Der Kult um das gute Gewissen

„Werte“ sind in aller Munde – ob in Politik oder Konsumkultur. Für den Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich beeinflussen materielle Faktoren unser Wertesystem. In seinem Ende 2017 erschienenen Buch „Wahre Meisterwerte“ deckt er den elitären Charakter dieser Entwicklung auf. Für ihn ist es daher auch ein Widerspruch, von christlichen Werten zu sprechen. Warum wir in einer Zeit des Konsumprotestantismus leben, darüber sprach mit ihm Tilman Asmus Fischer.

Herr Ullrich, Ihr Buch trägt den Untertitel „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“. Was verstehen Sie unter dieser „Bekenntniskultur“?

Die gegenwärtige Bekenntniskultur ist darin begründet, dass Werte als etwas verstanden werden, das immer wieder neu realisiert, gestaltet und damit manifestiert werden muss. Werte gelten nur als real, wenn man sie sichtbar macht, ja, wenn man sie lebt und zeigt, also demonstriert. Daher besteht die Tendenz, das Handeln als ein Bekennen zu begreifen oder gar auf ein Bekennen zu reduzieren. In der heutigen Wohlstands- und Konsumkultur gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Wertbekenntnisse abzulegen. Das beginnt beim Einkaufen, wenn man sich für Produkte zum Beispiel mit „Fair Trade“-Logo entscheidet. Es geht bei Crowdfunding-Kampagnen weiter und endet mit dem Instagram-Account, auf dem man Bilder postet, die – je nach Milieu – zeigen, wie nachhaltig oder heimatselig man lebt.

Was spricht für Sie dagegen, wenn Menschen ihre Wertevorstellungen klar zeigen?

Bedenklich ist, dass das Bekennen, aber letztlich jegliche Spielart von Wertethik an Voraussetzungen geknüpft ist, die nicht allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Das Manifestieren von Werten verlangt, wie die wenigen Beispiele schon andeuten, materiellen Wohlstand, oft auch Zeit, Bildung, im weitesten Sinne eine kreative Begabung. Nur dann kann ich etwas zeigen und real werden lassen.
Damit aber befördert eine Wertethik nicht nur einen verkürzten Begriff von moralischem Handeln. Vielmehr ist sie vor allem auch nicht-egalitär: In irgendeiner Weise privilegierten Menschen fällt es viel leichter, nach Werten zu leben, als Menschen ohne Geld und Bildung. Damit steht die Wertethik also etwa im Gegensatz zur Kantischen Ethik: Kants Kategorischer Imperativ ermöglicht es jedem Menschen qua Menschsein, ohne weitere Voraussetzungen, sich als moralische Person zu bewähren. Stattdessen leben wir heute in einer Situation, in der es für manche Menschen viel einfacher ist als für andere, sich moralisch gerechtfertigt zu fühlen – im Einklang mit ihren Werten und ihrem Gewissen zu sein.

Mit der Frage nach Rechtfertigung berühren Sie das zentrale Thema der Reformation.

Durchaus. Es haben sich heute vielfach ablassartige Strukturen etabliert: Man kann sich mit dem Konsum moralischer Produkte oder mit der Partizipation an kunstaktivistischen Projekten von schlechtem Gewissen befreien und sich dank seines guten Gewissens anderen auch noch moralisch überlegen fühlen. Dies legt für mich einen Vergleich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen nahe, die im 16. Jahrhundert schließlich zur Reformation geführt haben.

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus für die Gegenwart?

Damals wählte man den radikalen Weg, alle im Lauf der Zeit für einzelne Gruppen entstandenen Heilsprivilegien abzuschaffen. Man stellte klar, dass Gott kein Handelspartner ist, das Heil also nicht von weltlich-materiellen Voraussetzungen abhängt. Die protestantische Theologie mit den Grundsätzen „sola fide“ und „sola gratia“ war getragen von einem egalitären Geist – dem Wunsch nach völliger Chancengleichheit für alle Menschen. Dieses Anliegen scheint mir heute erneut sehr wichtig zu sein: Denn mit der Wertethik dominiert momentan wieder eine nicht-egalitäre Gesinnung.

… und stellt offensichtlich auch eine ethisch-religiöse Herausforderung dar.

