Gekaufte Ethik

Der Autor Wolfgang Ullrich untersucht die Selbstinszenierung durch Konsum

„ChariTea“, „Ethletic“-Sneakers und ein Deodorant namens „Peace“ – lang ist die Liste der Konsumprodukte, die uns suggerieren, durch ihren Erwerb an hehren Werten Anteil haben zu können. Mit einem Rundgang durch das Warenangebot der moralischen Extraklasse eröffnet der Medienwissenschaftler Wolfgang Ullrich sein Buch „Wahre Meisterwerte“. Diese „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ trifft den Nerv der Zeit.

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Erschienen in: Der Tagesspiegel, 31. Januar 2018.

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„Wir wollen nicht stumme Hunde sein“

Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand fragt nach der Bedeutung des heiligen Bonifatius und seiner Berliner Bronzeskulptur.

Von Tilman Asmus Fischer

Der Gründungsintendant des Berliner „Humboldt Forums“, Neil MacGregor, hat mit seiner Radiosendung und dem gleichnamigen Sachbuch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ eine Geschichte der Dinge popularisiert, die sich auf die Materialität von Kultur besinnt und ausgehend von einzelnen Artefakten größere historische Zusammenhänge erschließt. Das Vorgehen hat in weiteren Ausstellungen und Büchern, die diesen Ansatz verfolgen, vielfältig und medienöffentlich Wirkung gezeigt; zu denken wäre etwa an Hermann Schäfers „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“. Daneben gibt es jedoch auch eine Reihe kleinerer Schriften, die einzelne Dinge zur materialen Quelle erheben und zum Ausgangspunkt dazu nehmen, Fragen an die Geschichte – und unsere Gegenwart – zu stellen.

Hierzu darf das vom Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand MdB herausgegebene Buch „Wie Bonifatius in den Reichstag kam“ gezählt werden. Ihr Gegenstand ist eine Bronzeskulptur des heiligen Bonifatius, die als eine von zwölf mittelalterlichen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte den monumentalen Leuchter im Eingangsbereich des Reichstagsgebäudes von 1894 zierte. Indem das Buch das Schicksal des „Berliner Bonifatius“ nachzeichnet, durchschreitet es exemplarisch die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über das Dritte Reich bis hin zur wiedervereinigten Bundesrepublik – und fragt hieran anknüpfend nach der Gegenwartsbedeutung des Heiligen Bonifatius in unserer säkularisierten Gesellschaft.

War der Apostel der Deutschen für den jungen deutschen Parlamentarismus in der Zeit des Wilhelminismus Teil eines identitätsstiftenden Bildprogramms, sollte er zusammen mit dem gesamten Leuchter 1943 auf Befehl des Rüstungsministers eingeschmolzen werden – wovor die Skulpturen jedoch durch Mitarbeiter der Norddeutschen Affinerie (Hamburg) bewahrt wurden, die sie heimlich versteckten. Die Nachkriegszeit verbrachten die Skulpturen – abgesehen von einer Präsentation im Reichstagsgebäude 1982 – in Berliner und Hamburger Depots, bis schließlich Michael Brand – angeregt vom Fuldaer Regionalhistoriker Michael Mott – den Berliner Bonifatius aus seinem Dornröschenschlaf weckte. Nachdem der Heilige 2017 in Fulda zu besichtigen war, hat er nun – als Leihgabe der Bundestagsverwaltung – eine neue Heimstatt im Büro des Fuldaer Abgeordneten gefunden. Die Geschichte dieser Odyssee fasst ein Beitrag des Fuldaer Journalisten Björn Gauges (Fuldaer Zeitung) zusammen.

