Rückkehr in die Leitzentrale

Nadav Eyal nimmt der Globalisierung ihren Schrecken und plädiert für Pragmatismus

1979 formulierte der Philosoph Hans Jonas seinen verantwortungsethischen Imperativ: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Zwar nimmt der im selben Jahr geborene israelische Journalist Nadav Eyal in seinem Buch „Revolte“ nicht explizit auf Jonas Bezug. Doch scheint ebendieser Kerngedanke Pate gestanden zu haben, wenn er die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den Anschlägen vom 11. September 2001 als „Zeitalter der Verantwortung“ charakterisiert: „Die Fortentwicklung von Kernwaffen gefährdete zusehends die menschliche Existenz, aber Ängste haben manchmal auch Vorteile, speziell für die Regierenden. Ein solcher Vorteil ist die Vorsicht, und zu deren Wahrung braucht es Verantwortung.“ Relative Stabilität, Frieden und Wohlstandssteigerung waren Früchte dieser Epoche.

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Erschienen in: Der Tagesspiegel, 26. Februar 2020.

Mit philosophischem Boden unter den Füßen

Sinn, Wahrheit, Verantwortung und die Frage, wer der Mensch ist, kommen in den öffentlichen Diskursen oft zu kurz. Die „VALERE Academy“ geht in die Tiefe und setzt auf „Wertebildung“.

Von Tilman Asmus Fischer

An jeweils acht Abenden im Jahr treffen sich Menschen jüngeren und mittleren Alters in Berlin, Bonn, München und Potsdam, um über ethisch-moralische Grundlagen von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Ergänzt wird dieses Seminar um zwei Wochenend-Kurse und eine Sommerakademie. Träger dieses Angebotes ist die „VALERE Academy“. Diese – so erklärt sie auf ihrer Internetseite – hat das Ziel „zu einer führenden Plattform für eine Renaissance von grundlegendem und begründetem Wertewissen“ zu werden „und damit eine Erneuerung der Freiheitsfähigkeit der Menschen und der freiheitlichen Institutionen“ zu fördern.

Initiatoren der Akademie sind Jan-Philipp Görtz – früherer Abteilungsleiter für „Internationale und Regierungsbeziehungen“ der Deutschen Lufthansa – und Richard Schütze – Rechtsanwalt und Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmens- und Politikberatungsagentur „Richard Schütze Consult GmbH“. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung, „VALERE“ zu gründen, waren Erfahrungen, die sie in ihrer langjährigen Beratungstätigkeit hatten sammeln können, berichtet Görtz: „Die Menschen und insbesondere auch Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Verbänden entscheiden hauptsächlich nur noch taktisch und aus kurzfristiger Perspektive.“

Fragen nach Sinn, Wahrheit und langfristiger Verantwortungsübernahme kämen demgegenüber in Vergessenheit. Dies sei nicht zuletzt Mitgrund für eine zunehmend populistisch und polarisiert aufgeheizte öffentliche Meinung. Die Analyse ist bei „VALERE“ aber tiefgehender: „Wenn Ansichten und Entscheidungen in sich widersprüchlich sind, ist das oft kein systemisches Problem“, so Görtz, „sondern vielmehr Folge einer tiefgreifenden philosophischen Krise und Verwirrung.“

Auch wenn sich die „VALERE Academy“ selbst als „Akademie für Wertebildung“ bezeichnet, geht es ihr nicht darum, auf diese Krisendiagnose einfach nur mit der Beschwörung eines Mehr an ,Werten‘ zu antworten, wie man dies oftmals erlebt. Vielmehr müssten Werte im Sein des Menschen und der Welt begründet – und daraus herleitbar sein, und so geht es „VALERE“ um eine grundsätzlichere Reflexion, erläutert Görtz: „Wer ist der Mensch? Erst wenn wir uns dieser Frage stellen, können wir in einem nächsten Schritt fragen: Was ist der Staat? Was ist das Wesen der Gesellschaft? Was ist die Aufgabe der Wirtschaft?“

Indem die Akademie die Frage nach dem Bild vom Menschen und dessen Verhältnis zu Welt und Umwelt ins Zentrum stelle, wolle sie der Gesellschaft und ihren Verantwortungsträgern dazu verhelfen, „wieder philosophisch Boden unter die Füße zu bekommen“. In den Seminaren bei privaten Gastgebern befassen sich die Seminarteilnehmer anhand exemplarischer Texte beispielsweise mit individualistischen, darwinistischen, kollektivistischen sowie personal-transzendenten Perspektiven auf den Menschen.