In dem Maße, in dem die Wertethik eine Wohlstands- und eine Elitenethik ist, sollte es die Aufgabe der Religion sein, andere Maßstäbe und Kriterien für moralisches Handeln stark zu machen, um all die Menschen zu würdigen, die an Wohlstand und Eliten nicht teilhaben. Es geht darum, die Neigung zu unterbinden, die moralische Dimension eines Handelns daran zu messen, wie viel Aufwand an Geld, Zeit und so weiter dafür verwendet wird. Menschen als moralische Persönlichkeiten sollen nicht danach beurteilt werden, wie kreativ und ressourcenintensiv sie ihre Bekenntnisse zu einzelnen Werten in Szene setzen.

Nimmt die protestantische Kirche die Herausforderung an?

Manche werfen gerade der protestantischen Kirche vor, zu politisch zu sein. Mir hingegen erscheint sie oft zu wenig politisch. Insbesondere Protestanten sollten sich nicht nur an Armut, sozialer Ungleichheit oder Benachteiligungen von Minderheiten stören. Wenn Menschen mit schlechteren materiellen Voraussetzungen auch nur in den Verdacht geraten können, zugleich moralisch minderwertig zu sein, dann sollten Protestanten vielmehr gerade das kritisieren. Es geht nicht darum, einen neuen Klassenkampf vom Zaun zu brechen, aber ich finde es wichtig, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, wie ungleich heute die Chancen verteilt sind, sich als moralisch zu qualifizieren.

Zugespitzt gesagt: Ist die Kirche, die hierzu schweigt, eine Kirche der Elite?

Vielleicht ist sie weniger elitär als manchmal etwas nachlässig und gedankenlos. So wundert es mich, dass Kirchenvertreter mit derselben Selbstverständlichkeit von Werten wie Politiker oder Designer reden. Und wenn sie von „christlichen Werten“ sprechen und damit – wie etwa Margot Käßmann – „Nächstenliebe und Barmherzigkeit“ meinen, dann zucke ich regelrecht zusammen. Gerade in der Kirche sollte man sensibel sein für den Unterschied zwischen Tugenden und Werten.

Wo genau verläuft für Sie dieser Unterschied?

Tugenden sind in jedem Menschen angelegt und können von jedem Menschen, unabhängig von ökonomischen oder anderen Voraussetzungen, praktiziert und geübt werden, wie eben im Fall von Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Werte hingegen lassen sich gerade nicht unabhängig von materiellen Faktoren denken. Tugenden können wir in uns haben, doch um Werte zu verwirklichen, brauchen wir immer günstige äußere Bedingungen.

Aber bewegen sich Christen in tätiger Nächstenliebe nicht immer in einem Grenzbereich zwischen tugendgeleitetem Handeln und der Gefahr, Werte in Szene zu setzen?

Wer Nächstenliebe als Wert begreift, legt schon nahe, denjenigen für moralischer als andere zu halten, der mehr an Hilfsorganisationen spendet, sich eine Kampagne mit großer Medienaufmerksamkeit ausdenkt oder es versteht, sein Engagement mit den passenden Bildern und Hashtags zu kommunizieren. Das alles spielt hingegen keine Rolle, wenn man Nächstenliebe als Tugend begreift. Dann kann die kleinste Geste genauso gut von moralischer Sensibilität zeugen wie eine große Kampagne. Oder um es zugespitzt zu sagen: Von „christlichen Werten“ zu sprechen, ist für mich ein Widerspruch in sich selbst.

Auf welche theologischen Denktraditionen würden Sie diesen Wandel vom egalitären Geist der lutherischen Rechtfertigungslehre zu den aktuellen Tendenzen zurückführen?

Dazu sollte man den Kulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts etwas genauer in den Blick nehmen, wie er nicht zuletzt durch Friedrich Schleiermacher geprägt wurde. Damals hatte der Leitbegriff „Bildung“ eine ähnliche Bedeutung wie heute der Leitbegriff „Werte“. In beiden Begriffen konzentriert sich der Anspruch des Menschen, sich als selbstbestimmtes, aktiv gestaltendes und verantwortungsvolles Individuum zu profilieren, das seine moralischen – oder religiösen – Überzeugungen in alle Lebensbereiche hineinzutragen versucht. Schon damals war diese Haltung nicht mehr egalitär: Jemand mit besseren intellektuellen und sozioökonomischen Voraussetzungen hatte viel mehr Möglichkeiten, sich als guter, integrer Mensch zu verwirklichen und als moralisches Vorbild zu qualifizieren. Heute gilt dies umso mehr.

