Zwischen den „Ordnungen der Dinge“

Auf der Suche nach Interpretamenten zur Krisendeutung bringt Martina Kumlehn den protestantischen Theologen Friedrich D. E. Schleiermacher ins Spiel. Ein Interview.

Folgt man dem Soziologen Armin Nassehi leben wir in einer – angesichts gegenwärtiger Krisenerscheinungen – „überforderten Gesellschaft“. Mag dies ein Phänomen der Postmoderne sein, so lohnt sich auf der Suche nach Interpretamenten zur Krisendeutung auch der Blick in die Religionsgeschichte der Aufklärungszeit. Martina Kumlehn, Professorin für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Rostock, bringt im Interview mit Tilman A. Fischer den protestantischen Theologen Friedrich D. E. Schleiermacher als modernen Krisendeuter ins Spiel. Über „Schleiermacher im Spiegel des modernen Krisenbewusstseins“ hielt Kumlehn am 30. November die diesjährige Schleiermacher-Lecture des Instituts zur Erforschung moderner Religionskulturen an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

Frau Kumlehn, warum lohnt es sich angesichts unserer krisengeschüttelten Gegenwart Schleiermacher zu lesen? Haben wir angesichts der Herausforderungen der Postmoderne nicht Besseres zu tun, als Texte des 19. Jahrhunderts zu lesen?

Auch im 18. und 19. Jahrhundert gab es politische Umwälzungen, Krieg und Seuchen. Gewiss: Im Sog der Spätmoderne überlagern sich durch die technologischen Entwicklungen, die globalen Verflechtungen, die Digitalisierung und die ökologischen Risiken hyperkomplexe Krisenszenarien. Aber neben den neuen Herausforderungen sind es doch paradoxerweise gerade die Erfahrungen der Pandemie, der Naturkatastrophen und des Kriegs, die das Gefühl der Entsicherung, der Fragilität und Verletzlichkeit trotz aller Sicherungsmaßnahmen und Fortschrittsverheißungen der Moderne wieder massiv verstärken und Verlustängste schüren. Von daher lohnt sich auch ein historisch kundiger Blick in die Vergangenheit, um die Erfahrungs- und Deutungshorizonte in Analogie und Differenz in ein kritisches Verhältnis zu setzen.

Weiterlesen auf „feinschwarz. Theologisches Feuilleton“…

Jenseits der Stereotype

Das „Berliner Religionsgespräch“ widmete sich der Orthodoxie in Zeiten des Krieges

Von Tilman Asmus Fischer

Bereits seit Jahren lädt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit dem Verlag der Weltreligionen, Deutschlandradio Kultur und der Udo Keller Stiftung Forum Humanum zu den „Berliner Religionsgesprächen“ ein. Dabei sei jedoch noch nie ein aktuelleres Thema formuliert worden wie für die Diskussion am 4. Oktober, führte Akademiedirektor Christoph Markschies in seiner Begrüßung aus: „Orthodoxien im Krieg – Heiliges Russland und christlicher Westen“.

Der evangelische Theologe markierte es als dringende Notwendigkeit, den westlichen Blick auf ‚die Orthodoxie‘ zu differenzieren. Am Beispiel des 1913 von Adolf von Harnack gehaltenen Vortrags „Der Geist der morgenländischen Kirche im Unterschied von der abendländischen“ verdeutlichte der habilitierter Kirchenhistoriker die Traditionen der Stereotypisierung der Orthodoxie als „das schlechterdings Andere der abendländischen Kirche“: Dass von Harnack die östliche Christenheit als „versteinerte Kirche“ der westlichen als Kirche der Aufklärung gegenüberstellte, erklärte Markschies freilich weniger mit mangelnder Kenntnis als vielmehr aus dem „Krieg“ des gebürtigen Deutschbalten gegen die Orthodoxie in Abwehr einer Russifizierung des Baltikums.

Dass Markschies es nicht bei den einleitenden Worten beließ, sondern zudem – für den erkrankten RBB-Redakteur Harald Asel – kurzfristig die Moderation übernahm, gereichte der Veranstaltung zum Vorteil, insoweit der Hausherr seine eigene fachliche Expertise in das Gespräch einbringen konnte.

In diesem wandte sich Emmanuel Sfiatkos, Vikarbischof der Griechisch-Orthodoxen Metropolie in Deutschland, kritisch gegen die durch die Titelformulierung zum Ausdruck gebrachte Diagnose einer Spaltung der Orthodoxie: Die Orthodoxen verstünden sich – trotz innerer Auseinandersetzungen und des Trends zur Autokephalie – als eine orthodoxe Kirche, geeint durch Kirchenrecht, Lehre und Ritus. Der gegenwärtige Krieg sei ein solcher zwischen zwei Staaten, nicht jedoch zwischen zwei Kirchen. Da er andererseits nicht mit Kritik am Moskauer Patriarchen Kyrill zurückhielt – der die orthodoxe „Theologie durch den Wolf gedreht“ habe – blieben Sfiatkos Wortbeiträge letztlich nicht frei von einer eigentümlichen Spannung zwischen dem ekklesiologischen Postulat kirchlicher Einheit und deutlichen Anzeichen für einen gegenläufigen Zustand der sichtbaren Kirche.

Dezidiert gegen die Darstellung einer trotz Autokephalie-Bestrebungen geeinten Orthodoxie wandte sich die Theologin Regina Elsner vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien Berlin. Historisch betrachtet sei die Autokephalie in den seltensten Fällen konfliktfrei vergeben worden. Ein Schlüsselmoment der gegenwärtigen Auseinandersetzung in und mit der Orthodoxie sei die Grundentscheidung, was man unter „Theologie“ verstehe – bzw. ob man Sozialethik als Theologie verstehe. Denn hiermit – so folgt aus Elsners Ausführungen – entscheidet sich letztlich, ob Fragen der politischen Ethik theologische Relevanz beigemessen wird, was dann auch die Haltung von Kirchen zu politischen Entscheidungen als ein theologisches Problem erweist. Trotz jüngerer Aufbrüche sei, so Elsner, die Frage nach dem guten Leben allerdings in der orthodoxen Theologie wenig entwickelt.

