Der Krieg nach dem Krieg

Robert Gerwarth untersucht historische Prozesse und Gewalt-Dynamiken nach 1918

2017 steht unübersehbar unter dem erinnerungspolitischen Vorzeichen des Jubiläums »der Reformation«, die von den tonangebenden Geschichtsinterpreten gegenwärtig wieder zum Inbegriff gesellschaftlichen Fortschritts erhoben wird. Umso deutlicher dürfte sich von den Reformations-feierlichkeiten der gedenkkulturelle Fluchtpunkt des Jahres 2018 unterscheiden:  Das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Immerhin führen die historischen Ereignisse, die sich mit ihm verbinden, in besonders drastischer Weise die Brüchigkeit der Fassade menschlicher »Zivilisation« vor Augen.

Ebenso kurz wie eine Reduzierung »der Reformation« auf ihre kulturgeschichtlichen »Errungenschaften« würde freilich eine Geschichtsdeutung greifen, die im offiziellen Ende des Ersten Weltkrieges bereits einen Abschluss des mit ihm einhergehenden Zivilisationsbruches sehen wollte. Den – freilich nicht neuen – Einwand, dass der Erste Weltkrieg vielmehr dunkle Schatten weit hinein in das 20. Jahrhundert wirft, ja dessen Konflikte sich ohne ihn gar nicht erklären lassen, unterstreicht der Historiker Robert Gerwarth mit seinem neuesten Buch Die Besiegten. Das blutige Ende des Ersten Weltkriegs.

Multiethnizität und Staatszerfall

Seine vergleichende Studie, in deren Zentrum der Zerfall der europäischen Großreiche – des Russischen Reiches, des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns – sowie des Osmanischen Reiches steht, analysiert detailliert die vielfältigen politischen und Gewalt-­Dynamiken, die gerade erst in der Endphase des Krieges ihren Ausgang nahmen und sich weit über ihn hinaus fortschrieben. Dabei ziehen sich zwei zentrale Beobachtungen als Konstanten durch die Konfliktgeschichte der Zwischenkriegszeit.

Zum einen arbeitet Gerwarth das fatale Dilemma zwischen dem Streben nach einer ethnischen Einheitlichkeit und der faktischen Multiethnizität der neu entstandenen Staaten Ost(mittel)europas heraus: »Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen und ihren imperialen Vorgängern […] bestand nicht in der erhofften ›ethnischen Reinheit‹, sondern vielmehr darin, dass sie wesentlich kleiner waren und die ethnischen Hierarchien sich umgekehrt hatten.«

Diese Diagnose alleine verleiht dem Buch freilich noch keinen Mehrwert, da sie sich in der historiografischen Deutung des Ersten Weltkrieges bereits weitestgehend durchgesetzt hat. Brisanz gewinnt diese Entwicklung jedoch dadurch, dass der Autor sie zum andern in einen wechselseitigen Zusammenhang mit einem zweiten Prozess stellt, der jene Problematik beeinflusst und letztlich verstärkt: einem Staatszerfall, der, wie ihn Gerwarth nachzeichnet, an failing und failed states und deren blutige Konsequenzen erinnert, mit denen wir es heute außerhalb Europas zu tun haben. »In Ermangelung funktionstüchtiger Staaten auf dem Gebiet der ehemaligen europäischen Landimperien maßen sich Milizen unterschiedlicher Coleur die Rolle von Nationalheeren an, und die Trennlinien zwischen Freund und Feind, Soldaten und Zivilisten verschwammen zusehends, was fatale Folgen haben sollte.«

Kontextualisierung von Einzelkonflikten

»Die Besiegten« hilft, Zusammenhänge, Parallelen und Unterschiede zwischen den unterschiedlichen regionalen Konflikten der Zwischenkriegszeit zu erkennen, und verdeutlicht historische Phänomene, die das Gesicht Europas in der Nachkriegszeit prägten. Damit bietet der Autor einen großen Aufriss der Gesamtproblematik und ermöglicht damit eine Kontextualisierung der einzelnen konkreten Konfliktkonstellationen.

Dementsprechend ist das Buch nicht anhand territorialer Kriterien, sondern einzelner historischer Phänomene gegliedert, welche die drei Hauptkapitel – »Niederlage«, »Revolution und Konterrevolution«, »Imperialer Zerfall« – und einen Ausblick auf »die europäische Krise des 20. Jahrhunderts« strukturieren. Da sich Gerwarth mit einem historischen Raum befasst, der sich immerhin von Finnland bis an die Levante erstreckt, sollte man das Buch nicht mit der Erwartung lesen, eine detaillierte Nachkriegsgeschichte einer einzelnen Region geboten zu bekommen. Wer sich jedoch für die größeren Zusammenhänge und ihre Verflechtung mit den einzelnen Konflikten und Gewalträumen interessiert, liest das Buch mit Gewinn. – Im Folgenden soll anhand des Deutschen Reiches verdeutlicht werden, in welcher Weise Gerwarth dazu verhilft, die Geschichte einer – exemplarischen – Konfliktpartei im Kontext zu denken.

Das Deutsche Reich in Zeiten des Umbruchs

Die für das Deutsche Reich relevanten Entwicklungen, die Gerwarth akzentuiert, lassen sich in militärische, territoriale, weltanschauliche und – zum großen Teil hieraus ­resultierende – politische unterscheiden.

Zunächst bedeutete das Ende der regulären Kampfhandlungen des Weltkrieges für deutsche Waffenträger nicht zwingend das Ende des Kriegs­alltags. Dies verdeutlicht eindrücklich der anhaltende Einsatz deutscher Kämpfer in den gewaltsamen Auseinandersetzungen des Baltikums – bei dem das Deutsche Reich auch gegenüber den Alliierten aus einer Machtposition heraus agieren konnte:  Nach der Errichtung einer deutschfreundlichen Marionettenregierung in Lettland 1919 forderten die westlichen Siegermächte »von der Regierung Ebert die sofortige Rückberufung sämtlicher Freikorps nach Deutschland, worauf diese mit dem Hinweis reagierte, dass die Westmächte das Baltikum dann selbst gegen die Bolschewiki verteidigen müssten. Die Alliierten lenkten ein und rückten von ihrer ultimativen Forderung nach dem deutschen Abzug ab.«

Kriegsfolgen

Die territorialen Konsequenzen des Ersten Weltkrieges wiederum verbinden sich in besonderer Weise mit dem unteren Weichselland. Hier – wie andernorts – zeigte sich das Wilsonsche Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker im Sinne der Schaffung neuer Nationalstaaten als lebensfeindliches Paradox: Wilson hatte versprochen, »ein wiederhergestelltes Polen solle ein ›unbestritten‹ von polnischer Bevölkerung bewohntes Gebiet werden mit einem ›freien und sicheren Zugang zur See‹. Beide Versprechen zu erfüllen war unmöglich, denn entlang der Ostseeküste gab es eine dichte deutsche Besiedlung.«

Der Erste Weltkrieg veränderte jedoch nicht nur die deutschen Grenzen, sondern mindestens ebenso tiefgreifend das Denken im Lande. Zum einen schlug sich die Niederlage in einem wachsenden Nationalismus nieder, der etwa in der deutschen Wissenschaftslandschaft zur Entstehung der auf Revision drängenden »Ostforschung« führte. Zum zweiten entwickelten politisch reaktionäre Kräfte aus dem Untergang von 1918 und den Kriegsfolgen heraus Begründungsmuster für ihre Ablehnung der jungen Demokratie. Als historischen Zeugen lässt Gerwarth den westpreußischen Reichstagsabgeordneten Elard von Oldenburg-Januschau zu Wort kommen: »Ich finde keine Worte, um meinen Schmerz über das Geschehen des Novembers 1918 wiederzugeben, um zu schildern, was in mir zerbrach. Ich fühlte eine Welt einstürzen und unter ihren Trümmern alles das begraben, was der Inhalt meines Lebens gewesen war, was meine Eltern mich von Kindesbeinen an zu verehren gelehrt hatten.«

Neben den Gegensatz von Demokratie und Reaktion trat zudem die geistesgeschichtliche Dichotomie, die bis zum Ende des Kalten Krieges prägend bleiben sollte: diejenige zwischen Kommunismus und Antikommunismus. Dass sich gerade die feindliche, ablehnende Haltung im Deutschen Reich in besonderer Weise ausprägte, resultierte aus dem immensen Zuzug antibolschewistischer bzw. zaristischer Flüchtlinge aus Russland: »Im Herbst 1920 waren bereits 560 000 Russen im Deutschen Reich eingetroffen. Berlin – und dort vor allem die Bezirke Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg (das damals den Spitznamen ›Charlottengrad‹ erhielt) – entwickelte sich zum Zentrum der russischen Exilgemeinde, deren Mitglieder in der deutschen Hauptstadt bis 1922 nicht weniger als 72 Verlage gründeten.«