So setzten sich etwa am 10. Januar die Bonner Seminarteilnehmer anhand eines Interview-Textes des Berliner Philosophieprofessors Volker Gerhardt mit den Ambivalenzen eines anthropologischen Entwurfs auseinander, das die biologische Tatsache der menschlichen Abstammung vom Tier zum Ausgangspunkt des Menschenbildes macht. Was etwa ist unter diesen Voraussetzungen unter „Humanität“ zu verstehen?

Auch wenn die Akademieleiter beide in der katholischen Kirche verwurzelt sind – und unter anderem gemeinsam dem Berliner Diözesanvorstand des „Bundes Katholischer Unternehmer“ angehören: Es geht ihnen zunächst nicht um christliche Mission oder eine politische Agenda. Zentrales Anliegen von „VALERE“ – begrifflich entstanden aus der Zusammensetzung der Worte Values (Werte), Leadership (Führungskultur) und Responsibility (Verantwortung) und zugleich der lateinischen Wortbedeutung nach auch „gesund und stark sein“ – ist „vorpolitische Bildung“.

Es gehe darum, so Görtz, aus einer personalistisch-realistischen Perspektive über den Menschen und die Welt nachzudenken – und damit ein Selbst- und Menschenbild zu plausibilisieren, das den Menschen als gewollt und zur Verantwortung aufgefordert ernst nimmt.

Dabei verstehen sich die beiden Dozenten bewusst weniger als pure Philosophen, sondern selbst als Anwender, die aufgrund eigener Erfahrungen konkret und praktisch Philosophie treiben. Richard Schütze kann dabei auf eine jahrelange Erfahrung mit vielen Seminaren und Hunderten von Teilnehmern zurückgreifen, die er schon seit Studentenzeiten und im Rahmen seiner beruflichen Beratertätigkeit bei Unternehmen und politischen Organisationen gestaltet hat.

Die von VALERE angebotenen Seminare richten sich in erster Linie an Abiturienten, Studenten und junge Führungskräfte. Aber auch Interessierte älterer Generationen, Multiplikatoren und Vertreter des politischen Betriebs – Abgeordnete, Mitarbeiter, Beamte und Verbandsvertreter – sind willkommen. Aus eigener Erfahrung weiß Görtz, dass der Geist der 1990er Jahre und des angenommenen „Endes der Geschichte“ in der Politik immer noch in Form ausgeprägten Machbarkeitsdenkens nachwirke: „Die Idee von geordneter Freiheit spielt eigentlich keine Rolle mehr.“ Umso wichtiger sei es, in der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite auf das Ideal echter Verantwortung hinzuwirken – die in der Lage sei „Antwort zu geben“ auf Fragen nach der Begründung des eigenen Handelns.

In diesem Sinne will VALERE nicht nur durch seine unterschiedlichen Veranstaltungen wirken. Gegenwärtig befindet sich zudem ein eigenes digitales Medienangebot im Aufbau. Dieses soll Vorträge als Videos und Podcasts zur Verfügung stellen und darüber hinaus mittels Blogs zu einer weiterführenden Lektüre rund um die Themen der Akademie einladen.

Bestritten wird das ambitionierte Programm ausschließlich auf Grundlage privater Spenden. Aktuell reisen Görtz und Schütze mehrmals monatlich durch Deutschland. Neben Berlin, Potsdam, Bonn und München sollen demnächst auch weitere Städte im Norden und der Mitte Deutschlands ins Programm aufgenommen werden. Hierzu werden noch Gastgeber und Referenten gesucht.

