Mit den Mönchen sieht man besser

Wie Rod Dreher die Kirche wachrütteln will.

Von Tilman Asmus Fischer

„Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: ,Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen.‘“ Diese Worte aus der Ordensregel des heiligen Benedikt stellt der orthodoxe Publizist Rod Dreher seinem neuen Buch voran, mit dem er versucht, das Gedankengut Benedikts von Nursia für das heutige Christentum fruchtbar zu machen. Jetzt liegt „Die Benedikt-Option“, übersetzt von Tobias Klein, auch in deutscher Sprache vor.

Dreher bietet zunächst eine Analyse der Gegenwartslage von Christen in der westlichen Gesellschaft – dabei bezieht er sich weitestgehend auf die Vereinigten Staaten von Amerika, was der deutsche Rezipient zu berücksichtigen hat. Christen – zumindest konservative – stellen dieser Einschätzung nach eine Minderheit dar, die durch die tonangebenden Akteure der säkularen Moderne zunehmend unter Druck geraten. Auf gut 40 Seiten bemüht sich Dreher um eine Herleitung der gegenwärtigen Krise, die bereits mit dem Aufkommen des Nominalismus – und der damit einhergehenden Trennung von „transzendenter und materieller Realität“ – einsetzt und dann stracks über Reformation, Aufklärung und die Umwälzungen des langen 19. Jahrhunderts bis in die Moderne verläuft.

Dieser – zwangsläufig verkürzten – Verfallsgeschichte stellt Dreher im Folgenden die Idee eines ,mönchischen‘ Lebens nach den Regeln des heiligen Benedikt gegenüber. Hiervon verspricht sich der Autor, nicht zu Unrecht, die Möglichkeit, gegenkulturelle Lebensmodelle zu entwickeln und in einer mehrheitlich säkularen Gesellschaft ein autonomes christliches Glaubensleben zu führen. Zentrale Begriffe dieses auf Benedikt aufbauenden Konzeptes sind: Arbeit, Askese, Ausgewogenheit, Beständigkeit, Gastfreundschaft, Gebet, Gemeinschaft und Ordnung.

Was bedeutet das konkret? In fünf weiteren Kapiteln vermittelt Dreher dies anhand von Beispielen einzelner konservativ-christlicher Initiativen unterschiedlich konfessioneller Herkunft. Dabei finden sowohl Fragen nach einer neuen Form christlicher Politik und einer Rückbesinnung auf alte kirchliche Traditionen einen Platz als auch die Auseinandersetzung mit neuen gemeinschaftlichen Lebensformen – vom Familien- bis zum Gemeindeleben – und der Schaffung eigenständiger Bildungsangebote – vom Heimunterricht bis hin zu universitärer Bildung.

Während dies – freilich neu akzentuierte – Problemfelder sind, die auch hierzulande zum klassischen Repertoire von Diskursen um christliche beziehungsweise kirchliche Zukunftsstrategien zählen, eröffnet Dreher unter der Überschrift „Bereit sein für harte Arbeit“ einen bisher weniger bedachten Aspekt: Welche beruflichen und wirtschaftlichen Perspektiven haben Christen, die aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen nicht mehr an ihrem früheren Arbeitsplatz festhalten können?

In zwei abschließenden Kapiteln befasst sich Dreher schließlich mit grundsätzlichen Fragestellungen, die für ihn von zentraler Bedeutung sind: mit der Haltung zur Sexualität und derjenigen zur Technologie. Dominieren im ersten Fall seine Grundsatzkritik an der sexuellen Revolution und seine klare Ablehnung von Pornografie, bietet er im zweiten Fall spannende Reflexionen über den ambivalenten Charakter technologischer Neuerungen.

Während Dreher auf der einen Seite nicht deren alltäglichen Vorzüge leugnet, zeichnet er auf einer grundsätzlicheren Ebene nach, wie sie das menschliche Bewusstsein verändern: „Wenn wir Technologie ganz nach unserem Belieben nutzen können, solange das Ergebnis nur zu unserer Zufriedenheit beiträgt, dann ist jede Realität ,virtuelle Realität‘, das heißt, sie steht jeder Interpretation offen, die uns bleibt.“

Zwar erhebt Dreher lediglich den Anspruch, mit seinem Buch die Kirche „wachrütteln“ zu wollen und „Geschichten konservativer Christen“ zu erzählen und legt kein geschlossenes theologisches Konzept vor. Dennoch lohnt es sich, nach seinen theologischen und religionsphilosophischen Implikationen zu fragen. Dabei ist es – unabhängig davon, wie man sich zu Drehers Ideen im Einzelnen stellt – zunächst einmal spannend, mit der „Benedikt-Option“ einen gedanklichen Entwurf zu lesen, der sich deutlich vom kirchlich-theologischen Mainstream in Deutschland absetzt, indem er unter dem Vorzeichen eines quasi-monastischen Lebens das zu bewahrende Seelenheil des Individuums dem Einwirken der Kirchen auf die Mehrheitsgesellschaft vorordnet. Damit stellt sich der Konvertit Dreher in die Tradition der Orthodoxen Kirche – ein Sachverhalt, den zudem die regelmäßige Berufung auf „traditionelle Werte“ verdeutlicht, wie sie gerade auch die Russische Orthodoxen Kirche propagiert.

