Sport als Thema der Kirche

Bernhard Felmberg ist seit 20 Jahren Sportbeauftragter der EKBO

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist der 32. Spieltag, eine Stunde bevor im Olympiastadion Hertha BSC gegen den VfB Stuttgart antreten und nach einer langen Durststrecke wieder einen Sieg erringen wird. Pfarrer Bernhard Felmberg und sein katholischer Amtsbruder Gregor Bellin begrüßen die Gottesdienstteilnehmer, die sich wie vor jedem Heimspiel der Hertha zu einer Andacht in der stadioneigenen Kapelle einfinden. 20 Minuten kommen Fans, Spieler, Funktionäre der Hertha, aber auch der gegnerischen Mannschaft zusammen, um zu beten, zu singen und auf das Evangelium zu hören.

Bernhard Felmberg predigt regelmäßig
in der Kapelle des Olympiastadions in
Berlin

Diesmal wird Bernhard Felmberg über die Emmaus-Jünger predigen – die sich auf dem Weg befinden gleich Fußballfans auf dem Heimweg nach einer Niederlage –, und seinen Zuhörern zusprechen: Wie die Jünger sollen auch wir uns heute von Gott finden lassen! Verkündigung im Stadion – dies ist eine der Aufgaben, die Bernhard Felmberg als Sportbeauftragter der EKBO versieht. Dieses Ehrenamt hat er seit nunmehr 20 Jahren inne – 20 Jahre, in denen er hauptberuflich zunächst in unterschiedlichen kirchlichen Funktionen und seit 2014 im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung tätig ist.

Warum ist ihm Sport überhaupt als Thema für die Kirche wichtig? – „Kirche“, so Felmberg, „ist immer in Gefahr, milieuverengt zu existieren.“ Die evangelische Kirche habe sich aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zurückgezogen – jedoch: „Der Sport ist ein vitaler Bereich, wo Menschen unterwegs sind, die noch neugierig auf unsere Kirche sind.“ Kirche am anderen Ort – etwa im Stadion – zu sein, heiße, offen zu sein für Menschen die Fragen nach Gott haben. Menschen an den Orten zu begegnen, die für sie prägend sind.

Daher sieht es Felmberg kritisch, dass die Situation des Kirchensports in einzelnen Gemeinden inzwischen schwierig sei: „Früher gab es etwa viele Tischtennisgruppen in Gemeindesälen.“ Heute vermieteten Kirchengemeinden ihre Gebäude viel stärker und es würden teils von kirchlichen Sportgruppen Mieten gefordert, die diese nicht zahlen könnten. „Diese Entwicklung kann ich als Sportbeauftragter nicht gutheißen.“ Anders als bei anderen Gruppen innerhalb der Gemeinden werde bei den Kirchensportlern zudem – fälschlicherweise – der Beitrag zum Gemeindewachstum in Frage gestellt.

Dabei kann die Sportarbeit der EKBO auf eine lange Tradition zurückblicken, die vor allem im alten West-Berlin eine starke Ausprägung hatte. Dies findet noch heute seinen Niederschlag darin, dass die „Evangelische Sportarbeit Berlin-Brandenburg“ als eingetragener Verein Mitglied des Landessportbunds Berlin ist. Dementsprechend vielfältig sind die Aufgaben des Sportbeauftragten. „Der Sportbeauftragte ist zunächst als Geistlicher zuständig für Andachten, Gottesdienste und Gespräche mit denjenigen, die in der verfassten Kirche Sport treiben.“ Zudem ist er – vor allem innerhalb des Arbeitskreises Kirche und Sport – mit unterschiedlichen sportethischen Fragen befasst.

Als dann in Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft 2006 der Umbau des Olympiastadions anstand, setzte sich Felmberg gemeinsam mit Bischof Wolfgang Huber für die Einrichtung einer Kapelle im Olympiastadion ein – und hatten hiermit Erfolg. Wie aber steht es um Kapelle und Andachten vor Heimspielen, sollten die Pläne für ein neues eigenes Hertha-Stadion Wirklichkeit werden? Hier ist Felmberg zuversichtlich: „Hertha BSC weiß, dass ein neues Stadion ohne Kapelle nicht geht. Das haben wir mit der Vereinsspitze so besprochen. Der Präsident Werner Gegenbauer sieht, was wir seit nunmehr 13 Jahren hier leisten. Er unterstützt unsere Arbeit.“

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 21/2019.

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Prononciert

Eine praktische Kulturtheologie

Wilhelm Gräb: Vom Menschsein und der Religion. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2018, 348 Seiten, Euro 39,–.

Wissenschaftliche Gesamtschau und Streitschrift – in einer solchen Doppelgestalt erscheint das neue Buch von Wilhelm Gräb. Als Gesamtschau bietet „Vom Menschsein und der Religion“ den Ertrag einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Fragen der Religionsphilosophie – immer wieder ausgehend vom und hinführend zum Denken Friedrich D. E. Schleiermachers. Als Streitschrift kann das Buch insofern gelesen werden, als ihm der Impetus innewohnt, auf eine Ausrichtung der Gesamtheit evangelischer Theologie im Sinne einer „praktischen Kulturtheologie“ hinzuwirken – in wiederholter Abgrenzung zu einer Offenbarungstheologie, deren gewichtiger Vertreter Karl Barth bei Gräb Schleiermacher gewissermaßen als Antipode gegenübersteht.

Schleiermacher dominiert sodann auch den ersten der vier Teile des Buches, in dem die „Religion in ihrer Zugehörigkeit zum Menschen“ beleuchtet wird. Neben dem Gründungsvater der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität kommen hier vor allem Paul Ricoeur, Philipp Jacob Spener, Paul Tillich und Falk Wagner zur Geltung. Dieser Durchgang durch die Theologie- und Philosophiegeschichte umfasst zugleich etwas mehr als die Hälfte des gesamten Buches. Die drei in der zweiten Hälfte versammelten Abschnitte nehmen hieran anknüpfend Aktualisierungen vor – mit Blick zunächst auf kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen von Religion, alsdann auch auf die „kulturelle Performanz der Religion“ in bildender Kunst, Musik und Literatur. Abschließend buchstabiert Gräb die Konsequenzen seiner Überlegungen für die akademische Theologie aus.

