Europa – eine Idee als Heimat

Ein Sammelband bringt unterschiedliche Europa-Bilder ins Gespräch

Bereits Ende 2018 hatte der langjährige CSU-Europapolitiker Bernd Posselt mit seinem Buch „Bernd Posselt erzählt Europa“ nachdrücklich auf die Notwendigkeit eines – für die europäische Staatenfamilie identitätsstiftenden – Narrativs für Europa hingewiesen. Eines der möglichen Narrative legt nahe, Europa als ‚Heimat‘ zu verstehen. Eine solche Europa-Deutung – die einen mit vielfältigen Assoziationen besetzten Begriff, der sich ursprünglich auf den engeren Lebensraum bezieht, auf einen gesamten Kontinent anwenden will – ist jedoch voraussetzungsreich und wirft weitreichende Fragen auf. Und so erscheint es nur schlüssig, dass Martin W. Ramb und Holger Zabarowski hinter den Titel ihres 2019 erschienenen Sammelbandes ein Frage- und kein Ausrufezeichen setzen: „Heimat Europa?“

Auf mehr als 400 Seiten bringen die beiden katholischen Philosophen vielfältige und sich stimmig ergänzende – wissenschaftliche, essayistische, literarische wie autobiografische – Annäherungen an den Fragenkomplex zusammen, der sich hinter den zwei Worten „Heimat Europa“ verbirgt. Dabei gelingt es ihnen, ganz unterschiedliche – affirmative bis kritische – Positionen zu Wort kommen zu lassen und damit einen wichtigen Beitrag zur – nicht zuletzt seit dem Brexit und den west-östlichen Spannungen um die Migrationspolitik – virulenten Debatte um die Zukunft der Europäischen Union vorzulegen: Sie eröffnen ein Kaleidoskop unterschiedlichster Zugänge zu Europa, die sich nicht im Kleinklein der Tagespolitik verlieren, sondern auf einer grundsätzlichen Ebene über Wesen und Fundament Europas reflektieren.

So facettenreich wie die inhaltlichen Positionen sind die fachlichen Disziplinen und biografisch-regionalen Hintergründe der Beiträger, unter denen sich nicht nur deutsche und westeuropäische Autoren, sondern gerade auch solche mit Bezug zum östlichen Europa finden: die 1973 in Zagreb geborene dalmatisch-österreichische Schriftstellerin Dr. Anna Baar, der Budapester Philosoph Prof. Dr. István M. Fehér, Prof. Dr. Dean Komel, der an der Universität Laibach Gegenwarts- und Kulturphilosophie lehrt, sowie die slowenisch-ungarische Literaturwissenschaftlerin Dr. Ilma Rakusa.

In bemerkenswerter Weise reflektiert der Literaturwissenschaftler und frühere Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer, die multinationale Vielfalt Europas: „Europa, europäisches Identitätsgefühl ist ein Amalgam der verschiedenen, in Jahrhunderten gewachsenen nationalen und regionalen Mentalitäten und Kulturtraditionen, kein von ihnen abzuziehendes farbloses Abstraktum, keine jegliche Varietäten zum Verschwinden bringende Nacht, in der alle Katzen grau sind.“ Und so hält Borchmeyer der – auch einzelnen anderen Beiträgen des Sammelbandes abzuspürenden – Forderung, „nicht mehr in nationalen, sondern in europäischen Kategorien zu denken“, entgegen, dass „hier ein Gegensatz konstruiert [wird], der gerade das verhindert, was man zu erreichen strebt: ein vertrautes Europa, in dem die Angehörigen der verschiedenen Nationen wirklich zu Hause sind“.

Die Mehrheit der Verfasser geht den plausiblen Weg, Europa nicht räumlich, sondern vielmehr geistig als Heimat zu verstehen. So erscheint es Fehér erst möglich zu sein, Europa als Heimat zu denken, wenn wir „vom Gegendhaften absehen und uns dem ‚Geistigen‘ zuwenden“: „Ideen können, zumal gemeinschaftliche, Heimat konstituieren. ‚Die europäischen Nationen mögen noch so sehr verfeindet sein‘ schrieb hierzu Husserl, ‚sie haben doch eine besondere innere Verwandtschaft im Geiste.‘“ Diese sieht Fehér im Besonderen gestiftet durch die „europäischen Werte und das, was sie beinhalten, die abendländisch-europäische Philosophie und Lebensanschauung“.

Da sich gerade auf das Schlagwort der ‚europäischen Werte‘ – und dies nicht nur in Fehérs Aufsatz sowie anderen Beiträgen des vorliegenden Bandes – allzu schnell berufen wird, wenn es um das geistige Fundament Europas geht, ist der Beitrag des Ethikers Franziskus von Heeremann besonders bedeutsam. Für den Professor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar führt eine ausschließliche Berufung auf – letztlich subjektiv begründete – Werte nicht nur zu einem „Treibsand aus Wertigkeiten, die gegeneinander verrechnet werden können und deren Hierarchie ins Belieben gestellt ist“. Vielmehr sieht er zudem die Gefahr einer Gesinnungsdiktatur, „die von ihren Untertanen fordert, all das zu übernehmen, was der aktuelle Herrscher – und das ist in der Demokratie die Mehrheit – schätzt“. Demgegenüber setzt von Heeremann auf die Menschenwürde als identitäre Grundlage Europas: „Die Frage nach unserer letzten Identität ist die, ob wir, gespeist aus welchen religiösen, philosophischen, weltanschaulichen, kulturellen Quellen auch immer, an diesem Bekenntnis zur ‚Sakralität der Person‘ (Hans Joas) unbeirr- und unverführbar festhalten. Die Sakralität der Person ist aber in der Weise die Identität Europas, dass Europa weder behaupten noch wollen kann, dass es bloß die seine wäre, noch konstatieren kann, es habe sie – es entspräche schon seiner Identität.“

Tilman Asmus Fischer

Martin W. Ramb u. Holger Zaborowski (Hrsgg.), Heimat Europa?, Göttingen 2019. 431 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN: 978-3-8353-3475-5.

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2019.

Das Belächeln hört auf

Stephan Mayer MdB (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, erläutert die Aufgaben des Heimatministeriums.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Mayer, was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Heimat ist für mich auf der einen Seite ein physischer Ort, mit dem man beispielsweise die Erinnerungen an die Kindheit, die ersten Schritte oder das Aufwachsens verbindet. Auf der anderen Seite ist Heimat aber natürlich noch weitaus mehr: der Ort, an dem man sich wohlfühlt, an dem man Freunde und Bekannte hat. Damit ist Heimat ein Ort der Geborgenheit, an dem man sich aufgehoben, verwurzelt und verstanden fühlt.

„Heimat“ ist zudem ein im öffentlichen Diskurs äußerst brisanter Begriff, der sich nun auch im Namen des Innenministeriums wiederfindet. Welche Perspektiven verbinden Sie – als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat – mit dieser Akzentsetzung?

Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass der Zeitpunkt der absolut richtige war und ist, das Bundesinnenministerium um diesen wichtigen Bereich der Heimat zu erweitern. Der Begriff ist ja interessanterweise weit über das bürgerliche, konservative, christliche Lager hinaus ausgesprochen positiv besetzt – im Gegensatz zu anderen Begriffen wie „Leitkultur“ zum Beispiel. „Heimat“ erfreut sich gerade im linken Parteienspektrum großer Attraktivität.

Was entgegnen Sie den Kritikern, welche es jedoch gerade aus diesem Spektrum gibt und die das neue Ressort im BMI belächeln?

Ich möchte prognostizieren, dass in drei, vier Jahren niemand mehr dieses „Bundesheimatministerium“ belächelt, weil gerade in einer Zeit, in der die Globalisierung immer mehr Lebensbereiche betrifft, die Sehnsucht und das Bedürfnis nach Zuordnung, Geborgenheit und Orientierung größer denn je ist. Und vor diesem Hintergrund ist Heimatpolitik nichts Rückwärtsgewandtes und nichts Altertümliches. Es geht bei Heimatpolitik gar nicht um Brauchtums- oder Traditionspflege an sich, sondern um einen ausgesprochen progressiven Ansatz: Nämlich, in Deutschland deutlich mehr dafür zu tun, dass gleichwertige Lebensverhältnisse bestehen – also, dass es hinsichtlich Lebensqualität und Möglichkeiten zur Teilhabe keinen Unterschied machen darf, ob jemand in der Uckermark, im Bayerischen Wald, in Ostwestfalen oder in Hamburg lebt.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Themenfeld „gesellschaftlicher Zusammenhalt“, welches gleichfalls vom BMI abgedeckt wird?

Gerade in der aktuellen Situation, in der unsere Gesellschaft mehr und mehr polarisiert wird, die gesellschaftlichen Fliehkräfte zunehmen, kommt es umso mehr darauf an, dass auch der Staat sich noch intensiver als bisher für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts einsetzt. Dazu gehören beispielsweise auch der interaktive Dialog der Religionen und ebenso die Fortführung sowie Neuaufstellung der Islamkonferenz.

Wie schätzen Sie denn den gegenwärtigen Beitrag ein, den Kirchen und Religionsgemeinschaften zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten?

Auch wenn die Mitgliederzahlen in den beiden großen christlichen Kirchen zurückgehen, bin ich nach wie vor der Auffassung, dass die Religionsgemeinschaften ein enormes verbindendes Element in unserer Gesellschaft sind – unabhängig davon, ob man persönlich gläubig ist oder nicht. Niemand wird leugnen, dass unser Land über Jahrhunderte hinweg durch das Christentum, den Humanismus und die Aufklärung geprägt wurde.

Ist ein solch klares kulturelles Identitätsangebot eher ein Hindernis für Integration oder kann es diese vielmehr auch befördern?

Ich bin durchaus der Überzeugung, dass Menschen sich besser in eine Gesellschaft integrieren, die selbst über ein klares Wertefundament – und gerade auch über ein religiös geprägtes Wertefundament – verfügt. Natürlich ist die deutsche eine pluralistische und tolerante Gesellschaft, aber ich kann nur dann gegenüber Andersgläubigen oder Menschen mit anderen politischen Überzeugungen tolerant sein, wenn ich selbst einen klaren Standpunkt, ein klares Wertefundament besitze.

Eben diese Toleranz scheint gegenwärtig in besonderer Weise gefährdet zu sein. Wie erleben Sie die zunehmende Verschärfung der öffentlichen Debatten?

Auf der einen Seite wird im linksintellektuellen Spektrum unsere Gesellschaft gerne so definiert, dass man beliebig gegenüber allen Einstellungen, allen Lebensformen ist und alles toll findet und nichts mehr hinterfragen muss. Auf der anderen Seite wird im rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Bereich kein Verständnis für eine pluralistische, weltoffene Gesellschaft an den Tag gelegt. Beide Ansichten und Entwicklungen beunruhigen mich, weil sie Eines gemeinsam haben: Den Bürger zu entmündigen.

Inwieweit können Kirchen und Religionsgemeinschaften dazu beitragen, dieser zunehmenden Polarisierung zu steuern?

Von den Kirchen erwarte ich mir, dass sie sich – im Sinne einer Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts – konstruktiv, produktiv mit einbringen und nicht einseitig Partei ergreifen im politischen Diskurs. Mehr noch: Sie sollen in gesellschaftspolitischen Debatten auch die häufig schweigende Mehrheit mitvertreten und sich nicht nur für lautstark agierende Minderheiten verwenden. Von den muslimischen Gemeinschaften und den islamischen Verbänden erwarte ich mir, dass sie konstruktiv dazu beizutragen, dass sich insbesondere auch Bürgerinnen und Bürger muslimischen Glaubens aktiv in die Gesellschaft mit einbringen.

In ähnlicher Form erschienen am 2. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Richtig streiten in der Kirche

Am 27. April hielt Bischof Dr. Markus Dröge auf der religionspolitischen Tagung der SPD-Bundestagsfraktion einen Vortrag zum Thema „Richtig streiten in der Kirche“. Im Interview spricht er über den Beitrag der Kirchen zu einer gelingenden Diskussionskultur.

Herr Bischof Dröge, in Deutschland verschärft sich der öffentliche Diskurs. Hat dies Auswirkungen auf die Kirche?

Dröge: Die gesellschaftliche Situation wirkt sich bis in die Gemeinden hinein aus, sodass auch rechtspopulistische Positionen vertreten werden. Und da kommt es in unserer Kirche darauf an, in den Gemeinden Räume zu schaffen, in denen man über die Probleme der Menschen sprechen kann, ohne die oft ausgrenzenden und menschenfeindlichen Lösungsvorschläge des Rechtspopulismus zu übernehmen.

Kann die Kirche hiermit zu einer neuen Form der gesellschaftlichen Debatten beitragen?

Bischof Dr. Markus Dröge
(Foto: Philipp Hahn)

Dröge: Wir müssen innerhalb der Kirche unsere sachgerechte Diskurs- und auch Streitkultur – Streit um den besten Weg – aufrechterhalten. Hierfür steht unsere Synodenkultur. Aber wir müssen auch in die Gesellschaft hineinwirken, so gut wir es können, und dazu beitragen, dass der Zusammenhalt weiterhin gelingt und Probleme im demokratischen Diskurs vernünftig behandelt werden.

Was sind für Sie zentrale Regeln eines gelungenen Streites – in Synode oder Politik?

Dröge: Es muss unterschieden werden zwischen der Person und dem, was eine Person vertritt und tut; in theologischer Sprache: zwischen Person und Werk. Es mag sein, dass ich in einer Diskussion völlig entsetzt bin über die Meinung meines Nächsten, aber ich darf nicht völlig entsetzt sein über die Person. Als Person ist er genau wie ich ein anerkanntes Kind Gottes mit seiner Würde und seinen Rechten und seinem Gewissen.

Welche Konsequenzen hat diese Unterscheidung für die alltägliche Debattenkultur in der Kirche?

