Von Flucht und Vertreibung geprägt

Nur fast vier Prozent der Gesamtbevölkerung stellen die Evangelischen in Österreich. Dies hat seinen Grund auch in der jahrhundertelangen Verfolgung österreichischer Protestanten. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich, spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die aktuelle Bedeutung dieser historischen Prägung.

Bischof Bünker, die Themen Flucht, Vertreibung, Migration sind heute wieder aktuell – allerdings auch historisch prägend für die Geschichte Ihrer Kirche. Was sind die zentralen Ereignisse?

Im wesentlichen sind es zwei Erfahrungen, die die evangelische Kirche in Österreich im Hinblick auf diese Themen geprägt haben: Das erste ist die Tatsache, dass tausende Evangelische in Österreich aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Das beginnt bereits Ende des 16. Jahrhunderts. Die letzte Vertreibung aus rein religiösen Gründen in Österreich und Mitteleuropa war dann in den 1830er Jahren die der Zillertaler Evangelischen. Das zweite ist die Erfahrung nach 1944 und 1945: Die Aufnahme der Vertriebenen und Geflüchteten – vor allem aus Siebenbürgen. Viele von ihnen haben sich in Österreich angesiedelt, Gemeinden gegründet und sind heute ein wichtiger Teil unserer Kirche.

Haben diese Ereignisse Frömmigkeit und kirchliches Leben in spezifischer Weise geprägt?

Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Vorsitzender des Evangelischen Oberkirchenrates A.u.H.B. in Österreich
(Foto: Uschmann)

Sie haben für die autochthonen Evangelischen in Österreich, dazu geführt, dass das Evangelisch-Sein immer klar von der katholischen Mehrheitskirche unterschieden sein musste. Und bis heute legen Evangelische da und dort großen Wert darauf, dass etwa die Pfarrer vertraut im schwarzen Talar zu sehen sind und dass in vielen anderen Punkten das typisch Evangelische gestärkt wird.

Wie werden Sie aus dieser Prägung einer Diaspora-Kirche heraus das Jahr 2017 begehen?

Für uns war von Anfang an klar: Wir gestalten dieses Jahr gemeinsam, die drei evangelischen Kirchen in Österreich, die lutherische, die reformierte und die methodistische. Von daher haben wir nie ein Luther-Jubiläum im Auge gehabt, sondern immer ein Reformationsjubiläum. Gesamtkirchlich wird es 2017 – neben dem großen Jubiläumsfest am 30. September auf dem Wiener Rathausplatz – unter anderem eine Ausstellung in Wien geben: Die meisten Wiener wissen nicht, dass die Bevölkerung ihrer Stadt bis weit ins 17 Jahrhundert hinein mehrheitlich evangelisch war. Die kulturprägende Kraft des Protestantismus deutlich zu machen, ist ein zentrales Anliegen.

Ist das österreichische Reformationsjubiläum – vor dem historischen Hintergrund der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie – in besonderer Weise europäisch?

Es macht eine der europäischen Facetten des Protestantismus sichtbar. Die Geschichte der Evangelischen in der k. u. k. Monarchie ist auf der einen Seite von der Erfahrung geprägt, dass diese Monarchie der gelebte Beweis war, dass es möglich ist, Einheit zu leben in einer kulturellen, politischen, sprachlichen, religiösen Pluralität. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung der Diaspora: Im gesamten Donauraum waren und sind die Evangelischen in der Minderheit. Das ist etwas aktuell europäisches, denn Europa ist ein von Minderheiten geprägter Kontinent.

Dieses Europa sieht sich heute wieder mit Heimatlosen konfrontiert – wie positionieren Sie sich in der Flüchtlingskrise?

