Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

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Das Jahrhundert der Kriege

Gregor Schöllgen analysiert die Weltgeschichte der vergangenen einhundert Jahre

In diesen Tagen wird jener Ereignisse gedacht, die als „Oktoberrevolution“ in das globale Gedächtnis eingegangen sind. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt. Seither hat es keinen universellen Frieden mehr gegeben“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem neuen Buch „Krieg“. Was dies für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutete – und bis in die gegenwärtigen Konflikte hinein, etwa in Syrien, bedeutet –, zeichnet der Erlanger Historiker auf knapp 350 Seiten nach.

Eingedenk unterschiedlicher Bücher vergleichbaren Umfangs, die im Vorfeld des Gedenkjahres 2018 erschienen sind und sich mit der historiografischen Erfassung des Ersten Weltkrieges begnügen, steht die Herausforderung klar vor Augen, die Schöllgens Vorhaben darstellt: eben einhundert Jahre Weltgeschichte zu erzählen. Damit erfasst er nicht nur politisch-militärische Dynamiken innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, sondern nimmt zugleich miteinander korrespondierende Entwicklungen in nahezu allen Erdteilen in den Blick.

Dies gelingt ihm, indem er einen chronologischen mit einem phänomenologischen Ansatz verschränkt: So nimmt jedes Kapitel seinen Ausgangspunkt in einem der kriegerischen Konflikte des 20. (und frühen 21.) Jahrhunderts, stellt dabei jedoch je ein spezifisches Phänomen heraus, dessen Wirksamkeit im weiteren Verlauf des Jahrhunderts aufgezeigt wird. Indem Schöllgen so von Kapitel zu Kapitel einzelne Aspekte des Krieges analysiert, schreitet er zugleich im historischen Verlauf voran.

Steht das erste Kapitel zur Oktoberrevolution unter dem Titel „Putsch“, kommt mit den Auseinandersetzungen der Jahre zwischen den Weltkriegen die „ethnische Säuberung“ in den Blick. Späterhin wird mit dem Bombenabwurf von Hiroshima der „Blitz“ und mit ihm die drohende atomare Vernichtung als sicherheitspolitischer Faktor eingeführt und anhand der anhaltenden Auseinandersetzungen um den Osten der Ukraine zuletzt der Aspekt der „Annexion“ fokussiert. So ist besonders aktuell die Analyse der russischen Besetzung der Krim, deren Ursachen Schöllgen aus der wechselvollen Geschichte beider beteiligter Länder herleitet. Dazwischen erhalten „Revision“, „Vernichtung“, „Teilung“ und „Intervention“ ebenso Aufmerksamkeit wie „Guerilla“, „Prävention“ und „Mord“ oder „Terror“, „Flucht“ und „Raub“.

Das von Schöllgen gewählte Konzept bewährt sich hervorragend, indem es den Blick auf wesentliche Entwicklungslinien der komplexen globalen Entwicklungen lenkt und so dem Leser ermöglicht, einen fundierten Überblick über die Ereignisgeschichte des Krieges im 20. Jahrhundert zu erlangen. Dabei funktionieren die vom Autor gewählten Phänomene als Gliederungselement, bleiben jedoch auch meist auf diese Funktion beschränkt. In der Regel werden sie selbst nicht zum Reflexionsgegenstand erhoben und auf einer allgemeinen Ebene diskutiert. Zumindest bietet jedoch der implizite Nachvollzug der Wandlung einzelner Phänomene im Zuge der historischen Entwicklungen interessante Ansätze hierzu. Problematisch erweist sich auch, dass Schöllgen seine Wahl der Phänomene nicht herleitet und begründet. Infolgedessen bleibt etwa das Phänomen „Mord“ für sich relativ blass – während man sich fragt, warum etwa „failing states“ kein eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Was Schöllgen in jedem Fall deutlich herausarbeitet, sind die politischen Dynamiken – vor allem in der jahrzehntelangen Ost-West-Konfrontation –, die latente Bedrohungssituationen erzeugten, militärische Konflikte provozierten, jedoch auch Phasen der Entspannung und friedlichen Konfliktbearbeitung eröffneten. Hier ist Schöllgen, der Mitherausgeber der Akten des Auswärtigen Amtes, ganz in seinem Metier und lässt den Leser an seinen klaren und nüchternen Analysen teilhaben. Diese erscheinen auch deshalb besonders aufschlussreich, da er es vermeidet – gerade in der Auseinandersetzung mit dem sowjetisch-amerikanischen Gegensatz –, sich auf eine Seite der Konfliktparteien zu schlagen und eine ideologisierte Geschichtsdeutung zu betreiben.

