Ein „zionistischer Lenin“

Tom Segev bietet eine kritische Würdigung des israelischen Staatsgründers David Ben Gurion

Von Tilman Asmus Fischer

Wie erinnert man zum Staatsgründungsjubiläum an einen Mann, mit dem dieses Ereignis untrennbar verbunden ist? Wie, wenn es sich um die Gründung eines Staates sui generis handelt – der einzigen Demokratie im Nahen Osten, deren Gründung zugleich mit ethnisch-religiösen Konflikte verbunden war, die sie bis heute prägen? Kurz: Wie erinnert man an David Ben Gurion? Eine umfangreiche und auf breitem Quellenbestand gründende Annäherung an die israelische Gründergestalt hat nun der Jerusalemer Historiker und Journalist Tom Segev vorgelegt. Ruth Achlama hat das 800 Seiten starke Werk ins Deutsche übersetzt.

„David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis“ ist weder Heldenepos noch Abrechnung eines Historikers, der bereits aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem Zionismus in Israel für Kontroversen gesorgt hatte. Vielmehr zeichnet Segev das Bild einer komplexen Persönlichkeit, die sich unter nicht minder komplexen Bedingung einer politisch-historischen Extremlage bewähren musste: in den Spannungen des britischen Mandatsgebietes Palästina und vor dem Hintergrund der Verwerfungen des Zweiten Weltkrieges.

Und so gewinnt der Untertitel „Ein Staat um jeden Preis“ während der Lektüre besondere Tiefe, da er in zwei unterschiedlichen, sich ergänzenden Dimensionen erschlossen wird.

„Ein Staat um jeden Preis“: Das bedeutet zum einen die individuelle Opferbereitschaft einer historischen Persönlichkeit, die sich bereits zur Zeit ihrer Jugend in Russisch-Polen der Idee des Zionismus verschrieb und nach Palästina aufbrach, um ihre politische Vision zu verwirklichen. Dies hieß, einen Staat zu bauen: administrative Strukturen eines Gemeinwesens zu schaffen sowie ihm zugleich eine historisch-politische Identität zu geben

Das bedeutet zum anderen, dass dieses Ziel mit einer teils erschreckenden Rigorosität verfolgt wurde. Beide Seiten dieser Staatsbildung beschreibt Tom Segev mit großer Klarheit. Er vermag dies dank eines umfänglichen Quellenbestandes, auf den er erzählerisch immer wieder geschickt zurückgreift.

Es sind vor allem Selbstzeugnisse Ben Gurions, die wichtige Einblick in sein facettenreiches Wesen eröffnen. Dies gilt etwa für seinen Nachruf auf Lenin, den Segev ausführlich zitiert. Hieraus spricht sowohl Ben Gurions zeitlebens ambivalente Haltung zum Sozialismus, als auch vor allem sein persönliches Idealbild.

Sein Ziel sei es gewesen, schreibt Segev, ein „zionistischer Lenin“ zu werden: „Ein Mann“ – zitiert er Ben Gurion – „der eins mit seiner Seele ist, der jeder Barriere spottet; der keine Verzichte und Nachsicht kennt, extrem bis zum Letzten; der auf dem Bauch durch tiefen Morast kriechen kann, um das Ziel zu erreichen; ein Mann von eisernem Willen, der für die Revolution weder Menschenleben noch das Blut kleiner Kinder schont.“

Doch kommen neben Ben Gurion auch Weggefährten und weitere Akteure der Zeitgeschichte hinlänglich zu Wort. Schließlich bedarf es neben derlei Selbstzeugnissen Ben Gurions der Multiperspektivität. Sie wird garantiert durch die vielfältigen zusätzlichen Quellen, die Segev einbezieht; neben diversen Briefwechseln etwa auch Protokolle zionistischer Organisationen.

Denn – und dies reflektiert Segev bereits einleitend – Ben Gurion war nicht nur Aktivist und Staatsmann. Er betätigte sich zugleich bewusst als geschichtspolitischer Akteur, als ein homo scribens: „Ben Gurions Tagebücher, Aufsätze, Bücher, Briefe und Reden enthalten Millionen von Wörtern; fast täglich schrieb er mehrere Stunden lang.“ Zudem arbeitete er gezielt mit Biografen zusammen, versuchte Publikationen Dritter zu beeinflussen und analysierte antike Biografien. Sein Ziel war es, „künftige Generationen für sich zu gewinnen“. Diesen Chronisten seiner selbst zu Wort kommen zu lassen und zugleich kritisch in seinen Kontext einzuordnen, ist Segevs Verdienst.