Prägnanz gewinnen die Gedankengänge des Verfassers durch seine Neigung zu pointierten Kontrastierungen – begonnen bei derjenigen zwischen Sinnfragen und Dogma als Zentrum des Verständnisses von Religion. Hinzu tritt etwa die Gegenüberstellung von „religiöser Deutungskultur“ und „tradierte(n) Glaubenssätzen als geoffenbarte(r) Glaubenswahrheit“ als Gegenstand religiöser Bildung. Dies setzt sich fort bis in den Entwurf einer „praktischen Kulturtheologie“, die sich die „theologische Hermeneutik der Kultur“ zur Aufgabe macht. Sie steht damit einer „Kirchentheologie“ gegenüber, die sich primär den biblischen und kirchlichen Überlieferungen verpflichtet weiß. Teils drängt sich freilich die Frage auf, welche weiteren Perspektiven sich eröffneten, wenn das Verhältnis zwischen den gegenübergestellten Konzepten etwas weniger dichotom aufgefasst würde. Etwa, wenn Gräb die gegenwärtige Öffentliche Theologie als dogmatisch-wächteramtlich umreißt und ihr eine Ausrichtung an der Religion als „Angelegenheit des Menschen“ im Sinne Spaldings gegenüberstellt.

Als wissenschaftliche Gesamtschau zeigt das Buch Voraussetzungen und ideengeschichtliche Entwicklungen theologischen und religionsphilosophischen Denkens in der Tradition Speners, Schleiermachers und Tillichs ebenso auf wie ihren Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen in einer weltanschaulich pluralistischen und individualisierten Gesellschaft. Damit vermag das Buch, die Beweggründe, Konzepte und Argumente neuprotestantischer, beziehungsweise liberaler Theologie zu plausibilisieren und – auch dem anderen theologischen Denkschulen verpflichteten Leser – zu erschließen. Das prononcierte und streitbare Eintreten Gräbs für eine „praktische Kulturtheologie“ fordert den Leser heraus, sich dieser Position gegenüber zu verhalten: Mag es auch teils so erscheinen, als wenn der Spielraum zwischen Zustimmung oder Ablehnung gering sei – dies stellt in jedem Fall sicher, dass es nicht bei einer beliebigen Haltung gegenüber den Thesen des Autors bleibt, sondern vielmehr eine fruchtbare Kontroverse eröffnet wird.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 5/2019.

„Zeichen eines veränderten Klimas“

Die Humboldt-Universität zu Berlin bekommt ein neues Institut für Katholische Theologie.

Von Tilman Asmus Fischer

Im Wintersemester 2019/2020 wird das neu gegründete Institut für Katholische Theologie (IKT) an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) den Lehrbetrieb aufnehmen. Am 29. März informierten die HU, das Erzbistum Berlin und die Senatskanzlei – Wissenschaft und Forschung die Öffentlichkeit über den aktuellen Planungsstand und die anstehenden Entwicklungen. Zum künftigen Lehrangebot des IKT soll neben Lehramtsstudiengängen auch ein Monobachelorstudiengang „Religion und Gesellschaft“ gehören.

Für Johannes Helmrath, Gründungsdirektor des IKT, war die „Neugründung eines Instituts in nur elf Monaten eine große Herausforderung“, die er gemeinsam mit seinem Team gerne angenommen habe: „Heute kann ich sagen, dass wir das Institut für Katholische Theologie pünktlich zum 1. Oktober 2019 eröffnen werden. Es wird die Katholische Theologie und die theologischen Wissenschaften insgesamt sehr bereichern.“

Das von den Initiatoren des IKT vorgestellte Institutsprofil klingt ambitioniert. Neben Lehramtsstudenten soll das Studium sich an künftige Medienschaffende, Wissenschaftler und zivilgesellschaftliche Multiplikatoren richten. Dabei soll inhaltlich sowohl der spezifischen religionskulturellen Situation Berlins als auch einem globalgeschichtlichen Ansatz Rechnung getragen werden. Dem humboldtschen Bildungsideal entsprechend soll das IKT verbunden mit der Lehre auch ambitionierte Forschung leisten. Daher wird mit Spannung abzuwarten sein, welche Schwerpunktsetzungen im Profil des Instituts sich durch die Ergebnisse der anstehenden Berufungsverfahren ergeben werden.

Sabine Kunst, Präsidentin der HU, verspricht, die katholische Theologie in das wissenschaftliche Netzwerk der Universität einzubinden: „Wir kommen damit dem Diskurs der Theologien an der HU Schritt für Schritt näher.“ Hiervon erhofft sie sich einen über Berlin hinausreichenden Ertrag, „denn trotz einer vermeintlich säkularer werdenden Gesellschaft sind diese aktuellen Entwicklungen spannend und im interdisziplinären Diskurs gerade an der Humboldt-Universität wichtig“.

Damit das IKT jedoch seinen Betrieb aufnehmen kann, sind – neben den Berufungen – noch einige wichtige Weichenstellungen notwendig. So müssen der Akademische Senat und das Erzbistum Berlin noch der Studien- und Prüfungsordnung zustimmen, die ab dem kommenden Wintersemester den Bachelorstudiengang „Katholische Theologie“ mit Lehramtsoption im Kern- oder Zweitfach regeln soll. Ein Jahr später sollen dann der Lehramtsmaster und der Studiengang „Religion und Gesellschaft“ starten. Die hierzu notwendige Studien- und Prüfungsordnung soll nach Berufung der IKT-Professoren von diesen verabschiedet werden.

