Gekaufte Ethik

Der Autor Wolfgang Ullrich untersucht die Selbstinszenierung durch Konsum

„ChariTea“, „Ethletic“-Sneakers und ein Deodorant namens „Peace“ – lang ist die Liste der Konsumprodukte, die uns suggerieren, durch ihren Erwerb an hehren Werten Anteil haben zu können. Mit einem Rundgang durch das Warenangebot der moralischen Extraklasse eröffnet der Medienwissenschaftler Wolfgang Ullrich sein Buch „Wahre Meisterwerte“. Diese „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ trifft den Nerv der Zeit.

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Erschienen in: Der Tagesspiegel, 31. Januar 2018.

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Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

„Wir wollen nicht stumme Hunde sein“

Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand fragt nach der Bedeutung des heiligen Bonifatius und seiner Berliner Bronzeskulptur.

Von Tilman Asmus Fischer

Der Gründungsintendant des Berliner „Humboldt Forums“, Neil MacGregor, hat mit seiner Radiosendung und dem gleichnamigen Sachbuch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ eine Geschichte der Dinge popularisiert, die sich auf die Materialität von Kultur besinnt und ausgehend von einzelnen Artefakten größere historische Zusammenhänge erschließt. Das Vorgehen hat in weiteren Ausstellungen und Büchern, die diesen Ansatz verfolgen, vielfältig und medienöffentlich Wirkung gezeigt; zu denken wäre etwa an Hermann Schäfers „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“. Daneben gibt es jedoch auch eine Reihe kleinerer Schriften, die einzelne Dinge zur materialen Quelle erheben und zum Ausgangspunkt dazu nehmen, Fragen an die Geschichte – und unsere Gegenwart – zu stellen.

Hierzu darf das vom Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand MdB herausgegebene Buch „Wie Bonifatius in den Reichstag kam“ gezählt werden. Ihr Gegenstand ist eine Bronzeskulptur des heiligen Bonifatius, die als eine von zwölf mittelalterlichen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte den monumentalen Leuchter im Eingangsbereich des Reichstagsgebäudes von 1894 zierte. Indem das Buch das Schicksal des „Berliner Bonifatius“ nachzeichnet, durchschreitet es exemplarisch die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über das Dritte Reich bis hin zur wiedervereinigten Bundesrepublik – und fragt hieran anknüpfend nach der Gegenwartsbedeutung des Heiligen Bonifatius in unserer säkularisierten Gesellschaft.

War der Apostel der Deutschen für den jungen deutschen Parlamentarismus in der Zeit des Wilhelminismus Teil eines identitätsstiftenden Bildprogramms, sollte er zusammen mit dem gesamten Leuchter 1943 auf Befehl des Rüstungsministers eingeschmolzen werden – wovor die Skulpturen jedoch durch Mitarbeiter der Norddeutschen Affinerie (Hamburg) bewahrt wurden, die sie heimlich versteckten. Die Nachkriegszeit verbrachten die Skulpturen – abgesehen von einer Präsentation im Reichstagsgebäude 1982 – in Berliner und Hamburger Depots, bis schließlich Michael Brand – angeregt vom Fuldaer Regionalhistoriker Michael Mott – den Berliner Bonifatius aus seinem Dornröschenschlaf weckte. Nachdem der Heilige 2017 in Fulda zu besichtigen war, hat er nun – als Leihgabe der Bundestagsverwaltung – eine neue Heimstatt im Büro des Fuldaer Abgeordneten gefunden. Die Geschichte dieser Odyssee fasst ein Beitrag des Fuldaer Journalisten Björn Gauges (Fuldaer Zeitung) zusammen.

Eröffnet wird das Buch durch ein Geleitwort des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und einem Vorwort des Herausgebers. Beide erinnern nicht nur an die kulturprägende Bedeutung des Bonifatius – in den Worten Lammerts: „Als historische Figur, die einst aus England kommend unsere germanischen Vorfahren bekehrte, verweist Bonifatius auf die christlichen Wurzeln deutscher Identität und – woran sich gerade heute zu erinnern lohnt – ebenso darauf, dass unsere Kultur von jeher auch durch äußere Einflüsse geprägt wurde.“ Vielmehr nimmt der Apostel der Deutschen auch als Vorbild für uns Heutige Gestalt an. So erinnert Brand an die Aktualität der Mahnung des Bonifatius, „keine stummen Hunde“ zu sein: „Gerade der öffentliche und politische Diskurs leidet oft darunter, dass der Mut zur Wahrheit geringer ausgeprägt ist, als der Wunsch, nicht unangenehm aufzufallen – im täglichen Zusammenleben bis hin zu den großen Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechten.“

