Länderporträt Taiwan

Blickwechsel von Tilman Asmus Fischer

Zwei Topoi bestimmten die neue mediale Aufmerksamkeit, die in den vergangenen zwei Jahren der ostasiatischen Inselrepublik Taiwan zukommt: auf der einen Seite eine zumindest über lange Strecken mustergültige Bewältigung der Corona-Pandemie durch Politik und Zivilgesellschaft; auf der anderen Seite das – zuletzt anlässlich des Besuchs von Nancy Pelosi – immer lauter werdende Säbelrasseln der Kommunistischen Partei Chinas, die nach Hongkong lieber gestern als heute die demokratische Republik China, so der offizielle Name Taiwans, der Volksrepublik China einverleiben würde. Was ist dies für ein Land, dessen Gesellschaft für ihre Resilienz bewundert wird, das jedoch weltweit von lediglich 14 Regierungen – darunter leider nicht die deutsche, jedoch der Vatikan – als souveräner Staat anerkannt wird?

Diese Frage stellt sich bei einem Interesse, das über tagespolitisch relevante Schlagzeilen hinausgeht. Wer sie sich stellt, kann so manches lernen über eine Insel mit einem faszinierenden interkulturellen – und in Teilen auch interreligiösen – Erbe, über friedliche politische Transformationen sowie über eine Gesellschaft, die Liberalismus und Traditionsbewusstsein verbindet. Einblicke in dieses breite Themenspektrum eröffnet die unlängst erschienene „Gebrauchsanweisung für Taiwan“ des preisgekrönten deutschen Schriftstellers Stephan Thome. Sie liest sich gleich einer – wenn auch nicht unkritischen – Liebeserklärung an das Land, in das er als Student kam und das ihm – inzwischen mit einer Taiwanerin verheiratet – zur Heimat wurde. Ebenfalls heuer erschien sein Roman „Pflaumenregen“, der die Zeitgeschichte Taiwans literarisch verarbeitenen.

Ein starkes zeitgeschichtliches und erinnerungskulturelles Interesse prägt auch sein Länderporträt – in besonderer Weise mit Blick auf die Diktatur der Nationalen Volkspartei Chinas „Kuomintang“. Diese regierte 1949 bis 1987 unter Kriegsrecht auf Taiwan, wohin sich die Regierung der Republik China zurückzog, als Mao auf dem Festland die Volksrepublik errichtete. An diese Zeit erinnert heute die Gedenkstätte auf Lü Dao – bis 1987 Gefängnisinsel der Kuomintang, anhand derer Thome feinfühlig die Prägekraft der Unterdrückungserfahrungen für das kollektive Gedächtnis und das demokratische Selbstbewusstsein des heutigen Taiwans entfaltet.

Gleichfalls gehört es zu Thomes Handschrift, dass ihr die fachliche Expertise des studierten Sinologen, Philosophen und Religionswissenschaftlers abzuspüren ist. So tut es nicht Wunder, dass just eines der umfangreichsten Kapitel der taiwanischen Religionsgeschichte gewidmet ist. Thome arbeitet heraus, wie gerade die autochthone religiöse Tradition in der Zeit der Unterdrückung durch die japanischen Kolonialherren bis 1945 zu einem wesentlichen Identitätsmarker wurde.

Heute sind vor allem buddhistische Laienorganisationen in der Zivilgesellschaft sichtbar – immer wieder aber auch die christliche Minderheit. Deren Geschichte ist ambivalent, da der 1975 gestorbene Diktator Chiang Kai-shek selbst als Konvertit der methodistischen Kirche angehörte, die ihn stützte. Währenddessen standen Presbyterianer und Katholiken auf der Seite der unterdrückten indigenen Völker, deren Sprache und Kultur sie schützten und die ihrerseits bis heute in der großen Mehrheit Christen sind.

Stephan Thome: Gebrauchsanweisung für Taiwan, Piper, 224 Seiten, ISBN 978-3-492-27745-7; 15,00 Euro

Erschienen in: Glaube + Heimat. Mitteldeutsche Kirchenzeitung 39/2022; unter anderem Titel in: Evangelischer Kirchenbote 40/2022.

„Beziehungen auf allen Ebenen ausbauen“

In den vergangenen Wochen zerbrach sich Europa den Kopf über Nancy Pelosis Taiwan-Reise und deren Folgen für den Pazifikraum. Die Perspektive der Taiwaner selbst kam kaum zu Wort. Der auf Taiwan lebende deutsche Schriftsteller Stephan Thome („Pflaumenregen“ und „Gebrauchsanweisung für Taiwan“) spricht im Interview über die politische Stimmung in der taiwanischen Öffentlichkeit – und deren skeptische Haltung gegenüber der europäischen Chinapolitik. 

Herr Thome, wie sind die politischen Entwicklungen und die militärische Gefahrenlage der letzten Wochen in der taiwanischen Öffentlichkeit diskutiert worden? 

Grundsätzlich war der Tonfall nicht so alarmiert und aufgeregt wie in der westlichen Berichterstattung. Es gibt hier eine lange Gewöhnung an und Vertrautheit mit dieser Bedrohungssituation. Die Regierung in Peking droht seit über 70 Jahren damit, die Insel einzunehmen, und es gab in der Vergangenheit schon mehrfach krisenhafte Zuspitzungen und drohende Eskalationen. Man sagt nicht umsonst, dass es sich gegenwärtig um die vierte Krise in der Taiwanstraße handelt. Die dritte war 1995/96, und davor gab es noch zwei, bei denen teilweise auch Raketen auf die Taiwan vorgelagerten Inseln abgeschossen wurden. Also, wenn man das ein bisschen kontextualisiert, dann ist das nichts so ganz Außergewöhnliches.  

