Prophetische Performance

Joseph Beuys’ „Aktionen“ spielten mit der Ikonographie alttestamentlicher Propheten. Der Künstler wäre in diesem Jahr 100 geworden

Von Ting-Chia Wu und Tilman A. Fischer

1. Mai 1972, Berlin: Nach einer Maidemonstration säubert eine kleine Gruppe, angeführt von einem Mann mit knallrotem Besen, den Karl-Marx-Platz. Ein Kameramann dokumentiert das Geschehen und der Abfall wird in einer Galerie ausgestellt. Seither wird er – nebst dem Besen – im Neuen Museum in Nürnberg aufbewahrt. Wer ist der Mann, der mit seinem Besen vor fast 40 Jahren ein Kunstwerk schuf? Und was unterscheidet ihn von den Männern und Frauen, die jeden Morgen unsere Straßen reinigen?

Dieser Mann war der vor 100 Jahren in Krefeld geborene Künstler und Aktivist Joseph Beuys. Als deutsches Pendant zu Andy Warhol präge er mit seiner Neudefinition des Kunstbegriffs das späte 20. Jahrhundert. Im Gegensatz zu anderen Künstlern seiner Zeit war Beuys einer der Pioniere, die Kunst mit sozialen Prozessen verknüpften und die Grenzen von Kunst und Gesellschaft, Kultur und Natur, Individuum und Kollektiv durchbrachen. Er betrachtete Kunst als universelle schöpferische Kraft, die einen Wandel in Philosophie, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft ermöglicht.

Die oben beschriebene Performance „Ausfegen“ ist typisch für den in ihrer Zeit innovativen Ansatz der „Aktionen“ des Joseph Beuys: Transformatives Verschieben von Objekten und Materialien, rituelle Bewegung, improvisiertes Schauspiel – in anderen „Aktionen“ auch Singen und Camouflage – schaffen alternative Räume, eine andere Erzählung der sozialen Realität, eine Vision. Es ist nicht von Ungefähr, dass manche der Beuysschen „Aktionen“ an Zeichenhandlungen alttestamentlicher Propheten erinnern. Beuys persönliche Spiritualität war komplex – stand nicht zuletzt unter anthroposophischem Einfluss. Aber er wusste um die Bedeutung der jüdisch-christlichen Sprach- und Bildwelt. Von daher darf die symbolische Aufladung seiner künstlerischen Interventionen auch von den prophetischen Mahnern des Ersten Testaments her inspiriert verstanden werden. Im Falle von „Ausfegen“ ging es Beuys darum, auf die Notwendigkeit hinzuweisen, die Spaltung der Gesellschaft durch Ideologien und Interessen von Einzelgruppen zu überwinden: Er habe, so Beus, klarmachen wollen, „daß auch die ideologiefixierte Orientierung der Demonstranten ausgefegt werden muß, nämlich das was als Diktatur des Proletariats auf den Transparenten verkündet wurde“.

Auch wenn Beuys sich an anderen Stellen in fast messianischer Weise inszenieren konnte: Die ‚prophetische‘ Dimension von Beuys Werk bedeutet nicht, dass er als Künstler ein exklusives Selbstverständnis vertrat. Für ihn galt: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Wie aber ist das möglich? Bedeutet „jeder“ wirklich „jeder“? Also auch Menschen ohne künstlerische Ausbildung? Und welche Art von Kunst kann „jeder Mensch“ schaffen? Die Antwort lag für Beuys in der Gesellschaft selbst. Er schlug vor, sie als Skulptur zu sehen – eine „soziale Skulptur“, an der alle Bürger durch kreative Prozesse und Selbstveränderung teilhaben können.

Dieser – eng mit Beuys’ Eintreten für direkte Demokratie verbundene – Ansatz betonte die gesellschaftliche Partizipation: „Wenn ich vom erweiterten Kunstbegriff rede und sage, jeder ist ein Künstler, stelle ich ganz klar in Rechnung, daß dieses eines der wichtigsten Gestaltungsmomente der Menschen ist – aus der Freiheit, also aus der Kreativität, aus der Schöpferkraft aller Menschen es zu einer demokratischen Verfassung kommen zu lassen.“ Das bedeutet zugleich, dass die in den ‚prophetischen‘ „Aktionen“ visualisierten Transformationen sich mit der Idee tatsächlicher sozialer Realisierung verbinden. Das freilich setzte für Beuys einen Bewusstseinswandel voraus: „Das Ganze kann ja nur erworben werden durch Übung. Durch tägliche Übung. Man kann es Meditation nennen oder Konzentrationsübungen.“ So ist zwar ein Straßenreiniger – wie jeder andere Menschen – aufgrund seiner Tätigkeit noch keinen Künstler; zu diesem kann er jedoch werden, wenn er bewusst seine Kreativität zur Gestaltung der Gesellschaft einsetzt. Was dies praktisch bedeutet, wird aber wohl jeder für sich selbst herausfinden müssen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 37/2021.

Aufgeräumte Erinnerungen

Die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ präsentiert seit dem 21. Juni die Dauerausstellung ihres Dokumentationszentrum. Die Stärken ihres Konzeptes sind ebenso deutlich wie dessen Grenzen

Von Tilman Asmus Fischer

„Kunst aufräumen“ lautet das Programm, mit dem Ursus Wehrli seit gut zwanzig Jahren Erfolge feiert und aus dem neben diversen Büchern und Bühnenprogrammen sogar eine Briefmarke der Schweizerischen Post hervorgegangen ist: Der Schweizer Künstlers und Kabarettisten nimmt sich bekannter wie unbekannterer Kunstwerke an und sortiert ihre Elemente nach formalen Kriterien. Dadurch eröffnet er neue Perspektiven auf Bekanntes und erprobt ‚Ordnungen‘, bei denen je zu fragen ist, inwieweit sie den Kunstwerken inhärent sind oder ex post auf diese angewendet werden. An das Œuvre Wehrlis mag sich erinnert fühlen, wer am Ende eines Rundgangs durch die Dauerausstellung des unlängst eröffneten Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Berliner Deutschlandhaus vor einer großen Wandvitrine zu stehen kommt. Diese versammelt 251 Exponate der früheren Altvater-Heimatstube. Einstmals in Gärtringen von heimatvertriebenen Sudetendeutschen zusammengetragene und ausgestellte Stücke, hinter denen individuelle Geschichten und Bedeutungen stehen, sind hier platzökonomisch nach Themengebieten (Kruzifix neben Kruzifix, Werkzeug neben Werkzeug, Bergkristall neben Bergkristall, etc.) sortiert zu sehen. In Analogie zu Wehrlis Ansatz könnte die Vitrine den Titel „Erinnerungen aufräumen“ tragen – und gewissermaßen scheint dies als Motto auf die Dauerausstellung in Gänze zuzutreffen. Hierin liegen sowohl die Stärken als auch die Grenzen der in den vergangenen Jahren wohl – von Fachkreisen wie Medienöffentlichkeit – äußerst vehement diskutierten Gedenkstätte in der Bundeshauptstadt.

Gegenstände aus einer sudetendeutschen Heimatstube (© Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke)

Erinnerungstransfer

Zunächst zu den Stärken: Die Dauerausstellung eröffnet neue Perspektiven auf den Themenkomplex von Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Dies vermag sie in dem Sinne, dass sie einen wichtigen Beitrag zu einem sich bereits seit Jahren vollziehenden Transformationsprozess leistet, der dadurch bedingt ist, dass zum einen die Erfahrungen von und Erinnerungen an Flucht und Vertreibung von nur noch einer immer kleiner werdenden Gruppe von Zeitzeugen selbst vermittelt werden können. Zum anderen befinden sich auch die von ebendiesen Betroffenen geschaffenen Institutionen, Medien und Formate – landsmannschaftliche Organisationen, Museen, Sammlungen, Periodika, Heimattreffen – in einem Prozess der Übergabe an Generationen Nachgeborener, für die der Bezug auf die Heimatgebiete und das historische Schicksal des Heimatverlustes nicht mehr selbstverständlich ist. Dies erfordert eine Erklärungs- und Verständigungsleistung: Das materielle wie immaterielle Fluchtgepäck ist zu erfassen, zu bewahren und in einer Weise zu präsentieren, die auch für künftige Generationen anschlussfähig ist.

Dies zu leisten, ist das entscheidende Verdienst der SFVV. Sie macht im Hauptteil der Dauerausstellung im zweiten Obergeschoss des Deutschlandhauses anhand individueller Beispiele anschaulich, was die Zwangsmigration der Deutschen aus den historischen Reichs- und Siedlungsgebieten bedeutete. Sie ordnet diese exemplarischen Schicksale in ihre Vor- und Nachgeschichte ein – also den Nationalsozialismus bzw. den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit von der Vertriebenenintegration bis hin zur Verständigung mit den Völkern Ostmitteleuropas. Bereits im ersten Obergeschoss findet eine Einordnung in den Gesamtzusammenhang europäischer Zwangsmigrationen im langen zwanzigsten Jahrhundert statt und es werden Bezüge hergestellt zu gegenwärtigen Formen von Flucht und Vertreibung.

