Auf dem Weg zum „Homo Deus“?

Der Mensch zwischen Vergöttlichung und Abdankung

Entwicklungen der Neurowissenschaft und Digitalisierung stellen das humanistische Menschenbild zunehmend in Frage. Trans- und Posthumanisten träumen sogar von einer Überwindung des Menschen, wie wir ihn kennen. Thomas Fuchs, Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, hat mit seinem unlängst erschienenen Buch eine „Verteidigung des Menschen“ unternommen.

Mit Tilman Asmus Fischer sprach er über die Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen sowie über die Frage, ob die Zukunft einer neuen Spezies, dem „Homo Deus“, gehört.

Herr Fuchs, Ihr Buch trägt den Titel „Verteidigung des Menschen“. Welchem Angriff sehen Sie den Menschen ausgesetzt und welchen konkreten Bedrohungen wollen Sie begegnen?

Es geht in erster Linie um ein Menschenbild, welches unser bisheriges Verständnis von uns selbst in Frage stellt. Mit Yuval Noah Harari kann man auf einen seiner prominentesten Vertreter hinweisen, dessen Buch „Homo Deus“ als ein düsteres Zukunftsszenario bekannt geworden ist. Harari argumentiert darin, dass der wissenschaftlich-technologische Fortschritt und unsere zunehmende Kenntnis der Organismus- und Gehirnfunktionen das liberale und humanistische Menschenbild obsolet machen. Wir müssten uns letztlich als biologische Algorithmen verstehen, die sich aufgrund von Hirnprozessen lediglich einbilden, selbstbestimmte, freie Wesen zu sein. Dieses Bild des Menschen, wie es gegenwärtig in der Biologie und Neurowissenschaft dominant geworden ist, steht im Einklang mit dem technologischen Fortschritt durch Digitalisierung und „Künstliche Intelligenz“. Auch diese legen nahe, dass menschliches Bewusstsein letztlich simulierbar, in digitalen Prozessen darstellbar ist. Bio-, Neurowissenschaften und technologische Entwicklungen laufen also gemeinsam darauf hinaus, dass wir am Ende nur schlechtere algorithmische Maschinen sind.

Welche Konsequenzen zieht dieses neuroreduktionistische, also den Menschen auf seine Gehirnfunktionen reduzierende Menschenbild nach sich?

Die Annahme von Harari ist ja, dass wir uns nach und nach den Algorithmen, Datenanalysen und Prognosen der „Künstlichen Intelligenz“ und der Big-Data-Systeme überlassen werden, weil sie ohnehin viel besser über uns und unsere Zukunft Bescheid wissen als unsere beschränkte menschliche Selbstwahrnehmung. Und das halte ich insgesamt doch für eine gefährliche Entwicklung, die uns gewissermaßen unter unsere Maschinen stellt und diese wiederum anthropomorph versteht. Wir geraten damit zunehmend in die Gefahr, unsere Entscheidungen – bis hin zu gesellschaftlichen Prozessen und politischen Strategien – an Systeme Künstlicher Intelligenz zu delegieren, sie also aus den Händen zu geben. Das bedroht natürlich auch die liberale Demokratie, die auf der Annahme des selbstbestimmten, seine Entscheidungen verantwortenden Individuums beruht.

Aber wird der Mensch, wie wir ihn kennen und verstehen, nicht noch viel grundsätzlicher in Frage gestellt?

Nehmen wir den Begriff „Homo Deus“ von Harari, so stellen wir darin eine interessante Ambivalenz fest: „Homo Deus“ ist einerseits der Mensch, der zum ersten Mal als wirklicher Schöpfer von Intelligenz, Geist, vielleicht sogar künstlichem Leben auftreten, sich also an die Stelle Gottes setzen will. Andererseits ist damit eine Abdankung verbunden, da der leibliche, irdische, sterbliche Mensch letztlich kläglich hinter seinen eigenen – technischen – Geschöpfen zurückbleibt. Der Posthumanismus ist dann eine logische Fortführung dieser Ambivalenz: Wenn der Mensch soweit kommt, zum Schöpfer zu werden, dann ist er eigentlich schon über sich hinausgeschritten und muss einer überlegenen, posthumanen Spezies Platz machen. Darin stecken sowohl Misanthropie als auch „New Age“-Optimismus: Ein neuer, optimierter Mensch soll an die Stelle des mangelhaften alten treten.

Was sagt uns eine solche Vision über das Verhältnis zum körperlichen Geschaffensein des Menschen?

Die deterministische Sicht des Menschen passt zur Deutung des menschlichen Körpers als eines Apparates, der beliebig getunt werden kann. So geht der Transhumanismus davon aus, dass wir unsere Natur ganz neugestalten oder uns vor ihr sogar verabschieden können, da sie ja nur zufällig so geworden ist, wie die blinde Evolution sie entwickelt hat. Was in diesem Menschenbild fehlt, ist vor allem die Leiblichkeit und Lebendigkeit, also die Tatsache, dass wir nicht reine Geister, aber auch nicht reine Mechanismen sind, sondern Lebewesen, lebendige Wesen mit einem verkörperten Geist.

Kommt der Transhumanismus also, obschon der Homo zum Deus wird, scheinbar ohne Transzendenz aus?

Ja, das Leben, das wir haben, wird hier in keiner Weise mehr als eingebettet verstanden in einen Zusammenhang – der Tradition, der übergeordneten Kultur, der Generationen oder gar in einen religiösen, also transzendenten Zusammenhang. Sondern dieses Leben wird verstanden als radikal diesseitig, als radikal säkular, und dann ist die Sterblichkeit, Begrenztheit und Abhängigkeit dieses Lebens von einem physischen Körper natürlich ein Skandal, etwas Unerträgliches, was weder akzeptiert werden kann noch muss: Dieser Körper ist ohnehin nicht etwas Lebendiges, Selbstseiendes, sondern ein materieller Mechanismus, und den können wir nach Belieben neu gestalten und rekonstruieren.

Wiederholt haben Sie nun auf die Dimension der Leiblichkeit des Menschen hingewiesen. Was hat es mit diesem Konzept auf sich, das Sie in Ihrem Buch dem reduktionistischen Menschenbild sowie trans- und posthumanistischen Utopien entgegenstellen?

Ich möchte drei Aspekte einer Phänomenologie der Leiblichkeit hervorheben: Wir sind als erlebende Wesen zunächst einmal immer über unseren Leib in der Welt. Erst über das Medium des Körpers bewohne ich die Welt, und es ist das ganze meines Organismus – und nicht nur das Gehirn – das mich ausmacht. Sodann sind wir uns erst über unsere Leiblichkeit einander gegenwärtig. Es gibt eine Verbindung zwischen uns, die sich nicht zwischen Gehirnen, sondern im zwischenleiblichen Kontakt abspielt. Und zuletzt konstituieren wir als leibliche Wesen gemeinsam Realität. Am Ende hängt die gemeinsame Wirklichkeit nicht von digitaler Kommunikation, sondern davon ab, dass wir gemeinsam Gegenstände betrachten, sie einander geben und einander berühren können.

Besteht für den so verstandenen Menschen als leibliches Geschöpf noch eine Perspektive – oder gehört die Zukunft dem „Homo Deus“?

Die Abschaffung des Menschen durch sich selbst halte ich für eine Negativ-Utopie, der keine Zukunft beschieden sein wird. Der Grund ist vor allem der, dass wir letztlich immer in unserer Leiblichkeit verankert bleiben: Es sind die Prozesse des Spürens, des Fühlens, des Triebes, der Lust, die uns immer wieder auf unsere Leiblichkeit zurückverweisen. Und auch die Beziehung zum anderen, die Berührung und den Kontakt, werden wir auf Dauer nicht vermissen können.

Können Sie also am Ende doch Entwarnung geben?

Die Vorstellung, das Bewusstsein ohne Lebendigkeit aus dem Körper zu destillieren oder gar durch „Künstliche Intelligenz“ schaffen zu können, halte ich aus naturphilosophischen und biologischen Gründen für absurd. Eine reale Gefahr ist jedoch, dass wir unsere Freiheit und Selbstverantwortung zugunsten „intelligenter“ Systeme schrittweise preisgeben. Wir werden uns nicht abschaffen und auch nicht abschaffen können zugunsten einer anderen Spezies – aber es droht eine Selbstentmündigung des Menschen, der wir Einhalt gebieten müssen.

Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 331 Seiten, 22 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 14/2021.

