Der lange Schatten des Ersten Weltkrieges

Fünf Fragen an General a. D. Wolfgang Schneiderhan

1918 – vor 100 Jahren – endete der Erste Weltkrieg; dieses Ereignis markiert eine historische Zäsur, deren Folgen bis heute nachwirken. Wolfgang Schneiderhan, von 2002 bis 2009 Generalinspekteur der Bundeswehr und seit 2017 Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, spricht im Interview über die Gegenwartsbedeutung des Ersten Weltkrieges.

Herr Schneiderhan, 1918 steht nicht nur für den Waffenstillstand vom 11. November. Vielmehr hat 1918 für viele Regionen kein Ende der Kampfhandlungen, für einige sogar neue Gewalteskalationen bedeutet; hinzu kommt der Zerfall der großen europäischen Vielvölkerstaaten. Woran genau können und sollten wir daher 2018 erinnern?

Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
(Foto: Uwe Zucchi)

Wir sollten erinnern, wie wichtig Versöhnung ist. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Zweite Weltkrieg eine Wiederholung des Ersten ist, wie viele Historiker sagen, aber er hat seine Wurzeln dort. Auch die mangelnde Bereitschaft zum Erkennen und Eingestehen der eigenen Schuld trug dazu bei. „Das rechte Ende des Vierjahreskrieges wäre ein föderiertes Europa gewesen, denn er hatte das Prinzip autonomer National- und Machtstaaten in Europa ad absurdum geführt“, schrieb Golo Mann in der ZEIT schon 1964 (!).
Wir wissen, was stattdessen geschah. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich fast alle einig, dass dies „Nie wieder!“ geschehen darf. Deswegen müssen wir 2018 daran erinnern, wohin nationalistisches Denken, Vorurteile und Verachtung, Neid und Hass führen.

Es stellt sich auch die Frage nach dem Wert des Erinnerns für die gegenwärtige Politik: Wie prägen die Folgen des Ersten Weltkrieges die heutige sicherheits- und geopolitische Gesamtlage, mit der Sie als früherer Generalinspekteur wie kaum ein anderer vertraut sind?

Die Unruhen und gewaltsamen Konflikte im arabischen Raum sind unter anderem auch Folgen der willkürlichen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die aktuellen Spannungen mit der russischen Föderation und einigen osteuropäischen Ländern sind letztendlich auch Folgen des Ersten Weltkrieges, auch die Situation der baltischen Staaten (die sich von Russland bedroht fühlen). An Polen kann man die Auswirkungen gut sehen. Das Land war bis Ende des Ersten Weltkrieges unter den damaligen Großmächten Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland aufgeteilt und in die jeweiligen Staatsgebiete eingegliedert. Das führte zu der Situation, dass polnische Soldaten gegeneinander kämpfen mussten. Erst mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der einstigen Großmächte gelang es Polen, die Autonomie zu erlangen und einen Staat zu gründen. Deshalb spielt der Erste Weltkrieg im Selbstverständnis des polnischen Staats eine große Rolle. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Mehrheit in Polen den Ersten Weltkrieg als die Katastrophe wahrnimmt, die die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg schuf. Trotz des großen Leids, das die Polen erfahren mussten, waren sie bereit zur Versöhnung. Dafür sind wir außerordentlich dankbar. Und die Versöhnung ermöglicht gegenseitiges Verständnis, ermöglicht Zusammenarbeit und vielleicht sogar dann auch Freundschaft.

Vor dem Hintergrund dieser historischen und politischen Dimensionen: Welche Schwerpunkte wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Sie seit vergangenem Jahr vorstehen, gemeinsam mit seinen Partnern im In- und Ausland 2018 setzen?

Unser großes Thema ist das gemeinsame europäische Gedenken. Hier arbeiten wir mit unseren internationalen Partnern zusammen. Dabei ist die Bandbreite sehr groß – um nur einiges zu nennen: Wir schreiben einen deutsch-französischen Comicwettbewerb für Jugendliche aus, wir werden vom 11. bis 18. November eine internationale Gedenkwoche veranstalten, und unsere Landes- und Bezirksverbände planen und realisieren viele verschiedene Gedenkprojekte.