Individualisierung

Die Art und Weise, in der die Dauerausstellung Erinnerungen ‚aufräumt‘ – also in einer zugänglichen Weise (ein)ordnet und präsentiert – hat jedoch auch deutliche Grenzen: Die wohl wichtigste kann darin gesehen werden, dass die Anschaulichkeit deutscher Flucht-, Vertreibungs- und Aussiedlungs-Schicksale den Preis hat, dass durch die starke Individualisierung der Präsentation der Blick auf verallgemeinerbare Phänomene bisweilen verloren geht. So, wie die Einzelexponate der Altvater-Heimatstube für sich nebeneinander präsentiert werden, ohne dass sie jedoch durch eine Rahmung in ein Verhältnis zueinander gesetzt würden, wird die Zwangsmigration der Deutschen gleichfalls über Einzelschicksale thematisiert, die als solche nebeneinanderstehen. Diese machen für sich und in ihrer Gesamtheit durchaus deutlich, wie facettenreich die Erfahrungen sein konnten, die sich mit Flucht und Vertreibung verbanden. Jedoch bleibt dem Besucher, der ohne Vorkenntnisse die Ausstellung besucht, verschlossen, in welcher Weise die biografischen Einzelfälle für die Gesamtheit des deutschen Vertreibungsschicksals repräsentativ sind oder in welcher Weise in ihnen Spezifika einzelner Regionen oder Phasen der Zwangsmigration zum Ausdruck kommen.

So präsentiert die Ausstellung etwa das Schicksal des 1935 im ostpreußischen Insterburg geborenen Werner Kaschärus, der nach Kriegsende, von seiner Mutter getrennt, nach Lettland gelangte, wo er von einer Bäuerin aufgenommen wurde und aufwuchs. Dass es sich bei Kaschärus um ein „Wolfskind“ handelt, wird nicht expliziert; dass er damit für eine spezifische Opfergruppe unter anderen steht, erfährt der Besucher nicht. Dies ist umso erstaunlicher, als diese Gruppe spätestens seit dem Kinofilm „Wolfskinder“ (2013) und dem Medienecho auf die Veröffentlichungen von Christopher Spatz in der breiteren Öffentlichkeit durchaus einen Begriff darstellt, auf den sich in verständnisfördernder Weise Bezug nehmen ließe.

Leerstellen

Problematischer mag freilich das Resultat des Ausleseprozesses sein, das in den meisten Fällen mit dem Aufräumen einhergeht. Nun befindet sich Ursus Wehrli in der glücklichen Lage, dass die Betrachter seiner aufgeräumten Kunstwerke just erwarten, alle Elemente des ursprünglichen Bildes auch in seiner geordneten Version wiederzufinden. Wer jedoch Geschichte und mit ihr verbundene Erinnerungen „aufräumt“, ist angesichts der zu präsentierenden Masse an Information und des Ziels der Übersichtlichkeit, gezwungen, auszuwählen und Schwerpunkte zu setzen. Dabei wird fehlende Detailgenauigkeit im Dienste der Museumsdidaktik dem Kurator am Ende wohl auch noch gedankt. Doch besteht die Gefahr, als Detail zu fassen und auszublenden, was womöglich mehr als ein Randphänomen ist. Dies gilt zum einen für die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945. Dass das größte Unglück der Seefahrtgeschichte – welches zudem pars pro toto für die Flucht über die Ostsee steht – erst als Gegenstand der Erinnerungskultur der Nachkriegszeit in den Blick genommen wird, jedoch im Ausstellungsteil zu Flucht und Vertreibung selbst unterbelichtet bleibt, erscheint fragwürdig.

Bedenklicher ist die Aussparung sexualisierter Gewalt im Kontext von Zwangsmigrationen. Zwar wird dieses Phänomen in der allgemeinen Einführung des ersten Obergeschosses angesprochen – angesichts von ca. 1,4 Millionen durch Angehörige der Roten Armee vergewaltigter Frauen unter den deutschen Opfern von Flucht und Vertreibung stellt sich jedoch durchaus die Frage, weshalb dieser Problematik nicht in hervorgehobener Weise nachgegangen wird. Dies umso mehr, als es an dieser Stelle gegolten hätte, eine Opfergruppe zu Wort kommen zu lassen, aus deren Reihen – aus mehr als verständlichen Gründen – nur die wenigsten bereit waren, über das Erlebte zu sprechen. Warum, so ließe sich zugespitzt fragen, scheint den Machern der Ausstellung die Frage geschlechtlicher Identität im Kontext von Flucht und Vertreibung derart bedeutsam zu sein, dass sie sich – entgegen der zumindest noch in Geltung stehenden Konventionen anderer großer Kultureinrichtungen – für eine gegenderte Sprache in den Texttafeln entscheiden, wenn andererseits eine en masse aufgetretene Form geschlechtsspezifischer Gewalt inhaltlich nur eine Nebenrolle spielt?

Potenziale

Trotz der Leerstellen des Versuchs, in der Dauerausstellung Erinnerung „aufzuräumen“ – deren Identifizierung sich selbstverständlich den Interessen und Perspektiven des jeweiligen Betrachters verdankt –, eröffnet das Dokumentationszentrum in seiner Gänze dennoch die Möglichkeit einer umfassenden wie detailgenauen Beschäftigung mit der deutschen Vertreibungsgeschichte. (Darüber hinaus ist das Dokumentationszentrum übrigens nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern bietet auch Gelegenheit zum Innehalten und zur Reflexion mit transzendenten Bezügen. Hierzu dient der im Eingangsbereich befindliche „Raum der Stille“.)

Zum einen bietet das Haus eine Spezialbibliothek sowie ein Zeitzeugenarchiv mit einem Lesesaal, der für wissenschaftliche Recherchen ebenso zur Verfügung steht, wie für vertiefende Lektüre von Interessierten und familienkundliche Forschungen. Zum anderen darf darauf gehofft werden, dass über das im Frühjahr anlaufende Programm an Sonderausstellungen Aspekte vertieft werden, durch die die Dauerausstellung – zumal hinsichtlich ihres Schwerpunktes: Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs“ – in sinnvoller Weise ergänz wird. Den Auftakt wird die Ausstellung „Unser Mut. Juden in Europa 1945-48“ machen. Hierbei handelt es sich um eine Wanderausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. So spannend und wichtig das Thema ist: Den programmatisch bedeutsamen Bereich der Sonderausstellungen mit einer Leihausstellung zu eröffnen, verspielt die Chance, in markanter Weise deutlich zu machen, welche Akzente der Hausherr selbst, also das Team der SFVV, in seinem Dokumentationszentrum mit selbstkuratierten Ausstellungen zu setzen bestrebt ist. Dies erfahren zu können, darf somit auch noch etwas länger mit Interesse abgewartet werden.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2021.

Schlafentzug, laute Musik, Dunkelheit

Im US-Gefangenenlager Guantánamo wurde eine neue Art von Folter praktiziert. Sie verstümmelt nicht den Leib, erzeugt aber permanent Angst und verletzt die Seele. Mit dem Mittel der Kunst wehren die Gefangenen sich dagegen

Vor 20 Jahren, kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, war das US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba eingerichtet worden. 780 Terrorverdächtige aus aller Welt wurden dorthin gebracht, nicht selten von der CIA verschleppt und unter Folter verhört. Übrig geblieben sind noch 40 Insassen, die meisten Gefangenen wurden zwischenzeitlich entlassen. Einige haben Suizid begangen. Gibt es so etwas wie eine „gerechte Folter“ zur Aufklärung terroristischer Anschläge? Sebastian Köthe befasst sich im Rahmen seiner Promotion an der Berliner Universität der Künste unter ästhetischer Perspektive mit „sauberer“ Folter im „global war on terror“. Im Interview mit Tilman Asmus Fischer spricht er über die Legitimierung von Folter in Guantánamo und Kunst als Mittel des Widerstandes von Gefangenen.

Herr Köthe, beim „Krieg gegen den Terror“ handelt es sich der Idee nach um eine ‚gute Sache‘. Umso stärker ist daher der Kontrast, wenn in diesem Zusammenhang der Begriff „Folter“ fällt. Worüber reden wir hier?

Folter hat sich verändert. Im Fall von Guantánamo oder der CIA-Geheimgefängnisse im sogenannten „war on terror“ geht es bei Folter nicht mehr um öffentliche Vierteilungen, Verstümmelungen oder Verbrennungen. Folter wird versteckt, hinterlässt weniger Spuren und setzt – vor allem in Demokratien – eher auf „psychologische“ oder „saubere“  Praktiken. Mit der offiziellen Abschaffung der Folter, die in der Antifolterkonvention der UN von 1984 kulminiert ist, hat Folter nicht einfach aufgehört. Was sich verändert hat, ist die Art und Weise wie gefoltert und wie darüber gesprochen wird.

