Heimatpolitik – Erika Steinbach zum 70. Geburtstag

Heimat-Begegnungen (9)

In diesen Tagen vollendet die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach MdB, ihr 70. Lebensjahr. Wie kaum eine andere politische Größe hat sie in den vergangenen beiden Dekaden Einfluss auf den Diskurs um den ostdeutschen Heimatverlust genommen. Grund genug, mit ihr über Heimat als Motiv politischen Engagements und die politische Zukunft der Heimatarbeit zu sprechen.

Seit zwei Jahrzehnten sind Sie als Partei- und Verbandspolitikerin auf Bundesebene aktiv. Wenn wir einmal vom politischen Tagesgeschäft absehen, was bedeutet Ihnen Heimat persönlich?

Heimat ist für mich ein Ort der Geborgenheit, der Vertrautheit. Und für mich ganz persönlich ist Heimat emotional am Ende immer meine Mutter gewesen. Sie war der konstante Punkt. Wir waren ständig unterwegs: Von Westpreußen über die Ostsee nach Schleswig-Holstein, dann Berlin, dann Hanau und jetzt Frankfurt. Vor allem meine ersten Lebensjahre sind geprägt vom ständigen Wechsel. Und da war mein Heimatgefühl auf meine Mutter fokussiert. Sie war, wie in so vielen Familien, in denen die Männer noch in Kriegsgefangenschaft waren, diejenige, die unsere Familie zusammengehalten hat. Das habe ich aber nach ihrem Tod erst wirklich gespürt.

Insofern spiegelt sich in Ihrem persönlichen Schicksal die Gesamtproblematik des deutschen Vertriebenenschicksals. Wann wurde das Bewusstsein hierfür Motivation zu politischem Engagement in Sachen Heimat?

Mein Engagement begann eigentlich erst, als ich in den Bundestag gewählt und gefragt wurde: „Wollen Sie in der Gruppe der Vertriebenen der CDU/CSU-Fraktion mitarbeiten?“ Ich war bereits Mitglied der Union der Vertriebenen in der CDU und so habe ich selbstverständlich zugesagt. In Frankfurt engagierte ich mich damals sehr für den deutsch-jüdischen Dialog und bin seit dem auch Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Zu dieser Zeit begegnete mir einmal eine alte Dame, die sagte: „Frau Steinbach, sie kümmern sich immer um die jüdischen Schicksale. Sie sollten sich aber auch einmal um die Schicksale der Vertriebenen kümmern.“ Und sie erzählte mir, wie sie einem jungen Journalisten erstmals berichtete, was sie im Krieg erleben und erleiden musste. Daraufhin erwiderte der Journalist nur flapsig: „Hat ihnen aber doch nicht geschadet. Sie sind ja über 80 Jahre geworden.“ Das fand ich so entsetzlich, dass ich mir dachte: Da muss man sich engagieren, um deutlich zu machen, was Menschenwürde und Menschenrechte sind. Und was Deutschen, die geographisch einfach auf der falschen Seite gelebt haben, widerfahren ist.

Hierüber kann man sich in den ostdeutschen Landesmuseen und den Ausstellungen der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ informieren. Erhalt und Ausbau der Museen bzw. die Stiftungsgründung waren Kernthemen der Vertriebenenpolitik und Ihres persönlichen Einsatzes in den vergangenen Jahren. Neben diesen großen Institutionen bestehen unzählige Heimatstuben und -sammlungen als Erinnerungsorte an die ostdeutsche Heimat und die Vertreibung. Demographische Entwicklungen stellen viele von ihnen vor existenzielle Probleme. Was empfiehlt der Bund der Vertriebenen den Trägern zu tun, wenn Heimatstuben nicht mehr fortgeführt werden können?

Sehr häufig werden die Heimatstuben mit hoher persönlicher Hingabe von Einzelpersonen geführt. Wenn diese ihr Engagement nicht fortführen können, besteht die Gefahr, dass die Angehörigen gleich alles in den Müll entsorgen. Eigentlich haben wir als Verband keinen Zugriff auf diese Sammlungen, da es sich um Privatinitiativen handelt. Aber wir empfehlen, die Stücke entweder ins Bundesarchiv zu übergeben oder den Landsmannschaften zur Verfügung zu stellen. Auch hat sich auf unsere Anregung hin das Bundesinstitut in Oldenburg mit der Thematik beschäftigt und eine Handreichung vorgelegt.

Solche Publikationen und etwa der Baubeginn für das Dokumentationszentrum der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sind wichtige Zeichen dafür, dass die Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit nicht nur aus der Vergangenheit lebt, sondern bewusst ihre eigene Zukunft gestalten kann. Was ist Ihre Vision für Vertriebenenpolitik im 21. Jahrhundert? Was sind Herausforderungen und Chancen der ostdeutschen Heimatarbeit?

Unabhängig davon, dass noch sehr viele Zeitzeugen leben, die unter ihren Traumata leiden, und die Forschung ergeben hat, dass auch die Kinder und Enkel traumatisch geprägt sind, wird die zentralen Aufgabe sein, das kulturelle Erbe zu bewahren, auszubauen und ins Bewusstsein zu rufen. Darauf legen schon heute die meisten Landsmannschaften einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie sind die originären Träger; sie haben die beste Kenntnis von den Heimatorten und eine so innige Verbindung zu ihnen. Diese übertragen sie oft nicht auf die Kinder – die manchmal keine Lust haben –, aber auf die Enkelkinder, weil diese oft neugieriger sind.

Denken Sie, dass die Vertriebenenverbände unter den Jüngeren auch verstärkt Menschen gewinnen können, die keinen familiären Bezug zum historischen Ostdeutschland und den deutschen Siedlungsgebieten in Ostmitteleuropa haben?

Der BdV sagt: Jeder kann Mitglied werden, der sich der Thematik zuwendet. Und vor dem Hintergrund des Generationswechsels sollten wir alles daran setzen, offen auf die Menschen zuzugehen. Es gibt leider auch Gruppen in unserem Verband, die sich absetzen und immer nur untereinander reden. Das kann helfen und tröstend wirken, wenn man viele traumatische Erfahrungen hatte, trägt aber nicht dazu bei, dass wir andere für das Thema interessieren. Da sind gerade die Schulen als Multiplikatoren unverzichtbar.

