Religion als kulturelle Ressource

In „Heimat Europa“ erkunden unterschiedlichste Autoren das geistige Fundament, auf dem sich das europäische Menschenbild begründet

Von Tilman Asmus Fischer

In den seit 2015 vermehrt geführten Debatten um Erbe und Zukunft Europas wird immer wieder der Topos des „christlichen Abendlands“ bedient – entweder als unverzichtbarer und bedrohter Kern europäischer Identität oder als moralisches Argument zur Untermauerung politischer Humanitätsforderungen. In jedem Fall scheint man bei der Frage nach Europa nicht um diejenige nach dem Christentum und seinem Beitrag zum geistigen Fundament Europas herumzukommen. Es ist ebendieser Diskurs, der sich in dem bereits 2019 erschienenen Sammelband „Heimat Europa?“ spiegelt, den Martin W. Ramb, Abteilungsleiter Religionspädagogik, Medien und Kultur im Bischöfliches Ordinariat Limburg, gemeinsam mit Holger Zaborowski, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, herausgegeben hat.

Zu den Beiträgerinnen und Beiträgern gehören neben einer Reihe von Theologen aus Deutschland und dem europäischen Ausland – unter anderem Stephan van Erp, Professor an der Universität Leuven, Jean-Claude Hollerich SJ, Erzbischof des Erzbistums Luxemburg, und Gianfranco Kardinal Ravasi, Präsident des Päpstlichen Rats für Kultur – Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Disziplinen und Bereichen des öffentlichen Lebens: neben der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff und der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig etwa auch die langjährige Gewerkschaftsfunktionärin und Sozialpolitikerin Ursula Engelen-Kefer sowie der Unternehmensberater Prinz Asfa-Wossen Asserate.

Gemeinsam ist den meisten Autorinnen und Autoren, dass sie Europa als Heimat nicht im Sinne einer kulturell homogenen Einheit denken, jedoch auf einen Grundbestand verbindender Denktraditionen verweisen, die vornehmlich ein spezifisches Menschenbild prägt. Freilich: Einzelne der Autoren verwehren sich gegen die Idee eines spezifischen identitätsstiftenden moralisch-weltanschaulichen Fundaments Europas; hierfür scheint vornehmlich die Sorge vor einer identitätspolitischen Hybris Europas ausschlaggebend zu sein.

Der Beitrag des jüdisch-christlichen Erbes zur kulturellen und philosophischen Identität Europas wird in den vielfältigen Beiträgen hinlänglich deutlich. So hebt der Religionswissenschaftler Jens Zimmermann die Einsicht des katholischen Philosophen Robert Spaemann hervor, „dass ohne den persönlichen Gott des Judentums und den zur Trinität hinführenden christlichen Inkarnationsgedanken das uns vertraute Bild der von Freiheit, Würde und Sozialität gekennzeichneten Person wohl nicht zustande gekommen wäre“.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Apell von Martin Ramb besonders eindringlich, zur Überwindung der gegenwärtigen Krise Europas müsse Europa lernen, „seine Religionsphobie zu überwinden und dabei seine Laizität weiterzuentwickeln und Religion als kulturelle Ressource für ein lebendiges Zusammenleben seiner Bürger zu begreifen“. Dieses Plädoyer dürfte in den vergangenen Monaten zusätzliches Gewicht erhalten haben: Denn in der gegenwärtigen existenziellen Pandemiekrise zeigt sich zunehmend, dass eine funktionierende Bürokratie alleine den Zusammenhalt Europas nicht zu garantieren vermag, sondern es vielmehr einer tiefergehenden Begründung bedarf, um die Gemeinschaft mit Leben zu füllen.

Martin W. Ramb und Holger Zaborowski (Hrsg.), Heimat Europa?, Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 431 Seiten, 22 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 1/2021.

„Unsere Tür ist offen für alle“

Der Buchladen St. Nikolai ist eine Institution der Theologie in Berlin. Durch die Folgen der Corona-Pandemie ist er jedoch in der Existenz bedroht. Gründer Marc-Roderich Pfau spricht im Interview mit Tilman A. Fischer über die Geschichte und Zukunft seiner Buchhandlung

Herr Pfau, 1997 haben Sie den Buchladen St. Nikolai im Nikolaiviertel gegründet. Was war damals ihre Motivation?

In den Jahren davor habe ich, ach… Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Bei meiner Landeskirche, der heuteigen Nordkirche, gab es nach dem Examen eine zweijährige Wartezeit auf einen Vikariatsplatz. Ich entschied, die besondere Gelegenheit zu nutzen, die sich in Berlin nach dem Zusammenschluss mehrerer theologischer Fakultäten ergeben hatte, und eröffnete in der Nähe des neuen Theologicums eine christliche Buchhandlung. Dabei konnte ich meine Liebe zu Büchern mit einer Tätigkeit verbinden, bei der theologische Bildung ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist.

Ihr Geschäft liegt in Sichtweite zweier gegensätzlicher Gebäude: des DDR-Prestigebaus Fernsehturm sowie der St. Marienkirche. Was bedeutet es für die Bundeshauptstadt, dass es an diesem spannungsreichen Ort eine theologische Buchhandlung gibt?

Eine christliche Buchhandlung dürfte für jeden Ort dieser Welt eine wichtige Einrichtung sein. Sogar in der DDR galten christliche Buchhandlungen als Orte, an denen man Bücher finden konnte, die sonst im Angebot fehlten, und wurden auch von Atheisten gern besucht. Unsere Tür ist offen für alle, obwohl unser Angebot natürlich primär auf Christenmenschen zugeschnitten ist. Der andere Schwerpunkt unserer Buchhandlung liegt bei Berlin-Literatur. Wir besorgen aber natürlich mit Freude auch alle anderen Bücher.

Die Buchhandlung ist aktuell in ihrer Existenz bedroht. Wie ist es hierzu gekommen?

Die Auswirkungen der Corona-Krise blieben leider nicht auf die Monate März und April beschränkt, obwohl es uns bald wieder erlaubt war zu öffnen. Während des ersten Lockdowns haben uns viele Kunden vor allem durch Online-Bestellungen über unsere Homepage nikolaibuch.de am Leben erhalten – wofür ich an dieser Stelle nochmals allen Kunden herzlich danken möchte! Aber zwei unserer Standbeine sind seitdem weggebrochen. Zum einen verzichtet die Universität weitgehend auf Präsenzveranstaltungen, weshalb Studierende nicht mehr automatisch in die Nähe unserer Buchhandlung kommen. Zum anderen meiden Berliner und Touristen seit dem Beginn der Pandemie das Zentrum.

Stellt das Advents- und Weihnachtsgeschäft für Sie unter den aktuellen Bedingungen noch eine Hoffnung dar?

Das Weihnachtsgeschäft ist für den Buchhandel überlebenswichtig, da etwa ein Drittel des Jahresumsatzes rund um Weihnachten erzielt wird. Wenn es in diesem Jahr ausbleiben würde, wäre das katastrophal. Aber noch habe ich Hoffnung!