Indem er auf diesem Wege zugleich zu einer Entzauberung wie einer Würdigung Ben Gurions gelangt, erhält der mit dessen Wirken verbundene Prozess der Staatsbildung enorme Plastizität. Denn was bedeutet es konkret, aus einer Mischgesellschaft von autochthonen Juden und eingewanderten Zionisten einen Staat zu bauen? Wie konnten in einem britischen Mandatsgebiet unter arabischer Dominanz die Grundlagen für ein jüdisches Staatswesen geschaffen werden? Wie dessen Gelingen schließlich gegen regionale Widerstände und angesichts teils nur bedingter Unterstützung durch die westlichen Staaten behauptet werden?

Der Leser erlebt Ben Gurion in den unterschiedlichsten Funktionen, die diese Aufgabe erfordert: als Diplomaten in Missionen zwischen New York, London und Paris; als Machtstrategen, der die unterschiedlichen (teils terroristischen) Strömungen der zionistischen Bewegung zusammenhält und bändigt; als ersten Ministerpräsidenten Israels. Nicht zuletzt aber erscheint Ben Gurion – die „Denkmaschine“, wie er sich selbst einmal bezeichnete – als akribischer Arbeiter, der sich bis hin zu technischen Detailfragen mit den vorliegenden Herausforderungen des zu bauenden Staates auseinandersetzte.

Ben Gurions Fähigkeit zu rational ausgeklügelter Problemlösung tritt bei Segev gerade auch in der Gestaltung der Beziehungen zur jungen Bundesrepublik zu Tage. Damit diese 1952 überhaupt erst aufgenommen werden konnten, musste Ben Gurion vor allem im eigenen Land und politischen Lager – sieben Jahre nach dem Holocaust – taktieren und Überzeugungsarbeit leisten. Schließlich entstand in den kommenden Jahren sogar eine tragfähige Partnerschaft – einschließlich auf beiden Seiten umstrittener militärischer Unterstützung. Dies war, wie Segev zeigt, gerade auch dem vertrauensvollen Verhältnis zu verdanken, das Ben Gurion zu Konrad Adenauer pflegte.

Das Gesamtbild eines umfassenden Staatsbildungsprozesses muss auch ethische Ambivalenzen aushalten. Dementsprechend liegt es Segev fern, diese auszuklammern. So verhandelt Segev offen auch die Ambivalenzen des zionistischen Aktivisten und Staatsmanns. Diese zeigen sich etwa einerseits in der Haltung gegenüber den vom Holocaust gezeichneten Displaced Persons in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands. Wertete er diese Menschen zwar als mächtigen „Faktor in unserem politischen Kampf“, konnte er für deren persönliches Leid jedoch – so Segev – „kein väterliches Mitgefühl“ aufbringen, da er den Holocaust lediglich „als nationale Katastrophe“ betrachtete.

Andererseits tritt seine Bereitschaft, moralische Bedenken der israelischen Staatsräson unterzuordnen, im Umgang mit der autochthonen arabischen Bevölkerung hervor. Nicht nur, dass Ben Gurion deren Flucht billigend in Kauf nahm. Vielmehr konstatiert Segev angesichts erhaltener Einsatzbefehle, dass Ben Gurion „die Vertreibung der arabischen Bevölkerung ausdrücklich“ mittrug.

Nachdenklich endet Segevs Ben-Gurion-Biografie. Nachdem der Staatsgründer – bei zunehmenden „Denkschwächen“ und politischer „Verschrobenheit“ – zum „Störfaktor“ geworden sei und nach seinem Rückzug aus der Regierung auch seine eigene Partei gespalten hatte, starb er 1973 kurz nach Ende des Jom-Kippur-Krieges: „Der Jom-Kippur-Krieg endete mit dem Überleben, nicht mit einem Sieg, hinterließ Schwermut und das undefinierbare Gefühl, dass nichts mehr so sein würde, wie es war. Ben Gurions Tod in jenem Augenblick erhielt daher symbolische Bedeutung, war nicht nur Abschied von einem Mann, sondern von einer ganzen nationalen Epoche.“

Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Siedler Verlag, München 2018. 800 S. m. 27 Abb., 35 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 16. Mai 2018.

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Den Geist der Unrechtsdekrete beseitigen

Auf ein Wort

Tilman Asmus Fischer
Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen e. V.