In den vergangenen Jahren waren es vor allem die Unionsparteien, die sich in vertriebenenpolitischen Fragen etablierten und damit dieses Politikfeld dominieren konnten. Besteht Hoffnung, dass sich zukünftig auch ein breiteres politisches Spektrum für diese Fragen aufgeschlossen zeigt?

Es kommt auf die einzelnen Personen an, mit denen man an der Parteispitze in den jeweiligen Bundesländern zu tun hat. In Bayern beispielsweise zeigen sich neben dem herausragenden Engagement der CSU für die Vertriebenen auch die SPD und die Freien Demokraten sehr engagiert. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es mit an uns liegt, mit allen Parteien in ein sehr offenes, konstruktives Gespräch zu kommen.

Insbesondere gemeinsam mit dem leider zu früh verstorbenen Sozialdemokraten Peter Glotz konnten Sie einiges in diese Richtung erreichen. 2012 haben Sie eine weitere Amtszeit als BdV-Präsidentin angetreten und im Herbst kandidieren Sie erneut für den Deutschen Bundestag. Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Vertriebenenpolitik als Abgeordnete in der kommenden Legislaturperiode und als Verbandspräsidentin?

Mit unserer BdV-Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen will ich dauerhaft landauf landab für das Thema sensibilisieren. Genauso wichtig ist mir aber, die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung positiv zu begleiten. Es reicht ja nicht, die konzeptionellen Papiere in der Hand zu haben. Sondern es kommt am Ende darauf an, was in der Ausstellung aus den Papieren gemacht wird. Da müssen wir allesamt das Augenmerk drauf legen, und unsere Stiftungsratsmitglieder machen das auch wachsam. Wir müssen aber auch dankbar anerkennen, dass es eben diese Stiftung nun endlich gibt. Das Deutschlandhaus im Herzen von Berlin ist ein guter Ort, denn es ist seit Jahrzehnten mit dem Thema der Vertriebenen verbunden. Vor dem Hintergrund bin ich auch mit dem Standort sehr zufrieden und hoffe, dass es jetzt möglichst zügig vorangeht. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Dauerausstellung auf beinahe 3000 Quadratmetern in der nächsten Legislaturperiode eröffnet werden kann.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 7/2013.

Heimat neu denken – der ‘grüne’ Heimatbegriff

Heimat-Begegnungen (8)

Im Dezember 2011 veranstaltete Bayerns grüne Landtagsfraktion einen „Heimatkongress“ und fragte: „Was bedeutet ‘Heimat’ für uns Grüne?“ Über das neue Heimat-Konzept spricht in dieser Ausgabe Margarete Bause MdL, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag.

Was war vor einem Jahr die konkrete Motivation, das Thema ‘Heimat’ auf die Agenda zu setzen?

Es war einerseits die Erfahrung, dass Heimat immer mehr thematisiert wird, dass die Sehnsucht danach dazu zu gehören, der Wunsch sich beheimatet zu fühlen, immer größer wird, je schneller die Welt wird, je flexibler man sein muss. Andererseits gibt es gerade in Bayern eine alternative Heimat-Bewegung, ausgehend von der bayerischen Volksmusik. Sie setzt sich sehr munter und humorvoll über die traditionellen Vorgaben hinweg und schreibt aufmüpfige Texte, kritisiert die Regierenden, den Bauernverband, die Großkopferten, etc., also diejenigen, die Heimat für sich gepachtet zu haben glauben. Der dritte Punkt ist natürlich, dass der Heimatbegriff in Bayern nach wie vor politisch umkämpft ist und die CSU hier die Definitionsmacht beansprucht. Die würden gerne verbindlich bestimmen, was Heimat ist, wer dazugehört und wer nicht. Hier einen Kontrapunkt zu setzen und Heimat modern und weltoffen zu definieren, das war und ist unsere Motivation.

Marcel Huber (CSU), bayerischer Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, hat versucht, das Heimatverständnis der CSU mit den Worten abzugrenzen: „… die Leute, die sich der CSU verbunden fühlen, reden auch nicht darüber. Die leben Heimat einfach.“ Fehlt dem konventionellen Heimatbegriff die Intellektualität oder dem modernen die emotionale Dimension?

Der moderne Heimatbegriff ist auch ein emotionaler, weil er ja genau aus dem Gefühl der Verbundenheit kommt, aus dem Wunsch nach Nähe und Vertrautheit, aber eben die Begrenzungen und Ausgrenzungen nicht mehr akzeptiert. Von daher knüpft er an die Erfahrung des Beheimatet-Seins, des Sich-zuhause- und Verstanden-Fühlens an, aber denkt Heimat eben nicht mehr als etwas, in das man hineingeboren wird und was dann so bleibt, wie man es vorgefunden hat. Der moderne Heimatbegriff ist ein aktiver: Man wird nicht nur durch Schicksal in eine Heimat geboren und wenn man weggeht, hat man die Heimat verloren. Sondern Heimat ist da, wo ich meine Umgebung gestalten kann, wo ich Verantwortung übernehmen kann. Heimat ist da, wo es mir nicht egal ist, was um mich herum passiert. Heimat muss man sich schaffen.

Kann nicht eine stärkere Artikulation gerade eines solchen Verständnisses von Heimat der sogenannten Politikverdrossenheit entgegenwirken? Die Menschen zu politischem Engagement motivieren?

Auf jeden Fall! Da geht es ganz konkret um eine Kultur des Mitmachens: Ich bin Teil der Gesellschaft und kann mitentscheiden, wie es in meiner Heimat ausschaut. Ob da eine Straße oder ein Radweg gebaut wird, ob ein Einkaufszentrum auf die grüne Wiese kommt oder wir Bäcker, Metzger und Gasthaus im Ort unterstützen, ob ich mich bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in einer Flüchtlingsinitiative engagiere … Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen – es geht um direkte Demokratie. Daher haben Heimat und Demokratie sehr viel miteinander zu tun.

Ließe sich in diesem Sinne auch die aktuelle Krise der europäischen Identität bewältigen, wenn wir uns stärker auf ein Europa der Regionen besinnen und die Brücke schlagen zwischen der Staatengemeinschaft und der Lage in der konkreten Lebensumwelt?