Die ersten zehn Kandidaten werden sich am 25. und 26. April mit Probevorträgen im Senatssaal der Humboldt-Universität (Unter den Linden 6) vorstellen. Die Bewerber für die Professur für Historische Theologie sind Regina Heyder (Mainz), Günther Wassilowsky (Frankfurt/Main), Sebastian Holzbrecher (Mainz), Jörg Ernesti (Augsburg) und Norbert Köster (Münster). Für die Professur für Biblische Theologie stellen sich am folgenden Tag Veronika Burz-Tropper (Wien), Johannes Bremer (Bochum), Katharina Pyschny (Bochum), Michael Sommer (Halle-Wittenberg) und Christina Kumpmann (Aachen). Öffentliche Diskussionen und Fragen von Studenten sind hierbei möglich. Insgesamt haben sich 140 Kandidaten beworben. Das neue Institut wird nicht nur das inhaltliche Portfolio der HU erweitern, sondern bedeutet eine konkrete Bereicherung für die Studentenschaft aller Fakultäten, hebt Pater Max Cappabianca OP, Studierendenpfarrer der Katholischen Studierendengemeinde Edith Stein (KSG), gegenüber der „Tagespost“ hervor. Wenn seine Gemeindemitglieder auch aus unterschiedlichsten Studiengängen kämen, hätten sie oft zudem Interesse an theologischen Fragen: „In Zukunft gibt es also an der HU die Möglichkeit, Theologie in seine Studien einfließen zu lassen und mit Theologinnen und Theologen ins Gespräch zu kommen.“

Die geistlichen, spirituellen und politischen Angebote der KSG seien dabei auch für Studenten und Dozenten des IKT von Interesse: „Daher freuen wir uns schon sehr auf die Zusammenarbeit!“ Für Cappabianca reicht die Bedeutung des neuen Instituts über Berlin hinaus: „Die Hauptstadt hat eine bundesweite und europäische Bedeutung. Daher ist die Präsenz eines solchen Instituts in der Hauptstadt wichtig, um in einer globalisierten Welt sprachfähig zu bleiben.“ Weltweit würden Religionen künftig tendenziell eine wachsende Bedeutung haben: „Da ist es gut, Fachleute zu haben!“ Fachlich gestärkt wird die katholische Theologie gerade auch im Vergleich zum bisherigen Seminar für katholische Theologie an der Freien Universität Berlin, das in den vergangenen Jahren eher ein Schattendasein führte. Dessen Studenten werden nun in die Studiengänge der HU eingegliedert. Seinen Sitz wird das neue Institut in der Hannoverschen Straße in Berlin-Mitte – gleich neben dem Kommissariat der Deutschen Bischöfe – haben. In dem Gebäude, das zuvor der Gerichtsmedizin diente, wird zugleich das parallel in Gründung befindliche Institut für Islamische Theologie angesiedelt, was die interdisziplinäre Ausrichtung des Instituts versinnbildlicht.

Und so mehr freut sich auch Heiner Koch, Erzbischof von Berlin, auf einen offenen wie kritischen Dialog mit der Evangelischen, Islamischen und Jüdischen Theologie, sowie mit den weiteren Human- wie Naturwissenschaften: „Ich freue mich auf den wissenschaftlichen Streit um das Bild vom Menschen und die Frage nach Gott, ich freue mich auf bio- und medizinethische Debatten, gerade auch angesichts der Nachbarschaft des Instituts zur Charité.“

Kooperationen – nicht nur mit dem islamischen Institut, sondern auch mit der evangelischen Theologischen Fakultät der HU und der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin – sind bereits in Planung. Zudem soll die – bisher an der Theologischen Fakultät angesiedelte – Guardini Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung als sechster Lehrstuhl am IKT fortgeführt werden. Eine entsprechende Finanzierung bis 2022 wurde von der Guardini-Stiftung zugesagt.

Ugo Perone, langjähriger Inhaber der Guardini-Professur, sieht in der Institutsgründung „ein deutliches Zeichen eines kulturell veränderten Klimas in Berlin“. Er fordert, die Chancen aufzugreifen, die sich aus der neuen Aufmerksamkeit für Religion und katholische Intellektualität ergeben: „Die Tatsache, dass gleichzeitig ein Institut für islamische Theologie eröffnet wird, unterstreicht, dass der theologische Diskurs nicht nur innerhalb der jeweiligen Konfessionen und Religionen Bedeutung hat, sondern gesellschaftlich relevant ist.“ Daher gelte es, „in einen fruchtbaren Austausch mit den anderen theologischen Institutionen einzutreten“. Sein eigener Lehrstuhl sehe sich in seiner interkonfessionellen und interreligiösen Funktion bestätigt und bestärkt, diesen Weg auch weiterhin zu verfolgen, so Perone: „Die Religionsphilosophie bietet ein ausgezeichnetes Feld für einen offenen und ernsten Dialog.“ In diesem Sinne die gegenwärtigen Herausforderungen anzunehmen, bedeute eine „Fortsetzung des Denkens Romano Guardinis in der heutigen Zeit“.

Auch über den akademischen Raum hin-aus verbinden sich mit dem neuen Institut Hoffnungen und Erwartungen – gerade auch für das „katholische Berlin“. So sieht Joachim Hake, Direktor der Katholischen Akademie in Berlin in der unmittelbaren räumlichen Nachbarschaft des neuen Instituts zur Akademie „eine große Chance für eine selbstverständliche Kooperation“. Vom IKT erhoffe er sich eine deutliche Stärkung der katholischen Präsenz in der Hauptstadt, so Hake: „Das meint weniger das notwendige interdisziplinäre Gespräch der Wissenschaften untereinander als vor allem die transdisziplinären Gespräche von Theologie mit den Politikern und Kulturschaffenden, mit Juristen, Medizinern und Wirtschaftsvertretern.“ Dringliche Fragen gebe es genug: „Kulturelle, politische und religiöse Identität, Anthropologie, Medizinethik und die Hermeneutik der eigenen katholischen Überlieferung und Tradition.“

Erschienen am 25. April 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de). (Mit Material von KNA)

 

„Bitte sachlich bleiben“

Mit Rechten reden: EKD-Kulturbeauftragter Claussen diskutiert mit AfD-Politikern

Mit Rechten reden: Johann Hinrich Claussen, EKD-Kulturbeauftragter, und Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat haben es probiert. Ergebnisse? Gemischt!

Wer spricht wann und wie mit der AfD?

Diese Frage ist in kirchlichen Kreisen umstritten; erst recht nachdem der Deutsche Evangelische Kirchentag entschieden hatte, die Partei nicht zum Protestantentreffen in Dortmund 2019 einzuladen. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD, hat jetzt gezeigt, dass es durchaus sinnvoll sein kann, sich auf die direkte Auseinandersetzung einzulassen und die Grenzen der Filterblasen zu durchbrechen.

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Beitrag für chrismon.de vom 13. November 2018.

