Auf dem Weg zu einem europäischen Deutschland

XXXI. Further Seminar der Paneuropa-Jugend Bayern

Christian Hoferer, Landesvorsitzender der Paneuropa-Jugend (PEJ) Bayern, erinnerte bei der Eröffnung des XXXI. Further Seminars am letzten Novemberwochenende in Furth im Wald an den Appell des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann aus dem Jahre 1953, es möge nicht zu einem „deutschen Europa“, sondern zu einem „europäischen Deutschland“ kommen. Ausgehend von diesen prototypischen Alternativen setzte sich die Tagung der PEJ Bayern mit der Rolle Deutschlands in Europa auseinander – wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den Wechselbeziehungen zwischen der deutschen oder europäischen und der tschechischen sowie ungarischen Politik lag. Tilman A. Fischer berichtet.

Jaroslav Šonka, Journalist und langjähriger Studienleiter der Europäischen Akademie Berlin, nahm in seinem Eröffnungsvortrag die Nachbarländer Deutschland und Tschechische Republik in den Blick und bot einen „Vergleich der politischen Kultur und ihrer Wurzeln“. Dabei identifizierte er das Jahr 1918 mit dem Zerbrechen der Europäischen Großreiche und der Entstehung kleiner Staaten in Mitteleuropa als Ausgangspunkt einer Entfremdung der politischen und gesellschaftlichen Diskurse in beiden Ländern. Als wesentliche Wegmarken dieses Prozesses hob er die Grenz- und Minderheitenkonflikte der Zwischenkriegszeit, die nationalsozialistische und kommunistische Gewaltherrschaft über die Tschechoslowakei sowie den Paradigmenwechsel hin zu einer ethnisch fixierten Kollektivschuldthese hervor, welcher der Vertreibung der Sudetendeutschen vorauslag. Dabei zeigte Šonka zugleich auch Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik, etwa die Erfolge der Populisten von ANO sowie – in den neuen Bundesländern – der AfD, die letztlich eine Spätfolge der kommunistischen Diktatur seien.

Bernd Posselt, Christian Hoferer und Fürst Karl von Schwarzenberg

Größere Aufmerksamkeit als den Entwicklungen in der Tschechischen Republik wird in der deutschen Öffentlichkeit gegenwärtig vor allem den Spannungen zwischen der EU und Ungarn geschenkt. Dementsprechend waren der Vortrag von und die Diskussion mit dem reformierten Theologen Zoltán Balog mit besonderer Spannung erwartet worden. Der Beauftragte des Ministerpräsidenten Viktor Orbán entfaltete die europapolitischen Positionen der ungarischen Regierung, die in der Prämisse wurzelten, daß „die Stärke der EU in der Stärke der Nationen“ liege. Balog warb für eine empathische Haltung der westlichen EU-Mitgliedstaaten gegenüber den Staaten Mitteleuropas, das es mit seinen historischen Erfahrungen und Potentialen wiederzuentdecken gelte. Für kontroverse Debatten im Auditorium sorgte die Einschätzung der deutschen Flüchtlingspolitik in den vergangenen Jahren und die Frage nach der juristischen Einschätzung der Entscheidungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Nach einem anschließenden gemeinsamen Mittagessen hatte Sandro Bauer, Erster Bürgermeister der Stadt Furth im Wald, zu einem Empfang ins Further Rathaus eingeladen. In seiner Ansprache betonte Bauer die Bedeutung der kommunalpolitischen Zusammenarbeit für den Einigungsprozeß der EU. Eine programmatische Rede des PEJ-Landesvorsitzenden Hoferer bot Gelegenheit, die Grundlinien einer am Vortag durch die PEJ-Landesversammlung beschlossenen Resolution zu entfalten. Hierin betont die PEJ Bayern „die der Bundesrepublik Deutschland allein aufgrund ihrer Größe, ihrer geographischen Position und ihrer starken wirtschaftlichen Stellung zukommende besondere Verantwortung für den Zusammenhalt der Europäischen Union“. Dabei gelte es, sich konsequent an einem Ausgleich zwischen den eigenen nationalen Interessen und den in der Gesamtheit der EU vertretenen vielfältigen Bedürfnissen zu orientieren. Nur so bestehe eine Aussicht, das europäische Lebensmodell im 21. Jahrhundert zu erhalten.

Wie bereits in den vergangenen Jahren setzte sich das Further Seminar in seiner zweiten Hälfte in Pilsen fort. Dort erhielten die Tagungsteilnehmer eine abendliche Führung durch das historische Stadtzentrum und besichtigten eine vom Architekten Adolf Loos (1877–1930), einem bedeutenden österreichisch Vertreter der Moderne, gestaltete Wohnung. Als Baudenkmal zeugt sie von der kulturellen Verwobenheit der Kulturräume Österreichs und Böhmens in der Zwischenkriegszeit.

Am Ewigkeits- oder Christkönigssonntag feierte der Pilsener Altbischof František Radkovský gemeinsam mit deutschen und tschechischen Paneuropäern ein Pontifikalamt in der Franziskanerkirche Mariä Himmelfahrt. Lesungen und Fürbitten wurden auf Deutsch und Tschechisch gehalten – wie auch die Predigt des Bischofs über das Königtum Christi. In seine Fürbitten schloß Christian Hoferer Kirche und politische Verantwortungsträger Europas ebenso ein wie die deutsche und tschechische Zivilgesellschaft auf dem gemeinsamen Weg der Aussöhnung und Verständigung.

Beschlossen wurde das XXXI. Further Seminar von einer von Hoferer geleiteten Podiumsdiskussion zur Frage: „Deutschland: Taktgeber oder Moderator in Europa?“ Der frühere tschechische Außenminister Fürst Karl von Schwarzenberg und der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland Bernd Posselt sprachen sich sowohl für eine engagierte Wahrnehmung ihrer europapolitischen Verantwortung durch die Bundesregierung aus als auch für einen Umgang mit den östlichen Mitgliedstaaten auf Augenhöhe. Mit Blick auf die Flüchtlingspolitik als einem brisanten Streitapfel der vergangenen Jahre stellte sich Fürst von Schwarzenberg hinter die Entscheidungen von Bundeskanzlerin Merkel und erklärte: „Deutschland und Österreich sollten stolz auf das in der Flüchtlingspolitik Erreichte sein.“ Für eine progressive Reform der europäischen Migrations- und Asylpolitik sprach sich auch Posselt aus. So drängte er auf eine Änderung des Dublin-Abkommens, den Ausbau eines echten europäischen Grenzschutzes und verurteilte die „AfD-Propaganda“, der Internationale Migrationspakt öffne die Schleusen für eine Masseneinwanderung.

Ob sich der besonnene proeuropäische Kurs, für den Paneuropäer aus allen Staaten und unterschiedlichen Parteienfamilien stehen, weiter durchsetzen wird, werden die kommenden Wahlen zum Europaparlament zeigen. Posselt und Schwarzenberg zeigten sich jedoch – als deutsche und tschechische Vertreter der EVP – schon jetzt zuversichtlich, zumal mit Manfred Weber ein waschechter Paneuropäer als Spitzenkandidat ihrer Partei in den Wahlkampf ziehe.

