Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Erinnerungsorte der Reformation

Auch im Osten hat die Reformation ihre Spuren hinterlassen

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die geschichtlichen Entwicklungen rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen sehr aufschlussreich sein. In diesem Sinne sollen hier die historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer beleuchtet werden.

Infolge von Flucht und Vertreibung fehlen in diesen Kulturlandschaften heute die Träger des historisch gewachsenen protestantischen Erbes – kirchlicher Traditionen und Frömmigkeitskulturen – oder sie befinden sich, wo sie es nicht schon zuvor taten, in der Lage einer kleinen Minderheit. Dennoch erinnern zwischen Riga, Odessa und der Gottscheer Sprachinsel immer noch viele Orte und Kulturdenkmäler an die Reformationsgeschichte und die Vielfalt protestantischen Lebens im Osten Europas. 14 solcher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden.

Während die Gebiete in Mittelost- und Nordosteuropa weiten Teils traditionell evangelisch-lutherisch geprägt waren, ja, das Luthertum oft auch als die ‚deutsche‘ Religion erlebt wurde, war die vorherrschende christliche Religion im europäischen Südosten der römische Katholizismus. Diesen Raum dominierte bis zur Entstehung junger Staaten am Ende des Ersten Weltkriegs zwei Mächte, die wenig Sympathien für den Protestantismus hegten und daher kaum bereit waren, ihn in ihren Ländern zu pflegen, geschweige denn, besondere Erinnerungsorte zu bewahren. Südosteuropa bietet daher weniger ausgewiesene Erinnerungsorte der Reformation. Doch der genaue Blick lohnt sich: Gerade aus Diaspora und Bedrückung heraus entstanden bemerkenswerte Varianten des Protestantismus.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

Königsberg – Hauptstadt des ersten protestantischen Staates

Nur acht Jahre nach dem Wittenberger Thesenanschlag wurde mit der Säkularisierung eines Teils des ehemaligen Deutschordensstaates der erste protestantische Staat gegründet: Das Herzogtum Preußen mit seiner Hauptstadt Königsberg. Begleitet hatte die schon zuvor eingeführte Reformation Martin Luther persönlich, der als Ratgeber des neuen Herzogs Albrecht fungierte. Rasch wurde Königsberg zu einem wichtigen reformatorischen Zentrum im Ostseeraum, wozu vor allem auch die Gründung der Albertus-Universität im Jahre 1544 beitrug. 400 Jahre später – im August 1944 – zerstörten britische Bomber die Universität sowie die einstige evangelische Hauptkirche, den Dom, zusammen mit weiten Teilen der Innenstadt. Der Dom konnte nach Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft – vor allem durch finanzielle Förderung aus Deutschland – wiederhergestellt werden. Die heutige lutherische Diaspora im Königsberger Gebiet besteht vor allem aus Russlanddeutschen, die sich hier in den letzten Jahrzehnten niederließen.

Baltikum: Petrikirche, Riga – Reformation und Bürgertum

Die Territorien des Deutschen Ordens nördlich Preußens sollten auch über das Jahr 1525 hinaus noch unter Herrschaft des katholischen Ordens bleiben. Hier waren es vor allem die deutschen Bürger in den Städten, die sich um die Durchsetzung der Reformation verdient machten. Riga etwa hatte sich bereits 1522 der Reformation angeschlossen. Wahrzeichen dieser bürgerlichen Reformation ist die Rigaer Petrikirche, der älteste Kirchbau des Baltikums. Hier befinden sich Grablegen unterschiedlicher Patrizierfamilien. Die Petrikirche liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom, wo bis in die 1530er Jahre hinein noch der Rigaer Erzbischof residierte, bevor auch seine Kirche den Lutheranern zugeschlagen wurde. Ausdruck fand der kulturelle Reichtum des baltischen Protestantismus auch in Form der 1734 in der Petrikirche von Gottfried Kloosen errichteten Barockorgel. Seit einigen Jahren setzt sich eine deutsch-estnische Stiftung für ihre Rekonstruktion ein (www.peters-church-organ-riga.com).

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Danzig – Nebeneinander von Altgläubigen und Protestanten

Zu den Orten, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, gehören auch exklusiv katholische Erinnerungsorte – wie die Königliche Kapelle in Danzig. Sie liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu St. Marien, der wohl bedeutendsten (bis 1945 evangelischen) Backsteinkirche des Ostseeraumes. Ihre Existenz verdankt die Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – der Reformation im Hanseraum: Nachdem allmählich alle Kirchen, einschließlich St. Marien, evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde daraufhin die „Kaplica Królewska“ als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in protestantisch gewordenen Städten – als andererseits auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen sowie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Russland: Kolonie Molotschna – Mennoniten an der Wolga

In Danzig und seinem Umland fanden während des 16. Jahrhunderts im Westen Europas – gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern – verfolgte Täufer Zuflucht, zeitweise auch einer ihrer Namensgeber Menno Simons. Im 18. und 19. Jahrhundert folgten viele dieser Mennoniten der Einladung der russischen Regenten, sich im Zarenreich anzusiedeln. Im Zuge der von ihnen vorangetriebenen Binnenkolonisation entstand u. a. 1804 die Kolonie Molotschna in der heutigen Ukraine. In dieser späterhin mit 57 Dörfern größten Kolonie in Russland wurde die mennonitische Alltags- und Frömmigkeitskultur gepflegt und gelebt. Hierzu gehörte auch die Mundart der westpreußischen Mennoniten, Plautdietsch, in welcher der Name der Kolonie „Molosch“ lautet. Diese Tradition fand mit dem Zweiten Weltkrieg ein Ende: 1943 erfolgte die Umsiedlung in den Warthegau, von wo aus die Russlandmennoniten nach der sowjetischen Besetzung nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurden.

