Flucht und Vertreibung prägen unsere Gesellschaft 

Fünf Fragen an Dr. Bernd Fabritius MdB

Der CSU-Bundestagsabgeordnete und Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) Dr. Bernd Fabritius zieht Bilanz über das Jahr 2016 und gibt einen Ausblick auf die vertriebenenpolitischen Herausforderungen des Jahres 2017.

Das Verhältnis zwischen der deutschen und der polnischen Politik wurde 2016 durch den national konservativen Regierungskurs in Warschau stark beeinflusst. Wie hat sich diese Beeinträchtigung auf die politischen Kontakte und Dialoge des BdV mit Polen ausgewirkt?

Dr. Bernd Fabritius MdB (Foto: Patrick Levin)
Derzeit gilt es, klar zwischen den verschiedenen politischen Ebenen in Polen zu unterscheiden. Kommunal – bis hin zu einzelnen Woiwodschaften – besteht nach wie vor fruchtbarer Austausch. Hiervon zeugen auch die vielfältigen Aktivitäten der Landsmannschaft Westpreußen. Durch den jahrzehntelangen verständigungspolitischen Einsatz auf der Ebene von Mensch zu Mensch wurde der Boden hier erfolgreich bereitet. Auf der höchsten politischen Ebene kommt der Dialog zwischen den Vertriebenen und der Republik Polen überaus schwer in Gang. Dies bedauere ich.

Vor kurzem konnte die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung das Richtfest des Deutschlandhauses feiern und einen neuen Beraterkreis berufen. Gleichzeitig konnte man der Presse Äußerungen über eine mögliche Überarbeitung des Ausstellungskonzepts entnehmen. Wie entwickelt sich das Projekt aus Ihrer Perspektive?

Es ist gut, dass es trotz der sich verzögernden Bauarbeiten positive Nachrichten von der Stiftung gibt. Das Richtfest war eine Gelegenheit, sich erneut sichtbar zu machen und zu zeigen, dass es vorwärts geht. Der internationale und fachlich breit aufgestellte Beraterkreis hat jetzt Gelegenheit, sich zu bewähren. Was die Diskussion über Grundlagenpapiere angeht, habe ich stets betont, dass für den BdV das 2012 in breiter politischer Mehrheit beschlossene Stiftungskonzept gilt. Ein tragfähiges Konzept für die Dauerausstellung wiederum bleibt eine der vordringlichsten Aufgaben. Der vorhandene Entwurf muss entsprechend den im Stiftungskonzept definierten Zielen sowie den Gegebenheiten des Ausstellungsortes weiterentwickelt werden. Die sechs BdV-Mitglieder im Stiftungsrat werden dies konstruktiv begleiten.

Mit der Entschädigung für zivile deutsche Zwangsarbeiter hat der Deutsche Bundestag 2016 eine der entscheidenden Forderungen des BdV aus den vergangenen Jahren in die Tat umgesetzt. Was sagt uns dieser große politische Erfolg über die gesellschaftliche und politische Bedeutung, die die Folgen von Flucht und Vertreibung noch heute in unserem Land haben?

Die Tatsache, dass diese wichtige symbolische Anerkennung erst mehr als sieben Jahrzehnte nach den leidvollen Ereignissen möglich wurde, zeigt eindrucksvoll, dass die Aufarbeitung von Flucht, Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit weiterhin eine zentrale Aufgabe bleibt. Bis heute prägen auch diese Ereignisse unsere gesamtgesellschaftliche Identität. Im kollektiven Gedächtnis müssen sie daher noch viel präsenter werden.

2017 steht die Wahl zum Deutschen Bundestag an. Was sind die zentralen Fragen und Herausforderungen, denen die deutschen Heimatvertriebenen und Spätaussiedler gegenüber den politischen Bewerbern Geltung verleihen werden?

Ihre Fragen haben ja schon ein Stück weit auf die Themen hingeführt, nach deren zukünftiger politischer Ausgestaltung der BdV die Parteien sicher auch wieder schriftlich befragen wird. Dazu gehört die weitere Anerkennung und Förderung der verständigungspolitischen Arbeit der deutschen Heimatvertriebenen, Spätaussiedler und ihrer Verbände – der Brückenfunktion in die Heimat- und Siedlungsgebiete. Dazu gehört die Verankerung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung im kollektiven Gedächtnis der Nation und der dafür nötige Erinnerungstransfer von der betroffenen zu den nachfolgenden Generationen.
Dazu gehört der gesetzliche Auftrag zu Erhalt, Pflege und Weiterentwicklung des Kulturerbes der Deutschen aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa und die Frage, wie die Vertriebenen und ihre Verbände als lebendige Kulturträger in diesen Prozess eingebunden werden. Und dazu gehören die Anliegen unserer Aussiedler und Spätaussiedler im Hinblick auf Aufnahme und Integration, aber auch auf das in diesen Kreisen besonders große Risiko der Altersarmut.

Neben der Bundestagswahl wird das kommende Jahr unter anderem durch die bundesweiten Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum geprägt werden. Welche Bedeutung hat dieses Gedenken für die deutschen Heimatvertriebenen und die – oft als Protestanten in der Diaspora lebenden – Heimatverbliebenen?

Über die individuelle Bedeutung hinaus, zu der etwa eine erneute Selbstvergewisserung im Glauben zählen mag, ist das Reformationsjubiläum sicher ein besonderer Anlass, um insgesamt der auch in konfessioneller Hinsicht interessanten Geschichte der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete zu gedenken. So gilt es, an die Reformatoren zu erinnern, die in diesen Gebieten gewirkt haben – wie beispielsweise Johannes Bugenhagen, der in Pommern wirkte, oder Johannes Honterus, den Reformator der Siebenbürger Sachsen. Die damaligen Umbrüche – so leidbehaftet manche Auswirkungen gewesen sein mögen – zeigen doch auch, dass Europa schon seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Kulturraum ist. Für die in der Diaspora lebenden deutschen Protestanten unter den Heimatverbliebenen ist das Jubiläum außerdem eine Gelegenheit, ihre Gemeinschaften zu stärken.

Die Fragen stellte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: Der Westpreuße – Unser Danzig 12/2016.

Die Reformation als europäisches Phänomen

Aktuelle Perspektiven auf das reformatorische Erbe Ostmitteleuropas

Das Reformationsjubiläum drohe, so formulierte es die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg vor längerer Zeit, als „provinzsächsisches Ereignis“ gefeiert zu werden. Einen wichtigen Beitrag dazu, dass es so nicht zwingend kommen muss, haben das Deutsches Historisches Museum (DHM) und das Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) mit einer gemeinsamen internationalen Tagung vom 8. bis 10. März in Berlin geleistet. Sie stand unter dem Titel „Der Luthereffekt im östlichen Europa – Geschichte, Kultur, Erinnerung“ und hatte ihren Ausgangspunkt in dem grundlegenden Vortrag des Leipziger Historikers Prof. Dr. Winfried Eberhard über „Die Rezeption der lutherischen Reformation in Ostmitteleuropa“.

St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.
St. Marien in Danzig: Die einstige große evangelische Stadtkirche ist heute katholisch.

Diese grenzübergreifende Rezeption verlief äußerst vielfältig, wie Eberhard aufzeigte und durch die weiteren Vorträge der Tagung illustriert wurde: Während sie in Polen friedlich scheiterte – was vor allem auch an der unversöhnlichen Haltung der Lutheraner gegenüber den Reformierten lag –, scheiterte sie in Böhmen gewaltsam an der Unterdrückung durch die katholische Monarchie. Bis heute leben Protestanten in diesen Regionen in der Diaspora. Zu einer Blüte des Protestantismus kam es hingegen in Ungarn, wo er durch Adel und Städte unterstützt wurde, – und im Herzogtum Preußen, das als einer der ersten protestantischen Staaten aus dem säkularisierten Deutschordensstaat entstand.

Diese ganz unterschiedlichen Entwicklungen ‚der Reformation’ waren geprägt durch ebenso unterschiedliche historische Konstellationen: So waren es im Ostseeraum in besonderer Weise Hansestädte, die sich zur protestantischen Avantgarde entwickelten – hatten die europaweit vernetzten Kaufmannsfamilien doch früh Kontakt und Zugang zu reformatorischer Lehre und Schrifttum. Hier wäre für das spätere Westpreußen vor allem an Danzig und Thorn zu erinnern. Diese Querverbindungen im Einzugsbereich der Hanse zeigte Anja Rasche (Speyer / Lübeck) in ihrem Vortrag „Reformation im Hanseraum: Kaufleute, Bücher und Sanktionen“ auf. Währenddessen setzte in Siebenbürgen die Entstehung lutherischer Zentren in Schäßburg, Hermannstadt und Kronstadt die Tolerierung der damaligen osmanischen Besatzer voraus.

Bisweilen wurde reformatorisches Erbe auch noch Jahrhunderte später wirksam: Etwa in Galizien, wo unter Theodor Zöckler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lutherische Gemeinden aufblühten – eine Entwicklung über die Katrin Boeckh (München / Regensburg) referierte (Identitäten und transnationale Netzwerke. Lutheranische Gemeinden in Galizien). So vielfältig wie die jeweiligen historischen Situationen, waren auch die kirchlich Ausformungen, die sich aus ihnen entwickelten: So zählten sich im Siebenbürgen des 16. und 17 Jahrhunderts auch die Dreifaltigkeit leugnende Unitarier zu den theologischen Erben Luthers (Edit Szegedi, Klausenburg / Cluj-Napoca: Luther als Bezugsgröße der siebenbürgischen Reformierten und Unitarier im 16.-17. Jahrhundert). Zugleich führten im Ungarn des 17. Jahrhunderts aus Österreich vertriebene Lutheraner ihr Eigenleben (Peter Ötvös, Szeged: Die lutherischen Exulanten aus Österreich auf ungarischem Boden, ihre Vorhaben und Integrationsversuche).

Die Dimensionen und Perspektiven des Phänomens Reformation, wie es sich im östlichen Mitteleuropa ausprägte, sind so vielfältig, dass sie hier nur ansatzweise benannt werden konnten. Wer sich diesem Zugang zum grenzübergreifenden Erbe unserer Kirchen nicht verschließt, darf sich auf das für 2017 angekündigte Erscheinen des Tagungsbandes von BKGE und DHM freuen.

Tilman Asmus Fischer

In ähnlicher Form erschienen in: Der Sonntag – Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 17/2016.

Von Flucht und Vertreibung geprägt

Nur fast vier Prozent der Gesamtbevölkerung stellen die Evangelischen in Österreich. Dies hat seinen Grund auch in der jahrhundertelangen Verfolgung österreichischer Protestanten. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich, spricht im Interview mit Tilman Asmus Fischer über die aktuelle Bedeutung dieser historischen Prägung.

Bischof Bünker, die Themen Flucht, Vertreibung, Migration sind heute wieder aktuell – allerdings auch historisch prägend für die Geschichte Ihrer Kirche. Was sind die zentralen Ereignisse?

Im wesentlichen sind es zwei Erfahrungen, die die evangelische Kirche in Österreich im Hinblick auf diese Themen geprägt haben: Das erste ist die Tatsache, dass tausende Evangelische in Österreich aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Das beginnt bereits Ende des 16. Jahrhunderts. Die letzte Vertreibung aus rein religiösen Gründen in Österreich und Mitteleuropa war dann in den 1830er Jahren die der Zillertaler Evangelischen. Das zweite ist die Erfahrung nach 1944 und 1945: Die Aufnahme der Vertriebenen und Geflüchteten – vor allem aus Siebenbürgen. Viele von ihnen haben sich in Österreich angesiedelt, Gemeinden gegründet und sind heute ein wichtiger Teil unserer Kirche.

Haben diese Ereignisse Frömmigkeit und kirchliches Leben in spezifischer Weise geprägt?

Hon.-Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Vorsitzender des Evangelischen Oberkirchenrates A.u.H.B. in Österreich
(Foto: Uschmann)

Sie haben für die autochthonen Evangelischen in Österreich, dazu geführt, dass das Evangelisch-Sein immer klar von der katholischen Mehrheitskirche unterschieden sein musste. Und bis heute legen Evangelische da und dort großen Wert darauf, dass etwa die Pfarrer vertraut im schwarzen Talar zu sehen sind und dass in vielen anderen Punkten das typisch Evangelische gestärkt wird.

Wie werden Sie aus dieser Prägung einer Diaspora-Kirche heraus das Jahr 2017 begehen?

Für uns war von Anfang an klar: Wir gestalten dieses Jahr gemeinsam, die drei evangelischen Kirchen in Österreich, die lutherische, die reformierte und die methodistische. Von daher haben wir nie ein Luther-Jubiläum im Auge gehabt, sondern immer ein Reformationsjubiläum. Gesamtkirchlich wird es 2017 – neben dem großen Jubiläumsfest am 30. September auf dem Wiener Rathausplatz – unter anderem eine Ausstellung in Wien geben: Die meisten Wiener wissen nicht, dass die Bevölkerung ihrer Stadt bis weit ins 17 Jahrhundert hinein mehrheitlich evangelisch war. Die kulturprägende Kraft des Protestantismus deutlich zu machen, ist ein zentrales Anliegen.

Ist das österreichische Reformationsjubiläum – vor dem historischen Hintergrund der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie – in besonderer Weise europäisch?

Es macht eine der europäischen Facetten des Protestantismus sichtbar. Die Geschichte der Evangelischen in der k. u. k. Monarchie ist auf der einen Seite von der Erfahrung geprägt, dass diese Monarchie der gelebte Beweis war, dass es möglich ist, Einheit zu leben in einer kulturellen, politischen, sprachlichen, religiösen Pluralität. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung der Diaspora: Im gesamten Donauraum waren und sind die Evangelischen in der Minderheit. Das ist etwas aktuell europäisches, denn Europa ist ein von Minderheiten geprägter Kontinent.

Dieses Europa sieht sich heute wieder mit Heimatlosen konfrontiert – wie positionieren Sie sich in der Flüchtlingskrise?

Irgendwann werden unsere Enkel uns fragen: Was habt Ihr gewusst? Und was habt Ihr getan? Ich denke, dass wir noch längst nicht in richtiger Form unserer Verantwortung gerecht werden. Die Menschen, die aus Syrien fliehen, werden aufgrund der Lage vor Ort nicht nur in den Nachbarländern bleiben können. Man muss den betroffenen Ländern wirkungsvoller helfen. Und zugleich müssen wir denjenigen, die vor Gewalt und Terror fliehen, Schutz und Aufnahme gewähren. Asyl ist ein Menschenrecht – und das kann man nicht teilen, kontingentieren und mit Zäunen reglementieren.

Das Interview entstand am 15. Februar in Berlin im Rahmen der Tagung „Evangelisches Leben in Österreich und Slowenien“ des Gustav-Adolf-Werks der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (www.gaw-berlin.de).

In ähnlicher Form erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 16/2016.

„Mensch seiner Zeit“

Kardinal Walter Kaspar verortet Martin Luther als Reformkatholiken

Von Tilman Asmus Fischer

Am 3. November 2014 hatte der päpstliche „Ökumenebeauftragte“ Kurt Kardinal Koch die Ringvorlesung „Ökumene einer Streitkultur?“ an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einem Vortrag über „Wege zur Einheit nach der Kirchenspaltung“ eröffnet. Etwas mehr als ein Jahr später – am 18. Januar 2016 – beschloss Kochs Amtsvorgänger Walter Kardinal Kasper mit einem Vortrag über „Martin Luther. 1517–2017 – eine ökumenische Perspektive“ die thematisch anschließende Ringvorlesung „Postreformatorischer Katholizismus – kulturelle Prosperität und Systemkonkurrenz“. Seine historische Einordnung der Gestalt Martin Luthers kreiste um die Aufforderung, den Reformator „als Mensch seiner Zeit, nicht unserer Zeit“ zu verstehen – als eine historische Persönlichkeit, die im Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Neuzeit stand. Diese Perspektive vermag heutzutage zu entlasten, da auch manche Protestanten mit Luther fremdeln. Trotz Zuspitzung konfessioneller Konflikte im Reformationszeitalter vermochte Walter doch, Luther als Reformkatholiken in der katholischen Kirche seiner Zeit zu verorten, die mit reformerischen Orden und einer lebendigen Laienfrömmigkeit selbst vielfältiger und reformfähiger war, als dies heute bisweilen scheinen will.

Walter Kardinal Kasper
Walter Kardinal Kasper

Hinsichtlich der erfolgten Kirchenspaltung wandte sich Kasper gegen „einseitige Schuldzuweisungen“. Hierzu hätten die Reaktionen Roms auf den Reformer Luther ebenso beigetragen wie dessen Stilisierung des Papstes zum Antichristen, die jeden weiteren Dialog ausgeschlossen habe. Für die Gegenwart stellte Kasper hingegen fest, dass konfessionelle Differenzierungen im Alltag irrelevant geworden seien: „Das kann man als Kirchenmann bedauern, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass das konfessionelle Zeitalter vorbei ist.“ Hieran änderten weder katholische Restaurations- noch protestantische Reformationsfeiern etwas.

Was will und kann uns Luther heute im postkonfessionalistischen Zeitalter sagen? Neben der Orientierung auf das Evangelium betonte Kasper Luthers Ringen um einen „universalen Humanismus“. Im Hintergrund stand die Beobachtung, dass sich Christen, egal welcher Konfession, in der Moderne einer „säkularen Ökumene“ gegenüber sähen, die Glaube und Kirche aus dem öffentlichen Leben verdränge – im arabischen Raum befänden sie sich gar in einer „Ökumene des Blutes“. Diese Gesamtlage nötige zu einem „Zusammenrücken“.

Kasper warnte, Luther einseitig zum „Bannerträger der Neuzeit“ zu stilisieren. Zum einen seien die Wurzeln der neuzeitlichen Entwicklungen zu vielseitig – sie reichten neben der Aufklärungsphilosophie ebenso in katholische wie auch reformierte Kontexte hinein. Zum anderen warf Kasper die Frage auf, inwiefern Luther mit seiner Buß- und Gnadentheologie nicht gerade einigen, die menschliche Autonomie überbetonenden Entwicklungen der Moderne kritisch gegenüberstehen würde. Hieraus ergeben sich spannende Fragestellungen – von denen man hoffen kann, dass sie Gegenstand einer geplanten Fortsetzung der von der katholischen Guardini-Stiftung getragenen Ringvorlesung werden. Dasselbe gilt für Facetten lutherischer Theologie, die für Kasper ökumenische Anknüpfungspunkte bieten, jedoch in vielen evangelischen Kirchen dem Vergessen anheimgefallen seien: Dies gelte für Luthers Abendmahlsfrömmigkeit ebenso wie für seine Mystik. Seine Hoffnung auf eine etwa hiervon ausgehende Belebung der Ökumene beschrieb Kasper wiederum mit einem Luther-Wort: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 4/2016.

Geschichte der Kompromisse

Lothar Voßmeyer berichtet in seinem Buch von den Brandenburger Kurfürsten in der Reformationszeit

Von Tilman Asmus Fischer

2017 wird der Deutsche Evangelische Kirchentag anlässlich des Reformationsjubiläums in der Bundeshauptstadt zu Besuch sein – genau genommen in Berlin und Wittenberg. Während man beim interessierten Protestanten im Falle Wittenbergs – mithin dem sächsisch-thüringischen Lebensraum des Reformators Luther – ein zumindest grobes Bild dieser Kulturlandschaft im Reformationszeitalter erwarten kann, dürfte die Frage schon schwerer fallen: Wie stand es um Brandenburg zur Zeit der Reformation?

Wer möglicher Unkenntnis vorbeugen will, sei auf Lothar Voßmeyers Überblickswerk „Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit“ verwiesen. Entlang der Biografien der drei Regenten Joachim I. – Regierungsantritt 1499 –, Joachim II. und Johann Georg – Tod im Jahre 1598 – entfaltet der Bremer Historiker Geschichte und Geschichten Brandenburgs im 16. Jahrhundert. Dabei verliert er, trotz der Fülle an historischen Entwicklungslinien, sein Kernthema nicht aus dem Blick: die Reformation.

Voßmeyer

Diese findet jedoch – das führt Voßmeyer anschaulich vor Augen – nicht im luftleeren Raum statt. Im Falle Brandenburgs geht die Durchsetzung der neuen Lehre einher mit dem erfolgreichen Ringen eines Herzogtums um politische Konsolidierung. Und dies im Gegenüber zum papsttreuen Kaiserhaus. Kirchen- und Machtpolitik bedingen sich gegenseitig. So erscheint die Geschichte, die Voßmeyer erzählt, als eine Geschichte von Kompromissen. Indem er immer wieder auf diese Verflechtung zurückkommt, immunisiert er sich gegen ein Narrativ der Stilisierung einer preußisch-protestantischen Erfolgsgeschichte.

Doch wird auch nicht einer gewissen Preußenfeindlichkeit das Wort geredet. Voßmeyer zeichnet Entwicklungen nach, benennt Erfolge, schweigt jedoch auch nicht von den Schattenseiten der brandenburgischen Reformationsgeschichte: Hierzu gehört zum einen die gerade auch von den dezidiert protestantischen Kurfürsten initiierte Verfolgung von Juden in der Mark, zum anderen die innerprotestantischen Kämpfe zwischen Lutheranern und Reformierten.

Es ist eine Vielzahl an meist gelungenen und in der Gesamtschau stimmig eingeflochtenen Exkursen und Anekdoten, die Hintergründe erklären oder in bildhafter Sprache die historischen Ereignisse illustrieren. Sie bewahren das Buch auch davor, in der reinen Herrschergeschichte stecken zu bleiben. Es ist immer die Geschichte der Kurfürsten in ihren jeweiligen Kontexten – Hof, Frömmigkeit und Politik.

Die Geschichte der „kleinen Leute“ im reformationszeitlichen Brandenburg kommt freilich nur selten zur Sprache. Dies muss jedoch einem Buch, das keinen dezidiert alltagsgeschichtlichen Ansatz verfolgt, nicht angelastet werden. Vielmehr regt das Buch an, weitere Fragen nach der Reformation in Brandenburg zu stellen und sich auf die regionalen Ausprägungen des europäischen Phänomens Reformation zu besinnen.

Lothar Voßmeyer: Brandenburgs Kurfürsten der Reformationszeit, Drei Hohenzollern-Porträts. vbb, 2014, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-945256-20-6.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 1/2016.

Geocaching à la Luther 2017

Kurzkommentar für ein „Pro und Contra: Ist Luther als reisende Playmobilfigur als Vorbereitung aufs Reformationsjubiläum sinnvoll?“

Kontra von Tilman A. Fischer

Eigentlich ist das Projekt zu originell, das Engagement seines Initiators zu anerkennenswert, als dass man guten Gewissens Einspruch dagegen erheben könnte. Aber nur eigentlich: Denn das Luther-Geocaching steht nicht alleine, sondern muss im Gesamtzusammenhang der Luther-Dekade gesehen werden. In diesem Kontext ergeben sich zwei Einwände:

Zunächst einmal ist der Cache eines von vielen Projekten innerhalb von „Luther 2017“, das sich der gesellschaftlichen, historischen Bedeutung der Reformation widmet. All diese Initiativen haben ihren guten Sinn und ihre Berechtigung. Welche Bedeutung – frage ich mich bisweilen – kommt jedoch daneben der Dimension des persönlichen Glaubens zu? Mit Blick auf 2017 sind zwei hervorragende EKD-Texte entstanden zum Kreuztod und zur Rechtfertigungslehre. Wie lassen sich Glaubensschätze reformatorischer Lehre, wie sie hier geborgen wurden, in ähnlicher Weise populär vermitteln? Leicht ist es gewiss nicht – aber den Versuch sollte es wert sein. Wenn auch vielleicht nicht als Cache.

Sodann handelt es sich – mal wieder – um ein Projekt, das das große und facettenreiche Phänomen Reformation reduziert und in der Begrenztheit auf Luther und die Reformation Wittenberger Prägung popularisiert. Dabei erscheint es ebenso fragwürdig, wenn auf der einen Seite ein kritischer Umgang mit Luther – und seinen Schattenseiten, etwa dem Antijudaismus – proklamiert und auf der anderen Seite eine stereotype Luther-Devotionalie – ein Markenprodukt aus dem Hause Playmobil – vermarktet wird.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 44/2015.
Hintergrund ist ein Martin-Luther- Geocache im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 (http://www.luther2017.de/de/neuigkeiten/geocaching-mit-martin-luther/).

Schwieriges Erbe

Neue Ausstellung gibt Einblick in die Beziehungen Luthers zum Judentum

Von Tilman Asmus Fischer

Zwei Jahre bevor das Reformationsjubiläum mit dem Kirchentag in Berlin seinen Höhepunkt erreichen wird, widmet sich im Herzen der Hauptstadt eine Ausstellung dem heute wohl ambivalentesten Kapitel der Reformation Wittenberger Prägung: dem Verhältnis Martin Luthers zum Judentum.

In vier Jahren Arbeit ist unter dem Dach der EKBO und des Touro College Berlin (TC) eine umfassende wie anschaulich aufbereitete Schautafel-Ausstellung entstanden, der man nur wünschen kann, dass sie vor und nach 2017 noch in vielen Orten in der EKBO und darüber hinaus zu sehen sein wird. Zunächst einmal wird sie noch bis zum 18. Dezember in der Sophienkirche in Berlin-Mitte gezeigt.

Martin Luther (Georg Pencz, 1533)
Martin Luther (Georg Pencz, 1533)

„Rückblick und Aufbruch“ will die Ausstellung zeigen, die von einer Arbeitsgruppe unter Leitung des emeritierten Neutestamentlers und langjährigen Leiters des Instituts für Kirche und Judentum, Peter von der Osten-Sacken, entstanden ist. Beteiligt waren neben anderen der EKBO-Beauftragte für das Reformationsjubiläum, Pfarrer Bernd Krebs, und Sara Nachama, Rektorin des Touro College Berlin, einer amerikanisch-jüdischen Privathochschule, von der auch die Idee zur Ausstellung ausging. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die finanzielle Unterstützung der Axel-Springer-Stiftung.

Einen Aufbruch wagt sie in dem Sinne, dass sie christliche und jüdische Perspektiven auf theologische Grundfragen und historische Entwicklungen gegenüberstellt. Hierzu fordert bereits das Grundproblem des Verhältnisses von Christentum und Judentum auf: „Eine Bibel – zwei Lektüren“. Ausgehend von Cranachs Gemälde „Gesetz und Gnade“ entschlüsseln die Autoren der Ausstellung das Nebeneinander des christlichen Messiasverständnisses und jüdischen Lebens aus der Schrift.

Mit dem Anspruch nach „Rückblick und Aufbruch“ greift die Ausstellung über Luther hinaus: Zum einen, indem sie seine Haltung zum Judentum vor dem Hintergrund ihrer theologischen Vorgeschichte darstellt – denn der tradierte Vorwurf der Verstockung der Juden ist die Blaupause Luthers antijüdischer Schriften. Dabei bleibt Luther eine ambivalente Figur, die in sich unterschiedliche Strömungen vereint, beim frühen Luther eben auch solche, die im Vergleich zum mittelalterlichen Antisemitismus als fortschrittlich bezeichnet werden müssen.

Zum anderen zeichnet sie die unterschiedlichen Facetten der Rezeption des lutherischen Judenbildes in der Frühneuzeit bis zum Nationalsozialismus nach und endet mit „Perspektiven“ einer heutigen christlich-jüdischen Partnerschaft. Damit macht sie deutlich: Die Geschichte Luthers und der Juden ist auch unsere Geschichte.

„Martin Luther und das Judentum – Rückblick und Aufbruch“, 16. 10.–18. 12., täglich von 11–18 Uhr in der Sophienkirche, Große Hamburger Straße 29/30, 10115 Berlin-Mitte
Begleitende Vortragsreihe, jeweils montags vom 16. 11. bis 7. 12, 19.30 Uhr, Sophienkirche, Infos demnächst: http://www.ekbo.de/handeln/martin-luther-und-das-judentum.html
Einführung für Gruppen/Einzelne in die Ausstellung und Begleitung: Helmut Ruppel, Tel: (030)8313813 E-Mail: h.m.ruppel@gmx.de, und Ingrid Schmidt, Tel: (030) 8511908, E-Mail: ille.schmidt@kabelmail.de

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 43/2015.