Finger in der Wunde

Die Autoren Andreas Kitschke und Matthias Grünzig nehmen die Geschichte der Garnisonkirche in den Blick

Von Tilman Asmus Fischer

Es mag zu den positiven Effekten intensiver geschichtspolitischer Auseinandersetzungen gehören, dass sie zu gleichfalls intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit den zugrundeliegenden historischen Gegenständen anregen. In diesem Sinne dürfen die Erträge der Bauforschung zur Potsdamer Garnisonkirche zu verstehen sein, die der Denkmalpfleger Andreas Kitschke und der Fachjournalist für städtebauliche Fragen, Matthias Grünzig, kürzlich veröffentlicht haben.

Bereits die Titel der Bücher verdeutlichen die jeweiligen Perspektiven und Positionsbestimmungen der beiden Wissenschaftler. „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ – hier spannt Kitschke den großen Bogen der Baugeschichte und präsentiert die kunsthistorische und geschichtliche Bedeutung der Kirche im Durchgang durch die Jahrhunderte. Damit dokumentiert er nicht nur den Beitrag der Garnisonkirche zur historischen Identität Potsdams, sondern trägt seinerseits zugleich zur Sinnstiftung des Wiederaufbaus bei.

„Für Deutschland und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ – durch diese epochale Eingrenzung legt Grünzig den Finger in die Wunde. Das 20. Jahrhundert mit der politischen Instrumentalisierung der Kirche in Weimarer Republik und „Drittem Reich“ auf der einen Seite und partieller Wiederherstellung und Abriss in der Zeit der DDR auf der anderen Seite stellt den empfindlichen Punkt in den laufenden Debatten dar.

Der umfassendere Ansatz Kitschkes wählt unterschiedliche Zugänge zum Gebäude: Zunächst erschließt er die Garnisonkirche als ein Denkmal der Potsdamer Stadt- und Städtebaugeschichte. Den historischen Kontext der Kirche vertieft er, indem er sie in den Zusammenhang der für die Potsdamer Garnison errichteten Kirchenbauten einordnet. Eine grundsätzliche Abhandlung unter Gesichtspunkten der Architekturgeschichte und der historischen Ausstattung der Kirche untermauert ihre kunst- und kulturhistorische Bedeutung. Ergänzt wird sie durch zwei ausführliche Übersichten über historische Ereignisse, die sich mit der Garnisonkirche verbinden, und konservatorische Maßnahmen sowie Umgestaltungen im Laufe der Jahrhunderte.

Dem Ansatz des Verfassers entsprechend erfasst Grünzigs „Für Deutschland und Vaterland“ nicht die Breite an Bedeutungszuschreibungen, die der Garnisonkirche zukommen. Dafür wird die Auseinandersetzung mit den belastenden Aspekten der Geschichte der Garnisonkirche vertieft: Dass die nationalistische Instrumentalisierung der Garnisonkirche bereits vor 1933 ansetzt, verdeutlicht die Darstellung zur Garnisonkirche in der Weimarer Republik. Seiner historischen Bedeutung entsprechend widmet Grünzig dem „Tag von Potsdam“ eine eingehende Analyse, um anschließend die Verstetigung der nationalsozialistischen Vereinnahmung der Kirche bis 1945 zu beschreiben. Das abschließende Kapitel zur Nachkriegszeit beleuchtet unterschiedliche Entwicklungen in Kirche, Politik und Gesellschaft, die dem Abriss vorausgingen.

Letztlich sind es nicht nur geschichtspolitische Konflikte, welche die historische Forschung befördern, sondern deren Früchte wirken ihrerseits auf den erinnerungspolitischen Diskurs zurück. So bringt sich Andreas Kitschke aufgrund seiner Arbeiten immer wieder in die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ein und widerspricht der Verengung ihrer Geschichte auf die Zeit des Nationalsozialismus. Und Matthias Grünzigs Veröffentlichung veranlasste unlängst Manfred Stolpe zur Intervention: Gegenüber den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ betonte er, die Behauptung, dass „die Garnisonkirche beim Wiederaufbau zerstörter Kirchengebäude keine Priorität genossen habe, entspreche ‚nur der halben Wahrheit‘“.

Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte. 400 Seiten, 372 Abb., gebunden. Be.bra, Berlin 2015, 28 Euro.
Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. 383 Seiten, 24 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2017.

Zeugen brandenburgischer Geschichte

Stadtjubiläen und ihre Bedeutung für die Kirche

Von Tilman Asmus Fischer

Fehrbellin, Friesack, Glienecke, Kremmen, Luckenwalde, Nuthetal-Saarmund, Oranienburg, Rathenow, Rhinow, Saarmund, Zehdenick in Brandenburg und Jessen in Sachsen-Anhalt – vor 800 Jahren wurden diese Orte erstmals urkundlich erwähnt. Dieses Jubiläum ist – auch in einem säkularen Staat – sowohl für die politischen, als auch die kirchlichen Gemeinden ein Anlass des Gedenkens und Feierns.

Dass weltliches und kirchliches Gedenken zusammenfallen, liegt bereits im Charakter des Dokuments begründet, in dem die Orte ihre erstmalige Erwähnung finden – erläutert Winfried Schich, 1992 bis 2003 Professor für Landesgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin: „Bischof Siegfried II. von Brandenburg stellte am 28. Dezember 1216 eine Urkunde für die Domherren von Brandenburg aus, die mit dem Dompropst an der Spitze das Domkapitel bildeten. Er ließ eine zweite Urkunde weitgehend gleichen Inhalts folgen, die auf denselben Tag datiert, aber wohl wenig später ausgefertigt wurde. Der Bischof bestätigte unter anderem dem Dompropst den mit der Domkirche verbundenen Archidiakonat.“

Was hatte es mit dem Propst und dem Archidiakonat auf sich? „Der Propst nahm als Archidiakon in seinem Sprengel umfassende bischöfliche Rechte wahr“, erklärt Schich. 1161 war die Diözese Brandenburg von Bischof Wilmar in die Archidiakonate Brandenburg und Leitzkau aufgeteilt worden. Die Grenze zwischen beiden wurde anhand von Burgwarden festgelegt, erläutert Schich: „Burgwarde waren Bezirke mit einem zentralen Burgort, über die das Land erfasst und der Landesausbau organisiert wurde.“

Dabei ging die Entwicklung weltlicher und kirchlicher Strukturen Hand in Hand: „Aus den zentralen Burgorten gingen Marktorte mit eigener Pfarrkirche und schließlich Städte und Städtchen hervor“, so Schich: „Die Kirchenorganisation orientierte sich an den Hauptorten der weltlichen Bezirke und wurde mit fortschreitender Aufsiedlung und Christianisierung nach Osten ausgeweitet.“ Dieses Vordringen gegenüber 1161 wird 1216/1217 fassbar und macht die Bedeutung der 800 Jahre alten Urkunde aus: „Bischof Siegfried beschrieb 1216 die Nord-Süd-Ausdehnung, unter anderem mit Jessen und Rhinow“, so Schich, „und fügte im Osten mehrere Burgorte – darunter Luckenwalde und Saarmund – sowie alle Länder und Dörfer hinzu, die innerhalb der genannten Grenzen noch angelegt werden sollten.“ In der zweiten Ausfertigung der Urkunde – vielleicht Anfang 1217 – ergänzte der Bischof im Norden weitere Burgbezirke und Landesmittelpunkte: Rathenow, Friesack, Fehrbellin, Kremmen, Bötzow (seit 1652 Oranienburg), und Zehdenick werden hier erstmals erwähnt.