Geistliches Geleit

Kreuzweg-Meditationen im Zeichen der Pandemie

Von Tilman Asmus Fischer

„Wie anders als 2000 Jahre lang gemeinschaftliche Feier des Todes und der Auferstehung waren die Kar- und Ostertage im Jahre 2020!“ Thomas Sternberg – so in seinem Geleitwort zum Bild- und Meditationsband „Auf dem Weg zum Kreuz“ – ist zuzustimmen. Und zu ergänzen ist: Auch 2021 werden die Feiertage nicht dem entsprechen, was bisher als ‚normal‘ galt. Das im Vorjahr von Martin W. Ramb und Holger Zaborowski herausgegebene Buch stellt einen hilfreichen wie nachdenklichen Begleiter durch diese besondere Passionszeit und v. a. Karwoche dar.

Anknüpfend an die insbesondere im Katholizismus gepflegte Kreuzweg-Tradition hatten die beiden Herausgeber gemeinsam mit dem Portal „katholisch.de“ im Laufe der vorjährigen Passionszeit unterschiedliche Autoren eingeladen, angesichts der Pandemie die Leidensstationen Christi zu bedenken. Die klassischen – 14 bzw. 15 – Stationen ergänzend sind so insgesamt 20 Meditationen zusammengetragen worden, in denen sich Glaubenstradition und Gegenwart gegenseitig erschließen. Denn, wie Ramb und Zaborowski einleitend erläutern „so, wie man sich aus der eigenen Situation auf Jesu Weg zum Kreuz einlassen kann, vermag dieser umgekehrt, Licht in unser eigenes Leben, Leiden und Sterben zu werfen.“

Leisten dies bereits die Texte für sich, vollzieht sich dieser interpretatorische Akt zudem auf visueller Ebene. Denn illustriert werden die Andachten nicht etwa durch klassische religiöse Kunst, sondern durch zeitgenössische Fotografien, welche die Pandemie in unterschiedlichen Situationen porträtieren: „Schreckliche, aber auch hoffnungsvolle Bilder der Solidarität und des Beistands prägen unsere Vorstellung von dieser das Menschliche zutiefst herausfordernden Zeit“, so die Herausgeber. Vielleicht etwas plakativ gesellt sich das Bild einer Ansprache Donald Trumps auf einem Lazarettschiff zur Station der Verurteilung Jesu zum Tode. Die anderen Bild-Text-Kombinationen sind stillerer Natur, etwa die Verbindung der Beisetzung von Corona-Opfern ohne Familienangehörige in einem New Yorker Massengrab mit der Grablegung Jesu.

Der Berliner Philosoph und Publizist Thomas Brose fragt in seinem Beitrag zur Kreuztragung, „wo in der gegenwärtigen Corona-Krise etwa zu entdecken [ist], das an das Gute im Menschen erinnert“. Indem „Auf dem Weg zum Kreuz“ auch hierauf immer wieder Antwort gibt, spendet der Band Trost und Zuversicht. Mithin: Lesens- und betrachtenswer ist dieses vom Katholiken verfasste und herausgegebene Buch – in ökumenischer Verbundenheit auf dem Weg zum Osterfest – für Angehörige unterschiedlicher Konfessionen.

Martin W. Ramb und Holger Zaborowski (Hrsg.), Auf dem Weg zum Kreuz. Meditationen in Zeiten der Corona-Pandemie, EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2020, 104 Seiten, 14,95 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 13/2021.

Militärgeschichte als Militärkritik

Rezension zu: Sönke Neitzel, Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, Berlin 2020.

Tilman Asmus Fischer

Unter dem programmatischen Titel „Kirchengeschichte als Kirchenkritik“ erschien unlängst ein Sammelband mit Beiträgen des profilierten konservativen Kardinals Walter Brandmüller. Man könnte fast verleitet sein, das neue Buch „Deutsche Krieger“ des Profanhistorikers Sönke Neitzel unter den inoffiziellen Titel „Militärgeschichte als Militärkritik“ zu subsummieren. Nicht, dass Neitzels Standardwerk, welches vom Kaiserreich bis in die Gegenwart reicht, eine verteidigungspolitische Programmschrift im Kleide einer wissenschaftlichen Studie wäre. Dem schieben bereits das umfangreiche zugrundeliegende Quellenstudium sowie die analytische Schärfe des Verfassers einen Riegel vor. Jedoch leitet ebendiese analytische Schärfer den aufmerksamen Leser zu einem kritischen Nachdenken über das deutsche Militär an – und zwar sowohl in seiner facettenreichen Geschichte als auch in seiner gegenwärtigen Gestalt.

Die methodischen Prämissen seiner Analyse entfaltet Neitzel in der Einleitung, welche bereits die entscheidende sozialgeschichtliche Dimension begründet, die der Verfasser in seiner Untersuchung starkmacht, indem er – anhand der Landstreitkräfte – nach „tribal cultures“ [S. 19] der Truppengattungen fragt. Chronologisch durchschreitet das Buch sodann die Geschichte der Reichswehr in Kaiserreich und Weimarer Republik sowie der Wehrmacht im Dritten Reich, um sodann in zwei zeitlich parallel verlaufenden Kapiteln die Bundeswehr der Bonner Republik sowie (in knapperer Form) die Nationale Volksarmee zu beleuchten. Mit dem letzten Kapitel – zur Bundeswehr der Berliner Republik – schlägt Neitzel die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, um abschließend nochmals die Grundlinien seiner Untersuchung in einem Resümee nachzuzeichnen.

Bundesminister der Verteidigung Theodor Blank am Rednerpult (darüber „Eisernes Kreuz“) bei Ansprache zur Überreichung der Ernennungsurkunden für die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr am 12 November 1955 in der Ermekeilkaserne, Bonn. (Bundesarchiv, Bild 146-1995-057-16 / CC-BY-SA 3.0)

Hierzu gehört insbesondere die Einsicht, dass sich – unabhängig von oder auch im Kontrast zur BMVg-eigenen Erinnerungspolitik und zumal angesichts des Versäumnisses, eine eigene jüngere Tradition auszubilden – durchaus „tribal cultures“ [S. 596] über die unterschiedlichen Phasen deutscher Militärgeschichte hinweg bis in die Gegenwart hinein erhalten haben, für die das Bild des ‚Kriegers‘ weiterhin von nicht zu vernachlässigender Bedeutung ist. Neben diesem Befund steht derjenige einer Verteidigungspolitik, die sich – sowohl aufgrund des Traumas deutschen Militarismus als auch geprägt von der lange währenden Hoffnung, sich im Zeitalter der ‚Friedensdividende‘ einrichten zu können – durch ein Phänomen auszeichnet, das Neitzel mit dem Begriff des „strukturellen Pazifismus“ [S. 597] fasst.

Wenn sich Neitzel auch anachronistischen Vergleichen enthält, bietet seine detailreiche Studie doch eine Vielzahl von historischen Konstellationen und Situationen, von denen ausgehend sich heutige Verteidigungspolitik befragen lässt. Dies gilt etwa für das Verhältnis zwischen Sozialdemokratie und Reichswehr in der Weimarer Republik. Entscheidend war hierfür der Rücktritt von Gustav Noske als Reichswehrminister infolge des Kapp-Putsches und der anschließende Verzicht der SPD auf das Wehrresort: „So verständlich dieser Schritt politisch war, so unglücklich war er rückblickend, da die Sozialdemokratie damit wichtigen Gestaltungsspielraum aufgab.“ [S. 85] Bedenkt man die hierdurch mitbeförderte „Entfremdung von Reichswehr und Republik“, lässt sich angesichts jüngster Sach- und Personalentscheidungen nur hoffen, dass die „ambivalente Haltung“ der SPD „zur Armee“ (S.86), die ihr Neitzel für die erste deutsche Demokratie attestiert, in der Gegenwart nicht neuerlich wirkmächtig(er) wird. 

Unter anderem Titel erschienen in: Zeitschrift Wehrtechnik, Ausgabe I/2021, Seite 85.

