Panzer gegen Reformen

Michal Reiman erinnerte an das Ende des Prager Frühlings

Von Tilman Asmus Fischer

„Und wenn die inneren und äußeren, dem Sozialismus feindlichen Kräfte die Entwicklung irgendeines sozialistischen Landes auf die Restauration der kapitalistischen Ordnung zu wenden versuchen, wenn eine Gefahr für den Sozialismus in diesem Land, eine Gefahr für die Sicherheit der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft entsteht, ist das nicht nur ein Problem des betreffenden Landes.“ – Mit diesen Worten versuchte der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid Breschnew im November 1968 zu rechtfertigen, was am 21. August des Jahres geschehen war: der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei (ČSSR) und die damit eingeleitete Zerschlagung der Reformbewegung unter Alexander Dubček, die einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ angestrebt hatte.

Einer der letzten Zeitzeugen ist der 1930 geborene Historiker und Politikwissenschaftler Michal Reiman. Am 21. August 2018 sprach er bei einer Gedenkveranstaltung in der Johanneskirche, Berlin-Schlachtensee, über seine Erinnerungen an die Zeit als Vertrauter des damaligen Parteichefs der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ): An Dubček erinnerte er als eine „für uns völlig unglaubliche Persönlichkeit“ – einen Menschen, der in Zeiten treuer Hörigkeit gegenüber dem Kurs Moskaus dadurch auffiel, „dass er offen seine Meinung sagte“. Für die KSČ habe er selbstbewusst in Anspruch genommen: „Wir sind eine politische Partei und müssen wissen, was wir wie und wann wollen.“

In diesem Sinne begannen die Reformkommunisten ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm umzusetzen, zu dem vor allem auch die Lockerung der Zensur gehörte. „Wir waren relativ frei“, blickt Reiman zurück, „es gab eine freie Intelligenz“ – zudem freie Kunstschaffende, eine lebendige Theaterszene. Umso herber traf die tschechoslowakische Gesellschaft die Ohnmacht der Besetzung im August 1968. Reiman rief die beklemmenden Bilder der Demonstranten wach, die in den Straßen Prags den Panzern gegenüberstanden: „Niemand weiß, ob die Soldaten beginnen, zu schieße.“

Was folgte, war die „bleierne Zeit“ der Normalisierung im Sinne der Sowjetunion. „Alles nahm seinen normalen Lauf“, konstatiert Reiman, „passende Personen wurden installiert“: Dubček musste zurücktreten – Reiman selbst erhielt Berufsverbot. Bisher hatte er an der Politischen Hoschschule der KSČ, Prag, Geschichte der Tschechoslowakei gelehrt. Nachdem Reiman durch ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 1976 in die Bundesrepublik Deutschland gegangt war, wurde ihm 1978 die Staatsbürgerschaft der ČSSR aberkannt. Reiman bleibt als Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin und engagiert sich in der exil-tschechischen Listy-Gruppe. 1995 bis 2010 kehrt er als Dozent nach Prag zurück – nun an die Karls-Universität.

Was bedeutet das Gedenk an den 21. August 1968 für uns heute? – Hierüber diskutierte Reiman unter anderem mit dem langjährigen SPD-Außenpolitiker Gert Weisskirchen. Auch wenn die Sowjetunion, die 1968 einmarschierte, Geschichte ist, beobachtet Reiman die Entwicklungen in Russland und den Beziehungen zwischen der EU und Russland mit Sorgen und betonte die Notwendigkeit einer „friedlichen Ordnung in Europa“: Hierzu sei es nötig, Russland im „gemeinsamen europäischen Haus“ zu halten. Russland, so Weisskirchen, müsse sich hierzu entscheiden, „ob es ein asiatischer oder europäischer Staat werden will“, sich also von einer unilateralen zu einer multilateralen Politik entwickeln wolle.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 35/2018.

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Europa und das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Marienbader Gespräche 2018

Die jährlichen Marienbader Gespräche des Sudetendeutschen Rates (SR) befassten sich 2018, geleitet von der ehemaligen Landtagsabgeordneten SR-Generalsekretärin Christa Naaß (SPD), mit grundsätzlichen Fragen der Europa- und Volksgruppenpolitik, indem sie mit ihrem Thema eine Brücke über 100 Jahre europäischer Geschichte spannten und sich mit Problemen auseinandersetzten, die Mitteleuropa seit Ende des Ersten Weltkrieges beschäftigen: „1918-2018 altes Europa – neues Europa. Europa und das Selbstbestimmungsrecht der Völker“.

Mit Rita Hagl-Kehl MdB (SPD) – Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz –, Stephan Mayer MdB (CSU) – Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat – und dem neuen Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung Dr. Bernd Fabritius nahmen gleich drei Vertreter der deutschen Bundesregierung teil. Während Hagl-Kehl grundsätzlich über die aktuelle Situation nach der Regierungsbildung in Deutschland informierte, stellten Mayer und Fabritius konkret die vertriebenenpolitischen Positionen des Koalitionsvertrages sowie die Aufgabenstellung des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten vor.