Heute nehmen die evangelischen Kirchengemeinden regen Anteil an den stadtgeschichtlichen Jubiläen. So zum Beispiel in Luckenwalde: „Das Verhältnis zwischen Stadt und Kirchengemeinde wird von kirchlicher Seite als eng verflochten gesehen“, sagt Pfarrerin Stephanie Hennings von der evangelischen Kirchengemeinde Luckenwalde. Ein Symbol hierfür ist der Glockenturm der Johanniskirche, erläutert sie: „Denn unter Luckenwaldern ist er bekannt als der Marktturm, der sogar das Wahrzeichen der Stadt ist. Dieser Turm wird also in den Augen vieler zuerst mit der Stadt assoziiert und nicht mit der Kirche.“

800 Jahre gemeinsame Geschichte von Stadt und Kirche sind durchaus auch ambivalent: Heute sind Stadt und Kirche Partner im Einsatz „gegen rechtsradikale Gesinnung“, berichtet Hennings. Doch erinnerten sich auch noch viele Gemeindeglieder an das belastete Verhältnis vor 1989, „als Kirchgänger Repressalien aufgrund ihrer Kirchentreue erfahren mussten“.

2016 konnten Stadt und Kirche gemeinsam feiern. Dies taten sie bereits zu Himmelfahrt mit einer ökumenischen Feier und anschließender Umrundung der Stadt auf Fahrrädern und Inlineskatern unter dem Motto „Heaven Skate“. Beim „Turmfestgottesdienst“ auf dem Luckenwalder Marktplatz am 5. Juni wurde gleichfalls der zurückliegenden Jahrhunderte gedacht. Am 13. November schließlich führte der Chor der Kirchengemeinde in der Stadthalle Carl Orffs „Carmina Burana“ auf. Immerhin stammt dessen Text aus der Zeit der Ersterwähnung Luckenwaldes vor 800 Jahren.

In ähnlicher Form erschienen in: Dir Kirche – Evangelische Wochenzeitung 50/2016.

Geschichte der Kompromisse

Lothar Voßmeyer berichtet in seinem Buch von den Brandenburger Kurfürsten in der Reformationszeit

Von Tilman Asmus Fischer

2017 wird der Deutsche Evangelische Kirchentag anlässlich des Reformationsjubiläums in der Bundeshauptstadt zu Besuch sein – genau genommen in Berlin und Wittenberg. Während man beim interessierten Protestanten im Falle Wittenbergs – mithin dem sächsisch-thüringischen Lebensraum des Reformators Luther – ein zumindest grobes Bild dieser Kulturlandschaft im Reformationszeitalter erwarten kann, dürfte die Frage schon schwerer fallen: Wie stand es um Brandenburg zur Zeit der Reformation?

Wer möglicher Unkenntnis vorbeugen will, sei auf Lothar Voßmeyers Überblickswerk „Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit“ verwiesen. Entlang der Biografien der drei Regenten Joachim I. – Regierungsantritt 1499 –, Joachim II. und Johann Georg – Tod im Jahre 1598 – entfaltet der Bremer Historiker Geschichte und Geschichten Brandenburgs im 16. Jahrhundert. Dabei verliert er, trotz der Fülle an historischen Entwicklungslinien, sein Kernthema nicht aus dem Blick: die Reformation.

Voßmeyer

Diese findet jedoch – das führt Voßmeyer anschaulich vor Augen – nicht im luftleeren Raum statt. Im Falle Brandenburgs geht die Durchsetzung der neuen Lehre einher mit dem erfolgreichen Ringen eines Herzogtums um politische Konsolidierung. Und dies im Gegenüber zum papsttreuen Kaiserhaus. Kirchen- und Machtpolitik bedingen sich gegenseitig. So erscheint die Geschichte, die Voßmeyer erzählt, als eine Geschichte von Kompromissen. Indem er immer wieder auf diese Verflechtung zurückkommt, immunisiert er sich gegen ein Narrativ der Stilisierung einer preußisch-protestantischen Erfolgsgeschichte.