Eröffnet wird das Buch durch ein Geleitwort des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und einem Vorwort des Herausgebers. Beide erinnern nicht nur an die kulturprägende Bedeutung des Bonifatius – in den Worten Lammerts: „Als historische Figur, die einst aus England kommend unsere germanischen Vorfahren bekehrte, verweist Bonifatius auf die christlichen Wurzeln deutscher Identität und – woran sich gerade heute zu erinnern lohnt – ebenso darauf, dass unsere Kultur von jeher auch durch äußere Einflüsse geprägt wurde.“ Vielmehr nimmt der Apostel der Deutschen auch als Vorbild für uns Heutige Gestalt an. So erinnert Brand an die Aktualität der Mahnung des Bonifatius, „keine stummen Hunde“ zu sein: „Gerade der öffentliche und politische Diskurs leidet oft darunter, dass der Mut zur Wahrheit geringer ausgeprägt ist, als der Wunsch, nicht unangenehm aufzufallen – im täglichen Zusammenleben bis hin zu den großen Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechten.“

Eine kunstgeschichtliche Einordnung der Bonifatius-Skulptur in das Bildprogramm des Reichstagsgebäudes von Paul Wallot – unter Berücksichtigung der Spannungen zwischen Monarchie und Parlamentarismus – nimmt ein Aufsatz von Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, vor. Er wird abgerundet durch einen Auszug aus der Darstellung des Reichstagsgebäudes aus der Feder des Architekten Wallot, eine Übersicht über die zwölf historischen Persönlichkeiten in der Ringkrone des Leuchters sowie Kurzbiografien von Wallot und Bonifatius. In besonderer Weise gelingt es Kaernbach, die Gestaltung des Leuchters in dessen geistesgeschichtlichen Kontext einzuordnen und als Ausdruck einer politischen Identitätssuche zu deuten: Die Skulpturen versinnbildlichten „die Suche des Kaiserreichs nach einer Brücke zwischen Moderne und Tradition und nach einer überzeugenden Zusammenführung demokratischer und monarchisch-dynastischer Ansprüche“. Zudem käme in der Kombination von Luther und Bonifatius in der Personengruppe „das Bemühen um eine Versöhnung konfessioneller Gegensätze“ zum Ausdruck.

Michael Brand schlägt schließlich die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, indem er sich auf die Suche nach „Spuren des hl. Bonifatius im heutigen Berlin“ begibt. Diese führt ihn vom Bonifatiuskreuz in der Gartenanlage der Hessischen Landesvertretung und der Bonifatius-Kapelle im Kommissariat der Deutschen Bischofskonferenz über die Reliquie des heiligen Bonifatius in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur und die Pfarrkirche St. Bonifatius in Kreuzberg bis zum Don-Bosco-Zentrum in Marzahn, das durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken gefördert wird, und in den Andachtsraum des Reichstagsgebäudes.

In seiner Vielseitigkeit gelingt es dem Buch, nicht nur die Bedeutung zu plausibilisieren, die Bonifatius vor über 100 Jahren für das deutsche Nationalbewusstsein hatte, sondern zudem aufzuzeigen, wie das Zeugnis des Heiligen auch heute noch nachwirkt. Dankbarerweise wird immer wieder auch die ökumenische Dimension dieses Heiligen der ungeteilten Christenheit betont. Damit dürfen sich sowohl katholische als auch protestantische Glaubensgeschwister vom Aufruf des Bonifatius angesprochen fühlen: „Wir wollen nicht stumme Hunde sein.“

Michael Brand (Hg.): Wie Bonifatius in den Reichstag kam. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 64 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-7319-0591-2, EUR 9,95

Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Das Jahrhundert der Kriege

Gregor Schöllgen analysiert die Weltgeschichte der vergangenen einhundert Jahre

In diesen Tagen wird jener Ereignisse gedacht, die als „Oktoberrevolution“ in das globale Gedächtnis eingegangen sind. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt. Seither hat es keinen universellen Frieden mehr gegeben“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem neuen Buch „Krieg“. Was dies für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutete – und bis in die gegenwärtigen Konflikte hinein, etwa in Syrien, bedeutet –, zeichnet der Erlanger Historiker auf knapp 350 Seiten nach.