Gleichfalls nüchtern – wenn auch streitbar – ist Schöllgens abschließende Bilanz: In hellsichtiger Weise führt er die einzelnen Fäden des Buches zusammen, reflektiert sie in der Gesamtschau und wirft, einhergehend mit deutlicher Kritik an den bestehenden supranationalen Strukturen, grundsätzliche Fragen von aktueller Brisanz auf: Welche Aufmerksamkeit soll – bisher „weitgehend ausgeblendeten“ – nicht militärischen Gefahren für die internationale Sicherheit zukommen? Wird es lediglich dabei bleiben, dass Krieg – auch in Europa – inzwischen „als Mittel der Konfliktlösung wieder denkbar“ geworden ist? Welche Reformen sind nötig, sollten sich, wie Schöllgen zuspitzt, sämtliche „Systeme kollektiver Sicherheit überlebt“ haben? Wie kann und soll sich die Europäische Union in diesem Kontext zukünftig aufstellen?

Hinter den profunden Analysen des gesamten Buches, die ihren Schwerpunkt im Bereich der politischen Geschichte haben, stehen anthropologische und sozialgeschichtliche Aspekte deutlich zurück. Diese zu berücksichtigen, wäre, ohne den Umfang zu sprengen, wohl nur bei einer Fokussierung auf einzelne Fallbeispiele zulasten der Gesamtdarstellung möglich gewesen. Daher bleibt die – nichtsdestotrotz spannende – „Weltgeschichte“, die Schöllgen anbietet, eine vornehmlich und dezidiert politische. Fragen danach, wie die Kriege der letzten 100 Jahre Gesellschaften, Alltagsleben und Mentalitäten verändert und geprägt haben, kommen nicht in den Blick. Hier bleibt der Leser auf andere einschlägige Werke, wie etwa Jörg Baberowskis „Räume der Gewalt“ von 2015, verwiesen.

Tilman Asmus Fischer

Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. DVA (Deutsche Verlags-Anstalt), München 2017. 368 S. m. 14 Abb., 24 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 20. Dezember 2017.

Perspektiven einer Nachbarschaft

Fünf Fragen an Prof. Dr. Dieter Bingen

Prof. Dr. Dieter Bingen
(Foto: Roman Gößer)

Im Dezember 2017 blicken wir auf ein weiteres Jahr zurück, in dem das deutsch-polnische Verhältnis schweren Belastungen ausgesetzt war. Welche Entwicklungsperspektiven haben die bilateralen Beziehungen im kommenden Jahr – unter der PiS-Regierung in Warschau und einer noch zu bildenden Berliner Regierung unter Führung der CDU/CSU? Hierüber spricht im Interview der Direktor des Deutschen Polen-Instituts, Prof. Dr. Dieter Bingen.

Bereits im August dieses Jahres haben Sie in Danzig aus den Händen von Lech Wałęsa die Dankbarkeits-Medaille des Europäischen Solidarność-Zentrums erhalten (DW berichtete). Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung – gerade in einer Zeit zunehmender Spannungen zwischen Berlin und Warschau?