Damit einhergehend adaptiert Dreher jedoch auch die Spannungen, die typisch für das Verhältnis zwischen Orthodoxie und „westlicher Moderne“ sind. Dessen schwerwiegendste Folge ist noch nicht einmal, dass die LGBT-Bewegung für Dreher eine derart dominante Stellung in seinem Bedrohungsszenario einnimmt, dass man sich fragen muss, ob dies der Vielfältigkeit an Herausforderungen für das Christentum im 21. Jahrhundert gerecht wird. Vielmehr ist die „Benedikt-Option“ grundiert durch eine tiefgreifende Dichotomie von Welt und „rechtgläubiger“ – ein von Dreher gerne gebrauchter aber nicht näher gefasster Terminus – Christenheit.

Hiermit verbindet sich nicht nur eine endzeitliche Stimmung, die Dreher implizit beschwört, sondern zudem eine explizite kulturkämpferische Metaphorik, wenn etwa von einer „Besatzungspolitik“ der kulturellen Linken, einem gegenwärtigen „Zustand des Barbarismus“ oder von Gottesdiensten als „Waffe“ und „Bollwerk“ die Rede ist.

Damit erfordert die „Benedikt-Option“ vor allem eine vertiefte Reflexion der Überzeugung, dass Christen „nicht von der Welt“ sind. Gewiss lassen sich ausgehend von Drehers Überlegungen auch hierzulande kreative Initiativen für ein gegenkulturelles Christentum entwickeln – jedoch darf nicht ausgeblendet werden, dass wir eben in und mit der Gegenwartskultur leben, in die wir hineingestellt sind.

Rod Dreher: Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft. Fe-Medienverlag, Kißlegg 2018, 400 Seiten
ISBN 978-3863572051 , EUR 19,95

Erschienen am 9. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Schwer ergründbare Wahrheit

In der „Tagespost“ vom 19. Juli hat die Kirchen-Journalistin Ewa K . Czaczkowska ein sehr positives Bild des früheren polnischen Primas, Kardinal August Hlond, gezeichnet. Eine kritische Replik.

Von Tilman Asmus Fischer

Nachdem die Heiligsprechungskongregation in Rom befürwortet hat, August Hlond (1881–1948) den heroischen Tugendgrad anzuerkennen, könnte es in absehbarer Zeit zu einer Seligsprechung des früheren polnischen Primas (1926–1948) kommen. Dies wird von vielen polnischen Katholiken begrüßt – führte der Salesianer die polnische Kirche doch durch eine wechselvolle und anfechtungsreiche Zeit. Jedoch übersehen viele Befürworter Ambivalenzen, die sich mit der kirchenhistorischen Persönlichkeit verbinden. Demgegenüber mahnen kritische Stimmen aus Deutschland eine ganzheitlichere Betrachtung Hlonds an.

Die erinnerungspolitisch brisanten Aspekte der Biografie von August Kardinal Hlond betreffen neben antisemitischen Haltungen die Rolle, die er nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den polnisch verwalteten, jedoch völkerrechtlich deutschen Ostgebieten und der Freien Stadt Danzig spielte. Ausgehend von einer Vollmacht der Heiligen Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten zur Beauftragung von Administratoren für vakante Bischofssitze betrieb Hlond 1945 die Absetzung der dort verbliebenen deutschen Bischöfe. Dabei hatte sich die Vollmacht lediglich auf das polnische Gebiet bezogen („in tutto il territorio polacco“).

„Hlond hat Fakten geschaffen – ganz im Sinne der damaligen polnischen Ideologie, die deutschen Ostgebiete als ,wiedergewonnene Westgebiete‘ zu behandeln“, stellt Limburgs emeritierter Weihbischof Gerhard Pieschl fest. Damit gehört die Absetzung der früheren Bischöfe in den Kontext von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Pieschl, 1983 bis 2009 Beauftragter der deutschen Bischofskonferenz (DBK) für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, vermutet hinter dem Seligsprechungsverfahren ein geschichtspolitisches Kalkül: „Da ein Seliger in seinem Leben nichts Schlechtes gegenüber Dritten getan haben kann, würde eine Seligsprechung Hlonds der Behauptung Vorschub leisten, dass die Vertreibung der Deutschen gewissermaßen unter göttlichem Segen stand.“ Von seinen aktiven Amtsbrüdern in der DBK wünscht sich Pieschl vertiefte Einsicht in diesen Sachverhalt und bedauert, dass sie schon seit längerem in dieser Frage eher „zögerlich“ agierten.

