Finger in der Wunde

Die Autoren Andreas Kitschke und Matthias Grünzig nehmen die Geschichte der Garnisonkirche in den Blick

Von Tilman Asmus Fischer

Es mag zu den positiven Effekten intensiver geschichtspolitischer Auseinandersetzungen gehören, dass sie zu gleichfalls intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit den zugrundeliegenden historischen Gegenständen anregen. In diesem Sinne dürfen die Erträge der Bauforschung zur Potsdamer Garnisonkirche zu verstehen sein, die der Denkmalpfleger Andreas Kitschke und der Fachjournalist für städtebauliche Fragen, Matthias Grünzig, kürzlich veröffentlicht haben.

Bereits die Titel der Bücher verdeutlichen die jeweiligen Perspektiven und Positionsbestimmungen der beiden Wissenschaftler. „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ – hier spannt Kitschke den großen Bogen der Baugeschichte und präsentiert die kunsthistorische und geschichtliche Bedeutung der Kirche im Durchgang durch die Jahrhunderte. Damit dokumentiert er nicht nur den Beitrag der Garnisonkirche zur historischen Identität Potsdams, sondern trägt seinerseits zugleich zur Sinnstiftung des Wiederaufbaus bei.

„Für Deutschland und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ – durch diese epochale Eingrenzung legt Grünzig den Finger in die Wunde. Das 20. Jahrhundert mit der politischen Instrumentalisierung der Kirche in Weimarer Republik und „Drittem Reich“ auf der einen Seite und partieller Wiederherstellung und Abriss in der Zeit der DDR auf der anderen Seite stellt den empfindlichen Punkt in den laufenden Debatten dar.

Der umfassendere Ansatz Kitschkes wählt unterschiedliche Zugänge zum Gebäude: Zunächst erschließt er die Garnisonkirche als ein Denkmal der Potsdamer Stadt- und Städtebaugeschichte. Den historischen Kontext der Kirche vertieft er, indem er sie in den Zusammenhang der für die Potsdamer Garnison errichteten Kirchenbauten einordnet. Eine grundsätzliche Abhandlung unter Gesichtspunkten der Architekturgeschichte und der historischen Ausstattung der Kirche untermauert ihre kunst- und kulturhistorische Bedeutung. Ergänzt wird sie durch zwei ausführliche Übersichten über historische Ereignisse, die sich mit der Garnisonkirche verbinden, und konservatorische Maßnahmen sowie Umgestaltungen im Laufe der Jahrhunderte.

Dem Ansatz des Verfassers entsprechend erfasst Grünzigs „Für Deutschland und Vaterland“ nicht die Breite an Bedeutungszuschreibungen, die der Garnisonkirche zukommen. Dafür wird die Auseinandersetzung mit den belastenden Aspekten der Geschichte der Garnisonkirche vertieft: Dass die nationalistische Instrumentalisierung der Garnisonkirche bereits vor 1933 ansetzt, verdeutlicht die Darstellung zur Garnisonkirche in der Weimarer Republik. Seiner historischen Bedeutung entsprechend widmet Grünzig dem „Tag von Potsdam“ eine eingehende Analyse, um anschließend die Verstetigung der nationalsozialistischen Vereinnahmung der Kirche bis 1945 zu beschreiben. Das abschließende Kapitel zur Nachkriegszeit beleuchtet unterschiedliche Entwicklungen in Kirche, Politik und Gesellschaft, die dem Abriss vorausgingen.

Letztlich sind es nicht nur geschichtspolitische Konflikte, welche die historische Forschung befördern, sondern deren Früchte wirken ihrerseits auf den erinnerungspolitischen Diskurs zurück. So bringt sich Andreas Kitschke aufgrund seiner Arbeiten immer wieder in die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ein und widerspricht der Verengung ihrer Geschichte auf die Zeit des Nationalsozialismus. Und Matthias Grünzigs Veröffentlichung veranlasste unlängst Manfred Stolpe zur Intervention: Gegenüber den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ betonte er, die Behauptung, dass „die Garnisonkirche beim Wiederaufbau zerstörter Kirchengebäude keine Priorität genossen habe, entspreche ‚nur der halben Wahrheit‘“.

Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte. 400 Seiten, 372 Abb., gebunden. Be.bra, Berlin 2015, 28 Euro.
Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. 383 Seiten, 24 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2017.

Ein Ort der Freiheit

Berlin erinnert sich an das historische Sprachenkonvikt

Von Tilman Asmus Fischer

30 Jahre – vom Mauerbau bis zur Fusion mit der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität und der Kirchlichen Hochschule Zehlendorf – war die Borsigstraße 5 in Berlin Mitte Sitz der unabhängigen kirchlichen Hochschule der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg in ihrer Ost-Region: des Sprachenkonvikts. Seit dem 23. April 2017 erinnert vor dem historischen Gebäudekomplex – welcher der Landeskirche heute als Studentenwohnheim dient – eine Gedenkstele an die historische Bedeutung dieses Ortes.

Wolf Krötke, Vorsitzender des Fördervereins Konvikt Borsigstraße 5, und Markus Meckel vor der Gedenkstele.

