Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

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Einsatz für Erinnerungskultur und Friedensarbeit

Fünf Fragen an Weihbischof Dr. Reinhard Hauke

Im Interview spricht der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, über die bleibende Bedeutung des Erbes von Bischof Carl Maria Splett und gegenwärtige Herausforderungen für die katholische Kirche.

In diesem Monat jährt sich zum 120. Mal der Geburtstag des letzten deutschen Bischofs von Danzig, Carl Maria Splett. Welche Bedeutung hat sein Andenken für Deutschland und Polen?

(Foto: Andreas Sturm)

Bischof Splett hat in seiner Zeit versucht, in der Nachfolge der Apostel zu stehen und den Auftrag Jesu weiterzuführen. Er hatte die Diözese Danzig zu leiten, als die nationalsozialistische Macht versuchte, die Kirche und die Diözese in Polen und Deutsche zu spalten. Bischof Splett hat sich bemüht, diesem Willen zu widerstehen und das Evangelium allen zugänglich zu machen, die in seiner Diözese lebten – Polen und Deutschen.

Sie selbst haben am 4. August 2016 gemeinsam mit dem Adalbertus-Werk Bischofsinsignien Spletts während eines Gottesdienstes als Deposit an das Diözesanarchiv der Erzdiözese Danzig übergeben. Wie haben Sie die Begegnungen zwischen alten und neuen Danzigern empfunden?

Die Begegnung fand in einer herzlichen Atmosphäre statt. Ich hatte bei der Begegnung den Eindruck, dass es auch seitens der heutigen Danziger Katholiken und auch seitens des Bistums eine dankbare Anerkennung für die Übergabe der Insignien gibt, weil damit auch ein Stück Bistumsgeschichte wieder zurückgekehrt ist. Ganz konfliktfrei ist vermutlich die Betrachtung des Faktums, dass es auch bei den Danziger Bischöfen eine Zeit mit deutschen Vertretern gab, nicht. Aber hier bin ich zuversichtlich, dass im Laufe der Zeit diese Betrachtung zunehmend spannungsfreier werden wird.

Gegenwärtig sind die deutsch-polnischen Beziehungen großen Belastungen ausgesetzt. Wie stellt sich Ihrer Einschätzung nach das Stimmungsbild im polnischen Klerus mit Blick auf die grenzübergreifenden Beziehungen dar?

Ich weiß, dass es innerhalb des Klerus in Polen auch Stimmen gibt, die mich verwundern und bei denen ich schon die Frage stellen möchte, ob die sich darin darstellende Auffassung mit dem Evangelium kompatibel ist. Ich bin deshalb noch umso mehr dankbar für die am 8. September 2017 veröffentlichte Erklärung der polnischen Bischöfe aus der Kontaktgruppe zwischen der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz, die vor allem den Versöhnungsgedanken stark macht, der schon nach dem 2. Vatikanischen Konzil durch polnische und deutsche Bischöfe formuliert und gestaltet wurde. Unter anderem kann man dort die folgenden Hinweise der polnischen Bischöfe lesen:
„Nach der Erwähnung der schmerzlichen Momente unserer Geschichte und gemeinsamen Beziehungen haben wir ebenso die Pflicht, uns und andere daran zu erinnern, dass während der dunklen Zeit des Kriegszustandes in Polen das deutsche Volk ganz vorn mit dabei war, auf unterschiedliche Weise sehr konkrete materielle und moralische Unterstützung zu leisten, als sich unser Land am Rande einer humanitären Katastrophe befand.“

Gerade die Vertriebenen haben einen großen Beitrag zur Verständigung in den letzten Jahrzehnten geleistet. Umso größer war 2017 die Verwunderung über die Entscheidung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, das Amt des Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen abzuschaffen. Wie steht es dem gegenüber um die Perspektiven der katholischen Vertriebenenpastoral?

Sieben Jahrzehnte nach Kriegsende sind die Heimatvertriebenen in Deutschland und in das kirchliche Leben gut eingegliedert. Zentrales Anliegen der meisten von ihnen ist neben dem lebendigen Kontakt zur alten Heimat die Bewahrung ihres leidvollen Schicksals und ihres religiös-kulturellen Erbes im kollektiven Gedächtnis des deutschen Volkes wie auch im Bewusstsein der Kirche. Beides ist Teil der deutschen – und damit auch der europäischen – Identität, Kultur, Geschichte und Kirchengeschichte.
Wenn auch 70 Jahre nach Kriegsende die überdiözesane Sonderseelsorge der Visitatoren im Herbst 2016 endete, werden seitdem zur Bewahrung der Traditionen die Erinnerungskultur und Friedensarbeit der katholischen Vertriebenenverbände durch die Deutsche Bischofskonferenz weiter gefördert und zu ihrer Unterstützung ehrenamtlich tätige Verbands-Präsides, Geistliche Beiräte, ernannt. Für die Bistümer gilt gleichwohl, dass eigene Gottesdienste, die in zeitlichen Abständen regelmäßig oder bei besonderen Veranstaltungen angeboten werden, von den Heimatvertriebenen gerne angenommen und besucht werden. Die Sorge um die kirchliche Beheimatung der Spätaussiedler, die nach der politischen Wende 1989/1990 in die Bundesrepublik Deutschland zugewandert sind, ist weiter wichtig. Diese geschieht nach wie vor in ihrem sozialen Nahraum und stellt eine missionarische Herausforderung für die Pfarrgemeinden und Bistümer dar.

