Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

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Erinnerungsorte der Reformation

Auch im Osten hat die Reformation ihre Spuren hinterlassen

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die geschichtlichen Entwicklungen rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen sehr aufschlussreich sein. In diesem Sinne sollen hier die historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer beleuchtet werden.

Infolge von Flucht und Vertreibung fehlen in diesen Kulturlandschaften heute die Träger des historisch gewachsenen protestantischen Erbes – kirchlicher Traditionen und Frömmigkeitskulturen – oder sie befinden sich, wo sie es nicht schon zuvor taten, in der Lage einer kleinen Minderheit. Dennoch erinnern zwischen Riga, Odessa und der Gottscheer Sprachinsel immer noch viele Orte und Kulturdenkmäler an die Reformationsgeschichte und die Vielfalt protestantischen Lebens im Osten Europas. 14 solcher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden.

Während die Gebiete in Mittelost- und Nordosteuropa weiten Teils traditionell evangelisch-lutherisch geprägt waren, ja, das Luthertum oft auch als die ‚deutsche‘ Religion erlebt wurde, war die vorherrschende christliche Religion im europäischen Südosten der römische Katholizismus. Diesen Raum dominierte bis zur Entstehung junger Staaten am Ende des Ersten Weltkriegs zwei Mächte, die wenig Sympathien für den Protestantismus hegten und daher kaum bereit waren, ihn in ihren Ländern zu pflegen, geschweige denn, besondere Erinnerungsorte zu bewahren. Südosteuropa bietet daher weniger ausgewiesene Erinnerungsorte der Reformation. Doch der genaue Blick lohnt sich: Gerade aus Diaspora und Bedrückung heraus entstanden bemerkenswerte Varianten des Protestantismus.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

Königsberg – Hauptstadt des ersten protestantischen Staates

Nur acht Jahre nach dem Wittenberger Thesenanschlag wurde mit der Säkularisierung eines Teils des ehemaligen Deutschordensstaates der erste protestantische Staat gegründet: Das Herzogtum Preußen mit seiner Hauptstadt Königsberg. Begleitet hatte die schon zuvor eingeführte Reformation Martin Luther persönlich, der als Ratgeber des neuen Herzogs Albrecht fungierte. Rasch wurde Königsberg zu einem wichtigen reformatorischen Zentrum im Ostseeraum, wozu vor allem auch die Gründung der Albertus-Universität im Jahre 1544 beitrug. 400 Jahre später – im August 1944 – zerstörten britische Bomber die Universität sowie die einstige evangelische Hauptkirche, den Dom, zusammen mit weiten Teilen der Innenstadt. Der Dom konnte nach Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft – vor allem durch finanzielle Förderung aus Deutschland – wiederhergestellt werden. Die heutige lutherische Diaspora im Königsberger Gebiet besteht vor allem aus Russlanddeutschen, die sich hier in den letzten Jahrzehnten niederließen.

Baltikum: Petrikirche, Riga – Reformation und Bürgertum

Die Territorien des Deutschen Ordens nördlich Preußens sollten auch über das Jahr 1525 hinaus noch unter Herrschaft des katholischen Ordens bleiben. Hier waren es vor allem die deutschen Bürger in den Städten, die sich um die Durchsetzung der Reformation verdient machten. Riga etwa hatte sich bereits 1522 der Reformation angeschlossen. Wahrzeichen dieser bürgerlichen Reformation ist die Rigaer Petrikirche, der älteste Kirchbau des Baltikums. Hier befinden sich Grablegen unterschiedlicher Patrizierfamilien. Die Petrikirche liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom, wo bis in die 1530er Jahre hinein noch der Rigaer Erzbischof residierte, bevor auch seine Kirche den Lutheranern zugeschlagen wurde. Ausdruck fand der kulturelle Reichtum des baltischen Protestantismus auch in Form der 1734 in der Petrikirche von Gottfried Kloosen errichteten Barockorgel. Seit einigen Jahren setzt sich eine deutsch-estnische Stiftung für ihre Rekonstruktion ein (www.peters-church-organ-riga.com).

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Danzig – Nebeneinander von Altgläubigen und Protestanten

Zu den Orten, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, gehören auch exklusiv katholische Erinnerungsorte – wie die Königliche Kapelle in Danzig. Sie liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu St. Marien, der wohl bedeutendsten (bis 1945 evangelischen) Backsteinkirche des Ostseeraumes. Ihre Existenz verdankt die Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – der Reformation im Hanseraum: Nachdem allmählich alle Kirchen, einschließlich St. Marien, evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde daraufhin die „Kaplica Królewska“ als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in protestantisch gewordenen Städten – als andererseits auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen sowie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Russland: Kolonie Molotschna – Mennoniten an der Wolga

In Danzig und seinem Umland fanden während des 16. Jahrhunderts im Westen Europas – gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern – verfolgte Täufer Zuflucht, zeitweise auch einer ihrer Namensgeber Menno Simons. Im 18. und 19. Jahrhundert folgten viele dieser Mennoniten der Einladung der russischen Regenten, sich im Zarenreich anzusiedeln. Im Zuge der von ihnen vorangetriebenen Binnenkolonisation entstand u. a. 1804 die Kolonie Molotschna in der heutigen Ukraine. In dieser späterhin mit 57 Dörfern größten Kolonie in Russland wurde die mennonitische Alltags- und Frömmigkeitskultur gepflegt und gelebt. Hierzu gehörte auch die Mundart der westpreußischen Mennoniten, Plautdietsch, in welcher der Name der Kolonie „Molosch“ lautet. Diese Tradition fand mit dem Zweiten Weltkrieg ein Ende: 1943 erfolgte die Umsiedlung in den Warthegau, von wo aus die Russlandmennoniten nach der sowjetischen Besetzung nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurden.

