Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

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Vom Wagnis der Begegnung

Seit dem Regierungsantritt der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ in Warschau sind die deutsch-polnischen Beziehungen zusehends belastet. Justus Werdin, seit November 2016 Pfarrer der EKBO für grenzüberschreitende Ökumene im Berliner Missionswerk (BMW), spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die Aufgaben des kirchlichen Dialogs in der gegenwärtigen Situation.

Herr Werdin, welche Bedeutung kommt – gerade heute – der „grenzüberschreitenden Ökumene“ zwischen Deutschland und Polen zu, für die Sie im Berliner Missionswerk zuständig sind?

Das ist in der Funktionsbeschreibung bereits angelegt: Grenzen überschreiten, wo sie sich auftun – das Wagnis eingehen, sich mit nichts anderem als dem vertrauensvollen Wort begegnen zu wollen. Meine Aufgabe ist es, Menschen verschiedenster Herkunft und Frömmigkeitspraxis zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich kennenzulernen und sich zu achten.

Mit welchen konkreten Projekten und Formaten gelingt das?

Am 26. Juni wird erstmals ein deutsch-polnischer ökumenischer Konvent in Frankfurt (Oder) zusammentreten als ein Begegnungs- und Gesprächsformat im Grenzraum, der – wenn es gut funktioniert – immer erweiterungsfähig ist. Am selben Tag werden die Pilger vom deutsch-polnischen ökumenischen Pilgerweg Magdeburg-Gnesen, nunmehr im 15. Jahr, in Frankfurt eintreffen. Gemeinsam mit den Teilnehmern des Konvents werden sie das Mittagsgebet halten.

Was können deutsche Protestanten und polnische Katholiken bei solchen Begegnungen voneinander lernen?

In Deutschland sehe ich das Risiko, dass man sich etwas in den Dingen der gesellschaftlichen Diakonie verliert. Ebenso ist es in der katholischen Kirche in Polen ein Risiko, sich in der Pflege überlieferter Traditionen zu verlieren. Wir Initiatoren des Pilgerweg-Projekts wissen: Allein die Tradition zu pflegen, ist nicht die Antwort auf die Anforderungen. Man muss sich miteinander um adäquaten Glaubensausdruck bemühen für die Erfordernisse der Zeit. Wir müssen den Leuten nicht sagen, wie sie leben sollen – wir haben uns zu befähigen, zu wissen, was wir tun. Aber das muss jeder selber herausfinden – der Glaube ist kein Programm, sondern eine Ermutigung und Befähigung.

Ein wichtiges sozialdiakonisches Thema ist die Flüchtlingsproblematik, bei der Berlin und Warschau im Konflikt liegen. Wie steht die katholische Kirche in Polen hierzu?

Unsere Geschwister sind auch nicht blind oder taub. Sie tun, was sie können, aber das bekommt man in Deutschland leider kaum mit: In der Woiwodschaft Schlesien haben die evangelische und die katholische Kirche eine gemeinsame ökumenische Sammelaktion für die verfolgten Christen in Syrien durchgeführt. Und bei der Festmesse zum 600-jährigen Bestehen des Primas-Amtes in Polen war die Kollekte für das christliche Krankenhaus in Aleppo bestimmt.

Wie gestalten sich neben den Kontakten zur katholischen Mehrheitskirche in Polen das Verhältnis zur evangelisch-augsburgischen Minderheitenkirche?

Zweimal im Jahr führen wir Partnerschafts-Begegnungen mit der Diözese Breslau durch – man begegnet sich, man bewirtet sich, erzählt, tauscht Informationen aus. Darüber hinaus erfolgen Einladungen zu Veranstaltungen der jeweiligen Partner. Zum deutsch-polnischen Konvent wird auch der lutherische Bischof von Breslau, Waldemar Pytel, kommen. Er war es auch, der mir bei meiner Amtseinführung ins Stammbuch geschrieben hat, ich hätte auch einen Dienst an der Ökumene in Polen. Hierzu braucht es verlässliche Begegnungsformate, sonst besteht die Gefahr, nur nebeneinander her zu leben – und das dürfen wir uns als Christen nicht mehr erlauben.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 26/2017.

Gemeinsame Orientierung

Die EU begeht am 25. März ihr 60. Jubiläum. Was tragen Kirchen zur EU-Politik und Zukunft Europas bei?

Von Tilman Asmus Fischer

Die Zukunft der Europäischen Union (EU) ist gegenwärtig in aller Munde. Dabei nehmen auch die europäischen Kirchen regen Anteil an den aktuellen politischen Debatten. Hiervon zeugte nicht zuletzt die auf der Marburger Tagung 2016 verabschiedete Kundgebung der EKD-Synode „So wirst du leben (Lukas 10, 28). Europa in Solidarität – Evangelische Impulse“. Schon seit längerem haben die Kirchen eigene Strukturen entwickelt, die sie bei der EU vertreten, um so ihre Stimme in den europapolitischen Diskurs einzubringen.