Irgendwann werden unsere Enkel uns fragen: Was habt Ihr gewusst? Und was habt Ihr getan? Ich denke, dass wir noch längst nicht in richtiger Form unserer Verantwortung gerecht werden. Die Menschen, die aus Syrien fliehen, werden aufgrund der Lage vor Ort nicht nur in den Nachbarländern bleiben können. Man muss den betroffenen Ländern wirkungsvoller helfen. Und zugleich müssen wir denjenigen, die vor Gewalt und Terror fliehen, Schutz und Aufnahme gewähren. Asyl ist ein Menschenrecht – und das kann man nicht teilen, kontingentieren und mit Zäunen reglementieren.

Das Interview entstand am 15. Februar in Berlin im Rahmen der Tagung „Evangelisches Leben in Österreich und Slowenien“ des Gustav-Adolf-Werks der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (www.gaw-berlin.de).

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2016.

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„Mensch seiner Zeit“

Kardinal Walter Kaspar verortet Martin Luther als Reformkatholiken

Von Tilman Asmus Fischer

Am 3. November 2014 hatte der päpstliche „Ökumenebeauftragte“ Kurt Kardinal Koch die Ringvorlesung „Ökumene einer Streitkultur?“ an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einem Vortrag über „Wege zur Einheit nach der Kirchenspaltung“ eröffnet. Etwas mehr als ein Jahr später – am 18. Januar 2016 – beschloss Kochs Amtsvorgänger Walter Kardinal Kasper mit einem Vortrag über „Martin Luther. 1517–2017 – eine ökumenische Perspektive“ die thematisch anschließende Ringvorlesung „Postreformatorischer Katholizismus – kulturelle Prosperität und Systemkonkurrenz“. Seine historische Einordnung der Gestalt Martin Luthers kreiste um die Aufforderung, den Reformator „als Mensch seiner Zeit, nicht unserer Zeit“ zu verstehen – als eine historische Persönlichkeit, die im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit stand. Diese Perspektive vermag heutzutage zu entlasten, da auch manche Protestanten mit Luther fremdeln. Trotz Zuspitzung konfessioneller Konflikte im Reformationszeitalter vermochte Walter doch, Luther als Reformkatholiken in der katholischen Kirche seiner Zeit zu verorten, die mit reformerischen Orden und einer lebendigen Laienfrömmigkeit selbst vielfältiger und reformfähiger war, als dies heute bisweilen scheinen will.

Walter Kardinal Kasper
Walter Kardinal Kasper

Hinsichtlich der erfolgten Kirchenspaltung wandte sich Kasper gegen „einseitige Schuldzuweisungen“. Hierzu hätten die Reaktionen Roms auf den Reformer Luther ebenso beigetragen wie dessen Stilisierung des Papstes zum Antichristen, die jeden weiteren Dialog ausgeschlossen habe. Für die Gegenwart stellte Kasper hingegen fest, dass konfessionelle Differenzierungen im Alltag irrelevant geworden seien: „Das kann man als Kirchenmann bedauern, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass das konfessionelle Zeitalter vorbei ist.“ Hieran änderten weder katholische Restaurations- noch protestantische Reformationsfeiern etwas.

Was will und kann uns Luther heute im postkonfessionalistischen Zeitalter sagen? Neben der Orientierung auf das Evangelium betonte Kasper Luthers Ringen um einen „universalen Humanismus“. Im Hintergrund stand die Beobachtung, dass sich Christen, egal welcher Konfession, in der Moderne einer „säkularen Ökumene“ gegenüber sähen, die Glaube und Kirche aus dem öffentlichen Leben verdränge – im arabischen Raum befänden sie sich gar in einer „Ökumene des Blutes“. Diese Gesamtlage nötige zu einem „Zusammenrücken“.