Die europäische Solidarität ist für mich die andere Seite der Medaille: auf der einen Seite die Stärkung von regionalem Zusammenhalt, von Subsidiarität. D. h., dass man vor Ort entscheidet, was auch vor Ort zu entscheiden ist, und nicht die politische Verantwortung immer weiter wegschiebt. Und auf der anderen Seite europäische Solidarität statt nationalem Egoismus oder Neoliberalismus. Nehmen Sie das Beispiel Wasser. Da gibt es im Moment ja eine starke europäische Bürgerbewegung gegen den Versuch, das Grundrecht auf Wasser zu privatisieren und damit den Zugang zu sauberem Wasser vom Geldbeutel abhängig zu machen und in die Hände von großen Wasserkonzernen zu legen. Es geht um ein Menschenrecht, das auf europäischer Ebene gesichert, aber lokal gelebt und verteidigt werden muss. Direkte Demokratie funktioniert umso besser, je näher die Fragen das persönliche Umfeld berühren. Und genau das bestätigt eine europäische Bürgerinitiative, die europaweit mittlerweile über 1 Million Unterschriften für das Grundrecht auf Wasser gesammelt hat. Hier findet genau diese Verbindung von Subsidiarität und Solidarität statt. Oder anders gesagt: lokal handeln, global denken.

Sollten diese Zusammenhänge durch die Politik stärkere Betonung finden, um die Bürger zu aktivieren?

Unbedingt! Denn Europa ist der Rahmen, den wir als einzelne Nationalstaaten und Regionen brauchen, um bestimmte Dinge auch im globalen Maßstab verteidigen zu können. Europa ist ein sehr guter Lernort für den Wert von Vielfalt und den Respekt vor der Verschiedenheit. Es geht um den Reichtum unserer verschiedenen Sprachen und Kulturen und um die Frage, wie man unsere Kultur der Vielfalt gegenüber Versuchen der Vereinheitlichung durch die Globalisierung schützen kann. Wie schaffen wir es, die Regionalität, die verschiedenen Heimaten zu bewahren und gleichzeitig als solidarische Gemeinschaft im globalen Maßstab unsere Interessen zu vertreten?

Wir hatten in den letzten Jahren diverse Integrationsdebatten. Wo kann Heimat, im Sinne der von Ihnen angesprochenen Vielfalt, als Integrationsfaktor vor Ort wirksam werden?

Das hat vor allem mit den Treffpunkten und den Möglichkeiten sich einzumischen zu tun. Wer ist zum Beispiel im Trachtenverein – nur die wichtigsten Männer im Ort oder auch die Eingewanderten und gleichberechtigt Frauen wie Männer? Es ist wichtig, dass in den Vereinen und Gemeinschaften jede und jeder willkommen ist, die oder der vor Ort Verantwortung für unser Gemeinwesen übernehmen will. Das sind dann auch die Labore der Multikulturalität, die Erfahrung, dass es einen auch persönlich bereichert, wenn man sich Neuem öffnet. Plötzlich kommt eine neue Inspiration durch Menschen, die die Dinge anders wahrnehmen. Ungewohnte Kombinationen und Perspektiven entstehen. Gemeinsam was Neues ausprobieren, Widerstände zu überwinden, das vermittelt ein starkes Gefühl von Gemeinschaft. Auch Konflikte, wenn man sie konstruktiv angeht, haben sehr viel stärker die Kraft zur Integration, als wenn man zur Harmonie gezwungen ist. Wenn man sich, wie wir in Bayern sagen, „zusammenrauft“, die Unterschiede klar ausspricht, miteinander ringt und dann was neues Gemeinsames findet – dann entsteht zum einen persönliche Identität und zum anderen Gemeinschaft.

Also tut vor allem eine Demokratisierung des Heimatbegriffs Not?

Eine Demokratisierung, eine Öffnung und eine Entideologisierung. Das sind die zentralen Punkte für einen modernen Heimatbegriff. Einen Heimatbegriff, der nicht in der Vergangenheit wurzelt, sondern wo es darum geht, die Zukunft meines Lebensortes zu gestalten. Das war ein Fazit unseres Heimatkongresses. Oder anders ausgedrückt: Daheim ist, wo man einen Wert hat.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 5/2013.

Auf ein Wort: „Heimat“ – eine Zwischenbilanz

Vor etwa einem Jahr eröffneten einige Landesverbände der Grünen Debatten über den Begriff und die heutige Bedeutung von Heimat. Damit wandten sich die Grünen einem Thema zu, das gerade für die Deutschen aus dem Osten von zentraler Bedeutung ist. Das Vorhandensein nicht zwingend gemeinsamer Positionen, zumindest jedoch gemeinsamer Berührungspunkte in der Fragestellung, sollten wir wahrnehmen und den Dialog suchen! Dass dies möglich ist, zeigt etwa die Fortsetzung der Gespräche zwischen dem BdV in Bayern und der dortigen Landtagsfraktion der Grünen im Mai 2012.

Angesichts solcher positiver Signale entstand im Frühjahr 2012 die Idee, auch unsererseits etwas zur Debatte darüber beizutragen, was Heimat bedeutet und welche aktuell virulenten Themenfelder sich hiermit verbinden, auch über die Geschichte des historischen Ostdeutschlands und der Vertreibung hinaus. Die ersten Ergebnisse dieses Vorhabens konnten Sie in den vergangenen Monaten in der Gesprächsreihe „Heimat-Begegnungen“ verfolgen, die auch in Zukunft fortgesetzt wird.

Insgesamt machen die Gespräche deutlich, dass wir durch „Fortschritt“ und „Modernisierung“ in einer Zeit angekommen sind, in der sich die Bedeutung von „Heimat“ stark wandelt – der Philosoph Karol Sauerland brachte es auf den Punkt: „Wenn etwas verloren geht, wird viel darüber gesprochen“. Wir befinden uns in einer Entwicklung, in der einerseits die (Er)lebbarkeit von Heimat vor ganz neuen Herausforderungen steht: Beschleunigung, Digitalisierung, Veränderung der natürlichen und sozialen Umwelt… Andererseits werden neue Formen gesucht und gefunden, Heimat wiederzubeleben – das machte etwa das Gespräch mit der Unterhaltungskünstlerin Marita Köllner deutlich, die zeigte, wie das regionale Brauchtum in Köln seinen Weg ins 21. Jahrhundert geht. Was aber hat das mit „uns“ zu tun? Vertriebene und Flüchtlinge – aller Nationen – sind auf tragische Weise Experten rund um Heimat und Heimatverlust geworden. Die „Heimat-Begegnungen“ sollen Querverbindungen innerhalb des großen Themenkomplexes „Heimat“ aufzeigen und dazu anregen, dieses Wissen zu vernetzen und für die Allgemeinheit fruchtbar zu machen.

