Panzer gegen Reformen

Michal Reiman erinnerte an das Ende des Prager Frühlings

Von Tilman Asmus Fischer

„Und wenn die inneren und äußeren, dem Sozialismus feindlichen Kräfte die Entwicklung irgendeines sozialistischen Landes auf die Restauration der kapitalistischen Ordnung zu wenden versuchen, wenn eine Gefahr für den Sozialismus in diesem Land, eine Gefahr für die Sicherheit der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft entsteht, ist das nicht nur ein Problem des betreffenden Landes.“ – Mit diesen Worten versuchte der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid Breschnew im November 1968 zu rechtfertigen, was am 21. August des Jahres geschehen war: der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei (ČSSR) und die damit eingeleitete Zerschlagung der Reformbewegung unter Alexander Dubček, die einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ angestrebt hatte.

Einer der letzten Zeitzeugen ist der 1930 geborene Historiker und Politikwissenschaftler Michal Reiman. Am 21. August 2018 sprach er bei einer Gedenkveranstaltung in der Johanneskirche, Berlin-Schlachtensee, über seine Erinnerungen an die Zeit als Vertrauter des damaligen Parteichefs der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ): An Dubček erinnerte er als eine „für uns völlig unglaubliche Persönlichkeit“ – einen Menschen, der in Zeiten treuer Hörigkeit gegenüber dem Kurs Moskaus dadurch auffiel, „dass er offen seine Meinung sagte“. Für die KSČ habe er selbstbewusst in Anspruch genommen: „Wir sind eine politische Partei und müssen wissen, was wir wie und wann wollen.“

In diesem Sinne begannen die Reformkommunisten ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm umzusetzen, zu dem vor allem auch die Lockerung der Zensur gehörte. „Wir waren relativ frei“, blickt Reiman zurück, „es gab eine freie Intelligenz“ – zudem freie Kunstschaffende, eine lebendige Theaterszene. Umso herber traf die tschechoslowakische Gesellschaft die Ohnmacht der Besetzung im August 1968. Reiman rief die beklemmenden Bilder der Demonstranten wach, die in den Straßen Prags den Panzern gegenüberstanden: „Niemand weiß, ob die Soldaten beginnen, zu schieße.“

Was folgte, war die „bleierne Zeit“ der Normalisierung im Sinne der Sowjetunion. „Alles nahm seinen normalen Lauf“, konstatiert Reiman, „passende Personen wurden installiert“: Dubček musste zurücktreten – Reiman selbst erhielt Berufsverbot. Bisher hatte er an der Politischen Hoschschule der KSČ, Prag, Geschichte der Tschechoslowakei gelehrt. Nachdem Reiman durch ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 1976 in die Bundesrepublik Deutschland gegangt war, wurde ihm 1978 die Staatsbürgerschaft der ČSSR aberkannt. Reiman bleibt als Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin und engagiert sich in der exil-tschechischen Listy-Gruppe. 1995 bis 2010 kehrt er als Dozent nach Prag zurück – nun an die Karls-Universität.

Was bedeutet das Gedenk an den 21. August 1968 für uns heute? – Hierüber diskutierte Reiman unter anderem mit dem langjährigen SPD-Außenpolitiker Gert Weisskirchen. Auch wenn die Sowjetunion, die 1968 einmarschierte, Geschichte ist, beobachtet Reiman die Entwicklungen in Russland und den Beziehungen zwischen der EU und Russland mit Sorgen und betonte die Notwendigkeit einer „friedlichen Ordnung in Europa“: Hierzu sei es nötig, Russland im „gemeinsamen europäischen Haus“ zu halten. Russland, so Weisskirchen, müsse sich hierzu entscheiden, „ob es ein asiatischer oder europäischer Staat werden will“, sich also von einer unilateralen zu einer multilateralen Politik entwickeln wolle.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 35/2018.

