Von der Borsigstraße nach Schwante

Das Berliner Sprachenkonvikt ebnete der SDP-Gründung in Schwante den Weg

Von Tilman Asmus Fischer

Das Pfarrhaus von Schwante ist mit gutem Recht als Gründungsort der „Sozialdemokratischen Partei“ (SDP) in der DDR in die Geschichte eingegangen. Mit dieser Gründung befreite sich die Sozialdemokratie im östlichen deutschen Staat aus dem Würgegriff der SED-Zwangsvereinigung. Ebenso mit gutem Recht wurde jedoch am 8. September auch an einem weiteren Erinnerungsort, der mit den seinerzeitigen Entwicklungen aufs Engste verbunden ist, der SDP-Gründung gedacht: dem früheren Sprachenkonvikt in der Borsigstraße, Berlin-Mitte.

Das Sprachenkonvikt, ehemals die theologische Ausbildungsstätte in Ost-Berlin (1950–1990/91), heute als Theologisches Konvikt Berlin ein Studierendenwohnheim, war vor und nach Schwante für die Entstehung und Konsolidierung der neuen Partei von größter Bedeutung. Nicht nur, dass es als einer der wenigen Orte offenen und kritischen Denkens in der DDR den geistigen Nährboden für die SDP-Gründung bereitet hatte. Bereits am 26. August 1989 hatte Markus Meckel im Rahmen einer Tagung des „Arbeitskreises Theologie und Philosophie“ im zum Konvikt gehörenden Saal der Golgatha-Gemeinde den Aufruf zur Gründung der SDP öffentlich gemacht. Am 3. Dezember verabschiedeten die Sozialdemokraten im Konvikt ihre erste Erklärung zur Deutschen Einheit.

An diesen Ort hatte am vergangenen Sonntag das heutige Theologische Konvikt Berlin gemeinsam mit SPD und EKBO zu einer feierlichen Abendveranstaltung unter dem Titel „Der Geist von Schwante und das Sprachenkonvikt“ eingeladen. Nach einem Grußwort von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein sprach Richard Schröder, 1977 bis 1991 Philosophiedozent am Sprachenkonvikt und 1990 SDP-Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer, über den „Beitrag der Evangelischen Kirche im Prozess der Demokratisierung“. Anschließend erinnerten sich die beiden SDP-Gründer Martin Gutzeit und Markus Meckel, moderiert von der Journalistin und ehemaligen Konviktualin Jana Münkel, an die wechselvollen Monate der Wendezeit.

Immer wieder wurde in den unterschiedlichen Wortbeiträgen das Ineinander des kirchlichen und politischen Erbes der Jahre 1989/90 deutlich. Trautwein würdigte in ihrem Grußwort die spezifische theologische Tradition, die sich aus der damaligen Freiheitsbewegung herausgebildet habe und die EKBO bis heute präge. Schröder hob in seinem Vortrag besonders den Beitrag der Kirchen in der DDR zum gewaltfreien Widerstand hervor. Dieser führte letztlich zum Erfolg, da die Machthaber – im eigenen Denken gewaltsamer Revolutionen gefangen – hierauf nicht vorbereitet waren: „Eine Revolte hätte die SED sofort niedergeschlagen, denn darauf war sie trainiert.“

Ebenso wie Schröder erinnerte Gutzeit daran, dass sich die Oppositionsbewegung der DDR freilich nicht nur den Kirchen, sondern auch anderen Faktoren zu verdanken hatte – etwa den globalen politischen Entwicklungen, die sich vor allem mit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), blockübergreifende Konferenzen der europäischen Staaten zur Zeit des Ost-West-Konfliktes, verbanden. Was den Kreis um die SDP-Gründer von anderen Teilen der Oppositionsgruppen in der DDR unterschied, war, so Meckel, dass es ihnen nicht nur um eine offene Debatte über die gesellschaftlichen und politischen Missstände ging, sondern darum, selbst konkrete politische Verantwortung zu übernehmen: „Wir sagten: ‚Wir warten nicht, sondern es gilt, die Dinge selber in die Hand zu nehmen.‘“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 37/2019.

Werbeanzeigen

Gefordert ist der „ganze Kerl“

Seit 150 Jahren wirken die Dominikaner in Berlin-Moabit. Inmitten einer Großpfarrei mit Zehntausenden Katholiken evangelisieren sie mit weltkirchlichem Ideenreichtum

Von Tilman Asmus Fischer

„Und da war es, als ob alles ruhig und klar würde, und ich ging mit einem Glücksgefühl nach Hause…“ So erinnert sich Romano Guardini, im Wintersemester 1905/1906 Student der Nationalökonomie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, an sein Berufungserlebnis, das ihm während eines Hochamts in der Kirche des Dominikanerklosters St. Paulus in Berlin-Moabit widerfuhr. Hier in der Oldenburger Straße wirkt der Orden der Prediger heuer seit nunmehr 150 Jahren. So, wie dieser Ort vor mehr als 100 Jahren für Romano Guardini – der anschließend Priester und einer der bedeutendsten Religionsphilosophen seines Jahrhunderts wurde – wirksam geworden ist, wollen die Dominikaner auch heute aus dem und für den Glauben wirken.