Wie fügt sich das deutsche Gedenken an Weltkrieg und Kriegsende in die europäische Gedenkkulturen, vor allem diejenigen in Ostmittel- und Osteuropa, ein?

Es ist ein gemeinsames Gedenken. Dazu gehört auch, dass man Unterschiede akzeptiert, aber einen Schwerpunkt auf wichtige Gemeinsamkeiten legt. Das eine: Wir wollen alle in Frieden leben. Und das andere: Wir leben in einem gemeinsamen Haus – in Europa. Da kann man durchaus – wenn ich das Bild bemühen darf – sein Zimmer nach Wunsch einrichten, aber es gibt ein gemeinsames Dach und ein gemeinsames Fundament. Und dazu gehören der Wunsch nach Frieden und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um diesen Frieden zu sichern.

Seit mehreren Jahren beobachten wir, etwa in Polen, neue nationale und nationalistische Bewegungen mit entsprechenden Geschichtspolitiken. Welchen Einfluss nehmen diese auf das dortige Erinnern an 1918?

Dazu kann man spekulieren, aber das möchte ich nicht. Bedenken Sie: Es gab seit Jahrhunderten deutsch-polnische Nachbarschaft, aber auch immer Auseinandersetzungen um Grenzen. Das sind historisch unterschiedliche Erfahrungen. Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 war kein Krieg um Territorien und kein Kampf von Soldaten, sondern Terror gegen das Land und seine Bevölkerung. Zehntausende Angehörige der polnischen Intelligenz wurden ermordet. Die Nationalsozialisten wollten gezielt die polnische Kultur auslöschen. Das ist im deutschen Geschichtsbewusstsein nicht unbedingt fest verankert. Aber wenn wir uns das bewusst machen, müssen wir den Polen sehr dankbar sein, dass sie zur Versöhnung bereit waren und heute freundschaftliche Beziehungen überhaupt möglich sind.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

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Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

„Wir wollen nicht stumme Hunde sein“

Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand fragt nach der Bedeutung des heiligen Bonifatius und seiner Berliner Bronzeskulptur.

Von Tilman Asmus Fischer

Der Gründungsintendant des Berliner „Humboldt Forums“, Neil MacGregor, hat mit seiner Radiosendung und dem gleichnamigen Sachbuch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ eine Geschichte der Dinge popularisiert, die sich auf die Materialität von Kultur besinnt und ausgehend von einzelnen Artefakten größere historische Zusammenhänge erschließt. Das Vorgehen hat in weiteren Ausstellungen und Büchern, die diesen Ansatz verfolgen, vielfältig und medienöffentlich Wirkung gezeigt; zu denken wäre etwa an Hermann Schäfers „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“. Daneben gibt es jedoch auch eine Reihe kleinerer Schriften, die einzelne Dinge zur materialen Quelle erheben und zum Ausgangspunkt dazu nehmen, Fragen an die Geschichte – und unsere Gegenwart – zu stellen.

Hierzu darf das vom Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand MdB herausgegebene Buch „Wie Bonifatius in den Reichstag kam“ gezählt werden. Ihr Gegenstand ist eine Bronzeskulptur des heiligen Bonifatius, die als eine von zwölf mittelalterlichen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte den monumentalen Leuchter im Eingangsbereich des Reichstagsgebäudes von 1894 zierte. Indem das Buch das Schicksal des „Berliner Bonifatius“ nachzeichnet, durchschreitet es exemplarisch die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über das Dritte Reich bis hin zur wiedervereinigten Bundesrepublik – und fragt hieran anknüpfend nach der Gegenwartsbedeutung des Heiligen Bonifatius in unserer säkularisierten Gesellschaft.

