„Mensch seiner Zeit“

Kardinal Walter Kaspar verortet Martin Luther als Reformkatholiken

Von Tilman Asmus Fischer

Am 3. November 2014 hatte der päpstliche „Ökumenebeauftragte“ Kurt Kardinal Koch die Ringvorlesung „Ökumene einer Streitkultur?“ an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einem Vortrag über „Wege zur Einheit nach der Kirchenspaltung“ eröffnet. Etwas mehr als ein Jahr später – am 18. Januar 2016 – beschloss Kochs Amtsvorgänger Walter Kardinal Kasper mit einem Vortrag über „Martin Luther. 1517–2017 – eine ökumenische Perspektive“ die thematisch anschließende Ringvorlesung „Postreformatorischer Katholizismus – kulturelle Prosperität und Systemkonkurrenz“. Seine historische Einordnung der Gestalt Martin Luthers kreiste um die Aufforderung, den Reformator „als Mensch seiner Zeit, nicht unserer Zeit“ zu verstehen – als eine historische Persönlichkeit, die im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit stand. Diese Perspektive vermag heutzutage zu entlasten, da auch manche Protestanten mit Luther fremdeln. Trotz Zuspitzung konfessioneller Konflikte im Reformationszeitalter vermochte Walter doch, Luther als Reformkatholiken in der katholischen Kirche seiner Zeit zu verorten, die mit reformerischen Orden und einer lebendigen Laienfrömmigkeit selbst vielfältiger und reformfähiger war, als dies heute bisweilen scheinen will.

Walter Kardinal Kasper
Walter Kardinal Kasper

Hinsichtlich der erfolgten Kirchenspaltung wandte sich Kasper gegen „einseitige Schuldzuweisungen“. Hierzu hätten die Reaktionen Roms auf den Reformer Luther ebenso beigetragen wie dessen Stilisierung des Papstes zum Antichristen, die jeden weiteren Dialog ausgeschlossen habe. Für die Gegenwart stellte Kasper hingegen fest, dass konfessionelle Differenzierungen im Alltag irrelevant geworden seien: „Das kann man als Kirchenmann bedauern, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass das konfessionelle Zeitalter vorbei ist.“ Hieran änderten weder katholische Restaurations- noch protestantische Reformationsfeiern etwas.

Was will und kann uns Luther heute im postkonfessionalistischen Zeitalter sagen? Neben der Orientierung auf das Evangelium betonte Kasper Luthers Ringen um einen „universalen Humanismus“. Im Hintergrund stand die Beobachtung, dass sich Christen, egal welcher Konfession, in der Moderne einer „säkularen Ökumene“ gegenüber sähen, die Glaube und Kirche aus dem öffentlichen Leben verdränge – im arabischen Raum befänden sie sich gar in einer „Ökumene des Blutes“. Diese Gesamtlage nötige zu einem „Zusammenrücken“.

Kasper warnte, Luther einseitig zum „Bannerträger der Neuzeit“ zu stilisieren. Zum einen seien die Wurzeln der neuzeitlichen Entwicklungen zu vielseitig – sie reichten neben der Aufklärungsphilosophie ebenso in katholische wie auch reformierte Kontexte hinein. Zum anderen warf Kasper die Frage auf, inwiefern Luther mit seiner Buß- und Gnadentheologie nicht gerade einigen, die menschliche Autonomie überbetonenden Entwicklungen der Moderne kritisch gegenüberstehen würde. Hieraus ergeben sich spannende Fragestellungen – von denen man hoffen kann, dass sie Gegenstand einer geplanten Fortsetzung der von der katholischen Guardini-Stiftung getragenen Ringvorlesung werden. Dasselbe gilt für Facetten lutherischer Theologie, die für Kasper ökumenische Anknüpfungspunkte bieten, jedoch in vielen evangelischen Kirchen dem Vergessen anheimgefallen seien: Dies gelte für Luthers Abendmahlsfrömmigkeit ebenso wie für seine Mystik. Seine Hoffnung auf eine etwa hiervon ausgehende Belebung der Ökumene beschrieb Kasper wiederum mit einem Luther-Wort: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 4/2016.

Geschichte der Kompromisse

Lothar Voßmeyer berichtet in seinem Buch von den Brandenburger Kurfürsten in der Reformationszeit

Von Tilman Asmus Fischer

2017 wird der Deutsche Evangelische Kirchentag anlässlich des Reformationsjubiläums in der Bundeshauptstadt zu Besuch sein – genau genommen in Berlin und Wittenberg. Während man beim interessierten Protestanten im Falle Wittenbergs – mithin dem sächsisch-thüringischen Lebensraum des Reformators Luther – ein zumindest grobes Bild dieser Kulturlandschaft im Reformationszeitalter erwarten kann, dürfte die Frage schon schwerer fallen: Wie stand es um Brandenburg zur Zeit der Reformation?

Wer möglicher Unkenntnis vorbeugen will, sei auf Lothar Voßmeyers Überblickswerk „Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit“ verwiesen. Entlang der Biografien der drei Regenten Joachim I. – Regierungsantritt 1499 –, Joachim II. und Johann Georg – Tod im Jahre 1598 – entfaltet der Bremer Historiker Geschichte und Geschichten Brandenburgs im 16. Jahrhundert. Dabei verliert er, trotz der Fülle an historischen Entwicklungslinien, sein Kernthema nicht aus dem Blick: die Reformation.

