Politik für die Eine Welt

In dieser Serie stellt „die Kirche“ sozial politische, umwelt-, friedenspolitische und religionspolitische Positionen der wichtigsten Parteien vor, die sich am 24. September zur Bundestagswahl stellen. Im zweiten Teil geht es um die Standpunkte zu Migration, Entwicklung und Eine-Welt-Politik

Von Tilman Asmus Fischer

Alle wichtigen Parteien stellen sich in ihren Programmen der Frage, wie Migration gestaltet werden kann; es geht nicht mehr nur darum zu reagieren. Dabei folgt die Union sowohl programmatisch als auch bei konkreten Lösungsvorschlägen dem offiziellen Kurs der Bundeskanzlerin: „Menschen in Not helfen, Migration steuern und reduzieren, abgelehnte Bewerber konsequent zurückführen“. Hiervon unterscheidet sich das Programm des aktuellen Koalitionspartners SPD nicht wesentlich.

Dagegen geht die Partei Die Linke in Opposition zur gegenwärtigen Flüchtlingspolitik und fordert, dass Einwanderung dereguliert wird – von der Abschaffung des „Frontex“-Programms über die Absenkung der Hürden für den Familiennachzug bis hin zum Ende für Residenzpflicht und Wohnsitzauflagen.

Auch Bündnis 90/Die Grünen stehen für eine liberalere Asyl- und Migrationspolitik, setzen jedoch weniger auf einen Bruch mit bisherigen Strukturen als auf Reformen. Die EU solle im übrigen mehr Verantwortung übernehmen.

Eine stärkere Europäisierung der Flüchtlingspolitik will auch die FDP. Zu ihren Reformvorschlägen gehört, dass „Asylanträge auch bereits im Ausland“ gestellt werden können – und dass für besonders gefährdete Personen ein „Visum aus humanitären Gründen“ vergeben wird. Die AfD bleibt im Wahlprogramm ihrer bekannten Linie in der Migrationspolitik – bis hin zur Forderung nach einer „Minuseinwanderung“ – treu und spart auch nicht mit verbaler Aufrüstung, wenn sie den „Kulturkampf zwischen Abendland und Islam“ heraufbeschwört.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Mit dem gestiegenen Migrationsdruck an den europäischen Außengrenzen wird Entwicklungspolitik –
vor allem mit Blick auf Afrika – immer wichtiger: Für die SPD sind Ausbau der Entwicklungszusammenarbeit und Stärkung des UN-Flüchtlingshilfswerks Voraussetzungen für die Bekämpfung der Fluchtursachen. Die Union fordert für Afrika einen „Marshall-Plan“. Die Grünen verbinden ein Förderkonzept mit der Forderung nach einem „Grünen Zukunftspakt mit den Ländern in Afrika“.

Profitieren soll Afrika auch von einem „Kompensationsfonds für die Folgen von Klimawandel und Kolonialismus“, wie ihn Die Linke auf Ebene der Vereinten Nationen schaffen will. Die FDP verzichtet in der Entwicklungspolitik auf konkrete finanzielle Versprechen; die Partei setzt „auf Qualität statt auf Quantität“ und fordert mehr Kooperation mit Partnern aus der Privatwirtschaft. Für die AfD ist die bisherige Entwicklungspolitik gescheitert: Sie wünscht sich einen „grundsätzlichen Strategiewechsel“, womit sie die Forderung verbindet, dass „deutschen Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen Rechnung“ zu tragen sei.

Neben sozialen Verwerfungen zeigen die gegenwärtigen Migrationsbewegungen, dass bisherige Anstrengungen zur Friedenssicherung weithin gescheitert sind. Was ist zu tun? Alle Parteien setzen auf den Vorrang des Zivilen, wenn es darum geht, künftig Konflikte zu beheben und zu vermeiden.

Strittig ist die innerhalb der Nato vereinbarte Erhöhung des Wehretats auf zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) bis 2024: Die Union steht hinter diesem Vorhaben.

Eine Steigerung in diesem Umfang sieht die SPD hingegen als unnötig und unrealistisch an. Anstelle einer einseitigen Erhöhung deutscher Rüstungsinvestitionen favorisieren die Grünen eine abgestimmte innereuropäische Rüstungspolitik. Auf „europäische Synergien“ setzt auch die Rüstungspolitik der FDP, die jedoch zugleich den Wehretat anheben möchte. Für Die Linke ist diese Frage grundsätzlich unbedeutend, da sie die Nato per se „auflösen“ möchte. Ferner ist sie die einzige Partei, die Auslandseinsätze der Bundeswehr kategorisch ablehnt. Für eine starke Nato – jedoch als „reines Verteidigungsbündnis“ – tritt die AfD ein.