Zur feierlichen Enthüllung der Stele hatten sich Vertreter aus Kirche, Politik und Universität eingefunden. Unter den Ehrengästen war auch Markus Meckel, in den 1970erjahren Student am Sprachenkonvikt, Mitbegründer der Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP), 1990 Außenminister der DDR und 1990 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Das Konvikt bezeichnet Meckel als einen „zentralen Ort“ seines Lebensweges, da er unter dem Dach der Kirche einen „offenen, freien Diskurs“ ermöglicht habe – „etwas besonderes in der DDR“ fügt er hinzu. Ein solcher Freiraum sei das Konvikt auch durch die Persönlichkeiten geworden, die ihn prägten – so den Neutestamentler Christoph Demke oder den Dogmatiker Wolf Krötke, der im Rahmen der Feierstunde am 23. April einen Vortrag über „Erinnerungen an das ‚Sprachenkonvikt’ – Perspektiven für die Zukunft“ hielt. Aber auch durch den Lehrbeauftragten für Philosophie Jörg Milbradt und den Philosophiedozenten Richard Schröder.

Ermöglicht wurde die Errichtung der Stele aufgrund der Finanzierung durch den Förderverein des Konvikts und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Als Erinnerungsort reiht sich das Konvikt ein in die „Revolutionsorte“, welche die Robert Havemann Gesellschaft bereits mit entsprechenden Stelen markiert und gewürdigt hat. Damit trägt sie der Berliner ‚Gedächtnislandschaft’ Rechnung: Anders als in Prag mit seinem Wenzelplatz „gibt es in Berlin nicht den einen zentralen Ort“, der an den politischen Umbruch erinnert, betont Markus Meckel, der dem Stiftungsrat der Bundesstiftung vorsteht.

Welche Bedeutung dem Sprachenkonvikt als dezentralem Erinnerungsort der Bürgerrechtbewegung zukommt, weiß Meckel aus eigener Erfahrung: So verabschiedete die SDP, deren zweiter Sprecher er wurde, am 3. Dezember 1989 dort ihre erste Erklärung zur Deutschen Einheit. Im Rahmen einer Tagung des kirchlichen „Arbeitskreises Theologie und Philosophie“ im zu dem Gebäudekomplex gehörenden Gemeindesaal der Golgatha-Gemeinde hatte Markus Meckel im August 1989 bereits erstmals den Aufruf zur Gründung der SDP öffentlich gemacht. Auf der Dachterrasse des Konviktes gab die Initiativgruppe um Meckel und Martin Gutzeit noch vor der Gründung der Partei westlichen Journalisten ein Interview. Gutzeit war damals Assistent des Philosophiedozenten Richard Schröder. Auch andere am Sprachenkonvikt beteiligten sich am „Gründungsfieber der Opposition“ dieser Wochen: Steffen Reiche und Konrad Elmer etwa, sowie Wolfgang Ullmann, Dozent der Kirchengeschichte, der zum Initiatorenkreis der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ gehörte.

Das Konvikt, betont Markus Meckel, ist jedoch nicht nur ein Erinnerungsort der Friedlichen Revolution, sondern vor allem auch des kirchlichen Lebens in der DDR: „Vielen Menschen ist heute die Bedeutung der Freiheit kirchlicher Ausbildung der DDR nicht mehr bewusst.“ Die sowjetische Besatzungsmacht hatte nach dem Krieg – vor dem Hintergrund der „Bekennenden Kirche“ in der NS-Zeit – diese Ausbildungsstätten anerkannt und genehmigt. Heute sei das Bewusstsein für die Geschichte der Kirchen in DDR „in der EKD kaum noch präsent und deren Tradition nicht mehr gegenwärtig“, bedauert Meckel.

Wird sich hieran etwas ändern? „Dazu wird eine solche Stele nicht reichen“, meint Markus Meckel. Jedoch hofft er, dass sie zusammen mit vergleichbaren Initiativen dazu beiträgt, dieses spezifische historische Erbe zu bewahren.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche- Evangelische Wochenzeitung 18/2017.

Rede von Prof. Dr. Wolf Krötke: „Erinnerungen an das ‚Sprachenkonvikt’ – Perspektiven für die Zukunft“

Ohne Ablaufdatum

Staatsleistungen – eine bleibende Herausforderung der Kirchenpolitik

Von Cornelius Wiesner und Tilman A. Fischer

Jahr für Jahr überweisen die Bundesländer einen Betrag von rund 500 Millionen Euro an die beiden Amtskirchen: Staatsleistungen, denen bei flüchtigem Blick keine erkennbare Gegenleistung zugrunde liegt. Immer wieder wird gefragt, ob das ewig so bleiben soll.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Zuletzt strebte die Partei Die Linke im Haushaltsausschuss des Bundestags die Einsetzung einer Expertenkommission beim Bundesfinanzministerium an. Die Kommission hätte die Zahlungen überprüfen und Vorschläge unterbreiten sollen, „welche Konsequenzen der Gesetzgeber in Hinblick auf den zukünftigen Umgang mit der Zahlung von Staatsleistungen aus der Evaluierung ziehen sollte“. Union und SPD stimmten im März gegen den Antrag, die Grünen enthielten sich. Wo genau liegt das Problem?