Voßmeyer

Diese findet jedoch – das führt Voßmeyer anschaulich vor Augen – nicht im luftleeren Raum statt. Im Falle Brandenburgs geht die Durchsetzung der neuen Lehre einher mit dem erfolgreichen Ringen eines Herzogtums um politische Konsolidierung. Und dies im Gegenüber zum papsttreuen Kaiserhaus. Kirchen- und Machtpolitik bedingen sich gegenseitig. So erscheint die Geschichte, die Voßmeyer erzählt, als eine Geschichte von Kompromissen. Indem er immer wieder auf diese Verflechtung zurückkommt, immunisiert er sich gegen ein Narrativ der Stilisierung einer preußisch-protestantischen Erfolgsgeschichte.

Doch wird auch nicht einer gewissen Preußenfeindlichkeit das Wort geredet. Voßmeyer zeichnet Entwicklungen nach, benennt Erfolge, schweigt jedoch auch nicht von den Schattenseiten der brandenburgischen Reformationsgeschichte: Hierzu gehört zum einen die gerade auch von den dezidiert protestantischen Kurfürsten initiierte Verfolgung von Juden in der Mark, zum anderen die innerprotestantischen Kämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

Es ist eine Vielzahl an meist gelungenen und in der Gesamtschau stimmig eingeflochtenen Exkursen und Anekdoten, die Hintergründe erklären oder in bildhafter Sprache die historischen Ereignisse illustrieren. Sie bewahren das Buch auch davor, in der reinen Herrschergeschichte stecken zu bleiben. Es ist immer die Geschichte der Kurfürsten in ihren jeweiligen Kontexten – Hof, Frömmigkeit und Politik.

Die Geschichte der „kleinen Leute“ im reformationszeitlichen Brandenburg kommt freilich nur selten zur Sprache. Dies muss jedoch einem Buch, das keinen dezidiert alltagsgeschichtlichen Ansatz verfolgt, nicht angelastet werden. Vielmehr regt das Buch an, weitere Fragen nach der Reformation in Brandenburg zu stellen und sich auf die regionalen Ausprägungen des europäischen Phänomens Reformation zu besinnen.

Lothar Voßmeyer: Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit, Drei Hohenzollern-Porträts. vbb, 2014, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-945256-20-6.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 1/2016.

Geocaching à la Luther 2017

Kurzkommentar für ein „Pro und Contra: Ist Luther als reisende Playmobilfigur als Vorbereitung aufs Reformationsjubiläum sinnvoll?“

Kontra von Tilman A. Fischer

Eigentlich ist das Projekt zu originell, das Engagement seines Initiators zu anerkennenswert, als dass man guten Gewissens Einspruch dagegen erheben könnte. Aber nur eigentlich: Denn das Luther-Geocaching steht nicht alleine, sondern muss im Gesamtzusammenhang der Luther-Dekade gesehen werden. In diesem Kontext ergeben sich zwei Einwände:

Zunächst einmal ist der Cache eines von vielen Projekten innerhalb von „Luther 2017“, das sich der gesellschaftlichen, historischen Bedeutung der Reformation widmet. All diese Initiativen haben ihren guten Sinn und ihre Berechtigung. Welche Bedeutung – frage ich mich bisweilen – kommt jedoch daneben der Dimension des persönlichen Glaubens zu? Mit Blick auf 2017 sind zwei hervorragende EKD-Texte entstanden zum Kreuztod und zur Rechtfertigungslehre. Wie lassen sich Glaubensschätze reformatorischer Lehre, wie sie hier geborgen wurden, in ähnlicher Weise populär vermitteln? Leicht ist es gewiss nicht – aber den Versuch sollte es wert sein. Wenn auch vielleicht nicht als Cache.

Sodann handelt es sich – mal wieder – um ein Projekt, das das große und facettenreiche Phänomen Reformation reduziert und in der Begrenztheit auf Luther und die Reformation Wittenberger Prägung popularisiert. Dabei erscheint es ebenso fragwürdig, wenn auf der einen Seite ein kritischer Umgang mit Luther – und seinen Schattenseiten, etwa dem Antijudaismus – proklamiert und auf der anderen Seite eine stereotype Luther-Devotionalie – ein Markenprodukt aus dem Hause Playmobil – vermarktet wird.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.
Hintergrund ist ein Martin-Luther- Geocache im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 (http://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/geocaching-mit-martin-luther/).

Schwieriges Erbe

Neue Ausstellung gibt Einblick in die Beziehungen Luthers zum Judentum

Von Tilman Asmus Fischer

Zwei Jahre bevor das Reformationsjubiläum mit dem Kirchentag in Berlin seinen Höhepunkt erreichen wird, widmet sich im Herzen der Hauptstadt eine Ausstellung dem heute wohl ambivalentesten Kapitel der Reformation Wittenberger Prägung: dem Verhältnis Martin Luthers zum Judentum.