Bernd Posselt und Christa Naaß

Das Präsidium des Bundes der Vertriebenen war neben Präsident Fabritius und Vizepräsident Mayer bei den Marienbader Gesprächen höchstrangig vertreten durch die Vizepräsidenten Christian Knauer, Albrecht Schläger und Reinfried Vogler, sowie das Präsidiumsmitglied Milan Horáček. Mit der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Iris Ripsam war zudem die Vorsitzende des BdV-Landesverbandes Baden-Württemberg unter den Teilnehmern.

Aktuelle Einblicke in das deutsch-tschechische Verhältnis – das gegenwärtig gerade in europapolitischer Hinsicht Spannungen unterliegt – gaben die Vorträge des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, Dr. Christoph Israng, der Generalkonsulin der Tschechischen Republik in München, Kristina Larischová, und des Leiters des Sudetendeutschen Büros in Prag, Peter Barton.

Eingeladen hatte der Sudetendeutsche Rat zudem Vertreter der Bayerischen Landtagsfraktionen, um – unter Moderation von Dr. Peter Becher, Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins – mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen über deren jeweilige vertriebenenpolitische Positionen zu sprechen. Hierzu erschienen Hans Ritt MdL (CSU) und Volkmar Halbleib MdL, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion.

Beide gingen einmütig von der unbezweifelbaren Notwendigkeit aus, die Vertriebenenverbände fortgesetzt – zumal als Brückenbauer in den Osten Europas – zu unterstützen und sie vor allem zu einem gelingenden Erinnerungs- und Verantwortungstransfer hin zu jüngeren Generationen zu befähigen. Ergänzt wurden die politischen Vorträge durch unterschiedliche Beiträge aus der deutschen und tschechischen Zivilgesellschaft. Den Auftakt machte Milan Muzikář: Der Direktor des Marienbader Symphonieorchesters berichtete von seinen Bemühungen, sein seit über 100 Jahren bestehendes Ensemble zu erhalten und damit zur Pflege der böhmischen Musiktradition beizutragen. Auf besonderes Interesse stieß der Vortrag von Jaroslav Ostrčilík, der die Entwicklung vom durch ihn initiierten jährlichen Brünner Versöhnungsmarsch hin zum Festival „Meeting Brno“ nachzeichnete.

Einblick in die gegenwärtige Förderung verständigungspolitischer Maßnahmen gab Kathrin Freier-Maldoner vom Koordinierungszentrum für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch „TANDEM“. Ein zivilgesellschaftliches Graswurzelprojekt stellte der junge Filmemacher und Sozialwissenschaftler Justus Haufe, der gemeinsam mit anderen Altersgenossen aus Deutschland und Tschechien unter dem Titel „Supernova 2017 – Heimat!“ ein Videoprojekt in Böhmen realisiert hatte, vor. Dieses bot den Teilnehmern die Möglichkeit, über die Bedeutung von „Heimat“ zu reflektieren und in Austausch zu treten.

Mit dem „Prager Frühling 1968“ rief der Historiker Jan Šícha dem Publikum ein zeithistorisches Ereignis in Erinnerung, das mit seinen Folgen eine ganze politische Generation nachhaltig geprägt hat: Mit Milan Horáček und dem sozialdemokratischen Europaparlamentarier Libor Rouček waren zwei prominente Dissidenten, die im Schatten des Prager Frühlings politisch aktiv wurden, persönlich anwesend. Über „Bayern und Böhmen – Gemeinsamkeiten durch die Geschichte“ sprach der historische Publizist Bernd Rill.

Die Morgenandacht am Sonntag befasste sich, gehalten vom Verfasser dieses Beitrages, – ausgehend von der Geschichte des Zöllners Zachäus – mit den Herausforderungen der säkularen Gesellschaft in Deutschland und Tschechien. In seinem abschließenden Vortrag „100 Jahre 1918: Selbstbestimmung für ganz Europa“ forderte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und ehemalige Europaabgeordnete, Bernd Posselt, als Lehre aus der Geschichte des Nationalismus im zurückliegenden Jahrhundert weiter den Weg hin zu einem vereinten Europa mit starken Volksgruppenrechten zu beschreiten: „Wenn wir Europäer uns zersplittern, ist keiner von uns souverän.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 4/2018.
Kurzfassung erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.

Priorität der Nächstenliebe

Anlässlich des 250. Geburtstags von Johannes Daniel Falk verortet der Theologe und Falk-Forscher Dr. Johannes Demandt den Nestor der modernen Diakonie in dessen geistesgeschichtlichem Umfeld und spricht über Falks bleibendes Erbe. – Dr. Johannes Demandt war bis 2016 Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde in Düsseldorf und ist Lehrbeauftragter für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach.

