Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Erinnerungsorte der Reformation

Auch im Osten hat die Reformation ihre Spuren hinterlassen

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die geschichtlichen Entwicklungen rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen sehr aufschlussreich sein. In diesem Sinne sollen hier die historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer beleuchtet werden.

Infolge von Flucht und Vertreibung fehlen in diesen Kulturlandschaften heute die Träger des historisch gewachsenen protestantischen Erbes – kirchlicher Traditionen und Frömmigkeitskulturen – oder sie befinden sich, wo sie es nicht schon zuvor taten, in der Lage einer kleinen Minderheit. Dennoch erinnern zwischen Riga, Odessa und der Gottscheer Sprachinsel immer noch viele Orte und Kulturdenkmäler an die Reformationsgeschichte und die Vielfalt protestantischen Lebens im Osten Europas. 14 solcher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden.

Während die Gebiete in Mittelost- und Nordosteuropa weiten Teils traditionell evangelisch-lutherisch geprägt waren, ja, das Luthertum oft auch als die ‚deutsche‘ Religion erlebt wurde, war die vorherrschende christliche Religion im europäischen Südosten der römische Katholizismus. Diesen Raum dominierte bis zur Entstehung junger Staaten am Ende des Ersten Weltkriegs zwei Mächte, die wenig Sympathien für den Protestantismus hegten und daher kaum bereit waren, ihn in ihren Ländern zu pflegen, geschweige denn, besondere Erinnerungsorte zu bewahren. Südosteuropa bietet daher weniger ausgewiesene Erinnerungsorte der Reformation. Doch der genaue Blick lohnt sich: Gerade aus Diaspora und Bedrückung heraus entstanden bemerkenswerte Varianten des Protestantismus.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

Königsberg – Hauptstadt des ersten protestantischen Staates

Nur acht Jahre nach dem Wittenberger Thesenanschlag wurde mit der Säkularisierung eines Teils des ehemaligen Deutschordensstaates der erste protestantische Staat gegründet: Das Herzogtum Preußen mit seiner Hauptstadt Königsberg. Begleitet hatte die schon zuvor eingeführte Reformation Martin Luther persönlich, der als Ratgeber des neuen Herzogs Albrecht fungierte. Rasch wurde Königsberg zu einem wichtigen reformatorischen Zentrum im Ostseeraum, wozu vor allem auch die Gründung der Albertus-Universität im Jahre 1544 beitrug. 400 Jahre später – im August 1944 – zerstörten britische Bomber die Universität sowie die einstige evangelische Hauptkirche, den Dom, zusammen mit weiten Teilen der Innenstadt. Der Dom konnte nach Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft – vor allem durch finanzielle Förderung aus Deutschland – wiederhergestellt werden. Die heutige lutherische Diaspora im Königsberger Gebiet besteht vor allem aus Russlanddeutschen, die sich hier in den letzten Jahrzehnten niederließen.

Baltikum: Petrikirche, Riga – Reformation und Bürgertum

Die Territorien des Deutschen Ordens nördlich Preußens sollten auch über das Jahr 1525 hinaus noch unter Herrschaft des katholischen Ordens bleiben. Hier waren es vor allem die deutschen Bürger in den Städten, die sich um die Durchsetzung der Reformation verdient machten. Riga etwa hatte sich bereits 1522 der Reformation angeschlossen. Wahrzeichen dieser bürgerlichen Reformation ist die Rigaer Petrikirche, der älteste Kirchbau des Baltikums. Hier befinden sich Grablegen unterschiedlicher Patrizierfamilien. Die Petrikirche liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom, wo bis in die 1530er Jahre hinein noch der Rigaer Erzbischof residierte, bevor auch seine Kirche den Lutheranern zugeschlagen wurde. Ausdruck fand der kulturelle Reichtum des baltischen Protestantismus auch in Form der 1734 in der Petrikirche von Gottfried Kloosen errichteten Barockorgel. Seit einigen Jahren setzt sich eine deutsch-estnische Stiftung für ihre Rekonstruktion ein (www.peters-church-organ-riga.com).

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Danzig – Nebeneinander von Altgläubigen und Protestanten

Zu den Orten, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, gehören auch exklusiv katholische Erinnerungsorte – wie die Königliche Kapelle in Danzig. Sie liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu St. Marien, der wohl bedeutendsten (bis 1945 evangelischen) Backsteinkirche des Ostseeraumes. Ihre Existenz verdankt die Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – der Reformation im Hanseraum: Nachdem allmählich alle Kirchen, einschließlich St. Marien, evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde daraufhin die „Kaplica Królewska“ als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in protestantisch gewordenen Städten – als andererseits auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen sowie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Russland: Kolonie Molotschna – Mennoniten an der Wolga

In Danzig und seinem Umland fanden während des 16. Jahrhunderts im Westen Europas – gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern – verfolgte Täufer Zuflucht, zeitweise auch einer ihrer Namensgeber Menno Simons. Im 18. und 19. Jahrhundert folgten viele dieser Mennoniten der Einladung der russischen Regenten, sich im Zarenreich anzusiedeln. Im Zuge der von ihnen vorangetriebenen Binnenkolonisation entstand u. a. 1804 die Kolonie Molotschna in der heutigen Ukraine. In dieser späterhin mit 57 Dörfern größten Kolonie in Russland wurde die mennonitische Alltags- und Frömmigkeitskultur gepflegt und gelebt. Hierzu gehörte auch die Mundart der westpreußischen Mennoniten, Plautdietsch, in welcher der Name der Kolonie „Molosch“ lautet. Diese Tradition fand mit dem Zweiten Weltkrieg ein Ende: 1943 erfolgte die Umsiedlung in den Warthegau, von wo aus die Russlandmennoniten nach der sowjetischen Besetzung nach Kasachstan und Sibirien deportiert wurden.

Treptow – der Landtag und die Einführung der Reformation

Treptow an der Rega ist für die Einführung der Reformation im damaligen Herzogtum Pommern von doppelter Bedeutung: Zum einen im Hinblick auf die Beschlussfassung über die Annahme des neuen Bekenntnisses, zum anderen auf die Durchsetzung der hiermit verbundenen Kirchenreformen. In erster Hinsicht kommt Treptow in den Blick, da hier 1534 der eigens hierzu einberufene Landtag tagte, der die – bereits in vielen Kirchen vermittelte – lutherische Lehre annahm. Der zweite Aspekt verbindet sich mit der Marienkirche, an der ab 1509 der spätere Reformator Johannes Bugenhagen wirkte. Nachdem es ihn selbst längst ins Herz der Reformationsbewegung – an die Universität Wittenberg – verschlagen hatte, war er es, der im Anschluss an den Landtag die Ausgestaltung der neuen Pommerschen Kirchenordnung übernahm, was er auch für viele andere reformatorische Herrschaften tat. Dass der Pommer Bugenhagen zeitweise auch an der Universität von Kopenhagen lehrte, verdeutlicht zusätzlich, dass seine historische Bedeutung erkennbar über Deutschland hinausgeht.

