Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

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Vom Wagnis der Begegnung

Seit dem Regierungsantritt der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ in Warschau sind die deutsch-polnischen Beziehungen zusehends belastet. Justus Werdin, seit November 2016 Pfarrer der EKBO für grenzüberschreitende Ökumene im Berliner Missionswerk (BMW), spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die Aufgaben des kirchlichen Dialogs in der gegenwärtigen Situation.

Herr Werdin, welche Bedeutung kommt – gerade heute – der „grenzüberschreitenden Ökumene“ zwischen Deutschland und Polen zu, für die Sie im Berliner Missionswerk zuständig sind?

Das ist in der Funktionsbeschreibung bereits angelegt: Grenzen überschreiten, wo sie sich auftun – das Wagnis eingehen, sich mit nichts anderem als dem vertrauensvollen Wort begegnen zu wollen. Meine Aufgabe ist es, Menschen verschiedenster Herkunft und Frömmigkeitspraxis zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich kennenzulernen und sich zu achten.

Mit welchen konkreten Projekten und Formaten gelingt das?

Am 26. Juni wird erstmals ein deutsch-polnischer ökumenischer Konvent in Frankfurt (Oder) zusammentreten als ein Begegnungs- und Gesprächsformat im Grenzraum, der – wenn es gut funktioniert – immer erweiterungsfähig ist. Am selben Tag werden die Pilger vom deutsch-polnischen ökumenischen Pilgerweg Magdeburg-Gnesen, nunmehr im 15. Jahr, in Frankfurt eintreffen. Gemeinsam mit den Teilnehmern des Konvents werden sie das Mittagsgebet halten.

Was können deutsche Protestanten und polnische Katholiken bei solchen Begegnungen voneinander lernen?

In Deutschland sehe ich das Risiko, dass man sich etwas in den Dingen der gesellschaftlichen Diakonie verliert. Ebenso ist es in der katholischen Kirche in Polen ein Risiko, sich in der Pflege überlieferter Traditionen zu verlieren. Wir Initiatoren des Pilgerweg-Projekts wissen: Allein die Tradition zu pflegen, ist nicht die Antwort auf die Anforderungen. Man muss sich miteinander um adäquaten Glaubensausdruck bemühen für die Erfordernisse der Zeit. Wir müssen den Leuten nicht sagen, wie sie leben sollen – wir haben uns zu befähigen, zu wissen, was wir tun. Aber das muss jeder selber herausfinden – der Glaube ist kein Programm, sondern eine Ermutigung und Befähigung.

Ein wichtiges sozialdiakonisches Thema ist die Flüchtlingsproblematik, bei der Berlin und Warschau im Konflikt liegen. Wie steht die katholische Kirche in Polen hierzu?

Unsere Geschwister sind auch nicht blind oder taub. Sie tun, was sie können, aber das bekommt man in Deutschland leider kaum mit: In der Woiwodschaft Schlesien haben die evangelische und die katholische Kirche eine gemeinsame ökumenische Sammelaktion für die verfolgten Christen in Syrien durchgeführt. Und bei der Festmesse zum 600-jährigen Bestehen des Primas-Amtes in Polen war die Kollekte für das christliche Krankenhaus in Aleppo bestimmt.

Wie gestalten sich neben den Kontakten zur katholischen Mehrheitskirche in Polen das Verhältnis zur evangelisch-augsburgischen Minderheitenkirche?

Zweimal im Jahr führen wir Partnerschafts-Begegnungen mit der Diözese Breslau durch – man begegnet sich, man bewirtet sich, erzählt, tauscht Informationen aus. Darüber hinaus erfolgen Einladungen zu Veranstaltungen der jeweiligen Partner. Zum deutsch-polnischen Konvent wird auch der lutherische Bischof von Breslau, Waldemar Pytel, kommen. Er war es auch, der mir bei meiner Amtseinführung ins Stammbuch geschrieben hat, ich hätte auch einen Dienst an der Ökumene in Polen. Hierzu braucht es verlässliche Begegnungsformate, sonst besteht die Gefahr, nur nebeneinander her zu leben – und das dürfen wir uns als Christen nicht mehr erlauben.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 26/2017.