Ist die Schließung Ende des Jahres unabweisbar? Bzw. was müsste geschehen, um den Fortbestand des Buchladens St. Nikolai zu sichern?

Wenn die Corona-Krise Anfang 2021 überstanden wäre, gäbe es keinen Grund, an Schließung zu denken. Alles hängt entscheidend davon ab, ob Kunden auch während des zweiten Lockdowns den Weg zu uns finden oder ihre Bücherwünsche online über unser Geschäft abwickeln, indem sie sich die Bücher von uns zuschicken lassen. 

Zuletzt: Was sagt uns das Schicksal Ihres Geschäftes über die Lage des Bucheinzelhandels an sich? Und welche ethischen Anfragen an die aktuelle Konsummentalität verbinden sich hiermit?

Tatsächlich ist die Lage im Buchhandel sehr unterschiedlich. Kleine Kietzbuchhandlungen erfahren momentan viel Zuspruch, da viele Menschen in der Urlaubszeit zuhause geblieben sind und mehr Zeit zum Lesen haben. Auch Kinderbücher sind stark nachgefragt. Durch unsere Spezialisierung und Lage ist die Situation bei uns allerdings eine völlig andere.

Online-Buchhandel verstehe ich als eine echte Chance für uns, denn er bietet eine Alternative für alle, die ethische Bedenken umtreiben. Denn das Geschäftsmodell des bekannten Online-Riesen beruht auf prekärer Beschäftigung – im Lager und in der Zustellung – und in der konsequenten „Steuervermeidung“. Viele mögen diesen Moloch mit ihren Bestellungen deshalb nicht weiter mästen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn man kann – ohne zusätzliche Kosten – mit online-Einkäufen sogar den stationären Handel und die Attraktivität der Innenstadt stärken! Das ist wichtig zu wissen, gerade wenn man jetzt coronabedingt den Weg in das Stadtzentrum meiden will. Probieren Sie es aus!

Buchladen St. Nikolai
Rathausstraße 17-19, 10178 Berlin
www.nikolaibuch.de

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 46/2020.

Vielfältige Präsenz des Religiösen

Während die Pandemie das physische Reisen derzeit stark einschränkt, bietet es sich an, im Kopf zu fernen Zielen aufzubrechen. Ein Reiseführer des evangelischen Theologen Johann Hinrich Claussen nimmt den Leser mit zu den seltsamsten Orten der Religionen

Von Tilman Asmus Fischer

„Die beste, bildungsreichste und zugleich umweltschonendste Art des Reisens ist immer noch das Lesen.“ Und in Zeiten einer Pandemie wie der gegenwärtigen – so möchte man Johann Hinrich Claussen zustimmend ergänzen – auch die sicherste, zumindest abhängig vom potenziellen Reiseziel. Das neueste Buch des Theologen und Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland richtet sich an – im ursprünglichen oder literarischen Sinne – reisefreudige Leser, die „religiös musikalisch“ gestimmt mit offenen Augen durch die Welt gehen. Entgegen der immer wieder vorgetragenen Säkularisierungsthese spürt dieses ganz eigene Reisebuch der vielfältigen Präsenz des Religiösen und dessen lebensweltlicher Bedeutung auf allen Kontinenten nach. Indem es auf diese Weise die Religion als eine „Angelegenheit des Menschen“ (Johann Joachim Spalding) ausweist, steht es in der besten kulturhermeneutischen Tradition liberaler Theologie.

Hierzu nimmt Claussen seine Leser mit auf eine Reise zu 42 Orten, welche er als „Die seltsamsten Orte der Religionen“ markiert. Wer hinter diesem Titel ein obskures Raritätenkabinett vermutet, täuscht sich. Claussen spielt zwar mit der Idee des „Exotischen“, bedient jedoch keinerlei Exotismus. Vielmehr geht es ihm darum, anhand von Orten, die vom Verständnis „normaler“ Religiosität einer deutschen Leserschaft abweichen, sowohl auf die Breite möglicher Formen von Religion hinzuweisen als auch eben das eigene Verständnis von „Normalität“ zu hinterfragen.

Daher fasst er zuallermeist in den 20 Kapiteln je zwei oder drei dieser Orte unter thematischen Gesichtspunkten zusammen und bezieht dabei fast durchgehend je auch ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum ein, welches von der scheinbaren „Normalität“ abweicht. So beschreibt er etwa in dem Kapitel über „Verstecke des Überlebens“ neben dem portugiesischen Ort Belmonte, in dem heute die letzten Nachfahren der geflohenen iberischen Juden leben, auch den Schweizer Mont Soleil. Auf diesem hatte der katholische Bischof von Basel an der Wende zum 18. Jahrhundert ursprünglich von Berner Reformierten verfolgten Täufern Asyl gewährt – freilich unter Auflagen: „Die Täufer durften nur auf einer Höhe ab 1 000 Metern wohnen.“

Das Spektrum, welches Claussen unter dem Stichwort „religiöser Orte“ eröffnet ist breit und anregend: Neben Kirchen und anderen Gotteshäusern kommen Gedenkorte für Terroranschläge (in Nizza und Berlin), religiös gedeutete Naturgegebenheiten (wie der Druiden-Baum von Herchies, Belgien) und Landschaften (etwa der Tempel des unendlichen Grüns im japanischen Kokedera) ebenso zur Geltung wie „religiöse Städte“ (etwa das Himmlische Jerusalem in Nkamba, Kongo) und virtuelle Orte wie Onlineplattformen der Post-Evangelicals in den USA.

Die Offenheit, mit welcher der Verfasser den unterschiedlichen Gestalten religiöser Kultur begegnet, ermöglicht ihm unter anderem, zu einer neuen Wertschätzung eines Phänomens zu gelangen, das hierzulande bereits seit langer Zeit lediglich belächelt wird: der Volksfrömmigkeit. Ein faszinierendes Beispiel hierfür ist der litauische Wallfahrtsort Kryžiu kalnas (Berg der Kreuze): „an die hunderttausend Kreuze“, so Claussen, „aus Metall, Holz oder Stein, einige roh zusammengeschweißt oder -genagelt, andere recht kunstvoll gestaltet, mit der Gestalt des Gekreuzigten und ohne, mit Inschriften in vielen Sprachen, die großen Kruzifixe über und über mit Rosenkränzen und kleineren Kreuzketten behängt. Ein Weg und dann eine Holztreppe führen mitten durch dieses katholische Symboldickicht zu einer Marienfigur oben.“ Seit dem 19. Jahrhundert gedenken die Litauer hier ihrer gefallenen Freiheitskämpfer – zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus.

Mit bestimmten Orten berührt Claussen Formen von Religiosität, die der Volksfrömmigkeit verwandt erscheinen, aber doch in einem hohen Maße von Individualität – vielleicht auch einem gewissen Eigensinn – geprägt sind. Das gilt etwa für die „Sakralbauten von Eigenbrötlern“. Hier erinnert der Verfasser etwa an Väterchen Timofej, der sich noch während des Zweiten Weltkriegs aus Russland aufmachte, um in München (auf dem Gelände des heutigen Olympiaparks) die Ost-West-Friedenskirche zu errichten, in der er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 täglich die orthodoxe Liturgie feierte und mit den Menschen, die zu ihm kamen, sprach – ohne je Theologie studiert zu haben oder von einer orthodoxen Kirche anerkannt worden zu sein.