Fraustadt – Valerius Herberger und das „Kripplein Christi“

Bereits vor dem Anschluss an das evangelische Preußen war der protestantische Glaube in das traditionell römisch-katholische Polen gelangt. Eine Hochburg der dortigen Evangelischen war Fraustadt im Lebuser Land. Mit dem Ort verbindet sich nicht nur der Name des dort geborenen Schriftstellers Christian Gryphius, sondern auch der des Theologen Valerius Herberger. Von ihm stammt das Kirchenlied „Valet will ich dir geben“, das sich noch heute im Evangelischen Gesangbuch findet (EG 523). Als 1604 die lutherische Gemeinde ihre Kirche an die Katholiken abtreten musste, ließ er zwei nebeneinander liegende Wohnhäuser zu einem Bethaus umbauen: Es entstand die neue lutherische Kirche mit dem sprechenden Namen „Kripplein Christi“. Nach einem Brand 1647 wiederhergestellt, ist sie bis heute erhalten geblieben.

Węgrów – Zentrum des Protestantismus im Herzen Polens

Dass der Protestantismus in das nahe der Oder gelegene Fraustadt gelangte, mag nicht verwundern. Jedoch reichte die Ausbreitung des evangelischen Glaubens bis in das später zu Russisch-Polen gehörende Masowien. Hier bildete die Kleinstadt (heute ca. 13.000 Einwohner) Węgrów ein Zentrum protestantischen Lebens. Zu verdanken hat der Ort seine evangelische Prägung der verhältnismäßig toleranten polnisch-litauischen Religionspolitik. So genehmigte etwa Magnat Bogusław Radziwiłł 1651, eine evangelische Kirche zu bauen. Zeitweise verfügten die hier wirkende evangelische Splittergruppe der Antitrinitarier sogar über eine eigene Schule und Druckerei. Von hier wurde auch Warschau seelsorgerlich betreut, bevor es den dortigen Protestanten 1777 gestattet wurde, eine eigene Kirche zu errichten. Bis heute gibt es in Węgrów eine lutherische Diasporagemeinde. Sie ist – mit etwa zehn Gottesdienstbesuchern an Sonntagen – zwar klein, besitzt aus ihrer Geschichte heraus jedoch eine Reihe von Liegenschaften.

Asch – Ursprung des Protestantismus in Böhmen

Ganz im Westen Tschechiens steht das einzige Lutherdenkmal des Landes: In Asch zeugt es davon, dass die Stadt Zentrum des gleichnamigen Ascher Zipfels war. Anders als im übrigen Altösterreich setzte sich hier unter den Lehnsherren von Zedtwitz über Jahrhunderte die Gegenreformation nicht durch, sodass der Protestantismus sogar volkskirchlichen Charakter erlangte. 1960 fiel die evangelische Kirche in Asch einem Brand zum Opfer. An sie erinnert heute ein Denkmal, unweit des Lutherdenkmals. Beide sind letzter Hinweis auf den alten Protestantismus. Bevor durch Toleranz- und Protestantenpatent die Ausübung der evangelischen Religion möglich wurden, galt Asch, dessen Rechte im Westfälischen Frieden bestätigt worden waren, zeitweise als einziger Ort freier öffentlicher Religionsausübung für Protestanten in den habsburgischen Erblanden. Die herausragende Rolle behielt Asch lange bei: In Böhmen, Mähren und dem österreichischen Schlesien blieb der Protestantismus bis heute in der Diaspora.

Schlesien: Friedenskirchen und Gnadenkirchen

Der Protestantismus in Schlesien wurde zwei Mal mit herausragenden Kirchbauprivilegien ausgestattet. 1648 garantierte der Westfälsche Friede den Bau der „Friedenskirchen“ in Glogau, Jauer und Schweidnitz. Dem Friedensschluss verdanken sie ihren Namen. Die Genehmigung der Bauten war mit Einschränkungen verbunden: Sie waren außerhalb der Städte, ohne Turm und Glocken zu errichten, auch durfte kein dauerhafter Stein verwendet werden. Ihre markante, daraus resultierende Fachwerkarchitektur hebt sie jedoch als beeindruckende Kirchbauten hervor. Ein halbes Jahrhundert später kam es dann zu einer Erneuerung des Friedens: Im Zuge des nordischen Krieges lagen die Schweden in Schlesien. Sie rangen 1707 dem geschwächten Kaiser die Konvention von Altranstädt und den Bau von sechs Gnadenkirchen ab. Fünf in Niederschlesien, eine im oberschlesischen Teschen. Der Teschener Kirche kam so besondere Bedeutung zu. 2015 verlieh die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa Teschen den Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“.

Die Artikularkirche Käsmark – ein Zugeständnis

Im ungarischen Teil der Doppelmonarchie, zu dem auch die Slowakei zu zählen ist, existierte der Protestantismus, auch dank der Tolerierung durch die Osmanen, unter günstigeren Bedingungen. Eine ambivalente Rolle spielte Leopold I., der erst den Protestanten Ungarns 888 Kirchen nahm, dann aber durch die Türkenbedrohung beim Landtag von Ödenburg 1681 Zugeständnisse machte: 50 Kirchen wurden zurückgegeben oder Bauplätze für neue Kirchen zugeteilt. Vorbild dieser sogenannten Artikularkirchen waren die schlesischen Friedenskirchen. Auch in diesem Fall musste auf festes Baumaterial und einen steinernen Sockel verzichtet, zudem außerhalb von Ortschaften, ohne direkten Straßenzugang, Turm und Glocke gebaut werden. Fünf Artikularkirchen sind noch erhalten, dreien wurde der UNESCO-Weltkulturerbestatus verliehen. Die bekannteste steht in Käsmark. 1890 wurde sie außen verputzt, sodass die Holzkirche als solche nicht mehr zu erkennen ist. Ihr Inneres beeindruckt mit reicher volkstümlicher Ausstattung.

Galizien: Der Bielitzer Zion in Bielitz-Biala

Am geographischen Rand Galiziens liegt Bielitz-Biala. Durch die Doppelstadt fließt die Bialka, die alte Grenze von Österreichisch-Schlesien mit Bielitz und Galizien mit Biala. Die für den Protestantismus bedeutsameren Orte liegen in Bielitz und streng genommen nicht in Galizien. 1610 verfügte die evangelische Gemeinde in Bielitz über acht Kirchen, aber infolge der Gegenreformation sollte den Protestanten ab 1660 für 100 Jahre lediglich ihr Friedhof bleiben. Doch sie blieben evangelisch, ohne Pfarrer und ohne Kirche. Im polnischen Biala genossen sie größere Rechte, wenngleich es auch hier keine Kirche gab. 1781 erhielt das nunmehr galizische Biala die Erlaubnis zum Bau eines evangelischen Bethauses. Auch in Bielitz begann bald darauf der Bau einer Kirche. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte bildete sich das wohl bekannteste Kirchbauensemble des östlichen Habsburgerreichs: Der Bielitzer Zion. Rund um die Kirche entstanden Pfarrhäuser, Schulen, eine Bibliothek, eine Druckerei, ein Waisen-, ein Diakonissenhaus, und: das heute einzige Luther-Denkmal in Polen.