Eingedenk unterschiedlicher Bücher vergleichbaren Umfangs, die im Vorfeld des Gedenkjahres 2018 erschienen sind und sich mit der historiografischen Erfassung des Ersten Weltkrieges begnügen, steht die Herausforderung klar vor Augen, die Schöllgens Vorhaben darstellt: eben einhundert Jahre Weltgeschichte zu erzählen. Damit erfasst er nicht nur politisch-militärische Dynamiken innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, sondern nimmt zugleich miteinander korrespondierende Entwicklungen in nahezu allen Erdteilen in den Blick.

Dies gelingt ihm, indem er einen chronologischen mit einem phänomenologischen Ansatz verschränkt: So nimmt jedes Kapitel seinen Ausgangspunkt in einem der kriegerischen Konflikte des 20. (und frühen 21.) Jahrhunderts, stellt dabei jedoch je ein spezifisches Phänomen heraus, dessen Wirksamkeit im weiteren Verlauf des Jahrhunderts aufgezeigt wird. Indem Schöllgen so von Kapitel zu Kapitel einzelne Aspekte des Krieges analysiert, schreitet er zugleich im historischen Verlauf voran.

Steht das erste Kapitel zur Oktoberrevolution unter dem Titel „Putsch“, kommt mit den Auseinandersetzungen der Jahre zwischen den Weltkriegen die „ethnische Säuberung“ in den Blick. Späterhin wird mit dem Bombenabwurf von Hiroshima der „Blitz“ und mit ihm die drohende atomare Vernichtung als sicherheitspolitischer Faktor eingeführt und anhand der anhaltenden Auseinandersetzungen um den Osten der Ukraine zuletzt der Aspekt der „Annexion“ fokussiert. So ist besonders aktuell die Analyse der russischen Besetzung der Krim, deren Ursachen Schöllgen aus der wechselvollen Geschichte beider beteiligter Länder herleitet. Dazwischen erhalten „Revision“, „Vernichtung“, „Teilung“ und „Intervention“ ebenso Aufmerksamkeit wie „Guerilla“, „Prävention“ und „Mord“ oder „Terror“, „Flucht“ und „Raub“.

Das von Schöllgen gewählte Konzept bewährt sich hervorragend, indem es den Blick auf wesentliche Entwicklungslinien der komplexen globalen Entwicklungen lenkt und so dem Leser ermöglicht, einen fundierten Überblick über die Ereignisgeschichte des Krieges im 20. Jahrhundert zu erlangen. Dabei funktionieren die vom Autor gewählten Phänomene als Gliederungselement, bleiben jedoch auch meist auf diese Funktion beschränkt. In der Regel werden sie selbst nicht zum Reflexionsgegenstand erhoben und auf einer allgemeinen Ebene diskutiert. Zumindest bietet jedoch der implizite Nachvollzug der Wandlung einzelner Phänomene im Zuge der historischen Entwicklungen interessante Ansätze hierzu. Problematisch erweist sich auch, dass Schöllgen seine Wahl der Phänomene nicht herleitet und begründet. Infolgedessen bleibt etwa das Phänomen „Mord“ für sich relativ blass – während man sich fragt, warum etwa „failing states“ kein eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Was Schöllgen in jedem Fall deutlich herausarbeitet, sind die politischen Dynamiken – vor allem in der jahrzehntelangen Ost-West-Konfrontation –, die latente Bedrohungssituationen erzeugten, militärische Konflikte provozierten, jedoch auch Phasen der Entspannung und friedlichen Konfliktbearbeitung eröffneten. Hier ist Schöllgen, der Mitherausgeber der Akten des Auswärtigen Amtes, ganz in seinem Metier und lässt den Leser an seinen klaren und nüchternen Analysen teilhaben. Diese erscheinen auch deshalb besonders aufschlussreich, da er es vermeidet – gerade in der Auseinandersetzung mit dem sowjetisch-amerikanischen Gegensatz –, sich auf eine Seite der Konfliktparteien zu schlagen und eine ideologisierte Geschichtsdeutung zu betreiben.