Erschienen am 13. Februar 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Digital warn wir schon längst

Der Soziologe Armin Nassehi sucht nach geregelter Gesellschaft

Digitalis – auf Deutsch: Fingerhut – erhält der alte Stechlin in Fontanes Alterswerk gegen sein Herzleiden verschrieben. „Diese Tropfen“, anerkennt er ihre Wirkung gegenüber seinem Arzt, „es ist doch was damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten; ich muss mir immer einen Ruck geben. Und dass sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei den Leuten.“ Einen ähnlichen Stand wie das Digitalis bei seinem literarischen Patienten genießt die der Pflanze im Wortstamm verwandte Digitalisierung in der heutigen Gesellschaft: Man kann nicht ohne sie und begegnet ihr doch mit einem gewissen Schaudern. Warum wir tatsächlich nicht ohne sie können und wovor genau uns schaudert, zeigt der Soziologe Armin Nassehi in seinem neuen Buch, mit dem er eine „Theorie der digitalen Gesellschaft“ vorlegen will.

Leitend ist dabei die Perspektive, die Digitalisierung – anders als im aktuellen Diskurs üblich – nicht als Problem zu betrachten, sondern als Lösung für ein soziologisch zu identifizierendes Bezugsproblem, das er in der „Komplexität und vor allem der Regelmäßigkeit“ der modernen Gesellschaft selbst erkennt. Mehr noch gelingt es Nassehi, eine „ästhetische und operative Verwandtschaft, ja Gleichartigkeit der digitalen Formierung von Technik und der gesellschaftlichen Formierung von Funktionslogiken“ herauszuarbeiten.

Die scheinbare Überlegenheit künstlicher Intelligenz, der Verlust informationeller Selbstbestimmung et cetera – all das, was heute ein Schaudern gegenüber der Digitalisierung auslöst, erscheint nicht als etwas Fremdes, das eine fluide und individualisierte Gesellschaft bedroht. Vielmehr offenbaren „digitale Praktiken und Routinen“ für Nassehi in erster Linie die „merkwürdige Stabilität“ der Gesellschaft selbst, da die Praktiken und Routinen in Strategien der Rationalisierung und Selbstoptimierung ankern, die sich seit der Aufklärung entwickelt haben.

Auch wenn Nassehi bekundet, dass es ihm mit seinem Buch „nicht um einen weiteren Debattenbeitrag über die Störungen der Digitalisierung und die Praktiken, die die digitale Infrastruktur befördert“, gehe, sollte außer Frage stehen, dass seine Analysen und Thesen für diese Debatte einen Beitrag darstellen. Grundsätzlich stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob Nassehis Ansatz eine Verharmlosung ethischer Herausforderungen und Risiken der Digitalisierung befördert oder sogar voraussetzt.

Letztes könnte nur dann beanstandet werden, wollte man es Nassehi zum Vorwurf machen, dass er sich methodisch auf eine soziologische Untersuchung des Phänomens Digitalisierung beschränkt und Fragestellungen einer expliziten Medienethik keine eigenständigen Erörterungen widmet. Doch sind ihm diese Fragen, die künstliche Intelligenz, sogenannte „autonome“ Technik, Big Data und den Schutz der Privatheit betreffen, bewusst und er verweist wiederholt auf sie. Die entsprechenden Stellen können zumindest als Einladung an die Sozialethik verstanden werden, Nassehis Untersuchungen für die eigene Disziplin fruchtbar zu machen.

Wenn dies geschieht, dürfte in nur begrenztem Maße zu befürchten sein, dass Nassehis Vorgehen, die Digitalisierung aus der modernen Gesellschaft selbst heraus zu erklären, dazu verführen könnte, Digitaltechnik als „naturgegeben“ und alternativlos der Kritik zu entheben; ganz im Sinne von Christian Lindners Wahlkampfslogan „Digital first. Bedenken second“. Vielmehr ist, wer Nassehi ernst nimmt, mit ihm auf die eigentliche Radikalität des Digitalen verwiesen – „die Radikalität, die darin besteht, dass die Digitalität der Gesellschaft in ihrer eigenen Struktur und in ihrer Komplexität begründet liegt“.

Spätestens damit erweisen sich die mit der Digitaltechnik zusammenhängenden Herausforderungen als im Grunde unabweisbare Anfragen an die Sozialethik.

Tilman Asmus Fischer

Armin Nassehi, „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“, C. H. Beck, München 2019. 352 Seiten, 26 €

Erschienen in: Cicero – Magazin für politische Kultur 1/2020.