Vor 200 Jahren wurde jedes kirchliche Amt im heutigen Deutschland durch Landwirtschaft finanziert. Auf nahezu jedem Flecken kirchlichen Landes ruhten Versorgungslasten – Gelder oder Naturalien. Damit Napoleon linksrheinische deutsche Fürstentümer annektieren konnte, wurden diese 1803 kurzerhand mit kirchlichem Land entschädigt. Hierzu wurden vor allem kirchliche Herrschaften ihrer Titel und ihres Eigentums entkleidet und damit auch die Finanzierung der kirchlichen Ämter gekappt. Im Gegenzug wurden die mit dem neuen Land bedachten Herrschaften verpflichtet, weitgehend die Versorgungslasten zu übernehmen. Die heutigen Bundesländer gehen auf diese Herrschaften zurück und behielten die Pflicht zu diesen Staatsleistungen.

Die Verpflichtungen sind über die Jahrhunderte einvernehmlich neu geregelt worden, etwa durch Staatskirchenverträge. Seit 1919 besteht eine verfassungsrechtliche Pflicht, diese Leistungen „abzulösen“, nämlich mit der einmaligen vielfachen Leistung einer Jahreszahlung. Der Bund müsste allgemeine Regeln aufstellen, die Länder dann entsprechende Gesetze erlassen. Nach welchen Prinzipien der Bund solche Grundsätze aufstellen soll, verrät die Verfassung nicht. Der Bund müsste jedenfalls einen ganzen Strauß von Rücksichtnahmen und Freundschaftsregelungen beachten. Auch müsste eine Regelung gefunden werden, welche die Länder überhaupt finanzieren können.

So wäre es „angesichts der Schuldenbremse für viele Bundesländer sehr schwierig, eine komplette Ablösung zu finanzieren“, erläutert Kerstin Griese, Beauftragte der SPD-Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften. Daher könne „der Bund hier nicht mit einer Rahmengesetzgebung voranpreschen“, meint Griese, solange die Länder nicht signalisierten, „die auf die Landeshaushalte zukommenden Folgen tragen zu wollen“.

Ohne Grundsatzgesetz des Bundes können die Länder indes nicht aktiv werden. Auch die genaue Höhe der Verluste, die die Kirchen 1803 zu erleiden hatten und nach denen die Ablösung zu bemessen wäre, ist umstritten. So bleibt der Verfassungsauftrag seit 98 Jahren uneingelöst. Dabei hat es „sowohl auf kommunaler als auch auf staatlicher Ebene bereits vereinzelte ,Ablösevorgänge‘ gegeben, zum Beispiel in Hessen die Rahmenvereinbarung zur Ablösung kommunaler Kirchenbaulasten“, erklärt Franz Josef Jung, Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der Unionsfraktion. Für ihn ist klar: „Ist die Motivation in den Bundesländern vorhanden, können die teilweise sehr komplexen und unterschiedlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Staatsleistungen abgelöst werden – diese Motivation sehe ich aktuell bei den Ländern in der Fläche nicht.“

Inzwischen mehren sich Stimmen, die laut danach fragen, ob mit den seit über 200 Jahren andauernden Leistungen die alte Verpflichtung nicht inzwischen erfüllt ist und der Ablöseauftrag damit obsolet geworden ist – eine Frage, die auch im Antrag der Linken anklingt.

Einer geordneten Ablösung der Staatsleistungen gemäß dem Verfassungsauftrag ist für die EKD denkbar. Heidrun Schnell, Leiterin der Finanzabteilung, erklärt: „Wir stehen dem offen gegenüber und haben wiederholt signalisiert, dass wir zu Verhandlungen bereit sind, bei denen die Interessen der Kirchen angemessen berücksichtigt werden.“

Trotz Vorbehalten gegen den Antrag der Linken fordert auch der Sprecher für Religionspolitik der Grünen-Fraktion Volker Beck eine „Expertenkommission, die die Modalitäten eines Ablösungsgrundsätzegesetzes formuliert“: „Die Umsetzung des Verfassungsauftrages würde mehr Transparenz schaffen und die Chance zur Befriedung einer Debatte bringen, die teilweise erbittert geführt wird und das gesellschaftliche Klima für die Kirchen vergiftet.“

Fortgesetzt wird die Debatte in jedem Fall. „Die Linke wird das Thema weiter auf die Tagesordnung setzen“, kündigt Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion, an: „Spätestens 2019, wenn der Verfassungsauftrag, die Staatsleistungen abzulösen, 100 Jahre alt wird, sollte endlich eine Regelung gefunden sein.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 18/2017.

Westpreußen – ein Land der Reformation

Eine Spurensuche entlang reformationsgeschichtlicher Erinnerungsorte

Von Tilman Asmus Fischer

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die Ereignisse rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen – gerade wie das untere Weichselland – sehr aufschlussreich sein.

Infolge von Flucht und Vertreibung ist Westpreußen heute ein Raum, in dem weitestgehend Katholiken und nur noch eine kleine Schar von Lutheranern leben. Es finden sich freilich noch viele Orte und Kulturdenkmäler, die eng mit der Reformationsgeschichte verbunden sind und darüber hinaus von der Vielfalt protestantischen Lebens im Ostseeraum zeugen. Neun solcher kirchengeschichtlicher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden. Diese Orte vermögen, sowohl die Vielschichtigkeit der ‚Reformation‘ als auch ihre ökumenische Dimension und die unterschiedlichen Ausprägungen dessen zu verdeutlichen, was wir ‚den Protestantismus‘ nennen. Beginnen soll unsere Spurensuche mit grundsätzlichen Überlegungen, ausgehend von der protestantischen Kirche Westpreußens schlechthin.

