Heimat fühlen: Brauchtumspflege – Karneval in Köln

Heimat-Begegnungen (5)

Am 11. November wird in Köln traditionell die fünfte Jahreszeit eingeläutet. Auch dieses Jahr wieder mit dabei: Marita Köllner, die die Liveübertragung im WDR zusammen mit Wicky Junggeburth moderiert. Seit 45 Jahren steht sie, zunächst als Büttenrednerin, nun bereits seit Langem als Sängerin, auf der Bühne. Das macht sie zur Spezialistin für das kölsche Brauchtum, insbesondere den „Fastelovend“, der Ausdruck Kölner Heimatgefühls ist. Wie es hierum steht, berichtet sie in dieser Ausgabe der „Heimat-Begegnungen“:

Wäre Köln ohne Karneval für Sie vorstellbar?

Gar nicht vorstellbar! Für uns ist er seit jeher Tradition und wird seit dem Jahr 1823 offiziell organisiert, mit der Gründung des Festkomitees des Kölner Karnevals. Der Karneval ist ein fester Bestandteil dieser Stadt, der letztendlich ausdrückt: kölsche Lebensfreude und Offenheit und Toleranz, die die Stadt ja zu bieten hat. Nicht umsonst kommen auch so viele Fremde nach Köln und fühlen sich hier wirklich sehr, sehr wohl… selbst die Medienvertreter, die wegen der Privatsender RTL und Co. hierhin kamen, sind fast alle hier geblieben.

In vielen kölschen Liedern wird das Veedel (hochdeutsch: das Viertel) besungen – was verbindet sich für einen Kölner hiermit? Und: Wie hat es sich durch die Veränderungen in der Bevölkerung entwickelt?

Ja, das „Veedel“ gibt es nicht mehr so oft. Es ist ein Raritätchen geworden… das Lebensgefühl im Veedel. Es ist doch durch viele Zuwanderer etwas schwieriger geworden. Nicht jeder versteht den Kölner und seine Offenheit. Es dauert halt lange, bis der „Fremde“ merkt, dass man in Köln gerne auch Zugereiste in die Gemeinschaft aufnehmen möchte. Das kommt von Herzen. „Neu-Kölner“ oder Touristen haben oft eine natürliche Barriere… eine Distanz, die der Kölner an sich nicht unbedingt versteht. Der echte Kölsche geht immer mit offenen Armen auf einen zu und das befremdet so manchen Gast dieser Stadt. Sie können zuerst nicht damit umgehen. Diese Erfahrung habe ich schon persönlich sehr oft gemacht. Oft legt sich das aber nach dem dritten Kölsch. Viele können es gar nicht begreifen, dass man hier so warmherzig aufgenommen wird. Einige haben vielleicht schon negative Erfahrungen gemacht und sind erst mal vorsichtig. Die Kölner Südstadt (Vringsveedel), das Eigelsteinviertel, Bickendorf und Nippes, sind noch Veedel im ursprünglichen Sinn, wo man noch den Zusammenhalt der Veedelsbewohner findet – man trifft sich in der Kneipe, jeder kennt jeden, man trinkt ein Kölsch miteinander, man singt zusammen, man weint miteinander, je nach Situation. Man ist für einander da. In der Innenstadt ist der Veedels-Charakter sehr minimiert, weil es halt mehr Geschäfte als Einwohner gibt.

Wenn sich die Stadt auch verändert, denken Sie denn, dass langfristig das Bewusstsein für den Wert des kölschen Brauchtums noch erhalten bleibt?

Das Festkomitee Kölner Karneval ist sehr bemüht, den traditionellen Karneval nicht sterben zu lassen, möchte wieder zu alten Strukturen zurückkommen. Aber es ist sehr, sehr schwierig. Weil z. B. die jungen Nachwuchskünstler, ob Band oder Comedian (früher nannte man das Büttenredner), die jetzt auf die Bühne wollen, vor allem den schnellen Euro sehen. Sie sehen das ein Wenig anders als wir vom alten Schlag. Wir haben damals für 40 DM den Menschen Freude gemacht. Heute fangen die jungen Talente direkt mit Gagenforderungen von 800 bis 1000 Euro an. Ich für meinen Teil kann nur sagen: Ich liebe meine Berufung… mache es aus ganzem Herzen und mit viel Spaß. Geld muss ich auch verdienen… Klar ich lebe davon… Aber im Vordergrund steht für mich: Menschen Freude zu bereiten.

Würden Sie sagen, dass diese Kommerzialisierung schädlich ist?