„Der Staat führt, die Religionen folgen“

Die Einschränkung der Religionsfreiheit in China nimmt zu. Sie betrifft nicht nur Christen, sondern auch weitere Minderheiten im Vielvölkerstaat wie die muslimischen Uiguren und buddhistischen Tibeter. Wie viel Freiraum bleibt ihnen in Zukunft?

Von Tilman Asmus Fischer

Seit die sogenannten Xinjiang Papers im November 2019 die systematische Unterdrückung der muslimischen Uiguren durch die chinesische Regierung – konkret ihre Situation in Umerziehungslagern der autonomen Region Xinjiang – nachgewiesen haben, wird in der internationalen Öffentlichkeit wieder intensiv über die Religionsfreiheit in China diskutiert.

Uiguren in der Volksrepublik China (Bild: Colegota/Wikimedia)

Doch sind die Missstände, die das Leak offenbarte, wirklich neu? Schon lange habe man Berichte über die Lage der Christen erhalten, aber auch über die Umerziehungslager für Uiguren sowie Moscheeabrisse, so Markus Grübel (CDU), Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit: „Das Thema ist nicht neu, aber es ist jetzt deutlich belegt und kann nicht mehr geleugnet werden.“ Zudem handele es sich um ein grundsätzliches Problem: „Wir erleben die Einschränkung der Religionsfreiheit nicht nur wie jetzt bei den Christen oder Uiguren, sondern auch schon davor bei den Tibetern und Buddhisten. Auch die Weltanschauungsfreiheit der Meditationsgemeinschaft Falun Gong ist eingeschränkt.“

Insgesamt orientiert sich die Religionspolitik Pekings an der Doktrin: „Der Staat führt, die Religionen folgen.“ Damit – so Katharina Wenzel-Teuber vom katholischen China-Zentrum in Sankt Augustin – greift die kommunistische Regierung auf eine kaiserzeitliche Tradition zurück: Von jeher entschied der Monarch, „welche Religion dem Staat gut tut und welche Religion erlaubt ist“, so Wenzel-Teuber im Oktober auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. In den vergangenen Jahren sei diese „Führung“ durch die Regierung repressiver geworden, beobachtet sie.

Was bedeutet dies für die Kirchen in China – etwa die staatlich anerkannte protestantische Kirche, den „Chinesischen Christenrat“?

Kein einheitliches Bild in den chinesischen Gemeinden

Christof Theilemann, Direktor des Berliner Missionswerks, deren Partnerkirche der Christenrat ist, beschreibt die Situation in den chinesischen Gemeinden als uneinheitlich: „Wenn ich in China bin, stelle ich immer wieder fest, dass die Gemeinden oft Freiräume haben, die man so nicht erwartet hätte. Auch ist es erstaunlich, wie die Kirche in China in den letzten Jahren gewachsen ist.“ Unverbunden stünden dem Nachrichten gegenüber, dass in bestimmten Provinzen Kreuze von Kirchen entfernt, Kirchen geschlossen oder gar abgerissen wurden. Ebenso erschwere eine gesetzliche Regelung, nach der Minderjährige keine Kirchen betreten dürften, die Kinder- und Jugendarbeit.

Dass die religiöse Unterweisung von Kindern eingeschränkt wird, sieht Markus Grübel mit großer Sorge: „Jungen und Mädchen sollen so nicht mehr mit dem Glauben konfrontiert werden, sodass die Kirchen und Religionen dadurch zurückgedrängt werden, dass sich die nächste Generation nicht mit Glaubensfragen auseinandersetzen kann.“ Dies entspricht der für die chinesische Religionspolitik prägenden Idee einer „Religionsökologie“, also eines für das „Gemeinwohl“ verträglichen Gleichgewichts der Religionen.

In einem Beitrag in dem von Volker Kauder und Hans-Gert Pöttering 2017 herausgegebenen Buch „Glauben in Bedrängnis“ verweist Katharina Wenzel-Teuber auf den chinesischen Religionswissenschaftler Mou Zhongjian. Dieser habe bereits 2012 postuliert, ebendiese „Religionsökologie“ sei durch „die Expansion des Christentums“ gestört. Er fordere mehr Gewicht für die einheimischen Glaubenstraditionen und eine beschleunigte Sinisierung der von außen gekommenen Religionen.

