Zwischen Anerkennung der Fakten und Solidarität

Erhard Eppler (1926-2019) und die „Neue Ostpolitik“

Mit Erhard Eppler ist am 19. Oktober einer der entscheidenden Vordenker der „Neuen Ostpolitik“ heimgegangen. Nicht nur, dass die Unterzeichnung der sogenannten „Ostverträge“ 1970 bis 1973 in seine Amtszeit als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit fiel. Vielmehr war er bereits an der Ausarbeitung der Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1965 „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ beteiligt und unterstütze die ostpolitische Wende – auch gegen Vorbehalte – in der eigenen Partei und Fraktion. Eine wissenschaftliche Würdigung hat das ost- und deutschlandpolitische Vermächtnis Epplers durch die einschlägige Dissertation von Christine Simon (Erhard Epplers Deutschland- und Ostpolitik, Bonn 2004) erfahren.

Aufgrund der sich im Zusammenhang mit der „Neuen Ostpolitik“ manifestierenden vertriebenenpolitischen Frontverläufe in der Bonner Republik war eine Konfrontation mit den Vertriebenenverbänden unvermeidlich. Jedoch würde es zu kurz greifen, Eppler einseitig innerhalb eines binären Diskursschemas zu verordnen, das zum einen die Anerkennung deutscher Kriegsopfer an das Eintreten für deutsche Rechtspositionen, zum anderen die Bestreitung des Opferstatus an eine Politik des Verzichts koppelt. Vielmehr taten alle politischen Gegensätze nicht Epplers grundsätzlicher Empathie gegenüber den Vertriebenen Abbruch. Dies mag der Auszug aus einer Rede auf einer Kundgebung der Seliger-Gemeinde Baden-Württemberg 1975 verdeutlichen, in der sich Eppler in einen sudetendeutschen Sozialdemokraten 1945 hineinversetzte und dessen „konfliktgeladene, einsame, tragische Existenz“ nachzeichnete:

19.11.1983
SPD-Parteitag im Kölner Messezentrum
Verabschiedung des Leitantrages des SPD-Vorstandes zur Sicherheitspolitik (zur Nachrüstung gemäß NATO-Doppelbeschluß).

„Als die meisten jubelten, wusste er, daß dieser Jubel nicht lange halten werde, als die meisten ‚Heim ins Reich‘ brüllten, verlor er seine Heimat, als der Krieg da war, musste er seinem Gastland klarmachen, daß er eben doch nicht Tscheche oder Slowake, sondern Deutscher war, daß diese Sudetendeutschen Hitler nicht haßten, obwohl, sondern weil sie Deutsche waren und weil dieser Mann ein ganzes Volk ins Unheil führte, ganz gewiß den Teil des Volkes, dessen Ahnen in Böhmen und Mähren heimisch geworden waren. Und gleichzeitig mussten sie alles tun, um die Vertreibung, die sich schon 1940 ankündigte, trotz allem abzuwenden, weil sie zwar verstehen, aber niemals billigen konnten, was aus dem Haß und der Verbitterung entstand, die Hitler bei manchem Tschechen und Slowaken geweckt hatte.“

Vor dem Hintergrund einer solchen empathischen Grundhaltung strebte Eppler sodann eine gegenseitige Solidarität zwischen Vertriebenen und Mehrheitsgesellschaft an. Er „verlangte Solidarität mit den Vertriebenen, die allerdings auch solidarisch mit dem deutschen Volk sein müssten, das seinen Platz in einem friedlichen Europa sichern wolle“, so Simon. Bereits die von Eppler mitverantwortete Ostdenkschrift hatte – dieser Gesichtspunkt wird in ihrer jüngeren Rezeption leider fast durchgehend ausgeklammert – entscheidende Integrationsdefizite aufseiten der Zivilgesellschaft kritisiert, etwa die mangelnde Bereitschaft, die Vertreibungsopfer mit ihren Traumata ebenso wie mit ihren kulturellen Traditionen auf- und anzunehmen. Und die 1966 veröffentlichte – wiederum von Eppler mitverfasste – Stellungnahme der SPD-Bundestagsfraktion zur Ostdenkschrift hielt mit Blick auf eine anzustrebende friedensvertragliche Regelung fest:

„Kein deutscher Politiker kann den von Hitler begonnenen und total verlorenen Krieg nachträglich am Verhandlungstisch gewinnen. Die SPD wird sich dabei bemühen, so viel wie möglich von Deutschland für die Deutschen zu erhalten. Unser Wille zur Einheit schließt die Bereitschaft zu Opfern ein. Aber dieser Wille gebietet auch, daß wir uns innerhalb unseres Volkes unablässig um ein Höchstmaß an Solidarität, besonders zwischen Einheimischen und Vertriebenen, bemühen.“

Solidarität der Vertriebenen mit der Gesamtheit des deutschen Volkes hieß wiederum, dazu beizutragen, „daß wir die Fakten unserer Geschichte zur Kenntnis nehmen, und zwar mit jenem Minimum an Solidarität, ohne das eine Nation sich nicht behaupten kann“, so Eppler 1970. Die zu akzeptierenden „Fakten unserer Geschichte“ stellten sich für Eppler freilich dergestalt dar, dass man nur auf das verzichten könne, „was man hat oder doch haben könnte“ – und für ihn galt: „Pommern oder Schlesien waren von den Nazis längst verspielt, ehe es eine Bundesrepublik gab.“ Insofern war für Eppler die Notwendigkeit, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen gegeben und der Spielraum, „so viel wie möglich von Deutschland für die Deutschen zu erhalten“, äußerst überschaubar.