Oberpfarrkirche St. Marien, Danzig

In ihrem 1929 erschienen Buch „Die Marienkirche in Danzig“ preisen Karl Gruber und Erich Keyser die altehrwürdige evangelische Oberpfarrkirche als „Gotteshaus der Bürger, errichtet durch das einmütige Zusammenwirken der Brüderschaften, Gewerke und Geschlechter“. Diese Perspektive auf die Marienkirche verdeutlicht bereits den enormen Identifikationswert, den Europas größte Backsteinkirche für ihre Stadt hatte. Dies ist umso bemerkenswerter, als hier eine von katholischen Bürgern vor der Kirchenspaltung errichtete Kirche zum Identifikationspunkt einer protestantisch dominierten Bürgerschaft wurde. Ebenso konnten westpreußische Kirchen auch bis in unsere Tage hinein den Kirchenbrief der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen zieren, obwohl die Gotteshäuser mit Kriegsende der katholischen Kirche übergeben worden waren.

Diese Beobachtung erinnert uns an zweierlei Zusammenhänge, die es bei unserer Spurensuche zu bedenken gilt : Zum einen, dass ein Erinnerungsort nicht statisch ist, sondern stets von den Zu- und Überschreibungen lebt, die er im Verlauf seiner Geschichte erhält. Daher stellt unsere heutige Spurensuche auch notwendiger Weise nur eine Bestandsaufnahme von Bedeutungen dar, die einem Denkmal oder Ort unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt – demjenigen der Reformation – Konturen verleihen. Zum anderen weist uns St. Marien darauf hin, dass ein und demselben Erinnerungsort gleichzeitig differierende, wenn nicht gegensätzliche Bedeutungen zukommen können – hier etwa eine deutsche bzw. protestantische oder eine katholische bzw. polnische.

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig (Foto: Diego Delso via Wikimedia)
Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Reformation und Katholizismus

Wenn wir in diesem Sinne nach Orten fragen, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, dann gelangt man auch zu exklusiv katholischen Erinnerungsorten, in denen ein entsprechendes Narrativ der Reformationsgeschichte manifest wird.

Königliche Kapelle, Danzig

Am sinnfälligsten wird dies an der Königlichen Kapelle, die der Marienkirche unmittelbar benachbart ist. Immerhin verdankt diese Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – ihre Existenz der Reformation in Danzig : Nachdem nach und nach alle Kirchen evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde darauf hin die Kaplica Królewska – die Königliche Kapelle – als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in Städten, die sich mehrheitlich zum Protestantismus bekehrten – aber ebenso auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen wie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

Jesuitenkolleg, Deutsch Krone

Der Kontext der katholischen Reaktionen auf den Prozess der Reformation wird wesentlich von der sogenannten Gegenreformation – und damit einer ihrer treibenden Akteurinnen : der Societas Jesu (SJ) – bestimmt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die – letztlich kirchenspaltende – evangelische Reformation selbst in einer Zeit innerkatholischer Reformbewegungen entwickelte und ebenso wenig davon unabhängig gedacht werden kann wie die SJ selbst.

Die Jesuiten entfalteten auch im späteren West- und Ostpreußen rege Aktivitäten und konzentrierten sich – ihrem Gelübde entsprechend – vor allem auf das Bildungswesen. So gründeten sie 1665 auch im damals zu Polen gehörigen Deutsch Krone eines der Jesuitenkollegien. Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung mussten 1672 und 1703 jeweils größere Gebäude bezogen werden. Als der Jesuitenorden 1773 vom Papst aufgelöst wurde, erfolgte die Umwandlung in ein katholisches Gymnasium. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 200 Schüler die Schule. – An dem 1798 bis 1805 errichteten Gebäude des Gymnasiums erinnert heute noch eine Gedenktafel an das ehemalige Jesuitenkolleg.

Zwischen Konflikt und Verständigung

Bereits die vorangegangenen Erinnerungsorte zeigen, dass die westpreußische Reformationsgeschichte eine ebenso protestantisch-katholische wie deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist, in der gerade auch die polnische Krone als Förderer des Katholizismus in Erscheinung tritt. Ein Blick auf zwei weitere Städte des Königlichen Preußen – Elbing und Thorn – verhilft dazu, dieses Bild zu differenzieren. So steht Thorn einerseits für eine blutige, von der polnischen Krone mitgetragene Eskalation der konfessionellen Konflikte im Jahre 1724, andererseits aber auch für die 79 Jahre zuvor durchgeführten Thorner Religionsgespäche, die ebenfalls vom polnischen König initiiert wurden. Einer ihrer zentralen Akteure, der protestantische Ökumeniker Comenius, lebte und wirkte zu dieser Zeit in Elbing. (Diese thematischen Zusammenhänge hat Manfred Richter bereits in der DW-Ausgabe vom April 2016, S. 14f., in größerer Ausführlichkeit erläutert.)

Comenius in Elbing

Der den Böhmischen Brüdern angehörende Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670) genoss bereits zu seinen Lebzeiten europaweite Anerkennung. Sie führte dazu, dass der schwedische Königshof Comenius beauftragte, ein Konzept zur Erneuerung des Schulsystems zu entwickeln. Deshalb kam der Gelehrte 1642 in das schwedisch besetzte Elbing, wo er bis 1648 blieb. Hier verfasste er nicht nur sein Hauptwerk „Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica), sondern unterstützte auch die Vorbereitungen des „Colloquium Charitativum“, das vom 28. August bis zum 22. November 1645 in Thorn stattfand und zur Vermittlung zwischen Katholiken und Protestanten beitragen sollte. Der Elbinger Stadtrat unterstützte Comenius’ Bemühungen und stellte ihm eine Karosse für die Reise nach Thorn zur Verfügung.