Johannes Daniel Falk wuchs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Danzig auf. Wie haben die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugendzeit sein späteres Denken und Handeln geprägt?

Falks evangelisch-reformiertes Elternhaus mit pietistischer Prägung hat ihm – trotz der damit verbundenen geistigen Enge – einen Fundus an Bibelkenntnis und auch eine Gottesbeziehung vermittelt, die er selten wie eine Monstranz vor sich her trug, wohl aber als wertvollen Schatz in seinem Herzen behielt. Es war für den bildungshungrigen jungen Falk eine persönliche Tragödie, dass seine Eltern ihn als kaum Zehnjährigen aus der Schule nahmen, damit er im väterlichen Perückenmacherbetrieb helfen sollte. Seinen Wissensdurst und seine Sehnsucht nach großer Literatur suchte er fortan durch heimliches Lesen zu Hause oder im Laternenlicht auf den Beischlägen der Danziger Gassen zu stillen. Als er sechs Jahre später durch Fürsprache eines Lehrers und vor allem des Gemeindepastors Samuel Ludwig Majeswki wieder das Gymnasium besuchen und anschließend sogar Theologie studieren durfte, nutzte er die gewonnene Freiheit, um sich ein breites Wissen anzueignen. In jener Zeit wird er sich vorgenommen haben, sich immer dafür einzusetzen, dass nicht nur Kinder aus wohlhabenden Elternhäusern Zugang zu guter Bildung erhalten.

Auch wenn Falk sein späteres Theologiestudium nicht abschloss: Wo ist er in der theologischen Landschaft seiner Zeit einzuordnen?

Dr. Johannes Demandt
(Foto: privat)

Als aufmerksamer Gesprächspartner seines aufgeklärten Pastors Majewski suchte der kritische Gymnasiast Falk nach Vernunftgründen für die christliche Wahrheit. – Während seines Studiums in Halle und auch danach als satirischer Schriftsteller in Weimar hatte er wenig mit der Kirche zu tun, gleichwohl verfolgte er den theologischen Betrieb mit lebhaftem Interesse. Die eine Generation älteren Wieland, Herder und Goethe schätzten Falks ethisches Engagement. Nach seiner Hinwendung zur Erziehung in Not geratener Kinder und Jugendlicher (seit 1813) entdeckte Falk den christlichen Glauben neu als entscheidende Orientierungs- und Lebenshilfe, ohne dass man ihn deshalb als Pietisten oder typischen Vertreter der Erweckungsbewegung bezeichnen könnte und ohne dass er deshalb wichtige Impulse des Humanismus verachtet hätte. Sein „Geheimes Tagebuch“ belegt eindrucksvoll Falks innere, oft im Gebet ausgefochtene Kämpfe. Mehrere Brüche in seinem Lebenslauf, die Auseinandersetzung mit Strömungen der Aufklärung und Romantik und nicht zuletzt die gemeinsam mit seiner Frau Caroline erlebten harten Schicksalsschläge (1813 verloren sie vier, 1819 und 1821 zwei weitere eigene Kinder) sowie die selbstlose, praktische Hilfe für Notleidende formten sein Inneres zu einer eigenständigen, reifen Glaubenshaltung. Der in seiner Kindheit in ihn gelegte Same ging auf, aber ganz anders, als es sich die betende Mutter einst vorgestellt hatte.

Welche theologischen Fragen waren für Falk zeit seines Lebens prägend – und wurden ggf. auch zum Motor seines diakonischen Wirkens?

Seit der Erfahrung eigener Benachteiligung in seiner Kindheit trieb ihn die Frage nach sozialer Gerechtigkeit um. Auch in seiner „unfrommen“ Phase bewegte ihn die Frage, wie die in der Bibel erkennbare Parteinahme Gottes für die Rechtlosen gesellschaftsrelevant gelebt werden kann. Schließlich bedrängte ihn die Frage, wie Regierende ebenso wie normale Bürger der dringend nötigen, praktizierten Nächstenliebe Priorität geben können.

Bis heute gibt es zahlreiche diakonische Einrichtungen, die den Namen Falks tragen. Wie lebt – jenseits der namentlichen Bezugnahme – sein Erbe noch heute in der Diakonie fort?

Leider ist es weithin in Vergessenheit geraten, dass Falk der entscheidende Impulsgeber und das wichtigste Vorbild für Johann Hinrich Wichern, den Gründer der „Inneren Mission“, war. In seiner berühmten Wittenberger Kirchentagsrede hat Wichern sich 1848 ausdrücklich auf Falk bezogen, als er die Notwendigkeit betonte, der „äußeren“ Mission eine „innere“ Mission an die Seite zu stellen. Er drang darauf, dem gesellschaftlichen Niedergang durch entschlossenen, in der Liebe tätigen Glauben zu begegnen, wie es Falk vorgelebt hatte. Wo immer Diakonie heute so motiviert arbeitet, lebt Falks Erbe fort.