Staat und Partei schränken christlichen Freiraum ein

Einer solchen Assimilierung an die chinesische Kultur dienen in den vergangenen Jahren zwischen den Kirchen und dem Staat vereinbarte Fünfjahres-Arbeitspläne für die Sinisierung der Religionen. Unter dem Begriff „Sinisierung“ verbänden sich dabei vergleichsweise berechtigte mit höchst problematischen Zielsetzungen, erläutert Markus Grübel: „Berechtigte Anliegen können durchaus sein, beim Baustil von Kirchengebäuden oder im Liedgut auf die Kulturtradition Chinas Rücksicht zu nehmen.“ Die Idee, chinesische Traditionen und Symbole in das christliche Brauchtum zu integrieren, sei relativ harmlos. Doch gäbe es eben auch „gefährliche staatliche Interessen“.

So befänden sich die Christen in China heute in einer ähnlichen Situation wie die Bekennende Kirche in den 1930er Jahren in Deutschland: „Staat und Kommunistische Partei wollen sich der Kirche bemächtigen und sie ihren eigenen Zielen unterordnen. Damit wird den Christen der Freiraum genommen, den sie brauchen, um ihren Glauben zu leben.“ Zwar seien die Kirchen in China politisch tendenziell zurückhaltend, jedoch: „Wer Christ ist und sich mit seinem Glauben beschäftigt, hinterfragt natürlich manches – und schon das ist einigen kommunistischen Führern verdächtig.“

Unter solchen Bedingungen birgt die Lage der chinesischen Christen Herausforderungen sowohl für die weltweite Ökumene als auch für die internationale Politik. Wie gestaltet sich etwa die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und kirchlichen Werken wie dem Berliner Missionswerk? „Wir arbeiten pragmatisch mit den Menschen vor Ort zusammen“, erläutert Christof Theilemann. Das Missionswerk wolle nicht gegen irgendjemanden arbeiten, sondern die chinesischen Christen unterstützen. Dabei sei es wichtig, mit der Partnerkirche im Dialog zu sein und gegenüber chinesischen Gesprächspartnern zu artikulieren, an welchen Stellen man sich Sorgen um die Gemeinden mache.

Dafür scheint die Ausgangslage vergleichsweise günstig zu sein: Wie Theilemann immer wieder feststellt, wird sowohl der deutschen Bundesregierung als auch der deutschen Wirtschaft in China hohe Wertschätzung entgegengebracht: „Ebenso glaube ich, dass die deutsche Diakonie und die deutsche Theologie großes Ansehen genießen.“

Ähnlich stellt sich die Situation aus politischer Perspektive dar: „China ist ein wichtiger Handelspartner Deutschlands und der Europäischen Union“, so Markus Grübel. Daher stelle sich die Frage nach der menschenrechtlichen Lage durchgehend: „Wo sind die Grenzen? Wo sind Menschenrechtsverletzungen anzusprechen?“ Immer wieder tue die Bundesregierung dies. Doch ist auch für die Politik der Spielraum begrenzt: „China wird zunehmend selbstbewusster in der Entgegnung und sagt: Ihr habt Euren Weg und wir haben unseren Weg. Dieser chinesische Weg entfernt sich jedoch vom Geist der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“

Der Individualismus wächst und fordert Peking heraus

Es sind allerdings nicht nur Fragen der Religionsfreiheit, die für chinesische Christen virulent sind. Von auch seelsorgerlicher Bedeutung, so Christof Theilemann, sei zudem die massive digitale Überwachung: „In dem Maße, wie China auf Konsum und dem Kapitalismus nahestehende Wirtschaftsformen setzt, wächst der Individualismus in der Gesellschaft.“ Die Hauptfrage sei, wie Peking mit diesem wachsenden Individualismus künftig umgehen werde. Gegenwärtig sei das Nebeneinander einer quasi-kapitalistischen Lebens- und Arbeitswelt mit ihrer Geschwindigkeit und ihren Freiheiten auf der einen und der omnipräsenten digitalen Kontrolle auf der anderen Seite eine große seelische Herausforderung für die Menschen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 3/2020.