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Europa und das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Marienbader Gespräche 2018

Die jährlichen Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates (SR) befassten sich 2018, geleitet von der ehemaligen Landtagsabgeordneten SR-Generalsekretärin Christa Naaß (SPD), mit grundsätzlichen Fragen der Europa- und Volksgruppenpolitik, indem sie mit ihrem Thema eine Brücke über 100 Jahre europäischer Geschichte spannten und sich mit Problemen auseinandersetzten, die Mitteleuropa seit Ende des Ersten Weltkrieges beschäftigen: „1918-2018 altes Europa – neues Europa. Europa und das Selbstbestimmungsrecht der Völker“.

Mit Rita Hagl-Kehl MdB (SPD) – Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz –, Stephan Mayer MdB (CSU) – Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat – und dem neuen Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung Dr. Bernd Fabritius nahmen gleich drei Vertreter der deutschen Bundesregierung teil. Während Hagl-Kehl grundsätzlich über die aktuelle Situation nach der Regierungsbildung in Deutschland informierte, stellten Mayer und Fabritius konkret die vertriebenenpolitischen Positionen des Koalitionsvertrages sowie die Aufgabenstellung des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten vor.

Bernd Posselt und Christa Naaß

Das Präsidium des Bundes der Vertriebenen war neben Präsident Fabritius und Vizepräsident Mayer bei den Marienbader Gesprächen höchstrangig vertreten durch die Vizepräsidenten Christian Knauer, Albrecht Schläger und Reinfried Vogler, sowie das Präsidiumsmitglied Milan Horáček. Mit der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Iris Ripsam war zudem die Vorsitzende des BdV-Landesverbandes Baden-Württemberg unter den Teilnehmern.

Aktuelle Einblicke in das deutsch-tschechische Verhältnis – das gegenwärtig gerade in europapolitischer Hinsicht Spannungen unterliegt – gaben die Vorträge des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, Dr. Christoph Israng, der Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München, Kristina Larischová, und des Leiters des Sudetendeutschen Büros in Prag, Peter Barton.

Eingeladen hatte der Sudetendeutsche Rat zudem Vertreter der Bayerischen Landtagsfraktionen, um – unter Moderation von Dr. Peter Becher, Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins – mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen über deren jeweilige vertriebenenpolitische Positionen zu sprechen. Hierzu erschienen Hans Ritt MdL (CSU) und Volkmar Halbleib MdL, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion.

Beide gingen einmütig von der unbezweifelbaren Notwendigkeit aus, die Vertriebenenverbände fortgesetzt – zumal als Brückenbauer in den Osten Europas – zu unterstützen und sie vor allem zu einem gelingenden Erinnerungs- und Verantwortungstransfer hin zu jüngeren Generationen zu befähigen. Ergänzt wurden die politischen Vorträge durch unterschiedliche Beiträge aus der deutschen und tschechischen Zivilgesellschaft. Den Auftakt machte Milan Muzikář: Der Direktor des Marienbader Symphonieorchesters berichtete von seinen Bemühungen, sein seit über 100 Jahren bestehendes Ensemble zu erhalten und damit zur Pflege der böhmischen Musiktradition beizutragen. Auf besonderes Interesse stieß der Vortrag von Jaroslav Ostrčilík, der die Entwicklung vom durch ihn initiierten jährlichen Brünner Versöhnungsmarsch hin zum Festival „Meeting Brno“ nachzeichnete.

Einblick in die gegenwärtige Förderung verständigungspolitischer Maßnahmen gab Kathrin Freier-Maldoner vom Koordinierungszentrum für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch „TANDEM“. Ein zivilgesellschaftliches Graswurzelprojekt stellte der junge Filmemacher und Sozialwissenschaftler Justus Haufe, der gemeinsam mit anderen Altersgenossen aus Deutschland und Tschechien unter dem Titel „Supernova 2017 – Heimat!“ ein Videoprojekt in Böhmen realisiert hatte, vor. Dieses bot den Teilnehmern die Möglichkeit, über die Bedeutung von „Heimat“ zu reflektieren und in Austausch zu treten.

Mit dem „Prager Frühling 1968“ rief der Historiker Jan Šícha dem Publikum ein zeithistorisches Ereignis in Erinnerung, das mit seinen Folgen eine ganze politische Generation nachhaltig geprägt hat: Mit Milan Horáček und dem sozialdemokratischen Europaparlamentarier Libor Rouček waren zwei prominente Dissidenten, die im Schatten des Prager Frühlings politisch aktiv wurden, persönlich anwesend. Über „Bayern und Böhmen – Gemeinsamkeiten durch die Geschichte“ sprach der historische Publizist Bernd Rill.