Doch wird auch nicht einer gewissen Preußenfeindlichkeit das Wort geredet. Voßmeyer zeichnet Entwicklungen nach, benennt Erfolge, schweigt jedoch auch nicht von den Schattenseiten der brandenburgischen Reformationsgeschichte: Hierzu gehört zum einen die gerade auch von den dezidiert protestantischen Kurfürsten initiierte Verfolgung von Juden in der Mark, zum anderen die innerprotestantischen Kämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

Es ist eine Vielzahl an meist gelungenen und in der Gesamtschau stimmig eingeflochtenen Exkursen und Anekdoten, die Hintergründe erklären oder in bildhafter Sprache die historischen Ereignisse illustrieren. Sie bewahren das Buch auch davor, in der reinen Herrschergeschichte stecken zu bleiben. Es ist immer die Geschichte der Kurfürsten in ihren jeweiligen Kontexten – Hof, Frömmigkeit und Politik.

Die Geschichte der „kleinen Leute“ im reformationszeitlichen Brandenburg kommt freilich nur selten zur Sprache. Dies muss jedoch einem Buch, das keinen dezidiert alltagsgeschichtlichen Ansatz verfolgt, nicht angelastet werden. Vielmehr regt das Buch an, weitere Fragen nach der Reformation in Brandenburg zu stellen und sich auf die regionalen Ausprägungen des europäischen Phänomens Reformation zu besinnen.

Lothar Voßmeyer: Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit, Drei Hohenzollern-Porträts. vbb, 2014, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-945256-20-6.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 1/2016.

Gedenkort des Versagens oder der Versöhnung?

Dieser Frage ging die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ auf einer Tagung nach – und gab Einblick in ihre Motivationslage

Von Tilman Asmus Fischer

Beim Thema Garnisonkirche Potsdam scheiden sich die Geister. Dass in einer solchen – bisweilen verbittert geführten – geschichtspolitischen Debatte auch überlegte Töne und Positionierungen möglich sind, hat die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ am Reformationstag deutlich gemacht.

Ihre gemeinsam mit der Martin-Niemöller-Stiftung durchgeführte Tagung „Die Garnisonkirche Potsdam: Gedenkort des Versagens – ein Ort der Versöhnung?“ postulierte zwar – schon im Titel – ein klares Nein. Aber: Auch mögliche Befürworter unter den etwa 70 Teilnehmenden im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Pankow konnten wichtige Überlegungen mitnehmen.

Dies lag vor allem am ersten Panel: „Die Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. Die historischen Fakten“. In diesem Teil gelang es der Initiative, historische Lasten aufzuzeigen, die sich mit der Garnisonkirche verbinden – über den „Tag von Potsdam“ hinaus, dessen Hintergründe der Historiker Manfred Gailus beleuchtete. Bereits zur Kaiserzeit und im Ersten Weltkrieg wurden von den Theologen an der Garnisonkirche ultranationalistische und militaristische Inhalte vertreten; dies verdeutlichte ein Vortrag des Historikers Reiner Zilkenat. Mit dem Schicksal der Garnisonkirche in der Nachkriegszeit befasste sich der Journalist Matthias Grünzig.

Der zweite Vortragsblock ging der Frage nach: „‘Wiederherstellung der Garnisonkirche’ – Welches Zeichen setzt diese Kirche?“ Unter den Vorträgen war derjenige des ehemaligen Erfurter Propstes Heino Falcke der zielführendste: In einer scharfen Analyse wies er auf die Schwierigkeiten hin, die sich mit der Schaffung eines Versöhnungs- und Friedenszentrums gerade in einer neuen Garnisonkirche verbinden. Dabei klang deutlich eine allgemeine Verbitterung über den gegenwärtigen friedensethischen und militärseelsorgerlichen Kurs der EKD an. Dieser Kurs steht mit einer Verantwortungsethik, die militärisches Eingreifen im Extremfall nicht ausschließt, im Kontrast zur DDR-Friedensbewegung.

