Den Wandel erträglich gestalten

Der Historiker Andreas Rödder entwirft einen Konservatismus für das 21. Jahrhundert

Von Tilman Asmus Fischer

In den vergangenen Wochen wurden wieder einmal politische Themenfelder, mit denen sich ganz erhebliche Zukunftsfragen verbinden, primär von Personaldebatten dominiert. In diesem Fall mit den Personen Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer. Programmatische Fragen – einer europäischen Klimagesetzgebung oder der Erreichung des Zwei-Prozent-Ziels für den Verteidigungshaushalt – waren höchstens als den Personalia untergeordnete Gesichtspunkte von Bedeutung. Derartige Vorgänge sind nicht geeignet, den westlichen Demokratien und hierzulande den Volksparteien aus den Krisen zu verhelfen, in denen sie sich befinden und bei denen es sich vor allem um Vertrauenskrisen handelt. Gefragt ist vielmehr eine Politik, die sich – jenseits populistischer Patentrezepte – glaubhaft den Herausforderungen der Postmoderne stellt. Es geht um das, was der Mainzer Zeithistoriker und bekennende Christdemokrat Andreas Rödder in seinem neuen Buch als das „Anliegen eines liberalen Konservatismus“ formuliert: den „Wandel so zu gestalten, dass er für die Menschen erträglich wird und gelingen kann“.

Mit der weltweiten Renaissance autokratischer Regime, Rotchinas ökonomisch erfolgreichem „Kapitalismus ohne Demokratie“, Folgen der Digitalisierung auf den öffentlichen Diskurs und einem kulturellen wie wirtschaftlichen Globalismus umreißt der Autor einleitend die zentralen Herausforderungen für die westlichen Demokratien. Ebenso klarsichtig arbeitet Rödder die zunehmende Polarisierung der hierzulande geführten Debatten – zwischen einer rechten „Moralisierung des Eigenen“ und einer linken „Moralisierung des Regenbogens“ – heraus und wirft die Frage nach einem „Ende der Volksparteien“ auf. Wenn sich Rödder auch einer abschließenden Prognose enthält, macht er doch deutlich, was zwingende Überlebensbedingung ist: die „Wiederbelebung unterscheidbarer, inhaltlich profilierter Volksparteien, die zugleich dem fatalen Hang der Politik zur Selbstentmachtung begegnet“. Als Beitrag hierzu will er sodann auch seinen Entwurf eines „modernen Konservatismus als Kern einer Volkspartei der rechten Mitte“ verstanden wissen.

Dieser Entwurf besteht zunächst aus einer ideengeschichtlichen Herleitung des von Rödder vertretenen Konservatismuskonzepts, das sich vor allem Edmund Burke verdankt. Hieran schließt sich eine „Agenda für Deutschland“ – das umfangreichste Kapitel des Buchs – an, die die mögliche Programmatik eines modernen Konservatismus konkret für Deutschland und Europa ausbuchstabiert. Nach einem Parforceritt durch den britischen Konservatismus und die wechselhafte Geschichte des deutschen Konservatismus bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts geht Rödder intensiver auf die Entwicklung liberalen konservativen Denkens in der Bundesrepublik ein, wobei er explizit den Beitrag Robert Spaemanns und Hans Maiers hierzu würdigt. Einen Schwerpunkt legt der Autor auf die programmatische Entwicklung der „C“-Parteien.

Insgesamt arbeitet Rödder vier Grundzüge eines liberalen Konservatismus heraus: Der erste besteht in der Annahme, „dass die Beweislast nicht auf Seiten des Geltenden liegt, sondern auf Seiten des Neuen, das erklären muss, inwiefern es tatsächlich eine Verbesserung erbringt“. Zweiter, den Rödder als „fröhliche Skepsis“ bezeichnet, meint das Bewusstsein für die Fehlbarkeit menschlicher – auch eigener – Einschätzungen und Entscheidungen, was zu einer „Haltung der Bescheidenheit sowie der gesunden Skepsis und des produktiven Zweifels gegenüber Moden und vermeintlichen Gewissheiten und Eindeutigkeiten“ führt. Dritter ist das Prinzip von „Maß und Mitte“ und setzt „statt auf die Erschaffung einer neuen Welt auf behutsame Verbesserungen“. Zuletzt steht ein liberaler Konservatismus für eine starke Zivilgesellschaft gemäß der Losung „Gesellschaft vor Staat“ und unter dem Vorzeichen von Freiheit sowie Subsidiarität.