Tumult und Blutgericht in Thorn

Die Religionsgespräche führten letztlich allerdings nicht zu konkreten Ergebnissen, und das Verhältnis zwischen den Konfessionen blieb weiterhin angespannt. 1724 ereignete sich dann – wiederum in Thorn – der erwähnte offene Ausbruch der Gegensätze. Nachdem die – maßgeblich von den Jesuiten getragene – Gegenreformation in den vorangegangenen Jahren in der lutherisch dominierten Stadt vorangetrieben worden war, kam es am Fronleichnamstag jenes Jahres zum „Thorner Tumult“, bei dem protestantische Bürger das Jesuitenkloster stürmten und verwüsteten. Nun musste bzw. konnte der polnische König August II. mit aller Härte durchgreifen : Nicht nur, dass sämtliche Hauptkirchen der Stadt der katholischen Kirche übereignet wurden ; vielmehr wurden am 7. Dezember auch ein Bürgermeister und neun Thorner Bürger öffentlich hingerichtet.

Die Erben der Reformation

Die Reformation führte jedoch nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen der lutherischen Lehre und dem Katholizismus, denn der Protestantismus brachte im Laufe seiner Entwicklung auch aus sich selbst eine ganze Reihe unterschiedlicher Denominationen und Minderheiten hervor, von denen hier nur einige exemplarisch vorgestellt werden sollen.

St. Peter und Paul, Danzig

Der nach der lutherischen Reformation bedeutendste Schritt in der weiteren Entwicklung war die Herausbildung der reformierten Konfession. – Nachdem die in der Alten Vorstadt von Danzig gelegene Kirche St. Peter und Paul 1557 lutherisch geworden war, ging sie 1622 an die Danziger Reformierten über. Das calvinistische Bürgertum zeichnete sich vielerorts durch ein ausgeprägtes Erfolgsstreben aus, das Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ scharfsinnig auf seine theologischen Voraussetzungen hin analysiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn wir unter den Gemeindegliedern in St. Peter und Paul späterhin z. B. auch den Kaufmann Johann Uphagen und den bedeutenden Kupferstecher Daniel Chodowiecki entdecken. Die vielleicht bedeutendste Person, die mit St. Peter und Paul in Verbindung steht, ist jedoch der Theologe, Naturwissenschaftler und spätere Entdeckungsreisende Johann Reinhold Forster, der hier als Kandidat wirkte und ins Pfarramt ordinierte wurde.

Heilig Geist-Kirche, Danzig

1817 fasste König Friedrich Wilhelm III. alle lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer unierten Landeskirche zusammen. Diejenigen Gemeinden, die den Zusammenschluss aus theologischen Erwägungen ablehnten, mussten scharfe Verfolgung erdulden. Die aus diesem Prozess 1830 hervorgegangene Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen wurde erst 1845 staatlich anerkannt.

Diese ‚altlutherische‘ Kirche hatte ihren Schwerpunkt in Schlesien, aber in ganz Preußen Anhänger. Während der 1840er Jahre entstand ein eigener Danziger Pfarrbezirk, und 1854 erwarb man die Heilig Geist-Kirche in der Danziger Tobiasgasse 1b. 1943 umfasste die in der früheren Hospitalkirche ansässige Gemeinde 503 Seelen. 1945 wurde die Kirche schwer zerstört. Nach dem Krieg beschlossen die neuen Machthaber dann eine Nutzungsänderung, in deren Folge das Gebäude seit den 1950er Jahren in den Gebäudekomplex einer Grundschule integriert ist.

Heubuden (Kreis Marienburg / Großes Werder)

Mit den Täufern kommt eine protestantische Strömung ins Bild, die in Europa gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern verfolgt wurde. Deshalb flohen im 16. Jahrhundert viele Täufer nach Danzig und in das Umland der Stadt, wo sich zeitweilig auch ihr Anführer und Namensgeber Menno Simons aufhielt. Einer der Orte, an denen die Glaubensflüchtlinge aus dem flämischen, niederländischen, friesischen, und oberdeutschen Raum ansässig wurden, war Heubuden in der späteren Freien Stadt Danzig. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte sich dort das Niederländische als Gottesdienstsprache gehalten. 1768 erhielt Heubuden eine eigene Kirche, und Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gemeinde Heubuden-Marienburg in Marienburg ein eigenes Gemeindehaus. 1929 hatte die Gemeinde 1.092 getaufte Glieder. – Heute erinnern in Heubuden eine Gedenktafel an der ehemaligen Mennonitenkirche, vor allem aber der erhaltene, 2,6 Hektar umfassende Mennoniten-Friedhof an die einstigen Einwohner des Ortes.

Slowinzisches Dorf, Klucken (Kreis Stolp, Pommern)

Neben den drei konfessionellen Minderheiten der Reformierten, Altlutheraner und Mennoniten soll zum Schluss noch eine weitere Gruppe berücksichtigt werden: die Slowinzen, bei denen es sich jedoch nicht um eine innerprotestantische Minderheit handelt. Zur Minderheit wurden die Slowinzen innerhalb der westslawischen Bevölkerung des südlichen Ostseeraums vielmehr durch ihr evangelisches Bekenntnis, das mit einer Nähe zur deutschen Kultur einherging. Damit ergänzen die Slowinzen, die in Pommern zwischen Stolp und Leba lebten, das Bild der katholischen Kaschuben.