Mit einem ganzheitlichen christlichen Blick ist Friedenssicherung immer auch mit dem Einsatz für eine intakte Umwelt verbunden. Abgesehen von der AfD bekennen sich alle Parteien zum Pariser Klima-Abkommen.

Darüber hinaus fordert die Union zur Sicherung von Tierschutz-Standards die „Einführung eines neuen staatlichen Tierwohllabels“. Den Klimaschutz-Zielen des Pariser Abkommens möchte die SPD durch ein „nationales Klimaschutzgesetz“ zusätzliche Bedeutung geben. Ein solches Gesetz fordert auch Die Linke.

In der Verkehrspolitik wollen die Grünen den „straßenlastigen“ Bundesverkehrswegeplan durch einen „Bundesnetzplan“ ersetzen: „Erhalt vor Neubau, Schiene vor Straße, mehr Geld für Radwege.“ Charakteristisch für die Liberalen ist das Vertrauen in marktwirtschaftliche Anreize, die Umweltpolitik effektiver organisieren könne als gesetzliche Regulierung.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 37/2017.

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Fluchtursachen im Blick

Die Stellungnahme zum Friedensgutachten 2016 legt den Finger in die Wunde

Von Tilman Asmus Fischer

Seit 1987 wird jährlich das „Friedensgutachten“ von führenden deutschen Friedensforschungsinstituten herausgegeben. Stets nimmt es aktuelle Krisen und globale Probleme in den Blick – aber nur selten wird es damit Themen aufgegriffen haben, die wie im Jahre 2016 Fragen berühren, die derart kontrovers in der breiten Öffentlichkeit in Deutschland diskutiert werden: Es geht um Fluchtursachen und ihre (sicherheits)politischen Konsequenzen.

Wie bereits in den Vorjahren ist den wissenschaftlichen Aufsätzen eine Stellungnahme der Herausgeber vorangestellt – und diese legt mit ihren Analysen und Empfehlungen den Finger in die Wunden der Politik. Zunächst identifiziert die Stellungnahme Ursachen für gegenwärtige Fluchtbewegungen – wobei Flucht vor Krieg und Verfolgung sowie Auswanderung wegen ökonomischer Krisensituationen unterschieden werden. Mit Blick auf die zweite Gruppe fordern die Verfasser eine gerechte Welthandelsordnung und kritisieren die sich durch neoliberale Reformen bereichernden wirtschaftlichen Eliten. Mit Blick auf die Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen bestärkt die Stellungnahme die Forderung, das „robuste Peacekeeping“ unter UNO-Führung zu stärken. Wenn andererseits „das Debakel der westlichen Militärinterventionen“ angeprangert und für Deutschland eine „unabhängige Evaluierung der militärischen und zivilen Interventionen der letzten Jahre, keine Selbstevaluierung der Bundesregierung“, gefordert wird, wäre eine differenziertere Reflexion konstruktiver: Wie zielführend ist der pauschale Begriff des „Westlichen“? Und wie soll konkret eine wirklich unabhängige Evaluierung aussehen?

Im zweiten Kapitel der Stellungnahme wird das Problemfeld „Kriege und Staatszerfall“ anhand von Syrien, Libyen, Tunesien und Afghanistan vertieft und drei Forderungen aufgestellt, die zwar altbekannt sind, aber vielleicht nicht oft genug wiederholt werden: Erstens, dass – unter Beteiligung der Entwicklungshilfe – in Krisengebieten „gerechte und partizipative Gesellschaftsstrukturen“ geschaffen werden. Zweitens, dass die Friedenspolitik an den Kriterien der Langfristigkeit und Prävention ausgerichtet wird. Drittens, dass Waffenlieferungen in Krisengebiete eingestellt werden – wobei für Deutschland an ein „Rüstungsexportgesetz“ gedacht wird. Bemerkenswerter Weise akzentuiert die Stellungnahme hinsichtlich Syrien einen Aspekt, der im öffentlichen Diskurs meist fehlt: die Schaffung von Anreizen „für eine Reintegration rückkehrwilliger Flüchtlinge“ durch politische Stabilisierung nach einem Ende des Buürgerkrieges.

Abschließend wenden sich die Herausgeber dem gegenwärtigen Handeln der Europäischen Union zu und fordern ein gemeinsames Vorgehen anstelle nationaler Alleingänge und das Nachdenken über – bisher vielleicht unkonventionell erscheinende – Lösungsversuche: „Warum etwa soll es nicht möglich sein, im Tausch gegen eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge in Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit spezielle Investitionsprogramme aufzulegen und zumindest vorübergehend höhere Haushaltsdefizite zu akzeptieren?“ Wenn sich die Stellungnahme auch hinsichtlich Integration und Einwanderung in Deutschland außerhalb ihrer Kernthemen bewegt und dabei deutlich an Tiefgang verliert, bietet sie doch auch hier Bedenkenswertes zu aktuellen Fragen. Dies gilt vor allem für die differenzierte Einschützung des Abkommens mit der Türkei: Menschenrechtliche Bedenken kommen hier ebenso zur Sprache wie die Perspektive, dass der Deal „für weitere europäische Lösungen“ die Tür öffnen kann. Dass diese dringend nötig sind, macht das Friedensgutachten deutlich.

Die herausgebenden Friedensforschungsinstitute sind: das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, das Bonn International Center for Conversion, die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft und das Institut für Entwicklung und Frieden.

Informationen zum Friedensgutachten: http://www.friedensgutachten.de

Margret Johannsen u. a. (Hrsg.): Friedens- gutachten 2016, Berlin 2016, 290 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-643-13370-0

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 31/2016.

Wie wollen und wie können wir leben?

Mit einer neuen Studie mahnt „Brot für die Welt“ die Verantwortung von global agierenden Unternehmen gegenüber Umwelt und sozialen Standards an. Die Organisation fordert die Weiterentwicklung der Weltwirtschaft in Richtung einer „Postwachstumsgesellschaft“, einer funktionierenden Gesellschaft, die sich durch einen geringeren Ressourcenverbrauch auszeichnet und nicht am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts orientiert ist. Dodo zu Knyphausen-Aufseß, Professor für Strategische Führung und Globales Management an der Technischen Universität Berlin, macht im Gespräch mit Tilman Asmus Fischer deutlich, dass es vor allem auf ein Umdenken der Verantwortungsträger ankommt.

Herr Professor zu Knyphausen-Aufseß, Unternehmen tragen Verantwortung für die Produktionsbedingungen, auch die ihrer Zulieferer. Diese will „Brot für die Welt“ stärker kontrolliert sehen. Welche Möglichkeiten hat etwa ein Automobilunternehmen, um nachzuprüfen, unter welchen Bedingungen weltweite Zulieferer produzieren?

Die Zulieferer haben ein Interesse daran, mit mir als Kunden ein Geschäft zu machen. Ich kann ihnen vorgeben, was sie mir zeigen müssen. Dazu kann gehören, dass ich sehen möchte, dass sie wiederum ihre Zulieferer überprüfen.

Können Sie in der Industrie eine stärkere Durchsetzung entsprechender Standards beobachten?

Prof. Dr. Dodo zu Knyphausen-Aufseß (Foto: promo)

In der Studie „Mein Auto, mein Kleid, mein Hähnchen. Wer zahlt den Preis für unseren grenzenlosen Konsum?“ wird unter anderem Volkswagen kritisiert. In deren Standards stehen heute unternehmensethische Anforderungen, die man sich vor zehn Jahren noch nicht hätte vorstellen können, beispielsweise im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen, die von Lieferanten erfüllt werden müssen, um mit Volkswagen ins Geschäft zu kommen. Insofern kann man einen allmählichen Lernprozess beobachten.

Wie kann dieser Lernprozess unterstützt werden?

In der Regel hofft man, dass Unternehmen ihn von sich aus vollziehen. Wenn sie es tatsächlich nicht tun, wird man über Regulierungen nachdenken müssen – über staatliche Vorgaben beispielsweise im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsberichterstattungspflicht. Seit 2014 gibt es eine EU-Richtlinie, die bis Dezember 2016 in nationales Recht umzusetzen ist. Oder auch im Hinblick auf Einzelnormen wie etwa zulässige CO2-Emissionswerte. Hierbei ist sicherlich Augenmaß gefordert. Denn wir können nicht mit Sicherheit absehen, welche ungewollten Konsequenzen welche Regulierung nach sich zieht. Dafür ist die globalisierte Wirtschaft zu unübersichtlich.

Was bedeutet diese Unübersichtlichkeit für die Beantwortung wirtschaftsethischer Fragen? Neoliberale ebenso wie Globalisierungskritiker suggerieren uns eindeutige Antworten.

Das sind in der Regel Positionen, die aus den jeweiligen Überzeugungen erwachsen und in politische Auseinandersetzungen hineingetragen werden. Aber am Ende des Tages weiß niemand, ob die angenommenen Entwicklungen oder Befürchtungen tatsächlich eintreten. Wir leben in einer komplexen Welt und wissen nicht, wie unser Handeln sich genau auswirkt. Zum Beispiel, wenn ich auf bestimmte Produkte verzichte. Als Individuum kann ich das nicht abschätzen, aber ich kann für mich Schwerpunkte setzen und hoffen, dass ich das „Jüngste Gericht“ überstehe.

Das sagen Sie als Wirtschaftswissenschaftler. Was können Sie Ihren Studierenden dann überhaupt für ein verantwortungsvolles Handeln in der Wirtschaft mitgeben?

Wichtig ist kritisches und multiperspektivisches Denken, so dass sie in der Lage sind, Dinge in Frage zu stellen und eigene Positionen zu entwickeln. Als Hochschullehrer kommt es auch auf die Haltung an. Ich erfülle eine Vorbildfunktion, da folge ich der Aristotelischen Tugendethik. Wenn die Betriebswirte nicht wissen, wie eine „Postwachstumsgesellschaft“ aussehen soll, muss es für mich als Wissenschaftler darum gehen, diese Ideen weiterzuentwickeln – und hierzu meine Studierenden anzuhalten.

Geschieht das?

Unser wissenschaftsinterner Diskurs geht leider viel zu langsam voran. Die These von der Postwachstumsgesellschaft ist in aller Munde, aber sie spielt in der akademischen Volkswirtschaftslehre im Grunde keine Rolle. Man formuliert schöne mathematische Modelle und schreibt auf dieser Grundlage Artikel, die man in tollen Zeitschriften veröffentlicht. Wir sind so daran gewöhnt, in Wachstumskategorien zu denken, dass es uns wahnsinnig schwer fällt, uns umzustellen. Mir dauert das viel zu lange. Und wir Betriebswirte müssen erst recht noch viel lernen; ich glaube, wir haben noch wenig Verständnis davon, was Unternehmensführung und Management in einer Postwachstumsgesellschaft bedeuten.

Was tut dann Not?

Ich wünschte mir, dass wir endlich bereit sind, unsere Welt neu zu denken. Schauen Sie sich die Debatte um die Ölpreisentwicklung an: Es ist doch am Ende egal, ob wir für 50 oder 100 Jahre Ölreserven haben. Es bleibt dabei, dass wir in kurzer Zeit diese Ressource verbrauchen. Wir müssen uns immer wieder neu über politische Fraktionen hinweg die Frage stellen: Wie wollen wir leben und wie können wir leben, wenn wir uns verantwortlich gegenüber unseren Mitmenschen, der Umwelt und der Nachwelt verhalten wollen?

Die Studie „Mein Auto, mein Kleid, mein Hähnchen. Wer zahlt den Preis für unseren grenzenlosen Konsum?“ erschien anlässlich der anstehenden Entscheidung der Bundesregierung über einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der internationalen Standards zur Unternehmensverantwortung. Sie finden sie online unter: http://bfdw.de/wsk16pdf

Foto: Prof. Dr. Dodo zu Knyphausen-Aufseß (promo)

Unter anderem Titel erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 11/2016.

Blick in die Zukunft mit großer Sorge

Die Diakonie Katastrophenhilfe warnt vor einer Gewaltspirale. Hilfseinrichtungen werden gezielt angegriffen

Von Tilman Asmus Fischer

So desillusionierend wie das am 4. Juni in der Evangelischen Akademie präsentierte Friedensgutachten sind die neuesten Verlautbarungen der Diakonie zur Lage der humanitären Hilfe. „Wir blicken mit großer Sorge in die Zukunft“, erklärte Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, am 11. Juli bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung der Jahresbilanz 2013. „Weltweit haben bewaffnete Konflikte an Zahl und Brutalität zugenommen – beispielsweise im Irak und in Syrien –, aber auch in der zentralafrikanischen Republik, im Südsudan, Mali und Nigeria.“

So sei es in vielen Krisengebieten – etwa nach starken Regenfällen – ohnehin „logistisch schwer“, zu den Opfern zu gelangen und Hilfe zu leisten. Zudem sei nun vielerorts die „Sicherheitslage extrem schwierig“, so Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Im Südsudan würden gezielt humanitäre Einrichtungen angegriffen – fatal, da das Land kurz vor einer Hungerkatastrophe steht.

Mit Blick auf die Entwicklungen in Syrien und Irak stellt sich verstärkt die Frage, ob christliche Hilfsorganisationen hier unter einem besonderen Risiko arbeiten. Die Vorstellung, im arabischen Raum würden „Christen und christliche Hilfswerke in besonderer Weise verfolgt“, weist Füllkrug-Weitzel jedoch zurück. In der Zerstörung schiitischer Grabmäler durch den selbsternannten „Islamischen Staat“ ISIS im Irak sieht sie einen Beleg dafür, dass „jedwede Form religiöser Abweichung“ zum Ziel der Extremisten werde. Dementsprechend würden nicht nur christliche Helfer, sondern auch andere nichtchristliche Partner, mit denen man zusammenarbeite, angegriffen. Insgesamt profitiert die Diakonie Katastrophenhilfe in den Augen ihrer Präsidentin davon, dass sie strikt bemüht sei um „bedarfsgerechte Hilfe“, ohne Ansehen der religiösen Zugehörigkeit der Opfer: Dies schaffe Akzeptanz vor Ort für ihr Werk sowie für das internationale Netzwerk „Act Alliance“, dem die Katastrophenhilfe angehört.

Neben den verheerenden Folgen für die betroffenen Menschen sieht Füllkrug-Weitzel auch die Auswirkungen des Isis-Terrors auf die Staatengemeinschaft problematisch: Hier sei „eine Art Gewaltreflex“ ausgelöst worden und das „mühsam gewachsene Bewusstsein für ein notwendiges Primat der Eindämmung von Gewalt und friedlicher Konfliktlösung wird im Nu über Bord geworfen“. In diesem Kontext wertet sie die aktuellen Überlegungen einer deutschen Aufrüstung mit Drohnen als „Indiz für einen Bedeutungsverlust des Wertes der Humanität und des humanitären Völkerrechts“.

Der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesregierung, Prälat Martin Dutzmann, war zu seiner Zeit als evangelischer Militärbischof nicht unbedingt als vehementer Drohnen-Gegner in Erscheinung getreten. Als Antwort auf die Frage, welche Erwartungen sie an seinen Nachfolger, Sigurd Rink, und andere kirchliche Würdenträger habe, verwies Füllkrug-Weitzel auf ihren engen Dialog mit führenden Kirchenvertretern: Man gehe „gemeinsam in die Richtung, sehr viel stärker Maßnahmen der Konfliktprävention auszubauen“. Zudem arbeite die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung auf eine restriktivere Rüstungspolitik hin.

Dass auch innerhalb der EKD über diese Themen diskutiert werden muss, zeigen die jüngsten Äußerungen von Sigurd Rink zu den Forderungen, wonach sich die Bundesrepublik außenpolitisch stärker engagieren müsse: Er werbe dafür, „wegzukommen von einem deutschen Sonderweg. Gerade angesichts seiner mitunter verheerenden Sonderrolle im vergangenen Jahrhundert muss Deutschland sich fragen lassen, wie es seine Verantwortung in der Europäischen Union und der Nato in internationalen Zusammenhängen am besten wahrnehmen kann“, so Rink gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.

Eine intensive Neuausrichtung der internationalen Konfliktprävention scheint schon daher notwendig, da die Hilfswerke ihre Folgen nicht alleine bewältigen können – denn, so beschreibt Füllkrug-Weitzel die traurige Tendenz: „Menschen spenden nach Naturkatastrophen, sie spenden nicht für die Opfer von Kriegen und Flüchtlinge.“

Erschienen in: Die Kirche. Evangelische Wochenzeitung 29/2014.