Rödders „Agenda für Deutschland“ deckt umfangreiche politische Themenbereiche ab: Internationale Politik und Europa, Bildung und Digitalisierung, Infrastruktur und Wirtschaft, Klima und Umwelt, Familie und Zivilgesellschaft, Asyl und Migration. Auf knapp 70 Seiten bündelt Rödder hier grundsätzliche Überlegungen und konkrete Forderungen zu den einzelnen Ressorts, was der Struktur nach einem Wahlprogramm gleicht – und sich in Teilen auch so liest, sodass man bisweilen den Esprit der ersten Kapitel vermisst. Hier hätte eine exemplarische und dafür ausführlichere Behandlung einzelner wenigerer Themenkomplexe – etwa Umwelt, Migration sowie internationale und Europapolitik – womöglich den Ertrag des Buches gesteigert. Große Überraschungen bleiben – abgesehen von der vielleicht etwas provokanten Forderung einer „Sozialstaatsbremse“ – aus. Dass so manche vernünftige, aber im öffentlichen Diskurs unpopuläre Forderung – wie diejenige nach mehr Realismus in der Außen- und Sicherheitspolitik – neu akzentuiert wird, ist Rödder zu danken. Die Stärken dieses Abschnitts liegen jedoch vor allem da, wo Rödder den gegenwärtigen Diskurs seziert und Ideologiekritik übt, etwa mit Blick auf Klima- und Familienpolitik.

Am Anfang von Rödders Buch steht zwar das Nachdenken eines Christendemokraten über die künftige programmatische Ausrichtung des eigenen politischen Lagers. Am Ende hat der meinungsstarke Historiker jedoch mit seinem Konzept eines modernen Konservatismus eine Idee umrissen, der sich – in diesem Sinne verstandene – Konservative weit über die Parteienfamilie der Union hinaus (mit gewissen Abstrichen bei einzelnen politischen Forderungen) verpflichtet fühlen können. Daher sollte „Konservativ 21.0“ auch nicht nur als praktisch-politische „Agenda für Deutschland“, sondern auf einer allgemeinen Ebene zudem als Leitfaden für eine besonnene und verantwortungsethisch orientierte Debattenkultur in Deutschland gelesen werden: Denn dies ist es, was Konservative über Parteigrenzen hinaus als ein gemeinsames Anliegen teilen – und was in Zeiten ideologisch geführter und von Ängsten getriebener Debatten nottut.

Andreas Rödder: Konservativ 21.0 – Eine Agenda für Deutschland. C.H. Beck Verlag, München 2019, 144 Seiten, ISBN 978-3-406-73725-1, EUR 14,95

Erschienen am 8. August 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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Den Schöpfergott vor Augen

Ein Sammelband lässt Joseph Ratzinger zum Verhältnis von Glaube und Politik zu Wort kommen

Von Tilman Asmus Fischer

An Glaube und Religion kommt, wer heutzutage Gegenwartshermeneutik betreibt, nicht vorbei. Ob man der Säkularisierungsthese oder der Idee einer Wiederkehr der Religion anhängt: für beide Positionen ist die Frage nach der Relevanz dieser Faktoren konstitutiv. Dabei sind beide Konzepte nicht bloß soziologische Deutungsmuster, sondern stehen nicht selten im Dienst weltanschaulicher Programme, die entweder einen strikten Laizismus oder eine Restauration religiöser Dominanz predigen. Daher trifft das vergangenes Jahr von Pierluca Azzaro und Carlos Granados herausgegebene Buch „Die Freiheit befreien“ den Nerv der Zeit, indem es eine Auswahl von Texten des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, bietet, die sich mit „Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ befassen.

Vom ältesten Text – einer Predigt vor katholischen Bundestagsabgeordneten aus dem Jahre 1981 – bis hin zur im Band enthaltenen Erstveröffentlichung – einer Antwort auf Marcello Peras Buch „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ – treten zwei zentrale Grundlinien hervor: Zum einen steht hinter allen Beiträgen das für Ratzinger typische Paradigma eines korrelativen Verhältnisses von Glaube und Vernunft, zum anderen erschließt der Autor vor diesem Hintergrund fundamentale Normen und Kriterien politischen Handelns in christlicher Verantwortung. Dabei erscheint der Systematiker und frühere Bischof von Rom kaum als der dogmatische Hardliner, als den ihn seine Kritiker gerne zeichnen, – sondern vielmehr als einer der großen Denker der (Post-)Moderne, dessen Positionen mannigfaltige Anknüpfungspunkte für den Diskurs eröffnen, gerade nicht nur aus einem christlichen Blickwinkel heraus.