Eine kunstgeschichtliche Einordnung der Bonifatius-Skulptur in das Bildprogramm des Reichstagsgebäudes von Paul Wallot – unter Berücksichtigung der Spannungen zwischen Monarchie und Parlamentarismus – nimmt ein Aufsatz von Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, vor. Er wird abgerundet durch einen Auszug aus der Darstellung des Reichstagsgebäudes aus der Feder des Architekten Wallot, eine Übersicht über die zwölf historischen Persönlichkeiten in der Ringkrone des Leuchters sowie Kurzbiografien von Wallot und Bonifatius. In besonderer Weise gelingt es Kaernbach, die Gestaltung des Leuchters in dessen geistesgeschichtlichen Kontext einzuordnen und als Ausdruck einer politischen Identitätssuche zu deuten: Die Skulpturen versinnbildlichten „die Suche des Kaiserreichs nach einer Brücke zwischen Moderne und Tradition und nach einer überzeugenden Zusammenführung demokratischer und monarchisch-dynastischer Ansprüche“. Zudem käme in der Kombination von Luther und Bonifatius in der Personengruppe „das Bemühen um eine Versöhnung konfessioneller Gegensätze“ zum Ausdruck.

Michael Brand schlägt schließlich die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, indem er sich auf die Suche nach „Spuren des hl. Bonifatius im heutigen Berlin“ begibt. Diese führt ihn vom Bonifatiuskreuz in der Gartenanlage der Hessischen Landesvertretung und der Bonifatius-Kapelle im Kommissariat der Deutschen Bischofskonferenz über die Reliquie des heiligen Bonifatius in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur und die Pfarrkirche St. Bonifatius in Kreuzberg bis zum Don-Bosco-Zentrum in Marzahn, das durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken gefördert wird, und in den Andachtsraum des Reichstagsgebäudes.

In seiner Vielseitigkeit gelingt es dem Buch, nicht nur die Bedeutung zu plausibilisieren, die Bonifatius vor über 100 Jahren für das deutsche Nationalbewusstsein hatte, sondern zudem aufzuzeigen, wie das Zeugnis des Heiligen auch heute noch nachwirkt. Dankbarerweise wird immer wieder auch die ökumenische Dimension dieses Heiligen der ungeteilten Christenheit betont. Damit dürfen sich sowohl katholische als auch protestantische Glaubensgeschwister vom Aufruf des Bonifatius angesprochen fühlen: „Wir wollen nicht stumme Hunde sein.“

Michael Brand (Hg.): Wie Bonifatius in den Reichstag kam. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2017. 64 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-7319-0591-2, EUR 9,95

Erschienen am 23. Dezember 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Das Jahrhundert der Kriege

Gregor Schöllgen analysiert die Weltgeschichte der vergangenen einhundert Jahre

In diesen Tagen wird jener Ereignisse gedacht, die als „Oktoberrevolution“ in das globale Gedächtnis eingegangen sind. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt. Seither hat es keinen universellen Frieden mehr gegeben“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem neuen Buch „Krieg“. Was dies für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts bedeutete – und bis in die gegenwärtigen Konflikte hinein, etwa in Syrien, bedeutet –, zeichnet der Erlanger Historiker auf knapp 350 Seiten nach.

Eingedenk unterschiedlicher Bücher vergleichbaren Umfangs, die im Vorfeld des Gedenkjahres 2018 erschienen sind und sich mit der historiografischen Erfassung des Ersten Weltkrieges begnügen, steht die Herausforderung klar vor Augen, die Schöllgens Vorhaben darstellt: eben einhundert Jahre Weltgeschichte zu erzählen. Damit erfasst er nicht nur politisch-militärische Dynamiken innerhalb eines ganzen Jahrhunderts, sondern nimmt zugleich miteinander korrespondierende Entwicklungen in nahezu allen Erdteilen in den Blick.