Treptow – der Landtag und die Einführung der Reformation

Treptow an der Rega ist für die Einführung der Reformation im damaligen Herzogtum Pommern von doppelter Bedeutung: Zum einen im Hinblick auf die Beschlussfassung über die Annahme des neuen Bekenntnisses, zum anderen auf die Durchsetzung der hiermit verbundenen Kirchenreformen. In erster Hinsicht kommt Treptow in den Blick, da hier 1534 der eigens hierzu einberufene Landtag tagte, der die – bereits in vielen Kirchen vermittelte – lutherische Lehre annahm. Der zweite Aspekt verbindet sich mit der Marienkirche, an der ab 1509 der spätere Reformator Johannes Bugenhagen wirkte. Nachdem es ihn selbst längst ins Herz der Reformationsbewegung – an die Universität Wittenberg – verschlagen hatte, war er es, der im Anschluss an den Landtag die Ausgestaltung der neuen Pommerschen Kirchenordnung übernahm, was er auch für viele andere reformatorische Herrschaften tat. Dass der Pommer Bugenhagen zeitweise auch an der Universität von Kopenhagen lehrte, verdeutlicht zusätzlich, dass seine historische Bedeutung erkennbar über Deutschland hinausgeht.

Fraustadt – Valerius Herberger und das „Kripplein Christi“

Bereits vor dem Anschluss an das evangelische Preußen war der protestantische Glaube in das traditionell römisch-katholische Polen gelangt. Eine Hochburg der dortigen Evangelischen war Fraustadt im Lebuser Land. Mit dem Ort verbindet sich nicht nur der Name des dort geborenen Schriftstellers Christian Gryphius, sondern auch der des Theologen Valerius Herberger. Von ihm stammt das Kirchenlied „Valet will ich dir geben“, das sich noch heute im Evangelischen Gesangbuch findet (EG 523). Als 1604 die lutherische Gemeinde ihre Kirche an die Katholiken abtreten musste, ließ er zwei nebeneinander liegende Wohnhäuser zu einem Bethaus umbauen: Es entstand die neue lutherische Kirche mit dem sprechenden Namen „Kripplein Christi“. Nach einem Brand 1647 wiederhergestellt, ist sie bis heute erhalten geblieben.

Węgrów – Zentrum des Protestantismus im Herzen Polens

Dass der Protestantismus in das nahe der Oder gelegene Fraustadt gelangte, mag nicht verwundern. Jedoch reichte die Ausbreitung des evangelischen Glaubens bis in das später zu Russisch-Polen gehörende Masowien. Hier bildete die Kleinstadt (heute ca. 13.000 Einwohner) Węgrów ein Zentrum protestantischen Lebens. Zu verdanken hat der Ort seine evangelische Prägung der verhältnismäßig toleranten polnisch-litauischen Religionspolitik. So genehmigte etwa Magnat Bogusław Radziwiłł 1651, eine evangelische Kirche zu bauen. Zeitweise verfügten die hier wirkende evangelische Splittergruppe der Antitrinitarier sogar über eine eigene Schule und Druckerei. Von hier wurde auch Warschau seelsorgerlich betreut, bevor es den dortigen Protestanten 1777 gestattet wurde, eine eigene Kirche zu errichten. Bis heute gibt es in Węgrów eine lutherische Diasporagemeinde. Sie ist – mit etwa zehn Gottesdienstbesuchern an Sonntagen – zwar klein, besitzt aus ihrer Geschichte heraus jedoch eine Reihe von Liegenschaften.

Asch – Ursprung des Protestantismus in Böhmen

Ganz im Westen Tschechiens steht das einzige Lutherdenkmal des Landes: In Asch zeugt es davon, dass die Stadt Zentrum des gleichnamigen Ascher Zipfels war. Anders als im übrigen Altösterreich setzte sich hier unter den Lehnsherren von Zedtwitz über Jahrhunderte die Gegenreformation nicht durch, sodass der Protestantismus sogar volkskirchlichen Charakter erlangte. 1960 fiel die evangelische Kirche in Asch einem Brand zum Opfer. An sie erinnert heute ein Denkmal, unweit des Lutherdenkmals. Beide sind letzter Hinweis auf den alten Protestantismus. Bevor durch Toleranz- und Protestantenpatent die Ausübung der evangelischen Religion möglich wurden, galt Asch, dessen Rechte im Westfälischen Frieden bestätigt worden waren, zeitweise als einziger Ort freier öffentlicher Religionsausübung für Protestanten in den habsburgischen Erblanden. Die herausragende Rolle behielt Asch lange bei: In Böhmen, Mähren und dem österreichischen Schlesien blieb der Protestantismus bis heute in der Diaspora.

Schlesien: Friedenskirchen und Gnadenkirchen

Der Protestantismus in Schlesien wurde zwei Mal mit herausragenden Kirchbauprivilegien ausgestattet. 1648 garantierte der Westfälsche Friede den Bau der „Friedenskirchen“ in Glogau, Jauer und Schweidnitz. Dem Friedensschluss verdanken sie ihren Namen. Die Genehmigung der Bauten war mit Einschränkungen verbunden: Sie waren außerhalb der Städte, ohne Turm und Glocken zu errichten, auch durfte kein dauerhafter Stein verwendet werden. Ihre markante, daraus resultierende Fachwerkarchitektur hebt sie jedoch als beeindruckende Kirchbauten hervor. Ein halbes Jahrhundert später kam es dann zu einer Erneuerung des Friedens: Im Zuge des nordischen Krieges lagen die Schweden in Schlesien. Sie rangen 1707 dem geschwächten Kaiser die Konvention von Altranstädt und den Bau von sechs Gnadenkirchen ab. Fünf in Niederschlesien, eine im oberschlesischen Teschen. Der Teschener Kirche kam so besondere Bedeutung zu. 2015 verlieh die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa Teschen den Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“.