Auch in diesem Jahr wird der Bund der Vertriebenen im September den Tag der Heimat begehen. 2018 steht er unter Leitwort: „Unrechtsdekrete beseitigen – Europa zusammenführen“! Beide Forderungen sind ebenso wichtig wie aktuell.

Bei dem politischen Reizwort „Unrechtsdekrete“ denkt man zunächst an die Beneš-Dekrete, welche die Verbrechen während der Vertreibung der Sudetendeutschen legitimierten. Entsprechende Unrechtserlasse gab es auch im Nachkriegspolen und den von ihm verwalteten Oder-Neiße-Gebieten. Hier waren es die Bierut-Dekrete, welche die Entrechtung und Enteignung der Deutschen legitimierten. Während wesentliche polnische Verfügungen inzwischen aufgehoben sind – seit 1985 etwa das faktische Enteignungsgesetz „über das verlassene und aufgegebene Vermögen“ – haben die tschechischen Unrechtsdekrete bis heute ihre formale Geltung nicht verloren.

Was sagt uns dieser Vergleich? – Dass die Forderung „Unrechtsdekrete beseitigen“ vor allem heißen sollte: Die Ideologie, die hinter den Unrechtsdekreten steht, aus den Köpfen der Menschen zu beseitigen! Denn ob nun in Tschechien die Beneš-Dekrete noch in Kraft oder die Bierut-Dekrete in Polen teils aufgehoben sind – in beiden Staaten vergiftet der nationalistische Geist, der einst diese Erlasse schrieb und nun in der politischen Rechten um Václav Klaus oder Jarosław Kaczyński fortlebt, bis heute das geistige Klima und das Verhältnis zu Deutschland sowie den deutschen Vertriebenen.

Wenn gegen die bestehende Gültigkeit der Beneš-Dekrete protestiert wird, geht es daher heute weniger um die Durchsetzung deutscher Rechtspositionen als vielmehr darum – hierauf hat der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, wiederholt hingewiesen –, dass mehr und mehr Tschechen das historische Unrecht als solches begreifen, von sich aus auf eine Aufhebung der Unrechtsdekrete drängen – und damit den dahinterstehenden nationalistischen Geist überwinden. Kritische Köpfe der tschechischen Öffentlichkeit haben längst erkannt, dass es hierbei nicht nur um eine Frage des tschechisch-(sudeten)deutschen Verhältnisses, sondern um die moralischen Fundamente der eigenen politischen Kultur und Gesellschaft geht.

Hierzu können die deutschen Vertriebenen Wesentliches beitragen, indem sie den östlichen Nachbarländern weiterhin die Hand reichen und zugleich auf die Anerkennung des an ihnen begangenen Unrechts bestehen. Und dies ist im Verhältnis zu Polen ebenso geboten wie in demjenigen zu Tschechien – ob die Unrechtsdekrete nun formal bestehen oder nicht: Ihren Geist zu überwinden muss Ziel aller bewussten Europäer sein – jenseits der Oder ebenso wie jenseits der Eger.

Genau an dieser Stelle berührt die erste Forderung des Leitwortes die zweite: „Europa zusammenführen“! Denn wie soll ein Europa wachsen und gedeihen, das mehr ist als ein bürokratischer Apparat, sondern auf einem gemeinsamen geistig-moralischen Fundament steht, wenn weiterhin in erstarkenden politischen Milieus der Nationalstaaten der Geist der Unrechtsdekrete weht – und auch politische Kräfte in Deutschland dem Beneš-Apologeten Václav Klaus eine Bühne bieten?

Erschienen in: Der Westpreuße – Landsmannschaftliche Nachrichten 2/2018.

Der lange Schatten des Ersten Weltkrieges

Fünf Fragen an General a. D. Wolfgang Schneiderhan

1918 – vor 100 Jahren – endete der Erste Weltkrieg; dieses Ereignis markiert eine historische Zäsur, deren Folgen bis heute nachwirken. Wolfgang Schneiderhan, von 2002 bis 2009 Generalinspekteur der Bundeswehr und seit 2017 Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, spricht im Interview über die Gegenwartsbedeutung des Ersten Weltkrieges.

Herr Schneiderhan, 1918 steht nicht nur für den Waffenstillstand vom 11. November. Vielmehr hat 1918 für viele Regionen kein Ende der Kampfhandlungen, für einige sogar neue Gewalteskalationen bedeutet; hinzu kommt der Zerfall der großen europäischen Vielvölkerstaaten. Woran genau können und sollten wir daher 2018 erinnern?

