Evangelische Vielfalt

Ein aktueller kirchen- und architekturgeschichtlicher Führer erschließt das protestantische Erbe Polens – und damit auch Westpreußens

Zu einer Entdeckungsreise in das „neugläubige“ Polen lädt der Stadtarchitekt, Künstler und Verleger Marcin Żerański mit seinem Buch „Polen evangelisch“ ein. Der Führer zu Orten protestantischer Kirchengeschichte und Gegenwart war auf Polnisch bereits im Jahr des 500. Reformationsjubiläums 2017 unter Schirmherrschaft der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen erschienen. Nun liegt eine von Pfarrer Alexander Stokowski übersetzte Fassung vor, die auch deutschsprachige Leser anregen soll, den heutigen Protestantismus in Polen mit seiner polnisch-deutsch-österreichischen Geschichte (neben niederländischen und böhmischen Einflüssen) kennenzulernen.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Bereits in seiner Einführung unter dem programmatischen Titel „Evangelische Vielfalt“ wird deutlich, dass der Verfasser sich keinem nationalen Narrativ verpflichtet sieht, sondern vielmehr eine transnationale Perspektive wagt: „Die evangelischen Christen in Polen sind nicht nur Erben ihrer evangelischen Landsleute, sondern auch jener Protestanten, die aus ganz Europa und aus unterschiedlichen Gründen in das Land zwischen Ostsee, Karpaten und Sudeten einwanderten. Obwohl die evangelischen Gemeinden des Landes eigentlich aus derselben Quelle schöpfen, unterscheiden sie sich dennoch in den verschiedenen Regionen des Landes durch ihre Geschichte, ihre Tradition und auch durch ihre Kirchenbauten.“

Es entspricht der Profession des Autors – der hinsichtlich kirchengeschichtlicher Fragen von dem lutherischen Theologen Dr. habil. Jerzy Sojka beraten wurde –, dass sein Buch die Spurensuche nach protestantischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart mit einer besonderen Berücksichtigung der Architekturgeschichte verbindet. Zunächst gibt das Buch allerdings auch eine theologisch-kirchengeschichtliche Einführung, die einen Überblick über die „Regionen des heutigen Polen im Jahre 1517“ bietet und dann in Form einer Zeittafel die Geschichte des „Protestantismus auf dem Gebiet des heutigen Polen“ seit der Ansiedlung deutschsprachiger Waldenser in Schweidnitz 1315 skizziert. Beschlossen wird die Einleitung von einer Darstellung der gegenwärtigen evangelischen Kirchen in Polen.

Der Hauptteil des Buchs behandelt in einzelnen Kapiteln Orte mit protestantischer Geschichte und gegenwärtigen evangelischen Gemeinden. Diese werden in sachkundigen Texten dargestellt, die mit – vom Verfasser eigens gestalteten – Darstellungen einzelner Kirchen und Stadtplänen illustriert sind: Das Buch taugt somit als hilfreicher Begleiter bei Stadtspaziergängen. Gegliedert sind die Kapitel in vier Sektionen zum Nordwesten, Nordosten, Südosten und Südwesten Polens. Diese Disposition bestätigt für das untere Weichselland die oftmals angestellte Beobachtung, dass die historische Provinz Westpreußen heute – auf mehrere Woiwodschaften aufgeteilt – kaum noch eine selbstverständliche geschlossene Erinnerungslandschaft im Bewusstsein der Öffentlichkeit darzustellen vermag. Vielmehr finden sich Danzig, Gdingen, Schlochau, Schöneck (in Westpreußen) sowie Tiegenhof (und das Weichseldelta) unter „Nordwesten“; Bromberg, Groß Nessau (Kreis Thorn), Marienwerder und Thorn hinwiederum unter „Nordosten“.

Ebenso vielfältig wie die dargestellten Orte sind die Zugänge zu thematischen und epochenspezifischen Schwerpunkten, die sich mit ihnen verbinden. Steht das Kapitel zu Danzig ganz im Zeichen der mittelalterlichen Reformationsgeschichte, beleuchtet das Kapitel über Gdingen ein weniger bekanntes Kapitel der kirchlichen Zeitgeschichte: die 1930 bis 2006 bestehende Schwedische Seemannsmission und ihre 1936 errichtete Schwedische Seemannskirche. Mit Blick auf das täuferische Erbe in Westpreußen begnügt sich der Führer nicht mit einem Hinweis auf den „Historischen Park des Weichseldeltas“ in Tiegenhof, sondern erschließt mannigfache Spuren der Mennoniten entlang eines Radwegs, der durch das Danziger, Marienburger und Elbinger Werder von Danzig nach Elbing führt.

Gefördert wurde die Veröffentlichung des Buchs von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und dem Gustav-Adolf-Werk, dem Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland. Damit ist das Buch zugleich ein Beispiel für die gedeihliche grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen den evangelischen Kirchen in Deutschland und Polen, deren besondere Bedeutung von hochrangigen Vertretern beider Kirchen anlässlich des diesjährigen Weltkriegsgedenkens neuerlich betont wurde.

Tilman Asmus Fischer

Marcin Żerański, Polen evangelisch. Eine Entdeckungsreise, Teschen 2019
288 Seiten, € 20,–, ISBN: 978-3-87593-133-4
Das Buch kann in Deutschland über das Gustav-Adolf-Werk e. V. bezogen werden: http://www.gustav-adolf-werk.de

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2019.

Luthers Erben im Osten Europas

Sammelband zur Reformationsgeschichte in Ostmittel- und Südosteuropa

Das Gedenkjahr 2019 ist bestimmt durch die Erinnerung an die Implosion der kommunistischen Gewaltherrschaft im Osten Europas – und an den vorausgegangenen gewaltlosen Kampf der Bürgerrechtler in den Warschauer-Pakt-Staaten. Eine andere, gut 500 Jahre vorausliegende Freiheitsbewegung in Ostmittel- und Südosteuropa würdigt eine aktuelle Veröffentlichung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: „Der Durchbruch kam im Osten.“

Mitherausgeber ist Ulrich Hutter-Wolandt, Pfarrer im Berliner Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf. Mit seinen beiden eigenen Beiträgen wendet er sich der schlesischen und pommerschen Reformationsgeschichte zu. Während er die Reformation in Schlesien bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555 im Überblick darstellt, wählt er für Pommern einen personalen Zugriff und nähert sich Leben und Theologie Johannes Bugenhagens als Historiker, Reformator, Organisator und Seelsorger an.

Mit Blick auf die seit dem Reformationsjubiläum 2017 bestehende Partnerschaft zwischen der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz dürfte auch der Beitrag von Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa, über die Reformation in Siebenbürgen von besonderem Interesse sein.

Die Perspektive, die die Aufsätze eröffnen, ist eine europäische, jedoch ebenso eine ökumenische, nicht zuletzt durch die Beteiligung zweier im Umfeld der katholischen Kirchengeschichte beheimateter Historiker. Zum einen befasst sich Udo Arnold, Präsident der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens, ausgehend von der Säkularisierung des früheren Ordensstaates mit dem Herzogtum Preußen als erstem protestantischen Fürstentum. Zum anderen beschreibt Rudolf Grulich, Wissenschaftlicher Direktor des katholischen Instituts für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien die Reformation in den böhmischen Ländern und in Oberungarn, entlang der Confessio Augustana, der Confessio Montana und der Confessio Bohemica.

