Zwischen Anerkennung der Fakten und Solidarität

Erhard Eppler (1926-2019) und die „Neue Ostpolitik“

Mit Erhard Eppler ist am 19. Oktober einer der entscheidenden Vordenker der „Neuen Ostpolitik“ heimgegangen. Nicht nur, dass die Unterzeichnung der sogenannten „Ostverträge“ 1970 bis 1973 in seine Amtszeit als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit fiel. Vielmehr war er bereits an der Ausarbeitung der Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1965 „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“ beteiligt und unterstütze die ostpolitische Wende – auch gegen Vorbehalte – in der eigenen Partei und Fraktion. Eine wissenschaftliche Würdigung hat das ost- und deutschlandpolitische Vermächtnis Epplers durch die einschlägige Dissertation von Christine Simon (Erhard Epplers Deutschland- und Ostpolitik, Bonn 2004) erfahren.

Aufgrund der sich im Zusammenhang mit der „Neuen Ostpolitik“ manifestierenden vertriebenenpolitischen Frontverläufe in der Bonner Republik war eine Konfrontation mit den Vertriebenenverbänden unvermeidlich. Jedoch würde es zu kurz greifen, Eppler einseitig innerhalb eines binären Diskursschemas zu verordnen, das zum einen die Anerkennung deutscher Kriegsopfer an das Eintreten für deutsche Rechtspositionen, zum anderen die Bestreitung des Opferstatus an eine Politik des Verzichts koppelt. Vielmehr taten alle politischen Gegensätze nicht Epplers grundsätzlicher Empathie gegenüber den Vertriebenen Abbruch. Dies mag der Auszug aus einer Rede auf einer Kundgebung der Seliger-Gemeinde Baden-Württemberg 1975 verdeutlichen, in der sich Eppler in einen sudetendeutschen Sozialdemokraten 1945 hineinversetzte und dessen „konfliktgeladene, einsame, tragische Existenz“ nachzeichnete:

19.11.1983
SPD-Parteitag im Kölner Messezentrum
Verabschiedung des Leitantrages des SPD-Vorstandes zur Sicherheitspolitik (zur Nachrüstung gemäß NATO-Doppelbeschluß).

„Als die meisten jubelten, wusste er, daß dieser Jubel nicht lange halten werde, als die meisten ‚Heim ins Reich‘ brüllten, verlor er seine Heimat, als der Krieg da war, musste er seinem Gastland klarmachen, daß er eben doch nicht Tscheche oder Slowake, sondern Deutscher war, daß diese Sudetendeutschen Hitler nicht haßten, obwohl, sondern weil sie Deutsche waren und weil dieser Mann ein ganzes Volk ins Unheil führte, ganz gewiß den Teil des Volkes, dessen Ahnen in Böhmen und Mähren heimisch geworden waren. Und gleichzeitig mussten sie alles tun, um die Vertreibung, die sich schon 1940 ankündigte, trotz allem abzuwenden, weil sie zwar verstehen, aber niemals billigen konnten, was aus dem Haß und der Verbitterung entstand, die Hitler bei manchem Tschechen und Slowaken geweckt hatte.“

Vor dem Hintergrund einer solchen empathischen Grundhaltung strebte Eppler sodann eine gegenseitige Solidarität zwischen Vertriebenen und Mehrheitsgesellschaft an. Er „verlangte Solidarität mit den Vertriebenen, die allerdings auch solidarisch mit dem deutschen Volk sein müssten, das seinen Platz in einem friedlichen Europa sichern wolle“, so Simon. Bereits die von Eppler mitverantwortete Ostdenkschrift hatte – dieser Gesichtspunkt wird in ihrer jüngeren Rezeption leider fast durchgehend ausgeklammert – entscheidende Integrationsdefizite aufseiten der Zivilgesellschaft kritisiert, etwa die mangelnde Bereitschaft, die Vertreibungsopfer mit ihren Traumata ebenso wie mit ihren kulturellen Traditionen auf- und anzunehmen. Und die 1966 veröffentlichte – wiederum von Eppler mitverfasste – Stellungnahme der SPD-Bundestagsfraktion zur Ostdenkschrift hielt mit Blick auf eine anzustrebende friedensvertragliche Regelung fest:

„Kein deutscher Politiker kann den von Hitler begonnenen und total verlorenen Krieg nachträglich am Verhandlungstisch gewinnen. Die SPD wird sich dabei bemühen, so viel wie möglich von Deutschland für die Deutschen zu erhalten. Unser Wille zur Einheit schließt die Bereitschaft zu Opfern ein. Aber dieser Wille gebietet auch, daß wir uns innerhalb unseres Volkes unablässig um ein Höchstmaß an Solidarität, besonders zwischen Einheimischen und Vertriebenen, bemühen.“

Solidarität der Vertriebenen mit der Gesamtheit des deutschen Volkes hieß wiederum, dazu beizutragen, „daß wir die Fakten unserer Geschichte zur Kenntnis nehmen, und zwar mit jenem Minimum an Solidarität, ohne das eine Nation sich nicht behaupten kann“, so Eppler 1970. Die zu akzeptierenden „Fakten unserer Geschichte“ stellten sich für Eppler freilich dergestalt dar, dass man nur auf das verzichten könne, „was man hat oder doch haben könnte“ – und für ihn galt: „Pommern oder Schlesien waren von den Nazis längst verspielt, ehe es eine Bundesrepublik gab.“ Insofern war für Eppler die Notwendigkeit, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen gegeben und der Spielraum, „so viel wie möglich von Deutschland für die Deutschen zu erhalten“, äußerst überschaubar.

Was Eppler jedoch wiederholt – und auch gegenüber polnischen Gesprächspartnern – anregte, war, im Gegenzug zu einer Grenzanerkennung eine Rückkehr ostdeutscher Vertriebener in ihre Heimatgebiete zu ermöglichen. Dass dies – in Form der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union – letztlich Realität wurde, mag für die Weitsichtigkeit sprechen, mit der Eppler den zweifellos bestehenden Spannungen und Interessenkonflikten der Ost- und Vertriebenenpolitik seiner Zeit stellte.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2019.

Die Reformation prägte das Militär

Seit Luther bestimmen Ambivalenzen die protestantische Haltung zu militärischer Gewalt

Tilman Asmus Fischer

Ob mit Blick auf die europäisch-russischen Beziehungen, Syrien oder die Zukunft der Nato: Gegenwärtig erleben wir eine neuerliche sicherheitspolitische Polarisierung. Es geht um Positionen zwischen Interessenpolitik und Fundamentalpazifismus sowie um Fragen von militärischen bis zivilen Fähigkeiten. Was vermag ein von Theologen und Historikern verfasster Sammelband unter dem Titel „Reformation und Militär“ zu einer solch aktuellen Debatte beizutragen?

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Erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 12. Dezember 2019.

„Wir sind nicht die Avantgarde“

Der Prager Erzbischof, Kardinal Dominik Duka, blickt auf die Ereignisse vor 30 Jahren zurück und zieht Bilanz über die Entwicklung sowie die gegenwärtige Lage seiner Kirche – nicht nur in Tschechien.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Kardinal, woran denken Sie zuerst, wenn Sie sich an das Jahr 1989 erinnern?

Das waren für mich und viele andere Menschen in der Tschechoslowakei die schönsten Tage im Leben. Der erste Schritt war die Flucht der DDR-Einwohner auf das Gelände der deutschen Botschaft in Prag und ihre Ausreise von Prag in die Bundesrepublik. Ich war in diesen Tagen als Arbeiter der Škoda-Fabrik in Pilsen und wir sahen im deutschen Fernsehen diese Nachrichten aus Prag: Minister Genscher war auf dem Balkon des Lobkowitz-Palais. Da war für uns ganz klar: Der Kommunismus ist kaputt. Dass es am Ende aber so schnell gehen würde, konnten wir uns nicht vorstellen. Bereits an Weihnachten habe ich nach 15 Jahren erstmals wieder öffentlich die Messe konzelebriert und gepredigt – in der Dominikanerkirche in Prag. Und in der ersten Reihe saß Präsident Havel mit seiner Familie.

Was bedeutete 1989 für die katholische Kirche?

Am 12. November 1989 wurde Agnes von Prag heiliggesprochen und nach 40 Jahren wurde das erste Mal eine Zeremonie aus dem Vatikan im tschechoslowakischen Fernsehen übertragen. Zudem wurden die Heiligsprechungsfeierlichkeiten in Rom zu einem Treffen Geistlicher aus der Tschechoslowakei mit Vertretern der Emigration. Fünf Tage später tagte in Prag die Superiorenkonferenz in der St.-Ursula-Kirche und draußen auf der Nationalgasse demonstrierten Zehntausende Studenten gegen die Regierung. Natürlich gingen die Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten vor. Da öffneten wir die Türen der Kirche, die zum Asylraum wurde: Wer es in die Kirche schaffte, war gerettet. Die Situation in diesen Tagen war gefährlich, da auch ein Eingreifen der sowjetischen Armee drohte. Aber Kardinal František Tomášek unterstrich am 26. November in seiner Predigt im Veitsdom: „In dieser wichtigen Stunde des Kampfes für Wahrheit und Gerechtigkeit in unserem Land stehen ich und die katholische Kirche auf der Seite des Volkes!“

Welche Unterstützung erfuhren Sie in den Jahren des Aufbruchs von Geschwistern aus dem Westen Europas?