Welchen Weg der Heimat-Diskurs in den vergangenen Monaten aus Sicht der Grünen genommen hat, werden Sie demnächst in dieser Zeitung lesen können, da ein Gespräch mit der Grünen-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Margarete Bause, erscheinen soll.

Tilman A. Fischer
Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 3/2013.

Archive als Wissensspeicher und Identitätsstifter

Heimat-Begegnungen (7)

Seit der deutsch-polnischen Annäherungspolitik sind die kommunalen Archive des historischen Ostdeutschlands für Vertriebene und Landeskundler wieder frei zugänglich. Was jedoch der Verlust eines Archives für das Wissen um die eigene Heimat und Geschichte bedeutet, erlebte Deutschland vor genau vier Jahren, als das Historische Archiv der Stadt Köln am 3. März 2009 im Boden versank. In der aktuellen Ausgabe lesen Sie daher Fragen zu Heimat als Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses an den Vorstandsvorsitzenden der „Stiftung Stadtgedächtnis“, den Historiker und Ex-Banker Dr. Stefan Lafaire. Die Stiftung der Stadt Köln, des Landes Nordrhein-Westfalen, der Evangelische Kirche im Rheinland und des Erzbistums Köln hat sich die Restaurierung der Archivalien zum Ziel gesetzt.

Was bedeutet ein Archiv als Erinnerungsort für die Menschen? Trägt es zum Bewusstsein für die eigene Heimat bei?

Auf jedem Fall ist ein Archiv als Erinnerungsort oder Sammelort für Erinnerung ein Stück Heimat. Es ermöglicht jeder Genration den unmittelbaren Zugang zu den Quellen der Vergangenheit und bewahrt die Individualität des jeweiligen Ortes auf. Insofern ist es natürlich sehr wichtig, diese eigene Geschichte und ihre Dokumente zu erhalten.

Und das Archiv bewahrt letztlich den Menschen die Deutungshoheit über die Geschichte ihrer Stadt und Region und damit ihre eigene Geschichte.

Es gibt jeder Generation die Möglichkeit, selber von den Quellen Rückschlüsse zu ziehen und nicht die Interpretation der vorhergehenden Generation übernehmen zu müssen. Deshalb ist das Archiv eine demokratische Institution, da es die Freiheit schafft, sich dort die Informationen eigenständig zusammenzusuchen, die ja auch nicht vorsortiert oder thematisch geordnet sind. Jeder kann dort an den Originalstücken neu Geschichte schreiben…

… und sich selbst seiner eigenen Identität und Zugehörigkeit zur Region vergewissern.

Absolut: Die meisten Nutzer der Archive sind Familienforscher. Die gucken, was ihre eigene Identität, ihre Familie ist, wo sie herkommen. Gerade auch bei jungen Leuten ist der Wunsch ganz stark, sich der eigenen Vergangenheit, der Vergangenheit der Familie, seiner eigenen Herkunft zu versichern und zu erfahren, wo man eigentlich herkommt.

2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln zusammen. Wie reagierten die Bürger?

Zunächst einmal mit Entsetzen über die beiden Menschen, die dabei ums Leben gekommen sind. Und dann wurde man sich eigentlich erst bewusst, welche außergewöhnlichen Bestände das Historische Archiv der Stadt Köln hat: Aufgrund der mittelalterlichen Bedeutung der Stadt trägt es nicht nur die Erinnerung Kölns, sondern beinhaltet in Dokumenten eine über 1000jährige Geschichte für ganz Europa.

Damit auch für die einzelnen Regionen Europas.

Köln war eine der großen Handelsmetropolen im Mittelalter. Deshalb liegen dort unter anderem auch Teile des Hansearchivs, die 1593 nach Köln in Sicherheit gebracht wurden – also ganz wichtige Dokumente. Oder auch Urkunden zur Geschichte des Deutschen Ordens, der als international agierender Orden auch im Rheinland Niederlassungen hatte.

Wird somit am Kölner Archiv auch nachvollziehbar, dass Europa eigentlich schon immer mehr war als kleine isolierte Landschaften, die für Menschen Heimat waren, sondern auch ein Beziehungsnetz unterschiedlicher Regionen?

Ein ganz enges Beziehungsnetz, eng verflochten. Das geht los mit den mittelalterlichen Kunstwerkstätten, die in Köln waren. Heute findet man überall auf der Welt in jeder Mittelalterabteilung Kunstwerke, die die Handschrift der Kölner Schule tragen. Auch Hans Memling, dessen „Jüngstes Gericht“ im Danziger Nationalmuseum hängt, hat sich bei seinem Reliquienschrein der Heiligen Ursula in Brügge intensiv mit Kölner Geschichte befasst. Damals war Kunst aus Köln prägend für die ganze christliche Welt und auch in späteren Zeiten war der Handel und der politische Einfluss in ganz Europa präsent.

Insofern ist der Verlust eines Archives an einem Ort auch ein Verlust für viele andere Regionen, an die man im ersten Moment vielleicht gar nicht denkt.

Richtig – in den Archiven finden sich ja viele Querverweise und nicht nur lokale Stücke. Man muss dann suchen, wo historische Beziehungen vorhanden sind und in welchen Archiven daher die entsprechenden Dokumente liegen können.

Seit 2011 sind Sie Vorstandsvorsitzender der Stiftung Stadtgedächtnis. Wie versuchen Sie, den Bürgern zu vermitteln, dass die Archivalien große Bedeutung für sie persönlich und ihre Heimat haben?

Es konnten ja zum Glück 95 % der Archivalien geborgen werden, die jedoch zu 100 % restaurierungsbedürftig sind. Nun geht es darum, aufzuzeigen, welche Schätze darin liegen. Vom Kleingartenverein bis in die internationale Politik. Von mittelalterliche Schätzen, über Konrad Adenauers weitsichtige städtebauliche Konzeption, bis hin zu privaten Nachlässen. Es gibt eigentlich für jeden etwas Interessantes in dem Archiv und das versuche ich immer zu zeigen: Auch für Sie ist etwas enthalten, was für Sie wichtig ist.