„Die seltsamsten Orte der Religionen“ führt allerdings nicht nur den Reichtum der Weltreligionen vor Augen. Das Buch verweist auch auf zweierlei anderes: auf bedrohte wie auch auf fragwürdige Religiosität. In erster Hinsicht sind etwa die uigurischen Heiligenschreine von Xinjiang bedeutsam, die vom rotchinesischen Regime in seinem Kampf gegen die autochthonen Muslime angegriffen werden: „Aus scheinbarem Respekt vor den Uiguren erkennt sie [die Pekinger Zentralregierung; TAF] bedeutende Moscheen und Schreine als ,Stätten des kulturellen Erbes‘ an. Damit verwandelt sie diese lebendigen religiösen Orte in Museen und entzieht sie ihrer eigentlichen Nutzung.“ Als Beispiel für den zweiten Gesichtspunkt gilt eines der beliebtesten Ausflugsziele der Deutschen: die Bad Meinberger Externsteine. Detailliert zeichnet Claussen ihre Inszenierung als Kultstätte germanischer Religion nach, wie sie vor allem im Nationalsozialismus propagiert und noch heute von Rechtsextremisten gepflegt wird.

Im Falle einzelner Orte kann das Buch beim Leser freilich den Wunsch nach einer kritischeren Thematisierung theologischer Anfragen an deren religiösen Charakter hinterlassen. Dies gilt im Besonderen für den Tierfriedhof Hamburg-Jenfeld. Im Anschluss an die Betrachtung der dort gepflegte Trauerkultur wirft Claussen die Frage auf: „Wenn Menschen also um einen Hund oder eine Katze aufrichtig trauern, sollte man dann als Pastor den Abschied nicht aus seelsorgerlichen Gründen begleiten?“ Hier dürften sich allerdings durchaus weitergehende Fragen aufdrängen: Welche Konsequenzen hat eine – zumal religiös eingekleidete – „Vermenschlichung“ der tierischen Mitgeschöpfe für ein sachgemäßes und verantwortliches Verhältnis des Menschen zu sich selbst wie eben auch zum Tier? Und welche möglichen Interventionen ergeben sich hier aus der Perspektive des christlichen Begriffs von Mensch und Schöpfung?

Beschlossen wird das Buch von einem Ort, der dem Verfasser besonders wichtig gewesen zu sein scheint, widmet er ihm doch als einzigem ein Kapitel für sich. Immerhin kennzeichnet Claussen diesen Ort – mitten im Grenzdurchgangslager Friedland – auch als ein Unikum: „Mittendrin, ganz unauffällig, befindet sich die ,Evangelische Lagerkapelle‘, wie auf einem Schild in altertümlicher deutscher Schrift über dem schlichten Eingang zu lesen ist. Doch so bescheiden sie sich gibt, stellt sie dennoch etwas Einzigartiges dar. Denn kein anderes Aufnahmelager in Deutschland besitzt solch eine eigene Kirche.“ Es zeichnet Claussens „Reisebuch“ aus, dass es gerade auch zum Kennenlernen solcher auf den ersten Blick „unspektakulärer“ Orte einlädt – wie dieses nach dem Zweiten Weltkrieg für deutsche Ostvertriebene geschaffene Gotteshauses, dessen innere Gestalt von Werken der bedeutenden Erbauungskünstlerin Paula Jordan geprägt ist. Ein Besuch der werktags von acht bis 17 Uhr öffentlich zugänglichen Kapelle ließe sich gewiss auch mit einer Besichtigung des 2016 eröffneten Museums Friedland verbinden, welches die Geschichte des Aufnahmelagers dokumentiert.

Erschienen am 12. November 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Johann Hinrich Claussen, Die seltsamsten Orte der Religionen, München 2020.

Reise durch die Vielfalt des Christentums

Hans Möhler präsentiert architektonisch ungewöhnliche Sakralbauten

Von Tilman Asmus Fischer

„Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen“, weiß der Beter von Psalm 139. Aus diesen Worten spricht das gläubige Bewusstsein für die räumliche wie metaphorische Grenzenlosigkeit der Gnade und Zuwendung Gottes zu Menschen. Dieses Gefühl wiederum drängt zur Dankbarkeit – bereits den Psalmbeter: „Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.“

Doch auch über die gesamte Geschichte der Kirche hinweg haben Christen in aller Welt ihr Gottvertrauen sowie ihre Dankbarkeit gegenüber ihrem Schöpfer und Erlöser in Form von Kirchbauten Gestalt annehmen lassen. Und so reicht nicht nur Gottes Hand bis an das „Ende des Meeres“, sondern finden sich auch dort Gotteshäuser, die zu Stille, Gebet und Verehrung einladen: zum Beispiel eine bulgarisch-orthodoxe Kapelle in der Antarktis. Die St. Ivan-Rilski-Kapelle ist eine von acht Kirchen in der Antarktis, die zumeist auf dort tätige Polarforscher zurückgehen. Ihr Patron Ivan Rilski gilt als Schutzpatron der Bulgaren und gründete im zehnten Jahrhundert das bedeutende Kloster Rila. Während dieses größte Kloster Bulgariens seit 1983 zum UNESCO-Welterbe zählt, dürfte der antarktische Wellblechbau mit Kreuz, Altar, Ikonen und Glocke nur den wenigsten Menschen bekannt sein.

Er findet sich jedoch in dem von Hans Möhler herausgegebenen Bildband „Gottes besondere Häuser“, der sich der „ungewöhnlichsten Kirchen der Welt“ annimmt. Der Herausgeber weiß um die kulturelle Prägekraft von Kirchen als sichtbaren Ausdrucks der christlichen Tradition: „Rom ist die Stadt der tausend Kirchen, sagt man. Die kleine mazedonische Stadt Ohrid kann allein 365 Kirchen aufweisen. Weltberühmte Kathedralen ziehen jährlich hunderttausende Besucher aus nah und fern an, und wenn Notre-Dame de Paris brennt, geht eine Welle des Erschreckens um die Welt.“

Ohne die Bedeutung solcher Denkmäler des Glaubens mindern zu wollen verfolgt Möhlers Buch den Ansatz, den Blick auf die architektonische Präsenz des Christentums zu weiten – gewissermaßen vom Zentrum zur Peripherie: „Wer auf Reisen ein wenig die Augen offenhält“, so Möhler, „findet Kirchen und Kirchlein, die kaum jemand kennt – am Straßenrand im Libanon, in den entlegensten Wüstenbergen Äthiopiens oder in der Abgeschiedenheit der Kapverdischen Inseln. Sie sind ungewöhnlich klein oder alt, präsentieren sich in ungewohntem architektonischem Gewand, stehen an besonderen Orten oder tragen eine außergewöhnliche Geschichte in ihren Mauern.“

Und sie zeugen von der Vielfalt der Christentumsgeschichte. So ist einerseits die 1609 im indischen Panjim errichtete römisch-katholische Kirche „Unsere Liebe Frau von der unbefleckten Empfängnis“ ein Relikt des mit dem europäischen Kolonialismus einhergehenden Kulturtransfers. Andererseits kommen eigenständige nicht-europäische Christentümer zur Geltung, wie etwa die in Japan unter Abspaltung vom Methodismus entstandene Mukyokai-Bewegung, die ein am Urchristentum orientiertes Leben jenseits überkommener kirchlicher Strukturen anstrebt. Ihrem Gründer Uchimuru Kanzo ist eine – von offiziellen Denominationen unabhängige – Kirche in Karuizawa gewidmet.

