Eine Insel in Bedrängnis

Seit mehreren Wochen verletzt die Luftwaffe der Volksrepublik China wiederholt den Luftraum von Taiwan. Die Insel wird von Peking als abtrünnige Provinz betrachtet – die Mehrheit der Taiwaner lehnt eine Vereinigung mit dem chinesischen Festland ab. Seit 1949 verwaltet sich die Insel selbst, 1996 gab es nach einer langen Phase der Einparteienherrschaft die ersten freien Präsidentschaftswahlen. Die Insel gilt mittlerweile als die vielleicht lebendigste Demokratie Ostasiens. Sie pflegt ein vielfältiges kulturelles Erbe. Daran haben gerade auch die in Taiwan vertretenen Religionen Anteil. Hierüber spricht der Schriftsteller und Religionswissenschaftler Stephan Thome im Interview mit Tilman A. Fischer. Thome lebt in Taipei, der Hauptstadt ­Taiwans. Unlängst erschien sein Reiseführer „Gebrauchsanweisung für Taiwan“.

Herr Thome, welche Bedeutung kommt Religion für die Entstehung einer taiwanischen Identität zu?

Man kann zeigen, dass in der Zeit der Kolonialherrschaft Japans über Taiwan ab Ende des 19. Jahrhunderts dem Kampf gegen die angestammten autochthonen (einheimischen, Anm. d. Red.) Religionen eine besondere Bedeutung zukam. Tempel waren immer auch soziale Orte, denen man misstraute, die man überwachen und teilweise schließen ließ. Taiwaner wurden gezwungen, in japanischen Shinto-Schreinen zu beten und traditionelle Rituale wurden umgeprägt. Diese gemeinsam erfahrene Unterdrückung hat dazu geführt, dass sich unter den Taiwanern so etwas wie eine gemeinsame Identität herausgebildet hat. Seit dieser Zeit lässt sich zurückver­folgen, wie sich die Taiwaner allmählich als Volk verstehen.

Auf die japanische Kolonialherrschaft folgte nach 1945 die Rückgabe an China, das sichinzwischen eine Republik nannte, aber de facto eine Diktatur war. Wie setzte sich in dieser Zeit das Verhältnis von Religion und Identität fort?

Wenn man über Religion in dieser Zeit spricht, muss man zunächst einmal das Christentum erwähnen.  Präsident Chiang Kai-shek war zum Christentum übergetreten, weil seine – in Amerika aufgewachsene – Frau der methodistischen Kirche ­angehörte. Er las in der Bibel und ging regelmäßig in die Kirche, wo er teilweise selbst predigte. Natürlich übernahm er gewisse Vorstellungen seines konfuzianisch geprägten Weltbildes, sodass eine sehr besondere Religiosität entstand, in der etwa Nächstenliebe keine so große Rolle spielte.

Die Methodisten waren somit auch die staatstragende und staatstreue Kirche, in der sich vor allem die Festländer wie Chiang Kai-shek versammelten, die 1949 nach Taiwan geflohen waren. Gleichzeitig gab es die Presbyterianer, die vor allem unter den Taiwanern und den Ureinwohnern missionierten – bis sich ­herausstellte, dass sie mehr und mehr in eine Frontstellung gegen das Regime und sein Streben nach einer homogen chinesischen Identität Taiwans gerieten.

Wie kam es hierzu?

Die Mission der Presbyterianer, aber auch der katholischen Kirche, stand für ein Christentum, das die indigenen Völker nicht unterdrückte, sondern vielmehr einen Freiraum für die Bewahrung ihrer kulturellen Identität und Sprachen darstellte. Chiang Kai-shek aber wollte das Taiwanische, also die Regionalsprache der Insel, aufgrund seiner Sinisierungspolitik nicht ­dulden: Die Menschen sollten hauptsächlich oder am besten ausschließlich Chinesisch sprechen. So ist es bezeichnend für die Frömmigkeit Chiang Kai-sheks, dass er etwa die Verbreitung von Bibeln, die die Missionare ins Taiwanische oder in Stammessprachen hatten übersetzen lassen, unterbinden ließ.

Welche Rolle spielen Presbyterianer und Methodisten im modernen Taiwan?

Zunächst muss man sagen: Der Anteil der Christen an der Bevölkerung Taiwans beträgt ungefähr fünf Prozent, wir reden also von einer gesellschaftlich eher kleinen Gruppe. Nach wie vor ist es aber so, dass die Ureinwohner, welche zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, zu fast 80 Prozent Christen sind. Unter ihnen dominiert die presbyterianische Kirche, die weiterhin das Renommee hat, sich gegen die Diktatur gestellt zu haben. 

Es gibt immer noch eine methodistische Kirche, die weiterhin eine starke Bindung an die vom Festland stammende Nationalpartei Kuomintang hat und sich auch immer wieder in gesellschaftliche Diskurse einmischt. So kam etwa der Widerstand gegen die Gleichstellung der Ehefür gleichgeschlechtliche Paare, die ­Taiwan als erster asiatischer Staat einführte, vor allem aus den Reihen der methodistischen Kirche. Am Ende handelt es sich aber eben um eine kleine Gruppe, die laut sein kann, aber keine gesellschaftliche Kraft wie in den USA darstellt.

Wer sind denn die einflussreichen religiösen Akteure der heutigen Zivilgesellschaft Taiwans?

Da muss man auf die buddhistischen Organisationen verweisen, weil es die größten sind und weil sie diese Rolle in den letzten Jahrzehnten am entschiedensten ausgeübt haben. Vor allem die von einer buddhistischen Nonne gegründete „Tzu Chi“ (Barmherzige Hilfe) war nicht unwichtig in den letzten Jahren als „Kirche“. In ihr wird das spirituelle, theologische Moment in soziales Engagement auf den unterschiedlichsten Feldern eingebettet: Katastrophenhilfe, Krankenhäuser. Hier werden zivilgesellschaftliche Werte gepflegt.