Dies gelingt ihm, indem er einen chronologischen mit einem phänomenologischen Ansatz verschränkt: So nimmt jedes Kapitel seinen Ausgangspunkt in einem der kriegerischen Konflikte des 20. (und frühen 21.) Jahrhunderts, stellt dabei jedoch je ein spezifisches Phänomen heraus, dessen Wirksamkeit im weiteren Verlauf des Jahrhunderts aufgezeigt wird. Indem Schöllgen so von Kapitel zu Kapitel einzelne Aspekte des Krieges analysiert, schreitet er zugleich im historischen Verlauf voran.

Steht das erste Kapitel zur Oktoberrevolution unter dem Titel „Putsch“, kommt mit den Auseinandersetzungen der Jahre zwischen den Weltkriegen die „ethnische Säuberung“ in den Blick. Späterhin wird mit dem Bombenabwurf von Hiroshima der „Blitz“ und mit ihm die drohende atomare Vernichtung als sicherheitspolitischer Faktor eingeführt und anhand der anhaltenden Auseinandersetzungen um den Osten der Ukraine zuletzt der Aspekt der „Annexion“ fokussiert. So ist besonders aktuell die Analyse der russischen Besetzung der Krim, deren Ursachen Schöllgen aus der wechselvollen Geschichte beider beteiligter Länder herleitet. Dazwischen erhalten „Revision“, „Vernichtung“, „Teilung“ und „Intervention“ ebenso Aufmerksamkeit wie „Guerilla“, „Prävention“ und „Mord“ oder „Terror“, „Flucht“ und „Raub“.

Das von Schöllgen gewählte Konzept bewährt sich hervorragend, indem es den Blick auf wesentliche Entwicklungslinien der komplexen globalen Entwicklungen lenkt und so dem Leser ermöglicht, einen fundierten Überblick über die Ereignisgeschichte des Krieges im 20. Jahrhundert zu erlangen. Dabei funktionieren die vom Autor gewählten Phänomene als Gliederungselement, bleiben jedoch auch meist auf diese Funktion beschränkt. In der Regel werden sie selbst nicht zum Reflexionsgegenstand erhoben und auf einer allgemeinen Ebene diskutiert. Zumindest bietet jedoch der implizite Nachvollzug der Wandlung einzelner Phänomene im Zuge der historischen Entwicklungen interessante Ansätze hierzu. Problematisch erweist sich auch, dass Schöllgen seine Wahl der Phänomene nicht herleitet und begründet. Infolgedessen bleibt etwa das Phänomen „Mord“ für sich relativ blass – während man sich fragt, warum etwa „failing states“ kein eigenes Kapitel gewidmet wurde.

Was Schöllgen in jedem Fall deutlich herausarbeitet, sind die politischen Dynamiken – vor allem in der jahrzehntelangen Ost-West-Konfrontation –, die latente Bedrohungssituationen erzeugten, militärische Konflikte provozierten, jedoch auch Phasen der Entspannung und friedlichen Konfliktbearbeitung eröffneten. Hier ist Schöllgen, der Mitherausgeber der Akten des Auswärtigen Amtes, ganz in seinem Metier und lässt den Leser an seinen klaren und nüchternen Analysen teilhaben. Diese erscheinen auch deshalb besonders aufschlussreich, da er es vermeidet – gerade in der Auseinandersetzung mit dem sowjetisch-amerikanischen Gegensatz –, sich auf eine Seite der Konfliktparteien zu schlagen und eine ideologisierte Geschichtsdeutung zu betreiben.

Gleichfalls nüchtern – wenn auch streitbar – ist Schöllgens abschließende Bilanz: In hellsichtiger Weise führt er die einzelnen Fäden des Buches zusammen, reflektiert sie in der Gesamtschau und wirft, einhergehend mit deutlicher Kritik an den bestehenden supranationalen Strukturen, grundsätzliche Fragen von aktueller Brisanz auf: Welche Aufmerksamkeit soll – bisher „weitgehend ausgeblendeten“ – nicht militärischen Gefahren für die internationale Sicherheit zukommen? Wird es lediglich dabei bleiben, dass Krieg – auch in Europa – inzwischen „als Mittel der Konfliktlösung wieder denkbar“ geworden ist? Welche Reformen sind nötig, sollten sich, wie Schöllgen zuspitzt, sämtliche „Systeme kollektiver Sicherheit überlebt“ haben? Wie kann und soll sich die Europäische Union in diesem Kontext zukünftig aufstellen?