Das im heutigen Irak gelegene Kloster Mor Mattai von Bartella gehört zum historischen Erbe der orientalischen Christen – und erinnert zugleich an das Schicksal dieser heutigen Diaspora: Gegründet wurde es 363 von dem syrisch-christlichen Eremiten Matthias; zuletzt entging es knapp der Zerstörung durch den „Islamischen Staat“. Andere Kirchen sind bezeichnende Dokumente des neuzeitlichen Christentums. Zu ihnen zählt die Kathedrale Nuesta Senora del Carmen, die 1968 im venezolanischen Barquismeto errichtet wurde. Ihrer futuristisch anmutenden Gestalt kann man die Aufbruchsstimmung abspüren, die mit dem Ölboom und der Einführung der Demokratie einhergingen. Den Schwerpunkt freilich legt Möhlers Buches – gewollt oder ungewollt – auf Europa. Inwiefern es damit der – jenseits konfessioneller Grenzen zu verstehenden – Katholizität des Christentums entspricht, bleibt fraglich. Es bietet dennoch spannende Anregungen für Reisen oder schlicht die Beschäftigung mit der globalen Vielfalt des Christentums. Den Anspruch, die porträtierten Kirchen „kunsthistorisch und architektonisch überbordend“ zu beschreiben, verfolgt es nicht. Vielmehr geht es Möhler darum, sie „kurzweilig mit ihren Besonderheiten“ vorzustellen. Dies tut er freilich ausgesprochen knapp. Wenn der Autor in seinem Vorwort hervorhebt, die Kirchen erzählten „uns Geschichten aus ihrer Entstehungszeit genauso wie aus dem gegenwärtigen Leben ihrer Gemeinde“, wäre es eigentlich wünschenswert, wenn er die Leser an diesen umfangreicher teilhaben ließe, als er dies tut.

Dass die Kürze der gebotenen Informationen durch einen sonderlichen ästhetisch-künstlerischen Anspruch ausgeglichen würde, kann nicht unbedingt gesagt werden. Gewiss sind die Motive, die Möhler versammelt, durchaus hübsch. Grafisch spannende Perspektiven auf die Gebäude sind eher in der Minderheit. Ein Grund hierfür mag sein, das die verwendeten Bilder fast ausschließlich aus der freien Medien-Plattform „Wikimedia Commons“ und von unterschiedlichsten Urhebern stammen und nicht von einem kleineren Kreis ausgewählter Fotografen, die in der ihnen eigenen ästhetischen Sprache die Kirchbauten porträtierten. Diese kritischen Anmerkungen tun dem inspirierenden Ansatz von „Gottes besondere Häuser“ freilich keinen Abbruch.

Hans Möhler: Gottes besondere Häuser. Eine Reise zu den ungewöhnlichsten Kirchen der Welt. Luther-Verlag, Bielefeld 2020, 152 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-7858-0766-8, EUR 20,–

Erschienen am 29. Oktober 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Fremde Frömmigkeit: in weiter Ferne so nah

In seinem neuen Buch erkundet der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen „Die seltsamsten Orte der Religionen“. Tilman Asmus Fischer sprach mit ihm über dessen theoretische Grundlagen, die Fragwürdigkeit der Säkularisierungsthese und das Schicksal uigurischer Heiligenschreine.

Herr Claussen, der Titel Ihres Buches klingt ein wenig nach einer religiösen Raritäten- und Exotika-Sammlung. Was erwartet den Leser?

Mit dem Titel wollte ich Neugier wecken und die Leser weglocken von eingefahrenen Vorstellungen darüber, was Religion ist. Denn damit assoziiert man in Deutschland zunächst einmal nur die evangelische und katholische Kirche. Aber natürlich spiele ich in dem Buch auch etwas mit dem Exotischen, Touristischen, Überraschenden – auch mit dem Gruseligen manchmal. Es handelt sich jedoch nicht um eine Freak-Show. Denn bei aller Lesefreude geht es doch um ein ernsthaftes Anliegen, nämlich Religion in ihrer Breite und Tiefe einem deutschen Publikum zur Kenntnis zu geben.

Nur dass nicht unwesentliche Teile des deutschen Publikums der Meinung sind, Religion sei ein im Rückzug begriffenes Phänomen. Wozu dann seine „seltsamen Orte“ aufsuchen?

Erstens weiß ich nicht, ob die Religion tatsächlich im Rückzug begriffen ist. Da haben wir in Deutschland eine nur eingeschränkte Wahrnehmung. Zweitens stellt man selnst im Gespräch mit sich als säkular verstehenden Menschen fest: Es gibt auch für sie Orte von unbedingter Bedeutung – Räume und Naturgegebenheiten, die für sie mit letzten Bedeutungen verbunden sind. Manchmal zur eigenen Überraschung! Und da macht es doch Spaß, sich auf die Reise zu begeben und zu fragen: Was finden wir in der Ferne an Religion, die uns vielleicht zunächst fremd ist, uns dann jedoch Respekt abnötigt? Dann aber auch: Was finden wir an Religion, wenn wir uns in der eigenen Nachbarschaft – in Deutschland – umsehen? Vielleicht ist Religion uns ja viel näher, als wir manchmal meinen.

Dabei stellt sich freilich die Frage, was man unter „Religion“ versteht. Welchen Religionsbegriff legen Sie Ihrem Buch zugrunde?

Einerseits arbeite ich mit einem sehr weiten Religionsbegriff – andererseits aber auch wieder mit einem ganz engen. Weit ist, dass ich nicht nur evangelisches Christentum an anderen Orten aufsuche, sondern ganz unterschiedliche hinduistische, zen-buddhistische, aber auch charismatische Religionen oder Formen von Volksfrömmigkeit, die sich gar nicht mehr richtig zuordnen lassen. Eng ist, dass ich nur Orte aufgesucht habe, die von Menschen genutzt werden, die diese Nutzung als religiös beschreiben. Daher habe ich auf Orte wie Fußballstadien oder die Diskothek „Berghain“ verzichtet, auch wenn sie mir von einzelnen Gesprächspartnern nahegelegt wurden.

Nicht alle, aber viele der Orte, über die Sie schreiben, haben Sie selbst bereist. Gibt es dabei einzelne, die für Ihre persönliche Auseinandersetzung mit Religion besonders bedeutsam sind?