In vier Jahren Arbeit ist unter dem Dach der EKBO und des Touro College Berlin (TC) eine umfassende wie anschaulich aufbereitete Schautafel-Ausstellung entstanden, der man nur wünschen kann, dass sie vor und nach 2017 noch in vielen Orten in der EKBO und darüber hinaus zu sehen sein wird. Zunächst einmal wird sie noch bis zum 18. Dezember in der Sophienkirche in Berlin-Mitte gezeigt.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)
Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

„Rückblick und Aufbruch“ will die Ausstellung zeigen, die von einer Arbeitsgruppe unter Leitung des emeritierten Neutestamentlers und langjährigen Leiters des Instituts für Kirche und Judentum, Peter von der Osten-Sacken, entstanden ist. Beteiligt waren neben anderen der EKBO-Beauftragte für das Reformationsjubiläum, Pfarrer Bernd Krebs, und Sara Nachama, Rektorin des Touro College Berlin, einer amerikanisch-jüdischen Privathochschule, von der auch die Idee zur Ausstellung ausging. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die finanzielle Unterstützung der Axel-Springer-Stiftung.

Einen Aufbruch wagt sie in dem Sinne, dass sie christliche und jüdische Perspektiven auf theologische Grundfragen und historische Entwicklungen gegenüberstellt. Hierzu fordert bereits das Grundproblem des Verhältnisses von Christentum und Judentum auf: „Eine Bibel – zwei Lektüren“. Ausgehend von Cranachs Gemälde „Gesetz und Gnade“ entschlüsseln die Autoren der Ausstellung das Nebeneinander des christlichen Messiasverständnisses und jüdischen Lebens aus der Schrift.

Mit dem Anspruch nach „Rückblick und Aufbruch“ greift die Ausstellung über Luther hinaus: Zum einen, indem sie seine Haltung zum Judentum vor dem Hintergrund ihrer theologischen Vorgeschichte darstellt – denn der tradierte Vorwurf der Verstockung der Juden ist die Blaupause Luthers antijüdischer Schriften. Dabei bleibt Luther eine ambivalente Figur, die in sich unterschiedliche Strömungen vereint, beim frühen Luther eben auch solche, die im Vergleich zum mittelalterlichen Antisemitismus als fortschrittlich bezeichnet werden müssen.

Zum anderen zeichnet sie die unterschiedlichen Facetten der Rezeption des lutherischen Judenbildes in der Frühneuzeit bis zum Nationalsozialismus nach und endet mit „Perspektiven“ einer heutigen christlich-jüdischen Partnerschaft. Damit macht sie deutlich: Die Geschichte Luthers und der Juden ist auch unsere Geschichte.

„Martin Luther und das Judentum – Rückblick und Aufbruch“, 16. 10.–18. 12., täglich von 11–18 Uhr in der Sophienkirche, Große Hamburger Straße 29/30, 10115 Berlin-Mitte
Begleitende Vortragsreihe, jeweils montags vom 16. 11. bis 7. 12, 19.30 Uhr, Sophienkirche, Infos demnächst: http://www.ekbo.de/handeln/martin-luther-und-das-judentum.html
Einführung für Gruppen/Einzelne in die Ausstellung und Begleitung: Helmut Ruppel, Tel: (030)8313813 E-Mail: h.m.ruppel@gmx.de, und Ingrid Schmidt, Tel: (030) 8511908, E-Mail: ille.schmidt@kabelmail.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2015.

Antijudaist Luther?

Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin wurde das Verhältnis Luthers zum Judentum disukutiert. Angesichts des Reformationsjubiläums 2017 sollen die dunklen Seiten Luthers nicht unter den Tisch fallen.

Von Tilman Asmus Fischer

Ein wenig ziele man mit der Tagung „Reformator, Ketzer, Judenfeind. Jüdische Perspektiven auf Martin Luther“ auf 2017 hin, merkte Christian Staffa von der Evangelischen Akademie zu Berlin – EAB – bei der Eröffnung am 10. Juni in der Berliner Französischen Friedrichstadtkirche an. Ob man dies nur „ein wenig“ tat, kann man natürlich hinterfragen, angesichts der Aufwallungen, die die Frage nach dem Verhältnis Luthers zu den Juden mit Blick auf das Reformationsjubiläum verursachte. Immer wieder hatten evangelische Institutionen – so die EKD, die Evangelischen Akademien zu Berlin und in Sachsen – im Rahmen einzelner Veranstaltungen auch Luthers Judenhass thematisiert. Im Zentrum stehen antijudaistische Schriften des Reformators, die etwa den Titel „Von den Juden und ihren Lügen“ tragen.

Mit dieser Tagung hat es nun erstmals eine öffentlichkeitswirksame gemeinsame Initiative von protestantischer EAB und jüdischer Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland gegeben. Eröffnet wurde sie mit einer Podiumsdiskussion zwischen dem ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und dem amtierenden Zentralratsvorsitzenden Josef Schuster sowie einem Vortrag des Religionsphilosophen Christian Wiese.

Doron Kiesel, Leiter der Bildungsabteilung, hob seinerseits einleitend die Bedeutung der Tagung hervor – er selbst sei „dankbar und gerührt“ über ihr Stattfinden – da das Thema immerhin den „Religionsbegründer“ einer „befreundeten Religion“ beträfe. Dabei machte er bereits die Komplexität der Problematik und die Notwendigkeit einer differenzierten Annäherung deutlich: Es ginge nicht um die schlichte Frage einer linearen Verbindung zwischen Luther und Auschwitz, sondern um die grundsätzliche Toleranz gegenüber anderer religiöser Existenz. Dieser Diskurs müsse weitergeführt werden. „Warum war über Jahrhunderte das christliches Selbstbild von der Abgrenzung von den Juden abhängig?“, fragte Kiesel.