Das Europäische Parlament in Straßburg
(Foto: Diliff)

So sind nicht nur die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Brüssel vertreten, sondern vielmehr auch einzelne Kirchen und Kirchenbünde. Hinzu kommen Institutionen wie der Weltkirchenrat und die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, die gleichfalls kirchliche Positionen in den Diskurs einbringen. In besonderer Weise und mit großer Resonanz gelingt dies immer wieder dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.

Die EKD ist in Brüssel durch eine eigene Dienststelle des Bevollmächtigen des Rates vertreten. Ihre Leiterin, Oberkirchenrätin Katrin Hatzinger, betont gegenüber dieser Zeitung die Vielfalt der für die EKD relevanten Politikfelder: „Die Brüsseler EKD-Vertretung beschäftigt sich etwa mit der Positionierung zum Vorschlag der EU-Kommission, einen Europäischen Solidaritätscorps einzurichten, mit der Arbeit in der European Sunday Alliance für den arbeitsfreien Sonntag, Eingaben an das Europäische Parlament zur Reform des Emissionshandelssystems und Konsultationsbeiträgen zur Halbzeitevaluierung von EU-Förderprogrammen, die für Kirche und Diakonie relevant sind. Daneben befasst sie sich derzeit intensiv mit der Reform des europäischen Asylrechts.“ Dabei bringt sich die EKD gemeinsam mit ökumenischen Partnern im Sinne von „Schutz und Aufnahme von Flüchtlingen“ und „sicherer und legaler Wege für Schutzsuchenden nach Europa“, so Hatzinger, mit Stellungnahmen in das Gesetzgebungsverfahren ein.

Die Fragen der Flüchtlingspolitik werden nicht nur zwischen Kirchen und Politik, sondern zugleich auch zwischen den Kirchen kontrovers diskutiert. Frank-Dieter Fischbach, Referent der KEK in Brüssel und Vertreter der GEKE, berichtet, dass es hier wie in vielen anderen Fragen innerhalb der GEKE „durchaus eine gemeinsame Orientierung gibt, dass es aber innerhalb dieser eine Pluralität von evangelischer Positionierung gibt, die weniger theologisch als vielmehr kulturell und historisch begründet ist“. Dies spiegele auch die Stellungnahme des GEKE-Rates vom Oktober 2015 wieder, die jedoch, so Fischbach, „auch sehr eindeutig Positionierungen vornimmt, etwa in der Übernahme der Forderung nach Einrichtung von sicheren Fluchtwegen mittels Visa-Vergabe, so dass den Schleppern ihr Handwerk gelegt werden kann“.

Tagesaktuelle Herausforderungen wie die Flüchtlingspolitik befassen neben EKD und GEKE auch die KEK. Zu ihrer täglichen Arbeit zählten „zahlreiche und vielfältige Dialogformate zwischen KEK und den Institutionen“, so Fischbach, „in denen spezifische aktuelle europapolitische Themen diskutiert werden“. Hierzu gehöre die enge Kooperation mit der Kommission der Kirchen für Migration in Europa (CCME) ebenso wie die „Teilnahme an der Konsultation über einen europäischen Pfeiler sozialer Rechte, der die soziale Dimension Europas verstärken soll“. Jenseits der einzelnen politischen Herausforderungen sorgt sich die EKD um „die Zukunft der europäischen Idee, die aus der Erfahrung von Krieg, Vertreibung und Tod eine Periode des Friedens und der Stabilität geschaffen hat“, erläutert Katrin Hatzinger. Es gelte, darauf hinzuwirken, dass sich Europa auch künftig „zu seinem Selbstverständnis als Wertegemeinschaft bekennt“. Daher wolle die EKD ihre Unterstützung des Europagedankens „auf allen Ebenen sichtbar machen – durch Veranstaltungen, Texte und in Gesprächen mit der EU-Politik“. In diesem Sinne wurde auch das Reformationsjubiläum aufgegriffen, unter anderem am 8. März mit einer gemeinsamen Konferenz mit der GEKE im Europäischen Parlament zum Thema „500 Jahre Reformation: Europa gestalten – Veränderung wagen“.

Auch die KEK setzt sich für den Erhalt Europas als Wertegemeinschaft ein, berichtet Fischbach. Nicht nur, dass man 2013 mit der Verlegung des Hauptsitzes von Genf nach Brüssel auch ein politisches Signal habe senden wollen. Zudem habe die KEK unter anderem die Europäischen Kirchen zum gemeinsamen Nachdenken über die Zukunft Europas eingeladen: „Dazu werden 2017 verschiedene Regionalkonferenzen durchgeführt, deren Ergebnisse in die Vollversammlung 2018 in Novi Sad, Serbien, einmünden und weiter diskutiert werden.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 13/2017.

„Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache“

Die Pfarrerhebung der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Tschechiens Hauptstadt stellt ein wichtiges kirchen- und verständigungspolitisches Signal dar

Prags Erzbischof Dominik Kardinal Duka sowie die Gesandte der Bundesrepublik Deutschland und der Botschafter der Republik Österreich waren am 4. Dezember zu Gast in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt. Grund war der Festgottesdienst anlässlich der Erhebung der dort ansässigen Deutschsprachige Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag, die bereits am 1. Oktober in Kraft getreten war.

Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag. (Foto: LandesEcho)
Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag.
(Foto: LandesEcho)

Nach der slowakischen und der polnischen Gemeinde bilden somit die deutschsprachigen Katholiken nun die dritte fremdsprachige Personalpfarrei in der Erzdiözese Prag. Dies darf als deutliches kirchenpolitisches Signal verstanden werden: Katholiken deutscher Nationalität oder Sprache bilden nicht mehr eine parallele Organisationsstruktur, sondern sind ein anerkannter und fest integrierter Teil der katholischen Kirche vor Ort. So begründete Erzbischof Duka die Pfarrerhebung auch nicht nur mit der Stabilität und dem anhaltenden Wachstum der seit 1990 bestehenden Gemeinde, sondern auch mit der „jahrhundertealten Tradition deutschsprachiger Kultur in der tschechischen Metropole“, wie die Gemeinde mitteilt. „Die Erhebung zur Pfarrei ist ein weiteres positives Signal, das sich gut einreiht in die lange Kette der postiven Signale auf kirchlichem, kulturellen, politischem und wirtschaftlichem Gebiet“, erklärt Pater Martin Leitgöb gegenüber dem DOD. Der aus Österreich stammende Redemptorist war bisher Gemeindeseelsorger und ist nun Pfarradministrator der deutschen Gemeinde. Das Signal, das die katholische Kirche gesetzt hat, wird in Tschechien wahrgenommen: „Die Pfarrerhebung hat auch in Tschechien ein beträchtliches Echo ausgelöst. So haben mehrere kirchliche und weltliche Medien berichtet – und zwar immer positiv“, berichtet Leitgöb: „Im Grunde genommen ist daran zu sehen, dass sich die Verhältnisse zwischen Deutschen und Tschechen durchaus normalisiert haben bzw. dass man auf beiden Seiten bereit ist, aufeinander zuzugehen, miteinander zu arbeiten und sich gemeinsam für eine versöhnte Nachbarschaft im Herzen Europas einzusetzen.“

So alt die deutsche Tradition ist, an die die Gemeinde anknüpfen kann, ist sie jedoch keine klassische Minderheitengemeinde der seit Jahrhunderten ansässigen Deutschen – wie sie etwa die protestantischen Siebenbürger Sachsen in Rumänien bilden – bzw. stellen die autochthonen tschechischen Staatsbürger mit deutscher Muttersprache nur einen Teil der Gemeindeglieder dar. Neben ihnen setzt sich die – von einem relativ niedrigen Altersdurchschnitt geprägte – Gemeinde aus Angehörigen binationaler Familien und berufsbedingt in Prag lebenden Deutschen, Österreichern und Schweizern zusammen.

Dennoch ist die Pfarrerhebung gerade für die heimatverbliebenen Deutschen von zentraler Bedeutung. „Kardinal Duka sagte beim Festgottesdienst zur Pfarrerhebung am 4. Dezember den schönen Satz: ‚Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache‘“, hebt Leitgöb hervor. Dementsprechend fühle sich die „Pfarrgemeinde eingebettet in die jahrhundertelange deutschsprachige Kulturtradition der tschechischen Hauptstadt“ und wolle ihren Beitrag „zum Weiterbestand dieser Tradition leisten“.

Zu diesem Zweck arbeitet die Gemeinde mit den Organisationen sowohl der heimatverbliebenen als auch der heimatvertriebenen Deutschen zusammen: Leitgöb betont das gute Einvernehmen mit dem „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“ und dem „Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität in der Republik Tschechien“. Ferner bestünden enge Kontakte, mit der Ackermann-Gemeinde und der Sudetendeutschen Landsmannschaft. „Ich selber bin neben meiner Funktion als Pfarrer auch Geistlicher Beirat der tschechischen Ackermann-Gemeinde“, erklärt Leitgöb.

Dabei vermag es die Gemeinde nicht nur, deutschsprachigen Katholiken in Tschechien ein Stück Heimat zu geben und so auch zu ihrer Identitätsbindung beizutragen. Daneben leistet sie einen zentralen Beitrag zur Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen, und damit zur Stärkung eines europäischen Bewusstseins, das gegenwärtig vielfachen Angriffen ausgesetzt ist. In diesem Zusammenhang ist für Leitgöb der Begriff „Dialog“ wichtig: „Wie wichtig dieser Dialog weiterhin ist, wurde mir in den letzten Monaten an den unterschiedlichen Standpunkten zwischen Deutschen und Tschechen in der Flüchtlingspolitik bewusst. Ich selber versuchte immer wieder, so gut ich konnte, tschechischen Freunden die deutschen Positionen zu erklären und deutschen Freunden die tschechischen Positionen. Das kann manchmal mühsam sein, aber es geht nicht anders. Ich versuche, diesen Dialog auch in unserer Pfarrei zu pflegen, immerhin sind wir ja eine Gemeinschaft aus Tschechen und Deutschen.“

In diesem Sinne wollen die Gemeinde und Leitgöb auch in Zukunft weiter wirken: „Es gibt wohl nicht viele Vereinigungen, in denen die konkrete Verständigung mit einer so hohen Regelmäßigkeit – Sonntag für Sonntag und vielfach auch dazwischen – geschieht.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2016 und Sudetendeutsche Zeitung 51/52/2016.