Falk galt als kritischer Beobachter und Analytiker der gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit. Welche Anfragen würde er an unsere heutige Gesellschaft stellen? Und was können wir – anders gewendet – im Jahr seines 250. Geburtstags von ihm für unsere Gegenwart lernen?

Ich denke, er würde den egoistischen Missbrauch unseres Wohlstands anprangern und zugleich beispielhaft sein Leben mit Bedürftigen teilen. Vielleicht würde er fragen: Wie kann es sein, dass in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, der Unterschied zwischen Armen und Reichen immer größer wird? Wie kann es sein, dass z. B. in Syrien seit Jahren Zigtausende gewaltsam sterben, vor allem Frauen und Kinder? Wie kann es sein, dass wir Deutschen mit der größten Selbstverständlichkeit an den herrlichen Stränden des Mittelmeers Urlaub machen, uns aber gleichzeitig gegen die aus ihrer Heimat fliehenden Männer, Frauen und Kinder abschotten und fast teilnahmslos hinnehmen, dass sie in demselben Meer ertrinken? Falk würde dazu aufrufen: Lasst uns nicht nur fromm oder geistreich reden, sondern nach Kräften etwas wirklich Hilfreiches tun!

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 5/2018.

Schwer ergründbare Wahrheit

In der „Tagespost“ vom 19. Juli hat die Kirchen-Journalistin Ewa K . Czaczkowska ein sehr positives Bild des früheren polnischen Primas, Kardinal August Hlond, gezeichnet. Eine kritische Replik.

Von Tilman Asmus Fischer

Nachdem die Heiligsprechungskongregation in Rom befürwortet hat, August Hlond (1881–1948) den heroischen Tugendgrad anzuerkennen, könnte es in absehbarer Zeit zu einer Seligsprechung des früheren polnischen Primas (1926–1948) kommen. Dies wird von vielen polnischen Katholiken begrüßt – führte der Salesianer die polnische Kirche doch durch eine wechselvolle und anfechtungsreiche Zeit. Jedoch übersehen viele Befürworter Ambivalenzen, die sich mit der kirchenhistorischen Persönlichkeit verbinden. Demgegenüber mahnen kritische Stimmen aus Deutschland eine ganzheitlichere Betrachtung Hlonds an.

Die erinnerungspolitisch brisanten Aspekte der Biografie von August Kardinal Hlond betreffen neben antisemitischen Haltungen die Rolle, die er nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den polnisch verwalteten, jedoch völkerrechtlich deutschen Ostgebieten und der Freien Stadt Danzig spielte. Ausgehend von einer Vollmacht der Heiligen Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten zur Beauftragung von Administratoren für vakante Bischofssitze betrieb Hlond 1945 die Absetzung der dort verbliebenen deutschen Bischöfe. Dabei hatte sich die Vollmacht lediglich auf das polnische Gebiet bezogen („in tutto il territorio polacco“).

„Hlond hat Fakten geschaffen – ganz im Sinne der damaligen polnischen Ideologie, die deutschen Ostgebiete als ,wiedergewonnene Westgebiete‘ zu behandeln“, stellt Limburgs emeritierter Weihbischof Gerhard Pieschl fest. Damit gehört die Absetzung der früheren Bischöfe in den Kontext von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Pieschl, 1983 bis 2009 Beauftragter der deutschen Bischofskonferenz (DBK) für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, vermutet hinter dem Seligsprechungsverfahren ein geschichtspolitisches Kalkül: „Da ein Seliger in seinem Leben nichts Schlechtes gegenüber Dritten getan haben kann, würde eine Seligsprechung Hlonds der Behauptung Vorschub leisten, dass die Vertreibung der Deutschen gewissermaßen unter göttlichem Segen stand.“ Von seinen aktiven Amtsbrüdern in der DBK wünscht sich Pieschl vertiefte Einsicht in diesen Sachverhalt und bedauert, dass sie schon seit längerem in dieser Frage eher „zögerlich“ agierten.

Pieschl selbst hatte zu seiner aktiven Zeit als Beauftragter die Causa Hlond immer wieder – auch gegenüber polnischen Bischöfen – thematisiert. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von den früheren Kölner Erzbischöfen Joseph Kardinal Höffner und Joachim Kardinal Meisner. Letzterer habe noch wenige Tage vor seinem Tod – mit Blick auf die Seligsprechung Hlonds – in einem Brief erklärt, es sei ein „Skandal, wie sich die Vertreiber heute darstellen wollen“. Die Forschungsergebnisse einer in den 1990er Jahren von der deutschen und polnischen Bischofskonferenz eingesetzten „Historikerkommission zur Klärung offener Fragen bezüglich Kardinal Hlonds“ werden, wie die KNA berichtet, bis heute unter Verschluss gehalten.