Ach, ja, ich denke auch. Ich bin da wahrscheinlich – neben Wicky Junggeburth, Prinz Karneval 1993, und Hans Süper (Colonia Duett) und Marie Luise Nikuta, alle drei Mundart-Sänger, eine der wenigen, die das Ganze aus Leidenschaft zum Brauchtum und aus Liebe zu unserer Stadt machen. Wir sind ja bald die letzten Originale hier in Köln. Die Newcomer sind natürlich wichtig, aber die fahren eine andere Schiene – sie sind davon überzeugt, sie müssten jetzt alle Rockmusik anstimmen, weil Brings (bekannteste Kölner Rockband im Karneval) halt mit ihrer Musik sehr viel Geld verdienen, um es mal ganz einfach auszudrücken. Den eigenen Stil suchen sie gar nicht… nur schnell Erfolg haben…

So passt sich der Karneval langsam der alltäglichen Unterhaltung an. Denken Sie denn, dass sich trotz solcher Tendenzen das typisch Kölsche im Karneval erhalten wird?

Ich hoffe, ich kämpfe dafür. Wir (Reiner Hömig vom Studio Bläck Fööss und ich) haben in diesem Jahr ein richtig kölsches, lustiges Lied rausgebracht, das heißt: „Wenn Fastelovend im Sommer wör“. Da wird der ganze Karneval ein bisschen auf die Schippe genommen – wie es in einem Karnevalslied so üblich ist. Diesen Versuch starten wir jetzt. Dieser Enthusiasmus, diese Liebe zum Brauchtum, ich glaube, das stirbt langsam aus. Die Erhaltung der Tradition hat sich die alte Garde auf die Fahne geschrieben. Junge Leute folgen…und wenn sie alle verstanden haben, dat kölsche Tön funktionieren, dann klappt es auch bei den jungen Gruppen wieder mit gefühlvollen Balladen, Walzern und wegen mir auch Rock Musik…
Familien mit urkölscher Tradition, wo auch die Kinder von den Eltern oder Großeltern noch in die kölsche Mundart eingeführt werden, haben einen großen Anteil daran, dass das Brauchtum weiterbestehen kann… Sie nehmen Ihre Kinder von Klein an mit zu den Zügen, singen mit ihnen kölsche Lieder. Die Kleinen saugen die kölsche Lebensart mit der Muttermilch ein! Die Eltern lassen die Kinder am Vereinsleben an den Veedelsvereinen, Familiengesellschaften und Traditionskorps teilhaben… In Kindertanzgruppen und Karnevalisten-Vereinigungen wie der Kajuja (katholische Jugend) oder dem Literarischen Komitee des Festkomitees Kölner Karneval entwickeln sich die neuen Karnevalisten von Morgen… Wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, unser Brauchtum zu erhalten und ohne uns Pänz (Kinder) geht das nicht… Die kölschen Familien leben noch echtes kölsches Brauchtum – im Karneval und auch im Rest des Jahres. Denn das ist wichtig: Der Karneval ist für uns unverzichtbar. Aber unser Brauchtum besteht nicht nur aus Karneval. Wir haben noch viel mehr zu bieten und freuen uns, wenn man auch im Sommer zu unseren traditionellen Straßenfesten kommt. Da feiern wir dann auch ohne Fastelovend.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 11/2012.

Individuum und Kultur zwischen Beheimatung und Verlusterfahrung

Heimat-Begegnungen (4)

Anlässlich einer Buchvorstellung (Dreißig Silberlinge. Das Phänomen Denunziation, Peter Lang, Frankfurt am Main 2012) ist der Warschauer Literatur- und Kulturwissenschaftler Professor Karol Sauerland nach Berlin gekommen – hier treffe ich ihn in der früheren Wohnung seiner Eltern zu einem Gespräch über das Heimisch-werden bzw. Beheimatet-sein des Einzelnen und deren kulturelle Konsequenzen:

Als wir uns das erste Mal unterhielten, hielten Sie in Hannover einen Vortrag zum Thema „Identität, Integration und Divergenz“ – inwiefern ist Heimat mehr als nur Lebensraum im physischen Sinne, sondern prägend für die Identität des Einzelnen?

Bei mir ist die Frage immer, mit wem man es zu tun hat, mit welcher Bevölkerungsschicht: Es gibt Menschen, die in ihren kleinen Orten ganz zufrieden sind und auch gar nicht weg wollen, dann gibt es Menschen, die sich nur in Großstädten wohlfühlen und einige, die keine große Verbindung zu der jeweiligen Region haben – vielleicht eine Verbindung zu ihrer Bibliothek oder zu ihren anderen beruflichen Einrichtungen. Gleichwohl besteht die Gefahr, wenn man den Heimatbegriff so weit führt, dass er dadurch auch verwässert wird, denn es führt zu der Begriffsbestimmung: An welchem Ort fühle ich mich wohl? Wobei ‘Ort‘ eben diese Dinge und Einrichtungen sein können, die ich eben genannt habe.

Aber Sie würden dennoch für einen Heimatbegriff plädieren, der das Subjekt und seine persönlichen Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Folgt daraus nicht auch, dass sich jeder Mensch vielmehr erst selbst seine Heimat schafft, als dass er die Umgebung, in die er hineingegeben wird, einfach nur annimmt und sich selbst in diese hineinfindet?