Dröge: Wenn ein Kirchenmitglied auch Mitglied der AfD ist, ist das kein Grund, ihn auszuschließen. Es ist nur ein Grund ihn oder sie auszuschließen, wenn er oder sie selbst menschenfeindliche Äußerungen tätigt – etwa einzelne Gruppen von Menschen prinzipiell herabwürdigt. Wenn jemand politische Auffassungen vertritt, die auch innerhalb der AfD vertreten werden, dann ist dies ein Grund, sich mit ihm sachlich auseinanderzusetzen.

Wie werden unterschiedliche Gemeinden der Herausforderung gerecht, entsprechende Spannungen auszuhalten?

Dröge: Es gibt erste soziologische Untersuchungen, die zeigen: Eine Gemeinde, die es gewohnt ist, offen unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, ist kaum anfällig für Rechtspopulismus – egal ob sie eher liberal oder konservativ ist, ob sie theologisch eher evangelikal oder von der Befreiungstheologie geprägt ist. Aber immer da, wo in einer Gemeinde eine Main­stream-Meinung unhinterfragt vertreten wird, da gibt es eher Affinität für rechtspopulistisches Gedankengut.

Reizworte gegenwärtiger Debatten sind »Heimat« und »Identität« – welche inhaltlichen Angebote kann die Kirche hierzu machen?

Dröge: Wir haben als in der Fläche präsente Organisation wie wenig andere die Chance, dazu beizutragen, dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht – aber nicht eines, das davon lebt, alle Fremden als Feinde zu sehen. Es geht um ein Heimatgefühl, mit dem man seine Heimat liebt, aber die Herausforderungen gemeinsam angeht und auch die Neubürger mit in diese Aufgabe hineinnimmt.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

In ähnlicher Form erschienen in: Glaube und Heimat – Mitteldeutsche Kirchenzeitung 19/2018.

Was ist Heimat? Was ist Identität?

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk zieht eine persönliche Bilanz zur deutschen Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik

Von Tilman Asmus Fischer

„Da ist unsre Heimat, diese Dinge / bleiben in den Tiefen unserer Seele / Fest und innig mit uns selbst verwachsen, / dass sie nichts vermag von uns zu scheiden; / Selber sind wir alle jene Dinge.“ Worte des Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler stellt Hartmut Koschyk seinem gerade erschienenen Buch „Heimat – Identität – Glaube“ voran. Die Zeilen bringen eine Sensibilität für die Tiefendimension der Begriffe „Heimat“ und „Identität“ zum Ausdruck, die der Politiker Koschyk mit dem Dichter Spitteler teilt.

Eben diese Sensibilität trägt dazu bei, dass das Buch am Ende mehr darstellt, als eine Bilanz deutscher Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik, die der langjährige Bundestagsabgeordnete am Ende seiner Amtszeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (2012–2017) vorgelegt hat. Zwar lässt sich das Werk auch als kundige Überblicksdarstellung zu diesen Themenbereichen lesen. So beginnt der Verfasser etwa mit einem einführenden Kapitel über „Heimat – Nation – Staat im 18. und 19. Jahrhundert“, dem ein gleichermaßen grundsätzlicher Abschnitt über „Die deutschen Heimatvertriebenen im Kontext deutscher und europäischer Teilung und Einheit“ folgt.

Zugleich trägt das Buch jedoch die erkennbare Handschrift eines Menschen, der – als Kind oberschlesischer Heimatvertriebener – von den verhandelten historischen und politischen Fragen selbst unmittelbar persönlich betroffen ist. Zudem schärft der bekennende Katholik Koschyk mit seinem Buch den Blick für die Rolle von Glaube und Kirche für Integration und Identitätspflege sowohl der deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa als auch der ethnischen Minderheiten in Deutschland. Damit ist das Buch gerade für eine kirchliche Leserschaft von großem Interesse.

Auch wenn den Fragen der Vertriebenen, Aussiedler und Minderheiten im politischen Alltag heutzutage eine eher randständige Bedeutung zukommt, gelingt es Koschyk, zu verdeutlichen, dass die einschlägigen Sachverhalte Problemstellungen berühren, die von grundsätzlicher Bedeutung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt sind: „Heimat, Identität und Glaube helfen den Menschen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern und ihnen selbstbewusst zu begegnen.“

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik, EOS, Sankt Ottilien 2018, 464 Seiten, 19,95 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 9/2018.

Heimat – Identität – Glaube

Hartmut Koschyk legt Rechenschaft ab – und die ungarische Botschaft lud in Berlin zur Buchvorstellung

Nach 27-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag hat Hartmut Koschyk im vergangenen Jahr seine hauptamtliche Tätigkeit in der Bundespolitik beendet. Aus diesem Anlass hat der CSU-Politiker ganz persönlich Rechenschaft abgelegt: über sein Wirken in den vergangenen Jahrzehnten – sowie über Grundfragen und leitende Motive dieses Engagements.

Hartmut Koschyk bei der Buchvorstellung in Berlin
(Foto: Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland)

„Heimat – Identität – Glaube“ – unter diese drei Begriffe hat Koschyk sein frisch erschienenes Buch gestellt, das am 29. Januar auf Einladung von Botschafter Dr. Peter Györkös in der Ungarischen Botschaft in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auf 464 Seiten bietet die Monographie mehr als einen grundlegenden Beitrag über „Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“, wie es der Untertitel ankündigt; vielmehr formuliert Hartmut Koschyk aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in der Vertriebenen-, Aussiedler- und Volksgruppenpolitik zugleich weiter ausgreifende Grundeinsichten in die Struktur des politischen Raums und legt ein Bekenntnis ab für eine wertegebundene Politik, die sich den drei Leitbegriffen des Buchtitels verpflichtet sieht.

Dabei „schimmert“ zudem „die Liebe zu den Menschen“ durch, denen Koschyks Engagement – wie der reformierte Theologe und ungarische Minister für Humanressourcen Zoltán Balog in seiner Festrede erklärte – stets gegolten hat. Und so erscheint es nur angemessen, dass drei Repräsentanten der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in die ungarische Botschaft gekommen waren, um den Autor und sein Buch zu würdigen: der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, sowie der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida.

Alle Redner hoben aus der je eigenen Perspektive die zentrale Bedeutung des Glaubens im Zusammenhang mit „Heimat“ und „Identität“ hervor: In der Nachkriegszeit, so hielt etwa der studierte katholische Theologe Bernard Gaida fest, habe der Glaube geholfen, „Leid zu ertragen“, während er heute den Weg zur Aussöhnung eröffne. Bernd Posselt warnte eindringlich vor der Gefahr, dass Glaube lediglich zur „Requisite der Identität werde“; demgegenüber gehe der Glaube nicht in Traditionspflege auf, sondern müsse Salz und Sauerteig Europas bleiben. So könne etwa das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, als nachhaltige Begründung für den Minderheitenschutz gelesen werden.

Hartmut Koschyk selbst nutzte seine abschließenden Dankesworte, um drei konkrete Forderungen für die Weiterentwicklung der Minderheitenpolitik zu formulieren: Während er die angehenden Koalitionsfraktionen an das Versprechen erinnerte, ein Expertengremium für Fragen des Antiziganismus zu schaffen, forderte er die anwesenden Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Europäischen Bürgerinitiative „Minority SafePack“ auf. Für die zukünftige Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten regte er schließlich an, diesen Aufgabenbereich „inhaltlich und organisatorisch“ noch zu erweitern.