Siebenbürgen: Die Schwarze Kirche in Kronstadt

Auch in Kronstadt erwartet den Besucher ein Ensemble aus Denkmal und Kirche: Vor der Stadtkirche steht die Statue von Johannes Honterus. Seine Rechte deutet auf das Honterus-Gymnasium, in seiner Linken hält er sein Reformationsbüchlein und die Schulordnung. Honterus war Stadtrat von Kronstadt und Gründer besagten Gymnasiums. Vor allem aber wird er heute als Reformator Siebenbürgens verehrt. Seine Zeitgenossen schätzten ihn als Schriftsteller und Humanisten. Seine Grablege fand er in der Marien-, der späteren Schwarzen Kirche, wo nach Einführung der Reformation der erste evangelische Gottesdient abgehalten worden war. Die Kirche erhielt ihren Namen durch einen Stadtbrand am 21. April 1689. Damals brannte die ganze Innenstadt. Der Name, den der Volksmund der Kirche wegen ihrer geschwärzten Mauern gab, erinnerte an die Katastrophe. Ihre Bedeutung ist jedoch weit größer. Sie ist der größte Sakralbau Rumäniens und die größte Hallenkirche östlich von Wien, die mit Orgel, Glocke, orientalischen Teppichen und weiteren Kunstschätzen lockt.

Schloss Auersperg – Reformation unter dem Schutz des Adels

Der Protestantismus verbreitete sich in Slowenien früh unter dem Schutz des lokalen Adels. Einzelne Familien taten sich besonders hervor, auch das Haus Auersperg. Aus Rašica, einem kleinen Dorf unterhalb des Schlosses Auersperg, stammt der Reformator Sloweniens, Primož Trubar. Tubar gilt als Zentralgestalt der slowenischen Geschichte, vor allem als Begründer der slowenischen Schriftsprache. Er war zunächst Pfarrer in der Unterkrain, wirkte in Ljubljana, aber auch in Triest, Kempten und dann als Exulant in Derendingen bei Tübingen, wo er 1586 starb. Trubar stand mit mehreren Mitgliedern der Familie Auersperg in freundschaftlichem Verhältnis. Sie waren Förderer des Protestantismus. Auch die Schlosskapelle der Burg Auersperg wurde früh für evangelische Gottesdienste freigegeben. Die Verbundenheit mit dem Haus Auersperg verdeutlicht Trubars Widmung des letzten Bandes seiner Übersetzung des Neuen Testaments, die u. a. zwei Auerspergern gewidmet ist, die zu dieser Zeit in Tübingen studierten.

Bessarabien: Überkonfessionelles Christentum

Ganz andere Wege wurden in den vergleichsweise jungen Gemeinden Bessarabiens beschritten: Es waren Pietisten und Erweckte, die dem Aufruf Zar Alexander I. zur Besiedelung gefolgt waren. Die Gründer der Kolonie Teplitz z.B. reisten zusammen mit anderen Aussiedlern mit dem Zielort Kaukasus, da man dort den Aufnahmeort der auserwählten Gemeinde in der Endzeit erwartete. Zar Alexander galt dieser chiliastisch geprägten Gruppe als Retter des Christentums. Anfangs gab es gut zwei Dutzend Kolonien. Einzig die Kolonisten in Sarata brachten ihren eigenen Geistlichen, den römisch-katholischen Priester Ignaz Lindl mit. Lindl gestaltete das kirchliche Leben bewusst überkonfessionell. 1823 verließ er Sarata, 1824 trat er der Evangelischen Kirche bei. Lindls Bußpredigten erfreuten sich weit über Sarata heraus großer Beliebtheit, Pilgerfahrten nach Sarata wurden durchgeführt, Konventikel in den einzelnen Kolonien gebildet. Die Kirche in Sarata ist heute noch erhalten. Sie wurde aufwändig restauriert und 1995 wieder eingeweiht.

Johannes Nett
Tilman A. Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 05/2017.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die kommunistische Bewegung erhöhte sich zur Ersatzreligion, die Gegner wurden verteufelt: Das Deutsche Historische Museum erinnert an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Von Tilman Asmus Fischer

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“, hatten Karl Marx und Friedrich Engels 1847/48 im Manifest der Kommunistischen Partei verkündet. 70 Jahre später – 1917 – sollte dieses Gespenst in Russland erstmals Wirklichkeit werden, um in den folgenden Jahrzehnten in verheerender Weise global zu spuken. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem unlängst erschienenen Buch „Krieg“. Und so verwundert es nicht, dass sich die Erinnerung an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution nicht auf Russland beschränkt, sondern einen internationalen Widerhall erfährt.

In Berlin widmet das Deutsche Historische Museum dem kommunistischen Umsturz eine gemeinsam mit dem Schweizerischen Nationalmuseum kuratierte Ausstellung: „1917. Revolution. Russland und Europa“ bietet nicht nur eine überwältigende Schau von über 500 Exponaten, die den historischen Weg von der vorrevolutionären Gesellschaft durch die Revolutions- und Bürgerkriegsjahre bis hin zu den Folgewirkungen für die europäische Staatenwelt nachzeichnet. Vielmehr wird zudem der Kommunismus als totalitäre Weltanschauung greifbar, der neben sich keine alternative Gegenwartsdeutung dulden konnte und damit zwangsläufig gegenüber dissidentischen Positionen – und letztlich auch den Kirchen – unduldsam auftreten musste. Die Gesamtheit der Ausstellungsstücke fesselt den Betrachter nicht nur aufgrund ihres Umfangs, sondern vor allem wegen ihrer inneren Vielfalt: Alltagsgegenstände finden sich ebenso wie Druckschriften und Plakate oder zeitgenössische Kunstwerke, die von den Umbruchjahren zeugen. Unter den Kunsterzeugnissen sind auch solche der sakralen Kunst; etwa eine Ikone der Gottesmutter der Rührung, eine Öllampe und ein Weihrauchgefäß aus den Jahren der Jahrhundertwende. Sie repräsentieren im ersten Teil der Ausstellung, der „Aufbruch und Zerfall“ in der vorrevolutionären Gesellschaft thematisiert, die russisch-orthodoxe Kirche als einen der zentralen gesellschaftlichen Akteure – neben Bauern- und Arbeiterschaft, Adel, Militär und der Intelligenzija. In ausgewogener Weise gelingt hier eine Charakterisierung des späten Zarenreichs, das sich sowohl durch gravierende soziale Spaltungen und Repressionen als auch durch einen nicht zu verkennenden kulturellen Reichtum auszeichnete – und das letztlich an seiner zu großen Reformunfähigkeit scheiterte.

Vor diesem Hintergrund wird dem Ausstellungsbesucher die Entstehung der Oktoberrevolution aus den Wirren des Ersten Weltkriegs und der Kriegsmüdigkeit der russischen Bevölkerung heraus erschlossen. Deutlich treten die Wurzeln der Revolution in einem Bemühen um soziale, politische und gesellschaftliche Reformen hervor; ebenso deutlich jedoch auch die Pervertierung dieses politischen Kampfes – spätestens im Bürgerkrieg, in dem sich die Fronten zwischen revolutionären und konterrevolutionären Truppen zusehends verhärteten und sich beide Seiten in nichts nachstanden – weder in Gewaltanwendung noch in der propagandistischen Verleumdung des Gegners. Und so erscheint die Geschichte der Oktoberrevolution als eine Geschichte der verratenen Ideale: Findet sich im Abschnitt der Ausstellung über die „Machtübernahme der Bolschewiki“ noch die „Deklaration über die Rechte der Völker Russlands“ (2. November 1917), die auch religiöse Zugeständnisse beinhaltete, berichtet bereits die Sektion zum Bürgerkrieg über den Kampf gegen die Freiheitsbestrebungen der Ukraine wie in Belarus – und wird späterhin das propagandistische und gewaltsame Vorgehen gegen die Kirchen deutlich.