Die Morgenandacht am Sonntag befasste sich, gehalten vom Verfasser dieses Beitrages, – ausgehend von der Geschichte des Zöllners Zachäus – mit den Herausforderungen der säkularen Gesellschaft in Deutschland und Tschechien. In seinem abschließenden Vortrag „100 Jahre 1918: Selbstbestimmung für ganz Europa“ forderte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und ehemalige Europaabgeordnete, Bernd Posselt, als Lehre aus der Geschichte des Nationalismus im zurückliegenden Jahrhundert weiter den Weg hin zu einem vereinten Europa mit starken Volksgruppenrechten zu beschreiten: „Wenn wir Europäer uns zersplittern, ist keiner von uns souverän.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 4/2018.
Kurzfassung erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.

Die Kulturträger unterstützen

Fünf Fragen an Egon Primal MdL

Im November 2017 wurde Egon Primas in der Nachfolge von Helmut Sauer zum Bundesvorsitzenden der „Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU (OMV) – Union der Vertriebenen und Flüchtlinge“ gewählt. Im Interview spricht er über die aktuellen Herausforderungen der Vertriebenenpolitik zwischen Kulturerhalt und Verständigungspolitik.

Herr Primas, seit Ende vergangenen Jahres stehen Sie der OMV vor. Welche zentralen Fragen müssen für Sie von einer zukunftsorientierten Vertriebenenpolitik beantwortet werden?

Egon Primas MdL als Festredner bei der Frühjahrstagung 2018 der Landsmannschaft Westpreußen.

Es gibt unterschiedliche Herausforderungen, denen sich die Vertriebenen und ihre Verbände organisatorisch und politisch stellen müssen. Herausforderungen, denen sich auch eine Politik stellen sollte, der die Anliegen dieser Gruppen am Herzen liegen. Dazu zählen unter anderem: der Erinnerungs- und Verantwortungstransfer in unseren Verbänden, aber auch im Hinblick auf die gesamte Gesellschaft, die Bewahrung des materiellen und immateriellen Kulturerbes durch die Kulturträger, die grenzüberschreitende Verständigung – also unser Brückenbau für eine gemeinsame Zukunft in Europa – sowie damit zusammenhängend die wichtige Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und vielleicht sogar zu einer Identität, die sich grenzüberschreitend kulturell bestimmt.

Sehen Sie denn in der breiten Gesellschaft ein ernstzunehmendes Interesse, diese Anliegen der Vertriebenen zu unterstützen – etwa hinsichtlich des Erinnerungstransfers?

Lange Zeit wurden die von den Vertriebenen und ihren Verbänden vertretenen Anliegen an den Rand gedrängt und von einigen Parteien in eine bestimmte Ecke gestellt. In der ehemaligen DDR durfte nicht über Flucht und Vertreibung und über die Ostgebiete gesprochen werden. Erst in den letzten Jahren hat sich dies geändert. Mit entscheidend dafür war unser eigener Einsatz. Gerne erinnere ich an die Rede des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck beim ersten deutschlandweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni 2015 in Berlin. In bemerkenswerter Klarheit hat er zum Ausdruck gebracht, dass Flucht und Vertreibung am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg prägende Ereignisse für die Identität aller Deutschen waren. Und doch hat sich die Gesellschaft dem lange verschlossen – vor dem Hintergrund der Verbrechen der Nationalsozialisten. Damit trägt aber unsere gesamte Gesellschaft gemeinschaftlich Verantwortung dafür, an dieses Leid zu erinnern – auch an die verlorene Heimat und ihre Geschichte – und die mitgebrachte wie die zurückgelassene Kultur zu erhalten.

Welche Rolle werden die Organisationen und Institutionen der Vertriebenen selbst hierbei zukünftig spielen?