Sebastian Köthe im Gespräch
(Foto: Ting-Chia Wu)

Wie stellt sich diese ‚neue‘ Folter dar?

Es wird wehrlosgemachten Menschen asymmetrische Gewalt zugefügt. Dass es sich um wehrlosgemachte Menschen handelt, ist ein wichtiger Aspekt von Folter. Die Gewalt ist im „war on terror“ auch physisch, es ist aber vor allem eine Gewalt, die die Wahrnehmung und Sensibilität der Menschen betrifft: Zum Beispiel dürfen sie über Wochen hinweg nicht schlafen, werden in permanenter Dunkelheit gehalten, müssen über Tage Babygeschrei, laute Rap- oder Popmusik hören. Das hinterlässt weniger körperliche Spuren, lässt sich schwerer beweisen und klingt erst einmal „nicht so schlimm“. Ein Gefangener, Shaker Aamer, schrieb aber in einem offenen Brief: „Please torture me the old way. Here they destroy people mentally and physically without leaving marks.“ Andere Aspekte der Folter sind fundamentale Entrechtungen: nicht mit der eigenen Familie in Kontakt treten dürfen, ohne Recht auf einen fairen und schnellen Prozess unbestimmt lange inhaftiert werden, die Entführung in ein fremdes Land – nach Kuba oder in ein CIA-Geheimgefängnis in Polen, Rumänien oder Litauen.

Zumindest im Falle von Guantánamo haben die USA das dortige Geschehen nicht verheimlicht, sondern bewusst in Szene gesetzt. Welcher politischen Ästhetik bediente man sich dabei?

Bereits Anfang 2002 veröffentlichten die USA die berühmten Propagandafotografien aus Guantánamo, auf denen die Menschen in orangenen Kostümen auf dem Boden knien und Masken über dem Kopf tragen. Es sind Fotos, die eine totale Kontrolle über die gefangenen Menschen und ihren sinnlichen Apparat ausstrahlen. Einerseits lässt sich die Gewalt in den Fotos ableugnen, es sei Krieg, das seien gefährliche Terroristen, das diene der nationalen Sicherheit. Andererseits signalisieren solche Fotos und die berühmten Drohungen der US-Politiker – „the gloves are off“ und so weiter –, dass ein neues Gewaltregime angebrochen ist.  

Was bedeutet dies für das Selbstverständnis einer westlichen, aufgeklärten Demokratie, die sich ja nicht zuletzt auch als christlich geprägt versteht?

Man muss die Tatsache der Folter als Angriff auf die eigene Verfassung verstehen: auf die Werte, die das demokratische Ideal der USA darstellen, an dem als Bekenntnis festgehalten wurde, auch wenn es historisch nie erreicht wurde. Diese ausgestellte Art Folter zu betreiben, ist ein dezidierter Bruch hiermit, der gleichzeitig in einer christlichen Terminologie angekündigt wurde: als Kampf von Gut gegen Böse. George Bush hat von einem Kreuzzug gesprochen. Es gibt diese Kulturkampfnarrative gegen „den Islam“. Da werden christliche Vorstellungswelten bemüht, angeeignet und – man muss sagen – zweckentfremdet, um letztendlich die Exekutivmacht eines Präsidenten von der Verfassung zu befreien. Dieser wird immer weiter ermächtigt, in der Weise Krieg zu führen, die ihm vor Augen steht.

Haben wir es hier mit der Etablierung des Gedankens einer „gerechten Folter“ zu tun – entsprechend der überkommenen christlichen Begründung eines „gerechten Krieges“, der einem „ungerechten Krieg“ gegenübersteht?

Die Anwälte der Bush-Regierung haben sehr intensiv daran gearbeitet, die Definition von Folter auszuhöhlen. Sie haben zum Beispiel gesagt: Wenn die UN-Antifolterkonvention von einer „spezifische Intention“ spricht, die Teil von Folter sein muss, dann liegt Folter nur vor, wenn das Ziel der Handlung das Zufügen schwerer Schmerzen und seelischen Leidens selber ist. Das heißt: Wenn im Zuge einer Vernehmung jemand gefoltert würde, um vermeintlich Informationen zu generieren, handelte es sich nicht um Folter, da die Folter nicht der Selbstzweck war. Also: Andere Länder, in denen gefoltert wird, seien sadistisch, da dort Folter ein Selbstzweck sei, aber wenn die CIA bestimmte Techniken anwende – die universell als Folter anerkannt sind –, dann handele es sich nicht um Folter, da die Verteidigung der nationalen Sicherheit der eigentliche Zweck sei.

2017/2018 präsentierte die Ausstellung „Ode to the Sea“ in New York Kunstwerke von vier entlassenen und vier gegenwärtig inhaftierten Guantánamo-Gefangenen. Wie konnte an einem Ort der Rechtlosigkeit und Folter Kunst entstehen?

Über die Jahre haben die Menschen es geschafft, eine Art Überlebenskultur auszubilden, um sich die Zeit im Lager erträglicher zu machen, gegen die Entrechtung Widerstand zu leisten und auch ihre Neugierde zu stillen. So haben sie sich gegenseitig Geschichten erzählt, Sprachen gelehrt, Lieder und Gedichte geteilt. Ebenso haben sie von Anfang an Kunst gemacht. Sie fingen an, Gedichte in Becher zu ritzen oder haben in den Sand gemalt. Etwa mit Antritt der Obama-Regierung wurde das so institutionalisiert, dass das US-Militär auch Kunstkurse in Guantánamo angeboten hat. Das war einerseits eine Propagandaaktivität. Andererseits waren manche der Gefangenen froh, Zugriff auf neue Materialen zu haben, vielleicht einen Lehrer zu bekommen, der sie unterstützt und inspiriert, oder auch einfach nur etwas Abwechslung im Lageralltag. Die Gefangenen durften bis 2015 ihren Familien, Anwälten oder Menschenrechtsorganisationen Kunstwerke schenken. Einige dieser Arbeiten fanden schließlich Eingang in die Ausstellung.

Wie thematisieren die Kunstwerke die Situation der Gefangenen?

Es ist spannend, wie die Gefangenen unter extremer Zensur – sie durften nicht vom Lageralltag berichten, das Lager zeichnen oder ihre Folter zeigen – Motive gefunden haben. Ein Gefangener hat einen bunten Farbstrudel gezeichnet, bei dem man natürlich ins Denken kommen kann, welche Art körperlicher Erfahrung, Selbstverlust, Abgründigkeit oder Desorientierung hierin angedeutet werden. Ein anderer Gefangener schuf ein Bild, welches nur aus dem Wort „NO“ besteht. Er musste es auf dem Kopf malen, sodass es „ON“ ergibt und durch die Zensur durchgehen konnte. Ein beeindruckendes Zeugnis des Widerstandes nach fast 20 Jahren Haft.

Was können wir als Betrachter der Kunstwerke in den Staaten des globalen Westens lernen?

Eine Sache, die man lernen kann, ist, sich angesprochen zu fühlen. Weil wir medial permanent von Bildern umgeben sind, nehmen wir vieles kaum mehr wahr. Eine Möglichkeit, die in den künstlerischen Zeugnissen aus Guantánamo liegt, ist, dass man diese künstlerische Ansprache zulässt. Dass man die Ansprache zu lässt, dass man als beliebige Person von den Werken mitgemeint, adressiert ist; dass man sich vielleicht in der Pflicht sieht, etwas zu antworten. Dabei lassen die Kunstwerke uns die Handlungsfähigkeit offen, uns zu positionieren – und sei es nur, „NO“ – „Nein“ zu sagen. Welche Form das annimmt, muss dann jeder für sich wissen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 36/2021.

Zwischen regionaler und nationaler Identität

Magdalena Lemańczyk und Mariusz Baranowski untersuchen die deutsche Volksgruppe im westlichen Oberschlesien – und benennen Defizite der polnischen Minderheitenpolitik

Noch bis Ende September erhebt die Republik Polen – wieder einmal – personenbezogene soziale wie ökonomische Daten ihrer Einwohner. Wie bereits im Falle der vorangegangenen Volkszählungen werden die Ergebnisse der Erhebung auch Einblick in die Lage der sprachlichen und ethnischen Minderheiten im Lande eröffnen. Die entsprechenden Daten sind gerade angesichts des nationalpolnischen Regierungskurses der vergangenen Jahre mit Spannung zu erwarten, wird sich an ihnen doch zeigen, welchen Einfluss die in Warschaus Regierungspolitik dominierende Ideologie eines homogenen (katholisch-)polnischen Nationalstaats auf die Identitätsbindung der in Polen lebenden Volksgruppen hat. Dies gilt insbesondere für die – in der Geschichte immer wieder als ‚fünfte Kolonne‘ diffamierte – deutsche Minderheit.