Diaspora im neuen „Tigerstaat“

Rumäniens Protestanten – eine Minderheit in schwierigen Zeiten

Von Tilman Asmus Fischer

„Mit einem BIP-Wachstum von 5,9 Prozent im zweiten Quartal des Jahres ist Rumänien die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft. Aber nicht nur innerhalb des EU-Raums, sondern auf dem ganzen Europäischen Kontinent. Rumänien ist sozusagen Europas Tigerstaat.“ So liest sich die aktuelle Einschätzung eines Wirtschafts-Analysten. Bei allem wirtschaftlichen Erfolg kommt Rumänien jedoch nicht zur Ruhe: Nachdem es 2012 bereits zu einer heftigen Regierungskrise gekommen war, trat vergangenes Jahr nach einem schweren Brand in einer Bukarester Diskothek Ministerpräsident Victor Ponta zurück.

Eine anhaltende politische Belastung stellt die Flüchtlingspolitik dar. In den letzten Wochen war eine Annäherung zwischen der rumänischen Regierung und den Visegrad-Staaten zu beobachten, die die Haltung der deutschen Bundesregierung ablehnen. Für die meisten Flüchtlinge liegt Rumänien lediglich auf ihrer Route gen Westen; 2015 wurden in Rumänien selbst 1.266 Asylanträge gestellt.

Die Hoffnung des Volkes richtet sich – gerade mit Blick auf die unter ihm rigoros durchgeführte Korruptionsbekämpfung – auf ihren Staatspräsidenten Klaus Johannis. Der Lutheranter gehört der seit Jahrhunderten in Rumänien lebenden deutschen Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen an.

Wie für die aus der Habsburgermonarchie hervorgegangenen Staaten typisch, ist Rumänien multinational und multireligiös geprägt: Während über 80 Prozent der Bevölkerung dem orthodoxen Glauben anhängen, gehören noch nicht einmal fünf Prozent der römisch-katholischen Kirche an. Juden stellen mit knapp über 6000 Personen eine ausgenommen kleine Minderheit dar. Muslime bilden zwar nur 0,3 Prozent der Bevölkerung, sind jedoch schon seit dem Mittelalter im heutigen Rumänien ansässig. Die 5,1 Prozent der Bevölkerung ausmachende protestantische Minderheit ist in sich wiederum pluralistisch bzw. spiegelt die Geschichte der unterschiedlichen Nationalitäten in der Region.

So ist die „Reformierte Kirche in Rumänien“ (470.000 Gemeindeglieder) ungarischsprachig und vornehmlich in den von Ungarn besiedelten Landesteilen vertreten. Die „Evangelische Kirche A. B. in Rumänien“ (A. B. = Augsburgischen Bekenntnisses; 12.840 Gemeindeglieder) entstand Mitte des 16. Jahrhunderts als lutherische Kirche der Siebenbürger Sachsen und ist dementsprechend bis heute deutschsprachig. Von ihr spaltete sich im 20. Jahrhundert die hauptsächlich ungarischsprachige „Evangelisch-Lutherische Kirche in Rumänien“ (32.000 Gemeindeglieder) ab, in der vor allem ungarische und slowakische Lutheraner ihre Heimat haben.

Neben der Bewältigung der spezifischen Herausforderungen einer Diasporakirche setzen sich die Protestanten innerhalb des ökumenischen Vereins „AIDRom“ (dt. Zwischenkirchliche Hilfe, Departement Rumänien) unter anderem für Asylbewerber ein, denen sie Rumänisch-Kurse sowie Beratung durch Sozialarbeiter anbieten und die sie bei der Bewältigung ihres Alltags begleiten. Ferner unterhält der Verein zwei Übergangswohnheime für Frauen und Kinder.