Am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die große Mehrheit der deutschsprachigen Slowinzen vertrieben. Die slowinzischen Muttersprachler durften in ihrer Heimat bleiben, was freilich das Aussterben des – dem Kaschubischen verwandten – Slowinzischen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermochte. Dies mag man heute umso mehr bedauern, als angenommen werden kann, dass etwa der Konfirmandenunterricht in dieser Region noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in dieser Sprache gehalten wurde. Heute dokumentiert nur noch das Freilichtmuseum „Slowinzisches Dorf“ in Klucken das Leben dieser westslawischen
Protestanten.

Auf dem Weg zu den Erinnerungsorten …

… DANZIG

  • Heilig Geist-Kirche: Szkoła Podstawowa nr 50 im. Emilii Plater, ul. Grobla IV / 8, 80-837 Gdańsk
  • Königliche Kapelle: Sie liegt auf der Rückseite der Marienkirche in der Świętego Ducha, 80-980 Gdańsk
  • St. Marien: Bazylika Mariacka w Gdańsku, Podkramarska 5, 80-834 Gdańsk. Weitere Informationen: http://www.bazylikamariacka.gdansk.pl
  • St. Peter und Paul: Rzymskokatolicka Parafia św. Piotra i Pawła, ul. Żabi Kruk 3, 80-822 Gdańsk

… DEUTSCH KRONE

Jesuitenkolleg: Zespół Szkół nr 1 w Wałczu, Kilińszczaków 59, 78-604 Wałcz

… HEUBUDEN: 82-200 Stogi, Powiat Malborski

… KLUCKEN

Slowinzisches Dorf: Muzeum Wsi Słowińskiej w Klukach, Kluki 27, 76-214 Smołdzino. Das Freilichtmuseum ist ganzjährig geöffnet. Weitere Informationen: http://www.muzeumkluki.pl

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 1/2017.

Zeugen brandenburgischer Geschichte

Stadtjubiläen und ihre Bedeutung für die Kirche

Von Tilman Asmus Fischer

Fehrbellin, Friesack, Glienecke, Kremmen, Luckenwalde, Nuthetal-Saarmund, Oranienburg, Rathenow, Rhinow, Saarmund, Zehdenick in Brandenburg und Jessen in Sachsen-Anhalt – vor 800 Jahren wurden diese Orte erstmals urkundlich erwähnt. Dieses Jubiläum ist – auch in einem säkularen Staat – sowohl für die politischen, als auch die kirchlichen Gemeinden ein Anlass des Gedenkens und Feierns.

Dass weltliches und kirchliches Gedenken zusammenfallen, liegt bereits im Charakter des Dokuments begründet, in dem die Orte ihre erstmalige Erwähnung finden – erläutert Winfried Schich, 1992 bis 2003 Professor für Landesgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin: „Bischof Siegfried II. von Brandenburg stellte am 28. Dezember 1216 eine Urkunde für die Domherren von Brandenburg aus, die mit dem Dompropst an der Spitze das Domkapitel bildeten. Er ließ eine zweite Urkunde weitgehend gleichen Inhalts folgen, die auf denselben Tag datiert, aber wohl wenig später ausgefertigt wurde. Der Bischof bestätigte unter anderem dem Dompropst den mit der Domkirche verbundenen Archidiakonat.“

Was hatte es mit dem Propst und dem Archidiakonat auf sich? „Der Propst nahm als Archidiakon in seinem Sprengel umfassende bischöfliche Rechte wahr“, erklärt Schich. 1161 war die Diözese Brandenburg von Bischof Wilmar in die Archidiakonate Brandenburg und Leitzkau aufgeteilt worden. Die Grenze zwischen beiden wurde anhand von Burgwarden festgelegt, erläutert Schich: „Burgwarde waren Bezirke mit einem zentralen Burgort, über die das Land erfasst und der Landesausbau organisiert wurde.“

Dabei ging die Entwicklung weltlicher und kirchlicher Strukturen Hand in Hand: „Aus den zentralen Burgorten gingen Marktorte mit eigener Pfarrkirche und schließlich Städte und Städtchen hervor“, so Schich: „Die Kirchenorganisation orientierte sich an den Hauptorten der weltlichen Bezirke und wurde mit fortschreitender Aufsiedlung und Christianisierung nach Osten ausgeweitet.“ Dieses Vordringen gegenüber 1161 wird 1216/1217 fassbar und macht die Bedeutung der 800 Jahre alten Urkunde aus: „Bischof Siegfried beschrieb 1216 die Nord-Süd-Ausdehnung, unter anderem mit Jessen und Rhinow“, so Schich, „und fügte im Osten mehrere Burgorte – darunter Luckenwalde und Saarmund – sowie alle Länder und Dörfer hinzu, die innerhalb der genannten Grenzen noch angelegt werden sollten.“ In der zweiten Ausfertigung der Urkunde – vielleicht Anfang 1217 – ergänzte der Bischof im Norden weitere Burgbezirke und Landesmittelpunkte: Rathenow, Friesack, Fehrbellin, Kremmen, Bötzow (seit 1652 Oranienburg), und Zehdenick werden hier erstmals erwähnt.