Priorität der Nächstenliebe

Anlässlich des 250. Geburtstags von Johannes Daniel Falk verortet der Theologe und Falk-Forscher Dr. Johannes Demandt den Nestor der modernen Diakonie in dessen geistesgeschichtlichem Umfeld und spricht über Falks bleibendes Erbe. – Dr. Johannes Demandt war bis 2016 Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde in Düsseldorf und ist Lehrbeauftragter für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach.

Johannes Daniel Falk wuchs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Danzig auf. Wie haben die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugendzeit sein späteres Denken und Handeln geprägt?

Falks evangelisch-reformiertes Elternhaus mit pietistischer Prägung hat ihm – trotz der damit verbundenen geistigen Enge – einen Fundus an Bibelkenntnis und auch eine Gottesbeziehung vermittelt, die er selten wie eine Monstranz vor sich her trug, wohl aber als wertvollen Schatz in seinem Herzen behielt. Es war für den bildungshungrigen jungen Falk eine persönliche Tragödie, dass seine Eltern ihn als kaum Zehnjährigen aus der Schule nahmen, damit er im väterlichen Perückenmacherbetrieb helfen sollte. Seinen Wissensdurst und seine Sehnsucht nach großer Literatur suchte er fortan durch heimliches Lesen zu Hause oder im Laternenlicht auf den Beischlägen der Danziger Gassen zu stillen. Als er sechs Jahre später durch Fürsprache eines Lehrers und vor allem des Gemeindepastors Samuel Ludwig Majeswki wieder das Gymnasium besuchen und anschließend sogar Theologie studieren durfte, nutzte er die gewonnene Freiheit, um sich ein breites Wissen anzueignen. In jener Zeit wird er sich vorgenommen haben, sich immer dafür einzusetzen, dass nicht nur Kinder aus wohlhabenden Elternhäusern Zugang zu guter Bildung erhalten.

Auch wenn Falk sein späteres Theologiestudium nicht abschloss: Wo ist er in der theologischen Landschaft seiner Zeit einzuordnen?

Dr. Johannes Demandt
(Foto: privat)

Als aufmerksamer Gesprächspartner seines aufgeklärten Pastors Majewski suchte der kritische Gymnasiast Falk nach Vernunftgründen für die christliche Wahrheit. – Während seines Studiums in Halle und auch danach als satirischer Schriftsteller in Weimar hatte er wenig mit der Kirche zu tun, gleichwohl verfolgte er den theologischen Betrieb mit lebhaftem Interesse. Die eine Generation älteren Wieland, Herder und Goethe schätzten Falks ethisches Engagement. Nach seiner Hinwendung zur Erziehung in Not geratener Kinder und Jugendlicher (seit 1813) entdeckte Falk den christlichen Glauben neu als entscheidende Orientierungs- und Lebenshilfe, ohne dass man ihn deshalb als Pietisten oder typischen Vertreter der Erweckungsbewegung bezeichnen könnte und ohne dass er deshalb wichtige Impulse des Humanismus verachtet hätte. Sein „Geheimes Tagebuch“ belegt eindrucksvoll Falks innere, oft im Gebet ausgefochtene Kämpfe. Mehrere Brüche in seinem Lebenslauf, die Auseinandersetzung mit Strömungen der Aufklärung und Romantik und nicht zuletzt die gemeinsam mit seiner Frau Caroline erlebten harten Schicksalsschläge (1813 verloren sie vier, 1819 und 1821 zwei weitere eigene Kinder) sowie die selbstlose, praktische Hilfe für Notleidende formten sein Inneres zu einer eigenständigen, reifen Glaubenshaltung. Der in seiner Kindheit in ihn gelegte Same ging auf, aber ganz anders, als es sich die betende Mutter einst vorgestellt hatte.

Welche theologischen Fragen waren für Falk zeit seines Lebens prägend – und wurden ggf. auch zum Motor seines diakonischen Wirkens?

Seit der Erfahrung eigener Benachteiligung in seiner Kindheit trieb ihn die Frage nach sozialer Gerechtigkeit um. Auch in seiner „unfrommen“ Phase bewegte ihn die Frage, wie die in der Bibel erkennbare Parteinahme Gottes für die Rechtlosen gesellschaftsrelevant gelebt werden kann. Schließlich bedrängte ihn die Frage, wie Regierende ebenso wie normale Bürger der dringend nötigen, praktizierten Nächstenliebe Priorität geben können.

Bis heute gibt es zahlreiche diakonische Einrichtungen, die den Namen Falks tragen. Wie lebt – jenseits der namentlichen Bezugnahme – sein Erbe noch heute in der Diakonie fort?

Leider ist es weithin in Vergessenheit geraten, dass Falk der entscheidende Impulsgeber und das wichtigste Vorbild für Johann Hinrich Wichern, den Gründer der „Inneren Mission“, war. In seiner berühmten Wittenberger Kirchentagsrede hat Wichern sich 1848 ausdrücklich auf Falk bezogen, als er die Notwendigkeit betonte, der „äußeren“ Mission eine „innere“ Mission an die Seite zu stellen. Er drang darauf, dem gesellschaftlichen Niedergang durch entschlossenen, in der Liebe tätigen Glauben zu begegnen, wie es Falk vorgelebt hatte. Wo immer Diakonie heute so motiviert arbeitet, lebt Falks Erbe fort.

Falk galt als kritischer Beobachter und Analytiker der gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit. Welche Anfragen würde er an unsere heutige Gesellschaft stellen? Und was können wir – anders gewendet – im Jahr seines 250. Geburtstags von ihm für unsere Gegenwart lernen?

Ich denke, er würde den egoistischen Missbrauch unseres Wohlstands anprangern und zugleich beispielhaft sein Leben mit Bedürftigen teilen. Vielleicht würde er fragen: Wie kann es sein, dass in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, der Unterschied zwischen Armen und Reichen immer größer wird? Wie kann es sein, dass z. B. in Syrien seit Jahren Zigtausende gewaltsam sterben, vor allem Frauen und Kinder? Wie kann es sein, dass wir Deutschen mit der größten Selbstverständlichkeit an den herrlichen Stränden des Mittelmeers Urlaub machen, uns aber gleichzeitig gegen die aus ihrer Heimat fliehenden Männer, Frauen und Kinder abschotten und fast teilnahmslos hinnehmen, dass sie in demselben Meer ertrinken? Falk würde dazu aufrufen: Lasst uns nicht nur fromm oder geistreich reden, sondern nach Kräften etwas wirklich Hilfreiches tun!