Wolfgang Schneiderhan, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
(Foto: Uwe Zucchi)

Wir sollten erinnern, wie wichtig Versöhnung ist. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Zweite Weltkrieg eine Wiederholung des Ersten ist, wie viele Historiker sagen, aber er hat seine Wurzeln dort. Auch die mangelnde Bereitschaft zum Erkennen und Eingestehen der eigenen Schuld trug dazu bei. „Das rechte Ende des Vierjahreskrieges wäre ein föderiertes Europa gewesen, denn er hatte das Prinzip autonomer National- und Machtstaaten in Europa ad absurdum geführt“, schrieb Golo Mann in der ZEIT schon 1964 (!).
Wir wissen, was stattdessen geschah. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich fast alle einig, dass dies „Nie wieder!“ geschehen darf. Deswegen müssen wir 2018 daran erinnern, wohin nationalistisches Denken, Vorurteile und Verachtung, Neid und Hass führen.

Es stellt sich auch die Frage nach dem Wert des Erinnerns für die gegenwärtige Politik: Wie prägen die Folgen des Ersten Weltkrieges die heutige sicherheits- und geopolitische Gesamtlage, mit der Sie als früherer Generalinspekteur wie kaum ein anderer vertraut sind?

Die Unruhen und gewaltsamen Konflikte im arabischen Raum sind unter anderem auch Folgen der willkürlichen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die aktuellen Spannungen mit der russischen Föderation und einigen osteuropäischen Ländern sind letztendlich auch Folgen des Ersten Weltkrieges, auch die Situation der baltischen Staaten (die sich von Russland bedroht fühlen). An Polen kann man die Auswirkungen gut sehen. Das Land war bis Ende des Ersten Weltkrieges unter den damaligen Großmächten Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland aufgeteilt und in die jeweiligen Staatsgebiete eingegliedert. Das führte zu der Situation, dass polnische Soldaten gegeneinander kämpfen mussten. Erst mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der einstigen Großmächte gelang es Polen, die Autonomie zu erlangen und einen Staat zu gründen. Deshalb spielt der Erste Weltkrieg im Selbstverständnis des polnischen Staats eine große Rolle. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Mehrheit in Polen den Ersten Weltkrieg als die Katastrophe wahrnimmt, die die Grundlagen für den Zweiten Weltkrieg schuf. Trotz des großen Leids, das die Polen erfahren mussten, waren sie bereit zur Versöhnung. Dafür sind wir außerordentlich dankbar. Und die Versöhnung ermöglicht gegenseitiges Verständnis, ermöglicht Zusammenarbeit und vielleicht sogar dann auch Freundschaft.

Vor dem Hintergrund dieser historischen und politischen Dimensionen: Welche Schwerpunkte wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dem Sie seit vergangenem Jahr vorstehen, gemeinsam mit seinen Partnern im In- und Ausland 2018 setzen?

Unser großes Thema ist das gemeinsame europäische Gedenken. Hier arbeiten wir mit unseren internationalen Partnern zusammen. Dabei ist die Bandbreite sehr groß – um nur einiges zu nennen: Wir schreiben einen deutsch-französischen Comicwettbewerb für Jugendliche aus, wir werden vom 11. bis 18. November eine internationale Gedenkwoche veranstalten, und unsere Landes- und Bezirksverbände planen und realisieren viele verschiedene Gedenkprojekte.

Wie fügt sich das deutsche Gedenken an Weltkrieg und Kriegsende in die europäische Gedenkkulturen, vor allem diejenigen in Ostmittel- und Osteuropa, ein?

Es ist ein gemeinsames Gedenken. Dazu gehört auch, dass man Unterschiede akzeptiert, aber einen Schwerpunkt auf wichtige Gemeinsamkeiten legt. Das eine: Wir wollen alle in Frieden leben. Und das andere: Wir leben in einem gemeinsamen Haus – in Europa. Da kann man durchaus – wenn ich das Bild bemühen darf – sein Zimmer nach Wunsch einrichten, aber es gibt ein gemeinsames Dach und ein gemeinsames Fundament. Und dazu gehören der Wunsch nach Frieden und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um diesen Frieden zu sichern.

Seit mehreren Jahren beobachten wir, etwa in Polen, neue nationale und nationalistische Bewegungen mit entsprechenden Geschichtspolitiken. Welchen Einfluss nehmen diese auf das dortige Erinnern an 1918?

