Auf dem Weg zu einem europäischen Deutschland

XXXI. Further Seminar der Paneuropa-Jugend Bayern

Christian Hoferer, Landesvorsitzender der Paneuropa-Jugend (PEJ) Bayern, erinnerte bei der Eröffnung des XXXI. Further Seminars am letzten Novemberwochenende in Furth im Wald an den Appell des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann aus dem Jahre 1953, es möge nicht zu einem „deutschen Europa“, sondern zu einem „europäischen Deutschland“ kommen. Ausgehend von diesen prototypischen Alternativen setzte sich die Tagung der PEJ Bayern mit der Rolle Deutschlands in Europa auseinander – wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den Wechselbeziehungen zwischen der deutschen oder europäischen und der tschechischen sowie ungarischen Politik lag. Tilman A. Fischer berichtet.

Jaroslav Šonka, Journalist und langjähriger Studienleiter der Europäischen Akademie Berlin, nahm in seinem Eröffnungsvortrag die Nachbarländer Deutschland und Tschechische Republik in den Blick und bot einen „Vergleich der politischen Kultur und ihrer Wurzeln“. Dabei identifizierte er das Jahr 1918 mit dem Zerbrechen der Europäischen Großreiche und der Entstehung kleiner Staaten in Mitteleuropa als Ausgangspunkt einer Entfremdung der politischen und gesellschaftlichen Diskurse in beiden Ländern. Als wesentliche Wegmarken dieses Prozesses hob er die Grenz- und Minderheitenkonflikte der Zwischenkriegszeit, die nationalsozialistische und kommunistische Gewaltherrschaft über die Tschechoslowakei sowie den Paradigmenwechsel hin zu einer ethnisch fixierten Kollektivschuldthese hervor, welcher der Vertreibung der Sudetendeutschen vorauslag. Dabei zeigte Šonka zugleich auch Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik, etwa die Erfolge der Populisten von ANO sowie – in den neuen Bundesländern – der AfD, die letztlich eine Spätfolge der kommunistischen Diktatur seien.

Bernd Posselt, Christian Hoferer und Fürst Karl von Schwarzenberg

Größere Aufmerksamkeit als den Entwicklungen in der Tschechischen Republik wird in der deutschen Öffentlichkeit gegenwärtig vor allem den Spannungen zwischen der EU und Ungarn geschenkt. Dementsprechend waren der Vortrag von und die Diskussion mit dem reformierten Theologen Zoltán Balog mit besonderer Spannung erwartet worden. Der Beauftragte des Ministerpräsidenten Viktor Orbán entfaltete die europapolitischen Positionen der ungarischen Regierung, die in der Prämisse wurzelten, daß „die Stärke der EU in der Stärke der Nationen“ liege. Balog warb für eine empathische Haltung der westlichen EU-Mitgliedstaaten gegenüber den Staaten Mitteleuropas, das es mit seinen historischen Erfahrungen und Potentialen wiederzuentdecken gelte. Für kontroverse Debatten im Auditorium sorgte die Einschätzung der deutschen Flüchtlingspolitik in den vergangenen Jahren und die Frage nach der juristischen Einschätzung der Entscheidungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Nach einem anschließenden gemeinsamen Mittagessen hatte Sandro Bauer, Erster Bürgermeister der Stadt Furth im Wald, zu einem Empfang ins Further Rathaus eingeladen. In seiner Ansprache betonte Bauer die Bedeutung der kommunalpolitischen Zusammenarbeit für den Einigungsprozeß der EU. Eine programmatische Rede des PEJ-Landesvorsitzenden Hoferer bot Gelegenheit, die Grundlinien einer am Vortag durch die PEJ-Landesversammlung beschlossenen Resolution zu entfalten. Hierin betont die PEJ Bayern „die der Bundesrepublik Deutschland allein aufgrund ihrer Größe, ihrer geographischen Position und ihrer starken wirtschaftlichen Stellung zukommende besondere Verantwortung für den Zusammenhalt der Europäischen Union“. Dabei gelte es, sich konsequent an einem Ausgleich zwischen den eigenen nationalen Interessen und den in der Gesamtheit der EU vertretenen vielfältigen Bedürfnissen zu orientieren. Nur so bestehe eine Aussicht, das europäische Lebensmodell im 21. Jahrhundert zu erhalten.

Wie bereits in den vergangenen Jahren setzte sich das Further Seminar in seiner zweiten Hälfte in Pilsen fort. Dort erhielten die Tagungsteilnehmer eine abendliche Führung durch das historische Stadtzentrum und besichtigten eine vom Architekten Adolf Loos (1877–1930), einem bedeutenden österreichisch Vertreter der Moderne, gestaltete Wohnung. Als Baudenkmal zeugt sie von der kulturellen Verwobenheit der Kulturräume Österreichs und Böhmens in der Zwischenkriegszeit.