Treptow – der Landtag und die Einführung der Reformation

Treptow an der Rega ist für die Einführung der Reformation im damaligen Herzogtum Pommern von doppelter Bedeutung: Zum einen im Hinblick auf die Beschlussfassung über die Annahme des neuen Bekenntnisses, zum anderen auf die Durchsetzung der hiermit verbundenen Kirchenreformen. In erster Hinsicht kommt Treptow in den Blick, da hier 1534 der eigens hierzu einberufene Landtag tagte, der die – bereits in vielen Kirchen vermittelte – lutherische Lehre annahm. Der zweite Aspekt verbindet sich mit der Marienkirche, an der ab 1509 der spätere Reformator Johannes Bugenhagen wirkte. Nachdem es ihn selbst längst ins Herz der Reformationsbewegung – an die Universität Wittenberg – verschlagen hatte, war er es, der im Anschluss an den Landtag die Ausgestaltung der neuen Pommerschen Kirchenordnung übernahm, was er auch für viele andere reformatorische Herrschaften tat. Dass der Pommer Bugenhagen zeitweise auch an der Universität von Kopenhagen lehrte, verdeutlicht zusätzlich, dass seine historische Bedeutung erkennbar über Deutschland hinausgeht.

Fraustadt – Valerius Herberger und das „Kripplein Christi“

Bereits vor dem Anschluss an das evangelische Preußen war der protestantische Glaube in das traditionell römisch-katholische Polen gelangt. Eine Hochburg der dortigen Evangelischen war Fraustadt im Lebuser Land. Mit dem Ort verbindet sich nicht nur der Name des dort geborenen Schriftstellers Christian Gryphius, sondern auch der des Theologen Valerius Herberger. Von ihm stammt das Kirchenlied „Valet will ich dir geben“, das sich noch heute im Evangelischen Gesangbuch findet (EG 523). Als 1604 die lutherische Gemeinde ihre Kirche an die Katholiken abtreten musste, ließ er zwei nebeneinander liegende Wohnhäuser zu einem Bethaus umbauen: Es entstand die neue lutherische Kirche mit dem sprechenden Namen „Kripplein Christi“. Nach einem Brand 1647 wiederhergestellt, ist sie bis heute erhalten geblieben.

Węgrów – Zentrum des Protestantismus im Herzen Polens

Dass der Protestantismus in das nahe der Oder gelegene Fraustadt gelangte, mag nicht verwundern. Jedoch reichte die Ausbreitung des evangelischen Glaubens bis in das später zu Russisch-Polen gehörende Masowien. Hier bildete die Kleinstadt (heute ca. 13.000 Einwohner) Węgrów ein Zentrum protestantischen Lebens. Zu verdanken hat der Ort seine evangelische Prägung der verhältnismäßig toleranten polnisch-litauischen Religionspolitik. So genehmigte etwa Magnat Bogusław Radziwiłł 1651, eine evangelische Kirche zu bauen. Zeitweise verfügten die hier wirkende evangelische Splittergruppe der Antitrinitarier sogar über eine eigene Schule und Druckerei. Von hier wurde auch Warschau seelsorgerlich betreut, bevor es den dortigen Protestanten 1777 gestattet wurde, eine eigene Kirche zu errichten. Bis heute gibt es in Węgrów eine lutherische Diasporagemeinde. Sie ist – mit etwa zehn Gottesdienstbesuchern an Sonntagen – zwar klein, besitzt aus ihrer Geschichte heraus jedoch eine Reihe von Liegenschaften.

Asch – Ursprung des Protestantismus in Böhmen

Ganz im Westen Tschechiens steht das einzige Lutherdenkmal des Landes: In Asch zeugt es davon, dass die Stadt Zentrum des gleichnamigen Ascher Zipfels war. Anders als im übrigen Altösterreich setzte sich hier unter den Lehnsherren von Zedtwitz über Jahrhunderte die Gegenreformation nicht durch, sodass der Protestantismus sogar volkskirchlichen Charakter erlangte. 1960 fiel die evangelische Kirche in Asch einem Brand zum Opfer. An sie erinnert heute ein Denkmal, unweit des Lutherdenkmals. Beide sind letzter Hinweis auf den alten Protestantismus. Bevor durch Toleranz- und Protestantenpatent die Ausübung der evangelischen Religion möglich wurden, galt Asch, dessen Rechte im Westfälischen Frieden bestätigt worden waren, zeitweise als einziger Ort freier öffentlicher Religionsausübung für Protestanten in den habsburgischen Erblanden. Die herausragende Rolle behielt Asch lange bei: In Böhmen, Mähren und dem österreichischen Schlesien blieb der Protestantismus bis heute in der Diaspora.