Die Artikularkirche Käsmark – ein Zugeständnis

Im ungarischen Teil der Doppelmonarchie, zu dem auch die Slowakei zu zählen ist, existierte der Protestantismus, auch dank der Tolerierung durch die Osmanen, unter günstigeren Bedingungen. Eine ambivalente Rolle spielte Leopold I., der erst den Protestanten Ungarns 888 Kirchen nahm, dann aber durch die Türkenbedrohung beim Landtag von Ödenburg 1681 Zugeständnisse machte: 50 Kirchen wurden zurückgegeben oder Bauplätze für neue Kirchen zugeteilt. Vorbild dieser sogenannten Artikularkirchen waren die schlesischen Friedenskirchen. Auch in diesem Fall musste auf festes Baumaterial und einen steinernen Sockel verzichtet, zudem außerhalb von Ortschaften, ohne direkten Straßenzugang, Turm und Glocke gebaut werden. Fünf Artikularkirchen sind noch erhalten, dreien wurde der UNESCO-Weltkulturerbestatus verliehen. Die bekannteste steht in Käsmark. 1890 wurde sie außen verputzt, sodass die Holzkirche als solche nicht mehr zu erkennen ist. Ihr Inneres beeindruckt mit reicher volkstümlicher Ausstattung.

Galizien: Der Bielitzer Zion in Bielitz-Biala

Am geographischen Rand Galiziens liegt Bielitz-Biala. Durch die Doppelstadt fließt die Bialka, die alte Grenze von Österreichisch-Schlesien mit Bielitz und Galizien mit Biala. Die für den Protestantismus bedeutsameren Orte liegen in Bielitz und streng genommen nicht in Galizien. 1610 verfügte die evangelische Gemeinde in Bielitz über acht Kirchen, aber infolge der Gegenreformation sollte den Protestanten ab 1660 für 100 Jahre lediglich ihr Friedhof bleiben. Doch sie blieben evangelisch, ohne Pfarrer und ohne Kirche. Im polnischen Biala genossen sie größere Rechte, wenngleich es auch hier keine Kirche gab. 1781 erhielt das nunmehr galizische Biala die Erlaubnis zum Bau eines evangelischen Bethauses. Auch in Bielitz begann bald darauf der Bau einer Kirche. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte bildete sich das wohl bekannteste Kirchbauensemble des östlichen Habsburgerreichs: Der Bielitzer Zion. Rund um die Kirche entstanden Pfarrhäuser, Schulen, eine Bibliothek, eine Druckerei, ein Waisen-, ein Diakonissenhaus, und: das heute einzige Luther-Denkmal in Polen.

Siebenbürgen: Die Schwarze Kirche in Kronstadt

Auch in Kronstadt erwartet den Besucher ein Ensemble aus Denkmal und Kirche: Vor der Stadtkirche steht die Statue von Johannes Honterus. Seine Rechte deutet auf das Honterus-Gymnasium, in seiner Linken hält er sein Reformationsbüchlein und die Schulordnung. Honterus war Stadtrat von Kronstadt und Gründer besagten Gymnasiums. Vor allem aber wird er heute als Reformator Siebenbürgens verehrt. Seine Zeitgenossen schätzten ihn als Schriftsteller und Humanisten. Seine Grablege fand er in der Marien-, der späteren Schwarzen Kirche, wo nach Einführung der Reformation der erste evangelische Gottesdient abgehalten worden war. Die Kirche erhielt ihren Namen durch einen Stadtbrand am 21. April 1689. Damals brannte die ganze Innenstadt. Der Name, den der Volksmund der Kirche wegen ihrer geschwärzten Mauern gab, erinnerte an die Katastrophe. Ihre Bedeutung ist jedoch weit größer. Sie ist der größte Sakralbau Rumäniens und die größte Hallenkirche östlich von Wien, die mit Orgel, Glocke, orientalischen Teppichen und weiteren Kunstschätzen lockt.

Schloss Auersperg – Reformation unter dem Schutz des Adels

Der Protestantismus verbreitete sich in Slowenien früh unter dem Schutz des lokalen Adels. Einzelne Familien taten sich besonders hervor, auch das Haus Auersperg. Aus Rašica, einem kleinen Dorf unterhalb des Schlosses Auersperg, stammt der Reformator Sloweniens, Primož Trubar. Tubar gilt als Zentralgestalt der slowenischen Geschichte, vor allem als Begründer der slowenischen Schriftsprache. Er war zunächst Pfarrer in der Unterkrain, wirkte in Ljubljana, aber auch in Triest, Kempten und dann als Exulant in Derendingen bei Tübingen, wo er 1586 starb. Trubar stand mit mehreren Mitgliedern der Familie Auersperg in freundschaftlichem Verhältnis. Sie waren Förderer des Protestantismus. Auch die Schlosskapelle der Burg Auersperg wurde früh für evangelische Gottesdienste freigegeben. Die Verbundenheit mit dem Haus Auersperg verdeutlicht Trubars Widmung des letzten Bandes seiner Übersetzung des Neuen Testaments, die u. a. zwei Auerspergern gewidmet ist, die zu dieser Zeit in Tübingen studierten.