Erschienen in: Sudetendeutsche Zeitung 48/2018.

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„Wir sind froh, dass wir ausgeharrt haben“

Vor fünf Jahren flammten in der Ukraine die Bürgerproteste auf. Wie deutet die Kirche den Wandel? Weihbischof Bohdan Dzyurakh C.Ss.R. von Kiew, Sekretär der Bischofssynode der Ukrainischen griechisch- katholischen Kirche, deutet die Ereignisse als Zeugnis für ganz Europa?

Von Tilman A. Fischer

Exzellenz, wie haben Sie die politischen Umwälzungen der vergangenen Jahre erlebt?

Gleich am Anfang der friedlichen Proteste auf dem Maidan, nach den ersten gewaltsamen Angriffen gegen demonstrierende Studenten, bekam ich am 1. Dezember 2013 die SMS einer Frau, die mir schrieb: „Exzellenz, ich weiß nicht, wo Sie sich befinden, aber ich bin fest davon überzeugt, wenn Sie mit uns Tag und Nacht beten werden, dann wird die Regierung nicht mehr die Armee gegen das Volk einsetzen. Hier sind alle Ihre Schafe.“ Und dann in Großbuchstaben: „Es mangelt uns so an Hirten.“ Diese SMS hat mich sehr bewegt, ich habe sie an die anderen Bischöfe weitergeleitet und wir haben begonnen, die Menschen zu begleiten, zu betreuen – auch die Verletzten auf dem Maidan und die Angehörigen der Todesopfer –, weil wir ihr Anliegen gerecht fanden und gleichzeitig zum friedlichen Verlauf der Proteste beitragen wollten.

In dieser Zeit hat sich der Allukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften – dem die griechisch-katholische ebenso angehört wie die russisch-orthodoxe Kirche – mit konsensual beschlossenen Stellungnahmen in die politische Diskussion eingebracht. Was waren Ihre Anliegen und wie wurden Ihre Worte von der Öffentlichkeit aufgenommen?

In den Erklärungen wurde klar gesagt: Das Volk hat das Recht, die eigene Zukunft frei zu gestalten, niemand hat ein Recht, dies zu verhindern – weder innerhalb noch außerhalb der Ukraine –, und man soll internationale Gesetze respektieren. Hierbei handelte es sich um einen Lackmustest, eine Prüfung, dass man richtig handelt, wenn man auch zum Opfer wird, leidet für Gerechtigkeit, für eigene Rechte, für Freiheit. Innerhalb der Ukraine hat die Gesellschaft solche Stellungnahmen sehr positiv entgegengenommen.

Wie reagierte die damalige pro-russische Regierung auf Ihren Einsatz für das Volk?

Anfang 2014, gerade zu unserem Weihnachtsfest, das wir nach julianischem Kalender am 7. Januar feiern, erhielten wir als griechisch-katholische Kirche einen Brief vom Kulturministerium, in dem man uns androhte, die Registrierung als Kirche zurückzuziehen, weil wir auf den Maidan gegangen seien. Das war eine Bedrohung, wie sie seit 1946, als unsere Kirche von Stalin aufgelöst wurde, nicht mehr da war. Aber wir haben nicht nachgegeben, sondern wir haben gesagt: Entweder erreichen wir mit dem Volk etwas Gutes für das Land oder wir werden mit dem Volk sein Schicksal teilen, auch wenn wir unter dem Kreuz stehen müssen. Das war, wenn ich zurückblicke, die einzig richtige Entscheidung, die man damals treffen konnte. Kirche wird immer „mater et magistra“ genannt, und wenn die Kirche nicht nur Lehrerin, sondern auch Mutter sein möchte, dann kann sie sich nicht vom Leid der Menschen zurückziehen, wo sie in ihrer Würde erniedrigt, verfolgt und ihrer Rechte beraubt werden. Die damalige Periode hat uns einiges gekostet, aber wir sind froh, dass wir ausgeharrt haben.

Haben diese Erfahrungen die Kirche und das Miteinander der Gläubigen verändert?

Doch, ich würde sagen, wir haben so etwas wie einen Kairos erlebt. Die Frage ist nicht, was, sondern wer sich verändert hat. Die Menschen haben sich geändert, sie haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Solidarität zu üben und Initiative zu ergreifen. In der Sowjetzeit wurde gesagt, dass Initiative strafbar sei – und jetzt haben die Leute ihre und die Zukunft ihrer Kinder in die eigenen Hände genommen. Es hat sich eine echte, gesunde bürgerliche Gesellschaft in der Ukraine gezeigt. Wir freuen uns darüber sehr und sehen einen großen Beitrag der Kirchen sowie unserer Mitbrüder und -schwestern im Westen. Mehr noch: Die Kirche ist ein wesentlicher Teil der bürgerlichen Gesellschaft. Wir betrachten uns nicht als diejenigen, die den Machthabern dienen, sondern wir wollen dem Volk, den Menschen dienen – und genauso sehen wir die Berufung der Politiker. Wenn die Politiker aber von dieser Berufung abweichen, wenn sie versuchen, die Leute zu unterdrücken und auszubeuten, dann muss die Kirche die Stimme der Unterdrückten werden.

Dies alles klingt nach einer Neubesinnung auf den Gedanken der Nachfolge und die gesellschaftstransformative Kraft der Kirche…

Ich hoffe es. Die Kirche ist Trägerin des Heiligen Geistes. In diesem Sinne ist es der Heilige Geist, der uns alle verändert, und ich persönlich sehe es als wichtige Aufgabe der Kirche an, die katholische Soziallehre bekanntzumachen und sie durch unsere Gläubige in verschiedene Bereiche der Gesellschaft zu tragen.

Was sind nach Ihrer Ansicht heute die größten Herausforderungen für diese Gesellschaft? Und welchen Beitrag kann die Kirche zur Bewältigung leisten?

In den letzten Jahren mussten wir fast zwei Millionen Binnenflüchtlinge aufnehmen. Die erste Hilfe, die sie erhielten, kam teils von ganz einfachen Menschen, die bereit waren, sie aufzunehmen und zu unterstützten. Das Volk hat diese Herausforderung mit großer Würde und großem Solidaritätsgefühl getragen und trägt sie weiter. Man muss die Ursache der Not beseitigen und die Ursache ist Krieg. Und deshalb: Wenn ich um etwas bitten darf, möchte ich darum bitten, für uns zu beten, für Frieden zu beten, sich aber auch noch mehr für Frieden einzusetzen. Jeder soll hierzu nach seinen Möglichkeiten beitragen, weil wir alle für unser Haus, das Europa heißt, verantwortlich sind. Und es war in Kiew auf dem Maidan, dass – zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union – Menschen unter der Fahne der Europäischen Union gestorben sind, als sie im Februar 2014 von Scharfschützen ermordet wurden. Der Jüngste war 17 Jahre alt, der Älteste 74. Sie alle haben für Gerechtigkeit, für Freiheit und für Würde ihr Leben gegeben. Und das sind die Werte, die – so glaube ich – auch für ganz Europa essenziell sind.