Pieschl selbst hatte zu seiner aktiven Zeit als Beauftragter die Causa Hlond immer wieder – auch gegenüber polnischen Bischöfen – thematisiert. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von den früheren Kölner Erzbischöfen Joseph Kardinal Höffner und Joachim Kardinal Meisner. Letzterer habe noch wenige Tage vor seinem Tod – mit Blick auf die Seligsprechung Hlonds – in einem Brief erklärt, es sei ein „Skandal, wie sich die Vertreiber heute darstellen wollen“. Die Forschungsergebnisse einer in den 1990er Jahren von der deutschen und polnischen Bischofskonferenz eingesetzten „Historikerkommission zur Klärung offener Fragen bezüglich Kardinal Hlonds“ werden, wie die KNA berichtet, bis heute unter Verschluss gehalten.

Wie jedoch schätzt die kirchengeschichtliche Forschung die Rolle Hlonds ein? – „Tatsache ist, dass Hlond eindeutig seine von Rom erteilten Vollmachten für die Neuordnung der westpolnischen Gebiete übertreten hat“, konstatiert Professor Stefan Samerski. Der Kirchenhistoriker von der Ludwig-Maximilians-Universität München bedauert, dass heute wieder Grabenkämpfe über diese Frage aufbrechen: „Sie wurde in den 1990er Jahren von deutschen und polnischen Wissenschaftlern eifrig diskutiert und man kam damals inhaltlich weitgehend überein.“

Für Samerski steht fest, dass die Ablösung der deutschen Ordinarien „eindeutig nicht mit den Weisungen der Kurie übereinstimmte, da eine solche Ablösung immer dem Papst zusteht“. Aktenmäßig sei ferner belegt und seit den 1990er Jahren auch veröffentlicht, dass Papst Pius XII. den entstandenen Schaden für die deutschen Ordinarien wieder gutmachen wollte – jedoch: „Wegen des neuen kommunistischen Regimes ließ er die Sache auf sich beruhen, da die kirchenpolitische Situation in Polen nach 1946 völlig unsicher und undurchsichtig war.“

„Die Vertriebenen waren in den 1990er Jahre sehr kritisch gegenüber der Seligsprechung Hlonds eingestellt und die, die noch leben, sind es immer noch“, beschreibt Wolfgang Nitschke die Stimmungslage innerhalb der organisierten katholischen Vertriebenen. Der Vorsitzende des Adalbertus-Werks, des Bildungswerks der Danziger Katholiken, bezeichnet es als „kirchenrechtlich und persönlich sehr anmaßend, dass Hlond meinte, als Primas den Danziger Bischof Carl Maria Splett absetzen zu können“. Jedoch gibt er auch zu bedenken: „Inwieweit er dabei genauso unter Druck der Kommunisten stand, wie Splett vorher unter Druck der Nazis, ist nicht bewiesen.“ Daher, so Nitschke, seien Fragen nach der Rolle Hlonds in der Nachkriegszeit für deutsche Vertriebene ähnlich brisant wie diejenigen nach der Rolle Spletts im Zweiten Weltkrieg für dessen polnische Kritiker; in beiden Fällen schiene die Wahrheit schwer objektiv ergründbar zu sein.

Erschienen am 2. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Weltkirche zu Gast in Dresden

Im Bistum Sankt Clemens in Saratow leben 20 000 Diaspora-Katholiken. Die Konferenz ihrer Seelsorger tagte im Bistum Dresden-Meißen.

Von Tilman Asmus Fischer

Eigentlich war Clemens Pickel 1990 – damals Priester des Bistums Dresden-Meißen – lediglich auf drei Jahre mit der Seelsorge an den verbliebenen Deutschen in Tadschikistan und ab 1991 in Marx an der Wolga beauftragt worden. Nachdem seine dortige Amtszeit auf acht Jahre verlängert worden war, hätte er 1998 wieder nach Sachsen zurückkehren müssen. Dem kam jedoch Papst Johannes Paul II. zuvor, indem er ihn zum Weihbischof für die Apostolische Administratur für das Europäische Russland – und ein Jahr später zum Apostolischen Administrator für das Europäische Südrussland – ernannte. 2002 traf die Kurie eine weitere wegweisende Entscheidung: die Umwandlung der päpstlichen Administraturen auf russischem Staatsgebiet in eigenständige Bistümer. Und so entstand das Bistum Sankt Clemens in Saratow, dessen erster Bischof Pickel wurde. Dort leben in einer extremen Diasporalage unter 45 Millionen Einwohner ca. 20 000 Katholiken.