Vor diesem tagespolitischen Hintergrund ist es zu begrüßen, dass unmittelbar in der Phase der Volkszählung die beiden Soziologen Magdalena Lemańczyk (Polnische Akademie der Wissenschaften, Warschau) und Mariusz Baranowski (Adam-Mickiewicz-Universität, Posen) eine Analyse zum Hauptsiedlungsgebiet der deutschen Volksgruppe, der Woiwodschaft Oppeln, vorgelegt haben. Diese – mit 85 Seiten Fließtext und 24 Seiten Statistiken – bündige Untersuchung nimmt unter dem Titel „Die deutsche Minderheit als (Mehr-)Wert“ die deutsche Volksgruppe im westlichen Oberschlesien in drei Schritten in den Blick. Zunächst fragen die Autoren nach zentralen Merkmalen der deutschen Minderheit – wobei insbesondere auf das Verhältnis nationaler (deutscher) und regionaler (schlesischer) Selbstidentifizierung fokussiert wird. Sodann beleuchtet ein zweites Unterkapitel die Dimensionen, Nutzen und Möglichkeiten der Mitgliedschaft in den Strukturen der deutschen Volksgruppe. Zuletzt befasst sich die Analyse mit dem Selbstbild der Volksgruppenangehörigen, das pointiert „zwischen Tradition und Modernität“ angesiedelt erscheint. In Hinsicht auf die xenophoben Tendenzen der aktuellen polnischen Regierungspolitik kommt dem an die soziologische Analyse anknüpfende abschließenden Kapitel, das (auf leider nur knapp sechs Seiten) „Anzeichen der Diskriminierung der deutschen Minderheit“ herausarbeitet, besondere Bedeutung zu.

Trotz einer „Abnahme der diskriminierenden Verhaltensweisen“ und der „Stabilisierung der deutschen Minderheit in der Region“ seit Ende der 1990er Jahre empfänden und erführen „in den ersten zwanzig Jahren des 21. Jahrhunderts die Angehörigen der deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Oppeln aufgrund ihrer deutschen Herkunft oder ihrer Zugehörigkeit zu einer Vereinigung der deutschen Minderheit immer noch eine schlechtere Behandlung“ – dies vor allem in Form verbaler Diskriminierung sowie im Bereich von Schule und Universität. Eine wesentliche Beeinträchtigung der deutschen Minderheit im Bildungssektor benennen die Autoren bereits zuvor an anderer Stelle: die faktische politisch-administrative Einschränkung des gesetzlich verbrieften Rechtes auf muttersprachliche Bildung. (Vergleichbares gilt für die Verwendung der deutschen Sprache als Hilfssprache in den lokalen Ämtern.) Klarsichtig benennen sie dessen Folgen: „eine Verringerung der Stundenzahl des Deutschunterrichts, die Abwanderung von qualifiziertem Personal, die Verschlechterung der Qualität des Unterrichts und infolgedessen die Verschlechterung der Sprachkenntnisse bei den nachfolgenden Generationen der Angehörigen der deutschen Minderheit sowie eine potentielle Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt“.

Diese Feststellung ist umso brisanter, als die Autoren bereits zuvor feststellen, dass – im Vergleich zu früheren Untersuchungen – die fließende Beherrschung des Deutschen in Schrift und Wort deutlich zurückgegangen ist. Demgegenüber erfreue sich der schlesische Ethnolekt einer zunehmenden Beliebtheit. Dieser Beobachtung entspricht die Tatsache einer zunehmenden Hybridisierung der ethnisch-kulturellen Selbstidentifikation: „Es wurde festgestellt, dass unter den Befragten die schlesische Identifikation dominiert, gefolgt von der deutschen nationalen Identifikation. Dies bedeutet, dass in der subjektiven Wahrnehmung ein höherer Prozentsatz der Befragten eine regionale Identifikation als eine nationale Identifikation angab.“

Eine solche ‚Regionalisierung‘ der Identitäten muss jedoch nicht als zwingender Nachteil für die Wahrung des deutschen Erbes gesehen werden. Vielmehr scheint sich Kontinuität in eben einem solchen kulturellen Kontext zu bewähren; denn zusammenfassend können die Autoren konstatieren, „dass die deutsche Minderheit als Gruppe und Organisation, aber auch die deutsche Sprache und Identität in vielen Bereichen einen gewissen Mehrwert für die Befragten darstellen“. Hiermit verbindet sich freilich die Einsicht, dass es – gerade angesichts der fortbestehenden tendenziellen Diskriminierung – nottut, „dass nach wie vor Minderheitenfragen noch stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden sollten, eine bessere Aufklärungsarbeit über die deutsche Minderheit erforderlich ist und die gegenseitigen deutsch-polnischen Beziehungen weiter gestärkt werden müssen“.

Daher ist es auch – gerade angesichts der gegenwärtigen Großwetterlage in den deutsch-polnischen Beziehungen – erfreulich, dass es sich bei der vorliegenden Studie erkennbar um ein deutsch-polnisches Projekt handelt. So wurde die Veröffentlichung finanziell durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, das Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften, die Adam-Mickiewicz-Universität in Posen sowie die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen gefördert. Noch erfreulicher wäre, es wenn dieser regionalen Fallstudie weitere Einzelstudien oder sogar eine Gesamtstudie zur Lage der deutschen Volksgruppe in der gesamten Republik Polen folgten.

Tilman Asmus Fischer

Magdalena Lemańczyk u. Mariusz Baranowski, Die deutsche Minderheit als (Mehr-)Wert. Analysen aus der Woiwodschaft Oppeln, Göttingen 2021. 35 Euro; ISBN: 978-3-8471-1310-2. Zugleich erschienen als kostenfreie Open-Access-Publikation (PDF): https://www.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.14220/9783737013109

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2021.

Auf ein Wort: Erinnerungskultur ist Demokratieförderung

Von Lucas Koppehl und Tilman A. Fischer

Identitätspolitik ist heute in aller Munde. Die Deutungshoheit über dieses Thema ist wohl Gegenstand der schärfsten Debatten des Jahres 2021. Seien es Geschlechterfragen, koloniale Überbleibsel oder die Verortung unseres nationalen Selbstverständnisses – von rechts wie links ein Minenfeld. Es zeigt sich: Debatten tun not. Die Schärfe des aktuellen „Diskurses“ zeigt hingegen, wie groß die Ängste verschiedener Teile der Gesellschaft vor der künftigen Gestalt unseres Landes und seiner künftigen Legitimationsbezüge sind. Denn nicht erst seit George Orwells „1984“ wissen wir „Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“

Unser Land hat also wieder einmal Selbstzweifel. Was lapidar klingt, hat doch einen ernsten Kern. Denn Identitätspolitik kommt eben ohne Erinnerungspolitik nicht aus. Erinnerungskultur hingegen legt fest, welche Werte in unserer Demokratie Konsens sind und welche nicht. Nach Ansicht der Autoren kommen bei erinnerungspolitischen Debatten in Deutschland jedoch jene Kräfte oft zu kurz, die selber über einen reichen Schatz an historischen Erfahrungen verfügen, – oder sie melden sich gleichsam zu wenig zu Wort. Dabei hätten sie viel beizutragen.

Hierbei geht es sowohl um Repräsentanten einer demokratischen Tradition unseres Landes, die durch die Wirren der deutschen Geschichte nicht belastet sind, als auch um solche, die in einer authentischen Weise für eine deutsche Lerngeschichte stehen, die aus ebendiesen Wirren Einsichten gewonnen und Konsequenzen gezogen hat. Zu den erstgenannten Akteuren gehört das 1924 von den Parteien der Weimarer Koalition gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold; zu den zweitgenannten ein Gutteil der – nach der Unheilsgeschichte von Rassenwahn und ethnischen Säuberungen – auf Versöhnung und europäischen Ausgleich orientierten Interessenverbände der deutschen Vertriebenen.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Das Reichsbanner wurde am 22. Februar 1924 auf Betreiben der SPD zusammen mit der liberalen Deutschen Demokratischen Partei und der katholischen Zentrumspartei gegründet. Schnell entwickelte es sich zu einer Massenorganisation mit mehr als drei Millionen Mitgliedern. Neben fünf Reichskanzlern waren bekannte Mitglieder unter anderem Philip Scheidemann, Otto Wels, Julius Leber, Fritz Bauer, Paul Löbe und Theodor Heuss – aber auch etwa der im westpreußischen Kulm geborene Kurt Schumacher. Das Reichsbanner kann heute für sich reklamieren, stets auf der Seite der Freiheit, der Demokratie und der Republik gestanden zu haben. Dem Kampf gegen Nationalsozialisten, Kommunisten und Monarchisten, die die Republik von Anfang an erbittert bekämpften, fielen etliche seiner Mitglieder zum Opfer – zumal nach der Machtübertragung auf Hitler, gegen den viele der Reichsbannermänner im Untergrund Widerstand leisteten.