Neben dem Amt in der Kölner Stiftung lehren Sie unter anderem an der Zeppelin Universität für Wirtschaft, Kultur und Politik in Friedrichshafen. Zurzeit geben Sie dort ein Seminar zum Thema „Archiv – Die Organisation des Vergessens“. Worum geht es genau?

Es geht darum, mit jungen Menschen darüber zu diskutieren, wie wichtig Erinnern ist, um die eigene Persönlichkeit zu konstituieren. Dass Erinnern und Wahrheit nicht unbedingt zusammenfallen müssen, sowohl im individuellen, wie auch im kollektiven Gedächtnis. Wie funktioniert überhaupt kollektives Gedächtnis? Wie wird Geschichte tradiert? Ist mündliche Überlieferung weniger geschichtstreu als schriftliche Überlieferung?

Letzte Frage wird in der Geschichtswissenschaft viel diskutiert. Welchen Wert haben subjektive Zeitzeugenberichte, die meist auch Einblicke in das regionale, lokale Umfeld des Zeitzeugen – seine Heimat – vermitteln?

Zunächst ist die Frage: Werden solche Zeitzeugendokumente aufgefangen? Aber in einem Archiv sind natürlich auch persönliche Tagebücher und Straßeninterviews erhalten. Diese runden das Bild ab. Und es gibt nicht die Einheitsmeinung, die offiziell gelehrte. Sondern es gibt sicher zu jedem historischen Ort und Moment ganz vielfältige Wahrnehmungen. Die werden von jedem ganz individuell anders sein. Aber zusammengenommen und mit historischem Abstand betrachtet, lassen sie ein Gesamtbild erahnen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 3/2013.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – theologische Überlegungen

Heimat-Begegnungen (6)

„Unsere Heimat aber ist im Himmel“ schreibt der Apostel Paulus an die Philipper – brauchen Christen also keine Heimat auf Erden? Unsere Lebenserfahrungen sagen uns, dass dem nicht so ist. Sie zeigen uns aber auch: Glaube und religiöse Werte prägen unser Leben im Diesseits – geben uns Orientierung und strukturieren das Zusammenleben. Sie tragen dazu bei, dass wir Heimat finden. Dr. Dominik Klenk, Leiter des Basler Brunnen Verlags, war über Jahre Prior der ökumenischen „Offensive Junger Christen“, die sich für einen Bewusstseinswandel in und außerhalb der Kirchen einsetzt und sich dem „Miteinander von gemeinsamem Leben, geistig-geistlicher Reflexion und gesellschaftlichem Wirken“ verpflichtet sieht.

Herr Klenk, die Kirchen verstehen sich als weltweite Gemeinschaft, die Kirchengemeinden als Gemeinschaften vor Ort – ist das heutzutage romantisch und weltfremd, oder doch noch ein tragfähiges Konzept, das den Menschen Halt geben kann?

Gemeinschaft ist ein Ankerpunkt, vermutlich ein sehr zeitüberdauernder Ankerpunkt, was das Thema Heimat angeht. Heimat verinnerlicht sich zweifelsfrei in konkreten Orten. Aber unsere Zeit lehrt uns, dass Orte kommen und gehen. Migrationen gehörten immer schon zu menschlichem Leben. Was heute neu ist, ist die Mobilität, also ein beschleunigtes Leben, das uns immer häufiger Ortswechsel vornehmen lässt. Dann drängt sich die Frage auf: was beheimatet mich, wo bin ich beheimatet? Gemeinschaft, tragfähige Beziehungen, das ist natürlich immer ein Anfang, um sich wieder neu zu verankern, um zu sich selbst zu kommen, um sich fallen zu lassen. Ich bin der Überzeugung, dass Gemeinschaft etwas sehr kostbares und zerbrechliches ist, das gepflegt werden muss. Auf der anderen Seite auch etwas sehr kraftvolles und vitales. Denn wer in tragfähige Beziehungen verwoben ist, hat immer einen Ausgangspunkt, um sich auch an einem neuen Ort auf Menschen einzulassen …

… und die Beziehung zum gemeinsamen Glauben macht es möglich, Menschen zu finden, die aufgrund des Bekenntnisses ebenfalls wieder Anknüpfungspunkte bieten.

Auf jeden Fall. Ich denke, man braucht Gehilfen, die einem Türen öffnen, und zwar konkrete Türen – Haustüren – ebenso wie kulturelle Türen, um sich an Orten neu zu verwurzeln und einen vorhandenen Raum als künftige Heimat zu gewinnen. Psychohistorisch gesehen ist das Paradigma unserer Zeit das Paradigma der Beschleunigung. Das heißt, wir leben in einer Zeit, die unmerklich das psychosoziale Leben beschleunigt. Und gegenüber dieser Beschleunigung braucht es Ankerpunkte, um einfach nicht den Halt und damit letztlich die Orientierung zu verlieren. Dabei ist das Gestalten von konkreten Räumen, das Gestalten von Zuhause – das Einwurzeln – meines Erachtens ein ganz entscheidender Punkt, der aber weithin unterschätzt wird. Gerade die junge Generation lebt zuweilen nach dem Motto: „Zu Hause bin ich, wenn ich meinen Laptop dabei habe.“ Da ist was dran: Heute kann man durch die ‘neuen Medien’ ein relativ flexibles Netzwerk aufbauen, mit dem man in Kontakt treten und bleiben kann. Aber das ist noch nichts, was wirklich belastbar wäre. Davon bin ich überzeugt. Das erfährt man zum Beispiel, wenn man beginnt, Kinder zu haben: Kinder sind eben nicht in digitalen Welten zuhause, auch wenn man das werbetechnisch gerne suggeriert. Sondern sie sind dort zuhause, wo ein stabiles Beziehungsumfeld und stabile konkrete Schutzräume vorhanden sind…

… also Ehe und Familie im christlichen Sinne.

Diese Art Heimat, Schutz- und Ruheräume, die Kinder brauchen, können sich in ihrer ganzen Größe und Tragkraft nur in Konstellationen entfalten, wie wir sie in Ehe und Familie vom christlichen Menschenbild her ableiten. Weil ansonsten etwas Entscheidendes fehlt: Zum Beispiel der Vater oder die Mutter oder die Mehraltrigkeit, sprich verschiedene Generationen, die nötig sind, um ein Kind in einem Generationengeschehen zu verwurzeln.