Zwar gilt hier die gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Aber denken wir daran: Wir sind doch die Kulturträger – gemeinsam mit den Deutschen, die noch heute in der Heimat leben und sich vor Ort um Sprache, Brauchtum und Architektur sorgen. Ohne die immense Bedeutung von Museen und Archiven – also die Konservierung von Geschichte – oder den Erkenntnisgewinn durch wissenschaftliche Aufarbeitung von Geschichte und Kultur kleinreden zu wollen: Das wichtigste Ziel muss es doch sein, die Kulturträger selbst – beiderseits der Grenzen – in ihrer eigenen, vielseitigen Arbeit und in der Schaffung neuer Kulturleistungen zu unterstützen.

Ist hierzu der politische Wille vorhanden?

Die OMV setzt sich im Kulturerhalt für ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Politik und Verbänden ein. Es gibt hier durchaus positive Signale und Entwicklungen: Die Förderungssituation hat sich seit den dramatischen Einschnitten unter Rot-Grün sehr verbessert. Bernd Neumann, selbst Westpreuße, und Monika Grütters haben unsere Anliegen als Kulturstaatsminister stets aufgeschlossen begleitet. Sie sind jedoch ein Stück weit an die Strukturen gebunden, die von Rot-Grün zwischen 1998 und 2005 geschaffen wurden. Der aktuelle Koalitionsvertrag oder die neue Regierungskonzeption im Bereich der Vertriebenenkulturarbeit zeigen aber den gewünschten partnerschaftlichen Ansatz und die Wertschätzung unserer eigenen Institutionen – auch mit den deutschen Volksgruppen. Darauf gilt es aufzubauen.

Inwieweit kann – gerade in diesen Tagen – durch lebendige Kulturarbeit auch ein Beitrag zum europäischen Zusammenhalt geleistet werden?

Eine lebendige Kulturarbeit eröffnet die Möglichkeit einer offenen Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und zur Möglichkeit grenzüberschreitender Kulturidentitäten. Unsere politische Situation macht es notwendig, viel intensiver über diese Klammer „Heimat“ nachzudenken – darüber, was Heimat für uns in Deutschland eigentlich bedeutet. Viele Vertriebene und Spätaussiedler beteiligen sich schon jetzt an einer solchen Debatte und steuern eigene, sehr interessante Gedanken dazu bei. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius etwa – jetzt auch Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten – hat den Ausspruch geprägt: „Heimat ist mehr als ein geografischer Ort“. In diesem Sinne ist es unter dem gemeinsamen Dach Europas weniger wichtig, welche Staatsbürgerschaft man hat oder wo man lebt. Für eine selbst empfundene Identität, etwa als Westpreuße, kann man genauso gut in Elbing wie in Warendorf zu Hause sein. „Europa“ ist hier der entscheidende Begriff. Denn wenn Heimat letztlich mehr sein mag als ein geografischer Ort, so bleibt sie doch immer auch ein geografischer Ort. Um der Heimat begegnen zu können, um die Kulturregion besuchen zu können, der man sich heimatlich verbunden fühlt, brauchen wir ein freies, ein offenes Europa ohne Grenzen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.

Jede entgegenstehende nationale Vorschrift unangewendet lassen

Die Konsequenzen der EuGH-Rechtsprechung für Staatskirchenrecht und Kirchen.

Von Tilman Asmus Fischer

Am 31. Mai hat der Generalanwalt beim Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) Melchior Wathelet im Rechtsstreit um den entlassenen Chefarzt einer katholischen Klinik in Düsseldorf Stellung bezogen: Die Kündigung des katholischen Mediziners, der nach einer Scheidung neu geheiratet hatte, widerspreche dem Verbot religiöser Diskriminierung. Eine wesentliche und gerechtfertigte berufliche Anforderung konnte Wathelet in der Erwartung, dass ein katholischer Chefarzt den heiligen und unauflöslichen Charakter der Ehe im Sinne des katholischen Lehramtes beachte, nicht erkennen. Der Generalanwalt betont in seinem Schlussgutachten, ein nationales Gericht sei „verpflichtet, im Rahmen seiner Befugnisse den dem Einzelnen aus dem allgemeinen Verbot der Diskriminierung wegen der Religion erwachsenden Rechtsschutz zu gewährleisten und für die volle Wirksamkeit dieses Verbots zu sorgen, indem es erforderlichenfalls jede entgegenstehende nationale Vorschrift unangewendet lässt“.