Am Ewigkeits- oder Christkönigssonntag feierte der Pilsener Altbischof František Radkovský gemeinsam mit deutschen und tschechischen Paneuropäern ein Pontifikalamt in der Franziskanerkirche Mariä Himmelfahrt. Lesungen und Fürbitten wurden auf Deutsch und Tschechisch gehalten – wie auch die Predigt des Bischofs über das Königtum Christi. In seine Fürbitten schloß Christian Hoferer Kirche und politische Verantwortungsträger Europas ebenso ein wie die deutsche und tschechische Zivilgesellschaft auf dem gemeinsamen Weg der Aussöhnung und Verständigung.

Beschlossen wurde das XXXI. Further Seminar von einer von Hoferer geleiteten Podiumsdiskussion zur Frage: „Deutschland: Taktgeber oder Moderator in Europa?“ Der frühere tschechische Außenminister Fürst Karl von Schwarzenberg und der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland Bernd Posselt sprachen sich sowohl für eine engagierte Wahrnehmung ihrer europapolitischen Verantwortung durch die Bundesregierung aus als auch für einen Umgang mit den östlichen Mitgliedstaaten auf Augenhöhe. Mit Blick auf die Flüchtlingspolitik als einem brisanten Streitapfel der vergangenen Jahre stellte sich Fürst von Schwarzenberg hinter die Entscheidungen von Bundeskanzlerin Merkel und erklärte: „Deutschland und Österreich sollten stolz auf das in der Flüchtlingspolitik Erreichte sein.“ Für eine progressive Reform der europäischen Migrations- und Asylpolitik sprach sich auch Posselt aus. So drängte er auf eine Änderung des Dublin-Abkommens, den Ausbau eines echten europäischen Grenzschutzes und verurteilte die „AfD-Propaganda“, der Internationale Migrationspakt öffne die Schleusen für eine Masseneinwanderung.

Ob sich der besonnene proeuropäische Kurs, für den Paneuropäer aus allen Staaten und unterschiedlichen Parteienfamilien stehen, weiter durchsetzen wird, werden die kommenden Wahlen zum Europaparlament zeigen. Posselt und Schwarzenberg zeigten sich jedoch – als deutsche und tschechische Vertreter der EVP – schon jetzt zuversichtlich, zumal mit Manfred Weber ein waschechter Paneuropäer als Spitzenkandidat ihrer Partei in den Wahlkampf ziehe.

Erschienen in: Sudetendeutsche Zeitung 48/2018.

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Europa und das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Marienbader Gespräche 2018

Die jährlichen Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates (SR) befassten sich 2018, geleitet von der ehemaligen Landtagsabgeordneten SR-Generalsekretärin Christa Naaß (SPD), mit grundsätzlichen Fragen der Europa- und Volksgruppenpolitik, indem sie mit ihrem Thema eine Brücke über 100 Jahre europäischer Geschichte spannten und sich mit Problemen auseinandersetzten, die Mitteleuropa seit Ende des Ersten Weltkrieges beschäftigen: „1918-2018 altes Europa – neues Europa. Europa und das Selbstbestimmungsrecht der Völker“.

Mit Rita Hagl-Kehl MdB (SPD) – Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz –, Stephan Mayer MdB (CSU) – Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat – und dem neuen Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung Dr. Bernd Fabritius nahmen gleich drei Vertreter der deutschen Bundesregierung teil. Während Hagl-Kehl grundsätzlich über die aktuelle Situation nach der Regierungsbildung in Deutschland informierte, stellten Mayer und Fabritius konkret die vertriebenenpolitischen Positionen des Koalitionsvertrages sowie die Aufgabenstellung des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten vor.

Bernd Posselt und Christa Naaß

Das Präsidium des Bundes der Vertriebenen war neben Präsident Fabritius und Vizepräsident Mayer bei den Marienbader Gesprächen höchstrangig vertreten durch die Vizepräsidenten Christian Knauer, Albrecht Schläger und Reinfried Vogler, sowie das Präsidiumsmitglied Milan Horáček. Mit der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Iris Ripsam war zudem die Vorsitzende des BdV-Landesverbandes Baden-Württemberg unter den Teilnehmern.

Aktuelle Einblicke in das deutsch-tschechische Verhältnis – das gegenwärtig gerade in europapolitischer Hinsicht Spannungen unterliegt – gaben die Vorträge des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, Dr. Christoph Israng, der Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München, Kristina Larischová, und des Leiters des Sudetendeutschen Büros in Prag, Peter Barton.

Eingeladen hatte der Sudetendeutsche Rat zudem Vertreter der Bayerischen Landtagsfraktionen, um – unter Moderation von Dr. Peter Becher, Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins – mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen über deren jeweilige vertriebenenpolitische Positionen zu sprechen. Hierzu erschienen Hans Ritt MdL (CSU) und Volkmar Halbleib MdL, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion.