„Wir brauchen ein Konzept des politischen Pazifismus“, lautete Falckes entsprechende Forderung. Demgegenüber setze die Garnisonkirche ein falsches Zeichen. Zwei Vorträge der Theologieprofessoren Andreas Pangritz und Martin Stöhr beleuchteten ausgehend von der Barmer Theologischen Erklärung und dem Darmstädter Wort Ambivalenzen in der Geschichte der Bekennenden Kirche und ihrer Stellung zum Antisemitismus – und damit den größeren Hintergrund eines verantwortlichen Erinnerns.

Hinter den anderen Beiträgen stand der – freilich wortgewaltige – Vortrag des Erziehungswissenschaftlers Klaus Ahlheim zurück. Er verortete die Motivationen des Aufbaus der Garnisonkirche im Umfeld eines Mentalitätswandels, der Deutschlands globale und militärische Verantwortung ebenso wie nationale Interessen in fragwürdiger Weise betone. In der Diskussion wurde kritisch die Verwendung des Begriffs „Kriegsbefürworter“ für Bundespräsident und Regierungsmitglieder hinterfragt. Zudem stellt sich dem kritischen Beobachter die Frage, ob die hier gezogenen Verbindungslinien zu einem unterstellten neuen Nationalismus und Militarismus nicht etwas zu idealtypisch sind für eine Analyse der – meist komplexeren – Realität.

Insbesondere die letzten Vorträge legen nahe, dass für die Unterstützer der „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ eine allgemeine Unzufriedenheit mit gegenwärtigen Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Kirche ihre Versinnbildlichung in der Garnisonkirche findet. Insofern wird sich in künftigen Debatten zeigen müssen, inwiefern die Bedenken der Gegner der Garnisonkirche Plausibilität für die Befürworter gewinnen kann, die dieses Unbehagen nicht teilen.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 45/2015.

Weitere Informationen unter: http://www.christen-brauchenkeine-garnisonkirche.de

Vergessene Hilfe im Kirchenkampf

Altlutheraner gewährten im „Dritten Reich“ Pfarrern der Bekenntnisgemeinden Gastrecht

Von Tilman Asmus Fischer

Gleich mehrfach sprach sich die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, in den vergangenen Monaten dafür aus, die reformierten und anderen reformatorischen Kirchen in die Jubiläumsfeierlichkeiten bis 2017 einzubeziehen. Gleichzeitig mahnt nun Kirchenhistoriker Christian Neddens aufgrund neuer Forschungen den Blick auf eine weitere Gruppe an: die Altlutheraner – die sich heute in der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) organisieren.

Der altlutherische Theologe Neddens, der an der Universität des Saarlandes lehrt, hat ein Kapitel der gemeinsamen Geschichte ans Licht gehoben, das in den Landeskirchen und auch in der SELK lange vergessen war: den Zusammenhalt von Altlutheranern und Bekennender Kirche im Kirchenkampf, vor allem in den Jahren 1933 bis 1935. Auch in der altlutherischen Kirche, damals offiziell „Evangelisch-lutherische Kirche in Preußen“ fürchtete man die staatliche Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten. Diese Angst hatte einen historischen Hintergrund: die Verfolgung und Diskriminierung im Preußen des 19. Jahrhunderts, als das preußische Königshaus die unierte Landeskirche erzwang.

Die Kirchenleitung der Altlutheraner verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus zwar einen politisch neutralen Kurs, weil sie finanziell schwach war und wenige Mitglieder hatte. Im Laufe der 1930er Jahre führte sie als Zeichen der Loyalität einen Treueeid auf Adolf Hitler ein – Auswüchse wie der Arierparagraph der „Deutschen Christen“ waren jedoch nicht konsensfähig. Widerständiger als die Kirchenoberen verhielten sich einzelne altlutherische Diözesen und Gemeinden.