Was Eppler jedoch wiederholt – und auch gegenüber polnischen Gesprächspartnern – anregte, war, im Gegenzug zu einer Grenzanerkennung eine Rückkehr ostdeutscher Vertriebener in ihre Heimatgebiete zu ermöglichen. Dass dies – in Form der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union – letztlich Realität wurde, mag für die Weitsichtigkeit sprechen, mit der Eppler den zweifellos bestehenden Spannungen und Interessenkonflikten der Ost- und Vertriebenenpolitik seiner Zeit stellte.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2019.

Europa – eine Idee als Heimat

Ein Sammelband bringt unterschiedliche Europa-Bilder ins Gespräch

Bereits Ende 2018 hatte der langjährige CSU-Europapolitiker Bernd Posselt mit seinem Buch „Bernd Posselt erzählt Europa“ nachdrücklich auf die Notwendigkeit eines – für die europäische Staatenfamilie identitätsstiftenden – Narrativs für Europa hingewiesen. Eines der möglichen Narrative legt nahe, Europa als ‚Heimat‘ zu verstehen. Eine solche Europa-Deutung – die einen mit vielfältigen Assoziationen besetzten Begriff, der sich ursprünglich auf den engeren Lebensraum bezieht, auf einen gesamten Kontinent anwenden will – ist jedoch voraussetzungsreich und wirft weitreichende Fragen auf. Und so erscheint es nur schlüssig, dass Martin W. Ramb und Holger Zabarowski hinter den Titel ihres 2019 erschienenen Sammelbandes ein Frage- und kein Ausrufezeichen setzen: „Heimat Europa?“

Auf mehr als 400 Seiten bringen die beiden katholischen Philosophen vielfältige und sich stimmig ergänzende – wissenschaftliche, essayistische, literarische wie autobiografische – Annäherungen an den Fragenkomplex zusammen, der sich hinter den zwei Worten „Heimat Europa“ verbirgt. Dabei gelingt es ihnen, ganz unterschiedliche – affirmative bis kritische – Positionen zu Wort kommen zu lassen und damit einen wichtigen Beitrag zur – nicht zuletzt seit dem Brexit und den west-östlichen Spannungen um die Migrationspolitik – virulenten Debatte um die Zukunft der Europäischen Union vorzulegen: Sie eröffnen ein Kaleidoskop unterschiedlichster Zugänge zu Europa, die sich nicht im Kleinklein der Tagespolitik verlieren, sondern auf einer grundsätzlichen Ebene über Wesen und Fundament Europas reflektieren.

So facettenreich wie die inhaltlichen Positionen sind die fachlichen Disziplinen und biografisch-regionalen Hintergründe der Beiträger, unter denen sich nicht nur deutsche und westeuropäische Autoren, sondern gerade auch solche mit Bezug zum östlichen Europa finden: die 1973 in Zagreb geborene dalmatisch-österreichische Schriftstellerin Dr. Anna Baar, der Budapester Philosoph Prof. Dr. István M. Fehér, Prof. Dr. Dean Komel, der an der Universität Laibach Gegenwarts- und Kulturphilosophie lehrt, sowie die slowenisch-ungarische Literaturwissenschaftlerin Dr. Ilma Rakusa.

In bemerkenswerter Weise reflektiert der Literaturwissenschaftler und frühere Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer, die multinationale Vielfalt Europas: „Europa, europäisches Identitätsgefühl ist ein Amalgam der verschiedenen, in Jahrhunderten gewachsenen nationalen und regionalen Mentalitäten und Kulturtraditionen, kein von ihnen abzuziehendes farbloses Abstraktum, keine jegliche Varietäten zum Verschwinden bringende Nacht, in der alle Katzen grau sind.“ Und so hält Borchmeyer der – auch einzelnen anderen Beiträgen des Sammelbandes abzuspürenden – Forderung, „nicht mehr in nationalen, sondern in europäischen Kategorien zu denken“, entgegen, dass „hier ein Gegensatz konstruiert [wird], der gerade das verhindert, was man zu erreichen strebt: ein vertrautes Europa, in dem die Angehörigen der verschiedenen Nationen wirklich zu Hause sind“.

Die Mehrheit der Verfasser geht den plausiblen Weg, Europa nicht räumlich, sondern vielmehr geistig als Heimat zu verstehen. So erscheint es Fehér erst möglich zu sein, Europa als Heimat zu denken, wenn wir „vom Gegendhaften absehen und uns dem ‚Geistigen‘ zuwenden“: „Ideen können, zumal gemeinschaftliche, Heimat konstituieren. ‚Die europäischen Nationen mögen noch so sehr verfeindet sein‘ schrieb hierzu Husserl, ‚sie haben doch eine besondere innere Verwandtschaft im Geiste.‘“ Diese sieht Fehér im Besonderen gestiftet durch die „europäischen Werte und das, was sie beinhalten, die abendländisch-europäische Philosophie und Lebensanschauung“.