Erleben wir also einen Kulturprotestantismus 2.0?

Werte werden heute vor allem durch Konsumentscheidungen manifestiert. Der Einzelne versucht, sich durch möglichst differenzierte Auswahlkriterien als vorbildlich zu erweisen, achtet beim Konsum also etwa auf Produktionsbedingungen, Nachhaltigkeit und soziale Faktoren. Konsum ist insofern sogar zur Arbeit geworden, und wer da nicht mithalten kann, gilt schnell als minder wertig. So könnte man – um jene historische Analogie zum Kulturprotestantismus zu fassen – davon sprechen, dass wir aktuell einen Konsumprotestantismus erleben.

Dieses Jahr feiert die Kirche den 250. Geburtstag von Friedrich Schleiermacher. Gibt das Jubiläum auch dazu Anlass, kritisch zu reflektieren, wie bestimmte kulturprotestantische Positionen die Kirche bis heute prägen?

Nachdem das Luther-Jahr 2017 meiner Wahrnehmung nach ziemlich folgenlos für heute notwendige, vor allem sozialpolitische Debatten geblieben ist, hege ich keine zu großen Hoffnungen. Aber ich wünsche mir natürlich, dass man mehr darüber reflektiert, wie protestantisches Denken auch in Zeiten, in denen kaum noch theologisch von „Sünde“ und „Gerechtigkeit“, sondern eher säkular von Schuldgefühlen und gutem Gewissen die Rede ist, relevant sein kann. Der Kult um das gute Gewissen, der gerade in der Konsumwelt, aber insgesamt in unserer werteseligen Gegenwart aufgeführt wird, müsste doch eigentlich jeden protestantischen Theologen zu flammender Widerrede herausfordern.

Wolfgang Ullrich, Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017, 176 Seiten, 18 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 17/2018.

Wolfgang Ullrich: www.ideenfreiheit.wordpress.com

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Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen

Eine Wanderausstellung erinnert an das Zeugnis von Franz Stock.

Von Tilman Asmus Fischer

Warum erinnert eine evangelische Innenstadtkirche in Berlin an das Zeugnis eines katholischen Priesters in der Zeit des Nationalismus? So zeigt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche bis zum 29. April eine vom Franz-Stock-Komitee Deutschland kuratierte Wanderausstellung über „Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“.

Es war im Sommer 2014, als Pfarrer Martin Germer kunsthistorische Recherchen über die Geschichte der Fassade der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nach Chartres führten. Dort hatte der Glasmaler Gabriel Loire die Fenster der Glaswände geschaffen, die das Erscheinungsbild der neuen Gedächtniskirche prägen. In Chartres wurde Germer auf das Wirken des Paderborner Diözesanpriesters Franz Stock aufmerksam, der von 1945 bis 1947 in einem Kriegsgefangenenlager nahe Chartres ein „Priesterseminar hinter Stacheldraht“ leitete, in dem etwa 900 deutsche Kriegsgefangene von deutschen und französischen Theologen unterrichtet wurden. „Schon damals war mir klar: Hierzu müssen wir in Berlin etwas machen“, erinnert er sich.

Für die Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die der Nagelkreuz-Gemeinschaft von Coventry angehört, ist Stock über seine Zeit in Chartres hinaus von Bedeutung, hebt Germer hervor. Denn bereits seit den 1920er Jahren war Stock – entgegen den Zeichen der Zeit – für Brüderlichkeit zwischen Deutschen und Franzosen eingetreten. Initial für dieses Engagement war die Teilnahme an einem internationalen Jugendtreffen für den Frieden 1926 in Frankreich. Gerade ein Jahr nach der nationalsozialistischen Macht-übernahme war er als geistlicher Leiter der deutschen Gemeinde nach Paris entsandt worden. Dort intensivierte er nicht nur seine Kontakte zu Frankreich, sondern nahm sich auch der deutschen Dissidenten an, die nach Frankreich geflohen waren. Nachdem er kriegsbedingt hatte nach Deutschland zurückkehren müssen, konnte Stock nach der Besetzung von Paris durch die Wehrmacht in seine Gemeinde zurückkehren. Zusätzlich wurde er Feldprediger im Nebenamt.

