„Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache“

Die Pfarrerhebung der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Tschechiens Hauptstadt stellt ein wichtiges kirchen- und verständigungspolitisches Signal dar

Prags Erzbischof Dominik Kardinal Duka sowie die Gesandte der Bundesrepublik Deutschland und der Botschafter der Republik Österreich waren am 4. Dezember zu Gast in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt. Grund war der Festgottesdienst anlässlich der Erhebung der dort ansässigen Deutschsprachige Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag, die bereits am 1. Oktober in Kraft getreten war.

Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag. (Foto: LandesEcho)
Festgottesdienst in der Kirche Sankt Johannes Nepomuk am Felsen in der Prager Neustadt anlässlich der Erhebung der dort ansässigen deutschsprachigen Katholische Gemeinde zu einer regulären Personalpfarrei des Erzbistums Prag.
(Foto: LandesEcho)

Nach der slowakischen und der polnischen Gemeinde bilden somit die deutschsprachigen Katholiken nun die dritte fremdsprachige Personalpfarrei in der Erzdiözese Prag. Dies darf als deutliches kirchenpolitisches Signal verstanden werden: Katholiken deutscher Nationalität oder Sprache bilden nicht mehr eine parallele Organisationsstruktur, sondern sind ein anerkannter und fest integrierter Teil der katholischen Kirche vor Ort. So begründete Erzbischof Duka die Pfarrerhebung auch nicht nur mit der Stabilität und dem anhaltenden Wachstum der seit 1990 bestehenden Gemeinde, sondern auch mit der „jahrhundertealten Tradition deutschsprachiger Kultur in der tschechischen Metropole“, wie die Gemeinde mitteilt. „Die Erhebung zur Pfarrei ist ein weiteres positives Signal, das sich gut einreiht in die lange Kette der postiven Signale auf kirchlichem, kulturellen, politischem und wirtschaftlichem Gebiet“, erklärt Pater Martin Leitgöb gegenüber dem DOD. Der aus Österreich stammende Redemptorist war bisher Gemeindeseelsorger und ist nun Pfarradministrator der deutschen Gemeinde. Das Signal, das die katholische Kirche gesetzt hat, wird in Tschechien wahrgenommen: „Die Pfarrerhebung hat auch in Tschechien ein beträchtliches Echo ausgelöst. So haben mehrere kirchliche und weltliche Medien berichtet – und zwar immer positiv“, berichtet Leitgöb: „Im Grunde genommen ist daran zu sehen, dass sich die Verhältnisse zwischen Deutschen und Tschechen durchaus normalisiert haben bzw. dass man auf beiden Seiten bereit ist, aufeinander zuzugehen, miteinander zu arbeiten und sich gemeinsam für eine versöhnte Nachbarschaft im Herzen Europas einzusetzen.“

So alt die deutsche Tradition ist, an die die Gemeinde anknüpfen kann, ist sie jedoch keine klassische Minderheitengemeinde der seit Jahrhunderten ansässigen Deutschen – wie sie etwa die protestantischen Siebenbürger Sachsen in Rumänien bilden – bzw. stellen die autochthonen tschechischen Staatsbürger mit deutscher Muttersprache nur einen Teil der Gemeindeglieder dar. Neben ihnen setzt sich die – von einem relativ niedrigen Altersdurchschnitt geprägte – Gemeinde aus Angehörigen binationaler Familien und berufsbedingt in Prag lebenden Deutschen, Österreichern und Schweizern zusammen.

Dennoch ist die Pfarrerhebung gerade für die heimatverbliebenen Deutschen von zentraler Bedeutung. „Kardinal Duka sagte beim Festgottesdienst zur Pfarrerhebung am 4. Dezember den schönen Satz: ‚Deutsch ist in Prag keine Fremdsprache‘“, hebt Leitgöb hervor. Dementsprechend fühle sich die „Pfarrgemeinde eingebettet in die jahrhundertelange deutschsprachige Kulturtradition der tschechischen Hauptstadt“ und wolle ihren Beitrag „zum Weiterbestand dieser Tradition leisten“.

Zu diesem Zweck arbeitet die Gemeinde mit den Organisationen sowohl der heimatverbliebenen als auch der heimatvertriebenen Deutschen zusammen: Leitgöb betont das gute Einvernehmen mit dem „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“ und dem „Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität in der Republik Tschechien“. Ferner bestünden enge Kontakte, mit der Ackermann-Gemeinde und der Sudetendeutschen Landsmannschaft. „Ich selber bin neben meiner Funktion als Pfarrer auch Geistlicher Beirat der tschechischen Ackermann-Gemeinde“, erklärt Leitgöb.

Dabei vermag es die Gemeinde nicht nur, deutschsprachigen Katholiken in Tschechien ein Stück Heimat zu geben und so auch zu ihrer Identitätsbindung beizutragen. Daneben leistet sie einen zentralen Beitrag zur Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen, und damit zur Stärkung eines europäischen Bewusstseins, das gegenwärtig vielfachen Angriffen ausgesetzt ist. In diesem Zusammenhang ist für Leitgöb der Begriff „Dialog“ wichtig: „Wie wichtig dieser Dialog weiterhin ist, wurde mir in den letzten Monaten an den unterschiedlichen Standpunkten zwischen Deutschen und Tschechen in der Flüchtlingspolitik bewusst. Ich selber versuchte immer wieder, so gut ich konnte, tschechischen Freunden die deutschen Positionen zu erklären und deutschen Freunden die tschechischen Positionen. Das kann manchmal mühsam sein, aber es geht nicht anders. Ich versuche, diesen Dialog auch in unserer Pfarrei zu pflegen, immerhin sind wir ja eine Gemeinschaft aus Tschechen und Deutschen.“

In diesem Sinne wollen die Gemeinde und Leitgöb auch in Zukunft weiter wirken: „Es gibt wohl nicht viele Vereinigungen, in denen die konkrete Verständigung mit einer so hohen Regelmäßigkeit – Sonntag für Sonntag und vielfach auch dazwischen – geschieht.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2016 und Sudetendeutsche Zeitung 51/52/2016.