Mit dieser Forderung stellt sich der Wathelet in eine Linie mit dem vielbeachteten EuGH-Urteil vom 17. April dieses Jahres. Im Falle der Vera Egenberger, die dagegen geklagt hatte, als Konfessionslose von den Bewerbern für eine befristete Referentenstelle beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung ausgeschlossen worden zu sein, hatte der EuGH entschieden: Zwar sei ein Gericht nicht befugt, über das Ethos an sich zu entscheiden, welches einer beruflichen Anforderung zugrunde liege. Jedoch müsse im Einzelfall von Gerichten kontrolliert werden können, ob die Religion „nach der Art der betreffenden Tätigkeiten oder den vorgesehenen Umständen ihrer Ausübung eine wesentliche, rechtmäßige und gerechtfertigte berufliche Anforderung angesichts des Ethos“ einer Kirche oder anderen Organisation sei.

Demnach haben die Kirchen künftig anhand transparenter Kriterien für den Einzelfall zu plausibilisieren, dass eine entsprechende Anforderung notwendig und objektiv geboten ist. Laut Urteil habe die Anforderung zudem „mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit im Einklang“ zu stehen. Lehramtliche Referenzen für eine entsprechende Kriteriologie gibt es genug, etwa die Enzyklika Deus caritas est (2005). Hier formuliert Papst Benedikt XVI.: „Der Mitarbeiter jeder katholischen karitativen Organisation will mit der Kirche und daher mit dem Bischof dafür arbeiten, daß sich die Liebe Gottes in der Welt ausbreitet. Er will durch sein Teilnehmen am Liebestun der Kirche Zeuge Gottes und Christi sein und gerade darum absichtslos den Menschen Gutes tun.“

Das Urteil vom 17. April hat Konsequenzen: in grundsätzlicher europa- und arbeitsrechtlicher Hinsicht, für das deutsche Staatskirchenrecht und für die Praxis der Kirchen als Arbeitgeber. Diese drei Aspekte beleuchteten Ende Mai in einem Fachgespräch der Katholischen Akademie in Berlin – moderiert von Professor Dr. Ansgar Hense, Direktor des Instituts für Staatskirchenrecht der Diözesen Deutschlands – Uta Losem vom Kommissariat der deutschen Bischöfe und Professor Dr. Matthias Ruffert, Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Europarecht an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort wie gegenüber der „Tagespost“ erläuterten sie die juristischen und praktischen Folgen der jüngsten EuGH-Rechtsprechung.

Die zentrale arbeits- und europarechtliche Frage stellt sich für Matthias Ruffert mit Blick auf Artikel 17, Absatz 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV). Dieser garantiert: „Die Union achtet den Status, den Kirchen und religiöse Vereinigungen oder Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften genießen, und beeinträchtigt ihn nicht.“ Angesichts des Urteils stellt Ruffert fest: „Der EuGH misst Artikel 17 AEUV keine wirkliche Bedeutung bei, obwohl es sich um eine Bestimmung des europäischen Verfassungsrechts bzw. Primärrechts handelt.“ Demgegenüber gewichte der EuGH das Verbot von Diskriminierungen, das sich auch in der Grundrechtecharta findet, sehr hoch. „Man muss sich jedoch fragen“, gibt Ruffert zu bedenken, „ob dieses im Europarecht insgesamt eine derart hohe Bedeutung hat – jedenfalls in Fällen, die sich aus gewachsenen, rechtsstaatlich akzeptierten Strukturen des mitgliedstaatlichen Rechts entwickelt haben.“ Alles in allem beobachte er die Tendenz, dass sich der EuGH – ursprünglich mit zentralen Fragen der europäischen Integration betraut – zunehmend „als europäisches Antidiskriminierungsgericht“ verstehe.