Dies hat seinen Grund gerade darin, dass es ihm immer wieder gelingt, plausibel zu machen, in welchem Maße sich rechtsphilosophische Grundpfeiler der westlichen Zivilisationen – wie der Liberalismus und das Verständnis des Menschen als Rechtssubjekt –, die auch aus einer säkularen Perspektive unverzichtbar sind, fundamentalen Überzeugungen eines christlichen Welt- und Menschenbildes, mithin der Idee der Gottesebenbildlichkeit, verdanken. So konstatiert Ratzinger in der Auseinandersetzung mit Pera: „Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.“

Hier und an anderen Stellen tritt Ratzinger wiederholt – und mit überzeugenden Argumenten – für eine Rückbesinnung auf naturrechtliche Traditionen ein. Es ist zudem eben das Naturrecht, dem Ratzinger ein anhaltendes Dialogpotenzial beimisst – gerade für die Kirche in der Moderne: Als Argumentationsfigur ermögliche es der katholischen Kirche, „in den Gesprächen mit der säkularen Gesellschaft und mit anderen Glaubensgemeinschaften an die gemeinsame Vernunft [zu appellieren] und die Grundlagen für eine Verständigung über die ethischen Prinzipien des Rechts in einer säkularen pluralistischen Gesellschaft“ zu suchen.

Letztlich verharrt Ratzinger nicht in der Reflexion rechts- und religionsphilosophischer Abstrakta, sondern buchstabiert immer wieder auch die sozialethischen – und damit letztlich auch politischen – Konsequenzen seiner Theologie aus. Dies gilt etwa für den Gedanken einer „zweite[n] Realpräsenz Jesu“ – neben der sakramentalen: „in den Geringsten, in den Getretenen dieser Welt, in den Letzten […], in denen Er von uns gefunden sein will“. Wenn Papst Franziskus in seinem Vorwort zu „Die Freiheit befreien“ ebendiesen Gedankengang – und Ratzingers damit verbundenes Eintreten für eine Christus gemäße Veränderung der Welt – hervorhebt, zeigt sich wieder einmal, in welchem Ausmaß die „politische Diakonie“ des amtierenden Papstes der Theologie – und insbesondere der Christologie – seines Amtsvorgängers verpflichtet ist.

Wie zeitlos das Denken Ratzingers ist, zeigen drei – bereits 1995 gemeinsam unter dem Titel „Wahrheit, Werte, Macht. Prüfsteine einer pluralistischen Gesellschaft“ erschienene – Vorträge, die der Autor 1991/1992 in Dallas, Paris und Pressburg gehalten hatte. Sie waren entstanden vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche im befreiten Ost(mittel)europa, sind aber noch heute aktuell – teils erschreckend aktuell: So erinnert Ratzinger angesichts fremdenfeindlicher Ausschreitungen im wiedervereinigten Deutschland an den heute fast vergessenen Faschismustheoretiker Hermann Rauschning, der den Nationalsozialismus als eine „Revolution des Nihilismus“ beschrieben hatte. Blicken wir heute nach Chemnitz und in andere deutsche Städte, wird die bleibende Bedeutung von Ratzingers Einsicht deutlich: „Die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als ein gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen, scheint mir eine Bedingung für das Bleiben der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren totalitären Folgen zu sein.“

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend. Herder, Freiburg 2018, 216 Seiten, ISBN 978-3-451-37980-2, EUR 22,–

In ähnlicher Form erschienen am 25. Juli 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Gerechter Krieg, gerechter Frieden

