Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Ende einer Ära

Im 19. Bundestag werden prägende Gestalten der Vertriebenenpolitik fehlen

Mehrere Bundestagsmitglieder hatten im Vorfeld der diesjährigen Wahl angekündigt, nicht mehr für das Parlament zu kandidieren. Einige von ihnen haben während der letzten Jahrzehnte in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die deutsche Vertriebenenpolitik genommen. Mit ihrem Ausscheiden geht daher eine Ära zu Ende; denn so unterschiedlich die Lebensläufe und Positionen der einzelnen Abgeordneten waren, gemeinsam ist ihnen, dass ihr politisches Wirken durch die Erfahrungen der Nachkriegszeit, der deutschen Teilung sowie der Wiedervereinigung geprägt war – und sie in einer Phase politisch wirkten, in der die Vertriebenenpolitik nach dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft und der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie neue Perspektiven und Herausforderungen entwickeln bzw. bestehen musste.

Ein Freund der Vertriebenen und Heimatverbliebenen

Zu den Dienstältesten der nun ausscheidenden Abgeordneten gehört der bisherige Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU), der bereits 1980 in den Bundestag einzog. Nachhaltig setzte er sich sowohl für den – zumal interparlamentarischen – deutsch-polnischen Dialog als auch für die Belange der deutschen Vertreibungsopfer ein. Zudem gehörte er zu den prominentesten Unterstützern einer Petition der AGMO e.V. (Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen) zur Wahrung der bildungspolitischen Belange der Heimatverbliebenen. 2009 war er bereit, bei der Feierstunde zum 60-jährigen Bestehen der Landsmannschaft Westpreußen die Festrede zu halten.

Vertriebenenpolitik im Zeichen der Wiedervereinigung

Mit der Wahl zum ersten gesamtdeutschen Bundestag 1990 begann die parlamentarische Laufbahn zweier Politiker, die ihre Karriere im BdV zu dieser Zeit schon hinter sich bzw. noch vor sich hatten.

(Foto: Tobias Koch)

Hartmut Koschyk (CSU) war bereits in den 1980er Jahren Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend (SJ) gewesen und begleitete 1983 bis 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter die Arbeit des CDU-Abgeordneten und langjährigen BdV-Vizepräsidenten Helmut Sauer. 1987 bis 1991 war Koschyk BdV-Generalsekretär. In der Unionsfraktion stand er 1990 bis 2002 der Arbeitsgruppe „Vertriebene und Flüchtlinge“ vor. Ab 2013 setzte er sich als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten mit großer Energie für die Fragen der Heimatverbliebenen ein ; bereits zur Zeit in der SJ hatte er zu den Mitbegründern der AGMO e.V. gehört.

Die im westpreußischen Rahmel geborene Erika Steinbach (CDU, ab 2017 parteilos) sollte 1998, acht Jahre nach ihrem Einzug in den Deutschen Bundestag, zur Präsidentin des BdV gewählt werden – ein Amt, in dem sie bis 2014 die Modernisierung des Verbandes wesentlich voranbrachte. Zudem sitzt sie seit dem Jahre 2000 der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ vor, die sie gemeinsam mit ihrem Parlamentskollegen, dem sudetendeutschen Sozialdemokraten Peter Glotz († 2005), gegründet hatte. Zu den vertriebenenpolitischen Erfolgen ihrer Zeit im Bundestag gehören die Schaffung der Bundesstiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“, die Einführung des nationalen Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung sowie die Anerkennungsleistung für zivile deutsche Zwangsarbeiter.

Einsatz für Aufarbeitung und Verständigung

Mit Petra Ernstberger (SPD) und Volker Beck (Die Grünen) zogen 1994 zwei Abgeordnete in den Bundestag ein, die sich zwar nicht durch eine Bindung an Vertriebenenverbände auszeichneten, sich jedoch auf je eigene Weise im Interessenbereich der Vertriebenenpolitik engagierten – beide zumal mit einem Schwerpunkt auf den deutsch-tschechischen Beziehungen.

Beide waren zeitweise – Beck bis Ende seiner Amtszeit – Mitglieder des überparteilich aufgestellten Sudetendeutschen Rates. Ernstberger war zudem Vorsitzende der Deutsch-Tschechischen Parlamentariergruppe und gehört dem Verwaltungsrat des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds an. Volker Beck, der stets seine eigene sudetendeutsche Abstammung betonte, akzentuierte immer wieder auch Vorbehalte gegenüber den deutschen Vertriebenenverbänden und Kritik an einigen ihrer Positionen.