Beide gingen einmütig von der unbezweifelbaren Notwendigkeit aus, die Vertriebenenverbände fortgesetzt – zumal als Brückenbauer in den Osten Europas – zu unterstützen und sie vor allem zu einem gelingenden Erinnerungs- und Verantwortungstransfer hin zu jüngeren Generationen zu befähigen. Ergänzt wurden die politischen Vorträge durch unterschiedliche Beiträge aus der deutschen und tschechischen Zivilgesellschaft. Den Auftakt machte Milan Muzikář: Der Direktor des Marienbader Symphonieorchesters berichtete von seinen Bemühungen, sein seit über 100 Jahren bestehendes Ensemble zu erhalten und damit zur Pflege der böhmischen Musiktradition beizutragen. Auf besonderes Interesse stieß der Vortrag von Jaroslav Ostrčilík, der die Entwicklung vom durch ihn initiierten jährlichen Brünner Versöhnungsmarsch hin zum Festival „Meeting Brno“ nachzeichnete.

Einblick in die gegenwärtige Förderung verständigungspolitischer Maßnahmen gab Kathrin Freier-Maldoner vom Koordinierungszentrum für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch „TANDEM“. Ein zivilgesellschaftliches Graswurzelprojekt stellte der junge Filmemacher und Sozialwissenschaftler Justus Haufe, der gemeinsam mit anderen Altersgenossen aus Deutschland und Tschechien unter dem Titel „Supernova 2017 – Heimat!“ ein Videoprojekt in Böhmen realisiert hatte, vor. Dieses bot den Teilnehmern die Möglichkeit, über die Bedeutung von „Heimat“ zu reflektieren und in Austausch zu treten.

Mit dem „Prager Frühling 1968“ rief der Historiker Jan Šícha dem Publikum ein zeithistorisches Ereignis in Erinnerung, das mit seinen Folgen eine ganze politische Generation nachhaltig geprägt hat: Mit Milan Horáček und dem sozialdemokratischen Europaparlamentarier Libor Rouček waren zwei prominente Dissidenten, die im Schatten des Prager Frühlings politisch aktiv wurden, persönlich anwesend. Über „Bayern und Böhmen – Gemeinsamkeiten durch die Geschichte“ sprach der historische Publizist Bernd Rill.

Die Morgenandacht am Sonntag befasste sich, gehalten vom Verfasser dieses Beitrages, – ausgehend von der Geschichte des Zöllners Zachäus – mit den Herausforderungen der säkularen Gesellschaft in Deutschland und Tschechien. In seinem abschließenden Vortrag „100 Jahre 1918: Selbstbestimmung für ganz Europa“ forderte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und ehemalige Europaabgeordnete, Bernd Posselt, als Lehre aus der Geschichte des Nationalismus im zurückliegenden Jahrhundert weiter den Weg hin zu einem vereinten Europa mit starken Volksgruppenrechten zu beschreiten: „Wenn wir Europäer uns zersplittern, ist keiner von uns souverän.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 4/2018.
Kurzfassung erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.

Schwer ergründbare Wahrheit

In der „Tagespost“ vom 19. Juli hat die Kirchen-Journalistin Ewa K . Czaczkowska ein sehr positives Bild des früheren polnischen Primas, Kardinal August Hlond, gezeichnet. Eine kritische Replik.

Von Tilman Asmus Fischer

Nachdem die Heiligsprechungskongregation in Rom befürwortet hat, August Hlond (1881–1948) den heroischen Tugendgrad anzuerkennen, könnte es in absehbarer Zeit zu einer Seligsprechung des früheren polnischen Primas (1926–1948) kommen. Dies wird von vielen polnischen Katholiken begrüßt – führte der Salesianer die polnische Kirche doch durch eine wechselvolle und anfechtungsreiche Zeit. Jedoch übersehen viele Befürworter Ambivalenzen, die sich mit der kirchenhistorischen Persönlichkeit verbinden. Demgegenüber mahnen kritische Stimmen aus Deutschland eine ganzheitlichere Betrachtung Hlonds an.

Die erinnerungspolitisch brisanten Aspekte der Biografie von August Kardinal Hlond betreffen neben antisemitischen Haltungen die Rolle, die er nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den polnisch verwalteten, jedoch völkerrechtlich deutschen Ostgebieten und der Freien Stadt Danzig spielte. Ausgehend von einer Vollmacht der Heiligen Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten zur Beauftragung von Administratoren für vakante Bischofssitze betrieb Hlond 1945 die Absetzung der dort verbliebenen deutschen Bischöfe. Dabei hatte sich die Vollmacht lediglich auf das polnische Gebiet bezogen („in tutto il territorio polacco“).