War der Apostel der Deutschen für den jungen deutschen Parlamentarismus in der Zeit des Wilhelminismus Teil eines identitätsstiftenden Bildprogramms, sollte er zusammen mit dem gesamten Leuchter 1943 auf Befehl des Rüstungsministers eingeschmolzen werden – wovor die Skulpturen jedoch durch Mitarbeiter der Norddeutschen Affinerie (Hamburg) bewahrt wurden, die sie heimlich versteckten. Die Nachkriegszeit verbrachten die Skulpturen – abgesehen von einer Präsentation im Reichstagsgebäude 1982 – in Berliner und Hamburger Depots, bis schließlich Michael Brand – angeregt vom Fuldaer Regionalhistoriker Michael Mott – den Berliner Bonifatius aus seinem Dornröschenschlaf weckte. Nachdem der Heilige 2017 in Fulda zu besichtigen war, hat er nun – als Leihgabe der Bundestagsverwaltung – eine neue Heimstatt im Büro des Fuldaer Abgeordneten gefunden. Die Geschichte dieser Odyssee fasst ein Beitrag des Fuldaer Journalisten Björn Gauges (Fuldaer Zeitung) zusammen.

Eröffnet wird das Buch durch ein Geleitwort des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und einem Vorwort des Herausgebers. Beide erinnern nicht nur an die kulturprägende Bedeutung des Bonifatius – in den Worten Lammerts: „Als historische Figur, die einst aus England kommend unsere germanischen Vorfahren bekehrte, verweist Bonifatius auf die christlichen Wurzeln deutscher Identität und – woran sich gerade heute zu erinnern lohnt – ebenso darauf, dass unsere Kultur von jeher auch durch äußere Einflüsse geprägt wurde.“ Vielmehr nimmt der Apostel der Deutschen auch als Vorbild für uns Heutige Gestalt an. So erinnert Brand an die Aktualität der Mahnung des Bonifatius, „keine stummen Hunde“ zu sein: „Gerade der öffentliche und politische Diskurs leidet oft darunter, dass der Mut zur Wahrheit geringer ausgeprägt ist, als der Wunsch, nicht unangenehm aufzufallen – im täglichen Zusammenleben bis hin zu den großen Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechten.“

Eine kunstgeschichtliche Einordnung der Bonifatius-Skulptur in das Bildprogramm des Reichstagsgebäudes von Paul Wallot – unter Berücksichtigung der Spannungen zwischen Monarchie und Parlamentarismus – nimmt ein Aufsatz von Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, vor. Er wird abgerundet durch einen Auszug aus der Darstellung des Reichstagsgebäudes aus der Feder des Architekten Wallot, eine Übersicht über die zwölf historischen Persönlichkeiten in der Ringkrone des Leuchters sowie Kurzbiografien von Wallot und Bonifatius. In besonderer Weise gelingt es Kaernbach, die Gestaltung des Leuchters in dessen geistesgeschichtlichen Kontext einzuordnen und als Ausdruck einer politischen Identitätssuche zu deuten: Die Skulpturen versinnbildlichten „die Suche des Kaiserreichs nach einer Brücke zwischen Moderne und Tradition und nach einer überzeugenden Zusammenführung demokratischer und monarchisch-dynastischer Ansprüche“. Zudem käme in der Kombination von Luther und Bonifatius in der Personengruppe „das Bemühen um eine Versöhnung konfessioneller Gegensätze“ zum Ausdruck.

Michael Brand schlägt schließlich die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, indem er sich auf die Suche nach „Spuren des hl. Bonifatius im heutigen Berlin“ begibt. Diese führt ihn vom Bonifatiuskreuz in der Gartenanlage der Hessischen Landesvertretung und der Bonifatius-Kapelle im Kommissariat der Deutschen Bischofskonferenz über die Reliquie des heiligen Bonifatius in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur und die Pfarrkirche St. Bonifatius in Kreuzberg bis zum Don-Bosco-Zentrum in Marzahn, das durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken gefördert wird, und in den Andachtsraum des Reichstagsgebäudes.