Politische Konsequenzen

Die bereits skizzierten Entwickelungen sollten im Laufe der Jahre unmittelbare politische Konsequenzen zeitigen. So kam es in den neuen Nationalstaaten Ostmitteleuropas zu nachhaltigen Verletzungen der Minderheitenrechte, etwa derjenigen der deutschen Volksgruppen: »Was die ›Besiegten‹ Europas einte, war der Glaube dass ihre ›verlorenen‹ Minderheiten um jeden Preis ›heimgeholt‹ werden mussten, wodurch die Revidierung der Verträge schon lange vor dem Aufkommen der Nazis ganz oben auf der politischen Agenda stand.«

Dass diese Entwicklung für das Deutsche Reich in singulärer Weise zum Aufstieg der Nationalsozialisten und in den Zweiten Weltkrieg führte, darf nicht den Blick dafür trüben, dass sich dieser Weg nicht in einem luftleeren Raum vollzog. Vielmehr gibt es weitreichende Parallelen und Zusammenhänge, auf die Gerwarth aufmerksam macht. Dies gilt vor allem für den Zerfall des Osmanischen Reiches und die Entstehung der kemalistischen Türkei, denen die Monographie detailliert nachspürt. Ebendiese historischen Vorgänge gehörten wiederum zu den prägenden Eindrücken, unter denen sich die faschistischen Diktaturen in Rom und Berlin herausbildeten: »Mit seinem kompromisslosen Widerstand gegen den Druck der Alliierten rang Kemal Hitler große Hochachtung ab. Wie dieser aus den Trümmern der Niederlage einen radikal säkularen, nationalistischen und ethnisch homogenen Nationalstaat schuf, verdiente in den Augen Hitlers Respekt. Nicht zuletzt die genozidale KEF-Politik [KEF = Komitee für Einheit und Fortschritt] gegenüber den Armeniern zu Kriegszeiten und Kemals skrupellose Vertreibungen der osmanischen Christen übten einen nachhaltigen Einfluss auf die nationalsozialistische Vorstellungswelt aus.«

Ausblick: Gegenwartsbedeutung

Diese umfangreiche Studie ist freilich nicht nur ein gut recherchiertes Geschichtswerk, sondern zugleich ein Buch von gegenwärtiger Brisanz – begegnen dem Leser doch grundsätzliche Problemstellungen und Gewaltphänomene, die das weitere 20. Jahrhundert ebenso prägten wie unsere gegenwärtige Zeit. Dies gilt für die Auflösung von »klar umrissenen Frontlinien« und die Entstehung eines Guerillakrieges ebenso wie für die damit einhergehende Aufhebung der Unterscheidung von Zivilisten und Kämpfern – eine Tendenz, die im Einflussgebiet des »Islamischen Staates« momentan einen beklemmenden Höhepunkt erreicht. Ferner weist Gerwarth eine Brutalisierung der vom Krieg betroffenen Gesellschaften nach, die zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Möglichkeit von Konflikt- und Gewaltprävention, ja mithin über anthropologische Anlagen zur Gewalttätigkeit überhaupt anregt. Letztlich kreist das Buch jedoch aus historischer Perspektive um einen Topos, der in der Friedensethik von wachsender Bedeutung ist: demjenigen des »gerechten Friedens«. 1918 zumindest wurde er in keiner Weise erreicht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 6/2017.

Robert Gerwarth: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. München, Siedler 2017. Aus dem Englischen von Alexander Weber. Original­titel: The Vanquished. Europe and the Aftermath of the Great War. Gebunden, 480 Seiten, ISBN 978-3-8275-0037-3. € 29,99

Fragwürdige Argumente für verständliche Motive

„Erwartungen der Polonia“ zwischen Interessen und Vereinnahmung

„Die Polonia in Deutschland vertritt, trotz aller Differenzen, in den für sie bedeutenden Angelegenheiten immer einen gemeinsam erarbeiteten Standpunkt. Sie wartete und wartet immer noch mit beispielloser Geduld auf die volle und symmetrische Umsetzung des deutsch-polnischen Vertrages [gem. Nachbarschaftsvertrages; Anm. d. A.].“ Dieses Bild zeichnet Wiesław Lewicki in seinem Beitrag „Die Erwartungen der Polonia in Deutschland“ für das deutsch-polnische Magazin „Dialog“ (Nr. 118, 2016).

Einer der wichtigsten Dachverbände der Polonia in Deutschland ist der Bund der Polen in Deutschland. Sein Symbol ist das 1932 von der Grafikerin Janina Kłopocka entworfene Rodło (zusammengesetzt aus Rodzina (Familie) und Godło (Wappen)). Es zeichnet den Verlauf der Weichsel (als Symbol des polnischen Volkes) nach und markiert die Lage der Stadt Krakau (als Symbol der polnischen Kultur).
(Bild: Pernambuko)

Was der Präsident des Europäischen Kultur- und Medieninstituts „Polonicus“ und ehemalige Vorsitzende des Kongresses der Polonia in Deutschland über das polnische Verbandswesen in Deutschland schreibt, ist für sich genommen absolut begrüßenswert: Anders als bisweilen behauptet, seien die Organisationen nicht zerstritten, sondern pflegten gemeinsam das polnische Kulturerbe in Deutschland und unterstützten die europäische Integration. Auch dass Lewicki als Verbandsvertreter eine vermehrte staatliche Unterstützung der Polonia fordert, ist grundsätzlich nicht problematisch. Bedauerlich ist hingegen, dass Lewicki durch ungenaue historische, politische und soziologische Argumente, mit denen er die „Erwartungen der Polonia“ zu untermauern sucht, letztlich die lauteren Motive und auch die Glaubwürdigkeit der eigenen Position untergräbt.

Behauptete Symmetrie und argumentative Unklarheit

Dies meint noch nicht einmal die von jeher durch die Polonia ins Feld geführte „Symmetrie“ zwischen der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen und den Polen in Deutschland, die sie aus dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag ableitet. Dass dieser Vertrag insofern von einem Geist der „Symmetrie“ geprägt ist, als sich beide Staaten den Wunsch zu eigen machen, die Angehörigen des Nachbarvolkes in ihrer Identitätspflege zu unterstützen, möchte wohl niemand bestreiten. Dies begründet jedoch noch keine Symmetrie der Rechtspositionen beider Gruppen, die sich dadurch unterscheiden, dass es sich bei der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen um eine angestammte und anerkannte nationale Minderheit handelt. Dass Lewicki über diesen entscheidenden Unterschied zur Stärkung der eigenen Position hinwegsieht, mag man ihm gerne zugestehen – auch wenn diese Argumentation letztlich mittelbar Kräften in der Republik Polen in die Hand spielt, die unter Verweis auf die fehlende „Symmetrie“ gegen die Unterstützung der deutschen Volksgruppe agitieren.

Ebenso wird man hinnehmen müssen, dass Lewicki zwar bedauernd die fehlende „Symmetrie“ in den Raum stellt, aber letztlich – nach Ausführungen über die Geschichte der deutschen Polonia und die aktuelle verbandspolitische Lage – positive Entwicklungen in der staatlichen Förderung der letzten Jahre aufzeigt, jedoch gerade nicht ausbuchstabiert, welche Erwartungen konkret unerfüllt blieben und somit die Asymmetrie begründen könnten. Hiermit versäumt Lewicki schließlich, seiner Argumentation die an und für sich zu erwartende Pointe in Form expliziter politischer Forderungen zu verleihen.

Einspruch muss jedoch erhoben werden, wo für die berechtigten Anliegen der Polonia Argumente ins Feld geführt werden, die entweder im eindeutigen Widerspruch zu historischen und sozialwissenschaftlichen Fakten stehen oder unmittelbar zulasten der deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler gehen. So schmerzlich zweites für die Betroffenen sein mag, stellt erstes angesichts der Gebrechen des „postfaktischen Zeitalters“ schon fast das größere Problem dar.

Historische Argumentation im postfaktischen Zeitalter

Hinsichtlich der geschichtlichen Genese der deutschen Polonia schreibt Lewicki, sich einer Halbwahrheit bedienend: „Historisch betrachtet, gelangten Polen infolge der drei Teilungen der Polnischen Adelsrepublik – 1772, 1793, 1795 – auf deutsches Gebiet. Die meisten Polen, die in dieser Zeit in deutschen Ländern lebten, waren Einheimische, die sich mit den Teilungen auf preußischem Territorium wiedergefunden hatten, so etwa die Bewohner von Schlesien, Pommern oder Masuren.“ Es wäre töricht zu bestreiten, dass Schlesien, Pommern und Masuren eine autochthone slawische Bevölkerung hatten – oder die polnischen Teilungen dazu führten, dass eine große Zahl von Polen preußische Staatsbürger wurden.