Kürzlich besuchte Bischof Pickel nun wieder einmal seine sächsische Heimat – und brachte fast seine ganze Diözese mit, oder vielmehr fast alle ihre Seelsorger: 40 Priester und 60 Ordensleute. Anlass bot die jährliche mehrtägige Pastoralkonferenz des Bistums Sankt Clemens, die 2018 in Naundorf (Sächsische Schweiz) stattfand. Weil es je mehrere hundert Kilometer von einem Seelsorgezentrum zum anderen seien, erläuterte Pickel, seien diese längeren jährlichen Treffen notwendig: „Weiterbildung, Austausch, gemeinsames Gebet und auch ein wenig Erholung gehören traditionell zu der Begegnung, bei der möglichst niemand fehlen sollte, bei der aber auch – die Erfahrung zeigt es – kaum jemand fehlen möchte. Gewöhnlich organisieren wir die Konferenz bei uns im Bistum, ausnahmsweise aber auch an anderen Orten, was dann auch mit Gründen wie Dank und Motivationsschub zu tun hat, denn einfach ist es in der südrussischen Diaspora nicht.“ In diesem Jahr befasste sich die Konferenz mit dem Thema „Pastorale Fragen im Zusammenhang mit heutiger Bioethik“.

Einen Höhepunkt der Tagung stellte die Feier der heiligen Messein der Katholischen Hofkirche zu Dresden dar – neben Bischof Pickel mit Bischof Heinrich Timmerevers und Bischof emeritus Joachim Reinelt. Anschließend hatte das Bistum Dresden-Meißen zu einem gemeinsamen Imbiss mit Vertretern von Gemeinden eingeladen, die Partnerschaften mit Gemeinden der Diözese Sankt Clemens pflegen. Unter Leitung des Weltkirchen- und Umweltbeauftragten des Bistums Dresden-Meißen, Ulrich Clausen, bot eine Podiumsdiskussion Rückblick und Ausblick auf die gelebte Partnerschaft. Eine Partnerschaft, durch die – so Bischof Pickel – „Glauben wächst“: Wenn Katholiken in Russland auch eine verschwindend kleine Minderheit darstellten, gehörten sie doch zur katholischen Weltkirche. Durch die gelebten Beziehungen zwischen Ost und West werde so Katholizität erlebbar.

Gemeinsam mit Bischof Pickel sprach hierüber unter anderem Pfarrer Bosco Marschner. Gewissermaßen ist er dem Vorbild Bischof Pickels gefolgt: Zuvor Pfarrer in Zittau, entschloss er sich, ab August 2015 die katholische Gemeinde in Marx an der Wolga zu übernehmen. Sowohl der Bischof als auch sein Pfarrer sind nicht nur mit den alltäglichen Herausforderungen der Diaspora befasst, sondern zudem bestrebt, für deren Fragen und Belange die deutsche Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Beide berichten auf eigenen Blogs über ihr Leben und Wirken. Bischof Pickel hat zudem bereits einschlägige Buchveröffentlichungen vorgelegt.

Bischof Timmerevers bezeichnete seine eigenen Begegnungen mit den Seelsorgern der Saratower Diözese als „bewegend und mitreißend“. Besonders fasziniert äußerte er sich darüber, wie in Saratow „Weltkirche gelebt“ werde. Da die kleine katholische Gemeinschaft in Russland selbst kaum eigene Seelsorger hervorbringen, ist die Kirche auf den Dienst von ausländischen Geschwistern angewiesen. „Für ganz Russland besteht ein einziges Priesterseminar, in dem momentan gerade einmal elf Seminaristen ausgebildet werden“, erläuterte Bischof Pickel. Ob am Ende auch tatsächlich alle zu Priestern geweiht würden, sei noch nicht abzusehen. Und so arbeitet er in seinem Bistum mit Ordensangehörigen und Priestern aus über 30 Ländern zusammen. Unter den Ordensleuten finden sich – anders als es sich gemeinhin in Deutschland darstellt – viele junge Frauen. Dies markierte Gabriele Haseneder aus Zittau – der Partnergemeinde von Astrachan – als Beispiel dafür, dass die Partnerschaft Einblicke eröffne, von denen gerade auch die deutschen Katholiken profitieren könnten.

Pfarrer Marschner vermittelte einen exemplarischen Eindruck von der Bedeutung, die die Partnerschaft für seine Gemeinde in Marx hat. Da die deutschen Geschwister weit weg seien, wachse die Verbundenheit erst allmählich. Jedoch sei vor allem das grenzüberschreitende Gebet füreinander den Menschen zunehmend wichtig. Dabei verdeutlichte er zugleich: „Natürlich ist das Materielle auch wichtig.“ So ermögliche es die Partnergemeinde durch ihre Unterstützung jungen Katholiken aus Marx, nach Taizé zu reisen.