Zuletzt bietet das Buch jedoch nicht nur Beiträge zur Reformationsgeschichte, sondern versteht sich zudem als wissenschaftliches Statement zur Debatte um das zurückliegende Reformationsjubiläum. So sind den landeskundlichen Abhandlungen Gedanken zum Reformationsjubiläum vorangestellt, die Klaus Weigelt, Präsident der Stiftung deutsche Kultur im östlichen Europa, im Vorfeld der Feierlichkeiten von 2017 veröffentlicht hatte. Beschlossen wird der Band durch eine „Bilanz des Reformationsgedenkens 2017“ von Ulrich Hutter-Wolandt.

Der Durchbruch kam im Osten. Die Reformation in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, den böhmischen Ländern und in Siebenbürgen, herausgegeben von Hans-Günther Parplies und Ulrich Hutter-Wolandt, Verlag der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn 2018, 160 Seiten, 11,90 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 39/2019.

Gefordert ist der „ganze Kerl“

Seit 150 Jahren wirken die Dominikaner in Berlin-Moabit. Inmitten einer Großpfarrei mit Zehntausenden Katholiken evangelisieren sie mit weltkirchlichem Ideenreichtum

Von Tilman Asmus Fischer

„Und da war es, als ob alles ruhig und klar würde, und ich ging mit einem Glücksgefühl nach Hause…“ So erinnert sich Romano Guardini, im Wintersemester 1905/1906 Student der Nationalökonomie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, an sein Berufungserlebnis, das ihm während eines Hochamts in der Kirche des Dominikanerklosters St. Paulus in Berlin-Moabit widerfuhr. Hier in der Oldenburger Straße wirkt der Orden der Prediger heuer seit nunmehr 150 Jahren. So, wie dieser Ort vor mehr als 100 Jahren für Romano Guardini – der anschließend Priester und einer der bedeutendsten Religionsphilosophen seines Jahrhunderts wurde – wirksam geworden ist, wollen die Dominikaner auch heute aus dem und für den Glauben wirken.

Und so verstehen sie sich – ganz im Sinne der Neuevangelisation – als aktive Zelle in der Bundeshauptstadt, die mit ihren Angeboten auch über ihren unmittelbaren Stadtteil hinaus ausstrahlt. In einem weitgehend säkularen Lebensraum wie Berlin bedeutet dies, immer wieder neue Wege zu gehen und hergebrachte Strukturen zu überdenken. Leitend ist hierbei für Pater Michael Dillmann, den Prior des Klosters, die immer neue Frage: „Wo kann sich der Orden profilieren? Was kann man aus einem solchen Kloster ,machen‘?“

Seit Anfang des Jahres bildet St. Paulus das Zentrum der neuen Großpfarrei St. Elisabeth, die von Pater Michael geleitet wird. Damit sind die Brüder für die gesamte Pfarrpastoral in sechs Kirchen und für 26.000 Katholiken in Tiergarten und Wedding verantwortlich. Hinzu kommen die Betreuung weiterer Kapellen sowie die Krankenhausseelsorge an der Charité. Bestritten werden diese Aufgaben – neben Haupt- und Ehrenamtlichen in den einzelnen Gemeinden – vom Konvent in St. Paulus, einer internationalen und verhältnismäßig jungen Gruppe von acht Patres: sechs der Ordensmitglieder – von denen der jüngste 37 und der älteste 92 Jahre alt ist – haben das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht; und neben fünf deutschen Brüdern stammen drei aus Polen, Belarus und der englischen Provinz des Ordens.

Allein in der Pfarrkirche St. Paulus besuchen jeden Sonntag in vier Messen mehr als 500 Menschen den Gottesdienst. „Wir legen“, so Pater Michael, „großen Wert auf Predigt und Liturgie, die wir mit besonderer Feierlichkeit begehen.“ Dies gilt gerade auch für die Sonntagabendmesse, die von den jungen Sängerinnen und Sängern der Vokalschola „Ave Florum Flos“ mit vierstimmigen Gesängen in Tradition des Liturgischen Instituts der Dominikaner in Krakau begleitet wird. Einer weiteren Krakauer Inspiration – der dortigen Gruppe „Christus in der Altstadt“ – verdankt sich die Initiative junger Katholiken „Christus in Moabit“, die sich einmal im Monat zur Messe und Anbetung trifft und auf der Straße offen Menschen einlädt, daran teilzunehmen.

Junge Erwachsene anzusprechen, ist auch das Ziel weiterer Angebote, mit denen sich die Brüder zudem an Interessierte über die eigene Pfarrgemeinde hinaus wenden. „Mit unserer ,Dominikanischen Glaubensschule‘ richten wir uns an erwachsene Taufbewerber und Menschen, die sich auf ihre Firmung vorbereiten wollen“, berichtet Pater Michael – doch sei auch willkommen, wer seinen Glauben unabhängig von einem solchen Anlass vertiefen wolle; darunter immer wieder auch Menschen, die beabsichtigten, zur katholischen Kirche zu konvertieren. In dreizehn Sitzungen werden jährlich mit circa 25 Teilnehmern Fragen der Kirchengeschichte, Liturgie, Dogmatik und Ethik sowie der persönlichen Frömmigkeit erörtert. „Am Ende des letzten Jahrgangs standen sechs Taufen in der Osternacht“, so Pater Michael: „Es waren aber auch schon mal mehr.“

Schon jetzt wirken zudem einzelne der Konventsmitglieder außerhalb von Berlin im Namen ihres Ordens: So ist Pater Rodrigo Kahl als Liturgiedozent am Priesterseminar der Petrusbruderschaft in Wigratzbad tätig. Und Pater Thomas Grießbach lehrt als Professor der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart sowie an weiteren deutschen Universitäten Rhetorische Kommunikation beziehungsweise berät Unternehmen wie Bistümer in Fragen der Personal- und Organisationsentwicklung.

Über die Jahrzehnte hinweg haben sich um das Kloster herum weitere Orte kirchlichen Lebens angesiedelt. Dabei ist zunächst an die beiden muttersprachlichen Gemeinden zu denken, die hier Gottesdienste in ungarischer Sprache und nach maronitischem Ritus feiern; hinzu kommen ferner polnische Gottesdienste. In einzelnen Räumlichkeiten des Klosters sind Einrichtungen der Caritas beheimatet, und in der unmittelbaren Nachbarschaft entstanden ein katholischer Hort mit 250 Kindern und eine katholische Grundschule mit circa 400 Schülern. Zudem existieren Dominikanische Laiengemeinschaften, die am geistlichen Leben in St. Paulus teilnehmen.