Man muss sich einbringen, jeder kann durch eigenes Engagement – aber auch durch Spenden – in eine Position gelangen, die Anerkennung verschafft, so wie bestimmte Ehrenämter hierzulande. Man hat ein Gemeinschaftserlebnis, das eine spirituelle Dimension hat und kann sich gut fühlen, wenn man sich engagiert. Freilich: Wenn man sich in den Buddhismus intellektuell vertieft, kann das schon sehr anspruchsvoll sein. Daher verzichtet man bei Tzu Chi hierauf, sodass manche Kritiker von einem Wohlfühl-Buddhismus sprechen.

Dieser hat zuletzt, wie sie in Ihrem Buch darstellen, auch eine nicht zu unterschätzende außenpolitische Bedeutung.

In einem Staat, der international nicht als Staat in Erscheinung treten kann, weil es ihm an Sichtbarkeit auf den internationalen Bühnen und Foren fehlt, nehmen solche Organisationen, die sehr finanzkräftig sind und über hunderte Dependancen im Ausland verfügen, gewissermaßen eine Stellvertreterfunktion wahr: Sie sind „Botschaften“ Taiwans – und wenn sie durch ihr soziales Engagement auch „nur“ die Botschaft eines „Wohlfühl-Buddhismus“ verbreiten, ist diese doch immer noch besser als die Botschaften, die aus der Volks­republik kommen.

Buchtipp: Stephan Thome, Gebrauchsanweisung für Taiwan, September 2021, Piper, 224 Seiten, 15 Euro

Taiwan – Überblick auf Geschichte und Politik

Auf Taiwan besteht die 1912 gegründete – und damals ganz China umfassende – Republik China fort. 1949 floh deren Staatsregierung samt ihrer antikommunistischen Anhänger auf die Insel, als Mao Tse-tung in Festlandchina die Volksrepublik China etablierte. Damit beanspruchten zwei Regierungen, ganz China zu vertreten: die Volksrepublik China unter Mao Tse-tung auf dem Festland und die Republik China unter Chiang Kai-shek auf Taiwan. Taiwan verwaltet sich seit 1949 selbst und bezeichnet sich offiziell als Republik China. 1971 übertrugen die Vereinten Nationen jedoch die alleinige Vertretung Chinas auf die Volks­republik; Taiwan musste daraufhin die UN verlassen. Gegenwärtig erkennen weltweit nur 14 Staaten Taiwan als souveränen Staat an. Bis Ende der 1980er Jahre regierte die vom Festland stammende Nationale Volkspartei Chinas (Kuomintang, KMT) Taiwan diktatorisch – unter der Führung von Präsident Chiang Kai-shek bis zu dessen Tod 1975 . In dieser Zeit erfolgte eine teils gewaltsame Sinisierung der Bevölkerung, also eine umfassende sprach­liche und kulturelle Assimilierung der ethnisch vielfältigen Inselbevölkerung in die Kultur Festlandchinas. Sie wurde von der KMT zur Norm erhoben. Unter der Regierung von Chiang Ching-kuo, Sohn des vorma­ligen Präsidenten, vollzog sich eine allmähliche Demokratisierung. Die seit 2016 regierende Präsidentin Tsai Ing-wen und ihre Demokratische Fortschrittspartei setzen auf die faktische Unabhängigkeit von der Volks­republik China. Die Mehrheit der Bevölkerung Taiwans versteht sich als Taiwaner und lehnt eine Vereinigung mit dem Festland ab. Daher droht die Volksrepublik China immer wieder damit, Taiwan mit Waffengewalt zu erobern, wenn dieses sich nicht freiwillig dem „Mutterland“ anschließt. Peking macht auch klar, dass es eine formelle Unabhängigkeitserklärung der Insel als Kriegsgrund sehen würde.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 47/2021 und auf www.die-kirche.de.

Charta der deutschen Heimatvertriebenen und Lastenausgleichsgesetz – Erfolgsgeschichte und Modell?

Online-Diskussionsveranstaltung des Bundes der Vertriebenen mit Prof. Dr. Manfred Kittel und Dr. Bernd Fabritius. Moderation: Tilman Asmus Fischer.

Aufgezeichnet am 25. November 2021 in der Hauptstadtvertretung des BdV im Deutschlandhaus. Die Veranstaltung wurde gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Kunst und Nachhaltigkeit – nachhaltige Kunst?

Aus der Gesprächsreihe: BRÜCKEN STATT BRÜCHE. Kultur und Nachhaltigkeit (Staffel 2)

Mit Alexander Kleinschrodt und Wolfgang Ullrich. Moderation und Konzeption: Tilman Asmus Fischer

Aufgezeichnet am 4. November 2021 in der Guardini Galerie, Berlin

Nachhaltigkeit gewinnt als Thema der Kunst zunehmend an Bedeutung. Und dies nicht nur für einzelne Künstlerinnen und Künstler, die sich nach der ökologischen Nachhaltigkeit ihres Handwerks fragen und etwa auf umweltschädliche Materialien verzichten – oder deren Verwendung mit einem höheren Ziel rechtfertigen. Vielmehr rückt Nachhaltigkeit für die Gesamtheit des Kulturbetriebs ins Zentrum der Aufmerksamkeit und fordert die Kunstszene zur Reflexion ihres Selbstbildes heraus. Zumal in der Corona-Pandemie haben sich Formen des Kunst-Genusses jenseits physischer Präsenz etabliert, die unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten attraktiv erscheinen: Wie kann nachhaltige Kunst- und Kulturvermittlung gelingen? Doch liegt dabei etwa die Zukunft der Biennalen nur in 3D-Ausstellungen und Online-Events? – Zudem ist angesichts der ökologischen Krisenlagen nach der geistigen und gesellschaftlichen Nachhaltigkeit von Kunst zu fragen, die mehr als l’art pour l’art sein will: Was können Künstler und Künstlerinnen zur Verständigung über Nachhaltigkeit beitragen? Müssen sie das überhaupt? Und wie nachhaltig sind wiederum künstlerische Interventionen mit erhobenem Zeigefinger? Diese und weitere Fragen sollen interdisziplinär aus den Perspektiven der Kunstgeschichte, Kulturvermittlung und Ausstellungspraxis diskutiert werden.