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Westpreußen – ein Land der Reformation

Eine Spurensuche entlang reformationsgeschichtlicher Erinnerungsorte

Von Tilman Asmus Fischer

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die Ereignisse rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen – gerade wie das untere Weichselland – sehr aufschlussreich sein.

Infolge von Flucht und Vertreibung ist Westpreußen heute ein Raum, in dem weitestgehend Katholiken und nur noch eine kleine Schar von Lutheranern leben. Es finden sich freilich noch viele Orte und Kulturdenkmäler, die eng mit der Reformationsgeschichte verbunden sind und darüber hinaus von der Vielfalt protestantischen Lebens im Ostseeraum zeugen. Neun solcher kirchengeschichtlicher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden. Diese Orte vermögen, sowohl die Vielschichtigkeit der ‚Reformation‘ als auch ihre ökumenische Dimension und die unterschiedlichen Ausprägungen dessen zu verdeutlichen, was wir ‚den Protestantismus‘ nennen. Beginnen soll unsere Spurensuche mit grundsätzlichen Überlegungen, ausgehend von der protestantischen Kirche Westpreußens schlechthin.

Oberpfarrkirche St. Marien, Danzig

In ihrem 1929 erschienen Buch „Die Marienkirche in Danzig“ preisen Karl Gruber und Erich Keyser die altehrwürdige evangelische Oberpfarrkirche als „Gotteshaus der Bürger, errichtet durch das einmütige Zusammenwirken der Brüderschaften, Gewerke und Geschlechter“. Diese Perspektive auf die Marienkirche verdeutlicht bereits den enormen Identifikationswert, den Europas größte Backsteinkirche für ihre Stadt hatte. Dies ist umso bemerkenswerter, als hier eine von katholischen Bürgern vor der Kirchenspaltung errichtete Kirche zum Identifikationspunkt einer protestantisch dominierten Bürgerschaft wurde. Ebenso konnten westpreußische Kirchen auch bis in unsere Tage hinein den Kirchenbrief der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen zieren, obwohl die Gotteshäuser mit Kriegsende der katholischen Kirche übergeben worden waren.

Diese Beobachtung erinnert uns an zweierlei Zusammenhänge, die es bei unserer Spurensuche zu bedenken gilt : Zum einen, dass ein Erinnerungsort nicht statisch ist, sondern stets von den Zu- und Überschreibungen lebt, die er im Verlauf seiner Geschichte erhält. Daher stellt unsere heutige Spurensuche auch notwendiger Weise nur eine Bestandsaufnahme von Bedeutungen dar, die einem Denkmal oder Ort unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt – demjenigen der Reformation – Konturen verleihen. Zum anderen weist uns St. Marien darauf hin, dass ein und demselben Erinnerungsort gleichzeitig differierende, wenn nicht gegensätzliche Bedeutungen zukommen können – hier etwa eine deutsche bzw. protestantische oder eine katholische bzw. polnische.

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig (Foto: Diego Delso via Wikimedia)
Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Reformation und Katholizismus

Wenn wir in diesem Sinne nach Orten fragen, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, dann gelangt man auch zu exklusiv katholischen Erinnerungsorten, in denen ein entsprechendes Narrativ der Reformationsgeschichte manifest wird.

Königliche Kapelle, Danzig

Am sinnfälligsten wird dies an der Königlichen Kapelle, die der Marienkirche unmittelbar benachbart ist. Immerhin verdankt diese Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – ihre Existenz der Reformation in Danzig : Nachdem nach und nach alle Kirchen evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde darauf hin die Kaplica Królewska – die Königliche Kapelle – als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in Städten, die sich mehrheitlich zum Protestantismus bekehrten – aber ebenso auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen wie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

Jesuitenkolleg, Deutsch Krone

Der Kontext der katholischen Reaktionen auf den Prozess der Reformation wird wesentlich von der sogenannten Gegenreformation – und damit einer ihrer treibenden Akteurinnen : der Societas Jesu (SJ) – bestimmt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die – letztlich kirchenspaltende – evangelische Reformation selbst in einer Zeit innerkatholischer Reformbewegungen entwickelte und ebenso wenig davon unabhängig gedacht werden kann wie die SJ selbst.

Die Jesuiten entfalteten auch im späteren West- und Ostpreußen rege Aktivitäten und konzentrierten sich – ihrem Gelübde entsprechend – vor allem auf das Bildungswesen. So gründeten sie 1665 auch im damals zu Polen gehörigen Deutsch Krone eines der Jesuitenkollegien. Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung mussten 1672 und 1703 jeweils größere Gebäude bezogen werden. Als der Jesuitenorden 1773 vom Papst aufgelöst wurde, erfolgte die Umwandlung in ein katholisches Gymnasium. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 200 Schüler die Schule. – An dem 1798 bis 1805 errichteten Gebäude des Gymnasiums erinnert heute noch eine Gedenktafel an das ehemalige Jesuitenkolleg.

Zwischen Konflikt und Verständigung

Bereits die vorangegangenen Erinnerungsorte zeigen, dass die westpreußische Reformationsgeschichte eine ebenso protestantisch-katholische wie deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist, in der gerade auch die polnische Krone als Förderer des Katholizismus in Erscheinung tritt. Ein Blick auf zwei weitere Städte des Königlichen Preußen – Elbing und Thorn – verhilft dazu, dieses Bild zu differenzieren. So steht Thorn einerseits für eine blutige, von der polnischen Krone mitgetragene Eskalation der konfessionellen Konflikte im Jahre 1724, andererseits aber auch für die 79 Jahre zuvor durchgeführten Thorner Religionsgespäche, die ebenfalls vom polnischen König initiiert wurden. Einer ihrer zentralen Akteure, der protestantische Ökumeniker Comenius, lebte und wirkte zu dieser Zeit in Elbing. (Diese thematischen Zusammenhänge hat Manfred Richter bereits in der DW-Ausgabe vom April 2016, S. 14f., in größerer Ausführlichkeit erläutert.)