Neben einer Ausgabe der antikirchlichen Satire-Zeitschrift „Gottloser“ präsentiert die Ausstellung Fotos, welche die 1929 von Stalin eingeleitete Zerstörung von Kirchenglocken zeigt; allein bis 1935 wurden 25 000 Klöster und Kirchen vernichtet. Für viele der Betroffenen bestand die einzige Überlebenschance in der Flucht in den Westen, der die Ausstellung einen eigenen Raum widmet. Unter den Artefakten, die russische Flüchtlinge nach Europa und Amerika begleiteten, finden sich unter anderem eine Bibel (um 1916) und ein traditioneller Hochzeitsschal. Andere Objekte erzählen vom kulturellen Leben der geflohenen orthodoxen Christen: Eine Ikone, die Moses und die Gottesmutter zeigt, erinnert an die rege Aktivität von Exilanten in der Sammlung und Ausstellung sakraler russischer Kunst, die ab 1921 von Sowjetrussland zwecks Devisenbeschaffung verkauft wurde. Und die Hochzeitskrone aus einer russischen Exil-Gemeinde illustriert die identitätswahrende Pflege religiöser Traditionen im Ausland.

Jedoch nicht nur Christen, sondern gerade auch Juden wurden Opfer des sich herausbildenden autoritären Systems. Dabei konnten die neuen Machthaber auf eine bereits etablierte antisemitische Tradition zurückgreifen, an die in der Ausstellung Fotos von den Opfern der Judenpogrome aus den Jahren 1903 bis 1905 erinnern; bereits zwischen 1881 und 1914 hatten etwa zwei Millionen Juden unter dem bestehenden Druck das zaristische Russland verlassen. Im Zusammenhang mit den „Folgen der Revolution“ für Russland kommt exemplarisch das Schicksal des hebräischen Habima-Theaters zur Sprache: eines jüdischen Ensembles, das sich zunächst aufgrund der von den Revolutionären erstrittenen religiösen Freiheiten für Juden formieren konnte, dann jedoch aufgrund der neuen Verfolgungen Sowjetrussland verlassen musste.

Nicht nur, dass bereits die junge Sowjetunion rigoros gegen Religionsgemeinschaften vorging; vielmehr – dies verdeutlichen weite Strecken der Schau im DHM – gingen die Revolution und die Gründung der UdSSR von ihren frühen Phasen an mit einer kultischen, wenn nicht religiösen Überhöhung der eigenen Bewegung, quasi einer Transzendierung ihrer Programmatik einher. So vermitteln die – vielfach zu sehenden – Propagandaplakate der Bolschewisten nicht einfach nur politische Inhalte, sondern kleiden diese in das Gewand von Erlösungshoffnungen; der politische Gegner hingegen erscheint, wo er ins Bild gesetzt wird, als das Böse schlechthin.

Den Ausstrahlungen der Revolution und der Polarisierung zwischen ihren Unterstützern und Gegnern, die ganz Europa betrafen, widmet die Ausstellung – wie es bereits ihr Name anzeigt – große Aufmerksamkeit. Nachdem der Besucher das monumentale Gemälde „Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern“ von Isaak I. Brodski erblickt hat, hat er die Möglichkeit, sich in einzelnen kleinen Kabinetten über die Entwicklungen in Deutschland, Italien, Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Polen zu informieren. Beleuchtet werden nicht nur die jeweiligen kommunistischen Bewegungen und ihre Vorfeldorganisationen, wie die von Käthe Kollwitz mitbegründete „Internationale Arbeiterhilfe“ – sondern ebenso die kritische Auseinandersetzung in den westlichen Ländern mit dem Phänomen des Bolschewismus. Diese reicht von linken Kritikern wie Karl Kautsky (Die Diktatur des Proletariats, 1918) über den konservativen Antibolschewismus bis hin zur antibolschewistischen Agitation der jungen faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien.

Beschlossen wird die Ausstellung durch eine Zusammenstellung von Werken der Gegenwartskunst und Zitaten historischer Persönlichkeiten, die in einem Rückblick das Erbe der Oktoberrevolution reflektieren: Vielleicht am eindrucksvollsten ist die Skulptur „Hero, Leader, God“ von Alexander S. Kosolapov (USA, 2007), die Hand in Hand voranschreitend Lenin, Mickey Mouse und Jesus Christus zeigt. Indem der Künstler in provokanter Weise die Austauschbarkeit von Idolen und Führern in Ideologie und Propaganda thematisiert, spiegelt das Kunstwerk zugleich die fatale Vergottung eines utopischen Gesellschaftsmodells; den passenden Kontrast bildet ein Zitat von Hannah Arendt, das sich auf der gegenüberliegenden Wand findet: Die Revolution habe „erst eine unvergleichliche Hoffnung in die Welt gebracht, um die gleiche Welt in eine um so tiefere Verzweiflung zu stürzen“.

Erschienen am 24. Oktober 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Finger in der Wunde

Die Autoren Andreas Kitschke und Matthias Grünzig nehmen die Geschichte der Garnisonkirche in den Blick

Von Tilman Asmus Fischer

Es mag zu den positiven Effekten intensiver geschichtspolitischer Auseinandersetzungen gehören, dass sie zu gleichfalls intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit den zugrundeliegenden historischen Gegenständen anregen. In diesem Sinne dürfen die Erträge der Bauforschung zur Potsdamer Garnisonkirche zu verstehen sein, die der Denkmalpfleger Andreas Kitschke und der Fachjournalist für städtebauliche Fragen, Matthias Grünzig, kürzlich veröffentlicht haben.

Bereits die Titel der Bücher verdeutlichen die jeweiligen Perspektiven und Positionsbestimmungen der beiden Wissenschaftler. „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ – hier spannt Kitschke den großen Bogen der Baugeschichte und präsentiert die kunsthistorische und geschichtliche Bedeutung der Kirche im Durchgang durch die Jahrhunderte. Damit dokumentiert er nicht nur den Beitrag der Garnisonkirche zur historischen Identität Potsdams, sondern trägt seinerseits zugleich zur Sinnstiftung des Wiederaufbaus bei.

„Für Deutschland und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ – durch diese epochale Eingrenzung legt Grünzig den Finger in die Wunde. Das 20. Jahrhundert mit der politischen Instrumentalisierung der Kirche in Weimarer Republik und „Drittem Reich“ auf der einen Seite und partieller Wiederherstellung und Abriss in der Zeit der DDR auf der anderen Seite stellt den empfindlichen Punkt in den laufenden Debatten dar.