Der nach wie vor bestehende Verband vereint auf Grund dieser Vergangenheit wohl wie kaum eine andere politische Organisation in Deutschland Geschichte, Gegenwart und Zukunft in sich. Auf Grund der am eigenen Beispiel erlebten Erfahrungen sowie seiner Demokratie- und Freiheitstraditionen, die über die Weimarer Zeit bis zur 1848er Revolution zurückreichen, kann das Reichsbanner bei drohenden Aushöhlungen der demokratischen Verfassungsordnung heute wohl mit besonderer Glaubhaftigkeit mahnen.

Für diese Verfassungsordnung stehen ebenso glaubwürdig die Organisationen der deutschen Heimatvertriebenen ein. Vor dem Hintergrund der Folgen, die Nationalismus und politischer Extremismus – in die auch Mitglieder aus den eigenen Reihen verstrickt waren – über Europa gebracht hatten, bekannten sie sich 1950 in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen nicht nur zum Verzicht „auf Rache und Vergeltung“, sondern ebenso zur „Schaffung eines geeinten Europas […], in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können“. Ihr Versprechen, „durch harte, unermüdliche Arbeit“ teilzunehmen „am Wiederaufbau Deutschlands und Europas“ bedeutete zugleich ein Bekenntnis zu einem demokratischen Deutschland, für das die deutschen Heimatvertriebenen – und Spätaussiedler – mit einer wachsenden Zahl an Unterstützern und Interessierten aus ihrem Umfeld bis heute eintreten.

Erinnerungspolitisch legt das Reichsbanner ebenso wie die deutschen Heimatvertriebenen besonderen Wert auf eine Politik, die selbstbewusst auch auf die positiven Teile und Traditionen der deutschen Geschichte aufmerksam macht. Dabei stehen die Revolution von 1848/1849 und die Paulskirche nicht nur für das Fanal des deutschen Parlamentarismus, sondern ebenso für ein Bekenntnis zur nationalen Einheit, das nicht Feindschaft, sondern Solidarisierung mit den Nachbarvölkern – und hier insbesondere dem polnischen Volk – begründete. Hinzu treten die demokratischen Errungenschaften der Weimarer Republik und der vielfältige Widerstand gegen den Nationalsozialismus sowie der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. Die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung Deutschlands in einem geeinten Europa, an denen nicht zuletzt Deutsche mit Wurzeln im Osten Europas Anteil nahmen, bilden jüngere Bezugspunkte eines positiven Selbstverständnisses.

Die Gegnerschaft zu politischem und religiösem Extremismus ist das Eine, das positive Bekenntnis zu unserem Land und zu unserer Demokratie ist das Andere. Denn aus den Geschehnissen in Weimar ebenso wie aus den Verwerfungen der Geschichte Deutschlands mit seinen Nachbarn muss die Lehre gezogen werden, dass der demokratische, republikanische deutsche Staat überzeugte Unterstützerinnen und Unterstützer braucht, die diesen Staat nicht nur als notwendiges Übel ansehen, sondern als positiven Wert an sich begreifen. Dies muss stets im Mittelpunkt allen erinnerungspolitischen Bemühens stehen.

Lucas Koppehl ist Bundesgeschäftsführer des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten e.V.

Tilman A. Fischer ist Vorstandsbeauftragter der Westpreußischen Gesellschaft – Landsmannschaft Westpreußen e.V.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 3/2021.

Lehren für die Zukunft

Haben Friedensmissionen noch Sinn? Ein Interviewmit Brigadegeneral a. D. Klaus Wittmann

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Dr. Wittmann, 2007 veröffentlichte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland die Denkschrift „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“, an deren Erarbeitung Sie als Mitglied der Kammer für Öffentliche Verantwortung beteiligt waren. Welche Bedeutung kam den Erfahrungen der ersten gut fünf Jahre des Afghanistaneinsatzes zu?

In der Friedensdenkschrift spiegeln sich bereits erste Erfahrungen wider. Ein ganzer Abschnitt widmet sich den „Grenzen internationaler bewaffneter Friedensmissionen“, ist von einer gewissen Skepsis durchzogen und stellt Kriterien auf bezüglich der Ziele, Mitsprache Betroffener, Legitimation, Erfolgsaussichten, Verhältnismäßigkeit und unabhängiger Evaluation. Mit Blick auf Einsatzgebiete wie Afghanistan war für die Verfasser damals schon erkennbar, „dass militärischer Einsatz allein nicht Frieden, wirtschaftlichen Aufschwung und demokratisches Zusammenleben bewirkt, dass die Herstellung eines ‚sicheren Umfelds‘ und der Wiederaufbau gleichzeitig und nicht hintereinander zu verwirklichen sind“. Zwar könne „Entwicklung in kriegsgeplagten Staaten nur in einem gesicherten Umfeld gelingen, aber wenn die Bevölkerung keinen wirtschaftlichen und Entwicklungsfortschritt verspürt, droht der militärische Schutz zum Selbstzweck zu werden, und die Soldaten der Friedensmission werden in zunehmendem Maße als ‚Besatzer‘ angesehen“. 

Brigadegeneral a.D. Dr. Klaus Wittmann (Foto: Ralf John)

Inzwischen sind fast 15 Jahre vergangen, und die Lage in Afghanistan ist nach dem Abzug der westlichen Streitkräfte fatal. Wie ist der Einsatz rückblickend unter den Kriterien des „gerechten Friedens“ zu beurteilen?

Wenn der Afghanistaneinsatz ein Misserfolg war, ist das nicht ein Scheitern der NATO oder der Bundeswehr, sondern der Internationalen Gemeinschaft, die dem Militär einen viel zu großen Teil der Aufgaben überlassen hat. Für mich war es auch rückblickend richtig, das Taliban-Regime zu stürzen, das schon 1999 und 2000 in VN-Resolutionen zur Beendigung der Unterstützung von Al Qaida aufgefordert worden war. Und es war verantwortungsvoll,  anders als die Sowjetunion das Land nicht seinem Schicksal zu überlassen. Aber die Fülle der sich daran anschließenden Fehler, Versäumnisse, Probleme ist immens: u.a. versäumtes Versöhnungskonzept, ausgebliebener Einbezug von Nachbarn, überhöhtes Ziel eines demokratischen Zentralstaats, Verkennen der Stammeskultur und des historischen Entwicklungsstands sowie der Bedeutung der Regionen, mangelnde Koordination der vielfältigen Hilfsorganisationen, Setzen auf Warlords, Hinnahme der Korruption, Unterschätzen von Zeit und Kosten eines solchen Einsatzes, Illusionen über state building und social engineering, Diskrepanz der Einsätze zur Schaffung eines zivilen Umfelds (ISAF) und zur Terrorbekämpfung („Enduring Freedom“)  mit einhergehender oftmals brutaler Behandlung der Bevölkerung.

Also hatte Bischöfin Dr. Margot Käßmann recht mit „Nichts ist gut in Afghanistan“?

Das nun auch nicht. Die Afghanen, in besonderem Maße in den Städten, haben fast 20 Jahre  lang Freiheit, Frauenrechte, Medienpluralismus, substantielle Verbesserungen im Bildungssystem, Fortschritte im Gesundheitswesen usw. erlebt. Es ist nicht mehr dasselbe Land wie 2001. Die große Frage ist freilich, wieviel von dem Erreichten unumkehrbar ist, und auch ob die Taliban pragmatischer geworden sind, die ja selbst gerade auf dem Lande, wo sie nie verschwunden waren, das segensreiche Wirken von Hilfsorganisationen beispielsweise auf medizinischem Gebiet erlebt haben. Auch wissen sie, dass sie auf Hilfe von außen angewiesen bleiben. Aber vielleicht werden sie sich die dann eher von China geben lassen.

Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage: Haben Friedensmissionen nach Afghanistan noch Sinn?

Das ist ein vielschichtiger Begriff. Sinn haben weiterhin Blauhelmeinsätze der Vereinten Nationen sowie die von den VN 2005 proklamierte „Schutzverantwortung“; in Fällen wie Ruanda oder Srebrenica wurde ein Eingreifen versäumt – mit schaurigen Folgen. Der in Afghanistan, Irak und Libyen zu beklagende Misserfolg hat je nach Fall unterschiedliche Gründe. Es wäre falsch, aus der Ernüchterung zu folgern, sich künftig völlig herauszuhalten. In Syrien kann man sehen, wohin das führt. Dort hätte 2011 ein begrenztes Vorgehen gegen die völlig unverhältnismäßige Gewaltanwendung gegenüber zunächst völlig friedlichen Protesten viel Schlimmes verhindert.

Voraussetzungen sind: im Zusammenwirken mit den Einheimischen klar definierte Ziele, realistische Ambitionen und Zeitvorstellungen, eindeutige Kriterien für Erfolg und Misserfolg (statt Sieg oder Niederlage), Verweis des militärischen Elements auf seinen Platz, Koordination und Kooperation zwischen staatlichen und nichtstaatlichen, nationalen und internationalen, militärischen und zivilen Akteuren, Transparenz gegenüber der Gesellschaft des Entsendelands – und fortlaufende ehrliche Evaluierung: Schon die Friedensdenkschrift hatte 2007 eine Enquêtekommission zur deutschen Sicherheitspolitik im Lichte der Auslandseinsätze gefordert.