Nach Trump: Zwischen Rechtspopulismus und militärischer Bedrohung

Sicherheitspolitische Perspektiven für Polen, Deutschland und Europa unter der Administration Biden

Von Tilman Asmus Fischer

Die in den vergangenen Jahren gewachsenen Spannungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen – die wiederum Teil einer wachsenden Spaltung zwischen westlichen und östlichen EU-Mitgliedsstaaten sind – hatten eine markante Spielart in den gegensätzlichen Haltungen zur US-Regierung unter Präsident Trump. Dies zeigte sich vor allem auf dem Feld der Sicherheitspolitik. Eröffnet der Einzug von Joe Biden ins Weiße Haus daher auch neue Perspektiven für Deutschland, Polen und die EU? Angesichts der Einschätzungen von Kennern der transatlantischen Beziehungen besteht durchaus Grund zur Hoffnung.

Ziemlich beste Freunde – die Staatspräsidenten Andrzej Duda und Donald Trump 2017 im Warschauer Königsschloss (Foto: Kancelaria Prezydenta RP / Krzysztof Sitkowski)

„Während der Trump-Administration war eine deutliche Annäherung Polens an die Vereinigten Staaten festzustellen, und zwar nicht nur, aber besonders auf sicherheitspolitischem Gebiet; im Übrigen beispielsweise auch hinsichtlich der ‚Drei-Meere-Initiative‘ und auf dem Energiegebiet“, resümiert der Zeithistoriker Brigadegeneral a.D. Dr. Klaus Wittmann, Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam: Die USA unterstützten das wirtschafts-, energie- und sicherheitspolitische Bündnis von zwölf mittel-/ostmitteleuropäischen EU-Staaten vom Baltikum bis Kroatien bzw. Bulgarien und stellten sich gegen die deutsch-russische Pipeline „Nord Stream 2“. Sicherheitspolitisch sei die Besorgnis gegenüber Russland seit der Krim-Annexion und dem Krieg im Donbass in Polen ähnlich virulent wie in den baltischen Staaten. Die USA gälten dabei als Sicherheitsgarant und unersetzlicher Partner. „Das drückt sich aus“, so Wittmann, „im Bemühen um mehr stationierte US-Truppen, in Übungen, Rüstungsabkommen u. ä.; natürlich gab es während dieser Zeit auch einen gewissen Gleichklang in rechtspopulistischer Hinsicht“.

Diese Entwicklung hinge freilich auch mit einem gewissen Misstrauen Polens gegenüber seinen westlichen NATO-Alliierten zusammen: „Entscheidend sind die deutsch-französische Dominanz in der EU sowie bezüglich Deutschland dessen vermeintliches Entgegenkommen gegenüber Russland, pazifistische Versuchungen und die Vernachlässigung der Verpflichtungen gegenüber dem Bündnis. Der aus alledem resultierende Bilateralismus mit den USA kann die NATO-Kohäsion schwächen.“ Was wäre der deutschen Seite zu empfehlen? Wittmann rät: „Demonstrative Erfüllung der Zusagen im Bündnis, offene Ansprache polnischen Misstrauens, freimütiges Austragen divergierender Ansichten über Russland (einschließlich dem Beharren auf Nord Stream 2) – und enge Abstimmung, für die Kai-Olaf Lang von der Stiftung Wissenschaft und Politik einen Deutsch-Polnischen Sicherheitsrat vorschlägt und ich gern auch das ‚Weimarer Dreieck‘ aktiviert sehen würde.“

Eine Stärkung des „Weimarer Dreiecks“ scheint auch vor dem Hintergrund der asynchronen versöhnungspolitischen Geschichte Deutschlands mit seinen nordöstlichen und südwestlichen Nachbarn geboten zu sein: „Deutschlands Westbindung hat historisch zu mindestens gleichen Teilen auf Washington D. C. und Paris gefußt“, erläutert Philipp Mühl, Vorsitzender der Dialoginitiative „Atlantic Community“. Die Aussöhnung zwischen den ehemaligen „Erbfeinden“ sei bis heute ein Grundpfeiler nachkriegsdeutscher Geschichte: „Die USA wirkten dabei als stabilisierender Faktor, der die zentrifugalen Kräfte Nachkriegseuropas einzudämmen wusste. Zeitgleich war die deutsche Annäherung an Polen nach dem Zweiten Weltkrieg gleichsam schwieriger, ächzte Warschau doch bis 1989 unter sowjetischer Unterdrückung auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, wenngleich Brandts Kniefall den deutschen Willen zur Versöhnung gegenüber Polen betonte.“ Dies vermag für Mühl zu erklären, warum deutsche Stimmen in ihren sicherheitspolitischen Diskussionen Osteuropa und seine Interessen allzu gerne übersehen und damit ignorieren, dass das neo-autoritäre Russland für unsere östlichen Nachbarn eine essentielle Bedrohung darstellt.“

Für Dr. Karl-Heinz Brunner MdB (SPD), Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der NATO, sind die zurückliegenden verteidigungspolitischen Divergenzen zugleich im Zusammenhang mit Verwerfungen der politischen Kultur zu betrachten: „Einfache Antworten, Schwarz-Weiß-Denken, das ist die Nahrung, aus der Populisten – Rechtspopulisten allemal – ihre Berechtigung speisen. Da passte Donald Trump wunderbar zu Jarosław Kaczyński. Trump twittert und sein polnischer Kollege reagiert wie erwartet. US-Truppen aus Deutschland raus – na, dann halt nach Polen. Bilateralismus pur!“ Wird mit Joe Biden nun alles anders? „Wohl eher nicht“, meint Brunner – jedoch: „Es besteht Hoffnung, dass Sicherheits- und Verteidigungspolitik im White House wieder als Bündnisaufgabe gesehen werden, dass das friedensstiftende Element des Wertebündnisses NATO wieder zur Geltung kommt.“ Die Verlängerung des New-Start-Abkommens mit Russland und der vom Kongress ausgesetzte Truppenabzug stimmen Brunner zuversichtlich. Beides sei „kein Affront, wie die PiS dies meint“, sondern deute auf eine realistische Perspektive hin: „Nämlich, dass Sicherheit nur stark und multilateral möglich ist.“ Dass Biden bei seiner Amtseinführung betonte, die Beziehungen zu den Verbündeten wiederaufbauen zu wollen, sei großartig: „Dazu gehört natürlich Polen, jedoch auch die gesamte Europäische Union. Das ist nicht einfach, das geschieht nicht schnell. Jedoch es kann Frieden sichern. Und das wollen wir doch alle.“

In den Augen von Philipp Mühl besteht mit Präsident Biden für Deutschland die realistische Chance, „die NATO als zentrales Sicherheitsbündnis Europas aufzuwerten“. Berlin könne es sich wieder öffentlich wirksam leisten, nicht nur ausschließlich auf Paris zu schauen, das historisch lieber weniger als mehr USA in Europa sehen würde: „Berlin muss sich somit als Gelenk zwischen den Franzosen und Amerikanern sehen, um ein verteidigungsfähiges, mit Amerika strategisch-verzweigtes Europa zu etablieren.“ Dies gehe militärisch nur mit der – letztlich auch Europa einigenden – NATO, die die osteuropäischen Sicherheitsinteressen verfestigte, und einem sowohl technisch als auch politisch fähigem Europa.

„Die Steigerung der europäischen Fähigkeiten – was so gerne als ‚strategische Autonomie‘ bezeichnet wird – mit der Stärkung der NATO zu verbinden“, so Mühl, „ist dabei allein schon durch Deutschlands historische Verantwortung gegenüber Polens Sicherheit gefordert“. Diese „strategische Autonomie“ – lange als „stadtfeine Entgegnung zu ‚America First‘ “ gepflegt – demgegenüber mit der Vorstellung zu verknüpfen, ohne Partner bestehen zu können, sei nicht nur realitätsfern: „Es ist verantwortungslos und würde nicht nur Polen, sondern auch den anderen mittel- und osteuropäischen und insbesondere baltischen Staaten mittelfristig die Perspektive entziehen, wie ihre Sicherheit durch den Westen gegeben sein soll.“

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2021.