Erster sächsisch-anhaltischer Ministerpräsident und Aussiedlerbeauftragter

Christoph Bergner (CDU) wurde 2002 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Zuvor hatte er ab 1990 dem Landtag von Sachsen-Anhalt angehört, dessen Ministerpräsident er zudem 1993 bis 1994 gewesen war. In den Jahren 2005 bis 2013 war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern. Von 2006 bis 2014 bekleidete Bergner als Amtsvorgänger von Hartmut Koschyk das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten; parallel hierzu war er von 2011 bis 2014 zugleich Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer. Bergners Einsatz für deutsch-osteuropäische Beziehungen geht jedoch über diese Amtsjahre hinaus; so engagiert er sich bis heute im Deutsch-Rumänischen Forum, dessen Vorsitzender er ist. Neben den Fragen deutscher Vertriebenen- und Minderheitenpolitik setzte sich Bergner ferner intensiv für die Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern durch das Osmanische Reich ein.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 11/2017.

Ein gelungener Kompromiss

Das Konzept für die Dauerausstellung im Deutschlandhaus

Bereits im Juni hatte die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ihr Konzept für die Dauerausstellung präsentiert, die im Deutschlandhaus, unweit des Potsdamer Platzes, in Berlin realisiert werden soll. Vor dem Hintergrund der hitzigen Debatten, die den Weg zum „Sichtbaren Zeichen“ begleiteten, dürfen weder die Herausforderung noch die Verantwortung, die sich mit der Arbeit an diesem Konzept verbunden haben, niedrig eingeschätzt werden. Am Ende ist es dem Stab der Stiftung um Direktorin Dr. Gundula Bavendamm gelungen, ein Papier vorzulegen, in dem die unterschiedlichen Fraktionen der zurückliegenden Diskussionen ihre Positionen ernst genommen sehen können, ohne dass die Gesamtkonzeption hätte Abstriche bei der inhaltlichen Kohärenz machen müssen.

Verknüpfung komplementärer Perspektiven

Aufschlussreich ist bereits die Grobgliederung der Ausstellung in drei Hauptabschnitte: „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Darein hat sich eine der besonders umstrittenen Fragen der letzten Jahre eingeschrieben: Soll die Vertreibung der Deutschen als Teil des Phänomens Zwangsmigration als einer historischen Konstante des kurzen 20. Jahrhunderts thematisiert werden, unter dem Risiko, den historischen Nexus zwischen Zweitem Weltkrieg und deutschem Heimatverlust zu vernachlässigen? Oder soll eben diese Verbindung das Narrativ der Ausstellung prägen, was wiederum zu einer Ausblendung historischer Parallelen vom Ersten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg geführt hätte?

Diesen Konflikt löst die Konzeption, indem sie beide Ansätze zur Geltung kommen lässt. Eine phänomenologische Annäherung an den Problemzusammenhang nimmt der erste Hauptteil vor, indem er zunächst einen historischen Überblick gibt und – hiervon ausgehend – sodann in Form von Themeninseln zentrale Aspekte von grundsätzlicher Bedeutung fokussiert: „Begriffe und Kontroversen“ – „Nation und Nationalismus“ – „Zwang und Gewalt“ – „Lager – Transit und Provisorium“ – „Völkerrecht und Menschenrechte“.

Der – umfangreichere und detaillierter untergliederte – zweite Hauptabschnitt nimmt, hieran anknüpfend, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ in den Blick. Die Verbindung deutscher Expansion und Vertreibung der Deutschen ist diesem Ausstellungsbereich durch seinen ersten Unterabschnitt zugrunde gelegt: „Totalität und Entgrenzung: Deutsche Expansionspolitik und Zweiter Weltkrieg (1938–1944)“. Nachdem der zweite Unterabschnitt „Pläne der Alliierten und der Exilregierungen für eine Nachkriegsordnung Europas durch Vertreibungen (1939–1945)“ thematisiert hat, nehmen dann zwei Teilbereiche die beiden wesentlichen Phasen deutscher Zwangsmigration separat in den Blick: „Evakuierung und Flucht der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten (1944/45)“ und die „ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas (1944–1948)“.

Letztlich dürfte es den Verfassern der Konzeption gelungen sein, aus zwei ursprünglich kontrastiv aneinander profilierten Ansätzen zwei zueinander komplementäre Perspektiven entwickelt zu haben. Abgeschlossen wird die Dauerausstellung mit dem dritten Hauptteil über „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Für diesen Bereich entwickelt das Konzept das Narrativ einer nicht unbelasteten, aber letztlich erfolgreichen Integrationsgeschichte: vom „gesellschaftliche[n] Experiment“ über „Konfliktgesellschaft und deutsche Frage“ und die Spannung zwischen „Polarisierung und Verständigung“ hin zu „Erinnerung und Gedächtnis im Wandel“.

