen auch hier Klarheit und Einordnung bringen.“

Das ist auch für einzelne Aspekte der Staat-Kirche-Beziehungen in der DDR unter Bengsch in Anschlag zu bringen und gilt ganz gewiss für den Einfluss der beiden Prälaten Paul Dissemond (1920–2006; Generalsekretär der Berliner Bischofskonferenz) und Gerhard Lange (1933–2018; Beauftragter für die Kontakte zur DDR-Regierung) für die Amtsführung Bengschs. In seinen Memoiren hatte Meisner erhebliche Kritik an deren Staatsnähe und negativer kirchenpolitischer Einflussnahmen erhoben. Leider verzichtet Samerski auf eine tiefergehende Einordnung dieser auch die Amtszeit von Meisners Vorgänger betreffenden Vorwürfe aus kirchenhistorischer Perspektive.

Stefan Samerski, Alfred Bengsch, Bischof im geteilten Berlin, Herder, Freiburg i. Br. 2021. 256 Seiten, ISBN 978-3-451-38820-0, 38 Euro.

In ähnlicher Form erschienen am 7. Oktober 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Missionsstation Prag

Thomas Hüsch erlebt als Seelsorger der deutschsprachigen Gemeinde Bekenntnischristentum in einem säkularen Umfeld

Von Tilman A. Fischer

Das Jahr 2021 dürfte sich Thomas Hüsch wohl anders vorgestellt haben: Als er am 13. September vergangenen Jahres seine erste Messe in St. Johannes Nepomuk am Felsen zelebrierte herrschte in Prag noch halbwegs Normalität. Jedoch bereits seine für Oktober geplante offizielle Einführung als Gemeindeseelsorger der Deutschsprachigen Katholischen Pfarrei Prag durch Erzbischof Dominik Kardinal Duka OP musste aufgrund der Pandemielage abgesagt werden. Dann betreute Hüsch, der von seinem Heimatbistum Trier und dem Katholischen Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz für zwei Jahre in die tschechische Hauptstadt entsandt ist, seine Gemeindeglieder monatelang im Lockdown-Modus. „Wir sind dankbar für die Möglichkeit, weiterhin Präsenzgottesdienste feiern können“, berichtet Hüsch, ansonsten hat die Gemeinde die persönlichen Begegnungen jedoch schmerzlich vermisst. Monatelang konnten alle Zusammenkünfte, wenn überhaupt, nur digital stattfinden.

Verstärkt habe sich in den Monaten der Pandemie die ökumenische Verbundenheit mit der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Prag. „Der intensive Austausch“, so Hüsch, „ist in dieser Zeit für uns alle von großer Bedeutung.“ Bereits seit längerem geben beide Gemeinden einen gemeinsamen Monatsüberblick mit aktuellen Informationen heraus. Zudem werden der – gegenwärtig ebenfalls digitale – Religionsunterricht an der Deutschen Schule Prag sowie unterschiedliche andere Angebote gemeinsam verantwortet. „In vielen Punkten“, bekennt Hüsch, „sind die gemeinsame christliche Basis und die gemeinsame Sprache wichtiger als konfessionelle Unterschiede.“ Letzteres mag gerade auch für die – wenn auch verhältnismäßig kleine – Gruppe der autochthonen Deutschen unter den Gemeindegliedern gelten. Über sie ist die Pfarrei auch der deutschen Minderheit in Prag und Mittelböhmen verbunden. Weitere Kontakte konnte Hüsch bereits auch zur Ackermann-Gemeinde knüpfen, in der sich seit der Vertreibung sudetendeutsche Katholiken organisiert haben und sich grenzüberschreitend im Geiste der Versöhnung engagieren.

Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag. (Foto: LandesEcho)

Für heimatvertriebene wie heimatverbliebene Deutschböhmen ist die deutschsprachige Pfarrei von großer Bedeutung – steht sie doch beispielhaft für die Versöhnung und das europäische Miteinander von Deutschen und Tschechen nach Weltkrieg und Vertreibung. Die den wilden Vertreibungen folgende staatliche Aussiedlung der Sudetendeutschen jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Bereits vor fünf Jahren hatte Kardinal Duka die deutsche Gemeinde zu einer Personalpfarrei des Erzbistums Prag erhoben und diese Entscheidung im Festgottesdienst mit den Worten kommentiert: „Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache.“ Thomas Hüsch selbst erlebt den Kontakt zu seinen tschechischen Amtsbrüdern und zur Diözesanverwaltung als sehr gut – und konnte trotz Corona bereits erste Eindrücke vom tschechischen Katholizismus sammeln. Diese stellen für ihn das in Deutschland verbreitete Bild der tschechischen Gesellschaft als „atheistisch“ in seiner stereotypen Einseitigkeit infrage.

Gewiss sei Tschechien aus historischen Gründen säkularer als Deutschland, jedenfalls mehr als seine Westerwälder Heimat, so Hüsch. Jedoch könne er dafür bei den Gläubigen eine „ausgeprägte Frömmigkeit“ feststellen: „Anstelle von volkskirchlichen Strukturen haben wir es in Tschechien mit einem Bekenntnischristentum zu tun.“ Zu beobachten, wie Kirche in dieser Weise bestehen und leben kann, erfährt Hüsch für sich persönlich als anregend. Auch vor dem Hintergrund seiner bisherigen Erfahrungen: Als Dechant des Dekanats Koblenz, dem er seit 2012 vorstand, war Hüsch an der Ende 2019 auf ein Veto des Vatikans hin ausgesetzten Pfarreireform des Bistums Trier beteiligt. In Tschechien sei das in Deutschland teilweise noch anzutreffende traditionelle Kirchenverständnis bereits nicht mehr praktikabel: „Hier kann man lernen, dass Kirche missionarisch sein und auf die Menschen zugehen muss.“ Ein Festhalten am Ideal der Volkskirche stellt für Hüsch hingegen einen „Kampf gegen Windmühlen“ dar.