In den kommenden Jahren soll das Seminarangebot der Dominikaner systematisch ausgebaut werden: Geplant ist die Einrichtung eines „Dominikanischen Zentrums für Katechese und Spiritualität“, das für ganz Berlin neben Vorträgen und Exerzitien auch Ehe- und Taufvorbereitungskurse sowie Trauerbegleitung und Einführungen in die dominikanische Spiritualität und Mystik anbietet. Der Prior weiß, dass diese Vorhaben von den Brüdern viel verlangen – aber so sei das nun einmal: „Evangelisierung fordert den ,ganzen Kerl‘.“

Erschienen am 22. August 2019 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

November 1918: Die Revolution in Danzig

Von Tilman Asmus Fischer

Der Kieler Matrosenaufstand vom 3. November 1918 ist – neben den gewaltsamen Auseinandersetzungen der Folgemonate, vor allem in Berlin – zum Inbegriff der revolutionären Umbrüche geworden, die das Ende des Ersten Weltkrieges und den Übergang Deutschlands vom Kaiserreich zur Weimarer Republik begleiteten. Auch wenn heute Kiel, Berlin und vielleicht noch die Münchner Räterepublik das historische Bild der Matrosen- und Rätebewegung prägen: Auch Danzig war Ziel und Schauplatz des Umsturzes, der am Ende nicht in die Räterepublik, sondern in eine Demokratie führte.

Es scheint, als hätte sich die historische Forschung – weil die revolutionären Umtriebe in Danzig keine Dynamik entwickeln konnten, die derjenigen in den genannten Städten vergleichbar wäre – nicht sonderlich für die Tage des Umbruchs an der Motlau interessiert. Zwar sparen die stadtgeschichtlichen Monografien die Thematik nicht aus, um sich jedoch ein konkretes Bild von der Lage vor Ort machen zu können, ist es notwendig, sich „ad fontes“ – zu den Quellen – zu begeben. Ein solches Zeitdokument ist uns mit den noch 1918 im Verlag W. F. Burau in Danzig veröffentlichten Erinnerungen von Hauptmann a. D. Dr. Wilhelm Brönner, „Die Revolutionstage in Danzig“, überliefert. Sie umfassen den Zeitraum zwischen dem 3. und 18. November 1918 und vermögen uns noch heute einen Einblick in die Vorgänge auf Danzigs Straßen und die Stimmungslage in der Stadt zu gewähren.

Danzig im November 1918 – ein Überblick

Bevor wir auf die einzelnen Ereignisse blicken, die Brönner aus Danzig berichtete, ist es jedoch notwendig, sich einen Überblick über den historischen Gesamtzusammenhang zu verschaffen. Wie verlief die große Linie der Danziger Revolution?  Und warum blieb hier eine Gewalteskalation, anders als etwa in Berlin, aus? – Peter Oliver Loew erlaubt uns nachzuvollziehen, wie auch an der Motlau quasi über Nacht eine neue politische Epoche anbrach:

„Nur wenige Stunden nachdem der Kaiser abgedankt hatte, hielt die Revolution auch in Danzig Einzug. Am 10. November stürmten revolutionäre Matrosen Gefängnisse in der Stadt, und bei einer Großkundgebung auf dem Heumarkt verkündeten führende Sozialdemokraten die Ausrufung der Republik. Ein deutscher Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Macht in Danzig, auch ein polnischer Rat entstand. Die Garnison unterstellte sich den Räten und sorgte, gemeinsam mit der Bürgerwehr, für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Am 11. November legte ein Generalstreik die Stadt lahm.“

Dafür, dass die Revolution sich an der Motlau ohne sonderliche Radikalität oder Gewaltausschreitungen vollzog, lassen sich im Wesentlichen vier Erklärungen finden. Das von Loew ins Feld geführte erste Argument, die Danziger seien ob der angespannten Nahrungsmittelversorgung eher mit der Fürsorge für ihr Überleben als mit der Revolution befasst gewesen, mag vielleicht das schwächste sein: Sicher entbehrt es nicht jeder Plausibilität, jedoch muss in Rechnung gestellt werden, dass auch im weiteren revolutionären Deutschland ein Versorgungsnotstand herrschte. Zweitens erhielt die politische Linke nach dem ersten revolutionären Aufflammen wieder ernstzunehmende Konkurrenz: Angesichts der verlautbarten polnischen Ansprüche auf Danzig konnte die politische Rechte mit antipolnischen Positionen schnell Rückhalt in der Bevölkerung gewinnen. Drittens kann darüber spekuliert werden, wie sich die Geschichte vollzogen hätte, wenn nicht per preußischer Kabinettsorder vom 24. März 1865 die preußische Marinestation der Ostsee – also die oberste Kommandobehörde der preußischen Seestreitkräfte in der Ostsee – von Danzig nach Kiel verlegt worden wäre. Andernfalls, so kann angenommen werden, wäre Danzig in der Folge zentraler Standort der Marine des Norddeutschen Bundes und der Kaiserlichen Marine gewesen – und letztlich hätte die Stadt dann das historische Schicksal treffen können, das nun Kiel ereilte. Viertens und letztens ist es – wie Loew hervorhebt – Julius Gehl zuzurechnen, dass sich die Revolution in Danzig verhältnismäßig ruhig vollzog. Der gelernte Maurer leitete von 1912 bis 1919 als Bezirksparteisekretär und Vorsitzender den SPD-Bezirk Westpreußen mit Sitz in Danzig und verantwortete von 1917 bis 1918 als Redakteur die sozialdemokratische Zeitung „Danziger Volkswacht“. Hätte er nicht mäßigend auf die Entwicklungen eingewirkt, hätten sich die Umbrüche durchaus anders vollziehen können.

Autosuggestion:  Angst vor „roten Schiffen“

Und dies wäre genau genommen gar nicht so unwahrscheinlich gewesen. Denn auch in Danzig lässt sich ein Phänomen identifizieren, das Mark Jones in seinem 2017 erschienen Buch „Am Anfang war Gewalt“ über die Gründungsmonate der Weimarer Republik herausgearbeitet hat:  Autosuggestion. So fielen die ersten blutigen Schüsse in Kiel, weil sich unter den revolutionären Matrosen die Wahnvorstellung ausgebildet hatte, jederzeit mit Angriffen konterrevolutionärer Offiziere rechnen zu müssen;  ebenso resultierten die Forderungen nach staatlichen Gewaltmaßnahmen gegen die Spartakisten in Berlin aus dem Mythos einer russisch finanzierten Geheimarmee des Kommunistenführers Karl Liebknecht. Was Mark Jones für die großen revolutionären Ereignisse in Kiel, Berlin und München konstatiert hat, trifft – das zeigen die Erinnerungen von Brönner – auch auf die graduell weniger intensiven Entwicklungen in Danzig zu.