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Differenzierte Auseinandersetzung

Martin W. Ramb, Holger Zaborowski (Hg.): Solidarität und Verantwortung.Oder: Was Europa zusammenhält.Wallenstein Verlag, Göttingen 2022. 378 S. 22,00 € (D)

Nachdem der Theologe Martin Ramb und der Philosoph Holger Zaborowski sich 2019 bereits mit einem Sammelband auf die Spurensuche nach der „Heimat Europa“ begeben hatten, unternehmen sie nun mit einer in diesem Jahr begonnenen Buchreihe den Versuch, die geistige Identität unseres Kontinents zu vermessen und auf ihre aktuelle Bedeutung hin zu befragen. Dabei kommen Solidarität und Verantwortung als erste der „Koordinaten Europas“ in den Blick – eine Themensetzung, die durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine an Brisanz gewonnen hat, sind diese beiden Schlagworte seither doch mit einem robusten Zungenschlag im politischen Diskurs präsent. Dies freilich war zur Zeit der Fertigstellung des Buches noch nicht abzusehen und so ist Solidarität, wo sie als politisches Phänomen fokussiert wird, vornehmlich in ihrer sozialen Dimension akzentuiert.

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Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Herder-Korrespondenz 7/2022, S. 53.

Die Debatte steht noch aus

Michael Lüders mahnt eine öffentliche Evaluierung des Afghanistan-Einsatzes an

Rezension von Tilman Asmus Fischer

Mit einem meinungsstarken Buch hat Michael Lüders den Abzug der NATO aus Afghanistan bedacht. Der Inhalt von „Hybris am Hindukusch“ liest sich so eingänglich wie der alliterierende Titel, der zugleich das Narrativ des Autors auf den Punkt bringt: die Vermessenheit der Besatzungsmächte Afghanistans seit der Kolonialzeit – und insbesondere von USA und NATO seit Beginn des „Kriegs gegen den Terror“. Vermessenheit im Sinne sowohl von Überheblichkeit als auch wortwörtlich von grundsätzlichen Fehleinschätzungen über Land und Lage. Insofern erklärt das Buch plausibel, wie es aufgrund solch doppelter Vermessenheit zur gegenwärtigen Situation eines erneut unter Taliban-Herrschaft befindlichen Afghanistans kommen konnte.

Plausibel macht das Buch – aus deutscher Perspektive – gleichfalls, was immer wieder gerade auch aus den Reihen christlicher Friedensethiker gefordert wurde: dass Ansatz, Strategie und Praxis des Afghanistaneinsatzes einer grundsätzlichen parlamentarischen Evaluation und öffentlichen Debatte bedürfen. Zu sehr ist der Einsatz von Beginn an durch ein Strategiedefizit und über seine Dauer hinweg durch militärpraktische wie völkerrechtliche Fragwürdigkeiten geprägt. Zweifelhaft ist freilich, ob Lüders Buch – abgesehen davon, dass es die Thematik womöglich in die eine oder andere Schlagzeile befördern dürfte – zu einer versachlichten Debatte beiträgt. Hierfür ist die – in vielen Punkten durchaus berechtigte – Kritik am Westen zu holzschnittartig.

Dies verdeutlicht insbesondere das Einstimmen des Autors in die aggressive Verurteilung des späteren Generals Georg Klein, der als Oberst am 4. September 2009 den Luftangriff bei Kundus befehligte. Für die hier in tragischer Weise sichtbar werden ethischen Ambivalenzen der Einsatzrealität zeigt sich Lüders nicht sensibel – und eine ausgebliebene Verurteilung stellt in seinen Augen sodann die Unabhängigkeit der zuständigen Gerichtsbarkeit infrage. An diesen Stellen zeigt sich: Frei von Hybris ist auch der Verfasser nicht.

Michael Lüders, Hybris am Hindukusch. Wie der Westen in Afghanistan scheiterte, München 2022.

Erschienen in: ZUR SACHE BW 1/2022, S. 88.

Im kulturkritischen Plauderton

Meinhard Miegels Kritik am Kapitalismus und an den Lebensverhältnissen

Von Tilman Asmus Fischer

„Noch’n Kommentar“, dieses Gefühl mag sich – in freier Anlehnung an den Titel der beliebten Lyrik-Anthologie von Heinz Erhardt – bei der Lektüre des neuen Buches von Meinhard Miegel aufdrängen. Zwischen einem Vor- und einem Nachwort hat der Vorstandsvorsitzende des „Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung“ für die Monate Januar 2017 bis Juni 2020 je eine Reflexion zu Fragen der Zeit versammelt. Auch wenn diese eine große thematische Beliebigkeit aufweisen, kreisen sie doch immer wieder um das zentrale Anliegen des Autors: der Überwindung des gegenwärtigen konsum- oder wachstumsorientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. „Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter“ heißt sodann auch der floskelhaft anmutende Titel des Büchleins.

Leider gewinnt dieses selbst keinen deutlicheren Tiefgang, sondern verbleibt in der großen Linie bei einem kulturkritischen Plauderton. Dies hat seine Gründe sowohl in der Struktur des Buches als auch in der Gegenwartshermeneutik des Autors. Zunächst einmal sind die Beiträge aus immerhin vier politisch ereignisreichen Jahren chronologisch sortiert, sodass sich, liest man das Buch am Stück, nicht unerhebliche Themensprünge ergeben. Dadurch verspielt Miegel die Gelegenheit, bei der Betrachtung der von ihm fokussierten Problemstellungen in die Tiefe zu gehen, und begnügt sich vielmehr damit, sie immer wieder anzureißen. Leider erlauben es zudem nur einige der Kapitelüberschriften, auf den jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt zu schließen, sodass es noch nicht einmal umfassend möglich ist, interessengeleitet einzelne Kapitel zu einem Fragezusammenhang zu lesen.