Tilman Asmus Fischer

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik. EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2018. Paperback, 464 S., ISBN 978-3-8306-7881-6, € 19,95.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

Heimatpolitik – Erika Steinbach zum 70. Geburtstag

Heimat-Begegnungen (9)

In diesen Tagen vollendet die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach MdB, ihr 70. Lebensjahr. Wie kaum eine andere politische Größe hat sie in den vergangenen beiden Dekaden Einfluss auf den Diskurs um den ostdeutschen Heimatverlust genommen. Grund genug, mit ihr über Heimat als Motiv politischen Engagements und die politische Zukunft der Heimatarbeit zu sprechen.

Seit zwei Jahrzehnten sind Sie als Partei- und Verbandspolitikerin auf Bundesebene aktiv. Wenn wir einmal vom politischen Tagesgeschäft absehen, was bedeutet Ihnen Heimat persönlich?

Heimat ist für mich ein Ort der Geborgenheit, der Vertrautheit. Und für mich ganz persönlich ist Heimat emotional am Ende immer meine Mutter gewesen. Sie war der konstante Punkt. Wir waren ständig unterwegs: Von Westpreußen über die Ostsee nach Schleswig-Holstein, dann Berlin, dann Hanau und jetzt Frankfurt. Vor allem meine ersten Lebensjahre sind geprägt vom ständigen Wechsel. Und da war mein Heimatgefühl auf meine Mutter fokussiert. Sie war, wie in so vielen Familien, in denen die Männer noch in Kriegsgefangenschaft waren, diejenige, die unsere Familie zusammengehalten hat. Das habe ich aber nach ihrem Tod erst wirklich gespürt.

Insofern spiegelt sich in Ihrem persönlichen Schicksal die Gesamtproblematik des deutschen Vertriebenenschicksals. Wann wurde das Bewusstsein hierfür Motivation zu politischem Engagement in Sachen Heimat?

Mein Engagement begann eigentlich erst, als ich in den Bundestag gewählt und gefragt wurde: „Wollen Sie in der Gruppe der Vertriebenen der CDU/CSU-Fraktion mitarbeiten?“ Ich war bereits Mitglied der Union der Vertriebenen in der CDU und so habe ich selbstverständlich zugesagt. In Frankfurt engagierte ich mich damals sehr für den deutsch-jüdischen Dialog und bin seit dem auch Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Zu dieser Zeit begegnete mir einmal eine alte Dame, die sagte: „Frau Steinbach, sie kümmern sich immer um die jüdischen Schicksale. Sie sollten sich aber auch einmal um die Schicksale der Vertriebenen kümmern.“ Und sie erzählte mir, wie sie einem jungen Journalisten erstmals berichtete, was sie im Krieg erleben und erleiden musste. Daraufhin erwiderte der Journalist nur flapsig: „Hat ihnen aber doch nicht geschadet. Sie sind ja über 80 Jahre geworden.“ Das fand ich so entsetzlich, dass ich mir dachte: Da muss man sich engagieren, um deutlich zu machen, was Menschenwürde und Menschenrechte sind. Und was Deutschen, die geographisch einfach auf der falschen Seite gelebt haben, widerfahren ist.

Hierüber kann man sich in den ostdeutschen Landesmuseen und den Ausstellungen der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ informieren. Erhalt und Ausbau der Museen bzw. die Stiftungsgründung waren Kernthemen der Vertriebenenpolitik und Ihres persönlichen Einsatzes in den vergangenen Jahren. Neben diesen großen Institutionen bestehen unzählige Heimatstuben und -sammlungen als Erinnerungsorte an die ostdeutsche Heimat und die Vertreibung. Demographische Entwicklungen stellen viele von ihnen vor existenzielle Probleme. Was empfiehlt der Bund der Vertriebenen den Trägern zu tun, wenn Heimatstuben nicht mehr fortgeführt werden können?

Sehr häufig werden die Heimatstuben mit hoher persönlicher Hingabe von Einzelpersonen geführt. Wenn diese ihr Engagement nicht fortführen können, besteht die Gefahr, dass die Angehörigen gleich alles in den Müll entsorgen. Eigentlich haben wir als Verband keinen Zugriff auf diese Sammlungen, da es sich um Privatinitiativen handelt. Aber wir empfehlen, die Stücke entweder ins Bundesarchiv zu übergeben oder den Landsmannschaften zur Verfügung zu stellen. Auch hat sich auf unsere Anregung hin das Bundesinstitut in Oldenburg mit der Thematik beschäftigt und eine Handreichung vorgelegt.

Solche Publikationen und etwa der Baubeginn für das Dokumentationszentrum der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sind wichtige Zeichen dafür, dass die Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit nicht nur aus der Vergangenheit lebt, sondern bewusst ihre eigene Zukunft gestalten kann. Was ist Ihre Vision für Vertriebenenpolitik im 21. Jahrhundert? Was sind Herausforderungen und Chancen der ostdeutschen Heimatarbeit?

Unabhängig davon, dass noch sehr viele Zeitzeugen leben, die unter ihren Traumata leiden, und die Forschung ergeben hat, dass auch die Kinder und Enkel traumatisch geprägt sind, wird die zentralen Aufgabe sein, das kulturelle Erbe zu bewahren, auszubauen und ins Bewusstsein zu rufen. Darauf legen schon heute die meisten Landsmannschaften einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie sind die originären Träger; sie haben die beste Kenntnis von den Heimatorten und eine so innige Verbindung zu ihnen. Diese übertragen sie oft nicht auf die Kinder – die manchmal keine Lust haben –, aber auf die Enkelkinder, weil diese oft neugieriger sind.

Denken Sie, dass die Vertriebenenverbände unter den Jüngeren auch verstärkt Menschen gewinnen können, die keinen familiären Bezug zum historischen Ostdeutschland und den deutschen Siedlungsgebieten in Ostmitteleuropa haben?

Der BdV sagt: Jeder kann Mitglied werden, der sich der Thematik zuwendet. Und vor dem Hintergrund des Generationswechsels sollten wir alles daran setzen, offen auf die Menschen zuzugehen. Es gibt leider auch Gruppen in unserem Verband, die sich absetzen und immer nur untereinander reden. Das kann helfen und tröstend wirken, wenn man viele traumatische Erfahrungen hatte, trägt aber nicht dazu bei, dass wir andere für das Thema interessieren. Da sind gerade die Schulen als Multiplikatoren unverzichtbar.

In den vergangenen Jahren waren es vor allem die Unionsparteien, die sich in vertriebenenpolitischen Fragen etablierten und damit dieses Politikfeld dominieren konnten. Besteht Hoffnung, dass sich zukünftig auch ein breiteres politisches Spektrum für diese Fragen aufgeschlossen zeigt?

Es kommt auf die einzelnen Personen an, mit denen man an der Parteispitze in den jeweiligen Bundesländern zu tun hat. In Bayern beispielsweise zeigen sich neben dem herausragenden Engagement der CSU für die Vertriebenen auch die SPD und die Freien Demokraten sehr engagiert. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es mit an uns liegt, mit allen Parteien in ein sehr offenes, konstruktives Gespräch zu kommen.