Hier scheint es ebenso wie dort vornehmlich eine unklare Informationslage – eine Mischung aus vermuteten Gefahren und bedrohlichen Gerüchten – gewesen zu sein, die das Stimmungsbild in der Stadt und ihrem Umland prägte. So mutmaßte man am 4. November, für Danzig drohe „die Gefahr einer englischen Flottenlandung oder eine Landung von Teilen der meuternden Flotte“:  „Die roten Schiffe konnten erscheinen, um auch in Danzig die revolutionäre Bewegung in Gang zu bringen;  sie konnten auch aus Mangel an Proviant in der Höhe Danzigs die Küste anlaufen. Man erfuhr bald von Landungen in Swinemünde und Stolpmünde. – Z. T. sollten es Fahrzeuge gewesen sein, die noch königstreu vor den Meuterern flüchteten.“ Entsprechend dem ambivalenten äußeren Bedrohungsszenario mutmaßte man zugleich rege über das Gefahrenpotenzial innerhalb der Stadtgrenzen:  „Von geheimnisvollen Versammlungen, von Zettel- und Flugblattverteilungen wurde gemunkelt. Ein Extrablatt erschien nach dem anderen.“

Eindrucksvoll verdeutlicht Brönners Notiz vom 8. November, wie sich durch das – letztlich nicht verifizierbare – äußere Bedrohungsszenario im Zusammenspiel mit Anzeichen innerer Unruhen die öffentliche Stimmung mehr und mehr zuspitzte :  „Zwei rote Schiffe sollen vor Hela liegen. Ist Fliegeraufklärung möglich?  Es lag dichter Nebel, die Marinenachrichtenstelle hat nichts gesehen. Die Revoltestimmung in Danziger Straßen wird stärker bemerkbar. Es knallt überall:  Halbwüchsige und Kinder werfen Schwärmer und andere Feuerwerkskörper. Frauen und Kinder erzählen in den Straßen, in dieser Nacht gehe es los. Väter und Brüder würden sich auf dem Bahnhof prügeln gehen. Wie schon in diesem Kriege denkt man wieder an Einpacken, an noch rasch zu erledigende wichtige Geschäfte, an Abreise, an Wegsendung von Frau und Kind.“ Interessant ist vor allem der Hinweis auf die Geräuschkulisse, die auf Schüsse und andere Ausschreitungen schließen lassen konnte. In anderen Städten waren es, wie Jones herausstellt, ebensolche akustischen Signale, die von einer der sich gegenüberstehenden Parteien – oftmals grundlos – als feindlicher Beschuss gedeutet wurden, so dass die Situation eskalierte und es in der Folge zu tatsächlichen Gewaltausschreitungen, teils auch mit Todesopfern, kam. Brönners Aufzeichnungen verdeutlichen, dass es neben den unmittelbar für Danzig erwarteten Entwicklungen immer wieder auch die Nachrichten aus Berlin und anderen Stätten der Revolution – sowie solche über die Verhandlungen mit den Alliierten – waren, die in Danzig wachsam verfolgt wurden und die Prognose über die eigene Situation mitbestimmten.

Revolution in geordneten Bahnen

Angesichts der Ungewissheit über die tatsächliche Bedrohungslage vollzogen sich die politischen und militärischen Entwicklungen im Danziger Gebiet folgendermaßen:  Um den 4. November wurden mehrere auswärtige Truppenteile zur Absicherung der Stadt nach Danzig verlegt. Dabei entschieden sich die politischen Verantwortungsträger – bei allen notwendigen militärischen Sicherheitsmaßnahmen – nicht für Gewalt als erstes Mittel. Vielmehr herrschte Besonnenheit, und man setzte für den Fall der Fälle primär auf Verhandlungen, sofern „die meuternden Matrosen bei der erwarteten Ankunft mit sich reden lassen“ würden. Bevor jedoch meuternde Matrosen in Danzig anlanden konnten, kamen einem solchen Unterfangen am 7. November – wie Brönner treffend anmerkt, dem „Jahrestag der russischen Revolution“ – die Arbeiter und Matrosen der Putziger Seefliegerschule zuvor. Deren Arbeiter- und Soldatenrat erklärte unmittelbar im Zusammenhang mit seiner Gründung, für die „Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung werde Sorge getragen“. Da auf Grundlage dieser Ankündigung offenbar ein Einvernehmen mit dem Kommando der Seefliegerschule hergestellt werden konnte, wurde von einem militärischen Eingreifen gegen die Meuterer abgesehen, und es kam zu keinen gewaltsamen Auseinandersetzungen. Nichtsdestoweniger besetzten Matrosen aus Putzig den Bahnhof von Rheda.

„Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ in der „Danziger Volkswacht“ vom 9. November 1918. (Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung)

Zwei Tage später – am 9. November – kam auch in Danzig und seiner unmittelbaren Umgebung der Personenverkehr zum Erliegen. Dennoch:  Auch hier blieb es dank der Besonnenheit aller Parteien – vor allem wohl des bereits erwähnten Julius Gehl – ruhig. Dieser erklärte weitsichtig, dass „die Bewegung in Danzig ruhig verlaufen“ würde, wenn „nicht geschossen werde“ – zumal er ohnehin prognostizierte, dass beim Einsatz militärischer Mittel die Truppen den Gehorsam verweigern würden. Dies erwartete er auch für den Fall einer Landung von Schiffen meuternder Soldaten :  „Vielleicht würden die Küstenbatterien einige Schüsse abgeben, aber was mache das Kriegsschiffen aus, und sobald erst Landungen erfolgt seien, werde kein Widerstand mehr geleistet.“ Gehl scheint es nicht nur gelungen zu sein, derart präventiv dem Einsatz militärischer Mittel entgegengewirkt zu haben. Vielmehr kam es am 9. November auch zu wegweisenden Einigungen zwischen den entscheidenden Akteuren in der Stadt: den Mehrheitssozialisten – also der SPD –, den „Unabhängigen“ – also der radikaleren USPD, die sich während des Krieges von ihrer Mutterpartei abgespalten hatte – und der städtischen Verwaltung. Nach einer gemeinsamen Sitzung von SPD und USPD traten um neun Uhr im Stadtverordnetensaal Vertreter der Sozialisten und der Behörden – „Oberpräsident, Regierungspräsident, Polizeipräsident, Bürgermeister, Stadträte, Kommandierender General, Kommandantur, Kriegsamtsstelle“ – zusammen. Das Ergebnis dieser Besprechung kann gewissermaßen als Einigung auf eine ‚Revolution in geordneten Bahnen‘ bezeichnet werden: „Große Versammlung zur Ausrufung der Republik soll Sonntag [also am nachfolgenden Tage], Generalstreik Montag stattfinden. […] Im gleichen Maße, wie Parteileitung ruhigen Verlauf gewährleisten könne, wollen Behörden vom Eingreifen ihrerseits absehen. […] Kommandierender General und Oberpräsident bitten Bevölkerung Danzigs, Bürger und Soldaten, Ruhe zu behalten und zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung jeder nach Kräften mitzuwirken.“ Von ebendiesem Geist war auch ein „Friedens-Mahnruf der Sozialdemokratie“ geprägt, der am gleichen Tag in Gehls „Danziger Volkswacht“ erschien.