Die Aufgeschlossenheit für die Vielfalt an christlichen Frömmigkeitsformen und kirchlichem Leben innerhalb des Katholizismus prägt Hüsch seit seinem Studium, welches er nach ersten Semestern in Heidelberg auf Einladung seines Bistums in der Gregoriana in Rom absolvierte, wo er zur Hausgemeinschaft des Collegium Germanicum et Hungaricum gehörte. Hier habe er gelernt, dass seine Kirche zwar „hierarchisch geführt, jedoch weltweit vielfältig“ sei. In Rom, vor allem aber durch außereuropäische Kommilitonen habe er Formen von Emotionalität, Gemeinschaft oder auch Heiligenverehrung kennengelernt, die den „verkopften“ Deutschen zunächst befremdeten. Eine frühe Beziehung zu Prag war übrigens bereits zur Zeit seines Studiums in Heidelberg entstanden, seit der Hüsch der Katholischen Deutschen Studentenverbindung Ferdinandea-Prag zu Heidelberg im CV angehört. Diese konnte bis zu ihrer dem Verbot durch die Nationalsozialisten zuvorkommenden Selbstauflösung 1939 auf eine 53jährige Tradition an der Prager Karls-Universität zurückblicken und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland wiederbegründet.

Das Vorhaben, dass Hüschs Cartell- und Bundesbrüder ihm – wie bereits geplant – in Prag einen Besuch abstatten, musste freilich angesichts der Pandemie-Entwicklungen einige Zeit ausgesetzt werden. Vordringlicher als derlei persönliche Einschränkungen ist für den Seelsorger jedoch auch die Frage, wie „Corona die Gemeinde nachhaltig verändert“: „Wird sich auch die katholische Kirche langfristig auf ein niedriges Niveau von Gottesdienstbesuchen einstellen müssen? Welche Angebote halten die Gemeinden zusammen?“ In jedem Fall stellt sich Hüsch darauf ein, nach Ende der Pandemie die „Formate physischen Zusammenkommens“ massiv auszubauen. Er sei dankbar, hierbei an die Arbeit seines Amtsvorgängers Pater Martin Leitgöb CSsR anknüpfen zu können. Gespannt ist er darauf, welche Akzente er selbst zukünftig wird setzen können –, wenn in Prag wieder Normalität herrscht. Am ersten Augustwochenende steht anlässlich der 75-Jahr-Feier der Ackermann-Gemeinde ein deutsch-tschechisches Picknick in Prag auf dem Programm – mit Festmesse und Kulturprogramm.

Erschienen am 15. Juli 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Rebell aus Glauben

Thomas Broses Erinnerungen erhellen das Wesen des christlichen Widerstands

Von Tilman Asmus Fischer

Unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie haben zumal die letztjährigen Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit ohne öffentlichkeitswirksame Großveranstaltungen auskommen müssen. Es mag aber vielleicht auch in einer Zeit, in der die Farben des vereinten Deutschlands von Rechtspopulisten und Corona-Leugnern instrumentalisiert werden, angezeigt gewesen sein, diesem Jahrestag auf stillere und nachdenklichere Weise zu begegnen. Ein solcher nachdenklicher Blick lohnt sich auch noch im Folgejahr. Behilflich können dabei Bücher wie „Mein deutsches Neuland“ sein. Die „Notizen eines ostdeutschen Katholiken“ – Verfasser ist der Fundamentaltheologe und Berliner Philosophieprofessor Thomas Brose – bieten zweierlei: Einblick in die katholische Diaspora in Mitteldeutschland vor und nach 1989/90, sowie philosophisch-theologische Deutungen dieser persönlichen Erfahrungen und der zeitgeschichtlichen Umbrüche der Wendejahre.

(Foto: Tobi85)

Eine klassische Autobiographie erwartet den Leser nicht. Der persönliche Lebenslauf des Autors bleibt – ohne dass sich Verständnislücken ergeben – eher im Hintergrund und dient vielmehr als Ausgangspunkt für exemplarische Wahrnehmungen und Erfahrungen eines Diasporakatholiken in der DDR bzw. den neuen Bundesländern. Diese zeichnen sich durch eine feinsinnige Beobachtungsgabe aus, mit der Brose gerade auch die atheistische Alltagskultur des SED-Staates schildert. So interpretiert er etwa – ausgehend von Erinnerungen an einen Schulausflug – den Berliner Fernsehturm als „gebaute Weltanschauung“ des sich in Systemüberlegenheit wähnenden Sozialismus; zugleich jedoch als einen Ort, der ihm neue Perspektiven öffnete (und damit die Intention seiner Baumeister ad absurdum führte): „Was ich da oben zwischen Himmel und Erde sah, ging mir unter die Haut: Zum allerersten Mal blickte ich in den ‚Westen‘. […] Aber vor unseren Kinderaugen wurde auch etwas Trostloses sichtbar: Mitten durch Berlin zog sich die Mauer.“

Es sind insbesondere die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, die sich bei Brose beklemmend lesen. Gewiss, auch als junger Erwachsener war er in bedrohlicher Weise vom christenfeindlichen Regime bedroht, das ihn – nach Theologie- und Philosophiestudium in Erfurt – als Mitarbeiter der Katholischen Studentengemeinde (KSG) in Ost-Berlin überwachen ließ. Es sind jedoch gerade die Erlebnisse des Heranwachsenden, aus denen die Erfahrung des Ausgeliefertseins gegenüber einer feindlichen Umwelt sprechen: „Soweit ich zurückdenken kann, musste ich darum kämpfen, gegensätzliche Welten – christliches Elternhaus und atheistische Schule – miteinander irgendwie in Einklang zu bringen. Bereits nach einigen Schuljahren war mir klar, Berufswünsche wie Lehrer, Journalist oder Sportreporter kommen für dich, den Katholiken, in einem Land, das völlig andere Bekenntnisse erwartet, nicht in Frage. Anfänglich war diese Einsicht schmerzhaft. Aber mit der Zeit erschien mir das fast selbstverständlich.“