Dazu kann man spekulieren, aber das möchte ich nicht. Bedenken Sie: Es gab seit Jahrhunderten deutsch-polnische Nachbarschaft, aber auch immer Auseinandersetzungen um Grenzen. Das sind historisch unterschiedliche Erfahrungen. Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 war kein Krieg um Territorien und kein Kampf von Soldaten, sondern Terror gegen das Land und seine Bevölkerung. Zehntausende Angehörige der polnischen Intelligenz wurden ermordet. Die Nationalsozialisten wollten gezielt die polnische Kultur auslöschen. Das ist im deutschen Geschichtsbewusstsein nicht unbedingt fest verankert. Aber wenn wir uns das bewusst machen, müssen wir den Polen sehr dankbar sein, dass sie zur Versöhnung bereit waren und heute freundschaftliche Beziehungen überhaupt möglich sind.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

„Wir wollen nicht stumme Hunde sein“

Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand fragt nach der Bedeutung des heiligen Bonifatius und seiner Berliner Bronzeskulptur.

Von Tilman Asmus Fischer

Der Gründungsintendant des Berliner „Humboldt Forums“, Neil MacGregor, hat mit seiner Radiosendung und dem gleichnamigen Sachbuch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ eine Geschichte der Dinge popularisiert, die sich auf die Materialität von Kultur besinnt und ausgehend von einzelnen Artefakten größere historische Zusammenhänge erschließt. Das Vorgehen hat in weiteren Ausstellungen und Büchern, die diesen Ansatz verfolgen, vielfältig und medienöffentlich Wirkung gezeigt; zu denken wäre etwa an Hermann Schäfers „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“. Daneben gibt es jedoch auch eine Reihe kleinerer Schriften, die einzelne Dinge zur materialen Quelle erheben und zum Ausgangspunkt dazu nehmen, Fragen an die Geschichte – und unsere Gegenwart – zu stellen.

Hierzu darf das vom Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand MdB herausgegebene Buch „Wie Bonifatius in den Reichstag kam“ gezählt werden. Ihr Gegenstand ist eine Bronzeskulptur des heiligen Bonifatius, die als eine von zwölf mittelalterlichen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte den monumentalen Leuchter im Eingangsbereich des Reichstagsgebäudes von 1894 zierte. Indem das Buch das Schicksal des „Berliner Bonifatius“ nachzeichnet, durchschreitet es exemplarisch die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über das Dritte Reich bis hin zur wiedervereinigten Bundesrepublik – und fragt hieran anknüpfend nach der Gegenwartsbedeutung des Heiligen Bonifatius in unserer säkularisierten Gesellschaft.

War der Apostel der Deutschen für den jungen deutschen Parlamentarismus in der Zeit des Wilhelminismus Teil eines identitätsstiftenden Bildprogramms, sollte er zusammen mit dem gesamten Leuchter 1943 auf Befehl des Rüstungsministers eingeschmolzen werden – wovor die Skulpturen jedoch durch Mitarbeiter der Norddeutschen Affinerie (Hamburg) bewahrt wurden, die sie heimlich versteckten. Die Nachkriegszeit verbrachten die Skulpturen – abgesehen von einer Präsentation im Reichstagsgebäude 1982 – in Berliner und Hamburger Depots, bis schließlich Michael Brand – angeregt vom Fuldaer Regionalhistoriker Michael Mott – den Berliner Bonifatius aus seinem Dornröschenschlaf weckte. Nachdem der Heilige 2017 in Fulda zu besichtigen war, hat er nun – als Leihgabe der Bundestagsverwaltung – eine neue Heimstatt im Büro des Fuldaer Abgeordneten gefunden. Die Geschichte dieser Odyssee fasst ein Beitrag des Fuldaer Journalisten Björn Gauges (Fuldaer Zeitung) zusammen.

Eröffnet wird das Buch durch ein Geleitwort des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und einem Vorwort des Herausgebers. Beide erinnern nicht nur an die kulturprägende Bedeutung des Bonifatius – in den Worten Lammerts: „Als historische Figur, die einst aus England kommend unsere germanischen Vorfahren bekehrte, verweist Bonifatius auf die christlichen Wurzeln deutscher Identität und – woran sich gerade heute zu erinnern lohnt – ebenso darauf, dass unsere Kultur von jeher auch durch äußere Einflüsse geprägt wurde.“ Vielmehr nimmt der Apostel der Deutschen auch als Vorbild für uns Heutige Gestalt an. So erinnert Brand an die Aktualität der Mahnung des Bonifatius, „keine stummen Hunde“ zu sein: „Gerade der öffentliche und politische Diskurs leidet oft darunter, dass der Mut zur Wahrheit geringer ausgeprägt ist, als der Wunsch, nicht unangenehm aufzufallen – im täglichen Zusammenleben bis hin zu den großen Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechten.“