Da sich gerade auf das Schlagwort der ‚europäischen Werte‘ – und dies nicht nur in Fehérs Aufsatz sowie anderen Beiträgen des vorliegenden Bandes – allzu schnell berufen wird, wenn es um das geistige Fundament Europas geht, ist der Beitrag des Ethikers Franziskus von Heeremann besonders bedeutsam. Für den Professor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar führt eine ausschließliche Berufung auf – letztlich subjektiv begründete – Werte nicht nur zu einem „Treibsand aus Wertigkeiten, die gegeneinander verrechnet werden können und deren Hierarchie ins Belieben gestellt ist“. Vielmehr sieht er zudem die Gefahr einer Gesinnungsdiktatur, „die von ihren Untertanen fordert, all das zu übernehmen, was der aktuelle Herrscher – und das ist in der Demokratie die Mehrheit – schätzt“. Demgegenüber setzt von Heeremann auf die Menschenwürde als identitäre Grundlage Europas: „Die Frage nach unserer letzten Identität ist die, ob wir, gespeist aus welchen religiösen, philosophischen, weltanschaulichen, kulturellen Quellen auch immer, an diesem Bekenntnis zur ‚Sakralität der Person‘ (Hans Joas) unbeirr- und unverführbar festhalten. Die Sakralität der Person ist aber in der Weise die Identität Europas, dass Europa weder behaupten noch wollen kann, dass es bloß die seine wäre, noch konstatieren kann, es habe sie – es entspräche schon seiner Identität.“

Tilman Asmus Fischer

Martin W. Ramb u. Holger Zaborowski (Hrsgg.), Heimat Europa?, Göttingen 2019. 431 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN: 978-3-8353-3475-5.

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2019.

Politik in christlicher Verantwortung

Erhard Eppler (1926–2019), Protestant und Politiker im Einsatz für den Frieden, ist verstorben

Von Tilman Asmus Fischer

„Umkehr zum Leben“ und „Gottes Geist befreit zum Leben“ – so lauteten die Mottos der Deutschen Evangelischen Kirchentage, die unter der Präsidentschaft von Erhard Eppler 1983 in Hannover und 1991 im Ruhrgebiet stattfanden. In beiden Losungen klingt die Verantwortung des Menschen an – vor Gott und für die Mitschöpfung. Der in diesem Sinne zu verstehende Einsatz vor allem für Frieden, jedoch auch für soziale Gerechtigkeit und Ökologie prägte das Leben und Wirken Epplers – sowohl in der Politik als auch in der Kirche. Dabei verbanden sich sein politisches und kirchliches Engagement in vielfältiger Weise.

Erhard Eppler 1983 beim SPD-Parteitag im Kölner Messezentrum (Foto: Bundesarchiv)

Bevor er 1956 der SPD beitrat, als deren Vordenker er heute – zu Recht – erinnert wird, begann der 1926 in Ulm geborene Eppler seine politische Laufbahn zunächst 1952 in der gerade entstandenen Gesamtdeutschen Volkspartei. Diese war von dem früheren CDU-Politiker und späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, 1949 bis 1955 Präses der EKD, gegründet worden. Dieser lehnte ebenso wie sein persönlicher Freund Martin Niemöller die von Konrad Adenauer betriebene Politik der Westbindung, vor allem jedoch die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ab.

Als SPD-Politiker setzte sich Eppler intensiv für die von Willy Brandt forcierte „neue Ostpolitik“ ein. Auf bundespolitischer Ebene hatte er hierzu als Bundestagsabgeordneter von 1961 bis 1976 sowie als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit 1968 bis 1974 Gelegenheit. In die Phase seiner Mitgliedschaft in der Bundesregierung fallen die 1970 bis 1973 mit der DDR, Polen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei abgeschlossenen sogenannten Ostverträge.

Neben dem politischen Bonn war jedoch bereits in den 1960er Jahren gerade die evangelische Kirche ein wichtiges Forum für Epplers ostpolitisches Engagement. Nicht nur, dass seine Mitwirkung in Gremien der EKD – als Mitglied der Synode und zeitweise als Mitglied der Kammer für öffentliche Verantwortung – ihm die Möglichkeit gab, Kontakte zu kirchlichen Strukturen in den Ostblock-Ländern zu knüpfen. Vielmehr leistete er einen wichtigen Beitrag zur theoretischen Begründung und Untermauerung der „neuen Ostpolitik“ durch seine Beteiligung an zwei EKD-Texten: der Ostdenkschrift „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ (1965) und der Studie „Friedensaufgaben der Deutschen“ (1968).

Auch nachdem sich Eppler in den 1970er Jahren auf die baden-württembergische Landespolitik konzentriert hatte – 1973 bis 1981 als SPD-Landesvorsitzender und 1976 bis 1982 als Landtagsmitglied –, schaltete er sich immer wieder in die Bundespolitik ein und avancierte so in den 1980er Jahren in Opposition zum NATO-Doppelbeschluss zu einem der profiliertesten Vertreter der Friedensbewegung. In den folgenden Jahrzehnten blieb er ein kritischer Denker und Mahner, der sich bis ins hohe Alter mit Vorträgen und Veröffentlichungen in gesamtgesellschaftliche Debatten einbrachte.

Am 19. Oktober ist Erhard Eppler in Schwäbisch Hall heimgerufen worden.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 43/2019.

