Der lange Schatten des Ersten Weltkrieges

Fünf Fragen an General a. D. Wolfgang Schneiderhan

1918 – vor 100 Jahren – endete der Erste Weltkrieg; dieses Ereignis markiert eine historische Zäsur, deren Folgen bis heute nachwirken. Wolfgang Schneiderhan, von 2002 bis 2009 Generalinspekteur der Bundeswehr und seit 2017 Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, spricht im Interview über die Gegenwartsbedeutung des Ersten Weltkrieges.

Herr Schneiderhan, 1918 steht nicht nur für den Waffenstillstand vom 11. November. Vielmehr hat 1918 für viele Regionen kein Ende der Kampfhandlungen, für einige sogar neue Gewalteskalationen bedeutet; hinzu kommt der Zerfall der großen europäischen Vielvölkerstaaten. Woran genau können und sollten wir daher 2018 erinnern?

Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
(Foto: Uwe Zucchi)

Wir sollten erinnern, wie wichtig Versöhnung ist. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Zweite Weltkrieg eine Wiederholung des Ersten ist, wie viele Historiker sagen, aber er hat seine Wurzeln dort. Auch die mangelnde Bereitschaft zum Erkennen und Eingestehen der eigenen Schuld trug dazu bei. „Das rechte Ende des Vierjahreskrieges wäre ein föderiertes Europa gewesen, denn er hatte das Prinzip autonomer National- und Machtstaaten in Europa ad absurdum geführt“, schrieb Golo Mann in der ZEIT schon 1964 (!).
Wir wissen, was stattdessen geschah. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich fast alle einig, dass dies „Nie wieder!“ geschehen darf. Deswegen müssen wir 2018 daran erinnern, wohin nationalistisches Denken, Vorurteile und Verachtung, Neid und Hass führen.

Es stellt sich auch die Frage nach dem Wert des Erinnerns für die gegenwärtige Politik: Wie prägen die Folgen des Ersten Weltkrieges die heutige sicherheits- und geopolitische Gesamtlage, mit der Sie als früherer Generalinspekteur wie kaum ein anderer vertraut sind?

Die Unruhen und gewaltsamen Konflikte im arabischen Raum sind unter anderem auch Folgen der willkürlichen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die aktuellen Spannungen mit der russischen Föderation und einigen osteuropäischen Ländern sind letztendlich auch Folgen des Ersten Weltkrieges, auch die Situation der baltischen Staaten (die sich von Russland bedroht fühlen). An Polen kann man die Auswirkungen gut sehen. Das Land war bis Ende des Ersten Weltkrieges unter den damaligen Großmächten Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland aufgeteilt und in die jeweiligen Staatsgebiete eingegliedert. Das führte zu der Situation, dass polnische Soldaten gegeneinander kämpfen mussten. Erst mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der einstigen Großmächte gelang es Polen, die Autonomie zu erlangen und einen Staat zu gründen. Deshalb spielt der Erste Weltkrieg im Selbstverständnis des polnischen Staats eine große Rolle. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Mehrheit in Polen den Ersten Weltkrieg als die Katastrophe wahrnimmt, die die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg schuf. Trotz des großen Leids, das die Polen erfahren mussten, waren sie bereit zur Versöhnung. Dafür sind wir außerordentlich dankbar. Und die Versöhnung ermöglicht gegenseitiges Verständnis, ermöglicht Zusammenarbeit und vielleicht sogar dann auch Freundschaft.

Vor dem Hintergrund dieser historischen und politischen Dimensionen: Welche Schwerpunkte wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Sie seit vergangenem Jahr vorstehen, gemeinsam mit seinen Partnern im In- und Ausland 2018 setzen?

Unser großes Thema ist das gemeinsame europäische Gedenken. Hier arbeiten wir mit unseren internationalen Partnern zusammen. Dabei ist die Bandbreite sehr groß – um nur einiges zu nennen: Wir schreiben einen deutsch-französischen Comicwettbewerb für Jugendliche aus, wir werden vom 11. bis 18. November eine internationale Gedenkwoche veranstalten, und unsere Landes- und Bezirksverbände planen und realisieren viele verschiedene Gedenkprojekte.

Wie fügt sich das deutsche Gedenken an Weltkrieg und Kriegsende in die europäische Gedenkkulturen, vor allem diejenigen in Ostmittel- und Osteuropa, ein?

Es ist ein gemeinsames Gedenken. Dazu gehört auch, dass man Unterschiede akzeptiert, aber einen Schwerpunkt auf wichtige Gemeinsamkeiten legt. Das eine: Wir wollen alle in Frieden leben. Und das andere: Wir leben in einem gemeinsamen Haus – in Europa. Da kann man durchaus – wenn ich das Bild bemühen darf – sein Zimmer nach Wunsch einrichten, aber es gibt ein gemeinsames Dach und ein gemeinsames Fundament. Und dazu gehören der Wunsch nach Frieden und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um diesen Frieden zu sichern.

Seit mehreren Jahren beobachten wir, etwa in Polen, neue nationale und nationalistische Bewegungen mit entsprechenden Geschichtspolitiken. Welchen Einfluss nehmen diese auf das dortige Erinnern an 1918?

Dazu kann man spekulieren, aber das möchte ich nicht. Bedenken Sie: Es gab seit Jahrhunderten deutsch-polnische Nachbarschaft, aber auch immer Auseinandersetzungen um Grenzen. Das sind historisch unterschiedliche Erfahrungen. Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 war kein Krieg um Territorien und kein Kampf von Soldaten, sondern Terror gegen das Land und seine Bevölkerung. Zehntausende Angehörige der polnischen Intelligenz wurden ermordet. Die Nationalsozialisten wollten gezielt die polnische Kultur auslöschen. Das ist im deutschen Geschichtsbewusstsein nicht unbedingt fest verankert. Aber wenn wir uns das bewusst machen, müssen wir den Polen sehr dankbar sein, dass sie zur Versöhnung bereit waren und heute freundschaftliche Beziehungen überhaupt möglich sind.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

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Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

Einsatz für Erinnerungskultur und Friedensarbeit

Fünf Fragen an Weihbischof Dr. Reinhard Hauke

Im Interview spricht der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, über die bleibende Bedeutung des Erbes von Bischof Carl Maria Splett und gegenwärtige Herausforderungen für die katholische Kirche.

In diesem Monat jährt sich zum 120. Mal der Geburtstag des letzten deutschen Bischofs von Danzig, Carl Maria Splett. Welche Bedeutung hat sein Andenken für Deutschland und Polen?

(Foto: Andreas Sturm)

Bischof Splett hat in seiner Zeit versucht, in der Nachfolge der Apostel zu stehen und den Auftrag Jesu weiterzuführen. Er hatte die Diözese Danzig zu leiten, als die nationalsozialistische Macht versuchte, die Kirche und die Diözese in Polen und Deutsche zu spalten. Bischof Splett hat sich bemüht, diesem Willen zu widerstehen und das Evangelium allen zugänglich zu machen, die in seiner Diözese lebten – Polen und Deutschen.

Sie selbst haben am 4. August 2016 gemeinsam mit dem Adalbertus-Werk Bischofsinsignien Spletts während eines Gottesdienstes als Deposit an das Diözesanarchiv der Erzdiözese Danzig übergeben. Wie haben Sie die Begegnungen zwischen alten und neuen Danzigern empfunden?

Die Begegnung fand in einer herzlichen Atmosphäre statt. Ich hatte bei der Begegnung den Eindruck, dass es auch seitens der heutigen Danziger Katholiken und auch seitens des Bistums eine dankbare Anerkennung für die Übergabe der Insignien gibt, weil damit auch ein Stück Bistumsgeschichte wieder zurückgekehrt ist. Ganz konfliktfrei ist vermutlich die Betrachtung des Faktums, dass es auch bei den Danziger Bischöfen eine Zeit mit deutschen Vertretern gab, nicht. Aber hier bin ich zuversichtlich, dass im Laufe der Zeit diese Betrachtung zunehmend spannungsfreier werden wird.

Gegenwärtig sind die deutsch-polnischen Beziehungen großen Belastungen ausgesetzt. Wie stellt sich Ihrer Einschätzung nach das Stimmungsbild im polnischen Klerus mit Blick auf die grenzübergreifenden Beziehungen dar?

Ich weiß, dass es innerhalb des Klerus in Polen auch Stimmen gibt, die mich verwundern und bei denen ich schon die Frage stellen möchte, ob die sich darin darstellende Auffassung mit dem Evangelium kompatibel ist. Ich bin deshalb noch umso mehr dankbar für die am 8. September 2017 veröffentlichte Erklärung der polnischen Bischöfe aus der Kontaktgruppe zwischen der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz, die vor allem den Versöhnungsgedanken stark macht, der schon nach dem 2. Vatikanischen Konzil durch polnische und deutsche Bischöfe formuliert und gestaltet wurde. Unter anderem kann man dort die folgenden Hinweise der polnischen Bischöfe lesen:
„Nach der Erwähnung der schmerzlichen Momente unserer Geschichte und gemeinsamen Beziehungen haben wir ebenso die Pflicht, uns und andere daran zu erinnern, dass während der dunklen Zeit des Kriegszustandes in Polen das deutsche Volk ganz vorn mit dabei war, auf unterschiedliche Weise sehr konkrete materielle und moralische Unterstützung zu leisten, als sich unser Land am Rande einer humanitären Katastrophe befand.“

Gerade die Vertriebenen haben einen großen Beitrag zur Verständigung in den letzten Jahrzehnten geleistet. Umso größer war 2017 die Verwunderung über die Entscheidung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, das Amt des Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen abzuschaffen. Wie steht es dem gegenüber um die Perspektiven der katholischen Vertriebenenpastoral?

Sieben Jahrzehnte nach Kriegsende sind die Heimatvertriebenen in Deutschland und in das kirchliche Leben gut eingegliedert. Zentrales Anliegen der meisten von ihnen ist neben dem lebendigen Kontakt zur alten Heimat die Bewahrung ihres leidvollen Schicksals und ihres religiös-kulturellen Erbes im kollektiven Gedächtnis des deutschen Volkes wie auch im Bewusstsein der Kirche. Beides ist Teil der deutschen – und damit auch der europäischen – Identität, Kultur, Geschichte und Kirchengeschichte.
Wenn auch 70 Jahre nach Kriegsende die überdiözesane Sonderseelsorge der Visitatoren im Herbst 2016 endete, werden seitdem zur Bewahrung der Traditionen die Erinnerungskultur und Friedensarbeit der katholischen Vertriebenenverbände durch die Deutsche Bischofskonferenz weiter gefördert und zu ihrer Unterstützung ehrenamtlich tätige Verbands-Präsides, Geistliche Beiräte, ernannt. Für die Bistümer gilt gleichwohl, dass eigene Gottesdienste, die in zeitlichen Abständen regelmäßig oder bei besonderen Veranstaltungen angeboten werden, von den Heimatvertriebenen gerne angenommen und besucht werden. Die Sorge um die kirchliche Beheimatung der Spätaussiedler, die nach der politischen Wende 1989/1990 in die Bundesrepublik Deutschland zugewandert sind, ist weiter wichtig. Diese geschieht nach wie vor in ihrem sozialen Nahraum und stellt eine missionarische Herausforderung für die Pfarrgemeinden und Bistümer dar.

In diesem Monat gedenken wir auch des vor fünf Jahren verstorbenen „Speckpaters“ Werenfried van Straaten. Was sagt uns sein Zeugnis noch heute?

Pater Werenfried van Straaten hat, wie auch Bischof Kaller und Weihbischof Kindermann, in Königstein ein Zentrum geschaffen, durch das die Vertriebenen und besonders die Katholiken eine neue Heimat finden konnten. Sowohl die Versorgung mit Lebensmitteln als auch die Sorge um eine gute Seelsorge lagen den drei Geistlichen am Herzen. Dabei ging es sowohl um die konkrete Hilfe am Tag als auch um die Hilfe mit Langzeitwirkung. Beides ist heute in gleicher Weise gefragt. Hier haben wir kein Recht, eine Obergrenze zu denken und zu fordern. Ein Staat darf sich damit natürlich nicht finanziell und politisch ruinieren, aber die derzeitige Herausforderung ist nach meinem Eindruck weit entfernt davon, unser Land in einen finanziellen und politischen Ruin zu bringen. Was mir jedoch auffällt, ist die Tatsache, dass innerhalb und außerhalb von Kirche plötzlich Themen diskutiert werden, die bislang eine untergeordnete Rolle spielten, wie z. B. das Thema Barmherzigkeit und Selbstlosigkeit. Manchmal wünsche ich mir, dass die Hilfsbereitschaft vom Beginn der Flüchtlingswelle wieder auflebt. Aber sobald staatliche Regelungen greifen, lässt der Elan von Eigeninitiativen nach.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

Perspektiven einer Nachbarschaft

Fünf Fragen an Prof. Dr. Dieter Bingen

Prof. Dr. Dieter Bingen
(Foto: Roman Gößer)

Im Dezember 2017 blicken wir auf ein weiteres Jahr zurück, in dem das deutsch-polnische Verhältnis schweren Belastungen ausgesetzt war. Welche Entwicklungsperspektiven haben die bilateralen Beziehungen im kommenden Jahr – unter der PiS-Regierung in Warschau und einer noch zu bildenden Berliner Regierung unter Führung der CDU/CSU? Hierüber spricht im Interview der Direktor des Deutschen Polen-Instituts, Prof. Dr. Dieter Bingen.

Bereits im August dieses Jahres haben Sie in Danzig aus den Händen von Lech Wałęsa die Dankbarkeits-Medaille des Europäischen Solidarność-Zentrums erhalten (DW berichtete). Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung – gerade in einer Zeit zunehmender Spannungen zwischen Berlin und Warschau?

Lech Wałęsa während des Streiks auf der Lenin-Werft im August 1980
(Foto: Giedymin Jabłoński via Wikimedia)

In den 1980er Jahren war es die Freiheitsbewegung Solidarność, auf die ich mit großer Sympathie schaute. Es gab damals außer der großartigen Pakethilfe und Solidarität mit Polen aber auch viel Unverständnis. Dem wollte ich mit Verstehen und Sympathie für die polnische Freiheitsbewegung sowie mit der Vermittlung von Wissen darüber begegnen, dass es in Polen auch indirekt um die Zukunft Deutschlands ging: Für unsere und für eure Freiheit. Dafür von dem Symbol der Freiheitsbewegung, Lech Wałęsa, und in weiterem Sinne von Polen ausgezeichnet zu werden, das hat mich glücklich gemacht – zugleich nachdenklich und traurig, da das auch von Wałęsa symbolisierte freie demokratische, weltoffene und solidarische Polen in der jüngsten Zeit in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Als Politologe und Direktor des Deutschen Polen-Instituts sind Sie wie kaum ein anderer mit den Entwicklungen des deutsch-polnischen Verhältnisses vertraut. Wie bewerten Sie im Rückblick das zurückliegende Jahr? – Haben die Beziehungen ihren Tiefpunkt erreicht, oder kann es 2018 noch schlimmer kommen?

Deutschland und Polen als Partner im Gespräch: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und der ehemalige polnische Ministerpräsident der Republik Polen Donald Tusk im Jahre 2012
(Quelle: EPP via Wikimedia)

Die deutsch-polnischen Beziehungen waren auch in ihren besten Zeiten der letzten zwei Dekaden nie frei von Wahrnehmungs- und Interessenunterschieden, Sachkonflikten. Von unterschiedlichen Interessenlagen war auch die Entwicklung deutsch-französischer Versöhnung geprägt. Tragbare Kompromisse zu finden, ist bis heute der Impetus, um eine gemeinsame Entwicklung in der europäischen Integration zu ermöglichen. Ohne Bonn, später Berlin, und Paris gab und gibt es keinen Fortschritt in Europa. Das Grundverständnis für diesen Mechanismus von Interessenausgleich und prioritären gemeinsamen Zielen ist bei den heute in Polen Regierenden kaum vorhanden. Sie suchen eher innere „Verräter“ und äußere Feinde und sind mit der Kontrolle und Gleichausrichtung der Gesellschaft beschäftigt. So ein schlechtes internationales Image hatte Polen in den letzten dreißig Jahren nicht. Solange es aber nicht zu einer Selbstkorrektur kommt und man meint, zur Ertüchtigung der eigenen Bevölkerung Deutschland als Feindbild zu benötigen, kann es im bilateralen Verhältnis noch schwieriger werden. Ich hoffe es nicht, wenn ich an das Jubiläumsjahr 2018 denke und an das Potenzial, das es für Verständigung über Gräber hinweg eröffnet – siehe den gemeinsamen Besuch der Präsidenten Macron und Steinmeier auf dem Hartmannsweiler Kopf im Elsass vor wenigen Tagen. 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs und 100 Jahre staatliche Wiedergeburt Polens, das sollte abgesehen von nationalen Feiern auch für ein gemeinsames deutsch-polnisches Erinnern und Gedenken genutzt werden.

In welchem Maße beeinträchtigt die Krise zwischen den Regierungen in Berlin und Warschau die zivilgesellschaftlichen Beziehungen? Vermögen diese ein Gegengewicht darzustellen und den grenzübergreifenden Dialog aufrechtzuerhalten?

Die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Kontakte und Aktivitäten sind ein starkes Netz, das über Jahrzehnte geknüpft wurde. Sie sollten gerade in den grenznahen Regionen und den gemeinsamen grenzüberschreitenden lokalen und regionalen Projekten gegen neues Misstrauen und negative Stereotype immunisieren. Aber es gilt leider auch: steter Tropfen des Giftes des Misstrauens höhlt den Stein der Sympathie und des Vertrauens in dem Sinne: Etwas bleibt hängen.

Was können die deutschen Heimatvertriebenen und deren Nachfahren – gerade auch im Rahmen der Arbeit ihrer Verbände – zu einer neuerlichen Entspannung der deutsch-polnischen Beziehungen beitragen?

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben viele Heimatvertriebene, ihre Kinder und Enkel ihr besonderes Interesse und eine spezifische emotionale und mentale Kompetenz in die bilateralen Beziehungen einbringen können, die ihnen die deutsche Mehrheitsgesellschaft und erst recht viele Polen nicht zugetraut haben. Viele von ihnen haben einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Vorurteilen und Ängsten in Polen geleistet und einen historischen Dialog zwischen Deutschen und Polen in den lokalen und regionalen Gemeinschaften, insbesondere in den ehemaligen Heimatprovinzen von Masuren bis Oberschlesien, gefördert. Zahlreiche Projekte an alten Heimatorten haben die Bande zwischen Deutschen und Polen gestärkt. Das macht sie so wertvoll. Sie sollten sich nicht entmutigen lassen und ihre bestehenden Kontakte besonders intensiv pflegen. Das sollen die polnischen Partner und Freunde von uns Deutschen erwarten dürfen.

In Berlin werden gegenwärtig die Bedingungen einer neuen Regierungskoalition sondiert. Welche Ziele und Schwerpunkte sollte eine neue Bundesregierung 2018 im Umgang mit dem polnischen Nachbarn setzen?

Ziel sollte es sein, so viel wie möglich von der Vertrauensbasis des letzten Vierteljahrhunderts für die Zukunft zu retten und ein Geflecht von Gesprächs- und Arbeitsebenen in den Regierungskontakten zwischen Berlin und Warschau zu erhalten. Konkrete multilaterale Themenfelder sollten weiter pragmatisch bearbeitet und auf dieser Ebene Kompromisse im EU-Rahmen vorbereitet werden: Sicherheits-, Energie- und Migrationspolitik sowie die vier „Freiheiten“ der EU. Ein geeignetes Gesprächsformat wäre hier sicherlich die Trilateralität mit Frankreich, um auch der polnisch-französischen Entfremdung zu begegnen. Bei alledem gilt es, realistisch zu bleiben und keine zu hohen Erwartungen zu hegen, auch sich nicht provozieren zu lassen und über einen langen Atem zu verfügen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2017.

„Anwälte einer auf die Zukunft ausgerichteten Vertriebenenpolitik“

Wichtige Vertriebenenpolitiker angewählt

Die Wahlen zum 19. Deutschen Bundestag haben dazu geführt, dass die große Mehrheit der bisherigen vertriebenenpolitisch versierten Angeordneten im neuen Parlament nicht mehr vertreten ist. Dies liegt nicht nur daran, dass eine Reihe langjähriger Volksvertreter im Vorfeld der Wahlen entschieden hatte, nicht neuerlich zu kandidieren. Vielmehr gelang es auch einer Reihe von Politikern nicht mehr, über ein Direktmandat oder einen Listenplatz wieder in den Bundestag einzuziehen.

Dr. Bernd Fabritius
(Foto: Patrick Levin)

Dies gilt allen voran für den Präsidenten des Bundes der Vertriebenen (BdV), Dr. Bernd Fabritius (CSU). Nachdem er sich erfolglos um einen Wahlkreis in München beworben hatte, scheiterte er letztlich am zu geringen Zweitstimmenergebnis der CSU. Hierzu informiert der BdV: „Selbst dem Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann MdL, der als CSU-Spitzenkandidat auf Listenplatz 1 ebenfalls ohne Wahlkreis angetreten war, gelang der Einzug in den Bundestag nicht. Fabritius ist für die CSU der vierte mögliche Nachrücker in der nun beginnenden Legislaturperiode.“ Fabritius selbst bleibt trotz Auszug aus dem Parlament zuversichtlich: „Umso wichtiger ist es, meine Arbeit als Präsident mit voller Kraft und ungeschmälert in allen Bereichen fortsetzen zu können.“ Er werde alles dafür geben, „den Verband in der Mitte der Gesellschaft und überparteilich im besten Sinne – nämlich auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ – zu verorten.

Nicht nur die BdV-Bundesorganisation hat mit Dr. Fabritius einen Repräsentanten im Parlament verloren. Auch Politiker, die einzelnen BdV-Mitgliedsorganisationen in besonderer Weise verbunden sind, verpassten den neuerlichen Einzug. Dies gilt zum einen für Iris Ripsam (CDU), seit 2005 Landesvorsitzende der Union der Vertriebenen und Flüchtlinge in Baden-Württemberg. Die Bundesschatzmeisterin der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU war 2016 in den Bundestag nachgerückt und in diesem Jahr zur BdV-Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg gewählt worden. Zum anderen gilt dies für den in Beuthen geborenen Helmut Nowak (CDU). Das Bundesvorstandsmitglied der Landsmannschaft der Oberschlesier schied nach einer Legislaturperiode aus dem Bundestag wieder aus.

Weiterhin im Parlament vertreten bleibt zwar Stephan Mayer (CSU), Vizepräsident des BdV. Im Wahlkreis Altötting hatte er sogar das bayernweit zweitbeste Erststimmenergebnis erreichen können. Mayer gab bei aller Freude über den eigenen Wiedereinzug aber zu bedenken: „Mit Hartmut Koschyk, der nicht mehr angetreten ist, Bernd Fabritius oder Klaus Brähmig fehlen dem neuen Deutschen Bundestag einige der wichtigsten Anwälte einer auf die Zukunft ausgerichteten Vertriebenenpolitik.“

Während Hartmut Koschyk bereits von vornherein auf eine Kandidatur verzichtet hatte, ist die Abwahl von Klaus Brähmig (CDU) besonders schmerzlich: Brähmig, der dem Bundestag seit 1990 angehörte, wurde im Wahlkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge unmittelbar von der seinerzeitigen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry geschlagen, deren Partei systematisch um Stimmen bei deutschen Spätaussiedlern geworben hatte. Bis zum Ende der letzten Legislaturperiode hatte Brähmig der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vorgestanden.

Heinrich Zertik
(Bild: promo)

Nicht minder bedauerlich ist, dass Heinrich Zertik (CDU), der einzige russlanddeutsche Bundestagsabgeordnete der letzten Legislaturperiode, nach nur vier Jahren wieder aus dem Parlament ausgeschieden ist. Mit großem Engagement hatte er sich in dieser Zeit für die Belange der Russlanddeutschen sowie gegen ihre Vereinnahmung durch populistische Strömungen eingesetzt. Im April 2016 hatte er noch im Interview mit dieser Zeitung vor der Einflussnahme – gerade auch aus Moskau – gewarnt: „Es ist schon eine ernst zu nehmende Entwicklung, wenn sich die russische Regierung in innere Angelegenheiten Deutschlands einmischt und im Verbund mit russischen Medien eine Minderheit unter den Russlanddeutschen in der Flüchtlingsthematik instrumentalisiert. Es ist ein Angriff auf die Demokratie und rechtsstaatliche Ordnung.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2017.

Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Ende einer Ära

Im 19. Bundestag werden prägende Gestalten der Vertriebenenpolitik fehlen

Mehrere Bundestagsmitglieder hatten im Vorfeld der diesjährigen Wahl angekündigt, nicht mehr für das Parlament zu kandidieren. Einige von ihnen haben während der letzten Jahrzehnte in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die deutsche Vertriebenenpolitik genommen. Mit ihrem Ausscheiden geht daher eine Ära zu Ende; denn so unterschiedlich die Lebensläufe und Positionen der einzelnen Abgeordneten waren, gemeinsam ist ihnen, dass ihr politisches Wirken durch die Erfahrungen der Nachkriegszeit, der deutschen Teilung sowie der Wiedervereinigung geprägt war – und sie in einer Phase politisch wirkten, in der die Vertriebenenpolitik nach dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft und der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie neue Perspektiven und Herausforderungen entwickeln bzw. bestehen musste.

Ein Freund der Vertriebenen und Heimatverbliebenen

Zu den Dienstältesten der nun ausscheidenden Abgeordneten gehört der bisherige Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU), der bereits 1980 in den Bundestag einzog. Nachhaltig setzte er sich sowohl für den – zumal interparlamentarischen – deutsch-polnischen Dialog als auch für die Belange der deutschen Vertreibungsopfer ein. Zudem gehörte er zu den prominentesten Unterstützern einer Petition der AGMO e.V. (Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen) zur Wahrung der bildungspolitischen Belange der Heimatverbliebenen. 2009 war er bereit, bei der Feierstunde zum 60-jährigen Bestehen der Landsmannschaft Westpreußen die Festrede zu halten.

Vertriebenenpolitik im Zeichen der Wiedervereinigung

Mit der Wahl zum ersten gesamtdeutschen Bundestag 1990 begann die parlamentarische Laufbahn zweier Politiker, die ihre Karriere im BdV zu dieser Zeit schon hinter sich bzw. noch vor sich hatten.

(Foto: Tobias Koch)

Hartmut Koschyk (CSU) war bereits in den 1980er Jahren Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend (SJ) gewesen und begleitete 1983 bis 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter die Arbeit des CDU-Abgeordneten und langjährigen BdV-Vizepräsidenten Helmut Sauer. 1987 bis 1991 war Koschyk BdV-Generalsekretär. In der Unionsfraktion stand er 1990 bis 2002 der Arbeitsgruppe „Vertriebene und Flüchtlinge“ vor. Ab 2013 setzte er sich als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten mit großer Energie für die Fragen der Heimatverbliebenen ein ; bereits zur Zeit in der SJ hatte er zu den Mitbegründern der AGMO e.V. gehört.

Die im westpreußischen Rahmel geborene Erika Steinbach (CDU, ab 2017 parteilos) sollte 1998, acht Jahre nach ihrem Einzug in den Deutschen Bundestag, zur Präsidentin des BdV gewählt werden – ein Amt, in dem sie bis 2014 die Modernisierung des Verbandes wesentlich voranbrachte. Zudem sitzt sie seit dem Jahre 2000 der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ vor, die sie gemeinsam mit ihrem Parlamentskollegen, dem sudetendeutschen Sozialdemokraten Peter Glotz († 2005), gegründet hatte. Zu den vertriebenenpolitischen Erfolgen ihrer Zeit im Bundestag gehören die Schaffung der Bundesstiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“, die Einführung des nationalen Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung sowie die Anerkennungsleistung für zivile deutsche Zwangsarbeiter.

Einsatz für Aufarbeitung und Verständigung

Mit Petra Ernstberger (SPD) und Volker Beck (Die Grünen) zogen 1994 zwei Abgeordnete in den Bundestag ein, die sich zwar nicht durch eine Bindung an Vertriebenenverbände auszeichneten, sich jedoch auf je eigene Weise im Interessenbereich der Vertriebenenpolitik engagierten – beide zumal mit einem Schwerpunkt auf den deutsch-tschechischen Beziehungen.

Beide waren zeitweise – Beck bis Ende seiner Amtszeit – Mitglieder des überparteilich aufgestellten Sudetendeutschen Rates. Ernstberger war zudem Vorsitzende der Deutsch-Tschechischen Parlamentariergruppe und gehört dem Verwaltungsrat des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds an. Volker Beck, der stets seine eigene sudetendeutsche Abstammung betonte, akzentuierte immer wieder auch Vorbehalte gegenüber den deutschen Vertriebenenverbänden und Kritik an einigen ihrer Positionen.

Erster sächsisch-anhaltischer Ministerpräsident und Aussiedlerbeauftragter

Christoph Bergner (CDU) wurde 2002 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Zuvor hatte er ab 1990 dem Landtag von Sachsen-Anhalt angehört, dessen Ministerpräsident er zudem 1993 bis 1994 gewesen war. In den Jahren 2005 bis 2013 war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern. Von 2006 bis 2014 bekleidete Bergner als Amtsvorgänger von Hartmut Koschyk das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten; parallel hierzu war er von 2011 bis 2014 zugleich Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer. Bergners Einsatz für deutsch-osteuropäische Beziehungen geht jedoch über diese Amtsjahre hinaus; so engagiert er sich bis heute im Deutsch-Rumänischen Forum, dessen Vorsitzender er ist. Neben den Fragen deutscher Vertriebenen- und Minderheitenpolitik setzte sich Bergner ferner intensiv für die Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern durch das Osmanische Reich ein.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 11/2017.