Der Bund der Vertriebenen hatte stets Anteil an der Entwicklung der Bundesstiftung und deren Ausstellung. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB im Gespräch mit Dr. Gundula Bavendamm.
(Foto: privat)

Regionalgeschichtliche Gesichtspunkte

Das Konzept-Papier ist zu umfangreich, als dass sich an dieser Stelle – neben einer Analyse der großen Linie – sämtliche regionalgeschichtlichen Gesichtspunkte der Konzeption erörtern ließen. Vielmehr kann hier nur eine Problemanzeige für das untere Weichselland erfolgen.

In der Unterabteilung zum „Kriegsende in den Ostgebieten des Deutschen Reiches“ sind es zwei mit Westpreußen verbundene Ereignisse, welche die Komplexität der Entwicklungen an der näher rückenden Ostfront verdeutlichen: auf der einen Seite der Untergang der Wilhelm Gustloff, auf der anderen Seite das Massaker von Palmnicken, dem jüdische Häftlinge von Außenlagern des KZ Stutthof zum Opfer fielen. Zwei weitere Bereiche der Ausstellung beleuchten die „Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ sowie die „Vertreibungen im Zusammenhang mit der Westverschiebung Polens“.

Zwar benennt das Konzept Fragen der europäischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit, eine abschließende Einschätzung über deren Einordnung in den Gesamtkontext ist jedoch noch nicht möglich. In jedem Fall dürfte es sich hier um einen der neuralgischen Punkte der Ausstellung handeln bzw. um einen Indikator dafüür, mit welcher Offenheit Fragen etwa nach der Bedeutung antideutscher Tendenzen in der polnischen Politik von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs bis hin zum „Bromberger Blutsonntag“ und seinem Umfeld verhandelt werden können.

Gleichermaßen abzuwarten ist, inwiefern das Schicksal ziviler deutscher Zwangsarbeiter – wie etwa im „Zentralen Arbeitslager Potulice“ – als flächendeckendes Phänomen erörtert wird. Für die Themeninsel zu Lagern scheint es bisher noch nicht vorgesehen zu sein, in den Abschnitten zu einzelnen Vertreibungsgebieten wird dieser Gesichtspunkt nur für Nord-Ostpreußen und Südosteuropa expliziert. Gleichfalls fraglich ist, in welchem Umfang die Heimatverbliebenen in den Oder-Neiße-Gebieten Berücksichtigung finden werden.

Bereits diese Schlaglichter machen deutlich, dass das nun vorliegende Konzept noch hinreichende Spielräume bei seiner Umsetzung lässt, sodass die endgültige Gestaltung mit großem Interesse zu erwarten ist.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2017.

Reise in eine versunkene Welt

Ausstellung „Jerzy Bahr – Mein Königsberg“

Königsberg am frühen Morgen: „Gähnende Leere, rote, zerschlagene Ziegel und Gassen, die einst Straßen waren.“ So erinnerte sich der polnische Diplomat Jerzy Bahr (†) an die ostpreußische Metropole nach seinem ersten Besuch in den 1970er Jahren. Über Bahrs Faszination für Königsberg zeigt die westpreußische Stadt Krockow jetzt eine Ausstellung.

Als 1963 „Namen, die keiner mehr nennt“ von der aus Ostpreußen stammenden Autorin Marion Gräfin Dönhoffs erschien, würdigte der „Spiegel“ das Buch als „bewegendes Porträt einer versunkenen Welt“. Die Faszination, die von dieser „versunkenen Welt“ ausgeht, ist auch knapp 55 Jahre danach noch spürbar. Dies trifft in besonderer Weise auf das Samland mit der Provinzhauptstadt Königsberg zu.

In der Ausstellung finden die Besucher u.a. eine Reihe von Bildern und Karten des alten Königsberg

Zu denjenigen, die sich der Faszination Königsbergs nicht entziehen konnten, gehörte auch der im Vorjahr verstorbene polnische Diplomat Jerzy Bahr. Nach sieben Jahren im Dienst des polnischen Außenministeriums war Bahr 1981 nach Ausrufung des Kriegsrechts nach Österreich geflohen. Es folgten Tätigkeiten für Radio Free Europe und das Osteuropa-Studien-Institut Bern-Freiburg. Mit seiner Rückkehr nach Polen 1989 konnte er seine diplomatische Laufbahn fortsetzen, die ihn unter anderem als Botschafter von 1996 bis 2001 nach Kiew, von 2001 bis 2005 nach Vilnius und von 2006 bis 2010 nach Moskau führte.