Ja, wenn man es historisch sieht, ist natürlich das Hineingeboren-sein und Sich-damit-abfinden-müssen oder -wollen oder das Gar-nicht-infrage-stellen des Geburtsortes das ältere Modell. Die unerhörte Beweglichkeit, die zumindest die westliche Welt kennzeichnet, war ja vorher die Ausnahme; es waren wenige, die beweglich sein konnten. Heute gibt es viele – ich würde sagen, all meine Bekannten würden sich über Unbeweglichkeit wundern. Jedoch auch heute, glaube ich, werden die meisten Menschen in ihr Gebiet hineingeboren, ohne es später in Frage zu stellen. Aber ob sie sich nun dort wohlfühlen, das ist wiederum eine subjektive Sache. Ich bin nun auch in gewissem Sinne Historiker und nehme immer gern zur Kenntnis, wie Menschen in älteren Zeiten weg wollten von dem Ort, an dem sie lebten; ein besonderes Schicksal hatten die Frauen, die sich in Männerkleidern durch die Welt begeben, also eine Mimikry spielen mussten. Aber das ist wohl nicht das Thema…

… jedoch ganz interessant, wenn man sich überlegt, dass bis heute umso mehr über Heimat gesprochen wird, je flexibler die Menschen erzwungenermaßen sein müssen.

Ja, das ist ein Charakteristikum: Wenn etwas verloren geht, wird viel darüber gesprochen; zum Beispiel im Augenblick, wo die Naturzerstörung große Ausmaße annahm, nämlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, beginnt die Naturschwärmerei der Romantiker. Und ich bringe das in Verbindung damit, dass sie eine Vorausahnung dessen hatten, was geschehen wird, dass nämlich die Fabriken entstehen, die Schlote, dass schließlich die Natur immer weniger wird. Außerdem war noch ein besonderes Problem während der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, dass Deutschland unerhört entwaldet worden war; daher entstand auch diese Sehnsucht nach dem Wald. Also das ist sicher ein wichtiges Merkmal, dass der Heimatbegriff mit der Industrialisierung stärkere Aufmerksamkeit gewinnt. Nun muss man aber auch sagen, dass der Heimatbegriff infolge der Zwangsumsiedlungen und Zwangsvölkerwanderungen wiederum aufgewertet wurde und aufgewertet werden musste, weil es eben viele Opfer des Heimatverlustes gab.

In besonderer Weise haben Sie sich mit den ostpolnischen Vertriebenen beschäftigt. Wenn in Deutschland über Vertreibungen nach dem zweiten Weltkrieg gesprochen wird, ist das Bild, welches man vor Augen hat, geprägt vom Eindruck der deutschen Vertriebenen. Gibt es Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, die helfen, das Verständnis des Themenkomplexes auszudifferenzieren?

Nach meiner Meinung sind die Unterschiede groß. Ich habe einmal eine gewisse Zeit in Südpolen an der tschechischen Grenze während des Urlaubs Studien betrieben und mich dann auch später immer wieder dafür interessiert. Dort haben die Vertriebenen aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten sich überhaupt nicht zuhause gefühlt. Aber sie haben sich deswegen, so meine Auffassung, nicht zuhause gefühlt, weil es keine Verbände für sie gab; nicht mal einmal pro Jahr konnten sie sich treffen und über ihre Heimat miteinander sprechen, in ihrem Dialekt oder ihrer Mundart, und ihre Lieder singen – das war noch eine Zeit, wo das Lied eine große Bedeutung hatte. Sie konnten sich nicht treffen, weil Vertriebenenverbände oder Heimatverbände, die Benennung ist nicht wichtig, nicht erlaubt waren. Sie hatten sich dem neuen sozialistischen System unterzuordnen und durften auch gar nicht sagen, dass sie vertrieben worden seien. Im Grunde genommen sehnten sie sich zurück; gerade auch ältere Menschen, die meinten, hier könnte man nicht begraben liegen und die am liebsten, wie die Elefanten, zurückgegangen wären und sich dort, wo sie geboren wurden, niedergelegt hätten, um dort zu sterben und begraben zu werden.

Hat die fehlende Thematisierung von Heimat für die ostpolnischen Vertriebenen auch Einfluss auf den Heimatbegriff der gesamten polnischen Bevölkerung – ist das Heimatverständnis in Polen ein anderes als in Deutschland?

Ich beobachte zum Beispiel ein ganz anderes Wahlverhalten im heutigen Ostpolen, das immer Polen war, wo die Menschen eine hundertjährige Tradition des Bewohnens eines Ortes haben; diese Gebiete wählen nach deutschen Begriffen immer konservativ, während die neuen Gebiete, die ehemals deutsch waren, sehr leicht postkommunistisch wählen. Und das ist für mich eine Verkörperung auch des Heimatbegriffes, das heißt: Die beheimateten sind konservativ, sie wollen das so haben, wie es ist, wie sie es eben immer hatten; und sie sind dann auch konservativ in ihren Familienauffassungen, die ganze Frage der Homosexualität wäre ihnen fremd. Ob nun gerade die Leute, die die Postkommunisten wählen, (Professor Sauerland schmunzelt) in Fragen der Homosexualität eine andere Auffassung haben, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall sind sie der jeweiligen sich fortschrittlich gebenden Gruppierung, was auch immer fortschrittlich heißt, zugetan. Sie sind nach meiner Meinung weniger beheimatet – eine sehr kühne These, aber die würde ich auch verteidigen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 8/2012.