Auf dem Maidan und in der Ukraine scheint außerhalb der Grenzen der Europäischen Union eine europäische Avantgarde entstanden zu sein…

Jede Art von Messianismus ist uns fremd, aber zumindest sage ich, was meiner Überzeugung entspricht: Ich bin fest davon überzeugt, dass sowohl die Verfolgungen der Christen im 20. Jahrhundert als auch diese jüngsten Ereignisse uns gegeben wurden – nicht nur für uns selbst, sondern für das ganze Europa. Wenn wir nach Europa kommen, strecken wir unsere Hand aus, nicht aber als arme Bettler – sondern wir haben etwas anzubieten. Die Frage ist, ob Europa fähig ist, das zu sehen, zu lesen und zu verstehen. Die Antwort hierauf, kann ich jedoch nicht geben.

Erschienen am 22. November 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Schisma könnte sich ausweiten

Die Russische Orthodoxe Kirche und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel mit Sitz in Istanbul, dem in der Orthodoxie der Ehrenvorsitz zusteht, streiten sich um die Bildung einer unabhängigen orthodoxen Kirche in der Ukraine. Ein Gespräch dazu mit dem Ostkirchenkundler Reinhard Flogaus.

Herr Flogaus, wie konnte es zum Schisma zwischen den beiden Patriarchaten kommen?

Dr. Reinhard Flogaus vertritt als Privatdozent für Kirchengeschichte das Fach Konfessionskunde an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Mitglied der Theologischen Kommission der EKD für den Dialog mit dem Ökumenischen Patriarchat.

Nach der Ankündigung des Ökumenischen Patriarchats, Schritte zur Schaffung einer selbständigen orthodoxen Kirche in der Ukraine einzuleiten, beschloss die ROK am 14. September, die namentliche Nennung des Ökumenischen Patriarchen bei den gottesdienstlichen Fürbitten zu unterlassen, und untersagte bis auf weiteres die Konzelebration von russischen Geistlichen mit Geistlichen des Ökumenischen Patriarchats. Außerdem hat die ROK ihren Rückzug aus allen interorthodoxen und ökumenischen Gremien und Kommissionen erklärt, in denen Konstantinopel den Vorsitz oder stellvertretenden Vorsitz hat. Dies betrifft z.B. die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland, aber auch die theologischen Dialoge der Orthodoxen Kirchen mit dem Lutherischen Weltbund, den Katholiken oder den Anglikanern.
Am 11. Oktober hat dann das Ökumenische Patriarchat mit den beiden bislang unkanonischen, nach der Wende in der Ukraine entstandenen Kirchen, d.h. mit der „Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats“ und der „Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche“, Kirchengemeinschaft hergestellt. Die ROK, zu der die einzige bislang anerkannte „Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ gehört, hat daraufhin am 15. Oktober die Kirchengemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat aufgekündigt und den russischen Gläubigen den Sakramentsempfang in dessen Kirchen bei Strafe untersagt.

Wieso eskaliert die Situation gerade jetzt?

Der Wunsch nach kirchlicher Unabhängigkeit von Moskau hat in der Ukraine durch die russische Annexion der Krim und die von Russland unterstützte Abspaltung der Ostukraine deutlich zugenommen. Den Ausschlag gegeben haben der ukrainische Präsident und das ukrainische Parlament, welche im April 2018 den Ökumenischen Patriarchen gebeten haben, der Orthodoxie in der Ukraine die Autokephalie zu verleihen – also die organisatorische Selbständigkeit bei gleichzeitiger dogmatisch-kanonischer Einheit mit den anderen orthodoxen Kirchen Dieser Bitte haben sich inzwischen alle Bischöfe der beiden bisher unkanonischen Kirchen, aber auch einzelne Bischöfe der Kirche des Moskauer Patriarchats angeschlossen. Nach dem Scheitern der Versuche, mit Moskau zu einer einvernehmlichen Lösung für die Ukraine zu kommen, hat das Ökumenische Patriarchat sich nun zu einer unilateralen Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxen in der Ukraine entschlossen und damit Moskau brüskiert.

Was sind die Hintergründe dieses Streites?

Zum einen beansprucht die ROK auch nach dem Zerfall der Sowjetunion für praktisch deren gesamtes Territorium – abgesehen von Georgien – weiterhin die alleinige kirchliche Zuständigkeit. Dies trifft ganz besonders auf die Ukraine zu, war doch Kiew die Wiege der russischen Orthodoxie und für mehrere Jahrhunderte auch das kirchliche Zentrum des russischen Reiches. Andererseits beansprucht der Ökumenische Patriarch als orthodoxer Ersthierarch die Zuständigkeit für die weltweite orthodoxe Diaspora und für die Verleihung der Autokephalie. Im Falle der Ukraine beruft sich Konstantinopel zudem darauf, dass es selbst bis 1686 kirchlich für die Metropolie Kiew zuständig war. Die im Gefolge der russischen Eroberung der Ukraine erfolgte Übertragung dieser Zuständigkeit an Moskau sei mit der wiedererlangten staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine hinfällig. Deshalb habe das Ökumenische Patriarchat auch schon 1924 der Polnischen Orthodoxen Kirche, die kirchlich ursprünglich ebenfalls zu Kiew gehörte, die Autokephalie verliehen, was Moskau dann erst 1949 durch eine eigene Autokephalieerklärung anerkannt hat.

Wie wird es weitergehen?

Wenn der Plan des Ökumenischen Patriarchats aufgeht, wird es nach einer Vereinigungssynode tatsächlich zu einer selbständigen Ukrainischen Orthodoxen Kirche kommen, der dann wohl die Mehrheit der Orthodoxen angehören wird. Ich gehe aber davon aus, dass ein Teil der Gläubigen, insbesondere mit russischen Wurzeln, weiterhin dem Moskauer Patriarchat angehören will, so dass es statt derzeit drei künftig zwei orthodoxe Kirchen in der Ukraine geben wird.
Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass sich nach der Verleihung der Autokephalie das jetzige Schisma zwischen Konstantinopel und Moskau auch auf andere orthodoxe Kirchen ausdehnen wird und es zu einer Spaltung der Orthodoxie in zwei Lager kommt, zwischen denen keine Kirchengemeinschaft mehr besteht. Die jüngsten Äußerungen des serbischen Patriarchen Irinej scheinen dies nahezulegen. Diese Gefahr erfüllt mich mit großer Sorge.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2018.

November 1918: Die Revolution in Danzig

Von Tilman Asmus Fischer

Der Kieler Matrosenaufstand vom 3. November 1918 ist – neben den gewaltsamen Auseinandersetzungen der Folgemonate, vor allem in Berlin – zum Inbegriff der revolutionären Umbrüche geworden, die das Ende des Ersten Weltkrieges und den Übergang Deutschlands vom Kaiserreich zur Weimarer Republik begleiteten. Auch wenn heute Kiel, Berlin und vielleicht noch die Münchner Räterepublik das historische Bild der Matrosen- und Rätebewegung prägen: Auch Danzig war Ziel und Schauplatz des Umsturzes, der am Ende nicht in die Räterepublik, sondern in eine Demokratie führte.