Gleichfalls nüchtern – wenn auch streitbar – ist Schöllgens abschließende Bilanz: In hellsichtiger Weise führt er die einzelnen Fäden des Buches zusammen, reflektiert sie in der Gesamtschau und wirft, einhergehend mit deutlicher Kritik an den bestehenden supranationalen Strukturen, grundsätzliche Fragen von aktueller Brisanz auf: Welche Aufmerksamkeit soll – bisher „weitgehend ausgeblendeten“ – nicht militärischen Gefahren für die internationale Sicherheit zukommen? Wird es lediglich dabei bleiben, dass Krieg – auch in Europa – inzwischen „als Mittel der Konfliktlösung wieder denkbar“ geworden ist? Welche Reformen sind nötig, sollten sich, wie Schöllgen zuspitzt, sämtliche „Systeme kollektiver Sicherheit überlebt“ haben? Wie kann und soll sich die Europäische Union in diesem Kontext zukünftig aufstellen?

Hinter den profunden Analysen des gesamten Buches, die ihren Schwerpunkt im Bereich der politischen Geschichte haben, stehen anthropologische und sozialgeschichtliche Aspekte deutlich zurück. Diese zu berücksichtigen, wäre, ohne den Umfang zu sprengen, wohl nur bei einer Fokussierung auf einzelne Fallbeispiele zulasten der Gesamtdarstellung möglich gewesen. Daher bleibt die – nichtsdestotrotz spannende – „Weltgeschichte“, die Schöllgen anbietet, eine vornehmlich und dezidiert politische. Fragen danach, wie die Kriege der letzten 100 Jahre Gesellschaften, Alltagsleben und Mentalitäten verändert und geprägt haben, kommen nicht in den Blick. Hier bleibt der Leser auf andere einschlägige Werke, wie etwa Jörg Baberowskis „Räume der Gewalt“ von 2015, verwiesen.

Tilman Asmus Fischer

Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. DVA (Deutsche Verlags-Anstalt), München 2017. 368 S. m. 14 Abb., 24 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 20. Dezember 2017.

Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Noskes Schießbefehl als Modell

Der Historiker Mark Jones schildert in „Am Anfang war Gewalt“ die blutige Gründungsphase der Weimarer Republik

Am Anfang war Gewalt“ heißt Mark Jones’ Geschichte der deutschen Revolution – und schon der Titel legt den Finger in die Wunde. Denn Jones bedient nicht das Narrativ einer Demokratisierungsgeschichte, sondern zeichnet eine Geschichte der Gewalt nach, die mithin die folgenden Jahrzehnte deutscher Geschichte in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Vollständiger Artikel auf taz.de…

Erschienen in: taz.am Wochenende vom 12. 8. 2017.

Der Krieg nach dem Krieg

Robert Gerwarth untersucht historische Prozesse und Gewalt-Dynamiken nach 1918

2017 steht unübersehbar unter dem erinnerungspolitischen Vorzeichen des Jubiläums »der Reformation«, die von den tonangebenden Geschichtsinterpreten gegenwärtig wieder zum Inbegriff gesellschaftlichen Fortschritts erhoben wird. Umso deutlicher dürfte sich von den Reformations-feierlichkeiten der gedenkkulturelle Fluchtpunkt des Jahres 2018 unterscheiden:  Das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Immerhin führen die historischen Ereignisse, die sich mit ihm verbinden, in besonders drastischer Weise die Brüchigkeit der Fassade menschlicher »Zivilisation« vor Augen.

Ebenso kurz wie eine Reduzierung »der Reformation« auf ihre kulturgeschichtlichen »Errungenschaften« würde freilich eine Geschichtsdeutung greifen, die im offiziellen Ende des Ersten Weltkrieges bereits einen Abschluss des mit ihm einhergehenden Zivilisationsbruches sehen wollte. Den – freilich nicht neuen – Einwand, dass der Erste Weltkrieg vielmehr dunkle Schatten weit hinein in das 20. Jahrhundert wirft, ja dessen Konflikte sich ohne ihn gar nicht erklären lassen, unterstreicht der Historiker Robert Gerwarth mit seinem neuesten Buch Die Besiegten. Das blutige Ende des Ersten Weltkriegs.