Visualisierungen – Heimat ausstellen

Heimat-Begegnungen (3)

Innerhalb der Reihe „Heimat-Begegnungen“ werden sich diese und zwei folgende Gespräche mit der Frage beschäftigen, wie sich Heimat visualisieren und intellektuell greifbar machen lässt und welche Rückschlüsse die möglichen Visualisierungen wiederum auf das Phänomen ‘Heimat’ zulassen. In den vergangenen Monaten zeigte das Zentrum gegen Vertreibungen im Berliner Kronprinzenpalais seine Ausstellungstrilogie „HeimatWeh“; ein guter Anlass sich vor Ort mit der Kuratorin, Dr. Katharina Klotz, darüber zu unterhalten, wie sich Heimat museal präsentieren lässt:

Der Titel der Ausstellungstrilogie ist bemerkenswert, hebt er sich doch von dem gewohnten Begriff „Heimweh“ ab.

Heimatweh ist nicht Heimweh, weil Heimweh bedeuten würde, dass man noch eine Option hätte, zurückzukehren, aber Heimatweh ist die große Frage der Sehnsucht nach etwas, wohin man nicht mehr zurück kann. Dennoch werden sich diejenigen, die selbst vertrieben worden sind, in der Ausstellung wiederfinden, in diesen wunderbaren Ortsfotografien, topographischen Abbildungen und auch in den Platzbeschreibungen. Wir haben z. B. für die Gestaltung des ersten Teils – „Erzwungene Wege“ – eine schwarz-weiße Ästhetik gewählt.

Wie genau stellt sich denn das Konzept des ersten Teils „Die Gerufenen“ dar?

Das Konzept dieser Ausstellung ist, dass wir für jede Abteilung Bild- und Kartenmaterial anbieten, sowie einen Einführungstext, der auch weniger bekannte historische Fakten präsentiert. Wir haben uns für die „Gerufenen“ – also den Teil über die deutsche Osteuropabesiedlung – acht Großgebiete herausgesucht, zu Anfang beispielsweise Böhmen und Mähren, aber zur Erläuterung der Siedlungsgeschichte nicht immer den chronologischen Ansatz ausgewählt, sondern Dynamiken: Mit der Frage „Was war jeweils für diese Region entscheidend? Für Böhmen und Mähren war es die Bäderkultur.

Wie ist es Ihnen gelungen, unabhängig von diesen individuellen Landschaften und den Schicksalen, die in den beiden späteren Ausstellungeinheiten – „Erzwungene Wege“ und „Angekommen“ – zur Sprache kommen, die einzelnen Module der Ausstellung zu umklammern?

Der Titel der Ausstellung bildet den inhaltlichen und gestalterischen Schwerpunkt der Verbindungselemente der drei Ausstellungsteile. Als Kontrast zu den faktenreichen Bild-Text-Tafeln bestehen sie aus großflächigen Bildcollagen. Gleichmäßig über alle drei Teile gestreut, bilden sie einen roten Faden, der die verschiedenen Facetten des „Heimatwehs“ verbindet. Dabei geht es nicht um weitere Informationsvermittlung, vielmehr schaffen diese „Emotionscollagen“ eine poetische Ebene, ein Erinnern an Atmosphäre, Texturen, Räume, Landschaften und Gemeinschaftserlebnisse. Sie zeigen den Wunsch nach Sinnstiftung durch Erinnerung, auch wenn die lebensgeschichtliche Verortung durch Heimatverlust einen Bruch erfahren hat. Man steht davor und fragt sich tatsächlich: Ist es der deutsche Wald, ist es der Ammersee, was ist es, was meine Heimat ausmacht? Das ist die Funktion dieser Emotionscollagen und ich glaube, das spricht sehr viele an, auch sehr viele Vertriebene.
Dennoch: der Wert der gesamten Ausstellung für die Vertriebenen ist letztlich, dass die Kuratoren alle Orte bereist haben. Das Kuratoren-Team hat seit 2006 alle ostdeutschen, ostmitteleuropäischen Gebiete angesteuert und für die deutschen Heimatvertriebenen Bilder hervorgeholt, Exponate geliehen und weitgehende Recherche in den Museen betrieben. Dadurch entsteht die Tiefenschärfe der Ausstellungstafeln. Das ist die Wertfindung für diejenigen, die hier Heimat suchen, dass wir das, was für sie ganz wichtig ist, hier in die Mitte Berlins bringen. Nehmen wir Siebenbürgen: Da haben wir eine Dynamik; der bäuerliche Reichtum auf den Märkten war entscheidend für die Prosperität dieser Städte, und das sieht man am Quellenmaterial, an diesen Fotografien; zum Beispiel von Sibiu (Hermannstadt) – mittendrin der Marktplatz mit diesem wunderbaren Rathaus. Die Fotos sprechen für sich, ebenso wie die Exponate, z. B. die Blaumodeln der Donauschwaben. Was bedeutet das eigentlich: Banat, Batschka? Heimat? Das einmal zum Thema zu machen für die Nichtvertriebenen, das hilft den Vertriebenen, glaube ich, sehr.