Für den Kontext des deutschen Staatskirchenrechts werden alle kirchliche Ebenen wieder über die Formulierung stabiler Verhaltenserwartungen an die im kirchlichen Dienst Tätigen nachdenken müssen. Ansgar Hense erläutert: „Dies ist ein – wenngleich von außen kommender – Anlass zur Selbstreflexion. Es ist erneut die Frage aufzuwerfen: ‚Was wollen wir, was ist uns wirklich wichtig?’ Kirchliche Dokumente wie etwa das Motu Proprio über den Dienst der Liebe Papst Benedikts XVI. bieten beachtliche Hinweise zur Profilierung katholischer Einrichtungsidentität bis hin zum auch thematisierten ‚Arbeitsrecht’. Ungeachtet der noch zu erwartenden Judikate lohnt sich ein grundsätzlichen Nachdenken über Neujustierungen des kirchlichen Arbeitsrechts, wie es gegenwärtig unter dem Label vom personen- zum institutionenorientierten Verständnis diskutiert wird.“

Wie wird es weitergehen? – Uta Losem weist darauf hin, dass man angesichts der neuesten EuGH-Rechtsprechung noch nicht in eine „pessimistische Grundhaltung“ verfallen muss. Die „erhöhten Begründungsanforderungen“ seien von der Kirche und den kirchlichen Arbeitgebern nun zu erfüllen und so das christliche Ethos und die daraus folgenden Grundsätze zu erläutern. Dabei gelte es, dafür zu sorgen, „dass die Bedeutung des Transzendenzgedanken deutlich wird“ – geht dieser doch über ein allgemeines ethischen Leitbild hinaus, dem sich auch Menschen eines anderen Bekenntnisses oder ohne Bekenntnis anschließen könnten. Denn für die Arbeitsrechtsspezialistin steht fest: Etwa der auf einen transzendenten Gott gerichtete Zuspruch am Kranken- oder Sterbebett ist keine Frage einer Leitbildverpflichtung.

Beitrag für www.die-tagespost.de (Die Tagespost -Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur), 5. Juni 2018.

Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen

Eine Wanderausstellung erinnert an das Zeugnis von Franz Stock.

Von Tilman Asmus Fischer

Warum erinnert eine evangelische Innenstadtkirche in Berlin an das Zeugnis eines katholischen Priesters in der Zeit des Nationalismus? So zeigt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche bis zum 29. April eine vom Franz-Stock-Komitee Deutschland kuratierte Wanderausstellung über „Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“.

Es war im Sommer 2014, als Pfarrer Martin Germer kunsthistorische Recherchen über die Geschichte der Fassade der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nach Chartres führten. Dort hatte der Glasmaler Gabriel Loire die Fenster der Glaswände geschaffen, die das Erscheinungsbild der neuen Gedächtniskirche prägen. In Chartres wurde Germer auf das Wirken des Paderborner Diözesanpriesters Franz Stock aufmerksam, der von 1945 bis 1947 in einem Kriegsgefangenenlager nahe Chartres ein „Priesterseminar hinter Stacheldraht“ leitete, in dem etwa 900 deutsche Kriegsgefangene von deutschen und französischen Theologen unterrichtet wurden. „Schon damals war mir klar: Hierzu müssen wir in Berlin etwas machen“, erinnert er sich.

Für die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die der Nagelkreuz-Gemeinschaft von Coventry angehört, ist Stock über seine Zeit in Chartres hinaus von Bedeutung, hebt Germer hervor. Denn bereits seit den 1920er Jahren war Stock – entgegen den Zeichen der Zeit – für Brüderlichkeit zwischen Deutschen und Franzosen eingetreten. Initial für dieses Engagement war die Teilnahme an einem internationalen Jugendtreffen für den Frieden 1926 in Frankreich. Gerade ein Jahr nach der nationalsozialistischen Macht-übernahme war er als geistlicher Leiter der deutschen Gemeinde nach Paris entsandt worden. Dort intensivierte er nicht nur seine Kontakte zu Frankreich, sondern nahm sich auch der deutschen Dissidenten an, die nach Frankreich geflohen waren. Nachdem er kriegsbedingt hatte nach Deutschland zurückkehren müssen, konnte Stock nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht in seine Gemeinde zurückkehren. Zusätzlich wurde er Feldprediger im Nebenamt.