Hinter den profunden Analysen des gesamten Buches, die ihren Schwerpunkt im Bereich der politischen Geschichte haben, stehen anthropologische und sozialgeschichtliche Aspekte deutlich zurück. Diese zu berücksichtigen, wäre, ohne den Umfang zu sprengen, wohl nur bei einer Fokussierung auf einzelne Fallbeispiele zulasten der Gesamtdarstellung möglich gewesen. Daher bleibt die – nichtsdestotrotz spannende – „Weltgeschichte“, die Schöllgen anbietet, eine vornehmlich und dezidiert politische. Fragen danach, wie die Kriege der letzten 100 Jahre Gesellschaften, Alltagsleben und Mentalitäten verändert und geprägt haben, kommen nicht in den Blick. Hier bleibt der Leser auf andere einschlägige Werke, wie etwa Jörg Baberowskis „Räume der Gewalt“ von 2015, verwiesen.

Tilman Asmus Fischer

Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. DVA (Deutsche Verlags-Anstalt), München 2017. 368 S. m. 14 Abb., 24 €.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 20. Dezember 2017.

Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die kommunistische Bewegung erhöhte sich zur Ersatzreligion, die Gegner wurden verteufelt: Das Deutsche Historische Museum erinnert an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Von Tilman Asmus Fischer

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“, hatten Karl Marx und Friedrich Engels 1847/48 im Manifest der Kommunistischen Partei verkündet. 70 Jahre später – 1917 – sollte dieses Gespenst in Russland erstmals Wirklichkeit werden, um in den folgenden Jahrzehnten in verheerender Weise global zu spuken. „Es war das erste Mal, dass ein Akteur nicht nur einem lokalen, regionalen, nationalen oder internationalen Gegner den Krieg erklärte, sondern der Welt“, schreibt Gregor Schöllgen in seinem unlängst erschienenen Buch „Krieg“. Und so verwundert es nicht, dass sich die Erinnerung an den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution nicht auf Russland beschränkt, sondern einen internationalen Widerhall erfährt.

In Berlin widmet das Deutsche Historische Museum dem kommunistischen Umsturz eine gemeinsam mit dem Schweizerischen Nationalmuseum kuratierte Ausstellung: „1917. Revolution. Russland und Europa“ bietet nicht nur eine überwältigende Schau von über 500 Exponaten, die den historischen Weg von der vorrevolutionären Gesellschaft durch die Revolutions- und Bürgerkriegsjahre bis hin zu den Folgewirkungen für die europäische Staatenwelt nachzeichnet. Vielmehr wird zudem der Kommunismus als totalitäre Weltanschauung greifbar, der neben sich keine alternative Gegenwartsdeutung dulden konnte und damit zwangsläufig gegenüber dissidentischen Positionen – und letztlich auch den Kirchen – unduldsam auftreten musste. Die Gesamtheit der Ausstellungsstücke fesselt den Betrachter nicht nur aufgrund ihres Umfangs, sondern vor allem wegen ihrer inneren Vielfalt: Alltagsgegenstände finden sich ebenso wie Druckschriften und Plakate oder zeitgenössische Kunstwerke, die von den Umbruchjahren zeugen. Unter den Kunsterzeugnissen sind auch solche der sakralen Kunst; etwa eine Ikone der Gottesmutter der Rührung, eine Öllampe und ein Weihrauchgefäß aus den Jahren der Jahrhundertwende. Sie repräsentieren im ersten Teil der Ausstellung, der „Aufbruch und Zerfall“ in der vorrevolutionären Gesellschaft thematisiert, die russisch-orthodoxe Kirche als einen der zentralen gesellschaftlichen Akteure – neben Bauern- und Arbeiterschaft, Adel, Militär und der Intelligenzija. In ausgewogener Weise gelingt hier eine Charakterisierung des späten Zarenreichs, das sich sowohl durch gravierende soziale Spaltungen und Repressionen als auch durch einen nicht zu verkennenden kulturellen Reichtum auszeichnete – und das letztlich an seiner zu großen Reformunfähigkeit scheiterte.