Wie aber ist das gegenwärtige theologische Profil der russischen Orthodoxie zu modellieren? Als Phänomen eines bei allen Kontinuitäten dennoch in den zurückliegenden 30 Jahren wahrnehmbaren „Prozesses der Veränderung“ in der Russisch-orthodoxen Kirche (ROK) auf gemeindlicher wie akademisch-theologischer Ebene markierte die – digital zugeschaltete – Religionssoziologin Kristina Stöckl (Universität Innsbruck) die „Öffnung hin zu modernen Themen“ wie demjenigen der Menschenrechte. Kyrill vermittle allerdings den Eindruck, als habe sich in den vergangenen Jahrzehnten nichts gewandelt. Der Züricher Fachjournalist für Religion, Kirche und Gesellschaft Michael Meier charakterisierte seinerseits die vom gegenwärtigen Patriarchen vertretenen Positionen als per se kaum theologisch: Was sich als Theologie ausgebe sei „nationalistisch und ideologisch aufgeladen“ – demgegenüber blieben Aspekte der Kontingenzbewältigung außen vor.

Was bedeuten diese Voraussetzungen für den künftigen ökumenischen Dialog zwischen den westlichen und östlichen Kirchen? Durch die Bank problematisierten die Diskutanten die in den vergangenen Jahrzehnten dominante Fokussierung der evangelischen wie katholischen Kirchen auf die ROK als orthodoxen Gesprächspartner. Thomas Németh, Professor für die Theologie des christlichen Ostens an der Universität Wien sowie Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, warf – gleichfalls digital zugeschaltet – die spannende Frage auf: „Was hat die katholische Kirche und evangelischen Kirchen so an der ROK so fasziniert? Die Größe oder etwas, was einem in der eigenen Kirche fehlt?“

In dieser, aber auch in vielen weiteren Hinsichten verdeutlichte das Berliner Religionsgespräch die Notwendigkeit einer vertieften theologischen Auseinandersetzung mit der und nicht nur über die Orthodoxie. Vor dem Hintergrund der politischen Verwerfungen dieses Jahres mag dabei auch ein Gedanke der Reflexion wert sein, den Heinrich Schlier ausgehend von der Mahnung des Apostels Paulus zur „Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“ (Eph 4,3) formulierte: „Weicht dieser Friede […], dann fällt auch die Einheit dahin. Und umgekehrt: zerbricht die Einheit, dann zerbricht auch der Friede, den die Einheit stützt. Und zwar teilt sich, wie die Geschichte lehrt, die Friedlosigkeit von dem eigentlichen Ort des Friedens, der Kirche, dem Kosmos mit, so daß allmählich auch dort kein Friede mehr geschlossen werden kann. Die zerbrochene Einheit der Kirche ist der Unfriede. Der Unfriede läßt sie und die Welt nicht mehr zur Einheit kommen.“

Erschienen am 13. Oktober 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Nicht abgeschottet

Religiöse Orte entfalten besonders in Krisenzeiten eine soziale Kraft

Von Tilman Asmus Fischer

Unter religionssoziologischer Perspektive stellen die sogenannten „neuen Bundesländer“ einen spannenden Betrachtungsgegenstand dar: Zählten die christlichen bzw. evangelischen Kirchen zu den zentralen Akteuren der friedlichen Revolution, so kommt der Osten der Bundesrepublik heute vor allem unter dem Schlagwort der Säkularisierung in den Blick – nebst dem Harder eines Teils der Alteingesessenen mit der migrationsbedingten weltanschaulichen Pluralisierung. Dieser spannungsreiche Befund war am 6. September Gegenstand der Podiumsdiskussion „Glaube verbindet? Religion im Wandel“, zu der die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Zukunftswerkstatt Einheit“ nach Berlin eingeladen hatte.

Unter der Moderation von ARD-Hörfunkkorrespondentin Vera Wolfskämpf diskutierten die evangelischen Theologen Gregor Hohberg, Ilse Junkermann und Ellen Ueberschär sowie der Islamwissenschaftler Yunus Yaldiz manches Altbekannte vom Verdienst der Kirchen um die Wiederbereinigung bis zu den religionspolitischen Herausforderungen der Postmoderne. In der Zusammenschau ergaben sich jedoch immer wieder neue Perspektiven und Einsichten, die – auch für den mit den Themenkreisen vertrauten Zuhörer – einen inhaltliche Mehrwehrt erbrachten. Dies mag vielleicht in besonderer Weise für die Akzentuierung der gesellschaftlichen Bedeutung religiöser Orte gelten, die sich wie ein roter Faden durch die Diskussion zog.

Hatte die Moderation zunächst mit einem impliziten Gegensatz zwischen Spiritualität und politischem Engagement kokettiert, so machten sowohl Hohberg, Pfarrer und Initiator House of One, als auch Ueberschär, Vorstand der Stephanus-Stiftung, demgegenüber die konstitutive Verbundenheit zwischen beiden Aspekten in den Wendejahren deutlich. Hohberg, der die Zeit ebenso wie Ueberschär als angehender Theologe in der DDR erlebte, betonte, dass die Öffnung der kirchlichen Räume für Oppositionsgruppen gerade „aus einer Glaubensüberzeugung heraus“ erfolgt sei. Er markierte es als bemerkenswert, dass die selbst unter politischem Druck stehende Kirche „sich nicht abgeschottet hat, sondern es geschafft hat, einen Freiraum zu schaffen für Leute, die anders dachten, die anderes wollten, die anderes im Blick hatten als der Staat“. Ueberschär verwies auf die hierüber hinausgehende „Tradition des Protestantismus, sich in öffentliche Angelegenheiten einzumischen. Denn der Glaube findet ja nicht hinter den Kirchenmauern statt, sondern im Alltag.“ So habe aus „Einzelkämpfern“ ein „Sturm von Menschen“ werden können, „die gesagt haben: So wollen wir nicht leben, weil es nicht der Menschenwürde entspricht, in so einer Diktatur zu sein.“

Junkermann, Leiterin der Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR“ an der Universität Leipzig zog ausgehend von der Rolle der Kirchen in der friedlichen Revolution Parallelen zur Flüchtlingskrise 2015/2016, in der diese wiederum ihre Räume öffneten: als Notunterkünfte und Suppenküchen. In beiden Situationen, so die frühere Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (2009-2019), habe die Kirche gezeigt „welche sozialen Kompetenzen sie in Krisenzeiten hat“. Dabei verwahrte sie sich gegen ein zu idealisiertes Bild „der Kirchen“ in der DDR und erinnerte an Vorbehalte kirchenleitender Persönlichkeiten gegen eine Gefährdung der eigenen Freiräume durch unvorsichtige politische Kooperationen.