Hat das Prinzip der Schutzverantwortung, das 2001 – just im ersten Jahr des Afghanistankrieges – von der Internationalen Kommission zu Intervention und Staatensouveränität formuliert worden war, also „nach Afghanistan“ noch eine Zukunft?

Gut, dass die Frage das Jahr 2001 erwähnt, denn es war eine „abgemagerte“  Version der Responsibility to Protect (R2P), die 2005 VN-Konsens erreichte. Verloren ging, was gültig bleiben sollte –  die Dreistufigkeit des Konzepts: Prävention, Reaktion, Wiederaufbau (Responsibility to Prevent, to React, to Rebuild). Und „Reaktion“ heißt nicht allein militärisches Eingreifen. Aber eins kommt in der Friedensdenkschrift deutlich zum Ausdruck: Militärische Gewalt als ultima ratio heißt nicht „letztes“, sondern „äußerstes“ Mittel. Manchmal ist ihr frühzeitiger dosierter Einsatz oder zumindest ihr glaubwürdiges Vorzeigen geeignet, Schlimmeres zu verhindern. Gegenüber bestimmten Akteuren braucht auch die präventive Diplomatie ein „militärisches Rückgrat“.

Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck hat bereits 2019 daran erinnert, dass in einer Demokratie „die Last der friedensethischen Herausforderungen nicht nur auf den Schultern der Soldaten liegt“. Die Gesellschaft könne nicht länger „die Augen vor den schwierigen sittlichen Fragen verschließen, die der soldatische Dienst heute aufwirft. Auch der Bürger ist in seinem Gewissen gefragt.“ Was bedeutet das für sicherheitspolitische Debatten hierzulande?

Es bedeutet vielerlei: beispielsweise das seinerzeit von Bundespräsident Köhler konstatierte „freundliche Desinteresse“ an der Bundeswehr zu überwinden, intensiv die Frage von Schuld bei Handeln – aber auch bei Nichthandeln – zu thematisieren, der Bevölkerung die Kosten unserer Sicherheit zu vermitteln, die Notwendigkeit der Solidarität mit Verbündeten und der Empathie für geschundene Menschen darzustellen, Sicherheitspolitik auch im Bundeskanzleramt als „Chefsache“ zu betrachten, einen Bundessicherheitsrat einzurichten, der diese Bezeichnung verdient, die öffentliche Meinung zu prägen, anstatt ihr lediglich zu folgen, jährlich eine nationale Sicherheitsstrategie (natürlich im NATO- und EU-Rahmen) aufzustellen und im Bundestag zu diskutieren. Und: Die derzeit überall zu hörende Bewunderung für den Bundeswehreinsatz bei Kabul sollte keine Eintagsfliege sein, sondern der Dienst, die Belastungen, die Traumatisierungen der Soldatinnen und  Soldaten müssen die breite Gesellschaft interessieren.

Dr. Klaus Wittmann ist Brigadegeneral a.D. der Bundeswehr, war Mitglied der 10. Synode der EKD und lehrt Zeitgeschichte an der Universität Potsdam

Erschienen am 2. September 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Kurz vorgestellt: „Schöpfung ohne Krone“ von Eileen Crist

Ein wachrüttelndes und nachdenklich stimmendes – jedoch auch zu kritischen Rückfragen anregendes – Buch hat die amerikanische Soziologin Eileen Crist verfasst: „Schöpfung ohne Krone“. Der Titel lässt bereits eine Infragestellung des Menschen erahnen – und hinsichtlich der in den letzten Jahrtausenden entfalteten Lebensweise des Homo sapiens trifft dieser Eindruck auch zu. Denn die Autorin zeigt in einer detail- und materialreichen Analyse den inneren Zusammenhang zwischen menschlichem Überlegenheitsdenken gegenüber der nichtmenschlichen Mitschöpfung einerseits und dem krisenhaften gegenwärtigen Artensterben andererseits auf.

Dabei geht sie nicht zuletzt auch mit der christlich-jüdischen bzw. abendländischen Geistesgeschichte ins Gericht, die es beförderte, den Menschen als ‚Krone der Schöpfung‘ zu stilisieren und damit seinen Expansionismus zulasten der unberührten Natur zu befördern. Kaum kommen hingegen Ansätze aus der reichen biblischen und theologischen Tradition zur Sprache, die den Menschen in seiner Verantwortung gegenüber und seiner Verbundenheit mit der Schöpfung ansprechen und seine eigene Hybris infrage stellen. Hätte man sich hier etwas ‚Milde‘ im Urteil gewünscht, so verwundert wiederum Crists Ringen mit der Frage, inwieweit der Drang des Menschen zur Beherrschung der Natur in seinem Wesen veranlagt sei. Zumindest seine Wirksamkeit will sie jedoch v. a. durch „soziohistorische Konditionierung“ erklären. Doch fragt sich: Wäre – angesichts ihrer Kritik am Gebaren der Menschen – hier ein dualistisches Menschenbild in scholastischer Tradition (a la „simul iustus et peccator“) nicht ehrlicher?

Tilman Asmus Fischer

Eileen Crist: Schöpfung ohne Krone. Warum wir uns zurückziehen müssen, um die Artenvielfalt zu bewahren. oekom verlag, München 2020, 400 Seiten, EUR 28,–

In ähnlicher Form erschienen am 19. August 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Auf den Spuren eines wirkmächtigen Narrativs

Bücher über ein Wirtschaftswunder, das es nie gab und bis heute die Gemüter bewegt

Von Tilman Asmus Fischer

Noch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist eines der Phänomene, die die deutsche Nachkriegsgeschichte prägten, in aller Munde: das Wirtschaftswunder – mit seiner Lichtgestalt Ludwig Erhard im Zentrum. Dabei weisen Wirtschaftshistoriker bereits seit Jahren auf die Fragilität dieses historischen Narrativs hin. So bereits im September 2020 Werner Abelshauser im „Spiegel“-Interview: „Es ist seit Jahrzehnten Forschungsstand, dass Erhards Nimbus als Vater des Wirtschaftswunders ein Mythos ist. Aber das hat vor allem damit zu tun, dass die Erzählung vom Wirtschaftswunder selbst ein Mythos ist.“ Denn bis ein Jahr vor Kriegsende habe die deutsche Wirtschaft zu den „führenden der Welt gezählt“: eine „Hightech-Ökonomie“, die „systematisch Wissenschaft und Wirtschaft verband“. Daran habe die Bundesrepublik unmittelbar anknüpfen können.

Ludwig Erhard mit seinem Buch, 1957 (Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0)

Mit Daten und Fakten untermauert kann Abelshauser festhalten: „In der berühmten Stunde null war Deutschland ökonomisch potenter als vor dem Krieg.“ Daher gilt für ihn: „Diese hoch entwickelte Ökonomie ist in den Fünfzigerjahren nicht vom Himmel gefallen, sie war längst da. Erhard hat sich ihrer bedient und sie weltweit erfolgreich gemacht. Das ist sein bleibendes Verdienst.“ Trotz oder gerade wegen des mythischen Charakters des Wirtschaftswunders, lohnt es sich noch heute, diesem – als Teil deutscher Nachkriegsgeschichte- und Identität – nachzuspüren. Dies ermöglichen zwei Bücher auf je eigene Weise.

Bei dem einen handelt es sich gewissermaßen um ,das Buch zum Wirtschaftswunder‘, Ludwig Erhards Klassiker „Wohlstand für alle“. Dem Reprint der letzten von Erhard autorisierten Fassung aus dem Jahre 1964 ist ein kundiges Vorwort von Lars P. Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, vorangestellt. Beschlossen wird es von einem Epilog zur „Nachwirkungsmacht von ,Wohlstand für alle‘“ von Ulrich Blum und Roland Tichy, stellvertretender Vorsitzender und Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Bei dem zweiten Titel handelt es sich um eine zeitgeschichtliche Studie des Historikers Manfred Kittel über die Politik des bundesdeutschen Lastenausgleichs von 1952 bis 1975. Stellen die deutschen Ostvertriebenen die „Stiefkinder des Wirtschaftswunders“ dar, fragt der Gründungsdirektor der Bundesstiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“.

Das zum 70-jährigen Jubiläum des Econ-Verlags herausgegebene Reprint seines Bestsellers von Erhard ist ein in doppelter Hinsicht bemerkenswertes Dokument. Zum einen ermöglicht es einen unmittelbaren Eindruck vom Geist der Wirtschaftswunderjahre und vom hiermit einhergehenden Selbstbewusstsein seines so empfundenen Spiritus Rector. Dies kündigen bereits einzelne der Kapitelüberschriften an: „Die Geburt der Marktwirtschaft“ – „Die Meisterung der Hochkonjunktur“ – „Marktwirtschaft überwindet Planwirtschaft“ – „Marktwirtschaft ermöglicht gerechten Lohn“ – „Versorgungsstaat – der moderne Wahn“ – „Der Phönix steigt aus der Asche“. Wer eintaucht, kann dieser Fortschrittsgläubigkeit auf vielen der Seiten nachspüren.