Lech Wałęsa während des Streiks auf der Lenin-Werft im August 1980
(Foto: Giedymin Jabłoński via Wikimedia)

In den 1980er Jahren war es die Freiheitsbewegung Solidarność, auf die ich mit großer Sympathie schaute. Es gab damals außer der großartigen Pakethilfe und Solidarität mit Polen aber auch viel Unverständnis. Dem wollte ich mit Verstehen und Sympathie für die polnische Freiheitsbewegung sowie mit der Vermittlung von Wissen darüber begegnen, dass es in Polen auch indirekt um die Zukunft Deutschlands ging: Für unsere und für eure Freiheit. Dafür von dem Symbol der Freiheitsbewegung, Lech Wałęsa, und in weiterem Sinne von Polen ausgezeichnet zu werden, das hat mich glücklich gemacht – zugleich nachdenklich und traurig, da das auch von Wałęsa symbolisierte freie demokratische, weltoffene und solidarische Polen in der jüngsten Zeit in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Als Politologe und Direktor des Deutschen Polen-Instituts sind Sie wie kaum ein anderer mit den Entwicklungen des deutsch-polnischen Verhältnisses vertraut. Wie bewerten Sie im Rückblick das zurückliegende Jahr? – Haben die Beziehungen ihren Tiefpunkt erreicht, oder kann es 2018 noch schlimmer kommen?

Deutschland und Polen als Partner im Gespräch: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und der ehemalige polnische Ministerpräsident der Republik Polen Donald Tusk im Jahre 2012
(Quelle: EPP via Wikimedia)

Die deutsch-polnischen Beziehungen waren auch in ihren besten Zeiten der letzten zwei Dekaden nie frei von Wahrnehmungs- und Interessenunterschieden, Sachkonflikten. Von unterschiedlichen Interessenlagen war auch die Entwicklung deutsch-französischer Versöhnung geprägt. Tragbare Kompromisse zu finden, ist bis heute der Impetus, um eine gemeinsame Entwicklung in der europäischen Integration zu ermöglichen. Ohne Bonn, später Berlin, und Paris gab und gibt es keinen Fortschritt in Europa. Das Grundverständnis für diesen Mechanismus von Interessenausgleich und prioritären gemeinsamen Zielen ist bei den heute in Polen Regierenden kaum vorhanden. Sie suchen eher innere „Verräter“ und äußere Feinde und sind mit der Kontrolle und Gleichausrichtung der Gesellschaft beschäftigt. So ein schlechtes internationales Image hatte Polen in den letzten dreißig Jahren nicht. Solange es aber nicht zu einer Selbstkorrektur kommt und man meint, zur Ertüchtigung der eigenen Bevölkerung Deutschland als Feindbild zu benötigen, kann es im bilateralen Verhältnis noch schwieriger werden. Ich hoffe es nicht, wenn ich an das Jubiläumsjahr 2018 denke und an das Potenzial, das es für Verständigung über Gräber hinweg eröffnet – siehe den gemeinsamen Besuch der Präsidenten Macron und Steinmeier auf dem Hartmannsweiler Kopf im Elsass vor wenigen Tagen. 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs und 100 Jahre staatliche Wiedergeburt Polens, das sollte abgesehen von nationalen Feiern auch für ein gemeinsames deutsch-polnisches Erinnern und Gedenken genutzt werden.

In welchem Maße beeinträchtigt die Krise zwischen den Regierungen in Berlin und Warschau die zivilgesellschaftlichen Beziehungen? Vermögen diese ein Gegengewicht darzustellen und den grenzübergreifenden Dialog aufrechtzuerhalten?

Die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Kontakte und Aktivitäten sind ein starkes Netz, das über Jahrzehnte geknüpft wurde. Sie sollten gerade in den grenznahen Regionen und den gemeinsamen grenzüberschreitenden lokalen und regionalen Projekten gegen neues Misstrauen und negative Stereotype immunisieren. Aber es gilt leider auch: steter Tropfen des Giftes des Misstrauens höhlt den Stein der Sympathie und des Vertrauens in dem Sinne: Etwas bleibt hängen.