Bischof Timmerevers zeigte sich während der Diskussion begeistert von den bestehenden sächsisch-russischen Beziehungen und äußerte seinen persönlichen Wunsch, die bestehenden Partnerschaften zu verstetigen. Die Anwesenden forderte er zur Unterstützung der Glaubensgeschwister im Bistum Sankt Clemens auf: „Ich lade Sie ein, alles zu tun, was Sie tun können – und den Rest tut der liebe Gott.“

Erschienen am 10. Mai 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

„Mit Christus auf Golgatha“

Christenverfolgung im Nahen Osten war Thema einer Tagung des Gustav-Adolf-Werks in Berlin

Von Tilman Asmus Fischer

Am Sonntag Reminiszere gedenken Christen weltweit ihrer bedrängten und verfolgten Geschwister. Dabei stehen aufgrund der gegenwärtigen politischen Entwicklungen vor allem die Gemeinden im Nahen Osten im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zu ihrer Unterstützung rief Bischof Markus Dröge gemeinsam mit Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt auf. Diese Unterstützung ist auch anderen kirchlichen Werken – wie etwa dem Gustav-Adolf-Werk (GAW) – ein Anliegen. Der GAW-Bundesverband veröffentlichte unlängst ein Themenheft „Hilf mir vor meinen Verfolgern!“ über bedrohte evangelische Christen in Syrien und will in diesem Jahr dortige Gemeinden mit 25.000 Euro unterstützen.

Hierzu möchte auch das GAW der Landeskirche beitragen, das sich bedrängter und verfolgter Christen im Nahen Osten mit seinem Studientag 2018 am 19. Februar annahm. Hierzu begrüßte Wolfgang Barthen, Vorsitzender des GAW und früherer Superintendent sachkundige Referenten. Neben Hans-Georg Furian, Superintendent des Kirchenkreises Lichtenberg-Oberspree, der über die Lage in der EKBO berichtete, waren das Friederike Weltzien, 1999 bis 2008 Pfarrerin der Deutschen Evangelischen Gemeinde im Libanon, die in Beirut lebende Journalistin Luisa Meyer sowie Amil Gorgis von der Syrisch-Orthodoxen Gemeinde zu Berlin. Aus ihrer je eigenen Perspektive vermittelten sie ein facettenreiches und differenziertes Bild der Lage vor Ort. Friederike Weltzien und Luisa Meyer verdeutlichten die Omnipräsenz und Vielfalt von Religion in der libanesischen Politik und Gesellschaft: Der Libanon sei, so Weltzien, eine „Völkergemeinschaft mit den unterschiedlichsten Ausprägungen von Religiösität“ – ein Leben ohne Religion sei eigentlich nicht vorstellbar. Luisa Meyer arbeitete heraus, wie die politische Verfasstheit des Libanon diesen Sachverhalt abbildet: So stellt die Verfassung den einzelnen Religionsgemeinschaften per Quotenregelungen die Repräsentation im Parlament und administrativen Ämtern sicher. Protestanten steht etwa ein Sitz im Parlament zu – Konfessionslose hingegen sind von der politischen Mitwirkung faktisch ausgeschlossen.

In diesem Rahmen stehen die Konfessionen in Konkurrenz zueinander. Diese zeigt sich etwa im Wettstreit um den Bau möglichst großer Moscheen oder Kirchen, von denen Weltzien und Meyer berichteten – in erstem Fall vor allem finanziert durch reiche islamische Stiftungen, wie Amil Gorgis ergänzte. Es kommt jedoch nicht mehr zu Ausschreitungen und Massakern wie während des Libanesischen Bürgerkrieges 1975 bis 1990. Die Traumata dieser Zeit sitzen jedoch tief – und erklären die in der libanesischen Gesellschaft verwurzelte Angst vor einem Übergreifen des Syrienkrieges auf den Libanon.

Vor dem Krieg in Syrien habe unter der Assad-Herrschaft mit ihren Folter-Gefängnissen und Spitzeln eine „Atmosphäre des Misstrauens“ bestanden, auch gegenüber Christen, so Weltzien. Jedoch seien sie als Religionsgemeinschaft in ihrem Bestand nicht bedroht gewesen. Heute sei die Lage syrischer Christen dagegen mit der Metapher „mit Christus auf Golgatha“ zu beschreiben, machte Amil Gorgis deutlich. Christen haben Tote zu beklagen in Gemeinden und Familien. Sie müssen den Verlust ihrer Kirchen und Klöster verkraften, doch das Schlimmste sei, dass man „alles auslöschen wolle, was an sie erinnert“. Die verbliebenen Gemeinden, einst im Mittelstand beheimatet, seien verarmt und kaum in der Lage, sich und ihren Geschwistern zu helfen.