Kasper warnte, Luther einseitig zum „Bannerträger der Neuzeit“ zu stilisieren. Zum einen seien die Wurzeln der neuzeitlichen Entwicklungen zu vielseitig – sie reichten neben der Aufklärungsphilosophie ebenso in katholische wie auch reformierte Kontexte hinein. Zum anderen warf Kasper die Frage auf, inwiefern Luther mit seiner Buß- und Gnadentheologie nicht gerade einigen, die menschliche Autonomie überbetonenden Entwicklungen der Moderne kritisch gegenüberstehen würde. Hieraus ergeben sich spannende Fragestellungen – von denen man hoffen kann, dass sie Gegenstand einer geplanten Fortsetzung der von der katholischen Guardini-Stiftung getragenen Ringvorlesung werden. Dasselbe gilt für Facetten lutherischer Theologie, die für Kasper ökumenische Anknüpfungspunkte bieten, jedoch in vielen evangelischen Kirchen dem Vergessen anheimgefallen seien: Dies gelte für Luthers Abendmahlsfrömmigkeit ebenso wie für seine Mystik. Seine Hoffnung auf eine etwa hiervon ausgehende Belebung der Ökumene beschrieb Kasper wiederum mit einem Luther-Wort: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 4/2016.

Geschichte der Kompromisse

Lothar Voßmeyer berichtet in seinem Buch von den Brandenburger Kurfürsten in der Reformationszeit

Von Tilman Asmus Fischer

2017 wird der Deutsche Evangelische Kirchentag anlässlich des Reformationsjubiläums in der Bundeshauptstadt zu Besuch sein – genau genommen in Berlin und Wittenberg. Während man beim interessierten Protestanten im Falle Wittenbergs – mithin dem sächsisch-thüringischen Lebensraum des Reformators Luther – ein zumindest grobes Bild dieser Kulturlandschaft im Reformationszeitalter erwarten kann, dürfte die Frage schon schwerer fallen: Wie stand es um Brandenburg zur Zeit der Reformation?

Wer möglicher Unkenntnis vorbeugen will, sei auf Lothar Voßmeyers Überblickswerk „Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit“ verwiesen. Entlang der Biografien der drei Regenten Joachim I. – Regierungsantritt 1499 –, Joachim II. und Johann Georg – Tod im Jahre 1598 – entfaltet der Bremer Historiker Geschichte und Geschichten Brandenburgs im 16. Jahrhundert. Dabei verliert er, trotz der Fülle an historischen Entwicklungslinien, sein Kernthema nicht aus dem Blick: die Reformation.

Voßmeyer

Diese findet jedoch – das führt Voßmeyer anschaulich vor Augen – nicht im luftleeren Raum statt. Im Falle Brandenburgs geht die Durchsetzung der neuen Lehre einher mit dem erfolgreichen Ringen eines Herzogtums um politische Konsolidierung. Und dies im Gegenüber zum papsttreuen Kaiserhaus. Kirchen- und Machtpolitik bedingen sich gegenseitig. So erscheint die Geschichte, die Voßmeyer erzählt, als eine Geschichte von Kompromissen. Indem er immer wieder auf diese Verflechtung zurückkommt, immunisiert er sich gegen ein Narrativ der Stilisierung einer preußisch-protestantischen Erfolgsgeschichte.

Doch wird auch nicht einer gewissen Preußenfeindlichkeit das Wort geredet. Voßmeyer zeichnet Entwicklungen nach, benennt Erfolge, schweigt jedoch auch nicht von den Schattenseiten der brandenburgischen Reformationsgeschichte: Hierzu gehört zum einen die gerade auch von den dezidiert protestantischen Kurfürsten initiierte Verfolgung von Juden in der Mark, zum anderen die innerprotestantischen Kämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

Es ist eine Vielzahl an meist gelungenen und in der Gesamtschau stimmig eingeflochtenen Exkursen und Anekdoten, die Hintergründe erklären oder in bildhafter Sprache die historischen Ereignisse illustrieren. Sie bewahren das Buch auch davor, in der reinen Herrschergeschichte stecken zu bleiben. Es ist immer die Geschichte der Kurfürsten in ihren jeweiligen Kontexten – Hof, Frömmigkeit und Politik.