„Hlond hat Fakten geschaffen – ganz im Sinne der damaligen polnischen Ideologie, die deutschen Ostgebiete als ,wiedergewonnene Westgebiete‘ zu behandeln“, stellt Limburgs emeritierter Weihbischof Gerhard Pieschl fest. Damit gehört die Absetzung der früheren Bischöfe in den Kontext von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Pieschl, 1983 bis 2009 Beauftragter der deutschen Bischofskonferenz (DBK) für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, vermutet hinter dem Seligsprechungsverfahren ein geschichtspolitisches Kalkül: „Da ein Seliger in seinem Leben nichts Schlechtes gegenüber Dritten getan haben kann, würde eine Seligsprechung Hlonds der Behauptung Vorschub leisten, dass die Vertreibung der Deutschen gewissermaßen unter göttlichem Segen stand.“ Von seinen aktiven Amtsbrüdern in der DBK wünscht sich Pieschl vertiefte Einsicht in diesen Sachverhalt und bedauert, dass sie schon seit längerem in dieser Frage eher „zögerlich“ agierten.

Pieschl selbst hatte zu seiner aktiven Zeit als Beauftragter die Causa Hlond immer wieder – auch gegenüber polnischen Bischöfen – thematisiert. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von den früheren Kölner Erzbischöfen Joseph Kardinal Höffner und Joachim Kardinal Meisner. Letzterer habe noch wenige Tage vor seinem Tod – mit Blick auf die Seligsprechung Hlonds – in einem Brief erklärt, es sei ein „Skandal, wie sich die Vertreiber heute darstellen wollen“. Die Forschungsergebnisse einer in den 1990er Jahren von der deutschen und polnischen Bischofskonferenz eingesetzten „Historikerkommission zur Klärung offener Fragen bezüglich Kardinal Hlonds“ werden, wie die KNA berichtet, bis heute unter Verschluss gehalten.

Wie jedoch schätzt die kirchengeschichtliche Forschung die Rolle Hlonds ein? – „Tatsache ist, dass Hlond eindeutig seine von Rom erteilten Vollmachten für die Neuordnung der westpolnischen Gebiete übertreten hat“, konstatiert Professor Stefan Samerski. Der Kirchenhistoriker von der Ludwig-Maximilians-Universität München bedauert, dass heute wieder Grabenkämpfe über diese Frage aufbrechen: „Sie wurde in den 1990er Jahren von deutschen und polnischen Wissenschaftlern eifrig diskutiert und man kam damals inhaltlich weitgehend überein.“

Für Samerski steht fest, dass die Ablösung der deutschen Ordinarien „eindeutig nicht mit den Weisungen der Kurie übereinstimmte, da eine solche Ablösung immer dem Papst zusteht“. Aktenmäßig sei ferner belegt und seit den 1990er Jahren auch veröffentlicht, dass Papst Pius XII. den entstandenen Schaden für die deutschen Ordinarien wieder gutmachen wollte – jedoch: „Wegen des neuen kommunistischen Regimes ließ er die Sache auf sich beruhen, da die kirchenpolitische Situation in Polen nach 1946 völlig unsicher und undurchsichtig war.“

„Die Vertriebenen waren in den 1990er Jahre sehr kritisch gegenüber der Seligsprechung Hlonds eingestellt und die, die noch leben, sind es immer noch“, beschreibt Wolfgang Nitschke die Stimmungslage innerhalb der organisierten katholischen Vertriebenen. Der Vorsitzende des Adalbertus-Werks, des Bildungswerks der Danziger Katholiken, bezeichnet es als „kirchenrechtlich und persönlich sehr anmaßend, dass Hlond meinte, als Primas den Danziger Bischof Carl Maria Splett absetzen zu können“. Jedoch gibt er auch zu bedenken: „Inwieweit er dabei genauso unter Druck der Kommunisten stand, wie Splett vorher unter Druck der Nazis, ist nicht bewiesen.“ Daher, so Nitschke, seien Fragen nach der Rolle Hlonds in der Nachkriegszeit für deutsche Vertriebene ähnlich brisant wie diejenigen nach der Rolle Spletts im Zweiten Weltkrieg für dessen polnische Kritiker; in beiden Fällen schiene die Wahrheit schwer objektiv ergründbar zu sein.

Erschienen am 2. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Das Belächeln hört auf

Stephan Mayer MdB (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, erläutert die Aufgaben des Heimatministeriums.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Mayer, was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Heimat ist für mich auf der einen Seite ein physischer Ort, mit dem man beispielsweise die Erinnerungen an die Kindheit, die ersten Schritte oder das Aufwachsens verbindet. Auf der anderen Seite ist Heimat aber natürlich noch weitaus mehr: der Ort, an dem man sich wohlfühlt, an dem man Freunde und Bekannte hat. Damit ist Heimat ein Ort der Geborgenheit, an dem man sich aufgehoben, verwurzelt und verstanden fühlt.

„Heimat“ ist zudem ein im öffentlichen Diskurs äußerst brisanter Begriff, der sich nun auch im Namen des Innenministeriums wiederfindet. Welche Perspektiven verbinden Sie – als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat – mit dieser Akzentsetzung?

Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass der Zeitpunkt der absolut richtige war und ist, das Bundesinnenministerium um diesen wichtigen Bereich der Heimat zu erweitern. Der Begriff ist ja interessanterweise weit über das bürgerliche, konservative, christliche Lager hinaus ausgesprochen positiv besetzt – im Gegensatz zu anderen Begriffen wie „Leitkultur“ zum Beispiel. „Heimat“ erfreut sich gerade im linken Parteienspektrum großer Attraktivität.

Was entgegnen Sie den Kritikern, welche es jedoch gerade aus diesem Spektrum gibt und die das neue Ressort im BMI belächeln?

Ich möchte prognostizieren, dass in drei, vier Jahren niemand mehr dieses „Bundesheimatministerium“ belächelt, weil gerade in einer Zeit, in der die Globalisierung immer mehr Lebensbereiche betrifft, die Sehnsucht und das Bedürfnis nach Zuordnung, Geborgenheit und Orientierung größer denn je ist. Und vor diesem Hintergrund ist Heimatpolitik nichts Rückwärtsgewandtes und nichts Altertümliches. Es geht bei Heimatpolitik gar nicht um Brauchtums- oder Traditionspflege an sich, sondern um einen ausgesprochen progressiven Ansatz: Nämlich, in Deutschland deutlich mehr dafür zu tun, dass gleichwertige Lebensverhältnisse bestehen – also, dass es hinsichtlich Lebensqualität und Möglichkeiten zur Teilhabe keinen Unterschied machen darf, ob jemand in der Uckermark, im Bayerischen Wald, in Ostwestfalen oder in Hamburg lebt.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Themenfeld „gesellschaftlicher Zusammenhalt“, welches gleichfalls vom BMI abgedeckt wird?

Gerade in der aktuellen Situation, in der unsere Gesellschaft mehr und mehr polarisiert wird, die gesellschaftlichen Fliehkräfte zunehmen, kommt es umso mehr darauf an, dass auch der Staat sich noch intensiver als bisher für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts einsetzt. Dazu gehören beispielsweise auch der interaktive Dialog der Religionen und ebenso die Fortführung sowie Neuaufstellung der Islamkonferenz.

Wie schätzen Sie denn den gegenwärtigen Beitrag ein, den Kirchen und Religionsgemeinschaften zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten?

Auch wenn die Mitgliederzahlen in den beiden großen christlichen Kirchen zurückgehen, bin ich nach wie vor der Auffassung, dass die Religionsgemeinschaften ein enormes verbindendes Element in unserer Gesellschaft sind – unabhängig davon, ob man persönlich gläubig ist oder nicht. Niemand wird leugnen, dass unser Land über Jahrhunderte hinweg durch das Christentum, den Humanismus und die Aufklärung geprägt wurde.

Ist ein solch klares kulturelles Identitätsangebot eher ein Hindernis für Integration oder kann es diese vielmehr auch befördern?

Ich bin durchaus der Überzeugung, dass Menschen sich besser in eine Gesellschaft integrieren, die selbst über ein klares Wertefundament – und gerade auch über ein religiös geprägtes Wertefundament – verfügt. Natürlich ist die deutsche eine pluralistische und tolerante Gesellschaft, aber ich kann nur dann gegenüber Andersgläubigen oder Menschen mit anderen politischen Überzeugungen tolerant sein, wenn ich selbst einen klaren Standpunkt, ein klares Wertefundament besitze.

Eben diese Toleranz scheint gegenwärtig in besonderer Weise gefährdet zu sein. Wie erleben Sie die zunehmende Verschärfung der öffentlichen Debatten?

Auf der einen Seite wird im linksintellektuellen Spektrum unsere Gesellschaft gerne so definiert, dass man beliebig gegenüber allen Einstellungen, allen Lebensformen ist und alles toll findet und nichts mehr hinterfragen muss. Auf der anderen Seite wird im rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Bereich kein Verständnis für eine pluralistische, weltoffene Gesellschaft an den Tag gelegt. Beide Ansichten und Entwicklungen beunruhigen mich, weil sie Eines gemeinsam haben: Den Bürger zu entmündigen.

Inwieweit können Kirchen und Religionsgemeinschaften dazu beitragen, dieser zunehmenden Polarisierung zu steuern?

Von den Kirchen erwarte ich mir, dass sie sich – im Sinne einer Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts – konstruktiv, produktiv mit einbringen und nicht einseitig Partei ergreifen im politischen Diskurs. Mehr noch: Sie sollen in gesellschaftspolitischen Debatten auch die häufig schweigende Mehrheit mitvertreten und sich nicht nur für lautstark agierende Minderheiten verwenden. Von den muslimischen Gemeinschaften und den islamischen Verbänden erwarte ich mir, dass sie konstruktiv dazu beizutragen, dass sich insbesondere auch Bürgerinnen und Bürger muslimischen Glaubens aktiv in die Gesellschaft mit einbringen.

In ähnlicher Form erschienen am 2. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Respekt vor humanitären Prinzipien fehlt

Die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützt im Südsudan Notleidende unter schwierigsten Bedingungen

Von Tilman Asmus Fischer

Verheerend sind die Zahlen, die die humanitäre Katastrophe im Südsudan beschreiben: 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge, 2,6 Flüchtlinge in den Nachbarländern, allein mehr als eine Million in Uganda. 2,4 Millionen Kinder ohne Schulbildung und sieben Millionen auf humanitäre Hilfe angewiesene Menschen. Lebten 2016 noch sechs Millionen Menschen in Nahrungsmittelunsicherheit, waren es im Juni 2018 bereits 7,1 Millionen. Zugleich wird die Lage der teils im unmittelbaren Kampfgebiet tätigen Hilfsorganisationen immer schwieriger.

Mit den Blättern eines Lalob Baums versuchen Vertriebene in einem Camp in Manangui ihren Hunger zu stillen.
(Foto: Paul Jeffrey)

Dies berichtete anlässlich der Vorstellung ihrer Jahresbilanz 2017 durch die Diakonie Katastrophenhilfe deren Leiter, Martin Keßler. Vor Ort werde der „Respekt gegenüber humanitären Prinzipien“ immer geringer, bedauert er. Habe man vor einigen Jahren noch mit den Konfliktparteien verhandeln können, um Hilfslieferungen für die Opfer der Kampfhandlungen zu ermöglichen, so sei ein Wille hierzu vor allem bei nichtstaatlichen Akteuren heute kaum noch anzutreffen: „Die größte Schwierigkeit in Ländern mit so schweren und komplexen Konflikten wie im Südsudan ist der fehlende Zugang für die Helfer. Wir kommen schlicht nicht zu allen Menschen, die Hilfe brauchen.“ Diese Zivilisten gälten vielen der bewaffneten Truppen lediglich noch als Faustpfand. Teils komme es sogar zu gezielten Angriffen auf Hilfskonvois. Dabei sei die Lage der Menschen schlimmer denn je.

Ob der Friedensvertrag vom Juni dieses Jahres eine Verbesserung der Lage verspricht, ist fraglich. Dabei steht für Keßler fest: „Ohne politische Lösungen und den nötigen Respekt vor humanitären Prinzipien geht es nicht. Erst das ermöglicht es uns, dort Hilfe zu leisten, wo die Menschen sie am dringendsten benötigen.“ Haben Akteure wie die Bundesrepublik realistische Einflussmöglichkeiten, diesen Missständen entgegenzusteuern? Keßler ist skeptisch. Angesichts erodierter staatlicher Strukturen stünde die Politik zunächst einmal vor der schwer zu beantwortenden Frage: „Mit wem will man verhandeln?“ Insofern sei fraglich, ob die Bundesregierung gegenwärtig mehr tun könne als bisher.

Denn bereits jetzt leistet sie eine starke finanzielle Unterstützung für die Nothilfe im Südsudan: Allein von den 3.185.000 Euro, die die Diakonie Katastrophenhilfe 2017 dort für insgesamt sieben Projekte bewilligen konnte, stammten 1.260.000 Euro aus dem Haushalt des Auswärtigen Amtes. Weitere 35.000 Euro steuerte der Kirchliche Entwicklungsdienst bei, während der Restbetrag durch Spenden erbracht werden konnte. Die Schwerpunkte der für den Südsudan geleisteten Hilfe lagen dabei auf einer Verbesserung der akuten Ernährungslage, aber auch – mit langfristiger Perspektive – auf der Förderung einer resilienten Nahrungsmittelproduktion. Ebenso wurden auch Einzelhaushalte mit direkten Geldzuwendungen gefördert und der Bau von Hütten und die Reparatur von Deichen unterstützt.

Für 2018 beläuft sich die geplante Fördersumme für den Südsudan auf 2.414.000 Euro. Und diese wird dringend benötigt. Denn die Situation scheint sich – wie bereits im Verlauf des Vorjahres – zuzuspitzen. „Die Menschen müssen sich täglich um ihr Essen sorgen“, warnt Keßler. Auch wenn die internationale Gemeinschaft 2017 gerade noch den Hungertod von Zehntausenden verhindert habe, sei die Zahl der Hungernden weiter gestiegen: „In einigen Teilen des Landes droht auch 2018 eine Hungersnot, wie sie zuletzt im Februar 2017 ausgerufen wurde.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 31/2018.

Die Kulturträger unterstützen

Fünf Fragen an Egon Primal MdL

Im November 2017 wurde Egon Primas in der Nachfolge von Helmut Sauer zum Bundesvorsitzenden der „Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU (OMV) – Union der Vertriebenen und Flüchtlinge“ gewählt. Im Interview spricht er über die aktuellen Herausforderungen der Vertriebenenpolitik zwischen Kulturerhalt und Verständigungspolitik.

Herr Primas, seit Ende vergangenen Jahres stehen Sie der OMV vor. Welche zentralen Fragen müssen für Sie von einer zukunftsorientierten Vertriebenenpolitik beantwortet werden?

Egon Primas MdL als Festredner bei der Frühjahrstagung 2018 der Landsmannschaft Westpreußen.

Es gibt unterschiedliche Herausforderungen, denen sich die Vertriebenen und ihre Verbände organisatorisch und politisch stellen müssen. Herausforderungen, denen sich auch eine Politik stellen sollte, der die Anliegen dieser Gruppen am Herzen liegen. Dazu zählen unter anderem: der Erinnerungs- und Verantwortungstransfer in unseren Verbänden, aber auch im Hinblick auf die gesamte Gesellschaft, die Bewahrung des materiellen und immateriellen Kulturerbes durch die Kulturträger, die grenzüberschreitende Verständigung – also unser Brückenbau für eine gemeinsame Zukunft in Europa – sowie damit zusammenhängend die wichtige Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und vielleicht sogar zu einer Identität, die sich grenzüberschreitend kulturell bestimmt.

Sehen Sie denn in der breiten Gesellschaft ein ernstzunehmendes Interesse, diese Anliegen der Vertriebenen zu unterstützen – etwa hinsichtlich des Erinnerungstransfers?

Lange Zeit wurden die von den Vertriebenen und ihren Verbänden vertretenen Anliegen an den Rand gedrängt und von einigen Parteien in eine bestimmte Ecke gestellt. In der ehemaligen DDR durfte nicht über Flucht und Vertreibung und über die Ostgebiete gesprochen werden. Erst in den letzten Jahren hat sich dies geändert. Mit entscheidend dafür war unser eigener Einsatz. Gerne erinnere ich an die Rede des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck beim ersten deutschlandweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni 2015 in Berlin. In bemerkenswerter Klarheit hat er zum Ausdruck gebracht, dass Flucht und Vertreibung am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg prägende Ereignisse für die Identität aller Deutschen waren. Und doch hat sich die Gesellschaft dem lange verschlossen – vor dem Hintergrund der Verbrechen der Nationalsozialisten. Damit trägt aber unsere gesamte Gesellschaft gemeinschaftlich Verantwortung dafür, an dieses Leid zu erinnern – auch an die verlorene Heimat und ihre Geschichte – und die mitgebrachte wie die zurückgelassene Kultur zu erhalten.

Welche Rolle werden die Organisationen und Institutionen der Vertriebenen selbst hierbei zukünftig spielen?

Zwar gilt hier die gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Aber denken wir daran: Wir sind doch die Kulturträger – gemeinsam mit den Deutschen, die noch heute in der Heimat leben und sich vor Ort um Sprache, Brauchtum und Architektur sorgen. Ohne die immense Bedeutung von Museen und Archiven – also die Konservierung von Geschichte – oder den Erkenntnisgewinn durch wissenschaftliche Aufarbeitung von Geschichte und Kultur kleinreden zu wollen: Das wichtigste Ziel muss es doch sein, die Kulturträger selbst – beiderseits der Grenzen – in ihrer eigenen, vielseitigen Arbeit und in der Schaffung neuer Kulturleistungen zu unterstützen.

Ist hierzu der politische Wille vorhanden?

Die OMV setzt sich im Kulturerhalt für ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Politik und Verbänden ein. Es gibt hier durchaus positive Signale und Entwicklungen: Die Förderungssituation hat sich seit den dramatischen Einschnitten unter Rot-Grün sehr verbessert. Bernd Neumann, selbst Westpreuße, und Monika Grütters haben unsere Anliegen als Kulturstaatsminister stets aufgeschlossen begleitet. Sie sind jedoch ein Stück weit an die Strukturen gebunden, die von Rot-Grün zwischen 1998 und 2005 geschaffen wurden. Der aktuelle Koalitionsvertrag oder die neue Regierungskonzeption im Bereich der Vertriebenenkulturarbeit zeigen aber den gewünschten partnerschaftlichen Ansatz und die Wertschätzung unserer eigenen Institutionen – auch mit den deutschen Volksgruppen. Darauf gilt es aufzubauen.

Inwieweit kann – gerade in diesen Tagen – durch lebendige Kulturarbeit auch ein Beitrag zum europäischen Zusammenhalt geleistet werden?