Bessarabien: Überkonfessionelles Christentum

Ganz andere Wege wurden in den vergleichsweise jungen Gemeinden Bessarabiens beschritten: Es waren Pietisten und Erweckte, die dem Aufruf Zar Alexander I. zur Besiedelung gefolgt waren. Die Gründer der Kolonie Teplitz z.B. reisten zusammen mit anderen Aussiedlern mit dem Zielort Kaukasus, da man dort den Aufnahmeort der auserwählten Gemeinde in der Endzeit erwartete. Zar Alexander galt dieser chiliastisch geprägten Gruppe als Retter des Christentums. Anfangs gab es gut zwei Dutzend Kolonien. Einzig die Kolonisten in Sarata brachten ihren eigenen Geistlichen, den römisch-katholischen Priester Ignaz Lindl mit. Lindl gestaltete das kirchliche Leben bewusst überkonfessionell. 1823 verließ er Sarata, 1824 trat er der Evangelischen Kirche bei. Lindls Bußpredigten erfreuten sich weit über Sarata heraus großer Beliebtheit, Pilgerfahrten nach Sarata wurden durchgeführt, Konventikel in den einzelnen Kolonien gebildet. Die Kirche in Sarata ist heute noch erhalten. Sie wurde aufwändig restauriert und 1995 wieder eingeweiht.

Johannes Nett
Tilman A. Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 05/2017.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die kommunistische Bewegung erhöhte sich zur Ersatzreligion, die Gegner wurden verteufelt: Das Deutsche Historische Museum erinnert an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Von Tilman Asmus Fischer

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“, hatten Karl Marx und Friedrich Engels 1847/48 im Manifest der Kommunistischen Partei verkündet. 70 Jahre später – 1917 – sollte dieses Gespenst in Russland erstmals Wirklichkeit werden, um in den folgenden Jahrzehnten in verheerender Weise global zu spuken. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem unlängst erschienenen Buch „Krieg“. Und so verwundert es nicht, dass sich die Erinnerung an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution nicht auf Russland beschränkt, sondern einen internationalen Widerhall erfährt.

In Berlin widmet das Deutsche Historische Museum dem kommunistischen Umsturz eine gemeinsam mit dem Schweizerischen Nationalmuseum kuratierte Ausstellung: „1917. Revolution. Russland und Europa“ bietet nicht nur eine überwältigende Schau von über 500 Exponaten, die den historischen Weg von der vorrevolutionären Gesellschaft durch die Revolutions- und Bürgerkriegsjahre bis hin zu den Folgewirkungen für die europäische Staatenwelt nachzeichnet. Vielmehr wird zudem der Kommunismus als totalitäre Weltanschauung greifbar, der neben sich keine alternative Gegenwartsdeutung dulden konnte und damit zwangsläufig gegenüber dissidentischen Positionen – und letztlich auch den Kirchen – unduldsam auftreten musste. Die Gesamtheit der Ausstellungsstücke fesselt den Betrachter nicht nur aufgrund ihres Umfangs, sondern vor allem wegen ihrer inneren Vielfalt: Alltagsgegenstände finden sich ebenso wie Druckschriften und Plakate oder zeitgenössische Kunstwerke, die von den Umbruchjahren zeugen. Unter den Kunsterzeugnissen sind auch solche der sakralen Kunst; etwa eine Ikone der Gottesmutter der Rührung, eine Öllampe und ein Weihrauchgefäß aus den Jahren der Jahrhundertwende. Sie repräsentieren im ersten Teil der Ausstellung, der „Aufbruch und Zerfall“ in der vorrevolutionären Gesellschaft thematisiert, die russisch-orthodoxe Kirche als einen der zentralen gesellschaftlichen Akteure – neben Bauern- und Arbeiterschaft, Adel, Militär und der Intelligenzija. In ausgewogener Weise gelingt hier eine Charakterisierung des späten Zarenreichs, das sich sowohl durch gravierende soziale Spaltungen und Repressionen als auch durch einen nicht zu verkennenden kulturellen Reichtum auszeichnete – und das letztlich an seiner zu großen Reformunfähigkeit scheiterte.

Vor diesem Hintergrund wird dem Ausstellungsbesucher die Entstehung der Oktoberrevolution aus den Wirren des Ersten Weltkriegs und der Kriegsmüdigkeit der russischen Bevölkerung heraus erschlossen. Deutlich treten die Wurzeln der Revolution in einem Bemühen um soziale, politische und gesellschaftliche Reformen hervor; ebenso deutlich jedoch auch die Pervertierung dieses politischen Kampfes – spätestens im Bürgerkrieg, in dem sich die Fronten zwischen revolutionären und konterrevolutionären Truppen zusehends verhärteten und sich beide Seiten in nichts nachstanden – weder in Gewaltanwendung noch in der propagandistischen Verleumdung des Gegners. Und so erscheint die Geschichte der Oktoberrevolution als eine Geschichte der verratenen Ideale: Findet sich im Abschnitt der Ausstellung über die „Machtübernahme der Bolschewiki“ noch die „Deklaration über die Rechte der Völker Russlands“ (2. November 1917), die auch religiöse Zugeständnisse beinhaltete, berichtet bereits die Sektion zum Bürgerkrieg über den Kampf gegen die Freiheitsbestrebungen der Ukraine wie in Belarus – und wird späterhin das propagandistische und gewaltsame Vorgehen gegen die Kirchen deutlich.

Neben einer Ausgabe der antikirchlichen Satire-Zeitschrift „Gottloser“ präsentiert die Ausstellung Fotos, welche die 1929 von Stalin eingeleitete Zerstörung von Kirchenglocken zeigt; allein bis 1935 wurden 25 000 Klöster und Kirchen vernichtet. Für viele der Betroffenen bestand die einzige Überlebenschance in der Flucht in den Westen, der die Ausstellung einen eigenen Raum widmet. Unter den Artefakten, die russische Flüchtlinge nach Europa und Amerika begleiteten, finden sich unter anderem eine Bibel (um 1916) und ein traditioneller Hochzeitsschal. Andere Objekte erzählen vom kulturellen Leben der geflohenen orthodoxen Christen: Eine Ikone, die Moses und die Gottesmutter zeigt, erinnert an die rege Aktivität von Exilanten in der Sammlung und Ausstellung sakraler russischer Kunst, die ab 1921 von Sowjetrussland zwecks Devisenbeschaffung verkauft wurde. Und die Hochzeitskrone aus einer russischen Exil-Gemeinde illustriert die identitätswahrende Pflege religiöser Traditionen im Ausland.

