Europa id est patria!

Gedanken zu Europa (Januar 2017)

Von Tilman Asmus Fischer

2017 könnte für Europa ein Jahr der Bewährung werden: Neben den strukturellen Problemen der – um das Vereinigte Königreich geschrumpften – Europäischen Union stehen in einzelnen Mitgliedsstaaten entscheidende Wahlen und unter den Bedingungen des neuen Präsidenten im Weißen Haus eine Neuausrichtung der transatlantischen Beziehungen an. Dies alles vollzieht sich vor dem Hintergrund eskalierender hegemonialer Bestrebungen Russlands, das in der Ukraine einen sichtbaren Krieg mit Waffen, und in den Medien einen unsichtbaren mit Trollen und Fake News führt.

Bundesaußenminister a.D. Joschka Fischer hat vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung zu Recht festgestellt: „Wenn Europa daher auf dem europäischen Kontinent eine dauerhafte Friedensordnung will, dann wird es vor allem ernst genommen werden müssen. Das ist gegenwärtig eindeutig nicht der Fall.“ Hierzu freilich bedarf es einer europäischen Verteidigungsstrategie, wie Fischer sie fordert – jedoch nicht ausschließlich einer solchen. Denn, wenn Putin unter dem Vorzeichen des postfaktischen Zeitalters einen Kampf um die Köpfe führt, dann ist es mit militärischer Abschreckung alleine nicht getan. Dann bedarf es einer weltanschaulichen Immunisierung – einer Vergewisserung der kulturellen Identität Europas und des grenzübergreifenden Zusammenhalts der europäischen Nationalstaaten und ihrer Bürger.

Anlass, sich auf das gemeinsame historische und geistige Erbe zu besinnen, bietet 2017 das Gedenken an 500 Jahre Reformation – und dies nicht nur für die europäischen Lutheraner bzw. Protestanten. Denn alternativ zu dichotomen Deutungsmustern der Reformation als Kirchenspaltung oder Geburtsstunde der reformatorischen Kirchen bietet sich eine Perspektive auf das Phänomen „Reformation“ jenseits konfessioneller Befindlichkeiten: Eine Perspektive auf die Reformation als einem Reformprozess, der nicht nur im Kontext katholischer Reformströmungen entstand, sondern der in der Gestalt und Wirkmacht, die er annahm, so nur unter den Bedingungen einer gesamteuropäischen akademischen, kirchlichen und gelehrten Kultur möglich war. Dieser Tatsache hat der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann mit seiner unlängst erschienenen Reformationsgeschichte „Erlöste und Verdammte“ (C. H. Beck, München 2016) ein Denkmal gesetzt. – Nachhaltige Reformen, möchte man pointiert aus dem schließen, was uns in der Reformation vor Augen tritt, gehen in Europa nur europäisch und nicht in nationalstaatlichem Klein-Klein.

Bereits auf den ersten Seiten findet sich bei Kaufmann der Ausruf von Papst Pius II. angesichts des Falls von Konstantinopel 1453 und der Eroberung vormals christlicher Territorien außerhalb Europas: „Europa id est patria“ – Europa, das ist die („übrig gebliebene“, wäre zu ergänzen) Heimat! So manifestierte sich europäisches (Selbst)bewusstsein am Vorabend der Reformation auch unter – in diesem Fall osmanischem – Druck von außen. Und heute? Führen die russische Hegemonialpolitik, die Unterhöhlung menschenrechtlicher Standards durch den türkischen Vertragspartner der EU und die Risiken der „America First“-Politik zu einer neuen Besinnung auf „Europa id est patria“? – Natürlich nicht im Sinne der schuldhaften Geschichte europäischer Kreuzzüge, sondern einer ethisch-weltanschaulichen Zurüstung der europäischen Zivilgesellschaft.

Die Antwort auf eben diese Frage ist es, die uns das Jahr 2017 geben könnte. Und wie sie ausfällt, liegt zu einem guten Teil in der Hand der Europäer selbst. Die paneuropäische Bewegung mit all ihren Gliederungen freilich wird gemäß ihrem Wahlspruch – „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ – für Europa als Heimat eintreten.

Beitrag auf der Internetseite der Paneuropa-Jugend Deutschland e.V.

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