Der umfassendere Ansatz Kitschkes wählt unterschiedliche Zugänge zum Gebäude: Zunächst erschließt er die Garnisonkirche als ein Denkmal der Potsdamer Stadt- und Städtebaugeschichte. Den historischen Kontext der Kirche vertieft er, indem er sie in den Zusammenhang der für die Potsdamer Garnison errichteten Kirchenbauten einordnet. Eine grundsätzliche Abhandlung unter Gesichtspunkten der Architekturgeschichte und der historischen Ausstattung der Kirche untermauert ihre kunst- und kulturhistorische Bedeutung. Ergänzt wird sie durch zwei ausführliche Übersichten über historische Ereignisse, die sich mit der Garnisonkirche verbinden, und konservatorische Maßnahmen sowie Umgestaltungen im Laufe der Jahrhunderte.

Dem Ansatz des Verfassers entsprechend erfasst Grünzigs „Für Deutschland und Vaterland“ nicht die Breite an Bedeutungszuschreibungen, die der Garnisonkirche zukommen. Dafür wird die Auseinandersetzung mit den belastenden Aspekten der Geschichte der Garnisonkirche vertieft: Dass die nationalistische Instrumentalisierung der Garnisonkirche bereits vor 1933 ansetzt, verdeutlicht die Darstellung zur Garnisonkirche in der Weimarer Republik. Seiner historischen Bedeutung entsprechend widmet Grünzig dem „Tag von Potsdam“ eine eingehende Analyse, um anschließend die Verstetigung der nationalsozialistischen Vereinnahmung der Kirche bis 1945 zu beschreiben. Das abschließende Kapitel zur Nachkriegszeit beleuchtet unterschiedliche Entwicklungen in Kirche, Politik und Gesellschaft, die dem Abriss vorausgingen.

Letztlich sind es nicht nur geschichtspolitische Konflikte, welche die historische Forschung befördern, sondern deren Früchte wirken ihrerseits auf den erinnerungspolitischen Diskurs zurück. So bringt sich Andreas Kitschke aufgrund seiner Arbeiten immer wieder in die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ein und widerspricht der Verengung ihrer Geschichte auf die Zeit des Nationalsozialismus. Und Matthias Grünzigs Veröffentlichung veranlasste unlängst Manfred Stolpe zur Intervention: Gegenüber den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ betonte er, die Behauptung, dass „die Garnisonkirche beim Wiederaufbau zerstörter Kirchengebäude keine Priorität genossen habe, entspreche ‚nur der halben Wahrheit‘“.

Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte. 400 Seiten, 372 Abb., gebunden. Be.bra, Berlin 2015, 28 Euro.
Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. 383 Seiten, 24 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2017.

Ein Ort der Freiheit

Berlin erinnert sich an das historische Sprachenkonvikt

Von Tilman Asmus Fischer

30 Jahre – vom Mauerbau bis zur Fusion mit der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität und der Kirchlichen Hochschule Zehlendorf – war die Borsigstraße 5 in Berlin Mitte Sitz der unabhängigen kirchlichen Hochschule der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg in ihrer Ost-Region: des Sprachenkonvikts. Seit dem 23. April 2017 erinnert vor dem historischen Gebäudekomplex – welcher der Landeskirche heute als Studentenwohnheim dient – eine Gedenkstele an die historische Bedeutung dieses Ortes.

Wolf Krötke, Vorsitzender des Fördervereins Konvikt Borsigstraße 5, und Markus Meckel vor der Gedenkstele.

Zur feierlichen Enthüllung der Stele hatten sich Vertreter aus Kirche, Politik und Universität eingefunden. Unter den Ehrengästen war auch Markus Meckel, in den 1970erjahren Student am Sprachenkonvikt, Mitbegründer der Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP), 1990 Außenminister der DDR und 1990 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Das Konvikt bezeichnet Meckel als einen „zentralen Ort“ seines Lebensweges, da er unter dem Dach der Kirche einen „offenen, freien Diskurs“ ermöglicht habe – „etwas besonderes in der DDR“ fügt er hinzu. Ein solcher Freiraum sei das Konvikt auch durch die Persönlichkeiten geworden, die ihn prägten – so den Neutestamentler Christoph Demke oder den Dogmatiker Wolf Krötke, der im Rahmen der Feierstunde am 23. April einen Vortrag über „Erinnerungen an das ‚Sprachenkonvikt’ – Perspektiven für die Zukunft“ hielt. Aber auch durch den Lehrbeauftragten für Philosophie Jörg Milbradt und den Philosophiedozenten Richard Schröder.

Ermöglicht wurde die Errichtung der Stele aufgrund der Finanzierung durch den Förderverein des Konvikts und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Als Erinnerungsort reiht sich das Konvikt ein in die „Revolutionsorte“, welche die Robert Havemann Gesellschaft bereits mit entsprechenden Stelen markiert und gewürdigt hat. Damit trägt sie der Berliner ‚Gedächtnislandschaft’ Rechnung: Anders als in Prag mit seinem Wenzelplatz „gibt es in Berlin nicht den einen zentralen Ort“, der an den politischen Umbruch erinnert, betont Markus Meckel, der dem Stiftungsrat der Bundesstiftung vorsteht.

Welche Bedeutung dem Sprachenkonvikt als dezentralem Erinnerungsort der Bürgerrechtbewegung zukommt, weiß Meckel aus eigener Erfahrung: So verabschiedete die SDP, deren zweiter Sprecher er wurde, am 3. Dezember 1989 dort ihre erste Erklärung zur Deutschen Einheit. Im Rahmen einer Tagung des kirchlichen „Arbeitskreises Theologie und Philosophie“ im zu dem Gebäudekomplex gehörenden Gemeindesaal der Golgatha-Gemeinde hatte Markus Meckel im August 1989 bereits erstmals den Aufruf zur Gründung der SDP öffentlich gemacht. Auf der Dachterrasse des Konviktes gab die Initiativgruppe um Meckel und Martin Gutzeit noch vor der Gründung der Partei westlichen Journalisten ein Interview. Gutzeit war damals Assistent des Philosophiedozenten Richard Schröder. Auch andere am Sprachenkonvikt beteiligten sich am „Gründungsfieber der Opposition“ dieser Wochen: Steffen Reiche und Konrad Elmer etwa, sowie Wolfgang Ullmann, Dozent der Kirchengeschichte, der zum Initiatorenkreis der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ gehörte.

Das Konvikt, betont Markus Meckel, ist jedoch nicht nur ein Erinnerungsort der Friedlichen Revolution, sondern vor allem auch des kirchlichen Lebens in der DDR: „Vielen Menschen ist heute die Bedeutung der Freiheit kirchlicher Ausbildung der DDR nicht mehr bewusst.“ Die sowjetische Besatzungsmacht hatte nach dem Krieg – vor dem Hintergrund der „Bekennenden Kirche“ in der NS-Zeit – diese Ausbildungsstätten anerkannt und genehmigt. Heute sei das Bewusstsein für die Geschichte der Kirchen in DDR „in der EKD kaum noch präsent und deren Tradition nicht mehr gegenwärtig“, bedauert Meckel.

Wird sich hieran etwas ändern? „Dazu wird eine solche Stele nicht reichen“, meint Markus Meckel. Jedoch hofft er, dass sie zusammen mit vergleichbaren Initiativen dazu beiträgt, dieses spezifische historische Erbe zu bewahren.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche- Evangelische Wochenzeitung 18/2017.