Eine lebendige Kulturarbeit eröffnet die Möglichkeit einer offenen Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und zur Möglichkeit grenzüberschreitender Kulturidentitäten. Unsere politische Situation macht es notwendig, viel intensiver über diese Klammer „Heimat“ nachzudenken – darüber, was Heimat für uns in Deutschland eigentlich bedeutet. Viele Vertriebene und Spätaussiedler beteiligen sich schon jetzt an einer solchen Debatte und steuern eigene, sehr interessante Gedanken dazu bei. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius etwa – jetzt auch Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten – hat den Ausspruch geprägt: „Heimat ist mehr als ein geografischer Ort“. In diesem Sinne ist es unter dem gemeinsamen Dach Europas weniger wichtig, welche Staatsbürgerschaft man hat oder wo man lebt. Für eine selbst empfundene Identität, etwa als Westpreuße, kann man genauso gut in Elbing wie in Warendorf zu Hause sein. „Europa“ ist hier der entscheidende Begriff. Denn wenn Heimat letztlich mehr sein mag als ein geografischer Ort, so bleibt sie doch immer auch ein geografischer Ort. Um der Heimat begegnen zu können, um die Kulturregion besuchen zu können, der man sich heimatlich verbunden fühlt, brauchen wir ein freies, ein offenes Europa ohne Grenzen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.

Abschied von „Käpt’n Blaubär“ und „Sergeant Higgins“

Zum Tod von Wolfgang Völz

Am 2. Mai ist in Berlin Wolfgang Völz gestorben – dem jüngeren Fernsehpublikum vor allem als Stimme des „Käpt’n Blaubär“ aus der Sendung mit der Maus bekannt. Geboren wurde er am 16. August 1930 in Danzig-Langfuhr, wo er im gleichen Haus wie sein späterer Kollege Eddi Arent aufwuchs. 2002 sprach er gegenüber dem Tagesspiegel über seine Jugend im Danzig der Nachkriegszeit – und seine späterhin anhaltende Beziehung zur alten Heimat. Dabei erzählte er, dass er selbst nach dem Einmarsch der Russen „als Bäckerbursche warm und genug zu essen“ gehabt hätte. 1947 siedelte er mit der Mutter „problemlos“ aus. Seit 1972 besuchte er, wie er dem Journalisten sagte, jedes Jahr die vier polnischen Schulkameraden, die irgendwie überlebt hatten. Und er habe sich gefreut, wie wunderbar die Polen das alte Danzig wieder aufgebaut hätten.

Wolfgang Völz, 2011
(Foto: Philipp von Ostau)

Nur drei Jahre nach der Vertreibung debütierte Völz 1950 am Landestheater Hannover. Obwohl er dem Theater stets die Treue hielt: Popularität erreichte Völz als Filmschauspieler. Unter den frühen Kinoproduktionen finden sich gleich zwei Verfilmungen von Werken des ostpreußischen Schriftstellers Siegfried Lenz : 1958 spielte Völz in „Der Mann im Strom“ an der Seite von Hans Albers, 1962 war er in „Das Feuerschiff“ zu sehen. Zudem wirkte er in unzähligen Fernsehfilmen mit, so etwa als Armierungsoffizier des Raumschiffes „Orion“ in der Serie „Raumpatrouille“.

Einen eigenen Hinweis verdient sein Auftritt als Sergeant Higgins in dem Edgar-Wallace-Film „Der grüne Bogenschütze“; denn an den 38 Edgar-Wallace-Filmen, die von Rialto zwischen 1959 und 1972 für das Kino produziert bzw. mitproduziert wurden, wirkten neben Völz drei weitere bedeutende Schauspieler aus der Freien Stadt Danzig mit: Spitzenreiter war Eddi Arent mit 23 Filmen, in 16 Produktionen irrlichterte der in Zoppot geborene Klaus Kinski über die Leinwand. Das letzte noch lebende Danziger Mitglied der Edgar-Wallace-Crew ist die 1931 – wie Völz in Langfuhr – geborene Ingrid van Bergen, die in „Der Rächer“ (1960) und „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ (1961) zu sehen war.

Völz stand bis ins hohe Alter vor der Kamera und im Tonstudio. Als 2004 und 2007 zwei Parodien auf die Edgar-Wallace-Filme entstanden, übernahm er die Rolle des in die Jahre gekommenen Scotland-Yard-Chefs Sir John. Neben Film- und Bühnenproduktionen war Völz als Synchronsprecher – unter anderem für Sir Peter Ustinov und Walter Matthau – sowie als Kabarettist tätig. In Berlin gehörte er zeitweise zum Ensemble der „Stachelschweine“. Aus seiner politischen Haltung machte das SPD-Mitglied, das seine Partei auch öffentlich unterstützte, keinen Hehl.

Weniger bekannt sind seine religiösen Wurzeln geworden – abgesehen von der Geschichte, die in Bezug auf seinen Hausnamen kolportiert worden ist. Gegenüber dem Express erläuterte sein Enkel Daniel im Januar 2018, aus welcher Situation heraus das Missverständnis entstanden sei, dass „Völz“ nur ein angenommener Name sei: „In einer Talkshow, wo er war, ging es um das Thema Wurzeln und Religion. Mein Opa ist Jude, und dann kamen sie auf jüdische Nachnamen, die ja immer sehr beschreibend sind – wie Goldstein. Mein Großvater hat dann gesagt, dass er eigentlich Aaron Treppengeländer heißt.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.