Orientierung über die Grundlinie des Buchs vermögen nur Vor- und Nachwort zu geben. Dies ist umso bedauerlicher, als Miegel ja Probleme anspricht, die tatsächlich ernsthafter und dringender Lösungen bedürfen: allem voran das globale Wirtschaften weit jenseits der ökologischen Belastungsgrenzen der Erde. Die hierauf reagierende Einsicht in die Notwendigkeit von umfassend verstandener Nachhaltigkeit – einschließlich unumgänglicher Wohlstandseinbußen in reichen Volkswirtschaften – ist natürlich nicht minder berechtigt.

Leider konzentriert sich Miegel nicht auf diese berechtigte Kritik an unserer Lebens- und Wirtschaftsweise. Vielmehr vermischt er sie mit thematisch disparaten Betrachtungen, die teils über Allgemeinplätze nicht hinauskommen, etwa wenn Miegel zwischendrin mal eben auf zwei Seiten über den Verfall der deutschen Alltagssprache nachsinnt, um rasch zur Einsicht zu gelangen, diese sei „ungemein simpel, um nicht zu sagen grobschlächtig“. Zwar nicht grobschlächtig, aber bei genauerer Betrachtung zumindest simpel ist freilich auch der kulturpessimistische Duktus, in den Miegel selbst immer wieder verfällt. So ist die Kritik am durch die Digitalisierung bedingten Wandel der Technik von ihrer instrumentellen (dem Menschen dienenden) Funktion hin zur Fähigkeit, selbst „das Handeln des Menschen zu steuern“, berechtigt. Diese Beobachtung jedoch – wie Miegel es tut – zum „Ausdruck einer fehlgeleiteten Kultur“ zu stilisieren, ist holzschnittartig.

Mithin scheint sich Miegel in der Rolle des – gerne auch einmal pauschal – Urteilenden äußerst gut zu gefallen. So gut, dass man sich bisweilen fragt, wo hierbei für ihn die Grenzen liegen. Etwa im letzten Kapitel, in dem Miegel problematisiert, dass unsere Gesellschaft „herausragende Leistungen fast nur noch mittels Geld zu würdigen vermag“. Dabei geht es ihm um Top-Gehälter in Wirtschaft – eigentlich… Zum guten Schluss bekommt aber auch noch ein „Gewerkschaftsfunktionär“ sein Fett weg, der, „als Mitglieder seiner Organisation ob ihres großen Einsatzes öffentlich gelobt wurden“, sagte: „Davon können sie sich nichts kaufen. Sie wollen Geld sehen.“ Für Miegel ist klar: „Wie zeitgemäß und doch wie ärmlich!“ Angesichts des Einsatzes von Pflegekräften in der Corona-Pandemie und ihrer teils prekären finanziellen Situation kann man sich nur fragen, mit welchem Maß Miegel hier misst.

Meinhard Miegel: Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter. Oekom Verlag, 160 Seiten, ISBN-13: 978-396238-208-7, EUR 18,–

In ähnlicher Form erschienen am 19. Mai 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Auswege aus der Individualisierung

Frank Vogelsang fragt nach Perspektiven des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Von Tilman Asmus Fischer

Die gegenwärtige Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist bereits seit Jahren eines der prägenden Themen in der öffentlichen Debatte. Auf sie reagierte 2017 das Sachbuch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ des Kultursoziologe Prof. Dr. Andreas Reckwitz und ihre politischen Auswirkungen bildeten 2019 den Hintergrund für das Gemeinsame Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Vertrauen in die Demokratie stärken“.

Einen der neuesten und zugleich klarsichtigsten Beiträge zu dieser Debatte aus philosophisch-theologischer Perspektive hat Dr. Frank Vogelsang – Diplomingenieur, evangelischer Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland – mit seiner im vorvergangenen Jahr erschienenen Studie „Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne“ geleistet. Besonders zweierlei zeichnet dieses Buch aus: Zum einen die unvoreingenommene kritisch-analytische Haltung des Autors gegenüber dem „hegemonialen Diskurs der Spätmoderne“, dem der erste Teil des Buchs gewidmet ist. Zum anderen gelingt es dem Verfasser, in inspirierender Weise leibphilosophische Überlegungen im Anschluss an Maurice Merleau-Ponty für seinen eigenen Gegenentwurf fruchtbar zu machen und im Anschluss hieran nach möglichen Formen der Verbundenheit zu fragen.

Bereits einleitend begnügt sich Vogelsang nicht mit dem Hinweis auf die Schwächung überkommener gesellschaftlicher Strukturen in der Spätmoderne, sondern zeichnet die Grundlinien seiner Analyse und Kritik des – diesen langfristigen Entwicklungen zugrundeliegenden – Diskurses vor, dem er den Begriff der Verbundenheit gegenüberstellt: „Wenn die grundlegende Verbundenheit der Menschen untereinander und zu ihrer Umwelt keinen angemessenen gesellschaftlichen Ausdruck findet, wenn die Formen der Verbundenheit durch den hegemonialen Diskurs nachhaltig geschwächt werden, sind auf längere Sicht auch die Errungenschaften [ebendieses Diskurses; TAF] wie Autonomie und Universalismus gefährdet. Denn der hegemoniale Diskurs schwächt in erheblichem Maße die Strukturen moderner Gesellschaften und beschädigt so die Grundlage, auf der die Werte sich entfalten können.“

Was hat es aber nun mit diesem „hegemonialen Diskurs der Spätmoderne“ auf sich? – Dies klären die drei ersten Kapitel zu seiner Beschaffenheit, seiner historischen Genese sowie einer seiner vielleicht problematischsten Folgeerscheinungen: der Entwicklung von der Freiheit zur Vereinzelung. Die Entstehung des hegemonialen Diskurses vollzieht Vogelsang ausgehend von geistesgeschichtlichen Motiven der Neuzeit über die wesentlichen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts nach – die „neoliberale“ wie „linksliberale Wende“ und den durch die Digitalisierung ausgelösten Entwicklungsschub. Den sich in diesem Zuge herausgebildeten und heute beherrschenden Diskurs sieht der Verfasser „vor allem durch zwei Grundüberzeugungen charakterisiert: durch den Individualismus, also die Vorstellung, ein Mensch sei vor allem und zuerst als Individuum zu beschreiben, und durch die Annahme, es komme in politischen Analysen und Handlungen vor allem darauf an, gesellschaftliche Herausforderungen als Probleme gegenwärtiger Zustände darzustellen und sie einerseits mit rationalen, systemadäquaten Methoden und andererseits mit einer Orientierung an moralischen Werten zu lösen“.