Nur wenige Stunden nach der Sitzung war es eine Nachricht aus Berlin, die um 15 Uhr die Danziger Extrablatt-Leser erreichte und zunächst Ruhe und Ordnung in Frage zu stellen schien:  Der Kaiser hat abgedankt! – „In Kasernen fängt tumultartiges Treiben an. Absetzung von Vorgesetzten wird gefordert.“ Als erstes wählt das Infanterie-Regiment 128 einen Soldatenrat, andere wie die 5. Grenadiere folgen. Zu einer Eskalation der Lage kommt es jedoch auch nach dieser Entwicklung nicht – vielmehr erklären die Einheiten gegenüber der SPD-Parteiführung, sie stünden „zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zur Verfügung“. Und dies scheint am 9. November – dem Tag des Endes der Monarchie – dann auch gelungen zu sein. So ist die einzige Begebenheit, die Brönner über den Abend dieses geschichtsträchtigen Tages berichtet, eher anekdotischer Natur:  „Kurz nach Mitternacht treffe torkelnden Betrunkenen auf Dominikswall. Brüllt singend:  Freiheit, Freiheit, keine Mauern, kein Zuchthaus, frei muß der Mensch sein, und unterbricht sich drohend zu einem Passanten: Verfolgst du mir, was! Du willst mir wohl verfolgen? Passant weicht wortlos aus.“

Großkundgebung und Gefängnisstürmungen

Einige Stunden vor Beginn der für Sonntag, den 10. November, geplanten Großkundgebung, um 9.30 Uhr, traf in Danzig ein Zug aus Richtung Dirschau ein. Seine Insassen, 150 Zivilisten und Militärangehörige, gaben sich als Danziger auf dem Weg zu ihren Angehörigen in der Stadt aus. Nichts Böses ahnend, ließ man sie gewähren. Tatsächlich handelte es sich jedoch um – größtenteils aus Gefängnissen befreite – Bolschewisten, die nun eine regelrechte Welle von Gefängniserstürmungen in Danzig auslösten. Ziel waren die Militärarrestanstalten I und II in der Elisabethkirchengasse bzw. am Schlüsseldamm, das Festungsgefängnis am Nonnenhof, die Nebenarrestanstalt Schießstange sowie das Gefangenenlager Troyl. Überall waren die Gefängnisstürmer erfolgreich – wobei neben politischen Häftlingen und arrestierten Soldaten zudem tatsächliche Straftäter befreit wurden. Wenn die Erstürmungen auch unter Androhung von Waffengewalt erfolgten und von Plünderungen begleitet waren, kam es zu keinen ernstlichen Schusswechseln oder gar Todesopfern. Das gleiche gilt für revolutionäre Ausschreitungen auf den Straßen, die Brönner gleichwohl eindringlich beschreibt:

„In den Hauptverkehrsadern setzt zwischen 9 und 10 Uhr eine Jagd auf Soldaten ein, die noch Kokarden, Abzeichen auf der Schulter, Seitengewehre tragen. Es kommt zu Wortwechseln und Gestikulationen, nicht zu Blutvergießen, soweit bekannt geworden. Auch Offiziere werden erst recht nicht geschont. […] Auch über uniformierte Polizeibeamte […] geht es her. Wo einer angehalten wird, bildet sich im Augenblick ein Menschenknäuel, bald rechts, bald links vom Fahrdamm. Im Laufschritt eilen die ersten Straßengänger zu, wie die Eisenspäne zum Magneten. Ueberall auf dem Pflaster Kokarden und abgeschnittene Schulterklappen.“

Eingedenk der Entwicklungen, welche die Revolution etwa in Berlin nahm, ist es bemerkenswert, dass die Situation in Danzig bei solchen Szenen in den Straßen nicht weiter eskalierte. Entsprechend friedlich konnte schließlich auch die Versammlung auf dem Heumarkt verlaufen: Es wurden Reden gehalten, die rote Fahne gehisst und ein dreifaches Hoch auf die Republik ausgerufen. Die Stimmung der schätzungsweise 15.000 Anwesenden beschreibt Brönner als ekstatisch. Auch in den folgenden Stunden blieb die Stimmung gehoben: „Wohin man kommt, in den Straßen kichernde Weiber, kecke Burschen, Schreien, Johlen, Grammophonlärm aus den Häusern, die Straßenbahnen mit brechender Überfracht auf Trittbrettern und Puffern. Noch immer ist Krieg, noch immer rast an der Front das mordende Feuer; daran denkt niemand.“ Die Feierlichkeiten hielten auch noch an, nachdem um drei Uhr die Waffenstillstandbedingungen bekannt wurden. Trotz des ansonsten friedlichen Verlaufes kam es am Abend und an den Folgetagen durchaus auch zu Einbrüchen und Plünderungen. Diese vermehrten sich im Laufe von zwei Wochen derart, dass es zu einer Reihe von Verhaftungen und seitens der Behörden zur Androhung der Todesstrafe kam.

Innere Ordnung und äußere Konflikte

Auf dezidierten Wunsch des Sozialdemokraten Gehl blieben die bisherigen Behördenspitzen auch nach Ausrufung der Republik im Amt – von den Revolutionären wurde die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung garantiert. Planmäßig verlief am 11. November der Generalstreik, an dem sich neben den Arbeitern auch die Soldaten beteiligten. Ab dem 13. November zeigte die Polizei – im Auftrag der Räte – wieder vermehrt Präsenz auf den Straßen. Jedoch:  Bereits ab dem 12. November erreichten die Kommandantur und Soldatenräte besorgniserregende Mitteilungen aus dem Umland:  „Am Mittag wird Hilfe gegen die Polen im Kreise Karthaus erbeten, die die Lieferung von Lebensmitteln verweigern und sich zusammenrotten […]. Nachrichten laufen ein, daß auf dem Lande auch die Förster entwaffnet und von den Polen bedroht werden. Selbständigkeitsdrang überall, alles will aus den Fugen.“

Hier kündigt sich an, was in den folgenden Monaten und Jahren das Schicksal Westpreußens prägen sollte: der – zumal durch die Germanisierungspolitik der vorangegangenen Jahrzehnte geschürte – deutsch-polnische Nationalitätenkonflikt, der unter dem Vorzeichen des 14-Punkte-Programms des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson für Danzig die Gründung der ‚ungeliebten‘ Freien Stadt bedeutete. Ahnten Brönner und seine Zeitgenossen dies bereits? Mit dem 18. November schließt sein Bericht: „Aus Berlin kommt das Schlagwort vom Null-Stundentag, aus Schlesien und Posen die Meldung von bevorstehenden Angriffen auf deutsches Staatsgebiet und der Entsendung deutscher Abwehrtruppen, und man erinnert sich des stolzen Evangeliums der jungen Republik: Friede, Freiheit, Arbeit, Brot!“

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 6/2018.

Die Kulturträger unterstützen

Fünf Fragen an Egon Primal MdL

Im November 2017 wurde Egon Primas in der Nachfolge von Helmut Sauer zum Bundesvorsitzenden der „Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU/CSU (OMV) – Union der Vertriebenen und Flüchtlinge“ gewählt. Im Interview spricht er über die aktuellen Herausforderungen der Vertriebenenpolitik zwischen Kulturerhalt und Verständigungspolitik.

Herr Primas, seit Ende vergangenen Jahres stehen Sie der OMV vor. Welche zentralen Fragen müssen für Sie von einer zukunftsorientierten Vertriebenenpolitik beantwortet werden?

Egon Primas MdL als Festredner bei der Frühjahrstagung 2018 der Landsmannschaft Westpreußen.