Schlesien: Friedenskirchen und Gnadenkirchen

Der Protestantismus in Schlesien wurde zwei Mal mit herausragenden Kirchbauprivilegien ausgestattet. 1648 garantierte der Westfälsche Friede den Bau der „Friedenskirchen“ in Glogau, Jauer und Schweidnitz. Dem Friedensschluss verdanken sie ihren Namen. Die Genehmigung der Bauten war mit Einschränkungen verbunden: Sie waren außerhalb der Städte, ohne Turm und Glocken zu errichten, auch durfte kein dauerhafter Stein verwendet werden. Ihre markante, daraus resultierende Fachwerkarchitektur hebt sie jedoch als beeindruckende Kirchbauten hervor. Ein halbes Jahrhundert später kam es dann zu einer Erneuerung des Friedens: Im Zuge des nordischen Krieges lagen die Schweden in Schlesien. Sie rangen 1707 dem geschwächten Kaiser die Konvention von Altranstädt und den Bau von sechs Gnadenkirchen ab. Fünf in Niederschlesien, eine im oberschlesischen Teschen. Der Teschener Kirche kam so besondere Bedeutung zu. 2015 verlieh die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa Teschen den Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“.

Die Artikularkirche Käsmark – ein Zugeständnis

Im ungarischen Teil der Doppelmonarchie, zu dem auch die Slowakei zu zählen ist, existierte der Protestantismus, auch dank der Tolerierung durch die Osmanen, unter günstigeren Bedingungen. Eine ambivalente Rolle spielte Leopold I., der erst den Protestanten Ungarns 888 Kirchen nahm, dann aber durch die Türkenbedrohung beim Landtag von Ödenburg 1681 Zugeständnisse machte: 50 Kirchen wurden zurückgegeben oder Bauplätze für neue Kirchen zugeteilt. Vorbild dieser sogenannten Artikularkirchen waren die schlesischen Friedenskirchen. Auch in diesem Fall musste auf festes Baumaterial und einen steinernen Sockel verzichtet, zudem außerhalb von Ortschaften, ohne direkten Straßenzugang, Turm und Glocke gebaut werden. Fünf Artikularkirchen sind noch erhalten, dreien wurde der UNESCO-Weltkulturerbestatus verliehen. Die bekannteste steht in Käsmark. 1890 wurde sie außen verputzt, sodass die Holzkirche als solche nicht mehr zu erkennen ist. Ihr Inneres beeindruckt mit reicher volkstümlicher Ausstattung.

Galizien: Der Bielitzer Zion in Bielitz-Biala

Am geographischen Rand Galiziens liegt Bielitz-Biala. Durch die Doppelstadt fließt die Bialka, die alte Grenze von Österreichisch-Schlesien mit Bielitz und Galizien mit Biala. Die für den Protestantismus bedeutsameren Orte liegen in Bielitz und streng genommen nicht in Galizien. 1610 verfügte die evangelische Gemeinde in Bielitz über acht Kirchen, aber infolge der Gegenreformation sollte den Protestanten ab 1660 für 100 Jahre lediglich ihr Friedhof bleiben. Doch sie blieben evangelisch, ohne Pfarrer und ohne Kirche. Im polnischen Biala genossen sie größere Rechte, wenngleich es auch hier keine Kirche gab. 1781 erhielt das nunmehr galizische Biala die Erlaubnis zum Bau eines evangelischen Bethauses. Auch in Bielitz begann bald darauf der Bau einer Kirche. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte bildete sich das wohl bekannteste Kirchbauensemble des östlichen Habsburgerreichs: Der Bielitzer Zion. Rund um die Kirche entstanden Pfarrhäuser, Schulen, eine Bibliothek, eine Druckerei, ein Waisen-, ein Diakonissenhaus, und: das heute einzige Luther-Denkmal in Polen.

Siebenbürgen: Die Schwarze Kirche in Kronstadt

Auch in Kronstadt erwartet den Besucher ein Ensemble aus Denkmal und Kirche: Vor der Stadtkirche steht die Statue von Johannes Honterus. Seine Rechte deutet auf das Honterus-Gymnasium, in seiner Linken hält er sein Reformationsbüchlein und die Schulordnung. Honterus war Stadtrat von Kronstadt und Gründer besagten Gymnasiums. Vor allem aber wird er heute als Reformator Siebenbürgens verehrt. Seine Zeitgenossen schätzten ihn als Schriftsteller und Humanisten. Seine Grablege fand er in der Marien-, der späteren Schwarzen Kirche, wo nach Einführung der Reformation der erste evangelische Gottesdient abgehalten worden war. Die Kirche erhielt ihren Namen durch einen Stadtbrand am 21. April 1689. Damals brannte die ganze Innenstadt. Der Name, den der Volksmund der Kirche wegen ihrer geschwärzten Mauern gab, erinnerte an die Katastrophe. Ihre Bedeutung ist jedoch weit größer. Sie ist der größte Sakralbau Rumäniens und die größte Hallenkirche östlich von Wien, die mit Orgel, Glocke, orientalischen Teppichen und weiteren Kunstschätzen lockt.