Als ich mich an das Buch machte, fragte ich mich, welche Orte für mich selber besonders relevant waren. Dabei kam ich auf zwei Ortsbegegnungen, die mir besondere Lust auf das Buch gemacht haben: Als ich nach meinem Examen ein Jahr als Hilfsprediger in Argentinien arbeitete und meine ersten Schritte auf dem pastoralen Weg beschritt, begegnete ich dem Kult der „Difunta Correa“, der inoffizielle Heilige der Lastwagenfahrer. Das war eine mir ganz fremde Art von Frömmigkeit, die mich faszinierte und nicht wieder losgelassen hat. Und dann kamen meine Frau und ich bei einem Portugal-Urlaub in das kleine Örtchen Belmonte und stellten mit Erstaunen fest: Hier leben ja die letzten Marranen, also Nachfahren der im Mittelalter aus Spanien geflohenen Juden, die dort unter einer ‚katholischen Decke‘ als Krypto-Juden überlebt hatten.

Zuletzt: Mit den Uiguren kommt in Ihrem Buch wiederum eine religiöse – muslimische – Gruppe in den Blick, die gegenwärtig Verfolgung leidet. Was erfährt der Leser über das Schicksal ihrer Schreine in der von Peking beherrschten Provinz Xinjiang?

Anders als der Mehrheitsislam kennen die Uiguren so etwas wie Heiligenverehrung. Diese drückt sich in für die Heiligen errichteten Schreinen aus: kleinen feinen Ast-Kreationen in der Natur – ähnlich minimalistischer Land Art –, aber auch großen Tempeln. Diese sind jedoch bedroht. Denn die Regierung in Peking kämpft einen Kampf gegen diese bezaubernden Schreine, um die uigurische Volkskultur zu zerstören: Die heiligen Orte werden vernichtet oder zu touristischen Ausflugszielen erklärt und damit komplett entfremdet.

Johann Hinrich Claussen, Die seltsamsten Orte der Religionen, C. H. Beck, München 2020, 239 Seiten, 20 Euro.

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 43/2020.

Vom ‚einfachen Leben‘

Ein großer Roman über die Vergänglichkeit des Lebens – Gedanken auch zum 70. Todestag von Ernst Wiechert

Von Tilman Asmus Fischer

Die Folgen, welche die Corona-Pandemie in den vergangenen Wochen gezeitigt hat, sind nicht nur gesamtgesellschaftlicher – ökonomischer, sozialer und politischer – Art, sondern verfügen zugleich über eine individuelle, existenzielle Dimension: Zum einen schafft die plötzliche Entschleunigung des Alltags Raum, sich der Geschwindigkeit, Taktung und Unstetigkeit bewusst zu werden, die das Leben im ‚Normal‘-Zustand vor – und wohl auch nach – Corona prägen. Zum anderen werden wir in Gestalt der permanenten Thematisierung von Krankheit und Tod der Fragilität, Kontingenz und mithin der Endlichkeit unseres Lebens bewusst.

Quelle: Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft

Zentrale Aspekte beider Gedankengänge bringt der Beter von Psalm 90 (V. 9f.) zur Sprache: „Darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ Es sind ebendiese Verse, die der Schriftsteller Ernst Wiechert ins Zentrum seines 1939 erschienenen Romans „Das einfache Leben“ gestellt hat. Auch über 80 Jahre danach – und vielleicht gerade im Frühjahr 2020 – lohnt es sich, das Buch neu zur Hand zu nehmen. In ihm führen die Worte „wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz“ für Marinekapitän Thomas von Orla in einer Krisensituation zur Neujustierung seines Lebens. Nach der moralischen Katastrophe des verlorenen Ersten Weltkriegs und angesichts des rastlosen Großstadtlebens entscheidet er sich, ein von körperlicher Arbeit und ethischen Reflexionen geprägtes Leben als Einsiedler auf einer Seeinsel in den masurischen Wäldern zu beginnen.

Freilich zielt Wiechert mit seinem Entwurf eines ‚einfachen Lebens‘ nicht auf ein heiteres Landidyll ab. Das liegt schon angesichts der biographischen Verortung des Romans fern, war die Arbeit an dem Buch für den NS-kritischen Autor doch immerhin Teil seiner Verarbeitung einer zweimonatigen Haft im Konzentrationslager Buchenwald 1938. Sind es für den von Wiechert gezeichneten Protagonisten in „Das einfache Leben“ auch die Verwerfungen des Ersten Weltkriegs, die der Bewältigung bedürfen, standen dem Autor selbst Einblicke in noch tiefere menschliche Abgründe vor Augen. (Explizit mit seinen KZ-Erfahrungen setzte sich Wiechert literarisch in seinem autobiographischen Bericht „Der Totenwald“ auseinander, der erst 1945 veröffentlicht werden konnte.)

Und so ist der Frieden, den Thomas von Orla am Ende des Romans findet, auch ein erfahrungsgesättigter – und dergestalt gezeichneter –, tiefernster Einklang mit der Schöpfung, die „ihren Gang“ geht: „Sie streute aus und sammelte wieder ein. Das Maß ihrer Ernte blieb immer gleich, weil das Maß ihrer Saat das gleiche blieb. Man trug seinen Helm und rührte seine Hände, und ab und zu konnte man den Helm abbinden und die Hände in den Schoß legen. Nicht oft, aber ab und zu. Und manchmal konnte man es in den Nächten über das Wasser blitzen sehen, einen stillen, rötlichen Schein, und konnte meinen, daß er von der goldenen Krone herrühre, die auf dem Grund lag. Und einmal auch, viel später, würde man vielleicht meinen können, daß man ein fröhliches Herz besitze.“

Wie Thomas von Orla sind die meisten Figuren der Romane und Novellen von Ernst Wiechert, dessen Todestag sich am 24. August zum 70. Mal jährt, hochkomplexe Persönlichkeiten, die sich – wie der Autor selbst – in äußeren und gerade auch inneren Konfliktlagen zu bewähren haben. Sie wiederzuentdecken, ist – nicht zuletzt für den heutigen Leser – ausgesprochen vielversprechend. Dies auch, da man auf diese Weise mit Wiechert einen anspruchsvollen christlichen Schriftsteller kennenlernt, der für das tröstliche und heilsame Potenzial von Religion eintritt, da sie sich für das Subjekt als hilfreich erweisen kann – wie etwa für Thomas von Orla durch einen Psalm, der als Selbstdeutungsangebot wirksam wird.