Freilich: Thomas Brose hat sich in diese Selbstverständlichkeit nicht gefügt. Seine „Notizen“ sind nicht aus der Perspektive einer inneren Emigration oder systemkonformer Resignation geschrieben. Vielmehr könnten sie auch den Titel der im gleichen Jahr erschienenen Lebenserinnerungen von Joachim Kardinal Meisner tragen: „Wer sich anpasst, kann gleich einpacken“. Er sei, so Brose, „in die Rolle hineingewachsen, Rechenschaft zu geben über meinen Glauben – kein schmerzfreier Verstehensprozess“: „Auseinandersetzungen zwischen Glaube und Atheismus, Religion und Gesellschaft sind für mich zu einem Lebensthema geworden.“ Die biographischen Texte Meisners und Broses lassen sich gewissermaßen komplementär zueinander lesen. Beide erinnern an das Ringen des katholischen Minderheitenkirche mit dem Kommunismus im Berlin der 1980er Jahre, jedoch aus zwei sich ergänzenden Perspektiven: Führte Meisner diese Auseinandersetzung – wenn auch mit großer Volksnähe – aus dem bischöflichen Ordinariat heraus, betrieb Brose akademische Graswurzelbewegungen im Umfeld der Berliner Universität Unter den Linden: vor der Wende in Form unzähliger – vom System argwöhnisch beäugter – KSG-Veranstaltungen zu theologischen und philosophischen Fragen; nach der Wende im gemeinsamen Einsatz mit Eugen Biser für den Erhalt bzw. die Wiederbelebung des Erbes Romano Guardinis an dessen historischer universitärer Wirkungsstätte. Es sind Erinnerungen wie an Biser – vor allem aber an seinen Freud Henryk Bereska – die Broses „Notizen“ eine besondere persönliche Note geben, da aus ihnen eine tiefe und herzliche Wertschätzung zwischenmenschlicher Begegnungen spricht, die den eigenen Lebensweg begleiteten.

Brose blickt jedoch nicht nur zurück. Vielmehr richtet er im letzten Abschnitt seines Buches den Blick nach vorne, fragt was „ostdeutsche Christen in die Einheit einbringen“ und beschreibt gegenwärtige Herausforderungen des Diasporakatholizismus. Dabei kommt zwar auch deutlich das berechtigte Bedauern über die gravierende Unterrepräsentation von mitteldeutschen Katholiken in kirchlichen Führungspositionen zum Ausdruck. Vor allem und zuletzt erinnert der Autor seine Kirche aber an ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung – in Auseinandersetzung mit neuen Formen des Atheismus ebenso wie mit vielfältigen Formen kultureller und politischer Verunsicherung: „Ich denke, die Konflikte, die in unserer Gesellschaft – auch infolge der Corona-Pandemie seit dem Frühjahr 2020 – aufgebrochen sind, weisen über den Bereich des Politischen hinaus. Sie machen nicht zuletzt auf das Problem metaphysischer Obdachlosigkeit aufmerksam.“

Thomas Brose: Mein deutsches Neuland. Notizen eines ostdeutschen Katholiken. Bonifatius-Verlag, Paderborn, 2020, 144 Seiten, ISBN 978-3897108455, EUR 12,–

Erschienen am 27. Mai 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Von einem, der standhielt

Die Erinnerungen des Joachim Kardinal Meisner

Er gehörte zu den polarisierendsten und kontroversesten Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus im 20. Jahrhundert: der Erfurter Weihbischof, Berliner Bischof und Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner (1933-2017). Die Schlachten um seine theologischen und kirchenpolitischen Positionen sind geschlagen, die Fronten waren früh – und sind teils über seinen Tod hinaus bis heute – verhärtet. Und so ist auch von den unlängst posthum erschienenen Lebenserinnerungen nicht zu erwarten, dass sie in die alten Debatten von Ökumene über Sexualethik bis Sakralkunst neue Dynamik bringen.

Jedoch vermögen sie womöglich – den Anhängern wie Kritikern des konservativen Frontmanns in der Deutschen Bischofskonferenz – zu erhellen, in welchem Maße Faktoren der Zeitgeschichte das theologische Profil und die Frömmigkeit eines markanten Kirchenführers der vergangenen Jahrzehnte prägten. Dies waren vor allem zum einen Flucht und Vertreibung, die für den gebürtigen Breslauer den Verlust seiner schlesischen Heimat bedeuteten, zum anderen die kommunistische Gewaltherrschaft in der SBZ/„DDR“, die Meisner als heranwachsender Katholik, Theologiestudent, Priester und Bischof in ihren unterschiedlichsten Facetten kennenlernte.

Rückblickend gelangt der Verfasser selbst zu einer klaren Interpretation der Bedeutung der Jahre bis 1989 für sein Wirkens im westlichen bzw. wiedervereinigten Deutschland: „Im Grunde waren diese Erfahrungen auch ein gutes Noviziat für später. Es hat uns immun gemacht gegen die Versuchungen der sogenannten freien Welt, die nicht aufgibt, einen Bischof zu sich hinüberzuziehen. Doch wenn er diesen Versuchungen erliegt, um es leichter zu haben, hat er nichts mehr in der Hand, weil er alles weggegeben hat. So wie Hans im Glück bleibt ihm dann nur noch ein Stein. Wer sich anpasst, kann gleich einpacken.“ Unbenommen der Frage, welche Berechtigung dem für diese Deutung konstitutiven Verfallsnarrativ mit Blick auf die ‚freie Welt‘ – also den Westen – zukommt: Die hieraus sprechende Prägekraft biografischer Erfahrungen für das theologische Profil Meisners findet nicht zuletzt darin Bestätigung, dass die Herausgeber der Erinnerungen (Meisners Testamentsvollstrecker Msgr. Markus Bosbach und die Journalistin Gudrun Schmidt, die Meisners Erinnerungen aufzeichnete und edierte) den Schlusssatz als Buchtitel ausgewählt haben.