Die Geschichte der „kleinen Leute“ im reformationszeitlichen Brandenburg kommt freilich nur selten zur Sprache. Dies muss jedoch einem Buch, das keinen dezidiert alltagsgeschichtlichen Ansatz verfolgt, nicht angelastet werden. Vielmehr regt das Buch an, weitere Fragen nach der Reformation in Brandenburg zu stellen und sich auf die regionalen Ausprägungen des europäischen Phänomens Reformation zu besinnen.

Lothar Voßmeyer: Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit, Drei Hohenzollern-Porträts. vbb, 2014, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-945256-20-6.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 1/2016.

Geocaching à la Luther 2017

Kurzkommentar für ein „Pro und Contra: Ist Luther als reisende Playmobilfigur als Vorbereitung aufs Reformationsjubiläum sinnvoll?“

Kontra von Tilman A. Fischer

Eigentlich ist das Projekt zu originell, das Engagement seines Initiators zu anerkennenswert, als dass man guten Gewissens Einspruch dagegen erheben könnte. Aber nur eigentlich: Denn das Luther-Geocaching steht nicht alleine, sondern muss im Gesamtzusammenhang der Luther-Dekade gesehen werden. In diesem Kontext ergeben sich zwei Einwände:

Zunächst einmal ist der Cache eines von vielen Projekten innerhalb von „Luther 2017“, das sich der gesellschaftlichen, historischen Bedeutung der Reformation widmet. All diese Initiativen haben ihren guten Sinn und ihre Berechtigung. Welche Bedeutung – frage ich mich bisweilen – kommt jedoch daneben der Dimension des persönlichen Glaubens zu? Mit Blick auf 2017 sind zwei hervorragende EKD-Texte entstanden zum Kreuztod und zur Rechtfertigungslehre. Wie lassen sich Glaubensschätze reformatorischer Lehre, wie sie hier geborgen wurden, in ähnlicher Weise populär vermitteln? Leicht ist es gewiss nicht – aber den Versuch sollte es wert sein. Wenn auch vielleicht nicht als Cache.

Sodann handelt es sich – mal wieder – um ein Projekt, das das große und facettenreiche Phänomen Reformation reduziert und in der Begrenztheit auf Luther und die Reformation Wittenberger Prägung popularisiert. Dabei erscheint es ebenso fragwürdig, wenn auf der einen Seite ein kritischer Umgang mit Luther – und seinen Schattenseiten, etwa dem Antijudaismus – proklamiert und auf der anderen Seite eine stereotype Luther-Devotionalie – ein Markenprodukt aus dem Hause Playmobil – vermarktet wird.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.
Hintergrund ist ein Martin-Luther- Geocache im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 (http://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/geocaching-mit-martin-luther/).

Schwieriges Erbe

Neue Ausstellung gibt Einblick in die Beziehungen Luthers zum Judentum

Von Tilman Asmus Fischer

Zwei Jahre bevor das Reformationsjubiläum mit dem Kirchentag in Berlin seinen Höhepunkt erreichen wird, widmet sich im Herzen der Hauptstadt eine Ausstellung dem heute wohl ambivalentesten Kapitel der Reformation Wittenberger Prägung: dem Verhältnis Martin Luthers zum Judentum.

In vier Jahren Arbeit ist unter dem Dach der EKBO und des Touro College Berlin (TC) eine umfassende wie anschaulich aufbereitete Schautafel-Ausstellung entstanden, der man nur wünschen kann, dass sie vor und nach 2017 noch in vielen Orten in der EKBO und darüber hinaus zu sehen sein wird. Zunächst einmal wird sie noch bis zum 18. Dezember in der Sophienkirche in Berlin-Mitte gezeigt.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)
Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

„Rückblick und Aufbruch“ will die Ausstellung zeigen, die von einer Arbeitsgruppe unter Leitung des emeritierten Neutestamentlers und langjährigen Leiters des Instituts für Kirche und Judentum, Peter von der Osten-Sacken, entstanden ist. Beteiligt waren neben anderen der EKBO-Beauftragte für das Reformationsjubiläum, Pfarrer Bernd Krebs, und Sara Nachama, Rektorin des Touro College Berlin, einer amerikanisch-jüdischen Privathochschule, von der auch die Idee zur Ausstellung ausging. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die finanzielle Unterstützung der Axel-Springer-Stiftung.