Wie jedoch schätzt die kirchengeschichtliche Forschung die Rolle Hlonds ein? – „Tatsache ist, dass Hlond eindeutig seine von Rom erteilten Vollmachten für die Neuordnung der westpolnischen Gebiete übertreten hat“, konstatiert Professor Stefan Samerski. Der Kirchenhistoriker von der Ludwig-Maximilians-Universität München bedauert, dass heute wieder Grabenkämpfe über diese Frage aufbrechen: „Sie wurde in den 1990er Jahren von deutschen und polnischen Wissenschaftlern eifrig diskutiert und man kam damals inhaltlich weitgehend überein.“

Für Samerski steht fest, dass die Ablösung der deutschen Ordinarien „eindeutig nicht mit den Weisungen der Kurie übereinstimmte, da eine solche Ablösung immer dem Papst zusteht“. Aktenmäßig sei ferner belegt und seit den 1990er Jahren auch veröffentlicht, dass Papst Pius XII. den entstandenen Schaden für die deutschen Ordinarien wieder gutmachen wollte – jedoch: „Wegen des neuen kommunistischen Regimes ließ er die Sache auf sich beruhen, da die kirchenpolitische Situation in Polen nach 1946 völlig unsicher und undurchsichtig war.“

„Die Vertriebenen waren in den 1990er Jahre sehr kritisch gegenüber der Seligsprechung Hlonds eingestellt und die, die noch leben, sind es immer noch“, beschreibt Wolfgang Nitschke die Stimmungslage innerhalb der organisierten katholischen Vertriebenen. Der Vorsitzende des Adalbertus-Werks, des Bildungswerks der Danziger Katholiken, bezeichnet es als „kirchenrechtlich und persönlich sehr anmaßend, dass Hlond meinte, als Primas den Danziger Bischof Carl Maria Splett absetzen zu können“. Jedoch gibt er auch zu bedenken: „Inwieweit er dabei genauso unter Druck der Kommunisten stand, wie Splett vorher unter Druck der Nazis, ist nicht bewiesen.“ Daher, so Nitschke, seien Fragen nach der Rolle Hlonds in der Nachkriegszeit für deutsche Vertriebene ähnlich brisant wie diejenigen nach der Rolle Spletts im Zweiten Weltkrieg für dessen polnische Kritiker; in beiden Fällen schiene die Wahrheit schwer objektiv ergründbar zu sein.

Erschienen am 2. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Die Kulturträger unterstützen

Fünf Fragen an Egon Primal MdL

Im November 2017 wurde Egon Primas in der Nachfolge von Helmut Sauer zum Bundesvorsitzenden der „Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU (OMV) – Union der Vertriebenen und Flüchtlinge“ gewählt. Im Interview spricht er über die aktuellen Herausforderungen der Vertriebenenpolitik zwischen Kulturerhalt und Verständigungspolitik.

Herr Primas, seit Ende vergangenen Jahres stehen Sie der OMV vor. Welche zentralen Fragen müssen für Sie von einer zukunftsorientierten Vertriebenenpolitik beantwortet werden?

Egon Primas MdL als Festredner bei der Frühjahrstagung 2018 der Landsmannschaft Westpreußen.

Es gibt unterschiedliche Herausforderungen, denen sich die Vertriebenen und ihre Verbände organisatorisch und politisch stellen müssen. Herausforderungen, denen sich auch eine Politik stellen sollte, der die Anliegen dieser Gruppen am Herzen liegen. Dazu zählen unter anderem: der Erinnerungs- und Verantwortungstransfer in unseren Verbänden, aber auch im Hinblick auf die gesamte Gesellschaft, die Bewahrung des materiellen und immateriellen Kulturerbes durch die Kulturträger, die grenzüberschreitende Verständigung – also unser Brückenbau für eine gemeinsame Zukunft in Europa – sowie damit zusammenhängend die wichtige Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und vielleicht sogar zu einer Identität, die sich grenzüberschreitend kulturell bestimmt.

Sehen Sie denn in der breiten Gesellschaft ein ernstzunehmendes Interesse, diese Anliegen der Vertriebenen zu unterstützen – etwa hinsichtlich des Erinnerungstransfers?