Drei Grundlinien lassen sich für diese spezifische Prägung Meisners ausmachen: Zum einen betont Meisner eine spezifisch schlesische Frömmigkeit, die vor allem vor dem Hintergrund des protestantischen bzw. säkularen Umfeldes in Mitteldeutschland ab 1945 Strahlkraft gewinnt. Zum anderen arbeitet er die ideologischen und praktisch-politischen Konfrontationen zwischen Kirche und SED-Regime heraus. Zuletzt gewährt der frühere Berliner Bischof, der als solcher Grenzgänger zwischen Ost(-Berlin) und West(-Berlin) war, Einblick in die sich zumeist im Untergrund vollziehende Unterstützung der katholischen Kirche in den anderen Warschauer-Pakt-Staaten.

Im Zusammenhang mit dem eigenen Lebenslauf gibt Meisner immer wieder wichtige Hinweise zur Prosopographie des Klerus im ostzonalen Katholizismus. Neben Erinnerungen an einzelne Persönlichkeiten gilt dies im Besonderen für die sich aus der Gesamtschau ergebende Bedeutung ostdeutscher (und darunter vor allem schlesischer) Geistlicher für die katholische Kirche in der SBZ/„DDR“. Angesichts der Akribie, mit der Meisner ansonsten die entsprechenden Traditionslinien hervorhebt, erstaunt ein Bericht aus seiner Berliner Amtszeit (1980-1989): Nach dem behördlichen Verbot für katholische Jugendliche aus der „DDR“, wie zuvor mit polnischen Altersgenossen nach Tschenstochau zu wallfahrten, habe man sich entschieden „eine Wallfahrt von Berlin nach Rügen“ einzuführen, wo es freilich „nur eine kleine Kirche als Heiligtum gab“. Weder findet sich hier ein Hinweis darauf, dass der Bau der erwähnten Kapelle „Maria Meeresstern“ vor dem Ersten Weltkrieg von dem schlesischen Priester und späteren letzten deutschen Bischof des Ermlands Maximilian Kaller betrieben worden war; noch wird erwähnt, dass ebendiese Kapelle bereits auf eine kurze Wallfahrtstradition zurückblicken konnte, die 1951 von heimatvertriebenen Katholiken in der Diaspora begründet worden war. Sollte beides dem kundigen Katholiken und Schlesier Meisner unbekannt gewesen sein?

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 5/2020.

Joachim Kardinal Meisner, Wer sich anpasst, kann gleich einpacken. Lebenserinnerungen, Freiburg i. Br. 2020.

Religionsfreiheit – auf dem Papier

Der indische Rechtsstaat garantiert Muslimen und Christen Glaubensfreiheit – die regierenden Hindu-Nationalisten setzen jedoch auf ethnisch-religiöse Homogenität

Von Tilman Asmus Fischer

Seit Jahresbeginn protestieren in Indien – und weltweit – Menschenrechtsaktivisten gegen das neue indische Staatsbürgerschaftsänderungsgesetz. Dabei kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Das Gesetz, das im Dezember 2019 in Kraft trat, schließt explizit Muslime – und damit solche, die im benachbarten Myanmar verfolgt werden – von der Erleichterung aus, nach bereits fünf statt bisher elf Jahren Aufenthalt in Indien eingebürgert zu werden. Auch indische Muslime und einige Indigene müssen formal nachweisen können, dass sie in den vergangenen fünf Jahren in Indien gelebt haben – obwohl sie dort geboren wurden.

Myanmar als Blaupause?

Auch Markus Grübel (CDU), Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, sieht das neue Staatsbürgerschaftsgesetz als problematisch an: „Es birgt die Gefahr, dass über seine Anwendung Muslime in manchen Regionen – zum Beispiel Assam – schlechterdings ausgebürgert werden, wenn sie ihre Staatsbürgerschaft nicht nachweisen können.“ Dies mache sie zu Staatenlosen und damit zu Menschen mit weniger Rechten – ebenso wie die Rohingya in Myanmar. Aus dem Staatsbürgerschaftsgesetz wird so ein Ausbürgerungsgesetz. Die dortigen Erfahrungen zeigten: „Diejenigen, die noch irgendwelche Dokumente hatten und zum Nachweis ihrer Staatsbürgerschaft bei Behörden einreichten, sahen diese Dokumente nie wieder.“ Dadurch habe sich die Nachweissituation der Menschen immer weiter verschlechtert, da sie immer mehr Originaldokumente aus der Hand geben mussten. „Sollte dies“, so Grübel, „als Blaupause für Indien dienen, wird die Lage für die dortigen Muslime sehr schwierig.“

Hoffnung auf demokratische Prozesse: Adivasi nach der Stimmabgabe zu den Wahlen des Regionalparlaments von Assam
(Foto: Election commissions in India)

Wenn auch zu Recht die Lage der Muslime im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte steht: Auch die der Christen hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Dies zeigt ein Blick auf die von der Gossner Mission gegründete und seit 1919 unabhängige „Gossner Evangelical Lutheran Church in Chotanagpur and Assam“ (GELC). Diese ist in Indien eine registrierte Körperschaft, feiert ihre Gottesdienste und kann finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten, erläutert Pfarrer Christian Reiser, Direktor der Gossner Mission. Dabei sei es schon so, „dass die staatlichen Behörden ein sehr kritisches Auge auf alle Organisationen haben, die ausländisches Geld beziehen.“

Man könne mutmaßen, dass hierbei christliche Organisationen besonders kritisch beäugt würden: „Das führt zu einer Verunsicherung in den Kirchen und zu einer gewissen Zögerlichkeit, Geld anzunehmen, bevor nicht alles rechtlich und bürokratisch geklärt ist.“ Dadurch, so Reiser, komme es bisweilen zu Verzögerungen in der Abwicklung von Projekten. Auch wenn die indische Verfassung formal Religionsfreiheit gewährt, sieht Reiser zwei deutliche Gefährdungen.