Das Gustav-Adolf-Werk (GAW) der EKBO fördert die evangelische Diaspora in Rumänien. In diesem Jahr sollen konkret zwei Bauprojekte in Wolkendorf (rum. Vulcan) und Elisabethstadt (rum. Dumbrăveni) unterstützt werden: In Wolkenburg steht der Umbau des Gemeindehauses an mit dem Ziel „einen großen Saal und weitere Gästezimmer zu gewinnen“, wie Cornelia Boschan, Geschäftsführerin des GAW der EKBO, berichtet. Hingegen muss in Elisabethstadt die Kirche saniert werden: „Die durch das Dach eindringende Feuchtigkeit zerstört die Wände und den Fußboden“, so Boschan.

GAW der EKBO: Jebensstr. 3, 10623 Berlin, Tel. +49 (0)30 31001-1100, Internet: http://www.gaw-berlin.de. Spendenkonto: IBAN: DE80 5206 0410 0003 9013 60.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 39/2016.

Priester als Steigbügelhalter

Viele Polen sehen in der gegenwärtigen Politik der regierenden Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) eine Bedrohung für die Bürgerrechte. Die außerparlamentarische Opposition sammelt sich in dem 2015 gegründeten „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“ (KOD). Im Interview berichtet der Sprecher des Regionalkomitees Lodz und Vizerektor der Universität Lodz, Jarosław Płuciennik, über die aktuelle politische Lage und die Politisierung von Teilen des polnischen Katholizismus. Tilman Asmus Fischer und Marcus König trafen ihn bei einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie zu Berlin.

Herr Płuciennik, wie konnte es zu den aktuellen politischen Entwicklungen kommen?

In vielen Ländern zeichnen sich derartige Entwicklungen ab, kommen Populisten an die Macht und sind bestimmte Werte in Gefahr. Meine persönliche Meinung zum Wahlerfolg der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) ist folgende: Bei den Wahlen ging es nicht etwa um universelle Werte. Sie wurden gewonnen, weil in katholischen Kirchen von der Kanzel gepredigt wurde, PiS zu wählen.

Priester als Steigbügelhalter der PiS?

Prof. Dr. Jarosław Płuciennik
(Foto: Anka6319/Wikipedia)

Die Verbindungen zwischen der PiS und dem Radiosender „Radio Maryja“ und seinen Anhängern sind offensichtlich. Dieser Teil der polnischen katholischen Kirche ist meiner Meinung nach – und auch nach Einschätzung des emeritierten Weihbischofs Tadeusz Pieronek – eine Art Sekte, die nicht einmal auf Papst Franziskus hören will.

Was bedeutet das in der Praxis?

Es verwundert mich als Protestanten, dass einerseits selbst Papst Franziskus von der Trennung von Kirche und Staat spricht, andererseits aber katholische Priester das „Nationalradikale Lager“ (ONR) unterstützen. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass das ONR in Bialystok und in meiner Heimatstadt Lodz von katholischen Geistlichen in der Kirche vor Kindern und Jugendlichen gesegnet wird und auf der Straße gegen Multikulturalität wettert. Das ONR ist letztlich Teil einer Strategie unserer Regierung, mit der sie verhindern will, dass es rechts von ihr politische Konkurrenz gibt. Das öffnet dämonischen Kräften letztlich Tür und Tor!

Gibt es denn auch liberale katholische Theologen, die der Regierungspolitik kritisch gegenüberstehen?

Die katholischen Theologen kenne ich nicht zur Genüge, aber es gibt eine ganze Menge bewusst katholischer Intellektueller, die eine kritische Meinung vertreten – unter anderem in Umfeld der katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“.

Sie selbst sind Lutheraner. Welche Position vertritt Ihre Kirche gegenüber der Regierungspolitik?