Das Projekt „Brücken statt Brüche. Kultur und Nachhaltigkeit“ der Guardini Stiftung e.V. wird gefördert durch die Beauftragte der Bunderegierung für Kultur und Medien.

Die moderne Gesellschaft ist kein Kollektiv – und das ist für Armin Nassehi auch gut so

Um die grossen Probleme der Zeit zu lösen, wird oft ein kollektiver Effort gefordert. In seiner „Theorie der überforderten Gesellschaft“ legt der Soziologe Armin Nassehi dar, warum das nicht zum Ziel führen kann.

„Liberté, Égalité, Klimalisté“ – so lautete die Losung der Kleinstpartei Klimaliste Berlin im diesjährigen Wahlkampf. Sie verknüpfte den Kampf gegen die Klimakrise mit dem Begriff der Fraternité – Brüderlichkeit – und illustrierte damit mustergültig, was Armin Nassehi in seinem neuen Buch als „Soziodizee des Gemeinschaftlichen“ beschreibt.

Hatte die klassische Theodizee danach gefragt, wie der gerechte, allwissende und allmächtige Gott Leid in der Welt zulassen kann, so ringen Soziodizeen mit der Frage: Wie kann es sein, dass unsere Gesellschaft auf der einen Seite über so viel Wissen und Handlungsmöglichkeiten verfügt, aber auf der anderen Seite identifizierte Probleme keiner umfänglichen Lösung zuführt? Die „Soziodizee des Gemeinschaftlichen“ antwortet hierauf mit Appellen zu kollektivem Handeln, wie sie auch Greta Thunberg eindringlich formuliert.

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Erschienen am 10. November 2021 auf nzz.ch.

Begrifflich unscharf

Rezension zu: Ulrich Hemel, Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanität der Maßstab sein muss. Freiburg i.Br. 2020.

Die Bedeutung der „digitalen Transformation für uns Menschen“ ist das Thema, welches den Religionspädagogen Ulrich Hemel in seinem neuen Buch „Kritik der digitalen Vernunft“ umtreibt: Diese will neben der „Betrachtung von Teilaspekten“ auch den „wagemutigen Versuch“ unternehmen, „einen Blick auf das ganze unseres Lebens in digitalen Zeiten zu werfen“ – und soll am Ende „ein Gedankenanstoß, nicht mehr, aber auch nicht weniger“ sein. Wie das inspiriert wie immer wieder inspirierend geschriebene Buch sicher nicht weniger als bietet, bietet es angesichts der sehr allgemeinen Ebene, auf der es durchgehend bleibt, auch nicht mehr. Dabei stellt sich dann durchaus die Frage, ob für einen grundsätzlichen „Gedankenanstoß“ ein Umfang von immerhin knapp 400 Seiten notwendig ist; sind doch immer wieder pointierte Debattenbeiträge in Buchform erschienen, deren argumentative Schlagkraft nicht unbedingt mit einer (hohen) Seitenzahl kongruierte.

Wie sehr das ‚Digitale‘ es dem Autor angetan hat, macht bereits die hohe Frequenz der Begriffsverwendung deutlich: „Digitales Nichtwissen“ – „Digitale Identität“ – „Digitale Arbeit“ – „Digitale Politik“ – „Digitale Ethik“ – „Digitale Religion und digitale Humanität“; so beispielsweise zumindest sechs der acht Titel der Hauptkapitel, die zugleich das breite Spektrum aufzeigen, welches Hemel dem Leser kundig präsentiert. Dabei bleibt der Begriff des ‚Digitalen‘ jedoch erstaunlich diffus. Dies mag auch erklären, warum es dem Verfasser gelingt, so viele unterschiedliche Aspekte, welche sich mit ‚Digitalität‘ assoziieren lassen, zu einer mosaikartigen Problemanzeige zu kompilieren. Bedauerlich ist freilich, dass das Phänomen von „Digitalität“ unter dem Schlagwort „Eindringen des Digitalen in die Lebenswelt“ eingeführt wird. Diese Vereinfachung verkennt (und prägt zum Glück auch nicht das gesamte Buch), dass es sich bei ‚Digitalität‘ nicht um ein dem menschlichen Leben ‚fremdes‘ Phänomen handelt, sondern ein solches, welches sich aus gesellschaftlichen Entwicklungen der Neuzeit herausgebildet hat.

Dabei hat Hemel durchaus Überlegungen zu präsentieren, die für die gesellschaftliche Debatte wichtig sind. Dies gilt vor allem für seine deutliche Kritik am Trans- und Posthumanismus – aus der sich auch der Untertitel seines Buches erklärt: „Warum Humanität der Maßstab sein muss“. Dass die Auseinandersetzung mit dem Trans- und Posthumanismus erst am Ende des Buches expliziert wird, ist schade, da von ihr aus viele der vorangegangenen Gedankengänge eine tiefere Bedeutung gewonnen hätten.