Vor diesem Hintergrund wird dem Ausstellungsbesucher die Entstehung der Oktoberrevolution aus den Wirren des Ersten Weltkriegs und der Kriegsmüdigkeit der russischen Bevölkerung heraus erschlossen. Deutlich treten die Wurzeln der Revolution in einem Bemühen um soziale, politische und gesellschaftliche Reformen hervor; ebenso deutlich jedoch auch die Pervertierung dieses politischen Kampfes – spätestens im Bürgerkrieg, in dem sich die Fronten zwischen revolutionären und konterrevolutionären Truppen zusehends verhärteten und sich beide Seiten in nichts nachstanden – weder in Gewaltanwendung noch in der propagandistischen Verleumdung des Gegners. Und so erscheint die Geschichte der Oktoberrevolution als eine Geschichte der verratenen Ideale: Findet sich im Abschnitt der Ausstellung über die „Machtübernahme der Bolschewiki“ noch die „Deklaration über die Rechte der Völker Russlands“ (2. November 1917), die auch religiöse Zugeständnisse beinhaltete, berichtet bereits die Sektion zum Bürgerkrieg über den Kampf gegen die Freiheitsbestrebungen der Ukraine wie in Belarus – und wird späterhin das propagandistische und gewaltsame Vorgehen gegen die Kirchen deutlich.

Neben einer Ausgabe der antikirchlichen Satire-Zeitschrift „Gottloser“ präsentiert die Ausstellung Fotos, welche die 1929 von Stalin eingeleitete Zerstörung von Kirchenglocken zeigt; allein bis 1935 wurden 25 000 Klöster und Kirchen vernichtet. Für viele der Betroffenen bestand die einzige Überlebenschance in der Flucht in den Westen, der die Ausstellung einen eigenen Raum widmet. Unter den Artefakten, die russische Flüchtlinge nach Europa und Amerika begleiteten, finden sich unter anderem eine Bibel (um 1916) und ein traditioneller Hochzeitsschal. Andere Objekte erzählen vom kulturellen Leben der geflohenen orthodoxen Christen: Eine Ikone, die Moses und die Gottesmutter zeigt, erinnert an die rege Aktivität von Exilanten in der Sammlung und Ausstellung sakraler russischer Kunst, die ab 1921 von Sowjetrussland zwecks Devisenbeschaffung verkauft wurde. Und die Hochzeitskrone aus einer russischen Exil-Gemeinde illustriert die identitätswahrende Pflege religiöser Traditionen im Ausland.

Jedoch nicht nur Christen, sondern gerade auch Juden wurden Opfer des sich herausbildenden autoritären Systems. Dabei konnten die neuen Machthaber auf eine bereits etablierte antisemitische Tradition zurückgreifen, an die in der Ausstellung Fotos von den Opfern der Judenpogrome aus den Jahren 1903 bis 1905 erinnern; bereits zwischen 1881 und 1914 hatten etwa zwei Millionen Juden unter dem bestehenden Druck das zaristische Russland verlassen. Im Zusammenhang mit den „Folgen der Revolution“ für Russland kommt exemplarisch das Schicksal des hebräischen Habima-Theaters zur Sprache: eines jüdischen Ensembles, das sich zunächst aufgrund der von den Revolutionären erstrittenen religiösen Freiheiten für Juden formieren konnte, dann jedoch aufgrund der neuen Verfolgungen Sowjetrussland verlassen musste.

Nicht nur, dass bereits die junge Sowjetunion rigoros gegen Religionsgemeinschaften vorging; vielmehr – dies verdeutlichen weite Strecken der Schau im DHM – gingen die Revolution und die Gründung der UdSSR von ihren frühen Phasen an mit einer kultischen, wenn nicht religiösen Überhöhung der eigenen Bewegung, quasi einer Transzendierung ihrer Programmatik einher. So vermitteln die – vielfach zu sehenden – Propagandaplakate der Bolschewisten nicht einfach nur politische Inhalte, sondern kleiden diese in das Gewand von Erlösungshoffnungen; der politische Gegner hingegen erscheint, wo er ins Bild gesetzt wird, als das Böse schlechthin.