Einen Aufbruch wagt sie in dem Sinne, dass sie christliche und jüdische Perspektiven auf theologische Grundfragen und historische Entwicklungen gegenüberstellt. Hierzu fordert bereits das Grundproblem des Verhältnisses von Christentum und Judentum auf: „Eine Bibel – zwei Lektüren“. Ausgehend von Cranachs Gemälde „Gesetz und Gnade“ entschlüsseln die Autoren der Ausstellung das Nebeneinander des christlichen Messiasverständnisses und jüdischen Lebens aus der Schrift.

Mit dem Anspruch nach „Rückblick und Aufbruch“ greift die Ausstellung über Luther hinaus: Zum einen, indem sie seine Haltung zum Judentum vor dem Hintergrund ihrer theologischen Vorgeschichte darstellt – denn der tradierte Vorwurf der Verstockung der Juden ist die Blaupause Luthers antijüdischer Schriften. Dabei bleibt Luther eine ambivalente Figur, die in sich unterschiedliche Strömungen vereint, beim frühen Luther eben auch solche, die im Vergleich zum mittelalterlichen Antisemitismus als fortschrittlich bezeichnet werden müssen.

Zum anderen zeichnet sie die unterschiedlichen Facetten der Rezeption des lutherischen Judenbildes in der Frühneuzeit bis zum Nationalsozialismus nach und endet mit „Perspektiven“ einer heutigen christlich-jüdischen Partnerschaft. Damit macht sie deutlich: Die Geschichte Luthers und der Juden ist auch unsere Geschichte.

„Martin Luther und das Judentum – Rückblick und Aufbruch“, 16. 10.–18. 12., täglich von 11–18 Uhr in der Sophienkirche, Große Hamburger Straße 29/30, 10115 Berlin-Mitte
Begleitende Vortragsreihe, jeweils montags vom 16. 11. bis 7. 12, 19.30 Uhr, Sophienkirche, Infos demnächst: http://www.ekbo.de/handeln/martin-luther-und-das-judentum.html
Einführung für Gruppen/Einzelne in die Ausstellung und Begleitung: Helmut Ruppel, Tel: (030)8313813 E-Mail: h.m.ruppel@gmx.de, und Ingrid Schmidt, Tel: (030) 8511908, E-Mail: ille.schmidt@kabelmail.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2015.

Antijudaist Luther?

Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin wurde das Verhältnis Luthers zum Judentum disukutiert. Angesichts des Reformationsjubiläums 2017 sollen die dunklen Seiten Luthers nicht unter den Tisch fallen.

Von Tilman Asmus Fischer

Ein wenig ziele man mit der Tagung „Reformator, Ketzer, Judenfeind. Jüdische Perspektiven auf Martin Luther“ auf 2017 hin, merkte Christian Staffa von der Evangelischen Akademie zu Berlin – EAB – bei der Eröffnung am 10. Juni in der Berliner Französischen Friedrichstadtkirche an. Ob man dies nur „ein wenig“ tat, kann man natürlich hinterfragen, angesichts der Aufwallungen, die die Frage nach dem Verhältnis Luthers zu den Juden mit Blick auf das Reformationsjubiläum verursachte. Immer wieder hatten evangelische Institutionen – so die EKD, die Evangelischen Akademien zu Berlin und in Sachsen – im Rahmen einzelner Veranstaltungen auch Luthers Judenhass thematisiert. Im Zentrum stehen antijudaistische Schriften des Reformators, die etwa den Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ tragen.