Sigurd Rink blickt auf militärische Konflikte und ethische Herausforderungen

Von Tilman Asmus Fischer

Können Kriege gerecht sein? Dass gerade diese Frage dem Buch eines evangelischen Militärbischofs seinen Titel gibt, mag auf den ersten Blick als Provokation erscheinen. War die Friedensethik – zumal die evangelische – doch längst auf Distanz zur Lehre vom „gerechten Krieg“ gegangen. Und dies nicht ohne Grund; Sigurd Rink verweist selbst auf den fatalen Beitrag, den die Kirche in ihrer Geschichte zur Legitimierung militärischer Aggressionen unter dem Vorwand des iustum bellum geleistet hat. Und so steht Rink auch fern davon, mit dem gegenwärtig prägenden Paradigma des „gerechten Friedens“ zu brechen, dem Frieden mehr als die Abwesenheit von Gewalt bedeutet. Vielmehr geht es ihm darum, „die Tradition vom gerechten Krieg als Mittel der Gewaltbegrenzung“ zu verstehen, also die Frage nach der Rechtfertigung militärischer Gewalt kritisch an sicherheitspolitische und militärische Entscheidungen zu stellen. Dabei steht für ihn fest: „Die Ultima Ratio, die äußerste Möglichkeit eines Einsatzes rechtserhaltender Gewalt, ist für mich keine hohle Phrase, die man relativieren kann. Sie ist angesichts dessen, was militärische Interventionen bewirken – nicht zuletzt auch im Leben der Soldatinnen und Soldaten –, mit äußerster Sorgfalt zu prüfen.“

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Erschienen in: Der Tagesspiegel, 31. Juli 2019.

Wo die dicken Zigarren glühn

Rainer Zitelmann verteidigt die Reichen und untersucht die Stereotype der Medien

Die wissenschaftliche Vorurteilsforschung sowie die von ihr angestoßenen öffentlichen Debatten nehmen in der Regel marginalisierte gesellschaftliche Gruppen in den Blick. Anders im neuen Buch des Historikers und Soziologen Rainer Zitelmann, der sich mit „den Reichen“ einer „beneideten Minderheit“ annimmt, die – zumindest sozioökonomisch – kaum besser in der Gesellschaft dastehen könnte.

Dass eine solche Betrachtung dennoch ihre Berechtigung hat, legen nicht nur vereinzelte linksextreme Gewalttaten gegen Reiche oder das teilweise Zusammengehen von Kapitalismuskritik und antisemitischen Stereotypen nahe. Vielmehr scheint es mithin angemessen zu sein, in Zeiten intensiver Debatten um unbestreitbare sozialpolitische Krisenerscheinungen – und Wohnungsenteignungen – kritisch jedwede Position im öffentlichen Diskurs zu reflektieren; dies gilt somit auch für etablierte Haltungen gegenüber Reichen. Hierfür gibt Zitelmann – bekennender Reicher, was gewisse apologetische Argumentationsmuster erklären mag – einen ersten Anstoß.

Dabei kann der Autor vor allem auf einen umfangreichen Datenbestand zurückgreifen, der sich von ihm beauftragten Erhebungen der Meinungsforschungsinstitute Allensbach und Ipsos MORI verdankt und einen Vergleich zwischen Reichen-Stereotypen in Deutschland sowie Frankreich, Großbritannien und den USA ermöglicht. Zitelmann arbeitet einzelne grundsätzliche Beobachtungen über das Phänomen „Sozialneid“ heraus: etwa seine Abhängigkeit von einem „Nullsummendenken“, dem zufolge der Gewinn von Reichen exakt dem Verlust der ärmeren Bevölkerung entspreche, ebenso wie die konkrete Stereotypisierung von Reichen, die sich – insbesondere in Deutschland – durch die Zuschreibung hoher Kompetenzwerte, jedoch geringer moralischer Werte auszeichnet.

Zudem bietet „Die Gesellschaft und ihre Reichen“ neben einer umfangreichen Einführung in Theorien und Methoden der Vorurteilsforschung erkenntnisreiche Analysen zu Reichen-Bildern in den Medien. Bei der Auswertung von Beiträgen aus der Yellow Press, Online-Diskussionen über Reiche und einschlägigen Darstellungen in Hollywood-Filmen tritt freilich die Reflexion hinter die Präsentation des Datenmaterials zurück.

Die Stärke dieses Abschnitts liegt jedoch in den Analysen zur Gerechtigkeitsdebatte sowie der Presseberichterstattung über die Panama und Paradise Papers. Insbesondere das ausgehend von letztgenannten Datenleaks entworfene pauschalisierende Bild von Reichen als Delinquenten, vor allem Steuerhinterzieher, war – so vermag Zitelmann zu plausibilisieren – in problematischer Weise von Vorverurteilungen jenseits des Prinzips der Unschuldsvermutung geprägt.