Comenius in Elbing

Der den Böhmischen Brüdern angehörende Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670) genoss bereits zu seinen Lebzeiten europaweite Anerkennung. Sie führte dazu, dass der schwedische Königshof Comenius beauftragte, ein Konzept zur Erneuerung des Schulsystems zu entwickeln. Deshalb kam der Gelehrte 1642 in das schwedisch besetzte Elbing, wo er bis 1648 blieb. Hier verfasste er nicht nur sein Hauptwerk „Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica), sondern unterstützte auch die Vorbereitungen des „Colloquium Charitativum“, das vom 28. August bis zum 22. November 1645 in Thorn stattfand und zur Vermittlung zwischen Katholiken und Protestanten beitragen sollte. Der Elbinger Stadtrat unterstützte Comenius’ Bemühungen und stellte ihm eine Karosse für die Reise nach Thorn zur Verfügung.

Tumult und Blutgericht in Thorn

Die Religionsgespräche führten letztlich allerdings nicht zu konkreten Ergebnissen, und das Verhältnis zwischen den Konfessionen blieb weiterhin angespannt. 1724 ereignete sich dann – wiederum in Thorn – der erwähnte offene Ausbruch der Gegensätze. Nachdem die – maßgeblich von den Jesuiten getragene – Gegenreformation in den vorangegangenen Jahren in der lutherisch dominierten Stadt vorangetrieben worden war, kam es am Fronleichnamstag jenes Jahres zum „Thorner Tumult“, bei dem protestantische Bürger das Jesuitenkloster stürmten und verwüsteten. Nun musste bzw. konnte der polnische König August II. mit aller Härte durchgreifen : Nicht nur, dass sämtliche Hauptkirchen der Stadt der katholischen Kirche übereignet wurden ; vielmehr wurden am 7. Dezember auch ein Bürgermeister und neun Thorner Bürger öffentlich hingerichtet.

Die Erben der Reformation

Die Reformation führte jedoch nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen der lutherischen Lehre und dem Katholizismus, denn der Protestantismus brachte im Laufe seiner Entwicklung auch aus sich selbst eine ganze Reihe unterschiedlicher Denominationen und Minderheiten hervor, von denen hier nur einige exemplarisch vorgestellt werden sollen.

St. Peter und Paul, Danzig

Der nach der lutherischen Reformation bedeutendste Schritt in der weiteren Entwicklung war die Herausbildung der reformierten Konfession. – Nachdem die in der Alten Vorstadt von Danzig gelegene Kirche St. Peter und Paul 1557 lutherisch geworden war, ging sie 1622 an die Danziger Reformierten über. Das calvinistische Bürgertum zeichnete sich vielerorts durch ein ausgeprägtes Erfolgsstreben aus, das Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ scharfsinnig auf seine theologischen Voraussetzungen hin analysiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn wir unter den Gemeindegliedern in St. Peter und Paul späterhin z. B. auch den Kaufmann Johann Uphagen und den bedeutenden Kupferstecher Daniel Chodowiecki entdecken. Die vielleicht bedeutendste Person, die mit St. Peter und Paul in Verbindung steht, ist jedoch der Theologe, Naturwissenschaftler und spätere Entdeckungsreisende Johann Reinhold Forster, der hier als Kandidat wirkte und ins Pfarramt ordinierte wurde.

Heilig Geist-Kirche, Danzig

1817 fasste König Friedrich Wilhelm III. alle lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer unierten Landeskirche zusammen. Diejenigen Gemeinden, die den Zusammenschluss aus theologischen Erwägungen ablehnten, mussten scharfe Verfolgung erdulden. Die aus diesem Prozess 1830 hervorgegangene Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen wurde erst 1845 staatlich anerkannt.

Diese ‚altlutherische‘ Kirche hatte ihren Schwerpunkt in Schlesien, aber in ganz Preußen Anhänger. Während der 1840er Jahre entstand ein eigener Danziger Pfarrbezirk, und 1854 erwarb man die Heilig Geist-Kirche in der Danziger Tobiasgasse 1b. 1943 umfasste die in der früheren Hospitalkirche ansässige Gemeinde 503 Seelen. 1945 wurde die Kirche schwer zerstört. Nach dem Krieg beschlossen die neuen Machthaber dann eine Nutzungsänderung, in deren Folge das Gebäude seit den 1950er Jahren in den Gebäudekomplex einer Grundschule integriert ist.

Heubuden (Kreis Marienburg / Großes Werder)

Mit den Täufern kommt eine protestantische Strömung ins Bild, die in Europa gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern verfolgt wurde. Deshalb flohen im 16. Jahrhundert viele Täufer nach Danzig und in das Umland der Stadt, wo sich zeitweilig auch ihr Anführer und Namensgeber Menno Simons aufhielt. Einer der Orte, an denen die Glaubensflüchtlinge aus dem flämischen, niederländischen, friesischen, und oberdeutschen Raum ansässig wurden, war Heubuden in der späteren Freien Stadt Danzig. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte sich dort das Niederländische als Gottesdienstsprache gehalten. 1768 erhielt Heubuden eine eigene Kirche, und Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gemeinde Heubuden-Marienburg in Marienburg ein eigenes Gemeindehaus. 1929 hatte die Gemeinde 1.092 getaufte Glieder. – Heute erinnern in Heubuden eine Gedenktafel an der ehemaligen Mennonitenkirche, vor allem aber der erhaltene, 2,6 Hektar umfassende Mennoniten-Friedhof an die einstigen Einwohner des Ortes.

Slowinzisches Dorf, Klucken (Kreis Stolp, Pommern)

Neben den drei konfessionellen Minderheiten der Reformierten, Altlutheraner und Mennoniten soll zum Schluss noch eine weitere Gruppe berücksichtigt werden: die Slowinzen, bei denen es sich jedoch nicht um eine innerprotestantische Minderheit handelt. Zur Minderheit wurden die Slowinzen innerhalb der westslawischen Bevölkerung des südlichen Ostseeraums vielmehr durch ihr evangelisches Bekenntnis, das mit einer Nähe zur deutschen Kultur einherging. Damit ergänzen die Slowinzen, die in Pommern zwischen Stolp und Leba lebten, das Bild der katholischen Kaschuben.