Jedoch nicht nur Christen, sondern gerade auch Juden wurden Opfer des sich herausbildenden autoritären Systems. Dabei konnten die neuen Machthaber auf eine bereits etablierte antisemitische Tradition zurückgreifen, an die in der Ausstellung Fotos von den Opfern der Judenpogrome aus den Jahren 1903 bis 1905 erinnern; bereits zwischen 1881 und 1914 hatten etwa zwei Millionen Juden unter dem bestehenden Druck das zaristische Russland verlassen. Im Zusammenhang mit den „Folgen der Revolution“ für Russland kommt exemplarisch das Schicksal des hebräischen Habima-Theaters zur Sprache: eines jüdischen Ensembles, das sich zunächst aufgrund der von den Revolutionären erstrittenen religiösen Freiheiten für Juden formieren konnte, dann jedoch aufgrund der neuen Verfolgungen Sowjetrussland verlassen musste.

Nicht nur, dass bereits die junge Sowjetunion rigoros gegen Religionsgemeinschaften vorging; vielmehr – dies verdeutlichen weite Strecken der Schau im DHM – gingen die Revolution und die Gründung der UdSSR von ihren frühen Phasen an mit einer kultischen, wenn nicht religiösen Überhöhung der eigenen Bewegung, quasi einer Transzendierung ihrer Programmatik einher. So vermitteln die – vielfach zu sehenden – Propagandaplakate der Bolschewisten nicht einfach nur politische Inhalte, sondern kleiden diese in das Gewand von Erlösungshoffnungen; der politische Gegner hingegen erscheint, wo er ins Bild gesetzt wird, als das Böse schlechthin.

Den Ausstrahlungen der Revolution und der Polarisierung zwischen ihren Unterstützern und Gegnern, die ganz Europa betrafen, widmet die Ausstellung – wie es bereits ihr Name anzeigt – große Aufmerksamkeit. Nachdem der Besucher das monumentale Gemälde „Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern“ von Isaak I. Brodski erblickt hat, hat er die Möglichkeit, sich in einzelnen kleinen Kabinetten über die Entwicklungen in Deutschland, Italien, Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Polen zu informieren. Beleuchtet werden nicht nur die jeweiligen kommunistischen Bewegungen und ihre Vorfeldorganisationen, wie die von Käthe Kollwitz mitbegründete „Internationale Arbeiterhilfe“ – sondern ebenso die kritische Auseinandersetzung in den westlichen Ländern mit dem Phänomen des Bolschewismus. Diese reicht von linken Kritikern wie Karl Kautsky (Die Diktatur des Proletariats, 1918) über den konservativen Antibolschewismus bis hin zur antibolschewistischen Agitation der jungen faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien.

Beschlossen wird die Ausstellung durch eine Zusammenstellung von Werken der Gegenwartskunst und Zitaten historischer Persönlichkeiten, die in einem Rückblick das Erbe der Oktoberrevolution reflektieren: Vielleicht am eindrucksvollsten ist die Skulptur „Hero, Leader, God“ von Alexander S. Kosolapov (USA, 2007), die Hand in Hand voranschreitend Lenin, Mickey Mouse und Jesus Christus zeigt. Indem der Künstler in provokanter Weise die Austauschbarkeit von Idolen und Führern in Ideologie und Propaganda thematisiert, spiegelt das Kunstwerk zugleich die fatale Vergottung eines utopischen Gesellschaftsmodells; den passenden Kontrast bildet ein Zitat von Hannah Arendt, das sich auf der gegenüberliegenden Wand findet: Die Revolution habe „erst eine unvergleichliche Hoffnung in die Welt gebracht, um die gleiche Welt in eine um so tiefere Verzweiflung zu stürzen“.

Erschienen am 24. Oktober 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Lasst euch nicht irre machen

Ein Gespräch zum Predigttext am Reformationsfest zwischen Doctor Martin Luther und dem Berliner Theologiestudenten Tilman Asmus Fischer

Predigttext am Reformationsfest: Matthäus 10, 26b–33

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Tilman Asmus Fischer: Gerade hat Jesus seine Jünger ausgesandt und ihnen angekündigt, dass sie Verfolgung leiden werden: „Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen“ (Matthäus 10,17). Jetzt beginnt er, ihnen Mut zuzusprechen: Sie brauchen nicht die Menschen, sondern nur Gott zu fürchten! Diese Ermutigung gilt jedem Christen, der sich auf das Abenteuer des Glaubens einlässt und Jesus vertraut – bis heute. Wenn wir heute an die Reformation erinnern, Herr Luther, frage ich mich: Wie haben Sie und Ihre Anhänger damals diese göttliche Ermutigung gelesen?

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

Martin Luther: „Lasset Euch nicht irre machen, dasjenige öffentlich zu lehren, was ihr im Verborgenen gehört habt; gleichwie jene, die sich von Außen verstellen, dasjenige zu lehren, was sie von Innen von ihrem Lehrer, dem Satan, hören: deswegen werden sie genöthigt, ihre innerlichen Lügen von Außen mit dem Schein der Wahrheit, der Religion, der Kirche, der Gerechtigkeit zu schmücken. Aber vergebens. […] Ihr aber habt dergleichen Täuscherei nicht nöthig; wenn ihr lehret als vor Gott und in Christo mit lauterem Gewissen, und nicht anders im Herzen denket, als ihr im Worte lehret.“

Fischer: Wer möchte das nicht können? Sich mutig hinstellen und für das als wahr Erkannte und Geglaubte eintreten: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Aber wie oft erleben wir, dass wir an diesem Selbstanspruch scheitern? Das ging Ihnen doch auch lange so, Dr. Luther. Sicher, wir müssen heute in Deutschland als Christinnen und Christen nicht um unser Leben bangen. Doch erleben auch wir Anfechtungen im Alltag, seien es Terroranschläge oder Ängste, die uns Propheten unterschiedlichster Couleur einflüstern, seien es persönliche Krisen oder Schicksalsschläge.