So wie Ihnen die Visualisierung von Heimat gelungen ist, standen Sie auch vor der Aufgabe, Heimatverlust und die Ankunft in West- und Mitteldeutschland unter dem Eindruck der Sehnsucht nach Heimat zu visualisieren. Welche Exponate wählt man für eine Ausstellung, die Heimat gerade nicht als etwas Präsentes ausstellt, sondern ihr als dem abwesenden Verlorenen begegnet?

Die Ausstellung ist – das muss man schon so sagen – eine spröde Ausstellung, es ist eine Tafelausstellung. Wir haben viel Text, wir haben viel Kartenmaterial, wir haben weniger Exponate als in den vorangegangenen Ausstellungen; das kann man natürlich bemängeln. Dafür arbeiten wir jedoch bei der Auswahl der Artefakte verstärkt exemplarisch: Immer wenn man an Flucht und Vertreibung denkt, hat man diese unglaublichen Haufen von Koffern, „Fluchtkoffern“, vor Augen. Hier haben wir exemplarisch eine Kiste ausgestellt von einem Mann aus dem Egerland. Der hatte sich diese Kiste eigentlich für seine Lexika-Sammlung gezimmert. Als er wusste, dass er weg musste, hat er sie nicht mehr für seine Lexika verwendet, sondern für sein Fluchtgepäck. Dann sieht man noch auf der Kiste den Aufkleber für den Zugtransport nach Thüringen. Dieser Koffer bündelt, was es bedeutete, alles zurückzulassen und nur mit so einer kleinen Menge Gepäck aufzubrechen.
Mein Lieblingsexponat allerdings stammt aus Neutraubling. Es wurde, was man zunächst gar nicht erkennt, aus Resten eines Flugzeug-Cockpits gefertigt – man muss dazu Folgendes sagen: Viele Flüchtlingslager waren zuvor Kriegsgefangenenlager gewesen: Eine Mehrfachnutzung fand so auch in Neutraubling statt. Ab 1938 war das Gelände eine Produktionsanlage der Luftwaffe, dann wurden russische Kriegsgefangene dort untergebracht. Ab 1945 waren Flüchtlinge dort ansässig. Die Vertriebenen haben aus den Flugzeugteilen, die dort übriggeblieben waren, notwendige Gebrauchsgegenstände gefertigt. Eben auch diese Monstranz, deren Kernstück ein Cockpitinstrumentarium ist.

Schlussendlich: Wirkt die Ausstellung, indem sie bestimmte Topoi von Heimat und Heimatverlust präsentiert, nicht auch identitätsstiftend für die Gemeinschaft der deutschen Heimatvertriebenen?

Die Frage nach dieser Gemeinschaftsidentität ist eine geschichtstheoretisch brisante Frage; das zeigt sich beispielsweise an der Konzeption des – für diese Ausstellung neu geschaffenen – Personentableaus im Themenbereich „Erzwungene Wege“: Man findet hier Porträts von bekannten Persönlichkeiten, Vertriebenen und ihren Nachfahren, und kann diese aufklappen, um ihre Biografie zu lesen. Wir haben natürlich ein bisschen auf den Promifaktor gesetzt: Harald Schmidt, Heinz Erhardt, Margot Käsmann,… Ein Mitglied des wissenschaftlichen Beirates fragte mich in einer Sitzung: „Glauben Sie nicht, dass ein Wir-Gefühl falsch am Platze ist?“ – Darf man als Historiker Personen zusammenzuwürfeln, die nicht gefragt wurden, ob sie zu dieser Gemeinschaft gehören wollen?
Ich finde es schon wichtig, zu zeigen: Woher kommen die Leute? Und gibt es diese gemeinsame Wurzel? So ergibt sich ein neues Nachdenken über die Thematik; daher funktionalisieren wir diese Menschen nicht, sondern fragen Sie zum Thema Heimat.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 7/2012.

Heimat Großstadt – (West-)Berlin

Heimat-Begegnungen (2)

In Berlin-Charlottenburg betreibt Ramona Azzaro seit 27 Jahren das Restaurant „Marjellchen“, das sich durch traditionelle ostdeutsche Küche der Spitzenklasse auszeichnet – eine Erfolgsgeschichte: ohne Reservierung hat man kaum Chancen, einen Tisch zu erhalten. Die Gastronomin ist jedoch nicht nur engagiert, ostdeutsche (Ess)kultur zu bewahren; sie hat auch einiges zu sagen über das Lebensgefühl der Großstadtmenschen, die sie über Jahrzehnte in Berlin beobachten konnte – so habe ich mir einen Tisch reserviert, um auf Spurensuche nach Heimat in der Metropole zu gehen:

Bevor Sie das „Marjellchen“ eröffneten, haben Sie die Gastronomie des Kabaretts „Die Wühlmäuse“ betrieben – insofern sind Sie also ein West-Berliner Urgestein, wenn man das so sagen darf?