Nicht vom gleichen Planeten

In Taiwan fragt die zwölfte Taipeh Biennale nach Zukunftsperspektiven angesichts der aktuellen ökologischen Krisen

Von Ting-Chia Wu und Tilman A. Fischer

„Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“, bezeugt Jesus Christus im Johannesevangelium (17,16) über seine Jünger. Die Erfahrung von Fremdheit in der unerlösten Welt ist für die christliche Existenz in allen Zeiten konstitutiv – und ermöglicht eine kritische Distanz zur jeweiligen sozialen Realität. Dabei ist die gesellschaftliche Wirklichkeit unserer Tage durch eine zunehmende Diversifizierung und Fragmentierung von Weltanschauungen geprägt, die den sozialen Zusammenhalt herausfordern. In einer Weise, die der christlichen „Außenperspektive“ auf die Welt vergleich ist, vermag auch die Kunst, soziale und ökologische Bedingungen zu analysiert und zu kritisiert, indem sie mit der Fremdheit von Weltbildern und -anschauungen spielt.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür bietet die aktuelle, zwölfte, Taipeh Biennale (21. November 2020 – 14. März 2021), die vom „Taipei Fine Arts Museum“ organisiert wurde. Die beiden französischen Intellektuellen, der Philosoph Bruno Latour und der freischaffende Kurator Martin Guinard-Terrin, die von den Veranstaltern eingeladen worden waren, die Biennale auszugestalten, verfolgen die Absicht, die derzeitigen politischen Spannungen ebenso wie die ökologische Krise anhand verschiedene ‚Planeten‘ zu veranschaulichen. So kommentieren Latour und Guinard-Terrin: „Es gibt zunehmende Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Welt bewohnbar erhalten werden kann, nicht nur, weil die politischen Meinungen auseinandergehen, sondern vor allem, weil wir uns nicht einig zu sein scheinen, wie die Erde beschaffen ist.“

Bedauerlicherweise werden aufgrund der gegenwärtigen Pandemie so gut wie keine ausländischen Besucher diese Ausstellung in der taiwanesischen Hauptstadt besuchen können. Umso gebotener scheint es zu sein, der Biennale journalistisch Tribut zu zollen und an dieser Stelle ein paar Schlaglichter auf sie zu werfen. Unter dem Titel „You and I don’t live on the same planet“ („Du und ich leben nicht auf demselben Planeten“) bietet die Ausstellung ein fiktives Planetarium, in dem Künstler, Wissenschaftler und Aktivisten verschiedene Aspekte von fünf ‚Planeten’ erkunden, die für unterschiedliche Visionen der Welt stehen. Diese weichen voneinander nicht nur in der Frage ab, was unter der „Welt“ zu verstehen ist, sondern auch in den Vorstellungen von angemessenen soziale und politische Reaktionen auf aktuelle Krisen wie Globalisierung, soziale Ungleichheit und Klimawandel.

Mika Rottenberg, Cosmic Generator (AP) (Foto: Ting-Chia Wu)

So folgt der Planet „Globalisierung“ dem Traum der Modernisierung, welche die materiellen Belastungsgrenzen unseres Planeten nicht berücksichtigt. Die Videoinstallation „Cosmic Generator“ der argentinischen Künstlerin Mika Rottenberg etwa zeigt, wie Mechanismen der Globalisierung Alltagskulturen auf der ganzen Welt transformieren. Dafür verwendet sie die Metapher eines Tunnels, der Orte in verschiedenen Weltregionen in Form von Konsumgüterströmen verbindet – hier einen Marktplatzes in Yiwu, Volksrepublik China, dort ein chinesisches Restaurants in Mexicali, einer mexikanischen Stadt nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Auf diese Weise porträtiert Rottenberg eine globale Konsumwirtschaft, die nicht nur zu einer Homogenisierung des Lebensstils, sondern auch zu einer Masse von (Billig-)Produkten führt, die die Grenzen des tatsächlichen Bedarfs und der ökologischen Nachhaltigkeit überschritten hat.

Viele Menschen, die sich vom Ideal der Globalisierung betrogen und infolgedessen verloren fühlen, fliehen auf den Planeten „Sicherheit“, wie er von Rechtspopulisten propagiert wird. Der niederländische Künstler Jonas Staal fokussiert einen Vordenker dieser Bewegung, den ehemaligen Trump-Berater Steve Banon. In einer Installation bietet Staal eine „Propaganda-Retrospektive“, die in Auszügen Filme präsentiert, die von Banon produziert wurden und die Alt-Right-Ideologie befördern.  Indem diese mit der Angst vor Islamismus, Liberalismus und Multikulturalismus spielt, finden einzelne ihrer Bestandteile auch in Teilen konservativer christlicher Milieus zunehmend Unterstützung – vor allem, aber nicht nur in den USA. Gleichzeitig lassen die von Banon, Trump & Co artikulierten Krisenszenarien die Gefahren des Klimawandels und der ökologischen Degeneration in den Hintergrund treten.

Während auf diese Weise bereits heute Menschen der ökologischen Bedrohungslage – innerlich – entfliehen, spielt der der Planet „Flucht“ mit der futuristischen Möglichkeit einer kleinen Gruppe Privilegierter, sich gleich an Orte, der nicht vom Klimawandel betroffen sind, abzusetzen – in diesem Falle auf den Mars. Jedoch reagieren nicht alle Menschen auf die Konsequenzen der Globalisierung mit Flucht, sondern einige auch auf progressive Weise: Der „terrestrische“ Planet steht für diejenigen, die auf der Erde, wie sie tatsächlich ist, „landen“ und versuchen, das Gleichgewicht zwischen Wohlstand und der Achtung planetarer Belastungsgrenzen zu halten. Dieser Kampf beginnt mit der Anerkennung des Lebensraums des Menschen als der kritischen Zone der Erde, der ‚dünnen‘ Erdoberfläche, in der Gestein und Vegetation sich berühren und die ein komplexes wie fragiles Gebilde darstellt. Die taiwanesische Künstlerin Yu-Hsin Su fragt in ihrer Installation nach der Sichtbarkeit der Erdoberfläche als ebendieser „kritischen Zone“. Dafür nutzt sie das Material einer visuellen Datenbank taiwanesischer und deutscher Geologen, welche die bisherige Veränderung des Ökosystems in der taiwanesischen Taroko-Schlucht dokumentiert.

Mit einem fünften Planeten, „alternativen Gravitation“, porträtieren die Kuratoren Menschen und soziale Gruppen, die nicht ausschließlich einem der anderen „Planeten“ angehören, sondern sich von diesen Weltvisionen in divergierender Weise angezogen und abgestoßen fühlen. Damit dürfte sich hierin wohl der größte Teil der Weltbevölkerung repräsentiert finden.

In ihrer Gesamtheit exponiert die Biennale Umwelt- und Klimaschutz als ein Thema, welches von existenzieller Bedeutung für die Menschheit und den einzelnen Menschen ist. Dieser Tatsache entspricht in religiöser Sprache der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“. In diesem Sinne spricht die Ausstellung implizit auch die religiöse Dimension des Umweltschutzes aus. Hierzu passt, dass es der Kurator Bruno Latour ist, der seit Jahren darum kämpft, die Verbindungen zwischen Theologie und Klimaschutz zu stärken; etwa durch eine Seminarreihe, die er seit drei Jahren für die katholische Universität Paris (Institut Catholique de Paris) organisiert. Wenn Latour auch in Taiwan kein überwiegend katholisches oder christliches Publikum anspricht, kann diese Ausstellung dennoch auch als Aufforderung angesehen werden, die Verantwortung von Kirche, Theologie und Christen im Allgemeinen für diese Welt zu überdenken – auch wenn sie „nicht von der Welt“ sind.

Erschienen am 4. März 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Auf der Suche nach der verlorenen Mitte

Wie kann das „christlich-soziale Kontinuum“ bewahrt werden? Roman Deininger blickt auf die Geschichte der CSU

Von Tilman Asmus Fischer

Die Folgen, welche die Corona-Pandemie zeitigt, sind nicht nur sozial- und wirtschaftspolitischer Natur, sondern vermögen sich in markanter Weise auch auf die deutsche Parteienlandschaft auszuwirken. Das zeigt sich etwa darin, dass sich im Rahmen der Krisenbewältigung ein Parteivorsitzender, der zuvor im Wesentlichen mit Spott oder Ablehnung bedacht worden war, eine derartige Reputation erarbeiten konnte, dass für ihn und seine Partei nun sogar eine Kanzlerkandidatur nicht mehr ausgeschlossen ist. Die Rede ist von Markus Söder und seiner Christlich-Sozialen Union.