Am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die große Mehrheit der deutschsprachigen Slowinzen vertrieben. Die slowinzischen Muttersprachler durften in ihrer Heimat bleiben, was freilich das Aussterben des – dem Kaschubischen verwandten – Slowinzischen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermochte. Dies mag man heute umso mehr bedauern, als angenommen werden kann, dass etwa der Konfirmandenunterricht in dieser Region noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in dieser Sprache gehalten wurde. Heute dokumentiert nur noch das Freilichtmuseum „Slowinzisches Dorf“ in Klucken das Leben dieser westslawischen
Protestanten.

Auf dem Weg zu den Erinnerungsorten …

… DANZIG

  • Heilig Geist-Kirche: Szkoła Podstawowa nr 50 im. Emilii Plater, ul. Grobla IV / 8, 80-837 Gdańsk
  • Königliche Kapelle: Sie liegt auf der Rückseite der Marienkirche in der Świętego Ducha, 80-980 Gdańsk
  • St. Marien: Bazylika Mariacka w Gdańsku, Podkramarska 5, 80-834 Gdańsk. Weitere Informationen: http://www.bazylikamariacka.gdansk.pl
  • St. Peter und Paul: Rzymskokatolicka Parafia św. Piotra i Pawła, ul. Żabi Kruk 3, 80-822 Gdańsk

… DEUTSCH KRONE

Jesuitenkolleg: Zespół Szkół nr 1 w Wałczu, Kilińszczaków 59, 78-604 Wałcz

… HEUBUDEN: 82-200 Stogi, Powiat Malborski

… KLUCKEN

Slowinzisches Dorf: Muzeum Wsi Słowińskiej w Klukach, Kluki 27, 76-214 Smołdzino. Das Freilichtmuseum ist ganzjährig geöffnet. Weitere Informationen: http://www.muzeumkluki.pl

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 1/2017.

Die Reformation als europäisches Phänomen

Aktuelle Perspektiven auf das reformatorische Erbe Ostmitteleuropas

Das Reformationsjubiläum drohe, so formulierte es die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg vor längerer Zeit, als „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert zu werden. Einen wichtigen Beitrag dazu, dass es so nicht zwingend kommen muss, haben das Deutsches Historisches Museum (DHM) und das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) mit einer gemeinsamen internationalen Tagung vom 8. bis 10. März in Berlin geleistet. Sie stand unter dem Titel „Der Luthereffekt im östlichen Europa – Geschichte, Kultur, Erinnerung“ und hatte ihren Ausgangspunkt in dem grundlegenden Vortrag des Leipziger Historikers Prof. Dr. Winfried Eberhard über „Die Rezeption der lutherischen Reformation in Ostmitteleuropa“.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.
St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Diese grenzübergreifende Rezeption verlief äußerst vielfältig, wie Eberhard aufzeigte und durch die weiteren Vorträge der Tagung illustriert wurde: Während sie in Polen friedlich scheiterte – was vor allem auch an der unversöhnlichen Haltung der Lutheraner gegenüber den Reformierten lag –, scheiterte sie in Böhmen gewaltsam an der Unterdrückung durch die katholische Monarchie. Bis heute leben Protestanten in diesen Regionen in der Diaspora. Zu einer Blüte des Protestantismus kam es hingegen in Ungarn, wo er durch Adel und Städte unterstützt wurde, – und im Herzogtum Preußen, das als einer der ersten protestantischen Staaten aus dem säkularisierten Deutschordensstaat entstand.

Diese ganz unterschiedlichen Entwicklungen ‚der Reformation’ waren geprägt durch ebenso unterschiedliche historische Konstellationen: So waren es im Ostseeraum in besonderer Weise Hansestädte, die sich zur protestantischen Avantgarde entwickelten – hatten die europaweit vernetzten Kaufmannsfamilien doch früh Kontakt und Zugang zu reformatorischer Lehre und Schrifttum. Hier wäre für das spätere Westpreußen vor allem an Danzig und Thorn zu erinnern. Diese Querverbindungen im Einzugsbereich der Hanse zeigte Anja Rasche (Speyer / Lübeck) in ihrem Vortrag „Reformation im Hanseraum: Kaufleute, Bücher und Sanktionen“ auf. Währenddessen setzte in Siebenbürgen die Entstehung lutherischer Zentren in Schäßburg, Hermannstadt und Kronstadt die Tolerierung der damaligen osmanischen Besatzer voraus.

Bisweilen wurde reformatorisches Erbe auch noch Jahrhunderte später wirksam: Etwa in Galizien, wo unter Theodor Zöckler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lutherische Gemeinden aufblühten – eine Entwicklung über die Katrin Boeckh (München / Regensburg) referierte (Identitäten und transnationale Netzwerke. Lutheranische Gemeinden in Galizien). So vielfältig wie die jeweiligen historischen Situationen, waren auch die kirchlich Ausformungen, die sich aus ihnen entwickelten: So zählten sich im Siebenbürgen des 16. und 17 Jahrhunderts auch die Dreifaltigkeit leugnende Unitarier zu den theologischen Erben Luthers (Edit Szegedi, Klausenburg / Cluj-Napoca: Luther als Bezugsgröße der siebenbürgischen Reformierten und Unitarier im 16.-17. Jahrhundert). Zugleich führten im Ungarn des 17. Jahrhunderts aus Österreich vertriebene Lutheraner ihr Eigenleben (Peter Ötvös, Szeged: Die lutherischen Exulanten aus Österreich auf ungarischem Boden, ihre Vorhaben und Integrationsversuche).

Die Dimensionen und Perspektiven des Phänomens Reformation, wie es sich im östlichen Mitteleuropa ausprägte, sind so vielfältig, dass sie hier nur ansatzweise benannt werden konnten. Wer sich diesem Zugang zum grenzübergreifenden Erbe unserer Kirchen nicht verschließt, darf sich auf das für 2017 angekündigte Erscheinen des Tagungsbandes von BKGE und DHM freuen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 17/2016.