In seiner Vielseitigkeit gelingt es dem Buch, nicht nur die Bedeutung zu plausibilisieren, die Bonifatius vor über 100 Jahren für das deutsche Nationalbewusstsein hatte, sondern zudem aufzuzeigen, wie das Zeugnis des Heiligen auch heute noch nachwirkt. Dankbarerweise wird immer wieder auch die ökumenische Dimension dieses Heiligen der ungeteilten Christenheit betont. Damit dürfen sich sowohl katholische als auch protestantische Glaubensgeschwister vom Aufruf des Bonifatius angesprochen fühlen: „Wir wollen nicht stumme Hunde sein.“

Michael Brand (Hg.): Wie Bonifatius in den Reichstag kam. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 64 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-7319-0591-2, EUR 9,95

Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Ein gelungener Kompromiss

Das Konzept für die Dauerausstellung im Deutschlandhaus

Bereits im Juni hatte die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ihr Konzept für die Dauerausstellung präsentiert, die im Deutschlandhaus, unweit des Potsdamer Platzes, in Berlin realisiert werden soll. Vor dem Hintergrund der hitzigen Debatten, die den Weg zum „Sichtbaren Zeichen“ begleiteten, dürfen weder die Herausforderung noch die Verantwortung, die sich mit der Arbeit an diesem Konzept verbunden haben, niedrig eingeschätzt werden. Am Ende ist es dem Stab der Stiftung um Direktorin Dr. Gundula Bavendamm gelungen, ein Papier vorzulegen, in dem die unterschiedlichen Fraktionen der zurückliegenden Diskussionen ihre Positionen ernst genommen sehen können, ohne dass die Gesamtkonzeption hätte Abstriche bei der inhaltlichen Kohärenz machen müssen.

Verknüpfung komplementärer Perspektiven

Aufschlussreich ist bereits die Grobgliederung der Ausstellung in drei Hauptabschnitte: „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Darein hat sich eine der besonders umstrittenen Fragen der letzten Jahre eingeschrieben: Soll die Vertreibung der Deutschen als Teil des Phänomens Zwangsmigration als einer historischen Konstante des kurzen 20. Jahrhunderts thematisiert werden, unter dem Risiko, den historischen Nexus zwischen Zweitem Weltkrieg und deutschem Heimatverlust zu vernachlässigen? Oder soll eben diese Verbindung das Narrativ der Ausstellung prägen, was wiederum zu einer Ausblendung historischer Parallelen vom Ersten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg geführt hätte?

Diesen Konflikt löst die Konzeption, indem sie beide Ansätze zur Geltung kommen lässt. Eine phänomenologische Annäherung an den Problemzusammenhang nimmt der erste Hauptteil vor, indem er zunächst einen historischen Überblick gibt und – hiervon ausgehend – sodann in Form von Themeninseln zentrale Aspekte von grundsätzlicher Bedeutung fokussiert: „Begriffe und Kontroversen“ – „Nation und Nationalismus“ – „Zwang und Gewalt“ – „Lager – Transit und Provisorium“ – „Völkerrecht und Menschenrechte“.

Der – umfangreichere und detaillierter untergliederte – zweite Hauptabschnitt nimmt, hieran anknüpfend, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ in den Blick. Die Verbindung deutscher Expansion und Vertreibung der Deutschen ist diesem Ausstellungsbereich durch seinen ersten Unterabschnitt zugrunde gelegt: „Totalität und Entgrenzung: Deutsche Expansionspolitik und Zweiter Weltkrieg (1938–1944)“. Nachdem der zweite Unterabschnitt „Pläne der Alliierten und der Exilregierungen für eine Nachkriegsordnung Europas durch Vertreibungen (1939–1945)“ thematisiert hat, nehmen dann zwei Teilbereiche die beiden wesentlichen Phasen deutscher Zwangsmigration separat in den Blick: „Evakuierung und Flucht der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten (1944/45)“ und die „ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas (1944–1948)“.