All dies kann uns Anlass geben, zu zweifeln, nicht mehr mutig und frei zu glauben und aus diesem Glauben zu leben. Unseren Glauben bekennen könnten wir schon im alltäglichen Gespräch – ob beim Mittagessen mit Kollegen oder am Tresen in der Stammkneipe. Aber wie oft schweigen wir, wie oft hören wir: „Ich glaube nicht.“ – „Ich glaube nur an mich.“ – „Glauben gehört ins Mittelalter.“ – Und bekennen dann selbst nicht, warum wir doch glauben. Plötzlich fällt es uns auch nicht mehr so leicht, für all das einzutreten, was uns Christinnen und Christen wichtig ist: Gastfreundschaft, Schutz des Lebens, Gerechtigkeit. Was denken Sie: Haben wir einen ernsthaften Grund, zu verzagen?

Luther: „Wenn nun Gott auch jegliche Sperlinge also zählt und für sie sorgt: um wie viel mehr zählt und sorgt Er auch ganz gewiss für euch; nicht allein als Menschen, sondern auch als meine Knechte und Gläubige. Und Er lässt keinem von euch etwas Böses widerfahren ohne Sein Vorwissen und Willen, ob es gleich das Ansehen hat, als ob Er von euch Nichts wisse und sich um euch nicht kümmere. – O, was ist das für eine unaussprechliche Sorgfalt eines solchen Vaters! – Darum sollen wir alle Trübsale verschlingen und wie einen Funken ersäufen in diesem Meere der unendlichen Liebe und Sorge Gottes für uns, und mit Verspottung von ihnen reden.“

Fischer: Aber bei allem Trost, den wir in diesen Worten finden, Herr Luther: Da ist noch etwas anderes, das uns fortschrittliche und aufgeklärte Menschen befremdet. Liegt da nicht auch eine Drohung in der Luft? Wie verstehen Sie es, dass wir den fürchten sollen, „der Leib und Seele verderben kann in der Hölle“?

Luther: „Da ihr gerechte Sache und einen gnädigen Gott habt, und euer Leben gewiß ewig sein soll, so seid stark und schlaget Alles in den Wind, damit ihr nicht, wenn ihr eure Sache verleugnet, auch Gottes Zorn und den ewigen Tod zuzieht.“

Fischer: Muss das sein? In der Predigt zum Reformationsfest? Scheinbar verfliegt die frohe Feierstimmung – und gar nicht mehr so mutig und frei stehen wir vor einer äußerst drastischen Ansage: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“ Auch wenn wir uns das nicht gerne eingestehen wollen: Der allmächtige Gott ist nicht nur der „liebe Gott“, an den wir uns wenden können, sondern eben auch der Gott des Gerichtes. Im Geiste sehen wir uns in einem Gerichtssaal, der aus einer Geschichte von Franz Kafka stammen könnte. Der ewige Richter schwingt den Hammer – Schuldspruch: „Der Angeklagte wird schuldig befunden, am 30. Oktober 1998 in der Betriebskantine Jesus Christus verleugnet zu haben.“ Nochmals schlägt der Hammer. Urteil: „Fegefeuer“. Kann das gemeint sein, am Reformationstag?, verehrter Herr Doctor?

Luther: „Christus will damit nicht das haben, dass, wenn Ihn Jemand verleugne, Ihm in Ewigkeit nicht wieder geholfen werden könne; sondern dieses ist Seine Meinung: wenn Jemand in der Verleugnung beharrt, so wolle Er ihn auch beständig verleugnen; wo aber Jemand von der Verleugnung zum Bekenntnis wieder umkehrt, so will Er auch zum Bekenntnis wieder umkehren.“

Fischer: Also können wir heute doch getrost und frohen Mutes in Ihre Worte einstimmen und singen: „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen; er wandt zu mir das Vaterherz, es war bei ihm fürwahr kein Scherz, er ließ’s sein Bestes kosten.“ Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die (gekürzten) Luther-Zitate stammen aus „Luthers Auslegung des Matthäus-Evangelium Kapitel 3–25“, Erwin Mühlhaupt, 1952.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 44/2017.

Ende einer Ära

Im 19. Bundestag werden prägende Gestalten der Vertriebenenpolitik fehlen

Mehrere Bundestagsmitglieder hatten im Vorfeld der diesjährigen Wahl angekündigt, nicht mehr für das Parlament zu kandidieren. Einige von ihnen haben während der letzten Jahrzehnte in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die deutsche Vertriebenenpolitik genommen. Mit ihrem Ausscheiden geht daher eine Ära zu Ende; denn so unterschiedlich die Lebensläufe und Positionen der einzelnen Abgeordneten waren, gemeinsam ist ihnen, dass ihr politisches Wirken durch die Erfahrungen der Nachkriegszeit, der deutschen Teilung sowie der Wiedervereinigung geprägt war – und sie in einer Phase politisch wirkten, in der die Vertriebenenpolitik nach dem Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft und der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie neue Perspektiven und Herausforderungen entwickeln bzw. bestehen musste.