Die Zugehörigkeit zur katholischen Militärseelsorge ermöglichte es ihm, in den Gefängnissen der Wehrmacht inhaftierte Geiseln und Resistance-Kämpfer seelsorgerlich und – unter Inkaufnahme eines enormen persönlichen Risikos – auch praktisch zu unterstützen. Sein Dienst an den Gefangenen beinhaltete auch, fast Tausend von ihnen bis zu ihrer Hinrichtung zu begleiten. „Die Seelsorge an den vielen, die er in den Tod begleitete, geht über das hinaus, was Menschen leisten können“, sagt Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin. Eine Seligsprechung, wie sie seit 2009 vom Erzbistum Paderborn, dem Heimatbistum Stocks, angestrebt wird, würde „diesen Dienst ebenso ehren, wie seinen Einsatz für das ,Priesterseminar hinter Stacheldraht‘.“

An die Lebensstationen von Franz Stock erinnern in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun einzelne – reich bebilderte – Schautafeln. Ergänzt werden sie in Berlin durch weitere Ausstellungsstücke, die neben der Zeit Stocks als Feldgeistlicher auch sein künstlerisches und literarisches Schaffen beleuchten. So beteiligt sich das Archiv des Katholischen Militärbischofs in Berlin mit einzelnen Ausstellungsstücken, die an den Arbeitsalltag der Militärseelsorger erinnern – darunter etwa liturgische Gegenstände aus einem „Feldtornister der Wehrmacht für Feldseelsorge“.

Über dem Altar der Kapelle ist während der Zeit der Ausstellung eine von Stock gemalte Pieta zu sehen, welche die Szene der Kreuzabnahme in ein Gefangenenlager verlegt. Sind im Hintergrund die Türme der Kathedrale von Chartres zu erkennen, erinnert der Stamm des Kreuzes erschreckend an die Pfähle, an denen die von Stock betreuten Häftlinge zur Zeit der Besatzung erschossen worden waren. Weitere Repliken von Gemälden Stocks vermitteln einen Eindruck von den Empfindungen – und der festen Glaubenstreue – des Geistlichen. Zwei Originalausgaben erinnern ferner daran, dass Stock nicht nur als Priester zwischen Deutschen und Franzosen vermittelte. Vielmehr verfasste und veröffentlichte er auch einschlägige Schriften – neben dem selbstillustrierten Buch „Die Bretagne. Ein Erlebnis“ auch eine historische Abhandlung über „Die ersten deutschen Buchdrucker in Paris um 1500“.

Lutz Nehk ist der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche „sehr dankbar, dass sie die Ausstellung nach Berlin geholt hat“. Zwar genieße die Person Franz Stock im deutschsprachigen Katholizismus eine hohe Bekanntheit, anders als im Erzbistum Paderborn gebe es in Berlin jedoch keine eigene Tradition des Stock-Gedenkens: „Daher hatten wir katholischerseits in Berlin die Ausstellung überhaupt nicht im Blick.“ Jedoch sei es eine große Bereicherung, das Leben von Franz Stock vorgestellt zu bekommen – das Leben eines Menschen, der „in Zeiten deutscher Verbrechen viel Gutes getan hat“.

Daher erkennt Nehk in Stocks Zeugnis ein „Signal für unsere Zeit“: Auch wenn heutige Lebenssituationen nicht mit denjenigen im Nationalsozialismus vergleichbar seien, bestehe auch heute für Christen der Auftrag, sich in allen Lagen für ihre Nächsten einzusetzen – „hierin ist Franz Stock Vorbild und Ermutigung“.

„Franz Stock – Pionier der deutsch-französischen Aussöhnung und Zeuge einer grenzenlosen Brüderlichkeit im Namen des Evangeliums“, Bis 29. April 2018, Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz, Berlin-Charlottenburg), täglich 13–19 Uhr.
Weitere Informationen – auch über Begleitveranstaltungen und Führungen unter: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de

Erschienen am 12. April 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

„Wie es wirklich war“

Der Theologe Manfred Lütz präsentiert sein neues Buch zur „Skandalgeschichte des Christentums“ – und zwei Politiker diskutieren über das Fundament Europas.