Yaldiz, Berater an der Fachstelle Islam im Land Brandenburg, weitete die Perspektive, indem er auf die Bedeutung von Moscheen und Gebetsräumen als soziale Räume verwies: „Die Kirche oder der Gebetsraum ist ein Ort, an dem man sich versammelt, an dem man Dinge diskutiert – manchmal näher am Glauben, manchmal weiter weg vom Glauben.“ Darüber hinaus böten die zur Trägerschaft von Moscheen und Gebetsräumen gegründeten Vereine Muslimen aus autoritären Staaten und Gesellschaften eine Möglichkeit, Demokratie praktisch zu lernen. Auch hier trat im Gespräch die transformative Kraft religiöser Orte zutage – auch und gerade in einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 39/2022.

Das Querfurter Papier: Im Visier der Stasi

Am 29. April 1977 unterzeichneten systemkritische Theologen der evangelischen und katholischen Kirche in Querfurt/Sachsen-Anhalt ein Memorandum über „Frieden und Gerechtigkeit“. Der Theologe Lothar Tautz, damals als Theologiestudent Mitverfasser des Dokuments, sprach mit Tilman A. Fischer über die Entstehung und die Bedeutung des Querfurter Papiers.

Herr Tautz, wie kam es zu Ihrer Beteiligung an dem von der Stasi als „Querfurter Papier“ bezeichneten Memorandum „Frieden und Gerechtigkeit heute“?

Ich studierte Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Naumburg. Die Themen Frieden und Menschenrechte waren für mich und eine ganze Menge anderer, vor allem Theologiestudenten, besonders wichtig – für uns persönlich ganz existenziell, aber auch mit Blick auf die politische Situation in Europa. 1975 hatte die DDR die KSZE-Schlussakte von Helsinki unterzeichnet. Ihr „Korb 3“ beinhaltete wesentliche menschen- und bürgerrechtliche Zusicherungen. Daraus folgerten wir: Dann muss das für uns auch irgendwie gelten!

Was folgte für Sie und Ihre Gleichgesinnten hieraus?

In Naumburg trafen wir uns in der Studentengemeinde, lasen die UN-Charta der Menschenrechte und arbeiteten heraus, dass viele von diesen Rechten bei uns nicht einmal ansatzweise verwirklicht waren. In diese Zeit fallen zwei Ereignisse, die uns alle schockierten: die Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz, den wir in Naumburg persönlich kannten, sowie die Ausweisung von Wolf Biermann und Teilen seines Freundeskreises. In dieser Situation haben wir uns gesagt: Jetzt versuchen wir erstmal, in Naumburg eine Gruppe zu etablieren, die sich intensiv mit den Menschenrechten befasst und das Ziel hat, dazu etwas zu formulieren. Die Charta 77 war dafür unser Vorbild.

Wie fand diese Initiative Anschluss an weitere kirchliche Kräfte, mit denen sie dem Papier seine letztliche Gestalt gaben?

Es war naheliegend, zu fragen, wer in der Kirche – gerade bei denjenigen, die bereits im Pfarramt waren – „auf unserer Seite“ ist. Denn wir wussten, dass die oberen Kirchenfunktionäre eher zurückhaltend waren, was oppositionelle Bestrebungen anbetraf. Da lernte ich Pfarrer Wolfram Nierth kennen, der damals Pfarrer in Schraplau war und mir davon berichtete, dass es in Querfurt einen ökumenischen Arbeitskreis von Pfarrerinnen und Pfarrern gebe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ein Papier zu Menschenrechtsfragen zusammenzustellen.

Ich staunte, welche Themen dort verhandelt wurden – im positiven Sinne alltagslastig aus der Situation der Gemeinden heraus: Ausschluss von Jugendlichen, die sich nicht an der Jugendweihe beteiligten, vom Studium; Ausschluss von beruflicher Karriere für Menschen ohne Mitgliedschaft in einer der Blockparteien; Beschwernisse der Reisefreiheit. Letztes Stichwort kommt dann auch im Querfurter Papier vor.

Dies klingt auf den ersten Blick aber nicht unbedingt nach den ‚großen‘ Themen, die Sie in Naumburg umtrieben.

Ich schlug dem Querfurter Kreis vor, dass wir seitens der Naumburger Gruppe Inhalte aus der Friedensthematik einbringen könnten. Wir haben dann selbst Thesen aufgestellt, die ins Querfurter Papier Eingang gefunden haben. Dabei haben wir das Thema Frieden unter das Stichwort der Versöhnung gestellt und von der individuellen über die gesellschaftliche bis hin zur internationalen Ebene durchdekliniert. Das gipfelt in der Fundamentalkritik: „Friede ohne Versöhnung ist kein echter und bleibender Friede. Er stellt nur die Fortsetzung des Kampfes mit anderen Mitteln dar. Wir können dem Prinzip des Klassenkampfes nicht zustimmen, weil es die Versöhnung mit dem Gegner von vornherein ausschließt.“

Welchen Einfluss konnten Ihre Ideen in der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit erreichen?

Das Papier war von Beginn an mit einer Unterschriftensammlung unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kirchen verbunden, die sich mit seinem Inhalt solidarisierten. Wir hatten gehofft, dass die beiden leitenden Geistlichen – der katholische Bischof Braun und der evangelische Bischof Krusche – sich das Papier zu eigen machen und es über die offiziellen kirchlichen Kanäle, etwa auf Synoden, verbreiten würden. Das alles gelang nicht, vor lauter Angst – wie Krusche selbst eingestand –, Einschränkungen des kirchlichen Gemeindelebens zu riskieren. Hinzu kam, aufgrund der Beteiligung von uns Naumburger Studenten, die Sorge um die Existenz der Kirchlichen Hochschule.

War damit das Querfurter Papier gänzlich wirkungslos?

Nein. Unsere Botschaft gelangte in viele Kirchengemeinden und vor allem Initiativgruppen wie dem Aktionskreis Halle mit Joachim Garstecki. Wichtig war z. B. auch, dass Wolfgang Ullmann, damals Rektor unserer Hochschule, das Papier in die Hand bekommen hatte. Denn gut zehn Jahre später war er an der Ausformulierung derjenigen Programmschrift beteiligt, in der die Initiative „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ von der SED Dialog und Reformen forderte. Damit wurde aufgegriffen, was wir bereits in Querfurt formuliert hatten: „Statt Einübung in den Hass brauchen wir Tränen in Toleranz, statt Abgrenzung Brücken der Verständigung, statt geistiger und materieller Aufrüstung Bereitschaft, füreinander Opfer zu bringen.“

Auch in weiteren programmatischen Papieren vom Ende der 1980er Jahre finden sich Gedanken und Formulierungen, die auf Querfurt zurückgehen. Das zeigt, dass unser Papier zwar keine Massenwirksamkeit entfalten konnte, aber an die richtigen Menschen gelangte, die die Gedanken weiterentwickelten.