Keine Selbstverständlichkeit

80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs sind deutsche und polnische Protestanten auf vielfältige Weise verbunden

Von Tilman Asmus Fischer

„Alles andere als selbstverständlich“ sei die Geschichte der deutsch-polnischen Versöhnung in den zurückliegenden Jahrzehnten. 80 Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf Polen betont Präses Annette Kurschus, die Beauftragte des Rates der EKD für die Beziehungen zu den polnischen Kirchen: „Wir bekennen uns offen und aufrichtig zu dieser Schuldgeschichte und ebenso zur Verantwortung, die uns daraus zuwächst.“ Zugleich wolle man gemeinsam mit den Partnern im Polnischen Ökumenischen Rat, dem Polska Rada Ekumeniczna (PRE), „für den Frieden zwischen unseren Ländern und den Frieden in Europa“ eintreten.

Ein entsprechendes Zeichen werden EKD und PRE am 1. September, dem Gedenktag des Kriegsbeginns, mit einem Gottesdienst in der Warschauer Trinitatiskirche setzen. Neben Kurschus wird auch PRE-Präsident Bischof Jerzy Samiec predigen. Verantwortet wird der Gottesdienst vom Deutsch-Polnischen Kontaktausschuss, der 1974 zur Koordinierung der Beziehungen zwischen EKD und PRE gegründet worden war.

Innerhalb der EKD kommt den östlichen Landeskirchen, und somit auch der EKBO, eine besondere Bedeutung für die ökumenischen Beziehungen in das unmittelbar angrenzende Polen zu. Der Grenzraum, zu dem der Osten seiner Landeskirche gehört, soll ein „Garten der Barmherzigkeit“ sein, sagt Justus Werdin, Pfarrer der EKBO für grenzüberschreitende Ökumene. Ziel seiner Bemühungen sei das Entstehen einer „Konziliaren Gemeinschaft der Kirchen an Oder und Neiße“ im Sinne der „Charta Oecumenica“ der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen von 2001.

Einen wichtigen Schritt in diese Richtung wird ein ökumenisches Bischofstreffen aller an Oder und Neiße angrenzenden Landeskirchen und Diözesen aus Deutschland und Polen in Frankfurt (Oder) am 15. Oktober darstellen. Einen Vorgeschmack darauf können Interessierte bereits am 1. September erhalten, wenn das ZDF einen Gottesdienst aus Frankfurt und einen ökumenischen Gottesdienst im polnischen Teil Gubens ausstrahlt.

Ein „gewachsenes Vertrauen und partnerschaftliche, oft sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen Polen und Deutschen“ erlebt Martin Herche, der langjährige frühere Görlitzer Generalsuperintendent, bei ökumenischen Gottesdiensten und Andachten. Die Kirchliche Stiftung evangelisches Schlesien, die er als Vorstandsvorsitzender leitet, knüpft an die Tradition der historische Kirchenprovinz Schlesien an, und pflegt zusammen mit Partnern in Polen das gemeinsame Erbe des schlesischen Protestantismus: Hierzu fördert die Stiftung Ausstellungs- und Forschungsprojekte ebenso wie konservatorische Maßnahmen polnischer evangelischer Gemeinden zum Erhalt von Kulturgütern.

Während Studienreisen der Stiftung nach Schlesien nimmt Herche bei der jüngeren Generation in Polen ein spürbares Interesse an der Lokalgeschichte wahr: „Das heißt eben auch ein Interesse an der deutschen Geschichte und der Kultur, die die heute polnischen Orte über Jahrhunderte geprägt hat.“ Die gemeinsame Geschichte wirke heute verbindend und völkerverständigend.

Ein weiteres Beispiel für die verbindende Kraft der Geschichte stellt Marcin Żerańskis Buch „Polen evangelisch. Eine Entdeckungsreise“ dar, das 2017 unter Schirmherrschaft der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen veröffentlicht wurde. Dass gerade 2019 – im Jahr des Weltkriegsgedenkens – die von Pfarrer Alexander Stokowski übersetzte deutschsprachige Fassung erschienen ist und einlädt, den heutigen Protestantismus in Polen mit seiner polnisch-deutsch-österreichischen Geschichte (neben niederländischen und böhmischen Einflüssen) kennenzulernen, ist eine eindrückliche Geste.

Gefördert wurde die Veröffentlichung des Buchs – neben der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands – vom Gustav-Adolf-Werk, einer weiteren wichtigen Säule kirchlicher Partnerschaften zwischen Deutschland und Polen. So unterstützt das Diasporawerk der EKD die Sanierung kirchlicher Gebäude und diakonische Projekte der Evangelisch-Augsburgischen sowie der Evangelisch-Reformierten Kirche in Polen und fördert über ein Stipendienprogramm Theologiestudenten beider Kirchen.

Schon jetzt tragen also vielfältige Akteure zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit im kirchlichen Raum bei. Und ihre Zahl wächst: Am 1. September werden die Berliner Domgemeinde und die Warschauer St.-Trinitatis-Gemeinde nach einem gemeinsamen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom durch eine Vertragsunterzeichnung eine neue offizielle Partnerschaft besiegeln, die auf eine Initiative aus den Reihen der Domgemeinde zurückgeht. Anfang 2019 und im Juli haben sich bereits Delegationen in Warschau und Berlin getroffen. Gestaltet werden soll die Partnerschaft auf verschiedenen Ebenen der Gemeinden. So sind unterschiedliche Veranstaltungsformate für Gemeindeglieder, Prediger, Mitarbeiter, Jugendliche und Musiker aus Berlin und Warschau geplant.