Heute nehmen die evangelischen Kirchengemeinden regen Anteil an den stadtgeschichtlichen Jubiläen. So zum Beispiel in Luckenwalde: „Das Verhältnis zwischen Stadt und Kirchengemeinde wird von kirchlicher Seite als eng verflochten gesehen“, sagt Pfarrerin Stephanie Hennings von der evangelischen Kirchengemeinde Luckenwalde. Ein Symbol hierfür ist der Glockenturm der Johanniskirche, erläutert sie: „Denn unter Luckenwaldern ist er bekannt als der Marktturm, der sogar das Wahrzeichen der Stadt ist. Dieser Turm wird also in den Augen vieler zuerst mit der Stadt assoziiert und nicht mit der Kirche.“

800 Jahre gemeinsame Geschichte von Stadt und Kirche sind durchaus auch ambivalent: Heute sind Stadt und Kirche Partner im Einsatz „gegen rechtsradikale Gesinnung“, berichtet Hennings. Doch erinnerten sich auch noch viele Gemeindeglieder an das belastete Verhältnis vor 1989, „als Kirchgänger Repressalien aufgrund ihrer Kirchentreue erfahren mussten“.

2016 konnten Stadt und Kirche gemeinsam feiern. Dies taten sie bereits zu Himmelfahrt mit einer ökumenischen Feier und anschließender Umrundung der Stadt auf Fahrrädern und Inlineskatern unter dem Motto „Heaven Skate“. Beim „Turmfestgottesdienst“ auf dem Luckenwalder Marktplatz am 5. Juni wurde gleichfalls der zurückliegenden Jahrhunderte gedacht. Am 13. November schließlich führte der Chor der Kirchengemeinde in der Stadthalle Carl Orffs „Carmina Burana“ auf. Immerhin stammt dessen Text aus der Zeit der Ersterwähnung Luckenwaldes vor 800 Jahren.

In ähnlicher Form erschienen in: Dir Kirche – Evangelische Wochenzeitung 50/2016.

Ernst Hornig – ein widerständiger Christ

Vor 40 Jahren starb der erste Nachkriegs-Bischof der Evangelischen Kirche von Schlesien

Von Tilman Asmus Fischer

1928 wurde der am 25. August 1894 im schlesischen Kohlfurt geborene Ernst Hornig als Pfarrer der Breslauer St.-Barbara-Kirche eingeführt. Wer konnte zu dieser Zeit ahnen, dass sich der junge Theologe als kirchliche Führungspersönlichkeit der schlesischen Protestanten im Nationalsozialismus, im Krieg und in der Nachkriegszeit bewähren sollte?

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Ernst Hornig (Foto: privat)

Nach seiner Schulzeit an Gymnasien in Breslau und Glogau hatte Hornig als Soldat den Ersten Weltkrieg erlebt. Das Studium der evangelischen Theologie führte ihn zwischen 1918 und 1922 nach Halle und neuerlich nach Breslau, bevor er 1923 Vikar in Waldburg wurde. Nach seiner Ordination erhielt er im Folgejahr eine Pfarrstelle in Friedland. Die Breslauer St.-Barbara-Kirche, deren Pfarrer er 1928 wurde und bis 1946 bleiben sollte, war die Wirkungsstätte, von der aus er die Zeit des Nationalsozialismus, Weltkrieges und der Vertreibung bestehen sollte.

Als sich im September 1933 der Pfarrernotbund konstituierte, gehörte Ernst Hornig zu seinen Mitbegründern. Ab 1933 stand er dem schlesischen Pfarrernotbund vor und saß von 1934 sowohl im preußischen Bruderrat als auch im Rat der Bekennenden Kirche Schlesiens. Der Diktatur – und den ihr ergebenen „Deutschen Christen“ – widerstand Hornig in Wort und Tat: Er solidarisierte sich nicht nur mit Amtsbrüdern, deren KZ-Haft er im September 1944 abkündigte – auch rettete er mehrere jüdische Schlesier vor der Verfolgung durch den Staat. Den nationalsozialistischen Machthabern war der Breslauer Pfarrer ein Dorn im Auge: 1934 und 1937 wurde er verhaftet und mehrfach mit juristischen Verfahren überzogen – allein die Abkündigung der inhaftierten Theologen führte zu einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark. 1938 erfolgte schließlich die Ausweisung aus der Provinz Brandenburg und der Reichshauptstadt Berlin.

Dennoch blieb Hornig ein wichtiger kirchenpolitischer Akteur. Nicht zuletzt, als die Schrecken des Krieges Schlesien heimsuchten: Als Breslau 1945 bereits von sowjetischen Truppen eingekesselt war, verhandelte Hornig – der sich dem Evakuierungsbefehl widersetzt hatte – im Mai an der Spitze einer gemeinsamen Abordnung der evangelischen und katholischen Kirche mit dem in Breslau kommandierenden Wehrmachtsgeneral Hermann Niehoff über eine Übergabe der zur Festung erklärten Stadt. Durch die Kapitulation Niehoffs am 6. Mai konnten der Zivilbevölkerung weitere Kampfhandlungen erspart bleiben.