Insbesondere gemeinsam mit dem leider zu früh verstorbenen Sozialdemokraten Peter Glotz konnten Sie einiges in diese Richtung erreichen. 2012 haben Sie eine weitere Amtszeit als BdV-Präsidentin angetreten und im Herbst kandidieren Sie erneut für den Deutschen Bundestag. Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Vertriebenenpolitik als Abgeordnete in der kommenden Legislaturperiode und als Verbandspräsidentin?

Mit unserer BdV-Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen will ich dauerhaft landauf landab für das Thema sensibilisieren. Genauso wichtig ist mir aber, die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung positiv zu begleiten. Es reicht ja nicht, die konzeptionellen Papiere in der Hand zu haben. Sondern es kommt am Ende darauf an, was in der Ausstellung aus den Papieren gemacht wird. Da müssen wir allesamt das Augenmerk drauf legen, und unsere Stiftungsratsmitglieder machen das auch wachsam. Wir müssen aber auch dankbar anerkennen, dass es eben diese Stiftung nun endlich gibt. Das Deutschlandhaus im Herzen von Berlin ist ein guter Ort, denn es ist seit Jahrzehnten mit dem Thema der Vertriebenen verbunden. Vor dem Hintergrund bin ich auch mit dem Standort sehr zufrieden und hoffe, dass es jetzt möglichst zügig vorangeht. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Dauerausstellung auf beinahe 3000 Quadratmetern in der nächsten Legislaturperiode eröffnet werden kann.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 7/2013.

Heimat neu denken – der ‘grüne’ Heimatbegriff

Heimat-Begegnungen (8)

Im Dezember 2011 veranstaltete Bayerns grüne Landtagsfraktion einen „Heimatkongress“ und fragte: „Was bedeutet ‘Heimat’ für uns Grüne?“ Über das neue Heimat-Konzept spricht in dieser Ausgabe Margarete Bause MdL, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag.

Was war vor einem Jahr die konkrete Motivation, das Thema ‘Heimat’ auf die Agenda zu setzen?

Es war einerseits die Erfahrung, dass Heimat immer mehr thematisiert wird, dass die Sehnsucht danach dazu zu gehören, der Wunsch sich beheimatet zu fühlen, immer größer wird, je schneller die Welt wird, je flexibler man sein muss. Andererseits gibt es gerade in Bayern eine alternative Heimat-Bewegung, ausgehend von der bayerischen Volksmusik. Sie setzt sich sehr munter und humorvoll über die traditionellen Vorgaben hinweg und schreibt aufmüpfige Texte, kritisiert die Regierenden, den Bauernverband, die Großkopferten, etc., also diejenigen, die Heimat für sich gepachtet zu haben glauben. Der dritte Punkt ist natürlich, dass der Heimatbegriff in Bayern nach wie vor politisch umkämpft ist und die CSU hier die Definitionsmacht beansprucht. Die würden gerne verbindlich bestimmen, was Heimat ist, wer dazugehört und wer nicht. Hier einen Kontrapunkt zu setzen und Heimat modern und weltoffen zu definieren, das war und ist unsere Motivation.

Marcel Huber (CSU), bayerischer Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, hat versucht, das Heimatverständnis der CSU mit den Worten abzugrenzen: „… die Leute, die sich der CSU verbunden fühlen, reden auch nicht darüber. Die leben Heimat einfach.“ Fehlt dem konventionellen Heimatbegriff die Intellektualität oder dem modernen die emotionale Dimension?

Der moderne Heimatbegriff ist auch ein emotionaler, weil er ja genau aus dem Gefühl der Verbundenheit kommt, aus dem Wunsch nach Nähe und Vertrautheit, aber eben die Begrenzungen und Ausgrenzungen nicht mehr akzeptiert. Von daher knüpft er an die Erfahrung des Beheimatet-Seins, des Sich-zuhause- und Verstanden-Fühlens an, aber denkt Heimat eben nicht mehr als etwas, in das man hineingeboren wird und was dann so bleibt, wie man es vorgefunden hat. Der moderne Heimatbegriff ist ein aktiver: Man wird nicht nur durch Schicksal in eine Heimat geboren und wenn man weggeht, hat man die Heimat verloren. Sondern Heimat ist da, wo ich meine Umgebung gestalten kann, wo ich Verantwortung übernehmen kann. Heimat ist da, wo es mir nicht egal ist, was um mich herum passiert. Heimat muss man sich schaffen.

Kann nicht eine stärkere Artikulation gerade eines solchen Verständnisses von Heimat der sogenannten Politikverdrossenheit entgegenwirken? Die Menschen zu politischem Engagement motivieren?

Auf jeden Fall! Da geht es ganz konkret um eine Kultur des Mitmachens: Ich bin Teil der Gesellschaft und kann mitentscheiden, wie es in meiner Heimat ausschaut. Ob da eine Straße oder ein Radweg gebaut wird, ob ein Einkaufszentrum auf die grüne Wiese kommt oder wir Bäcker, Metzger und Gasthaus im Ort unterstützen, ob ich mich bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in einer Flüchtlingsinitiative engagiere … Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen – es geht um direkte Demokratie. Daher haben Heimat und Demokratie sehr viel miteinander zu tun.

Ließe sich in diesem Sinne auch die aktuelle Krise der europäischen Identität bewältigen, wenn wir uns stärker auf ein Europa der Regionen besinnen und die Brücke schlagen zwischen der Staatengemeinschaft und der Lage in der konkreten Lebensumwelt?

Die europäische Solidarität ist für mich die andere Seite der Medaille: auf der einen Seite die Stärkung von regionalem Zusammenhalt, von Subsidiarität. D. h., dass man vor Ort entscheidet, was auch vor Ort zu entscheiden ist, und nicht die politische Verantwortung immer weiter wegschiebt. Und auf der anderen Seite europäische Solidarität statt nationalem Egoismus oder Neoliberalismus. Nehmen Sie das Beispiel Wasser. Da gibt es im Moment ja eine starke europäische Bürgerbewegung gegen den Versuch, das Grundrecht auf Wasser zu privatisieren und damit den Zugang zu sauberem Wasser vom Geldbeutel abhängig zu machen und in die Hände von großen Wasserkonzernen zu legen. Es geht um ein Menschenrecht, das auf europäischer Ebene gesichert, aber lokal gelebt und verteidigt werden muss. Direkte Demokratie funktioniert umso besser, je näher die Fragen das persönliche Umfeld berühren. Und genau das bestätigt eine europäische Bürgerinitiative, die europaweit mittlerweile über 1 Million Unterschriften für das Grundrecht auf Wasser gesammelt hat. Hier findet genau diese Verbindung von Subsidiarität und Solidarität statt. Oder anders gesagt: lokal handeln, global denken.

Sollten diese Zusammenhänge durch die Politik stärkere Betonung finden, um die Bürger zu aktivieren?

