Versöhnte Verschiedenheit

Die Systematiker Notger Slenczka und Wolf Krötke sowie die Alttestamentler Hanna Liss und Markus Witte (v.l.).
Die Systematiker Notger Slenczka und Wolf Krötke sowie die Alttestamentler Hanna Liss und Markus Witte (v.l.).

Streitgespräch über die Bedeutung des Alten Testaments für Christen machte weiteren Diskussionsbedarf deutlich

Ist das Alte Testament Quelle und Norm christlichen Glaubens? Oder gehört es genaugenommen gar nicht in den biblischen Kanon? Das hatte der Berliner Systematik-Professor Notger Slenczka vor wenigen Monaten behauptet und mit dieser These für reichlich Wirbel gesorgt (vgl. unser Dossier in Ausgabe 20). Bischöfe und Theologen gingen auf Distanz, fürchteten antijudaistische Vorbehalte. In der Berliner Humboldt-Universität wurde die Streitfrage jetzt wieder aufgenommen. Unter Leitung des emeritierten Systematikers Wolf Krötke diskutierten die Alttestamentler Markus Witte und Hanna Liss mit Slenczka über dessen umstrittene Thesen.

Von Tilman Asmus Fischer

Berlin. Die Argumentation von Notger Slenczka lässt sich so zusammenfassen: Die Kanonizität eines Textes setzt die „Identifikation der gegenwärtigen Religionsgemeinschaft mit den ursprünglichen Adressaten“ des Textes voraus. Die gegenwärtige christliche Theologie jedoch stelle diese Identität von Kirche und Bundesvolk, also Israel, nicht her.

Für den Berliner Systematiker wirft dies die Frage auf, inwiefern sich die Kirche vom Alten Testament angesprochen fühlen könne, ohne die „exklusive Zuwendung Gottes an Israel beziehungsweise das Judentum“ infrage zu stellen. Da die Gotteserfahrung mit Jesus Christus eine elementare Wandlung erfahre, schlägt Slenczka vor, das Alte als ein im Neuen Testament aufgenommenes und gedeutetes „Zeugnis und Ausdruck der vor- und außerchristlichen Gotteserfahrung“ zu verstehen.

Der Alttestamentler Markus Witte wies darauf hin, dass es problematisch sei, die „theologische Mitte“ des Alten Testaments auf den Bund Gottes mit Israel zu reduzieren. Er warb stattdessen dafür, die Pluralität des alttestamentlichen Kanons zu bedenken, der nicht nur einen Adressaten kenne, sondern vielmehr universalistische Elemente habe.

Im Bekenntnis zur Kanonpluralität und zu einer existenziellen Interpretation des Alten Testaments – „der Text erschließt sich mir in meinem Menschsein“, so Slenczka – fanden die beiden Berliner Theologen dann zusammen. Der wesentliche Unterschied bleibt jedoch in der Frage bestehen, ob das, was sich im Alten Testament erschließt, eine außerchristliche Gotteserfahrung ist oder beide Testamente von denselben Mustern der Lebensdeutung geprägt sind, ja sich ergänzen und das Alte Testament somit ein christliches Buch ist.

Diese Frage berührt neben der systematischen und alttestamentlichen Theologie auch die heutigen Gläubigen: Tritt uns in den Texten des Alten Testaments ein anderer Gott entgegen als im Neuen Testament? Haben wir als getaufte Christen zu ihm im Alten Testament dieselbe Beziehung, wie sie uns die Taufe auf den Namen seines Sohnes schenkt?

Hier führt Slenczka etwa Johannes 1,1-14 („Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind …“) ins Feld – während Witte darauf verweist, dass Altes wie Neues Testament gleichermaßen vom lebensstiftenden Schöpfer sprechen.

Dass die jüdische Theologie unabhängig ist von diesen innerchristlichen Debatten um das Alte Testament, verdeutlichte Hanna Liss, Professorin für Bibel und jüdische Bibelauslegung in Heidelberg. Der aktuelle Streit um den Kanon der christlichen Bibel sei – das klang an – für die jüdische Theologie letztlich unerheblich. Sie verwies auf die grundlegenden Unterschiede im Kanonverständnis von Christentum und Judentum: Für letztes sei etwa die historische Vorrangstellung der mündlichen Überlieferung prägend gewesen. Abschließend merkte Liss an: „Macht doch, was ihr wollt!“ Eine Aussage, die vielleicht etwas Druck aus der innerkirchlichen Debatte über das Schriftverständnis nehmen kann.

Dabei verlief die Disputation selbst – dies zeigten die Beiträge sowohl auf dem Podium als auch die Rückfragen aus dem Auditorium – bereits so entspannt und konstruktiv, wie man es sich für die vergangenen Monate gewünscht hätte. Beispielsweise hinsichtlich der Frage der letztlichen Einordnung des Alten Testaments. In den vorangegangenen Auseinandersetzungen hatte Slenczka die Überlegung geäußert, inwiefern das Alte Testament etwa mit den Apokryphen gleichzusetzen sei – also jenen Texten des Judentums, die nicht zum biblischen Kanon gehören. Bischöfe und Theologen gingen auf Distanz, fürchteten antijudaistische Vorbehalte. Hier stellte Slenczka, dem es darauf angekommen war, den Konsequenzen des aktuell verbreiteten Verständnisses des Alten Testaments nachzugehen, klar, er hänge nicht an Begriffen, ebenso könnte man von deuterokanonischen Schriften sprechen.

Hierzu kommentierte das Berliner Institut für Kirche und Judentum noch während der Veranstaltung auf Facebook: „Erfreuliche und zugleich erschütternde Klarstellung: Das ganze Alte Testament ist in der christlichen Kirche nach Sl. [Slenczka, Anmerkung der Redaktion] deuterokanonisch!“ Dessen gegenwärtiger Leiter, der Kirchenhistoriker Christoph Markschies, hatte sich zu Beginn der Debatte im Frühjahr gemeinsam mit einigen Kollegen von Slenczka distanziert, verweigerte jedoch die öffentliche Disputation mit ihm.

Dies ist umso bedauerlicher, als Markschies zugleich Vorsitzender der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist. Denn ein so heftig debattiertes Thema betrifft die theologischen Grundkoordinaten des größten deutschen Kirchenbundes. Bereits 2012 war es bei den Vorbereitungen einer „Bild“-Bibelausgabe zu einem Streit zwischen der EKD und dem lutherischen Theologen Jobst Schöne gekommen. Die Kritik des EKD-Kirchenamtes an seiner christusbezogenen Einführung zum Alten Testament zitiert Schöne mit den Worten, es sei „in der EKD Konsens, dass das Alte Testament ein Eigenrecht hat und nicht nur und nicht zuerst als Christuszeugnis gelesen werden kann und sollte“.

Offensichtlich besteht trotz der anscheinenden Übereinstimmung noch Diskussionsbedarf. Dies hat Notger Slenczka deutlich gemacht, indem er die systematisch-theologischen Konsequenzen dieses Konsenses wissenschaftlich aufgezeigt hat. Diese notwendige Debatte fortzuführen, war das große Verdienst der Disputation.

Erschienen in: Evangelische Zeitung 30/2015 (www.evangelische-zeitung.de). Zuvor in ähnlicher Form in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 29/2015.

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