Leidenschaft für Königsberg

Dass ihn sein Lebensweg sowohl mit dem deutschsprachigen Raum als auch mit den östlichen und nordöstlichen Nachbarn Polens verband, mag ihn dazu prädestiniert haben, seine von Jugend an gehegte Leidenschaft für die Ostseemetropole Königsberg zu vertiefen; und dies nicht nur als erster polnischer Generalkonsul in Königsberg 1992 bis 1994. Vor allem betätigte er sich privat als Sammler historischer Relikte aus der Pregelstadt. Im Gespräch mit dem Publizisten Jerzy Sadecki sagte er: „Seit meiner frühen Jugend habe ich meine Leidenschaft auf alles gerichtet, was Königsberg betraf.“ Er erinnerte sich an einen frühen Königsberg-Besuch in den 1970er-Jahren: „Früh morgens im Zentrum der Stadt sah ich nur gähnende Leere, rote, zerschlagene Ziegel und Gassen, die einst Straßen waren. Ich verblüffte meinen Kollegen, da in meinem Kopf noch eine Karte Königsbergs aus der Vorkriegszeit existierte, indem ich ihm zeigte, wo sich früher welche Straße befand.“

Mit den Augen Bahrs

Grażyna Patryn, Kustodin des Regionalmuseums im westpreußischen Krockow, ermöglicht nun in Form einer Ausstellung, Jerzy Bahr auf seinem Gedankenspaziergang durch das alte Königsberg zu folgen. Nachdem die Familie Bahrs dem Museum den Nachlass des ehemaligen Generalkonsuls – neben der Artefaktensammlung eine umfangreiche Königsberg-Bibliothek und ein kleines Archiv zu Königsberger Themen – übergeben hatte, begann Patryn, hieraus eine liebevoll gestaltete Ausstellung zu konzipieren und umzusetzen. Diese ist noch bis Ende des Jahres in Krockow zu besichtigen.

Die Sammlung reicht von historischen Drucken und Uniformabzeichen über Bierflaschen Königsberger Brauereien und historische Postkarten bis zu einer Mehltüte der Königsberger Walzmühle und einem Porzellangriff für den Abzug einer Klospülung mit Signier der Bauklempnerei „Herm. Liedtke“. Damit eröffnet sie nicht nur einen Zugang zu unterschiedlichen Aspekten der Königsberger Stadtgeschichte. Vielmehr spiegelt sich in ihr das Interesse des Sammlers für die Alltagsgeschichte und das Leben der Menschen, für die die Dinge einst bedeutsam waren.

Dass die Sammlung eines polnischen Diplomaten zum deutschen Königsberg nun in der Kaschubei – an der Danziger Bucht der heutigen russischen Oblast gegenüberliegend – ihre neue Heimat gefunden hat, mag ein Zufall sein, ist nichtsdestoweniger aber sinnfällig: erinnert dieser Sachverhalt doch an die historische Verwobenheit der Kulturlandschaften im südlichen Ostseeraum – und an die gemeinsame Verantwortung der dort einst und heute siedelnden Völker für das gemeinsame Kulturerbe.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Wochenblatt.pl 39/2017.

Was Heimat ausmacht

Im 60. Jahr seines Bestehens hat der Bund der Vertriebenen (BdV) am 2. September in Berlin mit einer zentralen Auftaktveranstaltung in der „Urania“ den „Tag der Heimat“ 2017 begangen. Dem Verbandsjubiläum entsprechend lautete das Leitwort „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“.

Der Festakt blieb jedoch nicht im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte verhaftet. Vielmehr verdeutlichten die Wortbeiträge die Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung der menschenrechts-, heimat- und verständigungspolitischen Belange der Vertriebenen und Aussiedler.

Kein Beauftragter der Evangelischen Kirche mehr

Das Geistliche Wort und die Totenehrung wurde erstmals von Prälat Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, gehalten.

Nur einen Monat zuvor war durch ein Interview mit dem theologischen Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes, Dr. Thies Gundlach, bekannt geworden, dass der Rat der EKD keinen Nachfolger für den 2015 ausgeschiedenen Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen, Kirchenpräsident i. R. Helge Klassohn, berufen wird. Ohne Dutzmann vorgreifen zu wollen, hatte Gundlach erklärt, dieser werde beim „Tag der Heimat“ darlegen „warum eine Nichtberufung eines Beauftragten nicht als Schlechterstellung der Spätaussiedler zu verstehen ist“.