Zur Zeit erfährt das Familienbild in unserer Gesellschaft und vor allem in der Tagespolitik eine gewisse ‘Wandlung’. Bedeutet diese sich ankündigende Umdefinition von ‘Familie’ auch einen Heimatverlust?

Sicherheit und Orientierung hängen damit zusammen, dass es so wie beim Kompass einige unumstößliche Linien gibt: Nord, Süd, West, Ost. Einen Kompass für das menschliche Zusammenleben zu haben bedeutet, dass man unterscheiden kann zwischen Mann und Frau, zwischen Großvater und Enkel, zwischen verheiratet und unverheiratet. Und wenn diese Orientierungspunkte nivelliert werden im Sinne einer Ideologie, die sagt: „Wir konstruieren unsere Wirklichkeit, wie sie uns passt“, wenn also Geschlechter- und Generationsgrenzen verschwimmen, dann verliert man natürlich die Bezugsgrößen, die das Leben in ihrem Reichtum erst gestalten können, weil sie eben einen Unterschied machen, Spannungsfelder ertragen und nicht alles auf Gleichgültigkeit hin ausrichten.

Das sind die Herausforderungen, die unsere Gesellschaft an die weltliche Heimat stellt – wie jedoch steht es mit der himmlischen Heimat, die uns Menschen prophezeit ist? Provokant gefragt: Macht nicht die himmlische Heimat für einen gläubigen Christen die weltliche Heimat überflüssig?

Wir sind dieser Welt mit einer gewissen Schwerkraft verhaftet. Die kann man physikalisch messen. In der geistlichen Dimension kann man es etwa so ausdrücken: Wir leben nach dem Sündenfall nicht mehr im selben Raum und der selben ungebrochenen Nähe zum Schöpfer. Dennoch dürfen wir ganz gewiss sein: Was hier und heute stattfindet, gehört in den Raum des Vorletzten. Demgegenüber gibt es einen Raum des Letzten und der hat seit Golgatha und Auferstehung wieder Ewigkeitscharakter. Und darum kann Paulus – mit der Jahreslosung für 2013 – an die Hebräer schreiben: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 14). Das ist vollkommen richtig und erinnert daran: Der Horizont der Ewigkeit ist das Ziel, auf das wir zuleben. Trotzdem ist ihm sehr wohl bewusst, dass wir im Hier und Jetzt das Bedürfnis haben nach Heimat, das Bedürfnis haben nach Sicherheit – und es ist ein lauteres Bedürfnis. Aber es ist nicht ein Bedürfnis, das unsere gesamte Energie, Konzentration und Anstrengung in Anspruch nehmen soll. Denn wir leben ja auf das Kommende hin. Wir leben im Vorletzten unter den Bedingungen der Schwerkraft dieser Welt, aber wir erleben immer mal schon Momente mit Ewigkeitswert, die uns an unsere himmlische Heimat erinnern. Etwa im Staunen über einen Sonnenaufgang, ein Moment besonderer Ursprünglichkeit. Oder Momente in denen uns selbstlose Liebe begegnet, Momente der Versöhnung zwischen Menschen u.a. Dieses „schon jetzt, aber eben noch nicht ganz“ zu gestalten braucht Spannkraft, aber es ist eben auch das große Vorrecht von Christen, solche Momente mit dem Zukünftigen hoffnungsvoll verbinden zu können: Christus läuft uns vom Ende der Tage mit ausgestreckten Armen entgegen. Das ist ein ungeheurer Trost.

Ist somit die Gestaltung der irdischen Heimat schon der Weg hin zur himmlischen Heimat?

Romano Guardini hat es einmal so ausgedrückt: „Gastfreundschaft heißt, einander Rast gewähren auf dem Weg zum ewigen Zuhause.“ Einander ein Stück Heimat geben, das ist ein kleines Angeld auf die Ewigkeit. Wir haben kein Patent auf solche Momente, aber sie können uns immer wieder mal geschenkt werden.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 2/2013.

Heimat fühlen: Brauchtumspflege – Karneval in Köln

Heimat-Begegnungen (5)

Am 11. November wird in Köln traditionell die fünfte Jahreszeit eingeläutet. Auch dieses Jahr wieder mit dabei: Marita Köllner, die die Liveübertragung im WDR zusammen mit Wicky Junggeburth moderiert. Seit 45 Jahren steht sie, zunächst als Büttenrednerin, nun bereits seit Langem als Sängerin, auf der Bühne. Das macht sie zur Spezialistin für das kölsche Brauchtum, insbesondere den „Fastelovend“, der Ausdruck Kölner Heimatgefühls ist. Wie es hierum steht, berichtet sie in dieser Ausgabe der „Heimat-Begegnungen“:

Wäre Köln ohne Karneval für Sie vorstellbar?

Gar nicht vorstellbar! Für uns ist er seit jeher Tradition und wird seit dem Jahr 1823 offiziell organisiert, mit der Gründung des Festkomitees des Kölner Karnevals. Der Karneval ist ein fester Bestandteil dieser Stadt, der letztendlich ausdrückt: kölsche Lebensfreude und Offenheit und Toleranz, die die Stadt ja zu bieten hat. Nicht umsonst kommen auch so viele Fremde nach Köln und fühlen sich hier wirklich sehr, sehr wohl… selbst die Medienvertreter, die wegen der Privatsender RTL und Co. hierhin kamen, sind fast alle hier geblieben.

In vielen kölschen Liedern wird das Veedel (hochdeutsch: das Viertel) besungen – was verbindet sich für einen Kölner hiermit? Und: Wie hat es sich durch die Veränderungen in der Bevölkerung entwickelt?

Ja, das „Veedel“ gibt es nicht mehr so oft. Es ist ein Raritätchen geworden… das Lebensgefühl im Veedel. Es ist doch durch viele Zuwanderer etwas schwieriger geworden. Nicht jeder versteht den Kölner und seine Offenheit. Es dauert halt lange, bis der „Fremde“ merkt, dass man in Köln gerne auch Zugereiste in die Gemeinschaft aufnehmen möchte. Das kommt von Herzen. „Neu-Kölner“ oder Touristen haben oft eine natürliche Barriere… eine Distanz, die der Kölner an sich nicht unbedingt versteht. Der echte Kölsche geht immer mit offenen Armen auf einen zu und das befremdet so manchen Gast dieser Stadt. Sie können zuerst nicht damit umgehen. Diese Erfahrung habe ich schon persönlich sehr oft gemacht. Oft legt sich das aber nach dem dritten Kölsch. Viele können es gar nicht begreifen, dass man hier so warmherzig aufgenommen wird. Einige haben vielleicht schon negative Erfahrungen gemacht und sind erst mal vorsichtig. Die Kölner Südstadt (Vringsveedel), das Eigelsteinviertel, Bickendorf und Nippes, sind noch Veedel im ursprünglichen Sinn, wo man noch den Zusammenhalt der Veedelsbewohner findet – man trifft sich in der Kneipe, jeder kennt jeden, man trinkt ein Kölsch miteinander, man singt zusammen, man weint miteinander, je nach Situation. Man ist für einander da. In der Innenstadt ist der Veedels-Charakter sehr minimiert, weil es halt mehr Geschäfte als Einwohner gibt.