Multiethnizität und Staatszerfall

Seine vergleichende Studie, in deren Zentrum der Zerfall der europäischen Großreiche – des Russischen Reiches, des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns – sowie des Osmanischen Reiches steht, analysiert detailliert die vielfältigen politischen und Gewalt-­Dynamiken, die gerade erst in der Endphase des Krieges ihren Ausgang nahmen und sich weit über ihn hinaus fortschrieben. Dabei ziehen sich zwei zentrale Beobachtungen als Konstanten durch die Konfliktgeschichte der Zwischenkriegszeit.

Zum einen arbeitet Gerwarth das fatale Dilemma zwischen dem Streben nach einer ethnischen Einheitlichkeit und der faktischen Multiethnizität der neu entstandenen Staaten Ost(mittel)europas heraus: »Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen und ihren imperialen Vorgängern […] bestand nicht in der erhofften ›ethnischen Reinheit‹, sondern vielmehr darin, dass sie wesentlich kleiner waren und die ethnischen Hierarchien sich umgekehrt hatten.«

Diese Diagnose alleine verleiht dem Buch freilich noch keinen Mehrwert, da sie sich in der historiografischen Deutung des Ersten Weltkrieges bereits weitestgehend durchgesetzt hat. Brisanz gewinnt diese Entwicklung jedoch dadurch, dass der Autor sie zum andern in einen wechselseitigen Zusammenhang mit einem zweiten Prozess stellt, der jene Problematik beeinflusst und letztlich verstärkt: einem Staatszerfall, der, wie ihn Gerwarth nachzeichnet, an failing und failed states und deren blutige Konsequenzen erinnert, mit denen wir es heute außerhalb Europas zu tun haben. »In Ermangelung funktionstüchtiger Staaten auf dem Gebiet der ehemaligen europäischen Landimperien maßen sich Milizen unterschiedlicher Coleur die Rolle von Nationalheeren an, und die Trennlinien zwischen Freund und Feind, Soldaten und Zivilisten verschwammen zusehends, was fatale Folgen haben sollte.«

Kontextualisierung von Einzelkonflikten

»Die Besiegten« hilft, Zusammenhänge, Parallelen und Unterschiede zwischen den unterschiedlichen regionalen Konflikten der Zwischenkriegszeit zu erkennen, und verdeutlicht historische Phänomene, die das Gesicht Europas in der Nachkriegszeit prägten. Damit bietet der Autor einen großen Aufriss der Gesamtproblematik und ermöglicht damit eine Kontextualisierung der einzelnen konkreten Konfliktkonstellationen.

Dementsprechend ist das Buch nicht anhand territorialer Kriterien, sondern einzelner historischer Phänomene gegliedert, welche die drei Hauptkapitel – »Niederlage«, »Revolution und Konterrevolution«, »Imperialer Zerfall« – und einen Ausblick auf »die europäische Krise des 20. Jahrhunderts« strukturieren. Da sich Gerwarth mit einem historischen Raum befasst, der sich immerhin von Finnland bis an die Levante erstreckt, sollte man das Buch nicht mit der Erwartung lesen, eine detaillierte Nachkriegsgeschichte einer einzelnen Region geboten zu bekommen. Wer sich jedoch für die größeren Zusammenhänge und ihre Verflechtung mit den einzelnen Konflikten und Gewalträumen interessiert, liest das Buch mit Gewinn. – Im Folgenden soll anhand des Deutschen Reiches verdeutlicht werden, in welcher Weise Gerwarth dazu verhilft, die Geschichte einer – exemplarischen – Konfliktpartei im Kontext zu denken.

Das Deutsche Reich in Zeiten des Umbruchs

Die für das Deutsche Reich relevanten Entwicklungen, die Gerwarth akzentuiert, lassen sich in militärische, territoriale, weltanschauliche und – zum großen Teil hieraus ­resultierende – politische unterscheiden.