Westpreußen – ein Land der Reformation

Eine Spurensuche entlang reformationsgeschichtlicher Erinnerungsorte

Von Tilman Asmus Fischer

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die Ereignisse rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen – gerade wie das untere Weichselland – sehr aufschlussreich sein.

Infolge von Flucht und Vertreibung ist Westpreußen heute ein Raum, in dem weitestgehend Katholiken und nur noch eine kleine Schar von Lutheranern leben. Es finden sich freilich noch viele Orte und Kulturdenkmäler, die eng mit der Reformationsgeschichte verbunden sind und darüber hinaus von der Vielfalt protestantischen Lebens im Ostseeraum zeugen. Neun solcher kirchengeschichtlicher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden. Diese Orte vermögen, sowohl die Vielschichtigkeit der ‚Reformation‘ als auch ihre ökumenische Dimension und die unterschiedlichen Ausprägungen dessen zu verdeutlichen, was wir ‚den Protestantismus‘ nennen. Beginnen soll unsere Spurensuche mit grundsätzlichen Überlegungen, ausgehend von der protestantischen Kirche Westpreußens schlechthin.

Oberpfarrkirche St. Marien, Danzig

In ihrem 1929 erschienen Buch „Die Marienkirche in Danzig“ preisen Karl Gruber und Erich Keyser die altehrwürdige evangelische Oberpfarrkirche als „Gotteshaus der Bürger, errichtet durch das einmütige Zusammenwirken der Brüderschaften, Gewerke und Geschlechter“. Diese Perspektive auf die Marienkirche verdeutlicht bereits den enormen Identifikationswert, den Europas größte Backsteinkirche für ihre Stadt hatte. Dies ist umso bemerkenswerter, als hier eine von katholischen Bürgern vor der Kirchenspaltung errichtete Kirche zum Identifikationspunkt einer protestantisch dominierten Bürgerschaft wurde. Ebenso konnten westpreußische Kirchen auch bis in unsere Tage hinein den Kirchenbrief der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen zieren, obwohl die Gotteshäuser mit Kriegsende der katholischen Kirche übergeben worden waren.

Diese Beobachtung erinnert uns an zweierlei Zusammenhänge, die es bei unserer Spurensuche zu bedenken gilt : Zum einen, dass ein Erinnerungsort nicht statisch ist, sondern stets von den Zu- und Überschreibungen lebt, die er im Verlauf seiner Geschichte erhält. Daher stellt unsere heutige Spurensuche auch notwendiger Weise nur eine Bestandsaufnahme von Bedeutungen dar, die einem Denkmal oder Ort unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt – demjenigen der Reformation – Konturen verleihen. Zum anderen weist uns St. Marien darauf hin, dass ein und demselben Erinnerungsort gleichzeitig differierende, wenn nicht gegensätzliche Bedeutungen zukommen können – hier etwa eine deutsche bzw. protestantische oder eine katholische bzw. polnische.

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig (Foto: Diego Delso via Wikimedia)
Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Reformation und Katholizismus

Wenn wir in diesem Sinne nach Orten fragen, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, dann gelangt man auch zu exklusiv katholischen Erinnerungsorten, in denen ein entsprechendes Narrativ der Reformationsgeschichte manifest wird.

Königliche Kapelle, Danzig

Am sinnfälligsten wird dies an der Königlichen Kapelle, die der Marienkirche unmittelbar benachbart ist. Immerhin verdankt diese Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – ihre Existenz der Reformation in Danzig : Nachdem nach und nach alle Kirchen evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde darauf hin die Kaplica Królewska – die Königliche Kapelle – als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in Städten, die sich mehrheitlich zum Protestantismus bekehrten – aber ebenso auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen wie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

Jesuitenkolleg, Deutsch Krone

Der Kontext der katholischen Reaktionen auf den Prozess der Reformation wird wesentlich von der sogenannten Gegenreformation – und damit einer ihrer treibenden Akteurinnen : der Societas Jesu (SJ) – bestimmt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die – letztlich kirchenspaltende – evangelische Reformation selbst in einer Zeit innerkatholischer Reformbewegungen entwickelte und ebenso wenig davon unabhängig gedacht werden kann wie die SJ selbst.