Was können die deutschen Heimatvertriebenen und deren Nachfahren – gerade auch im Rahmen der Arbeit ihrer Verbände – zu einer neuerlichen Entspannung der deutsch-polnischen Beziehungen beitragen?

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben viele Heimatvertriebene, ihre Kinder und Enkel ihr besonderes Interesse und eine spezifische emotionale und mentale Kompetenz in die bilateralen Beziehungen einbringen können, die ihnen die deutsche Mehrheitsgesellschaft und erst recht viele Polen nicht zugetraut haben. Viele von ihnen haben einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Vorurteilen und Ängsten in Polen geleistet und einen historischen Dialog zwischen Deutschen und Polen in den lokalen und regionalen Gemeinschaften, insbesondere in den ehemaligen Heimatprovinzen von Masuren bis Oberschlesien, gefördert. Zahlreiche Projekte an alten Heimatorten haben die Bande zwischen Deutschen und Polen gestärkt. Das macht sie so wertvoll. Sie sollten sich nicht entmutigen lassen und ihre bestehenden Kontakte besonders intensiv pflegen. Das sollen die polnischen Partner und Freunde von uns Deutschen erwarten dürfen.

In Berlin werden gegenwärtig die Bedingungen einer neuen Regierungskoalition sondiert. Welche Ziele und Schwerpunkte sollte eine neue Bundesregierung 2018 im Umgang mit dem polnischen Nachbarn setzen?

Ziel sollte es sein, so viel wie möglich von der Vertrauensbasis des letzten Vierteljahrhunderts für die Zukunft zu retten und ein Geflecht von Gesprächs- und Arbeitsebenen in den Regierungskontakten zwischen Berlin und Warschau zu erhalten. Konkrete multilaterale Themenfelder sollten weiter pragmatisch bearbeitet und auf dieser Ebene Kompromisse im EU-Rahmen vorbereitet werden: Sicherheits-, Energie- und Migrationspolitik sowie die vier „Freiheiten“ der EU. Ein geeignetes Gesprächsformat wäre hier sicherlich die Trilateralität mit Frankreich, um auch der polnisch-französischen Entfremdung zu begegnen. Bei alledem gilt es, realistisch zu bleiben und keine zu hohen Erwartungen zu hegen, auch sich nicht provozieren zu lassen und über einen langen Atem zu verfügen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2017.

Cyber-Krieg und Populismus – Korrelative Herausforderungen für Deutschland und Europa

Gastbeitrag für das „Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft“

Zwei Sorgen wurden seit der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl immer wieder mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 artikuliert: mögliche Hackerangriffe im Vorfeld des Urnenganges und der Parlamentseinzung einer Partei mit starken populistischen Strömungen. Nun liegt die Wahl hinter uns: Die AfD ist mit einem zweistelligen Ergebnis im Bundestag vertreten und die Cyber-Bedrohungen – mithin die Gefahr militärischer Angriffe im Cyber-Raum – bestehen fort. Daher lohnt sich ein Blick auf die korrelativen Beziehungen zwischen beiden Herausforderungen: Cyber-Krieg und Populismus.

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„Nie wieder Krieg, nie wieder Vertreibung!“

Marienbader Gespräche 2017 des Sudetendeutschen Rates

Anlässlich 25 Jahren deutschtschechoslowakischer Nachbarschaftsvertrag und 20 Jahren Deutsch-Tschechische Erklärung erörterten die diesjährigen Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates (SR) vom 28. bis 30. April Zukunftsperspektiven der (sudeten)deutsch-tscheschichschen Beziehungen. In Ihrer Eröffnung erinnerte die Generalsekretärin Christa Naaß an die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen“ vor 70 Jahren. Angesichts aktueller Herausforderungen gelte es, die historischen Erfahrungen der Sudetendeutschen fruchtbar zu machen.