Von Tilman Asmus Fischer

Einem von ihm diagnostizierten Missstand zu wehren, tritt der Psychiater und katholische Theologe Manfred Lütz mit seinem neuen Buch an: „Christen schämen sich für ihre Geschichte, obwohl sie sie nicht kennen“ – sie schämten sich gewissermaßen vorsorglich. Unter Mitarbeit des Kirchenhistorikers Arnold Angenendt hat Lütz eine kritische Sichtung der Skandalgeschichte des Christentums vorgenommen und nun „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ vorgelegt. Ihr Ziel sei es gewesen, die Geschichte nach aktuellem Forschungsstand so darzustellen, „wie es wirklich war“, so Lütz bei der Buchvorstellung am 28. Februar in Berlin. Hiermit lehnt sich Lütz an das geschichtswissenschaftliche Paradigma Leopold von Rankes (1795-1886) an, Geschichte so zu erzählen „wie es eigentlich gewesen“ sei.

Gregor Gysi und Jens Spahn

Inzwischen ist die Historikerzunft hinreichend skeptisch gegenüber einem solch hochtrabenden Selbstanspruch. Und so brauchte es nicht zu verwundern, dass der Historiker und Luther-Biograf Heinz Schilling in seiner Würdigung des Buches einige Grautöne der europäischen Kirchengeschichte akzentuierte, vor allem mit Blick auf den 30jährigen Krieg. Dabei sei der „eigentliche Skandal“ der „Fundamentalismus, der im Christentum selbst entstanden ist“ und es sei schockierend, wie unter dem Vorzeichen der reinen Lehre „aus der Reformation dieser Glaubenskrieg hervorgegangen ist“.

Trotzdem – vielleicht aber auch gerade weil – Lütz so kühn ist, sich Rankes Motto zu verpflichten, hat sein Buch in jedem Fall das Potenzial, eine Debatte über die Tragfähigkeit des Christentums als geistiges Fundament Europas zu befruchten. Im Rahmen der Buchvorstellung diskutierten hierüber schon einmal Gregory Gysi (Die Linke) und Jens Spahn (CDU) unter der Moderation von Wulf Schmiese mit dem Autor.

Dabei war es gerade Gysi, der – aus agnostischer Perspektive – seine Wertschätzung für die gesellschaftsprägende Kraft des christlichen Glaubens herausstellte: „Wenn es das Christentum nicht gäbe, würde über bestimmte Fragen nicht nachgedacht.“ Mithin wäre eine Moral, die Normen wie etwa Barmherzigkeit beinhalte, ohne eine transzendente Verankerung gegenwärtig kaum allgemeinverbindlich formulierbar – auch nicht durch eine politische Partei wie „Die Linke“.

Einen weiteren Gesichtspunkt – nämlich denjenigen der Ideologiekritik – machte Jens Spahn stark: „Glaube schützt vor Ideologie.“ So laufe, wer im Vertrauen auf das Jenseits stehe und um die Unmöglichkeit menschlicher Selbsterlösung wisse, nicht Gefahr, das Paradies auf Erden schaffen zu wollen und dafür Menschen an die je eigene Theorie anzupassen. Dementsprechend seien für ihn – in Abgrenzung zum früheren SPD-Vorsitzenden Martin Schulz – nicht Institutionen des staatlichen Sozialsystems, wie Kindergärten und Rentenversicherung, sondern moralische Verpflichtungen und verbindliche Beziehungen „tragende Säulen der Gesellschaft“.

Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Herder, Freiburg 2018, 288 Seiten, 22 Euro

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 10/2018.

Was ist Heimat? Was ist Identität?

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk zieht eine persönliche Bilanz zur deutschen Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik

Von Tilman Asmus Fischer

„Da ist unsre Heimat, diese Dinge / bleiben in den Tiefen unserer Seele / Fest und innig mit uns selbst verwachsen, / dass sie nichts vermag von uns zu scheiden; / Selber sind wir alle jene Dinge.“ Worte des Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler stellt Hartmut Koschyk seinem gerade erschienenen Buch „Heimat – Identität – Glaube“ voran. Die Zeilen bringen eine Sensibilität für die Tiefendimension der Begriffe „Heimat“ und „Identität“ zum Ausdruck, die der Politiker Koschyk mit dem Dichter Spitteler teilt.