Es scheint, als hätte sich die historische Forschung – weil die revolutionären Umtriebe in Danzig keine Dynamik entwickeln konnten, die derjenigen in den genannten Städten vergleichbar wäre – nicht sonderlich für die Tage des Umbruchs an der Motlau interessiert. Zwar sparen die stadtgeschichtlichen Monografien die Thematik nicht aus, um sich jedoch ein konkretes Bild von der Lage vor Ort machen zu können, ist es notwendig, sich „ad fontes“ – zu den Quellen – zu begeben. Ein solches Zeitdokument ist uns mit den noch 1918 im Verlag W. F. Burau in Danzig veröffentlichten Erinnerungen von Hauptmann a. D. Dr. Wilhelm Brönner, „Die Revolutionstage in Danzig“, überliefert. Sie umfassen den Zeitraum zwischen dem 3. und 18. November 1918 und vermögen uns noch heute einen Einblick in die Vorgänge auf Danzigs Straßen und die Stimmungslage in der Stadt zu gewähren.

Danzig im November 1918 – ein Überblick

Bevor wir auf die einzelnen Ereignisse blicken, die Brönner aus Danzig berichtete, ist es jedoch notwendig, sich einen Überblick über den historischen Gesamtzusammenhang zu verschaffen. Wie verlief die große Linie der Danziger Revolution?  Und warum blieb hier eine Gewalteskalation, anders als etwa in Berlin, aus? – Peter Oliver Loew erlaubt uns nachzuvollziehen, wie auch an der Motlau quasi über Nacht eine neue politische Epoche anbrach:

„Nur wenige Stunden nachdem der Kaiser abgedankt hatte, hielt die Revolution auch in Danzig Einzug. Am 10. November stürmten revolutionäre Matrosen Gefängnisse in der Stadt, und bei einer Großkundgebung auf dem Heumarkt verkündeten führende Sozialdemokraten die Ausrufung der Republik. Ein deutscher Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Macht in Danzig, auch ein polnischer Rat entstand. Die Garnison unterstellte sich den Räten und sorgte, gemeinsam mit der Bürgerwehr, für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Am 11. November legte ein Generalstreik die Stadt lahm.“

Dafür, dass die Revolution sich an der Motlau ohne sonderliche Radikalität oder Gewaltausschreitungen vollzog, lassen sich im Wesentlichen vier Erklärungen finden. Das von Loew ins Feld geführte erste Argument, die Danziger seien ob der angespannten Nahrungsmittelversorgung eher mit der Fürsorge für ihr Überleben als mit der Revolution befasst gewesen, mag vielleicht das schwächste sein: Sicher entbehrt es nicht jeder Plausibilität, jedoch muss in Rechnung gestellt werden, dass auch im weiteren revolutionären Deutschland ein Versorgungsnotstand herrschte. Zweitens erhielt die politische Linke nach dem ersten revolutionären Aufflammen wieder ernstzunehmende Konkurrenz: Angesichts der verlautbarten polnischen Ansprüche auf Danzig konnte die politische Rechte mit antipolnischen Positionen schnell Rückhalt in der Bevölkerung gewinnen. Drittens kann darüber spekuliert werden, wie sich die Geschichte vollzogen hätte, wenn nicht per preußischer Kabinettsorder vom 24. März 1865 die preußische Marinestation der Ostsee – also die oberste Kommandobehörde der preußischen Seestreitkräfte in der Ostsee – von Danzig nach Kiel verlegt worden wäre. Andernfalls, so kann angenommen werden, wäre Danzig in der Folge zentraler Standort der Marine des Norddeutschen Bundes und der Kaiserlichen Marine gewesen – und letztlich hätte die Stadt dann das historische Schicksal treffen können, das nun Kiel ereilte. Viertens und letztens ist es – wie Loew hervorhebt – Julius Gehl zuzurechnen, dass sich die Revolution in Danzig verhältnismäßig ruhig vollzog. Der gelernte Maurer leitete von 1912 bis 1919 als Bezirksparteisekretär und Vorsitzender den SPD-Bezirk Westpreußen mit Sitz in Danzig und verantwortete von 1917 bis 1918 als Redakteur die sozialdemokratische Zeitung „Danziger Volkswacht“. Hätte er nicht mäßigend auf die Entwicklungen eingewirkt, hätten sich die Umbrüche durchaus anders vollziehen können.

Autosuggestion:  Angst vor „roten Schiffen“

Und dies wäre genau genommen gar nicht so unwahrscheinlich gewesen. Denn auch in Danzig lässt sich ein Phänomen identifizieren, das Mark Jones in seinem 2017 erschienen Buch „Am Anfang war Gewalt“ über die Gründungsmonate der Weimarer Republik herausgearbeitet hat:  Autosuggestion. So fielen die ersten blutigen Schüsse in Kiel, weil sich unter den revolutionären Matrosen die Wahnvorstellung ausgebildet hatte, jederzeit mit Angriffen konterrevolutionärer Offiziere rechnen zu müssen;  ebenso resultierten die Forderungen nach staatlichen Gewaltmaßnahmen gegen die Spartakisten in Berlin aus dem Mythos einer russisch finanzierten Geheimarmee des Kommunistenführers Karl Liebknecht. Was Mark Jones für die großen revolutionären Ereignisse in Kiel, Berlin und München konstatiert hat, trifft – das zeigen die Erinnerungen von Brönner – auch auf die graduell weniger intensiven Entwicklungen in Danzig zu.

Hier scheint es ebenso wie dort vornehmlich eine unklare Informationslage – eine Mischung aus vermuteten Gefahren und bedrohlichen Gerüchten – gewesen zu sein, die das Stimmungsbild in der Stadt und ihrem Umland prägte. So mutmaßte man am 4. November, für Danzig drohe „die Gefahr einer englischen Flottenlandung oder eine Landung von Teilen der meuternden Flotte“:  „Die roten Schiffe konnten erscheinen, um auch in Danzig die revolutionäre Bewegung in Gang zu bringen;  sie konnten auch aus Mangel an Proviant in der Höhe Danzigs die Küste anlaufen. Man erfuhr bald von Landungen in Swinemünde und Stolpmünde. – Z. T. sollten es Fahrzeuge gewesen sein, die noch königstreu vor den Meuterern flüchteten.“ Entsprechend dem ambivalenten äußeren Bedrohungsszenario mutmaßte man zugleich rege über das Gefahrenpotenzial innerhalb der Stadtgrenzen:  „Von geheimnisvollen Versammlungen, von Zettel- und Flugblattverteilungen wurde gemunkelt. Ein Extrablatt erschien nach dem anderen.“

Eindrucksvoll verdeutlicht Brönners Notiz vom 8. November, wie sich durch das – letztlich nicht verifizierbare – äußere Bedrohungsszenario im Zusammenspiel mit Anzeichen innerer Unruhen die öffentliche Stimmung mehr und mehr zuspitzte :  „Zwei rote Schiffe sollen vor Hela liegen. Ist Fliegeraufklärung möglich?  Es lag dichter Nebel, die Marinenachrichtenstelle hat nichts gesehen. Die Revoltestimmung in Danziger Straßen wird stärker bemerkbar. Es knallt überall:  Halbwüchsige und Kinder werfen Schwärmer und andere Feuerwerkskörper. Frauen und Kinder erzählen in den Straßen, in dieser Nacht gehe es los. Väter und Brüder würden sich auf dem Bahnhof prügeln gehen. Wie schon in diesem Kriege denkt man wieder an Einpacken, an noch rasch zu erledigende wichtige Geschäfte, an Abreise, an Wegsendung von Frau und Kind.“ Interessant ist vor allem der Hinweis auf die Geräuschkulisse, die auf Schüsse und andere Ausschreitungen schließen lassen konnte. In anderen Städten waren es, wie Jones herausstellt, ebensolche akustischen Signale, die von einer der sich gegenüberstehenden Parteien – oftmals grundlos – als feindlicher Beschuss gedeutet wurden, so dass die Situation eskalierte und es in der Folge zu tatsächlichen Gewaltausschreitungen, teils auch mit Todesopfern, kam. Brönners Aufzeichnungen verdeutlichen, dass es neben den unmittelbar für Danzig erwarteten Entwicklungen immer wieder auch die Nachrichten aus Berlin und anderen Stätten der Revolution – sowie solche über die Verhandlungen mit den Alliierten – waren, die in Danzig wachsam verfolgt wurden und die Prognose über die eigene Situation mitbestimmten.