Letztlich dürfte es den Verfassern der Konzeption gelungen sein, aus zwei ursprünglich kontrastiv aneinander profilierten Ansätzen zwei zueinander komplementäre Perspektiven entwickelt zu haben. Abgeschlossen wird die Dauerausstellung mit dem dritten Hauptteil über „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Für diesen Bereich entwickelt das Konzept das Narrativ einer nicht unbelasteten, aber letztlich erfolgreichen Integrationsgeschichte: vom „gesellschaftliche[n] Experiment“ über „Konfliktgesellschaft und deutsche Frage“ und die Spannung zwischen „Polarisierung und Verständigung“ hin zu „Erinnerung und Gedächtnis im Wandel“.

Der Bund der Vertriebenen hatte stets Anteil an der Entwicklung der Bundesstiftung und deren Ausstellung. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB im Gespräch mit Dr. Gundula Bavendamm.
(Foto: privat)

Regionalgeschichtliche Gesichtspunkte

Das Konzept-Papier ist zu umfangreich, als dass sich an dieser Stelle – neben einer Analyse der großen Linie – sämtliche regionalgeschichtlichen Gesichtspunkte der Konzeption erörtern ließen. Vielmehr kann hier nur eine Problemanzeige für das untere Weichselland erfolgen.

In der Unterabteilung zum „Kriegsende in den Ostgebieten des Deutschen Reiches“ sind es zwei mit Westpreußen verbundene Ereignisse, welche die Komplexität der Entwicklungen an der näher rückenden Ostfront verdeutlichen: auf der einen Seite der Untergang der Wilhelm Gustloff, auf der anderen Seite das Massaker von Palmnicken, dem jüdische Häftlinge von Außenlagern des KZ Stutthof zum Opfer fielen. Zwei weitere Bereiche der Ausstellung beleuchten die „Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ sowie die „Vertreibungen im Zusammenhang mit der Westverschiebung Polens“.

Zwar benennt das Konzept Fragen der europäischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit, eine abschließende Einschätzung über deren Einordnung in den Gesamtkontext ist jedoch noch nicht möglich. In jedem Fall dürfte es sich hier um einen der neuralgischen Punkte der Ausstellung handeln bzw. um einen Indikator dafüür, mit welcher Offenheit Fragen etwa nach der Bedeutung antideutscher Tendenzen in der polnischen Politik von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs bis hin zum „Bromberger Blutsonntag“ und seinem Umfeld verhandelt werden können.

Gleichermaßen abzuwarten ist, inwiefern das Schicksal ziviler deutscher Zwangsarbeiter – wie etwa im „Zentralen Arbeitslager Potulice“ – als flächendeckendes Phänomen erörtert wird. Für die Themeninsel zu Lagern scheint es bisher noch nicht vorgesehen zu sein, in den Abschnitten zu einzelnen Vertreibungsgebieten wird dieser Gesichtspunkt nur für Nord-Ostpreußen und Südosteuropa expliziert. Gleichfalls fraglich ist, in welchem Umfang die Heimatverbliebenen in den Oder-Neiße-Gebieten Berücksichtigung finden werden.

Bereits diese Schlaglichter machen deutlich, dass das nun vorliegende Konzept noch hinreichende Spielräume bei seiner Umsetzung lässt, sodass die endgültige Gestaltung mit großem Interesse zu erwarten ist.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2017.

Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.

Der „Kanzler der Einheit“ und die Deutschen aus dem Osten

Zum Tod von Bundeskanzler Helmut Kohl (* 3. April 1930 – † 16. Juni 2017)

Mitte Juni ist Helmut Kohl in seinem Geburtsort Ludwigshafen verstorben. Abschied vom „Kanzler der Einheit“ nehmen auch deutsche Heimatvertriebene und Heimatverbliebene. Mit ihm verbinden sie in besonderer Weise die Jahre der politischen Wende in Europa.