Eine kunstgeschichtliche Einordnung der Bonifatius-Skulptur in das Bildprogramm des Reichstagsgebäudes von Paul Wallot – unter Berücksichtigung der Spannungen zwischen Monarchie und Parlamentarismus – nimmt ein Aufsatz von Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, vor. Er wird abgerundet durch einen Auszug aus der Darstellung des Reichstagsgebäudes aus der Feder des Architekten Wallot, eine Übersicht über die zwölf historischen Persönlichkeiten in der Ringkrone des Leuchters sowie Kurzbiografien von Wallot und Bonifatius. In besonderer Weise gelingt es Kaernbach, die Gestaltung des Leuchters in dessen geistesgeschichtlichen Kontext einzuordnen und als Ausdruck einer politischen Identitätssuche zu deuten: Die Skulpturen versinnbildlichten „die Suche des Kaiserreichs nach einer Brücke zwischen Moderne und Tradition und nach einer überzeugenden Zusammenführung demokratischer und monarchisch-dynastischer Ansprüche“. Zudem käme in der Kombination von Luther und Bonifatius in der Personengruppe „das Bemühen um eine Versöhnung konfessioneller Gegensätze“ zum Ausdruck.

Michael Brand schlägt schließlich die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, indem er sich auf die Suche nach „Spuren des hl. Bonifatius im heutigen Berlin“ begibt. Diese führt ihn vom Bonifatiuskreuz in der Gartenanlage der Hessischen Landesvertretung und der Bonifatius-Kapelle im Kommissariat der Deutschen Bischofskonferenz über die Reliquie des heiligen Bonifatius in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur und die Pfarrkirche St. Bonifatius in Kreuzberg bis zum Don-Bosco-Zentrum in Marzahn, das durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken gefördert wird, und in den Andachtsraum des Reichstagsgebäudes.

In seiner Vielseitigkeit gelingt es dem Buch, nicht nur die Bedeutung zu plausibilisieren, die Bonifatius vor über 100 Jahren für das deutsche Nationalbewusstsein hatte, sondern zudem aufzuzeigen, wie das Zeugnis des Heiligen auch heute noch nachwirkt. Dankbarerweise wird immer wieder auch die ökumenische Dimension dieses Heiligen der ungeteilten Christenheit betont. Damit dürfen sich sowohl katholische als auch protestantische Glaubensgeschwister vom Aufruf des Bonifatius angesprochen fühlen: „Wir wollen nicht stumme Hunde sein.“

Michael Brand (Hg.): Wie Bonifatius in den Reichstag kam. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 64 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-7319-0591-2, EUR 9,95

Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Ein gelungener Kompromiss

Das Konzept für die Dauerausstellung im Deutschlandhaus

Bereits im Juni hatte die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ihr Konzept für die Dauerausstellung präsentiert, die im Deutschlandhaus, unweit des Potsdamer Platzes, in Berlin realisiert werden soll. Vor dem Hintergrund der hitzigen Debatten, die den Weg zum „Sichtbaren Zeichen“ begleiteten, dürfen weder die Herausforderung noch die Verantwortung, die sich mit der Arbeit an diesem Konzept verbunden haben, niedrig eingeschätzt werden. Am Ende ist es dem Stab der Stiftung um Direktorin Dr. Gundula Bavendamm gelungen, ein Papier vorzulegen, in dem die unterschiedlichen Fraktionen der zurückliegenden Diskussionen ihre Positionen ernst genommen sehen können, ohne dass die Gesamtkonzeption hätte Abstriche bei der inhaltlichen Kohärenz machen müssen.

Verknüpfung komplementärer Perspektiven

Aufschlussreich ist bereits die Grobgliederung der Ausstellung in drei Hauptabschnitte: „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Darein hat sich eine der besonders umstrittenen Fragen der letzten Jahre eingeschrieben: Soll die Vertreibung der Deutschen als Teil des Phänomens Zwangsmigration als einer historischen Konstante des kurzen 20. Jahrhunderts thematisiert werden, unter dem Risiko, den historischen Nexus zwischen Zweitem Weltkrieg und deutschem Heimatverlust zu vernachlässigen? Oder soll eben diese Verbindung das Narrativ der Ausstellung prägen, was wiederum zu einer Ausblendung historischer Parallelen vom Ersten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg geführt hätte?