Wenn wir heute, weitere 35 Jahre später auf das Querfurter Papier blicken – was sagt es uns im „Heute“ des Jahres 2022?

Versöhnung muss die Grundlage jeglichen menschlichen Zusammenlebens sein. Wenn sie dies nicht ist, kommt es zu Tot und Zerstörung. Wir haben es nach 1990 versäumt, dem Wort der Versöhnung den nötigen Raum zu geben. Menschlich wie politisch hätten wir mit Blick auf den früheren Ostblock viel mehr Kontakte aufbauen und Netzwerke knüpfen müssen. Wir haben ein Versöhnungshandeln versäumt, das vielleicht Kriege hätte verhindern können.

Heute wiederum müssten wir symbolisch eine Pflugschar zu einem Schwert umschmieden; und zwar auch als Friedenshandeln, da es jetzt mit Bonhoeffer gilt, nicht nur die Verletzten unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad in die Speichen zu greifen.

Erschienen in: Glaube + Heimat. Mitteldeutsche Kirchenzeitung 25/2022 und Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 26/2022.

Ein protestantischer Erinnerungsort

Das Theologische Konvikt plant eine Ausstellung zur Geschichte des eigenen Hauses

Von Tilman Asmus Fischer

Als sich der Förderverein „Konvikt Borsigstraße 5“ im Jahre 2018 auflöste, weil sein Vereinszweck – der Erhalt des früheren Sprachenkonvikts und heutigen Theologischen Konvikts – mit der Übernahme der Nutzung durch die Hilfswerksiedlung erfüllt war, übertrug er sein Vermögen auf die neugegründete „Gemeinschaft des Theologischen Konvikt Berlin e.V.“. Dies war mit dem Auftrag der Einrichtung einer öffentlich zugänglichen Ausstellung zur Geschichte des historischen Gebäudekomplexes verbunden. Dieses Vorhaben steht nun bald vor der Vollendung. Ab 2023 soll eine 13teilige Schautafelausstellung im Hof des Konvikts die Geschichte dieses protestantischen Erinnerungsorts dokumentieren.

Die Bedeutung wie die Bedeutungsvielfalt dieses Ortes treten bereits aus der Konzeption hervor: So liegt der Schwerpunkt, dem der zweite Teil der Ausstellung gewidmet ist, auf der kirchen- und zeitgeschichtlich gewichtigsten Epoche – derjenigen des Sprachenkovikts, der staatsunabhängigen kirchlichen Hochschule in den Jahren der SED-Herrschaft. Hier geht es nicht nur um die Aufrechterhaltung eines Raumes freien theologischen Denkens, sondern zugleich um dessen Bedeutung für politisches Engagement aus christlicher Verantwortung. Dies gilt insbesondere für die im Konvikt – unter Beteiligung evangelischer Theologen wie Markus Meckel – vorbereitete Gründung der Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) im Oktober 1989 und das Bündnis „Demokratie Jetzt“, zu dessen Gründern der am Konvikt tätige Kirchenhistoriker Wolfgang Ullmann zählte.

Jedoch geht die Geschichte des Theologischen Konvikts nicht in derjenigen der Opposition gegen die kommunistische Gewaltherrschaft auf. Vielmehr reicht sie zurück in das diakonische Wirken im Berlin der Kaiserzeit. Sie beginnt 1878 mit der Gründung des Waisenhauses „Zoar“, an das sich bald ein Heim für junge alleinstehende Frauen anschloss, die in die Hauptstadt zogen. Dieses Werk war eine der Institutionen, aus denen die Bahnhofsmission in Deutschland hervorging. Zwischen den 1920er und 1950er Jahren waren zwischen der Borsig- und Tieckstraße verschiedene evangelische Institutionen angesiedelt, darunter bereits ein Studentenwohnheim. Studentisches Leben prägt seitdem die gesamte Anlage um die 1898 bis 1900 errichtete Golgathakirche.

Als Kuratorin konnte die Gemeinschaft des Theologischen Konvikt mit der freischaffenden Historikerin Martina Voigt, eine Spezialistin für die Geschichte des Nationalsozialismus mit einem Schwerpunkt auf der Kirche im Dritten Reich, gewinnen. Diese hatte zuletzt im Auftrag der der Landeskirche und der Kirchengemeinde in Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand den 2020 eröffneten Erinnerungsort für Heinrich Vogel im Pfarrhaus von Dobbrikow gestaltet. Der prominente Vertreter der Bekennenden Kirche war nach Ende des Zweiten Weltkriegs Professor an der Kirchlichen Hochschule Berlin, die ihren Sitz in West-Berlin hatte und als deren Ost-Berliner Außenstelle das Sprachenkonvikt firmierte.

Woran es den Initiatoren gegenwärtig noch mangelt, sind historische Aufnahmen der Innenräume bzw. des Studentenalltags früherer Generationen. „Es wäre schon schön, wenn wir zum Beispiel zeigen könnten, wie ein Studentenzimmer in den 1930er oder 1970er Jahren ausgesehen hat“, so Voigt. Frühere Konviktsbewohner und -bewohnerinnen – oder ihre Nachfahren –, die über Fotografien, Zeichnungen oder andere spannende Dokumente der Hausgeschichte verfügen, sind gebeten, diese dem Konvikt zur Digitalisierung und möglichen Verwendung in der Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Weitere Informationen und Kontakt zum Konvikt: www.theologischeskonvikt.de; Ephorus Pfarrer Dr. Volker Jastrzembski: 030 / 53 64 96 81Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 23/2022.