Ein Freund der Vertriebenen und Heimatverbliebenen

Zu den Dienstältesten der nun ausscheidenden Abgeordneten gehört der bisherige Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU), der bereits 1980 in den Bundestag einzog. Nachhaltig setzte er sich sowohl für den – zumal interparlamentarischen – deutsch-polnischen Dialog als auch für die Belange der deutschen Vertreibungsopfer ein. Zudem gehörte er zu den prominentesten Unterstützern einer Petition der AGMO e.V. (Gesellschaft zur Unterstützung der Deutschen in Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ost- und Westpreußen) zur Wahrung der bildungspolitischen Belange der Heimatverbliebenen. 2009 war er bereit, bei der Feierstunde zum 60-jährigen Bestehen der Landsmannschaft Westpreußen die Festrede zu halten.

Vertriebenenpolitik im Zeichen der Wiedervereinigung

Mit der Wahl zum ersten gesamtdeutschen Bundestag 1990 begann die parlamentarische Laufbahn zweier Politiker, die ihre Karriere im BdV zu dieser Zeit schon hinter sich bzw. noch vor sich hatten.

(Foto: Tobias Koch)

Hartmut Koschyk (CSU) war bereits in den 1980er Jahren Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend (SJ) gewesen und begleitete 1983 bis 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter die Arbeit des CDU-Abgeordneten und langjährigen BdV-Vizepräsidenten Helmut Sauer. 1987 bis 1991 war Koschyk BdV-Generalsekretär. In der Unionsfraktion stand er 1990 bis 2002 der Arbeitsgruppe „Vertriebene und Flüchtlinge“ vor. Ab 2013 setzte er sich als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten mit großer Energie für die Fragen der Heimatverbliebenen ein ; bereits zur Zeit in der SJ hatte er zu den Mitbegründern der AGMO e.V. gehört.

Die im westpreußischen Rahmel geborene Erika Steinbach (CDU, ab 2017 parteilos) sollte 1998, acht Jahre nach ihrem Einzug in den Deutschen Bundestag, zur Präsidentin des BdV gewählt werden – ein Amt, in dem sie bis 2014 die Modernisierung des Verbandes wesentlich voranbrachte. Zudem sitzt sie seit dem Jahre 2000 der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ vor, die sie gemeinsam mit ihrem Parlamentskollegen, dem sudetendeutschen Sozialdemokraten Peter Glotz († 2005), gegründet hatte. Zu den vertriebenenpolitischen Erfolgen ihrer Zeit im Bundestag gehören die Schaffung der Bundesstiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“, die Einführung des nationalen Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung sowie die Anerkennungsleistung für zivile deutsche Zwangsarbeiter.

Einsatz für Aufarbeitung und Verständigung

Mit Petra Ernstberger (SPD) und Volker Beck (Die Grünen) zogen 1994 zwei Abgeordnete in den Bundestag ein, die sich zwar nicht durch eine Bindung an Vertriebenenverbände auszeichneten, sich jedoch auf je eigene Weise im Interessenbereich der Vertriebenenpolitik engagierten – beide zumal mit einem Schwerpunkt auf den deutsch-tschechischen Beziehungen.

Beide waren zeitweise – Beck bis Ende seiner Amtszeit – Mitglieder des überparteilich aufgestellten Sudetendeutschen Rates. Ernstberger war zudem Vorsitzende der Deutsch-Tschechischen Parlamentariergruppe und gehört dem Verwaltungsrat des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds an. Volker Beck, der stets seine eigene sudetendeutsche Abstammung betonte, akzentuierte immer wieder auch Vorbehalte gegenüber den deutschen Vertriebenenverbänden und Kritik an einigen ihrer Positionen.

Erster sächsisch-anhaltischer Ministerpräsident und Aussiedlerbeauftragter

Christoph Bergner (CDU) wurde 2002 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Zuvor hatte er ab 1990 dem Landtag von Sachsen-Anhalt angehört, dessen Ministerpräsident er zudem 1993 bis 1994 gewesen war. In den Jahren 2005 bis 2013 war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern. Von 2006 bis 2014 bekleidete Bergner als Amtsvorgänger von Hartmut Koschyk das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten; parallel hierzu war er von 2011 bis 2014 zugleich Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer. Bergners Einsatz für deutsch-osteuropäische Beziehungen geht jedoch über diese Amtsjahre hinaus; so engagiert er sich bis heute im Deutsch-Rumänischen Forum, dessen Vorsitzender er ist. Neben den Fragen deutscher Vertriebenen- und Minderheitenpolitik setzte sich Bergner ferner intensiv für die Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern durch das Osmanische Reich ein.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 11/2017.

Cyber-Krieg und Populismus – Korrelative Herausforderungen für Deutschland und Europa

Gastbeitrag für das „Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft“

Zwei Sorgen wurden seit der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl immer wieder mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 artikuliert: mögliche Hackerangriffe im Vorfeld des Urnenganges und der Parlamentseinzung einer Partei mit starken populistischen Strömungen. Nun liegt die Wahl hinter uns: Die AfD ist mit einem zweistelligen Ergebnis im Bundestag vertreten und die Cyber-Bedrohungen – mithin die Gefahr militärischer Angriffe im Cyber-Raum – bestehen fort. Daher lohnt sich ein Blick auf die korrelativen Beziehungen zwischen beiden Herausforderungen: Cyber-Krieg und Populismus.

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Ein gelungener Kompromiss

Das Konzept für die Dauerausstellung im Deutschlandhaus

Bereits im Juni hatte die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ihr Konzept für die Dauerausstellung präsentiert, die im Deutschlandhaus, unweit des Potsdamer Platzes, in Berlin realisiert werden soll. Vor dem Hintergrund der hitzigen Debatten, die den Weg zum „Sichtbaren Zeichen“ begleiteten, dürfen weder die Herausforderung noch die Verantwortung, die sich mit der Arbeit an diesem Konzept verbunden haben, niedrig eingeschätzt werden. Am Ende ist es dem Stab der Stiftung um Direktorin Dr. Gundula Bavendamm gelungen, ein Papier vorzulegen, in dem die unterschiedlichen Fraktionen der zurückliegenden Diskussionen ihre Positionen ernst genommen sehen können, ohne dass die Gesamtkonzeption hätte Abstriche bei der inhaltlichen Kohärenz machen müssen.