Jedoch: Verfolgung und Vertreibung müssen nicht das letzte Wort haben. So berichtete Amil Gorgis von einem Hilfsprojekt in der irakischen Ninive-Ebene, wo Christen ihre zerstörten Dörfer wieder aufbauen und sich neu ansiedeln. Aber er weiß, wie schwer es ist, nach erlittenem Unrecht einen Neubeginn in der Diaspora zu wagen: „Ein Haus kann man wieder aufbauen, aber wenn Vertrauen kaputt geht, ist das eine andere Geschichte.“

Das Themenheft über Syrien „Hilf mir vor meinen Verfolgern“ kann für 5 Euro beim Gustav-Adolf-Werk der EKBO e.V. (www.gawberlin.de) angefordert werden. Kontakt: Tel (030) 31001-1100; E-Mail office@gaw-berlin.de.

Unter anderem Titel erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 8/2018.

Einsatz für Erinnerungskultur und Friedensarbeit

Fünf Fragen an Weihbischof Dr. Reinhard Hauke

Im Interview spricht der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, über die bleibende Bedeutung des Erbes von Bischof Carl Maria Splett und gegenwärtige Herausforderungen für die katholische Kirche.

In diesem Monat jährt sich zum 120. Mal der Geburtstag des letzten deutschen Bischofs von Danzig, Carl Maria Splett. Welche Bedeutung hat sein Andenken für Deutschland und Polen?

(Foto: Andreas Sturm)

Bischof Splett hat in seiner Zeit versucht, in der Nachfolge der Apostel zu stehen und den Auftrag Jesu weiterzuführen. Er hatte die Diözese Danzig zu leiten, als die nationalsozialistische Macht versuchte, die Kirche und die Diözese in Polen und Deutsche zu spalten. Bischof Splett hat sich bemüht, diesem Willen zu widerstehen und das Evangelium allen zugänglich zu machen, die in seiner Diözese lebten – Polen und Deutschen.

Sie selbst haben am 4. August 2016 gemeinsam mit dem Adalbertus-Werk Bischofsinsignien Spletts während eines Gottesdienstes als Deposit an das Diözesanarchiv der Erzdiözese Danzig übergeben. Wie haben Sie die Begegnungen zwischen alten und neuen Danzigern empfunden?

Die Begegnung fand in einer herzlichen Atmosphäre statt. Ich hatte bei der Begegnung den Eindruck, dass es auch seitens der heutigen Danziger Katholiken und auch seitens des Bistums eine dankbare Anerkennung für die Übergabe der Insignien gibt, weil damit auch ein Stück Bistumsgeschichte wieder zurückgekehrt ist. Ganz konfliktfrei ist vermutlich die Betrachtung des Faktums, dass es auch bei den Danziger Bischöfen eine Zeit mit deutschen Vertretern gab, nicht. Aber hier bin ich zuversichtlich, dass im Laufe der Zeit diese Betrachtung zunehmend spannungsfreier werden wird.

Gegenwärtig sind die deutsch-polnischen Beziehungen großen Belastungen ausgesetzt. Wie stellt sich Ihrer Einschätzung nach das Stimmungsbild im polnischen Klerus mit Blick auf die grenzübergreifenden Beziehungen dar?

Ich weiß, dass es innerhalb des Klerus in Polen auch Stimmen gibt, die mich verwundern und bei denen ich schon die Frage stellen möchte, ob die sich darin darstellende Auffassung mit dem Evangelium kompatibel ist. Ich bin deshalb noch umso mehr dankbar für die am 8. September 2017 veröffentlichte Erklärung der polnischen Bischöfe aus der Kontaktgruppe zwischen der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz, die vor allem den Versöhnungsgedanken stark macht, der schon nach dem 2. Vatikanischen Konzil durch polnische und deutsche Bischöfe formuliert und gestaltet wurde. Unter anderem kann man dort die folgenden Hinweise der polnischen Bischöfe lesen:
„Nach der Erwähnung der schmerzlichen Momente unserer Geschichte und gemeinsamen Beziehungen haben wir ebenso die Pflicht, uns und andere daran zu erinnern, dass während der dunklen Zeit des Kriegszustandes in Polen das deutsche Volk ganz vorn mit dabei war, auf unterschiedliche Weise sehr konkrete materielle und moralische Unterstützung zu leisten, als sich unser Land am Rande einer humanitären Katastrophe befand.“

Gerade die Vertriebenen haben einen großen Beitrag zur Verständigung in den letzten Jahrzehnten geleistet. Umso größer war 2017 die Verwunderung über die Entscheidung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, das Amt des Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen abzuschaffen. Wie steht es dem gegenüber um die Perspektiven der katholischen Vertriebenenpastoral?

