Prophetische Performance

Joseph Beuys’ „Aktionen“ spielten mit der Ikonographie alttestamentlicher Propheten. Der Künstler wäre in diesem Jahr 100 geworden

Von Ting-Chia Wu und Tilman A. Fischer

1. Mai 1972, Berlin: Nach einer Maidemonstration säubert eine kleine Gruppe, angeführt von einem Mann mit knallrotem Besen, den Karl-Marx-Platz. Ein Kameramann dokumentiert das Geschehen und der Abfall wird in einer Galerie ausgestellt. Seither wird er – nebst dem Besen – im Neuen Museum in Nürnberg aufbewahrt. Wer ist der Mann, der mit seinem Besen vor fast 40 Jahren ein Kunstwerk schuf? Und was unterscheidet ihn von den Männern und Frauen, die jeden Morgen unsere Straßen reinigen?

Dieser Mann war der vor 100 Jahren in Krefeld geborene Künstler und Aktivist Joseph Beuys. Als deutsches Pendant zu Andy Warhol präge er mit seiner Neudefinition des Kunstbegriffs das späte 20. Jahrhundert. Im Gegensatz zu anderen Künstlern seiner Zeit war Beuys einer der Pioniere, die Kunst mit sozialen Prozessen verknüpften und die Grenzen von Kunst und Gesellschaft, Kultur und Natur, Individuum und Kollektiv durchbrachen. Er betrachtete Kunst als universelle schöpferische Kraft, die einen Wandel in Philosophie, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft ermöglicht.

Die oben beschriebene Performance „Ausfegen“ ist typisch für den in ihrer Zeit innovativen Ansatz der „Aktionen“ des Joseph Beuys: Transformatives Verschieben von Objekten und Materialien, rituelle Bewegung, improvisiertes Schauspiel – in anderen „Aktionen“ auch Singen und Camouflage – schaffen alternative Räume, eine andere Erzählung der sozialen Realität, eine Vision. Es ist nicht von Ungefähr, dass manche der Beuysschen „Aktionen“ an Zeichenhandlungen alttestamentlicher Propheten erinnern. Beuys persönliche Spiritualität war komplex – stand nicht zuletzt unter anthroposophischem Einfluss. Aber er wusste um die Bedeutung der jüdisch-christlichen Sprach- und Bildwelt. Von daher darf die symbolische Aufladung seiner künstlerischen Interventionen auch von den prophetischen Mahnern des Ersten Testaments her inspiriert verstanden werden. Im Falle von „Ausfegen“ ging es Beuys darum, auf die Notwendigkeit hinzuweisen, die Spaltung der Gesellschaft durch Ideologien und Interessen von Einzelgruppen zu überwinden: Er habe, so Beus, klarmachen wollen, „daß auch die ideologiefixierte Orientierung der Demonstranten ausgefegt werden muß, nämlich das was als Diktatur des Proletariats auf den Transparenten verkündet wurde“.

Auch wenn Beuys sich an anderen Stellen in fast messianischer Weise inszenieren konnte: Die ‚prophetische‘ Dimension von Beuys Werk bedeutet nicht, dass er als Künstler ein exklusives Selbstverständnis vertrat. Für ihn galt: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Wie aber ist das möglich? Bedeutet „jeder“ wirklich „jeder“? Also auch Menschen ohne künstlerische Ausbildung? Und welche Art von Kunst kann „jeder Mensch“ schaffen? Die Antwort lag für Beuys in der Gesellschaft selbst. Er schlug vor, sie als Skulptur zu sehen – eine „soziale Skulptur“, an der alle Bürger durch kreative Prozesse und Selbstveränderung teilhaben können.

Dieser – eng mit Beuys’ Eintreten für direkte Demokratie verbundene – Ansatz betonte die gesellschaftliche Partizipation: „Wenn ich vom erweiterten Kunstbegriff rede und sage, jeder ist ein Künstler, stelle ich ganz klar in Rechnung, daß dieses eines der wichtigsten Gestaltungsmomente der Menschen ist – aus der Freiheit, also aus der Kreativität, aus der Schöpferkraft aller Menschen es zu einer demokratischen Verfassung kommen zu lassen.“ Das bedeutet zugleich, dass die in den ‚prophetischen‘ „Aktionen“ visualisierten Transformationen sich mit der Idee tatsächlicher sozialer Realisierung verbinden. Das freilich setzte für Beuys einen Bewusstseinswandel voraus: „Das Ganze kann ja nur erworben werden durch Übung. Durch tägliche Übung. Man kann es Meditation nennen oder Konzentrationsübungen.“ So ist zwar ein Straßenreiniger – wie jeder andere Menschen – aufgrund seiner Tätigkeit noch keinen Künstler; zu diesem kann er jedoch werden, wenn er bewusst seine Kreativität zur Gestaltung der Gesellschaft einsetzt. Was dies praktisch bedeutet, wird aber wohl jeder für sich selbst herausfinden müssen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 37/2021.

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