Wie auf Erden

Das Wiedersehen mit dem kleinen schwedischen Kirchenchor setzt auf große Themen. Schafft es der neue Film, „Wie im Himmel“ zu toppen?

Von Tilman Asmus Fischer

Viele Kinobesucher haben den kleinen schwedischen Kirchenchor aus dem Spielfilm „Wie im Himmel“ (2004) geliebt. Der große Kino-Erfolg wurde 2005 als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert und begeisterte weit über eine Million deutsche Kinozuschauer. Nun soll es nach über zehn Jahren ein Wiedersehen geben – unter dem Titel „Wie auf Erden“.

Nach dem plötzlichen Tod des Chorleiters bringt seine Lebensgefährtin Lena – neuerlich von der energischen Frida Sophia Hallgren gespielt – das gemeinsame Kind zur Welt. In das eigene Chaos der Gefühle hinein bittet sie Gemeindepfarrer Siv – frisch von der Gattin verlassen und wegen Alkoholismus kurz vor der Suspendierung –, die Kirchenmusik zu übernehmen: Die zu oft zu leere Kirche soll anlässlich des Kirchjubiläums voll sein – dank guter Musik.

Lena beschließt, mit dem Laienchor Händels Halleluja aufzuführen. Damit bringt sie einen „professionellen“ Kirchenmusiker gegen sich auf, der das Konzert mit Berufsmusikern bestreiten will. Nebenbei mischt Lena die Gemeinde auf: Die Kirchenbänke verschwinden, es werden moderne Gottesdienste gefeiert, getanzt und musiziert. Am Ende setzt sich die Gemeinde gegen konservative Kirchenobere und Lenas Konkurrenten durch.

Es geht um die großen Themen: Leben und Tod – Hoffnung und Zweifel. Der Film wartet mit Emotionen, bewegenden Bildern und einer überzeugenden Besetzung auf – wie bereits „Wie im Himmel“. Man kann durchaus zwischendurch eine Träne verdrücken. Am Ende bleibt „Wie auf Erden“ jedoch hinter seinem Vorgänger zurück. Das liegt vor allem daran, dass der Film inhaltlich überladen ist – der Zuschauer fragt sich: Geht es um Lenas Versuch, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden? Oder um das Schicksal einer kleinen Kirchengemeinde auf dem Lande? Oder vielleicht doch eher um Lenas neu erwachende Liebe zu einem Handwerker, der an der Restaurierung der Kirche beteiligt ist?

In jedem Fall regt der Film zum Nachdenken über Gegenwartsprobleme der Kirche an: Während Siv als Pfarrer seiner Gemeinde vor allem den strafenden Gott predigt, steht Lena für einen lebensbejahenden Glauben. Mit einer Herzlosigkeit, die die Aufrichtigkeit der Kirche in Frage stellt, steht der stereotype Kirchenratsvorsitzende ebenso Sivs Lebenskrise wie den Neuerungen in der Gemeinde gegenüber.

Der Film plädiert für eine Kirche, die bereit ist, hergebrachte Konventionen zugunsten der Frohen Botschaft in Frage zu stellen. Dass dazu Geschlechtsverkehr in der Kirche dargestellt wird, ist geschmacklos. Dass Jesus Christus zum Happy End, das Anleihen bei Bollywood nicht verleugnen kann, vom Kreuz steigt und sich unter die Gemeinde mischt, prätentiös.

Wie auf Erden. Schweden 2015. Regie: Kay Pollak. Kinostart 3. Dezember.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.

„… wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz…“

Am 24. August 1950 starb der Schriftsteller Ernst Wiechert

 

Quelle: Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft
 

Von Tilman Asmus Fischer

Ein Mann entflieht dem unsteten Großstadtleben und wählt das Einsiedlertum auf dem Lande. Ein Soldat kehrt traumatisiert aus dem Krieg zurück – getrieben von der Frage nach dem Sinn des Lebens. Gegenüber der Moderne erscheint das Leben im Einklang mit der Natur sinnerfüllt. Themen und Charaktere, die im Hier und Jetzt beheimatet sein könnten. Sie begegnen uns jedoch in den Texten des vor 65 Jahren verstorbenen Ernst Wiechert. Einst Bestseller in den 1920er bis 1950er Jahren, ist dieser christliche Schriftsteller heute weitestgehend der Vergessenheit anheimgefallen.

Sein wohl bedeutendster Roman „Das einfache Leben“ erzählt die Geschichte eines Marineoffiziers nach dem Ersten Weltkrieg, der sich vom schnelllebigen Alltag der Großstadt – und der Drogensucht seiner Frau – abwendet und als Einsiedler in die masurischen Wälder zieht. Die Naturverbundenheit im Werk Wiecherts erklärt sich aus der Kindheit des 1887 im ostpreußischen Kleinort Geborenen.

Trotz, oder vielleicht gerade wegen eigener Naturerfahrung, darf der heutige Leser keinen Kitsch erwarten, sondern Bilder, die neben dem Erlebnis der Natur geprägt sind von Glaubenserfahrungen und -einsichten. Der Dreiklang Gott – Schöpfung – Mensch prägt die Autobiografie „Wälder und Menschen“ ebenso wie „Das einfache Leben“. Letztlich lässt sich der Roman als Reflexion über Psalm 90 lesen: „… wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz…“

Seine Sprache und Helden erscheinen verschlossen und weltabgewandt – die Ästhetik unterstellte er dem Wunsch, seine Leser zu trösten. All dies sollte zum Nationalsozialismus nicht passen. „Wiechert erkannte, dass die neuen Herrscher sich anschickten, alles zu zerschlagen, was er und die ihm Gleichgesinnten aufgebaut hatten und vertraten: das naturbestimmte, freie Menschentum, das seine Erfüllung in Liebe, Mitmenschlichkeit, stiller Arbeit und Geduld im Gesetz der Sitte und der Menschenwürde findet“, konstatiert der Literaturhistoriker Helmut Motekat. Mehrfach bezieht Wiechert öffentlich Stellung gegen Ideologie und Unmenschlichkeiten. 1938 wird er für mehrere Monate Haft ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Er zerbricht fast an den Erlebnissen. „Das einfache Leben“ erscheint – dank eines ‚Versehens’ – trotz Publikationsverbot 1939.