Demgegenüber sprachen weder Dutzmann noch die beiden anderen Redner die einschneidende Entscheidung des Rates der EKD an. Vielmehr legte der Beauftragte das Klagelied Israels im babylonischen Exil (Psalm 137) und das Trostwort Jesaja 42,3 aus: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Vertriebene wieder willkommen

Dr. Thomas de Maizière MdB und Dr. Bernd Fabritius MdB
(Bild: Bildquelle: Peter-Paul Weiler/BdV)

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB (CSU) erinnerte in seiner Ansprache an die letztlich von Versöhnungs- und Verzichtsbereitschaft geprägte Geschichte der deutschen Vertriebenen und ihrer Verbände. Inzwischen dürften Vertriebene in der alten Heimat wieder Heimat finden, wenn sie wollten. „Aber“, fragte er, „müssen nicht gerade wir – zur Vermeidung solchen Unrechts wie in der Vergangenheit – noch mehr verlangen als nur das?“ In diesem Sinne forderte er, dass „das fundamentale Menschenrecht des Schutzes vor Vertreibung und ethnischer Säuberungen seinen normativ verankerten Platz in der europäischen Rechtsordnung erhält“. Der UN-Menschenrechtscharta von 1948 fehle „sowohl das Verbot als auch eine zumindest moralische Sanktion“ für Vertreibungsverbrechen. Mit der Forderung nach einem völkerrechtlichen Vertreibungsverbot verknüpfte Fabritius die Anliegen der Heimatverbliebenen und Aussiedler: „Der BdV hat dazu eine eindeutige Position: Wir unterstützen auf der einen Seite den Bleibewillen der Menschen und drängen auf Hilfen für die deutschen Minderheiten – und auf der anderen Seite bestehen wir darauf, dass deutsche Spätaussiedler bei uns, in Deutschland, eine angemessene Willkommenskultur vorfinden.“

Zukunft des Tages der Heimat

Wie bereits in seiner Rede zum diesjährigen nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung befasste sich Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB in seiner Festrede mit der konstitutiven Bedeutung der Erinnerung für die Identität Deutschlands – und führte gewissermaßen die am 20. Juni getätigten Überlegungen fort.

Zum einen schärfte er den Blick für die Übergänge zwischen individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis: sowohl vermittels Objekten wie in der kommenden Dauerausstellung der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ – als auch durch schriftliche und mündliche Überlieferung. Die Geschichte der Vertriebenen zu verstehen, bedeute, so der Minister, die ganze deutsche Geschichte zu verstehen.

Zum anderen fragte de Maizière nach der Zukunft des „Tages der Heimat“. Da Erinnerung nicht zwingend des persönlichen Erlebens bedürfe, könne dieser Gedenktag auch über die Erlebnisgeneration hinaus ein „Erinnerungsort“ von bleibender Bedeutung sein. Der Minister wünschte sich, dass zukünftig Vertriebene, Einheimische und Nachgeborene an diesem Tag gemeinsam darüber diskutierten, was Heimat heute ausmacht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Wochenblatt.pl 36/2017.

Auf ein Wort: 60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen

2017 schaut der Bund der Vertriebenen auf seine Gründung im Jahre 1957 zurück. Nicht umsonst steht der Tag der Heimat unter dem Motto: „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“. Diese begriffliche Trias verdeutlicht die Vielfalt der Arbeit, die der BdV und die ihm angeschlossenen Verbände seit Jahrzehnten leisten: Sie war niemals allein nur Vertriebenenpolitik, nur Kulturarbeit oder nur Verständigungspolitik.

Das Eintreten für die Rechte deutscher Heimatvertriebener, Flüchtlinge und Aussiedler – der Einsatz für die Bewahrung des heimatlichen Kulturerbes – das aufrichtige Bemühen um Verständigung mit den Nachbarvölkern, all dies gehört untrennbar zusammen. Auf nur eines dieser Ziele lässt sich die Gesamtheit der deutschen Vertriebenen weder von ihren Kritikern noch von einzelnen Akteuren reduzieren, die ihrerseits versuchen, sie für ihre politische Agenda zu vereinnahmen.