Zum anderen dokumentiert die Neuausgabe eben die – Blum und Tichy nennen es (nicht zu Unrecht) – „Nachwirkungsmacht“ von „Wohlstand für alle“; man könnte jedoch auch sagen, dessen Potenzial zur Indienstnahme für aktuelle wirtschaftspolitische Programmatiken. Anders als im Falle etwa von Sarah Wagenknecht geschieht dies bei den Vertretern der nach dem historischen Verfasser benannten Stiftung durch eine neoliberale Lesart Erhards. In den Worten seiner Interpreten klingt dies dann wie folgt: „Der vorliegende Text hat auch gut 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen die Wirkungsmacht, für eine Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft in dem Sinne zu werben, dass Freiheit und Verantwortung zwei Seiten einer Medaille sind und private Initiative Vorzug vor staatlichem Paternalismus hat. Dies umzusetzen, obliegt niemand anderem als den Mitgliedern unseres demokratischen Gemeinwesens.“

In Kittels Studie wiederum hat die historische Analyse klaren Vorrang vor dem historischen Narrativ. Dies ist umso wichtiger, als der von ihm beleuchtete Lastenausgleich vielleicht nicht an Prominenz, jedoch, wo er öffentlich thematisiert wird, an Strahlkraft dem Wirtschaftswunder in nichts nachsteht. Umso mehr in den vergangenen Jahren, da die Gesamtleistung der Integration der deutschen Heimatvertriebenen bisweilen zur Blaupause für die Bewältigung der aktuellen Flüchtlingskrise(n) erhoben wurde.

Auf die Fragwürdigkeit solcher – zumindest pauschaler – Vergleiche hatte Manfred Kittel in den vergangenen Jahren wiederholt in Artikeln, Vorträgen und Interviews hingewiesen. Auch in dieser Hinsicht kommt dem umfangreichen Werk, welches in der Schriftenreihe der „Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien“ erschienen ist, eine gewisse Brisanz zu. Dabei handelt es sich ganz dezidiert nicht um einen tagesaktuellen Debattenbeitrag, sondern um eine wissenschaftliche Analyse, der die in sie investierte Akribie auch nach Drucklegung noch abzuspüren ist.

Zu den Details und Nuancen, die Kittel zum Lastenausgleich sowie dem um ihn geführten politischen Diskurs herausarbeitet, gehört vor allem das bisher in der breiten Öffentlichkeit kaum thematisierte Schicksal des ostdeutschen Mittelstandes: der Landwirte und Betriebseigentümer aus den Ostgebieten, die am Gesamtvolumen des Lastenausgleichs in vergleichsweise nur geringem Umfang Anteil erhielten und daher einen sozialen Abstieg erlebten. Diese Entwicklung sowie die hieraus resultierenden politischen Diskussionen in den ersten drei Jahrzehnten der Bundesrepublik zeichnet Kittel auf der Grundlage jahrelanger Archivrecherchen nach. Damit verhilft er auf exemplarische Weise zu einer differenzierten Sicht auf die jüngere deutsche Sozialgeschichte.

  • Ludwig Erhard: Wohlstand für alle. Ullstein, Berlin 2020. 400 Seiten, ISBN 9-78343021-039-3, EUR 20,–
  • Manfred Kittel: Stiefkinder des Wirtschaftswunders? Die deutschen Ostvertriebenen und die Politik des Lastenausgleichs (1952 bis 1975). Droste, Düsseldorf 2020, 672 Seiten, ISBN 978-3-7700-5349-0, EUR 68,–

Erschienen am 12. August 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Kirche bittet um Vergebung

Bußwort der Kirchen am Vorabend des CSD und Taufe eines Fußballers

Von Tilman Asmus Fischer

„Etwas schreit in mir: zu spät“, bekundete Erna Pachulke in ihrer Reaktion auf die Erklärung der Kirchenleitung der EKBO zur Schuld an queeren Menschen im Rahmen des Gottesdienstes am Vorabend des Christopher Street Day (CSD) am 23. Juli in Berlin. In sehr persönlichen Worten berichtete die Berliner Trans-Ikone, wie ihr Selbstwertgefühl als Heranwachsende im Rahmen einer „christlichen Erziehung“ zerstört wurde. Manchmal habe sie vor dem Spiegel gestanden und zu sich selbst gesagt: „Du bist ein perverses Schwein mit einer perversen Sexualität.“ Dabei führte Pachulke in die Reflexion ihrer beklemmenden Erfahrungen eine markante Differenzierung ein: Sie sei niemals von „der Kirche“ diskriminiert worden – sondern von einzelnen Menschen: „Keiner von ihnen hat mich um Verzeihung gebeten.“

Institutionelle und individuelle Bitte um Vergebung

Diese Unterscheidung zwischen Institution und Individuum mag die Bedeutung der Worte unterstreichen, die Bischof Christian Stäblein in seiner auf das Bußwort hinführenden Predigt fand: „Ich war in den Fragen von sexueller Identität und Kirche ein Mitläufer, ja ein Mitläufer in dem, was man an Unsinn sagte. Etwa dass ‚,die‘ ja gut Pfarrer*innen werden könnten, aber das dann eben leider bitte nicht offen leben dürften‘. Dass deshalb ‚für ‚die‘ leider kein Platz vor dem Altar sei‘. Die? Kein Platz? In Gottes Liebe? In der Kirche?“

So vermied der Bischof, sich hinter dem Kollektiv der Kirche zu verstecken, sondern verband die institutionelle und damit letztlich abstrakte mit einer individuellen, konkreten Bitte um Vergebung: „Ich weiß, dass ich so was gesagt habe, in den 1990ern, in den 2000ern. Ich sage heute: Ich schäme mich dafür. Ich bitte um Vergebung.“

Wertschätzung war für den Fußballer entscheidend

Zur symbolischen Rahmung des Bußwortes trug wesentlich die Taufe des Sportbeauftragten des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte, Marcus Urban, durch Bischof Stäblein bei. Urban hatte als einer der wenigen geouteten Fußballspieler mit seiner von Ronny Blaschke verfassten Biografie „Versteckspieler“ für Homophobie im Profifußball sensibilisiert. Der gebürtige Thüringer spielte in verschiedenen DDR-Nationalmannschaften und war später Profifußballer bei Rot-Weiß Erfurt. Urbans Taufe, so Stäblein, betone die Verbindung seines Lebens „mit dem Vielfalt liebenden Gott“. In einem Pressegespräch vor dem Gottesdienst berichtete Urban, dass für seine Entscheidung zur Taufe die Wertschätzung seiner Person, die er in der Kirche erfahren habe, entscheidend gewesen sei; „mit Gott im Gespräch“ sei er schon zuvor gewesen.

Bischof Christian Stäblein bei der Verlesung des Bußwortes (Foto: Ting-Chia Wu)

Kultursenator und Staatssekretärin würdigen die Entschuldigung der Kirche

Neben Erna Pachulke reagierten im Gottesdienst auch Juliane Seifert und Klaus Lederer (Die Linke) mit Wortbeiträgen auf das Bußwort der Kirche. Dabei fokussierte der Berliner Senator für Kultur und Europa, Lederer, freilich eher auf die offizielle Diversity-Politik des Landes Berlin, für die er um die Kirche als „zivilgesellschaftliche Verbündete“ warb.

Seifert, Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, war es hingegen deutlicher um eine inhaltliche Würdigung der kirchlichen Bitte um Entschuldigung getan. Sie resümierte: „Dieses Dokument reicht über ihre Kirche hinaus – es appelliert an die gesamte Gesellschaft, sich mit uns selbst auseinanderzusetzen, mit unseren Urteilen und Vorurteilen, unserer Schuld und unserer Verantwortung.“

Ferner hielt Seifert an Bischof Stäblein gerichtet fest, dass das Bußwort „weit über den Wirkungskreis Ihrer regionalen Verantwortung“ hinausgehe. Dies ist vor dem Hintergrund bedenkenswert, dass das Bußwort sich nicht nur auf konkrete Fälle von Diskriminierung bezieht, sondern zugleich auf zugrundeliegende Haltungen und hiermit verbundene theologische Positionen abhebt. Damit bittet die EKBO nicht nur für das konkrete Handeln eigener kirchenleitender Funktionsträger um Vergebung, sondern für Theologien und Gesinnungen, die in der EKBO inzwischen marginalisiert sind, jedoch bei anderen Partnern der grenzüberschreitenden Ökumene – sowie in einzelnen Gliedkirchen der EKD – durchaus noch stärkeren Rückhalt genießen.