Erst nach dem Weltkrieg erscheint der „Totenwald“ – literarisch verfasste Erinnerungen an die KZ-Haft. Das hier spürbar werdende Leid angesichts erlebter und erfahrener Entmenschlichung bewegt noch heute. In den Erinnerungen der Figur „Johannes“ berichtet er unter anderem von ermatteten und misshandelten Zwangsarbeitern: „Johannes sah, wie einer von ihnen, taumelnd, schon voller Blut im Gesicht, zum Scharführer gerufen wurde, um sich zu verantworten. Wie er, mit eisigem Hohn übergossen, wieder zurückwankte und der Scharführer, lächelnd, einen kopfgroßen Stein mit voller Wucht in den Rücken des Nichtsahnenden schleuderte, so dass dieser auf seinem Gesicht liegenblieb.“

Ein gleichfalls bedeutendes historisches Zeugnis ist Wiecherts „Rede an die deutsche Jugend“, die er bereits im Herbst 1945 vor Studenten in München hielt – für einen ethisch-humanen Neubeginn werbend. Während der „Totenwald“ inzwischen eine Neuauflage erlebt hat, harrt die „Rede an die deutsche Jugend“ immer noch einer neuerlichen Veröffentlichung, die ihr gewiss zustünde.

Ernst Wiechert: Der Totenwald – Ein Bericht. Mit einem Essay von Klaus Briegleb. Suhrkamp, Berlin 2008.
Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft e.V.: http://www.ernst-wiechert-international.de

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 34/2015.

Den Code entschlüsseln

Die Auseinandersetzung mit religiösen Bildern ist ein Gewinn für den Glauben

Bilder können bilden, sie können dabei helfen, religiöses Wissen zu vermitteln. Sie können jedoch auch in die Irre führen, ideologisch verführen. Das zeigt ein Blick in Geschichte und Gegenwart. Wie können und sollten Christen mit der Macht der Bilder umgehen?

Von Tilman Asmus Fischer

Denken Sie einmal an Syrien! Oder auch nur an Hamburg St. Pauli! Was haben Sie vor Augen? Wenn Sie an Syrien gedacht haben, dann womöglich Bilder von Kriegshandlungen oder Terroristen des „Islamischen Staats“. Wenn Ihre Gedanken nach St. Pauli gewandert sind – vielleicht die Reeperbahn oder Spieler des örtlichen Fußballclubs.

Auf faszinierende – oder auch erschreckende – Weise verbinden sich Bilder, die wir heute meist aus Fernsehen oder Internet kennen, mit erst einmal eigentlich abstrakten Begriffen oder Ideen. Bei Syrien hätten Sie ebenso gut an die Levante-Küste oder bei St. Pauli an die barocke St.-Joseph-Kirche denken können. Dass Sie dies – wahrscheinlich – nicht getan haben, liegt daran, dass das menschliche Gehirn vielleicht nicht so frei denken kann, wie wir es gerne annehmen. Vielmehr unterliegen wir Wahrnehmungen und Eindrücken, die unsere Vorstellungen prägen – je öfter und nachdrücklicher wir ihnen begegnen, umso intensiver tun sie dies.

Diese Macht der Bilder ist Segen und Fluch zugleich – was sich auch in der Geschichte unserer Kirchen spiegelt. Ein Segen, weil uns Bilder helfen, Inhalte zu erinnern – sie sind in der Lage, etwas zu veranschaulichen, Gedankenstützen zu sein und Geschichten zu erzählen. Damit haben sie einen Bildungsauftrag. Etwa die ‚Laien-Bibeln‘ des Mittelalters, Wandmalereien, die der mehrheitlich analphabetischen Bevölkerung biblische Geschichten vor Augen führten. Berühmt und noch heute zu besichtigen sind etwa die karolingischen Malereien im Graubündner Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair. Zum Fluch werden Bilder, wenn sie Menschen nicht nur Wissen vermitteln und Gedanken bildlich greifbar machen, sondern ihre Macht dazu missbraucht wird, Menschen in die Irre zu führen und einseitige Ansichten zu zementieren.

Hiervon zeugt ein anderes Motiv, das noch wenige Dutzend mal in Europa anzutreffen ist: Die „Judensau“, meist stereotyp dargestellte ‚Juden‘, die an den Zitzen einer Sau säugen. Was ist hier geschehen? Schweine galten und gelten Juden als unreine Tiere, die nicht verzehrt werden. Ganz in diesem Sinne konnte Jesus sagen: „Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.“ Oder Petrus beschrieb die Abwendung vom Christentum mit den Worten: „Es ist ihnen widerfahren das Sprichwort: Der Hund frisst wieder, was er gespien hat; die Sau wälzt sich nach der Notdurft wieder im Kot.“ Im Mittelalter wurden diese Aussagen pervertiert und das antijudaistische Motiv der „Judensau“ entstand, das auch in Kirchen anzutreffen war. Die nur in geringen Teilen des Bibelstudiums mächtige Bevölkerung, war nicht in der Lage, kritisch hierüber zu reflektieren. So konnte ein Bild festgeschrieben werden, dass selbst späterhin als antisemitisches Sprichwort eine unheilige Geschichte haben sollte.

Wie steht es um uns heute, die wir des Lesens mächtig sind und uns doch insgesamt für recht aufgeklärte Menschen halten? Wir wissen, dass Bilder wichtig und hilfreich sind, um jungen Menschen Wissen und abstrakte Gedanken zu vermitteln. Das gilt auch für theologische und biblische Begriffe, mit denen viele in einer von den Naturwissenschaften geprägten Zeit immer weniger anfangen können.