Und so verstehen sie sich – ganz im Sinne der Neuevangelisation – als aktive Zelle in der Bundeshauptstadt, die mit ihren Angeboten auch über ihren unmittelbaren Stadtteil hinaus ausstrahlt. In einem weitgehend säkularen Lebensraum wie Berlin bedeutet dies, immer wieder neue Wege zu gehen und hergebrachte Strukturen zu überdenken. Leitend ist hierbei für Pater Michael Dillmann, den Prior des Klosters, die immer neue Frage: „Wo kann sich der Orden profilieren? Was kann man aus einem solchen Kloster ,machen‘?“

Seit Anfang des Jahres bildet St. Paulus das Zentrum der neuen Großpfarrei St. Elisabeth, die von Pater Michael geleitet wird. Damit sind die Brüder für die gesamte Pfarrpastoral in sechs Kirchen und für 26.000 Katholiken in Tiergarten und Wedding verantwortlich. Hinzu kommen die Betreuung weiterer Kapellen sowie die Krankenhausseelsorge an der Charité. Bestritten werden diese Aufgaben – neben Haupt- und Ehrenamtlichen in den einzelnen Gemeinden – vom Konvent in St. Paulus, einer internationalen und verhältnismäßig jungen Gruppe von acht Patres: sechs der Ordensmitglieder – von denen der jüngste 37 und der älteste 92 Jahre alt ist – haben das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht; und neben fünf deutschen Brüdern stammen drei aus Polen, Belarus und der englischen Provinz des Ordens.

Allein in der Pfarrkirche St. Paulus besuchen jeden Sonntag in vier Messen mehr als 500 Menschen den Gottesdienst. „Wir legen“, so Pater Michael, „großen Wert auf Predigt und Liturgie, die wir mit besonderer Feierlichkeit begehen.“ Dies gilt gerade auch für die Sonntagabendmesse, die von den jungen Sängerinnen und Sängern der Vokalschola „Ave Florum Flos“ mit vierstimmigen Gesängen in Tradition des Liturgischen Instituts der Dominikaner in Krakau begleitet wird. Einer weiteren Krakauer Inspiration – der dortigen Gruppe „Christus in der Altstadt“ – verdankt sich die Initiative junger Katholiken „Christus in Moabit“, die sich einmal im Monat zur Messe und Anbetung trifft und auf der Straße offen Menschen einlädt, daran teilzunehmen.

Junge Erwachsene anzusprechen, ist auch das Ziel weiterer Angebote, mit denen sich die Brüder zudem an Interessierte über die eigene Pfarrgemeinde hinaus wenden. „Mit unserer ,Dominikanischen Glaubensschule‘ richten wir uns an erwachsene Taufbewerber und Menschen, die sich auf ihre Firmung vorbereiten wollen“, berichtet Pater Michael – doch sei auch willkommen, wer seinen Glauben unabhängig von einem solchen Anlass vertiefen wolle; darunter immer wieder auch Menschen, die beabsichtigten, zur katholischen Kirche zu konvertieren. In dreizehn Sitzungen werden jährlich mit circa 25 Teilnehmern Fragen der Kirchengeschichte, Liturgie, Dogmatik und Ethik sowie der persönlichen Frömmigkeit erörtert. „Am Ende des letzten Jahrgangs standen sechs Taufen in der Osternacht“, so Pater Michael: „Es waren aber auch schon mal mehr.“

Schon jetzt wirken zudem einzelne der Konventsmitglieder außerhalb von Berlin im Namen ihres Ordens: So ist Pater Rodrigo Kahl als Liturgiedozent am Priesterseminar der Petrusbruderschaft in Wigratzbad tätig. Und Pater Thomas Grießbach lehrt als Professor der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart sowie an weiteren deutschen Universitäten Rhetorische Kommunikation beziehungsweise berät Unternehmen wie Bistümer in Fragen der Personal- und Organisationsentwicklung.

Über die Jahrzehnte hinweg haben sich um das Kloster herum weitere Orte kirchlichen Lebens angesiedelt. Dabei ist zunächst an die beiden muttersprachlichen Gemeinden zu denken, die hier Gottesdienste in ungarischer Sprache und nach maronitischem Ritus feiern; hinzu kommen ferner polnische Gottesdienste. In einzelnen Räumlichkeiten des Klosters sind Einrichtungen der Caritas beheimatet, und in der unmittelbaren Nachbarschaft entstanden ein katholischer Hort mit 250 Kindern und eine katholische Grundschule mit circa 400 Schülern. Zudem existieren Dominikanische Laiengemeinschaften, die am geistlichen Leben in St. Paulus teilnehmen.