Zitelmann leistet – indem er in ausführlicher Weise Vorurteile gegenüber Reichen als Klassismus identifiziert, die Stereotypen in den verschiedenen Ländern miteinander verglichen und gemeinsame Strukturmerkmale herausarbeitet – Pionierarbeit. Im Zuge von hieran anknüpfenden Untersuchungen und Reflexionen sollte jedoch eine wesentliche Verengung bedacht werden: Diese besteht darin, dass Zitelmanns Studie nahelegt, jegliche Kritik an Reichtum und Kapitalismus ausschließlich, gleichfalls stereotyp auf Neid zurückzuführen. Dies desavouiert notwendige sozialpolitische Reformbemühungen und bestärkt Vorurteile über Kreise aus Unter- und Mittelschicht, die per se als sozialneidisch erscheinen.

Tilman Asmus Fischer

Rainer Zitelmann: Die Gesellschaft und ihre Reichen. Vorurteile über eine beneidete Minderheit
Finanzbuch-Verlag, München 2019, 464 Seiten, 34,99 €

Erschienen in: Cicero – Magazin für politische Kultur 6/2019.

Zwischen Revolution und Reflexion

Ein Aufsatzband der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschließt das „gemeinsame Erbe von Christen und Marx“

Von Tilman Asmus Fischer

2018 wurde auf unterschiedliche Weise anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx das Verhältnis von Christentum und Marxismus beleuchtet. Einen Beitrag aus dem Umfeld der politischen Linken – namentlich der Rosa-Luxemburg-Stiftung – haben die beiden Theologen Michael Ramminger und Franz Segbers mit einem Sammelband vorgelegt, der den programmatischen Titel trägt: „‚Alle Verhältnisse umzuwerfen… und die Mächtigen vom Thron zu Stürzen.‘ Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx“.

Diesem ‚gemeinsamen Erbe‘ wird – nach einer Einführung durch die Herausgeber und den Theologen Kuno Füssel – auf dreifache Weise nachgespürt: Zuerst in einem schlaglichtartigen Rückblick auf das wechselvolle Verhältnis von Kirche und marxistischer Bewegung; dann vermittels Beiträgen zu unterschiedlichen Fragen des gegenwärtigen Diskurses, die sich zwischen Religionsphilosophie, Exegese und Sozialethik bewegen. Abschließend werden exemplarische Formationen der christlichen Marxismus-Rezeption auf den Philippinen sowie in Nord- und Südamerika erörtert. Dabei wird freilich deutlich, dass es sich bei einer ‚christlich-marxistischen‘ Symbiose – wie sie die den Autoren vor Augen stehen mag – eher um ein Zweckbündnis handelt, das gewiss nicht fundamentale Differenzen in Welt- und Menschenbild zu überwinden vermag (und in das sich zu fügen wohl auch nicht jeder Christ willens sein wird).

Den zentralen Ertrag bringt der zweite Hauptabschnitt des Sammelbandes hervor. Wenn die einzelnen Verfasser auch aus unterschiedlichen Disziplinen kommend ihre je individuelle Perspektive fruchtbar machen, lassen sich doch einige grundsätzliche Fragen und Aspekte benennen, die sich als roter Faden durch das Buch ziehen und zum fortgesetzten Nachdenken – und Diskutieren – anregen: Dies gilt vor allem für die Spannung zwischen (politischer) Ethik und christlicher Eschatologie. Denn während es den Autoren gelingt, aus der christlichen Tradition plausibel politische Imperative mit Blick auf gegenwärtige soziale, ökologische und ökonomische Missstände abzuleiten, bedürften die Ambivalenzen menschlicher Selbsterlösungshoffnungen einer tiefergehenden Reflexion als dieser Sammelband liefert.