Lange Zeit wurden die von den Vertriebenen und ihren Verbänden vertretenen Anliegen an den Rand gedrängt und von einigen Parteien in eine bestimmte Ecke gestellt. In der ehemaligen DDR durfte nicht über Flucht und Vertreibung und über die Ostgebiete gesprochen werden. Erst in den letzten Jahren hat sich dies geändert. Mit entscheidend dafür war unser eigener Einsatz. Gerne erinnere ich an die Rede des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck beim ersten deutschlandweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni 2015 in Berlin. In bemerkenswerter Klarheit hat er zum Ausdruck gebracht, dass Flucht und Vertreibung am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg prägende Ereignisse für die Identität aller Deutschen waren. Und doch hat sich die Gesellschaft dem lange verschlossen – vor dem Hintergrund der Verbrechen der Nationalsozialisten. Damit trägt aber unsere gesamte Gesellschaft gemeinschaftlich Verantwortung dafür, an dieses Leid zu erinnern – auch an die verlorene Heimat und ihre Geschichte – und die mitgebrachte wie die zurückgelassene Kultur zu erhalten.

Welche Rolle werden die Organisationen und Institutionen der Vertriebenen selbst hierbei zukünftig spielen?

Zwar gilt hier die gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Aber denken wir daran: Wir sind doch die Kulturträger – gemeinsam mit den Deutschen, die noch heute in der Heimat leben und sich vor Ort um Sprache, Brauchtum und Architektur sorgen. Ohne die immense Bedeutung von Museen und Archiven – also die Konservierung von Geschichte – oder den Erkenntnisgewinn durch wissenschaftliche Aufarbeitung von Geschichte und Kultur kleinreden zu wollen: Das wichtigste Ziel muss es doch sein, die Kulturträger selbst – beiderseits der Grenzen – in ihrer eigenen, vielseitigen Arbeit und in der Schaffung neuer Kulturleistungen zu unterstützen.

Ist hierzu der politische Wille vorhanden?

Die OMV setzt sich im Kulturerhalt für ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Politik und Verbänden ein. Es gibt hier durchaus positive Signale und Entwicklungen: Die Förderungssituation hat sich seit den dramatischen Einschnitten unter Rot-Grün sehr verbessert. Bernd Neumann, selbst Westpreuße, und Monika Grütters haben unsere Anliegen als Kulturstaatsminister stets aufgeschlossen begleitet. Sie sind jedoch ein Stück weit an die Strukturen gebunden, die von Rot-Grün zwischen 1998 und 2005 geschaffen wurden. Der aktuelle Koalitionsvertrag oder die neue Regierungskonzeption im Bereich der Vertriebenenkulturarbeit zeigen aber den gewünschten partnerschaftlichen Ansatz und die Wertschätzung unserer eigenen Institutionen – auch mit den deutschen Volksgruppen. Darauf gilt es aufzubauen.

Inwieweit kann – gerade in diesen Tagen – durch lebendige Kulturarbeit auch ein Beitrag zum europäischen Zusammenhalt geleistet werden?

Eine lebendige Kulturarbeit eröffnet die Möglichkeit einer offenen Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und zur Möglichkeit grenzüberschreitender Kulturidentitäten. Unsere politische Situation macht es notwendig, viel intensiver über diese Klammer „Heimat“ nachzudenken – darüber, was Heimat für uns in Deutschland eigentlich bedeutet. Viele Vertriebene und Spätaussiedler beteiligen sich schon jetzt an einer solchen Debatte und steuern eigene, sehr interessante Gedanken dazu bei. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius etwa – jetzt auch Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten – hat den Ausspruch geprägt: „Heimat ist mehr als ein geografischer Ort“. In diesem Sinne ist es unter dem gemeinsamen Dach Europas weniger wichtig, welche Staatsbürgerschaft man hat oder wo man lebt. Für eine selbst empfundene Identität, etwa als Westpreuße, kann man genauso gut in Elbing wie in Warendorf zu Hause sein. „Europa“ ist hier der entscheidende Begriff. Denn wenn Heimat letztlich mehr sein mag als ein geografischer Ort, so bleibt sie doch immer auch ein geografischer Ort. Um der Heimat begegnen zu können, um die Kulturregion besuchen zu können, der man sich heimatlich verbunden fühlt, brauchen wir ein freies, ein offenes Europa ohne Grenzen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.

Weltkirche zu Gast in Dresden

Im Bistum Sankt Clemens in Saratow leben 20 000 Diaspora-Katholiken. Die Konferenz ihrer Seelsorger tagte im Bistum Dresden-Meißen.