Zunächst bedeutete das Ende der regulären Kampfhandlungen des Weltkrieges für deutsche Waffenträger nicht zwingend das Ende des Kriegs­alltags. Dies verdeutlicht eindrücklich der anhaltende Einsatz deutscher Kämpfer in den gewaltsamen Auseinandersetzungen des Baltikums – bei dem das Deutsche Reich auch gegenüber den Alliierten aus einer Machtposition heraus agieren konnte:  Nach der Errichtung einer deutschfreundlichen Marionettenregierung in Lettland 1919 forderten die westlichen Siegermächte »von der Regierung Ebert die sofortige Rückberufung sämtlicher Freikorps nach Deutschland, worauf diese mit dem Hinweis reagierte, dass die Westmächte das Baltikum dann selbst gegen die Bolschewiki verteidigen müssten. Die Alliierten lenkten ein und rückten von ihrer ultimativen Forderung nach dem deutschen Abzug ab.«

Kriegsfolgen

Die territorialen Konsequenzen des Ersten Weltkrieges wiederum verbinden sich in besonderer Weise mit dem unteren Weichselland. Hier – wie andernorts – zeigte sich das Wilsonsche Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker im Sinne der Schaffung neuer Nationalstaaten als lebensfeindliches Paradox: Wilson hatte versprochen, »ein wiederhergestelltes Polen solle ein ›unbestritten‹ von polnischer Bevölkerung bewohntes Gebiet werden mit einem ›freien und sicheren Zugang zur See‹. Beide Versprechen zu erfüllen war unmöglich, denn entlang der Ostseeküste gab es eine dichte deutsche Besiedlung.«

Der Erste Weltkrieg veränderte jedoch nicht nur die deutschen Grenzen, sondern mindestens ebenso tiefgreifend das Denken im Lande. Zum einen schlug sich die Niederlage in einem wachsenden Nationalismus nieder, der etwa in der deutschen Wissenschaftslandschaft zur Entstehung der auf Revision drängenden »Ostforschung« führte. Zum zweiten entwickelten politisch reaktionäre Kräfte aus dem Untergang von 1918 und den Kriegsfolgen heraus Begründungsmuster für ihre Ablehnung der jungen Demokratie. Als historischen Zeugen lässt Gerwarth den westpreußischen Reichstagsabgeordneten Elard von Oldenburg-Januschau zu Wort kommen: »Ich finde keine Worte, um meinen Schmerz über das Geschehen des Novembers 1918 wiederzugeben, um zu schildern, was in mir zerbrach. Ich fühlte eine Welt einstürzen und unter ihren Trümmern alles das begraben, was der Inhalt meines Lebens gewesen war, was meine Eltern mich von Kindesbeinen an zu verehren gelehrt hatten.«

Neben den Gegensatz von Demokratie und Reaktion trat zudem die geistesgeschichtliche Dichotomie, die bis zum Ende des Kalten Krieges prägend bleiben sollte: diejenige zwischen Kommunismus und Antikommunismus. Dass sich gerade die feindliche, ablehnende Haltung im Deutschen Reich in besonderer Weise ausprägte, resultierte aus dem immensen Zuzug antibolschewistischer bzw. zaristischer Flüchtlinge aus Russland: »Im Herbst 1920 waren bereits 560 000 Russen im Deutschen Reich eingetroffen. Berlin – und dort vor allem die Bezirke Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg (das damals den Spitznamen ›Charlottengrad‹ erhielt) – entwickelte sich zum Zentrum der russischen Exilgemeinde, deren Mitglieder in der deutschen Hauptstadt bis 1922 nicht weniger als 72 Verlage gründeten.«