Unbedingt! Denn Europa ist der Rahmen, den wir als einzelne Nationalstaaten und Regionen brauchen, um bestimmte Dinge auch im globalen Maßstab verteidigen zu können. Europa ist ein sehr guter Lernort für den Wert von Vielfalt und den Respekt vor der Verschiedenheit. Es geht um den Reichtum unserer verschiedenen Sprachen und Kulturen und um die Frage, wie man unsere Kultur der Vielfalt gegenüber Versuchen der Vereinheitlichung durch die Globalisierung schützen kann. Wie schaffen wir es, die Regionalität, die verschiedenen Heimaten zu bewahren und gleichzeitig als solidarische Gemeinschaft im globalen Maßstab unsere Interessen zu vertreten?

Wir hatten in den letzten Jahren diverse Integrationsdebatten. Wo kann Heimat, im Sinne der von Ihnen angesprochenen Vielfalt, als Integrationsfaktor vor Ort wirksam werden?

Das hat vor allem mit den Treffpunkten und den Möglichkeiten sich einzumischen zu tun. Wer ist zum Beispiel im Trachtenverein – nur die wichtigsten Männer im Ort oder auch die Eingewanderten und gleichberechtigt Frauen wie Männer? Es ist wichtig, dass in den Vereinen und Gemeinschaften jede und jeder willkommen ist, die oder der vor Ort Verantwortung für unser Gemeinwesen übernehmen will. Das sind dann auch die Labore der Multikulturalität, die Erfahrung, dass es einen auch persönlich bereichert, wenn man sich Neuem öffnet. Plötzlich kommt eine neue Inspiration durch Menschen, die die Dinge anders wahrnehmen. Ungewohnte Kombinationen und Perspektiven entstehen. Gemeinsam was Neues ausprobieren, Widerstände zu überwinden, das vermittelt ein starkes Gefühl von Gemeinschaft. Auch Konflikte, wenn man sie konstruktiv angeht, haben sehr viel stärker die Kraft zur Integration, als wenn man zur Harmonie gezwungen ist. Wenn man sich, wie wir in Bayern sagen, „zusammenrauft“, die Unterschiede klar ausspricht, miteinander ringt und dann was neues Gemeinsames findet – dann entsteht zum einen persönliche Identität und zum anderen Gemeinschaft.

Also tut vor allem eine Demokratisierung des Heimatbegriffs Not?

Eine Demokratisierung, eine Öffnung und eine Entideologisierung. Das sind die zentralen Punkte für einen modernen Heimatbegriff. Einen Heimatbegriff, der nicht in der Vergangenheit wurzelt, sondern wo es darum geht, die Zukunft meines Lebensortes zu gestalten. Das war ein Fazit unseres Heimatkongresses. Oder anders ausgedrückt: Daheim ist, wo man einen Wert hat.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 5/2013.

Auf ein Wort: „Heimat“ – eine Zwischenbilanz

Vor etwa einem Jahr eröffneten einige Landesverbände der Grünen Debatten über den Begriff und die heutige Bedeutung von Heimat. Damit wandten sich die Grünen einem Thema zu, das gerade für die Deutschen aus dem Osten von zentraler Bedeutung ist. Das Vorhandensein nicht zwingend gemeinsamer Positionen, zumindest jedoch gemeinsamer Berührungspunkte in der Fragestellung, sollten wir wahrnehmen und den Dialog suchen! Dass dies möglich ist, zeigt etwa die Fortsetzung der Gespräche zwischen dem BdV in Bayern und der dortigen Landtagsfraktion der Grünen im Mai 2012.

Angesichts solcher positiver Signale entstand im Frühjahr 2012 die Idee, auch unsererseits etwas zur Debatte darüber beizutragen, was Heimat bedeutet und welche aktuell virulenten Themenfelder sich hiermit verbinden, auch über die Geschichte des historischen Ostdeutschlands und der Vertreibung hinaus. Die ersten Ergebnisse dieses Vorhabens konnten Sie in den vergangenen Monaten in der Gesprächsreihe „Heimat-Begegnungen“ verfolgen, die auch in Zukunft fortgesetzt wird.

Insgesamt machen die Gespräche deutlich, dass wir durch „Fortschritt“ und „Modernisierung“ in einer Zeit angekommen sind, in der sich die Bedeutung von „Heimat“ stark wandelt – der Philosoph Karol Sauerland brachte es auf den Punkt: „Wenn etwas verloren geht, wird viel darüber gesprochen“. Wir befinden uns in einer Entwicklung, in der einerseits die (Er)lebbarkeit von Heimat vor ganz neuen Herausforderungen steht: Beschleunigung, Digitalisierung, Veränderung der natürlichen und sozialen Umwelt… Andererseits werden neue Formen gesucht und gefunden, Heimat wiederzubeleben – das machte etwa das Gespräch mit der Unterhaltungskünstlerin Marita Köllner deutlich, die zeigte, wie das regionale Brauchtum in Köln seinen Weg ins 21. Jahrhundert geht. Was aber hat das mit „uns“ zu tun? Vertriebene und Flüchtlinge – aller Nationen – sind auf tragische Weise Experten rund um Heimat und Heimatverlust geworden. Die „Heimat-Begegnungen“ sollen Querverbindungen innerhalb des großen Themenkomplexes „Heimat“ aufzeigen und dazu anregen, dieses Wissen zu vernetzen und für die Allgemeinheit fruchtbar zu machen.

Welchen Weg der Heimat-Diskurs in den vergangenen Monaten aus Sicht der Grünen genommen hat, werden Sie demnächst in dieser Zeitung lesen können, da ein Gespräch mit der Grünen-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Margarete Bause, erscheinen soll.

Tilman A. Fischer
Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 3/2013.

Archive als Wissensspeicher und Identitätsstifter

Heimat-Begegnungen (7)

Seit der deutsch-polnischen Annäherungspolitik sind die kommunalen Archive des historischen Ostdeutschlands für Vertriebene und Landeskundler wieder frei zugänglich. Was jedoch der Verlust eines Archives für das Wissen um die eigene Heimat und Geschichte bedeutet, erlebte Deutschland vor genau vier Jahren, als das Historische Archiv der Stadt Köln am 3. März 2009 im Boden versank. In der aktuellen Ausgabe lesen Sie daher Fragen zu Heimat als Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses an den Vorstandsvorsitzenden der „Stiftung Stadtgedächtnis“, den Historiker und Ex-Banker Dr. Stefan Lafaire. Die Stiftung der Stadt Köln, des Landes Nordrhein-Westfalen, der Evangelische Kirche im Rheinland und des Erzbistums Köln hat sich die Restaurierung der Archivalien zum Ziel gesetzt.

Was bedeutet ein Archiv als Erinnerungsort für die Menschen? Trägt es zum Bewusstsein für die eigene Heimat bei?

Auf jedem Fall ist ein Archiv als Erinnerungsort oder Sammelort für Erinnerung ein Stück Heimat. Es ermöglicht jeder Genration den unmittelbaren Zugang zu den Quellen der Vergangenheit und bewahrt die Individualität des jeweiligen Ortes auf. Insofern ist es natürlich sehr wichtig, diese eigene Geschichte und ihre Dokumente zu erhalten.

Und das Archiv bewahrt letztlich den Menschen die Deutungshoheit über die Geschichte ihrer Stadt und Region und damit ihre eigene Geschichte.