Beitrag für „Guardini akut“ (KW 18, 2020), ein Angebot der der Guardini Stiftung e.V. in der Corona-Krise:
https://www.guardini.de/projekte/guardini-akut/guardini-akut-kw-18-tilman-asmus-fischer.html

Evangelische Vielfalt

Ein aktueller kirchen- und architekturgeschichtlicher Führer erschließt das protestantische Erbe Polens – und damit auch Westpreußens

Zu einer Entdeckungsreise in das „neugläubige“ Polen lädt der Stadtarchitekt, Künstler und Verleger Marcin Żerański mit seinem Buch „Polen evangelisch“ ein. Der Führer zu Orten protestantischer Kirchengeschichte und Gegenwart war auf Polnisch bereits im Jahr des 500. Reformationsjubiläums 2017 unter Schirmherrschaft der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen erschienen. Nun liegt eine von Pfarrer Alexander Stokowski übersetzte Fassung vor, die auch deutschsprachige Leser anregen soll, den heutigen Protestantismus in Polen mit seiner polnisch-deutsch-österreichischen Geschichte (neben niederländischen und böhmischen Einflüssen) kennenzulernen.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Bereits in seiner Einführung unter dem programmatischen Titel „Evangelische Vielfalt“ wird deutlich, dass der Verfasser sich keinem nationalen Narrativ verpflichtet sieht, sondern vielmehr eine transnationale Perspektive wagt: „Die evangelischen Christen in Polen sind nicht nur Erben ihrer evangelischen Landsleute, sondern auch jener Protestanten, die aus ganz Europa und aus unterschiedlichen Gründen in das Land zwischen Ostsee, Karpaten und Sudeten einwanderten. Obwohl die evangelischen Gemeinden des Landes eigentlich aus derselben Quelle schöpfen, unterscheiden sie sich dennoch in den verschiedenen Regionen des Landes durch ihre Geschichte, ihre Tradition und auch durch ihre Kirchenbauten.“

Es entspricht der Profession des Autors – der hinsichtlich kirchengeschichtlicher Fragen von dem lutherischen Theologen Dr. habil. Jerzy Sojka beraten wurde –, dass sein Buch die Spurensuche nach protestantischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart mit einer besonderen Berücksichtigung der Architekturgeschichte verbindet. Zunächst gibt das Buch allerdings auch eine theologisch-kirchengeschichtliche Einführung, die einen Überblick über die „Regionen des heutigen Polen im Jahre 1517“ bietet und dann in Form einer Zeittafel die Geschichte des „Protestantismus auf dem Gebiet des heutigen Polen“ seit der Ansiedlung deutschsprachiger Waldenser in Schweidnitz 1315 skizziert. Beschlossen wird die Einleitung von einer Darstellung der gegenwärtigen evangelischen Kirchen in Polen.

Der Hauptteil des Buchs behandelt in einzelnen Kapiteln Orte mit protestantischer Geschichte und gegenwärtigen evangelischen Gemeinden. Diese werden in sachkundigen Texten dargestellt, die mit – vom Verfasser eigens gestalteten – Darstellungen einzelner Kirchen und Stadtplänen illustriert sind: Das Buch taugt somit als hilfreicher Begleiter bei Stadtspaziergängen. Gegliedert sind die Kapitel in vier Sektionen zum Nordwesten, Nordosten, Südosten und Südwesten Polens. Diese Disposition bestätigt für das untere Weichselland die oftmals angestellte Beobachtung, dass die historische Provinz Westpreußen heute – auf mehrere Woiwodschaften aufgeteilt – kaum noch eine selbstverständliche geschlossene Erinnerungslandschaft im Bewusstsein der Öffentlichkeit darzustellen vermag. Vielmehr finden sich Danzig, Gdingen, Schlochau, Schöneck (in Westpreußen) sowie Tiegenhof (und das Weichseldelta) unter „Nordwesten“; Bromberg, Groß Nessau (Kreis Thorn), Marienwerder und Thorn hinwiederum unter „Nordosten“.

Ebenso vielfältig wie die dargestellten Orte sind die Zugänge zu thematischen und epochenspezifischen Schwerpunkten, die sich mit ihnen verbinden. Steht das Kapitel zu Danzig ganz im Zeichen der mittelalterlichen Reformationsgeschichte, beleuchtet das Kapitel über Gdingen ein weniger bekanntes Kapitel der kirchlichen Zeitgeschichte: die 1930 bis 2006 bestehende Schwedische Seemannsmission und ihre 1936 errichtete Schwedische Seemannskirche. Mit Blick auf das täuferische Erbe in Westpreußen begnügt sich der Führer nicht mit einem Hinweis auf den „Historischen Park des Weichseldeltas“ in Tiegenhof, sondern erschließt mannigfache Spuren der Mennoniten entlang eines Radwegs, der durch das Danziger, Marienburger und Elbinger Werder von Danzig nach Elbing führt.

Gefördert wurde die Veröffentlichung des Buchs von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und dem Gustav-Adolf-Werk, dem Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland. Damit ist das Buch zugleich ein Beispiel für die gedeihliche grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen den evangelischen Kirchen in Deutschland und Polen, deren besondere Bedeutung von hochrangigen Vertretern beider Kirchen anlässlich des diesjährigen Weltkriegsgedenkens neuerlich betont wurde.

Tilman Asmus Fischer

Marcin Żerański, Polen evangelisch. Eine Entdeckungsreise, Teschen 2019
288 Seiten, € 20,–, ISBN: 978-3-87593-133-4
Das Buch kann in Deutschland über das Gustav-Adolf-Werk e. V. bezogen werden: http://www.gustav-adolf-werk.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2019.

Erinnern an Vergangenes für die Zukunft

Marienbader Gespräche zu deutscher und tschechischer Gedenkstättenarbeit

Mit „Gedenkstättenarbeit und Erinnerungskultur zwischen Generationenwechsel, Nationalismus und Antisemitismus“ hatte sich der Sudetendeutsche Rat (SR) für seine heurigen Marienbader Gespräche vom 28. bis 30. Juni ein Thema gewählt, das – anlässlich des Gedenkens an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren – sowohl von geschichtspolitischer als auch – mit Blick auf wachsende rechtspopulistische Strömungen in Europa – von tagespolitischer Relevanz ist. Dieser – auch von Generalsekretärin Christa Naaß MdL a.D. in ihrer Eröffnungsrede betonten – doppelten Bedeutsamkeit der vom Bundesministerium des Innern geförderten Tagung entsprach es sodann auch, dass die Tagung unter die Worte „Zukunft Erinnerung“ gestellt worden war.

Einen Überblick über die öffentliche Gedenkstättenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland gab Rita Hagl-Kehl MdB, sozialdemokratisches Mitglied des SR und Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, indem sie die geschichtspolitischen Grundlinien der Bundesregierung ausgehend von den einschlägigen Passagen des Koalitionsvertrags entfaltete und anhand des aktuellen Bundesprogramms „Jugend erinnert“ erläuterte.

An Hagl-Kehl anknüpfend wurde exemplarisch die Gedenkstättenarbeit in Bayern in den Blick genommen, wobei sowohl Praktiker als auch verantwortliche Landespolitiker zu Wort kamen.

Exemplarische Einblicke gaben Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, und Dr. Hildegard Kronawitter MdL a.D., Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung e.V. Beide stellten die grenzübergreifende Dimension ihrer jeweiligen Arbeit heraus. Im Falle der KZ-Gedenkstätte ist diese bereits historisch bedingt, da der Lagerkomplex Flossenbürg über Außenlager sowohl im Deutschen Reich als auch im annektierten Tschechien verfügte. Vermittels des Zentralthemas „Freiheit“ seien – so Kronawitter – auch außerhalb Deutschlands junge Menschen von der Geschichte der Weißen Rose fasziniert; so habe die Stiftung etwa eine eigene Wanderausstellung auf Tschechisch erarbeitet, die im östlichen Nachbarland gut angenommen werde.