Zur Halbwahrheit werden diese beiden Fakten jedoch durch ihre schwammige Verknüpfung: So gehörten Pommern, Schlesien und das ostpreußische Masurens bereits vor und völlig unabhängig von den polnischen Teilungen zu Preußen. Anstatt aus beiden Aspekten heraus mit ihrer je eigenen Wirkmacht eine historische Verantwortung Deutschlands für den slawischen Bestandteil seines historischen Erbes abzuleiten, konstruiert Lewicki hier eine historische Verknüpfung, die eher an die – im breiten historischen Diskurs überwundene – Rhetorik der „wiedergewonnenen Westgebiete“ erinnert.

Vereinnahmung zulasten deutscher Spätaussiedler

Ähnlich kreativ wie die historische ist Lewickis soziologische Argumentationsführung. So gelangt er – unter Berufung auf die Studie „Zwischen zwei Welten“ des Instituts für Auslandsbeziehungen – zu dem Ergebnis, dass gegenwärtig „zwischen 1,5 und 2 Millionen deutscher Bürger mit polnischen Wurzeln in Deutschland“ lebten. Das mag eine ‚stimmige‘ Zahl sein, wenn man denn unter „polnischen Wurzeln“ einen persönlichen bzw. familiären Bezug zum Staatsgebiet der Republik Polen in den Grenzen von 1991 versteht. Doch speist sich diese Zahl – die sich deutlich von den knapp über 740.000 polnischen Staatsbürgern unterscheidet, die Ende 2015 laut Statistischem Bundesamt in der Bundesrepublik lebten – somit nicht nur aus polnischen Displaced Persons und Migranten, sondern hat nur durch die Subsumierung deutscher Aussiedler und Spätaussiedler Bestand. Gewiss waren unter diesen auch polnische Ehepartner und Kinder aus gemischtnationalen Familien. Für das Gros der Betroffenen blendet Lewicki jedoch aus, dass es sich um Menschen handelte, auf die dasselbe Phänomen zutrifft, das er selbst für die Genese der deutschen Polonia im Zuge der polnischen Teilungen veranschlagt: Nur dass es sich in diesem Falle um deutsche Einheimische handelte, die sich infolge des (Ersten und) Zweiten Weltkriegs auf polnischem bzw. polnisch verwaltetem Territorium wiedergefunden hatten.

Die Vereinnahmung deutscher Aussiedler und Spätaussiedler – Menschen, die bis 1990 in der Volksrepublik Polen teils erhebliche Menschenrechtsverletzungen erlitten, denen einige durch Ausreise entgehen konnten – für die Statistik der Polonia geschieht dabei nicht heimlich, sondern wird von Lewicki in ihrer historischen Ungenauigkeit offen nachvollzogen: „In den Nachkriegsjahren kamen nach und nach Aussiedler und Spätaussiedler nach Deutschland, von denen einige auch nach Zuerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit ihre polnische Staatsangehörigkeit nicht ablegten und ihre polnische Identität beibehielten.“

Kulturpolitische Konsequenzen der Vereinnahmung

Die Frage, inwiefern Lewicki durch die argumentative ‚Integration‘ deutscher Spätaussiedler in die Polonia letztlich deren Charakter als denjenigen einer nationalen Minderheit verwässert, kann hier offen bleiben. Vielmehr ist diese Argumentation auf einer allgemeineren Ebene ausgesprochen bedauerlich. Denn an und für sich wäre eine Besinnung der Polonia, der deutschen Volksgruppe in der Republik Polen und der deutschen Heimatvertriebenen auf gemeinsame kulturpolitische Interessen angesichts der gemeinsamen – und geteilten – Geschichte absolut wünschenswert. Eine solche Entwicklung rückt jedoch angesichts derartiger Vereinnahmungstendenzen eher in die Ferne.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 1/2017. In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 4/2017.

Wehrarchitektur und Kriegskinder

Zwei Kurzrezensionen aus der Reihe „vorgestellt“

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945

Das Preussenland erfreut sich – vor allem auch touristisch – als Land der Ordensburgen großer Beliebtheit. Seine dabei oft übersehene Bedeutung für die Wehrarchitektur jüngerer Epochen ruft der Katalog über „Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945“ in Erinnerung, der eine gleichnamige Ausstellung des Kulturzentrums Ostpreußen dokumentiert. Nach einem knappen historischen Abriss über die Geschichte des Festungsbaus in den östlichen Provinzen Preußens gibt das Buch einen Überblick über die jeweiligen Festungen und sonstigen Befestigungen in West- und Ostpreußen. Den Abschnitten sind jeweils kurze Einführungen zu den Spezifika der Befestigungstypen vorangestellt. Für den westpreußischen Raum dokumentiert der Katalog die Festungen Danzig, Marienburg, Graudenz, Thorn, die Feste „Weichselmünde“, die Fortifikationen der Stadt Elbing, die Brückenköpfe Dirschau, Münsterwalde, Culm und Fordon sowie die „Weichselbatterien“. Sehr hilfreich ist – gerade für den militärgeschichtlichen Laien – das Glossar sowie – für Leser, die an tiefer gehenden Informationen interessiert sind – das Literaturverzeichnis. Da das Buch selbst eher schlaglichtartig die wichtigsten Fakten vermittelt, ist eine solche ergänzende Lektüre zu empfehlen. Auch wenn man sich bisweilen mehr Kontextinformationen wünschte, bietet das Buch doch durchaus erste wichtige Einblicke in den Themenbereich west- und ostpreußischer Wehrarchitektur.

Kulturzentrum Ostpreußen (Hg.): Historia w kamieniu i betonie. Fortyfikacje miedzy Wisła a Niemnem 1700–1945 / Geschichte aus Stein und Beton. Befestigungen zwischen Weichsel und Memel 1700–1945. Ellingen 2016, 64 Seiten mit farbigen Abbildungen, € 8,– Zu beziehen über das Kulturzentrum Ostpreußen (www.kulturzentrumostpreussen.de).

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder

In den zurückliegenden Jahren hat die Auseinandersetzung mit den Schicksalen und Erfahrungen der Kriegskinder- und Kriegsenkelgeneration einen reichen publizistischen Ertrag hervorgebracht – von autobiografischen Texten bis hin zu wissenschaftlichen Analysen. Erich Andersen nimmt nun mit seinem Büchlein „Kriegsjunge Hänners Kriegskinderbilder“ Zeichnungen seines Kindheitsfreundes Johannes Bartosch – 1934 in Danzig geboren – zum Ausgangspunkt einer persönlich gehaltenen Auseinandersetzung mit den Erfahrungswelten dieses westpreußischen Flüchtlingskindes im Norddeutschland der Nachkriegszeit. Auch wenn seine Betrachtungen keinen übermäßigen Abstraktionsgrad erreichen bzw. die Versuche, die durch die Kriegszeit geprägten Mentalitäten einzuordnen, eher apologetisch und zuweilen unbeholfen wirken, regt der Autor doch nachhaltig zu einer Auseinandersetzung mit Bildquellen als Medien kindlicher Kriegs- und Nachkriegserfahrungen an. (Einzelne Passagen, die vor dem Hintergrund historischer Zusammenhänge gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen kritisieren, erscheinen allerdings von Attitüden besetzt und wären durchaus entbehrlich.) Die umfangreich dokumentierten Bilder zeugen einerseits von etablierten Narrativen von Flucht und Vertreibung, andererseits aber auch von individuellen Erfahrungen des Protagonisten. Die von ihnen ausgehenden Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit eines Einheimischen und eines Flüchtlings entfalten zugleich eine persönliche Alltagsgeschichte der Nachkriegszeit, die über das spezifische Schicksal der Heimatvertriebenen hinausweist.

Erich R. Andersen: Kriegsjunge Hänners Kriegskindbilder. Berlin 2016, 92 Seiten mit farbigen Abbildungen € 15,– ISBN 978-3-86460-419-5.

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 3/2017.

Westpreußen – ein Land der Reformation

Eine Spurensuche entlang reformationsgeschichtlicher Erinnerungsorte

Von Tilman Asmus Fischer

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die Ereignisse rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen – gerade wie das untere Weichselland – sehr aufschlussreich sein.