Revolution in geordneten Bahnen

Angesichts der Ungewissheit über die tatsächliche Bedrohungslage vollzogen sich die politischen und militärischen Entwicklungen im Danziger Gebiet folgendermaßen:  Um den 4. November wurden mehrere auswärtige Truppenteile zur Absicherung der Stadt nach Danzig verlegt. Dabei entschieden sich die politischen Verantwortungsträger – bei allen notwendigen militärischen Sicherheitsmaßnahmen – nicht für Gewalt als erstes Mittel. Vielmehr herrschte Besonnenheit, und man setzte für den Fall der Fälle primär auf Verhandlungen, sofern „die meuternden Matrosen bei der erwarteten Ankunft mit sich reden lassen“ würden. Bevor jedoch meuternde Matrosen in Danzig anlanden konnten, kamen einem solchen Unterfangen am 7. November – wie Brönner treffend anmerkt, dem „Jahrestag der russischen Revolution“ – die Arbeiter und Matrosen der Putziger Seefliegerschule zuvor. Deren Arbeiter- und Soldatenrat erklärte unmittelbar im Zusammenhang mit seiner Gründung, für die „Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung werde Sorge getragen“. Da auf Grundlage dieser Ankündigung offenbar ein Einvernehmen mit dem Kommando der Seefliegerschule hergestellt werden konnte, wurde von einem militärischen Eingreifen gegen die Meuterer abgesehen, und es kam zu keinen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Nichtsdestoweniger besetzten Matrosen aus Putzig den Bahnhof von Rheda.

„Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ in der „Danziger Volkswacht“ vom 9. November 1918. (Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung)

Zwei Tage später – am 9. November – kam auch in Danzig und seiner unmittelbaren Umgebung der Personenverkehr zum Erliegen. Dennoch:  Auch hier blieb es dank der Besonnenheit aller Parteien – vor allem wohl des bereits erwähnten Julius Gehl – ruhig. Dieser erklärte weitsichtig, dass „die Bewegung in Danzig ruhig verlaufen“ würde, wenn „nicht geschossen werde“ – zumal er ohnehin prognostizierte, dass beim Einsatz militärischer Mittel die Truppen den Gehorsam verweigern würden. Dies erwartete er auch für den Fall einer Landung von Schiffen meuternder Soldaten :  „Vielleicht würden die Küstenbatterien einige Schüsse abgeben, aber was mache das Kriegsschiffen aus, und sobald erst Landungen erfolgt seien, werde kein Widerstand mehr geleistet.“ Gehl scheint es nicht nur gelungen zu sein, derart präventiv dem Einsatz militärischer Mittel entgegengewirkt zu haben. Vielmehr kam es am 9. November auch zu wegweisenden Einigungen zwischen den entscheidenden Akteuren in der Stadt: den Mehrheitssozialisten – also der SPD –, den „Unabhängigen“ – also der radikaleren USPD, die sich während des Krieges von ihrer Mutterpartei abgespalten hatte – und der städtischen Verwaltung. Nach einer gemeinsamen Sitzung von SPD und USPD traten um neun Uhr im Stadtverordnetensaal Vertreter der Sozialisten und der Behörden – „Oberpräsident, Regierungspräsident, Polizeipräsident, Bürgermeister, Stadträte, Kommandierender General, Kommandantur, Kriegsamtsstelle“ – zusammen. Das Ergebnis dieser Besprechung kann gewissermaßen als Einigung auf eine ‚Revolution in geordneten Bahnen‘ bezeichnet werden: „Große Versammlung zur Ausrufung der Republik soll Sonntag [also am nachfolgenden Tage], Generalstreik Montag stattfinden. […] Im gleichen Maße, wie Parteileitung ruhigen Verlauf gewährleisten könne, wollen Behörden vom Eingreifen ihrerseits absehen. […] Kommandierender General und Oberpräsident bitten Bevölkerung Danzigs, Bürger und Soldaten, Ruhe zu behalten und zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung jeder nach Kräften mitzuwirken.“ Von ebendiesem Geist war auch ein „Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ geprägt, der am gleichen Tag in Gehls „Danziger Volkswacht“ erschien.

Nur wenige Stunden nach der Sitzung war es eine Nachricht aus Berlin, die um 15 Uhr die Danziger Extrablatt-Leser erreichte und zunächst Ruhe und Ordnung in Frage zu stellen schien:  Der Kaiser hat abgedankt! – „In Kasernen fängt tumultartiges Treiben an. Absetzung von Vorgesetzten wird gefordert.“ Als erstes wählt das Infanterie-Regiment 128 einen Soldatenrat, andere wie die 5. Grenadiere folgen. Zu einer Eskalation der Lage kommt es jedoch auch nach dieser Entwicklung nicht – vielmehr erklären die Einheiten gegenüber der SPD-Parteiführung, sie stünden „zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zur Verfügung“. Und dies scheint am 9. November – dem Tag des Endes der Monarchie – dann auch gelungen zu sein. So ist die einzige Begebenheit, die Brönner über den Abend dieses geschichtsträchtigen Tages berichtet, eher anekdotischer Natur:  „Kurz nach Mitternacht treffe torkelnden Betrunkenen auf Dominikswall. Brüllt singend:  Freiheit, Freiheit, keine Mauern, kein Zuchthaus, frei muß der Mensch sein, und unterbricht sich drohend zu einem Passanten: Verfolgst du mir, was! Du willst mir wohl verfolgen? Passant weicht wortlos aus.“

Großkundgebung und Gefängnisstürmungen

Einige Stunden vor Beginn der für Sonntag, den 10. November, geplanten Großkundgebung, um 9.30 Uhr, traf in Danzig ein Zug aus Richtung Dirschau ein. Seine Insassen, 150 Zivilisten und Militärangehörige, gaben sich als Danziger auf dem Weg zu ihren Angehörigen in der Stadt aus. Nichts Böses ahnend, ließ man sie gewähren. Tatsächlich handelte es sich jedoch um – größtenteils aus Gefängnissen befreite – Bolschewisten, die nun eine regelrechte Welle von Gefängniserstürmungen in Danzig auslösten. Ziel waren die Militärarrestanstalten I und II in der Elisabethkirchengasse bzw. am Schlüsseldamm, das Festungsgefängnis am Nonnenhof, die Nebenarrestanstalt Schießstange sowie das Gefangenenlager Troyl. Überall waren die Gefängnisstürmer erfolgreich – wobei neben politischen Häftlingen und arrestierten Soldaten zudem tatsächliche Straftäter befreit wurden. Wenn die Erstürmungen auch unter Androhung von Waffengewalt erfolgten und von Plünderungen begleitet waren, kam es zu keinen ernstlichen Schusswechseln oder gar Todesopfern. Das gleiche gilt für revolutionäre Ausschreitungen auf den Straßen, die Brönner gleichwohl eindringlich beschreibt:

„In den Hauptverkehrsadern setzt zwischen 9 und 10 Uhr eine Jagd auf Soldaten ein, die noch Kokarden, Abzeichen auf der Schulter, Seitengewehre tragen. Es kommt zu Wortwechseln und Gestikulationen, nicht zu Blutvergießen, soweit bekannt geworden. Auch Offiziere werden erst recht nicht geschont. […] Auch über uniformierte Polizeibeamte […] geht es her. Wo einer angehalten wird, bildet sich im Augenblick ein Menschenknäuel, bald rechts, bald links vom Fahrdamm. Im Laufschritt eilen die ersten Straßengänger zu, wie die Eisenspäne zum Magneten. Ueberall auf dem Pflaster Kokarden und abgeschnittene Schulterklappen.“

Eingedenk der Entwicklungen, welche die Revolution etwa in Berlin nahm, ist es bemerkenswert, dass die Situation in Danzig bei solchen Szenen in den Straßen nicht weiter eskalierte. Entsprechend friedlich konnte schließlich auch die Versammlung auf dem Heumarkt verlaufen: Es wurden Reden gehalten, die rote Fahne gehisst und ein dreifaches Hoch auf die Republik ausgerufen. Die Stimmung der schätzungsweise 15.000 Anwesenden beschreibt Brönner als ekstatisch. Auch in den folgenden Stunden blieb die Stimmung gehoben: „Wohin man kommt, in den Straßen kichernde Weiber, kecke Burschen, Schreien, Johlen, Grammophonlärm aus den Häusern, die Straßenbahnen mit brechender Überfracht auf Trittbrettern und Puffern. Noch immer ist Krieg, noch immer rast an der Front das mordende Feuer; daran denkt niemand.“ Die Feierlichkeiten hielten auch noch an, nachdem um drei Uhr die Waffenstillstandbedingungen bekannt wurden. Trotz des ansonsten friedlichen Verlaufes kam es am Abend und an den Folgetagen durchaus auch zu Einbrüchen und Plünderungen. Diese vermehrten sich im Laufe von zwei Wochen derart, dass es zu einer Reihe von Verhaftungen und seitens der Behörden zur Androhung der Todesstrafe kam.

Innere Ordnung und äußere Konflikte

Auf dezidierten Wunsch des Sozialdemokraten Gehl blieben die bisherigen Behördenspitzen auch nach Ausrufung der Republik im Amt – von den Revolutionären wurde die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung garantiert. Planmäßig verlief am 11. November der Generalstreik, an dem sich neben den Arbeitern auch die Soldaten beteiligten. Ab dem 13. November zeigte die Polizei – im Auftrag der Räte – wieder vermehrt Präsenz auf den Straßen. Jedoch:  Bereits ab dem 12. November erreichten die Kommandantur und Soldatenräte besorgniserregende Mitteilungen aus dem Umland:  „Am Mittag wird Hilfe gegen die Polen im Kreise Karthaus erbeten, die die Lieferung von Lebensmitteln verweigern und sich zusammenrotten […]. Nachrichten laufen ein, daß auf dem Lande auch die Förster entwaffnet und von den Polen bedroht werden. Selbständigkeitsdrang überall, alles will aus den Fugen.“

Hier kündigt sich an, was in den folgenden Monaten und Jahren das Schicksal Westpreußens prägen sollte: der – zumal durch die Germanisierungspolitik der vorangegangenen Jahrzehnte geschürte – deutsch-polnische Nationalitätenkonflikt, der unter dem Vorzeichen des 14-Punkte-Programms des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson für Danzig die Gründung der ‚ungeliebten‘ Freien Stadt bedeutete. Ahnten Brönner und seine Zeitgenossen dies bereits? Mit dem 18. November schließt sein Bericht: „Aus Berlin kommt das Schlagwort vom Null-Stundentag, aus Schlesien und Posen die Meldung von bevorstehenden Angriffen auf deutsches Staatsgebiet und der Entsendung deutscher Abwehrtruppen, und man erinnert sich des stolzen Evangeliums der jungen Republik: Friede, Freiheit, Arbeit, Brot!“

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2018.

Vom „Fatalismus der Feindschaft“ zur „Interessengemeinschaft“

Ein Arbeitspapier der Kopernikus-Gruppe nimmt „Deutschland und Polen – 100 Jahre nach 1918“ in den Blick

Am 20. und 21. April 2018 hat in Warschau der deutsch-polnische Gesprächskreis „Kopernikus-Gruppe“ getagt. Die von den deutschen und polnischen Intellektuellen angestellten Überlegungen über „Deutschland und Polen – 100 Jahre nach 1918“ fasst das Mitte August von Prof. Dr. Dieter Bingen, Darmstadt, und Dr. Kazimierz Wóycicki, Warschau, veröffentlichte 30. Arbeitspapier der Gruppe zusammen.

Denkmal von Józef Gosławski für Józef Piłsudski in Turek
(Foto: Piotr Rudzki)

Einleitend heben die Autoren die Gegenwartsbedeutung des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg hervor: Er „war ein sinnloses Massaker auf den Schlachtfeldern im Westen Europas, im östlichen Mitteleuropa brachte er indes nicht nur enormes Leid, sondern auch die Entstehung unabhängiger Staaten, von denen heute die meisten Mitglieder der Europäischen Union sind. Deshalb ist die kollektive Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, in dem Polen in den Armeen der drei Teilungsmächte – das hieß auch: gegeneinander – kämpfen mussten, im Westen und Osten des Kontinents so unterschiedlich. Nur freie Gesellschaften können ein Projekt europäischer Integration verwirklichen, weshalb die Wurzeln der Europäischen Union auch in jener Epoche nach dem Ersten Weltkrieg zu suchen sind, obwohl seinerzeit nur Utopisten und Visionäre solche Pläne hegten.“

Gerade für Deutschland und Polen habe der „Erinnerungsort ‚1918‘“ abweichende Bedeutungen: „Für Polen ist es die Wiedererlangung der Unabhängigkeit nach dem langen 19. Jahrhundert, in dem die polnische Gesellschaft sie entbehren musste. Diese Situation hat die polnische Kultur, das Verständnis von Freiheit, Demokratie, Tradition und Moderne stark geprägt. Dieselben Begriffe waren in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts unter gänzlich anderen Bedingungen mit Inhalt gefüllt worden. Wenn wir uns tiefer verstehen wollen, müssen wir ein Verständnis dieser Ungleichzeitigkeit der Entwicklung von Staat und Gesellschaft auf beiden Seiten entwickeln.“