Von Tilman Asmus Fischer

Eigentlich war Clemens Pickel 1990 – damals Priester des Bistums Dresden-Meißen – lediglich auf drei Jahre mit der Seelsorge an den verbliebenen Deutschen in Tadschikistan und ab 1991 in Marx an der Wolga beauftragt worden. Nachdem seine dortige Amtszeit auf acht Jahre verlängert worden war, hätte er 1998 wieder nach Sachsen zurückkehren müssen. Dem kam jedoch Papst Johannes Paul II. zuvor, indem er ihn zum Weihbischof für die Apostolische Administratur für das Europäische Russland – und ein Jahr später zum Apostolischen Administrator für das Europäische Südrussland – ernannte. 2002 traf die Kurie eine weitere wegweisende Entscheidung: die Umwandlung der päpstlichen Administraturen auf russischem Staatsgebiet in eigenständige Bistümer. Und so entstand das Bistum Sankt Clemens in Saratow, dessen erster Bischof Pickel wurde. Dort leben in einer extremen Diasporalage unter 45 Millionen Einwohner ca. 20 000 Katholiken.

Kürzlich besuchte Bischof Pickel nun wieder einmal seine sächsische Heimat – und brachte fast seine ganze Diözese mit, oder vielmehr fast alle ihre Seelsorger: 40 Priester und 60 Ordensleute. Anlass bot die jährliche mehrtägige Pastoralkonferenz des Bistums Sankt Clemens, die 2018 in Naundorf (Sächsische Schweiz) stattfand. Weil es je mehrere hundert Kilometer von einem Seelsorgezentrum zum anderen seien, erläuterte Pickel, seien diese längeren jährlichen Treffen notwendig: „Weiterbildung, Austausch, gemeinsames Gebet und auch ein wenig Erholung gehören traditionell zu der Begegnung, bei der möglichst niemand fehlen sollte, bei der aber auch – die Erfahrung zeigt es – kaum jemand fehlen möchte. Gewöhnlich organisieren wir die Konferenz bei uns im Bistum, ausnahmsweise aber auch an anderen Orten, was dann auch mit Gründen wie Dank und Motivationsschub zu tun hat, denn einfach ist es in der südrussischen Diaspora nicht.“ In diesem Jahr befasste sich die Konferenz mit dem Thema „Pastorale Fragen im Zusammenhang mit heutiger Bioethik“.

Einen Höhepunkt der Tagung stellte die Feier der heiligen Messein der Katholischen Hofkirche zu Dresden dar – neben Bischof Pickel mit Bischof Heinrich Timmerevers und Bischof emeritus Joachim Reinelt. Anschließend hatte das Bistum Dresden-Meißen zu einem gemeinsamen Imbiss mit Vertretern von Gemeinden eingeladen, die Partnerschaften mit Gemeinden der Diözese Sankt Clemens pflegen. Unter Leitung des Weltkirchen- und Umweltbeauftragten des Bistums Dresden-Meißen, Ulrich Clausen, bot eine Podiumsdiskussion Rückblick und Ausblick auf die gelebte Partnerschaft. Eine Partnerschaft, durch die – so Bischof Pickel – „Glauben wächst“: Wenn Katholiken in Russland auch eine verschwindend kleine Minderheit darstellten, gehörten sie doch zur katholischen Weltkirche. Durch die gelebten Beziehungen zwischen Ost und West werde so Katholizität erlebbar.

Gemeinsam mit Bischof Pickel sprach hierüber unter anderem Pfarrer Bosco Marschner. Gewissermaßen ist er dem Vorbild Bischof Pickels gefolgt: Zuvor Pfarrer in Zittau, entschloss er sich, ab August 2015 die katholische Gemeinde in Marx an der Wolga zu übernehmen. Sowohl der Bischof als auch sein Pfarrer sind nicht nur mit den alltäglichen Herausforderungen der Diaspora befasst, sondern zudem bestrebt, für deren Fragen und Belange die deutsche Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Beide berichten auf eigenen Blogs über ihr Leben und Wirken. Bischof Pickel hat zudem bereits einschlägige Buchveröffentlichungen vorgelegt.

Bischof Timmerevers bezeichnete seine eigenen Begegnungen mit den Seelsorgern der Saratower Diözese als „bewegend und mitreißend“. Besonders fasziniert äußerte er sich darüber, wie in Saratow „Weltkirche gelebt“ werde. Da die kleine katholische Gemeinschaft in Russland selbst kaum eigene Seelsorger hervorbringen, ist die Kirche auf den Dienst von ausländischen Geschwistern angewiesen. „Für ganz Russland besteht ein einziges Priesterseminar, in dem momentan gerade einmal elf Seminaristen ausgebildet werden“, erläuterte Bischof Pickel. Ob am Ende auch tatsächlich alle zu Priestern geweiht würden, sei noch nicht abzusehen. Und so arbeitet er in seinem Bistum mit Ordensangehörigen und Priestern aus über 30 Ländern zusammen. Unter den Ordensleuten finden sich – anders als es sich gemeinhin in Deutschland darstellt – viele junge Frauen. Dies markierte Gabriele Haseneder aus Zittau – der Partnergemeinde von Astrachan – als Beispiel dafür, dass die Partnerschaft Einblicke eröffne, von denen gerade auch die deutschen Katholiken profitieren könnten.