Gegen die als scheinbar alternativlos propagierte Individualisierung bzw. Vereinzelung der Spätmoderne bringt Vogelsang im Folgenden die Leibphilosophie von Maurice Merleau-Ponty (bzw. Bernhard Waldenfels) in Anschlag, für den entgegen des Geist-Körper-Dualismus Descartes der Leib „gerade dafür [steht], dass die beiden von Descartes unterschiedenen Substanzen nie unverbunden existieren, dass beide Seiten Abstraktionen aus einem ursprünglichen Geschehen sind“. Damit erscheint es dann jedoch fraglich, den Menschen als primär geistig-rationales, im Körper gefangenes, isoliertes Individuum zu fassen. Vielmehr erscheint er gerade durch seiner Leiblichkeit in einer „existenzielle Verbundenheit“ (zu diesem Begriff gelangt Vogelsang im Anschluss an Merleau-Ponty, der diesen Begriff noch nicht verwendet) mit anderen Menschen als leiblichen Wesen, die er passiv – quasi geburtlich –erfährt.

„Formen der Verbundenheit“ assoziieren sich mit und unterscheiden sich zugleich von „existenzieller Verbundenheit“ dadurch, dass sie als aktives Element eine Antwort des Menschen auf diese passive existenzielle Erfahrung darstellen. Bei diesen Formen handelt es sich, wie Vogelsang bereits zuvor definierte, um „soziale Konfigurationen, die durch eine zeitliche Dauer bestimmt sind und immer wieder Erfahrungen der Verbundenheit ermöglichen. Gesellschaften weisen sehr unterschiedliche Formen der Verbundenheit auf, hierzu gehören familiale Strukturen, Verbände, Institutionen, Organisationen und Assoziationen unterschiedlichster Art, die eine dauerhafte Verbundenheit zwischen Menschen zum Ausdruck bringen.“

Nachdem er ebendiese Formen in zwei Kapitel im Laufe ihrer sozialgeschichtlichen Entwicklung aufgezeigt und ihren Veränderungen durch Phasen gesellschaftlicher Transformationen nachgegangen ist, wendet er sich der Fraga nach dem Potenzial konservativer, progressiver und christlicher Gegenentwürfe zu. Hierzu stellt er ein jeweils prototypisches Textzeugnis in das Zentrum seiner Untersuchung: Ferdinand Tönnies „Gemeinschaft und Gesellschaft“, „Das Kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels, sowie Dietrich Bonhoeffers Dissertationsschrift „Sanctorum Communio“. Dabei gelingt es ihm, die „christliche Form der Verbundenheit“ als theologisch begründete Alternative neben die rechten und linken Identitätsangebote zu stellen: Schließlich leitet sie „sich nicht von einem gemeinsamen Herkommen ab, wie im konservativen Diskurs, sie leitet sich auch nicht von einer gemeinsamen Zukunftsvorstellung ab, für die Konflikte gemeinsam bewältigt werden müssen, wie im progressiven Diskurs. Sie leitet sich vielmehr von Gott ab, der die Gemeinschaft gestiftet hat und der in und durch die Geschichte begleitet, der an die Verheißungen erinnert und mit den Verheißungen die Zukunft eröffnet. Die Gemeinschaft mit Gott ermöglicht die christliche Gemeinschaft. Die gründende Beziehung zu Gott wirkt sich dann unmittelbar auf die sozialen Beziehungen aus.“ Kirche wird darin für Bonhoeffer – und Vogelsang – als „Christus als Gemeinde existierend“ sichtbar. Die beiden abschließenden Kapitel laden mit Blick auf Netzwerke als „zukünftige Formen der Verbundenheit“ im Zeitalter der Digitalisierung und mit einer Perspektivweitung auf Möglichkeiten universalistischer Politik angesichts des spätmodernen Diskurses zum Weiterdenken an. Eben ein solches „Weiterdenken“ beim Leser anzuregen – und damit den Diskurs der Gegenwart nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu verändern –, ist mithin dem gesamten Buch zu wünschen.

Frank Vogelsang: Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne. Alber Verlag, Freiburg i.Br. / München 2020, 240 Seiten, EUR 32,–

In ähnlicher Form erschienen am 24. Februar 2022 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Jenseits des Menschen

James Lovelock prognostiziert ein posthumanes Zeitalter und stellt letztlich die Ethik in Frage

Von Tilman Asmus Fischer

Gerade einmal vor 20 Jahren ist in die wissenschaftliche Debatte der Begriff des Anthropozäns eingeführt worden. Mit ihm wurde das gegenwärtige geochronologische Zeitalter als dasjenige gekennzeichnet, das in herausragender – wie problematischer – Weise vom Menschen als wesentlichem Einflussfaktor geprägt ist. Folgt man dem britischen Naturwissenschaftler James Lovelock, geht dieses mit der Industrialisierung beginnende Zeitalter jedoch bereits seinem Ende zu. Dabei ist es weltgeschichtlich extrem jung – und der 1919 geborene Lovelock selbst bereits fast halb so alt wie die geologische Epoche, auf die er seinen Abgesang anhebt.