Nichts wird nach Corona mehr so sein, wie es vorher war. Diese schlichte wie tiefgreifende Tatsache lässt Roman Deiningers „Die CSU. Bildnis einer speziellen Partei“ besondere Bedeutung zukommen. Immerhin bietet sie das differenzierte Porträt einer Partei und die Geschichte ihrer Entwicklung zwischen ihrer Gründung nach der tiefgreifendsten politischen Zäsur des 20. Jahrhunderts – dem Ende des Zweiten Weltkriegs – und ihrem 75. Geburtstag im Jahr der (bisher) tiefgreifendsten politischen Zäsur des 21. Jahrhunderts – der Pandemie. Dass eben diese Krise für den Autor zur Zeit der Fertigstellung seines Buchs noch nicht abzusehen war, macht dieses zu einer spannenden Quelle, die am Beispiel der CSU feinsinnig die Debatte um Gegenwart und Zukunft der Volksparteien an der Jahreswende 2019/2020 – und damit den Status pro ante – dokumentiert. Hierfür bringt Roman Deininger schon deshalb die besten Voraussetzungen mit, da er als politischer Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ bereits seit Jahren schwerpunktmäßig mit den Christsozialen befasst ist. Seine Kenntnisse aus der Berichterstattung über die gegenwärtige CSU verknüpft er in gekonnter Weise mit  historischen Hintergründen zur Parteigeschichte sowie mit politischen Köpfen Bayerns aus verschiedenen Generationen, die er im Gespräch zu Wort kommen lässt. Dabei gelingt es ihm, durchaus unterhaltsam zu schreiben, ohne ins Anekdotische abzudriften und die große Linie seiner Analyse aus den Augen zu verlieren.

Diese setzt mit einer Bestandsaufnahme zur Gegenwart der CSU ein, die Deininger zwischen dem Agieren der Partei unter Horst Seehofer im Asylstreit und der mit der Machtübernahme Markus Söders eingeleiteten Reform der Partei entfaltet. Von hier aus richtet der Verfasser den Blick in die Vergangenheit und zeichnet die Geschichte der CSU nach: vom mit der Gründung einhergehenden „Bruderkampf“ mit der Bayernpartei über die großen Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden der Bonner Republik bis in die Berliner Republik. Vor dem Hintergrund dieses historischen Überblicks befasst sich der dritte Hauptabschnitt des Buchs mit der facettenreichen Beziehung zwischen der Partei und ,ihrem‘ Freistaat. Ausgehend von der für das Wesen und Bestehen der CSU systemrelevanten Bindung an Bayern analysiert der vierte Abschnitt das Wirken der Partei „in Berlin, Brüssel und in der Welt“. Stand am Anfang der Blick in die Vergangenheit, wendet sich Deininger zuletzt der Frage nach der Zukunft der CSU zu. Beschlossen wird das Buch mit Überlegungen über die „CSU auf der Suche nach der verlorenen Mitte“.

Dr. Markus Söder: #JazuBayern (CSU-Parteitag 2018) (Foto: Michael Lucan)

Der differenzierte Blick, den Deininger wagt, zeigt sich etwa hinsichtlich des wohl am emotionalsten aufgeladenen Kapitels der jüngeren Beziehungsgeschichte von CDU und CSU: dem Asylstreit von 2018. Bei aller (begründeten) inhaltlichen Kritik an populistischen Auswüchsen des aus dem Selbstverständnis der CSU resultierenden Bestrebens, „rechte Wähler im demokratischen Spektrum zu halten“, und aller Stilkritik an Horst Seehofer verfällt Deininger nicht der (immer wieder gängigen) Pauschalverurteilung des Bundesinnenministers. So hält Deininger dezidiert fest, „dass Seehofer nicht der einzige Vertreter eines scharfen Kurses war, er war nicht mal der schärfste“. Ja mehr noch gesteht er sogar zu, dass „nüchtern betrachtet“ dessen „Position, es kämen zu viele Flüchtlinge zu ungeordnet ins Land, natürlich legitim“ gewesen sei – „zumal Merkel ihre Politik einer breiten Bevölkerung lange nicht hinreichend zu erklären vermochte“.

Das „breite Dach“ der CSU hebt der Autor nicht nur an dieser Stelle hervor, wo sich „Grenzzaunfreunde und Flüchtlingshelfer gleichermaßen“ unter ihm tummeln. Vielmehr zieht sich die Beobachtung der inhaltlichen Weite – und damit auch der inhaltlichen Spannungen – der CSU durch das gesamte Buch. Besonders spannend ist dieser Blickwinkel hinsichtlich der Europapolitik.

Hier verdeutlicht Deininger nicht nur das rivalisierende Miteinander nationalstaatlich und gesamteuropäisch orientierter Positionen in der CSU, sondern stellt zudem die Betonung eines „Europas der Regionen“ als besonderes Merkmal der christsozialen Europapolitik heraus. Irritierend ist, dass Deininger, obwohl er immer wieder gerade auch die Europapolitik der CSU in Geschichte und Gegenwart thematisiert, in keiner Weise auf die inhaltliche wie personelle Verwobenheit zwischen den Christsozialen und der paneuropäischen Bewegung eingeht. Dies gilt sowohl für den Präsidenten der Paneuropa-Union Deutschland und CSU-Europaparlamentarier Erzherzog Otto von Habsburg-Lothringen, als auch für dessen Nachfolger, das EP-Urgestein Bernd Posselt. Zumindest das Wirken Manfred Webers erhält eine angemessene Würdigung, jedoch fehlt auch hier – wie bei Franz Josef Strauß – der Verweis auf die Prägung der politischen Positionen durch die Paneuropa-Idee.

Es ist die Frage nach den Perspektiven einer „Suche nach der verlorenen Mitte“ – anders gesagt: der Suche nach einer Zukunft der Volkspartei CSU –, auf welche Deiningers Buch hinausläuft. Er vermag sie schließlich in einem klarsichtigen Vergleich zur Schwesterpartei CDU zu fassen: „Die Merkel-CDU hat sich viel klarer als die CSU auf einer Seite der Bruchlinie der Gesellschaft positioniert – auf der Seite der Kosmopoliten.“ Den hierfür gezahlten Preis sieht Deininger darin, „dass für die CDU – wenn sie nach Merkel nicht einigermaßen drastisch den Kurs ändert – auf der Seite der Heimatbewahrer nicht mehr viel zu holen ist: bei den Arbeitern, bei der unteren Mittelschicht“. Im Kontrast hierzu erkennt Deininger zu Recht im Zugang zu ebendiesen Bevölkerungsgruppen „ein christsoziales Kontinuum, das ein Überleben als überdurchschnittlich große Partei begünstigt“, wenn auch nicht garantiert. Darin, dieses Kontinuum zu wahren, erkennt Deininger die zentrale Herausforderung der CSU: „Es ist ein heftiger Spagat, in den die CSU gerade hineingleitet: Sie muss die Sorgen der Heimatbewahrer ernst nehmen und trotzdem das Lebensgefühl der Kosmopoliten aufnehmen. Beim Thema Migration zum Beispiel: Wenn sie auf beiden Seiten der Bruchlinie reüssieren will, muss sie mit Leben füllen, was bisher nur eine Formel ist: ,Ordnung und Humanität‘.“

Fazit: „Wahrscheinlich war die Integrationsleistung, die eine Volkspartei zu ihrem Überleben erbringen muss, noch nie so groß wie heute.“

Roman Deininger: Die CSU. Bildnis einer speziellen Partei. Beck Verlag, München 2020, 352 Seiten, mit 20 Abbildungen, ISBN 978-3-406-74982-7, EUR 24,–

Erschienen am 18. Februar 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Die Digitalisierung ist kein Automatismus

Angesichts der wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Digitalisierung appelliert der evangelische Sozialethiker Traugott Jähnichen an den Gestaltungsauftrag der Politik. Hierüber sowie über die gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Joachim Wiemeyer verfasste „Wirtschaftsethik 4.0“ spricht er im Interview mit Tilman Asmus Fischer.

Herr Jähnichen, Homeoffice und Onlineversandhandel sind zwei Schlagworte, die mit Blick auf die Konsequenzen der Corona-Krise für das Wirtschaftsleben von zentraler Bedeutung sind. Welche wirtschaftsethischen Herausforderungen der Digitalisierung stellen sich im Pandemiejahr 2020 wie unter einem Brennglas dar?