Infolge von Flucht und Vertreibung ist Westpreußen heute ein Raum, in dem weitestgehend Katholiken und nur noch eine kleine Schar von Lutheranern leben. Es finden sich freilich noch viele Orte und Kulturdenkmäler, die eng mit der Reformationsgeschichte verbunden sind und darüber hinaus von der Vielfalt protestantischen Lebens im Ostseeraum zeugen. Neun solcher kirchengeschichtlicher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden. Diese Orte vermögen, sowohl die Vielschichtigkeit der ‚Reformation‘ als auch ihre ökumenische Dimension und die unterschiedlichen Ausprägungen dessen zu verdeutlichen, was wir ‚den Protestantismus‘ nennen. Beginnen soll unsere Spurensuche mit grundsätzlichen Überlegungen, ausgehend von der protestantischen Kirche Westpreußens schlechthin.

Oberpfarrkirche St. Marien, Danzig

In ihrem 1929 erschienen Buch „Die Marienkirche in Danzig“ preisen Karl Gruber und Erich Keyser die altehrwürdige evangelische Oberpfarrkirche als „Gotteshaus der Bürger, errichtet durch das einmütige Zusammenwirken der Brüderschaften, Gewerke und Geschlechter“. Diese Perspektive auf die Marienkirche verdeutlicht bereits den enormen Identifikationswert, den Europas größte Backsteinkirche für ihre Stadt hatte. Dies ist umso bemerkenswerter, als hier eine von katholischen Bürgern vor der Kirchenspaltung errichtete Kirche zum Identifikationspunkt einer protestantisch dominierten Bürgerschaft wurde. Ebenso konnten westpreußische Kirchen auch bis in unsere Tage hinein den Kirchenbrief der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen zieren, obwohl die Gotteshäuser mit Kriegsende der katholischen Kirche übergeben worden waren.

Diese Beobachtung erinnert uns an zweierlei Zusammenhänge, die es bei unserer Spurensuche zu bedenken gilt : Zum einen, dass ein Erinnerungsort nicht statisch ist, sondern stets von den Zu- und Überschreibungen lebt, die er im Verlauf seiner Geschichte erhält. Daher stellt unsere heutige Spurensuche auch notwendiger Weise nur eine Bestandsaufnahme von Bedeutungen dar, die einem Denkmal oder Ort unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt – demjenigen der Reformation – Konturen verleihen. Zum anderen weist uns St. Marien darauf hin, dass ein und demselben Erinnerungsort gleichzeitig differierende, wenn nicht gegensätzliche Bedeutungen zukommen können – hier etwa eine deutsche bzw. protestantische oder eine katholische bzw. polnische.

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig (Foto: Diego Delso via Wikimedia)
Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Reformation und Katholizismus

Wenn wir in diesem Sinne nach Orten fragen, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, dann gelangt man auch zu exklusiv katholischen Erinnerungsorten, in denen ein entsprechendes Narrativ der Reformationsgeschichte manifest wird.

Königliche Kapelle, Danzig

Am sinnfälligsten wird dies an der Königlichen Kapelle, die der Marienkirche unmittelbar benachbart ist. Immerhin verdankt diese Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – ihre Existenz der Reformation in Danzig : Nachdem nach und nach alle Kirchen evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde darauf hin die Kaplica Królewska – die Königliche Kapelle – als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in Städten, die sich mehrheitlich zum Protestantismus bekehrten – aber ebenso auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen wie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

Jesuitenkolleg, Deutsch Krone

Der Kontext der katholischen Reaktionen auf den Prozess der Reformation wird wesentlich von der sogenannten Gegenreformation – und damit einer ihrer treibenden Akteurinnen : der Societas Jesu (SJ) – bestimmt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die – letztlich kirchenspaltende – evangelische Reformation selbst in einer Zeit innerkatholischer Reformbewegungen entwickelte und ebenso wenig davon unabhängig gedacht werden kann wie die SJ selbst.

Die Jesuiten entfalteten auch im späteren West- und Ostpreußen rege Aktivitäten und konzentrierten sich – ihrem Gelübde entsprechend – vor allem auf das Bildungswesen. So gründeten sie 1665 auch im damals zu Polen gehörigen Deutsch Krone eines der Jesuitenkollegien. Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung mussten 1672 und 1703 jeweils größere Gebäude bezogen werden. Als der Jesuitenorden 1773 vom Papst aufgelöst wurde, erfolgte die Umwandlung in ein katholisches Gymnasium. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 200 Schüler die Schule. – An dem 1798 bis 1805 errichteten Gebäude des Gymnasiums erinnert heute noch eine Gedenktafel an das ehemalige Jesuitenkolleg.

Zwischen Konflikt und Verständigung

Bereits die vorangegangenen Erinnerungsorte zeigen, dass die westpreußische Reformationsgeschichte eine ebenso protestantisch-katholische wie deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist, in der gerade auch die polnische Krone als Förderer des Katholizismus in Erscheinung tritt. Ein Blick auf zwei weitere Städte des Königlichen Preußen – Elbing und Thorn – verhilft dazu, dieses Bild zu differenzieren. So steht Thorn einerseits für eine blutige, von der polnischen Krone mitgetragene Eskalation der konfessionellen Konflikte im Jahre 1724, andererseits aber auch für die 79 Jahre zuvor durchgeführten Thorner Religionsgespäche, die ebenfalls vom polnischen König initiiert wurden. Einer ihrer zentralen Akteure, der protestantische Ökumeniker Comenius, lebte und wirkte zu dieser Zeit in Elbing. (Diese thematischen Zusammenhänge hat Manfred Richter bereits in der DW-Ausgabe vom April 2016, S. 14f., in größerer Ausführlichkeit erläutert.)

Comenius in Elbing

Der den Böhmischen Brüdern angehörende Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670) genoss bereits zu seinen Lebzeiten europaweite Anerkennung. Sie führte dazu, dass der schwedische Königshof Comenius beauftragte, ein Konzept zur Erneuerung des Schulsystems zu entwickeln. Deshalb kam der Gelehrte 1642 in das schwedisch besetzte Elbing, wo er bis 1648 blieb. Hier verfasste er nicht nur sein Hauptwerk „Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica), sondern unterstützte auch die Vorbereitungen des „Colloquium Charitativum“, das vom 28. August bis zum 22. November 1645 in Thorn stattfand und zur Vermittlung zwischen Katholiken und Protestanten beitragen sollte. Der Elbinger Stadtrat unterstützte Comenius’ Bemühungen und stellte ihm eine Karosse für die Reise nach Thorn zur Verfügung.

Tumult und Blutgericht in Thorn

Die Religionsgespräche führten letztlich allerdings nicht zu konkreten Ergebnissen, und das Verhältnis zwischen den Konfessionen blieb weiterhin angespannt. 1724 ereignete sich dann – wiederum in Thorn – der erwähnte offene Ausbruch der Gegensätze. Nachdem die – maßgeblich von den Jesuiten getragene – Gegenreformation in den vorangegangenen Jahren in der lutherisch dominierten Stadt vorangetrieben worden war, kam es am Fronleichnamstag jenes Jahres zum „Thorner Tumult“, bei dem protestantische Bürger das Jesuitenkloster stürmten und verwüsteten. Nun musste bzw. konnte der polnische König August II. mit aller Härte durchgreifen : Nicht nur, dass sämtliche Hauptkirchen der Stadt der katholischen Kirche übereignet wurden ; vielmehr wurden am 7. Dezember auch ein Bürgermeister und neun Thorner Bürger öffentlich hingerichtet.

Die Erben der Reformation

Die Reformation führte jedoch nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen der lutherischen Lehre und dem Katholizismus, denn der Protestantismus brachte im Laufe seiner Entwicklung auch aus sich selbst eine ganze Reihe unterschiedlicher Denominationen und Minderheiten hervor, von denen hier nur einige exemplarisch vorgestellt werden sollen.

St. Peter und Paul, Danzig

Der nach der lutherischen Reformation bedeutendste Schritt in der weiteren Entwicklung war die Herausbildung der reformierten Konfession. – Nachdem die in der Alten Vorstadt von Danzig gelegene Kirche St. Peter und Paul 1557 lutherisch geworden war, ging sie 1622 an die Danziger Reformierten über. Das calvinistische Bürgertum zeichnete sich vielerorts durch ein ausgeprägtes Erfolgsstreben aus, das Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ scharfsinnig auf seine theologischen Voraussetzungen hin analysiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn wir unter den Gemeindegliedern in St. Peter und Paul späterhin z. B. auch den Kaufmann Johann Uphagen und den bedeutenden Kupferstecher Daniel Chodowiecki entdecken. Die vielleicht bedeutendste Person, die mit St. Peter und Paul in Verbindung steht, ist jedoch der Theologe, Naturwissenschaftler und spätere Entdeckungsreisende Johann Reinhold Forster, der hier als Kandidat wirkte und ins Pfarramt ordinierte wurde.