Den Ausstrahlungen der Revolution und der Polarisierung zwischen ihren Unterstützern und Gegnern, die ganz Europa betrafen, widmet die Ausstellung – wie es bereits ihr Name anzeigt – große Aufmerksamkeit. Nachdem der Besucher das monumentale Gemälde „Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern“ von Isaak I. Brodski erblickt hat, hat er die Möglichkeit, sich in einzelnen kleinen Kabinetten über die Entwicklungen in Deutschland, Italien, Ungarn, Großbritannien, Frankreich und Polen zu informieren. Beleuchtet werden nicht nur die jeweiligen kommunistischen Bewegungen und ihre Vorfeldorganisationen, wie die von Käthe Kollwitz mitbegründete „Internationale Arbeiterhilfe“ – sondern ebenso die kritische Auseinandersetzung in den westlichen Ländern mit dem Phänomen des Bolschewismus. Diese reicht von linken Kritikern wie Karl Kautsky (Die Diktatur des Proletariats, 1918) über den konservativen Antibolschewismus bis hin zur antibolschewistischen Agitation der jungen faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien.

Beschlossen wird die Ausstellung durch eine Zusammenstellung von Werken der Gegenwartskunst und Zitaten historischer Persönlichkeiten, die in einem Rückblick das Erbe der Oktoberrevolution reflektieren: Vielleicht am eindrucksvollsten ist die Skulptur „Hero, Leader, God“ von Alexander S. Kosolapov (USA, 2007), die Hand in Hand voranschreitend Lenin, Mickey Mouse und Jesus Christus zeigt. Indem der Künstler in provokanter Weise die Austauschbarkeit von Idolen und Führern in Ideologie und Propaganda thematisiert, spiegelt das Kunstwerk zugleich die fatale Vergottung eines utopischen Gesellschaftsmodells; den passenden Kontrast bildet ein Zitat von Hannah Arendt, das sich auf der gegenüberliegenden Wand findet: Die Revolution habe „erst eine unvergleichliche Hoffnung in die Welt gebracht, um die gleiche Welt in eine um so tiefere Verzweiflung zu stürzen“.

Erschienen am 24. Oktober 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

Ein gelungener Kompromiss

Das Konzept für die Dauerausstellung im Deutschlandhaus

Bereits im Juni hatte die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ihr Konzept für die Dauerausstellung präsentiert, die im Deutschlandhaus, unweit des Potsdamer Platzes, in Berlin realisiert werden soll. Vor dem Hintergrund der hitzigen Debatten, die den Weg zum „Sichtbaren Zeichen“ begleiteten, dürfen weder die Herausforderung noch die Verantwortung, die sich mit der Arbeit an diesem Konzept verbunden haben, niedrig eingeschätzt werden. Am Ende ist es dem Stab der Stiftung um Direktorin Dr. Gundula Bavendamm gelungen, ein Papier vorzulegen, in dem die unterschiedlichen Fraktionen der zurückliegenden Diskussionen ihre Positionen ernst genommen sehen können, ohne dass die Gesamtkonzeption hätte Abstriche bei der inhaltlichen Kohärenz machen müssen.

Verknüpfung komplementärer Perspektiven

Aufschlussreich ist bereits die Grobgliederung der Ausstellung in drei Hauptabschnitte: „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Darein hat sich eine der besonders umstrittenen Fragen der letzten Jahre eingeschrieben: Soll die Vertreibung der Deutschen als Teil des Phänomens Zwangsmigration als einer historischen Konstante des kurzen 20. Jahrhunderts thematisiert werden, unter dem Risiko, den historischen Nexus zwischen Zweitem Weltkrieg und deutschem Heimatverlust zu vernachlässigen? Oder soll eben diese Verbindung das Narrativ der Ausstellung prägen, was wiederum zu einer Ausblendung historischer Parallelen vom Ersten Weltkrieg bis zum Jugoslawienkrieg geführt hätte?

Diesen Konflikt löst die Konzeption, indem sie beide Ansätze zur Geltung kommen lässt. Eine phänomenologische Annäherung an den Problemzusammenhang nimmt der erste Hauptteil vor, indem er zunächst einen historischen Überblick gibt und – hiervon ausgehend – sodann in Form von Themeninseln zentrale Aspekte von grundsätzlicher Bedeutung fokussiert: „Begriffe und Kontroversen“ – „Nation und Nationalismus“ – „Zwang und Gewalt“ – „Lager – Transit und Provisorium“ – „Völkerrecht und Menschenrechte“.