Schloss Auersperg – Reformation unter dem Schutz des Adels

Der Protestantismus verbreitete sich in Slowenien früh unter dem Schutz des lokalen Adels. Einzelne Familien taten sich besonders hervor, auch das Haus Auersperg. Aus Rašica, einem kleinen Dorf unterhalb des Schlosses Auersperg, stammt der Reformator Sloweniens, Primož Trubar. Tubar gilt als Zentralgestalt der slowenischen Geschichte, vor allem als Begründer der slowenischen Schriftsprache. Er war zunächst Pfarrer in der Unterkrain, wirkte in Ljubljana, aber auch in Triest, Kempten und dann als Exulant in Derendingen bei Tübingen, wo er 1586 starb. Trubar stand mit mehreren Mitgliedern der Familie Auersperg in freundschaftlichem Verhältnis. Sie waren Förderer des Protestantismus. Auch die Schlosskapelle der Burg Auersperg wurde früh für evangelische Gottesdienste freigegeben. Die Verbundenheit mit dem Haus Auersperg verdeutlicht Trubars Widmung des letzten Bandes seiner Übersetzung des Neuen Testaments, die u. a. zwei Auerspergern gewidmet ist, die zu dieser Zeit in Tübingen studierten.

Bessarabien: Überkonfessionelles Christentum

Ganz andere Wege wurden in den vergleichsweise jungen Gemeinden Bessarabiens beschritten: Es waren Pietisten und Erweckte, die dem Aufruf Zar Alexander I. zur Besiedelung gefolgt waren. Die Gründer der Kolonie Teplitz z.B. reisten zusammen mit anderen Aussiedlern mit dem Zielort Kaukasus, da man dort den Aufnahmeort der auserwählten Gemeinde in der Endzeit erwartete. Zar Alexander galt dieser chiliastisch geprägten Gruppe als Retter des Christentums. Anfangs gab es gut zwei Dutzend Kolonien. Einzig die Kolonisten in Sarata brachten ihren eigenen Geistlichen, den römisch-katholischen Priester Ignaz Lindl mit. Lindl gestaltete das kirchliche Leben bewusst überkonfessionell. 1823 verließ er Sarata, 1824 trat er der Evangelischen Kirche bei. Lindls Bußpredigten erfreuten sich weit über Sarata heraus großer Beliebtheit, Pilgerfahrten nach Sarata wurden durchgeführt, Konventikel in den einzelnen Kolonien gebildet. Die Kirche in Sarata ist heute noch erhalten. Sie wurde aufwändig restauriert und 1995 wieder eingeweiht.

Johannes Nett
Tilman A. Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 05/2017.

Finger in der Wunde

Die Autoren Andreas Kitschke und Matthias Grünzig nehmen die Geschichte der Garnisonkirche in den Blick

Von Tilman Asmus Fischer

Es mag zu den positiven Effekten intensiver geschichtspolitischer Auseinandersetzungen gehören, dass sie zu gleichfalls intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit den zugrundeliegenden historischen Gegenständen anregen. In diesem Sinne dürfen die Erträge der Bauforschung zur Potsdamer Garnisonkirche zu verstehen sein, die der Denkmalpfleger Andreas Kitschke und der Fachjournalist für städtebauliche Fragen, Matthias Grünzig, kürzlich veröffentlicht haben.

Bereits die Titel der Bücher verdeutlichen die jeweiligen Perspektiven und Positionsbestimmungen der beiden Wissenschaftler. „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ – hier spannt Kitschke den großen Bogen der Baugeschichte und präsentiert die kunsthistorische und geschichtliche Bedeutung der Kirche im Durchgang durch die Jahrhunderte. Damit dokumentiert er nicht nur den Beitrag der Garnisonkirche zur historischen Identität Potsdams, sondern trägt seinerseits zugleich zur Sinnstiftung des Wiederaufbaus bei.

„Für Deutschland und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ – durch diese epochale Eingrenzung legt Grünzig den Finger in die Wunde. Das 20. Jahrhundert mit der politischen Instrumentalisierung der Kirche in Weimarer Republik und „Drittem Reich“ auf der einen Seite und partieller Wiederherstellung und Abriss in der Zeit der DDR auf der anderen Seite stellt den empfindlichen Punkt in den laufenden Debatten dar.