Es gibt unterschiedliche Herausforderungen, denen sich die Vertriebenen und ihre Verbände organisatorisch und politisch stellen müssen. Herausforderungen, denen sich auch eine Politik stellen sollte, der die Anliegen dieser Gruppen am Herzen liegen. Dazu zählen unter anderem: der Erinnerungs- und Verantwortungstransfer in unseren Verbänden, aber auch im Hinblick auf die gesamte Gesellschaft, die Bewahrung des materiellen und immateriellen Kulturerbes durch die Kulturträger, die grenzüberschreitende Verständigung – also unser Brückenbau für eine gemeinsame Zukunft in Europa – sowie damit zusammenhängend die wichtige Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und vielleicht sogar zu einer Identität, die sich grenzüberschreitend kulturell bestimmt.

Sehen Sie denn in der breiten Gesellschaft ein ernstzunehmendes Interesse, diese Anliegen der Vertriebenen zu unterstützen – etwa hinsichtlich des Erinnerungstransfers?

Lange Zeit wurden die von den Vertriebenen und ihren Verbänden vertretenen Anliegen an den Rand gedrängt und von einigen Parteien in eine bestimmte Ecke gestellt. In der ehemaligen DDR durfte nicht über Flucht und Vertreibung und über die Ostgebiete gesprochen werden. Erst in den letzten Jahren hat sich dies geändert. Mit entscheidend dafür war unser eigener Einsatz. Gerne erinnere ich an die Rede des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck beim ersten deutschlandweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni 2015 in Berlin. In bemerkenswerter Klarheit hat er zum Ausdruck gebracht, dass Flucht und Vertreibung am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg prägende Ereignisse für die Identität aller Deutschen waren. Und doch hat sich die Gesellschaft dem lange verschlossen – vor dem Hintergrund der Verbrechen der Nationalsozialisten. Damit trägt aber unsere gesamte Gesellschaft gemeinschaftlich Verantwortung dafür, an dieses Leid zu erinnern – auch an die verlorene Heimat und ihre Geschichte – und die mitgebrachte wie die zurückgelassene Kultur zu erhalten.

Welche Rolle werden die Organisationen und Institutionen der Vertriebenen selbst hierbei zukünftig spielen?

Zwar gilt hier die gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Aber denken wir daran: Wir sind doch die Kulturträger – gemeinsam mit den Deutschen, die noch heute in der Heimat leben und sich vor Ort um Sprache, Brauchtum und Architektur sorgen. Ohne die immense Bedeutung von Museen und Archiven – also die Konservierung von Geschichte – oder den Erkenntnisgewinn durch wissenschaftliche Aufarbeitung von Geschichte und Kultur kleinreden zu wollen: Das wichtigste Ziel muss es doch sein, die Kulturträger selbst – beiderseits der Grenzen – in ihrer eigenen, vielseitigen Arbeit und in der Schaffung neuer Kulturleistungen zu unterstützen.

Ist hierzu der politische Wille vorhanden?

Die OMV setzt sich im Kulturerhalt für ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Politik und Verbänden ein. Es gibt hier durchaus positive Signale und Entwicklungen: Die Förderungssituation hat sich seit den dramatischen Einschnitten unter Rot-Grün sehr verbessert. Bernd Neumann, selbst Westpreuße, und Monika Grütters haben unsere Anliegen als Kulturstaatsminister stets aufgeschlossen begleitet. Sie sind jedoch ein Stück weit an die Strukturen gebunden, die von Rot-Grün zwischen 1998 und 2005 geschaffen wurden. Der aktuelle Koalitionsvertrag oder die neue Regierungskonzeption im Bereich der Vertriebenenkulturarbeit zeigen aber den gewünschten partnerschaftlichen Ansatz und die Wertschätzung unserer eigenen Institutionen – auch mit den deutschen Volksgruppen. Darauf gilt es aufzubauen.

Inwieweit kann – gerade in diesen Tagen – durch lebendige Kulturarbeit auch ein Beitrag zum europäischen Zusammenhalt geleistet werden?

Eine lebendige Kulturarbeit eröffnet die Möglichkeit einer offenen Debatte zu einem modernen Heimatbegriff und zur Möglichkeit grenzüberschreitender Kulturidentitäten. Unsere politische Situation macht es notwendig, viel intensiver über diese Klammer „Heimat“ nachzudenken – darüber, was Heimat für uns in Deutschland eigentlich bedeutet. Viele Vertriebene und Spätaussiedler beteiligen sich schon jetzt an einer solchen Debatte und steuern eigene, sehr interessante Gedanken dazu bei. BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius etwa – jetzt auch Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten – hat den Ausspruch geprägt: „Heimat ist mehr als ein geografischer Ort“. In diesem Sinne ist es unter dem gemeinsamen Dach Europas weniger wichtig, welche Staatsbürgerschaft man hat oder wo man lebt. Für eine selbst empfundene Identität, etwa als Westpreuße, kann man genauso gut in Elbing wie in Warendorf zu Hause sein. „Europa“ ist hier der entscheidende Begriff. Denn wenn Heimat letztlich mehr sein mag als ein geografischer Ort, so bleibt sie doch immer auch ein geografischer Ort. Um der Heimat begegnen zu können, um die Kulturregion besuchen zu können, der man sich heimatlich verbunden fühlt, brauchen wir ein freies, ein offenes Europa ohne Grenzen.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 4/2018.

Reformatorische Freiheit – in Brandenburg und Preußen

Eine Ausstellung nimmt gemeinsam mit polnischen Partnern die Reformation in den Blick und zeigt Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen

Die Ausstellungen, die während des zurückliegenden Jahres aus Anlass des Reformationsjubiläums gezeigt wurden, sind kaum zu überblicken. Ihre Vielfalt ist Ausdruck des Facettenreichtums dessen, was gemeinhin als ‚die Reformationsgeschichte‘ bezeichnet wird. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, die die reformatorischen Kirchenwesen im Prozess ihrer Entstehung und Etablierung entwickelten. Die Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“, die noch bis zum 21. Januar im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Potsdam) zu sehen ist, stellt exemplarisch die Reformation in zwei historischen Kulturlandschaften gegenüber, die späterhin unter der gemeinsamen Krone der Hohenzollern standen – und heute in der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen liegen: dem Kurfürstentum Brandenburg und dem Herzogtum Preußen.

Bucheinband aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen mit dem Wappen des Herzogs, Silber teilvergoldet, 1556
(Foto: Grzegorz Kumorowicz © Pracownia Fotograficzna Muzeum Warmii i Mazur w Olsztynie)

Im Zentrum steht dabei eine der bedeutendsten Schriften der Reformation Wittenberger Prägung: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, mit der Martin Luther 1520 auf die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ von Papst Leo X. geantwortet hatte. Diese 30 Glaubensthesen wurden im 16. Jahrhundert die Schrift mit der höchsten Druckauflage. Die Potsdamer Ausstellung zeichnet anhand des Kurfürstentums Brandenburg und des Herzogtums Preußen nach, wie Luthers Freiheitsverständnis – das zunächst einmal ein religiöses war, jedoch auch politisch interpretiert wurde – konkret historische Folgen zeitigte.