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 5/2018.

Nach der gelebten Religion der Menschen fragen

Mehr als siebzehn Jahre war Wilhelm Gräb Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1999 bis 2016. Anlässlich seines 70. Geburtstags am 21. August spricht Tilman Asmus Fischer mit ihm über die Zukunft der christlichen Botschaft in der Moderne und eine Theologie, die das Evangelium zum Selbstdeutungsangebot für Menschen werden lässt

Herr Professor Gräb, muss man angesichts der weiter sinkenden Kirchenmitgliedschaftszahlen fragen, ob die Kirche in der modernen Gesellschaft die Menschen noch mit ihrer Botschaft erreicht?

Ich bin der Meinung, dass diese sinkenden Mitgliederzahlen natürlich beunruhigend sind. Aber aus ihnen den Schluss zu ziehen, dass wir es dabei mit dem Tatbestand einer nachlassenden Präsenz des Christentums in unserer Gesellschaft zu tun haben, und insofern damit, dass die Botschaft, für die das Christentum steht, ihre Aktualität eingebüßt hätte, davon kann meines Erachtens keine Rede sein. Wir haben vielmehr gegenläufige Phänomene zu beobachten.

Wo genau?

Ich erinnere nur an den sogenannten „Kreuzerlass“ des bayrischen Ministerrates, der im April dieses Jahres das Kruzifix zu einem grundlegenden Symbol unserer kulturellen Identität erklärt und dessen Anbringung im Eingangsbereich öffentlicher Gebäude im Freistaat Bayern angeordnet hat. Wenn wir ein solches Phänomen sehen, werden wir unmittelbar auf eine – allerdings höchst ambivalente – kulturelle Präsenz des Christentums hingewiesen. Zu Recht haben Theologie und Kirche dagegen Einspruch eingelegt, das Kreuz staatlicherseits zu einem kulturell-religiösen Symbol zu erklären und parteipolitisch zu instrumentalisieren. Sie haben es aber meines Erachtens nicht auf überzeugende Weise getan: Sie ziehen sich auf die Position zurück, dass es dem Staat nicht zustehe, über die Bedeutung des Kreuzes zu urteilen, weil dieses in erster Linie ein religiöses Symbol sei und die Kirche über seine Bedeutung zu befinden habe.

Wie wäre demgegenüber eine überzeugendere Kritik gelungen?

Lasst uns doch dafür eintreten, dass das Kreuz für eine Signatur des Christentums und dessen kulturelle Präsenz in unserer Gesellschaft steht! Dann soll man aber auch die theologische Bedeutung, die dieser kulturellen Präsenz innewohnt, zur Aussage bringen und beispielsweise darauf hinweisen: Wenn wir schon das Kreuz in den öffentlichen Gebäuden des Freistaates Bayern aufgehängt sehen, dann lasst uns auch die Konsequenz daraus ziehen. Wer das Kreuz als ein religionskulturell verbindliches Symbol aufzufassen willens ist, der muss sehen: Das Kreuz steht für das Mitleiden Gottes mit den Benachteiligten, den Geächteten, den Ausgestoßenen. Dann verträgt sich das Kreuz in öffentlichen Gebäuden nicht mit der gegenwärtigen restriktiven Migrationspolitik – dann ist das ein Widerspruch in sich selbst.

Also: Es ist durchaus eine theologische Auslegung des Kreuzes in ihrer öffentlichen, politischen und gesellschaftlichen Relevanz möglich. Dass die Botschaft des Christentums eine veraltete sei oder die Menschen nicht zu erreichen in der Lage wäre, davon kann überhaupt keine Rede sein. Worauf es nur ankäme, wäre, eine Sprache zu finden, die in der Öffentlichkeit und im Kontext unserer stark medial bestimmten Gegenwartskultur verstanden wird. Darum bemühen sich viele durchaus auch immer wieder mit Erfolg. Aber es müssten im Grunde mit Blick auf eine human plausible Auslegung des Evangeliums sehr viel energischere Anstrengungen unternommen werden, als dies bisher der Fall ist.

Wie sähen solche Anstrengungen, die Sie sich wünschen, aus – sowohl seitens der Kirchen als auch der universitären Theologie?

Prof. Dr. Wilhelm Gräb
(Foto: privat)

Es gilt, von einer Vermittlungs- auf eine Aneignungstheologie umzustellen. Es gilt, bei den Menschen als den Subjekten ihres Lebens und ihres Glaubens einzusetzen und bei dem, was den Menschen aus den Erfahrungen ihres Lebens an religiösen Fragen hervortritt. Ich spreche gerne von Sinnfragen: was sich Menschen an religiösen Bezügen in den Grenzsituationen, in die sie hineingeraten, auftut; was dem eigenen Leben einen Inhalt gibt; wohin ich mich wenden kann, wenn ich der Grenze meiner eigenen Möglichkeiten und dessen ansichtig werde, dass mir die Förderung meiner Lebenschancen nicht mehr aus meinen eigenen Kräften erwachsen kann.

In den Grenz- und Übergangssituationen sehen wir, dass Menschen nach wie vor nach Ritualen verlangen, die religiös grundiert sind. Es ist nur leider so, dass vielfach die Kirche nicht mehr diejenige Adresse ist, an die Menschen sich wenden. Es gibt inzwischen eine Fülle an Ritualanbietern, die oft auch stärker adressatenorientiert arbeiten und Wünsche der Menschen aufzunehmen vermögen – natürlich verbunden mit kommerziellen Interessen, die sie dabei verfolgen. Wir haben es im Grunde mit einer Pluralisierung religiöser Angebotskultur zu tun. Hier können wir uns kirchlicherseits noch so anstrengen, alles, was Menschen in religiöser Hinsicht attraktiv finden, wieder kirchlich zu integrieren und solche Entwicklungen der Ausdifferenzierung rückgängig zu machen – das wird nicht funktionieren.

Gibt es auch positive Gegenbeispiele zu dieser Entwicklung?