Die Jesuiten entfalteten auch im späteren West- und Ostpreußen rege Aktivitäten und konzentrierten sich – ihrem Gelübde entsprechend – vor allem auf das Bildungswesen. So gründeten sie 1665 auch im damals zu Polen gehörigen Deutsch Krone eines der Jesuitenkollegien. Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung mussten 1672 und 1703 jeweils größere Gebäude bezogen werden. Als der Jesuitenorden 1773 vom Papst aufgelöst wurde, erfolgte die Umwandlung in ein katholisches Gymnasium. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 200 Schüler die Schule. – An dem 1798 bis 1805 errichteten Gebäude des Gymnasiums erinnert heute noch eine Gedenktafel an das ehemalige Jesuitenkolleg.

Zwischen Konflikt und Verständigung

Bereits die vorangegangenen Erinnerungsorte zeigen, dass die westpreußische Reformationsgeschichte eine ebenso protestantisch-katholische wie deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist, in der gerade auch die polnische Krone als Förderer des Katholizismus in Erscheinung tritt. Ein Blick auf zwei weitere Städte des Königlichen Preußen – Elbing und Thorn – verhilft dazu, dieses Bild zu differenzieren. So steht Thorn einerseits für eine blutige, von der polnischen Krone mitgetragene Eskalation der konfessionellen Konflikte im Jahre 1724, andererseits aber auch für die 79 Jahre zuvor durchgeführten Thorner Religionsgespäche, die ebenfalls vom polnischen König initiiert wurden. Einer ihrer zentralen Akteure, der protestantische Ökumeniker Comenius, lebte und wirkte zu dieser Zeit in Elbing. (Diese thematischen Zusammenhänge hat Manfred Richter bereits in der DW-Ausgabe vom April 2016, S. 14f., in größerer Ausführlichkeit erläutert.)

Comenius in Elbing

Der den Böhmischen Brüdern angehörende Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670) genoss bereits zu seinen Lebzeiten europaweite Anerkennung. Sie führte dazu, dass der schwedische Königshof Comenius beauftragte, ein Konzept zur Erneuerung des Schulsystems zu entwickeln. Deshalb kam der Gelehrte 1642 in das schwedisch besetzte Elbing, wo er bis 1648 blieb. Hier verfasste er nicht nur sein Hauptwerk „Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica), sondern unterstützte auch die Vorbereitungen des „Colloquium Charitativum“, das vom 28. August bis zum 22. November 1645 in Thorn stattfand und zur Vermittlung zwischen Katholiken und Protestanten beitragen sollte. Der Elbinger Stadtrat unterstützte Comenius’ Bemühungen und stellte ihm eine Karosse für die Reise nach Thorn zur Verfügung.

Tumult und Blutgericht in Thorn

Die Religionsgespräche führten letztlich allerdings nicht zu konkreten Ergebnissen, und das Verhältnis zwischen den Konfessionen blieb weiterhin angespannt. 1724 ereignete sich dann – wiederum in Thorn – der erwähnte offene Ausbruch der Gegensätze. Nachdem die – maßgeblich von den Jesuiten getragene – Gegenreformation in den vorangegangenen Jahren in der lutherisch dominierten Stadt vorangetrieben worden war, kam es am Fronleichnamstag jenes Jahres zum „Thorner Tumult“, bei dem protestantische Bürger das Jesuitenkloster stürmten und verwüsteten. Nun musste bzw. konnte der polnische König August II. mit aller Härte durchgreifen : Nicht nur, dass sämtliche Hauptkirchen der Stadt der katholischen Kirche übereignet wurden ; vielmehr wurden am 7. Dezember auch ein Bürgermeister und neun Thorner Bürger öffentlich hingerichtet.

Die Erben der Reformation

Die Reformation führte jedoch nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen der lutherischen Lehre und dem Katholizismus, denn der Protestantismus brachte im Laufe seiner Entwicklung auch aus sich selbst eine ganze Reihe unterschiedlicher Denominationen und Minderheiten hervor, von denen hier nur einige exemplarisch vorgestellt werden sollen.

St. Peter und Paul, Danzig

Der nach der lutherischen Reformation bedeutendste Schritt in der weiteren Entwicklung war die Herausbildung der reformierten Konfession. – Nachdem die in der Alten Vorstadt von Danzig gelegene Kirche St. Peter und Paul 1557 lutherisch geworden war, ging sie 1622 an die Danziger Reformierten über. Das calvinistische Bürgertum zeichnete sich vielerorts durch ein ausgeprägtes Erfolgsstreben aus, das Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ scharfsinnig auf seine theologischen Voraussetzungen hin analysiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn wir unter den Gemeindegliedern in St. Peter und Paul späterhin z. B. auch den Kaufmann Johann Uphagen und den bedeutenden Kupferstecher Daniel Chodowiecki entdecken. Die vielleicht bedeutendste Person, die mit St. Peter und Paul in Verbindung steht, ist jedoch der Theologe, Naturwissenschaftler und spätere Entdeckungsreisende Johann Reinhold Forster, der hier als Kandidat wirkte und ins Pfarramt ordinierte wurde.