Was Hemels Buch freilich als Beitrag zur ethischen Debatte um Digitalisierung interessant macht, ist, dass es nicht lediglich aus einer christlichen Perspektive argumentiert, sondern zudem immer wieder versucht, seine Überlegungen vom Gedanken eines „Weltethos“ her zu entwickeln, wie ihn Hans Küng entwickelt hat. (Hemel selbst ist seit 2018 Direktor des von diesem initiierten Weltethos-Instituts. Nun war bereits das Weltethos-Konzept, dessen honoriges Ansinnen es ist, einen gemeinsamen moralisch-ethischen Grundbestand der Weltreligionen herauszuarbeiten, dafür kritisiert worden, dass ihm dies lediglich auf Kosten theologisch-religionswissenschaftlicher Präzision gelinge. Umso bedauerlicher ist es, dass Hemel es verpasst, unter Beweis zu stellen, dass sich aus der Perspektive eines Weltethos etwa eine theologisch-ethisch präzise „Kritik der digitalen Vernunft“ entwickeln ließe.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2021.

Raus aus der Enge

Christentum und Vielfalt: Gegenwärtig wird viel über die Rechte bestimmter Gruppen der Gesellschaft gestritten. Was hat die Kirche zum Thema „Identität“ zu sagen? Welches Maß sollten das Eigene und die Vielfalt haben?

Herr Scheller, in „Identität im Zwielicht“ markieren Sie immer wieder Momente von Identitätspolitik in der – vor allem frühen – Kirchengeschichte. Welche Rolle hat Identitätspolitik in der Entwicklung der Christentums gespielt?

Wenig deutete anfänglich darauf hin, dass das Christentum – genauer gesagt: die Christenheit, mit Kierkegaard gesprochen – zum globalen Machtfaktor werden sollte. Immer wieder ist der christlichen Religion ja das unterstellt worden, was Nietzsche „Sklavenmoral“ nannte, also ein Kult der Schwäche – dabei waren die frühen Christen eine durchaus aggressive Bewegung. Die Konstantinische Wende lässt sich als machiavellischer Akt kultureller Aneignung deuten: Eine aufstrebende Identitätsgruppe wurde vom römischen Machtapparat strategisch geschickt integriert. So kam es, um vorläufig bei den fragwürdigen Begriffen zu bleiben, zur Allianz von „Sklavenmoral“ und „Herrenmoral“. Es ging um Macht, Teilhabe, Repräsentation – um Fragen also, die heute im Zusammenhang mit Identitätspolitik intensiv diskutiert werden. Das Beispiel der Christenheit zeigt, dass Machtverhältnisse nicht statisch sind. Was heute noch als marginalisierte Identitätsgruppe gilt, kann morgen caesaropapistische Züge haben.

John Rawls gehört – zumal aufgrund seiner 1971 erschienenen Theorie der Gerechtigkeit – zu den in der christlichen Sozialethik intensiv rezipierten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Welche Bedeutung kommt zentralen Begriffen seines Denkens für Ihre Auseinandersetzung mit Identitätspolitik(en) zu?

John Rawls ist für mich ein Verfechter der Imagination. Die zentrale These des Buches lautet, dass man sich mit Anderen unter einen „Schleier des Nichtwissens“ begeben müsse, um identitätsübergreifende Gerechtigkeitsprinzipien als „überlappenden Konsens“ zu entwickeln. Es gilt, zu imaginieren, man sei nicht man selbst. Identitätspolitik hingegen fokussiert, wenig überraschend, auf das Identifizieren konkreter Realitäten. Das ist wichtig. Aber schlimmstenfalls kaserniert sie Menschen in Identitäten ein: hier die Homosexuelle, dort der Heterosexuelle, hier die Weißen, da die Schwarzen. Sie verfestigt, was sie kritisiert. Imagination kann helfen, diese Kasernen zu schleifen und Menschen in ihrer Potenzialität, in ihren Wünschen und Träumen, in ihren Ambivalenzen ernst zu nehmen – Menschen als Möglichkeitswesen. Hier aber sind die Bessergestellten aufgerufen, den ersten Schritt zu tun.

Bestimmten Akteuren attestieren Sie in Ihrem Buch, exklusive Identitäten „vermittels dogmatischer Lehren zu repräsentieren“ und damit die „unheilvolle Spirale des identitären Kulturkampfs“ auszulösen. Inwieweit hat Identitätspolitik – potenziell – religiöse Züge?

Das hängt davon ab, welchen Wortstamm wir ansetzen: relegere („überdenken“) oder religere („anbinden“)? Im letzteren Fall läuft Identitätspolitik Gefahr, identitär zu werden. Sie verlässt den analytisch-kritischen Bereich und schart eine Gefolgschaft um sich, die vielleicht divers aussieht, aber gleich denkt. Ein homogenes „Denkkollektiv“, wie der Immunologe und Epistemologe Ludwik Fleck es genannt hätte, entsteht. Diese Tendenz gibt es. Im ersteren Fall hätte sie religiöse Züge in einem anderen, aus meiner Sicht befürwortenswerten Sinne: Sie würde Identität ständig überdenken, verkapselte Identitäten auf diese Weise öffnen und nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten betonen. Daran müssen wir arbeiten.

Wie sollten vor diesem Hintergrund die christlichen Kirchen – eingedenk Ihrer Gesellschaftsverantwortung – auf Identitätspolitik als virulentes Phänomen der gegenwärtigen Lebenswelt reagieren?