Der – umfangreichere und detaillierter untergliederte – zweite Hauptabschnitt nimmt, hieran anknüpfend, „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ in den Blick. Die Verbindung deutscher Expansion und Vertreibung der Deutschen ist diesem Ausstellungsbereich durch seinen ersten Unterabschnitt zugrunde gelegt: „Totalität und Entgrenzung: Deutsche Expansionspolitik und Zweiter Weltkrieg (1938–1944)“. Nachdem der zweite Unterabschnitt „Pläne der Alliierten und der Exilregierungen für eine Nachkriegsordnung Europas durch Vertreibungen (1939–1945)“ thematisiert hat, nehmen dann zwei Teilbereiche die beiden wesentlichen Phasen deutscher Zwangsmigration separat in den Blick: „Evakuierung und Flucht der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten (1944/45)“ und die „ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas (1944–1948)“.

Letztlich dürfte es den Verfassern der Konzeption gelungen sein, aus zwei ursprünglich kontrastiv aneinander profilierten Ansätzen zwei zueinander komplementäre Perspektiven entwickelt zu haben. Abgeschlossen wird die Dauerausstellung mit dem dritten Hauptteil über „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Für diesen Bereich entwickelt das Konzept das Narrativ einer nicht unbelasteten, aber letztlich erfolgreichen Integrationsgeschichte: vom „gesellschaftliche[n] Experiment“ über „Konfliktgesellschaft und deutsche Frage“ und die Spannung zwischen „Polarisierung und Verständigung“ hin zu „Erinnerung und Gedächtnis im Wandel“.

Der Bund der Vertriebenen hatte stets Anteil an der Entwicklung der Bundesstiftung und deren Ausstellung. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius MdB im Gespräch mit Dr. Gundula Bavendamm.
(Foto: privat)

Regionalgeschichtliche Gesichtspunkte

Das Konzept-Papier ist zu umfangreich, als dass sich an dieser Stelle – neben einer Analyse der großen Linie – sämtliche regionalgeschichtlichen Gesichtspunkte der Konzeption erörtern ließen. Vielmehr kann hier nur eine Problemanzeige für das untere Weichselland erfolgen.

In der Unterabteilung zum „Kriegsende in den Ostgebieten des Deutschen Reiches“ sind es zwei mit Westpreußen verbundene Ereignisse, welche die Komplexität der Entwicklungen an der näher rückenden Ostfront verdeutlichen: auf der einen Seite der Untergang der Wilhelm Gustloff, auf der anderen Seite das Massaker von Palmnicken, dem jüdische Häftlinge von Außenlagern des KZ Stutthof zum Opfer fielen. Zwei weitere Bereiche der Ausstellung beleuchten die „Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ sowie die „Vertreibungen im Zusammenhang mit der Westverschiebung Polens“.

Zwar benennt das Konzept Fragen der europäischen Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit, eine abschließende Einschätzung über deren Einordnung in den Gesamtkontext ist jedoch noch nicht möglich. In jedem Fall dürfte es sich hier um einen der neuralgischen Punkte der Ausstellung handeln bzw. um einen Indikator dafüür, mit welcher Offenheit Fragen etwa nach der Bedeutung antideutscher Tendenzen in der polnischen Politik von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs bis hin zum „Bromberger Blutsonntag“ und seinem Umfeld verhandelt werden können.

Gleichermaßen abzuwarten ist, inwiefern das Schicksal ziviler deutscher Zwangsarbeiter – wie etwa im „Zentralen Arbeitslager Potulice“ – als flächendeckendes Phänomen erörtert wird. Für die Themeninsel zu Lagern scheint es bisher noch nicht vorgesehen zu sein, in den Abschnitten zu einzelnen Vertreibungsgebieten wird dieser Gesichtspunkt nur für Nord-Ostpreußen und Südosteuropa expliziert. Gleichfalls fraglich ist, in welchem Umfang die Heimatverbliebenen in den Oder-Neiße-Gebieten Berücksichtigung finden werden.

Bereits diese Schlaglichter machen deutlich, dass das nun vorliegende Konzept noch hinreichende Spielräume bei seiner Umsetzung lässt, sodass die endgültige Gestaltung mit großem Interesse zu erwarten ist.

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 10/2017.