Missionsverbot schwierig für Christen und Muslime

Das eine seien die Anti-Konversionsgesetze, die Indien in einigen Bundesländern erlassen hat: „Diese besagen, dass man nicht offensiv missionieren dürfe.“ Das sei für eine Religion wie das Christentum – aber auch den Islam – sehr schwierig, da sie aufgrund ihrer Lehre und Geschichte missionarische Religionen seien. „Das führt dazu, dass Menschen immer in der Gefahr sind, denunziert zu werden“, sagt Reiser: wenn etwa Christen einen Hausbesuch machten und Nachbarn behaupteten, diese hätten gewiss missioniert – oder sich ein Christ öffentlich zu seinem Glauben bekenne. Zwar seien von Denunziation, Verurteilung und Haft bisher nur Angehörige von Freikirchen betroffen gewesen – jedoch, so Reiser, drohe dies grundsätzlich auch Angehörigen der GELC.

Eine weitere Einschränkung, von der Reiser berichtet, ist eher kultureller Art: „Bei jedem Gemeindefest in der Gossner Kirche gab es früher Essensstände, an denen oft auch Rindfleisch angeboten wurde.“ Dies sei im Bundesstaat Jharkhand, wo die GELC ihr Zentrum hat, inzwischen verboten – und daran müsse man sich halten: „Die Gefahr der Denunziation ist eben hoch und es ist in verschiedenen Fällen bereits – vor allem gegenüber Muslimen – zu Lynchjustiz gekommen, da die Menge über den angeblichen Verzehr von Rindfleisch derartig auf – gebracht war.“

Hindu-Nationalismus und Kastendenken

Triebkraft der gegenwärtigen Religionspolitik Indiens ist der vor gut 100 Jahren in der Auseinandersetzung mit dem europäischen Kolonialismus entstandene Hindu-Nationalismus, der die Programmatik der „Indischen Volkspartei“ von Premierminister Narendra Modi prägt. Kernelement des Hindu-Nationalismus ist die Gleichsetzung von Indertum und Hinduismus und das hieraus resultierende Ziel, die indische Gesellschaft unter dem Vorzeichen des Hindutums zu homogenisieren. Damit sind religiöse ebenso wie ethnische Diskriminierung vorprogrammiert.

Im Falle der Christen beobachtet Markus Grübel zudem, wie sich religiöse und soziale Diskriminierung gegenseitig verstärken: „Viele Christen gehören zur Gruppe der Kastenlosen in der indischen Gesellschaft. Wie am Beginn des Christentums sind es ganz besonders die Armen und Entrechteten, die sich von der Botschaft der Gottesebenbildlichkeit und Würde des Menschen angesprochen fühlen.“ Diese Personen seien ohnehin Übergriffen ausgesetzt, da sie sich am wenigsten verteidigen könnten und im traditionellen Kastendenken Menschen zweiter Klasse seien. „Das verschärft sich“, so Grübel, „durch eine Konversion, durch die sie nochmals stigmatisiert sind.“

Dies gilt gerade auch für die Mitglieder der Gossner Kirche, von denen 90 Prozent zu den Adivasi („die ursprünglichen Bewohner“ oder „die ersten im Lande“) zählen: Angehörige 460 indigener Völker, die jedoch selbst mit 85 Millionen Menschen (also etwa der bundesdeutschen Einwohnerzahl) gerade einmal 7,5 Prozent der indischen Bevölkerung ausmachen. In Jharkhand stellen die Adivasi zwar gut ein Viertel der Bevölkerung. Jedoch sind sie gerade in diesem rohstoffreichen Bundesstaat systematischen Enteignungen ausgesetzt. Selbst wenn – was selten vorkommt – den Betroffenen eine Entschädigung gezahlt wird: Dem Verlust der eigenen kulturellen Identität und der Proletarisierung der Landlosen tut dies keinen Abbruch. Hiergegen erhebt die GELC immer wieder das Wort. „Es ist wichtig“, so Christian Reiser, „dass sich die Gossner Kirche und die Gossner Mission dafür einsetzen, dass die Landrechte bei den Adivasi bleiben, die natürlich das Recht haben, ihr Land zu verkaufen, was ein Adivasi aber sehr ungerne tut.“

Hoffnung auf demokratische Prozesse – und Diplomatie

Ob der öffentliche Protest gegen das neue Einwanderungsgesetz oder der zivilgesellschaftliche Einsatz für die Landrechte der Adivasi – beide Beispiele zeigen: So bedenklich die Lage religiöser Minderheiten in Indien ist, besteht – anders als in Diktaturen – zumindest die Möglichkeit der Artikulation von Missständen. Dies gilt auch auf dem internationalen Parkett. Während andere Regierungen – wie etwa die chinesische – Menschenrechtsdiskussionen per se nicht zugänglich seien, würde die Regierung des demokratisch verfassten Indien zumindest ihre Religionspolitik rechtfertigen, meint Markus Grübel: „Die Regierung erklärt dann, alles sei nicht so, wie es dargestellt würde. Eine Konversion sei durchaus möglich – aber nicht, wenn sie unter Gewalt erfolge. Das Staatsbürgerschaftsgesetz wolle ja nur Klärung schaffen …“ Zudem bestehen in Indien Möglichkeiten zu Gesetzesänderungen im demokratischen Prozess, erläutert Grübel: „Es ist durchaus denkbar, dass auch einmal andere Mehrheiten mit anderen Ausrichtungen die Wahlen gewinnen und sich die Situation der religiösen Minderheiten wieder verbessert.“

Erschienen in: „die Kirche” – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 16/2020.

„Der Staat führt, die Religionen folgen“

Die Einschränkung der Religionsfreiheit in China nimmt zu. Sie betrifft nicht nur Christen, sondern auch weitere Minderheiten im Vielvölkerstaat wie die muslimischen Uiguren und buddhistischen Tibeter. Wie viel Freiraum bleibt ihnen in Zukunft?