Was ist etwa mit Engeln? Wie soll man heute – im Religions- oder Konfirmandenunterricht – über sie reden? Diesen Wesen, von denen die Bibel spricht, wendet sich ein Beitrag der unter anderem von der Nordkirche herausgegebenen Zeitschrift „Praxis Gemeindepädagogik“ (1/2015) zu. Als vielgestaltige Kunstwerke in Kirchen ließen Engel „uns einen Blick auf die andere Lebensdimension werfen, die als Himmel mitten unter uns schon da ist“, schreibt Andrea Felsenstein-Roßberg. Sie empfiehlt in der Gemeindepraxis einen „Engelspaziergang im Kirchenraum“, um „in den eigenen Kirchenräumen Engelgestalten zu suchen und miteinander ihre Botschaft zu entschlüsseln“. Die Teilnehmer sollen berichten, warum bestimmte Engel sie besonders angesprochen haben; daraufhin wird gemeinsam über die biblische Herkunft des Engels und darüber diskutiert, welche stilistische Prägung und „Frömmigkeitsrichtung“ in seiner Darstellung zum Ausdruck kommen. Am Ende steht die Frage, was uns der Engel heute sagen will.

Ein solches Herangehen befähigt den Menschen, mit dem Bild in den Dialog zu treten, sich den Aussagewert selbstständig zu erschließen. Und am Ende verinnerlicht man das religiöse Wissen über die Bilder und deren eigene theologische Deutung.

Doch gibt es auch Bilder, die vorgeben, christlich zu sein, die es jedoch auf den zweiten Blick gar nicht sind. Hier bedarf die Bildung nicht des Bildes, um zu neuen Einsichten zu gelangen. Vielmehr ist hier religiöse Bildung gefragt, um das Bild zu entschlüsseln und ihm nicht auf den Leim zu gehen. Ein solches Bild präsentierten zur Jahreswende angeblich „christliche Patrioten“ bei den Pegida-Demonstrationen: ein Kreuz in Nationalfarben.

Zu Recht protestierten Kirchenvertreter wie Christoph Landré von der Französischen Kirche zu Berlin: In einer Glosse trat er für das Kreuz als „Symbol der Befreiung aller Menschen von ihrer Schuld und als Zeichen der unverbrüchlichen Treue Gottes zu seinen Geschöpfen“ ein. Jesu Tod am Kreuz und das Bekenntnis zu ihm haben einen universalen Anspruch (2. Korinther 5, 16 f.): „Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Dieser Anspruch übersteigt Grenzen – und genau dieser tiefere Sinn wurde in Dresden pervertiert. Angesichts solchen Missbrauchs der christlichen Bildsprache ist es heute auch eine Aufgabe moderner Religionspädagogik, religiöse Bildung zu vermitteln, um solcher Verführung vorzubeugen.

Und vielleicht macht uns das Pegida-Kreuz auch deutlich, was uns das biblische Bilderverbot (2. Mose 20, 4) zu sagen hat? Einst, als es entstand, richtete es sich gegen Götzenstatuen, gegen die die Anhänger des einen nicht auf ein Bild reduzierbaren Gottes Israels immer wieder prophetisch redeten und kämpften. Gott soll, so das Alte Testament, nicht zu einem Götzen, gar einem Götzen unter vielen gemacht werden, der für Einzelinteressen in Anspruch genommen werden kann. Gott ist unverfügbar – auch für Pegida. Das braucht uns nicht zu Bilderstürmern machen. Solange wir nicht unsere Bilder für alleinverbindlich erklären, sondern sie als kreative menschliche Annäherung an Gott verstehen.

In ähnlicher Form erschienen in: Evangelische Zeitung 27/2015 (www.evangelische-zeitung.de).

Den Genozid beim Namen nennen

Der Völkermord am armenischen Volk und die Rolle des Deutschen Reichs sind noch nach 100 Jahren ein Diskussionsthema

Von Tilman Asmus Fischer

Es ist wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Adolf Hitler spricht auf dem Obersalzberg zu den Oberbefehlshabern der Wehrmacht. Erbarmungslos will er im Osten vorgehen: „So habe ich, einstweilen nur im Osten, meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen. Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“

Dieses Beispiel verweist auf den engen Zusammenhang, der zwischen dem Vergessen begangener und dem Begehen neuer Völkerrechtsverletzungen besteht. Zum Glück behielt Hitler in seinem Fall nicht recht: Die auf seinen Befehl hin begangenen Verbrechen sind nicht dem Vergessen anheim gefallen. Aber nichtsdestotrotz fehlen bis heute Schuldeingeständnis und Entschädigung durch die Türkei als Nachfolger des Osmanischen Reichs, das sich vor 100 Jahren weitestgehend seiner christlichen Minderheit entledigte. Und wer weiß – womöglich ermutigt dies manche, die als „Islamischer Staat“ heute ähnlichen Bestrebungen folgen, denn wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?

Diese Frage ist somit von neuerlicher Aktualität – und dafür, wie sie zu beantworten ist, trägt Deutschland eine nicht geringe Mitverantwortung. Immerhin kämpften das Deutsche und das Osmanische Reich ab 1914 Seite an Seite – und waren deutsche Militärs und Politiker wohl informiert über die Vorgänge im Land des Waffenbruders. Und bisweilen ging die Beteiligung über Mitwisserschaft hinaus.

Was aber heißt es, dieser deutschen Verantwortung gerecht zu werden? In diesem Fall dürfte es weniger um Fragen einer Kollektivschuld oder materieller Entschädigungsansprüche gehen. Vielmehr geht es um die historische Wahrheit – und das Recht der Armenier auf die offizielle Anerkennung des an ihnen begangenen Verbrechens. Zeugnisse dieser bitteren Wahrheit liegen in bundesdeutschen Archiven. Eindrucksvoll dokumentiert hat ihre Inhalte in Auszügen 2010 der preisgekrönte Dokumentarfilm „Aghet – Ein Völkermord“ von Eric Friedler. Zur Sprache kam die deutsche Beteiligung an den Vorfällen auch in diesem Jahr bei einer Gedenkveranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus am 26. Februar und einer internationalen Konferenz des Deutschen Historischen Museums und des Lepsiushauses Potsdam vom 1. bis 3. März.