Zwischen Anerkennung der Fakten und Solidarität

Erhard Eppler (1926-2019) und die „Neue Ostpolitik“

Mit Erhard Eppler ist am 19. Oktober einer der entscheidenden Vordenker der „Neuen Ostpolitik“ heimgegangen. Nicht nur, dass die Unterzeichnung der sogenannten „Ostverträge“ 1970 bis 1973 in seine Amtszeit als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit fiel. Vielmehr war er bereits an der Ausarbeitung der Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1965 „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ beteiligt und unterstütze die ostpolitische Wende – auch gegen Vorbehalte – in der eigenen Partei und Fraktion. Eine wissenschaftliche Würdigung hat das ost- und deutschlandpolitische Vermächtnis Epplers durch die einschlägige Dissertation von Christine Simon (Erhard Epplers Deutschland- und Ostpolitik, Bonn 2004) erfahren.

Aufgrund der sich im Zusammenhang mit der „Neuen Ostpolitik“ manifestierenden vertriebenenpolitischen Frontverläufe in der Bonner Republik war eine Konfrontation mit den Vertriebenenverbänden unvermeidlich. Jedoch würde es zu kurz greifen, Eppler einseitig innerhalb eines binären Diskursschemas zu verordnen, das zum einen die Anerkennung deutscher Kriegsopfer an das Eintreten für deutsche Rechtspositionen, zum anderen die Bestreitung des Opferstatus an eine Politik des Verzichts koppelt. Vielmehr taten alle politischen Gegensätze nicht Epplers grundsätzlicher Empathie gegenüber den Vertriebenen Abbruch. Dies mag der Auszug aus einer Rede auf einer Kundgebung der Seliger-Gemeinde Baden-Württemberg 1975 verdeutlichen, in der sich Eppler in einen sudetendeutschen Sozialdemokraten 1945 hineinversetzte und dessen „konfliktgeladene, einsame, tragische Existenz“ nachzeichnete:

19.11.1983
SPD-Parteitag im Kölner Messezentrum
Verabschiedung des Leitantrages des SPD-Vorstandes zur Sicherheitspolitik (zur Nachrüstung gemäß NATO-Doppelbeschluß).

„Als die meisten jubelten, wusste er, daß dieser Jubel nicht lange halten werde, als die meisten ‚Heim ins Reich‘ brüllten, verlor er seine Heimat, als der Krieg da war, musste er seinem Gastland klarmachen, daß er eben doch nicht Tscheche oder Slowake, sondern Deutscher war, daß diese Sudetendeutschen Hitler nicht haßten, obwohl, sondern weil sie Deutsche waren und weil dieser Mann ein ganzes Volk ins Unheil führte, ganz gewiß den Teil des Volkes, dessen Ahnen in Böhmen und Mähren heimisch geworden waren. Und gleichzeitig mussten sie alles tun, um die Vertreibung, die sich schon 1940 ankündigte, trotz allem abzuwenden, weil sie zwar verstehen, aber niemals billigen konnten, was aus dem Haß und der Verbitterung entstand, die Hitler bei manchem Tschechen und Slowaken geweckt hatte.“

Vor dem Hintergrund einer solchen empathischen Grundhaltung strebte Eppler sodann eine gegenseitige Solidarität zwischen Vertriebenen und Mehrheitsgesellschaft an. Er „verlangte Solidarität mit den Vertriebenen, die allerdings auch solidarisch mit dem deutschen Volk sein müssten, das seinen Platz in einem friedlichen Europa sichern wolle“, so Simon. Bereits die von Eppler mitverantwortete Ostdenkschrift hatte – dieser Gesichtspunkt wird in ihrer jüngeren Rezeption leider fast durchgehend ausgeklammert – entscheidende Integrationsdefizite aufseiten der Zivilgesellschaft kritisiert, etwa die mangelnde Bereitschaft, die Vertreibungsopfer mit ihren Traumata ebenso wie mit ihren kulturellen Traditionen auf- und anzunehmen. Und die 1966 veröffentlichte – wiederum von Eppler mitverfasste – Stellungnahme der SPD-Bundestagsfraktion zur Ostdenkschrift hielt mit Blick auf eine anzustrebende friedensvertragliche Regelung fest:

„Kein deutscher Politiker kann den von Hitler begonnenen und total verlorenen Krieg nachträglich am Verhandlungstisch gewinnen. Die SPD wird sich dabei bemühen, so viel wie möglich von Deutschland für die Deutschen zu erhalten. Unser Wille zur Einheit schließt die Bereitschaft zu Opfern ein. Aber dieser Wille gebietet auch, daß wir uns innerhalb unseres Volkes unablässig um ein Höchstmaß an Solidarität, besonders zwischen Einheimischen und Vertriebenen, bemühen.“