Was auf das Anthropozän folgen soll, erfasst Lovelock als „Novozän“ oder als „Zeitalter der Hyperintelligenz“. Ihm widmete er ein zu seinem 100. Geburtstag auf Englisch und 2020 auf Deutsch erschienenes Buch, das der Jubilar mit seinem Co-Autor Bryan Appleyard verfasst hat. Die gewagte Hypothese des Buches hat zwei wesentliche Voraussetzungen: zum einen die Gaia-Hypothese, die Lovelock in der ersten Hälfte der 1970er Jahre gemeinsam mit Lynn Margulis entwickelt hatte; zum anderen weitgehende Spekulationen über die künftigen Entwicklungen künstlicher Intelligenz (KI).

Das große Verdienst der Gaia-Hypothese war nicht weniger als ein neues Verständnis des irdischen Lebens gewesen: die Erkenntnis, dass es sich bei der Biosphäre nicht nur um eine Ansammlung von Organismen handelt, sondern sie in ihrer Gesamtheit wiederum selbst quasi als Organismus betrachtet werden kann. Dies setzte die Einsicht in die selbststabilisierenden Dynamiken der Erdoberfläche voraus, zu denen in besonderer Weise die grundsätzliche Fähigkeit des Planeten gehört, sich selbst abzukühlen. Nach Gaia, der Muttergöttin der griechischen Mythologie, benannte Lovelock das „Planetensystem“, welches „die Erdoberfläche abkühlt“.

Ebendieses System sieht sich zunehmenden Herausforderungen ausgesetzt: der Alterung des Planeten und – neben dem anthropogenen Klimawandel, den Lovelock erstaunlich dezent thematisiert – der zunehmenden Wärmeabgabe der Sonne. Gaia, so der Autor, „muss weiter daran arbeiten, den Planeten zu kühlen, denn er ist jetzt alt und gebrechlich. Mit dem Alter werden wir fragiler, wie ich nur allzu gut weiß. Dasselbe gilt für Gaia. Sie könnte heute durch Erschütterungen ihres Systems, die sie in früheren Zeitaltern weggesteckt hätte, zerstört werden.“ Eine solche Erschütterung könnte etwa ein massiver Asteroideneinschlag verursachen.

Hilfe könnte Gaia, geht es nach Lovelocks Vision, freilich von der gegenwärtigen Entwicklung der Informationstechnologie her ereilen: „Das Revolutionäre an diesem Moment ist, dass die Versteher der Zukunft keine Menschen sein werden, sondern ,Cyborgs‘, wie ich beschlossen habe, sie zu nennen, die sich aus den Systemen künstlicher Intelligenz, die wir bereits entwickelt haben, selbst entwerfen und erschaffen werden. Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.“ Während wir Menschen – denkende und individuell sowie politisch handelnde Individuen – als ,Gestalter‘ scheinbar ausgedient haben, sollen dann die überlegenen, da intelligenteren Cyborgs im Zusammenspiel mit der Natur das Heft des Handelns in die Hand nehmen und Lösungen für die drohende Überhitzung entwickeln.

Freilich: Zwar kann Lovelock auf tatsächlich faszinierende – und erschreckende – Fortschritte der KI verweisen. Jedoch der – über graduelle Steigerungen der technischen Fähigkeiten hinausgehende – kategoriale Wechsel hin zu im Wortsinn autonom und verantwortlich handelnder KI bleibt eine Annahme. Lovelock begründet die prognostizierte vollständige Freiheit der Cyborgs „von menschlichen Befehlen“ damit, dass sie „sich durch einen selbstgeschriebenen Code entwickelt haben“ werden. Über die konkreten Möglichkeiten und Bedingungen des Erreichens ebendieser Entwicklungsstufe schweigt der Autor letztlich.

Gravierender als Lovelocks Lücken in der naturwissenschaftlichen Herleitung seiner Utopie – oder sollte besser von einer Dystopie die Rede sein? – sind allerdings deren anthropologische und ethische Konsequenzen. Denn bereits das von Lovelock – der wiederholt seine quäkerische Prägung hervorhebt – vertretene Menschenbild ist, zurückhaltend formuliert, ambivalent. Und denkt man seine technikgläubigen Annahmen folgerichtig weiter, gelangt man letztlich zu einer Dispensierung der Technikethik.

Bekennt sich Lovelock einerseits zum anthropischen Prinzip – sogar als Korrelat der Gaia-Hypothese –, kann er andererseits erklären: „Unsere Existenz [als intelligentes Leben; TAF] ist ein verrückter Ausrutscher.“ Als gewollt vermag der Autor den Menschen lediglich im Anschluss an John Barrows und Frank Tipler (The Anthropic Cosmological Principle) erkennen – und dies in einer sehr limitierten Weise: „Vielleicht ist Information eine immanente Eigenschaft des Universums, und deshalb mussten bewusste Wesen zustande kommen. Dann wären wir wirklich Auserwählte – das Werkzeug, durch das der Kosmos sich selbst erklärt.“

Somit kommt dem Menschen für Lovelock eine lediglich instrumentelle Bedeutung zu, spielen wir Menschen am  Ende nur „eine ähnliche Rolle wie die Photosynthetisierer, die die Voraussetzungen für die nächste Evolutionsstufe geschaffen haben“. Dies freilich ist eine äußerst problematische Reduzierung des Menschen auf seine Fähigkeit zur Informationsverarbeitung. Damit entspricht Lovelock einer grundsätzlichen Tendenz im aktuellen Diskurs um KI, der gegenüber der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber unlängst in der Zeitschrift „Evangelische Theologie“ (4/2020) anmahnte: „Wir Menschen gehören nicht nur zur Spezies homo sapiens, sondern auch zur Spezies homo sentiens. Wir sind nicht nur rationale, sondern auch fühlende Lebewesen. Wir sind nicht nur ,Inforgs‘, sondern auch ,Empathorgs‘, nicht nur informationelle, sondern auch emphatische Organismen.“

Wo dies aus dem Blick gerät, wird der Mensch nicht mehr in der Ganzheitlichkeit seiner Geschöpflichkeit – und letztlich Gottebenbildlichkeit – wahrgenommen und kann letztlich auch als Würdewesen infrage gestellt werden. Damit erscheint dann freilich auch der Sinn des Ringens um eine menschengemäße Gestaltung des technischen und digitalen Wandels zweifelhaft. Und wenn zudem das menschliche Handeln in der Gegenwart bereits unter dem Vorzeichen einer zukünftigen Verselbstständigung der KI steht, kann mit Grund gefragt werden, welcher Wert einem ethisch reflektierten Umgang des Menschen mit der Technik überhaupt noch zukommt.