Menschen im Homeoffice erleben Freiheiten der individuellen Zeitgestaltung. Es sind Spielräume gegeben, Privates und Berufliches neu zu sortieren. Zugleich kann die fehlende Abgrenzung von Lebens- und Arbeitszeit zu einer Dauer- und im Extremfall Überbelastung führen, vor allem wenn zugleich Kinder – etwa wgegen geschlossener Kitas oder Schulen –betreut werden müssen. Der Onlinehandel hat durch die Corona-Pandemie noch einmal einen unglaublichen Schub erhalten, zu Lasten des stationären Handels. Zugleich bauen Online-Händler ihre dominante Markt- und oft auch Machtposition weiter aus, denn sie wissen immer mehr über uns…

Das erste Kapitel Ihrer unlängst erschienene „Wirtschaftsethik 4.0“ setzt ein mit einer Besinnung auf die „Systematik der christlichen Sozialethik“. Welche Einsichten aus deren Tradition sind angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen von bleibender Bedeutung – und wo erfordern diese eine Neujustierung?

Die christliche Sozialethik gehört zu den entscheidenden Impulsen der Ordnungskonzeption der Sozialen Marktwirtschaft. Deren Grundsätze müssen heute auf die Bereiche digitalen Wirtschaftens übertragen werden, insbesondere im Blick auf die Bekämpfung wirtschaftlicher Monopole oder Oligopole. Zugleich stellen sich Fragen des Arbeits- und des Sozialrechts in neuer Weise. Bisher hat sich die christliche Sozialethik stark an dem nationalstaatlichen Rahmen orientiert, dies wird immer unzureichender.

Im Gegenzug ließe sich auch fragen: Haben wir es bei der Wirtschaft 4.0 mit neuen ethischen Herausforderungen zu tun oder mit altbekannten Fragen in neuer Gestalt?

Sowohl als auch. Die neuen ethischen Herausforderungen sehe ich vor allem in der Aufgabe, die historisch mühsam errungenen Arbeitnehmerrechte in der digitalen Arbeitswelt in neuer Weise zu sichern: Das reicht von Mitbestimmungsrechten, der Rolle von Betriebsräten und Gewerkschaften bis hin zu der Frage, wie die Sozialversicherungssysteme mit den Bedingungen der digitalen Arbeitswelten gut verbunden werden können.

Verfasst haben Sie das Buch gemeinsam mit Ihrem katholischen Fachkollegen Joachim Wiemeyer. Es handelt sich also gewissermaßen um einen ökumenischen Entwurf. Wie einmütig fällt ein solches interkonfessionelles Ringen mit Fragen der Digitalisierung aus – bzw. welche Akzentsetzungen steuern jeweils evangelische Sozialethik und katholische Soziallehre bei?

Wir haben das Buch sehr einvernehmlich erarbeitet, sowohl in den theologisch-sozialethischen Grundlagen wie in den ethischen Konkretionen. Wir beziehen uns bewusst auf die inzwischen lange Tradition gemeinsamer Verlautbarungen der Kirchen zu Fragen der Sozial- und Wirtschaftsordnung. Im Blick auf das Verständnis der Subsidiarität gibt es unterschiedliche Akzentsetzungen. Der Protestantismus ist nach wie vor stärker auf den Staat als den Garanten sozialer Sicherungen bezogen als der Katholizismus. Dafür betont die katholische Soziallehre stärker die Bedeutung der Familie und auch sozialer Bewegungen.

Im öffentlichen Diskurs erscheint die Digitalisierung bisweilen als ein unabweisliches Fatum, dem Gesellschaft und Wirtschaft alternativlos ausgeliefert sind. Was spricht für Sie gegen einen solchen „Technikdeterminismus“?

Die Digitalisierung ist kein Automatismus. Wie Algorithmen programmiert werden, welche Grenzen durch den Datenschutz gesetzt werden, wie man Monopolbildungen im Netz begrenzt und vieles mehr, das sind Fragen, die im Sinn einer humanen, sozialen und nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung durch die Politik geregelt werden müssen. Wie der elektrische Strom vor mehr als hundert Jahren nach und nach alle Lebensbereiche durchdrungen hat, wird dies in einer noch stärker unseren Alltag bestimmenden Weise durch die Digitalisierung geschehen. Dabei halten die zu setzenden Regeln der Gestaltung mit dem schnellen technischen und ökonomischen Wandel nur schwer Schritt. Die Politik ist herausgefordert, gegenüber dem chinesischen System der immer totaleren Staatskontrolle und dem angelsächsischen Laissez-Faire, was den großen Digitalunternehmen weitgehend freies Spiel eröffnet, eine Alternative zu entwickeln.  

Wenn also das Heft des Handelns bei der Politik liegt, welcher vordringlicher Handlungsbedarf besteht aus Perspektive des Sozialethikers gegenwärtig auf den Ebenen der deutschen, europäischen und internationalen Politik?

Ich sehe die europäische Ebene in der Schlüsselposition. Ein Nationalstaat allein kann nur bedingt angemessene Regeln durchsetzen, die Ebene der internationalen Politik ist diesbezüglich bisher nur wenig handlungsfähig und -willig. Selbst die Bekämpfung von Cyber-Kriminalität wird international kaum koordiniert, vermutlich mischen einige Nationalstaaten durch die Duldung oder Förderung krimineller Aktivitäten sogar kräftig mit. Daher gibt es für eine gute Digitalpolitik auf der Ebene der EU keine Alternative. Mit der Datenschutzgrundverordnung ist ein erster, sinnvoller Schritt gegangen worden. Aber auch die EU-Ebene ist in vielerlei Hinsicht unzureichend.

Worin zeigt sich das vornehmlich?

Besonders deutlich wird dies im Blick auf eine koordinierte Steuerpolitik, damit Internet-Riesen wie Amazon und Facebook ihre in Europa erzielten Gewinne angemessen versteuern. Leider gibt es diesbezüglich in der EU einige Länder, die man quasi als Steueroasen bezeichnen muss. Gestaltungsperspektiven über die EU-Ebene hinaus sind vornehmlich für einen Kurswechsel in Richtung Nachhaltigkeit notwendig. Ob der digitale Wandel die Nachhaltigkeit stärkt, ist kein Selbstläufer, sondern muss – idealer Weise durch internationale Vereinbarungen – gesteuert werden. Die nationale Ebene ist vorrangig im Blick auf den Datenschutz herausgefordert. Die Ambivalenzen erleben wir gerade angesichts der Corona-Krise. Ein guter Datenschutz wie in Deutschland ist einerseits sinnvoll, lässt aber andererseits ein in Ostasien – auch in demokratischen Ländern – wirksames Instrument wie die digitale Nachverfolgung von Infektionen fast wirkungslos werden. Wie hier eine Ausbalancierung der Anforderungen zu gestalten ist, bleibt eine offene Frage. Insofern sind durchaus alle Ebenen herausgefordert, zentral sind jedoch eindeutig die Gestaltungsmöglichkeiten der EU.

Traugott Jähnichen und Joachim Wiemeyer, Wirtschaftsethik 4.0. Der digitale Wandel als wirtschafts ethische Herausforderung. Band 15 der Reihe „Ethik – Grundlagen und Handlungsfelder“, Kohlhammer, Stuttgart 2020, 266 Seiten, 32 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 2/2021.

Religion als kulturelle Ressource

In „Heimat Europa“ erkunden unterschiedlichste Autoren das geistige Fundament, auf dem sich das europäische Menschenbild begründet

Von Tilman Asmus Fischer

In den seit 2015 vermehrt geführten Debatten um Erbe und Zukunft Europas wird immer wieder der Topos des „christlichen Abendlands“ bedient – entweder als unverzichtbarer und bedrohter Kern europäischer Identität oder als moralisches Argument zur Untermauerung politischer Humanitätsforderungen. In jedem Fall scheint man bei der Frage nach Europa nicht um diejenige nach dem Christentum und seinem Beitrag zum geistigen Fundament Europas herumzukommen. Es ist ebendieser Diskurs, der sich in dem bereits 2019 erschienenen Sammelband „Heimat Europa?“ spiegelt, den Martin W. Ramb, Abteilungsleiter Religionspädagogik, Medien und Kultur im Bischöfliches Ordinariat Limburg, gemeinsam mit Holger Zaborowski, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, herausgegeben hat.

Zu den Beiträgerinnen und Beiträgern gehören neben einer Reihe von Theologen aus Deutschland und dem europäischen Ausland – unter anderem Stephan van Erp, Professor an der Universität Leuven, Jean-Claude Hollerich SJ, Erzbischof des Erzbistums Luxemburg, und Gianfranco Kardinal Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rats für Kultur – Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Disziplinen und Bereichen des öffentlichen Lebens: neben der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff und der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig etwa auch die langjährige Gewerkschaftsfunktionärin und Sozialpolitikerin Ursula Engelen-Kefer sowie der Unternehmensberater Prinz Asfa-Wossen Asserate.