Die Zugehörigkeit zur katholischen Militärseelsorge ermöglichte es ihm, in den Gefängnissen der Wehrmacht inhaftierte Geiseln und Resistance-Kämpfer seelsorgerlich und – unter Inkaufnahme eines enormen persönlichen Risikos – auch praktisch zu unterstützen. Sein Dienst an den Gefangenen beinhaltete auch, fast Tausend von ihnen bis zu ihrer Hinrichtung zu begleiten. „Die Seelsorge an den vielen, die er in den Tod begleitete, geht über das hinaus, was Menschen leisten können“, sagt Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin. Eine Seligsprechung, wie sie seit 2009 vom Erzbistum Paderborn, dem Heimatbistum Stocks, angestrebt wird, würde „diesen Dienst ebenso ehren, wie seinen Einsatz für das ,Priesterseminar hinter Stacheldraht‘.“

An die Lebensstationen von Franz Stock erinnern in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun einzelne – reich bebilderte – Schautafeln. Ergänzt werden sie in Berlin durch weitere Ausstellungsstücke, die neben der Zeit Stocks als Feldgeistlicher auch sein künstlerisches und literarisches Schaffen beleuchten. So beteiligt sich das Archiv des Katholischen Militärbischofs in Berlin mit einzelnen Ausstellungsstücken, die an den Arbeitsalltag der Militärseelsorger erinnern – darunter etwa liturgische Gegenstände aus einem „Feldtornister der Wehrmacht für Feldseelsorge“.

Über dem Altar der Kapelle ist während der Zeit der Ausstellung eine von Stock gemalte Pieta zu sehen, welche die Szene der Kreuzabnahme in ein Gefangenenlager verlegt. Sind im Hintergrund die Türme der Kathedrale von Chartres zu erkennen, erinnert der Stamm des Kreuzes erschreckend an die Pfähle, an denen die von Stock betreuten Häftlinge zur Zeit der Besatzung erschossen worden waren. Weitere Repliken von Gemälden Stocks vermitteln einen Eindruck von den Empfindungen – und der festen Glaubenstreue – des Geistlichen. Zwei Originalausgaben erinnern ferner daran, dass Stock nicht nur als Priester zwischen Deutschen und Franzosen vermittelte. Vielmehr verfasste und veröffentlichte er auch einschlägige Schriften – neben dem selbstillustrierten Buch „Die Bretagne. Ein Erlebnis“ auch eine historische Abhandlung über „Die ersten deutschen Buchdrucker in Paris um 1500“.

Lutz Nehk ist der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche „sehr dankbar, dass sie die Ausstellung nach Berlin geholt hat“. Zwar genieße die Person Franz Stock im deutschsprachigen Katholizismus eine hohe Bekanntheit, anders als im Erzbistum Paderborn gebe es in Berlin jedoch keine eigene Tradition des Stock-Gedenkens: „Daher hatten wir katholischerseits in Berlin die Ausstellung überhaupt nicht im Blick.“ Jedoch sei es eine große Bereicherung, das Leben von Franz Stock vorgestellt zu bekommen – das Leben eines Menschen, der „in Zeiten deutscher Verbrechen viel Gutes getan hat“.

Daher erkennt Nehk in Stocks Zeugnis ein „Signal für unsere Zeit“: Auch wenn heutige Lebenssituationen nicht mit denjenigen im Nationalsozialismus vergleichbar seien, bestehe auch heute für Christen der Auftrag, sich in allen Lagen für ihre Nächsten einzusetzen – „hierin ist Franz Stock Vorbild und Ermutigung“.

„Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“, Bis 29. April 2018, Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz, Berlin-Charlottenburg), täglich 13–19 Uhr.
Weitere Informationen – auch über Begleitveranstaltungen und Führungen unter: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de

Erschienen am 12. April 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Mauern und Menschen

Ein historischer Blick auf ein aktuelles Phänomen

Tilman Asmus Fischer

Mit seiner «Kulturgeschichte» der Mauern trifft Tobias Prüwer den Nerv der Zeit. Quer durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte und unter Berücksichtigung unterschiedlicher Kulturkreise spürt der Philosoph und Journalist den Funktionen nach, welche die Mauern erfüllten und erfüllen: von der Urbarmachung von Feuchtgebieten über Stadt- und Grenzbefestigung bis hin zum modernen Staudamm.