Viel Zuspruch in der EKD

Innerhalb der Kirchenkonferenz der EKD nimmt Bischof Stäblein freilich, so im Pressegespräch, sehr viel Zuspruch und Aufmerksamkeit für entsprechende Entwicklungen seiner Landeskirche wahr. In der Ökumene sei es wiederum „ungeheuer wichtig, die Haltungsänderung immer wieder deutlich zu machen“ – eben auch mit dem Bußwort.

Erna Pachulke geht davon aus, dass die Kirche – wenn auch vielleicht nicht in Berlin – in Zukunft immer wieder für die Diskriminierung queerer Menschen missbraucht werde. Daher ist die Erklärung der Kirchenleitung auch für sie „umso wichtiger“. Und deshalb könne sie am Ende sagen: „Dank aus ganzem Herzen!“

Den Text des Bußwortes finden Sie im vollen Wortlaut auf Seite 6 dieser Ausgabe dokumentiert und auf der Homepage der EKBO www.ekbo.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 30/2021.

„Wir sind keine Propheten“

Wie kann man heute verantwortlich davon reden, dass Gott in der Welt handelt? Ein im April veröffentlichtes Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen befasst sich mit dem „Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens“. Michael Beintker, emeritierter Professor für Systematische Theologie und bis Frühjahr 2021 Ausschussvorsitzender, erläutert im Interview mit Tilman Asmus Fischer, was es bedeutet, Gottes Handeln als Metapher zu verstehen. Er spricht darüber, wie wir angesichts von Corona von diesem Handeln noch singen können.

Herr Beintker, seit einigen Wochen darf in Gottesdiensten wieder gesungen werden. Aber können wir – zumal ‚nach Corona‘ – noch vom Handeln Gottes so singen wie früher? Konkret: was setzt es voraus, mit Paul Gerhardt (EG 325,5) einzustimmen: „Meiner Seele Wohlergehen hat er ja recht wohl bedacht, will dem Leibe Not entstehen, nimmt er’s gleichfalls wohl in acht“?

Es setzt auf alle Fälle ein vertrauensvolles Verhältnis zu Gott als dem Herrn meines Lebens voraus. Sodann ist das Vertrauen, dass mir Gott in den Nöten und Leiden meines Lebens hilft, unabdingbar. Gott kann diese Erwartung enttäuschen und das erleben wir auch immer wieder. Dann singen wir vielleicht mit einem reformierten Psalm von Gott, „der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt“ (EG 281,3). Aber es ist auf alle Fälle so, dass man auch in der Enttäuschung der Gegenwart Gottes gewiss sein kann. Deshalb dürfen wir nicht aufhören zu singen, wie Paul Gerhard es uns empfiehlt.

Als sachgemäßes Verständnis vom Handeln Gottes schlägt das unter Ihrer Leitung erarbeitete Votum dasjenige einer Metapher vor. Und so lassen sich auch Paul Gerhardts Worte als metaphorische Rede verstehen. Worin liegen die Vorzüge eines metaphorischen Verständnisses des Handelns Gottes?

Dahinter steht ein Verständnis von Sprache, das die Übertragung von Sachverhalten in Bilder – darum geht es ja in Metaphern – ernstnimmt und erkennt: Mit Blick auf Gottes Geheimnis ist es so, dass wir von einer Wirklichkeit reden, für die wir eigentlich keine Sprache haben. Wir reden vom Unendlichen mit den Mitteln des Endlichen – oder vom Ewigen mit den Mitteln des Zeitlichen. Wir können uns eigentlich nur an der Sprache orientieren, die Gott uns selber schenkt. Das ist die Sprache des Glaubens, wie wir sie mit der Bibel erlernen. Die Metapher des Handelns hilft uns, das, was unsagbar und eigentlich auch gar nicht genau beschreibbar ist, auszusprechen und uns dafür einen Wirklichkeitsraum zu erschließen, den wir ohne sie nicht hätten.  So führt uns die Metapher in die Weite und Tiefe der Wirklichkeit Gottes.

Für Paul Gerhardt gehören zu dieser Wirklichkeit auch – drei Strophen später besungen – Gottes „Strafen, seine Schläge“ als „Zeichen, dass mein Freund, der mich liebet, mein gedenke und mich von der schnöden Welt, die uns hart gefangen hält, durch das Kreuze zu ihm lenke“. Wie singbar ist das im Sommer 2021?

Hier wird es schwierig. Paul Gerhardt dichtet in einer Situation, in der die Rede von den Widrigkeiten, die mein Leben prägen, zu schnell mit den Strafen Gottes verknüpft worden sind. Dabei soll der Gedanke trösten, dass der, der mich liebt, mich auch schlägt – und dann sind die Schläge nicht so schlimm. Das können wir in dieser Weise nicht mehr sagen, weil wir nicht in das Geheimnis Gottes schauen, um zu ergründen, wo Strafmotive liegen könnten, sondern um die Liebe zu erkennen, mit der Gott uns hält. Aber es ist natürlich so, dass die Dinge, die uns umwerfen, uns in bestimmter Weise auch immer wieder zu neuen produktiven Erfahrungen führen können. Ich habe in meinem Leben jedenfalls niemals erlebt, dass eine negative, sehr einschneidende Erfahrung am Ende nicht doch auch eine Erfahrung war, in der ein versteckter Segen lag. Aber das kann man überhaupt erst hinterher sagen und nicht in der akuten Situation – und schon gar nicht, um damit den Gedanken zu artikulieren, dass wir bestraft werden.

(Foto: MichaelGaida)

Sollte also von Gottes Strafe in Theologie und Kirche geschwiegen werden? Der frühere Militärbischof Hartmut Löwe hatte ebendiese Tendenz angesichts der Pandemie im Mai 2020 kritisiert.

Ich fand es – ähnlich wie Altbischof Löwe – verwunderlich, dass manche gesagt haben: „Das kann überhaupt nicht Gottes Strafe oder Gottes Gericht sein.“ Da habe ich mich gefragt: Woher wissen die das eigentlich? Und umgekehrt, bei denjenigen, die gesagt haben: „Ja, das muss ein Ausdruck des Gerichts Gottes sein und Gott straft“, da habe ich mich genauso gefragt: Woher wissen die das? Eigentlich muss man Prophet sein, um Fragen dieser Art zu beantworten – und da wir keine Propheten sind, ist es uns verwehrt, diese Fragen in der einen oder anderen Richtung zu beantworten. Was wir freilich sagen müssen, ist dies: Auch diese Krise hat etwas mit Gott zu tun. Das sagen wir schon deshalb, um Gott anzurufen, dass er uns verschont und dass er uns errettet; dass er der Medizin Möglichkeiten öffnet, wie wir dem Virus standhalten. Man kann nicht sagen: Diese Krise hat mit Gott überhaupt nichts zu tun. Denn damit würde man sagen: Alle entscheidenden Dinge, die in dieser Welt passieren, haben letztlich mit Gott nichts zu tun. Das wäre, finde ich, Gott nicht gemäß und auch dem Leben und unserer Erfahrung nicht gemäß.

Zu den Erfahrungen von Christinnen und Christen aller Zeitalter gehörte immer wieder, dass Gott nicht – bzw. nicht so, wie erwartet – handelt. Wie lässt sich das in die metaphorische Rede vom Handeln einfügen, die doch Aktivität vorauszusetzen scheint?

Die binäre Unterscheidung von Aktivität und Passivität ist viel zu einfach. Insbesondere der Weg ans Kreuz zeigt, dass Gott sich zurücknehmen und aller Gewalt und Allmacht entäußern kann. Dies ist jedoch keine Passivität. Denn auch das Lassen oder Unterlassen geschieht aus einem bestimmten Motiv heraus und ist insofern auch Handeln. Und so erfährt man auch im Nicht-Handeln Gottes, dass er handelt – jedenfalls, wenn man davon überzeugt ist, dass Gott existiert und das Leben bestimmt. Die Klagepsalmen sind nicht geschrieben worden aus der Überzeugung, dass Gott sich irgendwo zurückgezogen hat. Vielmehr klingt in ihnen die Enttäuschung an, dass er nicht handelt, obwohl er handeln müsste. Die Erfahrung, dass Gott nicht handelt, ist eine Glaubenserfahrung, die vor Gott ausgehalten werden muss.

Könnte dies letztlich auch zu einem Umdenken für unsere eigene Lebensführung Anlass geben?

Der moderne Mensch misst sein Menschsein an seiner Aktivität. Es könnte sich also positiv auf unsere Lebensökonomie auswirken, wenn wir uns klarmachen, dass nicht einmal Gott, der am siebten Tag von seinem Schöpfungswerk ausruhte, pausenlos aktiv ist. Auch wir müssen nicht ständig leisten.

Zum Weiterlesen: Michael Beintker u. Albrecht Philipps (Hgg.), Das Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und Vorträge aus de, Theologischen Ausschuss zur Frage nach dem Handeln Gottes (= Evangelische Impulse, Bd. 9), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021. 310 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-7887-3515-9.

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 29/2021.