Dabei ist die Thematik nicht nur komplex, sondern aufgrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch emotional stark belastet. So ging gleich ein Raunen durch die gemischt christlich-jüdische Zuhörerschaft, als Nikolaus Schneider laut darüber nachdachte, ob die Bezeichnung „Antisemit“ auf Luther überhaupt zuträfe, und stattdessen für den Begriff des „Antijudaismus“ plädierte. Dieser Unterscheidung stimmte auch Schuster zu – wenn er jedoch den nach heutigem Sprachgebrauch antisemitischen Charakter von Luthers Aussagen hervorhob.

Diese könne man, so Schneider, Luther tatsächlich „nicht durchgehen lassen“ – zumal die Thesen im Widerspruch zum Evangelium stünden. Fatal sei die Begründung dieses Antijudaismus aus Überlegungen zur „Verstockung“ Israels im Zusammenhang mit der lutherischen Rechtfertigungslehre. Diese Verknüpfung, das wurde mehrfach deutlich, zeigt, dass die nun vorangetriebene Debatte nicht einfach nur einen Nebenaspekt der Wittenberger Reformationsgeschichte betrifft, sondern Anfragen an die reformatorische Theologie an sich stellt.

In jedem Fall forderte Schneider von seinem Kirchenbund, die theologische Kritik an den fraglichen Thesen Luthers in einer „öffentlichen Form“ festzuhalten – „auch gegenüber dem Zentralrat“. Ihm sei, so Schuster, klar, dass 2017 das Positive der Reformation im Vordergrund stehe. Jedoch hoffe auch er auf ein Zeichen, „das negative Seiten benennt“. Die Form überlasse er der evangelischen Kirche, die durchaus über Wege verfüge, ein solches Zeichen an prominenter Stelle zu setzen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 25/2015.

Bunte Vögel

Was feiern die Kirchen? Was feiert der Staat? Ein Disput um das Reformationsjubiläum

Von Tilman Asmus Fischer

Dies werde keine „Harmonie-Veranstaltung“, kündigte ModeratorinHeike Schmoll an – und sollte Recht behalten. Zu einem „Disput um die Reformation“ hatte der wissenschaftliche Beirat zur Vorbereitung der 500-Jahr-Feier der Reformation Anfang Juni in den Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen. Dafür, dass es nicht zu harmonisch, jedoch unterhaltsam und anregend wurde, sorgte das Podium, bestehend aus zwei lutherischen Kirchenhistorikern – Dorothea Wendebourg und Thomas Kaufmann – und zwei Katholiken – dem Neutestamentler Thomas Söding und dem Verfassungsrechtler Udo Di Fabio.

Dass kein Reformierter auf dem Podium vertreten war, mag die Sorgen derjenigen untermauern, die eine lutherische Engführung der Jubiläumsfeierlichkeiten befürchten. Jedoch gleich zu Anfang sprach sich Thomas Kaufmann gegen ein „monokausales Narrativ“ des Reformationsgedenkens aus. Und zumindest durch einen Verweis von Udo Di Fabio fand der vorlutherische Reformator Jan Hus Erwähnung. Dennoch standen lutherische und katholische Deutungsunterschiede im Zentrum der Diskussion.

Trotz deutlicher Differenzen in Fragen der historischen Entwicklung der Kirchenspaltung bestand Konsens über die Schwierigkeiten, die mit einer Beteiligung der katholischen Kirche an den Reformationsfeierlichkeiten verbunden sind. Seine, die katholische Kirche, „definiert sich nicht über ihr Verhältnis zur Reformation“, betonte Thomas Söding – dies müsse zur Kenntnis genommen werden. Zu erwarten, dass die katholische Kirche mitfeiere, bezeichnete dementsprechend Dorothea Wendebourg als „Nötigung“ – ein gemeinsames Feiern sei nur möglich, wenn man „das Reformatorische auf Null einschmelzt“.

Und genau um das, um den theologischen Kern der Reformation, ging es der Berliner Kirchenhistorikerin Wendebourg in besonderer Weise: dass man den Glauben als die bestimmende Größe im Verhältnis von Menschen und Gott ernstnehme – ebenso als den entscheidenden Maßstab für die Gestalt der Kirche. Hieran habe die Kirche zu erinnern. Dass eine solche „Besinnung auf den theologischen Kern nicht die Frage der Allgemeinheit“ sei, ist Wendebourg klar. Daher plädiert sie nachdrücklich dafür, dass es „nicht nur das eine Reformationsjubiläum“ gebe. Vielmehr stehe das Gedenken der Kirche neben dem der Öffentlichkeit, die an ein bedeutendes Ereignis der deutschen Geschichte erinnert.

Was jedoch kann überhaupt der zunehmend säkular geprägten Gesellschaft inhaltlich vermittelt werden? Exemplarisch stellte Heike Schmoll die Frage nach der heutigen Bedeutung von Luthers Freiheitsschrift. Das Spezifikum seines Freiheitsbegriffs sei – im Unterschied zum modernen – gerade die Bindung an Gottes Wort anstelle einer Betonung von Autonomie, hob Kaufmann hervor. Heute empfänden viele Menschen eher ein Zuviel an Freiheit als ein Zuwenig als Problem. Hier liege in der Freiheitsschrift mit der Idee eines Ja zu Bindungen, um so Freiheit erst zu ermöglichen, ein wichtiges Potenzial.