Eine offizielle Positionierung der Kirche gibt es nicht. Während die Mehrheit der Kirchenmitglieder der Regierung kritisch gegenübersteht, gibt es aber auch lutherische Geistliche, die den Regierungskurs unterstützen. Dagegen kann ich für einen Teil der Protestanten sprechen, die allgemeine Werte bekennen und sich von diesen ausgehend ein Urteil über die Regierung bilden. Viele Protestanten haben Sorgen: Erstens weil gesagt wird, dass ein großes katholisches Polen gebaut werden soll. Und zweitens davor, dass das „Nationalradikale Lager“ etwa in Lodz durch die Straßen patrouilliert um nach „Fremden“ zu suchen und vielleicht auch Protestanten darunterfallen.

Wie reagiert das Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) auf diese Entwicklungen?

Wichtig ist, dass das KOD sich weder als katholisch noch protestantisch noch atheistisch versteht, sondern religiös ungebunden ist. Es geht uns darum, für Grundwerte und europäische Menschenrechte einzutreten: Unsere Verfassung definiert die Nation als gemeinsame Sache unter Einschluss aller Bürger, ganz unabhängig von der Herkunft.

„Universale Werte“ – was genau ist es, wofür das Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) eintritt? Aus welchen politischen Lagern sammeln sich die Aktivisten?

Es handelt sich um eine Bürgerbewegung, die gerade erst auf dem Weg ist, sich zu profilieren. Aber ihr Ziel ist die Verteidigung der Grundrechte. Die aktuelle Situation in Polen lässt sich mit in Flammen stehenden Fundamenten vergleichen. Und wenn man die Fundamente löschen will, ist es ganz egal, aus welcher Richtung Hilfe kommt. Die gemeinsame Identität ist die Verteidigung der Rechtstaatlichkeit und Verfassung – ihrer Grundlagen: Freiheit, Gleichheit und Demokratie.

Welche Art der konkreten Unterstützung erwarten Sie von Gleichgesinnten aus Deutschland und Europa – von Kirchen, Politik und Zivilgesellschaft?

Als gläubiger Protestant sage ich natürlich, dass die Kirchen beten können. Aber dann geht es vor allem darum, dass man sich im Ausland Polen nicht verschließt. Wir repräsentieren als KOD ein europafreundliches Polen und wollen mit dem Ausland zusammenarbeiten: Der grenzübergreifende Dialog erfordert die Vernetzung mit unterschiedlichen Nichtregierungsorganisationen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 27/2016.

Die Reformation als europäisches Phänomen

Aktuelle Perspektiven auf das reformatorische Erbe Ostmitteleuropas

Das Reformationsjubiläum drohe, so formulierte es die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg vor längerer Zeit, als „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert zu werden. Einen wichtigen Beitrag dazu, dass es so nicht zwingend kommen muss, haben das Deutsches Historisches Museum (DHM) und das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) mit einer gemeinsamen internationalen Tagung vom 8. bis 10. März in Berlin geleistet. Sie stand unter dem Titel „Der Luthereffekt im östlichen Europa – Geschichte, Kultur, Erinnerung“ und hatte ihren Ausgangspunkt in dem grundlegenden Vortrag des Leipziger Historikers Prof. Dr. Winfried Eberhard über „Die Rezeption der lutherischen Reformation in Ostmitteleuropa“.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.
St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Diese grenzübergreifende Rezeption verlief äußerst vielfältig, wie Eberhard aufzeigte und durch die weiteren Vorträge der Tagung illustriert wurde: Während sie in Polen friedlich scheiterte – was vor allem auch an der unversöhnlichen Haltung der Lutheraner gegenüber den Reformierten lag –, scheiterte sie in Böhmen gewaltsam an der Unterdrückung durch die katholische Monarchie. Bis heute leben Protestanten in diesen Regionen in der Diaspora. Zu einer Blüte des Protestantismus kam es hingegen in Ungarn, wo er durch Adel und Städte unterstützt wurde, – und im Herzogtum Preußen, das als einer der ersten protestantischen Staaten aus dem säkularisierten Deutschordensstaat entstand.