Es gibt jeder Generation die Möglichkeit, selber von den Quellen Rückschlüsse zu ziehen und nicht die Interpretation der vorhergehenden Generation übernehmen zu müssen. Deshalb ist das Archiv eine demokratische Institution, da es die Freiheit schafft, sich dort die Informationen eigenständig zusammenzusuchen, die ja auch nicht vorsortiert oder thematisch geordnet sind. Jeder kann dort an den Originalstücken neu Geschichte schreiben…

… und sich selbst seiner eigenen Identität und Zugehörigkeit zur Region vergewissern.

Absolut: Die meisten Nutzer der Archive sind Familienforscher. Die gucken, was ihre eigene Identität, ihre Familie ist, wo sie herkommen. Gerade auch bei jungen Leuten ist der Wunsch ganz stark, sich der eigenen Vergangenheit, der Vergangenheit der Familie, seiner eigenen Herkunft zu versichern und zu erfahren, wo man eigentlich herkommt.

2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln zusammen. Wie reagierten die Bürger?

Zunächst einmal mit Entsetzen über die beiden Menschen, die dabei ums Leben gekommen sind. Und dann wurde man sich eigentlich erst bewusst, welche außergewöhnlichen Bestände das Historische Archiv der Stadt Köln hat: Aufgrund der mittelalterlichen Bedeutung der Stadt trägt es nicht nur die Erinnerung Kölns, sondern beinhaltet in Dokumenten eine über 1000jährige Geschichte für ganz Europa.

Damit auch für die einzelnen Regionen Europas.

Köln war eine der großen Handelsmetropolen im Mittelalter. Deshalb liegen dort unter anderem auch Teile des Hansearchivs, die 1593 nach Köln in Sicherheit gebracht wurden – also ganz wichtige Dokumente. Oder auch Urkunden zur Geschichte des Deutschen Ordens, der als international agierender Orden auch im Rheinland Niederlassungen hatte.

Wird somit am Kölner Archiv auch nachvollziehbar, dass Europa eigentlich schon immer mehr war als kleine isolierte Landschaften, die für Menschen Heimat waren, sondern auch ein Beziehungsnetz unterschiedlicher Regionen?

Ein ganz enges Beziehungsnetz, eng verflochten. Das geht los mit den mittelalterlichen Kunstwerkstätten, die in Köln waren. Heute findet man überall auf der Welt in jeder Mittelalterabteilung Kunstwerke, die die Handschrift der Kölner Schule tragen. Auch Hans Memling, dessen „Jüngstes Gericht“ im Danziger Nationalmuseum hängt, hat sich bei seinem Reliquienschrein der Heiligen Ursula in Brügge intensiv mit Kölner Geschichte befasst. Damals war Kunst aus Köln prägend für die ganze christliche Welt und auch in späteren Zeiten war der Handel und der politische Einfluss in ganz Europa präsent.

Insofern ist der Verlust eines Archives an einem Ort auch ein Verlust für viele andere Regionen, an die man im ersten Moment vielleicht gar nicht denkt.

Richtig – in den Archiven finden sich ja viele Querverweise und nicht nur lokale Stücke. Man muss dann suchen, wo historische Beziehungen vorhanden sind und in welchen Archiven daher die entsprechenden Dokumente liegen können.

Seit 2011 sind Sie Vorstandsvorsitzender der Stiftung Stadtgedächtnis. Wie versuchen Sie, den Bürgern zu vermitteln, dass die Archivalien große Bedeutung für sie persönlich und ihre Heimat haben?

Es konnten ja zum Glück 95 % der Archivalien geborgen werden, die jedoch zu 100 % restaurierungsbedürftig sind. Nun geht es darum, aufzuzeigen, welche Schätze darin liegen. Vom Kleingartenverein bis in die internationale Politik. Von mittelalterliche Schätzen, über Konrad Adenauers weitsichtige städtebauliche Konzeption, bis hin zu privaten Nachlässen. Es gibt eigentlich für jeden etwas Interessantes in dem Archiv und das versuche ich immer zu zeigen: Auch für Sie ist etwas enthalten, was für Sie wichtig ist.

Neben dem Amt in der Kölner Stiftung lehren Sie unter anderem an der Zeppelin Universität für Wirtschaft, Kultur und Politik in Friedrichshafen. Zurzeit geben Sie dort ein Seminar zum Thema „Archiv – Die Organisation des Vergessens“. Worum geht es genau?

Es geht darum, mit jungen Menschen darüber zu diskutieren, wie wichtig Erinnern ist, um die eigene Persönlichkeit zu konstituieren. Dass Erinnern und Wahrheit nicht unbedingt zusammenfallen müssen, sowohl im individuellen, wie auch im kollektiven Gedächtnis. Wie funktioniert überhaupt kollektives Gedächtnis? Wie wird Geschichte tradiert? Ist mündliche Überlieferung weniger geschichtstreu als schriftliche Überlieferung?

Letzte Frage wird in der Geschichtswissenschaft viel diskutiert. Welchen Wert haben subjektive Zeitzeugenberichte, die meist auch Einblicke in das regionale, lokale Umfeld des Zeitzeugen – seine Heimat – vermitteln?

Zunächst ist die Frage: Werden solche Zeitzeugendokumente aufgefangen? Aber in einem Archiv sind natürlich auch persönliche Tagebücher und Straßeninterviews erhalten. Diese runden das Bild ab. Und es gibt nicht die Einheitsmeinung, die offiziell gelehrte. Sondern es gibt sicher zu jedem historischen Ort und Moment ganz vielfältige Wahrnehmungen. Die werden von jedem ganz individuell anders sein. Aber zusammengenommen und mit historischem Abstand betrachtet, lassen sie ein Gesamtbild erahnen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 3/2013.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – theologische Überlegungen

Heimat-Begegnungen (6)

„Unsere Heimat aber ist im Himmel“ schreibt der Apostel Paulus an die Philipper – brauchen Christen also keine Heimat auf Erden? Unsere Lebenserfahrungen sagen uns, dass dem nicht so ist. Sie zeigen uns aber auch: Glaube und religiöse Werte prägen unser Leben im Diesseits – geben uns Orientierung und strukturieren das Zusammenleben. Sie tragen dazu bei, dass wir Heimat finden. Dr. Dominik Klenk, Leiter des Basler Brunnen Verlags, war über Jahre Prior der ökumenischen „Offensive Junger Christen“, die sich für einen Bewusstseinswandel in und außerhalb der Kirchen einsetzt und sich dem „Miteinander von gemeinsamem Leben, geistig-geistlicher Reflexion und gesellschaftlichem Wirken“ verpflichtet sieht.

Herr Klenk, die Kirchen verstehen sich als weltweite Gemeinschaft, die Kirchengemeinden als Gemeinschaften vor Ort – ist das heutzutage romantisch und weltfremd, oder doch noch ein tragfähiges Konzept, das den Menschen Halt geben kann?