Demgegenüber wird die marxistische Kritik am Fetischcharakter der Ware aus unterschiedlichen Perspektiven eingehend analysiert und zudem immer wieder ihre Anschlussfähigkeit an theologische Diskurse – vor allem ausgehend von der alttestamentlichen Idolatriekritik – erörtert (z. B. Michael Ramminger: Götzen, Fetische und das Jenseits des Kapitalismus). Mithin erscheint es lohnend, das theologische Nachdenken über den ungebändigten Kapitalismus als lebensfeindliche „Marktreligion“ (so dann auch im Titel des entsprechenden Aufsatzes von Franz Hinkelammert) weiter zu vertiefen; und dies nicht nur, weil es im Trend des gegenwärtigen Pontifikates liegt. Vielmehr eröffnet diese Perspektive entscheidende Einsichten in die Gebrechen und die Erlösungsbedürftigkeit einer vom Materialismus geprägten Gesellschaft. Dass solche Sozialkritik freilich nicht zwingend einen marxistischen Standpunktes voraussetzt, zeigen im Übrigen die wissenschaftlichen Würdigungen der Befreiungstheologie durch Gerhard Ludwig Kardinal Müller, die der Sammelband freilich nicht entsprechend rezipiert. Dies ist umso bedauerlicher, als eine Auseinandersetzung mit Müllers Überlegungen einen erheblichen Beitrag dazu geleistet hätte, in einem stärkeren Maße auch die Spannungen zu bedenken, die zwischen christlichen und marxistischen Vorstellungen einer Weltveränderung bestehen.

Die entscheidendere Schwachstelle des Sammelbandes liegt jedoch bei den zeitgeschichtlichen Beiträgen im ersten Teil des Buches. Es wäre an dieser Stelle eigentlich auch ein Aufsatz zum historischen Schicksal verfolgter Christen im realexistierenden Sozialismus zu erwarten gewesen. Jedoch finden sich als originärer Beitrag für den Sammelband hingegen „Politisch-biografische Anmerkungen einer ehemaligen Pfarrerin in der DDR“ – aus der Feder von Ilsegret Fink, die nicht unbedingt zum systemkritischen Spektrum evangelischer Theologen in der DDR zu zählen ist. Ergänzt werden ihre Ausführungen lediglich durch den gekürzten Nachdruck eines Textes des bereits 2009 verstorbenen Ost-CDU-Funktionärs Günter Wirth (Marxismus, Glauben und Religion in der DDR).

Die Stärken des historischen Rückblicks liegen hingegen in den kirchen- und theologiegeschichtlichen Beiträgen zum 19. und 20. Jahrhundert – vor allem von Franz Segbers, Julia Lis und Hermann-Josef Große Kracht. Segbers (Das Kommunistische Manifest und die Denkschrift der Inneren Mission) und Lis (ChristInnen und SozialistInnen – Gegner oder Bündnispartner? Sozialpolitik und Arbeiterbewegung bei Kolping und Ketteler) geben exemplarisch Einblick in sozialdiakonische Ansätze der katholischen wie evangelischen Kirche des 19. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen unpolitischer Wohlfahrt und Solidarisierung mit der Arbeiterbewegung. Große Kracht („… auf den Schultern von Karl Marx“) spürt sodann den unterschiedlichen Phasen der Marx-Rezeption im Werk des Jahrhunderttheologen und Sozialethikers Oswald von Nell-Breuning SJ nach.

Neuerlich spannt der letzte Abschnitt einen historischen Bogen auf – diesmal vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Neben zwei grundsätzlicheren Beiträgen zu Marxismus und Befreiungstheologie in Lateinamerika von Michael Löwy (Der Marxismus der Theologie der Befreiung) und Nancy Cardoso (Weder Abschrift noch Kopie: Nicht eine weniger. Marxismen in Lateinamerika) geben die Aufsätze von Franz Segbers und Jörg Rieger Einblicke in zwei weniger bekannte Konstellationen einer christlich-marxistischen Symbiose: Während sich Segbers mit der Geschichte der von Rom losgesagten Iglesia Filipina Independiente befasst, zeichnet Rieger die lange Tradition der – zwischenzeitlich in den Hintergrund getretenen – christlichen Linken bzw. des linken Christentums in den USA nach.

Michael Ramminger u. Franz Segbers (Hrsg.): „Alle Verhältnisse umzuwerfen… und die Mächtigen vom Thron zu stürzen.“ Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx, VSA: Verlag, Hamburg 2018, 248 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-89965-790-6.