Es bilden sich immer stärker Gemeinden heraus, die andere Stile gottesdienstlichen Erlebens praktizieren. Wir haben es mit einer inzwischen recht blühenden freikirchlichen Szene – gerade hier in Berlin – zu tun, die sehr viel stärker jugendkulturelle Stile der Inszenierung eines Gottesdienstes entwickelt und gar keine Anklänge mehr an das erkennen lässt, was traditioneller Weise mit einem Gottesdienst verbunden ist. Und wir sehen auch, dass in den Ländern, in denen stärker freikirchliche Strukturen etabliert sind und wir es gewissermaßen mit einem freien religiösen Markt zu tun haben, tatsächlich auch das kirchliche Leben ein sehr viel lebendigeres ist, als das bei uns der Fall ist.

Also: Dass die Bedürfnisse, auf die Kirche reagiert und die das Evangelium nach wie vor auf eine sehr hilfreiche, kritisch-konstruktive Weise religiös aufzunehmen in der Lage ist, verschwänden und von den Menschen nicht mehr aktualisiert würden, davon kann meines Erachtens überhaupt nicht die Rede sein. Was bei uns nur nicht stimmt, ist das Passungsverhältnis zwischen dem traditionellen landeskirchlichen Angebot und dem, was durch die Menschen von kirchlich-religiösen Anbietern erwartet wird.

Ist dies lediglich eine Frage des ‚Designs’ gottesdienstlicher Gestaltung oder vielmehr auch eine der theologischen Sprache?

Es betrifft schon auch die Sprache. Sie haben vorhin nach der theologischen Ausbildung gefragt. Ich halte nichts davon, dass man einfach Sprachdesign, Sprachkosmetik oder dergleichen betreibt. Aber es ist wichtig, dass eine Theologie, die nach der gelebten Religion der Menschen fragt, mit einem weiten Religionsbegriff operiert, wonach Religion eben schon dort vorliegt, wo Menschen eine Deutung ihres Lebens in einem größeren Zusammenhang praktizieren, wo es um mein mich selbst Verstehen mit Blick auf das geht, was mir wichtig ist, auf das Ganze meines Lebens.

Das alles sind Prozesse, über die sich das Religiöse heute aufbaut. Das Religiöse baut sich nicht mehr auf über das pflichtschuldige Akzeptieren vorgegebener Glaubenswahrheiten, nicht mehr darüber, dass ich für wahr halte, was in der Bibel steht oder was bestimmte Dogmen behaupten. Vielmehr: Ohne einen Sinnbezug, also ohne sich sein Leben in einem größeren Zusammenhang selbst verständlich zu machen, kann kein Mensch sein Leben führen. Also ist das Religiöse in das menschliche Selbstverhältnis, das jedem Menschen eigen ist, konstitutiv eingebaut. Und das, meine ich, müsste sehr viel stärker ins Zentrum des theologischen Studiums rücken: ein Verstehen von Religion in der Zugehörigkeit zum Menschsein. Da gilt es anzusetzen; nicht bei der Tradition, nicht bei der Bibel, nicht bei einer abstrakten unverändert durch die Geschichte wandernden Botschaft, die wir dann Evangelium nennen, sondern bei den religiösen Sinnbedürfnissen, Sinnfragen und auch Sinnerfahrungen, die die Menschen machen.

Was für Erfahrungen können diese Sinnerfahrungen sein?

Es geht um Erfahrungen von Sinn, von Gelingen, von Stimmigkeit – wie aber auch um das Ausbleiben von alledem und die Frage, was mich trotzdem am Leben hält und mir das Gefühl gibt, nicht vergeblich zu leben. Tillich hat so überzeugend vom „Mut zum Sein“ gesprochen, davon, den Mut zum Leben wiederzufinden und darauf zu setzen, dass mein Leben den Sinn in sich selber trägt. Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet sich im Grunde nur zutreffend, wenn wir sie nicht auf irgendetwas hin beziehen, was wir in unserem Leben erreichen, durch Leistung, Erfolg, Wohlstand oder was auch immer – sondern wenn wir zur Einsicht kommen: Der Sinn des Lebens liegt in ihm selbst, im Vollzug des Lebens, dass ich es habe und mit allen Fasern spüre. Dass ich es letztlich jeden Tag dankbar anzunehmen und zu gestalten in der Lage bin, ist das größte Glück.

Also: Alle diese Erfahrungen, die das Leben mit sich bringt, gilt es in eine religiöse Deutung zu heben und dabei anschlussfähig zu machen an die biblische Tradition, an eine Auslegung des Evangeliums, die im Grunde genommen genau darauf zielt, dass wir in der Unbedingtheit unseres Daseins uns „als angenommen annehmen können“ – auch eine Formulierung von Tillich –, „uns bejahen können als bejaht“. Dass uns unser Dasein im Grunde als zustimmungsfähig erscheint, das kommt nicht von selbst, sondern das ist die Konsequenz des Hörens auf die Botschaft des Evangeliums, die im Kern eben Rechtfertigungsbotschaft ist.

Aber die Botschaft zu hören: „Du bist angenommen und gerechtfertigt“, nützt mir, wenn das nicht in einen Modus meines Selbstverständnisses Eingang findet, überhaupt nichts. Dann weiß ich nicht, was ich mit der Botschaft anfangen soll, sie hilft mir nicht zum Leben und verändert mich nicht. Alles im Grunde von der Subjektivität der Menschen und seinem Selbstverhältnis her zu denken, was als Reformulierung der Tradition der theologischen Botschaft des Evangeliums in unsere Zeit hinein zu sagen ist, das ist die Aufgabe der Theologie: Das Evangelium zum Selbstdeutungsangebot für Menschen in ihrer je eigenen Zeit werden zu lassen. Deswegen spreche ich von einer Aneignungslogik und nicht von einer Vermittlungslogik, nach der die Theologie sich zu strukturieren hat.

Was bedeutet eine solche auf existenzielle anthropologische Fragen und Erfahrungen ausgerichtete Vermittlungslogik für die pastorale Praxis – konkret für die Homiletik?

Wenn wir die Existenzialhermeneutik – auch das könnte man als die zentrale Aufgabe der Theologie bezeichnen – nur tief genug ansetzen, dann stoßen wir nicht nur auf religiöse Fragen, sondern auf die Religionsproduktivität von uns Menschen, wie sie uns aus den Erfahrungen des Lebens heraus wächst: dass wir immer auch schon in der Konstruktion von Antworten begriffen sind. Die Auslegung der Tradition darf daher auch nicht so sein, dass wir fertige Antworten präsentieren und deutlich zu machen versuchen, so ist es aufgrund von biblisch-exegetischen oder dogmatischen Richtigkeiten zu sehen, so musst Du das glauben. Sondern die Auslegung biblischer Texte ist so vorzunehmen, dass sie sich gewissermaßen zwanglos, also auf plausible Weise, in die Selbstdeutung der Menschen einzuspielen vermag, sodass in die Deutung des eigenen Lebens integriert werden kann, was in der Deutung biblischer Texte hervortritt.