In ihrer Breitenwirkung wurde die Reformation kulturprägend – nicht nur mittels Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache. Vielmehr würdigt die Ausstellung auch ihre herausragende Bedeutung für weitere ostmitteleuropäische Schriftsprachen – sowohl das Litauische und Prußische als auch das Sorbische. Darüber hinaus geraten geschichtliche Ereignisse in den Blick, denen in der allgemeinen Reformationsgeschichtsschreibung, wenn überhaupt, dann randständige Bedeutung zukommt: Dies gilt etwa im Falle Preußens für den Aufstand samländischer Bauern gegen den regionalen Adel im Jahre 1525, dem eine politische Auslegung des lutherischen Freiheitsbegriffs zugrunde lag.

Die nationale und kulturelle Grenzen überwindende Wirkung der lutherischen Reformation spiegelt sich auch in einer Reihe der präsentierten Leihgaben, die nicht nur aus Schottland oder – wie eine lateinische Erstausgabe der Freiheitsschrift mit handschriftlichen Anmerkungen aus der Feder des Reformators – aus Elsass-Lothringen, sondern vor allem auch aus der Republik Polen stammen. Dies gilt besonders für Teile der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen – einst 20 mit silbernen Einbänden versehene Bände mit zentralen reformatorischen Werken –, die Dank einer deutsch-polnischen Kooperation erstmals im Bundesgebiet gezeigt werden können.

„Wichtige Teile der reformationszeitlichen Schriften aus der Königsberger Bibliothek gelangten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thorn in die Bibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität, die dort gegründet wurde, darunter auch 12 der 15 überlieferten Bände aus der Silberbibliothek Herzog Albrechts von Preußen“, berichtet die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ruth Slenczka: „Die Universitätsbibliothek gehört somit zu unseren wichtigsten polnischen Leihgebern. Ein Besuch der Bibliothek stand daher im Dezember 2015 auf dem Reiseplan unserer ersten Polenreise. Es entwickelte sich ein lebhafter Austausch, der über einen umfangreichen Leihvertrag hinaus Früchte trug: Im Dezember 2016 veranstalteten wir zusammen mit der Universität Thorn ein wissenschaftliches Kolloquium zur Silberbibliothek, aus dem ein Bestandskatalog der überlieferten Bände hervorging. Zudem drehte der rbb im Frühjahr 2017 mit uns in der Thorner Bibliothek für eine Dokumentation zum Reformationsjubiläum.“

Der Kooperation zwischen dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und der Universitätsbibliothek Thorn kommt mithin eine exemplarische Bedeutung für die grenzübergreifende Erforschung und Bewahrung des gemeinsamen Kulturerbes zu. So erklärt Dr. Slenczka: „Über die Kooperation konnte hier Wissen ausgetauscht und das Bewusstsein für die Deutsche und Polen verbindende Kultur gestärkt werden. Die Potsdamer Ausstellung sowie die rbb-Dokumentation tragen dazu bei, Wissen über das gemeinsame Kulturerbe auch über den verhältnismäßig kleinen Kreis der Wissenschaftler hinaus zu verbreiten.“ Dabei ist bereits im Gegenstand des gemeinsamen Forschungsprojektes eine Überwindung nationaler Denkmuster implizit angelegt. „Die Reformationszeit“, erläutert Dr. Slenczka, „ist als vornationales Zeitalter besonders geeignet, um die Deutsche und Polen verbindende Geschichte als europäisch-gemeinsame Geschichte zu entdecken, zu erforschen und ins Bewusstsein zu bringen. Die Silberbibliothek ist z. B. Teil der Europa verbindenden Hofkunst der Renaissance. Mit nationalgeschichtlich verengten Narrativen kann man ihr nicht gerecht werden.“

Und so braucht es nicht zu verwundern, dass die Kooperationspartner bereits über weiterführende grenzübergreifende Arbeiten zur Silberbibliothek nachdenken. „Mit den Thorner Kollegen zusammen haben wir die Vision einer gemeinsamen Ausstellung zur Silberbibliothek entwickelt, deren Restaurierung in den nächsten Jahren geplant ist“, verrät Dr. Slenczka: „Eine solche Ausstellung könnte sowohl in Polen als auch in Deutschland gezeigt werden. Der deutsche Bestandskatalog macht den Silberschatz zudem auch für die deutsche Forschung zugänglich.“

Umso bedauerlicher ist es, dass wieder einmal die politischen den kulturellen Akteuren hinterherzuhinken scheinen. Dr. Slenczka hält die Zusammenarbeit auf kultureller Ebene für erfolgreicher als auf politischer: „Angestrebt war eine deutsch-polnische Schirmherrschaft der beiden Außenminister über die polnische Ausstellung, mit der die kulturelle Verbundenheit beider Länder zeichenhaft sichtbar werden sollte. Der polnische Außenminister hat die Übernahme der Schirmherrschaft jedoch abgelehnt. Auch der polnische Botschafter nahm in seinem Vortrag innerhalb der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe die Chance einer Besinnung auf die deutsch-polnische Gemeinsamkeit des reformatorischen Erbes nicht wahr.“

Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: DOD – Deutscher Ostdienst 6/2017 u. Der Westpreuße – Begegnungen mit einer europäischen Kulturregion 1/2018.

Gedrängt von der Liebe Christi

Das katholische Milieu im Osten Deutschlands: Eine neue Biografie über den letzten Bischof des Ermlands, Maximilian Kaller

Von Tilman Asmus Fischer

„Caritas Christi urget me“ – so lautete der Wahlspruch des 1930 zum Bischof geweihten Maximilian Kaller, dessen von deutschen und polnischen Katholiken angestoßenes Seligsprechungsverfahren seit 2003 läuft. Was es in den Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, von der Liebe Christi gedrängt zu werden, zeichnet die neu erschienene Biografie „Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts“ nach. Verfasst haben sie Professor Rainer Bendel, Vorsitzender des Instituts für Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa, und Hans-Jürgen Karp, bis 1998 stellvertretender Direktor des Herder-Instituts für historische Osteuropaforschung.

Herausforderungen des ostdeutschen Katholizismus

Indem die Verfasser den Seelsorger Kaller ins Zentrum stellen, vermag des Buch ein facettenreiches Bild kirchlichen Lebens in unterschiedlichen katholischen Milieus des östlichen Deutschlands zu entwerfen – folgt es doch dem Leben Kallers entlang seiner Wirkungsorte: als Kaplan im oberschlesischen Groß-Strehlitz (1903–1905), Pfarradministrator und Pfarrer auf Rügen (bis 1917) sowie in der Reichshauptstadt Berlin (bis 1926), schließlich als Apostolischer Administrator der (infolge der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen) Prälatur Schneidemühl (bis 1930), Bischof von Ermland (bis 1945) – und zuletzt als päpstlicher Sonderbeauftragter für die Flüchtlinge in Deutschland.

Dabei waren die Herausforderungen von Region zu Region unterschiedlich: Versorgte Kaller in Oberschlesien ansässige Katholiken deutscher und polnischer Zunge, waren ihm auf Rügen eine kleine deutschsprachige Diaspora beziehungsweise deutsche Badegäste, daneben aber eine große Zahl polnischer Saisonarbeiter anvertraut. Wurde die Diasporalage in Berlin durch die gesellschaftlichen und ökonomischen Spannungen einer ständig wachsenden Großstadt in Zeiten politischer Umbrüche noch verschärft, waren es in der Prälatur Schneidemühl die politischen Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, die Kallers Einsatz im deutschen Grenzland prägten.

