Die Debatte geht weiter

Die Tagung „Nicht ohne das Alte Testament“ zeigte konstruktive Ansätze. Trotz kurzfristiger Absage Slenczkas

Von Tilman Asmus Fischer

„Entspricht es etwa gerade einem christlichen Ernstnehmen der Bedeutung des Tanach für das Judentum, wenn man das ‚Alte Testament‘ aus dem christlichen Kanon herausschneidet?“ So fragten die Evangelische Akademie zu Berlin (EAB) und das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in der ursprünglichen Ankündigung ihrer Tagung „‚Nicht ohne das Alte Testament‘. Die Bedeutung der Hebräischen Bibel für Christentum und Judentum“, die vom 8. bis 10. Dezember in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin stattfand. Gemeint war hier die Position des Berliner Theologieprofessors Notger Slenczka, der selbst an prominenter Stelle seine Überlegungen vortragen und mit dem jüdischen Religionsphilosophen Professor Micha Brumlik diskutieren sollte.

Slenczka hatte 2013 in einem Aufsatz die Frage aufgeworfen, inwiefern sich die Kirche vom Alten Testament angesprochen fühlen könne, ohne die „exklusive Zuwendung Gottes an Israel beziehungsweise das Judentum“ infrage zu stellen. Dieser Gedankengang führte 2015 zu vehementen Auseinandersetzungen. In diesen zog sein Fakultätskollege Christoph Markschies, Professor, Kirchenhistoriker und Leiter des Instituts Kirche und Judentum (IKJ), Parallelen zwischen Slenczka und nationalsozialistischen Theologen. Er verweigert bis heute jedoch die persönliche Diskussion.

Die nach Meinung von Slenczka verzerrte Darstellung seiner Position und die nachträgliche Nennung des IKJ als Kooperationspartner in der Veranstaltungsankündigung führten kurzfristig zur Absage der Teilnahme Slenczkas.

Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie, bedauert das Fehlen von Notger Slenczka auf der Tagung. Er hätte sich gefreut, wenn er an der Veranstaltung teilgenommen und seinen Standpunkt vertreten hätte. Eine Brüskierung sei in keinem Fall beabsichtigt gewesen, so Sachau und Eva Harasta, Tagungsleiterin und Theologin.

Das Einbeziehen des IKJ als ideellen Partner, so Sachau, hänge mit der hohen Bedeutung des Instituts für die EKBO zusammen. Harasta ergänzt, dass die Teilnahme von Christoph Markschies an der Podiumsdiskussion sich aus dessen Leitungsrolle für das Institut ergeben habe. Rückblickend stellt Sachau fest, dass es präziser gewesen wäre, in der Ankündigung der Tagung die von Slenczka aufgeworfene Infragestellung der Kanonizität des Alten Testaments herauszustellen – und nicht vom „Herausschneiden“ aus dem christlichen Kanon zu sprechen. Allerdings habe die bleibende Bedeutung der hebräischen Bibel für Judentum und Christentum im Mittelpunkt gestanden sowie die Notwendigkeit, den jüdisch-christlichen Dialog weiterzuführen.

Die große Mehrzahl der Referenten war spürbar um Deeskalation bemüht. Zu dieser trug auch der konzeptionelle Gesamtaufriss der Tagung bei, der sich dem Alten Testament aus unterschiedlichen Perspektiven näherte.

So zeigte die Tagung konstruktive Ansätze einer theologischen Durchdringung von Problemfeldern auf, für die die von Slenczka angestoßene Debatte sensibilisiert. Zentrale Bedeutung kommt dabei den Beobachtungen von Andreas Schüle, Professor für Altes Testament, zu: Das Aufkommen von Thesen wie denjenigen Slenczkas sei ein Indikator für Krisensituationen der Kirche – eine allgemeine Verunsicherung über Wesen und Kern des Christentums. Dabei handele es sich heute um eine Krise des modernen Liberalismus. Zu dieser habe auch das Selbstverständnis der alttestamentlichen Wissenschaft als einer rein historischen Wissenschaft beigetragen, die sich vor definitiven Aussagen und der Frage nach Christus-Bezügen scheue.

Steht damit der evangelischen Theologie als eine Konsequenz aus der Debatte ein schrifthermeneutischer und christologischer Umschwung ins Haus? Zumindest wurden seitens der jüdischen Referenten kritische Anfragen gegenüber der protestantischen Theologie deutlich, die in ihrer Grundsätzlichkeit über die Frage der Kanonizität des Alten Testaments hinausgehen. Brumlik knüpfte an Slenczkas Rekurs auf Schleiermachers „frommes Bewusstsein“ der Christen als Kriterium für ihren Zugang zum Alten Testament an: Theologie, so Brumlik, habe nicht vom Subjekt, sondern von Gott und seinem Wort auszugehen. Und der ehemalige württembergische Landesrabbiner Joel Berger stellte fest, es sei mit Blick auf die Heilige Schrift immer nur von „Texten“ die Rede gewesen, was ihn zur Frage trieb: „Geht es nicht um Offenbarung?“

So mag die Debatte der Anfang einer grundsätzlicheren Diskussion sein, für die Notger Slenczka zur Verfügung steht – wenn sie fair geführt werde, wie er im Gespräch mit „die Kirche“ betont. Die anstehenden Fragen seien nicht „in der Lebensdauer von Pressemeldungen“ zu beantworten. Ihre Klärung dauere Jahre, „und wer weiß, vielleicht kommt am Ende heraus, dass ich nicht Recht habe. Aber die gewonnene Klärung wird auch die traditionelle Position nicht unverändert lassen“. Ihm gehe es um eine „Grundlagenreflexion“: „Wo diese nicht geführt wird, wird Wissenschaft langweilig und traditionell.“

Weitere Informationen: Absage und Stellungnahme von Professor Notger Slenczka unter: http://www.theologie.huberlin.de/de/st/AT/EAB

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 51/52/2015.

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