Gotteshaus als Ort der Lokalgeschichte

In der früheren Kleinmachnower Auferstehungskirche entsteht ein Lokalmuseum. Ein Wochenende mit Interviewfilmen eröffnet zeitgeschichtliche Einblicke

Von Tilman Asmus Fischer

Am Karfreitag des Jahres 2018 war die Kleinmachnower Auferstehungskirche entwidmet worden, nachdem durch zuzugsbedingtes Gemeindewachstum der Umzug in ein neugebautes Gemeindezentrum mit Kirchsaal notwendig geworden war. Fast ein halbes Jahrzehnt später kehrt nun wieder Leben in das zwischenzeitlich durch die Kommune erworbene Baudenkmal ein: Auf einen letztjährigen Beschluss der Gemeindevertretung hin entsteht ein Kleinmachnow-Museum. Hiermit entspricht die Politik einem jahrzehntelangen Wunsch aus der Zivilgesellschaft, den bereits seit den 1990er Jahren der Heimat- und Kulturverein Kleinmachnow artikuliert hatte und dessen sich in den vergangenen Jahren zudem die Museumsinitiative Kleinmachnow angenommen hatte. Dritte im Boot ist die Aktionsgruppe Stolpersteine Kleinmachnow. Alle drei Vereine haben ihren Sitz im früheren Gotteshaus im Jägerstieg, wo sie zudem die fortgesetzte Beteiligung der Zivilgesellschaft an dem von der Gemeinde getragenen Museum sicherstellen sollen. Gegenwärtig richten sich die Planungen auf den anstehenden denkmalschutzgerechten Umbau – künftig sollen festangestellte Mitarbeiter den Archiv- und Ausstellungsbetrieb sicherstellen. Hans Schimkönig, zweiter Vorsitzender der Museumsinitiative freut sich, dass damit in absehbarer Zeit ein Museum für diesen „spannenden Ort am Rande Berlins“ entsteht: „Kleinmachnow war nicht nur ein bekannter Wohnort der DDR-Elite, sondern auch zahlreicher Intellektueller und Künstler, wie Schriftstellerin Christa Wolff. Die Ereignisse der Zeitgeschichte hatten immer auch Einfluss auf die Gemeinde – nicht zuletzt nach der Wende, als es viele Konflikte zwischen Hausbewohnern und Alteigentümern gab.“

Noch vor dem Umbau können sich Interessierte einen Eindruck von den bisherigen Sammlungsaktivitäten der Initiatoren (und vom historischen Gebäude) machen: So präsentiert vom 11. bis 26. Juni die Ausstellung „Kleinmachnower Orte im Wandel der Zeit“ die ersten Ergebnisse eines Foto-Sammlungsaufrufs. Einen eigenen Beitrag zur Dokumentation der Lokalgeschichte seit den Jahren des Nationalsozialismus leistet Schimkönig selbst durch den Aufbau eines Zeitzeugenfilmarchivs. Der studierte Regisseur und Drehbuchautor hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Kameramann Marco Casiglieri 24 Interviewfilme von 50 bis 120 Minuten Länge gedreht, in denen je eine Bürgerin bzw. ein Bürger Kleinmachnows zu Wort kommt. „Ziel ist es“, so Schimkönig, „die Menschen ihre Erlebnisse und Perspektiven berichten zu lassen.“ Diese können durchaus in Spannung zueinander stehen, wie sich an den Jahren der DDR zeigt: „Einige haben gelitten, andere haben das System mitgetragen. Alle haben jedoch Ende der 1980er Jahre gemerkt, dass es knirscht – auch die SED-Leute.“ Zur Premiere acht neuer Interviewfilme ist die Öffentlichkeit vom 17. bis 19. Juni im Rahmen eines langen Filmwochenendes in den Jägerstieg eingeladen. Die älteren Filme stehen im Foyer des künftigen Museums auf Tablets zur Verfügung. Es ist dies bereits die zweite Veranstaltung dieses Formats – neben Präsentationen in den Kleinmachnower Kammerspielen.

Einer der Zeitzeugen, die bereits bei einer der früheren Uraufführungen präsentiert worden waren, ist der Naturwissenschaftler Gerhard Casperson, der sich zur Wendezeit in der Bürgerrechtsbewegung und bereits zuvor in der evangelischen Kirchengemeinde engagierte. Mit ihm kommt auch die Kirche als zivilgesellschaftliche Kraft in den Blick – und somit die Heimstatt des künftigen Museums selbst als lokalgeschichtliches Denkmal. Dies nicht nur als Ort der Erinnerung an Treffen der Umweltbewegung, Gemeindeveranstaltungen mit Systemkritikern wie Stefan Heym oder Bürgerversammlungen des Jahres 1989, von denen Casperson zu berichten weiß. Noch heute zeugt in dem Gebäude ein Kunstwerk von der jüngeren Kirchengeschichte: Es handelt sich um ein Kirchenfenster aus Kunstglas. Geschaffen wurde es in den 1980er Jahren von niemand anderem als dem Grafiker Herbert Sander, dem Schöpfer des bekannten Emblems der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“. Dass im Museum Kleinmachnow das Kunstwerk zu sehen sein und über den Künstler informiert werden wird, versteht sich für die Initiatoren von selbst.

2. Langes Filmwochenende im zukünftigen Museum Kleinmachnow: 17. Juni, 17-22 Uhr u. 18./19. Juni, 11-22 Uhr; Jägerstieg 2, Kleinmachnow; Eintritt frei. Weitere Informationen: https://museumsinitiative-kleinmachnow.de/

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 22/2022.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Das Berliner Hugenotten-Museum wartet mit überarbeiteter Dauerausstellung und neuen inhaltlichen Akzenten auf

Über viele Jahre führte das Hugenottenmuseum trotz seiner prominenten Lage im Französischen Dom am Gendarmenmarkt ein Schattendasein innerhalb der Berliner Museumslandschaft; eine Tatsache, deren Gründe einem mit Fragen von Museumskonzeptionen und -gestaltungen vertrauten Besucher rasch offensichtlich wurden. Umso mehr kann man sich mit den Trägern dieser aus zivilgesellschaftlichem Engagement heraus entstandenen Erinnerungs- und Informationsstätte nun freuen, dass nach einer Gebäudesanierung sowie einer – durch die französisch-reformierte Gemeinde, private Spender und vor allem die Lottostiftung ermöglichten – Neugestaltung der Dauerausstellung das Museum merklich aus seinem bisherigen Dornröschenschlaf erwacht ist.

Die neue Dauerausstellung eröffnet umfassend Einblick in die Geschichte der Hugenotten von ihrem Eintreffen als Glaubensflüchtlinge im Hohenzollernstaat bis zur Gegenwart der französisch-reformierten Christen in Deutschland – neues Gewicht legt das Museum aber auch auf die Darstellung der Entstehung und des Erbes der Hugenotten in ihrem französischen Heimatland. Im Fokus der Ausstellung stehen spürbar die Kerngebiete der hugenottischen Ansiedlung in Brandenburg; gleichwohl finden auch die Ansiedlungen in den historischen preußischen West- und Ostgebieten Erwähnung. Zudem hat das Museumsteam bereits mit seiner letzten Sonderausstellung deutlich gemacht, dass es ihm auch um die Hugenotten aus dem weiteren Ostseeraum getan ist: gewidmet war die unter dem Titel „Der große Künstler des kleinen Formats“ stehende Schau im Obergeschoss des Museums dem 1726 in Danzig geborenen Grafiker Daniel Chodowiecki.