Eben diese Sensibilität trägt dazu bei, dass das Buch am Ende mehr darstellt, als eine Bilanz deutscher Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik, die der langjährige Bundestagsabgeordnete am Ende seiner Amtszeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (2012–2017) vorgelegt hat. Zwar lässt sich das Werk auch als kundige Überblicksdarstellung zu diesen Themenbereichen lesen. So beginnt der Verfasser etwa mit einem einführenden Kapitel über „Heimat – Nation – Staat im 18. und 19. Jahrhundert“, dem ein gleichermaßen grundsätzlicher Abschnitt über „Die deutschen Heimatvertriebenen im Kontext deutscher und europäischer Teilung und Einheit“ folgt.

Zugleich trägt das Buch jedoch die erkennbare Handschrift eines Menschen, der – als Kind oberschlesischer Heimatvertriebener – von den verhandelten historischen und politischen Fragen selbst unmittelbar persönlich betroffen ist. Zudem schärft der bekennende Katholik Koschyk mit seinem Buch den Blick für die Rolle von Glaube und Kirche für Integration und Identitätspflege sowohl der deutschsprachigen Minderheiten in Osteuropa als auch der ethnischen Minderheiten in Deutschland. Damit ist das Buch gerade für eine kirchliche Leserschaft von großem Interesse.

Auch wenn den Fragen der Vertriebenen, Aussiedler und Minderheiten im politischen Alltag heutzutage eine eher randständige Bedeutung zukommt, gelingt es Koschyk, zu verdeutlichen, dass die einschlägigen Sachverhalte Problemstellungen berühren, die von grundsätzlicher Bedeutung für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt sind: „Heimat, Identität und Glaube helfen den Menschen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern und ihnen selbstbewusst zu begegnen.“

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik, EOS, Sankt Ottilien 2018, 464 Seiten, 19,95 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 9/2018.

Heimat – Identität – Glaube

Hartmut Koschyk legt Rechenschaft ab – und die ungarische Botschaft lud in Berlin zur Buchvorstellung

Nach 27-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag hat Hartmut Koschyk im vergangenen Jahr seine hauptamtliche Tätigkeit in der Bundespolitik beendet. Aus diesem Anlass hat der CSU-Politiker ganz persönlich Rechenschaft abgelegt: über sein Wirken in den vergangenen Jahrzehnten – sowie über Grundfragen und leitende Motive dieses Engagements.

Hartmut Koschyk bei der Buchvorstellung in Berlin
(Foto: Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland)

„Heimat – Identität – Glaube“ – unter diese drei Begriffe hat Koschyk sein frisch erschienenes Buch gestellt, das am 29. Januar auf Einladung von Botschafter Dr. Peter Györkös in der Ungarischen Botschaft in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Auf 464 Seiten bietet die Monographie mehr als einen grundlegenden Beitrag über „Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik“, wie es der Untertitel ankündigt; vielmehr formuliert Hartmut Koschyk aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in der Vertriebenen-, Aussiedler- und Volksgruppenpolitik zugleich weiter ausgreifende Grundeinsichten in die Struktur des politischen Raums und legt ein Bekenntnis ab für eine wertegebundene Politik, die sich den drei Leitbegriffen des Buchtitels verpflichtet sieht.

Dabei „schimmert“ zudem „die Liebe zu den Menschen“ durch, denen Koschyks Engagement – wie der reformierte Theologe und ungarische Minister für Humanressourcen Zoltán Balog in seiner Festrede erklärte – stets gegolten hat. Und so erscheint es nur angemessen, dass drei Repräsentanten der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen in die ungarische Botschaft gekommen waren, um den Autor und sein Buch zu würdigen: der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, sowie der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida.