Wenn sich die Stadt auch verändert, denken Sie denn, dass langfristig das Bewusstsein für den Wert des kölschen Brauchtums noch erhalten bleibt?

Das Festkomitee Kölner Karneval ist sehr bemüht, den traditionellen Karneval nicht sterben zu lassen, möchte wieder zu alten Strukturen zurückkommen. Aber es ist sehr, sehr schwierig. Weil z. B. die jungen Nachwuchskünstler, ob Band oder Comedian (früher nannte man das Büttenredner), die jetzt auf die Bühne wollen, vor allem den schnellen Euro sehen. Sie sehen das ein Wenig anders als wir vom alten Schlag. Wir haben damals für 40 DM den Menschen Freude gemacht. Heute fangen die jungen Talente direkt mit Gagenforderungen von 800 bis 1000 Euro an. Ich für meinen Teil kann nur sagen: Ich liebe meine Berufung… mache es aus ganzem Herzen und mit viel Spaß. Geld muss ich auch verdienen… Klar ich lebe davon… Aber im Vordergrund steht für mich: Menschen Freude zu bereiten.

Würden Sie sagen, dass diese Kommerzialisierung schädlich ist?

Ach, ja, ich denke auch. Ich bin da wahrscheinlich – neben Wicky Junggeburth, Prinz Karneval 1993, und Hans Süper (Colonia Duett) und Marie Luise Nikuta, alle drei Mundart-Sänger, eine der wenigen, die das Ganze aus Leidenschaft zum Brauchtum und aus Liebe zu unserer Stadt machen. Wir sind ja bald die letzten Originale hier in Köln. Die Newcomer sind natürlich wichtig, aber die fahren eine andere Schiene – sie sind davon überzeugt, sie müssten jetzt alle Rockmusik anstimmen, weil Brings (bekannteste Kölner Rockband im Karneval) halt mit ihrer Musik sehr viel Geld verdienen, um es mal ganz einfach auszudrücken. Den eigenen Stil suchen sie gar nicht… nur schnell Erfolg haben…

So passt sich der Karneval langsam der alltäglichen Unterhaltung an. Denken Sie denn, dass sich trotz solcher Tendenzen das typisch Kölsche im Karneval erhalten wird?

Ich hoffe, ich kämpfe dafür. Wir (Reiner Hömig vom Studio Bläck Fööss und ich) haben in diesem Jahr ein richtig kölsches, lustiges Lied rausgebracht, das heißt: „Wenn Fastelovend im Sommer wör“. Da wird der ganze Karneval ein bisschen auf die Schippe genommen – wie es in einem Karnevalslied so üblich ist. Diesen Versuch starten wir jetzt. Dieser Enthusiasmus, diese Liebe zum Brauchtum, ich glaube, das stirbt langsam aus. Die Erhaltung der Tradition hat sich die alte Garde auf die Fahne geschrieben. Junge Leute folgen…und wenn sie alle verstanden haben, dat kölsche Tön funktionieren, dann klappt es auch bei den jungen Gruppen wieder mit gefühlvollen Balladen, Walzern und wegen mir auch Rock Musik…
Familien mit urkölscher Tradition, wo auch die Kinder von den Eltern oder Großeltern noch in die kölsche Mundart eingeführt werden, haben einen großen Anteil daran, dass das Brauchtum weiterbestehen kann… Sie nehmen Ihre Kinder von Klein an mit zu den Zügen, singen mit ihnen kölsche Lieder. Die Kleinen saugen die kölsche Lebensart mit der Muttermilch ein! Die Eltern lassen die Kinder am Vereinsleben an den Veedelsvereinen, Familiengesellschaften und Traditionskorps teilhaben… In Kindertanzgruppen und Karnevalisten-Vereinigungen wie der Kajuja (katholische Jugend) oder dem Literarischen Komitee des Festkomitees Kölner Karneval entwickeln sich die neuen Karnevalisten von Morgen… Wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, unser Brauchtum zu erhalten und ohne uns Pänz (Kinder) geht das nicht… Die kölschen Familien leben noch echtes kölsches Brauchtum – im Karneval und auch im Rest des Jahres. Denn das ist wichtig: Der Karneval ist für uns unverzichtbar. Aber unser Brauchtum besteht nicht nur aus Karneval. Wir haben noch viel mehr zu bieten und freuen uns, wenn man auch im Sommer zu unseren traditionellen Straßenfesten kommt. Da feiern wir dann auch ohne Fastelovend.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 11/2012.

Individuum und Kultur zwischen Beheimatung und Verlusterfahrung

Heimat-Begegnungen (4)

Anlässlich einer Buchvorstellung (Dreißig Silberlinge. Das Phänomen Denunziation, Peter Lang, Frankfurt am Main 2012) ist der Warschauer Literatur- und Kulturwissenschaftler Professor Karol Sauerland nach Berlin gekommen – hier treffe ich ihn in der früheren Wohnung seiner Eltern zu einem Gespräch über das Heimisch-werden bzw. Beheimatet-sein des Einzelnen und deren kulturelle Konsequenzen:

Als wir uns das erste Mal unterhielten, hielten Sie in Hannover einen Vortrag zum Thema „Identität, Integration und Divergenz“ – inwiefern ist Heimat mehr als nur Lebensraum im physischen Sinne, sondern prägend für die Identität des Einzelnen?