Wie keine andere Person der kirchlichen Zeitgeschichte steht Hornig sowohl für das Ende der historischen preußischen Kirchenprovinz Schlesien, als auch für den Neubeginn des schlesischen Protestantismus im Restteil Schlesiens westlich der Oder-Neiße-Linie, der nach Kriegsende zur Sowjetischen Besatzungszone gehörte: Von 1945 bis zu seiner Ausweisung 1946 führte Hornig noch in Breslau als Vorsitzender die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche von Schlesien und damit die noch in Schlesien verbliebenen deutschen Protestanten.

Nach der Ausweisung beschränkte sich sein Wirken auf den westlich der Neiße gelegenen Teil Schlesiens und seiner Landeskirche. Fortan sollte Görlitz zu seiner neuen Wirkungsstätte werden: Von hieraus war er ab 1946 als Bevollmächtigter des Hilfswerks der Evangelischen Kirche von Schlesien und als Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche der Union (heute Union evangelischer Kirchen) tätig. Am 23. Juli erfolgte seine Berufung zum Bischof durch die Landessynode. In dieser Funktion war er bis 1963 in Görlitz ansässig.

Seinen Ruhestand verbrachte Hornig – befasst mit der publizistischen Aufarbeitung des Kirchenkapfes und der Kirchengeschichte seiner schlesischen Heimat – ab 1964 in Bad Vilbel-Heilsberg. Am 5. Dezember 1976 erlag er den Folgen eines Unfalls.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 49/2016.

Die Reformation als europäisches Phänomen

Aktuelle Perspektiven auf das reformatorische Erbe Ostmitteleuropas

Das Reformationsjubiläum drohe, so formulierte es die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg vor längerer Zeit, als „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert zu werden. Einen wichtigen Beitrag dazu, dass es so nicht zwingend kommen muss, haben das Deutsches Historisches Museum (DHM) und das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) mit einer gemeinsamen internationalen Tagung vom 8. bis 10. März in Berlin geleistet. Sie stand unter dem Titel „Der Luthereffekt im östlichen Europa – Geschichte, Kultur, Erinnerung“ und hatte ihren Ausgangspunkt in dem grundlegenden Vortrag des Leipziger Historikers Prof. Dr. Winfried Eberhard über „Die Rezeption der lutherischen Reformation in Ostmitteleuropa“.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.
St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Diese grenzübergreifende Rezeption verlief äußerst vielfältig, wie Eberhard aufzeigte und durch die weiteren Vorträge der Tagung illustriert wurde: Während sie in Polen friedlich scheiterte – was vor allem auch an der unversöhnlichen Haltung der Lutheraner gegenüber den Reformierten lag –, scheiterte sie in Böhmen gewaltsam an der Unterdrückung durch die katholische Monarchie. Bis heute leben Protestanten in diesen Regionen in der Diaspora. Zu einer Blüte des Protestantismus kam es hingegen in Ungarn, wo er durch Adel und Städte unterstützt wurde, – und im Herzogtum Preußen, das als einer der ersten protestantischen Staaten aus dem säkularisierten Deutschordensstaat entstand.

Diese ganz unterschiedlichen Entwicklungen ‚der Reformation’ waren geprägt durch ebenso unterschiedliche historische Konstellationen: So waren es im Ostseeraum in besonderer Weise Hansestädte, die sich zur protestantischen Avantgarde entwickelten – hatten die europaweit vernetzten Kaufmannsfamilien doch früh Kontakt und Zugang zu reformatorischer Lehre und Schrifttum. Hier wäre für das spätere Westpreußen vor allem an Danzig und Thorn zu erinnern. Diese Querverbindungen im Einzugsbereich der Hanse zeigte Anja Rasche (Speyer / Lübeck) in ihrem Vortrag „Reformation im Hanseraum: Kaufleute, Bücher und Sanktionen“ auf. Währenddessen setzte in Siebenbürgen die Entstehung lutherischer Zentren in Schäßburg, Hermannstadt und Kronstadt die Tolerierung der damaligen osmanischen Besatzer voraus.

Bisweilen wurde reformatorisches Erbe auch noch Jahrhunderte später wirksam: Etwa in Galizien, wo unter Theodor Zöckler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lutherische Gemeinden aufblühten – eine Entwicklung über die Katrin Boeckh (München / Regensburg) referierte (Identitäten und transnationale Netzwerke. Lutheranische Gemeinden in Galizien). So vielfältig wie die jeweiligen historischen Situationen, waren auch die kirchlich Ausformungen, die sich aus ihnen entwickelten: So zählten sich im Siebenbürgen des 16. und 17 Jahrhunderts auch die Dreifaltigkeit leugnende Unitarier zu den theologischen Erben Luthers (Edit Szegedi, Klausenburg / Cluj-Napoca: Luther als Bezugsgröße der siebenbürgischen Reformierten und Unitarier im 16.-17. Jahrhundert). Zugleich führten im Ungarn des 17. Jahrhunderts aus Österreich vertriebene Lutheraner ihr Eigenleben (Peter Ötvös, Szeged: Die lutherischen Exulanten aus Österreich auf ungarischem Boden, ihre Vorhaben und Integrationsversuche).

Die Dimensionen und Perspektiven des Phänomens Reformation, wie es sich im östlichen Mitteleuropa ausprägte, sind so vielfältig, dass sie hier nur ansatzweise benannt werden konnten. Wer sich diesem Zugang zum grenzübergreifenden Erbe unserer Kirchen nicht verschließt, darf sich auf das für 2017 angekündigte Erscheinen des Tagungsbandes von BKGE und DHM freuen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 17/2016.