Heilig Geist-Kirche, Danzig

1817 fasste König Friedrich Wilhelm III. alle lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer unierten Landeskirche zusammen. Diejenigen Gemeinden, die den Zusammenschluss aus theologischen Erwägungen ablehnten, mussten scharfe Verfolgung erdulden. Die aus diesem Prozess 1830 hervorgegangene Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen wurde erst 1845 staatlich anerkannt.

Diese ‚altlutherische‘ Kirche hatte ihren Schwerpunkt in Schlesien, aber in ganz Preußen Anhänger. Während der 1840er Jahre entstand ein eigener Danziger Pfarrbezirk, und 1854 erwarb man die Heilig Geist-Kirche in der Danziger Tobiasgasse 1b. 1943 umfasste die in der früheren Hospitalkirche ansässige Gemeinde 503 Seelen. 1945 wurde die Kirche schwer zerstört. Nach dem Krieg beschlossen die neuen Machthaber dann eine Nutzungsänderung, in deren Folge das Gebäude seit den 1950er Jahren in den Gebäudekomplex einer Grundschule integriert ist.

Heubuden (Kreis Marienburg / Großes Werder)

Mit den Täufern kommt eine protestantische Strömung ins Bild, die in Europa gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern verfolgt wurde. Deshalb flohen im 16. Jahrhundert viele Täufer nach Danzig und in das Umland der Stadt, wo sich zeitweilig auch ihr Anführer und Namensgeber Menno Simons aufhielt. Einer der Orte, an denen die Glaubensflüchtlinge aus dem flämischen, niederländischen, friesischen, und oberdeutschen Raum ansässig wurden, war Heubuden in der späteren Freien Stadt Danzig. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte sich dort das Niederländische als Gottesdienstsprache gehalten. 1768 erhielt Heubuden eine eigene Kirche, und Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gemeinde Heubuden-Marienburg in Marienburg ein eigenes Gemeindehaus. 1929 hatte die Gemeinde 1.092 getaufte Glieder. – Heute erinnern in Heubuden eine Gedenktafel an der ehemaligen Mennonitenkirche, vor allem aber der erhaltene, 2,6 Hektar umfassende Mennoniten-Friedhof an die einstigen Einwohner des Ortes.

Slowinzisches Dorf, Klucken (Kreis Stolp, Pommern)

Neben den drei konfessionellen Minderheiten der Reformierten, Altlutheraner und Mennoniten soll zum Schluss noch eine weitere Gruppe berücksichtigt werden: die Slowinzen, bei denen es sich jedoch nicht um eine innerprotestantische Minderheit handelt. Zur Minderheit wurden die Slowinzen innerhalb der westslawischen Bevölkerung des südlichen Ostseeraums vielmehr durch ihr evangelisches Bekenntnis, das mit einer Nähe zur deutschen Kultur einherging. Damit ergänzen die Slowinzen, die in Pommern zwischen Stolp und Leba lebten, das Bild der katholischen Kaschuben.

Am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die große Mehrheit der deutschsprachigen Slowinzen vertrieben. Die slowinzischen Muttersprachler durften in ihrer Heimat bleiben, was freilich das Aussterben des – dem Kaschubischen verwandten – Slowinzischen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermochte. Dies mag man heute umso mehr bedauern, als angenommen werden kann, dass etwa der Konfirmandenunterricht in dieser Region noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in dieser Sprache gehalten wurde. Heute dokumentiert nur noch das Freilichtmuseum „Slowinzisches Dorf“ in Klucken das Leben dieser westslawischen
Protestanten.

Auf dem Weg zu den Erinnerungsorten …

… DANZIG

  • Heilig Geist-Kirche: Szkoła Podstawowa nr 50 im. Emilii Plater, ul. Grobla IV / 8, 80-837 Gdańsk
  • Königliche Kapelle: Sie liegt auf der Rückseite der Marienkirche in der Świętego Ducha, 80-980 Gdańsk
  • St. Marien: Bazylika Mariacka w Gdańsku, Podkramarska 5, 80-834 Gdańsk. Weitere Informationen: http://www.bazylikamariacka.gdansk.pl
  • St. Peter und Paul: Rzymskokatolicka Parafia św. Piotra i Pawła, ul. Żabi Kruk 3, 80-822 Gdańsk

… DEUTSCH KRONE

Jesuitenkolleg: Zespół Szkół nr 1 w Wałczu, Kilińszczaków 59, 78-604 Wałcz

… HEUBUDEN: 82-200 Stogi, Powiat Malborski

… KLUCKEN

Slowinzisches Dorf: Muzeum Wsi Słowińskiej w Klukach, Kluki 27, 76-214 Smołdzino. Das Freilichtmuseum ist ganzjährig geöffnet. Weitere Informationen: http://www.muzeumkluki.pl

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 1/2017.