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB würdigte Helmut Kohl, dem bereits 1984 die Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen verliehen worden war, als „Verfechter der ­europäischen Idee“ und Unterstützer der Vertriebenen und Aussiedler: „Im In- und Ausland“ habe er deren „besonderen Anteil […] am geistigen und materiellen Wiederaufbau Deutschlands deutlich“ heraus gestellt und sich dafür eingesetzt, „Geschichte und Kultur der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu fördern sowie die Aufarbeitung auch des Vertreibungsunrechtes voranzubringen“.

Vollständiger Artikel auf der-westpreusse.de…

Das Danziger Weltkriegsmuseum – im Spiegel der Debatte

Historiografische und museologische Differenzierungen im deutschen Sprachraum

Selten erhalten kultur- bzw. geschichtspolitische Zerwürfnisse eine derartig große mediale Aufmerksamkeit, wie sie im Falle der anhaltenden Auseinandersetzung um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig zu verzeichnen ist. Dabei sind zwar – anders als bei der Debatte um die
„Wehrmachtsausstellung“ – nicht sonderlich kontroverse Positionen auszumachen, denn die Kritik aus der deutschsprachigen Presselandschaft an der gegenwärtigen polnischen Regierung ist weitestgehend einhellig. Dennoch lohnt es sich, unterhalb dieser übereinstimmenden Einschätzung der Akteure im gesellschaftlichen Raum genauer auf die einzelnen Stimmen zu hören, weil sie ein erheblich differenzierteres Bild der Problematik vermitteln.

Eingepfercht zwischen zwei totalitären Systemen: Die bedrängende Situation Polens lässt sich in diesem Durchgang geradezu körperlich erfahren. (Foto: Vincent Regente)

Den Beitrag, den das Museum für eine Vermittlung zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern zu leisten vermag, hebt der Historiker und Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck in seinem Beitrag „Der lange Schatten des Krieges“ für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (26. März 2017) hervor. Ihm erscheint das Weltkriegsmuseum als Beispiel für die wachsende Bereitschaft Polens, sich gegenüber seiner deutschen Geschichte – einschließlich des Vertreibungsgeschehens – zu öffnen : „Dass hier vor nicht so langer Zeit Menschen fremder Zunge und anderen Glaubens lebten, wird in Polen längst nicht mehr verschämt weggedrückt. So hat auch das neue Museum ein Stockwerk, das sich das ‚archäologische‘ nennt. Hier sind Tabakpfeifen und Schmuck zu sehen, die bei den Bauarbeiten freigelegt wurden.“ Der Wille zum Dialog wird für ihn auch darin erkenntlich, dass alle betroffenen Opfergruppen zu Wort kommen : „Das Museum lässt sich nicht auf abstrakte Geschichtsdeutungen ein; es lässt die Opfer sprechen und keine Gruppe aus.“ Die besondere Bedeutung des Museum sieht er folglich in dem Bemühen, „die Erinnerung des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen“.

Die Vermittlungsleistung des Museums hat freilich eine inhaltlich-konzeptionelle Voraussetzung, die Reinhard Lauterbach in seiner Ausstellungskritik in der marxistischen Jungen Welt („Eine todernste Sache“, 3. April 2017) offenlegt: Das Museum ist für den Rezensenten „großartig – wenn man von seiner ‚antitotalitären‘ Ideologie absieht“. Gewiss: Entsprechende Parallelen zwischen Faschismus und Kommunismus – und somit auch der Okkupation Polens sowohl durch das Deutsche Reich als auch durch die Sowjetunion – entsprechen nicht Lauterbachs Geschichtsbild. Die Ausstellung selbst aber findet sein Wohlwollen, und zwar gerade auch wegen ihres konsequenten pazifistischen und universalistischen Ansatzes: Dieses Konzept sei „kein geringes Verdienst, denn der Kern der offiziellen Vorwürfe lautet“, dass „die ‚positive Seite‘ des Krieges, die Erziehung zu ‚Heldentum‘ und ‚Selbstaufopferung‘“, nicht genug propagiert werde. Dennoch bestimmt Lauterbach auch Leerstellen in der dargebotenen Erzählung : „Das Phänomen der polnischen Alltagskollaboration, etwa durch den Verrat verfolgter Juden, kommt freilich nur am Rande vor. Auch die ziemlich freundschaftlichen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau bis Anfang 1939 […] fallen unter den Tisch.“ Letztlich muss innerhalb des Milieus der Jungen Welt auch noch Anstoß erregen, dass es am Ende der Ausstellung „der unter geostrategischen Vorgaben der Sowjetunion entstandenen Volksrepublik Polen“ „geschichtspolitisch an den Kragen“ geht.

