Die Reformation als europäisches Phänomen

Aktuelle Perspektiven auf das reformatorische Erbe Ostmitteleuropas

Das Reformationsjubiläum drohe, so formulierte es die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg vor längerer Zeit, als „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert zu werden. Einen wichtigen Beitrag dazu, dass es so nicht zwingend kommen muss, haben das Deutsches Historisches Museum (DHM) und das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) mit einer gemeinsamen internationalen Tagung vom 8. bis 10. März in Berlin geleistet. Sie stand unter dem Titel „Der Luthereffekt im östlichen Europa – Geschichte, Kultur, Erinnerung“ und hatte ihren Ausgangspunkt in dem grundlegenden Vortrag des Leipziger Historikers Prof. Dr. Winfried Eberhard über „Die Rezeption der lutherischen Reformation in Ostmitteleuropa“.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.
St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Diese grenzübergreifende Rezeption verlief äußerst vielfältig, wie Eberhard aufzeigte und durch die weiteren Vorträge der Tagung illustriert wurde: Während sie in Polen friedlich scheiterte – was vor allem auch an der unversöhnlichen Haltung der Lutheraner gegenüber den Reformierten lag –, scheiterte sie in Böhmen gewaltsam an der Unterdrückung durch die katholische Monarchie. Bis heute leben Protestanten in diesen Regionen in der Diaspora. Zu einer Blüte des Protestantismus kam es hingegen in Ungarn, wo er durch Adel und Städte unterstützt wurde, – und im Herzogtum Preußen, das als einer der ersten protestantischen Staaten aus dem säkularisierten Deutschordensstaat entstand.

Diese ganz unterschiedlichen Entwicklungen ‚der Reformation’ waren geprägt durch ebenso unterschiedliche historische Konstellationen: So waren es im Ostseeraum in besonderer Weise Hansestädte, die sich zur protestantischen Avantgarde entwickelten – hatten die europaweit vernetzten Kaufmannsfamilien doch früh Kontakt und Zugang zu reformatorischer Lehre und Schrifttum. Hier wäre für das spätere Westpreußen vor allem an Danzig und Thorn zu erinnern. Diese Querverbindungen im Einzugsbereich der Hanse zeigte Anja Rasche (Speyer / Lübeck) in ihrem Vortrag „Reformation im Hanseraum: Kaufleute, Bücher und Sanktionen“ auf. Währenddessen setzte in Siebenbürgen die Entstehung lutherischer Zentren in Schäßburg, Hermannstadt und Kronstadt die Tolerierung der damaligen osmanischen Besatzer voraus.

Bisweilen wurde reformatorisches Erbe auch noch Jahrhunderte später wirksam: Etwa in Galizien, wo unter Theodor Zöckler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lutherische Gemeinden aufblühten – eine Entwicklung über die Katrin Boeckh (München / Regensburg) referierte (Identitäten und transnationale Netzwerke. Lutheranische Gemeinden in Galizien). So vielfältig wie die jeweiligen historischen Situationen, waren auch die kirchlich Ausformungen, die sich aus ihnen entwickelten: So zählten sich im Siebenbürgen des 16. und 17 Jahrhunderts auch die Dreifaltigkeit leugnende Unitarier zu den theologischen Erben Luthers (Edit Szegedi, Klausenburg / Cluj-Napoca: Luther als Bezugsgröße der siebenbürgischen Reformierten und Unitarier im 16.-17. Jahrhundert). Zugleich führten im Ungarn des 17. Jahrhunderts aus Österreich vertriebene Lutheraner ihr Eigenleben (Peter Ötvös, Szeged: Die lutherischen Exulanten aus Österreich auf ungarischem Boden, ihre Vorhaben und Integrationsversuche).

Die Dimensionen und Perspektiven des Phänomens Reformation, wie es sich im östlichen Mitteleuropa ausprägte, sind so vielfältig, dass sie hier nur ansatzweise benannt werden konnten. Wer sich diesem Zugang zum grenzübergreifenden Erbe unserer Kirchen nicht verschließt, darf sich auf das für 2017 angekündigte Erscheinen des Tagungsbandes von BKGE und DHM freuen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 17/2016.

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