Der umfassendere Ansatz Kitschkes wählt unterschiedliche Zugänge zum Gebäude: Zunächst erschließt er die Garnisonkirche als ein Denkmal der Potsdamer Stadt- und Städtebaugeschichte. Den historischen Kontext der Kirche vertieft er, indem er sie in den Zusammenhang der für die Potsdamer Garnison errichteten Kirchenbauten einordnet. Eine grundsätzliche Abhandlung unter Gesichtspunkten der Architekturgeschichte und der historischen Ausstattung der Kirche untermauert ihre kunst- und kulturhistorische Bedeutung. Ergänzt wird sie durch zwei ausführliche Übersichten über historische Ereignisse, die sich mit der Garnisonkirche verbinden, und konservatorische Maßnahmen sowie Umgestaltungen im Laufe der Jahrhunderte.

Dem Ansatz des Verfassers entsprechend erfasst Grünzigs „Für Deutschland und Vaterland“ nicht die Breite an Bedeutungszuschreibungen, die der Garnisonkirche zukommen. Dafür wird die Auseinandersetzung mit den belastenden Aspekten der Geschichte der Garnisonkirche vertieft: Dass die nationalistische Instrumentalisierung der Garnisonkirche bereits vor 1933 ansetzt, verdeutlicht die Darstellung zur Garnisonkirche in der Weimarer Republik. Seiner historischen Bedeutung entsprechend widmet Grünzig dem „Tag von Potsdam“ eine eingehende Analyse, um anschließend die Verstetigung der nationalsozialistischen Vereinnahmung der Kirche bis 1945 zu beschreiben. Das abschließende Kapitel zur Nachkriegszeit beleuchtet unterschiedliche Entwicklungen in Kirche, Politik und Gesellschaft, die dem Abriss vorausgingen.

Letztlich sind es nicht nur geschichtspolitische Konflikte, welche die historische Forschung befördern, sondern deren Früchte wirken ihrerseits auf den erinnerungspolitischen Diskurs zurück. So bringt sich Andreas Kitschke aufgrund seiner Arbeiten immer wieder in die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ein und widerspricht der Verengung ihrer Geschichte auf die Zeit des Nationalsozialismus. Und Matthias Grünzigs Veröffentlichung veranlasste unlängst Manfred Stolpe zur Intervention: Gegenüber den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ betonte er, die Behauptung, dass „die Garnisonkirche beim Wiederaufbau zerstörter Kirchengebäude keine Priorität genossen habe, entspreche ‚nur der halben Wahrheit‘“.

Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte. 400 Seiten, 372 Abb., gebunden. Be.bra, Berlin 2015, 28 Euro.
Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. 383 Seiten, 24 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2017.

Zeugen brandenburgischer Geschichte

Stadtjubiläen und ihre Bedeutung für die Kirche

Von Tilman Asmus Fischer

Fehrbellin, Friesack, Glienecke, Kremmen, Luckenwalde, Nuthetal-Saarmund, Oranienburg, Rathenow, Rhinow, Saarmund, Zehdenick in Brandenburg und Jessen in Sachsen-Anhalt – vor 800 Jahren wurden diese Orte erstmals urkundlich erwähnt. Dieses Jubiläum ist – auch in einem säkularen Staat – sowohl für die politischen, als auch die kirchlichen Gemeinden ein Anlass des Gedenkens und Feierns.

Dass weltliches und kirchliches Gedenken zusammenfallen, liegt bereits im Charakter des Dokuments begründet, in dem die Orte ihre erstmalige Erwähnung finden – erläutert Winfried Schich, 1992 bis 2003 Professor für Landesgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin: „Bischof Siegfried II. von Brandenburg stellte am 28. Dezember 1216 eine Urkunde für die Domherren von Brandenburg aus, die mit dem Dompropst an der Spitze das Domkapitel bildeten. Er ließ eine zweite Urkunde weitgehend gleichen Inhalts folgen, die auf denselben Tag datiert, aber wohl wenig später ausgefertigt wurde. Der Bischof bestätigte unter anderem dem Dompropst den mit der Domkirche verbundenen Archidiakonat.“

Was hatte es mit dem Propst und dem Archidiakonat auf sich? „Der Propst nahm als Archidiakon in seinem Sprengel umfassende bischöfliche Rechte wahr“, erklärt Schich. 1161 war die Diözese Brandenburg von Bischof Wilmar in die Archidiakonate Brandenburg und Leitzkau aufgeteilt worden. Die Grenze zwischen beiden wurde anhand von Burgwarden festgelegt, erläutert Schich: „Burgwarde waren Bezirke mit einem zentralen Burgort, über die das Land erfasst und der Landesausbau organisiert wurde.“

Dabei ging die Entwicklung weltlicher und kirchlicher Strukturen Hand in Hand: „Aus den zentralen Burgorten gingen Marktorte mit eigener Pfarrkirche und schließlich Städte und Städtchen hervor“, so Schich: „Die Kirchenorganisation orientierte sich an den Hauptorten der weltlichen Bezirke und wurde mit fortschreitender Aufsiedlung und Christianisierung nach Osten ausgeweitet.“ Dieses Vordringen gegenüber 1161 wird 1216/1217 fassbar und macht die Bedeutung der 800 Jahre alten Urkunde aus: „Bischof Siegfried beschrieb 1216 die Nord-Süd-Ausdehnung, unter anderem mit Jessen und Rhinow“, so Schich, „und fügte im Osten mehrere Burgorte – darunter Luckenwalde und Saarmund – sowie alle Länder und Dörfer hinzu, die innerhalb der genannten Grenzen noch angelegt werden sollten.“ In der zweiten Ausfertigung der Urkunde – vielleicht Anfang 1217 – ergänzte der Bischof im Norden weitere Burgbezirke und Landesmittelpunkte: Rathenow, Friesack, Fehrbellin, Kremmen, Bötzow (seit 1652 Oranienburg), und Zehdenick werden hier erstmals erwähnt.