Hiervon legt vor allem Berlin ein Beispiel ab, wo es 1933 und 1934 wie überall in der Deutschen Evangelischen Kirche zur Suspendierung unliebsamer oder jüdischstämmiger Pfarrer kam. Diesen und den ausgegrenzten Bekenntnisgruppen innerhalb der landeskirchlichen Gemeinden gewährten altlutherische Gemeinden Gastrecht in ihren Gemeinderäumen und Kirchen: Zu den prominenten Gästen gehört etwa Eitel-Friedrich von Rabenau, Mitbegründer des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche – er feierte zeitweise mit seinen Weggefährten bei den Wilmersdorfer Altlutheranern Gottesdienst.

Auch Dietrich Bonhoeffer suchte neben anderen Protagonisten der „Widerständigen“ den Kontakt zur altlutherischen Kirche. Er war im Gespräch vor allem mit dem Berliner Superintendenten Beyreiß. Zeitweise wurde eine enge Kooperation mit der Evangelisch-lutherischen Kirche angestrebt. Vielleicht hätte sie sogar zur Heimat der nonkonformistischen bekennenden Protestanten werden können. Dem stand jedoch der Neutralitäts- und Loyalitätskurs der altlutherischen Kirchenleitung gegenüber.

Ein „Kairos, der verspielt wurde“, sagt Neddens heute bedauernd. Zur Lockerung der Kontakte zwischen der Bekennenden und Altlutherischen Kirche trug zudem bei, dass 1935 die Suspendierungen landeskirchlicher Pfarrer aufgehoben wurden. Da, wo sie nicht im Konflikt mit ihren Gemeinderäten standen, kehrten sie aus dem altlutherischen „Exil“ in ihre Kirchen zurück.

Die EKBO hat zusammen mit der Evangelisch-lutherischen Gemeinde Berlin-Mitte der SELK und dem Verein für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte die „Gastfreundschaft in schwieriger Zeit“ mit einer Veranstaltungsreihe vom 9. bis 12. Oktober gewürdigt. Seitens der landeskirchlichen St.-Thomas-Gemeinde, in der Christian Neddens am 11. Oktober referierte, ging die Initiative hierzu von Pfarrer im Ruhestand Christian Müller aus. Am 12. Oktober hielt wiederum Ulrike Trautwein für die EKBO ein Grußwort in der SELK-Gemeinde Berlin-Mitte. Im Nachgang zum Themenjahr „Reformation und Politik“ wäre es wünschenswert, wenn diese Initiative zweier reformatorischer Kirchen für ihr gemeinsames Erinnern auch von der EKD aufgegriffen würde.

Ein Beitrag von Christian Neddens zum Thema erscheint in: Jürgen Kampmann und Werner Klän (Hg.): Union, Bekenntnis und kirchliche Identität 1817–2017, Göttingen 2013.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2014.

Wissen, woher man kommt

Die Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg hat sich in 130 Jahren Heimatforschung Verdienste um die Kirchengeschichte erworben

Von Tilman Asmus Fischer

„Nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wohin er geht.“ Recht abgedroschen ist dieser Ausspruch von Bundespräsident Theodor Heuss. Aber trotzdem trifft er noch heute die Motivation vieler Menschen, die sich – als Historiker oder sogenannte Laien – mit der Geschichte und Kultur ihrer Heimat befassen. In Vereinen organisierten sie sich vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Kontext von Nationalisierung und Industrialisierung wurden neue Identitäten gesucht, während sich das natürliche Umfeld radikal wandelte. Dabei gewann das Phänomen „Heimat“ eine neue, gesteigerte Bedeutung. Aus ihr heraus speist sich der Begriff des „Heimatforschers“, der gerne für die Regionalhistoriker verwendet wird.

Mit der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg begeht ein Kind jener Zeit in diesem Jahr seinen 130. Geburtstag. Geistiger Vater, später sogar Ehrenmitglied, war Theodor Fontane, der mit seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ die Idee gab, in Exkursionen die heimatliche Kulturlandschaft zu erkunden. Durch Erforschung und Vermittlung der Geschichte der Mark Brandenburg – also einer europäischen Region, die sich über die heutige Oder-Neiße-Grenze hinaus erstreckt – bewahrt sie das kulturelle Erbe der hier lebenden Menschen. Es ist zugleich die Heimat der hiesigen Landeskirche: Der wissenschaftliche Beitrag zur Kirchengeschichte sollte daher am runden Geburtstag nicht vergessen werden.