Solidarität der Vertriebenen mit der Gesamtheit des deutschen Volkes hieß wiederum, dazu beizutragen, „daß wir die Fakten unserer Geschichte zur Kenntnis nehmen, und zwar mit jenem Minimum an Solidarität, ohne das eine Nation sich nicht behaupten kann“, so Eppler 1970. Die zu akzeptierenden „Fakten unserer Geschichte“ stellten sich für Eppler freilich dergestalt dar, dass man nur auf das verzichten könne, „was man hat oder doch haben könnte“ – und für ihn galt: „Pommern oder Schlesien waren von den Nazis längst verspielt, ehe es eine Bundesrepublik gab.“ Insofern war für Eppler die Notwendigkeit, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen gegeben und der Spielraum, „so viel wie möglich von Deutschland für die Deutschen zu erhalten“, äußerst überschaubar.

Was Eppler jedoch wiederholt – und auch gegenüber polnischen Gesprächspartnern – anregte, war, im Gegenzug zu einer Grenzanerkennung eine Rückkehr ostdeutscher Vertriebener in ihre Heimatgebiete zu ermöglichen. Dass dies – in Form der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union – letztlich Realität wurde, mag für die Weitsichtigkeit sprechen, mit der Eppler den zweifellos bestehenden Spannungen und Interessenkonflikten der Ost- und Vertriebenenpolitik seiner Zeit stellte.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2019.

Europa – eine Idee als Heimat

Ein Sammelband bringt unterschiedliche Europa-Bilder ins Gespräch

Bereits Ende 2018 hatte der langjährige CSU-Europapolitiker Bernd Posselt mit seinem Buch „Bernd Posselt erzählt Europa“ nachdrücklich auf die Notwendigkeit eines – für die europäische Staatenfamilie identitätsstiftenden – Narrativs für Europa hingewiesen. Eines der möglichen Narrative legt nahe, Europa als ‚Heimat‘ zu verstehen. Eine solche Europa-Deutung – die einen mit vielfältigen Assoziationen besetzten Begriff, der sich ursprünglich auf den engeren Lebensraum bezieht, auf einen gesamten Kontinent anwenden will – ist jedoch voraussetzungsreich und wirft weitreichende Fragen auf. Und so erscheint es nur schlüssig, dass Martin W. Ramb und Holger Zabarowski hinter den Titel ihres 2019 erschienenen Sammelbandes ein Frage- und kein Ausrufezeichen setzen: „Heimat Europa?“

Auf mehr als 400 Seiten bringen die beiden katholischen Philosophen vielfältige und sich stimmig ergänzende – wissenschaftliche, essayistische, literarische wie autobiografische – Annäherungen an den Fragenkomplex zusammen, der sich hinter den zwei Worten „Heimat Europa“ verbirgt. Dabei gelingt es ihnen, ganz unterschiedliche – affirmative bis kritische – Positionen zu Wort kommen zu lassen und damit einen wichtigen Beitrag zur – nicht zuletzt seit dem Brexit und den west-östlichen Spannungen um die Migrationspolitik – virulenten Debatte um die Zukunft der Europäischen Union vorzulegen: Sie eröffnen ein Kaleidoskop unterschiedlichster Zugänge zu Europa, die sich nicht im Kleinklein der Tagespolitik verlieren, sondern auf einer grundsätzlichen Ebene über Wesen und Fundament Europas reflektieren.

So facettenreich wie die inhaltlichen Positionen sind die fachlichen Disziplinen und biografisch-regionalen Hintergründe der Beiträger, unter denen sich nicht nur deutsche und westeuropäische Autoren, sondern gerade auch solche mit Bezug zum östlichen Europa finden: die 1973 in Zagreb geborene dalmatisch-österreichische Schriftstellerin Dr. Anna Baar, der Budapester Philosoph Prof. Dr. István M. Fehér, Prof. Dr. Dean Komel, der an der Universität Laibach Gegenwarts- und Kulturphilosophie lehrt, sowie die slowenisch-ungarische Literaturwissenschaftlerin Dr. Ilma Rakusa.