Wenn das Deutsche Reich auch in der Endphase des Ersten Weltkrieges gegenüber polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen kompromissbereit aufgetreten sei: „erst die Niederlage Deutschlands (und damit die Niederlage aller drei Teilungsmächte Polens) ermöglichte es Polen, seine volle Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Gleichzeitig jedoch weigerte sich die deutsche Nachkriegsdemokratie, den neu gegründeten polnischen Staat auf Dauer zu respektieren.“ Mit den „Grenzkämpfen 1918–1921“, der Klassifizierung Polens als „Saisonstaat“ in der Zwischenkriegszeit, dem „deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen 1939“, der „völkermörderischen deutschen Besetzung Polens“ sowie der „Flucht und Massenaussiedlung der Deutschen aus Polen 1945“ markieren die Autoren Stationen der an 1918 anschließenden Konfliktgeschichte, die vom „Prinzip des ‚Fatalismus der Feindschaft‘“ (Stanisław Stomma) gekennzeichnet gewesen sei. Die hieraus resultierende Angst Polens vor Deutschland sei in den folgenden Jahrzehnten durch die Machthaber des Warschauer Paktes für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert worden.

Die Kopernikus-Gruppe würdigt die vor diesem Hintergrund auf beiden Seiten unternommenen Anstrengungen auf dem Weg zu einem deutsch-polnischen Dialog. Höhepunkt dieser Entwicklung sei „die Welle der ‚Solidarität mit Polen‘ aus der bundesdeutschen Gesellschaft in den 1980er Jahren“ gewesen. Schließlich habe die durch die Solidarność ausgelöste „Freiheitsrevolution von 1989 in Ostmitteleuropa“ Deutschland und Polen „durch eine in der jüngsten Geschichte beispiellose deutsch-polnische Interessengemeinschaft“ (Krzysztof Skubiszewski) zusammengebracht. Daher steht für die Verfasser fest: „Die letzten 100 Jahre der deutsch-polnischen Beziehungen und der europäischen Geschichte zeigen deutlich, dass die Voraussetzung für jedes umfassendere und ehrgeizige europäische Konzept die tiefe deutsch-polnische Verständigung ist.“

Angesichts der gegenwärtigen politischen Krisenlage in Europa ist diese Erkenntnis – so auch für die Kopernikus-Gruppe – von zentraler Bedeutung: „Ein Blick in die ferne und nicht so ferne Geschichte, auch wenn sie noch so belastet und schwierig ist, oder vielleicht auch, weil sie so schwierig ist, erlaubt es uns, das Gleichgewicht, die Distanz und einen nüchternen Blick auf die Gegenwart und die Zukunft wiederzugewinnen.“ Zu einer solchen „Reflexion bezüglich der deutsch-polnischen Beziehungen“ fordere das diesjährige Jubiläum heraus.

Auf eine explizite Kritik an der gegenwärtigen Warschauer Regierungspolitik, die gerade auch das Gedenken an 1918 für ihren rechtspopulistischen Kurs instrumentalisiert, verzichtet die Kopernikus-Gruppe, fordert jedoch zum einen, dass es „den deutschen Beobachtern nicht gleichgültig sein“ solle, wenn bei den polnischen Jubiläumsveranstaltungen „unterschiedliche Denkweisen der Polen über sich selbst, über die eigene Geschichte und über Europa zum Vorschein kommen“. Zum anderen mahnen die Verfasser an: „In Polen sollte und kann dieser Jahrestag eine Gelegenheit sein, nicht nur über die eigene Geschichte, sondern auch über das Verhältnis zu den Nachbarn nachzudenken.“ – Heute seien Deutschland und Polen nicht nur für Europa, sondern auch füreinander unverzichtbar.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2018.

Informationen über den deutsch-polnischen Gesprächskreis „Kopernikus-Gruppe“ und über seine Mitglieder: www.deutsches-polen-institut.de/politik/kopernikus-gruppe

„Wir nutzen die Liturgie“

Bischof Clemens Pickel von Saratow, Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz in Russland, über die praktische Seite der Neuevangelisation in Russland.

Von Tilman A. Fischer

Herr Bischof, Neuevangelisierung – was bedeutet das für die katholische Kirche in einem Land, das mehr und mehr die Orthodoxie für sich wiederentdeckt?

Neuevangelisierung hat etwas Anrüchiges an sich für Menschen in Russland. Dort lebt man in dem Verständnis, Russland sei immer orthodox gewesen – also schon eintausend Jahre. Dass da dieses Vakuum des Kommunismus war, wird zwar irgendwie registriert, aber im Grunde ist die Idee einer Neuevangelisierung, wie sie die katholische Kirche immer wieder will, den Leuten in Russland unverständlich.

Was meinen demgegenüber die Angehörigen der katholischen Diaspora selbst hierzu?

Die Katholiken, die im Kommunismus ausgehalten haben, sagen: Natürlich muss man neu anfangen! Die alten wolgadeutschen Großmütter, die den Glauben noch an die Enkel weitergegeben haben, waren vor 25 Jahren – als sich Russland öffnete – am Ende. Es war eine Sternstunde, dass die katholische Kirche ihnen noch zur Hilfe kommen konnte bevor der glimmende Docht ganz ausgelöscht war. Das waren einzelne Familien, die geheim noch gebetet haben. Sie verstanden und verstehen, dass die junge Generation jetzt ein Fundament braucht: Katechismus, Glaubenswissen. Es reicht heute nicht mehr aus, zu sagen, am Sonntag geht man in die Kirche. Da macht kein Jugendlicher mehr mit.

Wie konnte und kann ein Neuanfang gelingen?

Die Neuevangelisierung passiert praktisch durch Verkündigung – durch Katechese und Predigt. Natürlich nur für die Leute, die zur Kirche kommen. Aber: Menschen in Russland, die Gott suchen, kommen zur Liturgie, zur Eucharistie. Kirche ist für sie in der Hauptsache Liturgie. Das heißt, wir nutzen die Liturgie durch die in sie eingebettete Predigt zur Evangelisierung. Ich habe in meinem Bistum, so lange ich Bischof bin, allen Priestern immer wieder gesagt: „Bitte jeden Tag predigen, auch wenn nur kurz, aber eine kleine Predigt soll sein.“ Das ist unser Angebot: Den Leuten zu helfen, nicht nur zu beten und durch die Liturgie spirituell zu wachsen, sondern auch geistig durch eine sachliche und klare Predigt.

Gibt es darüber hinaus denn für Ihr Bistum so etwas wie einen „Masterplan“ für die Neuevangelisierung?

Ich habe keine riesigen Konzepte – was man sich in Deutschland immer wieder wünscht. Wenn uns ein Hilfswerk unterstützt, möchte es am liebsten wissen: Was bringt das? In drei Jahren, fünf Jahren? Wie wird es dann bei Ihnen aussehen? Wer wird das Projekt weiterfinanzieren? Gibt es Multiplikatoren? – So funktioniert das in Russland nicht. Einen Plan machen, ist das eine, die Realität ist das andere. Das kommt im religiösen, kirchlichen Bereich daher, dass über drei Generationen organisatorisch nichts da war. Die Leute wollen wirklich, glauben, beten, sind eifrig – kommen, wenn möglich, jeden Tag zur Kirche. Aber dann irgendwann nach zwei, drei Jahren oder fünf Jahren kommt bei einigen plötzlich ein Bruch und wir verlieren sie wieder – teils Menschen, die selbst Wortgottesdienste halten und in der Katechese mitdiskutieren konnten.