Heilig Geist-Kirche, Danzig

1817 fasste König Friedrich Wilhelm III. alle lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer unierten Landeskirche zusammen. Diejenigen Gemeinden, die den Zusammenschluss aus theologischen Erwägungen ablehnten, mussten scharfe Verfolgung erdulden. Die aus diesem Prozess 1830 hervorgegangene Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen wurde erst 1845 staatlich anerkannt.

Diese ‚altlutherische‘ Kirche hatte ihren Schwerpunkt in Schlesien, aber in ganz Preußen Anhänger. Während der 1840er Jahre entstand ein eigener Danziger Pfarrbezirk, und 1854 erwarb man die Heilig Geist-Kirche in der Danziger Tobiasgasse 1b. 1943 umfasste die in der früheren Hospitalkirche ansässige Gemeinde 503 Seelen. 1945 wurde die Kirche schwer zerstört. Nach dem Krieg beschlossen die neuen Machthaber dann eine Nutzungsänderung, in deren Folge das Gebäude seit den 1950er Jahren in den Gebäudekomplex einer Grundschule integriert ist.

Heubuden (Kreis Marienburg / Großes Werder)

Mit den Täufern kommt eine protestantische Strömung ins Bild, die in Europa gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern verfolgt wurde. Deshalb flohen im 16. Jahrhundert viele Täufer nach Danzig und in das Umland der Stadt, wo sich zeitweilig auch ihr Anführer und Namensgeber Menno Simons aufhielt. Einer der Orte, an denen die Glaubensflüchtlinge aus dem flämischen, niederländischen, friesischen, und oberdeutschen Raum ansässig wurden, war Heubuden in der späteren Freien Stadt Danzig. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte sich dort das Niederländische als Gottesdienstsprache gehalten. 1768 erhielt Heubuden eine eigene Kirche, und Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gemeinde Heubuden-Marienburg in Marienburg ein eigenes Gemeindehaus. 1929 hatte die Gemeinde 1.092 getaufte Glieder. – Heute erinnern in Heubuden eine Gedenktafel an der ehemaligen Mennonitenkirche, vor allem aber der erhaltene, 2,6 Hektar umfassende Mennoniten-Friedhof an die einstigen Einwohner des Ortes.

Slowinzisches Dorf, Klucken (Kreis Stolp, Pommern)

Neben den drei konfessionellen Minderheiten der Reformierten, Altlutheraner und Mennoniten soll zum Schluss noch eine weitere Gruppe berücksichtigt werden: die Slowinzen, bei denen es sich jedoch nicht um eine innerprotestantische Minderheit handelt. Zur Minderheit wurden die Slowinzen innerhalb der westslawischen Bevölkerung des südlichen Ostseeraums vielmehr durch ihr evangelisches Bekenntnis, das mit einer Nähe zur deutschen Kultur einherging. Damit ergänzen die Slowinzen, die in Pommern zwischen Stolp und Leba lebten, das Bild der katholischen Kaschuben.

Am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die große Mehrheit der deutschsprachigen Slowinzen vertrieben. Die slowinzischen Muttersprachler durften in ihrer Heimat bleiben, was freilich das Aussterben des – dem Kaschubischen verwandten – Slowinzischen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermochte. Dies mag man heute umso mehr bedauern, als angenommen werden kann, dass etwa der Konfirmandenunterricht in dieser Region noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in dieser Sprache gehalten wurde. Heute dokumentiert nur noch das Freilichtmuseum „Slowinzisches Dorf“ in Klucken das Leben dieser westslawischen
Protestanten.

Auf dem Weg zu den Erinnerungsorten …

… DANZIG

  • Heilig Geist-Kirche: Szkoła Podstawowa nr 50 im. Emilii Plater, ul. Grobla IV / 8, 80-837 Gdańsk
  • Königliche Kapelle: Sie liegt auf der Rückseite der Marienkirche in der Świętego Ducha, 80-980 Gdańsk
  • St. Marien: Bazylika Mariacka w Gdańsku, Podkramarska 5, 80-834 Gdańsk. Weitere Informationen: http://www.bazylikamariacka.gdansk.pl
  • St. Peter und Paul: Rzymskokatolicka Parafia św. Piotra i Pawła, ul. Żabi Kruk 3, 80-822 Gdańsk

… DEUTSCH KRONE

Jesuitenkolleg: Zespół Szkół nr 1 w Wałczu, Kilińszczaków 59, 78-604 Wałcz

… HEUBUDEN: 82-200 Stogi, Powiat Malborski

… KLUCKEN

Slowinzisches Dorf: Muzeum Wsi Słowińskiej w Klukach, Kluki 27, 76-214 Smołdzino. Das Freilichtmuseum ist ganzjährig geöffnet. Weitere Informationen: http://www.muzeumkluki.pl

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 1/2017.

Verschwundenen Orten auf der Spur

Das „Zentrum gegen Vertreibungen“ präsentiert in Berlin seine fünfte Ausstellung

„Namen, die keiner mehr nennt“ – mit dem Titel ihres vielfach aufgelegten Buches hatte Marion Gräfin Dönhoff bereits vor Jahrzehnten auf einen Aspekt des deutschen Gebietsverlustes im Osten aufmerksam gemacht, der über die Fragen von Staatsgebiet und Privateigentum weit hinaus geht : Das Verschwinden der Geschichte von Vertreibungsgebieten aus dem kollektiven Gedächtnis, das mit der Vernichtung historischer Orte einherging. Diese Form des Verlustes beschäftigt nicht nur die von dort Geflüchteten und Vertriebenen, sondern gleichfalls die heute in diesen Landschaften lebenden Menschen.

Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein. (Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)
Kurator Wilfried Rogasch referiert bei einer Presseführung das Schicksal des westpreußischen Schlosses Finckenstein.
(Fotos: BdV-Archiv, Anke Illing)

Erstmals befasst sich nun eine Ausstellung auf grundsätzlicher Ebene mit den Ursachen, Dimensionen und Konsequenzen des Verlustes ganzer Orte und ihrer Geschichte im heutigen Königsberger Gebiet, in Polen und Tschechien. „Verschwunden – Orte, die es nicht mehr gibt“ ist zugleich die fünfte Ausstellung der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZgV). Anders als die vier vorangegangenen Ausstellungen ist sie von Anbeginn an als Wanderausstellung konzipiert und wird im Berliner Kronprinzenpalais gegenwärtig erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Eröffnet wurde sie am 8. November durch die ZgV-Vorstandsvorsitzende Erika Steinbach MdB und den ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Hans-Gert Pöttering.

Vermittelt von Texttafeln, Bild- und Kartenmaterial sowie mehreren Multimediastationen, zeichnet die Ausstellung Schicksale unterschiedlicher Orte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nach. Dabei fasst sie den Begriff verschwundener „Orte“ zugunsten der Erschließung grundsätzlicher Phänomene kollektiven Verlustes von Kulturerbe und Erinnerungen recht weit: „Dörfer, Städte, Kirchen, Bauernhöfe, Schlösser, Fabriken oder Industrieanlagen sowie Friedhöfe, Denkmäler, Standbilder oder Inschriften überdauern nur, wenn es Menschen dafür gibt. Was aber wird aus ihnen, wenn die Menschen plötzlich verschwinden?“ – So fragte Erika Steinbach im Rahmen ihrer Erläuterungen anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Mit Entvölkerung, Kriegszerstörungen und Grenzziehungen, die ihrerseits weitreichende Konsequenzen zeitigten, erfasst die Ausstellung die primären Ursachen für die Vernichtung und fehlende Wiederherstellung ganzer Orte und Stadtteile oder einzelner Denkmäler. Mit der Entfernung von Symbolen, mit Kirchenfeindlichkeit bzw. Atheismus und schließlich mit „Preußenhass“ und dem propagierten „Klassenkampf “ fokussiert sie die Motivationen und konkreten Programme einer gezielten kultur- und geschichtspolitischen Umgestaltung der historischen deutschen Reichs- und Siedlungsgebiete. Dabei geraten sozioökonomische Faktoren wie Enteignung, Planwirtschaft und städtebauliche Neuordnungen allerdings nicht aus dem Blick. Schließlich wird die Perspektive auch auf konstruktive Entwicklungen – in Form von selektivem Wiederaufbau und Rekonstruktionsversuchen – erweitert.