Sieben Jahrzehnte nach Kriegsende sind die Heimatvertriebenen in Deutschland und in das kirchliche Leben gut eingegliedert. Zentrales Anliegen der meisten von ihnen ist neben dem lebendigen Kontakt zur alten Heimat die Bewahrung ihres leidvollen Schicksals und ihres religiös-kulturellen Erbes im kollektiven Gedächtnis des deutschen Volkes wie auch im Bewusstsein der Kirche. Beides ist Teil der deutschen – und damit auch der europäischen – Identität, Kultur, Geschichte und Kirchengeschichte.
Wenn auch 70 Jahre nach Kriegsende die überdiözesane Sonderseelsorge der Visitatoren im Herbst 2016 endete, werden seitdem zur Bewahrung der Traditionen die Erinnerungskultur und Friedensarbeit der katholischen Vertriebenenverbände durch die Deutsche Bischofskonferenz weiter gefördert und zu ihrer Unterstützung ehrenamtlich tätige Verbands-Präsides, Geistliche Beiräte, ernannt. Für die Bistümer gilt gleichwohl, dass eigene Gottesdienste, die in zeitlichen Abständen regelmäßig oder bei besonderen Veranstaltungen angeboten werden, von den Heimatvertriebenen gerne angenommen und besucht werden. Die Sorge um die kirchliche Beheimatung der Spätaussiedler, die nach der politischen Wende 1989/1990 in die Bundesrepublik Deutschland zugewandert sind, ist weiter wichtig. Diese geschieht nach wie vor in ihrem sozialen Nahraum und stellt eine missionarische Herausforderung für die Pfarrgemeinden und Bistümer dar.

In diesem Monat gedenken wir auch des vor fünf Jahren verstorbenen „Speckpaters“ Werenfried van Straaten. Was sagt uns sein Zeugnis noch heute?

Pater Werenfried van Straaten hat, wie auch Bischof Kaller und Weihbischof Kindermann, in Königstein ein Zentrum geschaffen, durch das die Vertriebenen und besonders die Katholiken eine neue Heimat finden konnten. Sowohl die Versorgung mit Lebensmitteln als auch die Sorge um eine gute Seelsorge lagen den drei Geistlichen am Herzen. Dabei ging es sowohl um die konkrete Hilfe am Tag als auch um die Hilfe mit Langzeitwirkung. Beides ist heute in gleicher Weise gefragt. Hier haben wir kein Recht, eine Obergrenze zu denken und zu fordern. Ein Staat darf sich damit natürlich nicht finanziell und politisch ruinieren, aber die derzeitige Herausforderung ist nach meinem Eindruck weit entfernt davon, unser Land in einen finanziellen und politischen Ruin zu bringen. Was mir jedoch auffällt, ist die Tatsache, dass innerhalb und außerhalb von Kirche plötzlich Themen diskutiert werden, die bislang eine untergeordnete Rolle spielten, wie z. B. das Thema Barmherzigkeit und Selbstlosigkeit. Manchmal wünsche ich mir, dass die Hilfsbereitschaft vom Beginn der Flüchtlingswelle wieder auflebt. Aber sobald staatliche Regelungen greifen, lässt der Elan von Eigeninitiativen nach.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

Die Priester und die Partei

Im katholischen Polen geraten die deutschen und protestantischen Minderheiten unter Druck. Katholische Bischöfe predigen gegen Geflüchtete und für die polnische Nation. Daher wollen einzelne Katholiken konvertieren, trauen sich aber nicht. Denn der gesellschaftliche Druck von der Regierungspartei steigt. Dagegen regt sich nun auch von den Geistlichen Widerstand.

Von Tilman Asmus Fischer

Polens Premierministerin Beata Szydło im Juli 2016 bei der Begrüßung des Papstes zum Weltjugendtag in Krakau.
(Foto: P.Tracz / KPRM)

Mit großer Sorge blickt man derzeit aus Deutschland auf die Entwicklungen im östlichen Nachbarland Polen: Der Kurs der explizit national-polnischen und konservativ-katholischen Regierungspartei PiS belastet nicht nur das deutschpolnische Verhältnis, sondern spaltet auch die Gesellschaft. Diese besteht – nach der aktuellen Volkszählung – zu 95 Prozent aus ethnischen Polen und zu fast 90 Prozent aus Angehörigen der römisch-katholischen Kirche. Daher besteht das Risiko, dass Minderheiten, wie Deutsche und Protestanten, unter Druck geraten. Letztlich wird aber auch die römisch-katholische Kirche vor eine Zerreißprobe gestellt.