Überführung von Textauslegung in Lebensdeutung, das ist mein homiletisches Motto – das beschreibt aber zugleich das, wovon ich meine, dass es Leitstern der Arbeit von Theologinnen und Theologen seien sollte: die biblischen Texte so zur Sprache zu bringen, dass das in ihnen implizite Lebensselbstdeutungsangebot auf überzeugende Weise hervortritt und so in den Modus einer möglichen Aneignung durch die Subjekte, die die Botschaft hören, hineinfindet.

Wir haben bisher von Lebensdeutung gesprochen. Was bleibt hiervon in der Situation des Sterbens? Also: Was spreche ich einem Sterbenden zu, wenn er am Ende seiner Kräfte vielleicht nicht mehr in der Lage ist, sich auf einen ausgiebigen Prozess der Selbstreflexion einzulassen?

Das wird gerne missverstanden: Wenn ich von Lebensdeutung spreche, denke ich gar nicht an angestrengte Prozesse der Reflexion und des Nachdenkens oder der meditativen Arbeit, sondern an diesen Bewusstseinsvorgang, in dem ich meiner selbst auf eine je bestimmte Weise ansichtig werde, wo sich mir im Grunde mein Selbstgefühl artikuliert. Das ist der substantiale Gehalt meiner Lebensdeutung, dass mir mein Selbstgefühl auf bewusste Weise zugänglich wird.

Und wenn es ans Sterben geht und dieses Selbstgefühl einer sich aus dem Evangelium mit generierenden Lebensdeutung ins Spiel kommt und dabei gewissermaßen eine Funktion im Sterben-Können zu erfüllen vermag, dann ist es doch genau diese: Dass ich mich im Göttlichen – weil im Göttlichen gegründet – unbedingt gehalten und getragen wissen kann über mein endliches Dasein hinaus, weil eben das Göttliche – oder wenn ich es in die personale Gottesvorstellung überführe, was aber nicht unbedingt sein muss – weil Gott unendlich größer ist als ich selbst in der Begrenztheit meines endlichen Daseins.

Das ist die größte Leistung des religiösen Bewusstseins, in dieser Weise die Endlichkeitserfahrung verarbeiten zu können. Ob ich das kann, wenn ich in diese Situation hinein gerate, ob ich mich dann in dieses Unendlichkeitsbewusstsein hinein vermittelt wissen kann oder ob mir dann in dieser Situation der Anfechtung es nicht zerbricht, das weiß ich nicht. Aber wenn ich als Seelsorger am Krankenbett oder Sterbelager stehe, dann ist das mein Selbstzeugnis, das ich geben kann – das Selbstzeugnis, dass ich davon überzeugt bin, dass wir nicht tiefer fallen können, als in Gottes Hand.

Sie sagten, dass eine personale Gottesvorstellung nicht unbedingt notwendig sei. Aber bedarf es nicht gerade eines personalen Gegenübers, um uns ebendiese Gewissheit, dass wir nicht tiefer fallen können als in Gottes Hand, zusprechen lassen zu können?

Es gehört zu den Mechanismen im konstruktiven Operieren des religiösen Bewusstseins, dass ich das religiöse Verhältnis nicht anders leben kann als im Modus der Personalisierung dessen, woraufhin es gerichtet ist. Wenn ich sage, die Personalisierung des göttlichen Gegenübers muss nicht sein im religiösen Verhältnis, dann ist das eine Aussage auf der theologischen Metaebene, auf der ich nicht dahin finden kann, zu sagen, Gott ist Person, weil ich damit meines Erachtens eine Vergegenständlichung, Verdinglichung, letztlich Verendlichung Gottes vollzogen habe. Ich kann nicht sagen, Gott ist Person, aber ich muss meines Erachtens sagen, ich kann mit dem Göttlichen nicht anders in Kontakt treten, als dass ich es mir als Person vorstelle und insofern dann auch als Person anrede im Gebet. Und da hilft nun allerdings auch die trinitarische Gottesauffassung des Christentums enorm, dass wir eben in Jesus den Mensch gewordenen Gott haben, der uns als Mensch gegenübertritt und letztendlich in jedem Menschen begegnet.

Auch wenn das wohl nicht jeder wird mitmachen wollen, lege ich die Christologie strikt pneumatologisch aus, wonach das nicht ein singuläres Ereignis damals vor 2000 Jahre gewesen ist, dass Gott Mensch geworden ist. Sondern das, was im Christusgeschehen geschieht, ist das, was permanent geschieht, wo Menschen mit Gott in ein lebendiges Verhältnis eintreten: dass er uns auf menschliche Weise und in der Aufnahme dessen begegnet, dessen wir selbst zutiefst bedürfen, nämlich als Menschen anerkannt, uns in unsrem Lebensrecht bestätigt wissen zu dürfen – aber so, dass dies für alle, für jede und jeden gilt.

Kurzfassung unter dem Titel „Das Kreuz als Signatur“ erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 33/2018.

Mit den Mönchen sieht man besser

Wie Rod Dreher die Kirche wachrütteln will.

Von Tilman Asmus Fischer

„Stehen wir also endlich einmal auf! Die Schrift rüttelt uns wach und ruft: ,Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen.‘“ Diese Worte aus der Ordensregel des heiligen Benedikt stellt der orthodoxe Publizist Rod Dreher seinem neuen Buch voran, mit dem er versucht, das Gedankengut Benedikts von Nursia für das heutige Christentum fruchtbar zu machen. Jetzt liegt „Die Benedikt-Option“, übersetzt von Tobias Klein, auch in deutscher Sprache vor.

Dreher bietet zunächst eine Analyse der Gegenwartslage von Christen in der westlichen Gesellschaft – dabei bezieht er sich weitestgehend auf die Vereinigten Staaten von Amerika, was der deutsche Rezipient zu berücksichtigen hat. Christen – zumindest konservative – stellen dieser Einschätzung nach eine Minderheit dar, die durch die tonangebenden Akteure der säkularen Moderne zunehmend unter Druck geraten. Auf gut 40 Seiten bemüht sich Dreher um eine Herleitung der gegenwärtigen Krise, die bereits mit dem Aufkommen des Nominalismus – und der damit einhergehenden Trennung von „transzendenter und materieller Realität“ – einsetzt und dann stracks über Reformation, Aufklärung und die Umwälzungen des langen 19. Jahrhunderts bis in die Moderne verläuft.

Dieser – zwangsläufig verkürzten – Verfallsgeschichte stellt Dreher im Folgenden die Idee eines ,mönchischen‘ Lebens nach den Regeln des heiligen Benedikt gegenüber. Hiervon verspricht sich der Autor, nicht zu Unrecht, die Möglichkeit, gegenkulturelle Lebensmodelle zu entwickeln und in einer mehrheitlich säkularen Gesellschaft ein autonomes christliches Glaubensleben zu führen. Zentrale Begriffe dieses auf Benedikt aufbauenden Konzeptes sind: Arbeit, Askese, Ausgewogenheit, Beständigkeit, Gastfreundschaft, Gebet, Gemeinschaft und Ordnung.

Was bedeutet das konkret? In fünf weiteren Kapiteln vermittelt Dreher dies anhand von Beispielen einzelner konservativ-christlicher Initiativen unterschiedlich konfessioneller Herkunft. Dabei finden sowohl Fragen nach einer neuen Form christlicher Politik und einer Rückbesinnung auf alte kirchliche Traditionen einen Platz als auch die Auseinandersetzung mit neuen gemeinschaftlichen Lebensformen – vom Familien- bis zum Gemeindeleben – und der Schaffung eigenständiger Bildungsangebote – vom Heimunterricht bis hin zu universitärer Bildung.

Während dies – freilich neu akzentuierte – Problemfelder sind, die auch hierzulande zum klassischen Repertoire von Diskursen um christliche beziehungsweise kirchliche Zukunftsstrategien zählen, eröffnet Dreher unter der Überschrift „Bereit sein für harte Arbeit“ einen bisher weniger bedachten Aspekt: Welche beruflichen und wirtschaftlichen Perspektiven haben Christen, die aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen nicht mehr an ihrem früheren Arbeitsplatz festhalten können?

In zwei abschließenden Kapiteln befasst sich Dreher schließlich mit grundsätzlichen Fragestellungen, die für ihn von zentraler Bedeutung sind: mit der Haltung zur Sexualität und derjenigen zur Technologie. Dominieren im ersten Fall seine Grundsatzkritik an der sexuellen Revolution und seine klare Ablehnung von Pornografie, bietet er im zweiten Fall spannende Reflexionen über den ambivalenten Charakter technologischer Neuerungen.

Während Dreher auf der einen Seite nicht deren alltäglichen Vorzüge leugnet, zeichnet er auf einer grundsätzlicheren Ebene nach, wie sie das menschliche Bewusstsein verändern: „Wenn wir Technologie ganz nach unserem Belieben nutzen können, solange das Ergebnis nur zu unserer Zufriedenheit beiträgt, dann ist jede Realität ,virtuelle Realität‘, das heißt, sie steht jeder Interpretation offen, die uns bleibt.“

Zwar erhebt Dreher lediglich den Anspruch, mit seinem Buch die Kirche „wachrütteln“ zu wollen und „Geschichten konservativer Christen“ zu erzählen und legt kein geschlossenes theologisches Konzept vor. Dennoch lohnt es sich, nach seinen theologischen und religionsphilosophischen Implikationen zu fragen. Dabei ist es – unabhängig davon, wie man sich zu Drehers Ideen im Einzelnen stellt – zunächst einmal spannend, mit der „Benedikt-Option“ einen gedanklichen Entwurf zu lesen, der sich deutlich vom kirchlich-theologischen Mainstream in Deutschland absetzt, indem er unter dem Vorzeichen eines quasi-monastischen Lebens das zu bewahrende Seelenheil des Individuums dem Einwirken der Kirchen auf die Mehrheitsgesellschaft vorordnet. Damit stellt sich der Konvertit Dreher in die Tradition der Orthodoxen Kirche – ein Sachverhalt, den zudem die regelmäßige Berufung auf „traditionelle Werte“ verdeutlicht, wie sie gerade auch die Russische Orthodoxen Kirche propagiert.

Damit einhergehend adaptiert Dreher jedoch auch die Spannungen, die typisch für das Verhältnis zwischen Orthodoxie und „westlicher Moderne“ sind. Dessen schwerwiegendste Folge ist noch nicht einmal, dass die LGBT-Bewegung für Dreher eine derart dominante Stellung in seinem Bedrohungsszenario einnimmt, dass man sich fragen muss, ob dies der Vielfältigkeit an Herausforderungen für das Christentum im 21. Jahrhundert gerecht wird. Vielmehr ist die „Benedikt-Option“ grundiert durch eine tiefgreifende Dichotomie von Welt und „rechtgläubiger“ – ein von Dreher gerne gebrauchter aber nicht näher gefasster Terminus – Christenheit.

Hiermit verbindet sich nicht nur eine endzeitliche Stimmung, die Dreher implizit beschwört, sondern zudem eine explizite kulturkämpferische Metaphorik, wenn etwa von einer „Besatzungspolitik“ der kulturellen Linken, einem gegenwärtigen „Zustand des Barbarismus“ oder von Gottesdiensten als „Waffe“ und „Bollwerk“ die Rede ist.

Damit erfordert die „Benedikt-Option“ vor allem eine vertiefte Reflexion der Überzeugung, dass Christen „nicht von der Welt“ sind. Gewiss lassen sich ausgehend von Drehers Überlegungen auch hierzulande kreative Initiativen für ein gegenkulturelles Christentum entwickeln – jedoch darf nicht ausgeblendet werden, dass wir eben in und mit der Gegenwartskultur leben, in die wir hineingestellt sind.

Rod Dreher: Die Benedikt-Option. Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft. Fe-Medienverlag, Kißlegg 2018, 400 Seiten
ISBN 978-3863572051 , EUR 19,95

Erschienen am 9. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).