Zudem richtete der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts, Di Fabio, der zurzeit dem wissenschaftlichen Beirat vorsitzt, in seinem abschließenden Beitrag den Blick von der Gegenwart des Reformationsgedenkens in die Zukunft. Die Feierlichkeiten sollten an den „gelungenen Versuch der Erneuerung des Glaubens erinnern“, da gerade in der heutigen Zeit eine neuerliche „Belebung des Glaubens notwendig“ sei.

Schließlich war die Diskussion nicht nur tiefgehend, intellektuell anregend und konstruktiv, sondern auch unterhaltsam, da – wo angebracht – kampfeslustig bis polemisch geführt. Hierzu trug vor allem Thomas Kaufmann bei, der schon mal seinem Kollegen Söding entgegnete: „Dass ihr Katholiken ein Haufen bunte Vögel seid, war mir schon immer klar.“ Man kann sich nur wünschen, dass mehr fachliche Debatten mit so viel Streitfreude und Unverbissenheit geführt würden.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 24/2015.

„Für uns gestorben“ – was heißt das?

Der neue Grundlagentext der EKD ringt um ein zeitgemäßes Verständnis der Kreuzigung Jesu

Der Tod Jesu am Kreuz ist mehr und mehr erklärungsbedürftig. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Fragen aufgenommen und eine zukunftsweisende Glaubens-Orientierung geschrieben.

Von Tilman Asmus Fischer

Berlin. „Jahrzehntelang wurde der EKD vorgeworfen, in ihren Stellungnahmen zu wenig theologisch gewesen zu sein, zu stark allgemeinpolitisch oder sozialpolitisch argumentiert zu haben.“ Mit diesen Worten verteidigte der Berliner Kirchenhistoriker Christoph Markschies – auch Vorsitzender der EKD-Kammer für Theologie – den im vergangenen Jahr unter seiner Leitung erarbeiteten EKD-Grundlagentext „Rechtfertigung und Freiheit“.

Nun ist ein weiterer, ebenso theologischer Grundlagentext entstanden: „Für uns gestorben. Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi“ (wir berichteten in Ausgabe 13). Die Schrift ist ein Beleg, dass Kirche auch ohne Politik überzeugen kann. Dies gelingt, da die Verfasser immer wieder die persönliche Bedeutung dessen herausstellen, was „für uns gestorben“ jedem Christen bedeuten kann: „Sich neu begreifen können – vor Gott, vor den anderen und vor sich selbst –, das ist es, was dem an Jesus Christus Glaubenden zuwächst.“

Die Verfasser wissen um das Erklärungsbedürfnis, das dem Tod Jesu Christi in der heutigen Welt zukommt. Die Diagnose gravierender Mentalitätswandlungen ist eindeutig. Dies betrifft nicht nur Menschen, die keine Verantwortung vor Gott und nicht Gottes Erwartungen an ihr Leben empfinden. Daneben machen gläubige Menschen Gott „teilweise zu schnell zu einer Bestätigung des eigenen Selbst – nach dem vereinfachenden Motto ‚Gott liebt dich so, wie du bist‘“.

Vor diesem Hintergrund greifen die Autoren zentrale Verständnisfragen auf, anhand derer sie wichtige Klärungen entfalten. Wie etwa ist der Begriff der „Sühne“ zu verstehen? Der Grundlagentext erklärt sie als „heilvolle Wiederherstellung der Gemeinschaft und die Neueröffnung der Gottesbeziehung“. So als „Gabe des neuen Lebens“ statt als „Strafleiden“ verstanden, erhalten lange stillschweigend als bekannt vorausgesetzte und vielleicht gerade deshalb irritierende Begriffe für Christen erneuten Sinn. Dabei nimmt die Kammer für Theologie keine theologische ‚Entrümpelung‘ vor, die den Sinn des Kreuzgeschehens derart simplifizieren würde, dass eine ‚Wellnessreligion‘ am Ende stünde.

Vielmehr wird deutlich, dass Christen mit Blick auf das Kreuz auch in Zukunft nicht etwa um die Stellvertretung herumkommen: Gott „hat an unserer Stelle in Jesus Christus unser verwirktes, dem Tod verfallenes Leben bis in die tiefsten Tiefen unseres Elends hinein ausgehalten, um uns sein unvergängliches Leben zu schenken. Er hat mit uns getauscht: Er ist für uns gestorben, damit wir leben können.“ Mit solch klaren Worten ist eine tatsächliche Orientierungshilfe entstanden.