Diesen Konflikt löst die Konzeption, indem sie beide Ansätze zur Geltung kommen lässt. Eine phänomenologische Annäherung an den Problemzusammenhang nimmt der erste Hauptteil vor, indem er zunächst einen historischen Überblick gibt und – hiervon ausgehend – sodann in Form von Themeninseln zentrale Aspekte von grundsätzlicher Bedeutung fokussiert: „Begriffe und Kontroversen“ – „Nation und Nationalismus“ – „Zwang und Gewalt“ – „Lager – Transit und Provisorium“ – „Völkerrecht und Menschenrechte“.

Der – umfangreichere und detaillierter untergliederte – zweite Hauptabschnitt nimmt, hieran anknüpfend, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ in den Blick. Die Verbindung deutscher Expansion und Vertreibung der Deutschen ist diesem Ausstellungsbereich durch seinen ersten Unterabschnitt zugrunde gelegt: „Totalität und Entgrenzung: Deutsche Expansionspolitik und Zweiter Weltkrieg (1938–1944)“. Nachdem der zweite Unterabschnitt „Pläne der Alliierten und der Exilregierungen für eine Nachkriegsordnung Europas durch Vertreibungen (1939–1945)“ thematisiert hat, nehmen dann zwei Teilbereiche die beiden wesentlichen Phasen deutscher Zwangsmigration separat in den Blick: „Evakuierung und Flucht der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten (1944/45)“ und die „ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas (1944–1948)“.

Letztlich dürfte es den Verfassern der Konzeption gelungen sein, aus zwei ursprünglich kontrastiv aneinander profilierten Ansätzen zwei zueinander komplementäre Perspektiven entwickelt zu haben. Abgeschlossen wird die Dauerausstellung mit dem dritten Hauptteil über „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Für diesen Bereich entwickelt das Konzept das Narrativ einer nicht unbelasteten, aber letztlich erfolgreichen Integrationsgeschichte: vom „gesellschaftliche[n] Experiment“ über „Konfliktgesellschaft und deutsche Frage“ und die Spannung zwischen „Polarisierung und Verständigung“ hin zu „Erinnerung und Gedächtnis im Wandel“.

Der Bund der Vertriebenen hatte stets Anteil an der Entwicklung der Bundesstiftung und deren Ausstellung. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB im Gespräch mit Dr. Gundula Bavendamm.
(Foto: privat)

Regionalgeschichtliche Gesichtspunkte

Das Konzept-Papier ist zu umfangreich, als dass sich an dieser Stelle – neben einer Analyse der großen Linie – sämtliche regionalgeschichtlichen Gesichtspunkte der Konzeption erörtern ließen. Vielmehr kann hier nur eine Problemanzeige für das untere Weichselland erfolgen.

In der Unterabteilung zum „Kriegsende in den Ostgebieten des Deutschen Reiches“ sind es zwei mit Westpreußen verbundene Ereignisse, welche die Komplexität der Entwicklungen an der näher rückenden Ostfront verdeutlichen: auf der einen Seite der Untergang der Wilhelm Gustloff, auf der anderen Seite das Massaker von Palmnicken, dem jüdische Häftlinge von Außenlagern des KZ Stutthof zum Opfer fielen. Zwei weitere Bereiche der Ausstellung beleuchten die „Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ sowie die „Vertreibungen im Zusammenhang mit der Westverschiebung Polens“.

Zwar benennt das Konzept Fragen der europäischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit, eine abschließende Einschätzung über deren Einordnung in den Gesamtkontext ist jedoch noch nicht möglich. In jedem Fall dürfte es sich hier um einen der neuralgischen Punkte der Ausstellung handeln bzw. um einen Indikator dafüür, mit welcher Offenheit Fragen etwa nach der Bedeutung antideutscher Tendenzen in der polnischen Politik von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs bis hin zum „Bromberger Blutsonntag“ und seinem Umfeld verhandelt werden können.

Gleichermaßen abzuwarten ist, inwiefern das Schicksal ziviler deutscher Zwangsarbeiter – wie etwa im „Zentralen Arbeitslager Potulice“ – als flächendeckendes Phänomen erörtert wird. Für die Themeninsel zu Lagern scheint es bisher noch nicht vorgesehen zu sein, in den Abschnitten zu einzelnen Vertreibungsgebieten wird dieser Gesichtspunkt nur für Nord-Ostpreußen und Südosteuropa expliziert. Gleichfalls fraglich ist, in welchem Umfang die Heimatverbliebenen in den Oder-Neiße-Gebieten Berücksichtigung finden werden.