In den kommenden Jahren soll das Seminarangebot der Dominikaner systematisch ausgebaut werden: Geplant ist die Einrichtung eines „Dominikanischen Zentrums für Katechese und Spiritualität“, das für ganz Berlin neben Vorträgen und Exerzitien auch Ehe- und Taufvorbereitungskurse sowie Trauerbegleitung und Einführungen in die dominikanische Spiritualität und Mystik anbietet. Der Prior weiß, dass diese Vorhaben von den Brüdern viel verlangen – aber so sei das nun einmal: „Evangelisierung fordert den ,ganzen Kerl‘.“

Erschienen am 22. August 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Vom Werden der ersten deutschen Republik

Das Deutsche Historische Museum blickt auf die Weimarer Republik – und am Rande auf das Verhältnis von Staat und Kirche

Herrschaft ist notwendig – jedoch hat kein Mensch ein angeborenes Recht zur Beherrschung anderer Menschen. Von diesen beiden Prämissen ging der böhmisch-österreichische Rechtspositivist Hans Kelsen in seiner theoretischen Begründung der liberalen Demokratie aus, der er die Ideen von Gleichheit und Freiheit zugrunde legte. Angesichts gegenwärtiger Krisenphänomene in der politischen Kultur erschließt eine Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) die demokratietheoretischen und demokratiepraktischen Traditionen der Weimarer Republik – und knüpft dabei programmatisch an ihren großen Verteidiger Kelsen an. So ist bereits der Titel der Ausstellung dem seiner Denkschrift aus dem Jahre 1920 entlehnt: „Vom Wesen und Wert der Demokratie“.

Blick in die Ausstellung: die Wahlurne als Symbol für demokratische Teilhabe. Foto: DHM / David von Becker

Das Bild, das hier von der Weimarer Republik gezeichnet wird, ist anders, als es der Ausstellungsbesucher erwarten dürfte – und eröffnet gerade deshalb neue Perspektiven: Im Zentrum stehen weder die Geburtswehen noch das tragische Ende der ersten parlamentarischen Demokratie auf deutschem Boden. Vielmehr nimmt die Ausstellung demokratische Aushandlungsprozesse in den Blick, innerhalb derer sich die Verfassungs- und Staatsordnung herausbildete. Berücksichtigung finden gleichfalls soziokulturelle Dynamiken – von der Wohnkultur über Frauenemanzipation bis zur Medienrevolution des Radios –, die sich unter den neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entfalten konnten.

Wenn auch nicht an prominenter Stelle, so kommen hierbei doch kontinuierlich Fragen des Verhältnisses von Staat und Kirche zur Sprache – und immer wieder wird auch die Rolle politischer Christen deutlich. Auch wenn die Ausstellung auf eine genauere Würdigung der – bis heute gültigen – religionsverfassungsrechtlichen Bestimmungen der Weimarer Reichsverfassung verzichtet, wird doch die hohe Bedeutung deutlich, die der Religions- und Bekenntnisfreiheit in der Weimarer Republik beigemessen wurde. Genannt wird sie bereits in einem Flugblatt mit dem Regierungsprogramm des Rats der Volksbeauftragten vom 12. November 1918.

Exemplarisch Einblick in religionspolitische Debatten der folgenden Jahre gibt ein eigenständiger Abschnitt, der sich dem Kampf um die Konfessionsschule respektive Einheitsschule widmet. Während die katholische Zentrumspartei auf dem Erhalt ersterer beharrte, forderten Linke und Liberale die Einführung der zweiten. Am Ende standen ein Kompromiss des Nebeneinanders beider Modelle und der Verzicht auf eine reichsweite Regelung. In Person des Priesters und Reichsarbeitsministers Heinrich Brauns kann der kundige Ausstellungsbesucher sich zudem den Einfluss der katholischen Soziallehre auf die Weimarer Sozialpolitik erschließen. Auch wenn die katholische Soziallehre als wichtige zeitgenössische Strömung der christlichen Sozialethik weitestgehend ausgeklammert bleibt, erfährt zumindest eine ihrer wesentlichen Früchte dieser Jahre, die Arbeitslosenversicherung, eine hinreichende Würdigung.

Erstaunlich ist, dass das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, der republikanische und größte Wehrverband der Weimarer Republik, lediglich am Rande Erwähnung findet. Dabei war es mit mehr als drei Millionen Mitgliedern aus dem Umfeld von SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei einer der wichtigsten prodemokratischen politischen Akteure – mit großer Ausstrahlungskraft in die Zivilgesellschaft. In seinen Reihen kämpften auch viele bekennende Christen, vor allem aus dem Kreis der Zentrumsmitglieder, für die Demokratie. Gewiss lässt sich fragen, in welchem Verhältnis die konstitutive Bedeutung für die Weimarer Republik zur Repräsentation in der DHM-Schau steht – zumal wenn demgegenüber dem Themenfeld „Offener Umgang mit Sexualität“, von Markus Hirschfeld bis zur queeren Publizistik der 1920er Jahre, gleich eine eigene Abteilung gewidmet wird.

Weimar. Vom Wesen und Wert der Demokratie. Bis zum 22. September im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2, Berlin-Mitte. Geöffnet täglich 10–18 Uhr. Eintritt: 8/ermäßigt 4 Euro, bis 18 Jahre kostenlos. Telefon: (030) 203 04-0

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 30/2019.