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Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 6. April 2018.

Den Geist der Unrechtsdekrete beseitigen

Auf ein Wort

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen e. V.

Auch in diesem Jahr wird der Bund der Vertriebenen im September den Tag der Heimat begehen. 2018 steht er unter Leitwort: „Unrechtsdekrete beseitigen – Europa zusammenführen“! Beide Forderungen sind ebenso wichtig wie aktuell.

Bei dem politischen Reizwort „Unrechtsdekrete“ denkt man zunächst an die Beneš-Dekrete, welche die Verbrechen während der Vertreibung der Sudetendeutschen legitimierten. Entsprechende Unrechtserlasse gab es auch im Nachkriegspolen und den von ihm verwalteten Oder-Neiße-Gebieten. Hier waren es die Bierut-Dekrete, welche die Entrechtung und Enteignung der Deutschen legitimierten. Während wesentliche polnische Verfügungen inzwischen aufgehoben sind – seit 1985 etwa das faktische Enteignungsgesetz „über das verlassene und aufgegebene Vermögen“ – haben die tschechischen Unrechtsdekrete bis heute ihre formale Geltung nicht verloren.

Was sagt uns dieser Vergleich? – Dass die Forderung „Unrechtsdekrete beseitigen“ vor allem heißen sollte: Die Ideologie, die hinter den Unrechtsdekreten steht, aus den Köpfen der Menschen zu beseitigen! Denn ob nun in Tschechien die Beneš-Dekrete noch in Kraft oder die Bierut-Dekrete in Polen teils aufgehoben sind – in beiden Staaten vergiftet der nationalistische Geist, der einst diese Erlasse schrieb und nun in der politischen Rechten um Václav Klaus oder Jarosław Kaczyński fortlebt, bis heute das geistige Klima und das Verhältnis zu Deutschland sowie den deutschen Vertriebenen.

Wenn gegen die bestehende Gültigkeit der Beneš-Dekrete protestiert wird, geht es daher heute weniger um die Durchsetzung deutscher Rechtspositionen als vielmehr darum – hierauf hat der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, wiederholt hingewiesen –, dass mehr und mehr Tschechen das historische Unrecht als solches begreifen, von sich aus auf eine Aufhebung der Unrechtsdekrete drängen – und damit den dahinterstehenden nationalistischen Geist überwinden. Kritische Köpfe der tschechischen Öffentlichkeit haben längst erkannt, dass es hierbei nicht nur um eine Frage des tschechisch-(sudeten)deutschen Verhältnisses, sondern um die moralischen Fundamente der eigenen politischen Kultur und Gesellschaft geht.

Hierzu können die deutschen Vertriebenen Wesentliches beitragen, indem sie den östlichen Nachbarländern weiterhin die Hand reichen und zugleich auf die Anerkennung des an ihnen begangenen Unrechts bestehen. Und dies ist im Verhältnis zu Polen ebenso geboten wie in demjenigen zu Tschechien – ob die Unrechtsdekrete nun formal bestehen oder nicht: Ihren Geist zu überwinden muss Ziel aller bewussten Europäer sein – jenseits der Oder ebenso wie jenseits der Eger.

Genau an dieser Stelle berührt die erste Forderung des Leitwortes die zweite: „Europa zusammenführen“! Denn wie soll ein Europa wachsen und gedeihen, das mehr ist als ein bürokratischer Apparat, sondern auf einem gemeinsamen geistig-moralischen Fundament steht, wenn weiterhin in erstarkenden politischen Milieus der Nationalstaaten der Geist der Unrechtsdekrete weht – und auch politische Kräfte in Deutschland dem Beneš-Apologeten Václav Klaus eine Bühne bieten?

Erschienen in: Der Westpreuße – Landsmannschaftliche Nachrichten 2/2018.