Diese ganz unterschiedlichen Entwicklungen ‚der Reformation’ waren geprägt durch ebenso unterschiedliche historische Konstellationen: So waren es im Ostseeraum in besonderer Weise Hansestädte, die sich zur protestantischen Avantgarde entwickelten – hatten die europaweit vernetzten Kaufmannsfamilien doch früh Kontakt und Zugang zu reformatorischer Lehre und Schrifttum. Hier wäre für das spätere Westpreußen vor allem an Danzig und Thorn zu erinnern. Diese Querverbindungen im Einzugsbereich der Hanse zeigte Anja Rasche (Speyer / Lübeck) in ihrem Vortrag „Reformation im Hanseraum: Kaufleute, Bücher und Sanktionen“ auf. Währenddessen setzte in Siebenbürgen die Entstehung lutherischer Zentren in Schäßburg, Hermannstadt und Kronstadt die Tolerierung der damaligen osmanischen Besatzer voraus.

Bisweilen wurde reformatorisches Erbe auch noch Jahrhunderte später wirksam: Etwa in Galizien, wo unter Theodor Zöckler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lutherische Gemeinden aufblühten – eine Entwicklung über die Katrin Boeckh (München / Regensburg) referierte (Identitäten und transnationale Netzwerke. Lutheranische Gemeinden in Galizien). So vielfältig wie die jeweiligen historischen Situationen, waren auch die kirchlich Ausformungen, die sich aus ihnen entwickelten: So zählten sich im Siebenbürgen des 16. und 17 Jahrhunderts auch die Dreifaltigkeit leugnende Unitarier zu den theologischen Erben Luthers (Edit Szegedi, Klausenburg / Cluj-Napoca: Luther als Bezugsgröße der siebenbürgischen Reformierten und Unitarier im 16.-17. Jahrhundert). Zugleich führten im Ungarn des 17. Jahrhunderts aus Österreich vertriebene Lutheraner ihr Eigenleben (Peter Ötvös, Szeged: Die lutherischen Exulanten aus Österreich auf ungarischem Boden, ihre Vorhaben und Integrationsversuche).

Die Dimensionen und Perspektiven des Phänomens Reformation, wie es sich im östlichen Mitteleuropa ausprägte, sind so vielfältig, dass sie hier nur ansatzweise benannt werden konnten. Wer sich diesem Zugang zum grenzübergreifenden Erbe unserer Kirchen nicht verschließt, darf sich auf das für 2017 angekündigte Erscheinen des Tagungsbandes von BKGE und DHM freuen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 17/2016.

Von Flucht und Vertreibung geprägt

Nur fast vier Prozent der Gesamtbevölkerung stellen die Evangelischen in Österreich. Dies hat seinen Grund auch in der jahrhundertelangen Verfolgung österreichischer Protestanten. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich, spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die aktuelle Bedeutung dieser historischen Prägung.

Bischof Bünker, die Themen Flucht, Vertreibung, Migration sind heute wieder aktuell – allerdings auch historisch prägend für die Geschichte Ihrer Kirche. Was sind die zentralen Ereignisse?

Im wesentlichen sind es zwei Erfahrungen, die die evangelische Kirche in Österreich im Hinblick auf diese Themen geprägt haben: Das erste ist die Tatsache, dass tausende Evangelische in Österreich aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Das beginnt bereits Ende des 16. Jahrhunderts. Die letzte Vertreibung aus rein religiösen Gründen in Österreich und Mitteleuropa war dann in den 1830er Jahren die der Zillertaler Evangelischen. Das zweite ist die Erfahrung nach 1944 und 1945: Die Aufnahme der Vertriebenen und Geflüchteten – vor allem aus Siebenbürgen. Viele von ihnen haben sich in Österreich angesiedelt, Gemeinden gegründet und sind heute ein wichtiger Teil unserer Kirche.

Haben diese Ereignisse Frömmigkeit und kirchliches Leben in spezifischer Weise geprägt?

Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Vorsitzender des Evangelischen Oberkirchenrates A.u.H.B. in Österreich
(Foto: Uschmann)

Sie haben für die autochthonen Evangelischen in Österreich, dazu geführt, dass das Evangelisch-Sein immer klar von der katholischen Mehrheitskirche unterschieden sein musste. Und bis heute legen Evangelische da und dort großen Wert darauf, dass etwa die Pfarrer vertraut im schwarzen Talar zu sehen sind und dass in vielen anderen Punkten das typisch Evangelische gestärkt wird.

Wie werden Sie aus dieser Prägung einer Diaspora-Kirche heraus das Jahr 2017 begehen?

Für uns war von Anfang an klar: Wir gestalten dieses Jahr gemeinsam, die drei evangelischen Kirchen in Österreich, die lutherische, die reformierte und die methodistische. Von daher haben wir nie ein Luther-Jubiläum im Auge gehabt, sondern immer ein Reformationsjubiläum. Gesamtkirchlich wird es 2017 – neben dem großen Jubiläumsfest am 30. September auf dem Wiener Rathausplatz – unter anderem eine Ausstellung in Wien geben: Die meisten Wiener wissen nicht, dass die Bevölkerung ihrer Stadt bis weit ins 17 Jahrhundert hinein mehrheitlich evangelisch war. Die kulturprägende Kraft des Protestantismus deutlich zu machen, ist ein zentrales Anliegen.

Ist das österreichische Reformationsjubiläum – vor dem historischen Hintergrund der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie – in besonderer Weise europäisch?

Es macht eine der europäischen Facetten des Protestantismus sichtbar. Die Geschichte der Evangelischen in der k. u. k. Monarchie ist auf der einen Seite von der Erfahrung geprägt, dass diese Monarchie der gelebte Beweis war, dass es möglich ist, Einheit zu leben in einer kulturellen, politischen, sprachlichen, religiösen Pluralität. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung der Diaspora: Im gesamten Donauraum waren und sind die Evangelischen in der Minderheit. Das ist etwas aktuell europäisches, denn Europa ist ein von Minderheiten geprägter Kontinent.

Dieses Europa sieht sich heute wieder mit Heimatlosen konfrontiert – wie positionieren Sie sich in der Flüchtlingskrise?

Irgendwann werden unsere Enkel uns fragen: Was habt Ihr gewusst? Und was habt Ihr getan? Ich denke, dass wir noch längst nicht in richtiger Form unserer Verantwortung gerecht werden. Die Menschen, die aus Syrien fliehen, werden aufgrund der Lage vor Ort nicht nur in den Nachbarländern bleiben können. Man muss den betroffenen Ländern wirkungsvoller helfen. Und zugleich müssen wir denjenigen, die vor Gewalt und Terror fliehen, Schutz und Aufnahme gewähren. Asyl ist ein Menschenrecht – und das kann man nicht teilen, kontingentieren und mit Zäunen reglementieren.

Das Interview entstand am 15. Februar in Berlin im Rahmen der Tagung „Evangelisches Leben in Österreich und Slowenien“ des Gustav-Adolf-Werks der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (www.gaw-berlin.de).

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2016.

Kleine Kirche mit großem Ziel

Etwa 16.000 Gemeindeglieder in 14 Gemeinden umfasst die kleine Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Slowenien. Leon Novak, Pfarrer in Murska Sobota im Über-Mur-Gebiet – dem Stammland der slowenischen Lutheraner –, spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die aktuelle Situation und die missionarische Arbeit in der Diaspora.

Herr Novak, was bedeutet es, als Pfarrer in der Diaspora berufen zu sein?

Wenn man sich als Pfarrer von Gott berufen fühlt, heißt das, nicht nur Gott, sondern auch den Mitmenschen zur Verfügung zu stehen. Das ist nicht immer angenehm, da es enorm viel Zeit in Anspruch nimmt, aber dazu ist man von Gott berufen worden: Dass man das Evangelium mit den Leuten, die fröhlich und gesund sind teilt – aber auch denen, die traurig und krank sind.