Vor allem muss man an Kardinal Meisner erinnern. Was hat er nicht alles für uns getan – sowohl in seiner DDR-Zeit, aber auch in seiner Kölner Zeit? Nach der Wende war er Mitglied in den Gremien von Renovabis und hat sich für die Arbeit von Kirche in Not eingesetzt. Das ist ein historisches Verdienst! Nach der Wende wurde die Kirche nach dem deutschen Modell gestaltet. Das hatte freilich zwei Probleme: Wir sind nicht so akribische Bürokraten wie die Deutschen, sondern stehen eher unter dem Einfluss der slawischen Improvisation. Zudem sind wir nicht so eine große und mächtige Kirche wie in Deutschland und Österreich. Aber man muss sagen: 80 Prozent der finanziellen Hilfe, die wir damals erhalten haben, sind aus dem deutschsprachigen Raum gekommen: Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das hängt natürlich auch mit unserer gemeinsamen Geschichte zusammen.

Wie gestaltet sich heute der Kontakt zur katholischen Kirche in Deutschland?

Es gibt regelmäßig gemeinsame Sitzungen mit der Freisinger Bischofskonferenz. Jedoch spüre ich die Notwendigkeit, mehr Kontakte mit den ostdeutschen Bistümern zu pflegen. Leider haben wir die früher engen Beziehungen nach Ostdeutschland inzwischen verloren. Nach der Wende war die westliche Welt für uns interessanter als die früher sozialistischen Gebiete. Aber wir brauchen die Kontakte mit den ostdeutschen Bistümern, denn wir haben gemeinsame Erfahrungen aus der kommunistischen Zeit.

1989 ging es für die Kirchen um die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus. Wo sehen Sie heute die großen Herausforderungen für die Kirche in Tschechien?

Ich bin überzeugt: Das Problem ist – aus der Perspektive meiner Heimat – die Katechese, besonders der Kinder in den Vorschulen und Schulen. Aber auch in den Universitäten ist es wichtig, dass wissenschaftlicher gearbeitet wird. Wir sagen, wir leben in einer post-modernen, post-optimistischen Gesellschaft. Das Problem ist, dass das Niveau der Naturwissenschaften angestiegen ist, aber die humanistischen und philosophischen Fakultäten haben den wissenschaftlichen Weg verloren. Es geht nur noch um Erlebnis und Emotionen, aber so geht das nicht weiter. Und das ist auch eine Gefahr für die Theologie. Was wir brauchen, ist mehr wissenschaftliche Theologie – in Kontinuität zur Tradition, aber auch in lebendiger Auseinandersetzung mit den Problemen von heute. Dabei gilt es, die große Gefahr der Ideologisierung und des falschen Dogmatismus auszubremsen. Diese herrschen in allen Bereichen der Wissenschaft – nicht nur in der Theologie.

Welche Ideologien haben Sie hier besonders im Blick?

Das gilt vor allem für die Gender-Ideologie. Leider gibt es keinen Dialog. Es gibt nur einen Streit, in dem jeder seine Wahrheit hat und sagt: „Es gibt keine Wahrheit, aber meine Wahrheit gilt absolut.“ Auf der theologischen Ebene ist die Auseinandersetzung nicht einfach. Es gibt Kirchen, die treuer zur Bibel stehen, und solche, die weniger treu zur Bibel stehen. Heute gilt Tschechien als eines der säkularsten Länder in Europa.

Wie stellt sich dies für Sie aus der Innenperspektive dar?