Von Tilman Asmus Fischer

Seit die sogenannten Xinjiang Papers im November 2019 die systematische Unterdrückung der muslimischen Uiguren durch die chinesische Regierung – konkret ihre Situation in Umerziehungslagern der autonomen Region Xinjiang – nachgewiesen haben, wird in der internationalen Öffentlichkeit wieder intensiv über die Religionsfreiheit in China diskutiert.

Uiguren in der Volksrepublik China (Bild: Colegota/Wikimedia)

Doch sind die Missstände, die das Leak offenbarte, wirklich neu? Schon lange habe man Berichte über die Lage der Christen erhalten, aber auch über die Umerziehungslager für Uiguren sowie Moscheeabrisse, so Markus Grübel (CDU), Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit: „Das Thema ist nicht neu, aber es ist jetzt deutlich belegt und kann nicht mehr geleugnet werden.“ Zudem handele es sich um ein grundsätzliches Problem: „Wir erleben die Einschränkung der Religionsfreiheit nicht nur wie jetzt bei den Christen oder Uiguren, sondern auch schon davor bei den Tibetern und Buddhisten. Auch die Weltanschauungsfreiheit der Meditationsgemeinschaft Falun Gong ist eingeschränkt.“

Insgesamt orientiert sich die Religionspolitik Pekings an der Doktrin: „Der Staat führt, die Religionen folgen.“ Damit – so Katharina Wenzel-Teuber vom katholischen China-Zentrum in Sankt Augustin – greift die kommunistische Regierung auf eine kaiserzeitliche Tradition zurück: Von jeher entschied der Monarch, „welche Religion dem Staat gut tut und welche Religion erlaubt ist“, so Wenzel-Teuber im Oktober auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. In den vergangenen Jahren sei diese „Führung“ durch die Regierung repressiver geworden, beobachtet sie.

Was bedeutet dies für die Kirchen in China – etwa die staatlich anerkannte protestantische Kirche, den „Chinesischen Christenrat“?

Kein einheitliches Bild in den chinesischen Gemeinden

Christof Theilemann, Direktor des Berliner Missionswerks, deren Partnerkirche der Christenrat ist, beschreibt die Situation in den chinesischen Gemeinden als uneinheitlich: „Wenn ich in China bin, stelle ich immer wieder fest, dass die Gemeinden oft Freiräume haben, die man so nicht erwartet hätte. Auch ist es erstaunlich, wie die Kirche in China in den letzten Jahren gewachsen ist.“ Unverbunden stünden dem Nachrichten gegenüber, dass in bestimmten Provinzen Kreuze von Kirchen entfernt, Kirchen geschlossen oder gar abgerissen wurden. Ebenso erschwere eine gesetzliche Regelung, nach der Minderjährige keine Kirchen betreten dürften, die Kinder- und Jugendarbeit.

Dass die religiöse Unterweisung von Kindern eingeschränkt wird, sieht Markus Grübel mit großer Sorge: „Jungen und Mädchen sollen so nicht mehr mit dem Glauben konfrontiert werden, sodass die Kirchen und Religionen dadurch zurückgedrängt werden, dass sich die nächste Generation nicht mit Glaubensfragen auseinandersetzen kann.“ Dies entspricht der für die chinesische Religionspolitik prägenden Idee einer „Religionsökologie“, also eines für das „Gemeinwohl“ verträglichen Gleichgewichts der Religionen.

In einem Beitrag in dem von Volker Kauder und Hans-Gert Pöttering 2017 herausgegebenen Buch „Glauben in Bedrängnis“ verweist Katharina Wenzel-Teuber auf den chinesischen Religionswissenschaftler Mou Zhongjian. Dieser habe bereits 2012 postuliert, ebendiese „Religionsökologie“ sei durch „die Expansion des Christentums“ gestört. Er fordere mehr Gewicht für die einheimischen Glaubenstraditionen und eine beschleunigte Sinisierung der von außen gekommenen Religionen.

Staat und Partei schränken christlichen Freiraum ein

Einer solchen Assimilierung an die chinesische Kultur dienen in den vergangenen Jahren zwischen den Kirchen und dem Staat vereinbarte Fünfjahres-Arbeitspläne für die Sinisierung der Religionen. Unter dem Begriff „Sinisierung“ verbänden sich dabei vergleichsweise berechtigte mit höchst problematischen Zielsetzungen, erläutert Markus Grübel: „Berechtigte Anliegen können durchaus sein, beim Baustil von Kirchengebäuden oder im Liedgut auf die Kulturtradition Chinas Rücksicht zu nehmen.“ Die Idee, chinesische Traditionen und Symbole in das christliche Brauchtum zu integrieren, sei relativ harmlos. Doch gäbe es eben auch „gefährliche staatliche Interessen“.

So befänden sich die Christen in China heute in einer ähnlichen Situation wie die Bekennende Kirche in den 1930er Jahren in Deutschland: „Staat und Kommunistische Partei wollen sich der Kirche bemächtigen und sie ihren eigenen Zielen unterordnen. Damit wird den Christen der Freiraum genommen, den sie brauchen, um ihren Glauben zu leben.“ Zwar seien die Kirchen in China politisch tendenziell zurückhaltend, jedoch: „Wer Christ ist und sich mit seinem Glauben beschäftigt, hinterfragt natürlich manches – und schon das ist einigen kommunistischen Führern verdächtig.“

Unter solchen Bedingungen birgt die Lage der chinesischen Christen Herausforderungen sowohl für die weltweite Ökumene als auch für die internationale Politik. Wie gestaltet sich etwa die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und kirchlichen Werken wie dem Berliner Missionswerk? „Wir arbeiten pragmatisch mit den Menschen vor Ort zusammen“, erläutert Christof Theilemann. Das Missionswerk wolle nicht gegen irgendjemanden arbeiten, sondern die chinesischen Christen unterstützen. Dabei sei es wichtig, mit der Partnerkirche im Dialog zu sein und gegenüber chinesischen Gesprächspartnern zu artikulieren, an welchen Stellen man sich Sorgen um die Gemeinden mache.

