Klartext in Sachen Judentum und Israel

Michael Wolffsohn kämpft mit seinem neuen Buch für „Fakten in Geschichte und Politik“

Von Tilman Asmus Fischer

„Tacheles reden“ – diese Redewendung kennt wohl fast jeder. Sie bedeutet: Klartext reden ohne falsche Rücksichtnahme. Eingewandert ist das Wortspiel über das Jiddische in den deutschen Wortschatz, ursprünglich abstammend vom althebräischen Wort Taklit. Das lässt sich mit „Ende“, „Äußerstes“ oder „Zweck“ übersetzen.

„Tacheles reden“ – genau das tut auch der 1947 in Tel Aviv geborene Historiker Michael Wolffsohn in seinem Buch, das darum eben den Titel „Tacheles“ trägt. Wolffsohn lehrte über 30 Jahre an der Bundeswehr-Universität München Neuere Geschichte. In Zeiten von Fakenews, Debatten um „politische Korrektheit“ und einer von Rechtspopulisten ausgerufenen geschichtspolitischen Kehrtwende tritt der Autor für „Fakten in Geschichte und Politik“ ein – seziert Narrative, die die deutsche Erinnerungskultur prägen, und zeigt auf, wie auf diesem Hintergrund Tagespolitik betrieben wird.

Gleich einem roten Faden kommt Wolffsohn, dessen Vorfahren Ende der 1930er Jahre aus Berlin ins damalige Mandatsgebiet Palästina flohen, immer wieder auf die christlich-jüdischen, deutsch-jüdischen und deutsch-israelischen Beziehungen zu sprechen. Auch hier verzichtet er auf eine falsche Rücksichtnahme. Das gilt gerade – aber nicht nur – für seine scharfsinnigen Analysen zum Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus sowie zum Antisemitismus in Deutschland und Europa. Auf dessen islamische und politisch linke Spielarten – neben den dominanten rechten – weist er deutlich hin.

Unabhängig von den Gefahren des Antisemitismus markiert Wolffsohn zudem die in unseren Sphären prägende Säkularisierung der Gesellschaften als entscheidende Herausforderung für das Diaspora-Judentum: „Von innen betrachtet, jenseits aller Gefahren von außen, führt die nichtreligiöse, kulturell und historisch ajüdische Mehrheit der Diaspora-Juden eine geradezu klassisch ‚absurde Existenz‘. Sie ist und ist zugleich nicht jüdisch.“

Vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie der immer wieder wuchernden Judenfeindschaft gewinnt sowohl Wolffsohns begründete Kritik an der Israel-Distanz von Teilen der politischen Landschaft Deutschlands, als auch seine Betonung der Bedeutung des jüdischen Staates an Evidenz: „Wenn überhaupt ein Staat seine (jüdischen; TAF) Bürger schützen kann und will, weil die Gesellschaft dessen Gewaltmonopol billigt und Polizei sowie Militär als Teil ihres Wir wahrnimmt, dann Israel.“

Spannend macht die Lektüre des Buches in besonderer Weise, dass der Zeithistoriker über die Epochengrenzen der Neuzeit hinausgreift und dabei Überlegungen insbesondere auch zur antiken Religionsgeschichte anstellt. Anhand von König David und Judas zeigt er: Judentum und Christentum haben – auch innerhalb der jeweiligen Überlieferungsgemeinschaft – vielfältige Bilder der biblischen Personen hervorgebracht. Zudem befasst sich Wolffsohn mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Hebräischer Bibel und Neuem Testament in Menschen- und Gottesbild und Ethik. Seine hierbei entwickelten Thesen sollten für den interreligiösen Dialog fruchtbar gemacht werden: denn auch dieser kann „Tacheles reden“ vertragen.

Michael Wolffsohn, Tacheles. Im Kampf um die Fakten in Geschichte und Politik, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2020. 320 Seiten, 26 Euro.

Erschienen in: „die Kirche” – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 17/2020.

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