Mit dieser Tagung hat es nun erstmals eine öffentlichkeitswirksame gemeinsame Initiative von protestantischer EAB und jüdischer Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland gegeben. Eröffnet wurde sie mit einer Podiumsdiskussion zwischen dem ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und dem amtierenden Zentralratsvorsitzenden Josef Schuster sowie einem Vortrag des Religionsphilosophen Christian Wiese.

Doron Kiesel, Leiter der Bildungsabteilung, hob seinerseits einleitend die Bedeutung der Tagung hervor – er selbst sei „dankbar und gerührt“ über ihr Stattfinden – da das Thema immerhin den „Religionsbegründer“ einer „befreundeten Religion“ beträfe. Dabei machte er bereits die Komplexität der Problematik und die Notwendigkeit einer differenzierten Annäherung deutlich: Es ginge nicht um die schlichte Frage einer linearen Verbindung zwischen Luther und Auschwitz, sondern um die grundsätzliche Toleranz gegenüber anderer religiöser Existenz. Dieser Diskurs müsse weitergeführt werden. „Warum war über Jahrhunderte das christliches Selbstbild von der Abgrenzung von den Juden abhängig?“, fragte Kiesel.

Dabei ist die Thematik nicht nur komplex, sondern aufgrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch emotional stark belastet. So ging gleich ein Raunen durch die gemischt christlich-jüdische Zuhörerschaft, als Nikolaus Schneider laut darüber nachdachte, ob die Bezeichnung „Antisemit“ auf Luther überhaupt zuträfe, und stattdessen für den Begriff des „Antijudaismus“ plädierte. Dieser Unterscheidung stimmte auch Schuster zu – wenn er jedoch den nach heutigem Sprachgebrauch antisemitischen Charakter von Luthers Aussagen hervorhob.

Diese könne man, so Schneider, Luther tatsächlich „nicht durchgehen lassen“ – zumal die Thesen im Widerspruch zum Evangelium stünden. Fatal sei die Begründung dieses Antijudaismus aus Überlegungen zur „Verstockung“ Israels im Zusammenhang mit der lutherischen Rechtfertigungslehre. Diese Verknüpfung, das wurde mehrfach deutlich, zeigt, dass die nun vorangetriebene Debatte nicht einfach nur einen Nebenaspekt der Wittenberger Reformationsgeschichte betrifft, sondern Anfragen an die reformatorische Theologie an sich stellt.

In jedem Fall forderte Schneider von seinem Kirchenbund, die theologische Kritik an den fraglichen Thesen Luthers in einer „öffentlichen Form“ festzuhalten – „auch gegenüber dem Zentralrat“. Ihm sei, so Schuster, klar, dass 2017 das Positive der Reformation im Vordergrund stehe. Jedoch hoffe auch er auf ein Zeichen, „das negative Seiten benennt“. Die Form überlasse er der evangelischen Kirche, die durchaus über Wege verfüge, ein solches Zeichen an prominenter Stelle zu setzen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 25/2015.

Bunte Vögel

Was feiern die Kirchen? Was feiert der Staat? Ein Disput um das Reformationsjubiläum

Von Tilman Asmus Fischer

Dies werde keine „Harmonie-Veranstaltung“, kündigte ModeratorinHeike Schmoll an – und sollte Recht behalten. Zu einem „Disput um die Reformation“ hatte der wissenschaftliche Beirat zur Vorbereitung der 500-Jahr-Feier der Reformation Anfang Juni in den Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen. Dafür, dass es nicht zu harmonisch, jedoch unterhaltsam und anregend wurde, sorgte das Podium, bestehend aus zwei lutherischen Kirchenhistorikern – Dorothea Wendebourg und Thomas Kaufmann – und zwei Katholiken – dem Neutestamentler Thomas Söding und dem Verfassungsrechtler Udo Di Fabio.