Das 20. Jahrhundert war für die Kirche in meiner Heimat – metaphorisch gesagt – die Zeit der Genozide: Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte die Gründung der Tschechoslowakischen Kirche, der heutigen Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche, durch modernistische katholische Priester; ein Viertel der Tschechen trat dieser Kirche bei. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit den Sudetendeutschen ein Viertel der Katholiken weggeschickt. Das war für die Kirche ein großes Problem. Die Diözese Leitmeritz etwa verlor 70 Prozent ihrer Priester, Prag 40 Prozent. Das war eine Katastrophe. Und nach drei Jahren kam die kommunistische Diktatur mit der beabsichtigten Liquidation der Kirche.
So entstand eine starke säkulare Prägung. Tomáš Halík hat dahingehend Recht, dass der Glaube unseres Volkes ein „Etwassismus“ ist, der Glaube, dass etwas über uns existiert. Wenn wir in der klassischen Philosophie zuhause sind, wissen wir, dass dies die erste Erkenntnis der Existenz Gottes ist. Aber wer ist Gott? Das ist keine Projektion des Menschen, sondern etwas ganz anderes: die Transzendenz. Und in diesem Sinne ist das das Hauptfundament für die Neuevangelisation, die Reevangelisation – aber dafür brauchen wir auch die echte Philosophie.

Wie genau gestaltet sich die Neuevangelisation in Tschechien?

Aus Wien haben wir das Projekt einer „Nacht der Kirchen“ übernommen, es gibt auch die „Nacht des Nikodemus“. Zudem gibt es eine Glaubenswoche mit Neuevangelisation auf Straßen und Plätzen. Man muss sagen: Das ist ein Erfolg. Zudem ist in Tschechien ein Kooperationsmodell entstanden, das Militärkaplane, Kaplane in Gefängnissen, Krankenhäusern und bei der Polizei ermöglicht. Zudem gibt es Seelsorger an den Universitäten. Jede Hochschule hat eine eigene Kathedrale, die sich an ein Publikum aus Kultur und Wissenschaft richtet. Seit wir Universitätsseelsorge in den großen Städten haben, haben junge Familien zur Kirche gefunden und sind praktizierende Katholiken geblieben. Daher ist der Besuch der Sonntagsgottesdienste – auch über den Generationenwechsel hinweg – stabil. Was für uns auch wichtig ist, ist die Caritas. Diese erfuhr eine große Hilfe aus Deutschland, nicht nur finanziell, sondern auch mit Know-how. Entscheidend ist die Zusammenarbeit zwischen der Katholischen Hochschule Freiburg und der Theologischen Fakultät der Universität Olmütz. Inzwischen sind wir imstande, selbst zu helfen: in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Lassen Sie uns daher zum Schluss den Blick auf die Weltkirche hin weiten: Vor welchen Herausforderungen sehen Sie – aus ihrer mitteleuropäischen Perspektive – den Katholizismus in Europa und der Welt?

Das Hauptproblem der Kirche in Europa ist die Familie. In diesem Sinne müssen wir etwas machen, nicht nur kritisieren, sondern wirklich etwas tun für die Unterstützung der Familien, auch für die Erziehung der Kinder für das Leben in der Familie. Davon bin ich überzeugt. Auf der Ebene der Weltkirche müssen wir mit Demut sagen, dass wir europäischen Diözesen gegenwärtig nicht die Avantgarde sind. Aber wir sollten das nicht beweinen und darüber jammern, sondern müssen zeigen, dass die Kirche in Europa auch die europäische Kirche ist. Zwar kommt der lateinamerikanische Papst Franziskus aus Buenos Aires, einer Hauptstadt mit einer starken europäischen Kultur in Lateinamerika. Aber die Kirche muss auch in Europa wirklich die Kräfte und Inspirationen aus dem europäischen Erbe und der Geschichte schöpfen. Wenn wir die Geschichte der Kirche in Europa studieren, gewinnen wir viele, viele Erfahrungen, die auch eine Inspiration für die Situation von heute sind.

Erschienen am 7. November 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Evangelische Vielfalt

Ein aktueller kirchen- und architekturgeschichtlicher Führer erschließt das protestantische Erbe Polens – und damit auch Westpreußens

Zu einer Entdeckungsreise in das „neugläubige“ Polen lädt der Stadtarchitekt, Künstler und Verleger Marcin Żerański mit seinem Buch „Polen evangelisch“ ein. Der Führer zu Orten protestantischer Kirchengeschichte und Gegenwart war auf Polnisch bereits im Jahr des 500. Reformationsjubiläums 2017 unter Schirmherrschaft der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen erschienen. Nun liegt eine von Pfarrer Alexander Stokowski übersetzte Fassung vor, die auch deutschsprachige Leser anregen soll, den heutigen Protestantismus in Polen mit seiner polnisch-deutsch-österreichischen Geschichte (neben niederländischen und böhmischen Einflüssen) kennenzulernen.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Bereits in seiner Einführung unter dem programmatischen Titel „Evangelische Vielfalt“ wird deutlich, dass der Verfasser sich keinem nationalen Narrativ verpflichtet sieht, sondern vielmehr eine transnationale Perspektive wagt: „Die evangelischen Christen in Polen sind nicht nur Erben ihrer evangelischen Landsleute, sondern auch jener Protestanten, die aus ganz Europa und aus unterschiedlichen Gründen in das Land zwischen Ostsee, Karpaten und Sudeten einwanderten. Obwohl die evangelischen Gemeinden des Landes eigentlich aus derselben Quelle schöpfen, unterscheiden sie sich dennoch in den verschiedenen Regionen des Landes durch ihre Geschichte, ihre Tradition und auch durch ihre Kirchenbauten.“

Es entspricht der Profession des Autors – der hinsichtlich kirchengeschichtlicher Fragen von dem lutherischen Theologen Dr. habil. Jerzy Sojka beraten wurde –, dass sein Buch die Spurensuche nach protestantischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart mit einer besonderen Berücksichtigung der Architekturgeschichte verbindet. Zunächst gibt das Buch allerdings auch eine theologisch-kirchengeschichtliche Einführung, die einen Überblick über die „Regionen des heutigen Polen im Jahre 1517“ bietet und dann in Form einer Zeittafel die Geschichte des „Protestantismus auf dem Gebiet des heutigen Polen“ seit der Ansiedlung deutschsprachiger Waldenser in Schweidnitz 1315 skizziert. Beschlossen wird die Einleitung von einer Darstellung der gegenwärtigen evangelischen Kirchen in Polen.

Der Hauptteil des Buchs behandelt in einzelnen Kapiteln Orte mit protestantischer Geschichte und gegenwärtigen evangelischen Gemeinden. Diese werden in sachkundigen Texten dargestellt, die mit – vom Verfasser eigens gestalteten – Darstellungen einzelner Kirchen und Stadtplänen illustriert sind: Das Buch taugt somit als hilfreicher Begleiter bei Stadtspaziergängen. Gegliedert sind die Kapitel in vier Sektionen zum Nordwesten, Nordosten, Südosten und Südwesten Polens. Diese Disposition bestätigt für das untere Weichselland die oftmals angestellte Beobachtung, dass die historische Provinz Westpreußen heute – auf mehrere Woiwodschaften aufgeteilt – kaum noch eine selbstverständliche geschlossene Erinnerungslandschaft im Bewusstsein der Öffentlichkeit darzustellen vermag. Vielmehr finden sich Danzig, Gdingen, Schlochau, Schöneck (in Westpreußen) sowie Tiegenhof (und das Weichseldelta) unter „Nordwesten“; Bromberg, Groß Nessau (Kreis Thorn), Marienwerder und Thorn hinwiederum unter „Nordosten“.

Ebenso vielfältig wie die dargestellten Orte sind die Zugänge zu thematischen und epochenspezifischen Schwerpunkten, die sich mit ihnen verbinden. Steht das Kapitel zu Danzig ganz im Zeichen der mittelalterlichen Reformationsgeschichte, beleuchtet das Kapitel über Gdingen ein weniger bekanntes Kapitel der kirchlichen Zeitgeschichte: die 1930 bis 2006 bestehende Schwedische Seemannsmission und ihre 1936 errichtete Schwedische Seemannskirche. Mit Blick auf das täuferische Erbe in Westpreußen begnügt sich der Führer nicht mit einem Hinweis auf den „Historischen Park des Weichseldeltas“ in Tiegenhof, sondern erschließt mannigfache Spuren der Mennoniten entlang eines Radwegs, der durch das Danziger, Marienburger und Elbinger Werder von Danzig nach Elbing führt.

Gefördert wurde die Veröffentlichung des Buchs von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und dem Gustav-Adolf-Werk, dem Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland. Damit ist das Buch zugleich ein Beispiel für die gedeihliche grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen den evangelischen Kirchen in Deutschland und Polen, deren besondere Bedeutung von hochrangigen Vertretern beider Kirchen anlässlich des diesjährigen Weltkriegsgedenkens neuerlich betont wurde.

Tilman Asmus Fischer

Marcin Żerański, Polen evangelisch. Eine Entdeckungsreise, Teschen 2019
288 Seiten, € 20,–, ISBN: 978-3-87593-133-4
Das Buch kann in Deutschland über das Gustav-Adolf-Werk e. V. bezogen werden: http://www.gustav-adolf-werk.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2019.

Luthers Erben im Osten Europas

Sammelband zur Reformationsgeschichte in Ostmittel- und Südosteuropa

Das Gedenkjahr 2019 ist bestimmt durch die Erinnerung an die Implosion der kommunistischen Gewaltherrschaft im Osten Europas – und an den vorausgegangenen gewaltlosen Kampf der Bürgerrechtler in den Warschauer-Pakt-Staaten. Eine andere, gut 500 Jahre vorausliegende Freiheitsbewegung in Ostmittel- und Südosteuropa würdigt eine aktuelle Veröffentlichung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: „Der Durchbruch kam im Osten.“

Mitherausgeber ist Ulrich Hutter-Wolandt, Pfarrer im Berliner Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf. Mit seinen beiden eigenen Beiträgen wendet er sich der schlesischen und pommerschen Reformationsgeschichte zu. Während er die Reformation in Schlesien bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555 im Überblick darstellt, wählt er für Pommern einen personalen Zugriff und nähert sich Leben und Theologie Johannes Bugenhagens als Historiker, Reformator, Organisator und Seelsorger an.

Mit Blick auf die seit dem Reformationsjubiläum 2017 bestehende Partnerschaft zwischen der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz dürfte auch der Beitrag von Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa, über die Reformation in Siebenbürgen von besonderem Interesse sein.

Die Perspektive, die die Aufsätze eröffnen, ist eine europäische, jedoch ebenso eine ökumenische, nicht zuletzt durch die Beteiligung zweier im Umfeld der katholischen Kirchengeschichte beheimateter Historiker. Zum einen befasst sich Udo Arnold, Präsident der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens, ausgehend von der Säkularisierung des früheren Ordensstaates mit dem Herzogtum Preußen als erstem protestantischen Fürstentum. Zum anderen beschreibt Rudolf Grulich, Wissenschaftlicher Direktor des katholischen Instituts für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien die Reformation in den böhmischen Ländern und in Oberungarn, entlang der Confessio Augustana, der Confessio Montana und der Confessio Bohemica.

Zuletzt bietet das Buch jedoch nicht nur Beiträge zur Reformationsgeschichte, sondern versteht sich zudem als wissenschaftliches Statement zur Debatte um das zurückliegende Reformationsjubiläum. So sind den landeskundlichen Abhandlungen Gedanken zum Reformationsjubiläum vorangestellt, die Klaus Weigelt, Präsident der Stiftung deutsche Kultur im östlichen Europa, im Vorfeld der Feierlichkeiten von 2017 veröffentlicht hatte. Beschlossen wird der Band durch eine „Bilanz des Reformationsgedenkens 2017“ von Ulrich Hutter-Wolandt.

Der Durchbruch kam im Osten. Die Reformation in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, den böhmischen Ländern und in Siebenbürgen, herausgegeben von Hans-Günther Parplies und Ulrich Hutter-Wolandt, Verlag der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn 2018, 160 Seiten, 11,90 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 39/2019.

Von der Borsigstraße nach Schwante

Das Berliner Sprachenkonvikt ebnete der SDP-Gründung in Schwante den Weg

Von Tilman Asmus Fischer

Das Pfarrhaus von Schwante ist mit gutem Recht als Gründungsort der „Sozialdemokratischen Partei“ (SDP) in der DDR in die Geschichte eingegangen. Mit dieser Gründung befreite sich die Sozialdemokratie im östlichen deutschen Staat aus dem Würgegriff der SED-Zwangsvereinigung. Ebenso mit gutem Recht wurde jedoch am 8. September auch an einem weiteren Erinnerungsort, der mit den seinerzeitigen Entwicklungen aufs Engste verbunden ist, der SDP-Gründung gedacht: dem früheren Sprachenkonvikt in der Borsigstraße, Berlin-Mitte.

Das Sprachenkonvikt, ehemals die theologische Ausbildungsstätte in Ost-Berlin (1950–1990/91), heute als Theologisches Konvikt Berlin ein Studierendenwohnheim, war vor und nach Schwante für die Entstehung und Konsolidierung der neuen Partei von größter Bedeutung. Nicht nur, dass es als einer der wenigen Orte offenen und kritischen Denkens in der DDR den geistigen Nährboden für die SDP-Gründung bereitet hatte. Bereits am 26. August 1989 hatte Markus Meckel im Rahmen einer Tagung des „Arbeitskreises Theologie und Philosophie“ im zum Konvikt gehörenden Saal der Golgatha-Gemeinde den Aufruf zur Gründung der SDP öffentlich gemacht. Am 3. Dezember verabschiedeten die Sozialdemokraten im Konvikt ihre erste Erklärung zur Deutschen Einheit.

An diesen Ort hatte am vergangenen Sonntag das heutige Theologische Konvikt Berlin gemeinsam mit SPD und EKBO zu einer feierlichen Abendveranstaltung unter dem Titel „Der Geist von Schwante und das Sprachenkonvikt“ eingeladen. Nach einem Grußwort von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein sprach Richard Schröder, 1977 bis 1991 Philosophiedozent am Sprachenkonvikt und 1990 SDP-Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer, über den „Beitrag der Evangelischen Kirche im Prozess der Demokratisierung“. Anschließend erinnerten sich die beiden SDP-Gründer Martin Gutzeit und Markus Meckel, moderiert von der Journalistin und ehemaligen Konviktualin Jana Münkel, an die wechselvollen Monate der Wendezeit.

Immer wieder wurde in den unterschiedlichen Wortbeiträgen das Ineinander des kirchlichen und politischen Erbes der Jahre 1989/90 deutlich. Trautwein würdigte in ihrem Grußwort die spezifische theologische Tradition, die sich aus der damaligen Freiheitsbewegung herausgebildet habe und die EKBO bis heute präge. Schröder hob in seinem Vortrag besonders den Beitrag der Kirchen in der DDR zum gewaltfreien Widerstand hervor. Dieser führte letztlich zum Erfolg, da die Machthaber – im eigenen Denken gewaltsamer Revolutionen gefangen – hierauf nicht vorbereitet waren: „Eine Revolte hätte die SED sofort niedergeschlagen, denn darauf war sie trainiert.“

Ebenso wie Schröder erinnerte Gutzeit daran, dass sich die Oppositionsbewegung der DDR freilich nicht nur den Kirchen, sondern auch anderen Faktoren zu verdanken hatte – etwa den globalen politischen Entwicklungen, die sich vor allem mit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), blockübergreifende Konferenzen der europäischen Staaten zur Zeit des Ost-West-Konfliktes, verbanden. Was den Kreis um die SDP-Gründer von anderen Teilen der Oppositionsgruppen in der DDR unterschied, war, so Meckel, dass es ihnen nicht nur um eine offene Debatte über die gesellschaftlichen und politischen Missstände ging, sondern darum, selbst konkrete politische Verantwortung zu übernehmen: „Wir sagten: ‚Wir warten nicht, sondern es gilt, die Dinge selber in die Hand zu nehmen.‘“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 37/2019.

Gefordert ist der „ganze Kerl“

Seit 150 Jahren wirken die Dominikaner in Berlin-Moabit. Inmitten einer Großpfarrei mit Zehntausenden Katholiken evangelisieren sie mit weltkirchlichem Ideenreichtum

Von Tilman Asmus Fischer

„Und da war es, als ob alles ruhig und klar würde, und ich ging mit einem Glücksgefühl nach Hause…“ So erinnert sich Romano Guardini, im Wintersemester 1905/1906 Student der Nationalökonomie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, an sein Berufungserlebnis, das ihm während eines Hochamts in der Kirche des Dominikanerklosters St. Paulus in Berlin-Moabit widerfuhr. Hier in der Oldenburger Straße wirkt der Orden der Prediger heuer seit nunmehr 150 Jahren. So, wie dieser Ort vor mehr als 100 Jahren für Romano Guardini – der anschließend Priester und einer der bedeutendsten Religionsphilosophen seines Jahrhunderts wurde – wirksam geworden ist, wollen die Dominikaner auch heute aus dem und für den Glauben wirken.

Und so verstehen sie sich – ganz im Sinne der Neuevangelisation – als aktive Zelle in der Bundeshauptstadt, die mit ihren Angeboten auch über ihren unmittelbaren Stadtteil hinaus ausstrahlt. In einem weitgehend säkularen Lebensraum wie Berlin bedeutet dies, immer wieder neue Wege zu gehen und hergebrachte Strukturen zu überdenken. Leitend ist hierbei für Pater Michael Dillmann, den Prior des Klosters, die immer neue Frage: „Wo kann sich der Orden profilieren? Was kann man aus einem solchen Kloster ,machen‘?“