Peter Barton berichtete über die aktuellen Fragen, mit denen das von ihm geleitete Sudetendeutsche Büro in Prag befasst ist. Zunehmend werde die Vertretung der Sudetendeutschen von tschechischen Politikern als Ansprechpartner und Vermittler in Fragen der deutsch-tschechischen Beziehungen wahrgenommen und konsultiert. Der Vortrag „Arbeit in Europa – EURES Bayern-Tschechien“ leitete am zweiten Tag der Marienbader Gespräche eine Reihe von Beiträgen ein, die Stand und Perspektiven unter dem Gesichtspunkt einzelner Fachgebiete beleuchteten. So berichtete Herbert Schmid, Geschäftsführer der Weiterbildungseinrichtung „Arbeit und Leben Bayern“, über die zunehmende Arbeitsplatzmobilität im bayerisch-tschechischen Grenzraum.

Sämtliche Landtagsfraktionen Bayerns auf dem Podium bei den Marienbader Gesprächen (v.l.n.r.): Bernhard Seidenath MdL, Markus Rinderspacher MdL, Dr. Peter Becher, Ulrike Gote MdL und Bernhard Pohl MdL.
(Foto: Nadira Hurnaus)

Die unterschieldichen Perspektiven der bayerischen Politik vermittelte eine von Dr. Peter Becher moderierte Podiumsdiskussion mit Vertretern sämtlicher Landtagsfraktionen, wobei der gemeinsame Einsatz für den Erhalt der europäischen Einheit im Zentrum des Gesprächs stand. Bernhard Seidenath MdL (CSU) bedauerte, dass Mahner, die zu Wendezeiten aus der geteilten Geschichte Europas heraus dessen Einheit gestaltet hätten, heute in der Politik fehlten. Bernhard Pohl MdL (Freie Wähler) würdigte das europäische Projekt als einen Rahmen für Völkerverständigung und Versöhnung. Markus Rinderspacher MdL (SPD) sah eine Bedrohung für den Rückhalt der EU in der Bevölkerung vor allem darin, dass sich „zu sehr ums Detail als um die große Linie gekümmert“ werde. Ulrike Gote (Bündnis 90/Die Grünen) rief dazu auf, bei allen euroskeptischen Stimmen aus Osteuropa nicht die überzeugten Europäer, etwa im Baltikum, zu vergessen.

Als Vertreter der tschechischen Politik begrüßte der SR Zdeněk Papoušek, der als Vertreter der Christdemokraten dem Senat, der oberen Kammer des tschechischen Parlaments angehört. Der Senator hob in seinem Vortrag die tschechischerseits unternommene Aufarbeitung des Brünner Todesmarsches hervor: Jedes Volk sei stolz auf seine Geschichte, jedoch müssten sich alle Menschen auch zu Gewalttaten aus der Vergangenheit verhalten.

Durch Dr. Libor Rouček MdEP und BdV-Vizepräsident Albrecht Schläger waren auch dieses Jahr wieder die beiden wichtigsten bilateral verankerten Akteure der deutsch-tschechischen Nachbarschaft vertreten: das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum und der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds. Rouček betonte die Notwendigkeit, den binationalen Dialog in die Diskussion grundsätzlicher europapolitischer Fragestellungen einzubetten. Schläger illustrierte anhand einzelner Projekte, die vom Zukunftsfonds unterstützt werden, die Vielfältigkeit nachbarschaftlicher Arbeit.

In einer weiteren Podiumsdiskussion kamen Vertreter der jüngeren Generation mit ihrem spezifischen Blick auf die (sudeten)deutsch-tschechischen Beziehungen zu Wort: Dr. Ondřej Matějka vom Institut zur Erforschung totalitärer Regime, als Vertreterin des deutsch-tschechischen Jugendforums Kateřina Kabátová und der Bundespressereferent der Paneuropa-Jugend Deutschland e.V., Tilman Asmus Fischer (zugleich Berichterstatter). Die Journalistin Bára Procházková, die bereits die Podiumsdiskussion moderiert hatte, referierte am Abend ihrerseits über „Tschechische Medien im Wahljahr 2017“. Sie problematisierte unter anderem den Umgang tschechischer Medienkonsumenten mit Fake News.