Bereits diese Schlaglichter machen deutlich, dass das nun vorliegende Konzept noch hinreichende Spielräume bei seiner Umsetzung lässt, sodass die endgültige Gestaltung mit großem Interesse zu erwarten ist.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2017.

Ein feste Burg…

Anlässlich des 20. Juni nahm die zentrale Veranstaltung der Bundesregierung das Gedenken an Flucht und Vertreibung in den Blick

Bereits zum dritten Mal wurde 2017 in Deutschland der 20. Juni als bundesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière MdB eröffnete die Gedenkstunde der Bundesregierung im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums mit dem Gedicht „Mondnacht“ des Schlesiers Joseph von Eichendorff und bemerkte dazu, dass das Erbe der deutschen Vertriebenen für ganz Deutschland „unser identitätsstiftendes Kulturgut“ sei. Seine Bewahrung schließe ein „bleibendes Gedenken an Flucht und Vertreibung“ notwendig mit ein.

Erzbischof Dietrich Brauer (© BdV)

Dietrich Brauer, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass für die – vornehmlich russlanddeutschen – Protestanten in Russland das Jahr 2017 nicht nur vom Gedenken an die Reformation, sondern zugleich auch von demjenigen an den Beginn der blutigen Oktoberrevolution vor 100 Jahren geprägt sei: „Ende der 30er Jahre wurden die letzten Pastoren und Gemeinderäte erschossen und die Kirchen geschlossen.“ In Erinnerung an das Altarbild der historischen Salzburger-Kirche von Gumbinnen, seiner ersten Pfarrstelle, wies der Bischof auf die historische Tiefendimension der Verfolgung aus Glaubensgründen hin. Zu sehen seien die Exulanten unter Führung ihres Pastors – und das Luther-Wort: „Ein feste Burg ist unser Gott“. 200 Jahre später habe sich die Geschichte wiederholt: „Und wieder war Gott ihre einzige Hoffnung und ihre feste Burg, wo man Zuflucht finden konnte.“

Der rumänische Staatspräsident Klaus Werner Johannis nahm den Veranstaltungsort – das ehemalige Zeughaus – zum Ausgangspunkt seiner Ansprache: Das einstige Waffenlager sei heute zu einer „Plattform des Gedenkens“ geworden. Gerade angesichts der heutigen Herausforderungen für die Weltgemeinschaft sei ebendieses Gedenken von besonderer Bedeutung. In diesem Sinne berichtete er von den unterschiedlichen Bemühungen seines Landes um eine Aufarbeitung der kommunistischen Gewaltherrschaft, der in besonderer Weise gerade auch die deutsche Volksgruppe zum Opfer gefallen war. Als einziger osteuropäischer Staat habe Rumänien deutschen Vertriebenen Entschädigungszahlungen angeboten – laufende Bemühungen um eine Eigentumsrestitution müssten weiter vorangetrieben werden. Persönlich befürwortet der aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie stammende Johannis auch die inzwischen beschlossene Schaffung eines nationalen Museums für die Opfer des Kommunismus, in dem auch die Deutschen ihren angemessenen Platz erhielten. Doch geht das rumänische Engagement weit über die Aufarbeitung der Vergangenheit hinaus und nimmt schon seit längerem die im Lande lebenden Volksgruppen in den Blick: Rumänien sehe, so Johannis, in der Minderheitenpolitik einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Stabilität. Daher ermuntere der Staat seine Minderheiten, ihre Identität zu pflegen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Aktuelle Dimensionen von Flucht und Vertreibung führte der Erfahrungsbericht des syrischen Flüchtlings Ghifar Taher Agha vor Augen. – Wie bereits in den vergangenen Jahren hielt der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Dr. Bernd Fabritius MdB, das Schlusswort der Gedenkstunde. Er erinnerte an den Unrechtscharakter, den – bei allen Unterschieden im jeweiligen historischen Kontext – jede Vertreibung damals wie heute habe. Mit Blick auf die Vertreibungsverbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs hielt Fabritius fest: „Wir wissen, dass es unselige Zeiten waren, damals, in den letzten Kriegsjahren und auch noch in den Jahren danach. Wir wissen auch, dass Barbarei und Unmenschlichkeit die Herzen und den Verstand vieler Menschen verroht hatten – aber wir weichen kein bisschen zurück in der Bewertung, dass Vertreibungen immer und zu jeder Zeit ein gravierendes Unrecht darstellen.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 7/2017.