Chronologie des Umbruchs

Eine Schautafelausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung erinnert an die Friedliche Revolution 1989/1990

Von Tilman Asmus Fischer

Vor 30 Jahren brachte der friedliche Protest der – gerade auch von Christen getragenen – Bürgerrechtsbewegung zuerst das Ende der SED-Herrschaft und schließlich die deutsche Einheit. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer haben aus Anlass dieses Jubiläums eine zwanzig­teilige, von Ulrich Mählert, Leiter des Arbeitsbereichs Wissenschaft/Internationale Zusammenarbeit/Archive bei der Bundesstiftung, kuratierte, Schautafelausstellung aufgelegt.

Die Ausstellung zeichnet schlaglichtartig den Weg „Von der Friedlichen ­Revolution zur deutschen ­Einheit“ nach. Sie kann – so die ­Intention der Herausgeber – von öffent­lichen Einrichtungen und anderen Interessierten, wie Kirchen­gemeinden, ­erworben und im Bereich der ­politischen ­Bildung und Öffentlichkeits­arbeit eingesetzt werden. Zudem sind Texte und Bilder auch als zweisprachiges deutsch-englisches Buch erschienen.

Nach einer kurzen Einführung, die die politische Situation im unmittelbaren Vorfeld der Revolution skizziert – zwischen „Scheinstabilität“ des Systems und „Unzufriedenheit“ der Bürgerinnen und Bürger, werden die vom dokumentierten Betrug bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 ausgehenden Entwicklungen beleuchtet. Dabei stehen der Ausreise­bewegung und der organisatorischen Konso­lidierung der Bürgerrechtsbewegung entlarvend dem „Selbstbetrug“ der Staatsführung in Form des 40. Jahrestags der DDR-Gründung sowie die letzten Versuche des Machterhalts durch die SED gegenüber.

Mit der Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989, dem Mauerfall am 9. November 1989, der Stürmung des Ministeriums für Staatsicherheit am 15. Januar und der Volkskammerwahl am 18. März 1990 werden zentrale Daten des ­Umbruchsprozesses in den Blick genommen. Sodann wird über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, den Zwei-plus-Vier-Vertrag sowie den Volkskammerbeschluss über den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes die große Linie des Vereinigungsprozesses nachgezeichnet. Mit dessen formalem Beschluss am 9. Oktober 1990 endet dann auch die Ausstellung. Über QR-Codes auf den einzelnen Tafeln können ausgewählte Zeitzeugen-Interviews aufgerufen und auf dem Smartphone abgespielt werden.

Die Ausstellung bietet jedoch mehr als eine Chronologie des Umbruchs. Sie lädt zudem ein, über dessen weiteren politischen und zivil­gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren. So verweist eine Tafel auf die neural­gischen Punkte der Deutschlandpolitik, die den innerdeutschen wie internationalen ­Diskurs um die Deutschlandfrage prägten. Ebenso werden die Bürgerrechtsbewegung als entscheidender Faktor der „Selbstdemokrati­sierung“ und die facettenreichen Begegnungen und Beziehungen zwischen den Zivil­gesellschaften in Ost und West thematisiert.

Auch wenn dieser Aspekt – dem Überblicks­charakter einer solchen Ausstellung geschuldet – nicht vertieft wird, tritt immer wieder die ­Bedeutung der Kirche als Forum und Faktor der Friedlichen Revolution hervor: als Gast­geber und Unterstützer von Oppositions­gruppen und Ausreisewilligen ebenso wie als Initiator des zivilgesellschaftlichen Protestes, etwa ­ausgehend von Friedensgebeten und Mahn­wachen.

Die Ausstellung (20 Poster im Format DIN A1) kann gegen eine Schutzgebühr von 30 Euro zzgl. Versandkosten erworben werden. Die Plakate werden gerollt geliefert und müssen vor Ort auf eigene Kosten gerahmt, auf Ausstellungsplatten aufgezogen oder auf sonstige Weise präsentiert werden.Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten online: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/revolution89

Ulrich Mählert, Von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit / From Peaceful Revolution to German Unity, Berlin 2019, 112 Seiten, 12 Euro

Erschienen in: Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 28/2019.

Das Kloster begründete blühendes Leben

Wie Kloster und Kirche die Stadt prägten: 1000 Jahre Fuldaer Geschichte

Von Tilmann Asmus Fischer

Es ist gleich ein vierfaches Jubiläum, das Fulda – die Stadt des Bonifatius und Sitz der Deutschen Bischofskonferenz – in diesem Jahr begehen kann. Der Klostergründung durch Sturmius 744 und der Weihe der Ratgar-Basilika vor 1 200 Jahren gilt es ebenso zu gedenken wie der Beisetzung König Konrads I. in Fulda 919 und der Verleihung von Münz-, Markt- und Zollrecht vor 1 000 Jahren. Das letzte der Jubiläen nimmt eine Ausstellung im Vonderau Museum zum Ausgangspunkt, auf das zurückliegende Jahrtausend der Stadt zu blicken.