Rede von Prof. Dr. Wolf Krötke: „Erinnerungen an das ‚Sprachenkonvikt’ – Perspektiven für die Zukunft“

Ohne Ablaufdatum

Staatsleistungen – eine bleibende Herausforderung der Kirchenpolitik

Von Cornelius Wiesner und Tilman A. Fischer

Jahr für Jahr überweisen die Bundesländer einen Betrag von rund 500 Millionen Euro an die beiden Amtskirchen: Staatsleistungen, denen bei flüchtigem Blick keine erkennbare Gegenleistung zugrunde liegt. Immer wieder wird gefragt, ob das ewig so bleiben soll.

(Foto: Cezary Piwowarski)

Zuletzt strebte die Partei Die Linke im Haushaltsausschuss des Bundestags die Einsetzung einer Expertenkommission beim Bundesfinanzministerium an. Die Kommission hätte die Zahlungen überprüfen und Vorschläge unterbreiten sollen, „welche Konsequenzen der Gesetzgeber in Hinblick auf den zukünftigen Umgang mit der Zahlung von Staatsleistungen aus der Evaluierung ziehen sollte“. Union und SPD stimmten im März gegen den Antrag, die Grünen enthielten sich. Wo genau liegt das Problem?

Vor 200 Jahren wurde jedes kirchliche Amt im heutigen Deutschland durch Landwirtschaft finanziert. Auf nahezu jedem Flecken kirchlichen Landes ruhten Versorgungslasten – Gelder oder Naturalien. Damit Napoleon linksrheinische deutsche Fürstentümer annektieren konnte, wurden diese 1803 kurzerhand mit kirchlichem Land entschädigt. Hierzu wurden vor allem kirchliche Herrschaften ihrer Titel und ihres Eigentums entkleidet und damit auch die Finanzierung der kirchlichen Ämter gekappt. Im Gegenzug wurden die mit dem neuen Land bedachten Herrschaften verpflichtet, weitgehend die Versorgungslasten zu übernehmen. Die heutigen Bundesländer gehen auf diese Herrschaften zurück und behielten die Pflicht zu diesen Staatsleistungen.

Die Verpflichtungen sind über die Jahrhunderte einvernehmlich neu geregelt worden, etwa durch Staatskirchenverträge. Seit 1919 besteht eine verfassungsrechtliche Pflicht, diese Leistungen „abzulösen“, nämlich mit der einmaligen vielfachen Leistung einer Jahreszahlung. Der Bund müsste allgemeine Regeln aufstellen, die Länder dann entsprechende Gesetze erlassen. Nach welchen Prinzipien der Bund solche Grundsätze aufstellen soll, verrät die Verfassung nicht. Der Bund müsste jedenfalls einen ganzen Strauß von Rücksichtnahmen und Freundschaftsregelungen beachten. Auch müsste eine Regelung gefunden werden, welche die Länder überhaupt finanzieren können.

So wäre es „angesichts der Schuldenbremse für viele Bundesländer sehr schwierig, eine komplette Ablösung zu finanzieren“, erläutert Kerstin Griese, Beauftragte der SPD-Fraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften. Daher könne „der Bund hier nicht mit einer Rahmengesetzgebung voranpreschen“, meint Griese, solange die Länder nicht signalisierten, „die auf die Landeshaushalte zukommenden Folgen tragen zu wollen“.

Ohne Grundsatzgesetz des Bundes können die Länder indes nicht aktiv werden. Auch die genaue Höhe der Verluste, die die Kirchen 1803 zu erleiden hatten und nach denen die Ablösung zu bemessen wäre, ist umstritten. So bleibt der Verfassungsauftrag seit 98 Jahren uneingelöst. Dabei hat es „sowohl auf kommunaler als auch auf staatlicher Ebene bereits vereinzelte ,Ablösevorgänge‘ gegeben, zum Beispiel in Hessen die Rahmenvereinbarung zur Ablösung kommunaler Kirchenbaulasten“, erklärt Franz Josef Jung, Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften der Unionsfraktion. Für ihn ist klar: „Ist die Motivation in den Bundesländern vorhanden, können die teilweise sehr komplexen und unterschiedlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Staatsleistungen abgelöst werden – diese Motivation sehe ich aktuell bei den Ländern in der Fläche nicht.“

Inzwischen mehren sich Stimmen, die laut danach fragen, ob mit den seit über 200 Jahren andauernden Leistungen die alte Verpflichtung nicht inzwischen erfüllt ist und der Ablöseauftrag damit obsolet geworden ist – eine Frage, die auch im Antrag der Linken anklingt.

Einer geordneten Ablösung der Staatsleistungen gemäß dem Verfassungsauftrag ist für die EKD denkbar. Heidrun Schnell, Leiterin der Finanzabteilung, erklärt: „Wir stehen dem offen gegenüber und haben wiederholt signalisiert, dass wir zu Verhandlungen bereit sind, bei denen die Interessen der Kirchen angemessen berücksichtigt werden.“

Trotz Vorbehalten gegen den Antrag der Linken fordert auch der Sprecher für Religionspolitik der Grünen-Fraktion Volker Beck eine „Expertenkommission, die die Modalitäten eines Ablösungsgrundsätzegesetzes formuliert“: „Die Umsetzung des Verfassungsauftrages würde mehr Transparenz schaffen und die Chance zur Befriedung einer Debatte bringen, die teilweise erbittert geführt wird und das gesellschaftliche Klima für die Kirchen vergiftet.“

Fortgesetzt wird die Debatte in jedem Fall. „Die Linke wird das Thema weiter auf die Tagesordnung setzen“, kündigt Christine Buchholz, religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion, an: „Spätestens 2019, wenn der Verfassungsauftrag, die Staatsleistungen abzulösen, 100 Jahre alt wird, sollte endlich eine Regelung gefunden sein.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 18/2017.

Westpreußen – ein Land der Reformation

Eine Spurensuche entlang reformationsgeschichtlicher Erinnerungsorte

Von Tilman Asmus Fischer

2017 feiern Menschen weltweit das historische Ereignis der Reformation. In Deutschland stehen die Ereignisse rund um die lutherische Reformationsbewegung in Mitteldeutschland naturgemäß im Zentrum der Feierlichkeiten. Deshalb lohnt es sich umso mehr, auch an die europäische und weltweite Wirkmacht dieses historischen Phänomens und seine unterschiedlichen Ausprägungen zu erinnern. Dabei kann der Blick in einzelne multikonfessionell und multiethnisch geprägte Regionen – gerade wie das untere Weichselland – sehr aufschlussreich sein.

Infolge von Flucht und Vertreibung ist Westpreußen heute ein Raum, in dem weitestgehend Katholiken und nur noch eine kleine Schar von Lutheranern leben. Es finden sich freilich noch viele Orte und Kulturdenkmäler, die eng mit der Reformationsgeschichte verbunden sind und darüber hinaus von der Vielfalt protestantischen Lebens im Ostseeraum zeugen. Neun solcher kirchengeschichtlicher Erinnerungsorte sollen hier exemplarisch betrachtet werden. Diese Orte vermögen, sowohl die Vielschichtigkeit der ‚Reformation‘ als auch ihre ökumenische Dimension und die unterschiedlichen Ausprägungen dessen zu verdeutlichen, was wir ‚den Protestantismus‘ nennen. Beginnen soll unsere Spurensuche mit grundsätzlichen Überlegungen, ausgehend von der protestantischen Kirche Westpreußens schlechthin.