Denn es handelt sich um mehr als eine wissenschaftlich fundierte Handreichung für interessierte Laien. Wenn dieser Text intensive Verbreitung findet, hat er das Potenzial, für die EKD ein identitätsstiftendes Dokument zu werden: Wie der Text deutlich macht, dass das Kreuzesgeschehen jeden einzelnen Christen adressiert, gibt er zugleich Anhalt, was ‚das Christliche‘, was christliche Identität ausmacht: „‚In Christus‘– durch seine Stellvertretung und in seiner Gemeinschaft – haben die Gläubigen jetzt schon teil an seinem Leben (Römer 6, 4ff.; Galater 2, 20) und sind in ihm schon jetzt ein Teil der ‚neuen Schöpfung‘ (2. Korinther 5, 17). In Christus werden sie durch ihr leibliches Sterben die von ihm eröffnete Gemeinschaft nicht verlieren, sondern in ihrer Auferstehung teilhaben an Gottes ewigem Leben (1. Thessalonicher 4, 14; Römer 8, 11; 14, 7-9).“

Was ist mit der neu gewonnenen Orientierung anzufangen? Auch wenn die Schrift vor allem biblische Grundlagen, theologische Konzeptionen und Frömmigkeitsgeschichte darstellt – immer wieder finden sich Hinweise, was das Kreuz als Auftrag für die Kirche bedeutet: So wird ersichtlich, dass verstärkt Anstrengungen darauf zu verwenden sind, den Zeitgenossen die reformatorische „Wiederentdeckung des Evangeliums“ plausibel zu machen. Desgleichen weckt der Grundlagentext Interesse an historischen Frömmigkeitsformen, die für das Glaubensleben fruchtbar gemacht werden können.

Die klaren Worte, mit denen die Kammer für Theologie hier das Bewusstsein für christlich-protestantische Theologie schärft, brauchen jedoch nicht diejenigen zu ängstigen, die sich für Ökumene und interreligiösen Dialog engagieren. Auch wenn Differenzen klar benannt werden – zugleich werden doch auch Brücken geschlagen: Zum Judentum durch die sensible Einbettung der neutestamentlichen Theologie in ihren alttestamentlichen Kontext; zum Katholizismus durch eine kritische Würdigung der Satisfaktionslehre des Anselm von Canterbury. Das Gleiche gilt für den innerprotestantischen Dialog über das Kreuz, der vielleicht durch den Grundlagentext eine neue Belebung findet. Ebenso kommen Beiträge aus der dialektischen Theologie und von Schleiermacher zur Sprache.

Dieses vielfältige Konzert an theologischen und philosophischen Stimmen macht deutlich: Auch wenn in Zukunft klassische Konzeptionen von Sühne und Stellvertretung Grundlage protestantischer Kreuzestheologie sein werden – um zu erfassen, was das Kreuz für uns heute bedeutet, können unterschiedliche Perspektiven hilfreich sein.

Erschienen in: Evangelische Zeitung 16/2015 (www.evangelische-zeitung.de).

Kirchentag der Superlative

Was erwartet den Kirchentagsbesucher zum Reformationsjubiläum 2017 in Berlin?

Von Tilman Asmus Fischer

Während sich Protestanten in ganz Deutschland auf den diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) in Stuttgart einstimmen, sind einige Aktive bereits in Gedanken in das Jahr 2017 unterwegs. Zum „Kirchentag der Superlative“ könnte man meinen, wenn man Verlautbarungen der EKD-Reformationsbeauftragten folgt. Denn im Abschlussjahr der Lutherdekade wird der Kirchentag gleich in zwei Städten zu Gast sein: In Berlin und – vor allem mit dem Festgottesdienst – in Wittenberg. Wenn die Wahl des Bundeshauptstadt auch organisatorischen Erwägungen folge, legt Heike Baum Wert darauf, dass der Kirchentag 2017 nicht einfach „nur“ größer wird. Die Projektkoordinatorin des Landesausschusses Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz des Deutschen Evangelischen Kirchentages wünscht sich, dass dieser besondere Kirchentag „auch inhaltlich anders gestaltet wird“.

Dies ist schon deshalb eine besondere Herausforderung, da Berlin nicht in dem Maße wie die mitteldeutschen Landschaften zu den „Kernlanden“ der Reformation zählt. Dies wirft Fragen auf: „Welche Wirkungen der Reformation kann man in Berlin, in Brandenburg und in der schlesischen Oberlausitz erkennen?“ Dieser und anderen Überlegungen widmet der Beauftragte der EKBO für das Reformationsjubiläum und den Kirchentag 2017, Pfarrer Bernd Krebs, seit Anfang dieses Jahres eine Workshop-Reihe, an der der Landesausschuss mitwirkt.

Die Landesausschüsse, die auch für weitere Landeskirchen und Regionen in Deutschland bestehen, leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Kirchentage seit ihrem Bestehen in den ausrichtenden Landeskirchen „ankommen“. Sie organisieren nicht nur regionale Kirchentage – wie das Fest der Kirchen in Berlin – und sind als Mittler zwischen DEKT und Region an der Vorbereitungen der Kirchentage beteiligt. Vielmehr tragen sie zur Einbeziehung regionaler Themen in den DEKT bei und haben an der Entwicklung konkreter Veranstaltungsformate teil. Hierzu fand innerhalb der Workshop-Reihe am 17. Januar eine erste Ideenbörse statt, an der etwa 40 Gemeindevertreter, Kirchenmusiker, Vertreter der Landeskirche, des DEKT und Interessierte teilnahmen.

Neben regionalen Spuren der Reformation standen weitere Fragen auf der Agenda – etwa: „Was sind unsere Visionen für eine Kirche von morgen?“ – Überlegungen, die womöglich durch den EKBO-Reformprozess befruchtet werden können. „Wie gestalten wir heute das Verhältnis von Religion, Staat und Gesellschaft?“ – Eine brisante Frage, gerade in den säkular geprägten „neuen“ Bundesländern.