Auch wenn dies unter einem dezidiert wirtschaftsgeschichtlichen Blickwinkel geschieht, ist die Schau gerade auch unter kirchengeschichtlichen Gesichtspunkten von Interesse. Denn es gelingt ihren Machern immer wieder, die unterschiedlichen Wechselbeziehungen zwischen Kirche- und Wirtschafts- oder Sozialgeschichte zu akzentuieren. Dass dies insbesondere für die Phasen von Mittelalter bis Frühneuzeit der Fall ist, die Kirche hingegen ab dem Zeitalter der Säkularisierung als ökonomischer Faktor in den Hintergrund tritt, braucht nicht zu verwundern.

„Franziskus-Kerzen“, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts

Ausführlich hebt der erste Teil der Ausstellung, der sich der Zeit ab 744 annimmt, die konstitutive Bedeutung der Kirche und ihrer Mission für den Wirtschaftsstandort Fulda hervor, der erst ausgehend von der Klostergründung und der sich in ihrem Umfeld entwickelnden Handwerkersiedlung entstehen konnte. Mit dem kirchlichen Leben an der Fulda verbindet sich die Etablierung eines Metiers, das eine – heute freilich weniger prägende – Konstante des örtlichen Handwerks bildet: der Sakralkunst. Hiervon zeugen als Vertreter der mittelalterlichen Buchkunst oder Malerei etwa ein Sakramentarfragment aus dem 10. Jahrhundert und ein Evangeliar aus dem 11. Jahrhundert; dabei produzierte das Fuldaer Skriptorium nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern exportierte auch prächtige Reliquiare an auswärtige Kirchen.

Als wirtschaftlicher Akteur kommt die Kirche jedoch nicht nur als Produzent und Abnehmer von sakraler Kunst, sondern vielmehr bis zur Säkularisierung auch aufgrund ihrer hoheitlichen Funktion in den Blick. So war die Abtei mit der Privilegierung von 1019 Münzherr – und damit von wortwörtlich prägender Bedeutung. Hiervon vermitteln Fuldaer Münzen unterschiedlicher Epochen einen Eindruck. Zugleich war die kirchliche Herrschaft in Fulda selbst auch in nicht unerheblichem Umfang Auftragnehmer und Abnehmer der örtlichen Wirtschaft – und derjenigen Händler, die seltene Güter aus der Ferne nach Fulda importierten.

Dies beleuchtet in eindrücklichem Maße diejenige Abteilung der Ausstellung, die sich mit der Hofhaltung des Fürstbischofs zu Zeiten des Fürstbistums Fulda befasst: So erfährt der Ausstellungsbesucher, dass der Fürstbischof zum Wohle der städtischen Zünfte den Handel mit auswärtigen Konkurrenzprodukten untersagte – ausgenommen von Gütern, die vor Ort nicht produziert werde konnten, jedoch für die fürstbischöfliche Hofhaltung notwendig waren. Und so stehen in den Vitrinen unter anderem ein Blumentopf mit dem Wappen des Fürstabtes Amand von Buseck, der 1744 von der Fayence-Manufaktur Fulda hergestellt worden war, neben exotischen Raritäten wie einer Koralle und einem Straußenei. Als Förderer der örtlichen Wirtschaft tritt der Fürstbischof sodann auch als Gründer der Städtischen Vorschusskasse 1789 in Erscheinung, die Händlern und Handwerkern in ökonomisch prekärer Lage aushalf. Klar benennt die Ausstellung die Konsequenzen, die das Ende der kirchlichen Landesherrschaft im Rahmen der napoleonischen Umwälzungen für die Stadt hatte: Nach Kriegszerstörungen, Säkularisierung 1802 und mehreren Wechseln der Landesherrschaft kam Fulda 1815 schließlich zum Kurfürstentum Hessen. Damit fehlte ihm nicht nur der frühere Mäzen – der freilich weiterhin als Bischof in Fulda residierte –, hinzukam, dass die Stadt nun in Kurhessen für den neuen Landesherrn von sowohl geographisch als auch ökonomisch randständiger Bedeutung war.

Wie sich die Fuldaer Wirtschaft dennoch – zumal im Zuge der Mechanisierung, später der Industrialisierung in verschiedenen Produktionszweigen – in den kommenden mehr als 200 Jahren behaupten konnte, ist Gegenstand des letzten Teils der Ausstellung. Auch wenn die Kirche hier nicht mehr als ökonomischer und wirtschaftspolitischer Akteur in Erscheinung tritt, bezeugen doch einzelne Konsumprodukte die anhaltende Präsenz von Glaube und Kirche am Oberlauf der Fulda: Es finden sich „St.-Michaels-Kerzen“ mit dem Bild der Michaelskirche auf der Verpackung und „Franziskus-Kerzen“ mit demjenigen des Franziskanerklosters auf dem Frauenberg.