Vor allem dadurch, dass ihre Repräsentanten christliche, das heißt für mich: nicht zwingend im Petersdom beheimatete Tugenden vorleben, anstatt Sonntagsreden zu halten. Das ist identitätsübergreifend attraktiv, sieht man einmal von rechten Sozialdarwinisten ab, an die sich anzubiedern nicht das Ziel sein darf. Mich interessieren christlich geprägte Unternehmen wie der Maschinenbauer Trumpf, die keine Rüstungsgeschäfte machen und dafür Umsatzeinbußen in Kauf nehmen – practice what you preach! Eine vielfältige, florierende, mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft ist sehr wichtig. Man sollte die Möglichkeit haben, eigenständige Entscheidungen zu treffen und sich eine Nische zu schaffen, anstatt sich vatikanöser Konzernlogiken fügen zu müssen. Die christlichen Kirchen sollten auf entsprechende liberale Vielfalt an der ökonomischen Basis und auf Aufstiegschancen durch unternehmerisches Handeln, das ja gerade unter Migranten beliebt und verbreitet ist, pochen – damit nicht nachträglich mit identitären Quoten künstliche Vielfalt geschaffen werden muss.

Das Gespräch führte Tilman A. Fischer

Zur Person: Jörg Scheller, 1979 in Stuttgart geboren, ist Kunstwissenschaftler, Buchautor und Pop-Akademiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Scheller bringt sich mit Analysen und Kommentaren regelmäßig in politische Debatten ein. Er warnt vor einer neuen Salonfähigkeit rechter Ideologie.

Wie eine offene Gesellschaft gelingen kann

Jörg Scheller sucht in seinem Buch „Identität im Zwielicht“ Auswege aus der Falle der Überbetonung des Eigenen

Identitätspolitische Programme sind nicht nur in Zivilgesellschaft und Politik en vogue, sondern werden auch zunehmend in Kirche und Theologie rezipiert. Das reicht von der Frage, ob die Schriftsprache der Kirchenzeitungen erst durch Sternchen ‚gerecht‘ wird, bis hin zu der unlängst erhobenen Forderung nach einer Quote für People of Color („nicht-weiße“ Personen) in der Institution Kirche. Derlei ist stets umstritten. Das neue Buch des Kunsthistorikers Jörg Scheller „Identität im Zwielicht“ verhilft dazu, eine differenzierte Haltung zu den unterschiedlichen Identitätspolitiken zu entwickeln.

Die Leitdifferenz, die er hierzu anbietet, ist diejenige zwischen einer „deskriptiv-analytischen“ – und damit konstruktiven – sowie einer „präskriptiv-ideologischen“ – folglich destruktiven – Verwendung von Identitätspolitik. Im ersten Fall geht Identitätspolitik der Frage nach, „wie Menschen ihre eigene Identität und die von anderen konstruieren“, und verhilft so zu „Grundlagen für seriöse Theoriebildung, zivilgesellschaftliches Engagement und politische Entscheidungsfindungen“. Im zweiten Fall hingegen wird sie dazu verwendet, „Menschen eine Identität zu- oder vorzuschreiben“, und birgt somit die Gefahr, dass Identitäten für Kulturkämpfe instrumentalisiert werden.

Während die erste Anwendung von Identitätspolitik dem Gedanken einer offenen Gesellschaft entspricht, stellt zweite für diese geradezu eine Bedrohung dar. Sich hiergegen zur Wehr zu setzen, ist Schellers erkennbares Anliegen – und damit ist sein Buch nicht nur als Einführung in identitätspolitische Diskurse zu verstehen, sondern im besten Sinne als Debattenbuch.

In diesem hat dann auch seine Kritik an einer staatlich-bürokratische Überreglementierung unter dem Vorzeichen der Diversity (Vielfalt) ihren Platz: „Ein Staat, der all dies gewährleisten muss, ist überfrachtet und übermächtig; das Individuum und die Zivilgesellschaft hingegen, die immer mehr Aufgaben an ihn delegieren und ihn monströs werden lassen, sind unterfordert.“

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Sonntag. Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 43/2021.

Heimweh nach Gott

Wie kann heute eine zeitgemäße Religiosität aussehen? Stefan Seidel spürt in seinem Buch „Nach der Leere“ neue Formen von „Religiosität“ in der heutigen Dichtung, Malerei, Philosophie und ökologischen Achtsamkeit auf, die tragen und trösten. Im Interview mit Tilman A. Fischer spricht der Autor über die Potenziale der Idee von einer „religionslosen Religiosität“

Herr Seidel, religionssoziologische Beschreibungen unserer Zeit schwanken zwischen „Säkularisierung“ und „Wiederkehr der Religion“. Wo positionieren Sie sich mit Ihrer Gegenwartsanalyse zwischen diesen Narrativen?

Tatsächlich glaube ich, dass beide Beschreibungen zutreffen: Wir leben einerseits in radikal religionslos gewordenen Zeiten, in denen die Bindung an eine Religion weitgehend verloren ist. Das hat mit dem Voranschreiten der Moderne zu tun, die der Religion nur noch eine Nische für den privaten Gebrauch lässt. Die allumfassende Macht der technisch-ökonomischen Vernunft hat das alte Göttliche hinweggefegt. Es soll kein Heil außerhalb der rational-technischen Markt-Vernunft geben. Doch andererseits wächst auch eine Sehnsucht nach neuer Rückbindung an ein größeres Ganzes, ein Heimweh nach Gott. Und dies bricht sich nicht nur Bahn in der Esoterik oder im Fundamentalismus, sondern auch in positiver Weise in der Dichtung, der Kunst und dem neuen Bewusstsein von der Heiligkeit der Natur.

Diese positive Idee einer „religionslosen Religiosität“ für das 21. Jahrhundert beschreiben Sie in Ihrem Buch „Nach der Leere“. Was darf sich der Leser unter diesem zunächst paradox klingenden Begriff vorstellen?