Seit 1885 lädt der Verein regelmäßig Interessierte zu Vortragsveranstaltungen ein. Sie fanden anfangs in wechselnden Lokalitäten statt und die Referenten erörterten zunächst gerade auch sehr allgemeine Fragen. So Wilhelm Pütz 1885 im Clublokal Restaurant Lingner: „Wie gebraucht man topographische Karten?“ Heute sind es bisweilen hochspezielle Themen, derer man sich annimmt, 2008 etwa mit einer eigenständigen Tagung unter dem Titel: „Templer und Johanniter in der Mark Brandenburg. Ritterordenskommenden an der Peripherie der Einflusssphären ihrer Orden“. Gemeinsam mit dem Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg wurde vergangenes Jahr innerhalb des Mitteilungsblattes sogar ein eigenes „Themenheft Dorfkirchen“ herausgegeben.

Diese Spezialisierung hängt zusammen mit der Entwicklung, die der Verein im 20. Jahrhundert nahm: Handelte es sich zunächst um einen Kreis landeskundlicher Enthusiasten, setzte zwischen den Weltkriegen eine Verwissenschaftlichung ein. Sie schlug sich in der Entscheidung nieder, ab 1950 ein eigenes Jahrbuch mit Fachbeiträgen herauszugeben – immer wieder auch zu Themen der Kirchengeschichte. „Heute verstehen wir uns als Mittler zwischen Wissenschaftlern und Interessierten. Zu beiderseitigem Nutzen“, sagt der Vorsitzende, Peter Bahl.

Neben den Veranstaltungen und Veröffentlichungen bietet die Vereinigung größere Bibliotheks- und Archivbestände. Zu den letztgenannten zählen über 100 Nachlässe. Unter ihnen etwa derjenige Curt Horns: Der Theologe war von 1947 bis zu seinem Tod 1960 Kunstbeauftragter der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Auch in der mehrere zehntausend Stücke umfassenden Bildsammlung ist die Kirche omnipräsent: „Schlösser und Kirchen waren die hervorstechenden Bauwerke in der Mark und damit beliebte Motive“, erklärt Peter Bahl. Präsent wird die Kirchengeschichte auch weiterhin in der Vereinsarbeit sein, versichert der Vorsitzende: „Wir arbeiten interdisziplinär und legen auf inhaltliche Breite Wert. So ist die Kirchengeschichte ebenso wie Archäologie oder Sozialgeschichte integraler Teil der Landesgeschichte.“

Das „Themenheft Dorfkirchen“ ist bei der Landesgeschichtlichen Vereinigung erhältlich. Weitere Informationen: http://www.geschichtebrandenburg.de; Kontakt: archiv@geschichte-brandenburg.de

Text erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 25, 22. Juni 2014.

Gefährdetes Kulturgut

In Köln stürzte vor fünf Jahren das Stadtarchiv ein und wertvolle Dokumente gingen unwiederbringlich verloren. Auch kirchliche Archive sind bedroht, etwa das des Berliner Doms

Von Tilman Asmus Fischer

Eine unerwartete Szene bot sich dem Betrachter frühmorgens am Rosenmontag dieses Jahres in Köln: Oberbürgermeister Jürgen Rothers stand mit dunkel gekleideten Vertretern von Stadt und Presse vor Bauzäunen und richtete die Schleifen zweier großer Kränze. Hinter den Bauzäunen klafft heute ein Krater – an der Stelle, wo einst Kölns Stadtarchiv stand. Auf den Tag vor fünf Jahren war es zusammengebrochen, verursacht durch den Bau einer U-Bahnlinie.