„Hauptanliegen der Ausstellung ist es, in einer ‚historischen Spurensuche‘ diesem Untergang exemplarisch nachzuspüren“, erklärte Erika Steinbach: „Gleichzeitig legt die Ausstellung ein Augenmerk auf aktuell zu beobachtende bürgerschaftliche, kommunale und staatliche Initiativen, noch vorhandene Bauwerke, Kulturdenkmäler, Friedhöfe und andere Spuren der deutschen Vergangenheit zu retten oder in Einzelfällen sogar neu zu errichten.“

Unter den untersuchten Beispielen finden sich auch westpreußische Orte : Danzig, Elbing und –subsumiert unter „Ostpreußen“ – Schloss Finckenstein sowie Gut Neudeck ; gleichfalls für die westpreußische Geschichte relevant sind das Ehrenmal in Tannenberg sowie das „Westpreußenkreuz“ und weitere „Abstimmungsdenkmäler“. Finckenstein und Neudeck gehören zu denjenigen Orten, deren Erhalt aufgrund ihrer prominenten Bedeutung für – das auf Militarismus und Feudalismus reduzierte – Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den neuen Machthabern abgelehnt wurde.

Anhand der in der Zwischenkriegszeit in West- und Ostpreußen errichteten Denkmäler thematisiert die Ausstellung zudem eine Reihe symbolisch aufgeladener Orte, die gerade die Funktion erfüllten, die rechtmäßige Zugehörigkeit ihrer Landschaft zum deutschen Staat zu dokumentieren – und deshalb nach dem Kriege gänzlich obsolet geworden waren. Mit Danzig und Elbing werden am Ende jedoch auch zwei jeweils unterschiedliche Konzepte des Wiederaufbaus großflächig zerstörter Städte präsentiert.

Neben vielen Besuchern sollte der Ausstellung zu wünschen sein, dass sie einen nachhaltigen Nachahmungseffekt hervorruft : Indem sie einzelne der Namen, die keiner mehr nennt, wieder in Erinnerung bringt, weist sie zugleich auf die große Zahl der verschwundenen Orte hin, die bisher nicht bis kaum erschlossen oder gar erforscht sind.

Tilman Asmus Fischer

Bis zum 8. Januar 2017 wird die Ausstellung von Montag bis Mittwoch zwischen 10 und 18 Uhr und von Donnerstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr im Kronprinzenpalais (Unter den Linden 3, 10117 Berlin) für Besucher geöffnet sein. Die Eintrittspreise betragen 5 Euro, ermäßigt 2 Euro. Nach vorheriger Absprache können Führungen organisiert werden. Weitere Informationen: http://www.ausstellung-verschwundeneorte.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Als der Krieg nach Danzig kam

Deutsche Kriegsausstellung in Danzig vom 9. September bis 9. Oktober 1916

Im September 1916 war der Krieg zu Gast in Danzig, genauer gesagt in der Reithalle an der Großen Allee: gut organisiert und ohne – anders als an der Front – Tote zu fordern. Hier wurde am 9. September vor 100 Jahren die Deutsche Kriegsausstellung Danzig eröffnet, die für einen Monat in der westpreußischen Provinzhauptstadt zu sehen war.

Titelblatt des Hauptkatalogs zur Kriegsausstellung
Titelblatt des Hauptkatalogs zur Kriegsausstellung

Dieses Ereignis war im Deutschen Reich, das sich gerade im dritten Kriegsjahr befand, kein Einzelfall, sondern Teil einer systematischen Propaganda. So fanden im gleichen Jahr entsprechende Ausstellungen im Berlin, Darmstadt, Hamburg und Karlsruhe statt. Veranstaltet wurden sie vom Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz – im „Einverständnis und mit Unterstützung des Königlich Preußischen Kriegsministeriums“, so die offizielle Formulierung.

Der für die reichsweit organisierten Ausstellungen herausgegebene Katalog Deutsche Kriegsausstellungen 1916, den die DW-Redaktion vor kürzerer Zeit entdeckt hat, gibt heute noch Einblicke in diese historische Schau. Ihn flankierten Zusatzbände, die jeweils für die einzelnen lokalen Ausstellungen konzipiert wurden. Denjenigen zur Danziger Ausstellung hat die polnische Internetplattform Pommersche digitale Bibliothek inzwischen online zugänglich gemacht (http://pbc.gda.pl/publication/11108).

Propaganda und Wohltätigkeit

Mit ihrer propagandistischen Intention hielten die Initiatoren der Ausstellung keineswegs hinter dem Berg. Sie erklärten dem Ausstellungsbesucher bzw. Leser einleitend: „Der Grundgedanke der Kriegsausstellung ist, der Bevölkerung zum Bewußtsein zu bringen, wie gewaltig die Bewaffnung unserer Feinde, wie schwer der Krieg der Neuzeit ist und sie mit Dankbarkeit für die wackeren Krieger zu erfüllen, die ihr Blut für das Vaterland opfern, aber auch ihnen das Bewußtsein der Dankbarkeit wachzurufen für unser Herrscherhaus, das die Kriegstüchtigkeit unseres Volkes von jeher zu mehren bemüht war.“

Aus diesen Zeilen spricht jedoch nicht einfach nur Kriegspropaganda, sondern zugleich die Notwendigkeit, der Bevölkerung einen Krieg zu ‚erklären‘, von dem die Soldaten eigentlich bis Weihnachten 1914 hätten nach Hause zurückkehren sollen – der sich jedoch zu einer nie dagewesenen Materialschlacht entwickelte, in der die Soldaten (und ihre Angehörigen) mit den im Wortsinn schrecklichen Konsequenzen einer gleichfalls neuen Form von technisierter Kriegsführung konfrontiert wurden und ihnen ausgeliefert waren.

Neben diesem Informationsauftrag verfolgte die Kriegsausstellung letztlich das Ziel, die „Kriegswohltätigkeit“, vor allem die Hilfe für „Kriegerfrauen“, zu unterstützen. So wurde der Erlös der Ausstellung für den Provinzialverein des Roten Kreuzes, die „Kriegshilfe für Danzig“ und den »Verwaltungsausschuss für Kriegs­invaliden“ bestimmt.

Schanze und Schützengraben

Neben einer „Beuteabteilung“, die Waffen und Ausrüstung der Kriegsgegner – und damit sowohl deren Bedrohlich­keit, als auch die Überlegenheit der siegreichen Deutschen – zur Schau stellte, und einer fotografischen Abteilung mit Aufnahmen aus den Kriegsgebieten stand die „Danziger Sonderabteilung“. Diese stellte in vielfacher Weise immer wieder auch Bezüge zwischen der Stadt bzw. Provinz und der militärischen Gesamtthematik der Ausstellung her.

So zeigte die „Marineabteilung“ Modelle von Schiffen, die auf Danziger Werften gebaut worden waren, u. a. die kleinen Kreuzer SMS Danzig (Kaiserliche Werft Danzig) und SMS Gefion (Ferdinand Schichau, Danzig). Maritime Interessen befriedigte gleichfalls eine Abteilung zur Skagerrak-­Schlacht. So sehr auch hiermit dem Ziel entsprochen wurde, über den gegenwärtigen Stand militärischer Bedrohung und Rüstung zu informieren, war die Ausstellung zugleich bemüht, Kontinuität zu militärgeschichtlichen Traditionen herzustellen: So zeigte eine historische Sammlung ergänzend „Kupferstiche, Gemälde usw., See-Erinnerungen aus älterer Zeit“ und in einem „Danziger Zimmer“ „Originalgemälde und Bilder, die auf die Geschichte Danzigs als Hafenstadt Bezug haben“.

Ähnliches gilt für die Präsentation des Heeres: Für Lokalkolorit sorgte eine Schau der aktuellen Kriegs- und Friedensuniformen, in der „sämtliche westpreußischen Regimenter“ zusammengestellt waren. Wie bereits bei der Marine wird auch hier versucht, die aktuelle mit der historischen Kriegsführung zu parallelisieren. So findet sich ebenso eine „mit alten Geschützen“ geschmückte mittelalterliche Schanze wie ein vom Landwehr-Infanterie-Regiment 21 realitätsgetreu erbauter moderner Schützengraben.

Gesellschaftlicher Rückhalt und wirtschaftlicher Profit

Die Ausstellung war nicht nur von der staatlichen Obrigkeit erwünscht – den Ehrenvorsitz hatte die preußisch-deutsche Kronprinzessin Cecilie zu Mecklenburg übernommen. Vielmehr wurde sie von weiten Kreisen der gesellschaftlichen Eliten in Stadt und Provinz mitgetragen: Dem „Ehren­Ausschuß“ der Danziger Ausstellung gehörten Vertreter des Adels, des Militärs, der Politik, Verwaltung und Wirtschaft ebenso an wie Vertreter des Pressewesens und der Religionen – etwa Rabbiner Dr. phil. Kaelter, Konsistorial­Präsident Peter und der Culmer Bischof Dr. Rosentreter.