James Lovelock: Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz. Mit Bryan Appleyard, aus dem Englischen von Annabel Zettel. C.H.Beck, München 2020. 160 Seiten, gebunden; ISBN 978-3-406-74568-3, EUR 18,–

In ähnlicher Form erschienen am 30. Dezember 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Reflexion existenzieller Fragen

„Wir haben Menschen Einsamkeit zugemutet, um andere vor Krankheit oder Tod zu schützen. Wir haben unser Leben einschränken müssen, um Leben zu retten.“ Mit diesen Worten reagierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner vielbeachteten Rede auf der Zentrale Gedenkveranstaltung für die Verstorbenen in der Corona-Pandemie auf eine kollektive Erfahrung, die sich mit der Pandemie bzw. ihrer Bekämpfung verbindet: Einsamkeit.

Solche Erfahrungen drängen auf Bewältigung – nicht nur, aber insbesondere am Ende des zweiten „Corona-Jahres“. Und womöglich bietet sich hierzu auch die Advents- und Weihnachtszeit in besonderer Weise an. Dies nicht nur, weil es die Zeit der Jahresrückblicke und medialen Bilanzierung ist. Vielmehr laden diese – nicht ohne Grund mit Begriffen des Kirchenjahres bezeichneten – Wochen dazu ein, ganz persönlich das Zurückliegende im Horizont des eigenen Lebens wie transzendenter Hoffnungen zu bedenken.

Bei einer solchen Reflexion existenzieller Fragen kann jede und jeder Begleiter gebrauchen. Einen solchen bietet aus christlicher Perspektive das Buch „Für sich sein“ der Theologen Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, und Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie in Deutschland. Aufgrund ihrer jeweiligen Perspektiven sind sie prädestiniert dafür, dem komplexen Phänomen Einsamkeit in seinen individuellen, sozialen und theologischen Dimensionen auf lebensnahe Weise nachzugehen.

Dies gelingt ihnen in der Form eines „Atlasses der Einsamkeiten“: Zunächst bestimmen die Autoren in einer allgemeinen Einführung „Koordinaten der Einsamkeit“ und tragen damit zu einem umfassenden – und vor allem psychologisch fundierten – Verständnis von Einsamkeit bei. Auf dieser Grundlage erschließen sie das „Reich der Solitude“, „Zufluchtsorte des Für-sich-Seins“, die „Weiten der Loneliness“, die „Inseln der Isolation“, „Ankerplätze im Mahlstrom“ sowie „Wege und Orte der Befreiung“.

Jeder dieser Abschnitte bündelt einzelne, im Zusammenhang wie für sich lesbare Kapitel, die den Leser mit unterschiedlichsten Orten vertraut machen – Orte im weiteren Sinne des Wortes, also auch Situationen, Konstellationen und Menschen, die sich in diesen bewähren: Es begegnen Meister Eckhart in mystischer Abgeschiedenheit oder Caspar David Friedrich am Meer, es werden aber auch Einblicke in die moderne Gefängis-Seelsorge gegeben. Damit folgt „Für sich allein“ dem bewährten Muster von Claussens vorangegangenem Buch „Die seltsamsten Orte der Religion“.

Gleichfalls in der Tradition von Claussens Büchern steht der „Atlas der Einsamkeiten“ auch dahingehend, dass der Zusammenhang von Zwangsmigrationen – „Flucht“ als „Menschheitsgeschichte“ – zur Sprache kommt und dabei auch das deutsche Vertreibungsschicksal thematisiert wird. An dieser Stelle sind es nun die ostpreußischen Wolfskinder, die hier in ihrer „Erinnerungseinsamkeit“ ins Licht treten. Gerade auch wegen solcher Kapitel lohnt sich die eingehende Beschäftigung mit  diesem Buch allemal.

Tilman Asmus Fischer

Johann Hinrich Claussen / Ulrich Lilie, Für sich sein. Ein Atlas der Einsamkeiten, München: Beck, 2021, 248 S. mit 8 Illustr., Klappenbroschur, 18,00 – ISBN 978-3-406-77488-1

O. T . erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2021.

Religion ist mehr als Konservatismus

Eine Entgegnung auf Wolfram Weimers Buch „Sehnsucht nach Gott“

Die empirische Widerlegung der Säkularisierungsthese beziehungsweise die „Wiederkehr der Religion“ findet bereits seit Jahren vielfältig publizistischen Niederschlag. Da die fortwährende – und, so ist anzunehmen, zunehmende – Bedeutung des Faktors Religion ein Thema von gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist, ist es zu begrüßen, dass sich Denker unterschiedlichster politischer wie weltanschaulicher Provenienz an dieser Debatte beteiligen – und so auch Wolfram Weimer als Journalist mit einem ebenso katholischen wie konservativen Profil. Gerade aus einem solchen Blickwinkel sind durchaus denkwürdige Diskussionsbeiträge zu erwarten, denke man nur an die Impulse des Philosophen Robert Spaemann (1929-2018), auf den sich Weimer gerne bezieht. Umso bedauerlicher ist jedoch, dass Weimer die reichen Chancen, diese Perspektive fruchtbar zu machen, in seinem Buch „Sehnsucht nach Gott“ verspielt.