Seit Anfang des Jahres bildet St. Paulus das Zentrum der neuen Großpfarrei St. Elisabeth, die von Pater Michael geleitet wird. Damit sind die Brüder für die gesamte Pfarrpastoral in sechs Kirchen und für 26.000 Katholiken in Tiergarten und Wedding verantwortlich. Hinzu kommen die Betreuung weiterer Kapellen sowie die Krankenhausseelsorge an der Charité. Bestritten werden diese Aufgaben – neben Haupt- und Ehrenamtlichen in den einzelnen Gemeinden – vom Konvent in St. Paulus, einer internationalen und verhältnismäßig jungen Gruppe von acht Patres: sechs der Ordensmitglieder – von denen der jüngste 37 und der älteste 92 Jahre alt ist – haben das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht; und neben fünf deutschen Brüdern stammen drei aus Polen, Belarus und der englischen Provinz des Ordens.

Allein in der Pfarrkirche St. Paulus besuchen jeden Sonntag in vier Messen mehr als 500 Menschen den Gottesdienst. „Wir legen“, so Pater Michael, „großen Wert auf Predigt und Liturgie, die wir mit besonderer Feierlichkeit begehen.“ Dies gilt gerade auch für die Sonntagabendmesse, die von den jungen Sängerinnen und Sängern der Vokalschola „Ave Florum Flos“ mit vierstimmigen Gesängen in Tradition des Liturgischen Instituts der Dominikaner in Krakau begleitet wird. Einer weiteren Krakauer Inspiration – der dortigen Gruppe „Christus in der Altstadt“ – verdankt sich die Initiative junger Katholiken „Christus in Moabit“, die sich einmal im Monat zur Messe und Anbetung trifft und auf der Straße offen Menschen einlädt, daran teilzunehmen.

Junge Erwachsene anzusprechen, ist auch das Ziel weiterer Angebote, mit denen sich die Brüder zudem an Interessierte über die eigene Pfarrgemeinde hinaus wenden. „Mit unserer ,Dominikanischen Glaubensschule‘ richten wir uns an erwachsene Taufbewerber und Menschen, die sich auf ihre Firmung vorbereiten wollen“, berichtet Pater Michael – doch sei auch willkommen, wer seinen Glauben unabhängig von einem solchen Anlass vertiefen wolle; darunter immer wieder auch Menschen, die beabsichtigten, zur katholischen Kirche zu konvertieren. In dreizehn Sitzungen werden jährlich mit circa 25 Teilnehmern Fragen der Kirchengeschichte, Liturgie, Dogmatik und Ethik sowie der persönlichen Frömmigkeit erörtert. „Am Ende des letzten Jahrgangs standen sechs Taufen in der Osternacht“, so Pater Michael: „Es waren aber auch schon mal mehr.“

Schon jetzt wirken zudem einzelne der Konventsmitglieder außerhalb von Berlin im Namen ihres Ordens: So ist Pater Rodrigo Kahl als Liturgiedozent am Priesterseminar der Petrusbruderschaft in Wigratzbad tätig. Und Pater Thomas Grießbach lehrt als Professor der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart sowie an weiteren deutschen Universitäten Rhetorische Kommunikation beziehungsweise berät Unternehmen wie Bistümer in Fragen der Personal- und Organisationsentwicklung.

Über die Jahrzehnte hinweg haben sich um das Kloster herum weitere Orte kirchlichen Lebens angesiedelt. Dabei ist zunächst an die beiden muttersprachlichen Gemeinden zu denken, die hier Gottesdienste in ungarischer Sprache und nach maronitischem Ritus feiern; hinzu kommen ferner polnische Gottesdienste. In einzelnen Räumlichkeiten des Klosters sind Einrichtungen der Caritas beheimatet, und in der unmittelbaren Nachbarschaft entstanden ein katholischer Hort mit 250 Kindern und eine katholische Grundschule mit circa 400 Schülern. Zudem existieren Dominikanische Laiengemeinschaften, die am geistlichen Leben in St. Paulus teilnehmen.

In den kommenden Jahren soll das Seminarangebot der Dominikaner systematisch ausgebaut werden: Geplant ist die Einrichtung eines „Dominikanischen Zentrums für Katechese und Spiritualität“, das für ganz Berlin neben Vorträgen und Exerzitien auch Ehe- und Taufvorbereitungskurse sowie Trauerbegleitung und Einführungen in die dominikanische Spiritualität und Mystik anbietet. Der Prior weiß, dass diese Vorhaben von den Brüdern viel verlangen – aber so sei das nun einmal: „Evangelisierung fordert den ,ganzen Kerl‘.“

Erschienen am 22. August 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).