Ein Stück weit ging die gesellschaftliche Unterstützung für die Ausstellung einher mit keineswegs verborgenen ökonomischen Interessen. Das verdeutlicht der an das Verzeichnis der Ausstellungsstücke anschließende Werbeteil des Katalogs: Neben Anzeigen aus unterschiedlichen Gewerben – etwa für „Danziger Springerlikör“ – wird hier auch der Krieg selbst vermarktet: Kriegsanleihen der Danziger Bankhäuser, Produkte der Militär-Effekten- und Uniform-Fabrik M. Kemski & Co.; und Velhagen & Klasing, der Verleger der Kataloge, hat auch „Kriegskarten“ im Programm; das Sport-Haus Carl-Rabe bietet Militär-Ausrüstung an, Hahn & Loechel künstliche Glieder und Bandagen – und auf einer ganzseitigen Anzeige raucht ein Soldat „Unsere beliebte Heimats-Zigarette“ der Zigarettenfabrik Stambul.

Zwar waren zu dieser Zeit die Folgen des Krieges in Danzig schon sichtbar – etwa durch Invaliden mit Prothesen von Hahn & Loechel. Die Grundhaltung der Kataloge zeigt jedoch, dass der Krieg – noch – in all seinen Konsequenzen so fern schien, dass er nur dank einer solchen Ausstellung zu ‚erfassen‘ und ‚begreifen‘ war. Der Erste Weltkrieg selbst drang mit seinen Frontlinien auch bis 1918 nicht mehr auf deutschen Boden und bis Danzig fort – seine bitteren politischen Folgen sollte dann aber gerade Danzig erfahren müssen.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 9/2016.

Hermann Löns – Nation, Heimat, Umwelt

Von Tilman Asmus Fischer

Gedenktage historischer Persönlichkeiten bieten zu dreierlei Gelegenheit: das Leben und Werk in Erinnerung zu rufen – die Rezeption durch die Nachwelt kritisch zu würdigen – auf Desiderate der bisherigen Betrachtungen hinzuweisen. Diesen drei Aspekten möchte der vorliegende Beitrag über Hermann Löns nachgehen, der vor 150 Jahren, am 29. August 1866 geboren (und am 26. August 1914 gefallen) ist und der ohne jede Frage als der „Heidedichter“ par excellence gilt und in Erinnerung bleibt: Die Heide war nicht nur eines der Motive seiner Dichtung, sondern ihr zentraler Gegenstand; und die von ihm betriebene Stilisierung zum Heidedichter hat in unterschiedlichen Phasen seine Rezeption im Deutschen Reich wie in der Bundesrepublik geprägt. Gegenwärtig überwiegen dabei kritische Töne. Die Stoßrichtung entsprechender Sichtweisen illustriert der Beitrag, den Christian Lindner für Deutschlandradio Kultur zum 100. Todestag im Jahre 2014 verfasst hat: „Der Schreibgenuss bestand darin, seine von triefender Sentimentalität und deutsch-nationaler Gesinnung genährten Traumbilder vom Rückzug und vom einfach-bäuerlichen Leben in der Heide schnell und hemmungslos und unreflektiert aus sich herausfließen zu lassen.“ Die Hintergründe dieser Einschätzung sollen im Folgenden erläutert werden. Dabei soll zugleich freilich eine die vorherrschenden Bilder ergänzende Deutung des ‚nationalen‘ Löns vorgenommen werden, und zwar die von Löns als einem Aktivisten der frühen Naturschutzbewegung.

Seine Kindheit verbindet Hermann Löns mit Westpreußen, wo er 1866 in Culm an der Weichsel geboren wurde und später in Deutsch Krone zur Schule ging, bevor er sein Abitur im westfälischen Münster ablegte. Ab 1886 studierte Löns Medizin, Naturwissenschaften und Mathematik in Münster, Greifswald und Göttingen. Dies freilich tat er erfolglos und wandte sich schließlich dem Schreiben zu: Ab 1891 verdingte er sich als Journalist in Kaiserslautern, Gera und Hannover. Schnell fand er die Heide als zentralen Bezugspunkt von Leben und Arbeit. Dies klingt bei Christian Lindner so: Löns „kam seinen Zeitgenossen in seinem Auftreten ein wenig dandyhaft vor – bis er den grünen Rock anzog und auf der Suche nach Ordnung und Gediegenheit in seinem Leben, in Romanen, Erzählungen und Gedichten die Heidelandschaft als Heimat zu erobern versuchte und im Sinne einer altdeutsch-volkstümlichen Romantik besang“. Im Jahr seiner Heirat mit Elisabeth Erbeck 1893 erschienen seine ersten Gedichte. Im Jahr der Scheidung 1901 veröffentlichte Löns, der seither in Bremen lebte, seine Naturbeschreibungen „Mein goldenes Buch“ und „Mein grünes Buch“, denen weitere folgten. Die 1909 erschienen Romane „Der letzte Hausbur“ sowie „Dahinten in der Heide“ werden im Nachhinein mit der Ideologie von „Blut und Boden“ in engen Zusammenhang gebracht. ‚Mustergültig‘ für einen patriotisch gesonnenen Mann seiner Generation fand der Freiwillige Hermann Löns schließlich am 26. August 1914 auf dem Felde bei Loivre den Tod.

Hermann Löns um 1900 (Foto: Hajotthu via Wikimedia)
Hermann Löns um 1900
(Foto: Hajotthu via Wikimedia)

Als Löns fiel, war er noch nicht einmal 48 Jahre alt. In seiner 24-jährigen Schaffensphase war es ihm jedoch gelungen, sich in einer teils beeindruckenden, teils keineswegs unproblematischen Weise in das kollektive kulturelle Gedächtnis Deutschlands einzuschreiben. Von seiner ungebrochenen Wirkungskraft zeugt nicht nur der bis heute bestehende Verband der Hermann-Löns-Kreise in Deutschland und Österreich e. V., der die dreimal jährlich erscheinenden Hermann-Löns-Blätter herausbringt, sondern zeugen auch unzählige Hermann-Löns-Straßen und -Schulen in Deutschland sowie die unterschiedlichsten Löns-Gedenkstätten. Hierzu zählen etwa neben dem Herrmann-Löns-Zimmer im Heidemuseum Rischmannshof diverse Gedenksteine, eine seinen Namen tragende Schutzhütte für Wanderer sowie auch Löns-Archive. Diese vielfältige Manifestierung des Löns-Gedenkens hat eine derartige qualitative und quantitative Vielfalt erreicht, dass die vom Löns-Verband erfassten Löns-Gedenkstätten ein mehrseitiges Verzeichnis füllen (www.loens-verband.de/
Gedenkstatten_Zahmel.pdf ).

Rasch fällt auf, dass sich viele der Gedenkstätten im heutigen Niedersachsen befinden. Dies hat seinen Grund darin, dass der gebürtige Westpreuße nicht nur die Heide, sondern zugleich „Niedersachsen“ für sich entdeckt hatte. Er selbst schrieb über seine Identifikation mit der Landschaft, in der er seit 1893 lebte: „Bisher hatte ich mich ganz als Einzelwesen gefühlt; nun empfand ich Stammesbewußtsein […]; bald hatte ich Freunde, wirkliche Freunde, und es waren kaum zwei Jahre vergangen, da war ich bewußt das, was ich unbewußt immer gewesen war, Niedersachse.“ Mit diesem Bekenntnis reihte sich der Dichter in die im 19. Jahrhundert entstandene „Niedersachsenbewegung“ ein, die im Sinne des wachsenden Nationalbewusstseins die Identität eines – einzelne deutsche Teilstaaten überschreitendes – „Stammes“ der Niedersachsen propagierte.