Bei mir ist die Frage immer, mit wem man es zu tun hat, mit welcher Bevölkerungsschicht: Es gibt Menschen, die in ihren kleinen Orten ganz zufrieden sind und auch gar nicht weg wollen, dann gibt es Menschen, die sich nur in Großstädten wohlfühlen und einige, die keine große Verbindung zu der jeweiligen Region haben – vielleicht eine Verbindung zu ihrer Bibliothek oder zu ihren anderen beruflichen Einrichtungen. Gleichwohl besteht die Gefahr, wenn man den Heimatbegriff so weit führt, dass er dadurch auch verwässert wird, denn es führt zu der Begriffsbestimmung: An welchem Ort fühle ich mich wohl? Wobei ‘Ort‘ eben diese Dinge und Einrichtungen sein können, die ich eben genannt habe.

Aber Sie würden dennoch für einen Heimatbegriff plädieren, der das Subjekt und seine persönlichen Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Folgt daraus nicht auch, dass sich jeder Mensch vielmehr erst selbst seine Heimat schafft, als dass er die Umgebung, in die er hineingegeben wird, einfach nur annimmt und sich selbst in diese hineinfindet?

Ja, wenn man es historisch sieht, ist natürlich das Hineingeboren-sein und Sich-damit-abfinden-müssen oder -wollen oder das Gar-nicht-infrage-stellen des Geburtsortes das ältere Modell. Die unerhörte Beweglichkeit, die zumindest die westliche Welt kennzeichnet, war ja vorher die Ausnahme; es waren wenige, die beweglich sein konnten. Heute gibt es viele – ich würde sagen, all meine Bekannten würden sich über Unbeweglichkeit wundern. Jedoch auch heute, glaube ich, werden die meisten Menschen in ihr Gebiet hineingeboren, ohne es später in Frage zu stellen. Aber ob sie sich nun dort wohlfühlen, das ist wiederum eine subjektive Sache. Ich bin nun auch in gewissem Sinne Historiker und nehme immer gern zur Kenntnis, wie Menschen in älteren Zeiten weg wollten von dem Ort, an dem sie lebten; ein besonderes Schicksal hatten die Frauen, die sich in Männerkleidern durch die Welt begeben, also eine Mimikry spielen mussten. Aber das ist wohl nicht das Thema…

… jedoch ganz interessant, wenn man sich überlegt, dass bis heute umso mehr über Heimat gesprochen wird, je flexibler die Menschen erzwungenermaßen sein müssen.

Ja, das ist ein Charakteristikum: Wenn etwas verloren geht, wird viel darüber gesprochen; zum Beispiel im Augenblick, wo die Naturzerstörung große Ausmaße annahm, nämlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, beginnt die Naturschwärmerei der Romantiker. Und ich bringe das in Verbindung damit, dass sie eine Vorausahnung dessen hatten, was geschehen wird, dass nämlich die Fabriken entstehen, die Schlote, dass schließlich die Natur immer weniger wird. Außerdem war noch ein besonderes Problem während der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, dass Deutschland unerhört entwaldet worden war; daher entstand auch diese Sehnsucht nach dem Wald. Also das ist sicher ein wichtiges Merkmal, dass der Heimatbegriff mit der Industrialisierung stärkere Aufmerksamkeit gewinnt. Nun muss man aber auch sagen, dass der Heimatbegriff infolge der Zwangsumsiedlungen und Zwangsvölkerwanderungen wiederum aufgewertet wurde und aufgewertet werden musste, weil es eben viele Opfer des Heimatverlustes gab.

In besonderer Weise haben Sie sich mit den ostpolnischen Vertriebenen beschäftigt. Wenn in Deutschland über Vertreibungen nach dem zweiten Weltkrieg gesprochen wird, ist das Bild, welches man vor Augen hat, geprägt vom Eindruck der deutschen Vertriebenen. Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, die helfen, das Verständnis des Themenkomplexes auszudifferenzieren?

Nach meiner Meinung sind die Unterschiede groß. Ich habe einmal eine gewisse Zeit in Südpolen an der tschechischen Grenze während des Urlaubs Studien betrieben und mich dann auch später immer wieder dafür interessiert. Dort haben die Vertriebenen aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten sich überhaupt nicht zuhause gefühlt. Aber sie haben sich deswegen, so meine Auffassung, nicht zuhause gefühlt, weil es keine Verbände für sie gab; nicht mal einmal pro Jahr konnten sie sich treffen und über ihre Heimat miteinander sprechen, in ihrem Dialekt oder ihrer Mundart, und ihre Lieder singen – das war noch eine Zeit, wo das Lied eine große Bedeutung hatte. Sie konnten sich nicht treffen, weil Vertriebenenverbände oder Heimatverbände, die Benennung ist nicht wichtig, nicht erlaubt waren. Sie hatten sich dem neuen sozialistischen System unterzuordnen und durften auch gar nicht sagen, dass sie vertrieben worden seien. Im Grunde genommen sehnten sie sich zurück; gerade auch ältere Menschen, die meinten, hier könnte man nicht begraben liegen und die am liebsten, wie die Elefanten, zurückgegangen wären und sich dort, wo sie geboren wurden, niedergelegt hätten, um dort zu sterben und begraben zu werden.

Hat die fehlende Thematisierung von Heimat für die ostpolnischen Vertriebenen auch Einfluss auf den Heimatbegriff der gesamten polnischen Bevölkerung – ist das Heimatverständnis in Polen ein anderes als in Deutschland?

Ich beobachte zum Beispiel ein ganz anderes Wahlverhalten im heutigen Ostpolen, das immer Polen war, wo die Menschen eine hundertjährige Tradition des Bewohnens eines Ortes haben; diese Gebiete wählen nach deutschen Begriffen immer konservativ, während die neuen Gebiete, die ehemals deutsch waren, sehr leicht postkommunistisch wählen. Und das ist für mich eine Verkörperung auch des Heimatbegriffes, das heißt: Die beheimateten sind konservativ, sie wollen das so haben, wie es ist, wie sie es eben immer hatten; und sie sind dann auch konservativ in ihren Familienauffassungen, die ganze Frage der Homosexualität wäre ihnen fremd. Ob nun gerade die Leute, die die Postkommunisten wählen, (Professor Sauerland schmunzelt) in Fragen der Homosexualität eine andere Auffassung haben, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall sind sie der jeweiligen sich fortschrittlich gebenden Gruppierung, was auch immer fortschrittlich heißt, zugetan. Sie sind nach meiner Meinung weniger beheimatet – eine sehr kühne These, aber die würde ich auch verteidigen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 8/2012.