Wie müssen wir uns das unter diesen Bedingungen gewachsene Leben in Ihrem Bistum und seinen Gemeinden vorstellen?

Unsere Gemeinden sind ganz klein. Im gesamten Bistum haben wir 20 000 Katholiken und das Bistum ist viermal so groß wie Deutschland. Da kann man natürlich staunen, dass wir trotzdem 40 Priester haben – aber so mancher Priester fährt im Jahr 50 000 Kilometer mit dem Auto, um seine Leute zu besuchen. Dafür sind die Gemeinden aber lebendig: nicht im Sinne von überaktiv – heute dies, morgen das. Lebendig im Sinne davon, dass Leben und Lieben zusammengehören. Wenn jemand nicht zum Gottesdienst kommt, fällt das auf und man kümmert sich umeinander. Das ist gelebte Nächstenliebe – dafür brauchen wir nicht erst ein Caritas-Büro zu gründen.

Ist Ihr Motto also: Evangelisation durch gelebte Gemeinschaft statt Großveranstaltungen?

Wir organisieren schon auch Großveranstaltungen – vor allem für Jugendliche: Dekanatsjugendtage, Diözesanjugendtage, ein gesamtrussisches Jugendtreffen alle drei Jahre. Aber der Akzent liegt tatsächlich mehr auf dem alltäglichen Miteinander: natürlich Christ zu sein, nicht nach einem Lehrbuch. Evangelisierung funktioniert nicht dadurch, andere als Zielgruppe zu fokussieren, sondern dadurch, an sich selbst zu arbeiten. Wenn ich mir selbst Mühe gebe, ein guter Christ zu sein und ein besserer als noch gestern, helfe ich anderen viel mehr als mit Lehrbüchern und Programmen.

Wenn Sie doch an die Öffentlichkeit treten: Wie reagiert die orthodoxe Seite?

Wir sind in der Öffentlichkeit kaum gefragt – beziehungsweise sind wir nach russischem Verständnis ein Fremdkörper, werden oft als „römische“ Auslandskirche betrachtet. Das sind Assoziationen, die bei vielen Russen tief drinstecken – bis hin zu Äußerungen wie: „Wir sind Christen, Ihr seid katholisch.“

Wie stellt sich der Staat vor diesem Hintergrund in kirchenpolitischen Fragen?

Der russische Staat ist ein säkularer Staat und die orthodoxe Kirche eine – freilich die größte – unter mehreren Kirchen. Es gibt so manche Gesetze, die sehen bedrohlich aus. So ist es – ohne einen kirchlichen Dienstausweis – verboten, in ein Dorf zu fahren und in einer Privatwohnung Katechese zu halten. Vergleichbare Gesetze gibt es in letzter Zeit verstärkt. Aber insgesamt ist das nicht die russische Politik: Dort sind wir als katholische Kirche anerkannt, staatlich registriert und die diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan bestehen auf bester Ebene. Wir sind als katholische Kirche nicht die Bösen, die Verdächtigen – naja, verdächtig für manche schon, aber wer wie ich in der DDR geboren wurde, der kennt das. Damit kann man leben.

Erschienen am 20. September 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Panzer gegen Reformen

Michal Reiman erinnerte an das Ende des Prager Frühlings

Von Tilman Asmus Fischer

„Und wenn die inneren und äußeren, dem Sozialismus feindlichen Kräfte die Entwicklung irgendeines sozialistischen Landes auf die Restauration der kapitalistischen Ordnung zu wenden versuchen, wenn eine Gefahr für den Sozialismus in diesem Land, eine Gefahr für die Sicherheit der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft entsteht, ist das nicht nur ein Problem des betreffenden Landes.“ – Mit diesen Worten versuchte der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid Breschnew im November 1968 zu rechtfertigen, was am 21. August des Jahres geschehen war: der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei (ČSSR) und die damit eingeleitete Zerschlagung der Reformbewegung unter Alexander Dubček, die einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ angestrebt hatte.

Einer der letzten Zeitzeugen ist der 1930 geborene Historiker und Politikwissenschaftler Michal Reiman. Am 21. August 2018 sprach er bei einer Gedenkveranstaltung in der Johanneskirche, Berlin-Schlachtensee, über seine Erinnerungen an die Zeit als Vertrauter des damaligen Parteichefs der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ): An Dubček erinnerte er als eine „für uns völlig unglaubliche Persönlichkeit“ – einen Menschen, der in Zeiten treuer Hörigkeit gegenüber dem Kurs Moskaus dadurch auffiel, „dass er offen seine Meinung sagte“. Für die KSČ habe er selbstbewusst in Anspruch genommen: „Wir sind eine politische Partei und müssen wissen, was wir wie und wann wollen.“

In diesem Sinne begannen die Reformkommunisten ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm umzusetzen, zu dem vor allem auch die Lockerung der Zensur gehörte. „Wir waren relativ frei“, blickt Reiman zurück, „es gab eine freie Intelligenz“ – zudem freie Kunstschaffende, eine lebendige Theaterszene. Umso herber traf die tschechoslowakische Gesellschaft die Ohnmacht der Besetzung im August 1968. Reiman rief die beklemmenden Bilder der Demonstranten wach, die in den Straßen Prags den Panzern gegenüberstanden: „Niemand weiß, ob die Soldaten beginnen, zu schieße.“

Was folgte, war die „bleierne Zeit“ der Normalisierung im Sinne der Sowjetunion. „Alles nahm seinen normalen Lauf“, konstatiert Reiman, „passende Personen wurden installiert“: Dubček musste zurücktreten – Reiman selbst erhielt Berufsverbot. Bisher hatte er an der Politischen Hoschschule der KSČ, Prag, Geschichte der Tschechoslowakei gelehrt. Nachdem Reiman durch ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 1976 in die Bundesrepublik Deutschland gegangt war, wurde ihm 1978 die Staatsbürgerschaft der ČSSR aberkannt. Reiman bleibt als Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin und engagiert sich in der exil-tschechischen Listy-Gruppe. 1995 bis 2010 kehrt er als Dozent nach Prag zurück – nun an die Karls-Universität.

Was bedeutet das Gedenk an den 21. August 1968 für uns heute? – Hierüber diskutierte Reiman unter anderem mit dem langjährigen SPD-Außenpolitiker Gert Weisskirchen. Auch wenn die Sowjetunion, die 1968 einmarschierte, Geschichte ist, beobachtet Reiman die Entwicklungen in Russland und den Beziehungen zwischen der EU und Russland mit Sorgen und betonte die Notwendigkeit einer „friedlichen Ordnung in Europa“: Hierzu sei es nötig, Russland im „gemeinsamen europäischen Haus“ zu halten. Russland, so Weisskirchen, müsse sich hierzu entscheiden, „ob es ein asiatischer oder europäischer Staat werden will“, sich also von einer unilateralen zu einer multilateralen Politik entwickeln wolle.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 35/2018.