Vom Gott des Lebens

Markus Witte eröffnet einen „christotransparenten“ Zugang zum Alten Testament – und einen realistischen Blick auf den Menschen

Von Tilman Asmus Fischer

Am Ende eines Jahres mit vehementen Debatten über die Kanonizität des Alten Testaments hat der Berliner Alttestamentler Markus Witte 2015 eine Sammlung von 16 Predigten über das Alte Testament veröffentlicht. Ihnen vorangestellt ist eine Einführung „Zur Bedeutung des Alten Testaments“. Sie basiert auf dem Beitrag des Autors zu einer öffentlichen Diskussion über die Kanonizität des Alten Testaments mit seinem Kollegen, dem Systematischen Theologen Notger Slenczka, im Sommer 2015.

Insofern darf das Buch auch – aber nicht ausschließlich – als Antwort auf die Kanon-Debatte verstanden werden. Dabei verzichtet Markus Witte darauf, zu polarisieren. Vielmehr wirbt er für einen „christotransparenten Zugang“ zum Alten Testament, der „auf eine Erhellung der verschiedenen Theologien des Alten Testaments“ zielt, „die das neutestamentliche Verständnis von Jesus als Christus, Herr und Gott prägen“.

Was dies bedeutet, illustrieren die in Frankfurt am Main und Berlin gehaltenen Predigten aus den Jahren 2002 bis 2015. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Erfahrungen – Fußnoten erläutern in angemessener Weise notwendig, zeitgeschichtliche Kontexte – erschließen die Predigten die heute aktuellen und dem Menschen lebensdienlichen Botschaften des Alten Testaments. Hier begegnet Gott den Menschen als der „Gott des Lebens“, auf den bereits der Titel des Buches verweist, und der zum Menschen spricht: „Ich will, dass du lebst.“

Bei aller Bejahung des Lebens sind die Predigten jedoch eines nicht: Wohlfühl-Theologie. Denn wo Markus Witte es dem Leser eröffnet, aus den Augen des Alten Testaments auf den Menschen zu blicken, entsteht eine Anthropologie, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie nicht den Blick auf Gott verliert. Hier ist der Mensch gefordert, sich in seinem Leben gerade auf Gott zu besinnen: „Wissen und Wissenschaft ist nicht vom Teufel, genauso wenig wie Geld, Kunst oder Liebe vom Teufel ist – was Gott verboten hat, ist, dass wir uns eine andere Lebensmitte als ihn suchen“, so Witte über die Paradieserzählung.

Immer wieder zeigt Witte, indem er den Leser durch die alttestamentlichen Schriften führt, wo wir Gott als Lebensmitte aus dem Blick verlieren – so ist die entworfene Anthropologie aufrüttelnd realistisch: „Wir alle haben unseren Abel, den wir erschlugen.“ Über den einzelnen Menschen hinaus gelangen die Predigten immer wieder auch zu kritischen Gegenwartsanalysen – etwa ausgehend von 1. Mose 34: „Vielleicht ist die Gnadenlosigkeit, die sich in unserer Gesellschaft zeigt, gerade ein Symptom ihrer Gottlosigkeit. Wo der Tod Gottes verkündet wird, wird auch der Tod der Gnade verkündet: Gottlosigkeit gebiert Gnadenlosigkeit.“

Witte bleibt jedoch nicht beim Brudermörder stehen, denn „wir sind auch Kain, den Gott immer wieder neu anspricht, ins Leben holt und zum Städtebauer werden lässt“. Diese Ansprache darf der Leser immer wieder bei der Lektüre des Buches dankbar erfahren.

Markus Witte: Vom Gott des Lebens. Predigten über Texte aus dem Alten Testament. Mit einer Einführung in seine Bedeutung für Glaube, Theologie und Kirche. Neukirchen-Vluyn 2015, 158 Seiten, 14,99 Euro

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 14/2016.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s