Dafür scheint die Ausgangslage vergleichsweise günstig zu sein: Wie Theilemann immer wieder feststellt, wird sowohl der deutschen Bundesregierung als auch der deutschen Wirtschaft in China hohe Wertschätzung entgegengebracht: „Ebenso glaube ich, dass die deutsche Diakonie und die deutsche Theologie großes Ansehen genießen.“

Ähnlich stellt sich die Situation aus politischer Perspektive dar: „China ist ein wichtiger Handelspartner Deutschlands und der Europäischen Union“, so Markus Grübel. Daher stelle sich die Frage nach der menschenrechtlichen Lage durchgehend: „Wo sind die Grenzen? Wo sind Menschenrechtsverletzungen anzusprechen?“ Immer wieder tue die Bundesregierung dies. Doch ist auch für die Politik der Spielraum begrenzt: „China wird zunehmend selbstbewusster in der Entgegnung und sagt: Ihr habt Euren Weg und wir haben unseren Weg. Dieser chinesische Weg entfernt sich jedoch vom Geist der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“

Der Individualismus wächst und fordert Peking heraus

Es sind allerdings nicht nur Fragen der Religionsfreiheit, die für chinesische Christen virulent sind. Von auch seelsorgerlicher Bedeutung, so Christof Theilemann, sei zudem die massive digitale Überwachung: „In dem Maße, wie China auf Konsum und dem Kapitalismus nahestehende Wirtschaftsformen setzt, wächst der Individualismus in der Gesellschaft.“ Die Hauptfrage sei, wie Peking mit diesem wachsenden Individualismus künftig umgehen werde. Gegenwärtig sei das Nebeneinander einer quasi-kapitalistischen Lebens- und Arbeitswelt mit ihrer Geschwindigkeit und ihren Freiheiten auf der einen und der omnipräsenten digitalen Kontrolle auf der anderen Seite eine große seelische Herausforderung für die Menschen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 3/2020.

„Wir sind nicht die Avantgarde“

Der Prager Erzbischof, Kardinal Dominik Duka, blickt auf die Ereignisse vor 30 Jahren zurück und zieht Bilanz über die Entwicklung sowie die gegenwärtige Lage seiner Kirche – nicht nur in Tschechien.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Kardinal, woran denken Sie zuerst, wenn Sie sich an das Jahr 1989 erinnern?

Das waren für mich und viele andere Menschen in der Tschechoslowakei die schönsten Tage im Leben. Der erste Schritt war die Flucht der DDR-Einwohner auf das Gelände der deutschen Botschaft in Prag und ihre Ausreise von Prag in die Bundesrepublik. Ich war in diesen Tagen als Arbeiter der Škoda-Fabrik in Pilsen und wir sahen im deutschen Fernsehen diese Nachrichten aus Prag: Minister Genscher war auf dem Balkon des Lobkowitz-Palais. Da war für uns ganz klar: Der Kommunismus ist kaputt. Dass es am Ende aber so schnell gehen würde, konnten wir uns nicht vorstellen. Bereits an Weihnachten habe ich nach 15 Jahren erstmals wieder öffentlich die Messe konzelebriert und gepredigt – in der Dominikanerkirche in Prag. Und in der ersten Reihe saß Präsident Havel mit seiner Familie.

Was bedeutete 1989 für die katholische Kirche?

Am 12. November 1989 wurde Agnes von Prag heiliggesprochen und nach 40 Jahren wurde das erste Mal eine Zeremonie aus dem Vatikan im tschechoslowakischen Fernsehen übertragen. Zudem wurden die Heiligsprechungsfeierlichkeiten in Rom zu einem Treffen Geistlicher aus der Tschechoslowakei mit Vertretern der Emigration. Fünf Tage später tagte in Prag die Superiorenkonferenz in der St.-Ursula-Kirche und draußen auf der Nationalgasse demonstrierten Zehntausende Studenten gegen die Regierung. Natürlich gingen die Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten vor. Da öffneten wir die Türen der Kirche, die zum Asylraum wurde: Wer es in die Kirche schaffte, war gerettet. Die Situation in diesen Tagen war gefährlich, da auch ein Eingreifen der sowjetischen Armee drohte. Aber Kardinal František Tomášek unterstrich am 26. November in seiner Predigt im Veitsdom: „In dieser wichtigen Stunde des Kampfes für Wahrheit und Gerechtigkeit in unserem Land stehen ich und die katholische Kirche auf der Seite des Volkes!“

Welche Unterstützung erfuhren Sie in den Jahren des Aufbruchs von Geschwistern aus dem Westen Europas?

Vor allem muss man an Kardinal Meisner erinnern. Was hat er nicht alles für uns getan – sowohl in seiner DDR-Zeit, aber auch in seiner Kölner Zeit? Nach der Wende war er Mitglied in den Gremien von Renovabis und hat sich für die Arbeit von Kirche in Not eingesetzt. Das ist ein historisches Verdienst! Nach der Wende wurde die Kirche nach dem deutschen Modell gestaltet. Das hatte freilich zwei Probleme: Wir sind nicht so akribische Bürokraten wie die Deutschen, sondern stehen eher unter dem Einfluss der slawischen Improvisation. Zudem sind wir nicht so eine große und mächtige Kirche wie in Deutschland und Österreich. Aber man muss sagen: 80 Prozent der finanziellen Hilfe, die wir damals erhalten haben, sind aus dem deutschsprachigen Raum gekommen: Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das hängt natürlich auch mit unserer gemeinsamen Geschichte zusammen.

Wie gestaltet sich heute der Kontakt zur katholischen Kirche in Deutschland?

Es gibt regelmäßig gemeinsame Sitzungen mit der Freisinger Bischofskonferenz. Jedoch spüre ich die Notwendigkeit, mehr Kontakte mit den ostdeutschen Bistümern zu pflegen. Leider haben wir die früher engen Beziehungen nach Ostdeutschland inzwischen verloren. Nach der Wende war die westliche Welt für uns interessanter als die früher sozialistischen Gebiete. Aber wir brauchen die Kontakte mit den ostdeutschen Bistümern, denn wir haben gemeinsame Erfahrungen aus der kommunistischen Zeit.