Moderiert vom Vorsitzenden des Adalbert Stifter Vereins, Dr. Peter Becher diskutierten sodann die zuständigen Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel (Grüne), Dr. Helmut Kaltenhauser (FDP), Margit Wild (SPD) und Josef Zellmeier (CSU) über die Rahmenbedingungen der bayerischen Gedenkstättenpolitik, wobei ein parteiübergreifender Konsens über die Notwendigkeit deutlich wurde, die Infrastruktur der entsprechenden Einrichtungen zu stärken.

Weitere Einblicke in geschichtspolitische Handlungsfelder gaben die Vorträge des früheren Bayerischen Kultusministers Dr. Ludwig Spaenle und von Erich Schneeberger, Landesvorsitzender des bayerischen Verbandes der Sinti und Roma. Spaenle sprach über die Erfahrungen und Erkenntnisse, die er im zurückliegenden Jahr im neugeschaffenen Amt des Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe sammeln konnte. Schneeberger wiederum stellte die Grundzüge und Potenziale des Staatsvertrags zwischen dem Freistaats Bayern mit den Sinti und Roma dar.

Beispiele der tschechischen Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit kamen von Jaroslav Ostrčilík, dem Initiator des Brünner Versöhnungsmarsches, und BdV-Präsidiumsmitglied Milan Horáček. Dieser berichtete von seinem in Tschechien, aber ebenso auf europapolitischer Ebene geführten Kampf um die geschichtspolitische Anerkennung und Aufarbeitung „eines verschwiegenen Völkermordes“ an Sinti und Roma im böhmischen Lager Lety.

Neben den ‚großen‘ Gedenkstätten, die sich mit den Verbrechen des 20. Jahrhunderts verbinden, kamen auch lokale – und dabei primär kirchliche – Erinnerungsorte in den Blick. Zum einen stellte Jakub Ded die Arbeit seines Vereins „Omnium“ vor, der sich für den Erhalt historischer Friedhöfe einsetzt. Zum anderen hatten die Tagungsteilnehmer die Gelegenheit, anlässlich eines Konzerts des Westböhmischen Symphonieorchesters, Marienbad, die St.-Annen-Kirche von Palitsch kennenzulernen, für deren Restaurierung sich eine zivilgesellschaftliche Initiative einsetzt.

Eine Rückbindung des Tagungsthemas an den größeren Kontext der deutschtschechischen Nachbarschaftspolitik stellten Dr. Christoph Israng, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tschechien, der Leiter des Sudetendeutschen Büros, Peter Barton, sowie Senator Prof. Dr. Zdeněk Papoušek von der KDU-ČSL (Christliche und Demokratische Union – Tschechoslowakische Volkspartei) sicher, die aus der je eigenen Perspektive über den aktuellen Stand der grenzübergreifenden Beziehungen berichteten.

Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, arbeitete in seinem Abschlussvortrag die zentrale erinnerungspolitische Dimension der Vertriebenen- sowie Volksgruppenpolitik heraus. Dabei betonte er das Potenzial von Gedenkstätten – mithin Denkmälern –, zu einem Nachdenken über Fragen von aktueller politischer Bedeutung, etwa die Gestaltung Europas, anzuregen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 3/2019.

Eine „sehr, sehr lange Reise in die Tiefen“ tut Not

Die Ästhetik des Abschlussgottesdienstes des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags glich eher einem Pop-Konzert – und dessen politische Botschaften waren mehr durch Plakativität denn durch Differenziertheit geprägt.

Von Tilman Asmus Fischer

Mit der Opferung Isaaks (1 Mos 22,1-19) hatte sich Reinhard Kardinal Marx für seine Bibelarbeit beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag einen der anspruchsvollsten Texte des Alten Testaments vorgenommen. Die sich gerade auch mit dieser Schriftstelle verbindende Frage nach dem Wesen Gottes führte den DBK-Vorsitzenden dazu, auf einer grundsätzlichen Ebene über das Christentums in der Moderne nachzudenken. Hierzu erinnerte er an den tschechischen Theologen Tomas Halík, der – anknüpfend an Solschenizyn – fragte, „was jener Zeit folgen wird, in der es so viele Gläubige und Nichtgläubige für leicht hielten, über Gott zu reden“, und die Antwort gab: „Ich erwarte eine sehr, sehr lange Reise in die Tiefen. Und ich setze meine Hoffnungen darauf.“

Kirche muss sich im geschichtlichen Befreiungshandeln Gottes engagieren

Wie notwendig eine solche „lange Reise in die Tiefe“ ist, machte der Abschlussgottesdienst aus dem Dortmunder Westfalenstadion deutlich, dessen Ästhetik einem Pop-Konzert glich und dessen politische Botschaften mehr durch Plakativität denn durch Differenziertheit geprägt waren. Das Grundproblem kam wie in einem Brennglas zum Ausdruck, als Predigerin Dr. Sandra Bils über die Ausrichtung der Kirche am Vertrauen auf Gott sprach: „Wir suchen und fragen dann gemeinsam mit anderen, welcher Lifestyle und welche Werte dem Willen Gottes entsprechen. Auch mit denen jenseits unserer Filterblase. Wir sehen wo Gott in der Welt wirkt – durch die Leute von Sea-Watch, SOS Méditerranée und Sea-Eye, durch Greta Thunberg und die Schülerinnen und Schüler, durch so viele andere – und dabei machen wir mit.“

Heikel ist hieran keineswegs der Appell an christliche Weltverantwortung. Vielmehr ist gerade an Gerhard Ludwig Kardinal Müllers – an Dietrich Bonhoeffers Idee der „Kirche für andere“ anknüpfender – Einsicht festzuhalten, dass Kirche nur Kirche Gottes sein kann, „wenn sie nicht einfach nur den Bestand und den Einfluß ihrer selbst als Organisation und Institution zum Ziel hat“, sondern sich „im geschichtlichen Befreiungshandeln Gottes engagieren“ lässt. Problematisch ist jedoch die Verschiebung des Fokus weg vom Befreiungshandeln Gottes – hin zu ‚Lifestyle‘, ‚Werten‘ und einer ‚Mitmach-Kultur‘, die ganz im Vorletzten aufzugehen scheint, sodass die Ausrichtung auf die letzten Dinge zu verblassen droht.

Aus christlicher Perspektive ist ein Umdenken notwendig

Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich (Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur, Berlin 2017) hat wiederholt die gegenwärtig inflationäre Berufung auf ‚Werte’ kritisiert – auf die ja wiederum die Vorstellungen eines entsprechenden ‚Lifestyles‘ und ‚Mitmachens‘ bezogen sind. Ullrich zeigt auf, wie sich das öffentliche Bekennen zu bestimmten Werten – zumal in den ‚sozialen‘ Medien – zu einem selbstinszenatorischen Selbstzweck steigert. Und ihn treibt die Sorge, „dass die Kultur insgesamt zu einem eitlen Parcours lauten Demonstrierens und Manifestierens von Werten gerät und schließlich zu einer aggressiven Bekenntniskultur wird“. Dies ist eine Entwicklung, welche nicht zuletzt ein erhebliches Potenzial hat, die Gesellschaft zu spalten. Gerade dies darf aus christlicher Perspektive nicht hingenommen werden und erfordert ein Umdenken – auch wenn das bedeuten könnte, anstelle von populären ‚Werten‘ wieder verstärkt altmodischen, aber weniger für Selbstinszenierung anfälligen, Begriffen wie ‚Sittlichkeit‘ und ‚Tugenden‘ Geltung zu verleihen.