Alle Redner hoben aus der je eigenen Perspektive die zentrale Bedeutung des Glaubens im Zusammenhang mit „Heimat“ und „Identität“ hervor: In der Nachkriegszeit, so hielt etwa der studierte katholische Theologe Bernard Gaida fest, habe der Glaube geholfen, „Leid zu ertragen“, während er heute den Weg zur Aussöhnung eröffne. Bernd Posselt warnte eindringlich vor der Gefahr, dass Glaube lediglich zur „Requisite der Identität werde“; demgegenüber gehe der Glaube nicht in Traditionspflege auf, sondern müsse Salz und Sauerteig Europas bleiben. So könne etwa das Wort „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, als nachhaltige Begründung für den Minderheitenschutz gelesen werden.

Hartmut Koschyk selbst nutzte seine abschließenden Dankesworte, um drei konkrete Forderungen für die Weiterentwicklung der Minderheitenpolitik zu formulieren: Während er die angehenden Koalitionsfraktionen an das Versprechen erinnerte, ein Expertengremium für Fragen des Antiziganismus zu schaffen, forderte er die anwesenden Vertreter von Politik und Zivilgesellschaft zur Unterstützung der Europäischen Bürgerinitiative „Minority SafePack“ auf. Für die zukünftige Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten regte er schließlich an, diesen Aufgabenbereich „inhaltlich und organisatorisch“ noch zu erweitern.

Tilman Asmus Fischer

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik. EOS-Verlag, Sankt Ottilien 2018. Paperback, 464 S., ISBN 978-3-8306-7881-6, € 19,95.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 2/2018.

Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

Einsatz für Erinnerungskultur und Friedensarbeit

Fünf Fragen an Weihbischof Dr. Reinhard Hauke

Im Interview spricht der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge, Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, über die bleibende Bedeutung des Erbes von Bischof Carl Maria Splett und gegenwärtige Herausforderungen für die katholische Kirche.

In diesem Monat jährt sich zum 120. Mal der Geburtstag des letzten deutschen Bischofs von Danzig, Carl Maria Splett. Welche Bedeutung hat sein Andenken für Deutschland und Polen?

(Foto: Andreas Sturm)

Bischof Splett hat in seiner Zeit versucht, in der Nachfolge der Apostel zu stehen und den Auftrag Jesu weiterzuführen. Er hatte die Diözese Danzig zu leiten, als die nationalsozialistische Macht versuchte, die Kirche und die Diözese in Polen und Deutsche zu spalten. Bischof Splett hat sich bemüht, diesem Willen zu widerstehen und das Evangelium allen zugänglich zu machen, die in seiner Diözese lebten – Polen und Deutschen.

Sie selbst haben am 4. August 2016 gemeinsam mit dem Adalbertus-Werk Bischofsinsignien Spletts während eines Gottesdienstes als Deposit an das Diözesanarchiv der Erzdiözese Danzig übergeben. Wie haben Sie die Begegnungen zwischen alten und neuen Danzigern empfunden?

Die Begegnung fand in einer herzlichen Atmosphäre statt. Ich hatte bei der Begegnung den Eindruck, dass es auch seitens der heutigen Danziger Katholiken und auch seitens des Bistums eine dankbare Anerkennung für die Übergabe der Insignien gibt, weil damit auch ein Stück Bistumsgeschichte wieder zurückgekehrt ist. Ganz konfliktfrei ist vermutlich die Betrachtung des Faktums, dass es auch bei den Danziger Bischöfen eine Zeit mit deutschen Vertretern gab, nicht. Aber hier bin ich zuversichtlich, dass im Laufe der Zeit diese Betrachtung zunehmend spannungsfreier werden wird.

Gegenwärtig sind die deutsch-polnischen Beziehungen großen Belastungen ausgesetzt. Wie stellt sich Ihrer Einschätzung nach das Stimmungsbild im polnischen Klerus mit Blick auf die grenzübergreifenden Beziehungen dar?