Diaspora im neuen „Tigerstaat“

Rumäniens Protestanten – eine Minderheit in schwierigen Zeiten

Von Tilman Asmus Fischer

„Mit einem BIP-Wachstum von 5,9 Prozent im zweiten Quartal des Jahres ist Rumänien die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft. Aber nicht nur innerhalb des EU-Raums, sondern auf dem ganzen Europäischen Kontinent. Rumänien ist sozusagen Europas Tigerstaat.“ So liest sich die aktuelle Einschätzung eines Wirtschafts-Analysten. Bei allem wirtschaftlichen Erfolg kommt Rumänien jedoch nicht zur Ruhe: Nachdem es 2012 bereits zu einer heftigen Regierungskrise gekommen war, trat vergangenes Jahr nach einem schweren Brand in einer Bukarester Diskothek Ministerpräsident Victor Ponta zurück.

Eine anhaltende politische Belastung stellt die Flüchtlingspolitik dar. In den letzten Wochen war eine Annäherung zwischen der rumänischen Regierung und den Visegrad-Staaten zu beobachten, die die Haltung der deutschen Bundesregierung ablehnen. Für die meisten Flüchtlinge liegt Rumänien lediglich auf ihrer Route gen Westen; 2015 wurden in Rumänien selbst 1.266 Asylanträge gestellt.

Die Hoffnung des Volkes richtet sich – gerade mit Blick auf die unter ihm rigoros durchgeführte Korruptionsbekämpfung – auf ihren Staatspräsidenten Klaus Johannis. Der Lutheranter gehört der seit Jahrhunderten in Rumänien lebenden deutschen Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen an.

Wie für die aus der Habsburgermonarchie hervorgegangenen Staaten typisch, ist Rumänien multinational und multireligiös geprägt: Während über 80 Prozent der Bevölkerung dem orthodoxen Glauben anhängen, gehören noch nicht einmal fünf Prozent der römisch-katholischen Kirche an. Juden stellen mit knapp über 6000 Personen eine ausgenommen kleine Minderheit dar. Muslime bilden zwar nur 0,3 Prozent der Bevölkerung, sind jedoch schon seit dem Mittelalter im heutigen Rumänien ansässig. Die 5,1 Prozent der Bevölkerung ausmachende protestantische Minderheit ist in sich wiederum pluralistisch bzw. spiegelt die Geschichte der unterschiedlichen Nationalitäten in der Region.

So ist die „Reformierte Kirche in Rumänien“ (470.000 Gemeindeglieder) ungarischsprachig und vornehmlich in den von Ungarn besiedelten Landesteilen vertreten. Die „Evangelische Kirche A. B. in Rumänien“ (A. B. = Augsburgischen Bekenntnisses; 12.840 Gemeindeglieder) entstand Mitte des 16. Jahrhunderts als lutherische Kirche der Siebenbürger Sachsen und ist dementsprechend bis heute deutschsprachig. Von ihr spaltete sich im 20. Jahrhundert die hauptsächlich ungarischsprachige „Evangelisch-Lutherische Kirche in Rumänien“ (32.000 Gemeindeglieder) ab, in der vor allem ungarische und slowakische Lutheraner ihre Heimat haben.

Neben der Bewältigung der spezifischen Herausforderungen einer Diasporakirche setzen sich die Protestanten innerhalb des ökumenischen Vereins „AIDRom“ (dt. Zwischenkirchliche Hilfe, Departement Rumänien) unter anderem für Asylbewerber ein, denen sie Rumänisch-Kurse sowie Beratung durch Sozialarbeiter anbieten und die sie bei der Bewältigung ihres Alltags begleiten. Ferner unterhält der Verein zwei Übergangswohnheime für Frauen und Kinder.

Das Gustav-Adolf-Werk (GAW) der EKBO fördert die evangelische Diaspora in Rumänien. In diesem Jahr sollen konkret zwei Bauprojekte in Wolkendorf (rum. Vulcan) und Elisabethstadt (rum. Dumbrăveni) unterstützt werden: In Wolkenburg steht der Umbau des Gemeindehauses an mit dem Ziel „einen großen Saal und weitere Gästezimmer zu gewinnen“, wie Cornelia Boschan, Geschäftsführerin des GAW der EKBO, berichtet. Hingegen muss in Elisabethstadt die Kirche saniert werden: „Die durch das Dach eindringende Feuchtigkeit zerstört die Wände und den Fußboden“, so Boschan.

GAW der EKBO: Jebensstr. 3, 10623 Berlin, Tel. +49 (0)30 31001-1100, Internet: http://www.gaw-berlin.de. Spendenkonto: IBAN: DE80 5206 0410 0003 9013 60.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 39/2016.

Deutsch-tschechische Beziehungen in Zeiten des Brexit

Der Sudetendeutsche Rat tagte vom 24. bis 26. Juni 2016 in Marienbad

Angesichts anhaltender Spannungen in der Bewältigung der Flüchtlingsfrage und des nur zwei Tage zuvor beschlossenen „Brexit“ führte der Sudetendeutsche Rat (SR) seine Marienbader Gespräche durch, die sich seit Jahren als erfolgreiches Format des deutsch-tschechischen Dialoges bewährt haben. Das diesjährige Thema „Flucht und Vertreibung damals und heute – politische Herausforderungen für Europa“ bot dabei den idealen Rahmen, sich über den aktuellen Stand der deutsch-tschechischen Beziehungen im Kontext der europapolitischen Gemengelage zu verständigen.