Rudolf Urban, Chefredakteur des polenweit erscheinenden, deutschsprachigen „Wochenblatts“, identifiziert das politische Bestreben, „so schnell wie möglich so viele Bereiche wie möglich dem Staat unterzuordnen“. Das betreffe sowohl die öffentlich-rechtlichen Medien als auch die Gerichtsreform und die Kommunalpolitik. Zwar beobachtet Urban, der selbst als Deutscher im Gemeinderat von Tarnau (Tarnów Opolski) sitzt, einzelne Gesetzesvorhaben, die sich gegen die deutsche Minderheit richten. So soll beispielsweise „deutsch-polnischen Doppelstaatlern der Weg zum Richteramt am Obersten Gerichtshof“ verwehrt werden. Ein System kann er jedoch noch nicht erkennen: Warschau „verschwendet noch nicht so viel Zeit für etwaige globale Änderungen“.

Deutlicher ist für den Journalisten jedoch der Zwiespalt, in dem sich die katholische Kirche befindet: „Nicht alle Priester und Bischöfe unterstützen die Partei, doch gerade die Unterstützer sind es, die in den öffentlich-rechtlichen Medien auftreten und damit als Stimme der Kirche gelten.“ Zwar spräche die Kirche damit für einige Katholiken – andererseits jedoch „verprellt sie die Gläubigen, die in der Kirche Gott und nicht eine weitere politische Debatte suchen“.

Eine derjenigen, die zunehmend Probleme damit haben, sich mit der katholischen Kirche in Polen zu identifizieren, ist Aleksandra N. Die Wissenschaftlerin lebt in einer nordpolnischen Hafenstadt, wo sie jede Woche den Sonntagsgottesdienst besucht. Dort erlebt sie immer wieder, dass einzelne Priester die Predigt als Medium allgemeinpolitischer Auslassungen benutzen und dabei nicht nur ultrakonservative, sondern auch nationalistische Töne anschlagen.

Nachdem ein Priester in einer Predigt gegen Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen gewettert habe, habe sie gegenüber dem Bischof schriftlich Beschwerde erhoben. Wie ihr die zuständige Stelle im Juli mitteilte, habe der Bischof mit dem Priester den „Dialog aufgenommen“ – bisher keine weitere Reaktion. Mittlerweile wird für Aleksandra ein Übertritt in die evangelisch-augsburgische Kirche immer wahrscheinlicher: „Es scheint mir, dass die evangelische Kirche größeren Wert auf den persönlichen Umgang mit dem Wort Gottes legt, sie mischt sich nicht so sehr in politisch-gesellschaftliche Fragen ein.“

Menschen wie Aleksandra N. suchen das Gespräch mit Karol Niedoba. Als Vikar steht er seit 2015 der evangelisch-augsburgischen Gemeinde in Graudenz (Grudziądz) vor. Dabei scheuten sich viele Konversionswillige, in die evangelische Kirche einzutreten. Zwar kann die augsburgische, also lutherische, Kirche Polens auf eine eigenständige Geschichte zurückblicken. Sie unterscheidet sich dem Bekenntnis nach von der unierten preußischen Landeskirche, die bis 1945 in den ehemaligen deutschen Ostgebieten bestand. Trotzdem sehen sich Protestanten immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, ‚eigentlich‘ deutsch zu sein. „Dass Evangelisch-Sein als etwas Deutsches angesehen wird, erschwert die Entscheidung zum Übertritt“, sagt Niedoba. Viele wählten deshalb den Weg in eine Sekte, die nicht unter dem Verdacht steht, deutsch zu sein: die „Zeugen Jehovas“. Mittlerweile sind dort mehr Polen Mitglied als in den lutherischen Gemeinschaften.

Die katholische Kirche wird instrumentalisiert und der öffentliche Diskurs verschärft sich. Doch nicht alle katholischen Geistlichen nehmen das wortlos hin. Am 8. September hatten Mitglieder der Kontaktgruppe der Polnischen Bischofskonferenz mit den deutschen Kollegen bereits einen Appell veröffentlicht – mit grenzübergreifender Bedeutung. Hierin erinnern sie an den deutsch-polnischen „Aussöhnungsprozess“ der zurückliegenden Jahrzehnte. Dieser sei „ein Vorbild für viele andere Staaten auf der Welt“.

Die Gesten der Versöhnung, die man aus Deutschland erlebt habe, dürften nicht vergessen werden, mahnen die Geistlichen. Dies gelte auch für die unterschiedlichen Formen konkreter Unterstützung während des Kriegszustandes. „Das Kapital der Versöhnung und der Beziehungen muss geschützt, gestärkt und vermehrt werden.“ Ohne explizit Kritik an ihrer Regierungen zu üben, fordern sie, dass „auf der Ebene der vernünftigen Diplomatie“ offene Fragen verhandelt werden, „um das mit Bemühen erreichte Vertrauen aufrechtzuerhalten“. Dieses Vertrauen solle nicht „durch die Erregung von negativen sozialen Emotionen auf einer der beiden Seiten“ zunichte gemacht werden.

Erschienen unter anderem Titel in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 49/2017.

Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).