Fünf Jahre zuvor hatte der Bundestag unter Beteiligung aller Fraktionen einen Antrag beschlossen, der in der Sache den Völkermord beschreibt, den Begriff jedoch vermeidet: „Erinnerung und Gedenken an die Vertreibungen und Massaker an den Armeniern 1915 – Deutschland muss zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen“. Seitdem ist einiges geschehen in Sachen Aufarbeitung und Dokumentation. Allen voran ist hier die finanzielle Förderung des Lepsiushauses in Potsdam zu nennen. Der Theologe Johannes Lepsius prangerte schon während des Ersten Weltkrieges im Deutschen Reich den Völkermord an den Armeniern an und trug wesentlich zu seiner Dokumentation bei. Seinem Erbe verpflichtet, erforscht das Institut die Geschichte dieser Gewaltverbrechen und leistet politische Bildungsarbeit.

Doch finanziert die Bundesregierung auch einzelne Veranstaltungsformate und Publikationsprojekte. Zu nennen wären etwa „Die Armenierfrage in der Türkei“ von Sibylle Thelen, erschienen in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung oder die Konferenz „Not All Quiet on the Ottoman Fronts, Neglected Perspectives on a Global War“, die 2014 in Istanbul stattfand. Solche stetigen erinnerungspolitischen Interventionen mögen dazu beigetragen haben, dass der türkische Präsident Erdogan inzwischen sogar sein Bedauern über armenische Weltkriegsopfer zum Ausdruck gebracht hat. Seine Erklärung wurde jedoch, etwa bei der Gedenkveranstaltung im Berliner Abgeordnetenhaus, als „vergiftet“ bezeichnet, berichtet der Theologe und Ostkirchenexperte Manfred Richter: „Zu recht, da sie den Armeniern eine gleiche Schuld an Morden an der türkischen Bevölkerung unterstellen will, um damit alles in einen Einheitsbrei von Kriegschaos zu versenken, für das anscheinend die osmanische Regierung keine besondere Verantwortung getragen hätte.“ Genau diese Perspektive oktroyiert die türkische Regierung millionenfach ihren Bürgern – schon in Schulbüchern.

Auf eine offizielle Anerkennung als Völkermord scheint die Bundesregierung nicht offensiv hinwirken zu wollen. Die Rolle, in der sie sich selbst sieht, wurde Anfang 2015 neuerlich in einer Antwort auf eine Anfrage der Linkspartei deutlich.

Dabei treten vier neuralgische Punkte deutlich hervor: Erstens betont die Bundesregierung, die „weitere Erforschung und Bewertung der Massaker und Vertreibungen von 1915/16, einschließlich der Rolle des Deutschen Reiches, durch unabhängige Historiker“ zu unterstützen – zu einer eigenen Einschätzung oder gar Bewertung der deutschen Mitverantwortung aufgrund des aktuellen Forschungsstandes ringt sie sich nicht durch.

Zweitens reduziert sie ihre eigene Aufgabe darauf, den Aussöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern begleiten und fördern zu wollen – sie zieht sich also auf die Position eines Moderators zurück.

Drittens hängt dies mit einer folgenschweren Einschätzung zusammen: Die Rede ist stets von den „beiden betroffenen Länder Türkei und Armenien“ – ganz offensichtlich ist man nicht bereit, auszubuchstabieren, was es bedeutet, dass Deutschland ebenfalls in den Völkermord verwickelt ist.

Viertens argumentiert die Bundesregierung mit einem simplen völkerrechtlichen Argument, um den Völkermord nicht als solchen bezeichnen zu müssen: Sie zieht sich darauf zurück, „dass die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes vom 9. Dezember 1948 am 12. Januar 1951 in Kraft getreten ist. Für die Bundesrepublik Deutschland ist sie seit dem 22. Februar 1955 in Kraft. Sie gilt nicht rückwirkend.“ Es ist – auch mit Blick auf im Zweiten Weltkrieg begangene und damit ebenfalls von deutschem Boden ausgegangene Verbrechen – fraglich, welche Konsequenzen es hat, die Bewertung historischer Verwerfungen an das Inkrafttreten völkerrechtlicher Übereinkünfte zu binden.

Bei aller Kritik, die deswegen gegenüber der Bundesregierung laut wird, muss die heute betriebene Erinnerungspolitik natürlich in ihrem gesamtpolitischen Kontext gesehen werden: Auch heute müssen orientalische Christen wieder um ihr Leben fürchten. Dies zeitigt außenpolitische Sachzwänge, zu denen es gehört, die Zusammenarbeit mit dem NATO-Bündnispartner Türkei nicht über die Maße zu belasten. Genau dies könnte unter Umständen durch drei Dinge geschehen: Eine Anerkennung des Völkermordes, offizielle Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag seines Beginns und durch verstärkte Eigeninitiative bei der öffentlichen Dokumentation der Verbrechen anhand deutscher Akten. Damit wiederholt sich in gewisser Weise das Dilemma von 1915 – wieder stehen moralische Erwägungen und außenpolitische Strategien im Konflikt zueinander. Und wieder scheint dieser Konflikt zu Lasten der Armenier auszugehen.

Dies gilt es zu berücksichtigen, wenn man sich ein Bild vom Handeln der Bundesregierung macht. Gerade vor diesem Hintergrund können Kirchen und Christen als Staatsbürger jedoch Aufrichtigkeit zeigen und die Bundesregierung ermuntern, dennoch der historischen Verantwortung gegenüber den armenischen Glaubensgeschwistern gerecht zu werden. Dies tut etwa die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, in einem Artikel im aktuellen „Chrismon“: „Der gewollte Tod der Armenier war Völkermord. Die Mitschuld des Deutschen Reiches muss klar benannt werden. Wenigstens dies schulden wir den Kindern und Enkeln der überlebenden Armenier.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2015.