Das Belächeln hört auf

Stephan Mayer MdB (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, erläutert die Aufgaben des Heimatministeriums.

Von Tilman Asmus Fischer

Herr Mayer, was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Heimat ist für mich auf der einen Seite ein physischer Ort, mit dem man beispielsweise die Erinnerungen an die Kindheit, die ersten Schritte oder das Aufwachsens verbindet. Auf der anderen Seite ist Heimat aber natürlich noch weitaus mehr: der Ort, an dem man sich wohlfühlt, an dem man Freunde und Bekannte hat. Damit ist Heimat ein Ort der Geborgenheit, an dem man sich aufgehoben, verwurzelt und verstanden fühlt.

„Heimat“ ist zudem ein im öffentlichen Diskurs äußerst brisanter Begriff, der sich nun auch im Namen des Innenministeriums wiederfindet. Welche Perspektiven verbinden Sie – als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat – mit dieser Akzentsetzung?

Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass der Zeitpunkt der absolut richtige war und ist, das Bundesinnenministerium um diesen wichtigen Bereich der Heimat zu erweitern. Der Begriff ist ja interessanterweise weit über das bürgerliche, konservative, christliche Lager hinaus ausgesprochen positiv besetzt – im Gegensatz zu anderen Begriffen wie „Leitkultur“ zum Beispiel. „Heimat“ erfreut sich gerade im linken Parteienspektrum großer Attraktivität.

Was entgegnen Sie den Kritikern, welche es jedoch gerade aus diesem Spektrum gibt und die das neue Ressort im BMI belächeln?

Ich möchte prognostizieren, dass in drei, vier Jahren niemand mehr dieses „Bundesheimatministerium“ belächelt, weil gerade in einer Zeit, in der die Globalisierung immer mehr Lebensbereiche betrifft, die Sehnsucht und das Bedürfnis nach Zuordnung, Geborgenheit und Orientierung größer denn je ist. Und vor diesem Hintergrund ist Heimatpolitik nichts Rückwärtsgewandtes und nichts Altertümliches. Es geht bei Heimatpolitik gar nicht um Brauchtums- oder Traditionspflege an sich, sondern um einen ausgesprochen progressiven Ansatz: Nämlich, in Deutschland deutlich mehr dafür zu tun, dass gleichwertige Lebensverhältnisse bestehen – also, dass es hinsichtlich Lebensqualität und Möglichkeiten zur Teilhabe keinen Unterschied machen darf, ob jemand in der Uckermark, im Bayerischen Wald, in Ostwestfalen oder in Hamburg lebt.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Themenfeld „gesellschaftlicher Zusammenhalt“, welches gleichfalls vom BMI abgedeckt wird?

Gerade in der aktuellen Situation, in der unsere Gesellschaft mehr und mehr polarisiert wird, die gesellschaftlichen Fliehkräfte zunehmen, kommt es umso mehr darauf an, dass auch der Staat sich noch intensiver als bisher für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts einsetzt. Dazu gehören beispielsweise auch der interaktive Dialog der Religionen und ebenso die Fortführung sowie Neuaufstellung der Islamkonferenz.

Wie schätzen Sie denn den gegenwärtigen Beitrag ein, den Kirchen und Religionsgemeinschaften zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten?

Auch wenn die Mitgliederzahlen in den beiden großen christlichen Kirchen zurückgehen, bin ich nach wie vor der Auffassung, dass die Religionsgemeinschaften ein enormes verbindendes Element in unserer Gesellschaft sind – unabhängig davon, ob man persönlich gläubig ist oder nicht. Niemand wird leugnen, dass unser Land über Jahrhunderte hinweg durch das Christentum, den Humanismus und die Aufklärung geprägt wurde.

Ist ein solch klares kulturelles Identitätsangebot eher ein Hindernis für Integration oder kann es diese vielmehr auch befördern?

Ich bin durchaus der Überzeugung, dass Menschen sich besser in eine Gesellschaft integrieren, die selbst über ein klares Wertefundament – und gerade auch über ein religiös geprägtes Wertefundament – verfügt. Natürlich ist die deutsche eine pluralistische und tolerante Gesellschaft, aber ich kann nur dann gegenüber Andersgläubigen oder Menschen mit anderen politischen Überzeugungen tolerant sein, wenn ich selbst einen klaren Standpunkt, ein klares Wertefundament besitze.

Eben diese Toleranz scheint gegenwärtig in besonderer Weise gefährdet zu sein. Wie erleben Sie die zunehmende Verschärfung der öffentlichen Debatten?

Auf der einen Seite wird im linksintellektuellen Spektrum unsere Gesellschaft gerne so definiert, dass man beliebig gegenüber allen Einstellungen, allen Lebensformen ist und alles toll findet und nichts mehr hinterfragen muss. Auf der anderen Seite wird im rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Bereich kein Verständnis für eine pluralistische, weltoffene Gesellschaft an den Tag gelegt. Beide Ansichten und Entwicklungen beunruhigen mich, weil sie Eines gemeinsam haben: Den Bürger zu entmündigen.

Inwieweit können Kirchen und Religionsgemeinschaften dazu beitragen, dieser zunehmenden Polarisierung zu steuern?

Von den Kirchen erwarte ich mir, dass sie sich – im Sinne einer Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts – konstruktiv, produktiv mit einbringen und nicht einseitig Partei ergreifen im politischen Diskurs. Mehr noch: Sie sollen in gesellschaftspolitischen Debatten auch die häufig schweigende Mehrheit mitvertreten und sich nicht nur für lautstark agierende Minderheiten verwenden. Von den muslimischen Gemeinschaften und den islamischen Verbänden erwarte ich mir, dass sie konstruktiv dazu beizutragen, dass sich insbesondere auch Bürgerinnen und Bürger muslimischen Glaubens aktiv in die Gesellschaft mit einbringen.

In ähnlicher Form erschienen am 2. August 2018 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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