An das noch im 20. Jahrhundert blühende Kunsthandwerk erinnern nicht zuletzt gerade Stücke der Sakralkunst. Und so bleibt am Ende der Ausstellung ein wenig Wehmut, wenn Abendmahlsgeschirr der Gold- und Silberwarenhandlung Rauscher und ein Messbuch der Buchbinderei Fleischmann an zwei Unternehmen erinnern, die – nach auf mehrere Generationen zurückblickender Unternehmenstradition – in den 1980er und 1990er Jahren die Produktion einstellen mussten.

In ähnlicher Form erschienen am 20. Juni 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Informationen zur Ausstellung „1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht: Fulda handelt. Fulda prägt“: http://www.fulda.de

Zwischen Revolution und Reflexion

Ein Aufsatzband der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschließt das „gemeinsame Erbe von Christen und Marx“

Von Tilman Asmus Fischer

2018 wurde auf unterschiedliche Weise anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx das Verhältnis von Christentum und Marxismus beleuchtet. Einen Beitrag aus dem Umfeld der politischen Linken – namentlich der Rosa-Luxemburg-Stiftung – haben die beiden Theologen Michael Ramminger und Franz Segbers mit einem Sammelband vorgelegt, der den programmatischen Titel trägt: „‚Alle Verhältnisse umzuwerfen… und die Mächtigen vom Thron zu Stürzen.‘ Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx“.

Diesem ‚gemeinsamen Erbe‘ wird – nach einer Einführung durch die Herausgeber und den Theologen Kuno Füssel – auf dreifache Weise nachgespürt: Zuerst in einem schlaglichtartigen Rückblick auf das wechselvolle Verhältnis von Kirche und marxistischer Bewegung; dann vermittels Beiträgen zu unterschiedlichen Fragen des gegenwärtigen Diskurses, die sich zwischen Religionsphilosophie, Exegese und Sozialethik bewegen. Abschließend werden exemplarische Formationen der christlichen Marxismus-Rezeption auf den Philippinen sowie in Nord- und Südamerika erörtert. Dabei wird freilich deutlich, dass es sich bei einer ‚christlich-marxistischen‘ Symbiose – wie sie die den Autoren vor Augen stehen mag – eher um ein Zweckbündnis handelt, das gewiss nicht fundamentale Differenzen in Welt- und Menschenbild zu überwinden vermag (und in das sich zu fügen wohl auch nicht jeder Christ willens sein wird).

Den zentralen Ertrag bringt der zweite Hauptabschnitt des Sammelbandes hervor. Wenn die einzelnen Verfasser auch aus unterschiedlichen Disziplinen kommend ihre je individuelle Perspektive fruchtbar machen, lassen sich doch einige grundsätzliche Fragen und Aspekte benennen, die sich als roter Faden durch das Buch ziehen und zum fortgesetzten Nachdenken – und Diskutieren – anregen: Dies gilt vor allem für die Spannung zwischen (politischer) Ethik und christlicher Eschatologie. Denn während es den Autoren gelingt, aus der christlichen Tradition plausibel politische Imperative mit Blick auf gegenwärtige soziale, ökologische und ökonomische Missstände abzuleiten, bedürften die Ambivalenzen menschlicher Selbsterlösungshoffnungen einer tiefergehenden Reflexion als dieser Sammelband liefert.

Demgegenüber wird die marxistische Kritik am Fetischcharakter der Ware aus unterschiedlichen Perspektiven eingehend analysiert und zudem immer wieder ihre Anschlussfähigkeit an theologische Diskurse – vor allem ausgehend von der alttestamentlichen Idolatriekritik – erörtert (z. B. Michael Ramminger: Götzen, Fetische und das Jenseits des Kapitalismus). Mithin erscheint es lohnend, das theologische Nachdenken über den ungebändigten Kapitalismus als lebensfeindliche „Marktreligion“ (so dann auch im Titel des entsprechenden Aufsatzes von Franz Hinkelammert) weiter zu vertiefen; und dies nicht nur, weil es im Trend des gegenwärtigen Pontifikates liegt. Vielmehr eröffnet diese Perspektive entscheidende Einsichten in die Gebrechen und die Erlösungsbedürftigkeit einer vom Materialismus geprägten Gesellschaft. Dass solche Sozialkritik freilich nicht zwingend einen marxistischen Standpunktes voraussetzt, zeigen im Übrigen die wissenschaftlichen Würdigungen der Befreiungstheologie durch Gerhard Ludwig Kardinal Müller, die der Sammelband freilich nicht entsprechend rezipiert. Dies ist umso bedauerlicher, als eine Auseinandersetzung mit Müllers Überlegungen einen erheblichen Beitrag dazu geleistet hätte, in einem stärkeren Maße auch die Spannungen zu bedenken, die zwischen christlichen und marxistischen Vorstellungen einer Weltveränderung bestehen.

Die entscheidendere Schwachstelle des Sammelbandes liegt jedoch bei den zeitgeschichtlichen Beiträgen im ersten Teil des Buches. Es wäre an dieser Stelle eigentlich auch ein Aufsatz zum historischen Schicksal verfolgter Christen im realexistierenden Sozialismus zu erwarten gewesen. Jedoch finden sich als originärer Beitrag für den Sammelband hingegen „Politisch-biografische Anmerkungen einer ehemaligen Pfarrerin in der DDR“ – aus der Feder von Ilsegret Fink, die nicht unbedingt zum systemkritischen Spektrum evangelischer Theologen in der DDR zu zählen ist. Ergänzt werden ihre Ausführungen lediglich durch den gekürzten Nachdruck eines Textes des bereits 2009 verstorbenen Ost-CDU-Funktionärs Günter Wirth (Marxismus, Glauben und Religion in der DDR).