Politische Konsequenzen

Die bereits skizzierten Entwickelungen sollten im Laufe der Jahre unmittelbare politische Konsequenzen zeitigen. So kam es in den neuen Nationalstaaten Ostmitteleuropas zu nachhaltigen Verletzungen der Minderheitenrechte, etwa derjenigen der deutschen Volksgruppen: »Was die ›Besiegten‹ Europas einte, war der Glaube dass ihre ›verlorenen‹ Minderheiten um jeden Preis ›heimgeholt‹ werden mussten, wodurch die Revidierung der Verträge schon lange vor dem Aufkommen der Nazis ganz oben auf der politischen Agenda stand.«

Dass diese Entwicklung für das Deutsche Reich in singulärer Weise zum Aufstieg der Nationalsozialisten und in den Zweiten Weltkrieg führte, darf nicht den Blick dafür trüben, dass sich dieser Weg nicht in einem luftleeren Raum vollzog. Vielmehr gibt es weitreichende Parallelen und Zusammenhänge, auf die Gerwarth aufmerksam macht. Dies gilt vor allem für den Zerfall des Osmanischen Reiches und die Entstehung der kemalistischen Türkei, denen die Monographie detailliert nachspürt. Ebendiese historischen Vorgänge gehörten wiederum zu den prägenden Eindrücken, unter denen sich die faschistischen Diktaturen in Rom und Berlin herausbildeten: »Mit seinem kompromisslosen Widerstand gegen den Druck der Alliierten rang Kemal Hitler große Hochachtung ab. Wie dieser aus den Trümmern der Niederlage einen radikal säkularen, nationalistischen und ethnisch homogenen Nationalstaat schuf, verdiente in den Augen Hitlers Respekt. Nicht zuletzt die genozidale KEF-Politik [KEF = Komitee für Einheit und Fortschritt] gegenüber den Armeniern zu Kriegszeiten und Kemals skrupellose Vertreibungen der osmanischen Christen übten einen nachhaltigen Einfluss auf die nationalsozialistische Vorstellungswelt aus.«

Ausblick: Gegenwartsbedeutung

Diese umfangreiche Studie ist freilich nicht nur ein gut recherchiertes Geschichtswerk, sondern zugleich ein Buch von gegenwärtiger Brisanz – begegnen dem Leser doch grundsätzliche Problemstellungen und Gewaltphänomene, die das weitere 20. Jahrhundert ebenso prägten wie unsere gegenwärtige Zeit. Dies gilt für die Auflösung von »klar umrissenen Frontlinien« und die Entstehung eines Guerillakrieges ebenso wie für die damit einhergehende Aufhebung der Unterscheidung von Zivilisten und Kämpfern – eine Tendenz, die im Einflussgebiet des »Islamischen Staates« momentan einen beklemmenden Höhepunkt erreicht. Ferner weist Gerwarth eine Brutalisierung der vom Krieg betroffenen Gesellschaften nach, die zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Möglichkeit von Konflikt- und Gewaltprävention, ja mithin über anthropologische Anlagen zur Gewalttätigkeit überhaupt anregt. Letztlich kreist das Buch jedoch aus historischer Perspektive um einen Topos, der in der Friedensethik von wachsender Bedeutung ist: demjenigen des »gerechten Friedens«. 1918 zumindest wurde er in keiner Weise erreicht.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 6/2017.

Robert Gerwarth: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. München, Siedler 2017. Aus dem Englischen von Alexander Weber. Original­titel: The Vanquished. Europe and the Aftermath of the Great War. Gebunden, 480 Seiten, ISBN 978-3-8275-0037-3. € 29,99

Finger in der Wunde

Die Autoren Andreas Kitschke und Matthias Grünzig nehmen die Geschichte der Garnisonkirche in den Blick

Von Tilman Asmus Fischer

Es mag zu den positiven Effekten intensiver geschichtspolitischer Auseinandersetzungen gehören, dass sie zu gleichfalls intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit den zugrundeliegenden historischen Gegenständen anregen. In diesem Sinne dürfen die Erträge der Bauforschung zur Potsdamer Garnisonkirche zu verstehen sein, die der Denkmalpfleger Andreas Kitschke und der Fachjournalist für städtebauliche Fragen, Matthias Grünzig, kürzlich veröffentlicht haben.