1989 ging es für die Kirchen um die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus. Wo sehen Sie heute die großen Herausforderungen für die Kirche in Tschechien?

Ich bin überzeugt: Das Problem ist – aus der Perspektive meiner Heimat – die Katechese, besonders der Kinder in den Vorschulen und Schulen. Aber auch in den Universitäten ist es wichtig, dass wissenschaftlicher gearbeitet wird. Wir sagen, wir leben in einer post-modernen, post-optimistischen Gesellschaft. Das Problem ist, dass das Niveau der Naturwissenschaften angestiegen ist, aber die humanistischen und philosophischen Fakultäten haben den wissenschaftlichen Weg verloren. Es geht nur noch um Erlebnis und Emotionen, aber so geht das nicht weiter. Und das ist auch eine Gefahr für die Theologie. Was wir brauchen, ist mehr wissenschaftliche Theologie – in Kontinuität zur Tradition, aber auch in lebendiger Auseinandersetzung mit den Problemen von heute. Dabei gilt es, die große Gefahr der Ideologisierung und des falschen Dogmatismus auszubremsen. Diese herrschen in allen Bereichen der Wissenschaft – nicht nur in der Theologie.

Welche Ideologien haben Sie hier besonders im Blick?

Das gilt vor allem für die Gender-Ideologie. Leider gibt es keinen Dialog. Es gibt nur einen Streit, in dem jeder seine Wahrheit hat und sagt: „Es gibt keine Wahrheit, aber meine Wahrheit gilt absolut.“ Auf der theologischen Ebene ist die Auseinandersetzung nicht einfach. Es gibt Kirchen, die treuer zur Bibel stehen, und solche, die weniger treu zur Bibel stehen. Heute gilt Tschechien als eines der säkularsten Länder in Europa.

Wie stellt sich dies für Sie aus der Innenperspektive dar?

Das 20. Jahrhundert war für die Kirche in meiner Heimat – metaphorisch gesagt – die Zeit der Genozide: Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte die Gründung der Tschechoslowakischen Kirche, der heutigen Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche, durch modernistische katholische Priester; ein Viertel der Tschechen trat dieser Kirche bei. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit den Sudetendeutschen ein Viertel der Katholiken weggeschickt. Das war für die Kirche ein großes Problem. Die Diözese Leitmeritz etwa verlor 70 Prozent ihrer Priester, Prag 40 Prozent. Das war eine Katastrophe. Und nach drei Jahren kam die kommunistische Diktatur mit der beabsichtigten Liquidation der Kirche.
So entstand eine starke säkulare Prägung. Tomáš Halík hat dahingehend Recht, dass der Glaube unseres Volkes ein „Etwassismus“ ist, der Glaube, dass etwas über uns existiert. Wenn wir in der klassischen Philosophie zuhause sind, wissen wir, dass dies die erste Erkenntnis der Existenz Gottes ist. Aber wer ist Gott? Das ist keine Projektion des Menschen, sondern etwas ganz anderes: die Transzendenz. Und in diesem Sinne ist das das Hauptfundament für die Neuevangelisation, die Reevangelisation – aber dafür brauchen wir auch die echte Philosophie.

Wie genau gestaltet sich die Neuevangelisation in Tschechien?

Aus Wien haben wir das Projekt einer „Nacht der Kirchen“ übernommen, es gibt auch die „Nacht des Nikodemus“. Zudem gibt es eine Glaubenswoche mit Neuevangelisation auf Straßen und Plätzen. Man muss sagen: Das ist ein Erfolg. Zudem ist in Tschechien ein Kooperationsmodell entstanden, das Militärkaplane, Kaplane in Gefängnissen, Krankenhäusern und bei der Polizei ermöglicht. Zudem gibt es Seelsorger an den Universitäten. Jede Hochschule hat eine eigene Kathedrale, die sich an ein Publikum aus Kultur und Wissenschaft richtet. Seit wir Universitätsseelsorge in den großen Städten haben, haben junge Familien zur Kirche gefunden und sind praktizierende Katholiken geblieben. Daher ist der Besuch der Sonntagsgottesdienste – auch über den Generationenwechsel hinweg – stabil. Was für uns auch wichtig ist, ist die Caritas. Diese erfuhr eine große Hilfe aus Deutschland, nicht nur finanziell, sondern auch mit Know-how. Entscheidend ist die Zusammenarbeit zwischen der Katholischen Hochschule Freiburg und der Theologischen Fakultät der Universität Olmütz. Inzwischen sind wir imstande, selbst zu helfen: in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Lassen Sie uns daher zum Schluss den Blick auf die Weltkirche hin weiten: Vor welchen Herausforderungen sehen Sie – aus ihrer mitteleuropäischen Perspektive – den Katholizismus in Europa und der Welt?

Das Hauptproblem der Kirche in Europa ist die Familie. In diesem Sinne müssen wir etwas machen, nicht nur kritisieren, sondern wirklich etwas tun für die Unterstützung der Familien, auch für die Erziehung der Kinder für das Leben in der Familie. Davon bin ich überzeugt. Auf der Ebene der Weltkirche müssen wir mit Demut sagen, dass wir europäischen Diözesen gegenwärtig nicht die Avantgarde sind. Aber wir sollten das nicht beweinen und darüber jammern, sondern müssen zeigen, dass die Kirche in Europa auch die europäische Kirche ist. Zwar kommt der lateinamerikanische Papst Franziskus aus Buenos Aires, einer Hauptstadt mit einer starken europäischen Kultur in Lateinamerika. Aber die Kirche muss auch in Europa wirklich die Kräfte und Inspirationen aus dem europäischen Erbe und der Geschichte schöpfen. Wenn wir die Geschichte der Kirche in Europa studieren, gewinnen wir viele, viele Erfahrungen, die auch eine Inspiration für die Situation von heute sind.

Erschienen am 7. November 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).