Heute nehmen die evangelischen Kirchengemeinden regen Anteil an den stadtgeschichtlichen Jubiläen. So zum Beispiel in Luckenwalde: „Das Verhältnis zwischen Stadt und Kirchengemeinde wird von kirchlicher Seite als eng verflochten gesehen“, sagt Pfarrerin Stephanie Hennings von der evangelischen Kirchengemeinde Luckenwalde. Ein Symbol hierfür ist der Glockenturm der Johanniskirche, erläutert sie: „Denn unter Luckenwaldern ist er bekannt als der Marktturm, der sogar das Wahrzeichen der Stadt ist. Dieser Turm wird also in den Augen vieler zuerst mit der Stadt assoziiert und nicht mit der Kirche.“

800 Jahre gemeinsame Geschichte von Stadt und Kirche sind durchaus auch ambivalent: Heute sind Stadt und Kirche Partner im Einsatz „gegen rechtsradikale Gesinnung“, berichtet Hennings. Doch erinnerten sich auch noch viele Gemeindeglieder an das belastete Verhältnis vor 1989, „als Kirchgänger Repressalien aufgrund ihrer Kirchentreue erfahren mussten“.

2016 konnten Stadt und Kirche gemeinsam feiern. Dies taten sie bereits zu Himmelfahrt mit einer ökumenischen Feier und anschließender Umrundung der Stadt auf Fahrrädern und Inlineskatern unter dem Motto „Heaven Skate“. Beim „Turmfestgottesdienst“ auf dem Luckenwalder Marktplatz am 5. Juni wurde gleichfalls der zurückliegenden Jahrhunderte gedacht. Am 13. November schließlich führte der Chor der Kirchengemeinde in der Stadthalle Carl Orffs „Carmina Burana“ auf. Immerhin stammt dessen Text aus der Zeit der Ersterwähnung Luckenwaldes vor 800 Jahren.

In ähnlicher Form erschienen in: Dir Kirche – Evangelische Wochenzeitung 50/2016.

Geschichte der Kompromisse

Lothar Voßmeyer berichtet in seinem Buch von den Brandenburger Kurfürsten in der Reformationszeit

Von Tilman Asmus Fischer

2017 wird der Deutsche Evangelische Kirchentag anlässlich des Reformationsjubiläums in der Bundeshauptstadt zu Besuch sein – genau genommen in Berlin und Wittenberg. Während man beim interessierten Protestanten im Falle Wittenbergs – mithin dem sächsisch-thüringischen Lebensraum des Reformators Luther – ein zumindest grobes Bild dieser Kulturlandschaft im Reformationszeitalter erwarten kann, dürfte die Frage schon schwerer fallen: Wie stand es um Brandenburg zur Zeit der Reformation?

Wer möglicher Unkenntnis vorbeugen will, sei auf Lothar Voßmeyers Überblickswerk „Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit“ verwiesen. Entlang der Biografien der drei Regenten Joachim I. – Regierungsantritt 1499 –, Joachim II. und Johann Georg – Tod im Jahre 1598 – entfaltet der Bremer Historiker Geschichte und Geschichten Brandenburgs im 16. Jahrhundert. Dabei verliert er, trotz der Fülle an historischen Entwicklungslinien, sein Kernthema nicht aus dem Blick: die Reformation.

Voßmeyer

Diese findet jedoch – das führt Voßmeyer anschaulich vor Augen – nicht im luftleeren Raum statt. Im Falle Brandenburgs geht die Durchsetzung der neuen Lehre einher mit dem erfolgreichen Ringen eines Herzogtums um politische Konsolidierung. Und dies im Gegenüber zum papsttreuen Kaiserhaus. Kirchen- und Machtpolitik bedingen sich gegenseitig. So erscheint die Geschichte, die Voßmeyer erzählt, als eine Geschichte von Kompromissen. Indem er immer wieder auf diese Verflechtung zurückkommt, immunisiert er sich gegen ein Narrativ der Stilisierung einer preußisch-protestantischen Erfolgsgeschichte.

Doch wird auch nicht einer gewissen Preußenfeindlichkeit das Wort geredet. Voßmeyer zeichnet Entwicklungen nach, benennt Erfolge, schweigt jedoch auch nicht von den Schattenseiten der brandenburgischen Reformationsgeschichte: Hierzu gehört zum einen die gerade auch von den dezidiert protestantischen Kurfürsten initiierte Verfolgung von Juden in der Mark, zum anderen die innerprotestantischen Kämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

Es ist eine Vielzahl an meist gelungenen und in der Gesamtschau stimmig eingeflochtenen Exkursen und Anekdoten, die Hintergründe erklären oder in bildhafter Sprache die historischen Ereignisse illustrieren. Sie bewahren das Buch auch davor, in der reinen Herrschergeschichte stecken zu bleiben. Es ist immer die Geschichte der Kurfürsten in ihren jeweiligen Kontexten – Hof, Frömmigkeit und Politik.