Oberpfarrkirche St. Marien, Danzig

In ihrem 1929 erschienen Buch „Die Marienkirche in Danzig“ preisen Karl Gruber und Erich Keyser die altehrwürdige evangelische Oberpfarrkirche als „Gotteshaus der Bürger, errichtet durch das einmütige Zusammenwirken der Brüderschaften, Gewerke und Geschlechter“. Diese Perspektive auf die Marienkirche verdeutlicht bereits den enormen Identifikationswert, den Europas größte Backsteinkirche für ihre Stadt hatte. Dies ist umso bemerkenswerter, als hier eine von katholischen Bürgern vor der Kirchenspaltung errichtete Kirche zum Identifikationspunkt einer protestantisch dominierten Bürgerschaft wurde. Ebenso konnten westpreußische Kirchen auch bis in unsere Tage hinein den Kirchenbrief der Gemeinschaft Evangelischer aus Danzig-Westpreußen zieren, obwohl die Gotteshäuser mit Kriegsende der katholischen Kirche übergeben worden waren.

Diese Beobachtung erinnert uns an zweierlei Zusammenhänge, die es bei unserer Spurensuche zu bedenken gilt : Zum einen, dass ein Erinnerungsort nicht statisch ist, sondern stets von den Zu- und Überschreibungen lebt, die er im Verlauf seiner Geschichte erhält. Daher stellt unsere heutige Spurensuche auch notwendiger Weise nur eine Bestandsaufnahme von Bedeutungen dar, die einem Denkmal oder Ort unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt – demjenigen der Reformation – Konturen verleihen. Zum anderen weist uns St. Marien darauf hin, dass ein und demselben Erinnerungsort gleichzeitig differierende, wenn nicht gegensätzliche Bedeutungen zukommen können – hier etwa eine deutsche bzw. protestantische oder eine katholische bzw. polnische.

Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig (Foto: Diego Delso via Wikimedia)
Die Königliche Kapelle im Schatten von St. Marien, Danzig
(Foto: Diego Delso via Wikimedia)

Reformation und Katholizismus

Wenn wir in diesem Sinne nach Orten fragen, deren historische Bedeutung an das Phänomen Reformation erinnert, dann gelangt man auch zu exklusiv katholischen Erinnerungsorten, in denen ein entsprechendes Narrativ der Reformationsgeschichte manifest wird.

Königliche Kapelle, Danzig

Am sinnfälligsten wird dies an der Königlichen Kapelle, die der Marienkirche unmittelbar benachbart ist. Immerhin verdankt diese Kapelle – was auf den ersten Blick womöglich paradox klingen mag – ihre Existenz der Reformation in Danzig : Nachdem nach und nach alle Kirchen evangelisch geworden waren, fehlte den verbliebenen Danziger Katholiken ein Gotteshaus. Finanziert durch ihren Stifter, den polnischen König Johann III. Sobieski, wurde darauf hin die Kaplica Królewska – die Königliche Kapelle – als neue katholische Kirche errichtet und 1681 fertiggestellt. Damit steht sie sowohl für den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in Städten, die sich mehrheitlich zum Protestantismus bekehrten – aber ebenso auch für die Fähigkeit zur neuen Selbstverortung unter veränderten Umständen wie zum Nebeneinander von altem und neuen Glauben.

Jesuitenkolleg, Deutsch Krone

Der Kontext der katholischen Reaktionen auf den Prozess der Reformation wird wesentlich von der sogenannten Gegenreformation – und damit einer ihrer treibenden Akteurinnen : der Societas Jesu (SJ) – bestimmt. Dabei gilt es zu bedenken, dass sich die – letztlich kirchenspaltende – evangelische Reformation selbst in einer Zeit innerkatholischer Reformbewegungen entwickelte und ebenso wenig davon unabhängig gedacht werden kann wie die SJ selbst.

Die Jesuiten entfalteten auch im späteren West- und Ostpreußen rege Aktivitäten und konzentrierten sich – ihrem Gelübde entsprechend – vor allem auf das Bildungswesen. So gründeten sie 1665 auch im damals zu Polen gehörigen Deutsch Krone eines der Jesuitenkollegien. Aufgrund seiner wachsenden Bedeutung mussten 1672 und 1703 jeweils größere Gebäude bezogen werden. Als der Jesuitenorden 1773 vom Papst aufgelöst wurde, erfolgte die Umwandlung in ein katholisches Gymnasium. Zu diesem Zeitpunkt besuchten 200 Schüler die Schule. – An dem 1798 bis 1805 errichteten Gebäude des Gymnasiums erinnert heute noch eine Gedenktafel an das ehemalige Jesuitenkolleg.

Zwischen Konflikt und Verständigung

Bereits die vorangegangenen Erinnerungsorte zeigen, dass die westpreußische Reformationsgeschichte eine ebenso protestantisch-katholische wie deutsch-polnische Beziehungsgeschichte ist, in der gerade auch die polnische Krone als Förderer des Katholizismus in Erscheinung tritt. Ein Blick auf zwei weitere Städte des Königlichen Preußen – Elbing und Thorn – verhilft dazu, dieses Bild zu differenzieren. So steht Thorn einerseits für eine blutige, von der polnischen Krone mitgetragene Eskalation der konfessionellen Konflikte im Jahre 1724, andererseits aber auch für die 79 Jahre zuvor durchgeführten Thorner Religionsgespäche, die ebenfalls vom polnischen König initiiert wurden. Einer ihrer zentralen Akteure, der protestantische Ökumeniker Comenius, lebte und wirkte zu dieser Zeit in Elbing. (Diese thematischen Zusammenhänge hat Manfred Richter bereits in der DW-Ausgabe vom April 2016, S. 14f., in größerer Ausführlichkeit erläutert.)

Comenius in Elbing

Der den Böhmischen Brüdern angehörende Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670) genoss bereits zu seinen Lebzeiten europaweite Anerkennung. Sie führte dazu, dass der schwedische Königshof Comenius beauftragte, ein Konzept zur Erneuerung des Schulsystems zu entwickeln. Deshalb kam der Gelehrte 1642 in das schwedisch besetzte Elbing, wo er bis 1648 blieb. Hier verfasste er nicht nur sein Hauptwerk „Allgemeine Beratung über die Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten“ (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica), sondern unterstützte auch die Vorbereitungen des „Colloquium Charitativum“, das vom 28. August bis zum 22. November 1645 in Thorn stattfand und zur Vermittlung zwischen Katholiken und Protestanten beitragen sollte. Der Elbinger Stadtrat unterstützte Comenius’ Bemühungen und stellte ihm eine Karosse für die Reise nach Thorn zur Verfügung.