Drei zentrale Themenkomplexe kristallisierten sich am 17. Januar bereits heraus, berichtet Heike Baum: Zunächst sollen Berlin und sein Umland als eine Region unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten ernstgenommen werden – zwischen Stadt und Land, Ost- und West-Prägung sowie in der Spannung von Säkularismus und religiöser Vielfalt. Ebenfalls soll die Flüchtlings- und Asylproblematik aufgegriffen werden. Zuletzt besteht der Wunsch, mit dem Thema „Kirche und neue Medien“ zukunftsweisende Akzente zu setzen.

Mit diesen ersten thematischen Weichenstellungen geht es nun in die konkrete Planung – weitere Workshops sind geplant, im Herbst zieht die Geschäftsstelle des mit Hauptsitz in Fulda angesiedelten DEKT von Stuttgart nach Berlin um. Über das große Thementableau für 2017 entscheidet das Präsidium des DEKT. Daneben ist ein regionaler Lenkungsausschuss für die regionalen Themenschwerpunkte zuständig. Ihm gehören neben DEKT, EKBO und Landesausschuss auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und Medienvertreter an.

http://www.kirchentag-bbo.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2015.

Zerschnittener Rock

Zur Diskussion von Propst Siegfried Kasparick mit Berliner Ökumenikern über „Chancen eines Reformationsgedenkens“

Von Tilman Asmus Fischer

Wenn es nach Propst Siegfried Kasparik geht, sollen die Christen 2017 „miteinander gut evangelisch, gut katholisch und gut orthodox sein“. Also: am Evangelium orientiert, nicht provinziell und vereint im rechten Lob. Diese und andere Thesen diskutierte der Beauftragte der mitteldeutschen Landesbischöfin für Reformation und Ökumene am 28. Februar in Berlin. Anlass war das Jahrestreffen der Ökumenebeauftragten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und des Erzbistums Berlin – 2015 zum Thema „Ökumenische Chancen eines Reformationsgedenkens“.

Woran aber soll 2017 erinnert werden? Manche Katholiken verwenden das Bild des „zerschnittenen Rocks“ für die Spaltung des Christentums, einige Protestanten empfinden das Jubiläum als „Betriebsgeburtstag“ – andere wiederum würden eher an die Verbrennung von Jan Hus vor 600 Jahren erinnern. Angesichts einer derart komplexen Thematik fordert Kasparik „Multiperspektivität“ und „Entmythologisierung“ als Voraussetzung für ein gelungenes Reformationsgedenken. Dies bedeutet für ihn einerseits Klarheit und Selbstvergewisserung über die Erfahrungen, Interessen und Kontexte der heutigen Akteure, ob EKD oder katholische Kirche. Zum anderen bedeutet es die klare Unterscheidung zwischen den Kirchen, wie sie als Kinder des Mittelalters im 16. Jahrhundert agierten, und den Kirchen heute, die in gänzlich verschiedenen Gedanken- und Vorstellungswelten beheimatet sind.

Ein solcher historisch-kritischer Blick beinhaltet dann eben auch, „2017“ und „Luther“ als Symbole zu verstehen. Symbole für das „Phänomen Reformation“, um das es Kasparik geht. Und hierzu zählt – dies wurde auch mehrfach in der Diskussion eingefordert – nicht nur die lutherische Reformation. Die Pfingstkirchen etwa wollen als Erben der Reformation wahrgenommen werden, ebenso die Mennoniten, die in Glaubenskämpfen selbst zu Opfern protestantischer Glaubensgeschwister wurden.

Angesichts solcher Schattenseiten der Reformation machte Kasparik „Buße“ als einen zentralen Begriff für das gemeinsame Gedenken stark. Zwischen EKD und katholischer Bischofskonferenz sei etwa auch ein gemeinsamer Versöhnungsweg geplant. In einer an den Vortrag anschließenden Arbeitsgruppe gab der emeritierte altlutherische Bischof Jobst Schöne hingegen zu bedenken, dass es theologisch problematisch sei „Buße zu tun für etwas, das die Vorväter getan haben“ – büßen könne man demgegenüber nur das, was man selbst getan habe. Diese Intervention – unterstützt von dem katholischen Historiker Etienne François – führte zu einer entscheidenden Klärung: Worauf es ankäme sei, mit den Worten Kaspariks, „die dunklen Seiten der Geschichte vor Gott zu bringen“.

Letztlich soll es jedoch um mehr als Geschichte gehen – das Phänomen Reformation gilt es für Gegenwart und Zukunft weiterzudenken. Dies betrifft sowohl Formen gemeinsamer Liturgie und Spiritualität als auch die gemeinsame sozialethische Verantwortung der Kirchen; so forderte der Berliner Theologe Manfred Richter eine ökumenische Enzyklika zu globalen Fragen der Ökologie. ‚Reformation‘, das meint jedoch auch – wie Kasparik hervorhob – einen selbstkritischen Blick der Protestanten auf ihre Kirchen: „Wie evangelisch sind wir eigentlich?“, fragte er mit Blick auf die Realisierung des Priestertums aller Gläubigen im Verhältnis von Pfarrern und sogenannten Laien. Mut zum konstruktiven Streit, wie ihn Kasparik für die Ökumene fordert, scheint also auch innerhalb der Kirchen der Reformation angezeigt zu sein.

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 10/2015.