Ich weiß, dass es innerhalb des Klerus in Polen auch Stimmen gibt, die mich verwundern und bei denen ich schon die Frage stellen möchte, ob die sich darin darstellende Auffassung mit dem Evangelium kompatibel ist. Ich bin deshalb noch umso mehr dankbar für die am 8. September 2017 veröffentlichte Erklärung der polnischen Bischöfe aus der Kontaktgruppe zwischen der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz, die vor allem den Versöhnungsgedanken stark macht, der schon nach dem 2. Vatikanischen Konzil durch polnische und deutsche Bischöfe formuliert und gestaltet wurde. Unter anderem kann man dort die folgenden Hinweise der polnischen Bischöfe lesen:
„Nach der Erwähnung der schmerzlichen Momente unserer Geschichte und gemeinsamen Beziehungen haben wir ebenso die Pflicht, uns und andere daran zu erinnern, dass während der dunklen Zeit des Kriegszustandes in Polen das deutsche Volk ganz vorn mit dabei war, auf unterschiedliche Weise sehr konkrete materielle und moralische Unterstützung zu leisten, als sich unser Land am Rande einer humanitären Katastrophe befand.“

Gerade die Vertriebenen haben einen großen Beitrag zur Verständigung in den letzten Jahrzehnten geleistet. Umso größer war 2017 die Verwunderung über die Entscheidung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, das Amt des Beauftragten für die Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen abzuschaffen. Wie steht es dem gegenüber um die Perspektiven der katholischen Vertriebenenpastoral?

Sieben Jahrzehnte nach Kriegsende sind die Heimatvertriebenen in Deutschland und in das kirchliche Leben gut eingegliedert. Zentrales Anliegen der meisten von ihnen ist neben dem lebendigen Kontakt zur alten Heimat die Bewahrung ihres leidvollen Schicksals und ihres religiös-kulturellen Erbes im kollektiven Gedächtnis des deutschen Volkes wie auch im Bewusstsein der Kirche. Beides ist Teil der deutschen – und damit auch der europäischen – Identität, Kultur, Geschichte und Kirchengeschichte.
Wenn auch 70 Jahre nach Kriegsende die überdiözesane Sonderseelsorge der Visitatoren im Herbst 2016 endete, werden seitdem zur Bewahrung der Traditionen die Erinnerungskultur und Friedensarbeit der katholischen Vertriebenenverbände durch die Deutsche Bischofskonferenz weiter gefördert und zu ihrer Unterstützung ehrenamtlich tätige Verbands-Präsides, Geistliche Beiräte, ernannt. Für die Bistümer gilt gleichwohl, dass eigene Gottesdienste, die in zeitlichen Abständen regelmäßig oder bei besonderen Veranstaltungen angeboten werden, von den Heimatvertriebenen gerne angenommen und besucht werden. Die Sorge um die kirchliche Beheimatung der Spätaussiedler, die nach der politischen Wende 1989/1990 in die Bundesrepublik Deutschland zugewandert sind, ist weiter wichtig. Diese geschieht nach wie vor in ihrem sozialen Nahraum und stellt eine missionarische Herausforderung für die Pfarrgemeinden und Bistümer dar.

In diesem Monat gedenken wir auch des vor fünf Jahren verstorbenen „Speckpaters“ Werenfried van Straaten. Was sagt uns sein Zeugnis noch heute?

Pater Werenfried van Straaten hat, wie auch Bischof Kaller und Weihbischof Kindermann, in Königstein ein Zentrum geschaffen, durch das die Vertriebenen und besonders die Katholiken eine neue Heimat finden konnten. Sowohl die Versorgung mit Lebensmitteln als auch die Sorge um eine gute Seelsorge lagen den drei Geistlichen am Herzen. Dabei ging es sowohl um die konkrete Hilfe am Tag als auch um die Hilfe mit Langzeitwirkung. Beides ist heute in gleicher Weise gefragt. Hier haben wir kein Recht, eine Obergrenze zu denken und zu fordern. Ein Staat darf sich damit natürlich nicht finanziell und politisch ruinieren, aber die derzeitige Herausforderung ist nach meinem Eindruck weit entfernt davon, unser Land in einen finanziellen und politischen Ruin zu bringen. Was mir jedoch auffällt, ist die Tatsache, dass innerhalb und außerhalb von Kirche plötzlich Themen diskutiert werden, die bislang eine untergeordnete Rolle spielten, wie z. B. das Thema Barmherzigkeit und Selbstlosigkeit. Manchmal wünsche ich mir, dass die Hilfsbereitschaft vom Beginn der Flüchtlingswelle wieder auflebt. Aber sobald staatliche Regelungen greifen, lässt der Elan von Eigeninitiativen nach.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.