In bemerkenswerter Weise reflektiert der Literaturwissenschaftler und frühere Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer, die multinationale Vielfalt Europas: „Europa, europäisches Identitätsgefühl ist ein Amalgam der verschiedenen, in Jahrhunderten gewachsenen nationalen und regionalen Mentalitäten und Kulturtraditionen, kein von ihnen abzuziehendes farbloses Abstraktum, keine jegliche Varietäten zum Verschwinden bringende Nacht, in der alle Katzen grau sind.“ Und so hält Borchmeyer der – auch einzelnen anderen Beiträgen des Sammelbandes abzuspürenden – Forderung, „nicht mehr in nationalen, sondern in europäischen Kategorien zu denken“, entgegen, dass „hier ein Gegensatz konstruiert [wird], der gerade das verhindert, was man zu erreichen strebt: ein vertrautes Europa, in dem die Angehörigen der verschiedenen Nationen wirklich zu Hause sind“.

Die Mehrheit der Verfasser geht den plausiblen Weg, Europa nicht räumlich, sondern vielmehr geistig als Heimat zu verstehen. So erscheint es Fehér erst möglich zu sein, Europa als Heimat zu denken, wenn wir „vom Gegendhaften absehen und uns dem ‚Geistigen‘ zuwenden“: „Ideen können, zumal gemeinschaftliche, Heimat konstituieren. ‚Die europäischen Nationen mögen noch so sehr verfeindet sein‘ schrieb hierzu Husserl, ‚sie haben doch eine besondere innere Verwandtschaft im Geiste.‘“ Diese sieht Fehér im Besonderen gestiftet durch die „europäischen Werte und das, was sie beinhalten, die abendländisch-europäische Philosophie und Lebensanschauung“.

Da sich gerade auf das Schlagwort der ‚europäischen Werte‘ – und dies nicht nur in Fehérs Aufsatz sowie anderen Beiträgen des vorliegenden Bandes – allzu schnell berufen wird, wenn es um das geistige Fundament Europas geht, ist der Beitrag des Ethikers Franziskus von Heeremann besonders bedeutsam. Für den Professor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar führt eine ausschließliche Berufung auf – letztlich subjektiv begründete – Werte nicht nur zu einem „Treibsand aus Wertigkeiten, die gegeneinander verrechnet werden können und deren Hierarchie ins Belieben gestellt ist“. Vielmehr sieht er zudem die Gefahr einer Gesinnungsdiktatur, „die von ihren Untertanen fordert, all das zu übernehmen, was der aktuelle Herrscher – und das ist in der Demokratie die Mehrheit – schätzt“. Demgegenüber setzt von Heeremann auf die Menschenwürde als identitäre Grundlage Europas: „Die Frage nach unserer letzten Identität ist die, ob wir, gespeist aus welchen religiösen, philosophischen, weltanschaulichen, kulturellen Quellen auch immer, an diesem Bekenntnis zur ‚Sakralität der Person‘ (Hans Joas) unbeirr- und unverführbar festhalten. Die Sakralität der Person ist aber in der Weise die Identität Europas, dass Europa weder behaupten noch wollen kann, dass es bloß die seine wäre, noch konstatieren kann, es habe sie – es entspräche schon seiner Identität.“

Tilman Asmus Fischer

Martin W. Ramb u. Holger Zaborowski (Hrsgg.), Heimat Europa?, Göttingen 2019. 431 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN: 978-3-8353-3475-5.

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2019.

Die Reformation prägte das Militär

Seit Luther bestimmen Ambivalenzen die protestantische Haltung zu militärischer Gewalt

Tilman Asmus Fischer

Ob mit Blick auf die europäisch-russischen Beziehungen, Syrien oder die Zukunft der Nato: Gegenwärtig erleben wir eine neuerliche sicherheitspolitische Polarisierung. Es geht um Positionen zwischen Interessenpolitik und Fundamentalpazifismus sowie um Fragen von militärischen bis zivilen Fähigkeiten. Was vermag ein von Theologen und Historikern verfasster Sammelband unter dem Titel „Reformation und Militär“ zu einer solch aktuellen Debatte beizutragen?

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Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 12. Dezember 2019.