Die Geschichte der „kleinen Leute“ im reformationszeitlichen Brandenburg kommt freilich nur selten zur Sprache. Dies muss jedoch einem Buch, das keinen dezidiert alltagsgeschichtlichen Ansatz verfolgt, nicht angelastet werden. Vielmehr regt das Buch an, weitere Fragen nach der Reformation in Brandenburg zu stellen und sich auf die regionalen Ausprägungen des europäischen Phänomens Reformation zu besinnen.

Lothar Voßmeyer: Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit, Drei Hohenzollern-Porträts. vbb, 2014, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-945256-20-6.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 1/2016.

Gedenkort des Versagens oder der Versöhnung?

Dieser Frage ging die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ auf einer Tagung nach – und gab Einblick in ihre Motivationslage

Von Tilman Asmus Fischer

Beim Thema Garnisonkirche Potsdam scheiden sich die Geister. Dass in einer solchen – bisweilen verbittert geführten – geschichtspolitischen Debatte auch überlegte Töne und Positionierungen möglich sind, hat die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ am Reformationstag deutlich gemacht.

Ihre gemeinsam mit der Martin-Niemöller-Stiftung durchgeführte Tagung „Die Garnisonkirche Potsdam: Gedenkort des Versagens – ein Ort der Versöhnung?“ postulierte zwar – schon im Titel – ein klares Nein. Aber: Auch mögliche Befürworter unter den etwa 70 Teilnehmenden im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Pankow konnten wichtige Überlegungen mitnehmen.

Dies lag vor allem am ersten Panel: „Die Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. Die historischen Fakten“. In diesem Teil gelang es der Initiative, historische Lasten aufzuzeigen, die sich mit der Garnisonkirche verbinden – über den „Tag von Potsdam“ hinaus, dessen Hintergründe der Historiker Manfred Gailus beleuchtete. Bereits zur Kaiserzeit und im Ersten Weltkrieg wurden von den Theologen an der Garnisonkirche ultranationalistische und militaristische Inhalte vertreten; dies verdeutlichte ein Vortrag des Historikers Reiner Zilkenat. Mit dem Schicksal der Garnisonkirche in der Nachkriegszeit befasste sich der Journalist Matthias Grünzig.

Der zweite Vortragsblock ging der Frage nach: „‘Wiederherstellung der Garnisonkirche’ – Welches Zeichen setzt diese Kirche?“ Unter den Vorträgen war derjenige des ehemaligen Erfurter Propstes Heino Falcke der zielführendste: In einer scharfen Analyse wies er auf die Schwierigkeiten hin, die sich mit der Schaffung eines Versöhnungs- und Friedenszentrums gerade in einer neuen Garnisonkirche verbinden. Dabei klang deutlich eine allgemeine Verbitterung über den gegenwärtigen friedensethischen und militärseelsorgerlichen Kurs der EKD an. Dieser Kurs steht mit einer Verantwortungsethik, die militärisches Eingreifen im Extremfall nicht ausschließt, im Kontrast zur DDR-Friedensbewegung.

„Wir brauchen ein Konzept des politischen Pazifismus“, lautete Falckes entsprechende Forderung. Demgegenüber setze die Garnisonkirche ein falsches Zeichen. Zwei Vorträge der Theologieprofessoren Andreas Pangritz und Martin Stöhr beleuchteten ausgehend von der Barmer Theologischen Erklärung und dem Darmstädter Wort Ambivalenzen in der Geschichte der Bekennenden Kirche und ihrer Stellung zum Antisemitismus – und damit den größeren Hintergrund eines verantwortlichen Erinnerns.

Hinter den anderen Beiträgen stand der – freilich wortgewaltige – Vortrag des Erziehungswissenschaftlers Klaus Ahlheim zurück. Er verortete die Motivationen des Aufbaus der Garnisonkirche im Umfeld eines Mentalitätswandels, der Deutschlands globale und militärische Verantwortung ebenso wie nationale Interessen in fragwürdiger Weise betone. In der Diskussion wurde kritisch die Verwendung des Begriffs „Kriegsbefürworter“ für Bundespräsident und Regierungsmitglieder hinterfragt. Zudem stellt sich dem kritischen Beobachter die Frage, ob die hier gezogenen Verbindungslinien zu einem unterstellten neuen Nationalismus und Militarismus nicht etwas zu idealtypisch sind für eine Analyse der – meist komplexeren – Realität.