Den letzten Sitzungstag eröffnete eine ökumenische Andacht, die von Teilnehmern der Tagung gehalten wurde. Im Anschluss hieran erinnerte Jan Šícha, Koordinator für den Aufbau der Sammlung des Collegium Bohemicum, an den 40. Jahrestag der Charta 77. In einem abschließenden Vortrag fasste der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und SR-Präsidiumsmitglied Bernd Posselt die unterschiedlichen Aspekte der Tagungsthematik zusammen. Ausgehend von persönlichen Erfahrungen beim Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft in Ostmitteleuropa unterstrich Posselt die Bedeutung des gemeinsamen Einsatzes für ein vereintes Europa.

Nach Ende des Programms verabschiedeten die anwesenden Ratsmitglieder gemeinsam mit den Teilnehmern der Gespräche die „Marienbader Erklärung“. Hierin fordern sie unter anderem „die Verwirklichung eines europäischen Volksgruppenrechts“, die „Stärkung des demokratisch gewählten Europaparlaments“ und erteilen jeglicher Diskriminierung eine Absage. Die Erklärung schließt mit den Worten: „Nie wieder Krieg, nie wieder Vertreibung!“

Der vollständige Text der Marienbader Erklärung unter: http://www.sudetendeutscher-rat.de/unser-engagement/

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 03/2017.

Der „Kanzler der Einheit“ und die Deutschen aus dem Osten

Zum Tod von Bundeskanzler Helmut Kohl (* 3. April 1930 – † 16. Juni 2017)

Mitte Juni ist Helmut Kohl in seinem Geburtsort Ludwigshafen verstorben. Abschied vom „Kanzler der Einheit“ nehmen auch deutsche Heimatvertriebene und Heimatverbliebene. Mit ihm verbinden sie in besonderer Weise die Jahre der politischen Wende in Europa.

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB würdigte Helmut Kohl, dem bereits 1984 die Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen verliehen worden war, als „Verfechter der ­europäischen Idee“ und Unterstützer der Vertriebenen und Aussiedler: „Im In- und Ausland“ habe er deren „besonderen Anteil […] am geistigen und materiellen Wiederaufbau Deutschlands deutlich“ heraus gestellt und sich dafür eingesetzt, „Geschichte und Kultur der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu fördern sowie die Aufarbeitung auch des Vertreibungsunrechtes voranzubringen“.

Vollständiger Artikel auf der-westpreusse.de…

Problematische Kampfzone

Auch in der virtuellen Welt ist Wettrüsten gefährlich. Militärische Cyber-Abwehr ist notwendig – sie muss aber Ultima Ratio bleiben

von Tilman Asmus Fischer

Seit April hat die Bundeswehr einen neuen Organisationsbereich: „Cyber- und Informationsraum“. Mit dessen Schaffung reagiert das Verteidigungsministerium auf neuartige Bedrohungen: Nicht nur dass selbst die eigenen konventionellen Waffensysteme inzwischen derart computerbasiert sind, dass ein gezielter Hackerangriff auf sie fatale Folgen haben könnte. Vielmehr lassen bereits die zurückliegenden groß angelegten Cyberangriffe wie der durch „WannaCry“ – der im Mai erfolgte Angriff unter anderem auf das britische Gesundheitssystem und die Deutsche Bahn – erahnen, in welchem Ausmaß die zivile Infrastruktur grundsätzlich bedroht ist.

Vollständiger Artikel auf taz.de…

Erschienen in: taz. die tageszeitung vom 12. 6. 2017