Bereits die Titel der Bücher verdeutlichen die jeweiligen Perspektiven und Positionsbestimmungen der beiden Wissenschaftler. „Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte“ – hier spannt Kitschke den großen Bogen der Baugeschichte und präsentiert die kunsthistorische und geschichtliche Bedeutung der Kirche im Durchgang durch die Jahrhunderte. Damit dokumentiert er nicht nur den Beitrag der Garnisonkirche zur historischen Identität Potsdams, sondern trägt seinerseits zugleich zur Sinnstiftung des Wiederaufbaus bei.

„Für Deutschland und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ – durch diese epochale Eingrenzung legt Grünzig den Finger in die Wunde. Das 20. Jahrhundert mit der politischen Instrumentalisierung der Kirche in Weimarer Republik und „Drittem Reich“ auf der einen Seite und partieller Wiederherstellung und Abriss in der Zeit der DDR auf der anderen Seite stellt den empfindlichen Punkt in den laufenden Debatten dar.

Der umfassendere Ansatz Kitschkes wählt unterschiedliche Zugänge zum Gebäude: Zunächst erschließt er die Garnisonkirche als ein Denkmal der Potsdamer Stadt- und Städtebaugeschichte. Den historischen Kontext der Kirche vertieft er, indem er sie in den Zusammenhang der für die Potsdamer Garnison errichteten Kirchenbauten einordnet. Eine grundsätzliche Abhandlung unter Gesichtspunkten der Architekturgeschichte und der historischen Ausstattung der Kirche untermauert ihre kunst- und kulturhistorische Bedeutung. Ergänzt wird sie durch zwei ausführliche Übersichten über historische Ereignisse, die sich mit der Garnisonkirche verbinden, und konservatorische Maßnahmen sowie Umgestaltungen im Laufe der Jahrhunderte.

Dem Ansatz des Verfassers entsprechend erfasst Grünzigs „Für Deutschland und Vaterland“ nicht die Breite an Bedeutungszuschreibungen, die der Garnisonkirche zukommen. Dafür wird die Auseinandersetzung mit den belastenden Aspekten der Geschichte der Garnisonkirche vertieft: Dass die nationalistische Instrumentalisierung der Garnisonkirche bereits vor 1933 ansetzt, verdeutlicht die Darstellung zur Garnisonkirche in der Weimarer Republik. Seiner historischen Bedeutung entsprechend widmet Grünzig dem „Tag von Potsdam“ eine eingehende Analyse, um anschließend die Verstetigung der nationalsozialistischen Vereinnahmung der Kirche bis 1945 zu beschreiben. Das abschließende Kapitel zur Nachkriegszeit beleuchtet unterschiedliche Entwicklungen in Kirche, Politik und Gesellschaft, die dem Abriss vorausgingen.

Letztlich sind es nicht nur geschichtspolitische Konflikte, welche die historische Forschung befördern, sondern deren Früchte wirken ihrerseits auf den erinnerungspolitischen Diskurs zurück. So bringt sich Andreas Kitschke aufgrund seiner Arbeiten immer wieder in die Debatte um den Wiederaufbau der Garnisonkirche ein und widerspricht der Verengung ihrer Geschichte auf die Zeit des Nationalsozialismus. Und Matthias Grünzigs Veröffentlichung veranlasste unlängst Manfred Stolpe zur Intervention: Gegenüber den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ betonte er, die Behauptung, dass „die Garnisonkirche beim Wiederaufbau zerstörter Kirchengebäude keine Priorität genossen habe, entspreche ‚nur der halben Wahrheit‘“.

Andreas Kitschke: Die Garnisonkirche Potsdam. Krone der Stadt und Schauplatz der Geschichte. 400 Seiten, 372 Abb., gebunden. Be.bra, Berlin 2015, 28 Euro.
Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. 383 Seiten, 24 Euro.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 19/2017.