Gemeinsam ist den meisten Autorinnen und Autoren, dass sie Europa als Heimat nicht im Sinne einer kulturell homogenen Einheit denken, jedoch auf einen Grundbestand verbindender Denktraditionen verweisen, die vornehmlich ein spezifisches Menschenbild prägt. Freilich: Einzelne der Autoren verwehren sich gegen die Idee eines spezifischen identitätsstiftenden moralisch-weltanschaulichen Fundaments Europas; hierfür scheint vornehmlich die Sorge vor einer identitätspolitischen Hybris Europas ausschlaggebend zu sein.

Der Beitrag des jüdisch-christlichen Erbes zur kulturellen und philosophischen Identität Europas wird in den vielfältigen Beiträgen hinlänglich deutlich. So hebt der Religionswissenschaftler Jens Zimmermann die Einsicht des katholischen Philosophen Robert Spaemann hervor, „dass ohne den persönlichen Gott des Judentums und den zur Trinität hinführenden christlichen Inkarnationsgedanken das uns vertraute Bild der von Freiheit, Würde und Sozialität gekennzeichneten Person wohl nicht zustande gekommen wäre“.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Apell von Martin Ramb besonders eindringlich, zur Überwindung der gegenwärtigen Krise Europas müsse Europa lernen, „seine Religionsphobie zu überwinden und dabei seine Laizität weiterzuentwickeln und Religion als kulturelle Ressource für ein lebendiges Zusammenleben seiner Bürger zu begreifen“. Dieses Plädoyer dürfte in den vergangenen Monaten zusätzliches Gewicht erhalten haben: Denn in der gegenwärtigen existenziellen Pandemiekrise zeigt sich zunehmend, dass eine funktionierende Bürokratie alleine den Zusammenhalt Europas nicht zu garantieren vermag, sondern es vielmehr einer tiefergehenden Begründung bedarf, um die Gemeinschaft mit Leben zu füllen.

Martin W. Ramb und Holger Zaborowski (Hrsg.), Heimat Europa?, Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 431 Seiten, 22 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 1/2021.

Im Schatten des Vernichtungskrieges

Sönke Neitzel über geschichtspolitische Debatten um die deutschen Streitkräfte

Professor Neitzel, im August 1957 gratulierte das Bundesorgan der Landsmannschaft Westpreußen deren stellvertretenden Sprecher General a.D. Walther K. Nehring zum 65. Geburtstag. Die Meldung, welche ein Bild des Jubilars in Uniform ziert, würdigt die militärischen Erfolge des Ritterkreuzträgers im Zweiten Weltkrieg, u. a. als Kommandierender General des Deutschen Afrikakorps, und beziffert, er sei „fünfmal verwundet“ worden, „davon zweimal als General“. In welchem Sinne ist diese Personalmeldung symptomatisch für das Bild der Wehrmacht in der Zivilgesellschaft der jungen Bundesrepublik?

Weite Teile der Gesellschaft sahen in hoch ausgezeichneten Soldaten wie Walther Nehring Vorbilder, Repräsentanten einer Wehrmacht, die als eine der besten Armeen der Welt galt. Nehring umwehte der Nimbus der deutschen Panzertruppe – er war in Frankreich, der Sowjetunion und Afrika an vielen Siegen der Wehrmacht beteiligt. In dem zerstörten, besetzten und geteilten Land blieb aus den Kriegsjahren nicht mehr viel, auf das man sich positiv beziehen konnte. Der Nimbus der einstigen militärischen Erfolge, der Siegeslauf der ersten Kriegshälfte, auch die Überzeugung, eigentlich die beste Armee der Welt gehabt zu haben, das waren für Millionen Deutsche wichtige Bezugspunkte, die Nehring symbolisierte. Und über solche Personen ließen sich Millionen ehemaliger Wehrmachtsoldaten in den neuen Staat integrieren. Über den Vernichtungskrieg wurde dabei natürlich nicht gesprochen.

Der fünffach verwundete Ritterkreuzträger Nehring dürfte gewiss dem Bild der „Deutschen Krieger“ entsprechen, die ihrem neuesten Buch den Titel gegeben haben. Was hat es mit diesem Soldatenbild auf sich – und welche Bedeutung kommt ihm in den heutigen deutschen Streitkräften zu?

Dass Streitkräfte dazu da sind, militärische Gewalt anzudrohen oder anzuwenden, ist über Jahrhunderte Allgemeingut gewesen. Die Katastrophen des Zweiten Weltkrieges veränderten gerade in der Bundesrepublik aber das Verhältnis zum Militär grundlegend, zumal der Krieg in Zeiten von Atomwaffen nicht mehr als sinnvolle Option der Politik gelten konnte. Soldaten wurden nun nicht mehr nur von der Logik des Krieges her gedacht, sondern immer mehr vom Alltag des Friedens. Und nach 1990, mit dem Ende des Kalten Krieges, wurden keine „Krieger“ mehr gebraucht. Es ging ums Retten, Schützen und Helfen, nicht mehr ums Kämpfen. In der Kampftruppe selbst denkt man sicher anders, hier wird das scharfe Ende des Berufes sehr ernst genommen. Aber der Alltag der Bundeswehr wird heute – etwas überspitzt formuliert – vom Frieden und der Europäischen Arbeitszeitrichtlinie bestimmt, nicht von Kampfeinsätzen. Mit denen hadert die Gesellschaft, zumal die Erfahrungen von Afghanistan berechtigten Zweifel an dem Sinn solcher Operationen schüren. Schon der Begriff „Krieger“ erscheint uns daher vollkommen aus der Zeit gefallen.

Bundesminister der Verteidigung Theodor Blank am Rednerpult (darüber „Eisernes Kreuz“) bei Ansprache zur Überreichung der Ernennungsurkunden für die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr am 12 November 1955 in der Ermekeilkaserne, Bonn.
(Bundesarchiv, Bild 146-1995-057-16 / CC-BY-SA 3.0)

In welchem Verhältnis stehen die gelebte Traditionspflege der Truppe und die offizielle Geschichtspolitik des Bundesministeriums der Verteidigung?

Der offizielle Traditionsbegriff ist im Wesentlichen ein politischer, der sich an den Werten und Normen des Grundgesetzes orientiert und damit an den Grundfesten unserer Demokratie. In der Truppe gibt es daneben aber durchaus noch ein anderes, gewissermaßen inoffizielles Traditionsbild, dass sich auch an handwerklichen Vorbildern orientiert. Und auf dieser Ebene spielt die Zeit vor 1945 eine stärkere Rolle – wenngleich die Bezüge zu einzelnen Wehrmachtsoldaten oder Offizieren der kaiserlichen Armee bzw. aus den Befreiungskriegen sicher mit der Zeit immer weniger werden. Wie man mit dem Bedürfnis gerade der Kampftruppen nach „artgerechten“ Vorbildern, also nach solchen, die auch gekämpft haben, umgehen soll, ist bislang ein Problem, dem eher mit Verboten, denn mit konstruktiven Ideen begegnet wird.

Dem idealisierten Bild der Wehrmacht und der „Deutschen Krieger“ stehen Narrative gegenüber, die sich einer dezidiert kritischen Perspektive auf die deutsche Militärgeschichte verdanken. Einige von ihnen beleuchten Sie in Ihrem Buch. Lassen Sie uns zwei von ihnen aufgreifen: die gesamtgesellschaftliche Militarisierung des kaiserzeitlichen Preußens und die Reichswehr der Weimarer Republik als „Staat im Staate“. Wie steht es um das Recht und die Grenzen dieser Deutungsmuster?

Nach meiner Interpretation schießen diese Perspektiven übers Ziel hinaus. Gewiss hatte das Militär in Staat und Gesellschaft des Kaiserreiches eine starke Stellung, aber sie war weniger umfassend als dieses Narrativ vorgibt. Dasselbe gilt für den „Staat im Staate“. Das Schlagwort fehlt in keiner Fernsehdokumentation, keinem Zeitungsartikel und steht auch im aktuellen Traditionserlass. Es trifft meines Erachtens aber nicht zu, denn viele Teile der Gesellschaft haderten ebenso wie das Militär mit der Republik, teilten die Werte und Normen der Reichswehr. Sie war in Staat und Gesellschaft gewiss kein Fremdkörper.