Pfarrer Marschner vermittelte einen exemplarischen Eindruck von der Bedeutung, die die Partnerschaft für seine Gemeinde in Marx hat. Da die deutschen Geschwister weit weg seien, wachse die Verbundenheit erst allmählich. Jedoch sei vor allem das grenzüberschreitende Gebet füreinander den Menschen zunehmend wichtig. Dabei verdeutlichte er zugleich: „Natürlich ist das Materielle auch wichtig.“ So ermögliche es die Partnergemeinde durch ihre Unterstützung jungen Katholiken aus Marx, nach Taizé zu reisen.

Bischof Timmerevers zeigte sich während der Diskussion begeistert von den bestehenden sächsisch-russischen Beziehungen und äußerte seinen persönlichen Wunsch, die bestehenden Partnerschaften zu verstetigen. Die Anwesenden forderte er zur Unterstützung der Glaubensgeschwister im Bistum Sankt Clemens auf: „Ich lade Sie ein, alles zu tun, was Sie tun können – und den Rest tut der liebe Gott.“

Erschienen am 10. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Den Geist der Unrechtsdekrete beseitigen

Auf ein Wort

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen e. V.

Auch in diesem Jahr wird der Bund der Vertriebenen im September den Tag der Heimat begehen. 2018 steht er unter Leitwort: „Unrechtsdekrete beseitigen – Europa zusammenführen“! Beide Forderungen sind ebenso wichtig wie aktuell.

Bei dem politischen Reizwort „Unrechtsdekrete“ denkt man zunächst an die Beneš-Dekrete, welche die Verbrechen während der Vertreibung der Sudetendeutschen legitimierten. Entsprechende Unrechtserlasse gab es auch im Nachkriegspolen und den von ihm verwalteten Oder-Neiße-Gebieten. Hier waren es die Bierut-Dekrete, welche die Entrechtung und Enteignung der Deutschen legitimierten. Während wesentliche polnische Verfügungen inzwischen aufgehoben sind – seit 1985 etwa das faktische Enteignungsgesetz „über das verlassene und aufgegebene Vermögen“ – haben die tschechischen Unrechtsdekrete bis heute ihre formale Geltung nicht verloren.

Was sagt uns dieser Vergleich? – Dass die Forderung „Unrechtsdekrete beseitigen“ vor allem heißen sollte: Die Ideologie, die hinter den Unrechtsdekreten steht, aus den Köpfen der Menschen zu beseitigen! Denn ob nun in Tschechien die Beneš-Dekrete noch in Kraft oder die Bierut-Dekrete in Polen teils aufgehoben sind – in beiden Staaten vergiftet der nationalistische Geist, der einst diese Erlasse schrieb und nun in der politischen Rechten um Václav Klaus oder Jarosław Kaczyński fortlebt, bis heute das geistige Klima und das Verhältnis zu Deutschland sowie den deutschen Vertriebenen.

Wenn gegen die bestehende Gültigkeit der Beneš-Dekrete protestiert wird, geht es daher heute weniger um die Durchsetzung deutscher Rechtspositionen als vielmehr darum – hierauf hat der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, wiederholt hingewiesen –, dass mehr und mehr Tschechen das historische Unrecht als solches begreifen, von sich aus auf eine Aufhebung der Unrechtsdekrete drängen – und damit den dahinterstehenden nationalistischen Geist überwinden. Kritische Köpfe der tschechischen Öffentlichkeit haben längst erkannt, dass es hierbei nicht nur um eine Frage des tschechisch-(sudeten)deutschen Verhältnisses, sondern um die moralischen Fundamente der eigenen politischen Kultur und Gesellschaft geht.

Hierzu können die deutschen Vertriebenen Wesentliches beitragen, indem sie den östlichen Nachbarländern weiterhin die Hand reichen und zugleich auf die Anerkennung des an ihnen begangenen Unrechts bestehen. Und dies ist im Verhältnis zu Polen ebenso geboten wie in demjenigen zu Tschechien – ob die Unrechtsdekrete nun formal bestehen oder nicht: Ihren Geist zu überwinden muss Ziel aller bewussten Europäer sein – jenseits der Oder ebenso wie jenseits der Eger.

Genau an dieser Stelle berührt die erste Forderung des Leitwortes die zweite: „Europa zusammenführen“! Denn wie soll ein Europa wachsen und gedeihen, das mehr ist als ein bürokratischer Apparat, sondern auf einem gemeinsamen geistig-moralischen Fundament steht, wenn weiterhin in erstarkenden politischen Milieus der Nationalstaaten der Geist der Unrechtsdekrete weht – und auch politische Kräfte in Deutschland dem Beneš-Apologeten Václav Klaus eine Bühne bieten?

Erschienen in: Der Westpreuße – Landsmannschaftliche Nachrichten 2/2018.