Das kann man so sagen, ja, ich bin hier im britischen Sektor von West-Berlin aufgewachsen mit Frontstadtmentalität und Günther Neumann und seinen Insulanern, dem berühmten Rundfunkkabarett, mit der ganzen Situation vor dem Bau der Mauer, der Befürchtung, dass wir von den Russen eingenommen werden könnten und so weiter; ich habe den Mauerbau ja miterlebt, da war ich zwölf Jahre alt. Ich bin schon, wie man sagen könnte, eine gelernte West-Berlinerin.

Konnte West-Berlin denn für Sie, die Tochter einer westpreußischen Mutter und eines italienischen Vaters, auch Heimat werden?

Ja selbstverständlich, natürlich, Berlin ist meine Heimat. Klar, ich bin hier aufgewachsen, das ist meine Heimat und ich habe mich immer nur mit dem ‘deutschen Kulturkreis’ verbunden gefühlt – und dazu gehört eben für mich auch die Heimat meiner Großmutter. Meine Urgroßeltern mütterlicherseits stammen zu einem Teil aus Ostpreußen, zum anderen Teil aus Schlesien; also der sogenannte ‘deutsche Osten’ gehört irgendwie auch mit dazu.

Vielleicht ist es ja gerade ein Merkmal der urbanen Heimat, dass jeder seine eigenen Hintergründe und Kontexte in sie mitbringt und einlesen kann. Sie sehen demnach in Berlin vor allem die preußische und die ostdeutsche Tradition, die Sie mit den Regionen östlich von Oder und Neiße verbindet.

Natürlich, unsere Wiege steht ja in Ostpreußen, und Berlin und Ostdeutschland waren ja immer eng miteinander verbandelt; nicht wahr, früher hieß es, jeder Berliner kommt aus Posen oder Westpreußen oder Ostpreußen, Schlesien und so weiter. Das ist ja im Grunde genommen heute ähnlich, nur heute sind es eben keine Deutschen mehr, die aus diesen Gegenden kommen, sondern Polen.

Der Soziologe Dr. Eberhard Reusse vertritt die Position, dass „die städtischen Bevölkerungen […] sicherlich ein weniger vitales Heimatbewusstsein haben als die ländliche Bevölkerung“ (Heimat-Begegnungen, Nr. 1, DER WESTPREUSSE 5/2012). Können Sie dieser Aussage als Städterin und geborene Berlinerin zustimmen?

Nein, im Wesentlichen nicht. Ich kenne viele Berliner, auch zugezogene, die sich absolut mit Berlin verbunden fühlen und Berlin als ihre Stadt und ihre Heimat betrachten, und das empfinde ich als Heimatverbundenheit. Auch wenn man gerne ins Ausland fährt oder irgendwo nach Sylt oder wo auch immer, aber Berlin ist Heimat und eine schöne Stadt.

Wenn Sie sagen, West-Berlin war Heimat, war Ihre Heimat: Wie konnte gerade unter dem Gefühl der Bedrohtheit als ‘Insel’ im ‘roten Meer’ West-Berlin Heimat werden und ein West-Berliner Menschenschlag entstehen?

Wir waren hier ja, wie gesagt, Frontstadt, wir hatten alle das Gefühl auf der richtigen Seite zu sein. Wir haben ja die vielen Flüchtlingsströme hautnah miterlebt, nicht wahr: 1961 im Sommer waren es ja täglich mehr als 3.000 Menschen, die sich hier in Marienfelde gemeldet haben. Tja, West-Berlin, natürlich hatten wir eine eigene Mentalität, so wie ja die DDR-Bürger auch von ihrer DDR-Mentalität sprechen. Aber insgesamt hörte Berlin für mich nie am Brandenburger Tor auf; ich habe immer den Platz hinter dem Brandenburger Tor genauso zu Berlin gehörig empfunden, wie den Platz auf unserer Seite – und ich gehöre zu den wenigen Menschen, die immer an die Wiedervereinigung geglaubt haben. Ich habe mich dafür sehr oft auslachen lassen müssen. Aber es war nicht nur der Wunsch da, sondern auch die Überzeugung, dass wir das noch erleben werden.

Bei aller Freude über die Wiedervereinigung: Ist dadurch nicht auch West-Berliner Heimat bzw. Identität verloren gegangen? Oder lebt West-Berlin fort – wie man ja auch allgemeinhin sagt, dass die Wiedervereinigung noch nicht in den Köpfen aller Menschen angekommen ist?