Gemeinschaft ist ein Ankerpunkt, vermutlich ein sehr zeitüberdauernder Ankerpunkt, was das Thema Heimat angeht. Heimat verinnerlicht sich zweifelsfrei in konkreten Orten. Aber unsere Zeit lehrt uns, dass Orte kommen und gehen. Migrationen gehörten immer schon zu menschlichem Leben. Was heute neu ist, ist die Mobilität, also ein beschleunigtes Leben, das uns immer häufiger Ortswechsel vornehmen lässt. Dann drängt sich die Frage auf: was beheimatet mich, wo bin ich beheimatet? Gemeinschaft, tragfähige Beziehungen, das ist natürlich immer ein Anfang, um sich wieder neu zu verankern, um zu sich selbst zu kommen, um sich fallen zu lassen. Ich bin der Überzeugung, dass Gemeinschaft etwas sehr kostbares und zerbrechliches ist, das gepflegt werden muss. Auf der anderen Seite auch etwas sehr kraftvolles und vitales. Denn wer in tragfähige Beziehungen verwoben ist, hat immer einen Ausgangspunkt, um sich auch an einem neuen Ort auf Menschen einzulassen …

… und die Beziehung zum gemeinsamen Glauben macht es möglich, Menschen zu finden, die aufgrund des Bekenntnisses ebenfalls wieder Anknüpfungspunkte bieten.

Auf jeden Fall. Ich denke, man braucht Gehilfen, die einem Türen öffnen, und zwar konkrete Türen – Haustüren – ebenso wie kulturelle Türen, um sich an Orten neu zu verwurzeln und einen vorhandenen Raum als künftige Heimat zu gewinnen. Psychohistorisch gesehen ist das Paradigma unserer Zeit das Paradigma der Beschleunigung. Das heißt, wir leben in einer Zeit, die unmerklich das psychosoziale Leben beschleunigt. Und gegenüber dieser Beschleunigung braucht es Ankerpunkte, um einfach nicht den Halt und damit letztlich die Orientierung zu verlieren. Dabei ist das Gestalten von konkreten Räumen, das Gestalten von Zuhause – das Einwurzeln – meines Erachtens ein ganz entscheidender Punkt, der aber weithin unterschätzt wird. Gerade die junge Generation lebt zuweilen nach dem Motto: „Zu Hause bin ich, wenn ich meinen Laptop dabei habe.“ Da ist was dran: Heute kann man durch die ‘neuen Medien’ ein relativ flexibles Netzwerk aufbauen, mit dem man in Kontakt treten und bleiben kann. Aber das ist noch nichts, was wirklich belastbar wäre. Davon bin ich überzeugt. Das erfährt man zum Beispiel, wenn man beginnt, Kinder zu haben: Kinder sind eben nicht in digitalen Welten zuhause, auch wenn man das werbetechnisch gerne suggeriert. Sondern sie sind dort zuhause, wo ein stabiles Beziehungsumfeld und stabile konkrete Schutzräume vorhanden sind…

… also Ehe und Familie im christlichen Sinne.

Diese Art Heimat, Schutz- und Ruheräume, die Kinder brauchen, können sich in ihrer ganzen Größe und Tragkraft nur in Konstellationen entfalten, wie wir sie in Ehe und Familie vom christlichen Menschenbild her ableiten. Weil ansonsten etwas Entscheidendes fehlt: Zum Beispiel der Vater oder die Mutter oder die Mehraltrigkeit, sprich verschiedene Generationen, die nötig sind, um ein Kind in einem Generationengeschehen zu verwurzeln.

Zur Zeit erfährt das Familienbild in unserer Gesellschaft und vor allem in der Tagespolitik eine gewisse ‘Wandlung’. Bedeutet diese sich ankündigende Umdefinition von ‘Familie’ auch einen Heimatverlust?

Sicherheit und Orientierung hängen damit zusammen, dass es so wie beim Kompass einige unumstößliche Linien gibt: Nord, Süd, West, Ost. Einen Kompass für das menschliche Zusammenleben zu haben bedeutet, dass man unterscheiden kann zwischen Mann und Frau, zwischen Großvater und Enkel, zwischen verheiratet und unverheiratet. Und wenn diese Orientierungspunkte nivelliert werden im Sinne einer Ideologie, die sagt: „Wir konstruieren unsere Wirklichkeit, wie sie uns passt“, wenn also Geschlechter- und Generationsgrenzen verschwimmen, dann verliert man natürlich die Bezugsgrößen, die das Leben in ihrem Reichtum erst gestalten können, weil sie eben einen Unterschied machen, Spannungsfelder ertragen und nicht alles auf Gleichgültigkeit hin ausrichten.

Das sind die Herausforderungen, die unsere Gesellschaft an die weltliche Heimat stellt – wie jedoch steht es mit der himmlischen Heimat, die uns Menschen prophezeit ist? Provokant gefragt: Macht nicht die himmlische Heimat für einen gläubigen Christen die weltliche Heimat überflüssig?

Wir sind dieser Welt mit einer gewissen Schwerkraft verhaftet. Die kann man physikalisch messen. In der geistlichen Dimension kann man es etwa so ausdrücken: Wir leben nach dem Sündenfall nicht mehr im selben Raum und der selben ungebrochenen Nähe zum Schöpfer. Dennoch dürfen wir ganz gewiss sein: Was hier und heute stattfindet, gehört in den Raum des Vorletzten. Demgegenüber gibt es einen Raum des Letzten und der hat seit Golgatha und Auferstehung wieder Ewigkeitscharakter. Und darum kann Paulus – mit der Jahreslosung für 2013 – an die Hebräer schreiben: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 14). Das ist vollkommen richtig und erinnert daran: Der Horizont der Ewigkeit ist das Ziel, auf das wir zuleben. Trotzdem ist ihm sehr wohl bewusst, dass wir im Hier und Jetzt das Bedürfnis haben nach Heimat, das Bedürfnis haben nach Sicherheit – und es ist ein lauteres Bedürfnis. Aber es ist nicht ein Bedürfnis, das unsere gesamte Energie, Konzentration und Anstrengung in Anspruch nehmen soll. Denn wir leben ja auf das Kommende hin. Wir leben im Vorletzten unter den Bedingungen der Schwerkraft dieser Welt, aber wir erleben immer mal schon Momente mit Ewigkeitswert, die uns an unsere himmlische Heimat erinnern. Etwa im Staunen über einen Sonnenaufgang, ein Moment besonderer Ursprünglichkeit. Oder Momente in denen uns selbstlose Liebe begegnet, Momente der Versöhnung zwischen Menschen u.a. Dieses „schon jetzt, aber eben noch nicht ganz“ zu gestalten braucht Spannkraft, aber es ist eben auch das große Vorrecht von Christen, solche Momente mit dem Zukünftigen hoffnungsvoll verbinden zu können: Christus läuft uns vom Ende der Tage mit ausgestreckten Armen entgegen. Das ist ein ungeheurer Trost.

Ist somit die Gestaltung der irdischen Heimat schon der Weg hin zur himmlischen Heimat?

Romano Guardini hat es einmal so ausgedrückt: „Gastfreundschaft heißt, einander Rast gewähren auf dem Weg zum ewigen Zuhause.“ Einander ein Stück Heimat geben, das ist ein kleines Angeld auf die Ewigkeit. Wir haben kein Patent auf solche Momente, aber sie können uns immer wieder mal geschenkt werden.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 2/2013.