Das Querfurter Papier: Im Visier der Stasi

Am 29. April 1977 unterzeichneten systemkritische Theologen der evangelischen und katholischen Kirche in Querfurt/Sachsen-Anhalt ein Memorandum über „Frieden und Gerechtigkeit“. Der Theologe Lothar Tautz, damals als Theologiestudent Mitverfasser des Dokuments, sprach mit Tilman A. Fischer über die Entstehung und die Bedeutung des Querfurter Papiers.

Herr Tautz, wie kam es zu Ihrer Beteiligung an dem von der Stasi als „Querfurter Papier“ bezeichneten Memorandum „Frieden und Gerechtigkeit heute“?

Ich studierte Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Naumburg. Die Themen Frieden und Menschenrechte waren für mich und eine ganze Menge anderer, vor allem Theologiestudenten, besonders wichtig – für uns persönlich ganz existenziell, aber auch mit Blick auf die politische Situation in Europa. 1975 hatte die DDR die KSZE-Schlussakte von Helsinki unterzeichnet. Ihr „Korb 3“ beinhaltete wesentliche menschen- und bürgerrechtliche Zusicherungen. Daraus folgerten wir: Dann muss das für uns auch irgendwie gelten!

Was folgte für Sie und Ihre Gleichgesinnten hieraus?

In Naumburg trafen wir uns in der Studentengemeinde, lasen die UN-Charta der Menschenrechte und arbeiteten heraus, dass viele von diesen Rechten bei uns nicht einmal ansatzweise verwirklicht waren. In diese Zeit fallen zwei Ereignisse, die uns alle schockierten: die Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz, den wir in Naumburg persönlich kannten, sowie die Ausweisung von Wolf Biermann und Teilen seines Freundeskreises. In dieser Situation haben wir uns gesagt: Jetzt versuchen wir erstmal, in Naumburg eine Gruppe zu etablieren, die sich intensiv mit den Menschenrechten befasst und das Ziel hat, dazu etwas zu formulieren. Die Charta 77 war dafür unser Vorbild.

Wie fand diese Initiative Anschluss an weitere kirchliche Kräfte, mit denen sie dem Papier seine letztliche Gestalt gaben?

Es war naheliegend, zu fragen, wer in der Kirche – gerade bei denjenigen, die bereits im Pfarramt waren – „auf unserer Seite“ ist. Denn wir wussten, dass die oberen Kirchenfunktionäre eher zurückhaltend waren, was oppositionelle Bestrebungen anbetraf. Da lernte ich Pfarrer Wolfram Nierth kennen, der damals Pfarrer in Schraplau war und mir davon berichtete, dass es in Querfurt einen ökumenischen Arbeitskreis von Pfarrerinnen und Pfarrern gebe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ein Papier zu Menschenrechtsfragen zusammenzustellen.

Ich staunte, welche Themen dort verhandelt wurden – im positiven Sinne alltagslastig aus der Situation der Gemeinden heraus: Ausschluss von Jugendlichen, die sich nicht an der Jugendweihe beteiligten, vom Studium; Ausschluss von beruflicher Karriere für Menschen ohne Mitgliedschaft in einer der Blockparteien; Beschwernisse der Reisefreiheit. Letztes Stichwort kommt dann auch im Querfurter Papier vor.

Dies klingt auf den ersten Blick aber nicht unbedingt nach den ‚großen‘ Themen, die Sie in Naumburg umtrieben.

Ich schlug dem Querfurter Kreis vor, dass wir seitens der Naumburger Gruppe Inhalte aus der Friedensthematik einbringen könnten. Wir haben dann selbst Thesen aufgestellt, die ins Querfurter Papier Eingang gefunden haben. Dabei haben wir das Thema Frieden unter das Stichwort der Versöhnung gestellt und von der individuellen über die gesellschaftliche bis hin zur internationalen Ebene durchdekliniert. Das gipfelt in der Fundamentalkritik: „Friede ohne Versöhnung ist kein echter und bleibender Friede. Er stellt nur die Fortsetzung des Kampfes mit anderen Mitteln dar. Wir können dem Prinzip des Klassenkampfes nicht zustimmen, weil es die Versöhnung mit dem Gegner von vornherein ausschließt.“

Welchen Einfluss konnten Ihre Ideen in der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit erreichen?

Das Papier war von Beginn an mit einer Unterschriftensammlung unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kirchen verbunden, die sich mit seinem Inhalt solidarisierten. Wir hatten gehofft, dass die beiden leitenden Geistlichen – der katholische Bischof Braun und der evangelische Bischof Krusche – sich das Papier zu eigen machen und es über die offiziellen kirchlichen Kanäle, etwa auf Synoden, verbreiten würden. Das alles gelang nicht, vor lauter Angst – wie Krusche selbst eingestand –, Einschränkungen des kirchlichen Gemeindelebens zu riskieren. Hinzu kam, aufgrund der Beteiligung von uns Naumburger Studenten, die Sorge um die Existenz der Kirchlichen Hochschule.

War damit das Querfurter Papier gänzlich wirkungslos?

Nein. Unsere Botschaft gelangte in viele Kirchengemeinden und vor allem Initiativgruppen wie dem Aktionskreis Halle mit Joachim Garstecki. Wichtig war z. B. auch, dass Wolfgang Ullmann, damals Rektor unserer Hochschule, das Papier in die Hand bekommen hatte. Denn gut zehn Jahre später war er an der Ausformulierung derjenigen Programmschrift beteiligt, in der die Initiative „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ von der SED Dialog und Reformen forderte. Damit wurde aufgegriffen, was wir bereits in Querfurt formuliert hatten: „Statt Einübung in den Hass brauchen wir Tränen in Toleranz, statt Abgrenzung Brücken der Verständigung, statt geistiger und materieller Aufrüstung Bereitschaft, füreinander Opfer zu bringen.“

Auch in weiteren programmatischen Papieren vom Ende der 1980er Jahre finden sich Gedanken und Formulierungen, die auf Querfurt zurückgehen. Das zeigt, dass unser Papier zwar keine Massenwirksamkeit entfalten konnte, aber an die richtigen Menschen gelangte, die die Gedanken weiterentwickelten.

Wenn wir heute, weitere 35 Jahre später auf das Querfurter Papier blicken – was sagt es uns im „Heute“ des Jahres 2022?

Versöhnung muss die Grundlage jeglichen menschlichen Zusammenlebens sein. Wenn sie dies nicht ist, kommt es zu Tot und Zerstörung. Wir haben es nach 1990 versäumt, dem Wort der Versöhnung den nötigen Raum zu geben. Menschlich wie politisch hätten wir mit Blick auf den früheren Ostblock viel mehr Kontakte aufbauen und Netzwerke knüpfen müssen. Wir haben ein Versöhnungshandeln versäumt, das vielleicht Kriege hätte verhindern können.

Heute wiederum müssten wir symbolisch eine Pflugschar zu einem Schwert umschmieden; und zwar auch als Friedenshandeln, da es jetzt mit Bonhoeffer gilt, nicht nur die Verletzten unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad in die Speichen zu greifen.

Erschienen in: Glaube + Heimat. Mitteldeutsche Kirchenzeitung 25/2022 und Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 26/2022.

Ein protestantischer Erinnerungsort

Das Theologische Konvikt plant eine Ausstellung zur Geschichte des eigenen Hauses

Von Tilman Asmus Fischer

Als sich der Förderverein „Konvikt Borsigstraße 5“ im Jahre 2018 auflöste, weil sein Vereinszweck – der Erhalt des früheren Sprachenkonvikts und heutigen Theologischen Konvikts – mit der Übernahme der Nutzung durch die Hilfswerksiedlung erfüllt war, übertrug er sein Vermögen auf die neugegründete „Gemeinschaft des Theologischen Konvikt Berlin e.V.“. Dies war mit dem Auftrag der Einrichtung einer öffentlich zugänglichen Ausstellung zur Geschichte des historischen Gebäudekomplexes verbunden. Dieses Vorhaben steht nun bald vor der Vollendung. Ab 2023 soll eine 13teilige Schautafelausstellung im Hof des Konvikts die Geschichte dieses protestantischen Erinnerungsorts dokumentieren.

Die Bedeutung wie die Bedeutungsvielfalt dieses Ortes treten bereits aus der Konzeption hervor: So liegt der Schwerpunkt, dem der zweite Teil der Ausstellung gewidmet ist, auf der kirchen- und zeitgeschichtlich gewichtigsten Epoche – derjenigen des Sprachenkovikts, der staatsunabhängigen kirchlichen Hochschule in den Jahren der SED-Herrschaft. Hier geht es nicht nur um die Aufrechterhaltung eines Raumes freien theologischen Denkens, sondern zugleich um dessen Bedeutung für politisches Engagement aus christlicher Verantwortung. Dies gilt insbesondere für die im Konvikt – unter Beteiligung evangelischer Theologen wie Markus Meckel – vorbereitete Gründung der Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) im Oktober 1989 und das Bündnis „Demokratie Jetzt“, zu dessen Gründern der am Konvikt tätige Kirchenhistoriker Wolfgang Ullmann zählte.

Jedoch geht die Geschichte des Theologischen Konvikts nicht in derjenigen der Opposition gegen die kommunistische Gewaltherrschaft auf. Vielmehr reicht sie zurück in das diakonische Wirken im Berlin der Kaiserzeit. Sie beginnt 1878 mit der Gründung des Waisenhauses „Zoar“, an das sich bald ein Heim für junge alleinstehende Frauen anschloss, die in die Hauptstadt zogen. Dieses Werk war eine der Institutionen, aus denen die Bahnhofsmission in Deutschland hervorging. Zwischen den 1920er und 1950er Jahren waren zwischen der Borsig- und Tieckstraße verschiedene evangelische Institutionen angesiedelt, darunter bereits ein Studentenwohnheim. Studentisches Leben prägt seitdem die gesamte Anlage um die 1898 bis 1900 errichtete Golgathakirche.

Als Kuratorin konnte die Gemeinschaft des Theologischen Konvikt mit der freischaffenden Historikerin Martina Voigt, eine Spezialistin für die Geschichte des Nationalsozialismus mit einem Schwerpunkt auf der Kirche im Dritten Reich, gewinnen. Diese hatte zuletzt im Auftrag der der Landeskirche und der Kirchengemeinde in Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand den 2020 eröffneten Erinnerungsort für Heinrich Vogel im Pfarrhaus von Dobbrikow gestaltet. Der prominente Vertreter der Bekennenden Kirche war nach Ende des Zweiten Weltkriegs Professor an der Kirchlichen Hochschule Berlin, die ihren Sitz in West-Berlin hatte und als deren Ost-Berliner Außenstelle das Sprachenkonvikt firmierte.

Woran es den Initiatoren gegenwärtig noch mangelt, sind historische Aufnahmen der Innenräume bzw. des Studentenalltags früherer Generationen. „Es wäre schon schön, wenn wir zum Beispiel zeigen könnten, wie ein Studentenzimmer in den 1930er oder 1970er Jahren ausgesehen hat“, so Voigt. Frühere Konviktsbewohner und -bewohnerinnen – oder ihre Nachfahren –, die über Fotografien, Zeichnungen oder andere spannende Dokumente der Hausgeschichte verfügen, sind gebeten, diese dem Konvikt zur Digitalisierung und möglichen Verwendung in der Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Weitere Informationen und Kontakt zum Konvikt: www.theologischeskonvikt.de; Ephorus Pfarrer Dr. Volker Jastrzembski: 030 / 53 64 96 81Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 23/2022.

Gotteshaus als Ort der Lokalgeschichte

In der früheren Kleinmachnower Auferstehungskirche entsteht ein Lokalmuseum. Ein Wochenende mit Interviewfilmen eröffnet zeitgeschichtliche Einblicke

Von Tilman Asmus Fischer

Am Karfreitag des Jahres 2018 war die Kleinmachnower Auferstehungskirche entwidmet worden, nachdem durch zuzugsbedingtes Gemeindewachstum der Umzug in ein neugebautes Gemeindezentrum mit Kirchsaal notwendig geworden war. Fast ein halbes Jahrzehnt später kehrt nun wieder Leben in das zwischenzeitlich durch die Kommune erworbene Baudenkmal ein: Auf einen letztjährigen Beschluss der Gemeindevertretung hin entsteht ein Kleinmachnow-Museum. Hiermit entspricht die Politik einem jahrzehntelangen Wunsch aus der Zivilgesellschaft, den bereits seit den 1990er Jahren der Heimat- und Kulturverein Kleinmachnow artikuliert hatte und dessen sich in den vergangenen Jahren zudem die Museumsinitiative Kleinmachnow angenommen hatte. Dritte im Boot ist die Aktionsgruppe Stolpersteine Kleinmachnow. Alle drei Vereine haben ihren Sitz im früheren Gotteshaus im Jägerstieg, wo sie zudem die fortgesetzte Beteiligung der Zivilgesellschaft an dem von der Gemeinde getragenen Museum sicherstellen sollen. Gegenwärtig richten sich die Planungen auf den anstehenden denkmalschutzgerechten Umbau – künftig sollen festangestellte Mitarbeiter den Archiv- und Ausstellungsbetrieb sicherstellen. Hans Schimkönig, zweiter Vorsitzender der Museumsinitiative freut sich, dass damit in absehbarer Zeit ein Museum für diesen „spannenden Ort am Rande Berlins“ entsteht: „Kleinmachnow war nicht nur ein bekannter Wohnort der DDR-Elite, sondern auch zahlreicher Intellektueller und Künstler, wie Schriftstellerin Christa Wolff. Die Ereignisse der Zeitgeschichte hatten immer auch Einfluss auf die Gemeinde – nicht zuletzt nach der Wende, als es viele Konflikte zwischen Hausbewohnern und Alteigentümern gab.“

Noch vor dem Umbau können sich Interessierte einen Eindruck von den bisherigen Sammlungsaktivitäten der Initiatoren (und vom historischen Gebäude) machen: So präsentiert vom 11. bis 26. Juni die Ausstellung „Kleinmachnower Orte im Wandel der Zeit“ die ersten Ergebnisse eines Foto-Sammlungsaufrufs. Einen eigenen Beitrag zur Dokumentation der Lokalgeschichte seit den Jahren des Nationalsozialismus leistet Schimkönig selbst durch den Aufbau eines Zeitzeugenfilmarchivs. Der studierte Regisseur und Drehbuchautor hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Kameramann Marco Casiglieri 24 Interviewfilme von 50 bis 120 Minuten Länge gedreht, in denen je eine Bürgerin bzw. ein Bürger Kleinmachnows zu Wort kommt. „Ziel ist es“, so Schimkönig, „die Menschen ihre Erlebnisse und Perspektiven berichten zu lassen.“ Diese können durchaus in Spannung zueinander stehen, wie sich an den Jahren der DDR zeigt: „Einige haben gelitten, andere haben das System mitgetragen. Alle haben jedoch Ende der 1980er Jahre gemerkt, dass es knirscht – auch die SED-Leute.“ Zur Premiere acht neuer Interviewfilme ist die Öffentlichkeit vom 17. bis 19. Juni im Rahmen eines langen Filmwochenendes in den Jägerstieg eingeladen. Die älteren Filme stehen im Foyer des künftigen Museums auf Tablets zur Verfügung. Es ist dies bereits die zweite Veranstaltung dieses Formats – neben Präsentationen in den Kleinmachnower Kammerspielen.

Einer der Zeitzeugen, die bereits bei einer der früheren Uraufführungen präsentiert worden waren, ist der Naturwissenschaftler Gerhard Casperson, der sich zur Wendezeit in der Bürgerrechtsbewegung und bereits zuvor in der evangelischen Kirchengemeinde engagierte. Mit ihm kommt auch die Kirche als zivilgesellschaftliche Kraft in den Blick – und somit die Heimstatt des künftigen Museums selbst als lokalgeschichtliches Denkmal. Dies nicht nur als Ort der Erinnerung an Treffen der Umweltbewegung, Gemeindeveranstaltungen mit Systemkritikern wie Stefan Heym oder Bürgerversammlungen des Jahres 1989, von denen Casperson zu berichten weiß. Noch heute zeugt in dem Gebäude ein Kunstwerk von der jüngeren Kirchengeschichte: Es handelt sich um ein Kirchenfenster aus Kunstglas. Geschaffen wurde es in den 1980er Jahren von niemand anderem als dem Grafiker Herbert Sander, dem Schöpfer des bekannten Emblems der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“. Dass im Museum Kleinmachnow das Kunstwerk zu sehen sein und über den Künstler informiert werden wird, versteht sich für die Initiatoren von selbst.

2. Langes Filmwochenende im zukünftigen Museum Kleinmachnow: 17. Juni, 17-22 Uhr u. 18./19. Juni, 11-22 Uhr; Jägerstieg 2, Kleinmachnow; Eintritt frei. Weitere Informationen: https://museumsinitiative-kleinmachnow.de/

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 22/2022.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Das Berliner Hugenotten-Museum wartet mit überarbeiteter Dauerausstellung und neuen inhaltlichen Akzenten auf

Über viele Jahre führte das Hugenottenmuseum trotz seiner prominenten Lage im Französischen Dom am Gendarmenmarkt ein Schattendasein innerhalb der Berliner Museumslandschaft; eine Tatsache, deren Gründe einem mit Fragen von Museumskonzeptionen und -gestaltungen vertrauten Besucher rasch offensichtlich wurden. Umso mehr kann man sich mit den Trägern dieser aus zivilgesellschaftlichem Engagement heraus entstandenen Erinnerungs- und Informationsstätte nun freuen, dass nach einer Gebäudesanierung sowie einer – durch die französisch-reformierte Gemeinde, private Spender und vor allem die Lottostiftung ermöglichten – Neugestaltung der Dauerausstellung das Museum merklich aus seinem bisherigen Dornröschenschlaf erwacht ist.

Die neue Dauerausstellung eröffnet umfassend Einblick in die Geschichte der Hugenotten von ihrem Eintreffen als Glaubensflüchtlinge im Hohenzollernstaat bis zur Gegenwart der französisch-reformierten Christen in Deutschland – neues Gewicht legt das Museum aber auch auf die Darstellung der Entstehung und des Erbes der Hugenotten in ihrem französischen Heimatland. Im Fokus der Ausstellung stehen spürbar die Kerngebiete der hugenottischen Ansiedlung in Brandenburg; gleichwohl finden auch die Ansiedlungen in den historischen preußischen West- und Ostgebieten Erwähnung. Zudem hat das Museumsteam bereits mit seiner letzten Sonderausstellung deutlich gemacht, dass es ihm auch um die Hugenotten aus dem weiteren Ostseeraum getan ist: gewidmet war die unter dem Titel „Der große Künstler des kleinen Formats“ stehende Schau im Obergeschoss des Museums dem 1726 in Danzig geborenen Grafiker Daniel Chodowiecki.

Interessenten, die womöglich ob der pandemischen Lage gegenwärtig noch vor einer Reise in die Bundeshauptstadt absehen, sei die attraktive Website, die einen virtuellen Rundgang anbietet, ebenso ans Herz gelegt wie das zur Neueröffnung erschienene und gleichfalls ansprechend gestaltete Buch „Refuge Berlin Brandenburg. Migration und Leben der Hugenotten 1672 bis heute“. Dessen inhaltliche Ausrichtung entspricht den programmatischen Orientierungen, die auch die neue Dauerausstellung prägen; daher erscheint es sachgemäß, an dieser Stelle Buch und Ausstellung gemeinsam zu betrachten. Einem Katalog-Teil vorgeschaltet findet sich eine Aufsatzsammlung, die einen Überblick gibt über „Verfolgung und Flucht der Hugenotten und ihre Aufnahme in Brandenburg-Preußen“ (Susanne Lachenicht) und das Edikt von Potsdam (Matthias Asche) sowie die Geschichte der Französischen Friedrichstadtkirche (Klaus Merten) beleuchtet.

Sodann wird der Band eröffnet von einem Beitrag des Historikers Etienne François, der dazu gewonnen werden konnte, die „Hugenottengeschichte als deutsch-französische und europäische Geschichte“ zu interpretieren. Dies entspricht dem Paradigmenwechsel von einer nationalen zu einer europäischen Geschichtsdeutung, der sich in den zurückliegenden Jahren auch in der Kulturarbeit nach § 96 BVFG durchgesetzt und in der Arbeit der ostdeutschen Landesmuseen bewährt hat. Dem mit der Migration der Hugenotten einhergehenden Kulturtransfer wie der heutigen Bedeutung der in hugenottischer Tradition stehenden reformierten Gemeinden und ihrer Glieder als Mittler zwischen Deutschland und Frankreich spürt auch die Ausstellung nach.

Eine weitere Parallele zur ostdeutschen Kulturarbeit tut sich im Bewusstsein für Fragen der Geschichtsrezeption und Identitätsbildung auf. So nimmt ein Aufsatz von Alexander Schunka „Hugenottische Erinnerungskulturen“ in den Blick. Darum bemüht sich – in einer durchaus selbstkritischen Haltung – auch das Museum, indem es dem Besucher ermöglicht, parallel zur Darstellung des historischen Schicksals der Hugenotten die Herausbildung hugenottischer Selbstdeutungen nachzuvollziehen. Dies gelingt in besonders spannender Weise für das 19. Jahrhundert, in dem hugenottische Identität und deutscher Nationalismus eine aufschlussreiche Amalgamierung erfuhren.

Eine dritte Gemeinsamkeit prägt – erkennbar museumsdidaktisch motiviert – vornehmlich die Dauerausstellung und weniger den Katalog: die Aktualisierung des Themas historischer Vertriebenengruppen durch das Aufzeigen von Bezügen zu aktueller Zwangsmigration. So wird etwa die auf die Flucht mitgenommene Reisetruhe der Familie Bousset mit der Abbildung einer Flüchtlingsgruppe unserer Zeit kombiniert. Abzuwarten bleibt aber noch, wie die zugehörige Medienstation – die wie andere digitale Angebote der Ausstellung leider nicht bis zur Eröffnung fertiggestellt werden konnte – späterhin Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen heutigen und historischen Zwangsmigranten konkretisieren wird.

Somit erscheint auch ein wiederholter Besuch dieses aus dem Dornröschenschlaf erwachten Museum als durchaus reizvoll.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2022.

Raus aus der Enge

Christentum und Vielfalt: Gegenwärtig wird viel über die Rechte bestimmter Gruppen der Gesellschaft gestritten. Was hat die Kirche zum Thema „Identität“ zu sagen? Welches Maß sollten das Eigene und die Vielfalt haben?

Herr Scheller, in „Identität im Zwielicht“ markieren Sie immer wieder Momente von Identitätspolitik in der – vor allem frühen – Kirchengeschichte. Welche Rolle hat Identitätspolitik in der Entwicklung der Christentums gespielt?

Wenig deutete anfänglich darauf hin, dass das Christentum – genauer gesagt: die Christenheit, mit Kierkegaard gesprochen – zum globalen Machtfaktor werden sollte. Immer wieder ist der christlichen Religion ja das unterstellt worden, was Nietzsche „Sklavenmoral“ nannte, also ein Kult der Schwäche – dabei waren die frühen Christen eine durchaus aggressive Bewegung. Die Konstantinische Wende lässt sich als machiavellischer Akt kultureller Aneignung deuten: Eine aufstrebende Identitätsgruppe wurde vom römischen Machtapparat strategisch geschickt integriert. So kam es, um vorläufig bei den fragwürdigen Begriffen zu bleiben, zur Allianz von „Sklavenmoral“ und „Herrenmoral“. Es ging um Macht, Teilhabe, Repräsentation – um Fragen also, die heute im Zusammenhang mit Identitätspolitik intensiv diskutiert werden. Das Beispiel der Christenheit zeigt, dass Machtverhältnisse nicht statisch sind. Was heute noch als marginalisierte Identitätsgruppe gilt, kann morgen caesaropapistische Züge haben.

John Rawls gehört – zumal aufgrund seiner 1971 erschienenen Theorie der Gerechtigkeit – zu den in der christlichen Sozialethik intensiv rezipierten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Welche Bedeutung kommt zentralen Begriffen seines Denkens für Ihre Auseinandersetzung mit Identitätspolitik(en) zu?

John Rawls ist für mich ein Verfechter der Imagination. Die zentrale These des Buches lautet, dass man sich mit Anderen unter einen „Schleier des Nichtwissens“ begeben müsse, um identitätsübergreifende Gerechtigkeitsprinzipien als „überlappenden Konsens“ zu entwickeln. Es gilt, zu imaginieren, man sei nicht man selbst. Identitätspolitik hingegen fokussiert, wenig überraschend, auf das Identifizieren konkreter Realitäten. Das ist wichtig. Aber schlimmstenfalls kaserniert sie Menschen in Identitäten ein: hier die Homosexuelle, dort der Heterosexuelle, hier die Weißen, da die Schwarzen. Sie verfestigt, was sie kritisiert. Imagination kann helfen, diese Kasernen zu schleifen und Menschen in ihrer Potenzialität, in ihren Wünschen und Träumen, in ihren Ambivalenzen ernst zu nehmen – Menschen als Möglichkeitswesen. Hier aber sind die Bessergestellten aufgerufen, den ersten Schritt zu tun.

Bestimmten Akteuren attestieren Sie in Ihrem Buch, exklusive Identitäten „vermittels dogmatischer Lehren zu repräsentieren“ und damit die „unheilvolle Spirale des identitären Kulturkampfs“ auszulösen. Inwieweit hat Identitätspolitik – potenziell – religiöse Züge?

Das hängt davon ab, welchen Wortstamm wir ansetzen: relegere („überdenken“) oder religere („anbinden“)? Im letzteren Fall läuft Identitätspolitik Gefahr, identitär zu werden. Sie verlässt den analytisch-kritischen Bereich und schart eine Gefolgschaft um sich, die vielleicht divers aussieht, aber gleich denkt. Ein homogenes „Denkkollektiv“, wie der Immunologe und Epistemologe Ludwik Fleck es genannt hätte, entsteht. Diese Tendenz gibt es. Im ersteren Fall hätte sie religiöse Züge in einem anderen, aus meiner Sicht befürwortenswerten Sinne: Sie würde Identität ständig überdenken, verkapselte Identitäten auf diese Weise öffnen und nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten betonen. Daran müssen wir arbeiten.

Wie sollten vor diesem Hintergrund die christlichen Kirchen – eingedenk Ihrer Gesellschaftsverantwortung – auf Identitätspolitik als virulentes Phänomen der gegenwärtigen Lebenswelt reagieren?

Vor allem dadurch, dass ihre Repräsentanten christliche, das heißt für mich: nicht zwingend im Petersdom beheimatete Tugenden vorleben, anstatt Sonntagsreden zu halten. Das ist identitätsübergreifend attraktiv, sieht man einmal von rechten Sozialdarwinisten ab, an die sich anzubiedern nicht das Ziel sein darf. Mich interessieren christlich geprägte Unternehmen wie der Maschinenbauer Trumpf, die keine Rüstungsgeschäfte machen und dafür Umsatzeinbußen in Kauf nehmen – practice what you preach! Eine vielfältige, florierende, mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft ist sehr wichtig. Man sollte die Möglichkeit haben, eigenständige Entscheidungen zu treffen und sich eine Nische zu schaffen, anstatt sich vatikanöser Konzernlogiken fügen zu müssen. Die christlichen Kirchen sollten auf entsprechende liberale Vielfalt an der ökonomischen Basis und auf Aufstiegschancen durch unternehmerisches Handeln, das ja gerade unter Migranten beliebt und verbreitet ist, pochen – damit nicht nachträglich mit identitären Quoten künstliche Vielfalt geschaffen werden muss.

Das Gespräch führte Tilman A. Fischer

Zur Person: Jörg Scheller, 1979 in Stuttgart geboren, ist Kunstwissenschaftler, Buchautor und Pop-Akademiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Scheller bringt sich mit Analysen und Kommentaren regelmäßig in politische Debatten ein. Er warnt vor einer neuen Salonfähigkeit rechter Ideologie.

Wie eine offene Gesellschaft gelingen kann

Jörg Scheller sucht in seinem Buch „Identität im Zwielicht“ Auswege aus der Falle der Überbetonung des Eigenen

Identitätspolitische Programme sind nicht nur in Zivilgesellschaft und Politik en vogue, sondern werden auch zunehmend in Kirche und Theologie rezipiert. Das reicht von der Frage, ob die Schriftsprache der Kirchenzeitungen erst durch Sternchen ‚gerecht‘ wird, bis hin zu der unlängst erhobenen Forderung nach einer Quote für People of Color („nicht-weiße“ Personen) in der Institution Kirche. Derlei ist stets umstritten. Das neue Buch des Kunsthistorikers Jörg Scheller „Identität im Zwielicht“ verhilft dazu, eine differenzierte Haltung zu den unterschiedlichen Identitätspolitiken zu entwickeln.

Die Leitdifferenz, die er hierzu anbietet, ist diejenige zwischen einer „deskriptiv-analytischen“ – und damit konstruktiven – sowie einer „präskriptiv-ideologischen“ – folglich destruktiven – Verwendung von Identitätspolitik. Im ersten Fall geht Identitätspolitik der Frage nach, „wie Menschen ihre eigene Identität und die von anderen konstruieren“, und verhilft so zu „Grundlagen für seriöse Theoriebildung, zivilgesellschaftliches Engagement und politische Entscheidungsfindungen“. Im zweiten Fall hingegen wird sie dazu verwendet, „Menschen eine Identität zu- oder vorzuschreiben“, und birgt somit die Gefahr, dass Identitäten für Kulturkämpfe instrumentalisiert werden.

Während die erste Anwendung von Identitätspolitik dem Gedanken einer offenen Gesellschaft entspricht, stellt zweite für diese geradezu eine Bedrohung dar. Sich hiergegen zur Wehr zu setzen, ist Schellers erkennbares Anliegen – und damit ist sein Buch nicht nur als Einführung in identitätspolitische Diskurse zu verstehen, sondern im besten Sinne als Debattenbuch.

In diesem hat dann auch seine Kritik an einer staatlich-bürokratische Überreglementierung unter dem Vorzeichen der Diversity (Vielfalt) ihren Platz: „Ein Staat, der all dies gewährleisten muss, ist überfrachtet und übermächtig; das Individuum und die Zivilgesellschaft hingegen, die immer mehr Aufgaben an ihn delegieren und ihn monströs werden lassen, sind unterfordert.“

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Sonntag. Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 43/2021.

Bischof der geteilten Stadt

Vor der Wende rang Alfred Kardinal Bengsch um Ost und West. Das Porträt eines ‚Theologen der Einheit‘

Von Tilman Asmus Fischer

Zur Zeitgeschichte des Erzbistums Berlin sind gegenwärtig wichtige Veröffentlichungen zu vermerken. Bereits vergangenes Jahr waren posthum die Memoiren Joachim Kardinal Meisners erschienen, der von 1980 bis 1989 Bischof in der geteilten Stadt gewesen war. Heuer unternimmt nun die neue Monografie des Kirchenhistorikers Stefan Samerski den verdienstvollen Versuch, die Lücke zwischen dem umfangreich erforschten Julius Kardinal Döpfner (Berliner Bischof 1957–1961) und Meisner zu füllen: Mit „Alfred Bengsch. Bischof im geteilten Berlin“ legt Samerski zu dessen 100. Geburtstag bzw. dem 60. Jahrestag seiner Inthronisation eine Biografie des wohl prägendsten Berliner Oberhirten der Vorwendezeit vor.

Erzbischof Dr. Alfred Kardinal Bengsch 1978 in Erfurt
(Bundesarchiv, Bild 183-T0924-0004 / Ludwig, Jürgen / CC-BY-SA 3.0)

Das Buch war mit Interesse zu erwarten gewesen, kommt Bensch doch zum einen im kollektiven Gedächtnis des mitteldeutschen Katholizismus die Rolle einer bedeutenden Führungspersönlichkeit zu; zum anderen waren seine ekklesiologisch konservativen Positionen sowie seine politische Abstinenz stets auch Gegenstand deutlicher Kritik. Samerski bedient weder ein hagiographisches Narrativ, noch zeichnet er Bengsch als Dunkelmann. Vielmehr wählt er den Weg einer sachlich-positivistischen Lebensdarstellung, die sowohl die Bedeutung des Kardinals als auch die Ambivalenzen benennt, die sich damit verbanden, als Oberhirte unter den Bedingungen eines kirchenfeindlichen Regimes zu agieren. Dabei stützt sich Samerski auf einen umfangreichen Bestand an Druckerzeugnissen, Archivalien und selbstgeführten Zeitzeugeninterviews. Freilich hat der gewählte Zugriff den Preis, dass bisweilen unterschiedliche Perspektiven der Quellen auf Bengschs Persönlichkeit und Wirken nebeneinander und in Spannung zueinander stehen, ohne gewichtet oder an eine These des Biographen rückgekoppelt zu werden.

Vor allem ist jedoch zu würdigen, dass Samerski nicht der naheliegenden Versuchung erliegt, seine Bengsch-Biografie – aufgrund der Brisanz der ihren Hintergrund bildenden deutschen Teilungsgeschichte – auf die kirchenpolitische Figur zu reduzieren. Vielmehr reflektiert er nachhaltig Bengsch als Theologen sowie die theologischen Motive seines Handelns. Dies gilt zum einen für die bereits früh entwickelte kreuzestheologische Prägung Bengschs. So würdigt Papst Benedikt XVI. als der wohl prominenteste zitierte Zeitzeuge dessen theologisches Profil im Kontext der Nachkriegszeit: „Gegenüber der damals vorherrschenden einseitigen Orientierung an der Inkarnation hat Bengsch das Kreuz als den Richtpunkt der Theologie herausgestellt.“ Zum anderen tritt in dem von Samerski gezeichneten Porträt des Kardinals deutlich die ‚Einheit‘ als zentrales Motiv von Theologie, Ekklesiologie und folglich auch des kirchenpolitischen Wirkens Bengschs hervor. Dies bedeutete nicht zuletzt das permanente Ringen des Erzbischofs um das eine Bistum in Ost und West – also um den Erhalt des kirchenpolitischen Status quo. Dass dieser nicht zuletzt durch eine politische Abstinenz erkauft wurde, die der Oberhirte nicht nur selbst übte, sondern auch in seinem Einflussgebiet rigide durchsetzte, verschweigt der Autor nicht.

Das kirchenpolitische Vermächtnis Bengschs tritt bei Samerski nicht nur hinsichtlich der Diözese des Kardinals, sondern gerade auch unter weltkirchlicher Perspektive in den Blick. Dies gilt zum einen für die ausführlich gewürdigte Beteiligung Bengschs am Zweiten Vatikanischen Konzil. Zum anderen trägt die Lebensdarstellung ganz deutlich die Handschrift ihres – durch wichtige Forschungen zur ostmitteleuropäischen Kirchengeschichte hervorgetretenen – Verfassers, wo in besonderer Weise die Verbundenheit des Berliner Bischofs zu den Geschwistern in anderen Ostblock-Staaten hervorgehoben wird. Diese, sowie die eigene Lage in der „DDR“ brachte ihn Teils in deutliche Opposition zur unter dem Pontifikat Pauls VI. entwickelten vatikanischen Ostpolitik, die über die Köpfe des örtlichen Klerus hinweg auf direkte Verhandlungen zwischen Vatikan und Ostblock-Regierungen setzte. Zudem entwickelte Bengsch, wie Samerski an vielen Beispielen zeigt, eine „persönliche Ostpolitik“ auf der Grundlage persönlicher Beziehungen, nicht nur zum Krakauer Erzbischof und späteren Papst Johannes Paul II., sondern auch in die Tschechoslowakei oder nach Litauen.

Auf Ambivalenzen mag – neben den oben ausgeführten Aspekten – auch hinweisen, was das Buch für die gegenwärtige Diskussion um sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kontext austrägt. Dass diese – tagespolitisch brisante – Passage kurz ausfällt, ist der Tatsache geschuldet, dass das grundlegende juristische Gutachten „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946“ erst kurz vor Fertigstellung des Buchmanuskripts veröffentlicht wurde. Zwei Fallbeispiele, die Samerski nachverfolgt, deuten darauf hin, dass Bengsch in entsprechenden Fällen nicht tatenlos blieb, jedoch auch nicht zu einer Aufklärung im engeren – und erst recht strafrechtlichen – Sinne beitrug. Man wird sich jedoch dem Votum des Biografen anschließen müssen: „Zukünftige historische Studien müssen auch hier Klarheit und Einordnung bringen.“

Das ist auch für einzelne Aspekte der Staat-Kirche-Beziehungen in der DDR unter Bengsch in Anschlag zu bringen und gilt ganz gewiss für den Einfluss der beiden Prälaten Paul Dissemond (1920–2006; Generalsekretär der Berliner Bischofskonferenz) und Gerhard Lange (1933–2018; Beauftragter für die Kontakte zur DDR-Regierung) für die Amtsführung Bengschs. In seinen Memoiren hatte Meisner erhebliche Kritik an deren Staatsnähe und negativer kirchenpolitischer Einflussnahmen erhoben. Leider verzichtet Samerski auf eine tiefergehende Einordnung dieser auch die Amtszeit von Meisners Vorgänger betreffenden Vorwürfe aus kirchenhistorischer Perspektive.

Stefan Samerski, Alfred Bengsch, Bischof im geteilten Berlin, Herder, Freiburg i. Br. 2021. 256 Seiten, ISBN 978-3-451-38820-0, 38 Euro.

In ähnlicher Form erschienen am 7. Oktober 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Rebell aus Glauben

Thomas Broses Erinnerungen erhellen das Wesen des christlichen Widerstands

Von Tilman Asmus Fischer

Unter den Bedingungen der COVID-19-Pandemie haben zumal die letztjährigen Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit ohne öffentlichkeitswirksame Großveranstaltungen auskommen müssen. Es mag aber vielleicht auch in einer Zeit, in der die Farben des vereinten Deutschlands von Rechtspopulisten und Corona-Leugnern instrumentalisiert werden, angezeigt gewesen sein, diesem Jahrestag auf stillere und nachdenklichere Weise zu begegnen. Ein solcher nachdenklicher Blick lohnt sich auch noch im Folgejahr. Behilflich können dabei Bücher wie „Mein deutsches Neuland“ sein. Die „Notizen eines ostdeutschen Katholiken“ – Verfasser ist der Fundamentaltheologe und Berliner Philosophieprofessor Thomas Brose – bieten zweierlei: Einblick in die katholische Diaspora in Mitteldeutschland vor und nach 1989/90, sowie philosophisch-theologische Deutungen dieser persönlichen Erfahrungen und der zeitgeschichtlichen Umbrüche der Wendejahre.

(Foto: Tobi85)

Eine klassische Autobiographie erwartet den Leser nicht. Der persönliche Lebenslauf des Autors bleibt – ohne dass sich Verständnislücken ergeben – eher im Hintergrund und dient vielmehr als Ausgangspunkt für exemplarische Wahrnehmungen und Erfahrungen eines Diasporakatholiken in der DDR bzw. den neuen Bundesländern. Diese zeichnen sich durch eine feinsinnige Beobachtungsgabe aus, mit der Brose gerade auch die atheistische Alltagskultur des SED-Staates schildert. So interpretiert er etwa – ausgehend von Erinnerungen an einen Schulausflug – den Berliner Fernsehturm als „gebaute Weltanschauung“ des sich in Systemüberlegenheit wähnenden Sozialismus; zugleich jedoch als einen Ort, der ihm neue Perspektiven öffnete (und damit die Intention seiner Baumeister ad absurdum führte): „Was ich da oben zwischen Himmel und Erde sah, ging mir unter die Haut: Zum allerersten Mal blickte ich in den ‚Westen‘. […] Aber vor unseren Kinderaugen wurde auch etwas Trostloses sichtbar: Mitten durch Berlin zog sich die Mauer.“

Es sind insbesondere die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, die sich bei Brose beklemmend lesen. Gewiss, auch als junger Erwachsener war er in bedrohlicher Weise vom christenfeindlichen Regime bedroht, das ihn – nach Theologie- und Philosophiestudium in Erfurt – als Mitarbeiter der Katholischen Studentengemeinde (KSG) in Ost-Berlin überwachen ließ. Es sind jedoch gerade die Erlebnisse des Heranwachsenden, aus denen die Erfahrung des Ausgeliefertseins gegenüber einer feindlichen Umwelt sprechen: „Soweit ich zurückdenken kann, musste ich darum kämpfen, gegensätzliche Welten – christliches Elternhaus und atheistische Schule – miteinander irgendwie in Einklang zu bringen. Bereits nach einigen Schuljahren war mir klar, Berufswünsche wie Lehrer, Journalist oder Sportreporter kommen für dich, den Katholiken, in einem Land, das völlig andere Bekenntnisse erwartet, nicht in Frage. Anfänglich war diese Einsicht schmerzhaft. Aber mit der Zeit erschien mir das fast selbstverständlich.“

Freilich: Thomas Brose hat sich in diese Selbstverständlichkeit nicht gefügt. Seine „Notizen“ sind nicht aus der Perspektive einer inneren Emigration oder systemkonformer Resignation geschrieben. Vielmehr könnten sie auch den Titel der im gleichen Jahr erschienenen Lebenserinnerungen von Joachim Kardinal Meisner tragen: „Wer sich anpasst, kann gleich einpacken“. Er sei, so Brose, „in die Rolle hineingewachsen, Rechenschaft zu geben über meinen Glauben – kein schmerzfreier Verstehensprozess“: „Auseinandersetzungen zwischen Glaube und Atheismus, Religion und Gesellschaft sind für mich zu einem Lebensthema geworden.“ Die biographischen Texte Meisners und Broses lassen sich gewissermaßen komplementär zueinander lesen. Beide erinnern an das Ringen des katholischen Minderheitenkirche mit dem Kommunismus im Berlin der 1980er Jahre, jedoch aus zwei sich ergänzenden Perspektiven: Führte Meisner diese Auseinandersetzung – wenn auch mit großer Volksnähe – aus dem bischöflichen Ordinariat heraus, betrieb Brose akademische Graswurzelbewegungen im Umfeld der Berliner Universität Unter den Linden: vor der Wende in Form unzähliger – vom System argwöhnisch beäugter – KSG-Veranstaltungen zu theologischen und philosophischen Fragen; nach der Wende im gemeinsamen Einsatz mit Eugen Biser für den Erhalt bzw. die Wiederbelebung des Erbes Romano Guardinis an dessen historischer universitärer Wirkungsstätte. Es sind Erinnerungen wie an Biser – vor allem aber an seinen Freud Henryk Bereska – die Broses „Notizen“ eine besondere persönliche Note geben, da aus ihnen eine tiefe und herzliche Wertschätzung zwischenmenschlicher Begegnungen spricht, die den eigenen Lebensweg begleiteten.

Brose blickt jedoch nicht nur zurück. Vielmehr richtet er im letzten Abschnitt seines Buches den Blick nach vorne, fragt was „ostdeutsche Christen in die Einheit einbringen“ und beschreibt gegenwärtige Herausforderungen des Diasporakatholizismus. Dabei kommt zwar auch deutlich das berechtigte Bedauern über die gravierende Unterrepräsentation von mitteldeutschen Katholiken in kirchlichen Führungspositionen zum Ausdruck. Vor allem und zuletzt erinnert der Autor seine Kirche aber an ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung – in Auseinandersetzung mit neuen Formen des Atheismus ebenso wie mit vielfältigen Formen kultureller und politischer Verunsicherung: „Ich denke, die Konflikte, die in unserer Gesellschaft – auch infolge der Corona-Pandemie seit dem Frühjahr 2020 – aufgebrochen sind, weisen über den Bereich des Politischen hinaus. Sie machen nicht zuletzt auf das Problem metaphysischer Obdachlosigkeit aufmerksam.“

Thomas Brose: Mein deutsches Neuland. Notizen eines ostdeutschen Katholiken. Bonifatius-Verlag, Paderborn, 2020, 144 Seiten, ISBN 978-3897108455, EUR 12,–

Erschienen am 27. Mai 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Vielfältige Präsenz des Religiösen

Während die Pandemie das physische Reisen derzeit stark einschränkt, bietet es sich an, im Kopf zu fernen Zielen aufzubrechen. Ein Reiseführer des evangelischen Theologen Johann Hinrich Claussen nimmt den Leser mit zu den seltsamsten Orten der Religionen

Von Tilman Asmus Fischer

„Die beste, bildungsreichste und zugleich umweltschonendste Art des Reisens ist immer noch das Lesen.“ Und in Zeiten einer Pandemie wie der gegenwärtigen – so möchte man Johann Hinrich Claussen zustimmend ergänzen – auch die sicherste, zumindest abhängig vom potenziellen Reiseziel. Das neueste Buch des Theologen und Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland richtet sich an – im ursprünglichen oder literarischen Sinne – reisefreudige Leser, die „religiös musikalisch“ gestimmt mit offenen Augen durch die Welt gehen. Entgegen der immer wieder vorgetragenen Säkularisierungsthese spürt dieses ganz eigene Reisebuch der vielfältigen Präsenz des Religiösen und dessen lebensweltlicher Bedeutung auf allen Kontinenten nach. Indem es auf diese Weise die Religion als eine „Angelegenheit des Menschen“ (Johann Joachim Spalding) ausweist, steht es in der besten kulturhermeneutischen Tradition liberaler Theologie.

Hierzu nimmt Claussen seine Leser mit auf eine Reise zu 42 Orten, welche er als „Die seltsamsten Orte der Religionen“ markiert. Wer hinter diesem Titel ein obskures Raritätenkabinett vermutet, täuscht sich. Claussen spielt zwar mit der Idee des „Exotischen“, bedient jedoch keinerlei Exotismus. Vielmehr geht es ihm darum, anhand von Orten, die vom Verständnis „normaler“ Religiosität einer deutschen Leserschaft abweichen, sowohl auf die Breite möglicher Formen von Religion hinzuweisen als auch eben das eigene Verständnis von „Normalität“ zu hinterfragen.

Daher fasst er zuallermeist in den 20 Kapiteln je zwei oder drei dieser Orte unter thematischen Gesichtspunkten zusammen und bezieht dabei fast durchgehend je auch ein Beispiel aus dem deutschen Sprachraum ein, welches von der scheinbaren „Normalität“ abweicht. So beschreibt er etwa in dem Kapitel über „Verstecke des Überlebens“ neben dem portugiesischen Ort Belmonte, in dem heute die letzten Nachfahren der geflohenen iberischen Juden leben, auch den Schweizer Mont Soleil. Auf diesem hatte der katholische Bischof von Basel an der Wende zum 18. Jahrhundert ursprünglich von Berner Reformierten verfolgten Täufern Asyl gewährt – freilich unter Auflagen: „Die Täufer durften nur auf einer Höhe ab 1 000 Metern wohnen.“

Das Spektrum, welches Claussen unter dem Stichwort „religiöser Orte“ eröffnet ist breit und anregend: Neben Kirchen und anderen Gotteshäusern kommen Gedenkorte für Terroranschläge (in Nizza und Berlin), religiös gedeutete Naturgegebenheiten (wie der Druiden-Baum von Herchies, Belgien) und Landschaften (etwa der Tempel des unendlichen Grüns im japanischen Kokedera) ebenso zur Geltung wie „religiöse Städte“ (etwa das Himmlische Jerusalem in Nkamba, Kongo) und virtuelle Orte wie Onlineplattformen der Post-Evangelicals in den USA.

Die Offenheit, mit welcher der Verfasser den unterschiedlichen Gestalten religiöser Kultur begegnet, ermöglicht ihm unter anderem, zu einer neuen Wertschätzung eines Phänomens zu gelangen, das hierzulande bereits seit langer Zeit lediglich belächelt wird: der Volksfrömmigkeit. Ein faszinierendes Beispiel hierfür ist der litauische Wallfahrtsort Kryžiu kalnas (Berg der Kreuze): „an die hunderttausend Kreuze“, so Claussen, „aus Metall, Holz oder Stein, einige roh zusammengeschweißt oder -genagelt, andere recht kunstvoll gestaltet, mit der Gestalt des Gekreuzigten und ohne, mit Inschriften in vielen Sprachen, die großen Kruzifixe über und über mit Rosenkränzen und kleineren Kreuzketten behängt. Ein Weg und dann eine Holztreppe führen mitten durch dieses katholische Symboldickicht zu einer Marienfigur oben.“ Seit dem 19. Jahrhundert gedenken die Litauer hier ihrer gefallenen Freiheitskämpfer – zuletzt in der Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus.

Mit bestimmten Orten berührt Claussen Formen von Religiosität, die der Volksfrömmigkeit verwandt erscheinen, aber doch in einem hohen Maße von Individualität – vielleicht auch einem gewissen Eigensinn – geprägt sind. Das gilt etwa für die „Sakralbauten von Eigenbrötlern“. Hier erinnert der Verfasser etwa an Väterchen Timofej, der sich noch während des Zweiten Weltkriegs aus Russland aufmachte, um in München (auf dem Gelände des heutigen Olympiaparks) die Ost-West-Friedenskirche zu errichten, in der er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 täglich die orthodoxe Liturgie feierte und mit den Menschen, die zu ihm kamen, sprach – ohne je Theologie studiert zu haben oder von einer orthodoxen Kirche anerkannt worden zu sein.

„Die seltsamsten Orte der Religionen“ führt allerdings nicht nur den Reichtum der Weltreligionen vor Augen. Das Buch verweist auch auf zweierlei anderes: auf bedrohte wie auch auf fragwürdige Religiosität. In erster Hinsicht sind etwa die uigurischen Heiligenschreine von Xinjiang bedeutsam, die vom rotchinesischen Regime in seinem Kampf gegen die autochthonen Muslime angegriffen werden: „Aus scheinbarem Respekt vor den Uiguren erkennt sie [die Pekinger Zentralregierung; TAF] bedeutende Moscheen und Schreine als ,Stätten des kulturellen Erbes‘ an. Damit verwandelt sie diese lebendigen religiösen Orte in Museen und entzieht sie ihrer eigentlichen Nutzung.“ Als Beispiel für den zweiten Gesichtspunkt gilt eines der beliebtesten Ausflugsziele der Deutschen: die Bad Meinberger Externsteine. Detailliert zeichnet Claussen ihre Inszenierung als Kultstätte germanischer Religion nach, wie sie vor allem im Nationalsozialismus propagiert und noch heute von Rechtsextremisten gepflegt wird.

Im Falle einzelner Orte kann das Buch beim Leser freilich den Wunsch nach einer kritischeren Thematisierung theologischer Anfragen an deren religiösen Charakter hinterlassen. Dies gilt im Besonderen für den Tierfriedhof Hamburg-Jenfeld. Im Anschluss an die Betrachtung der dort gepflegte Trauerkultur wirft Claussen die Frage auf: „Wenn Menschen also um einen Hund oder eine Katze aufrichtig trauern, sollte man dann als Pastor den Abschied nicht aus seelsorgerlichen Gründen begleiten?“ Hier dürften sich allerdings durchaus weitergehende Fragen aufdrängen: Welche Konsequenzen hat eine – zumal religiös eingekleidete – „Vermenschlichung“ der tierischen Mitgeschöpfe für ein sachgemäßes und verantwortliches Verhältnis des Menschen zu sich selbst wie eben auch zum Tier? Und welche möglichen Interventionen ergeben sich hier aus der Perspektive des christlichen Begriffs von Mensch und Schöpfung?

Beschlossen wird das Buch von einem Ort, der dem Verfasser besonders wichtig gewesen zu sein scheint, widmet er ihm doch als einzigem ein Kapitel für sich. Immerhin kennzeichnet Claussen diesen Ort – mitten im Grenzdurchgangslager Friedland – auch als ein Unikum: „Mittendrin, ganz unauffällig, befindet sich die ,Evangelische Lagerkapelle‘, wie auf einem Schild in altertümlicher deutscher Schrift über dem schlichten Eingang zu lesen ist. Doch so bescheiden sie sich gibt, stellt sie dennoch etwas Einzigartiges dar. Denn kein anderes Aufnahmelager in Deutschland besitzt solch eine eigene Kirche.“ Es zeichnet Claussens „Reisebuch“ aus, dass es gerade auch zum Kennenlernen solcher auf den ersten Blick „unspektakulärer“ Orte einlädt – wie dieses nach dem Zweiten Weltkrieg für deutsche Ostvertriebene geschaffene Gotteshauses, dessen innere Gestalt von Werken der bedeutenden Erbauungskünstlerin Paula Jordan geprägt ist. Ein Besuch der werktags von acht bis 17 Uhr öffentlich zugänglichen Kapelle ließe sich gewiss auch mit einer Besichtigung des 2016 eröffneten Museums Friedland verbinden, welches die Geschichte des Aufnahmelagers dokumentiert.

Erschienen am 12. November 2020 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Johann Hinrich Claussen, Die seltsamsten Orte der Religionen, München 2020.

Verwandelnde Kraft des gemeinsamen Erinnerns

Anlässlich des Erscheinens des Sammelbandes „Geteilte Erinnerung – versöhnte Geschichte?“ spricht Annette Kurschus im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die Aufarbeitung der deutsch-polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende ist Beauftragte des Rates der EKD für die deutsch-polnischen Beziehungen.

Präses Kurschus, welche Impulse konnten im Rahmen des offiziellen Gedenkens zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen 2019 gesetzt werden, wie es das Buch „Geteilte Erinnerung – versöhnte Geschichte?“ exemplarisch dokumentiert?

Den 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen haben wir, die Evangelische Kirche in Deutschland gemeinsam mit unseren Partnern im Polnischen Ökumenischen Rat, zum Anlass genommen, in Warschau einen ökumenischen Gedenk- und Friedensgottesdienst zu feiern. In ihrer jeweiligen polnischen oder deutschen Muttersprache kamen darin Menschen zu Wort, die das Leid hautnah erlebt haben und trotzdem – oder gerade deshalb – über Jahrzehnte hinweg behutsame Schritte aufeinander zu gegangen sind. Welche verwandelnde Kraft das gemeinsame Erinnern in sich birgt und wie es uns ermutigt, den Weg der Versöhnung konsequent weiterzugehen, wurde an diesem Tag spürbar.

Präses Dr. h. c. Annette Kurschus (Foto: EKvW / Jörg Dieckmann)

Welche Akzente wiederum setzt der von Ihnen mitverantwortete Sammelband für die kritische Auseinandersetzung mit den Jahren von Nationalsozialismus und Krieg, die vor 75 Jahren endeten?

Unser Band versammelt teils unveröffentlichte Forschungsbeiträge, die aus der Arbeit der sog. Gemeinsamen Kirchengeschichtskommission des Rates der EKD und des Polnischen Ökumenischen Rates hervorgegangen sind. Die Kommission hat ihre Arbeit im Wendejahr 1989 aufgenommen und in vielfacher Hinsicht Neuland betreten. Zum ersten Mal überhaupt haben sich deutsche und polnische Forscher gemeinsam einem Zeitabschnitt zugewandt, der auf beiden Seiten mit traumatischen Erinnerungen verbunden ist. Auf deutscher Seite haben sie uns mehr und mehr zu verstehen gegeben, wie tief unselige Ideologien und nationalsozialistische Propaganda auch unsere kirchliche Haltung gegenüber unseren polnischen Nachbarn geprägt haben – übrigens bis weit über 1945 hinaus. Insofern dokumentiert unser Sammelband, wie wichtig die historische Aufarbeitung dieser unheilvollen Verästelungen für den Verständigungs- und Versöhnungsprozess zwischen Polen und Deutschen bis heute ist. Unsere Erinnerungskultur braucht die historische Expertise, nicht nur um das Vergangene zu verstehen, sondern auch unsere gegenwärtige Verantwortung zu begreifen.

1945 bedeutete zugleich insofern eine historische Zäsur, als eine nicht gewaltlose Nachkriegszeit und letztlich Jahrzehnte der Blockkonfrontation folgten. Welche Aspekte dieser spannungsreichen Phase werden von den Autoren beleuchtet?

Die Beiträge zur Entwicklung in den Nachkriegsjahren arbeiten die verheerenden Folgen des Nationalsozialismus, die Konsequenzen der territorial-politischen Verän­derungen und die Auswirkungen der kommunistischen Regime auf die Kirchen in Polen und in Deutschland auf. Sie decken Versuche ihrer Instrumentalisierung auf, aber auch die zarten Neuanfänge der Annäherung. Exemplarisch verweise ich auf die Arbeit meines Mitherausgebers Dr. Bernd Krebs, der sich um die Erforschung der deutsch-polnischen Beziehungen in besonderer Weise verdient gemacht hat, und die seines polnischen Kollegen Jarosław Kłaczkow. Es ist ein Erfolg der Gemeinsamen Kirchengeschichtskommission, dass zur Erforschung dieser wichtigen Phase neben deutschen Quellen erstmals auch Quellen aus kirchlichen Archiven in Polen genutzt wurden. Nur so konnte ein differenziertes Bild entstehen.

Wie ist vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen das historische Versöhnungswerk evangelischer Christen diesseits und jenseits von Oder und Neiße zu bewerten?

Tatsächlich wird man sagen dürfen, dass der Verständigungs- und Versöhnungsprozess zwischen Deutschland und Polen, der ja ein Meilenstein zur Überwindung der Teilung Europas war, wesentlich von den Kirchen in Deutschland und Polen mitgestaltet und befördert wurde. Er begann leise und unscheinbar durch Einzelkontakte, Gemeindebesuche und erste Partnerschaften. Historische Bedeutung erlangte daraufhin die sog. „Ostdenkschrift“ der EKD aus dem Jahr 1965, die in grundsätzlicher Weise die Frage nach dem Verhältnis zu den polnischen Nachbarn gestellt hat und damit der Annäherung auf politischer Ebene den Boden bereitete. Aber, und das betone ich ausdrücklich, es waren nicht nur evangelische Christen an diesem Prozess maßgeblich beteiligt. Ich erinnere an einen Brief desselben Jahres, worin katholische polnische Bischöfe an ihre deutschen Amtskollegen schrieben: „Wir vergeben und wir bitten um Vergebung“. Auch das war ein Meilenstein.

Welchen Beitrag können die protestantischen Kirchen in Deutschland und Polen zum grenzübergreifenden Miteinander heute erbringen, da die Beziehungen zwischen dem westlichen und östlichen Europa auf neuartige Weise angespannt sind?

Gerade in der gegenwärtigen Situation, in der die Vorbehalte zwischen europäischen Partnern und Nachbarn wieder größer zu werden drohen, in der rechtspopulistische Kräfte Sand ins Getriebe des Versöhnungsprozesses streuen und Öl ins Feuer alter Ressentiments gießen, kommt den starken Beziehungen zwischen unseren Kirchen eine wichtige Bedeutung zu. Ich denke an die vielen Gemeindepartnerschaften, die den Dialog fördern und aufrecht erhalten. Und ich denke an die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Polnischen Ökumenischen Rat und ihre jahrzehntelange gute Tradition. Gemeinsam mit unseren polnischen Partnern beobachten wir die Entwicklungen in Europa mit Sorge. Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie rückwärtsgewandte Geister den Versöhnungs- und Friedensprozess in Europa umkehren.

Bernd Krebs/Annette Kurschus/Dirk Stelter (Hrsg.), Geteilte Erinnerung – versöhnte Geschichte? Deutsche und polnische Protestanten im Spannungsfeld der Ideologien des 20. Jahrhunderts, Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2020, 258 Seiten, 29 Euro

Erschienen in: „die Kirche“ – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 45/2020.

Von einem, der standhielt

Die Erinnerungen des Joachim Kardinal Meisner

Er gehörte zu den polarisierendsten und kontroversesten Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus im 20. Jahrhundert: der Erfurter Weihbischof, Berliner Bischof und Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner (1933-2017). Die Schlachten um seine theologischen und kirchenpolitischen Positionen sind geschlagen, die Fronten waren früh – und sind teils über seinen Tod hinaus bis heute – verhärtet. Und so ist auch von den unlängst posthum erschienenen Lebenserinnerungen nicht zu erwarten, dass sie in die alten Debatten von Ökumene über Sexualethik bis Sakralkunst neue Dynamik bringen.

Jedoch vermögen sie womöglich – den Anhängern wie Kritikern des konservativen Frontmanns in der Deutschen Bischofskonferenz – zu erhellen, in welchem Maße Faktoren der Zeitgeschichte das theologische Profil und die Frömmigkeit eines markanten Kirchenführers der vergangenen Jahrzehnte prägten. Dies waren vor allem zum einen Flucht und Vertreibung, die für den gebürtigen Breslauer den Verlust seiner schlesischen Heimat bedeuteten, zum anderen die kommunistische Gewaltherrschaft in der SBZ/„DDR“, die Meisner als heranwachsender Katholik, Theologiestudent, Priester und Bischof in ihren unterschiedlichsten Facetten kennenlernte.

Rückblickend gelangt der Verfasser selbst zu einer klaren Interpretation der Bedeutung der Jahre bis 1989 für sein Wirkens im westlichen bzw. wiedervereinigten Deutschland: „Im Grunde waren diese Erfahrungen auch ein gutes Noviziat für später. Es hat uns immun gemacht gegen die Versuchungen der sogenannten freien Welt, die nicht aufgibt, einen Bischof zu sich hinüberzuziehen. Doch wenn er diesen Versuchungen erliegt, um es leichter zu haben, hat er nichts mehr in der Hand, weil er alles weggegeben hat. So wie Hans im Glück bleibt ihm dann nur noch ein Stein. Wer sich anpasst, kann gleich einpacken.“ Unbenommen der Frage, welche Berechtigung dem für diese Deutung konstitutiven Verfallsnarrativ mit Blick auf die ‚freie Welt‘ – also den Westen – zukommt: Die hieraus sprechende Prägekraft biografischer Erfahrungen für das theologische Profil Meisners findet nicht zuletzt darin Bestätigung, dass die Herausgeber der Erinnerungen (Meisners Testamentsvollstrecker Msgr. Markus Bosbach und die Journalistin Gudrun Schmidt, die Meisners Erinnerungen aufzeichnete und edierte) den Schlusssatz als Buchtitel ausgewählt haben.

Drei Grundlinien lassen sich für diese spezifische Prägung Meisners ausmachen: Zum einen betont Meisner eine spezifisch schlesische Frömmigkeit, die vor allem vor dem Hintergrund des protestantischen bzw. säkularen Umfeldes in Mitteldeutschland ab 1945 Strahlkraft gewinnt. Zum anderen arbeitet er die ideologischen und praktisch-politischen Konfrontationen zwischen Kirche und SED-Regime heraus. Zuletzt gewährt der frühere Berliner Bischof, der als solcher Grenzgänger zwischen Ost(-Berlin) und West(-Berlin) war, Einblick in die sich zumeist im Untergrund vollziehende Unterstützung der katholischen Kirche in den anderen Warschauer-Pakt-Staaten.

Im Zusammenhang mit dem eigenen Lebenslauf gibt Meisner immer wieder wichtige Hinweise zur Prosopographie des Klerus im ostzonalen Katholizismus. Neben Erinnerungen an einzelne Persönlichkeiten gilt dies im Besonderen für die sich aus der Gesamtschau ergebende Bedeutung ostdeutscher (und darunter vor allem schlesischer) Geistlicher für die katholische Kirche in der SBZ/„DDR“. Angesichts der Akribie, mit der Meisner ansonsten die entsprechenden Traditionslinien hervorhebt, erstaunt ein Bericht aus seiner Berliner Amtszeit (1980-1989): Nach dem behördlichen Verbot für katholische Jugendliche aus der „DDR“, wie zuvor mit polnischen Altersgenossen nach Tschenstochau zu wallfahrten, habe man sich entschieden „eine Wallfahrt von Berlin nach Rügen“ einzuführen, wo es freilich „nur eine kleine Kirche als Heiligtum gab“. Weder findet sich hier ein Hinweis darauf, dass der Bau der erwähnten Kapelle „Maria Meeresstern“ vor dem Ersten Weltkrieg von dem schlesischen Priester und späteren letzten deutschen Bischof des Ermlands Maximilian Kaller betrieben worden war; noch wird erwähnt, dass ebendiese Kapelle bereits auf eine kurze Wallfahrtstradition zurückblicken konnte, die 1951 von heimatvertriebenen Katholiken in der Diaspora begründet worden war. Sollte beides dem kundigen Katholiken und Schlesier Meisner unbekannt gewesen sein?

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 5/2020.

Joachim Kardinal Meisner, Wer sich anpasst, kann gleich einpacken. Lebenserinnerungen, Freiburg i. Br. 2020.