„Tut Buße!“

Der Theologe Manfred Richter – vormals Kunstbeauftragter der EKU am Berliner Dom – forscht zu Reformationsgeschichte und Ökumenik. Im Interview blickt er kritisch auf das EKD-Reformationsjubiläum

Herr Richter, das Reformationsjubiläum wird von der EKD als „Lutherdekade“ begangen. Ist diese Engführung mit Blick auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft unserer Kirchen zielführend?

Die Engführung „Lutherdekade“, als ginge es nur um die Erinnerung an eine Person, so überlebensgroß sie erscheinen mag, verdeckt das Ziel. Es ist eine vielleicht populär gemeinte Vereinfachung. Doch nach Luther selbst darf man sich nicht an seinem „sterblichen Namen“ festhaken, nach dem er niemals die Kirche benannt sehen wollte. Sein Anliegen war das befreiende Evangelium. Universal.
Das Datum 1517 nötigt doch dazu, sich um die Erneuerung der gesamten Christenheit zu bemühen. „Wenn unser Herr Jesus Christus sagt: Tut Buße! so will er, dass unser ganzes Leben Buße sei.“ Das war der ganzen Kirche seiner Zeit gesagt. Wir sollten es so aufnehmen, 500 Jahre danach, dass sich alle Christen und Kirchen eingeladen wissen, zu fragen, wo und wie wir für die 500 Jahre seither und heute zur Buße gerufen sind. Das ist kein Anlass zu Selbstzufriedenheit, sondern zu Aufbruch aus eingeschliffenen Selbstsicherheiten, auch „protestantischen“.

Welche Aspekte haben sich in Ihren Forschungen zuletzt ergeben, die im Reformationsgedenken berücksichtigt werden sollten?

Weitblick und Tiefblick. Der Aufruf „Tut Buße!“, zunächst an die Professorenkollegen gerichtet, zündete bald in der Öffentlichkeit. Man war sich der Fülle von Fragwürdigkeiten bewusst – wie wir auch heute. Und Luther knüpfte an eine lange Reihe Erneuerungsbewegungen an, die nachwirkten. Augustinus und der heilige Bernhard wurden die von ihm meistzitierten Autoritäten nach der Heiligen Schrift. Schon Waldenser und Franziskaner hatten apostolisches Leben nach der Schrift gefordert und gelebt, in England der Theologe Wyclif und die Lollarden, in Böhmen Jan Hus, der dafür noch sterben musste. In dessen Anliegen hat sich Martinus wiedererkannt – wie heute vielleicht auch „Katholiken“? Das Konstanzer Konzil vor 600 Jahren mit der Forderung einer konziliaren Beratung der Kirchendinge hallte nach – wie noch heute. Die Frömmigkeitsbewegungen des 15. Jahrhunderts verbanden sich mit den Reformationen des 16. Jahrhunderts…

… kommen aber nicht mit Martin Luther zu einem Abschluss.

Sie setzten sich im Pietismus wie in christlich verstandener Aufklärung fort. Seither wuchs weltweit die Einsicht in notwendige Selbst-Reformationen – letztlich in allen, auch bislang sich verweigernden Kirchen. Theologie gibt es heute nur noch als ökumenisch verantwortete. Und ebenso Liturgie und Diakonie. Daran weiterzuarbeiten, mit allen gemeinsam: das ist meines Erachtens die Aufgabe einer wohl verstandenen „Luther-“, nein, eben: Reformationen-Dekade, die auch an heute und künftig erforderliche Reformen denkt. Für sie gab der Wittenberger Professor eine Steilvorlage. Für alle – auch heute!

Ende Februar treten die Ökumenebeauftragten in Plötzensee zusammen* – welche Anregungen wären aus diesem Kreis für ein ökumenefähiges Reformationsjubiläum wünschenswert?

Alle Gemeinden sollten vertreten sein und sich in die konkreten Arbeitsgruppen einbringen. Auch sollten Vorschläge kommen für kreative Studienarbeit an geschichtlicher Erinnerung. Zum Beispiel am Weg des Priesters Jan Hus, den Pater de Vooght als eigentlich „gut katholisch“ erkannte. Das könnte in unseren Köpfen den Blick für Potenziale freigeben, die es auszuschöpfen gilt, um das konfessionell Enge und ängstlich Selbstbezogene umzuarbeiten und das jeweilig kostbare Erbe einzufahren in die „ökumenische Scheune“.
Es sollte Anregungen geben, die unter den gemeinsamen Herausforderungen sich für einander öffnenden Mentalitäten und Biografien weiter zusammenzuführen in eine sichtbar „versöhnte Vielfalt“. Im „Arcanum“ des Gottesdienstes wie öffentlich in gemeinsamem Wort, gemeinsamer Tat. Ökumenische Versammlungen hier und anderswo arbeiten daran. Aus Busan (ÖRK in Korea), aus Konstantinopel, aus Rom sind kräftige Impulse unterwegs – greifen wir sie auf, verstärken wir sie. 2017 in Wittenberg und Berlin: Machen wir es zum Datum unserer nächsten „ökumenischen Versammlung“.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 7/2015.

* Treffen der ökumenisch Interessierten und Ökumenebeauftragten. Thema: Ökumenische Chancen eines Reformationsgedenkens. Organisation: Konvent der Ökumenebeauftragten (Sprengel Berlin) und Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin.