Richtig streiten in der Kirche

Am 27. April hielt Bischof Dr. Markus Dröge auf der religionspolitischen Tagung der SPD-Bundestagsfraktion einen Vortrag zum Thema „Richtig streiten in der Kirche“. Im Interview spricht er über den Beitrag der Kirchen zu einer gelingenden Diskussionskultur.

Herr Bischof Dröge, in Deutschland verschärft sich der öffentliche Diskurs. Hat dies Auswirkungen auf die Kirche?

Dröge: Die gesellschaftliche Situation wirkt sich bis in die Gemeinden hinein aus, sodass auch rechtspopulistische Positionen vertreten werden. Und da kommt es in unserer Kirche darauf an, in den Gemeinden Räume zu schaffen, in denen man über die Probleme der Menschen sprechen kann, ohne die oft ausgrenzenden und menschenfeindlichen Lösungsvorschläge des Rechtspopulismus zu übernehmen.

Kann die Kirche hiermit zu einer neuen Form der gesellschaftlichen Debatten beitragen?

Bischof Dr. Markus Dröge
(Foto: Philipp Hahn)

Dröge: Wir müssen innerhalb der Kirche unsere sachgerechte Diskurs- und auch Streitkultur – Streit um den besten Weg – aufrechterhalten. Hierfür steht unsere Synodenkultur. Aber wir müssen auch in die Gesellschaft hineinwirken, so gut wir es können, und dazu beitragen, dass der Zusammenhalt weiterhin gelingt und Probleme im demokratischen Diskurs vernünftig behandelt werden.

Was sind für Sie zentrale Regeln eines gelungenen Streites – in Synode oder Politik?

Dröge: Es muss unterschieden werden zwischen der Person und dem, was eine Person vertritt und tut; in theologischer Sprache: zwischen Person und Werk. Es mag sein, dass ich in einer Diskussion völlig entsetzt bin über die Meinung meines Nächsten, aber ich darf nicht völlig entsetzt sein über die Person. Als Person ist er genau wie ich ein anerkanntes Kind Gottes mit seiner Würde und seinen Rechten und seinem Gewissen.

Welche Konsequenzen hat diese Unterscheidung für die alltägliche Debattenkultur in der Kirche?

Dröge: Wenn ein Kirchenmitglied auch Mitglied der AfD ist, ist das kein Grund, ihn auszuschließen. Es ist nur ein Grund ihn oder sie auszuschließen, wenn er oder sie selbst menschenfeindliche Äußerungen tätigt – etwa einzelne Gruppen von Menschen prinzipiell herabwürdigt. Wenn jemand politische Auffassungen vertritt, die auch innerhalb der AfD vertreten werden, dann ist dies ein Grund, sich mit ihm sachlich auseinanderzusetzen.

Wie werden unterschiedliche Gemeinden der Herausforderung gerecht, entsprechende Spannungen auszuhalten?

Dröge: Es gibt erste soziologische Untersuchungen, die zeigen: Eine Gemeinde, die es gewohnt ist, offen unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, ist kaum anfällig für Rechtspopulismus – egal ob sie eher liberal oder konservativ ist, ob sie theologisch eher evangelikal oder von der Befreiungstheologie geprägt ist. Aber immer da, wo in einer Gemeinde eine Main­stream-Meinung unhinterfragt vertreten wird, da gibt es eher Affinität für rechtspopulistisches Gedankengut.

Reizworte gegenwärtiger Debatten sind »Heimat« und »Identität« – welche inhaltlichen Angebote kann die Kirche hierzu machen?

Dröge: Wir haben als in der Fläche präsente Organisation wie wenig andere die Chance, dazu beizutragen, dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht – aber nicht eines, das davon lebt, alle Fremden als Feinde zu sehen. Es geht um ein Heimatgefühl, mit dem man seine Heimat liebt, aber die Herausforderungen gemeinsam angeht und auch die Neubürger mit in diese Aufgabe hineinnimmt.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

In ähnlicher Form erschienen in: Glaube und Heimat – Mitteldeutsche Kirchenzeitung 19/2018.

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Vertriebene als Akteure auf Augenhöhe

Fünf Fragen an Axel Müller MdB

Seit vergangenem Jahr gehört Axel Müller (Weingarten / Baden-Württemberg) für die CDU dem Deutschen Bundestag an. Unlängst ernannte ihn seine Fraktion zum Berichterstatter für Spätaussiedler, nationale Minderheiten, Vertriebenenangelegenheiten, Hilfen für deutsche Minderheiten im Ausland, verständigungspolitische Maßnahmen und Kriegsfolgenrecht. Im Interview spricht er über vertriebenenpolitische Gesichtspunkte seines politischen Engagements und des neuen Koalitionsvertrages.

Im Bundestagswahlkampf 2017 war „Heimat“ ein zentrales Schlagwort Ihrer Kampagne. Was bedeutet „Heimat“ für Sie persönlich?

Heimat ist für mich nicht unbedingt der Geburtsort, aber der Ort, an dem ich mich kulturell, sprachlich und gesellschaftlich sowie landschaftlich zuhause fühle. Es ist der Ort, an dem sich das Gefühl einstellt, hier gehöre ich her, hier will ich bleiben.

Seit Ihrem Einzug in den Bundestag sind Sie Mitglied der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der Unionsfraktion und nun auch deren Berichterstatter für dieses Arbeitsfeld. Was war Ihre Motivation, sich als gebürtiger Schwabe ohne familiären Vertriebenenhintergrund für diejenigen einzusetzen, die infolge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren haben bzw. nach Deutschland aussiedelten?

Axel Müller MdB (r.) im Gespräch mit Tilman A. Fischer. (Foto: Büro MdB Axel Müller)

Das hängt mit einem Schlüsselerlebnis in meiner Jugend zusammen. Ein Freund meines Vaters war Wolga-Deutscher, der zu Beginn des zweiten Weltkriegs zur Wehrmacht eingezogen wurde und am Ende des Krieges in russische Gefangenschaft kam. Er konnte bei seiner Entlassung aus der Gefangenschaft nicht sagen, wer er war und woher er kam, sonst wäre er hingerichtet worden. Seine Familie war zwischenzeitlich nach Kasachstan verschleppt worden. Er kehrte nach Deutschland zurück und lebte hier bis zum Fall des Eisernen Vorhanges. Nach fast 40 Jahren sah er zum ersten Mal seine Geschwister und Verwandten wieder. Als sein Bruder sagte, dass er sich nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion „daheim“ fühle, wurde mir bewusst, was diese Menschen erlebt haben, welche Schicksale dahinter stehen, und mir war klar, dass es sich lohnt, sich für sie und ihre Interessen einzusetzen. Daher habe ich mich für diese Berichterstattung beworben.

Wo sehen Sie – nach Ihren ersten Erfahrungen mit der Thematik auf bundespolitischer Ebene und persönlichen Begegnungen etwa mit Bernard Gaida – die größten Herausforderungen in der Vertriebenen- und Volksgruppenpolitik?

Bekanntlich sollte man ja nicht in der Vergangenheit schwelgen, sondern im Hier und Jetzt leben und der Zukunft zugewandt sein. Das bedeutet aber nicht, dass man die eigene Herkunft und die Tradition deswegen vergisst. Dazu gehören insbesondere auch die Kultur und das Erinnern an die Geschichte. Die unmittelbaren Zeitzeugen werden weniger. Die Nachkommen haben sich häufig den Gegebenheiten der Länder, in denen sie leben, angepasst, und im Alltag geht schnell der Blick für das Vergangene verloren. Daher ist es wichtig, die Brücke von der Geschichte zur Gegenwart zu schlagen. Damit die Tradition, insbesondere aber auch die deutsche Sprache, in den ehemaligen Ostgebieten weiterlebt und das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät.
Ein in die Zukunft weisender Beitrag dazu ist es sicherlich auch, wenn die Organisationen der Vertriebenen und der Volksgruppen in den Heimatgebieten zukünftig noch stärker als Akteure auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Dass der Schwerpunkt ihrer Wahrnehmung bisher eher der einer Zielgruppe staatlich finanzierter Verständigungspolitik und Kulturpolitik war, ist aus der Geschichte zu begründen, aber nicht zukunftsfest.

Welches Potenzial bietet der Koalitionsvertrag der Großen Koalition für die Bewältigung dieser Herausforderungen?

Die besondere Förderung der Kultur der noch in den ehemaligen Ostgebieten lebenden Deutschen und ihrer Nachkommen bringt der Koalitionsvertrag deutlich zum Ausdruck. Auch soll bei uns dem durch entsprechende Einrichtungen ausreichend Rechnung getragen werden.
Eine praktische Frage für die hier lebenden Spätaussiedler sind die Anpassungen ihrer Renten. Der schon einmal von Bayern gemachte Vorstoß sollte weiterverfolgt werden: Er zielte darauf ab, die für Spätaussiedler geltenden rentenrechtlichen Vorgaben neu zu bewerten, um ihr spezifisches Altersarmutsrisiko abzumildern. Hierfür könnte in Erwägung gezogen werden, Rentenzahlungen aus dem Herkunftsland für die Erschwernisse bei der Geltendmachung im Ausland nur zum Teil auf die deutsche Rente anzurechnen. Wenngleich das vom Koalitionsvertrag nicht unbedingt so gedeckt ist, würde es doch soziale Gerechtigkeit schaffen und einen Ausgleich für die besondere Lebensleistung der Aussiedler und Übersiedler geben. Dafür will ich mich einsetzen.

Wie schätzen Sie die Einsatzbereitschaft Ihrer eigenen Fraktion, aber vor allem auch Ihres Koalitionspartners ein, die angestrebten Ziele umzusetzen – bzw. die Bereitschaft der Oppositionsfraktionen, sich in die Bearbeitung dieser Fragen gleichfalls konstruktiv einzubringen?

Bei der CDU/CSU-Fraktion besteht nach meiner Einschätzung große Bereitschaft, derartige Dinge umzusetzen. Bei unserem Koalitionspartner müssen wir dafür intensiv werben. Ich denke aber, dass wir über die von der SPD stark in den Mittelpunkt gerückte Debatte um soziale Gerechtigkeit auch für diese Form des sozialen Ausgleichs auf Verständnis stoßen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2018.

Den Geist der Unrechtsdekrete beseitigen

Auf ein Wort

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen e. V.

Auch in diesem Jahr wird der Bund der Vertriebenen im September den Tag der Heimat begehen. 2018 steht er unter Leitwort: „Unrechtsdekrete beseitigen – Europa zusammenführen“! Beide Forderungen sind ebenso wichtig wie aktuell.

Bei dem politischen Reizwort „Unrechtsdekrete“ denkt man zunächst an die Beneš-Dekrete, welche die Verbrechen während der Vertreibung der Sudetendeutschen legitimierten. Entsprechende Unrechtserlasse gab es auch im Nachkriegspolen und den von ihm verwalteten Oder-Neiße-Gebieten. Hier waren es die Bierut-Dekrete, welche die Entrechtung und Enteignung der Deutschen legitimierten. Während wesentliche polnische Verfügungen inzwischen aufgehoben sind – seit 1985 etwa das faktische Enteignungsgesetz „über das verlassene und aufgegebene Vermögen“ – haben die tschechischen Unrechtsdekrete bis heute ihre formale Geltung nicht verloren.

Was sagt uns dieser Vergleich? – Dass die Forderung „Unrechtsdekrete beseitigen“ vor allem heißen sollte: Die Ideologie, die hinter den Unrechtsdekreten steht, aus den Köpfen der Menschen zu beseitigen! Denn ob nun in Tschechien die Beneš-Dekrete noch in Kraft oder die Bierut-Dekrete in Polen teils aufgehoben sind – in beiden Staaten vergiftet der nationalistische Geist, der einst diese Erlasse schrieb und nun in der politischen Rechten um Václav Klaus oder Jarosław Kaczyński fortlebt, bis heute das geistige Klima und das Verhältnis zu Deutschland sowie den deutschen Vertriebenen.

Wenn gegen die bestehende Gültigkeit der Beneš-Dekrete protestiert wird, geht es daher heute weniger um die Durchsetzung deutscher Rechtspositionen als vielmehr darum – hierauf hat der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, wiederholt hingewiesen –, dass mehr und mehr Tschechen das historische Unrecht als solches begreifen, von sich aus auf eine Aufhebung der Unrechtsdekrete drängen – und damit den dahinterstehenden nationalistischen Geist überwinden. Kritische Köpfe der tschechischen Öffentlichkeit haben längst erkannt, dass es hierbei nicht nur um eine Frage des tschechisch-(sudeten)deutschen Verhältnisses, sondern um die moralischen Fundamente der eigenen politischen Kultur und Gesellschaft geht.

Hierzu können die deutschen Vertriebenen Wesentliches beitragen, indem sie den östlichen Nachbarländern weiterhin die Hand reichen und zugleich auf die Anerkennung des an ihnen begangenen Unrechts bestehen. Und dies ist im Verhältnis zu Polen ebenso geboten wie in demjenigen zu Tschechien – ob die Unrechtsdekrete nun formal bestehen oder nicht: Ihren Geist zu überwinden muss Ziel aller bewussten Europäer sein – jenseits der Oder ebenso wie jenseits der Eger.

Genau an dieser Stelle berührt die erste Forderung des Leitwortes die zweite: „Europa zusammenführen“! Denn wie soll ein Europa wachsen und gedeihen, das mehr ist als ein bürokratischer Apparat, sondern auf einem gemeinsamen geistig-moralischen Fundament steht, wenn weiterhin in erstarkenden politischen Milieus der Nationalstaaten der Geist der Unrechtsdekrete weht – und auch politische Kräfte in Deutschland dem Beneš-Apologeten Václav Klaus eine Bühne bieten?

Erschienen in: Der Westpreuße – Landsmannschaftliche Nachrichten 2/2018.

Was ist Heimat? Was ist Identität?

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk zieht eine persönliche Bilanz zur deutschen Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik

Von Tilman Asmus Fischer

„Da ist unsre Heimat, diese Dinge / bleiben in den Tiefen unserer Seele / Fest und innig mit uns selbst verwachsen, / dass sie nichts vermag von uns zu scheiden; / Selber sind wir alle jene Dinge.“ Worte des Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler stellt Hartmut Koschyk seinem gerade erschienenen Buch „Heimat – Identität – Glaube“ voran. Die Zeilen bringen eine Sensibilität für die Tiefendimension der Begriffe „Heimat“ und „Identität“ zum Ausdruck, die der Politiker Koschyk mit dem Dichter Spitteler teilt.

Eben diese Sensibilität trägt dazu bei, dass das Buch am Ende mehr darstellt, als eine Bilanz deutscher Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik, die der langjährige Bundestagsabgeordnete am Ende seiner Amtszeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (2012–2017) vorgelegt hat. Zwar lässt sich das Werk auch als kundige Überblicksdarstellung zu diesen Themenbereichen lesen. So beginnt der Verfasser etwa mit einem einführenden Kapitel über „Heimat – Nation – Staat im 18. und 19. Jahrhundert“, dem ein gleichermaßen grundsätzlicher Abschnitt über „Die deutschen Heimatvertriebenen im Kontext deutscher und europäischer Teilung und Einheit“ folgt.

Zugleich trägt das Buch jedoch die erkennbare Handschrift eines Menschen, der – als Kind oberschlesischer Heimatvertriebener – von den verhandelten historischen und politischen Fragen selbst unmittelbar persönlich betroffen ist. Zudem schärft der bekennende Katholik Koschyk mit seinem Buch den Blick für die Rolle von Glaube und Kirche für Integration und Identitätspflege sowohl der deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa als auch der ethnischen Minderheiten in Deutschland. Damit ist das Buch gerade für eine kirchliche Leserschaft von großem Interesse.

Auch wenn den Fragen der Vertriebenen, Aussiedler und Minderheiten im politischen Alltag heutzutage eine eher randständige Bedeutung zukommt, gelingt es Koschyk, zu verdeutlichen, dass die einschlägigen Sachverhalte Problemstellungen berühren, die von grundsätzlicher Bedeutung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt sind: „Heimat, Identität und Glaube helfen den Menschen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern und ihnen selbstbewusst zu begegnen.“

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik, EOS, Sankt Ottilien 2018, 464 Seiten, 19,95 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 9/2018.

Heimat – Identität – Glaube

Hartmut Koschyk legt Rechenschaft ab – und die ungarische Botschaft lud in Berlin zur Buchvorstellung

Nach 27-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag hat Hartmut Koschyk im vergangenen Jahr seine hauptamtliche Tätigkeit in der Bundespolitik beendet. Aus diesem Anlass hat der CSU-Politiker ganz persönlich Rechenschaft abgelegt: über sein Wirken in den vergangenen Jahrzehnten – sowie über Grundfragen und leitende Motive dieses Engagements.

Hartmut Koschyk bei der Buchvorstellung in Berlin
(Foto: Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland)

„Heimat – Identität – Glaube“ – unter diese drei Begriffe hat Koschyk sein frisch erschienenes Buch gestellt, das am 29. Januar auf Einladung von Botschafter Dr. Peter Györkös in der Ungarischen Botschaft in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auf 464 Seiten bietet die Monographie mehr als einen grundlegenden Beitrag über „Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“, wie es der Untertitel ankündigt; vielmehr formuliert Hartmut Koschyk aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in der Vertriebenen-, Aussiedler- und Volksgruppenpolitik zugleich weiter ausgreifende Grundeinsichten in die Struktur des politischen Raums und legt ein Bekenntnis ab für eine wertegebundene Politik, die sich den drei Leitbegriffen des Buchtitels verpflichtet sieht.

Dabei „schimmert“ zudem „die Liebe zu den Menschen“ durch, denen Koschyks Engagement – wie der reformierte Theologe und ungarische Minister für Humanressourcen Zoltán Balog in seiner Festrede erklärte – stets gegolten hat. Und so erscheint es nur angemessen, dass drei Repräsentanten der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in die ungarische Botschaft gekommen waren, um den Autor und sein Buch zu würdigen: der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, sowie der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida.

Alle Redner hoben aus der je eigenen Perspektive die zentrale Bedeutung des Glaubens im Zusammenhang mit „Heimat“ und „Identität“ hervor: In der Nachkriegszeit, so hielt etwa der studierte katholische Theologe Bernard Gaida fest, habe der Glaube geholfen, „Leid zu ertragen“, während er heute den Weg zur Aussöhnung eröffne. Bernd Posselt warnte eindringlich vor der Gefahr, dass Glaube lediglich zur „Requisite der Identität werde“; demgegenüber gehe der Glaube nicht in Traditionspflege auf, sondern müsse Salz und Sauerteig Europas bleiben. So könne etwa das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, als nachhaltige Begründung für den Minderheitenschutz gelesen werden.

Hartmut Koschyk selbst nutzte seine abschließenden Dankesworte, um drei konkrete Forderungen für die Weiterentwicklung der Minderheitenpolitik zu formulieren: Während er die angehenden Koalitionsfraktionen an das Versprechen erinnerte, ein Expertengremium für Fragen des Antiziganismus zu schaffen, forderte er die anwesenden Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Europäischen Bürgerinitiative „Minority SafePack“ auf. Für die zukünftige Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten regte er schließlich an, diesen Aufgabenbereich „inhaltlich und organisatorisch“ noch zu erweitern.

Tilman Asmus Fischer

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik. EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2018. Paperback, 464 S., ISBN 978-3-8306-7881-6, € 19,95.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

Der lange Schatten des Ersten Weltkrieges

Fünf Fragen an General a. D. Wolfgang Schneiderhan

1918 – vor 100 Jahren – endete der Erste Weltkrieg; dieses Ereignis markiert eine historische Zäsur, deren Folgen bis heute nachwirken. Wolfgang Schneiderhan, von 2002 bis 2009 Generalinspekteur der Bundeswehr und seit 2017 Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, spricht im Interview über die Gegenwartsbedeutung des Ersten Weltkrieges.

Herr Schneiderhan, 1918 steht nicht nur für den Waffenstillstand vom 11. November. Vielmehr hat 1918 für viele Regionen kein Ende der Kampfhandlungen, für einige sogar neue Gewalteskalationen bedeutet; hinzu kommt der Zerfall der großen europäischen Vielvölkerstaaten. Woran genau können und sollten wir daher 2018 erinnern?

Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
(Foto: Uwe Zucchi)

Wir sollten erinnern, wie wichtig Versöhnung ist. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Zweite Weltkrieg eine Wiederholung des Ersten ist, wie viele Historiker sagen, aber er hat seine Wurzeln dort. Auch die mangelnde Bereitschaft zum Erkennen und Eingestehen der eigenen Schuld trug dazu bei. „Das rechte Ende des Vierjahreskrieges wäre ein föderiertes Europa gewesen, denn er hatte das Prinzip autonomer National- und Machtstaaten in Europa ad absurdum geführt“, schrieb Golo Mann in der ZEIT schon 1964 (!).
Wir wissen, was stattdessen geschah. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich fast alle einig, dass dies „Nie wieder!“ geschehen darf. Deswegen müssen wir 2018 daran erinnern, wohin nationalistisches Denken, Vorurteile und Verachtung, Neid und Hass führen.

Es stellt sich auch die Frage nach dem Wert des Erinnerns für die gegenwärtige Politik: Wie prägen die Folgen des Ersten Weltkrieges die heutige sicherheits- und geopolitische Gesamtlage, mit der Sie als früherer Generalinspekteur wie kaum ein anderer vertraut sind?

Die Unruhen und gewaltsamen Konflikte im arabischen Raum sind unter anderem auch Folgen der willkürlichen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die aktuellen Spannungen mit der russischen Föderation und einigen osteuropäischen Ländern sind letztendlich auch Folgen des Ersten Weltkrieges, auch die Situation der baltischen Staaten (die sich von Russland bedroht fühlen). An Polen kann man die Auswirkungen gut sehen. Das Land war bis Ende des Ersten Weltkrieges unter den damaligen Großmächten Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland aufgeteilt und in die jeweiligen Staatsgebiete eingegliedert. Das führte zu der Situation, dass polnische Soldaten gegeneinander kämpfen mussten. Erst mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der einstigen Großmächte gelang es Polen, die Autonomie zu erlangen und einen Staat zu gründen. Deshalb spielt der Erste Weltkrieg im Selbstverständnis des polnischen Staats eine große Rolle. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Mehrheit in Polen den Ersten Weltkrieg als die Katastrophe wahrnimmt, die die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg schuf. Trotz des großen Leids, das die Polen erfahren mussten, waren sie bereit zur Versöhnung. Dafür sind wir außerordentlich dankbar. Und die Versöhnung ermöglicht gegenseitiges Verständnis, ermöglicht Zusammenarbeit und vielleicht sogar dann auch Freundschaft.

Vor dem Hintergrund dieser historischen und politischen Dimensionen: Welche Schwerpunkte wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Sie seit vergangenem Jahr vorstehen, gemeinsam mit seinen Partnern im In- und Ausland 2018 setzen?

Unser großes Thema ist das gemeinsame europäische Gedenken. Hier arbeiten wir mit unseren internationalen Partnern zusammen. Dabei ist die Bandbreite sehr groß – um nur einiges zu nennen: Wir schreiben einen deutsch-französischen Comicwettbewerb für Jugendliche aus, wir werden vom 11. bis 18. November eine internationale Gedenkwoche veranstalten, und unsere Landes- und Bezirksverbände planen und realisieren viele verschiedene Gedenkprojekte.

Wie fügt sich das deutsche Gedenken an Weltkrieg und Kriegsende in die europäische Gedenkkulturen, vor allem diejenigen in Ostmittel- und Osteuropa, ein?

Es ist ein gemeinsames Gedenken. Dazu gehört auch, dass man Unterschiede akzeptiert, aber einen Schwerpunkt auf wichtige Gemeinsamkeiten legt. Das eine: Wir wollen alle in Frieden leben. Und das andere: Wir leben in einem gemeinsamen Haus – in Europa. Da kann man durchaus – wenn ich das Bild bemühen darf – sein Zimmer nach Wunsch einrichten, aber es gibt ein gemeinsames Dach und ein gemeinsames Fundament. Und dazu gehören der Wunsch nach Frieden und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um diesen Frieden zu sichern.

Seit mehreren Jahren beobachten wir, etwa in Polen, neue nationale und nationalistische Bewegungen mit entsprechenden Geschichtspolitiken. Welchen Einfluss nehmen diese auf das dortige Erinnern an 1918?

Dazu kann man spekulieren, aber das möchte ich nicht. Bedenken Sie: Es gab seit Jahrhunderten deutsch-polnische Nachbarschaft, aber auch immer Auseinandersetzungen um Grenzen. Das sind historisch unterschiedliche Erfahrungen. Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 war kein Krieg um Territorien und kein Kampf von Soldaten, sondern Terror gegen das Land und seine Bevölkerung. Zehntausende Angehörige der polnischen Intelligenz wurden ermordet. Die Nationalsozialisten wollten gezielt die polnische Kultur auslöschen. Das ist im deutschen Geschichtsbewusstsein nicht unbedingt fest verankert. Aber wenn wir uns das bewusst machen, müssen wir den Polen sehr dankbar sein, dass sie zur Versöhnung bereit waren und heute freundschaftliche Beziehungen überhaupt möglich sind.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.