Dass kein Reformierter auf dem Podium vertreten war, mag die Sorgen derjenigen untermauern, die eine lutherische Engführung der Jubiläumsfeierlichkeiten befürchten. Jedoch gleich zu Anfang sprach sich Thomas Kaufmann gegen ein „monokausales Narrativ“ des Reformationsgedenkens aus. Und zumindest durch einen Verweis von Udo Di Fabio fand der vorlutherische Reformator Jan Hus Erwähnung. Dennoch standen lutherische und katholische Deutungsunterschiede im Zentrum der Diskussion.

Trotz deutlicher Differenzen in Fragen der historischen Entwicklung der Kirchenspaltung bestand Konsens über die Schwierigkeiten, die mit einer Beteiligung der katholischen Kirche an den Reformationsfeierlichkeiten verbunden sind. Seine, die katholische Kirche, „definiert sich nicht über ihr Verhältnis zur Reformation“, betonte Thomas Söding – dies müsse zur Kenntnis genommen werden. Zu erwarten, dass die katholische Kirche mitfeiere, bezeichnete dementsprechend Dorothea Wendebourg als „Nötigung“ – ein gemeinsames Feiern sei nur möglich, wenn man „das Reformatorische auf Null einschmelzt“.

Und genau um das, um den theologischen Kern der Reformation, ging es der Berliner Kirchenhistorikerin Wendebourg in besonderer Weise: dass man den Glauben als die bestimmende Größe im Verhältnis von Menschen und Gott ernstnehme – ebenso als den entscheidenden Maßstab für die Gestalt der Kirche. Hieran habe die Kirche zu erinnern. Dass eine solche „Besinnung auf den theologischen Kern nicht die Frage der Allgemeinheit“ sei, ist Wendebourg klar. Daher plädiert sie nachdrücklich dafür, dass es „nicht nur das eine Reformationsjubiläum“ gebe. Vielmehr stehe das Gedenken der Kirche neben dem der Öffentlichkeit, die an ein bedeutendes Ereignis der deutschen Geschichte erinnert.

Was jedoch kann überhaupt der zunehmend säkular geprägten Gesellschaft inhaltlich vermittelt werden? Exemplarisch stellte Heike Schmoll die Frage nach der heutigen Bedeutung von Luthers Freiheitsschrift. Das Spezifikum seines Freiheitsbegriffs sei – im Unterschied zum modernen – gerade die Bindung an Gottes Wort anstelle einer Betonung von Autonomie, hob Kaufmann hervor. Heute empfänden viele Menschen eher ein Zuviel an Freiheit als ein Zuwenig als Problem. Hier liege in der Freiheitsschrift mit der Idee eines Ja zu Bindungen, um so Freiheit erst zu ermöglichen, ein wichtiges Potenzial.

Zudem richtete der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts, Di Fabio, der zurzeit dem wissenschaftlichen Beirat vorsitzt, in seinem abschließenden Beitrag den Blick von der Gegenwart des Reformationsgedenkens in die Zukunft. Die Feierlichkeiten sollten an den „gelungenen Versuch der Erneuerung des Glaubens erinnern“, da gerade in der heutigen Zeit eine neuerliche „Belebung des Glaubens notwendig“ sei.

Schließlich war die Diskussion nicht nur tiefgehend, intellektuell anregend und konstruktiv, sondern auch unterhaltsam, da – wo angebracht – kampfeslustig bis polemisch geführt. Hierzu trug vor allem Thomas Kaufmann bei, der schon mal seinem Kollegen Söding entgegnete: „Dass ihr Katholiken ein Haufen bunte Vögel seid, war mir schon immer klar.“ Man kann sich nur wünschen, dass mehr fachliche Debatten mit so viel Streitfreude und Unverbissenheit geführt würden.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2015.