Verknüpfung komplementärer Perspektiven

Aufschlussreich ist bereits die Grobgliederung der Ausstellung in drei Hauptabschnitte: „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Darein hat sich eine der besonders umstrittenen Fragen der letzten Jahre eingeschrieben: Soll die Vertreibung der Deutschen als Teil des Phänomens Zwangsmigration als einer historischen Konstante des kurzen 20. Jahrhunderts thematisiert werden, unter dem Risiko, den historischen Nexus zwischen Zweitem Weltkrieg und deutschem Heimatverlust zu vernachlässigen? Oder soll eben diese Verbindung das Narrativ der Ausstellung prägen, was wiederum zu einer Ausblendung historischer Parallelen vom Ersten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg geführt hätte?

Diesen Konflikt löst die Konzeption, indem sie beide Ansätze zur Geltung kommen lässt. Eine phänomenologische Annäherung an den Problemzusammenhang nimmt der erste Hauptteil vor, indem er zunächst einen historischen Überblick gibt und – hiervon ausgehend – sodann in Form von Themeninseln zentrale Aspekte von grundsätzlicher Bedeutung fokussiert: „Begriffe und Kontroversen“ – „Nation und Nationalismus“ – „Zwang und Gewalt“ – „Lager – Transit und Provisorium“ – „Völkerrecht und Menschenrechte“.

Der – umfangreichere und detaillierter untergliederte – zweite Hauptabschnitt nimmt, hieran anknüpfend, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ in den Blick. Die Verbindung deutscher Expansion und Vertreibung der Deutschen ist diesem Ausstellungsbereich durch seinen ersten Unterabschnitt zugrunde gelegt: „Totalität und Entgrenzung: Deutsche Expansionspolitik und Zweiter Weltkrieg (1938–1944)“. Nachdem der zweite Unterabschnitt „Pläne der Alliierten und der Exilregierungen für eine Nachkriegsordnung Europas durch Vertreibungen (1939–1945)“ thematisiert hat, nehmen dann zwei Teilbereiche die beiden wesentlichen Phasen deutscher Zwangsmigration separat in den Blick: „Evakuierung und Flucht der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten (1944/45)“ und die „ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas (1944–1948)“.

Letztlich dürfte es den Verfassern der Konzeption gelungen sein, aus zwei ursprünglich kontrastiv aneinander profilierten Ansätzen zwei zueinander komplementäre Perspektiven entwickelt zu haben. Abgeschlossen wird die Dauerausstellung mit dem dritten Hauptteil über „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Für diesen Bereich entwickelt das Konzept das Narrativ einer nicht unbelasteten, aber letztlich erfolgreichen Integrationsgeschichte: vom „gesellschaftliche[n] Experiment“ über „Konfliktgesellschaft und deutsche Frage“ und die Spannung zwischen „Polarisierung und Verständigung“ hin zu „Erinnerung und Gedächtnis im Wandel“.

Der Bund der Vertriebenen hatte stets Anteil an der Entwicklung der Bundesstiftung und deren Ausstellung. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB im Gespräch mit Dr. Gundula Bavendamm.
(Foto: privat)

Regionalgeschichtliche Gesichtspunkte

Das Konzept-Papier ist zu umfangreich, als dass sich an dieser Stelle – neben einer Analyse der großen Linie – sämtliche regionalgeschichtlichen Gesichtspunkte der Konzeption erörtern ließen. Vielmehr kann hier nur eine Problemanzeige für das untere Weichselland erfolgen.

In der Unterabteilung zum „Kriegsende in den Ostgebieten des Deutschen Reiches“ sind es zwei mit Westpreußen verbundene Ereignisse, welche die Komplexität der Entwicklungen an der näher rückenden Ostfront verdeutlichen: auf der einen Seite der Untergang der Wilhelm Gustloff, auf der anderen Seite das Massaker von Palmnicken, dem jüdische Häftlinge von Außenlagern des KZ Stutthof zum Opfer fielen. Zwei weitere Bereiche der Ausstellung beleuchten die „Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ sowie die „Vertreibungen im Zusammenhang mit der Westverschiebung Polens“.

Zwar benennt das Konzept Fragen der europäischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit, eine abschließende Einschätzung über deren Einordnung in den Gesamtkontext ist jedoch noch nicht möglich. In jedem Fall dürfte es sich hier um einen der neuralgischen Punkte der Ausstellung handeln bzw. um einen Indikator dafüür, mit welcher Offenheit Fragen etwa nach der Bedeutung antideutscher Tendenzen in der polnischen Politik von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs bis hin zum „Bromberger Blutsonntag“ und seinem Umfeld verhandelt werden können.

Gleichermaßen abzuwarten ist, inwiefern das Schicksal ziviler deutscher Zwangsarbeiter – wie etwa im „Zentralen Arbeitslager Potulice“ – als flächendeckendes Phänomen erörtert wird. Für die Themeninsel zu Lagern scheint es bisher noch nicht vorgesehen zu sein, in den Abschnitten zu einzelnen Vertreibungsgebieten wird dieser Gesichtspunkt nur für Nord-Ostpreußen und Südosteuropa expliziert. Gleichfalls fraglich ist, in welchem Umfang die Heimatverbliebenen in den Oder-Neiße-Gebieten Berücksichtigung finden werden.

Bereits diese Schlaglichter machen deutlich, dass das nun vorliegende Konzept noch hinreichende Spielräume bei seiner Umsetzung lässt, sodass die endgültige Gestaltung mit großem Interesse zu erwarten ist.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2017.