Die Stärken des historischen Rückblicks liegen hingegen in den kirchen- und theologiegeschichtlichen Beiträgen zum 19. und 20. Jahrhundert – vor allem von Franz Segbers, Julia Lis und Hermann-Josef Große Kracht. Segbers (Das Kommunistische Manifest und die Denkschrift der Inneren Mission) und Lis (ChristInnen und SozialistInnen – Gegner oder Bündnispartner? Sozialpolitik und Arbeiterbewegung bei Kolping und Ketteler) geben exemplarisch Einblick in sozialdiakonische Ansätze der katholischen wie evangelischen Kirche des 19. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen unpolitischer Wohlfahrt und Solidarisierung mit der Arbeiterbewegung. Große Kracht („… auf den Schultern von Karl Marx“) spürt sodann den unterschiedlichen Phasen der Marx-Rezeption im Werk des Jahrhunderttheologen und Sozialethikers Oswald von Nell-Breuning SJ nach.

Neuerlich spannt der letzte Abschnitt einen historischen Bogen auf – diesmal vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Neben zwei grundsätzlicheren Beiträgen zu Marxismus und Befreiungstheologie in Lateinamerika von Michael Löwy (Der Marxismus der Theologie der Befreiung) und Nancy Cardoso (Weder Abschrift noch Kopie: Nicht eine weniger. Marxismen in Lateinamerika) geben die Aufsätze von Franz Segbers und Jörg Rieger Einblicke in zwei weniger bekannte Konstellationen einer christlich-marxistischen Symbiose: Während sich Segbers mit der Geschichte der von Rom losgesagten Iglesia Filipina Independiente befasst, zeichnet Rieger die lange Tradition der – zwischenzeitlich in den Hintergrund getretenen – christlichen Linken bzw. des linken Christentums in den USA nach.

Michael Ramminger u. Franz Segbers (Hrsg.): „Alle Verhältnisse umzuwerfen… und die Mächtigen vom Thron zu stürzen.“ Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx, VSA: Verlag, Hamburg 2018, 248 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-89965-790-6.

In ähnlicher Form erschienen am 13. Juni 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Ungarn gerecht beurteilen

Minister, reformierter Pfarrer und Weggefährte Viktor Orbáns: Zoltán Balog im Interview.

Von Tilman A. Fischer

Herr Balog, seit ihrer Gründung begleiten Sie die Arbeit der Fidesz. Worin liegt Ihre persönliche Motivation zum politischen Engagement als Pfarrer?

Es gibt eine historische Motivation aus der evangelisch-reformierten Tradition in Ungarn heraus: In den letzten 450 Jahren musste einerseits um die staatliche Unabhängigkeit gegenüber dem Habsburgerreich und andererseits um Religionsfreiheit gegenüber dem katholischen Haus Habsburg gekämpft werden. Das hat Evangelische immer verpflichtet, im öffentlichen und politischen Leben zu wirken.

Dazu kommt die Zeit des Kommunismus, in der wir von der Diktatur in die vier Wände der Kirche zurückgedrängt wurden – entgegen der christlichen Motivation, das Land mitzugestalten. Solche Einschränkung habe auch ich als Pfarrer erlebt – und war froh, mich dann ab 1989 politisch legal betätigen zu dürfen.

Welche politischen Themen und Vorhaben liegen Ihnen aufgrund dieser christlichen Prägung besonders am Herzen?

Jedem Christen ist die besondere Aufmerksamkeit für die Benachteiligten eine Verpflichtung – das wurde mir gewissermaßen in die Wiege gelegt: Als Dorfpfarrer hat sich mein Vater immer sehr stark um die Armen im Dorf gekümmert und meine Mutter sich besonders um die Roma bemüht. Daher habe ich viele Sonntage so erlebt, dass unser Hof voll von Romakindern war. Diese Verantwortung habe ich mitgenommen in die Politik und als sich die zweite Regierung Orbán 2010 etabliert hatte, war mein Wunsch, auf diesem Gebiet tätig zu werden.

Was genau konnten Sie hier bewegen?

2011 hatte Ungarn die EU-Ratspräsidentschaft und unsere Regierung initiierte die erste europäische Roma-Strategie. Ich war damals als Staatsminister dafür verantwortlich. Es ist noch längst nicht alles erreicht, aber wir haben viele positive Ergebnisse: Die Zahl der studierenden Roma hat sich in den letzten sechs Jahren verdoppelt, der Besuch eines Kindergartens ist ab dem dritten Lebensjahr Pflicht und vieles mehr. Dabei helfen wir nicht nur aus humanitären Gründen, sondern betrachten – wohl das erste Mal in der neueren Geschichte – die Roma auch als Potenzial für Ungarn.