Mit ihrem Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung haben die Vertriebenen und Aussiedler in verschiedenen Phasen der bundesdeutschen Geschichte jeweils eigene Akzente im öffentlichen Diskurs gesetzt – ja, das Gesicht unseres Landes mitgeprägt: In den frühen Jahren der Bonner Republik standen vor allem sozialpolitische Forderungen im Zentrum; angesichts des hohen Risikos der Altersarmut unter Spätaussiedlern haben sie zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen. In Jahren, als Teile der deutschen Bevölkerung begannen, sich mit dem realexistierenden Sozialismus im östlichen Europa abzufinden, verbanden die Vertriebenen mit der Forderung nach Recht auf Heimat diejenige nach Freiheit und Demokratie für den ganzen Kontinent. Parallel hierzu trieben Deutsche aus dem Osten die Erforschung und Bewahrung des Kulturerbes der Landschaften zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer voran. Vor und nach dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft waren es Vertriebene und Flüchtlinge, die steten Kontakt zu den alten und neuen Bewohnern ihrer Heimat hielten – und damit die europäische Integration wesentlich förderten.

Aufgrund ihres langjährigen und nachhaltigen zivilgesellschaftlichen Engagements sind Vertriebene, Flüchtlinge und Spätaussiedler längst in der bundesdeutschen Gesellschaft angekommen – ihre Ziele gelten zumindest den Unionsparteien als „Kernanliegen“, und in der letzten Ausgabe dieser Zeitung bezeichnete der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes die Betreuung von Spätaussiedlern als „Regelaufgabe“ der Kirchen. Dass ihre Anliegen inzwischen „Kernanliegen“ und „Regelaufgaben“ geworden sind, können Vertriebene und Aussiedler gewiss als Indiz für ihre gesellschaftliche und politische Etablierung verbuchen. Dabei bergen „Kernanliegen“ und „Regelaufgaben“ aber immer auch das Risiko, dass sie zur Routine werden und sich irgendwann unter „ferner liefen“ finden.

Daher gilt es, nach 60 Jahren des Einsatzes für Menschenrechte, Heimat und Verständigung die bleibend aktuelle – und nicht nur beiläufige – Bedeutung dieser Maximen zu betonen: Angesichts weltweiter Zwangsmigration ist die Forderung „Heimatrecht ist Menschenrecht“ von anhaltender Brisanz. Spätaussiedler stellen auch heute noch eine der größten Migrantengruppen unseres Landes dar, deren Integration es weiterhin zu vertiefen gilt – im Sinne gesellschaftlicher Stabilität und Pluralität. Und letztlich: Angesichts der neuen Spannungen zwischen westlichen und östlichen Mitgliedsstaaten der EU, braucht es auch heute noch die Hand der Vertriebenen, die sich den östlichen Nachbarn entgegenstreckt – unabhängig davon, wie sich das politische Klima zwischen Berlin und Warschau darstellt.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 9/2017.

„Einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus“

Zum 130. Geburtstag von Senatspräsident a. D. Hermann Rauschning

Personengedenktage geben einen willkommenen Anlass, an die historischen Verdienste zu erinnern, denen ein Jubilar seine Stellung im kollektiven Gedächtnis verdankt. Zugleich ermuntern sie aber auch dazu, Aspekte seiner Biografie in Erinnerung zu rufen, die im populären Diskurs nur nachrangig Berücksichtigung finden. Beiden Dimensionen möchte der folgende Beitrag nachgehen, der sich aus Anlass des 130. Geburtstags dem am 7. August 1887 in Thorn geborenen Hermann Rauschning widmet : Das dominierende Bild vom ersten NSDAP-Senatspräsidenten der Freien Stadt Danzig und späteren Hitler-Gegner bliebe unvollständig, wenn nicht auch die Jahre von 1945 bis zu seinem Tod am 8. Februar 1982 in Portland (Oregon, USA) Beachtung fänden, denn hier begegnet uns Rauschning sowohl als vielbeachteter Zeitzeuge wie als politischer Denker, der sich in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik nachdrücklich am öffentlichen Diskurs über die Deutschland-Politik beteiligte.

Von Thorn nach Portland – ein verschlungener Lebensweg

Der Weg, den Hermann Rauschning nach seinen Jugendjahren in Thorn mit einem Studium der Musikwissenschaft in München und Berlin einschlug, ließ eine spätere politische Karriere noch nicht erahnen. Zumindest jedoch offenbarte bereits seine Dissertation über die „Geschichte der Musik und Musikpflege in Danzig“ (1911), dass Rauschning in seinem Denken nationalen Paradigmen durchaus verpflichtet war – so dass seine überarbeitete Abhandlung bei ihrer Drucklegung im Jahre 1931 dann, den Tendenzen der Zeit entsprechend, dezidiert die Zugehörigkeit Danzigs allein zur deutschen Kultur propagieren konnte.