Eine Aufgabe für alle

Jeder achte Mensch auf der Welt geht abends hungrig schlafen. Das sind fast 850 Millionen Frauen, Kinder und Männer. Ein immer häufigerer Grund: Menschen können sich nicht mehr selbst ernähren, weil ihnen fruchtbares Land oder Saatgut fehlt – große Konzerne dagegen brauchen immer mehr Böden für Energiepflanzen, Massentierhaltung oder Monokulturen. Mit dem Thema beschäftigte sich im November die EKD-Synode in Düsseldorf und rief in der Kundgebung „Es ist genug für alle da – Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft“ dazu auf, alles zu tun, um den Hunger in der Welt bis 2030 zu überwinden. Unter dem Motto „Land zum Leben – Grund zur Hoffnung“ rückt nun „Brot für die Welt“ diese Thematik in den Fokus. Am 1. Advent wird die 55. Aktion mit einem feierlichen Gottesdienst eröffnet. Aus diesem Anlass sprach Tilman A. Fischer mit Diakoniepräsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel.

Welternährung und nachhaltige Landwirtschaft waren die Schwerpunktthemen der diesjährigen EKD-Synode. Welche Bedeutung hat die beschlossene Kundgebung für Brot für die Welt?

Die von der Synode in breitem Konsens – bei nur einer Gegenstimme – verabschiedete Kundgebung zur Welternährungsfrage stärkt uns den Rücken in unserem Kampf gegen den Hunger, den wir gemeinsam mit Partnerorganisationen in aller Welt führen. Die Synode hat nach intensiven Beratungen bekräftigt: Es geht nicht um Almosen, sondern um das Menschenrecht auf Nahrung. Mit unseren Programmen helfen wir den Hungernden im Süden, dieses Recht durchzusetzen. Und dass es mehr im Zentrum der Handels-, Agrar- und Entwicklungspolitik stehen soll, fordern wir seit Jahren. Dabei stoßen wir jedoch auf viele Widerstände.
Die Synode hat als neue Herausforderungen für die Welternährung auch den Klimawandel und die verschärfte Landnutzungskonkurrenz zwischen Teller, Tank und Tonne angesprochen. Das ist uns – und möge es allen Gemeinden sein – Ansporn, unseren politischen Einsatz für effektiven Klimaschutz und für eine Wende zu einer nachhaltigen Agrarentwicklung in Nord und Süd zu verstärken.

Welcher praktische Beitrag kann aus der Kirche heraus geleistet werden, um die postulierten Ziele zu erreichen?

Die Empfehlungen, die die Kirche an sich selbst richtet – vor allem was eine nachhaltige und faire Beschaffung von Lebensmitteln in Diakonie und Kirche und die Neuorientierung der Vergabepraxis für kirchliches Pachtland anbelangt – werden wir weiter umsetzen helfen. Gern unterstützen wir die Gemeinden und Leitungsorgane der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und ihrer Diakonie dabei, das für sich zu konkretisieren.

Am Ersten Advent eröffnen Sie die 55. Aktion „Brot für die Welt“. Ihre katholischen Partner von Adveniat befürchten auf Grund der Limburger Vorkommnisse Spendenrückgänge. Kann sich die Causa Tebartz-van Elst kurz vor Weihnachten auch negativ auf nicht-katholische kirchliche Hilfswerke auswirken?

Spenden ist Vertrauenssache. Dennoch – oder gerade deswegen sollte es selbstverständlich sein, höchstmögliche Transparenz über die Finanzen und größtmögliche Rechenschaftspflicht gegenüber den Trägern, also in unserem Fall allen evangelischen Kirchen, den Gemeinden und Spendenden und der Öffentlichkeit gegenüber walten zu lassen. Das tun wir: Über die Vergabe unserer Mittel entscheiden Repräsentanten von Kirche und Diakonie sowie Experten mit, unsere Finanzen werden regelmäßig geprüft, unsere Mittelverwendung und Transparenzstandards stehen beim Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen hoch im Kurs.
Bislang spüren wir bei Brot für die Welt jedenfalls keine Auswirkungen und erwarten dies auch in nächster Zeit nicht. Ob und wie lange die allgemeine Öffentlichkeit allerdings katholisch und evangelisch, Bistümer und Hilfswerke noch auseinanderzuhalten vermag, fragt sich. Sinkt das Ansehen einer kirchlichen Institution, sehen sich Kritiker der Kirche im Recht. Dem entgegenzuwirken, ist eine Aufgabe für uns alle in der Kirche.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 48, 1. Dezember 2013.