Beitrag für www.die-tagespost.de (Die Tagespost -Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur), 27. Juni 2019.

Das Kloster begründete blühendes Leben

Wie Kloster und Kirche die Stadt prägten: 1000 Jahre Fuldaer Geschichte

Von Tilmann Asmus Fischer

Es ist gleich ein vierfaches Jubiläum, das Fulda – die Stadt des Bonifatius und Sitz der Deutschen Bischofskonferenz – in diesem Jahr begehen kann. Der Klostergründung durch Sturmius 744 und der Weihe der Ratgar-Basilika vor 1 200 Jahren gilt es ebenso zu gedenken wie der Beisetzung König Konrads I. in Fulda 919 und der Verleihung von Münz-, Markt- und Zollrecht vor 1 000 Jahren. Das letzte der Jubiläen nimmt eine Ausstellung im Vonderau Museum zum Ausgangspunkt, auf das zurückliegende Jahrtausend der Stadt zu blicken.

Auch wenn dies unter einem dezidiert wirtschaftsgeschichtlichen Blickwinkel geschieht, ist die Schau gerade auch unter kirchengeschichtlichen Gesichtspunkten von Interesse. Denn es gelingt ihren Machern immer wieder, die unterschiedlichen Wechselbeziehungen zwischen Kirche- und Wirtschafts- oder Sozialgeschichte zu akzentuieren. Dass dies insbesondere für die Phasen von Mittelalter bis Frühneuzeit der Fall ist, die Kirche hingegen ab dem Zeitalter der Säkularisierung als ökonomischer Faktor in den Hintergrund tritt, braucht nicht zu verwundern.

„Franziskus-Kerzen“, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts

Ausführlich hebt der erste Teil der Ausstellung, der sich der Zeit ab 744 annimmt, die konstitutive Bedeutung der Kirche und ihrer Mission für den Wirtschaftsstandort Fulda hervor, der erst ausgehend von der Klostergründung und der sich in ihrem Umfeld entwickelnden Handwerkersiedlung entstehen konnte. Mit dem kirchlichen Leben an der Fulda verbindet sich die Etablierung eines Metiers, das eine – heute freilich weniger prägende – Konstante des örtlichen Handwerks bildet: der Sakralkunst. Hiervon zeugen als Vertreter der mittelalterlichen Buchkunst oder Malerei etwa ein Sakramentarfragment aus dem 10. Jahrhundert und ein Evangeliar aus dem 11. Jahrhundert; dabei produzierte das Fuldaer Skriptorium nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern exportierte auch prächtige Reliquiare an auswärtige Kirchen.

Als wirtschaftlicher Akteur kommt die Kirche jedoch nicht nur als Produzent und Abnehmer von sakraler Kunst, sondern vielmehr bis zur Säkularisierung auch aufgrund ihrer hoheitlichen Funktion in den Blick. So war die Abtei mit der Privilegierung von 1019 Münzherr – und damit von wortwörtlich prägender Bedeutung. Hiervon vermitteln Fuldaer Münzen unterschiedlicher Epochen einen Eindruck. Zugleich war die kirchliche Herrschaft in Fulda selbst auch in nicht unerheblichem Umfang Auftragnehmer und Abnehmer der örtlichen Wirtschaft – und derjenigen Händler, die seltene Güter aus der Ferne nach Fulda importierten.

Dies beleuchtet in eindrücklichem Maße diejenige Abteilung der Ausstellung, die sich mit der Hofhaltung des Fürstbischofs zu Zeiten des Fürstbistums Fulda befasst: So erfährt der Ausstellungsbesucher, dass der Fürstbischof zum Wohle der städtischen Zünfte den Handel mit auswärtigen Konkurrenzprodukten untersagte – ausgenommen von Gütern, die vor Ort nicht produziert werde konnten, jedoch für die fürstbischöfliche Hofhaltung notwendig waren. Und so stehen in den Vitrinen unter anderem ein Blumentopf mit dem Wappen des Fürstabtes Amand von Buseck, der 1744 von der Fayence-Manufaktur Fulda hergestellt worden war, neben exotischen Raritäten wie einer Koralle und einem Straußenei. Als Förderer der örtlichen Wirtschaft tritt der Fürstbischof sodann auch als Gründer der Städtischen Vorschusskasse 1789 in Erscheinung, die Händlern und Handwerkern in ökonomisch prekärer Lage aushalf. Klar benennt die Ausstellung die Konsequenzen, die das Ende der kirchlichen Landesherrschaft im Rahmen der napoleonischen Umwälzungen für die Stadt hatte: Nach Kriegszerstörungen, Säkularisierung 1802 und mehreren Wechseln der Landesherrschaft kam Fulda 1815 schließlich zum Kurfürstentum Hessen. Damit fehlte ihm nicht nur der frühere Mäzen – der freilich weiterhin als Bischof in Fulda residierte –, hinzukam, dass die Stadt nun in Kurhessen für den neuen Landesherrn von sowohl geographisch als auch ökonomisch randständiger Bedeutung war.

Wie sich die Fuldaer Wirtschaft dennoch – zumal im Zuge der Mechanisierung, später der Industrialisierung in verschiedenen Produktionszweigen – in den kommenden mehr als 200 Jahren behaupten konnte, ist Gegenstand des letzten Teils der Ausstellung. Auch wenn die Kirche hier nicht mehr als ökonomischer und wirtschaftspolitischer Akteur in Erscheinung tritt, bezeugen doch einzelne Konsumprodukte die anhaltende Präsenz von Glaube und Kirche am Oberlauf der Fulda: Es finden sich „St.-Michaels-Kerzen“ mit dem Bild der Michaelskirche auf der Verpackung und „Franziskus-Kerzen“ mit demjenigen des Franziskanerklosters auf dem Frauenberg.

An das noch im 20. Jahrhundert blühende Kunsthandwerk erinnern nicht zuletzt gerade Stücke der Sakralkunst. Und so bleibt am Ende der Ausstellung ein wenig Wehmut, wenn Abendmahlsgeschirr der Gold- und Silberwarenhandlung Rauscher und ein Messbuch der Buchbinderei Fleischmann an zwei Unternehmen erinnern, die – nach auf mehrere Generationen zurückblickender Unternehmenstradition – in den 1980er und 1990er Jahren die Produktion einstellen mussten.

In ähnlicher Form erschienen am 20. Juni 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Informationen zur Ausstellung „1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht: Fulda handelt. Fulda prägt“: http://www.fulda.de