Sein Eintreten für nationale Interessen – zunächst einmal für diejenigen der Deutschen als nationaler Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit – prägte sich bei seiner ersten beruflichen Tätigkeit als Leiter der Deutschen Bücherei in Posen ab 1920 sodann schon deutlicher aus. Sein nach der Übersiedlung in die Freie Stadt Danzig erschienenes Buch „Die Entdeutschung Westpreußens und Posens. Zehn Jahre polnischer Politik“ (1930) hat bis heute wesentlichen Einfluss auf das gängige Bild über die Lage der Deutschen im Korridorgebiet.

In den Jahren 1931 bis 1934 sollte Rauschning eine wechselhafte Rolle in der Freien Stadt spielen: Nachdem er 1931 der NSDAP beigetreten war, brachte ihn 1933 eine Koalition mit dem katholischen Zentrum in das Amt des Danziger Senatspräsidenten. Schon bald offenbarten sich jedoch wesentliche weltanschauliche Differenzen zur Mehrheit der Danziger Nationalsozialisten, an deren Spitze Gauleiter Albert Forster stand. Diese Spannungen hat Marcus Pyka (Zürich 2005) auf den Punkt gebracht: Während „etwa Gauleiter Forster in erster Linie Nationalsozialist und somit ganz und gar auf Hitler fixiert war, hatte der stellvertretende Gauleiter Rauschning durchaus seinen eigenen Kopf. Dieser zeigte sich etwa bei der Frage der Wirtschaftspolitik […]. Daneben betrachtete Rauschning einen Ausgleich mit Polen als ein politisches Ziel von eigenem Wert, und auch mit der nationalsozialistischen Rassenideologie konnte er wohl nur bedingt etwas anfangen.“

Am Ende dieser Auseinandersetzungen verließ Rauschning 1934 Amt und Partei und schlug sich auf die Seite der Opposition; 1934 emigrierte er schließlich nach Polen und ab 1938 mit Zwischenstationen in der Schweiz und Frankreich in die USA. In diesen Jahren erreichte sein publizistisches Wirken einen ersten Höhepunkt: Den größten – und bis heute anhaltenden – Bekanntheitsgrad erreichten die 1940 veröffentlichten „Gespräche mit Hitler“; mindestens ebenso bedeutend war jedoch sein Entwurf einer konservativen Faschismustheorie in seiner Monographie „Revolution des Nihilismus. Kulisse und Wirklichkeit im Dritten Reich“, die besonders bemerkenswert ist, da diese fundamentale Kritik bereits 1938 – also deutlich vor den Gräueln des Zweiten Weltkriegs – formuliert wurde.

Nationalsozialismus und Weltkrieg hatten dazu geführt, dass Rauschning seinen neuen Lebensmittelpunkt in den 1940er Jahren im US-Bundesstaat Oregon gefunden hatte, wo er sich 1948 als Farmer niederließ. Als Vortragsreisender und Publizist sollte er jedoch weiterhin in der jungen Bundesrepublik – insbesondere in den 1950er Jahren – präsent bleiben.

Der politische Denker

Es verwundert nicht, dass sich der ehemalige Danziger Senatspräsident in den Nachkriegsjahren gerade auch zu Fragen der Vertriebenenpolitik äußerte. So veröffentlichte das Mitteilungsblatt der Landsmannschaft Ostpreußen (Wir Ostpreußen 3 / 1950) seinen Artikel „Danzig im gesamtdeutschen Schicksal“. Hier wandte er sich gegen politische Strömungen, die versuchten, aus der Geschichte und völkerrechtlichen Stellung Danzigs einen vertriebenenpolitischen Sonderweg der Danziger jenseits der Gesamtheit der deutschen Vertriebenen zu entwickeln: Er forderte, „daß sich die Ostdeutschen als Ganzes der Würde und Aufgabe als einer […] Gruppe bewußt werden und Einfluß auf die Gestaltung der Gesamtpolitik Deutschlands und Europas zu gewinnen versuchen“.

Unter dem leitenden Motiv des Einsatzes für ein wiedervereinigtes und unabhängiges Deutschland befasste er sich freilich nicht nur mit der deutschen Perspektive, sondern berücksichtigte auch stets die Entwicklungen in der internationalen Politik. So beobachtete er im „Ostpreußenblatt“ (Nr. 11 / 1953) etwa die Aktivitäten der erst wenige Monate im Amt befindlichen Regierung Eisenhower und stellte fest: „Außerhalb der Vereinigten Staaten macht sich wohltuend geltend, daß eine Hand die Zügel hält, die weiß, wohin sie fahren will.“

Die Provenienz der oben zitierten Artikel darf allerdings nicht den Blick auf die Breite von Rauschnings publizistischem Schaffen verstellen. Neben weiteren Artikeln und Monographien wie „Die deutsche Einheit und der Weltfriede“ (1955) beteiligte sich Rauschning als Autor – und überdies sogar als Mitbegründer – an den „Blättern für deutsche und internationale Politik“. Diese sind bis heute eine der angesehensten Fachzeitschriften im Umfeld der Politikwissenschaft.