Neben der menschlichen Katastrophe – zwei Jugendliche starben bei dem Einsturz – bedeutet das Unglück auch einen enormen kulturellen Verlust, waren die hier aufbewahrten Archivgüter doch von überregionaler Bedeutung. Zwar konnte der Bestand größtenteils geborgen werden, doch ist er nicht nur in völlige „Unordnung“ geraten: Die von der Stadt Köln, dem Erzbistum und der Evangelischen Kirche im Rheinland gegründete „Stiftung Stadtgedächtnis“ geht nach Angaben des Historischen Archivs von 100 Prozent Restaurierungsbedarf aus, davon 35 Prozent bei schwersten Schäden – nur bei 15 Prozent könne von leichten Schäden die Rede sein. Das macht 6 300 Personenjahre Restaurierungsaufwand und 350 Millionen Euro Restaurierungskosten, zu deren Aufbringung die Stiftung beitragen soll.

Die Kirchen beteiligen sich aus gutem Grund an der Krisenbewältigung – immerhin sind Quellen von kirchengeschichtlicher Bedeutung im Erhalt bedroht: „Die Akten der Stifte und Klöster sind mit dem Magazingebäude zusammengestürzt, da sie sich dort im dritten oder vierten Stock befanden. Die entsprechenden Urkunden dagegen wurden unterhalb des Verwaltungstraktes in den Kellerräumen aufbewahrt und konnten alle gerettet werden“, berichtet Klaus Militzer. Der emeritierte Historiker der Universität Bochum war Referent am Historischen Archiv der Stadt Köln und gilt als Spezialist auf dem Gebiet der rheinischen Kirchengeschichte.

Er verweist auf die überregionale Bedeutung der Quellen: „Das Domkapitel, aber auch andere kirchliche Institutionen haben europaweite Verbindungen gehabt und gepflegt, wie etwa anhand der Universitätsmatrikel zu ermitteln ist.“ Somit betrifft die Kölner Katastrophe nicht nur einen kleinen Kreis landeskundlich Interessierter, sondern mithin die Geschichte europäisch-christlicher Kultur und Identität. Und nicht nur das: Der Historiker Stefan Lafaire, Vorsitzender der Stiftung Stadtgedächtnis, verweist auf die aktuelle Ukraine-Krise. Sie zeige, „wie wichtig historisches Bewusstsein ist und welche Bedeutung der Zugang zu Quellen für aktuelle Politik haben könnte“.

Das wirft ein größeres allgemeines Problem auf: Die Sicherheit und Sicherung von Archiv- und damit Kulturgut in staatlichen und kirchlichen Archiven. Normalerweise sind es eher Mängel in der sachgemäßen Lagerung und Konservierung, die Archivgut bedrohen – Köln macht jedoch die verheerenden Folgen deutlich, die der Verlust von Akten und Urkunden nach sich zieht. Dieses allgemeine Problem ist bereits als solches begriffen worden; 2011 wurde auf Bundesebene die „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ ins Leben gerufen, die an Lösungsstrategien arbeitet und entsprechende Modellprojekte unterstützt.

Neuerlich sensibilisiert ein Fall in Berlin für die Notwendigkeit einer bundesweiten Strategie zur Archivgut-Sicherung: Unlängst machte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz aufmerksam auf seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende, gravierende Schäden im Archiv des Berliner Doms. Das Magazin „Monumente“ berichtet selbst von „Schimmel“ und „Zerfall durch den hohen Säuregehalt der Papiere“. Gegenüber der Zeitschrift der Denkmalschutz-Stiftung verwies EKD-Präses Irmgard Schwaetzer auf die Bedeutung des Archivs für „künftige Generationen“: „Auf der Grundlage unseres Archivs können neben architektonischen und kunstgeschichtlichen kirchengeschichtliche Fragen geklärt werden, um dieses Bauwerk und die Zeit, in der es errichtet wurde, zu verstehen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung, Nr. 19, 11. Mai 2014.