Das zentrale Problem liegt dabei in dem Zugriff des Verfassers auf „Religion“ – ein Begriff, dessen konzeptionelle Klärung fatalerweise unterlassen und der stattdessen für kulturelle und gesellschaftspolitische Zielsetzungen funktionalisiert wird. Eine funktionale Beschreibung von „Religion“ mag im Kontext einer religionssoziologischen Studie ihren Platz haben. Weimers Buch vermischt jedoch populärwissenschaftliche Überlegungen zur „Wiederkehr der Religion“ mit einer Programmschrift, die auf die Fruchtbarmachung von „Religion“ – bei der Weimer in diesem Zusammenhang vornehmlich an ein konservatives Christentum zu denken scheint – für Staat, Gesellschaft und Kultur abzielt.

Dies wird in entlarvender Weise deutlich, wenn Weimer gar auf die bevölkerungspolitische Dimension abhebt: „Der enge Zusammenhang von kulturell-religiöser Identität und gesellschaftlicher Dynamik wird auch in der Demografie sichtbar. Gesellschaften, die um ihren inneren Sinn nicht mehr wissen, die kein größeres Ziel mehr kennen als die Besitzstandwahrung, entfalten natürlich weniger Kräfte, mobilisieren weniger Begabungsreserven; bekommen letztlich weniger Kinder. Damit wird auch klar, dass mit einer Renaissance des kulturellen und religiösen Bewusstseins die Bereitschaft wieder wachsen dürfte, Zukunft auch unmittelbar in Form von Nachkommenschaft zu wollen und zu haben.“

An diesen Stellen wünschte man sich, Weimer würde seinen kollektiven Kinderwunsch als Christ zumindest schöpfungstheologisch aus dem biblischen Mehrungsgebot herleiten. Doch scheint es Weimer weniger um die Schöpfungsordnung zu gehen, als um die Rettung von Nation und Abendland. Diese Perspektive scheint etwa auf, wenn Weimer am Beispiel des Bildungssystems „die kulturelle Selbstschwächung unserer Nation durch Werte-Indifferenz“ oder an anderer Stelle die „Niedergangssklerose“ Europas beklagt. Mithin funktioniert Weimers Gegenwartsbeschreibung nur aufgrund eines holzschnittartigen Verfallsnarrativs, in dem den 1960er Jahren eine stereotyp prominente Rolle zukommt und das wahrscheinlich nicht umsonst an den russisch-orthodoxen Metropoliten Hilarion Alfejev erinnert.

Aber da ist ja zum Glück „der Religiöse“ – ein weiterer Pauschalbegriff, den Weimer mehrfach verwendet und hinter dem sich wahrscheinlich der „religiös [geprägte Wertkonservative]“ verbirgt, den Weimer an anderer Stelle erwähnt. Hierfür spricht nicht zuletzt die nahezu synonyme – und in beiden Fällen unreflektierte – Verwendung der Topoi Religiosität und Konservatismus. Damit liegt hier, unabhängig vom eigenen Standpunkt, eine problematische Vereinnahmung von „Religion“ durch eine ihrer spezifischen Ausprägungen vor. In ähnlicher Weise problematisch ist die Rede von der „einen, der christlich-jüdischen Religion“, deren „kulturelle Macht“ Weimer beschwört.

Nun denn, „der Religiöse“ verfügt in jedem Fall über „ein Empfinden für Zivilisation, für die langen Linien von Herkunft und Zusammenhang, für die tiefe Melodie einer Kultur“. Deren Bezugspunkt ist bei Weimer Europa bzw. der „,Westen‘ als eine Wertegemeinschaft“.

Ebenso fragt „der Religiöse“ nach Identität, und stemmt sich damit gegen den Missstand, den Weimer für Deutschland diagnostiziert: „Kaum ein Horizont der Deutschen reicht weiter zurück als bis 1933, wir kennen die langen Linien unserer Herkunft nicht, nicht einmal mehr ihre rudimentären Sagen.“ Religion im Dienst nationaler Identitätsstiftung? Ein,  zumal für einen Katholiken, möchte man ergänzen, befremdlicher Zungenschlag.

Freilich, in politischer Hinsicht ist Weimer hier voll zuzustimmen. Dass der globale Westen zumal angesichts des aus Moskau und Peking beförderten neuen Autoritarismus ein gefährdetes und bewahrenswertes Gut darstellt, steht außer Frage. Unter theologischer Perspektive, der sich der Autor, wenn er als bekennender Christ schreibt, gleichfalls zu stellen hat, ist jedoch deutlich anzufragen, inwiefern die eurozentrische – und zuletzt gar nationale – Indienstnahme des Christentums dessen Selbstverständnis gerecht wird.

Gewiss vermag Weimer auch andere Szenarien zu entwickeln: „Womöglich wird das Nationale als Identitätsfigur der Massen nachlassen, insbesondere in einer globalisierten Welt des permanent erfahrbaren Multikulturalismus. Womöglich wird die Religion das neue Gefäß kollektiver Identität. Schon jetzt macht der Begriff ,Glaubensbrüder‘ Karriere. Im islamischen Raum ist er längst zu einem starken Ferment politischen Verhaltens geworden. Wer sagt uns, dass wir nicht auch im Westen in einigen Jahren in den Kategorien des Christlichen die politische Weltkarte betrachten und politische Ereignisse danach beurteilen?“

Nicht aber etwa, dass das Christentum in seinem nationale und andere identitäre Grenzen überwindenden Potenzial zur Sprache gebracht würde. Vielmehr wird – in Antwort auf den politischen Islam, den Weimer vielfach und ohne sonderliche Differenziertheit geißelt – mit dem Gedanken einer eigenen politischen Theologie gespielt. Auch hier, wo keine nationale Vereinnahmung stattfindet, erscheint Religion funktionalisiert: nicht etwa als durch Transzendenzbezug der Immanenz enthobenes Phänomen, sondern als höchst innerweltliches identitätspolitisches Instrument, eben als „Gefäß kollektiver Identität“.