Ja, das kann man beinahe so sagen. Ich bin nachwievor glücklich über die Wiedervereinigung, auch unserer Stadt, aber natürlich ist es deutlich, dass wir in vielerlei Hinsicht auch nach 20 Jahren immer noch in gewisser Weise eine geteilte Stadt sind. Es ist zwar für die jüngere Generation einfacher, aber es gibt doch immer noch Unterschiede in der Mentalität und manchmal denk ich natürlich, ach, unser schönes altes West-Berlin, aber das bedeutet nicht, dass ich dem nachtrauere – ich bin schon sehr froh darüber, dass wir eben wieder eine Stadt sind, so wie es ja die Insulaner sich immer gewünscht haben mit dem Refrain ihres Insulaner-Liedes, der ja damit endete: „Der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder’n schönes Festland wird.“ Und darüber bin ich froh und glücklich.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer

Das „Marjellchen“ befindet sich in der Mommsenstraße 9, 10629 Berlin; http://www.marjellchen-berlin.de

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 6/2012.

Agrargesellschaften und die internationale Politik

Heimat-Begegnungen (1)

In den kommenden Ausgaben soll eine lockere Reihe von „Heimat-Begegnungen“ erscheinen. Es handelt sich um Begegnungen mit Persönlichkeiten, die auf Grund ihrer Tätigkeiten und Erfahrungen ‘Heimat‘ aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten; so sind es gleichzeitig auch Begegnungen mit dem Phänomen ‘Heimat‘, das es in der Vielfältigkeit seiner Dimensionen es zu erschließen gilt.
Die Gesprächsreihe beginnt mit Dr. Eberhard Reusse, den ich in Dortmund traf – der Soziologe war als Entwicklungsökonom u. a. für die Vereinten Nationen in einer großen Zahl von Entwicklungsländern tätig; er spricht über die Bedeutung von Heimat für agrarische Gesellschaften und die daraus erwachsenden Herausforderungen an die internationale Politik:

Sprachwissenschaftler vertreten die Meinung, dass der Begriff „Heimat“ ausschließlich in der deutschen Sprache existiere – dennoch empfinden auch Menschen anderer Zunge emotional ‘Heimat‘. Welche Bedeutungen kann Heimat jenseits ‘unserer Kultur‘ annehmen?

Ich setze voraus, dass alle Menschen auf der Welt Heimat empfinden können, obwohl die städtischen Bevölkerungen, und die sind ja in vielen vor allem westlichen Ländern in der Mehrzahl, sicherlich ein weniger vitales Heimatbewusstsein haben als die ländliche Bevölkerung. Ich würde sagen, je geringer der städtische Bevölkerungsanteil ist, umso stärker ist das Heimatgefühl verwurzelt, umso empfindlicher werden die Menschen reagieren, wenn ihre Heimat auf dem Spiel steht. Daher glaube ich, dass man in den momentan international nicht gängigen Sprachen der ehemaligen so genannten Dritten Welt ganz sicher auf Worte stoßen wird, die sich vielleicht noch wesentlich vitaler mit dem befassen, was wir als Heimat bezeichnen.

Bedeutet also der zunehmende Verlust an Lebensqualität für die Bevölkerung vorurban-agrarisch geprägter Kulturräume bzw. für indigene und traditionsbewusste Völker eine Einschränkung des Rechtes und der Möglichkeit eines jeden Menschen, in seiner Heimat zu leben?

Aber ganz sicher und ich glaube auch, dass diese Bevölkerung noch viel erbitterter für ihre Heimat streiten wird als die städtische Bevölkerung; denn der großstädtische Mensch hat sich schon sehr an ein äußerst mobiles und auch weniger an kulturelle Normen gebundenes Leben gewöhnt – er ist viel austauschbarer geworden. Und daher kann ich mir vorstellen, dass er noch nicht einmal genug Verständnis für die Bedeutung von Heimat für den nicht großstädtischen und, sagen wir einmal, nicht westlichen Menschen hat. Und ich glaube, dass das zum Beispiel auch dazu beiträgt, dass unser Verständnis von der Wurzel des internationalen Terrorismus noch so gering ist, der eigentlich wohl darum besteht, dass städtisch bestimmte Denkweisen sich auf Eingriffe in fremde Kulturen eingelassen haben, ohne zu begreifen, welche Art von empfindlicher Bedrohung und Verzweiflung das in diesen Kulturen auslöst.

Also wäre in diesem Sinne ein behutsamer Umgang mit der Heimat außereuropäischer Völker eine Form der Konflikt- und Kriegsprävention?

Aber ganz sicher. Heimatschutz heißt auch gleichzeitig Respekt vor anderen Kulturen, der uns in den letzten Jahren sehr stark abgegangen ist. Und ich glaube, wir besinnen uns langsam darauf, wie wichtig er für den Weltfrieden und für eine glückliche Menschheit ist.

Was können denn die europäische, internationale Politik und international tätige Organisationen dazu beitragen, für – vor allem außereuropäische – Gesellschaften ihre Heimat lebenswert zu erhalten?