Am 9. September 1985 veröffentlicht der „Spiegel“ einen ausführlichen Beitrag über den Fälschungscharakter der „Gespräche mit Hitler“. (Ausschnitt auf dem Beitrag „Zitat, Zitat, Zitat, und nichts weiter“ von Wolfgang Malanowski, in: Der Spiegel 37/1985; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514710.html)

Der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker

Ebenso wie der politische Denker war auch der Zeitzeuge und Faschismustheoretiker Rauschning in die öffentlichen Diskurse der Zeit involviert. Dies verdeutlicht eine Reihe von Beiträgen, die über mehrere Jahrzehnte hinweg im Spiegel erschienen sind.

Von besonderer Bedeutung ist ein Artikel vom 18. November 1959 aus einer Serie, die entgegen der öffentlichen Mehrheitsmeinung für eine Alleintäterschaft des Kommunisten van der Lubbe beim Reichstagsbrand eintrat. Rauschnings „Gespräche“ galten zu dieser Zeit noch als ein wesentlicher Beleg für die Täterschaft der Nationalsozialisten, wollte Rauschning doch ein entsprechendes Eingeständnis persönlich von Göring vernommen haben. Im Vorfeld der Veröffentlichung hatte der „Spiegel“ mit Rauschning korrespondiert, der nun zurückruderte und lediglich noch Bruchstücke eines Gespräches von Göring mitgehört haben wollte. Das Magazin kam zu dem Schluss: Angesichts dieser Einschränkung müsse Rauschning „auch zumindest die Möglichkeit zugeben […], daß er die Worte Görings mißverstanden hat. Als historische Quelle kann sein Bericht jedenfalls nicht gelten“.

Zwar veröffentlichte der Spiegel am 23. Dezember eine ganzseitige Reaktion auf die Kritik Rauschnings, der Geltungsanspruch der „Gespräche“ hatte jedoch erste Risse bekommen. Obwohl sich die Bedenken bereits während der 1960er Jahre noch mehrten, sollte eine fundierte Dekonstruktion von Rauschnings „kreativer“ Geschichtsschreibung erst in den 1980er Jahren erfolgen. Immerhin zitierte der Spiegel noch 1980 in einer Artikelserie über die „kurzlebige Selbständigkeit des polnischen Staates von 1918 bis 1946“ Rauschning als verlässlichen Zeitzeugen.

Auch wenn die immer stärker anwachsenden Zweifel an der Authentizität letztlich zur Gewissheit über den Fälschungscharakter der „Gespräche“ wurden, blieb Rauschning in den Nachkriegsjahrzehnten ein wichtiger Referenzpunkt für das Nachdenken über die Zeit des Nationalsozialismus. Dieser Nimbus scheint sich weniger der Korrektheit und Zuverlässigkeit von Tatsachenberichten als vielmehr dem Verdienst zu verdanken, bereits frühzeitig und hellsichtig das Wesen der NS-Ideologie durchdrungen und als Chronist der NS-Zeit wesentliche Entwicklungslinien nachgezeichnet zu haben. So schloss Joachim Fest seinen zum 80. Geburtstag Hitlers verfassten Artikel (Der Spiegel, 17 / 1969), in dem er sich gegen die Bagatellisierung des Diktators als „Verkehrsunfall der deutschen Geschichte“ wandte, mit dezidiertem Verweis auf Rauschning: dieser, „der ihm eine Zeitlang selbst erlegen ist, hat ihn 1938 eine ‚universale Beunruhigung‘ genannt. Die Gegenwart ist hinter dieser Einsicht noch zurück.“

Die bleibende Bedeutung des Schaffens des Danziger Senatspräsidenten brachte gerade einer der Mitbegründer der Danziger Solidarność-Gewerkschaft, der Publizist Adam Michnik, in einem Spiegel-Beitrag des Jahres 1994 (Nr. 2) auf den Punkt : „Hermann Rauschning, einer der fundiertesten Analytiker des Nazismus, prägte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs den Begriff der ‚Revolution des Nihilismus‘. Nihilisten waren für ihn gleichermaßen Hitler und Stalin, die Nazis und die Bolschewiken. Sie verbanden die Faszination des primitiven Denkens und die Überzeugung von der endgültigen Krise der Demokratie.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2017.