In diesem Monat gedenken wir auch des vor fünf Jahren verstorbenen „Speckpaters“ Werenfried van Straaten. Was sagt uns sein Zeugnis noch heute?

Pater Werenfried van Straaten hat, wie auch Bischof Kaller und Weihbischof Kindermann, in Königstein ein Zentrum geschaffen, durch das die Vertriebenen und besonders die Katholiken eine neue Heimat finden konnten. Sowohl die Versorgung mit Lebensmitteln als auch die Sorge um eine gute Seelsorge lagen den drei Geistlichen am Herzen. Dabei ging es sowohl um die konkrete Hilfe am Tag als auch um die Hilfe mit Langzeitwirkung. Beides ist heute in gleicher Weise gefragt. Hier haben wir kein Recht, eine Obergrenze zu denken und zu fordern. Ein Staat darf sich damit natürlich nicht finanziell und politisch ruinieren, aber die derzeitige Herausforderung ist nach meinem Eindruck weit entfernt davon, unser Land in einen finanziellen und politischen Ruin zu bringen. Was mir jedoch auffällt, ist die Tatsache, dass innerhalb und außerhalb von Kirche plötzlich Themen diskutiert werden, die bislang eine untergeordnete Rolle spielten, wie z. B. das Thema Barmherzigkeit und Selbstlosigkeit. Manchmal wünsche ich mir, dass die Hilfsbereitschaft vom Beginn der Flüchtlingswelle wieder auflebt. Aber sobald staatliche Regelungen greifen, lässt der Elan von Eigeninitiativen nach.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

„Wir wollen nicht stumme Hunde sein“

Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand fragt nach der Bedeutung des heiligen Bonifatius und seiner Berliner Bronzeskulptur.

Von Tilman Asmus Fischer

Der Gründungsintendant des Berliner „Humboldt Forums“, Neil MacGregor, hat mit seiner Radiosendung und dem gleichnamigen Sachbuch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ eine Geschichte der Dinge popularisiert, die sich auf die Materialität von Kultur besinnt und ausgehend von einzelnen Artefakten größere historische Zusammenhänge erschließt. Das Vorgehen hat in weiteren Ausstellungen und Büchern, die diesen Ansatz verfolgen, vielfältig und medienöffentlich Wirkung gezeigt; zu denken wäre etwa an Hermann Schäfers „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“. Daneben gibt es jedoch auch eine Reihe kleinerer Schriften, die einzelne Dinge zur materialen Quelle erheben und zum Ausgangspunkt dazu nehmen, Fragen an die Geschichte – und unsere Gegenwart – zu stellen.

Hierzu darf das vom Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand MdB herausgegebene Buch „Wie Bonifatius in den Reichstag kam“ gezählt werden. Ihr Gegenstand ist eine Bronzeskulptur des heiligen Bonifatius, die als eine von zwölf mittelalterlichen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte den monumentalen Leuchter im Eingangsbereich des Reichstagsgebäudes von 1894 zierte. Indem das Buch das Schicksal des „Berliner Bonifatius“ nachzeichnet, durchschreitet es exemplarisch die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über das Dritte Reich bis hin zur wiedervereinigten Bundesrepublik – und fragt hieran anknüpfend nach der Gegenwartsbedeutung des Heiligen Bonifatius in unserer säkularisierten Gesellschaft.

War der Apostel der Deutschen für den jungen deutschen Parlamentarismus in der Zeit des Wilhelminismus Teil eines identitätsstiftenden Bildprogramms, sollte er zusammen mit dem gesamten Leuchter 1943 auf Befehl des Rüstungsministers eingeschmolzen werden – wovor die Skulpturen jedoch durch Mitarbeiter der Norddeutschen Affinerie (Hamburg) bewahrt wurden, die sie heimlich versteckten. Die Nachkriegszeit verbrachten die Skulpturen – abgesehen von einer Präsentation im Reichstagsgebäude 1982 – in Berliner und Hamburger Depots, bis schließlich Michael Brand – angeregt vom Fuldaer Regionalhistoriker Michael Mott – den Berliner Bonifatius aus seinem Dornröschenschlaf weckte. Nachdem der Heilige 2017 in Fulda zu besichtigen war, hat er nun – als Leihgabe der Bundestagsverwaltung – eine neue Heimstatt im Büro des Fuldaer Abgeordneten gefunden. Die Geschichte dieser Odyssee fasst ein Beitrag des Fuldaer Journalisten Björn Gauges (Fuldaer Zeitung) zusammen.

Eröffnet wird das Buch durch ein Geleitwort des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und einem Vorwort des Herausgebers. Beide erinnern nicht nur an die kulturprägende Bedeutung des Bonifatius – in den Worten Lammerts: „Als historische Figur, die einst aus England kommend unsere germanischen Vorfahren bekehrte, verweist Bonifatius auf die christlichen Wurzeln deutscher Identität und – woran sich gerade heute zu erinnern lohnt – ebenso darauf, dass unsere Kultur von jeher auch durch äußere Einflüsse geprägt wurde.“ Vielmehr nimmt der Apostel der Deutschen auch als Vorbild für uns Heutige Gestalt an. So erinnert Brand an die Aktualität der Mahnung des Bonifatius, „keine stummen Hunde“ zu sein: „Gerade der öffentliche und politische Diskurs leidet oft darunter, dass der Mut zur Wahrheit geringer ausgeprägt ist, als der Wunsch, nicht unangenehm aufzufallen – im täglichen Zusammenleben bis hin zu den großen Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechten.“

Eine kunstgeschichtliche Einordnung der Bonifatius-Skulptur in das Bildprogramm des Reichstagsgebäudes von Paul Wallot – unter Berücksichtigung der Spannungen zwischen Monarchie und Parlamentarismus – nimmt ein Aufsatz von Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, vor. Er wird abgerundet durch einen Auszug aus der Darstellung des Reichstagsgebäudes aus der Feder des Architekten Wallot, eine Übersicht über die zwölf historischen Persönlichkeiten in der Ringkrone des Leuchters sowie Kurzbiografien von Wallot und Bonifatius. In besonderer Weise gelingt es Kaernbach, die Gestaltung des Leuchters in dessen geistesgeschichtlichen Kontext einzuordnen und als Ausdruck einer politischen Identitätssuche zu deuten: Die Skulpturen versinnbildlichten „die Suche des Kaiserreichs nach einer Brücke zwischen Moderne und Tradition und nach einer überzeugenden Zusammenführung demokratischer und monarchisch-dynastischer Ansprüche“. Zudem käme in der Kombination von Luther und Bonifatius in der Personengruppe „das Bemühen um eine Versöhnung konfessioneller Gegensätze“ zum Ausdruck.

Michael Brand schlägt schließlich die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, indem er sich auf die Suche nach „Spuren des hl. Bonifatius im heutigen Berlin“ begibt. Diese führt ihn vom Bonifatiuskreuz in der Gartenanlage der Hessischen Landesvertretung und der Bonifatius-Kapelle im Kommissariat der Deutschen Bischofskonferenz über die Reliquie des heiligen Bonifatius in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur und die Pfarrkirche St. Bonifatius in Kreuzberg bis zum Don-Bosco-Zentrum in Marzahn, das durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken gefördert wird, und in den Andachtsraum des Reichstagsgebäudes.

In seiner Vielseitigkeit gelingt es dem Buch, nicht nur die Bedeutung zu plausibilisieren, die Bonifatius vor über 100 Jahren für das deutsche Nationalbewusstsein hatte, sondern zudem aufzuzeigen, wie das Zeugnis des Heiligen auch heute noch nachwirkt. Dankbarerweise wird immer wieder auch die ökumenische Dimension dieses Heiligen der ungeteilten Christenheit betont. Damit dürfen sich sowohl katholische als auch protestantische Glaubensgeschwister vom Aufruf des Bonifatius angesprochen fühlen: „Wir wollen nicht stumme Hunde sein.“

Michael Brand (Hg.): Wie Bonifatius in den Reichstag kam. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 64 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-7319-0591-2, EUR 9,95

Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Das Jahrhundert der Kriege

Gregor Schöllgen analysiert die Weltgeschichte der vergangenen einhundert Jahre

In diesen Tagen wird jener Ereignisse gedacht, die als „Oktoberrevolution“ in das globale Gedächtnis eingegangen sind. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt. Seither hat es keinen universellen Frieden mehr gegeben“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem neuen Buch „Krieg“. Was dies für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutete – und bis in die gegenwärtigen Konflikte hinein, etwa in Syrien, bedeutet –, zeichnet der Erlanger Historiker auf knapp 350 Seiten nach.

Eingedenk unterschiedlicher Bücher vergleichbaren Umfangs, die im Vorfeld des Gedenkjahres 2018 erschienen sind und sich mit der historiografischen Erfassung des Ersten Weltkrieges begnügen, steht die Herausforderung klar vor Augen, die Schöllgens Vorhaben darstellt: eben einhundert Jahre Weltgeschichte zu erzählen. Damit erfasst er nicht nur politisch-militärische Dynamiken innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, sondern nimmt zugleich miteinander korrespondierende Entwicklungen in nahezu allen Erdteilen in den Blick.

Dies gelingt ihm, indem er einen chronologischen mit einem phänomenologischen Ansatz verschränkt: So nimmt jedes Kapitel seinen Ausgangspunkt in einem der kriegerischen Konflikte des 20. (und frühen 21.) Jahrhunderts, stellt dabei jedoch je ein spezifisches Phänomen heraus, dessen Wirksamkeit im weiteren Verlauf des Jahrhunderts aufgezeigt wird. Indem Schöllgen so von Kapitel zu Kapitel einzelne Aspekte des Krieges analysiert, schreitet er zugleich im historischen Verlauf voran.

Steht das erste Kapitel zur Oktoberrevolution unter dem Titel „Putsch“, kommt mit den Auseinandersetzungen der Jahre zwischen den Weltkriegen die „ethnische Säuberung“ in den Blick. Späterhin wird mit dem Bombenabwurf von Hiroshima der „Blitz“ und mit ihm die drohende atomare Vernichtung als sicherheitspolitischer Faktor eingeführt und anhand der anhaltenden Auseinandersetzungen um den Osten der Ukraine zuletzt der Aspekt der „Annexion“ fokussiert. So ist besonders aktuell die Analyse der russischen Besetzung der Krim, deren Ursachen Schöllgen aus der wechselvollen Geschichte beider beteiligter Länder herleitet. Dazwischen erhalten „Revision“, „Vernichtung“, „Teilung“ und „Intervention“ ebenso Aufmerksamkeit wie „Guerilla“, „Prävention“ und „Mord“ oder „Terror“, „Flucht“ und „Raub“.

Das von Schöllgen gewählte Konzept bewährt sich hervorragend, indem es den Blick auf wesentliche Entwicklungslinien der komplexen globalen Entwicklungen lenkt und so dem Leser ermöglicht, einen fundierten Überblick über die Ereignisgeschichte des Krieges im 20. Jahrhundert zu erlangen. Dabei funktionieren die vom Autor gewählten Phänomene als Gliederungselement, bleiben jedoch auch meist auf diese Funktion beschränkt. In der Regel werden sie selbst nicht zum Reflexionsgegenstand erhoben und auf einer allgemeinen Ebene diskutiert. Zumindest bietet jedoch der implizite Nachvollzug der Wandlung einzelner Phänomene im Zuge der historischen Entwicklungen interessante Ansätze hierzu. Problematisch erweist sich auch, dass Schöllgen seine Wahl der Phänomene nicht herleitet und begründet. Infolgedessen bleibt etwa das Phänomen „Mord“ für sich relativ blass – während man sich fragt, warum etwa „failing states“ kein eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Was Schöllgen in jedem Fall deutlich herausarbeitet, sind die politischen Dynamiken – vor allem in der jahrzehntelangen Ost-West-Konfrontation –, die latente Bedrohungssituationen erzeugten, militärische Konflikte provozierten, jedoch auch Phasen der Entspannung und friedlichen Konfliktbearbeitung eröffneten. Hier ist Schöllgen, der Mitherausgeber der Akten des Auswärtigen Amtes, ganz in seinem Metier und lässt den Leser an seinen klaren und nüchternen Analysen teilhaben. Diese erscheinen auch deshalb besonders aufschlussreich, da er es vermeidet – gerade in der Auseinandersetzung mit dem sowjetisch-amerikanischen Gegensatz –, sich auf eine Seite der Konfliktparteien zu schlagen und eine ideologisierte Geschichtsdeutung zu betreiben.

Gleichfalls nüchtern – wenn auch streitbar – ist Schöllgens abschließende Bilanz: In hellsichtiger Weise führt er die einzelnen Fäden des Buches zusammen, reflektiert sie in der Gesamtschau und wirft, einhergehend mit deutlicher Kritik an den bestehenden supranationalen Strukturen, grundsätzliche Fragen von aktueller Brisanz auf: Welche Aufmerksamkeit soll – bisher „weitgehend ausgeblendeten“ – nicht militärischen Gefahren für die internationale Sicherheit zukommen? Wird es lediglich dabei bleiben, dass Krieg – auch in Europa – inzwischen „als Mittel der Konfliktlösung wieder denkbar“ geworden ist? Welche Reformen sind nötig, sollten sich, wie Schöllgen zuspitzt, sämtliche „Systeme kollektiver Sicherheit überlebt“ haben? Wie kann und soll sich die Europäische Union in diesem Kontext zukünftig aufstellen?

Hinter den profunden Analysen des gesamten Buches, die ihren Schwerpunkt im Bereich der politischen Geschichte haben, stehen anthropologische und sozialgeschichtliche Aspekte deutlich zurück. Diese zu berücksichtigen, wäre, ohne den Umfang zu sprengen, wohl nur bei einer Fokussierung auf einzelne Fallbeispiele zulasten der Gesamtdarstellung möglich gewesen. Daher bleibt die – nichtsdestotrotz spannende – „Weltgeschichte“, die Schöllgen anbietet, eine vornehmlich und dezidiert politische. Fragen danach, wie die Kriege der letzten 100 Jahre Gesellschaften, Alltagsleben und Mentalitäten verändert und geprägt haben, kommen nicht in den Blick. Hier bleibt der Leser auf andere einschlägige Werke, wie etwa Jörg Baberowskis „Räume der Gewalt“ von 2015, verwiesen.

Tilman Asmus Fischer

Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. DVA (Deutsche Verlags-Anstalt), München 2017. 368 S. m. 14 Abb., 24 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 20. Dezember 2017.

Die Priester und die Partei

Im katholischen Polen geraten die deutschen und protestantischen Minderheiten unter Druck. Katholische Bischöfe predigen gegen Geflüchtete und für die polnische Nation. Daher wollen einzelne Katholiken konvertieren, trauen sich aber nicht. Denn der gesellschaftliche Druck von der Regierungspartei steigt. Dagegen regt sich nun auch von den Geistlichen Widerstand.

Von Tilman Asmus Fischer

Polens Premierministerin Beata Szydło im Juli 2016 bei der Begrüßung des Papstes zum Weltjugendtag in Krakau.
(Foto: P.Tracz / KPRM)

Mit großer Sorge blickt man derzeit aus Deutschland auf die Entwicklungen im östlichen Nachbarland Polen: Der Kurs der explizit national-polnischen und konservativ-katholischen Regierungspartei PiS belastet nicht nur das deutschpolnische Verhältnis, sondern spaltet auch die Gesellschaft. Diese besteht – nach der aktuellen Volkszählung – zu 95 Prozent aus ethnischen Polen und zu fast 90 Prozent aus Angehörigen der römisch-katholischen Kirche. Daher besteht das Risiko, dass Minderheiten, wie Deutsche und Protestanten, unter Druck geraten. Letztlich wird aber auch die römisch-katholische Kirche vor eine Zerreißprobe gestellt.

Rudolf Urban, Chefredakteur des polenweit erscheinenden, deutschsprachigen „Wochenblatts“, identifiziert das politische Bestreben, „so schnell wie möglich so viele Bereiche wie möglich dem Staat unterzuordnen“. Das betreffe sowohl die öffentlich-rechtlichen Medien als auch die Gerichtsreform und die Kommunalpolitik. Zwar beobachtet Urban, der selbst als Deutscher im Gemeinderat von Tarnau (Tarnów Opolski) sitzt, einzelne Gesetzesvorhaben, die sich gegen die deutsche Minderheit richten. So soll beispielsweise „deutsch-polnischen Doppelstaatlern der Weg zum Richteramt am Obersten Gerichtshof“ verwehrt werden. Ein System kann er jedoch noch nicht erkennen: Warschau „verschwendet noch nicht so viel Zeit für etwaige globale Änderungen“.

Deutlicher ist für den Journalisten jedoch der Zwiespalt, in dem sich die katholische Kirche befindet: „Nicht alle Priester und Bischöfe unterstützen die Partei, doch gerade die Unterstützer sind es, die in den öffentlich-rechtlichen Medien auftreten und damit als Stimme der Kirche gelten.“ Zwar spräche die Kirche damit für einige Katholiken – andererseits jedoch „verprellt sie die Gläubigen, die in der Kirche Gott und nicht eine weitere politische Debatte suchen“.

Eine derjenigen, die zunehmend Probleme damit haben, sich mit der katholischen Kirche in Polen zu identifizieren, ist Aleksandra N. Die Wissenschaftlerin lebt in einer nordpolnischen Hafenstadt, wo sie jede Woche den Sonntagsgottesdienst besucht. Dort erlebt sie immer wieder, dass einzelne Priester die Predigt als Medium allgemeinpolitischer Auslassungen benutzen und dabei nicht nur ultrakonservative, sondern auch nationalistische Töne anschlagen.

Nachdem ein Priester in einer Predigt gegen Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen gewettert habe, habe sie gegenüber dem Bischof schriftlich Beschwerde erhoben. Wie ihr die zuständige Stelle im Juli mitteilte, habe der Bischof mit dem Priester den „Dialog aufgenommen“ – bisher keine weitere Reaktion. Mittlerweile wird für Aleksandra ein Übertritt in die evangelisch-augsburgische Kirche immer wahrscheinlicher: „Es scheint mir, dass die evangelische Kirche größeren Wert auf den persönlichen Umgang mit dem Wort Gottes legt, sie mischt sich nicht so sehr in politisch-gesellschaftliche Fragen ein.“

Menschen wie Aleksandra N. suchen das Gespräch mit Karol Niedoba. Als Vikar steht er seit 2015 der evangelisch-augsburgischen Gemeinde in Graudenz (Grudziądz) vor. Dabei scheuten sich viele Konversionswillige, in die evangelische Kirche einzutreten. Zwar kann die augsburgische, also lutherische, Kirche Polens auf eine eigenständige Geschichte zurückblicken. Sie unterscheidet sich dem Bekenntnis nach von der unierten preußischen Landeskirche, die bis 1945 in den ehemaligen deutschen Ostgebieten bestand. Trotzdem sehen sich Protestanten immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, ‚eigentlich‘ deutsch zu sein. „Dass Evangelisch-Sein als etwas Deutsches angesehen wird, erschwert die Entscheidung zum Übertritt“, sagt Niedoba. Viele wählten deshalb den Weg in eine Sekte, die nicht unter dem Verdacht steht, deutsch zu sein: die „Zeugen Jehovas“. Mittlerweile sind dort mehr Polen Mitglied als in den lutherischen Gemeinschaften.

Die katholische Kirche wird instrumentalisiert und der öffentliche Diskurs verschärft sich. Doch nicht alle katholischen Geistlichen nehmen das wortlos hin. Am 8. September hatten Mitglieder der Kontaktgruppe der Polnischen Bischofskonferenz mit den deutschen Kollegen bereits einen Appell veröffentlicht – mit grenzübergreifender Bedeutung. Hierin erinnern sie an den deutsch-polnischen „Aussöhnungsprozess“ der zurückliegenden Jahrzehnte. Dieser sei „ein Vorbild für viele andere Staaten auf der Welt“.

Die Gesten der Versöhnung, die man aus Deutschland erlebt habe, dürften nicht vergessen werden, mahnen die Geistlichen. Dies gelte auch für die unterschiedlichen Formen konkreter Unterstützung während des Kriegszustandes. „Das Kapital der Versöhnung und der Beziehungen muss geschützt, gestärkt und vermehrt werden.“ Ohne explizit Kritik an ihrer Regierungen zu üben, fordern sie, dass „auf der Ebene der vernünftigen Diplomatie“ offene Fragen verhandelt werden, „um das mit Bemühen erreichte Vertrauen aufrechtzuerhalten“. Dieses Vertrauen solle nicht „durch die Erregung von negativen sozialen Emotionen auf einer der beiden Seiten“ zunichte gemacht werden.

Erschienen unter anderem Titel in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 49/2017.

Perspektiven einer Nachbarschaft

Fünf Fragen an Prof. Dr. Dieter Bingen

Prof. Dr. Dieter Bingen
(Foto: Roman Gößer)

Im Dezember 2017 blicken wir auf ein weiteres Jahr zurück, in dem das deutsch-polnische Verhältnis schweren Belastungen ausgesetzt war. Welche Entwicklungsperspektiven haben die bilateralen Beziehungen im kommenden Jahr – unter der PiS-Regierung in Warschau und einer noch zu bildenden Berliner Regierung unter Führung der CDU/CSU? Hierüber spricht im Interview der Direktor des Deutschen Polen-Instituts, Prof. Dr. Dieter Bingen.

Bereits im August dieses Jahres haben Sie in Danzig aus den Händen von Lech Wałęsa die Dankbarkeits-Medaille des Europäischen Solidarność-Zentrums erhalten (DW berichtete). Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung – gerade in einer Zeit zunehmender Spannungen zwischen Berlin und Warschau?

Lech Wałęsa während des Streiks auf der Lenin-Werft im August 1980
(Foto: Giedymin Jabłoński via Wikimedia)

In den 1980er Jahren war es die Freiheitsbewegung Solidarność, auf die ich mit großer Sympathie schaute. Es gab damals außer der großartigen Pakethilfe und Solidarität mit Polen aber auch viel Unverständnis. Dem wollte ich mit Verstehen und Sympathie für die polnische Freiheitsbewegung sowie mit der Vermittlung von Wissen darüber begegnen, dass es in Polen auch indirekt um die Zukunft Deutschlands ging: Für unsere und für eure Freiheit. Dafür von dem Symbol der Freiheitsbewegung, Lech Wałęsa, und in weiterem Sinne von Polen ausgezeichnet zu werden, das hat mich glücklich gemacht – zugleich nachdenklich und traurig, da das auch von Wałęsa symbolisierte freie demokratische, weltoffene und solidarische Polen in der jüngsten Zeit in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Als Politologe und Direktor des Deutschen Polen-Instituts sind Sie wie kaum ein anderer mit den Entwicklungen des deutsch-polnischen Verhältnisses vertraut. Wie bewerten Sie im Rückblick das zurückliegende Jahr? – Haben die Beziehungen ihren Tiefpunkt erreicht, oder kann es 2018 noch schlimmer kommen?

Deutschland und Polen als Partner im Gespräch: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und der ehemalige polnische Ministerpräsident der Republik Polen Donald Tusk im Jahre 2012
(Quelle: EPP via Wikimedia)

Die deutsch-polnischen Beziehungen waren auch in ihren besten Zeiten der letzten zwei Dekaden nie frei von Wahrnehmungs- und Interessenunterschieden, Sachkonflikten. Von unterschiedlichen Interessenlagen war auch die Entwicklung deutsch-französischer Versöhnung geprägt. Tragbare Kompromisse zu finden, ist bis heute der Impetus, um eine gemeinsame Entwicklung in der europäischen Integration zu ermöglichen. Ohne Bonn, später Berlin, und Paris gab und gibt es keinen Fortschritt in Europa. Das Grundverständnis für diesen Mechanismus von Interessenausgleich und prioritären gemeinsamen Zielen ist bei den heute in Polen Regierenden kaum vorhanden. Sie suchen eher innere „Verräter“ und äußere Feinde und sind mit der Kontrolle und Gleichausrichtung der Gesellschaft beschäftigt. So ein schlechtes internationales Image hatte Polen in den letzten dreißig Jahren nicht. Solange es aber nicht zu einer Selbstkorrektur kommt und man meint, zur Ertüchtigung der eigenen Bevölkerung Deutschland als Feindbild zu benötigen, kann es im bilateralen Verhältnis noch schwieriger werden. Ich hoffe es nicht, wenn ich an das Jubiläumsjahr 2018 denke und an das Potenzial, das es für Verständigung über Gräber hinweg eröffnet – siehe den gemeinsamen Besuch der Präsidenten Macron und Steinmeier auf dem Hartmannsweiler Kopf im Elsass vor wenigen Tagen. 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs und 100 Jahre staatliche Wiedergeburt Polens, das sollte abgesehen von nationalen Feiern auch für ein gemeinsames deutsch-polnisches Erinnern und Gedenken genutzt werden.

In welchem Maße beeinträchtigt die Krise zwischen den Regierungen in Berlin und Warschau die zivilgesellschaftlichen Beziehungen? Vermögen diese ein Gegengewicht darzustellen und den grenzübergreifenden Dialog aufrechtzuerhalten?

Die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Kontakte und Aktivitäten sind ein starkes Netz, das über Jahrzehnte geknüpft wurde. Sie sollten gerade in den grenznahen Regionen und den gemeinsamen grenzüberschreitenden lokalen und regionalen Projekten gegen neues Misstrauen und negative Stereotype immunisieren. Aber es gilt leider auch: steter Tropfen des Giftes des Misstrauens höhlt den Stein der Sympathie und des Vertrauens in dem Sinne: Etwas bleibt hängen.

Was können die deutschen Heimatvertriebenen und deren Nachfahren – gerade auch im Rahmen der Arbeit ihrer Verbände – zu einer neuerlichen Entspannung der deutsch-polnischen Beziehungen beitragen?

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben viele Heimatvertriebene, ihre Kinder und Enkel ihr besonderes Interesse und eine spezifische emotionale und mentale Kompetenz in die bilateralen Beziehungen einbringen können, die ihnen die deutsche Mehrheitsgesellschaft und erst recht viele Polen nicht zugetraut haben. Viele von ihnen haben einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Vorurteilen und Ängsten in Polen geleistet und einen historischen Dialog zwischen Deutschen und Polen in den lokalen und regionalen Gemeinschaften, insbesondere in den ehemaligen Heimatprovinzen von Masuren bis Oberschlesien, gefördert. Zahlreiche Projekte an alten Heimatorten haben die Bande zwischen Deutschen und Polen gestärkt. Das macht sie so wertvoll. Sie sollten sich nicht entmutigen lassen und ihre bestehenden Kontakte besonders intensiv pflegen. Das sollen die polnischen Partner und Freunde von uns Deutschen erwarten dürfen.

In Berlin werden gegenwärtig die Bedingungen einer neuen Regierungskoalition sondiert. Welche Ziele und Schwerpunkte sollte eine neue Bundesregierung 2018 im Umgang mit dem polnischen Nachbarn setzen?

Ziel sollte es sein, so viel wie möglich von der Vertrauensbasis des letzten Vierteljahrhunderts für die Zukunft zu retten und ein Geflecht von Gesprächs- und Arbeitsebenen in den Regierungskontakten zwischen Berlin und Warschau zu erhalten. Konkrete multilaterale Themenfelder sollten weiter pragmatisch bearbeitet und auf dieser Ebene Kompromisse im EU-Rahmen vorbereitet werden: Sicherheits-, Energie- und Migrationspolitik sowie die vier „Freiheiten“ der EU. Ein geeignetes Gesprächsformat wäre hier sicherlich die Trilateralität mit Frankreich, um auch der polnisch-französischen Entfremdung zu begegnen. Bei alledem gilt es, realistisch zu bleiben und keine zu hohen Erwartungen zu hegen, auch sich nicht provozieren zu lassen und über einen langen Atem zu verfügen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2017.

„Anwälte einer auf die Zukunft ausgerichteten Vertriebenenpolitik“

Wichtige Vertriebenenpolitiker angewählt

Die Wahlen zum 19. Deutschen Bundestag haben dazu geführt, dass die große Mehrheit der bisherigen vertriebenenpolitisch versierten Angeordneten im neuen Parlament nicht mehr vertreten ist. Dies liegt nicht nur daran, dass eine Reihe langjähriger Volksvertreter im Vorfeld der Wahlen entschieden hatte, nicht neuerlich zu kandidieren. Vielmehr gelang es auch einer Reihe von Politikern nicht mehr, über ein Direktmandat oder einen Listenplatz wieder in den Bundestag einzuziehen.

Dr. Bernd Fabritius
(Foto: Patrick Levin)

Dies gilt allen voran für den Präsidenten des Bundes der Vertriebenen (BdV), Dr. Bernd Fabritius (CSU). Nachdem er sich erfolglos um einen Wahlkreis in München beworben hatte, scheiterte er letztlich am zu geringen Zweitstimmenergebnis der CSU. Hierzu informiert der BdV: „Selbst dem Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann MdL, der als CSU-Spitzenkandidat auf Listenplatz 1 ebenfalls ohne Wahlkreis angetreten war, gelang der Einzug in den Bundestag nicht. Fabritius ist für die CSU der vierte mögliche Nachrücker in der nun beginnenden Legislaturperiode.“ Fabritius selbst bleibt trotz Auszug aus dem Parlament zuversichtlich: „Umso wichtiger ist es, meine Arbeit als Präsident mit voller Kraft und ungeschmälert in allen Bereichen fortsetzen zu können.“ Er werde alles dafür geben, „den Verband in der Mitte der Gesellschaft und überparteilich im besten Sinne – nämlich auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ – zu verorten.

Nicht nur die BdV-Bundesorganisation hat mit Dr. Fabritius einen Repräsentanten im Parlament verloren. Auch Politiker, die einzelnen BdV-Mitgliedsorganisationen in besonderer Weise verbunden sind, verpassten den neuerlichen Einzug. Dies gilt zum einen für Iris Ripsam (CDU), seit 2005 Landesvorsitzende der Union der Vertriebenen und Flüchtlinge in Baden-Württemberg. Die Bundesschatzmeisterin der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU war 2016 in den Bundestag nachgerückt und in diesem Jahr zur BdV-Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg gewählt worden. Zum anderen gilt dies für den in Beuthen geborenen Helmut Nowak (CDU). Das Bundesvorstandsmitglied der Landsmannschaft der Oberschlesier schied nach einer Legislaturperiode aus dem Bundestag wieder aus.

Weiterhin im Parlament vertreten bleibt zwar Stephan Mayer (CSU), Vizepräsident des BdV. Im Wahlkreis Altötting hatte er sogar das bayernweit zweitbeste Erststimmenergebnis erreichen können. Mayer gab bei aller Freude über den eigenen Wiedereinzug aber zu bedenken: „Mit Hartmut Koschyk, der nicht mehr angetreten ist, Bernd Fabritius oder Klaus Brähmig fehlen dem neuen Deutschen Bundestag einige der wichtigsten Anwälte einer auf die Zukunft ausgerichteten Vertriebenenpolitik.“

Während Hartmut Koschyk bereits von vornherein auf eine Kandidatur verzichtet hatte, ist die Abwahl von Klaus Brähmig (CDU) besonders schmerzlich: Brähmig, der dem Bundestag seit 1990 angehörte, wurde im Wahlkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge unmittelbar von der seinerzeitigen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry geschlagen, deren Partei systematisch um Stimmen bei deutschen Spätaussiedlern geworben hatte. Bis zum Ende der letzten Legislaturperiode hatte Brähmig der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vorgestanden.

Heinrich Zertik
(Bild: promo)

Nicht minder bedauerlich ist, dass Heinrich Zertik (CDU), der einzige russlanddeutsche Bundestagsabgeordnete der letzten Legislaturperiode, nach nur vier Jahren wieder aus dem Parlament ausgeschieden ist. Mit großem Engagement hatte er sich in dieser Zeit für die Belange der Russlanddeutschen sowie gegen ihre Vereinnahmung durch populistische Strömungen eingesetzt. Im April 2016 hatte er noch im Interview mit dieser Zeitung vor der Einflussnahme – gerade auch aus Moskau – gewarnt: „Es ist schon eine ernst zu nehmende Entwicklung, wenn sich die russische Regierung in innere Angelegenheiten Deutschlands einmischt und im Verbund mit russischen Medien eine Minderheit unter den Russlanddeutschen in der Flüchtlingsthematik instrumentalisiert. Es ist ein Angriff auf die Demokratie und rechtsstaatliche Ordnung.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2017.