In ähnlicher Form erschienen am 13. Juni 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Frieden braucht Partner

Bei der Vorstellung des diesjährigen Friedensgutachtens warnte Sigmar Gabriel Deutschland davor, sich strategisch unabhängig von den USA zu machen. Das könnte die EU spalten

Von Tilman Asmus Fischer

„Vorwärts in die Vergangenheit?“, fragt der Titel des diesjährigen Friedensgutachtens – und propagiert: „Frieden braucht Partner“. Die Spannung zwischen jener kritischen Anfrage und dieser Forderung prägte auch das Abendforum der Evangelischen Akademie zu Berlin am 4. Juni, in dessen Rahmen das Gutachten der führenden Friedensforschungsinstitute vorgestellt wurde.

Das Friedensgutachten 2019 wurde herausgegeben vom Bonn International Center for Conversion, dem Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg sowie dem Institut für Entwicklung und Frieden. Im Fokus des diesjährigen Gutachtens steht die Krise der nuklearen Weltordnung. Daneben nehmen einzelne Kapitel aus globaler Perspektive bewaffnete Konflikte, „Flucht und Gewalt“, Rüstungsdynamiken, institutionelle Friedenssicherung und transnationale Sicherheitsrisiken in den Blick.

In seiner Einführung betonte Tobias Debiel, Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (Duisburg), die Notwendigkeit neuer Partnerschaften für die globale Friedenssicherung angesichts einer zunehmend verfahrenen weltpolitischen Lage. Auch wenn die EU zentraler Referenzpunkt einer multilateral ausgerichteten Politik sei, müsse jedoch in einzelnen politischen Feldern um weitere Partner geworben werden. Dies gelte vor allem mit Blick auf die Demontage des INF-Abkommens durch Washington und Moskau. Er plädierte angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Russland und der NATO für verstärkte Bemühungen um Verständigung mit Moskau.

Sigmar Gabriel, Martin Dutzmann, Claudia Baumgart-Ochse, Christoph von Marschall und Ursula Schröder (v.l.).

In einer kritischen Würdigung hinterfragte Sigmar Gabriel exemplarisch drei Postulate des Gutachtens: Der Annahme, Deutschland und Europa stellten attraktive Partner beziehungsweise Vermittler in der globalen Konfliktbewältigung dar, widersprach der frühere Bundesaußenminister. Er hielt dem entgegen, dass Deutschland und Europa infolge einer Verschiebung der Machtachsen vom Atlantik zum Pazifik heute eigentlich in keinem der weltweiten Konflikte eine entscheidende Rolle spielten. Mit Blick auf Erwägungen zu einer strategischen Unabhängigkeit von den USA warnte er davor, dass eine solche die EU zu spalten drohe – gerade angesichts der engen Anbindung ostmitteleuropäischer Staaten an Washington. Entgegen grundsätzlicher Vorbehalte gegenüber einer nicht nur werte-, sondern auch interessengeleiteter Politik betonte er die Notwendigkeit, gemeinsame Interessen zu formulieren, wenn man neue multilaterale Bündnisse schmieden wolle.

Sodann stellte sich Gabriel – moderiert von Claudia Baumgart-Ochse vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens-und Konfliktforschung in Frankfurt am Main – der Diskussion mit Ursula Schröder, wissenschaftliche Direktorin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Martin Dutzmann, dem Bevollmächtigten der EKD bei der Bundesrepublik, sowie Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der „Tagesspiegel“-Chefredaktion.

Ursula Schröder betonte die in den Augen der Herausgeber bestehende Notwendigkeit, die aus den Analysen des Gutachtens erwachsenden Forderungen an die Politik zu adressieren – auch im Wissen darum, dass diese wiederum Sachzwängen unterläge, wie sie Gabriel referiert hatte. Dutzmann ging – aus der Perspektive der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung – auf einzelne konkrete Fragestellungen, etwa der Rüstungsexportkontrolle, ein. So kritisierte er, dass die Rüstungspolitik bundespolitisch im Wirtschafts- und nicht im Sicherheits ressort angesiedelt sei. Marschall fokussierte die Debatte um eine strategische Ausrichtung der Außenpolitik auf die Frage nach einem adäquaten Umgang mit US-Präsident Donald Trump. Zwar sei er selbst nicht dessen Anhänger, doch gehe die hierzulande gepflegte Trump-Verdammung teilweise zu weit. In diesem Sinne plädierte er für eine pragmatische Haltung gegenüber dem Weißen Haus, die Trump zwar kritisiere, aber nicht per se alles, was von Trump kommt, für das Schlimme halte.