Insbesondere die letzten Vorträge legen nahe, dass für die Unterstützer der „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ eine allgemeine Unzufriedenheit mit gegenwärtigen Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Kirche ihre Versinnbildlichung in der Garnisonkirche findet. Insofern wird sich in künftigen Debatten zeigen müssen, inwiefern die Bedenken der Gegner der Garnisonkirche Plausibilität für die Befürworter gewinnen kann, die dieses Unbehagen nicht teilen.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 45/2015.

Weitere Informationen unter: http://www.christen-brauchenkeine-garnisonkirche.de

Vergessene Hilfe im Kirchenkampf

Altlutheraner gewährten im „Dritten Reich“ Pfarrern der Bekenntnisgemeinden Gastrecht

Von Tilman Asmus Fischer

Gleich mehrfach sprach sich die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, in den vergangenen Monaten dafür aus, die reformierten und anderen reformatorischen Kirchen in die Jubiläumsfeierlichkeiten bis 2017 einzubeziehen. Gleichzeitig mahnt nun Kirchenhistoriker Christian Neddens aufgrund neuer Forschungen den Blick auf eine weitere Gruppe an: die Altlutheraner – die sich heute in der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) organisieren.

Der altlutherische Theologe Neddens, der an der Universität des Saarlandes lehrt, hat ein Kapitel der gemeinsamen Geschichte ans Licht gehoben, das in den Landeskirchen und auch in der SELK lange vergessen war: den Zusammenhalt von Altlutheranern und Bekennender Kirche im Kirchenkampf, vor allem in den Jahren 1933 bis 1935. Auch in der altlutherischen Kirche, damals offiziell „Evangelisch-lutherische Kirche in Preußen“ fürchtete man die staatliche Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten. Diese Angst hatte einen historischen Hintergrund: die Verfolgung und Diskriminierung im Preußen des 19. Jahrhunderts, als das preußische Königshaus die unierte Landeskirche erzwang.

Die Kirchenleitung der Altlutheraner verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus zwar einen politisch neutralen Kurs, weil sie finanziell schwach war und wenige Mitglieder hatte. Im Laufe der 1930er Jahre führte sie als Zeichen der Loyalität einen Treueeid auf Adolf Hitler ein – Auswüchse wie der Arierparagraph der „Deutschen Christen“ waren jedoch nicht konsensfähig. Widerständiger als die Kirchenoberen verhielten sich einzelne altlutherische Diözesen und Gemeinden.

Hiervon legt vor allem Berlin ein Beispiel ab, wo es 1933 und 1934 wie überall in der Deutschen Evangelischen Kirche zur Suspendierung unliebsamer oder jüdischstämmiger Pfarrer kam. Diesen und den ausgegrenzten Bekenntnisgruppen innerhalb der landeskirchlichen Gemeinden gewährten altlutherische Gemeinden Gastrecht in ihren Gemeinderäumen und Kirchen: Zu den prominenten Gästen gehört etwa Eitel-Friedrich von Rabenau, Mitbegründer des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche – er feierte zeitweise mit seinen Weggefährten bei den Wilmersdorfer Altlutheranern Gottesdienst.

Auch Dietrich Bonhoeffer suchte neben anderen Protagonisten der „Widerständigen“ den Kontakt zur altlutherischen Kirche. Er war im Gespräch vor allem mit dem Berliner Superintendenten Beyreiß. Zeitweise wurde eine enge Kooperation mit der Evangelisch-lutherischen Kirche angestrebt. Vielleicht hätte sie sogar zur Heimat der nonkonformistischen bekennenden Protestanten werden können. Dem stand jedoch der Neutralitäts- und Loyalitätskurs der altlutherischen Kirchenleitung gegenüber.

Ein „Kairos, der verspielt wurde“, sagt Neddens heute bedauernd. Zur Lockerung der Kontakte zwischen der Bekennenden und Altlutherischen Kirche trug zudem bei, dass 1935 die Suspendierungen landeskirchlicher Pfarrer aufgehoben wurden. Da, wo sie nicht im Konflikt mit ihren Gemeinderäten standen, kehrten sie aus dem altlutherischen „Exil“ in ihre Kirchen zurück.

Die EKBO hat zusammen mit der Evangelisch-lutherischen Gemeinde Berlin-Mitte der SELK und dem Verein für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte die „Gastfreundschaft in schwieriger Zeit“ mit einer Veranstaltungsreihe vom 9. bis 12. Oktober gewürdigt. Seitens der landeskirchlichen St.-Thomas-Gemeinde, in der Christian Neddens am 11. Oktober referierte, ging die Initiative hierzu von Pfarrer im Ruhestand Christian Müller aus. Am 12. Oktober hielt wiederum Ulrike Trautwein für die EKBO ein Grußwort in der SELK-Gemeinde Berlin-Mitte. Im Nachgang zum Themenjahr „Reformation und Politik“ wäre es wünschenswert, wenn diese Initiative zweier reformatorischer Kirchen für ihr gemeinsames Erinnern auch von der EKD aufgegriffen würde.

Ein Beitrag von Christian Neddens zum Thema erscheint in: Jürgen Kampmann und Werner Klän (Hg.): Union, Bekenntnis und kirchliche Identität 1817–2017, Göttingen 2013.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2014.