Wie stark der Danziger Museumsstreit inzwischen zum symbolischen Austragungsfeld weltanschaulicher Kämpfe geworden ist, in denen sich autoritär-konservative und liberale politische Konzepte gegenüberstehen, belegt Andreas Breitenstein in einem Kommentar, den die Neue Zürcher Zeitung („Die Liebe zum Ausnahmezustand“, 6. April 2017) veröffentlicht hat. Einen Tag zuvor hatte das polnische Oberverwaltungsgericht zugunsten des Kulturministers entschieden, dass die seit langem geplante Zusammenlegung des Weltkrieg-II-Museums mit dem Museum des Verteidigungskrieges von 1939 auf der Westerplatte rechtens sei. Angesichts dieser neuerlichen Wendung beklagt der Literaturkritiker und Journalist Breitenstein die starre Haltung einer Regierung, die „über ihren fundamentalistischen Schatten [hätte] springen müssen“ und keinerlei Bereitschaft zu entwickeln vermocht hat, das Museum „einfach so in die Freiheit seines Wirkens [zu] entlassen“. Bedroht sieht er damit das Museum als Zeichen „für ein modernes und liberales, weltoffenes und nachdenkliches, sprich : europäisches Polen, das die Größe hat, differenziert mit seiner Geschichte umzugehen“.

Die grundsätzlich plausible Zuordnung von „Fortschrittlichkeit“ und „Reaktion“ vermag allerdings auch nicht den Blick darauf zu verstellen, dass das Museum keineswegs radikal mit den Traditionen der polnischen Geschichtskultur bricht. In der Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 6. April, (die gleiche, in der Andreas Breitensteins Kommentar erschienen ist) geht Felix Ackermann ausführlich auf das Konzept ein („Weltkriegsmuseum in Danzig: In Polen dokumentiert ein Museum die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und blickt über dessen Ende hinaus“). Dabei kommt er zu dem aufschlussreichen Urteil, dass die Kritik, das Konzept sei „nicht ausreichend Polen-zentriert, kaum nachvollziehbar“ sei : „Die polnische politische Rechte befürchtet zu Unrecht, dass polnisches Leid und polnischer Widerstand in Danzig nicht sichtbar würden. Auch das Funktionieren des polnischen Untergrundstaates stellt die Ausstellung ausführlich dar.“ Erst recht werde am Ende der Ausstellung die in Polen allgegenwärtige These veranschaulicht, dass in Danzig der Zweite Weltkrieg mit den Kämpfen an der Westerplatte nicht nur begonnen habe“, sondern dass vor allem die Solidarność-Bewegung „den Weg für die Beilegung des Kalten Krieges geebnet habe.“

Gerade dieser Beitrag, der der Ausstellung in gewissen Hinsichten sogar den „Charme eines Militärdepots“ zuspricht – den die politische Führung doch ebenfalls wohlgefällig aufnehmen müsste –, lässt somit unmissverständlich erkennen, dass die Regierung schwerlich eine vermittelnde bzw. „mittlere“ Position zulässt, sondern in gewisser Weise „aufs Ganze“ gehen wird.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 5/2017.