Das ist einfach die Entdeckung, dass heute Formen der Verbindung mit dem Göttlichen oder Heiligen existieren, die nicht das ausdrückliche Etikett „Religion“ tragen. Ich habe das selbst erlebt im Berührtwerden durch ein tiefes Mitleid mit leidenden Tieren. Da ist etwas von dem unantastbar Heiligen, das in jedem Leben wohnt, aufgeblitzt und hat zu einer neuen Ehrfurcht und einem Respekt vor der Würde der Tiere gezwungen. Ich denke, dass viele Menschen, die sich heute für die Bewahrung der Erde und den Schutz der Tiere einsetzen etwas von dem Kern der alten Religion in einer neuen Form bewahren. Oder da sind die Gedichte Tomas Tranströmers, in denen plötzlich etwas von dem unaussprechlichen Größeren, das wir „Gott“ nennen können, aufblitzt und einen tiefen Trost erzeugt. So gibt es heute viele religionslose Religiositäten im Vollzug, indem sich auf eine größere Liebe bezogen wird. Gott wird hier nicht formal mit Worten bekannt, sondern er ereignet sich.  

Welcher ethische Anspruch verbindet sich mit dieser möglichen Form neuer Religiosität?

Da geht es nicht um Gebote oder feste moralische Normen, sondern um das, was der Prophet Jeremia den neuen Herzens-Bund nennt, den Gott schließen möchte. Da geht es nicht mehr um Gesetze aus Stein, sondern um das Gottes Gesetz im Herzen des Menschen. Da wird nicht mehr einer den anderen belehren und gefordert werden „Erkenne den Herrn“, wie es heißt. Sondern darum, dass sich tief im Inneren das Eigentliche Bahn bricht und Früchte bringt – Mitgefühl, Liebe, Empfindsamkeit, das Bestreben, Leiden zu mindern, Trost zu stiften, Hoffnung zu weiten. Ich denke, diese Religiosität des Liebens, diese Kultivierung des Herzensbundes Gottes wollte auch Jesus, der gesagt hat, dass nicht die, die „Herr, Herr“ sagen ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen seines Vaters tun. Und das ist die Liebe, die tausend Gesichter hat und die jeder auf seine je eigene Art entdecken und leben soll. 

Ihre Suche nach Ansätzen einer „religionslosen Religiosität“ bewegt sich vornehmlich im Bereich ästhetischer Ausdrucksformen und philosophischer Reflexion. Damit setzt sie eine gewisse kulturelle bzw. intellektuelle Prägung voraus, die aber wohl nur bei einem Teil der gläubigen wie nichtgläubigen Menschen angenommen werden kann. Wie können Ihre Überlegungen für eine kirchliche Praxis fruchtbar gemacht werden, die nicht nur bildungsbürgerliche Kreise adressiert?

Mein Buch ist einfach ein ausschnitthaftes und persönliches Zeugnis von den Quellen heute möglicher Gott-Bezogenheit, die in mir Resonanz ausgelöst haben. Gewissermaßen als beispielhafte Ermutigung dazu, dass jeder seine Quellen entdeckt. Natürlich hoffe ich, dass sich etwas von meinem Berührtwerden in den Gedichten, Bildern, philosophischen Denkversuchen und in einem neuen Bezug zur Natur auf andere überträgt. Aber mehr noch sollte jeder sein eigenes Herz öffnen und offen sein dafür, auf welche Weise ihn die größere Liebe heute anspricht und Gestalt annehmen will.

Stefan Seidel: Nach der Leere. Versuch über die Religiosität der Zukunft. Claudius Verlag 2020, 160 Seiten, 18 Euro, als eBook 15,99 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 41/2021.

Ein kantiger Ökumeniker

Jobst Schöne, Altbischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, ist am 22. September verstorben

Von Tilman Asmus Fischer

Bereits am 22. September ist in Berlin Jobst Schöne im Alter von 89 Jahren heimgerufen worden. Von 1985 bis 1996 amtierte er als Bischof der Selbständigen Evangelisch- Lutherischen Kirche (SELK). Jobst Schöne gehörte zu den prägenden Perönlichkeiten der SELK nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und in der Wendezeit. Sowohl als Prediger als auch als Wissenschaftler strebte Schöne bis ins hohe Alter nach der Erschließung des Wesens lutherischer Theologie sowie nach dessen Vermittlung. So gab er etwa 2017 Martin Luthers „Kurtz Bekenntnis vom heiligen Sacrament“ (1545) als Faksimile und von ihm selbst besorgte Übertragung ins heutige Deutsch heraus.

Nachdem Jobst Schöne bereits 1968 durch die Universität Münster promoviert worden war, verlieh ihm 1978 das US-amerikanische Concordia Theological Seminary in Fort Wayne (Indiana) die Ehrendoktorwürde. Es mag auf Seiten des kirchenleitenden Wirkens seinem akademischen Interesse am ekklesiologischen, liturgischen und sakramententheologischen Fragen entsprochen haben, dass in seiner Amtszeit als Bischof sowohl die Erarbeitung des Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuches als auch diejenige der Evangelisch-Lutherischen Kirchenagende für die SELK fiel.

Als selbstbewusster Vertreter seiner Kirche war Schöne zugleich ein Ökumeniker, der ebenso um die Verbundenheit mit anderen protestantischen beziehungsweise christlichen Kirchen bemüht war, wie er bewusst Spannungen einging. Diese betrafen nicht zuletzt theologische Differenzen zu den Gliedkirchen der EKD – vor allem in der Frage der Frauenordination, die Schöne in grundsätzlicher Weise ablehnte. Zugleich konnte er jedoch die zwischenkirchliche Kooperation in einzelnen Handlungsfeldern wertschätzen. So war ihm etwa sehr an der Mitwirkung des Diakonischen Werks der SELK als Mitglied im Diakonischen Werk der EKD gelegen.

Nach seiner Emeritierung – in deren Anschluss er nach Berlin zurückkehrte, wo er bereits vor 1985 als Pfarrer und Superintendent gewirkt hatte – konnte man ihn etwa als diskussionsfreudigen Teilnehmer bei Veranstaltungen des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg erleben. Ebenso trat er immer wieder mit akademischen wie populären Veröffentlichungen in Erscheinung – bisweilen auch mit Kolumnen in der „Bild-Zeitung“, mit deren Begründer Axel Springer ihn eine lange seelsorgerliche Freundschaft verbunden hatte. Seinen Lebensabend verbrachte Jobst Schöne gemeinsam mit seiner Frau Ingrid im Zehlendorfer Fischerhüttenweg.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 41/2021.

Bischof der geteilten Stadt

Vor der Wende rang Alfred Kardinal Bengsch um Ost und West. Das Porträt eines ‚Theologen der Einheit‘

Von Tilman Asmus Fischer

Zur Zeitgeschichte des Erzbistums Berlin sind gegenwärtig wichtige Veröffentlichungen zu vermerken. Bereits vergangenes Jahr waren posthum die Memoiren Joachim Kardinal Meisners erschienen, der von 1980 bis 1989 Bischof in der geteilten Stadt gewesen war. Heuer unternimmt nun die neue Monografie des Kirchenhistorikers Stefan Samerski den verdienstvollen Versuch, die Lücke zwischen dem umfangreich erforschten Julius Kardinal Döpfner (Berliner Bischof 1957–1961) und Meisner zu füllen: Mit „Alfred Bengsch. Bischof im geteilten Berlin“ legt Samerski zu dessen 100. Geburtstag bzw. dem 60. Jahrestag seiner Inthronisation eine Biografie des wohl prägendsten Berliner Oberhirten der Vorwendezeit vor.

Erzbischof Dr. Alfred Kardinal Bengsch 1978 in Erfurt
(Bundesarchiv, Bild 183-T0924-0004 / Ludwig, Jürgen / CC-BY-SA 3.0)

Das Buch war mit Interesse zu erwarten gewesen, kommt Bensch doch zum einen im kollektiven Gedächtnis des mitteldeutschen Katholizismus die Rolle einer bedeutenden Führungspersönlichkeit zu; zum anderen waren seine ekklesiologisch konservativen Positionen sowie seine politische Abstinenz stets auch Gegenstand deutlicher Kritik. Samerski bedient weder ein hagiographisches Narrativ, noch zeichnet er Bengsch als Dunkelmann. Vielmehr wählt er den Weg einer sachlich-positivistischen Lebensdarstellung, die sowohl die Bedeutung des Kardinals als auch die Ambivalenzen benennt, die sich damit verbanden, als Oberhirte unter den Bedingungen eines kirchenfeindlichen Regimes zu agieren. Dabei stützt sich Samerski auf einen umfangreichen Bestand an Druckerzeugnissen, Archivalien und selbstgeführten Zeitzeugeninterviews. Freilich hat der gewählte Zugriff den Preis, dass bisweilen unterschiedliche Perspektiven der Quellen auf Bengschs Persönlichkeit und Wirken nebeneinander und in Spannung zueinander stehen, ohne gewichtet oder an eine These des Biographen rückgekoppelt zu werden.

Vor allem ist jedoch zu würdigen, dass Samerski nicht der naheliegenden Versuchung erliegt, seine Bengsch-Biografie – aufgrund der Brisanz der ihren Hintergrund bildenden deutschen Teilungsgeschichte – auf die kirchenpolitische Figur zu reduzieren. Vielmehr reflektiert er nachhaltig Bengsch als Theologen sowie die theologischen Motive seines Handelns. Dies gilt zum einen für die bereits früh entwickelte kreuzestheologische Prägung Bengschs. So würdigt Papst Benedikt XVI. als der wohl prominenteste zitierte Zeitzeuge dessen theologisches Profil im Kontext der Nachkriegszeit: „Gegenüber der damals vorherrschenden einseitigen Orientierung an der Inkarnation hat Bengsch das Kreuz als den Richtpunkt der Theologie herausgestellt.“ Zum anderen tritt in dem von Samerski gezeichneten Porträt des Kardinals deutlich die ‚Einheit‘ als zentrales Motiv von Theologie, Ekklesiologie und folglich auch des kirchenpolitischen Wirkens Bengschs hervor. Dies bedeutete nicht zuletzt das permanente Ringen des Erzbischofs um das eine Bistum in Ost und West – also um den Erhalt des kirchenpolitischen Status quo. Dass dieser nicht zuletzt durch eine politische Abstinenz erkauft wurde, die der Oberhirte nicht nur selbst übte, sondern auch in seinem Einflussgebiet rigide durchsetzte, verschweigt der Autor nicht.

Das kirchenpolitische Vermächtnis Bengschs tritt bei Samerski nicht nur hinsichtlich der Diözese des Kardinals, sondern gerade auch unter weltkirchlicher Perspektive in den Blick. Dies gilt zum einen für die ausführlich gewürdigte Beteiligung Bengschs am Zweiten Vatikanischen Konzil. Zum anderen trägt die Lebensdarstellung ganz deutlich die Handschrift ihres – durch wichtige Forschungen zur ostmitteleuropäischen Kirchengeschichte hervorgetretenen – Verfassers, wo in besonderer Weise die Verbundenheit des Berliner Bischofs zu den Geschwistern in anderen Ostblock-Staaten hervorgehoben wird. Diese, sowie die eigene Lage in der „DDR“ brachte ihn Teils in deutliche Opposition zur unter dem Pontifikat Pauls VI. entwickelten vatikanischen Ostpolitik, die über die Köpfe des örtlichen Klerus hinweg auf direkte Verhandlungen zwischen Vatikan und Ostblock-Regierungen setzte. Zudem entwickelte Bengsch, wie Samerski an vielen Beispielen zeigt, eine „persönliche Ostpolitik“ auf der Grundlage persönlicher Beziehungen, nicht nur zum Krakauer Erzbischof und späteren Papst Johannes Paul II., sondern auch in die Tschechoslowakei oder nach Litauen.

Auf Ambivalenzen mag – neben den oben ausgeführten Aspekten – auch hinweisen, was das Buch für die gegenwärtige Diskussion um sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kontext austrägt. Dass diese – tagespolitisch brisante – Passage kurz ausfällt, ist der Tatsache geschuldet, dass das grundlegende juristische Gutachten „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946“ erst kurz vor Fertigstellung des Buchmanuskripts veröffentlicht wurde. Zwei Fallbeispiele, die Samerski nachverfolgt, deuten darauf hin, dass Bengsch in entsprechenden Fällen nicht tatenlos blieb, jedoch auch nicht zu einer Aufklärung im engeren – und erst recht strafrechtlichen – Sinne beitrug. Man wird sich jedoch dem Votum des Biografen anschließen müssen: „Zukünftige historische Studien müssen auch hier Klarheit und Einordnung bringen.“

Das ist auch für einzelne Aspekte der Staat-Kirche-Beziehungen in der DDR unter Bengsch in Anschlag zu bringen und gilt ganz gewiss für den Einfluss der beiden Prälaten Paul Dissemond (1920–2006; Generalsekretär der Berliner Bischofskonferenz) und Gerhard Lange (1933–2018; Beauftragter für die Kontakte zur DDR-Regierung) für die Amtsführung Bengschs. In seinen Memoiren hatte Meisner erhebliche Kritik an deren Staatsnähe und negativer kirchenpolitischer Einflussnahmen erhoben. Leider verzichtet Samerski auf eine tiefergehende Einordnung dieser auch die Amtszeit von Meisners Vorgänger betreffenden Vorwürfe aus kirchenhistorischer Perspektive.

Stefan Samerski, Alfred Bengsch, Bischof im geteilten Berlin, Herder, Freiburg i. Br. 2021. 256 Seiten, ISBN 978-3-451-38820-0, 38 Euro.

In ähnlicher Form erschienen am 7. Oktober 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Eine Ode an das Europa der Aufklärung

Die Katholische Akademie in Berlin zeigt unter dem Titel „Luoghi e tempi – Orte und Zeiten“ Werke von Tanja Nittka

Von Wen-Ling Chung und Tilman A. Fischer

Es mag wenige Landstriche geben, in denen dem für Europa prägenden Geist von Aufklärung und Humanismus – sowie des ihnen Ausdruck verleihenden Klassizismus – in ähnlicher Weise nachzuspüren ist wie in einigen Gegenden Italiens. Die Berliner Künstlerin Tanja Nittka hat ebendiese Spurensuche an den Comer See, in der Lombardei und nach Mailand geführt. Die hierbei entstandenen Gemälde zeigen die Katholische Akademie in Berlin sowie die Pax-Bank in der Ausstellung „Luoghi e tempi – Orte und Zeiten“.

Ein der Mailänder Biblioteca Ambrosiana gewidmeter Zyklus ist etwa im Vorraum der Akademie-Kirche St. Thomas von Aquin zu sehen. Auf den einem realistischen Malstil verpflichteten Gemälden stehen viele Bücher in Regalen, die Titel der Bücher sind nicht zu erkennen. Aber sie zeigen die Spuren jahrhundertelangen Gebrauchs – sind Zeugnis einer geistigen und geistlichen Tradition. Diese Regale und Bücher befinden sich im Schatten oder außerhalb des Tageslichts und werden mit gedämpftem Licht beleuchtet. Die Künstlerin hat eine dünne Ölmaltechnik verwendet, um Licht und Schatten in einem realistischen Stil darzustellen. Was an Nittkas Gemälden auffällt: Es ist niemand auf dem Bild zu sehen. Nur Bücher, Tische und Stühle. Hier stehen tatsächlich „Orte und Zeiten“ im Zentrum des Fokus und warten darauf, (neu) entdeckt zu werden.

Ein vielleicht etwas nüchterneres Umfeld als bei St. Thomas von Aquin umgibt die in der Pax-Bank gezeigten Kunstwerke: Die Gemälde befinden sich in der Eingangshalle und im Korridor des Bürogebäudes. Einige der Werke zeigen neuerlich Bibliotheksszenen. Die hier präsentierten Gemälde bieten jedoch eine ‚menschlichere‘ Atmosphäre. Dies liegt vor allem daran, dass die Künstlerin hier einen anderen Blickwinkel wählt: Es handelt sich nicht mehr um einen niedrigen Blickwinkel, der die Detailstudien aus einer Bibliothek prägt, sondern um den Blick einer stehenden Person, die sich umschaut. Eine andere Gruppe von Werken ist von Grün umgeben: Es gibt kräftig grüne Balkone und Ecken im Park. Es mag Hochsommer sein, die grünen Blätter sind üppig und die Schatten sind hell. In zentraler Hinsicht bleibt sich die Künstlerin jedoch treu: Es gibt keine Personen und die Szenerie ist immer noch von einem nebligen Ton überzogen, auch wenn es heller Mittag ist. So sind die Besucherinnen und Besucher auch hier eingeladen, mit dem eigenen Auge alleine in der Bibliothek, in der Villa Vigoni oder durch den saftig grünen Wald zu wandeln. Alles ist still, einsam, und ruhig.

Weitere Informationen: https://www.katholische-akademie-berlin.de/aktuelles/luoghi-e-tempi-orte-und-zeiten/

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 39/2021.