Wie gelingt das unter den Lebensbedingungen einer Minderheitenkirche?

Unsere Kirche ist sehr klein: Wir stellen etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung dar. Auf der anderen Seite hat sie jedoch einen guten Ruf. Den haben wir vor allem unserem Altbischof zu verdanken, der über lange Zeit die Kirche skandalfrei führte, aber auch der neuen Kirchenführung. Wir versuchen jetzt, in unserer kleinen Kirche zu überleben. Das heißt: Wir wollen missionarisch wirken, um die Menschen für das Evangelium und die Kirche zu begeistern. Das heißt, dass die Gemeinden vor Ort gute Angebote machen, die die Leute im 21. Jahrhundert ansprechen.

Was bedeutet das konkret für Ihre eigene Gemeinde?

Meine Gemeinde liegt in Murska Sobota,der Bezirkshauptstadt unserer Region, und hat etwa 2.000 Mitglieder. Mit sechs Mitarbeitern, von denen einige auch eine theologische Ausbildung haben, habe ich ein kompetentes Team gebildet, in dem jeder seinen Aufgabenbereich hat und eigenverantwortlich Projekte betreut. Jede Woche kommen wir zu einer Sitzung zusammen, analysieren die Entwicklungen, planen Gottesdienste und beraten, wie wir unsere Visionen umsetzen.

Welche Angebote für Gemeinde und Mitmenschen sind hieraus entstanden?

Es gibt drei Glaubenskurse, zwei für Frauen, einen für Männer. Daneben bieten wir für Kinder Kindergottesdienste und Workshopsan, zudem Gitarrenkurse und Englischkurse. Wir haben spezielle Gottesdienste für junge Familien mit Kindern entwickelt. Durch Theateraufführungen, sowie Chor- und Bandauftritte sind auch die Jugendlichen in unser Gemeindeleben integriert. Nach jedem Gottesdienst bieten wir ein Beisammensein beim Kirchencafé an – so versuchen wir, eine persönliche Beziehung zu denjenigen aufzubauen, die das erste Mal oder nicht regelmäßig den Gottesdienst besuchen.

Wie werden diese Angebote von der örtlichen Bevölkerung angenommen?

An und für sich ganz gut. Wir merken, dass wir langsam wachsen. Es schließen sich uns Menschen an, die zuvor nichts mit dem Glauben zu tun hatten. Das freut uns und ermutigt uns, weiter in diese Richtung zu arbeiten und zu denken.

Strahlt dieser Erfolg auf andere Gemeinden Ihrer Kirche aus?

Einige Pfarrer der jüngeren Generation schließen sich unserer Arbeit an, interessieren sich für unsere Konzepte und wir erklären ihnen, wie wir arbeiten. Wir helfen ihnen, ähnliche Strukturen in ihren Gemeinden aufzubauen.

Wie missionarisch kann und sollte Kirche heute sein?

Die Kirche muss missionarisch sein – sonst ist sie keine Kirche. Der Auftrag von Jesus Christus lautet ja, das Evangelium in die Welt zu tragen und Menschen zum Glauben zu begleiten und zu taufen. Dieser Auftrag muss in Liebe und gegenseitiger Wertschätzung, auch gegenüber Andersgläubigen und Nichtgläubigen, ausgeführt werden. Aber er muss ausgeführt werden.

Das Interview entstand im Rahmen der Tagung „Evangelisches Leben in Österreich und Slowenien“ des Gustav-Adolf-Werks der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Eine während der Tagung gesammelte Kollekte für die Fassadensanierung eines Gemeindezentrums im slowenischen Apace erbrachte 221,50 Euro. Eine Unterstützung ist auch über das Spendenkonto des GAW der EKBO möglich: IBAN: DE80 5206 04100003 9013 60, BIC: GENODEF1EK1, Stichwort „Apace“.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 13/2016.