Friedensgutachten 2019, LIT Verlag, Berlin 2019. 146 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-643-14351-8.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2019.

Prononciert

Eine praktische Kulturtheologie

Wilhelm Gräb: Vom Menschsein und der Religion. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2018, 348 Seiten, Euro 39,–.

Wissenschaftliche Gesamtschau und Streitschrift – in einer solchen Doppelgestalt erscheint das neue Buch von Wilhelm Gräb. Als Gesamtschau bietet „Vom Menschsein und der Religion“ den Ertrag einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Fragen der Religionsphilosophie – immer wieder ausgehend vom und hinführend zum Denken Friedrich D. E. Schleiermachers. Als Streitschrift kann das Buch insofern gelesen werden, als ihm der Impetus innewohnt, auf eine Ausrichtung der Gesamtheit evangelischer Theologie im Sinne einer „praktischen Kulturtheologie“ hinzuwirken – in wiederholter Abgrenzung zu einer Offenbarungstheologie, deren gewichtiger Vertreter Karl Barth bei Gräb Schleiermacher gewissermaßen als Antipode gegenübersteht.

Schleiermacher dominiert sodann auch den ersten der vier Teile des Buches, in dem die „Religion in ihrer Zugehörigkeit zum Menschen“ beleuchtet wird. Neben dem Gründungsvater der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität kommen hier vor allem Paul Ricoeur, Philipp Jacob Spener, Paul Tillich und Falk Wagner zur Geltung. Dieser Durchgang durch die Theologie- und Philosophiegeschichte umfasst zugleich etwas mehr als die Hälfte des gesamten Buches. Die drei in der zweiten Hälfte versammelten Abschnitte nehmen hieran anknüpfend Aktualisierungen vor – mit Blick zunächst auf kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimensionen von Religion, alsdann auch auf die „kulturelle Performanz der Religion“ in bildender Kunst, Musik und Literatur. Abschließend buchstabiert Gräb die Konsequenzen seiner Überlegungen für die akademische Theologie aus.

Prägnanz gewinnen die Gedankengänge des Verfassers durch seine Neigung zu pointierten Kontrastierungen – begonnen bei derjenigen zwischen Sinnfragen und Dogma als Zentrum des Verständnisses von Religion. Hinzu tritt etwa die Gegenüberstellung von „religiöser Deutungskultur“ und „tradierte(n) Glaubenssätzen als geoffenbarte(r) Glaubenswahrheit“ als Gegenstand religiöser Bildung. Dies setzt sich fort bis in den Entwurf einer „praktischen Kulturtheologie“, die sich die „theologische Hermeneutik der Kultur“ zur Aufgabe macht. Sie steht damit einer „Kirchentheologie“ gegenüber, die sich primär den biblischen und kirchlichen Überlieferungen verpflichtet weiß. Teils drängt sich freilich die Frage auf, welche weiteren Perspektiven sich eröffneten, wenn das Verhältnis zwischen den gegenübergestellten Konzepten etwas weniger dichotom aufgefasst würde. Etwa, wenn Gräb die gegenwärtige Öffentliche Theologie als dogmatisch-wächteramtlich umreißt und ihr eine Ausrichtung an der Religion als „Angelegenheit des Menschen“ im Sinne Spaldings gegenüberstellt.

Als wissenschaftliche Gesamtschau zeigt das Buch Voraussetzungen und ideengeschichtliche Entwicklungen theologischen und religionsphilosophischen Denkens in der Tradition Speners, Schleiermachers und Tillichs ebenso auf wie ihren Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen in einer weltanschaulich pluralistischen und individualisierten Gesellschaft. Damit vermag das Buch, die Beweggründe, Konzepte und Argumente neuprotestantischer, beziehungsweise liberaler Theologie zu plausibilisieren und – auch dem anderen theologischen Denkschulen verpflichteten Leser – zu erschließen. Das prononcierte und streitbare Eintreten Gräbs für eine „praktische Kulturtheologie“ fordert den Leser heraus, sich dieser Position gegenüber zu verhalten: Mag es auch teils so erscheinen, als wenn der Spielraum zwischen Zustimmung oder Ablehnung gering sei – dies stellt in jedem Fall sicher, dass es nicht bei einer beliebigen Haltung gegenüber den Thesen des Autors bleibt, sondern vielmehr eine fruchtbare Kontroverse eröffnet wird.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 5/2019.