Interessenten, die womöglich ob der pandemischen Lage gegenwärtig noch vor einer Reise in die Bundeshauptstadt absehen, sei die attraktive Website, die einen virtuellen Rundgang anbietet, ebenso ans Herz gelegt wie das zur Neueröffnung erschienene und gleichfalls ansprechend gestaltete Buch „Refuge Berlin Brandenburg. Migration und Leben der Hugenotten 1672 bis heute“. Dessen inhaltliche Ausrichtung entspricht den programmatischen Orientierungen, die auch die neue Dauerausstellung prägen; daher erscheint es sachgemäß, an dieser Stelle Buch und Ausstellung gemeinsam zu betrachten. Einem Katalog-Teil vorgeschaltet findet sich eine Aufsatzsammlung, die einen Überblick gibt über „Verfolgung und Flucht der Hugenotten und ihre Aufnahme in Brandenburg-Preußen“ (Susanne Lachenicht) und das Edikt von Potsdam (Matthias Asche) sowie die Geschichte der Französischen Friedrichstadtkirche (Klaus Merten) beleuchtet.

Sodann wird der Band eröffnet von einem Beitrag des Historikers Etienne François, der dazu gewonnen werden konnte, die „Hugenottengeschichte als deutsch-französische und europäische Geschichte“ zu interpretieren. Dies entspricht dem Paradigmenwechsel von einer nationalen zu einer europäischen Geschichtsdeutung, der sich in den zurückliegenden Jahren auch in der Kulturarbeit nach § 96 BVFG durchgesetzt und in der Arbeit der ostdeutschen Landesmuseen bewährt hat. Dem mit der Migration der Hugenotten einhergehenden Kulturtransfer wie der heutigen Bedeutung der in hugenottischer Tradition stehenden reformierten Gemeinden und ihrer Glieder als Mittler zwischen Deutschland und Frankreich spürt auch die Ausstellung nach.

Eine weitere Parallele zur ostdeutschen Kulturarbeit tut sich im Bewusstsein für Fragen der Geschichtsrezeption und Identitätsbildung auf. So nimmt ein Aufsatz von Alexander Schunka „Hugenottische Erinnerungskulturen“ in den Blick. Darum bemüht sich – in einer durchaus selbstkritischen Haltung – auch das Museum, indem es dem Besucher ermöglicht, parallel zur Darstellung des historischen Schicksals der Hugenotten die Herausbildung hugenottischer Selbstdeutungen nachzuvollziehen. Dies gelingt in besonders spannender Weise für das 19. Jahrhundert, in dem hugenottische Identität und deutscher Nationalismus eine aufschlussreiche Amalgamierung erfuhren.

Eine dritte Gemeinsamkeit prägt – erkennbar museumsdidaktisch motiviert – vornehmlich die Dauerausstellung und weniger den Katalog: die Aktualisierung des Themas historischer Vertriebenengruppen durch das Aufzeigen von Bezügen zu aktueller Zwangsmigration. So wird etwa die auf die Flucht mitgenommene Reisetruhe der Familie Bousset mit der Abbildung einer Flüchtlingsgruppe unserer Zeit kombiniert. Abzuwarten bleibt aber noch, wie die zugehörige Medienstation – die wie andere digitale Angebote der Ausstellung leider nicht bis zur Eröffnung fertiggestellt werden konnte – späterhin Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen heutigen und historischen Zwangsmigranten konkretisieren wird.

Somit erscheint auch ein wiederholter Besuch dieses aus dem Dornröschenschlaf erwachten Museum als durchaus reizvoll.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2022.

Raus aus der Enge

Christentum und Vielfalt: Gegenwärtig wird viel über die Rechte bestimmter Gruppen der Gesellschaft gestritten. Was hat die Kirche zum Thema „Identität“ zu sagen? Welches Maß sollten das Eigene und die Vielfalt haben?

Herr Scheller, in „Identität im Zwielicht“ markieren Sie immer wieder Momente von Identitätspolitik in der – vor allem frühen – Kirchengeschichte. Welche Rolle hat Identitätspolitik in der Entwicklung der Christentums gespielt?

Wenig deutete anfänglich darauf hin, dass das Christentum – genauer gesagt: die Christenheit, mit Kierkegaard gesprochen – zum globalen Machtfaktor werden sollte. Immer wieder ist der christlichen Religion ja das unterstellt worden, was Nietzsche „Sklavenmoral“ nannte, also ein Kult der Schwäche – dabei waren die frühen Christen eine durchaus aggressive Bewegung. Die Konstantinische Wende lässt sich als machiavellischer Akt kultureller Aneignung deuten: Eine aufstrebende Identitätsgruppe wurde vom römischen Machtapparat strategisch geschickt integriert. So kam es, um vorläufig bei den fragwürdigen Begriffen zu bleiben, zur Allianz von „Sklavenmoral“ und „Herrenmoral“. Es ging um Macht, Teilhabe, Repräsentation – um Fragen also, die heute im Zusammenhang mit Identitätspolitik intensiv diskutiert werden. Das Beispiel der Christenheit zeigt, dass Machtverhältnisse nicht statisch sind. Was heute noch als marginalisierte Identitätsgruppe gilt, kann morgen caesaropapistische Züge haben.

John Rawls gehört – zumal aufgrund seiner 1971 erschienenen Theorie der Gerechtigkeit – zu den in der christlichen Sozialethik intensiv rezipierten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Welche Bedeutung kommt zentralen Begriffen seines Denkens für Ihre Auseinandersetzung mit Identitätspolitik(en) zu?

John Rawls ist für mich ein Verfechter der Imagination. Die zentrale These des Buches lautet, dass man sich mit Anderen unter einen „Schleier des Nichtwissens“ begeben müsse, um identitätsübergreifende Gerechtigkeitsprinzipien als „überlappenden Konsens“ zu entwickeln. Es gilt, zu imaginieren, man sei nicht man selbst. Identitätspolitik hingegen fokussiert, wenig überraschend, auf das Identifizieren konkreter Realitäten. Das ist wichtig. Aber schlimmstenfalls kaserniert sie Menschen in Identitäten ein: hier die Homosexuelle, dort der Heterosexuelle, hier die Weißen, da die Schwarzen. Sie verfestigt, was sie kritisiert. Imagination kann helfen, diese Kasernen zu schleifen und Menschen in ihrer Potenzialität, in ihren Wünschen und Träumen, in ihren Ambivalenzen ernst zu nehmen – Menschen als Möglichkeitswesen. Hier aber sind die Bessergestellten aufgerufen, den ersten Schritt zu tun.