Es ist symptomatisch, dass die Bedeutung von Religion als Ausdruck gelebten individuellen Glaubens – in den Worten Schleiermachers als „eigene Provinz im Gemüte“ – lediglich in einem kurzen Schlusskapitel nachklappt. Relevanz gewinnt diese Perspektive damit in keiner Weise – und damit fällt das Buch hinter Einsichten der Religionsphilosophie und -phänomenologie zurück, die sich seit der Aufklärung etabliert haben. Was bleibt, sind Versatzstücke einer politischen Theologie, die letztlich eine christlich-traditionalistische Zivilreligion propagiert. Und dass diese „gut für unsere Gesellschaft ist“, wie es der Untertitel von Weimers Buch suggeriert, dürfte mehr als fraglich sein.

Erschienen am 2. Dezember 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Auf der Spur von Leid und Menschlichkeit

Der kamerunische Künstler Barthélémy Toguo fragt in seinen Werken nach Menschlichkeit

Von Tilman Asmus Fischer

„Ob in Aquarell oder Zeichnung, Video oder Performance, er hat kein Thema unberührt gelassen und seine Werke sprechen als kraftvolle Appelle unser Gewissen an.“ Mit diesen Worten würdigte UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay Ende Oktober den kamerunischen Künstler Barthélémy Toguo anlässlich seiner Aufnahme in die UNESCO-Liste der „Künstler für den Frieden“. Hiermit erkennt die UNESCO die langjährige ästhetische Auseinandersetzung mit Fragen globaler Ungerechtigkeit und das Eintreten für Menschlichkeit an, die das Werk des 1967 geborenen und heute in Paris und Bandjoun, Kamerun, lebenden Toguo prägen, der aufgrund seiner doppelten Beheimatung in spannender Weise an künstlerische Traditionen Europas wie Afrikas anknüpfen kann.

Obwohl Toguo, der 1994 bis 1996 an der Kunstakademie Düsseldorf studierte, immer wieder auch in Deutschland tätig war, wird er hierzulande nicht in gleicher Intensität wie in Frankreich rezipiert. Sowohl die noch bis zum 5. Dezember im Pariser Musée du Quai Branly laufende Ausstellung „Désir de l’humanité“ (Sehnsucht nach Menschlichkeit) als auch der hierzu erschienene (französischsprachige) Katalog eröffnen spannende Einblicke in das Œuvre des Künstlers.

Anhand von Hunger, Krieg, Machtmissbrauch und Migration setzt sich Toguo mit dem Versagen von Gesellschaft, Politik – letztlich unserer Menschlichkeit auseinander. Mit eindrücklichen Bildern fragt der Künstler die Betrachter nach ihrer Empathie bzw. Fähigkeit, humanitäre Missstände wahrzunehmen und sich von ihnen bewegen zu lassen. Dabei geht es zunächst um eine innere seelische Bewegung, sodann aber lässt sich den Bildern die Motivation abspüren, zu veränderndem Handeln anzuregen. Dabei bedient sich Toguo einer breiten Palette an Ausdrucksformen von Zeichnungen und Gemälden über Skulpturen und Installationen bis hin zu Videos, die teils eigene Performances dokumentieren.

Durch die Werke Toguos zieht sich über Jahre eine künstlerische Handschrift mit hohem Wiedererkennungswert, die sich nicht zuletzt durch eine expressive Darstellung der leidenden Kreatur auszeichnet. Dies hat spezifische Motive hervorgebracht, die – in schon fast ikonischer Weise – auch in „Désir de l’humanité“ immer wieder aufgegriffen werden. Hierzu gehört an vorderster Stelle dasjenige Motiv der Kreuzigung, die sich zumeist angedeutet findet durch in den Körper von Geschöpfen eindringende Nägel, sich jedoch auch – etwa in dem Aquarell „Purification XXX“ (2013) – näher an klassische Darstellungen des Gekreuzigten anlehnen kann.

Barthélémy Toguo, Purification XXX (Aquarell, 2013)

In faszinierender wie beklemmender Weise spricht Toguo in solchen – keineswegs explizit religiösen – Kunstwerken den Betrachter auf die Verletzlichkeit und immer wieder sich ereignende Negierung der Menschlichkeit an. Indem er hierzu auf das vom Christentum her geprägte Bildfeld der Kreuzigung zurückgreift, öffnet er seine Werke auch für theologische Deutungen. So kann aus einer christlichen Perspektive in seinen Bildern ästhetisch erfahrbar werden, was Joseph Ratzinger als die „zweite Realpräsenz“ bezeichnet hat: „Neben der Realpräsenz Jesu in der Kirche, im Sakrament, gibt es jene andere, zweite Realpräsenz Jesu in den Geringsten, in den Getretenen dieser Welt, in den Letzten, in denen ER von uns gefunden sein will.“

Und Toguo geht es um eben dieses Finden – das Wahrnehmen – des Nächsten, von dem wir uns anrühren lassen und zu dessen Situation wir uns verhalten, auf die wir antworten müssen. Dass Toguo auf derart existenzieller Ebene den Menschen auf seine und seines Mitmenschen Menschlichkeit anspricht, führt dazu, dass stets der konkrete Mensch im Zentrum seiner Werke steht. Diese Konkretion gibt seiner engagierten Kunst eine bewegende Kraft, bewahrt sie aber zugleich vor oberflächlicher politischer Symbolik.

Katalog: Musée du quai Branly – Jacques Chirac, Désir d’humanité. Les univers de Barthélémy Toguo, Paris 2021.160 Seiten, 29 Euro, ISBN 9782072906602.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 48/2021.