Gibt es Situationen, in denen Sie aus der Notwendigkeit heraus, realpolitisch zu handeln, in Konflikt mit Ihren christlichen Überzeugungen geraten sind?

Konflikt ist vielleicht zu stark, aber doch: Man muss unterscheiden zwischen politischem Mandat und persönlicher christlicher Verantwortung. Aus diesen beiden folgen nicht immer die gleichen Entscheidungen. Es gab natürlich Fälle, wo ich gerne mehr Sensibilität gegenüber menschlichem Leid geübt hätte, es als Minister aber nicht konnte, zum Beispiel in der Reform des Rentensystems.

Gab es solche Erfahrungen für Sie auch in der Migrationspolitik?

Ja, das gab es auch. Ich war zunächst kritisch gegenüber dem Vorhaben, diesen Zaun an der Grenze zu bauen. Mit der Zeit habe ich jedoch eingesehen, dass das damals die einzige provisorische Möglichkeit war, nicht nur Ungarn, sondern ganz Europa zu schützen. Nichtsdestotrotz war mir immer wichtig, dass die Leute, die es schaffen, in Ungarn anzukommen, menschlich behandelt werden. Moralisch stehen wir frei gegen alle Verleumdungen: Die Flüchtlinge, die aufgenommen wurden und Aufenthalt erhielten, wurden nicht nur nach den europäischen und ungarischen Regelungen rechtlich, sondern auch menschlich ordentlich behandelt.

Sie sprechen vom Zaun als provisorische Lösung. Was wäre für Sie eine dauerhafte Lösung der Herausforderungen, vor die Ungarn und die EU durch die Migration gestellt sind?

Diejenigen, die um politisches Asyl bitten, sind eine kleine Minderheit unter den Flüchtlingen, die zu uns kommen. Ich denke, dass die Weltpolitik sich ändern muss, um wirkliche Chancen zum Aufbau der afrikanischen Volkswirtschaften und Gesellschaften zu bieten. Das bedeutet: weniger Korruption, weniger negativer Einfluss von außen und mehr entwicklungspolitische Hilfe. Dann hoffe ich, dass die Menschen dort in der Mehrzahl bereit sind, in ihrem Land zu leben. Bis dahin sollte man diejenigen, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa wollen, dort in Aufnahmestationen versorgen – und dann kann jedes Land der EU selber entscheiden, welche Arbeitskräfte es einreisen lassen will.

Wie wird über diese Fragen in den ungarischen Medien diskutiert?

Ich habe oft den Eindruck, dass in der ungarischen Öffentlichkeit nicht klar zwischen dem weltweiten Prozess der Migration und dem einzelnen Migranten als Mensch und Gottes Geschöpf unterschieden wird. Auch wenn man diese weltweiten Prozesse – wie ich – negativ sieht, darf kein Hass gegen konkrete Menschen entstehen. Da sehe ich einige Defizite in dem, was die Medien in Ungarn verbreitet haben.

Wie haben Sie die Reaktionen – gerade auch der Kirchen – auf Ungarns Politik in Westeuropa wahrgenommen?

Die Medien haben regelrecht einen Anti-Ungarn-Krieg geführt. Es gab auch in den westeuropäischen Kirchen Vorverurteilungen und Kurzschlüsse, jedoch auch Theologen, die zu uns kamen, uns befragt haben und bereit waren, mit uns zu diskutieren. Da muss ich den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland hervorheben: Herr Bedford-Strohm hat das persönliche Gespräch mit mir gesucht und wir haben vor 200 Jugendlichen öffentlich über Migration debattiert. Die Chance, die jeder Christ gegenüber einem anderen Christen hat, ist doch, dass wir uns nicht nur auf einer politischen Kommunikationsebene begegnen, sondern ein tieferes Verständnis füreinander haben.

Wir können sagen: „Wir sind eins in Jesus Christus – unterschiedlich in den politischen Einstellungen. Wie kannst Du auf der Grundlage Deines christlichen Glaubens solche politischen Positionen vertreten? Das möchte ich verstehen.“ Diese Haltung vermisse ich heute sehr.

Zur Person:
Zoltán Balog gehört zu den führenden Politikern von Fidesz – ungarischer Bürgerbund, der konservativen Partei von Ministerpräsident Viktor Orbañ, die aus der Bürgerrechtsbewegung 1989 hervorgegangen ist. Balog, Jahrgang 1958, hat Evangelische Theologie studiert, unter anderem auch in Wittenberg in der DDR. Als reformierter Pfarrer hat er 1989 die DDR-Flüchtlinge in Budapest als Seelsorger betreut. Seit Anfang der 90er Jahre hat er Fidesz in Kirchenfragen beraten, von 1998 bis 2002 war er Berater Orbáns. Bis 2018 gehörte er dem Parlament an. Von 2012 bis Mai diesen Jahres war er ungarischer Minister für Humanressourcen. Nun ist er Vorsitzender einer Fidesz-nahen Stiftung.

Erschienen am 20. Dezember 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).