Dass die politischen Entwicklungen des zurückliegenden Jahres hinsichtlich dieses Dialoges zuversichtlich stimmen können, machte SR-Generalsekretärin Christa Naaß MdL in ihrer Eröffnungsrede deutlich: Sowohl die Satzungsänderung und Grundsatzerklärung der Sudetendeutschen Landsmannschaft als auch die konstruktiven Signale der tschechischen Seite wie die Brünner Erklärung und die Rede des tschechischen Kulturministers Daniel Herman auf dem Sudetendeutschen Tag wertet Naaß positiv.

Auf die aktuelle Dimension der gemeinsamen Vergangenheitsbewältigung verwies der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt: Diejenigen, die sich in Tschechien mit dem Gedenken an die Vertreibung der Deutschen schwer täten, würden sich auch mit syrischen Flüchtlingen schwer tun. Unter Verweis auf Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi forderte Posselt, das historische Erbe Ostmitteleuropas als europäischen Auftrag zu verstehen und politische fruchtbar zu machen. Dass Verantwortungsträger aus Politik und Gesellschaft in Deutschland und Tschechien diese Verantwortung wahrnehmen, zeigt die Resonanz, die die Marienbader Gespräche auch dieses Jahr wieder fanden. Neben den Vertretern aus unterschiedlichen landsmannschaftlichen Gliederungen, waren sowohl Akteure aus der europäischen Politik – so der ehemalige Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Libor Roucek (ČSSD), der deutsche Botschafter in Prag, Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, Botschafter a.D. František Černý und der ungarische Botschaftsrat Miklós Márvány – als auch aus der Bundespolitik – mit den beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Ernstberger und Rita Hagl-Kehl – und Kommunalpolitik – so mit einem Grußwort der Marienbader Bürgermeister Petr Trešnak (Tschechische Piratenpartei) – vertreten.

Die Vielschichtigkeit, die der deutsch-tschechische Dialog inzwischen erreicht hat, machten die Berichte der unterschiedlichen Institutionen und Projekte deutlich, die am Gedankenaustausch teilnahmen: Erstmals beteiligte sich die Friedrich-Ebert-Stiftung, für die Anne Seyfferth die Arbeit des von ihr geleiteten Prager Büros vorstellte. Gleichfalls erstmalig vertreten war Pater Martin Leitgöb, der über die von ihm betreuten deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Prag berichtete.

Als Vorsitzende des Verwaltungsrates des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und der deutsch-tschechischen Parlamentariergruppe überbrachte Petra Ernstberger MdB Grüße von zwei traditionellen Partnern des Sudetendeutschen Rates. Gleiches gilt für den ‚Chef-Diplomaten’ der Sudetendeutschen in Prag, Peter Barton, der über aktuelle Vorgänge im Sudetendeutschen Büro berichtete. Über die Notwendigkeit und Perspektiven einer intensiven Debatte über Menschenrechte und europäische Integration sprach für das Deutsch-Tschechischen Gesprächsforum dessen Ko-Vorsitzender Libor Roucek. Einblick in die Thematik der laufenden bayerisch-tschechischen Landesausstellung gab Dr. Marco Bogade von der Akademie Mitteleuropa, Bad Kissingen, der über „Kunst und Macht – Macht durch Kunst. Kaiser Karl IV. zwischen Nürnberg und Prag“ sprach

Von besonderem Interesse war der Vortrag von Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, der über den „Strategischen Dialog“ zwischen dem deutschen Auswärtigen Amt und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Tschechischen Republik sprach und der Frage nach Einbringungsmöglichkeiten für den Sudetendeutschen Rat nachging. Dabei wies er in besonderer Weise auf die 2015 im Dialogforum geschaffene Arbeitsgruppe zum „Strategischen Dialog“ hin, sowie auf die Möglichkeit zur Beteiligung am für 2017 geplantem deutsch-tschechischen Kulturfrühling.

Letztlich boten die Marienbader Gespräche jedoch nicht nur Raum zur Debatte über Gegenwarts- und Zukunftsthemen, sondern zeigten auch in drei Vorträgen die historischen Wurzeln des gegenwärtigen Dialogs auf: Während der Historiker Dr. Matej Spurny die tschechische Aufarbeitung der „langen Schatten der Vertreibung“ einer kritischen Analyse unterzog, gab Ingrid Sauer vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv anhand des „60jährigen Bestehens des Sudetendeutschen Rates“ Einblick in das Sudetendeutsche Archiv und der Berliner Journalist Ulrich Miksch bot eine profunde Studie über den vor 50 Jahren verstorbenen Wenzel Jaksch: „Ein demokratischer Politiker als Parlamentarier in der 1. Tschechoslowakischen Republik und im Deutschen Bundestag“.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 03/2016.