Indem Löns über Niedersachsen und die Niedersachsen – über das Land und den (im Nachhinein konstruierten) Stamm – schrieb, wurde er nicht nur über seinen Tod hinaus populär und gern gelesen: In der Wandervogelbewegung, bei den Niedersachsen, bei Naturliebhabern und Jägern. Zugleich war hiermit der Grundstein gelegt für das verhängnisvollste Kapitel der Löns-Rezeption: derjenigen durch die Nationalsozialisten, für die der Autor des „Wehrwolfs“ ideologischen Vorbildcharakter hatte mit markigen Sätzen wie: „Besser fremdes Blut am Messer, als ein fremdes Messer im eigenen Blut.“ – Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, dass, nachdem ein französischer Bauer auf seinem Acker die mit hoher Wahrscheinlichkeit Löns zuzuordnenden leiblichen Überreste eines Gefallenen gefunden hatte, der Völkische Beobachter am 8. Mai 1934 meldete: „Löns-Grab ermittelt“. Kaum in der Nähe von Barrl bestattet, wurde Löns erneut exhumiert, und am 2. August fand eine Beisetzung in Tietlingen bei Walsrode statt – ganz im Sinne der damaligen Machthaber: in einer Grabkammer mit einer Urkunde des „Führers“, bedeckt mit einem Findling. Einen Vorschein dieser „Gleichschaltung“ des Heidedichters hatte übrigens schon 1932 der erste Hermann-Löns-Film, Grün ist die Heide, gegeben. Die zeitgenössische Filmbesprechung in der Filmwoche lässt tief in die Seele vieler Zuschauer blicken: „Gute Menschentypen (wir haben sie in der Heimat und brauchen nicht das Ausland), helle, offene Gesichter unter Jungen und Alten. Es ist, als spiegele sich die Sonne in ihren Augen. Das Publikum war begeistert.“

Gut zehn Jahre nach der Beisetzung in Tietlingen war das „Tausendjährige Reich“, das Löns als nationalen Dichter gefeiert hatte, Geschichte – Löns aber blieb anhaltend populär: Nun freilich in einem unpolitisch-romantischen Sinne. Der Heimatfilm der Nachkriegszeit entdeckte Löns für sich: 1957 spielte Dieter Borsche den Dichter in „Rot ist die Liebe“ (auf Grundlage des Romans „Das zweite Gesicht. Eine Liebesgeschichte“), 1960 kam „Wenn die Heide blüht“ in die Kinos; gleich zweimal erfolgten Neuverfilmungen von „Grün ist die Heide“: 1951 mit Sonja Ziemann, Rudolf Prack und Willy Fritsch, und 1972 sogar mit der Einlage vertonter Löns-Gedichte.

Heute wird Löns allerdings, wie eingangs gezeigt, mehrheitlich kritisch bewertet: Sein Engagement für die „Niedersachsenbewegung“ und die völkischen Tendenzen in seiner Dichtung dominieren das Löns-Bild und verführen dazu, ihn selbst sozusagen im Nachhinein für die zugeschärfte Rezeption seiner Person und seines Werks durch die Nationalsozialisten unmittelbar verantwortlich zu machen. Es gibt jenseits der affirmativ-nationalen, der unpolitisch-romantischen und der kritisch-ablehnenden Sichtweise von Löns aber auch Nebenwege für unbefangenere Zugänge und alternative Deutungsmuster. Solch eine Perspektive eröffnet das Gedenken, das Löns als Aktivisten des Naturschutzes zusteht und auch schon zukommt.

Diese Bedeutungszuschreibung erklärt sich vor dem Hintergrund des kaiserzeitlichen Naturschutzes im Deutschen Reich, der ganz wesentlich durch den Gründer der preußischen Zentralstelle für Naturdenkmalpflege, den Danziger Hugo Conwentz (1855–1922), geprägt war (vgl. Der Westpreuße 3/2016): Der Volkskundler Friedemann Schmoll sieht das Konzept der Conwentzschen Naturdenkmalpflege dadurch charakterisiert, dass „die Bewahrung von Relikten“ im Vordergrund stand, hingegen die „Zusammenhänge von Ökonomie und Ökologie“ nicht thematisiert wurden. Dabei ist es fraglich ist, wieweit diese Zusammenhänge für Conwentz und seine Zeitgenossen überhaupt schon fassbar waren: „Vor dem Hintergrund beschleunigten gesellschaftlichen Wandels wurde bedrohte Natur als Repräsentantin untergegangener und just hinab dämmernder historischer Zeiten wahrgenommen.“

1911 hat Hermann Löns sich in einem – posthum 1929 veröffentlichten – Vortrag genau gegen einen derart ausgerichteten Naturschutz gewandt: „Es klingt bitter, aber es ist so: Die amtliche Naturdenkmalpflege erweckt immer mehr den Verdacht, als arbeite sie einem großzügigen, wirkungsvollen Naturschutz entgegen. Sie schützt Belanglosigkeiten, arbeitet im Detail, hemmt aber eine Bewegung, die sich auf das Ganze richten muß. Sie ist eben amtlich, muß büreaukratisch vorgehen, darf um Himmelswillen Niemand auf die Zehen treten, nicht Sturm läuten, nicht das Nothorn blasen.“ Im Folgenden verdeutlicht Löns die von ihm unterstellte Wirkungslosigkeit des staatlichen Naturschutzes. In den Bildern, die der Naturschützer Löns verwendet, schlägt nicht nur der Schriftsteller, sondern auch eine gute Portion konservativer Zivilisationskritik durch: „Pritzelkram ist der Naturschutz, so wie wir ihn haben. Der Naturverhunzung dagegen kann man eine geniale Großzügigkeit nicht absprechen. Sie fährt Auto im 80 Kilometertempo; der Naturschutz kraucht knickebeinig hinterdrein. Die Naturverhunzung arbeitet ‚en gros‘; der Naturschutz ‚en detail‘. Die Naturverhunzung herrscht, der Naturschutz steht in ihren Diensten.“ Auch wenn hier bereits die kritische Einsicht vorhanden ist, dass der staatliche Naturschutz nicht weit genug geht und seine Verwaltungslogik überwunden werden muss, dürfen wir auch bei Löns nicht voraussetzen, dass er die „Zusammenhänge von Ökonomie und Ökologie“ in der Tiefe mitdenkt, in der sie sich dem Zeitgenossen des Jahres 2016 darstellen. In diesem Sinne steht die von Löns vertretene Programmatik für einen Entwicklungsprozess.

Löns setzte sich jedoch nicht nur mittels seiner Sprachgewalt, sondern zugleich auch praktisch für den Naturschutz ein: So beteiligte er sich bereits 1909 an der Gründung des Bundes zur Erhaltung der Naturdenkmäler aus dem Tier- und Pflanzenreiche. Diese nur bis 1914 bestehende Vereinigung ging aus dem Anhängerkreis des Berliner Komponisten und Naturschützers Ernst Friedrich Karl Rudorff hervor. Dieser hatte gemeinsam mit Conwentz 1904 den Bund Heimatschutz (BH; heute Bund Heimat und Umwelt in Deutschland ) gegründet und prägte die mit dem Begriff „Heimatschutz“ verbundene Bewegung, deren ganzheitliches Verständnis von ‚Heimat‘ vielleicht am trefflichsten in der damaligen Zweckbestimmung des BH zum Ausdruck kommt, in der Formulierung vom „Schutz der deutsche[n] Heimat in ihrer natürlichen und geschichtlich gewordenen Eigenart“. Diese Verknüpfung des Bewahrens von kulturellem und natürlichem Erbe macht zugleich die Anschlussfähigkeit von Löns nationalen Positionsbestimmungen zum Naturschutz plausibel – und schließt zugleich bruchlos an sein Engagement für die „Niedersachsenbewegung“ an.

Der heutige professionelle Umweltschutz weiß, dass er sich einer Symbiose aus der ‚bürokratischen‘ Tradition eines Conwentz, und der ‚aktivistischen‘ eines Löns verdankt. So fand die erste Verleihung der Hugo-Conwentz-Medaille des Bundesverbandes Beruflicher Naturschutz (BBN) 1986 bewusst in Bremen statt, um dort, in der Wahlheimat des Dichters, an die 75 Jahre zuvor gehaltene Rede von Hermann Löns zu erinnern. Hierzu erklärt der BBN: „Demnach sollen mit der Medaille auch Leistungen gewürdigt werden, die sich mit Naturschutz in der Bundesrepublik Deutschland oder international auch durch konstruktive Kritik auseinandersetzen.“

Löns Einsatz für den Naturschutz relativiert nicht seine (deutsch-)nationalen Positionierungen – ist mit ihnen vielmehr durch die ideologische Klammer eines ganzheitlichen Konzeptes von „Heimatschutz“ verbunden. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass Löns aus einer solchen (im besten Sinne) fundamentalen Position heraus eine Grundsatzkritik an dem zu dieser Zeit selbst schon avantgardistisch erscheinenden Naturschutz der Kaiserzeit formuliert hat, die letztlich den heutigen Leitbildern eines proaktiven Umweltschutzes näher ist als das Konzept von Conwentz – so wie nicht zuletzt auch die Rhetorik heutiger Aktivisten ihre Verwandtschaft zu derjenigen von Löns schwerlich verleugnen kann.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 8/2016.