Tumult und Blutgericht in Thorn

Die Religionsgespräche führten letztlich allerdings nicht zu konkreten Ergebnissen, und das Verhältnis zwischen den Konfessionen blieb weiterhin angespannt. 1724 ereignete sich dann – wiederum in Thorn – der erwähnte offene Ausbruch der Gegensätze. Nachdem die – maßgeblich von den Jesuiten getragene – Gegenreformation in den vorangegangenen Jahren in der lutherisch dominierten Stadt vorangetrieben worden war, kam es am Fronleichnamstag jenes Jahres zum „Thorner Tumult“, bei dem protestantische Bürger das Jesuitenkloster stürmten und verwüsteten. Nun musste bzw. konnte der polnische König August II. mit aller Härte durchgreifen : Nicht nur, dass sämtliche Hauptkirchen der Stadt der katholischen Kirche übereignet wurden ; vielmehr wurden am 7. Dezember auch ein Bürgermeister und neun Thorner Bürger öffentlich hingerichtet.

Die Erben der Reformation

Die Reformation führte jedoch nicht nur zu Auseinandersetzungen zwischen der lutherischen Lehre und dem Katholizismus, denn der Protestantismus brachte im Laufe seiner Entwicklung auch aus sich selbst eine ganze Reihe unterschiedlicher Denominationen und Minderheiten hervor, von denen hier nur einige exemplarisch vorgestellt werden sollen.

St. Peter und Paul, Danzig

Der nach der lutherischen Reformation bedeutendste Schritt in der weiteren Entwicklung war die Herausbildung der reformierten Konfession. – Nachdem die in der Alten Vorstadt von Danzig gelegene Kirche St. Peter und Paul 1557 lutherisch geworden war, ging sie 1622 an die Danziger Reformierten über. Das calvinistische Bürgertum zeichnete sich vielerorts durch ein ausgeprägtes Erfolgsstreben aus, das Max Weber in seinem berühmten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ scharfsinnig auf seine theologischen Voraussetzungen hin analysiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn wir unter den Gemeindegliedern in St. Peter und Paul späterhin z. B. auch den Kaufmann Johann Uphagen und den bedeutenden Kupferstecher Daniel Chodowiecki entdecken. Die vielleicht bedeutendste Person, die mit St. Peter und Paul in Verbindung steht, ist jedoch der Theologe, Naturwissenschaftler und spätere Entdeckungsreisende Johann Reinhold Forster, der hier als Kandidat wirkte und ins Pfarramt ordinierte wurde.

Heilig Geist-Kirche, Danzig

1817 fasste König Friedrich Wilhelm III. alle lutherischen und reformierten Gemeinden zu einer unierten Landeskirche zusammen. Diejenigen Gemeinden, die den Zusammenschluss aus theologischen Erwägungen ablehnten, mussten scharfe Verfolgung erdulden. Die aus diesem Prozess 1830 hervorgegangene Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen wurde erst 1845 staatlich anerkannt.

Diese ‚altlutherische‘ Kirche hatte ihren Schwerpunkt in Schlesien, aber in ganz Preußen Anhänger. Während der 1840er Jahre entstand ein eigener Danziger Pfarrbezirk, und 1854 erwarb man die Heilig Geist-Kirche in der Danziger Tobiasgasse 1b. 1943 umfasste die in der früheren Hospitalkirche ansässige Gemeinde 503 Seelen. 1945 wurde die Kirche schwer zerstört. Nach dem Krieg beschlossen die neuen Machthaber dann eine Nutzungsänderung, in deren Folge das Gebäude seit den 1950er Jahren in den Gebäudekomplex einer Grundschule integriert ist.

Heubuden (Kreis Marienburg / Großes Werder)

Mit den Täufern kommt eine protestantische Strömung ins Bild, die in Europa gerade auch von ihren protestantischen Glaubensgeschwistern verfolgt wurde. Deshalb flohen im 16. Jahrhundert viele Täufer nach Danzig und in das Umland der Stadt, wo sich zeitweilig auch ihr Anführer und Namensgeber Menno Simons aufhielt. Einer der Orte, an denen die Glaubensflüchtlinge aus dem flämischen, niederländischen, friesischen, und oberdeutschen Raum ansässig wurden, war Heubuden in der späteren Freien Stadt Danzig. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hatte sich dort das Niederländische als Gottesdienstsprache gehalten. 1768 erhielt Heubuden eine eigene Kirche, und Anfang des 20. Jahrhunderts bekam die Gemeinde Heubuden-Marienburg in Marienburg ein eigenes Gemeindehaus. 1929 hatte die Gemeinde 1.092 getaufte Glieder. – Heute erinnern in Heubuden eine Gedenktafel an der ehemaligen Mennonitenkirche, vor allem aber der erhaltene, 2,6 Hektar umfassende Mennoniten-Friedhof an die einstigen Einwohner des Ortes.

Slowinzisches Dorf, Klucken (Kreis Stolp, Pommern)

Neben den drei konfessionellen Minderheiten der Reformierten, Altlutheraner und Mennoniten soll zum Schluss noch eine weitere Gruppe berücksichtigt werden: die Slowinzen, bei denen es sich jedoch nicht um eine innerprotestantische Minderheit handelt. Zur Minderheit wurden die Slowinzen innerhalb der westslawischen Bevölkerung des südlichen Ostseeraums vielmehr durch ihr evangelisches Bekenntnis, das mit einer Nähe zur deutschen Kultur einherging. Damit ergänzen die Slowinzen, die in Pommern zwischen Stolp und Leba lebten, das Bild der katholischen Kaschuben.

Am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die große Mehrheit der deutschsprachigen Slowinzen vertrieben. Die slowinzischen Muttersprachler durften in ihrer Heimat bleiben, was freilich das Aussterben des – dem Kaschubischen verwandten – Slowinzischen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermochte. Dies mag man heute umso mehr bedauern, als angenommen werden kann, dass etwa der Konfirmandenunterricht in dieser Region noch bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in dieser Sprache gehalten wurde. Heute dokumentiert nur noch das Freilichtmuseum „Slowinzisches Dorf“ in Klucken das Leben dieser westslawischen
Protestanten.

Auf dem Weg zu den Erinnerungsorten …

… DANZIG

  • Heilig Geist-Kirche: Szkoła Podstawowa nr 50 im. Emilii Plater, ul. Grobla IV / 8, 80-837 Gdańsk
  • Königliche Kapelle: Sie liegt auf der Rückseite der Marienkirche in der Świętego Ducha, 80-980 Gdańsk
  • St. Marien: Bazylika Mariacka w Gdańsku, Podkramarska 5, 80-834 Gdańsk. Weitere Informationen: http://www.bazylikamariacka.gdansk.pl
  • St. Peter und Paul: Rzymskokatolicka Parafia św. Piotra i Pawła, ul. Żabi Kruk 3, 80-822 Gdańsk

… DEUTSCH KRONE

Jesuitenkolleg: Zespół Szkół nr 1 w Wałczu, Kilińszczaków 59, 78-604 Wałcz

… HEUBUDEN: 82-200 Stogi, Powiat Malborski

… KLUCKEN

Slowinzisches Dorf: Muzeum Wsi Słowińskiej w Klukach, Kluki 27, 76-214 Smołdzino. Das Freilichtmuseum ist ganzjährig geöffnet. Weitere Informationen: http://www.muzeumkluki.pl

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 1/2017.