Ja, ich glaube, wir haben nach dem letzten Krieg in sehr gutem Instinkt und mit guten Vorsätzen die Vereinten Nationen aufgebaut, ein eigentlich noch nie dagewesenes weltweites System zur Erhaltung des Friedens. Und ich glaube, wenn dieses System nicht hauptsächlich durch die größte Supermacht so stark in Frage gestellt, zum Teil boykottiert und zumindest sehr geschwächt worden wäre in ihrem Prestige, dann hätten wir uns viel Blutvergießen und viele Kriege ersparen können in den letzten 20, 30 Jahren. Also, das heißt, wir müssen die internationalen Institutionen unterstützen, ebenso wie die regionalen Institutionen innerhalb des internationalen Systems – wie zum Beispiel die Europäische Gemeinschaft –, welche einen Rahmen abgeben, innerhalb dessen der Egoist und der Brutale, der sich ausdehnen möchte, der in andere Kulturen einbrechen will, in Zaum gehalten wird. Das ist durchaus möglich. Das System wurde bereits nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen und es ist schade, dass so viel wertvolle Zeit versäumt und das ganze System sehr geschwächt worden ist. Wir müssen es wieder stärken und auch so einrichten, dass es nicht wieder außer Kraft gesetzt werden kann.

Zählen Teile der globalisierten Märkte und Großunternehmen auch zu diesen „Egoisten“ und „Brutalen“, die eine Gefährdung für die Heimat vieler Völker darstellen?

Ja, das ist richtig. Wir sprechen ja meistens in diesem Zusammenhang immer von staatlichen Eingriffen, Kriegen und dergleichen, aber im privaten Bereich haben wir ebenfalls diese Usurpatoren, diese Inversoren, die eben mit Kapital und zum Teil auch Korruption in andere Gemeinschaften einbrechen und die Heimat dort gefährden, zerstören bzw. die Menschen von ihren Landstrichen verdrängen, weil sie gebraucht werden für Massenproduktion der internationalen Corporations usw. Das kennen wir, es gibt ja viele Konfliktpunkte auf dem Gebiet und ich glaube, das muss man auch anpacken und muss zu internationalen Abkommen finden, die diese Eingriffe begrenzen und hier für die Bevölkerung überall in der Welt das Recht auf Heimat etablieren und schützen.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 5/2012.
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Auf ein Wort – Die grüne „Heimat“-Debatte

Mit großem Interesse las ich vor wenigen Wochen ein Interview mit der grünen Fraktionsvorsitzenden des bayerischen Landtages, Margarete Bause; hieran anknüpfende Recherchen im Internet ergaben, dass schon seit einiger Zeit innerhalb der Grünen eine rege und kontroverse Debatte über „Heimat“ geführt wird, von dem bisher wenig in die Öffentlichkeit getragen wurde – leider!

Denn ich bin überzeugt, dass diese Diskussion sehr fruchtbar verlaufen wird, wozu ein konstruktiver Dialog zwischen organisierten Vertriebenen und Grünen einiges beitragen kann.

Von einem solchen Gedankenaustausch könnten beide Seiten profitieren, wenn sie bereit sind, sich mit den Schwerpunkten ernsthaft auseinanderzusetzen, die den Heimatbegriff ‘der Grünen‘ und ‘der Vertriebenen‘ prägen.

Der Heimatbegriff der Heimatvertriebenen ist sicherlich geprägt zum einen durch die Auffassung der Heimat als Menschenrecht, zum anderen durch eine sehr konkretes Bild von Heimat, das sich speist aus Erinnerungen an die Zeit vor 1945 und dem Kulturerbe, als dessen Wahrer man sich versteht.

Den Charakter des grünen Heimatbegriffs zu umreißen, fällt schwer, da er gerade erst dabei ist, sich herauszukristallisieren. Bereits jetzt kann man jedoch, glaube ich, feststellen, dass er im Vergleich abstrakter und ganzheitlicher ist: Die höhere Abstraktionsfähigkeit ermöglicht stärker Anschlüsse an unterschiedliche Ebenen (politischer Gestaltung), z. B. Ökologie.

Womöglich mag der Heimatbegriff ‘der Vertriebenen‘ einigen Grünen beengend, wiederum derjenige ‘der Grünen‘ manchen Vertriebenen zu indifferent oder ‘verkopft‘ erscheinen. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht gegenseitig von den Perspektiven des anderen profitieren kann, wenn man sich über die Schlüsse und Erkenntnisse austauscht, die sich aus dem je eigenen Herangehen an die Thematik ergeben.

Daher wünsche ich uns allen und fordere dazu auf, dass wir mit Interesse und Offenheit aufeinander zugehen und uns einer konstruktiven und (selbst)kritischen Diskussion stellen.

Tilman Asmus Fischer
Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen

Heimat-Onlinedebatte des grünen Landesverbandes Schleswig-Holstein: http://www.sh.gruene.de/cms/default/rubrik/18/18471.onlinedebatte_zum_thema_heimat.htm
Ergebnisse des grünen Heimat-Kongresses in Bayern:
http://www.gruene-fraktion-bayern.de/themen/kultur/heimat

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 3/2012