Bestimmten Akteuren attestieren Sie in Ihrem Buch, exklusive Identitäten „vermittels dogmatischer Lehren zu repräsentieren“ und damit die „unheilvolle Spirale des identitären Kulturkampfs“ auszulösen. Inwieweit hat Identitätspolitik – potenziell – religiöse Züge?

Das hängt davon ab, welchen Wortstamm wir ansetzen: relegere („überdenken“) oder religere („anbinden“)? Im letzteren Fall läuft Identitätspolitik Gefahr, identitär zu werden. Sie verlässt den analytisch-kritischen Bereich und schart eine Gefolgschaft um sich, die vielleicht divers aussieht, aber gleich denkt. Ein homogenes „Denkkollektiv“, wie der Immunologe und Epistemologe Ludwik Fleck es genannt hätte, entsteht. Diese Tendenz gibt es. Im ersteren Fall hätte sie religiöse Züge in einem anderen, aus meiner Sicht befürwortenswerten Sinne: Sie würde Identität ständig überdenken, verkapselte Identitäten auf diese Weise öffnen und nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten betonen. Daran müssen wir arbeiten.

Wie sollten vor diesem Hintergrund die christlichen Kirchen – eingedenk Ihrer Gesellschaftsverantwortung – auf Identitätspolitik als virulentes Phänomen der gegenwärtigen Lebenswelt reagieren?

Vor allem dadurch, dass ihre Repräsentanten christliche, das heißt für mich: nicht zwingend im Petersdom beheimatete Tugenden vorleben, anstatt Sonntagsreden zu halten. Das ist identitätsübergreifend attraktiv, sieht man einmal von rechten Sozialdarwinisten ab, an die sich anzubiedern nicht das Ziel sein darf. Mich interessieren christlich geprägte Unternehmen wie der Maschinenbauer Trumpf, die keine Rüstungsgeschäfte machen und dafür Umsatzeinbußen in Kauf nehmen – practice what you preach! Eine vielfältige, florierende, mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft ist sehr wichtig. Man sollte die Möglichkeit haben, eigenständige Entscheidungen zu treffen und sich eine Nische zu schaffen, anstatt sich vatikanöser Konzernlogiken fügen zu müssen. Die christlichen Kirchen sollten auf entsprechende liberale Vielfalt an der ökonomischen Basis und auf Aufstiegschancen durch unternehmerisches Handeln, das ja gerade unter Migranten beliebt und verbreitet ist, pochen – damit nicht nachträglich mit identitären Quoten künstliche Vielfalt geschaffen werden muss.

Das Gespräch führte Tilman A. Fischer

Zur Person: Jörg Scheller, 1979 in Stuttgart geboren, ist Kunstwissenschaftler, Buchautor und Pop-Akademiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Scheller bringt sich mit Analysen und Kommentaren regelmäßig in politische Debatten ein. Er warnt vor einer neuen Salonfähigkeit rechter Ideologie.

Wie eine offene Gesellschaft gelingen kann

Jörg Scheller sucht in seinem Buch „Identität im Zwielicht“ Auswege aus der Falle der Überbetonung des Eigenen

Identitätspolitische Programme sind nicht nur in Zivilgesellschaft und Politik en vogue, sondern werden auch zunehmend in Kirche und Theologie rezipiert. Das reicht von der Frage, ob die Schriftsprache der Kirchenzeitungen erst durch Sternchen ‚gerecht‘ wird, bis hin zu der unlängst erhobenen Forderung nach einer Quote für People of Color („nicht-weiße“ Personen) in der Institution Kirche. Derlei ist stets umstritten. Das neue Buch des Kunsthistorikers Jörg Scheller „Identität im Zwielicht“ verhilft dazu, eine differenzierte Haltung zu den unterschiedlichen Identitätspolitiken zu entwickeln.

Die Leitdifferenz, die er hierzu anbietet, ist diejenige zwischen einer „deskriptiv-analytischen“ – und damit konstruktiven – sowie einer „präskriptiv-ideologischen“ – folglich destruktiven – Verwendung von Identitätspolitik. Im ersten Fall geht Identitätspolitik der Frage nach, „wie Menschen ihre eigene Identität und die von anderen konstruieren“, und verhilft so zu „Grundlagen für seriöse Theoriebildung, zivilgesellschaftliches Engagement und politische Entscheidungsfindungen“. Im zweiten Fall hingegen wird sie dazu verwendet, „Menschen eine Identität zu- oder vorzuschreiben“, und birgt somit die Gefahr, dass Identitäten für Kulturkämpfe instrumentalisiert werden.

Während die erste Anwendung von Identitätspolitik dem Gedanken einer offenen Gesellschaft entspricht, stellt zweite für diese geradezu eine Bedrohung dar. Sich hiergegen zur Wehr zu setzen, ist Schellers erkennbares Anliegen – und damit ist sein Buch nicht nur als Einführung in identitätspolitische Diskurse zu verstehen, sondern im besten Sinne als Debattenbuch.

In diesem hat dann auch seine Kritik an einer staatlich-bürokratische Überreglementierung unter dem Vorzeichen der Diversity (Vielfalt) ihren Platz: „Ein Staat, der all dies gewährleisten muss, ist überfrachtet und übermächtig; das Individuum und die Zivilgesellschaft hingegen, die immer mehr Aufgaben an ihn delegieren und ihn monströs werden lassen, sind unterfordert.“

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Sonntag. Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 43/2021.

Bischof der geteilten Stadt

Vor der Wende rang Alfred Kardinal Bengsch um Ost und West. Das Porträt eines ‚Theologen der Einheit‘

Von Tilman Asmus Fischer

Zur Zeitgeschichte des Erzbistums Berlin sind gegenwärtig wichtige Veröffentlichungen zu vermerken. Bereits vergangenes Jahr waren posthum die Memoiren Joachim Kardinal Meisners erschienen, der von 1980 bis 1989 Bischof in der geteilten Stadt gewesen war. Heuer unternimmt nun die neue Monografie des Kirchenhistorikers Stefan Samerski den verdienstvollen Versuch, die Lücke zwischen dem umfangreich erforschten Julius Kardinal Döpfner (Berliner Bischof 1957–1961) und Meisner zu füllen: Mit „Alfred Bengsch. Bischof im geteilten Berlin“ legt Samerski zu dessen 100. Geburtstag bzw. dem 60. Jahrestag seiner Inthronisation eine Biografie des wohl prägendsten Berliner Oberhirten der Vorwendezeit vor.

Erzbischof Dr. Alfred Kardinal Bengsch 1978 in Erfurt
(Bundesarchiv, Bild 183-T0924-0004 / Ludwig, Jürgen / CC-BY-SA 3.0)

Das Buch war mit Interesse zu erwarten gewesen, kommt Bensch doch zum einen im kollektiven Gedächtnis des mitteldeutschen Katholizismus die Rolle einer bedeutenden Führungspersönlichkeit zu; zum anderen waren seine ekklesiologisch konservativen Positionen sowie seine politische Abstinenz stets auch Gegenstand deutlicher Kritik. Samerski bedient weder ein hagiographisches Narrativ, noch zeichnet er Bengsch als Dunkelmann. Vielmehr wählt er den Weg einer sachlich-positivistischen Lebensdarstellung, die sowohl die Bedeutung des Kardinals als auch die Ambivalenzen benennt, die sich damit verbanden, als Oberhirte unter den Bedingungen eines kirchenfeindlichen Regimes zu agieren. Dabei stützt sich Samerski auf einen umfangreichen Bestand an Druckerzeugnissen, Archivalien und selbstgeführten Zeitzeugeninterviews. Freilich hat der gewählte Zugriff den Preis, dass bisweilen unterschiedliche Perspektiven der Quellen auf Bengschs Persönlichkeit und Wirken nebeneinander und in Spannung zueinander stehen, ohne gewichtet oder an eine These des Biographen rückgekoppelt zu werden.

Vor allem ist jedoch zu würdigen, dass Samerski nicht der naheliegenden Versuchung erliegt, seine Bengsch-Biografie – aufgrund der Brisanz der ihren Hintergrund bildenden deutschen Teilungsgeschichte – auf die kirchenpolitische Figur zu reduzieren. Vielmehr reflektiert er nachhaltig Bengsch als Theologen sowie die theologischen Motive seines Handelns. Dies gilt zum einen für die bereits früh entwickelte kreuzestheologische Prägung Bengschs. So würdigt Papst Benedikt XVI. als der wohl prominenteste zitierte Zeitzeuge dessen theologisches Profil im Kontext der Nachkriegszeit: „Gegenüber der damals vorherrschenden einseitigen Orientierung an der Inkarnation hat Bengsch das Kreuz als den Richtpunkt der Theologie herausgestellt.“ Zum anderen tritt in dem von Samerski gezeichneten Porträt des Kardinals deutlich die ‚Einheit‘ als zentrales Motiv von Theologie, Ekklesiologie und folglich auch des kirchenpolitischen Wirkens Bengschs hervor. Dies bedeutete nicht zuletzt das permanente Ringen des Erzbischofs um das eine Bistum in Ost und West – also um den Erhalt des kirchenpolitischen Status quo. Dass dieser nicht zuletzt durch eine politische Abstinenz erkauft wurde, die der Oberhirte nicht nur selbst übte, sondern auch in seinem Einflussgebiet rigide durchsetzte, verschweigt der Autor nicht.

Das kirchenpolitische Vermächtnis Bengschs tritt bei Samerski nicht nur hinsichtlich der Diözese des Kardinals, sondern gerade auch unter weltkirchlicher Perspektive in den Blick. Dies gilt zum einen für die ausführlich gewürdigte Beteiligung Bengschs am Zweiten Vatikanischen Konzil. Zum anderen trägt die Lebensdarstellung ganz deutlich die Handschrift ihres – durch wichtige Forschungen zur ostmitteleuropäischen Kirchengeschichte hervorgetretenen – Verfassers, wo in besonderer Weise die Verbundenheit des Berliner Bischofs zu den Geschwistern in anderen Ostblock-Staaten hervorgehoben wird. Diese, sowie die eigene Lage in der „DDR“ brachte ihn Teils in deutliche Opposition zur unter dem Pontifikat Pauls VI. entwickelten vatikanischen Ostpolitik, die über die Köpfe des örtlichen Klerus hinweg auf direkte Verhandlungen zwischen Vatikan und Ostblock-Regierungen setzte. Zudem entwickelte Bengsch, wie Samerski an vielen Beispielen zeigt, eine „persönliche Ostpolitik“ auf der Grundlage persönlicher Beziehungen, nicht nur zum Krakauer Erzbischof und späteren Papst Johannes Paul II., sondern auch in die Tschechoslowakei oder nach Litauen.

Auf Ambivalenzen mag – neben den oben ausgeführten Aspekten – auch hinweisen, was das Buch für die gegenwärtige Diskussion um sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kontext austrägt. Dass diese – tagespolitisch brisante – Passage kurz ausfällt, ist der Tatsache geschuldet, dass das grundlegende juristische Gutachten „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946“ erst kurz vor Fertigstellung des Buchmanuskripts veröffentlicht wurde. Zwei Fallbeispiele, die Samerski nachverfolgt, deuten darauf hin, dass Bengsch in entsprechenden Fällen nicht tatenlos blieb, jedoch auch nicht zu einer Aufklärung im engeren – und erst recht strafrechtlichen – Sinne beitrug. Man wird sich jedoch dem Votum des Biografen anschließen müssen: „Zukünftige historische Studien müssen auch hier Klarheit und Einordnung bringen.“

Das ist auch für einzelne Aspekte der Staat-Kirche-Beziehungen in der DDR unter Bengsch in Anschlag zu bringen und gilt ganz gewiss für den Einfluss der beiden Prälaten Paul Dissemond (1920–2006; Generalsekretär der Berliner Bischofskonferenz) und Gerhard Lange (1933–2018; Beauftragter für die Kontakte zur DDR-Regierung) für die Amtsführung Bengschs. In seinen Memoiren hatte Meisner erhebliche Kritik an deren Staatsnähe und negativer kirchenpolitischer Einflussnahmen erhoben. Leider verzichtet Samerski auf eine tiefergehende Einordnung dieser auch die Amtszeit von Meisners Vorgänger betreffenden Vorwürfe aus kirchenhistorischer Perspektive.

Stefan Samerski, Alfred Bengsch, Bischof im geteilten Berlin, Herder, Freiburg i. Br. 2021. 256 Seiten, ISBN 978-3-451-38820-0, 38 Euro.

In ähnlicher Form erschienen am 7. Oktober 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).