Dompredigerin Petra Zimmermann ist überzeugt, dass „Begegnungen, Gespräche und das Wissen voneinander helfen können“, der Spaltung Europas sowie Ressentiments und Geschichtsvergessenheit deutlich entgegenzuwirken. „Wir brauchen den Austausch von Erinnerungen, die sich eingeschrieben haben in das Gedächtnis der Familien, in das Gedächtnis der Städte, der Gemeinden.“ Aber die Gemeindepartnerschaft soll mehr sein als ein Geschichtsseminar: „Mit den beiden Kirchen St. Trinitatis und Berliner Dom verbinden sich auch zwei Orte, die es mit ähnlichen Herausforderungen und Chancen von Kirchen in den historischen Zentren ihrer Hauptstädte zu tun haben.“ Im Raum stünde etwa die Frage nach der Rolle von evangelischen Kirchen in der Postmoderne: „Wie können wir in den verdichteten Zentren der Städte mit ihrer Urbanität und Diversität Räume eröffnen, in denen das Gespräch über Glauben, Weltanschauungen und Kulturen geführt werden kann?“

Auf die vor den Gemeinden liegende Partnerschaft schaut Zimmermann zuversichtlich. Die Begegnungen in diesem Jahr hätten gezeigt: „Es geht. Verständigung ist möglich. Vertrauen kann wachsen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 35/2019.

Erschrecken vor Gott

Predigt zu Hiob 23 – und zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren

Wir sind am Ende eines schönen sonnigen Sommers angekommen. Allmählich haben wir uns wieder in den Arbeits- und Schulalltag eingelebt. Zuvor haben uns die Ferientage wieder auf Reisen geführt – durch Deutschland, Europa, vielleicht sogar darüber hinaus. Der eine oder andere wird den Urlaub womöglich auch in Polen verbracht haben. Unser Nachbarland ist ein zunehmend beliebtes Reiseziel, zumal für Deutsche. Und gerade die nördlichen Regionen an der Ostsee sind – vor allem im Spätsommer und frühen Herbst – besonders reizvoll. Jahr für Jahr lockt der Dominikanermarkt – eines der größten Volksfeste der Region – im August tausende von Gästen nach Danzig; und in den Ostseebädern warten Ablenkung und Entspannung.

Mitten durch die hügelige und seenreiche Landschaft der Kaschubei fließt zwischen Danzig und der Ostsee die Piasnitz, ein kleiner Küstenfluss, der auch dem Dorf Groß Piasnitz seinen Namen gegeben hat. Fährt man heute mit dem Auto auf den Landstraßen durch die Wälder im Umland von Groß Piasnitz, fallen die vielen Hinweisschilder am Straßenrand ins Auge. Sie zeigen zwei Kreuze und eine Flamme und weisen in den Wald hinein. Dort befinden sich, verstreut zwischen den Bäumen, kleine und große Denkmäler, eine Kapelle und unzählige Kreuze. Dieser Ort steht im schroffen Kontrast zu all den Sehenswürdigkeiten und Schönheiten, die dieser Landstrich zu bieten hat – und gehört doch ebenso zu dieser Gegend.

Hier wurden zwischen September und Dezember 1939 weit über 10.000 Menschen durch Angehörige der SS und des sogenannten „Volksdeutschen Selbstschutzes“ ermordet und im Wald verscharrt: polnische und kaschubische Intelligenz, Geisteskranke, die den Nationalsozialisten als lebensunwertes Leben galten, und eine große Zahl deportierter Häftlinge aus dem Deutschen Reich.

Gedenkstätte Piasnitz

Orte wie Piasnitz lassen uns noch heute erschrecken – und ihrer gibt es viele, wo in den Jahren nach dem 1. September 1939 Krieg geführt wurde. Wir stehen da und können nicht begreifen, wie Menschen einander antun konnten, was hier geschah; können nicht begreifen, wie ein gnädiger und gerechter Gott, dies zulassen konnte. Wirklich nachempfinden zu wollen, was die Opfer von einst nach der Besetzung ihrer Heimat durch die Wehrmacht erlebten und erlitten, wäre vermessen. Was sich uns jedoch an Orten wie dem Totenwald von Piasnitz in Bruchstücken vermittelt, ist das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins, der totalen Hilflosigkeit, ja der so empfundenen Abwesenheit Gottes. Der Predigttext für den heutigen Sonntag, gibt uns für diese Empfindung Worte. Denn auch Hiob sucht angesichts erlittener Qualen nach Gott: „Siehe, gehe ich nach vorn, so ist er nicht da, nach hinten, so bemerke ich ihn nicht, nach links, sein Tun schaue ich nicht, biege ich ab nach rechts, so sehe ich ihn nicht.“

Hiob, dem von Gott auf die Probe gestellten, leidenden Gerechten, ist alles genommen worden: Vieh und Vermögen, seine Kinder und die eigene Gesundheit. Nun sitzt er da, verarmt, von Geschwüren gezeichnet und hat bereits tagelang mit seinen Freunden Elifas, Bildad und Zofar diskutiert. Sie haben versucht, ihn zu besänftigen, sein Leiden zu erklären und zu rechtfertigen – doch vergebens: „Auch heute ist Widerspruch mein Anliegen. Gottes Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.“ Hiob ist ein strenggläubiger Jude, hat ein moralisch vorbildliches Leben geführt und darf sich von dieser Seite her im Recht wissen: Was er erleidet, hat er nicht verdient. Wie gerne würde er sich daher dem offenen Rechtsstreit mit Gott stellen – und wäre sich dessen Ausgang gewiss: „Ob er in der Fülle seiner Kraft wohl den Rechtsstreit mit mir führen würde? Nein, gerade er wird auf mich achten.“ Wenn er doch nur mit Gott verhandeln könnte, dann würde dieser ihn nicht richten. Mehr noch: Er würde sich ihm in Fürsorge zuwenden. Doch Gott entzieht sich Hiob und lässt nicht mit sich verhandeln, ob das, was Hiob widerfährt, gerecht ist. Gott lässt sich nicht ein auf einen Rechtsstreit über die Frage, ob das, was einem Menschen widerfährt, ‚angemessen‘ ist.