Nur drei Jahre nach seiner Ernennung zum Bischof von Ermland – die Diözese umfasste neben dieser katholisch geprägten Region auch die weitere ostpreußische Diaspora – ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht, zu denen Kaller allmählich in Opposition ging. Auch wenn es den Autoren gelingt, den Weg zu plausibilisieren, den Kaller von einer anfänglichen Befürwortung der Machtergreifung als gesamtgesellschaftlichen Aufbruch hin zu einer Gegnerschaft zu Totalitarismus und Rassenideologie vollzog; letzte Ambivalenzen bleiben im Hintergrund bestehen, etwa in der euphemistischen öffentlichen Einschätzung der nationalsozialistischen Siedlungspolitik. Nach dem verlorenen Krieg und dem persönlichen Verlust der Diözese war der Einsatz Kallers in seinen letzten Lebensjahren vorgezeichnet durch die soziale Krisensituation der Ostflüchtlinge.

Der Seelsorger Kaller als katholischer Reformer

In seinen jeweiligen Funktionen tritt Kaller bei Bendel und Karp als fortschrittlicher Organisator und praktisch-karitativ orientierter Seelsorger in Erscheinung, der konsequent um eine intensive Einbindung der Laien bemüht war: stets wurden durch Kaller mit der Amtsübernahme Kartotheken zur Erfassung und Organisation der Laien angelegt und die Gründung von Laien- beziehungsweise Standesvereinen vorangetrieben; mehrfach betätigte sich der Pfarrer und Bischof als Gründer regionaler katholischer Periodika beziehungsweise als Förderer der konfessionellen Publizistik.

Es liegt den Autoren fern, Kaller in der Bewältigung der jeweiligen seelsorgerlichen Herausforderungen einseitig als Modernisierer und Avantgardist des Laienapostolats – für Kaller ein der Seelsorge untergeordnetes „uneigentliche[s] Apostolat“, „Seelsorgehilfe“ – zu idealisieren. Immer wieder kontextualisieren sie ihn im breiten Spektrum katholischer Reformbewegungen und entsprechend differenziert fällt ihre abschließende Beurteilung aus: „Bei dem weiten Seelsorgebegriff Kallers mit seiner Offenheit für die vielfältigen Aufgaben, bei aller Betonung des allgemeinen Priestertums und des Apostolats des Weltdienstes – Zeugnis des Lebens jederzeit und insbesondere in der Zuwendung zu Randgruppen und in Notlagen – bleibt die Spannung zur Lehre von der hierarchischen Struktur der Kirche. Man kann daher mit einem Schlagwort allenfalls von einer ,Teilmodernisierung‘ sprechen.“

Von besonderem Interesse unter den vielfältigen Feldern der Seelsorge ist – gerade angesichts des polnischerseits mitgetragenen Seligsprechungsprozesses – Kallers nachhaltiger Einsatz für die Seelsorge an polnischen Katholiken. Diesem Dienst scheint sich der Pfarrer und spätere Bischof, der selbst aus einem bilingual geprägten Umfeld stammte und des Polnischen (auch in der Predigt) mächtig war, in besonderer Weise verpflichtet gefühlt zu haben. Nicht nur, dass er in seiner ersten Pfarrei auf Rügen entsprechende seelsorgerliche Angebote für die polnischen Schnitter schuf und den Bau einer eigenen Kirche für sie vorantrieb. Auch setzte er sich in Schneidemühl und Ermland – gegen Vorbehalte der politischen Rechten – für dieses Tätigkeitsfeld ein und versuchte, es – bis es durch die Nationalsozialisten verunmöglicht wurde – so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Freilich lassen Bendel und Karp auch kritischere polnische Stimmen zu Kallers Haltung gegenüber der Polenseelsorge zu Wort kommen; jedoch bleiben sie eine eigene Einschätzung und Gewichtung dieser Quellen schuldig.

Wenn der Fokus der Biografie auch auf dem Seelsorger und Organisator Kaller liegt, kommt hiervon ausgehend doch immer wieder zudem der theologische Denker in den Blick; dies gilt vor allem für die Deutung und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Herausforderungen der Nachkriegszeit, sodass der Theologe Kaller erst in den hinteren Kapiteln Konturen gewinnt.

Gegen den staatlichen Totalitätsanspruch

Bereits in seinem Hirtenbrief vom 25. Januar 1934 dachte Kaller ausgehend von Matthäus 22,21 über das Verhältnis von Staat und Kirche nach und stellte dem staatlichen Totalitätsanspruch entgegen: „So ist unser Gott. So ist unser Herr. Er ist der König der Welt. Er will eine Totalherrschaft ausüben. Er muss diese Ansprüche stellen, weil er Gott ist.“ Im gleichen Jahr nahm er auch rassische Denkkategorien in den Blick und wandte er sich in einer Wallfahrtspredigt gegen den Nationalsozialismus als Glaubensbewegung, „die uns Gott und unsere Heilige Kirche entreißen will, die anstelle unseres Allmächtigen Gottes uns einen Gott geben will, der aus Blut und Rasse hervorgehen soll.“

Die absolute Orientierung auf die göttliche Herrschaft prägten auch Kallers Deutung der Vertriebenenschicksals. Bendel und Karp stellen die Bedeutung heraus, die Franz von Assisi für sein Verständnis von Umkehr und Neubeginn hatte – was Kaller in idealtypischer Weise in die theologischen Trends des gegenwärtigen Pontifikats einfügt: „Die Orientierung dürfe nicht an bürgerlichen Weisungen und Tugenden erfolgen, sondern die radikale Orientierung sei die Nachfolge.“

Die Ideale des Franziskus gegen die Grundübel der Zeit

Dabei, so die Autoren, habe Franziskus Kaller sowohl in seiner Askese als auch „in der scharfen, klaren Analyse der Missstände der Zeit“ als Vorbild gedient: „Mit den franziskanischen Idealen wollte Kaller den Grundübeln seiner Zeit, die er als Ursache für die Notsituation ausgemacht hatte, beikommen, nämlich der Habsucht und der Herrschsucht.“

Der Seelsorger ebenso wie der Theologe Kaller begegnet dem Leser als facettenreicher Amtsträger und durch das historische Schicksal des zwanzigsten Jahrhunderts geprägte Persönlichkeit. Das Bild, welches die Autoren von ihm zeichnen, untermauern sie mit umfangreichen Zitaten aus Hirtenbriefen und anderen Dokumenten – sodass Kaller selbst hinreichend zu Wort kommt. Kallers Verhältnis zu seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld – auch offensichtliche Differenzen und schwierige Charaktereigenschaften – bleiben hingegen meist schemenhaft skizziert.

Rainer Bendel u. Hans-Jürgen Karp: Bischof Maximilian Kaller (1880–1947). Seelsorger in den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Aschendorff-Verlag, Münster 2017. 348 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-402-13260-9, EUR 24,80

Erschienen am 16. November 2017 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).