Seit 1999 ist die Bundeswehr an Kriegseinsätzen beteiligt. Warum konnte es seither nicht zu einer nennenswerten eigenen Traditionsbildung kommen, die eine Alternative bzw. Ergänzung zu Bezugnahmen auf die vorbundesrepublikanische Militärgeschichte darstellen könnte?

Die Bundeswehr war ein Meister darin, Traditionen zu zerstören, aber tat sich immer schwer damit, neue aufzubauen. Das lag gewiss auch daran, dass auf allerhöchster Ebene diesem Thema bis heute zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ging immer eher darum, sich schrittweise von der Wehrmacht zu trennen, aber nicht um die Frage, was an neuer Tradition an diese Stelle treten sollte. Die Traditionsdebatte erscheint als ein vermintes Gelände, das man zu umschiffen sucht. Dies auch, weil man fürchtet, dass das Herausstellen der Kampfeinsätze in der Traditionsarbeit in der Gesellschaft kritisch gesehen werden könnte.

1939 hatte das Deutsche Reich die Republik Polen überfallen. Spätestens nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 75 Jahre später ist Polen – neben anderen ostmitteleuropäischen Staaten – auf die Fähigkeit der Bundesrepublik zur Bündnisverteidigung angewiesen. Wie steht es um diese und was hat der Zustand der Bundeswehr auch mit geschichtspolitischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte zu tun?

Um die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr in der Bündnisverteidigung steht es trotz aller Trendwenden schlecht. Die Lage ist in den letzten fünf Jahren etwas besser geworden, aber am Urteil der nur sehr bedingten Einsatzbereitschaft hat sich nichts geändert. Die Polen können – leider – von den Deutschen nur wenig substantielle Unterstützung erwarten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es liegt gewiss nicht nur an der historischen Erfahrung der Deutschen, von denen sehr viele nach Weltkrieg und Holocaust vom Militär die Nase voll haben. In den frühen 2000er Jahren konzentrierte man sich auf die Auslandseinsätze und gab angesichts der weltpolitischen Lage die Bündnisverteidigung de facto auf. Dies war aus der damaligen Situation heraus gewiss nachvollziehbar, hatte aber zur Folge, dass man ab 2014, als mit der Ukrainekrise das Thema wieder auf die Agenda kam, beinahe nackt dastand.

Mit Blick auf die heutige Bundeswehr könne Sie in Ihrem Buch gar von „strukturellem Pazifismus“ sprechen. Sind die Streitkräfte damit beim Gegenteil der „Deutschen Krieger“ angekommen – und, wenn ja, besteht Aussicht auf einen Mittelweg jenseits beider Extreme?

Es wäre sicher sinnvoll, wenn die Bundeswehr strukturell auch kampffähig wäre, zumindest verlangt das die NATO und ist auch der Anspruch in der Truppe selbst. Ich glaube aber nicht, dass sich am strukturellen Pazifismus auf absehbare Zeit etwas ändern wird. Die Deutschen fühlen sich einfach nicht so sehr bedroht und der Kulturbruch des Vernichtungskrieges bestimmt bis heute den Diskurs über Krieg und Militär. So wird sich die Politik zwischen außenpolitischen Anforderungen der NATO und innenpolitischen Zwängen weiter durchwurschteln.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2020; Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2021.

„Unsere Tür ist offen für alle“

Der Buchladen St. Nikolai ist eine Institution der Theologie in Berlin. Durch die Folgen der Corona-Pandemie ist er jedoch in der Existenz bedroht. Gründer Marc-Roderich Pfau spricht im Interview mit Tilman A. Fischer über die Geschichte und Zukunft seiner Buchhandlung

Herr Pfau, 1997 haben Sie den Buchladen St. Nikolai im Nikolaiviertel gegründet. Was war damals ihre Motivation?

In den Jahren davor habe ich, ach… Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Bei meiner Landeskirche, der heuteigen Nordkirche, gab es nach dem Examen eine zweijährige Wartezeit auf einen Vikariatsplatz. Ich entschied, die besondere Gelegenheit zu nutzen, die sich in Berlin nach dem Zusammenschluss mehrerer theologischer Fakultäten ergeben hatte, und eröffnete in der Nähe des neuen Theologicums eine christliche Buchhandlung. Dabei konnte ich meine Liebe zu Büchern mit einer Tätigkeit verbinden, bei der theologische Bildung ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist.

Ihr Geschäft liegt in Sichtweite zweier gegensätzlicher Gebäude: des DDR-Prestigebaus Fernsehturm sowie der St. Marienkirche. Was bedeutet es für die Bundeshauptstadt, dass es an diesem spannungsreichen Ort eine theologische Buchhandlung gibt?

Eine christliche Buchhandlung dürfte für jeden Ort dieser Welt eine wichtige Einrichtung sein. Sogar in der DDR galten christliche Buchhandlungen als Orte, an denen man Bücher finden konnte, die sonst im Angebot fehlten, und wurden auch von Atheisten gern besucht. Unsere Tür ist offen für alle, obwohl unser Angebot natürlich primär auf Christenmenschen zugeschnitten ist. Der andere Schwerpunkt unserer Buchhandlung liegt bei Berlin-Literatur. Wir besorgen aber natürlich mit Freude auch alle anderen Bücher.

Die Buchhandlung ist aktuell in ihrer Existenz bedroht. Wie ist es hierzu gekommen?

Die Auswirkungen der Corona-Krise blieben leider nicht auf die Monate März und April beschränkt, obwohl es uns bald wieder erlaubt war zu öffnen. Während des ersten Lockdowns haben uns viele Kunden vor allem durch Online-Bestellungen über unsere Homepage nikolaibuch.de am Leben erhalten – wofür ich an dieser Stelle nochmals allen Kunden herzlich danken möchte! Aber zwei unserer Standbeine sind seitdem weggebrochen. Zum einen verzichtet die Universität weitgehend auf Präsenzveranstaltungen, weshalb Studierende nicht mehr automatisch in die Nähe unserer Buchhandlung kommen. Zum anderen meiden Berliner und Touristen seit dem Beginn der Pandemie das Zentrum.

Stellt das Advents- und Weihnachtsgeschäft für Sie unter den aktuellen Bedingungen noch eine Hoffnung dar?

Das Weihnachtsgeschäft ist für den Buchhandel überlebenswichtig, da etwa ein Drittel des Jahresumsatzes rund um Weihnachten erzielt wird. Wenn es in diesem Jahr ausbleiben würde, wäre das katastrophal. Aber noch habe ich Hoffnung!

Ist die Schließung Ende des Jahres unabweisbar? Bzw. was müsste geschehen, um den Fortbestand des Buchladens St. Nikolai zu sichern?

Wenn die Corona-Krise Anfang 2021 überstanden wäre, gäbe es keinen Grund, an Schließung zu denken. Alles hängt entscheidend davon ab, ob Kunden auch während des zweiten Lockdowns den Weg zu uns finden oder ihre Bücherwünsche online über unser Geschäft abwickeln, indem sie sich die Bücher von uns zuschicken lassen. 

Zuletzt: Was sagt uns das Schicksal Ihres Geschäftes über die Lage des Bucheinzelhandels an sich? Und welche ethischen Anfragen an die aktuelle Konsummentalität verbinden sich hiermit?

Tatsächlich ist die Lage im Buchhandel sehr unterschiedlich. Kleine Kietzbuchhandlungen erfahren momentan viel Zuspruch, da viele Menschen in der Urlaubszeit zuhause geblieben sind und mehr Zeit zum Lesen haben. Auch Kinderbücher sind stark nachgefragt. Durch unsere Spezialisierung und Lage ist die Situation bei uns allerdings eine völlig andere.

Online-Buchhandel verstehe ich als eine echte Chance für uns, denn er bietet eine Alternative für alle, die ethische Bedenken umtreiben. Denn das Geschäftsmodell des bekannten Online-Riesen beruht auf prekärer Beschäftigung – im Lager und in der Zustellung – und in der konsequenten „Steuervermeidung“. Viele mögen diesen Moloch mit ihren Bestellungen deshalb nicht weiter mästen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn man kann – ohne zusätzliche Kosten – mit online-Einkäufen sogar den stationären Handel und die Attraktivität der Innenstadt stärken! Das ist wichtig zu wissen, gerade wenn man jetzt coronabedingt den Weg in das Stadtzentrum meiden will. Probieren Sie es aus!

Buchladen St. Nikolai
Rathausstraße 17-19, 10178 Berlin
www.nikolaibuch.de

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 46/2020.