Es gehört dies zur Tragik des Gedenkens an die Opfer von Gewaltherrschaft, Vernichtungskrieg und Rassenwahn: Zwar können wir rein historisch erklären, welche Ideologien und Weltanschauungen die Täter trieben, warum Befehlshaber unter welchen Bedingungen Massaker und Erschießungen anordnen. Und wenn wir einen Blick in die Untiefen des menschlichen Wesens wagen, können wir versuchen, nachzuvollziehen, wieso und unter welchen Umständen Menschen in der Lage sind, einander Gewalt – bis hin zu tödlicher Gewalt – anzutun. Jörg Baberowski, der hier in Berlin Zeitgeschichte lehrt, hat dies über Jahre getan, um am Ende in der Einleitung seines Buchs über „Gewalträume“ zu schreiben: „Der Autor wird zum Pessimisten, und er muss sich vor dem Bösen schützen, das er überall sieht und spürt. Eines Tages muss er aufhören, sich mit der Gewalt zu beschäftigen, weil sie sein Leben vergiftet und seine Stimmung verdüstert.“

Jeder Mensch kann, so Baberowski, unter bestimmten Bedingungen zum Gewalttäter und Mörder werden, vor allem wenn er straffrei handeln kann – so wie die SS im Hinterland der Kriegsfront. Der fatale Umkehrschluss lautet daher jedoch auch: dass wiederum jeder Mensch auch willkürlich Opfer der Gewalt werden kann. Dass sich ab dem 1. September 1939 in Osteuropa Räume der Gewalt öffneten, in denen Menschen andere Menschen ungestraft quälen und abschlachten konnten, lässt sich im Sinne geschichtlicher Zusammenhänge und Verläufe erklären – und die Verantwortung hierfür lastet noch heute schwer auf unseren Schultern. Warum aber gerade der eine oder die andere diesem Wüten zum Opfer fallen musste, bleibt letztlich unerklärlich, ist nicht zu rechtfertigen – erst recht nicht aus dem Lebenswandel und der Person des einzelnen heraus. Welchem einzelnen Opfer der Nationalsozialisten hätte man es absprechen können, mit Hiobs Worten gegen Gott aufzubegehren: „Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.“

Diese Frage bleibt – und diese Spannung bleibt, dass sich Gott unserer Erwägung und Berechnung gänzlich entzieht, wie auch Hiob erkennen muss: „Doch er, der Eine – wer kann ihm wehren? –, er tut, was seine Seele begehrt. Ja, er wird vollenden, was für mich bestimmt ist; und dergleichen hat er vieles noch im Sinn.“ Wie kann Gott solches Unrecht zulassen? Diese Spannung beschönigen oder wegdeuten zu wollen, wäre billig – billig gegenüber dem Text und billig gegenüber den Opfern, derer wir heute gedenken. Bestürzung, Beben und Verzagen können auch Teil der Beziehung von Menschen zu Gott sein. Dies ist die Einsicht dieses Predigttextes an diesem Gedenktag – und gewiss keine leichte. Aber sie ist eine notwendige Irritation für uns, die wir doch immer wieder dazu neigen, von Gott zu erwarten, dass er unseren Vorstellungen zu entsprechen habe.

Jedoch – und auch dies gehört zur Botschaft des Hiob-Buchs: Ebenso können Klage und Widerspruch zur Gottesbeziehung gehören angesichts von Unrecht und Leid, das der Volksmund dann ja auch ganz zu Recht als „himmelschreiend“ bezeichnet. Im Klagen und Anklagen gegen Gott wenden wir uns nicht von ihm ab, sondern zu ihm hin. Nicht ohne Grund schilt Gott im Hiobbuch am Ende auch nicht seinen Ankläger Hiob, sondern dessen Freunde, die diesen in seiner Anklage zum Verstummen bringen wollten: „… da sprach der HERR zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und gegen deine beiden Freunde: Denn ihr habt über mich nicht Wahres geredet wie mein Knecht Hiob.“ (Hiob 42,7)

Und so ist Hiobs Klage keine stille Klage – und sie schließt mit einem Satz, der auch uns zur Klage ermutigt, einer Klage im Ringen mit Gott: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“ Wenn wir in diesem Sinne heute die Opfer von einst beklagen, dann tritt neben unsere Klage zugleich jedoch auch die Zusage: Gott mag uns in seinem unergründlichen Ratschluss fremd und entzogen sein. Jedoch ist er immer auch der Zugewandte, der Mitleidende, ist gerade in den Opfern, die uns so unerklärlich sind, gegenwärtig. Einer, dem diese Präsenz Gottes gerade im Angesicht des Leids bewusstwurde, war Elie Wiesel. In seinem autobiografischen Auschwitz-Buch „Die Nacht“ schildert er die Hinrichtung eines Jungen, der zusammen mit zwei anderen Häftlingen wegen Sabotage zum Tode verurteilt worden war:

„‚Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. ‚Mützen ab!‘ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. ‚Mützen auf!‘ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr… Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch … Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. […] Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: ‚Wo ist Gott?‘ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‚Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen…‘“

Elie Wiesel konnte Gott im Jungen am Galgen erkennen. Wurde Gott in solcher Weise auch für Menschen im Wald von Piasnitz erfahrbar? Wir wissen es nicht – und es zu behaupten, hieße, die Schrecken des Jahres 1939 in einer Weise zu bemänteln, die gerade uns nicht zusteht. Wir dürfen es jedoch hoffen. Und dies ist eine Hoffnung, die unseren Blick am Ende von den Verwerfungen der Vergangenheit in die Zukunft richten lässt. Denn wo Gott ist, da ist immer auch ein Neubeginn möglich: Kein Schlussstrich, aber eine Klage über die Opfer, aus der ein Eingestehen von Schuld und eine innere Umkehr folgen. Dies hebt die Unfassbarkeit des Leids und die Notwendigkeit der Klage nicht auf, aber aus der Klage können neue Begegnungen entstehen und Beziehungen wachsen. Das nennen wir dann Verständigung und Versöhnung. Schritte dieser Entwicklung dürfen wir bereits seit Jahrzehnten zwischen Polen und Deutschen erleben – Gott sei Dank! Und ganz in diesem Sinne dürfen wir festhalten an dem Widerspruch des Hiob, der letztlich ein Festhalten ist an der Hoffnung auf Gott und Gottes Gerechtigkeit: „Doch werde ich nicht zum Schweigen gebracht vor Finsternis, noch von mir selbst, den Dunkelheit bedeckt.“

Predigt im Gottesdienst zur Erinnerung an 80 Jahre Beginn des 2. Weltkrieges am 11. Sonntag nach Trinitatis, 1. September 2019, in der Ev. Patmos-Gemeinde Berlin-Steglitz.

Erinnern an Vergangenes für die Zukunft

Marienbader Gespräche zu deutscher und tschechischer Gedenkstättenarbeit

Mit „Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur zwischen Generationenwechsel, Nationalismus und Antisemitismus“ hatte sich der Sudetendeutsche Rat (SR) für seine heurigen Marienbader Gespräche vom 28. bis 30. Juni ein Thema gewählt, das – anlässlich des Gedenkens an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren – sowohl von geschichtspolitischer als auch – mit Blick auf wachsende rechtspopulistische Strömungen in Europa – von tagespolitischer Relevanz ist. Dieser – auch von Generalsekretärin Christa Naaß MdL a.D. in ihrer Eröffnungsrede betonten – doppelten Bedeutsamkeit der vom Bundesministerium des Innern geförderten Tagung entsprach es sodann auch, dass die Tagung unter die Worte „Zukunft Erinnerung“ gestellt worden war.

Einen Überblick über die öffentliche Gedenkstättenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland gab Rita Hagl-Kehl MdB, sozialdemokratisches Mitglied des SR und Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, indem sie die geschichtspolitischen Grundlinien der Bundesregierung ausgehend von den einschlägigen Passagen des Koalitionsvertrags entfaltete und anhand des aktuellen Bundesprogramms „Jugend erinnert“ erläuterte.

An Hagl-Kehl anknüpfend wurde exemplarisch die Gedenkstättenarbeit in Bayern in den Blick genommen, wobei sowohl Praktiker als auch verantwortliche Landespolitiker zu Wort kamen.

Exemplarische Einblicke gaben Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, und Dr. Hildegard Kronawitter MdL a.D., Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e.V. Beide stellten die grenzübergreifende Dimension ihrer jeweiligen Arbeit heraus. Im Falle der KZ-Gedenkstätte ist diese bereits historisch bedingt, da der Lagerkomplex Flossenbürg über Außenlager sowohl im Deutschen Reich als auch im annektierten Tschechien verfügte. Vermittels des Zentralthemas „Freiheit“ seien – so Kronawitter – auch außerhalb Deutschlands junge Menschen von der Geschichte der Weißen Rose fasziniert; so habe die Stiftung etwa eine eigene Wanderausstellung auf Tschechisch erarbeitet, die im östlichen Nachbarland gut angenommen werde.

Moderiert vom Vorsitzenden des Adalbert Stifter Vereins, Dr. Peter Becher diskutierten sodann die zuständigen Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel (Grüne), Dr. Helmut Kaltenhauser (FDP), Margit Wild (SPD) und Josef Zellmeier (CSU) über die Rahmenbedingungen der bayerischen Gedenkstättenpolitik, wobei ein parteiübergreifender Konsens über die Notwendigkeit deutlich wurde, die Infrastruktur der entsprechenden Einrichtungen zu stärken.

Weitere Einblicke in geschichtspolitische Handlungsfelder gaben die Vorträge des früheren Bayerischen Kultusministers Dr. Ludwig Spaenle und von Erich Schneeberger, Landesvorsitzender des bayerischen Verbandes der Sinti und Roma. Spaenle sprach über die Erfahrungen und Erkenntnisse, die er im zurückliegenden Jahr im neugeschaffenen Amt des Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe sammeln konnte. Schneeberger wiederum stellte die Grundzüge und Potenziale des Staatsvertrags zwischen dem Freistaats Bayern mit den Sinti und Roma dar.

Beispiele der tschechischen Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit kamen von Jaroslav Ostrčilík, dem Initiator des Brünner Versöhnungsmarsches, und BdV-Präsidiumsmitglied Milan Horáček. Dieser berichtete von seinem in Tschechien, aber ebenso auf europapolitischer Ebene geführten Kampf um die geschichtspolitische Anerkennung und Aufarbeitung „eines verschwiegenen Völkermordes“ an Sinti und Roma im böhmischen Lager Lety.

Neben den ‚großen‘ Gedenkstätten, die sich mit den Verbrechen des 20. Jahrhunderts verbinden, kamen auch lokale – und dabei primär kirchliche – Erinnerungsorte in den Blick. Zum einen stellte Jakub Ded die Arbeit seines Vereins „Omnium“ vor, der sich für den Erhalt historischer Friedhöfe einsetzt. Zum anderen hatten die Tagungsteilnehmer die Gelegenheit, anlässlich eines Konzerts des Westböhmischen Symphonieorchesters, Marienbad, die St.-Annen-Kirche von Palitsch kennenzulernen, für deren Restaurierung sich eine zivilgesellschaftliche Initiative einsetzt.

Eine Rückbindung des Tagungsthemas an den größeren Kontext der deutschtschechischen Nachbarschaftspolitik stellten Dr. Christoph Israng, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, der Leiter des Sudetendeutschen Büros, Peter Barton, sowie Senator Prof. Dr. Zdeněk Papoušek von der KDU-ČSL (Christliche und Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei) sicher, die aus der je eigenen Perspektive über den aktuellen Stand der grenzübergreifenden Beziehungen berichteten.

Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, arbeitete in seinem Abschlussvortrag die zentrale erinnerungspolitische Dimension der Vertriebenen- sowie Volksgruppenpolitik heraus. Dabei betonte er das Potenzial von Gedenkstätten – mithin Denkmälern –, zu einem Nachdenken über Fragen von aktueller politischer Bedeutung, etwa die Gestaltung Europas, anzuregen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 3/2019.

Gedenken an den Vernichtungskrieg

Eine zivilgesellschaftliche Initiative fordert ein „Polendenkmal“ in Berlin

Von Tilman Asmus Fischer

Es dürfte nur wenige öffentliche Räume geben, die eine ähnlich hohe Denkmal-Dichte aufweisen können wie das Berliner Stadtzentrum. Ebenso vielfältig wie die historischen Prozesse und Ereignisse, die mit der Bundeshauptstadt verbunden sind, sind die geschichtspolitischen Initiativen, die in Stein gehauene und aus Metall gegossene Spuren im Stadtbild hinterlassen haben. Wenn es nach den Initiatoren eines im November 2017 an den Deutschen Bundestag gerichteten Aufrufs geht, soll ein „Polendenkmal“ auf dem Askanischen Platz in Berlin-Kreuzberg „zum Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945“ die monumentalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ergänzen.

Warschau im Januar 1945 (Bild: M.Świerczyński)

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die in den sechs Kriegsjahren in Polen begangenen Verbrechen, auf die der Aufruf verweist, von ihrer Qualität und Quantität her eine eigenständige Form des Gedenkens rechtfertigen. So qualifiziert auch die neuere zeitgeschichtliche Forschung die Kriegsführung in Polen als Vernichtungskrieg: von den Massenerschießungen nach Kriegsbeginn, über die Shoa (unter den ermordeten Juden befanden sich drei Millionen polnische Staatsbürger) bis zur Zerstörung Warschaus in den letzten Kriegsmonaten.

Ins Leben gerufen haben die Initiative neben den früheren Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse sowie dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, der Direktor des Deutschen Polen-Instituts (Darmstadt), Dieter Bingen, sowie der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, Florian Mausbach. Zu den weiteren Unterzeichnern des Aufrufs gehören auch Bischof Markus Dröge, Erzbischof Heiner Koch, Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein sowie der langjährige EKD- und EKBO-Synodale Klaus Wittmann.

Seit der Veröffentlichung des Aufrufs vor gut anderthalb Jahren wirbt die Initiative auf unterschiedlichen Ebenen für ihr Projekt: Neben mehreren Informationsgesprächen mit Abgeordneten unterschiedlicher Bundestagsfraktionen fand im März eine Podiumsdiskussion in der Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund statt. Am 14. Mai präsentierte Emilie Mansfeld, Leiterin des Berliner Büros des Deutschen Polen-Instituts, auf Einladung der Evangelischen Akademie zu Berlin im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wglady Einblicke“ die Initiative vor zivilgesellschaftlichen Multiplikatoren der deutsch-polnischen Zusammenarbeit im Haus der EKD.

Auch wenn es Gedenkorte gebe, die bereits unter anderem an polnische Kriegsopfer erinnerten, wie etwa das Holocaust-Mahnmal, fehle – so Mansfeld – ein Denkmal, das konkret der polnischen Opfergruppe erinnere. Entsprechende Denkmäler bestünden etwa für die ermordeten Sinti und Roma sowie Homosexuellen. Mithin werde das Thema der Kriegsverbrechen im besetzten Polen dies- und jenseits der Oder asymmetrisch wahrgenommen; so gebe es bis heute keinen entsprechenden Termin im Kalender des öffentlichen Gedenkens in Deutschland. Insofern verbinden die Initiatoren mit ihrem Vorstoß die Hoffnung, über die Forderung nach einem Denkmal hinaus für dieses Defizit zu sensibilisieren und damit eine erinnerungspolitische Brücke zum Nachbarland zu schlagen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 22/2019.

Weitere Informationen: http://www.polendenkmal.de