Heimatpolitik – Erika Steinbach zum 70. Geburtstag

Heimat-Begegnungen (9)

In diesen Tagen vollendet die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach MdB, ihr 70. Lebensjahr. Wie kaum eine andere politische Größe hat sie in den vergangenen beiden Dekaden Einfluss auf den Diskurs um den ostdeutschen Heimatverlust genommen. Grund genug, mit ihr über Heimat als Motiv politischen Engagements und die politische Zukunft der Heimatarbeit zu sprechen.

Seit zwei Jahrzehnten sind Sie als Partei- und Verbandspolitikerin auf Bundesebene aktiv. Wenn wir einmal vom politischen Tagesgeschäft absehen, was bedeutet Ihnen Heimat persönlich?

Heimat ist für mich ein Ort der Geborgenheit, der Vertrautheit. Und für mich ganz persönlich ist Heimat emotional am Ende immer meine Mutter gewesen. Sie war der konstante Punkt. Wir waren ständig unterwegs: Von Westpreußen über die Ostsee nach Schleswig-Holstein, dann Berlin, dann Hanau und jetzt Frankfurt. Vor allem meine ersten Lebensjahre sind geprägt vom ständigen Wechsel. Und da war mein Heimatgefühl auf meine Mutter fokussiert. Sie war, wie in so vielen Familien, in denen die Männer noch in Kriegsgefangenschaft waren, diejenige, die unsere Familie zusammengehalten hat. Das habe ich aber nach ihrem Tod erst wirklich gespürt.

Insofern spiegelt sich in Ihrem persönlichen Schicksal die Gesamtproblematik des deutschen Vertriebenenschicksals. Wann wurde das Bewusstsein hierfür Motivation zu politischem Engagement in Sachen Heimat?

Mein Engagement begann eigentlich erst, als ich in den Bundestag gewählt und gefragt wurde: „Wollen Sie in der Gruppe der Vertriebenen der CDU/CSU-Fraktion mitarbeiten?“ Ich war bereits Mitglied der Union der Vertriebenen in der CDU und so habe ich selbstverständlich zugesagt. In Frankfurt engagierte ich mich damals sehr für den deutsch-jüdischen Dialog und bin seit dem auch Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Zu dieser Zeit begegnete mir einmal eine alte Dame, die sagte: „Frau Steinbach, sie kümmern sich immer um die jüdischen Schicksale. Sie sollten sich aber auch einmal um die Schicksale der Vertriebenen kümmern.“ Und sie erzählte mir, wie sie einem jungen Journalisten erstmals berichtete, was sie im Krieg erleben und erleiden musste. Daraufhin erwiderte der Journalist nur flapsig: „Hat ihnen aber doch nicht geschadet. Sie sind ja über 80 Jahre geworden.“ Das fand ich so entsetzlich, dass ich mir dachte: Da muss man sich engagieren, um deutlich zu machen, was Menschenwürde und Menschenrechte sind. Und was Deutschen, die geographisch einfach auf der falschen Seite gelebt haben, widerfahren ist.

Hierüber kann man sich in den ostdeutschen Landesmuseen und den Ausstellungen der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ informieren. Erhalt und Ausbau der Museen bzw. die Stiftungsgründung waren Kernthemen der Vertriebenenpolitik und Ihres persönlichen Einsatzes in den vergangenen Jahren. Neben diesen großen Institutionen bestehen unzählige Heimatstuben und -sammlungen als Erinnerungsorte an die ostdeutsche Heimat und die Vertreibung. Demographische Entwicklungen stellen viele von ihnen vor existenzielle Probleme. Was empfiehlt der Bund der Vertriebenen den Trägern zu tun, wenn Heimatstuben nicht mehr fortgeführt werden können?

Sehr häufig werden die Heimatstuben mit hoher persönlicher Hingabe von Einzelpersonen geführt. Wenn diese ihr Engagement nicht fortführen können, besteht die Gefahr, dass die Angehörigen gleich alles in den Müll entsorgen. Eigentlich haben wir als Verband keinen Zugriff auf diese Sammlungen, da es sich um Privatinitiativen handelt. Aber wir empfehlen, die Stücke entweder ins Bundesarchiv zu übergeben oder den Landsmannschaften zur Verfügung zu stellen. Auch hat sich auf unsere Anregung hin das Bundesinstitut in Oldenburg mit der Thematik beschäftigt und eine Handreichung vorgelegt.

Solche Publikationen und etwa der Baubeginn für das Dokumentationszentrum der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sind wichtige Zeichen dafür, dass die Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit nicht nur aus der Vergangenheit lebt, sondern bewusst ihre eigene Zukunft gestalten kann. Was ist Ihre Vision für Vertriebenenpolitik im 21. Jahrhundert? Was sind Herausforderungen und Chancen der ostdeutschen Heimatarbeit?

Unabhängig davon, dass noch sehr viele Zeitzeugen leben, die unter ihren Traumata leiden, und die Forschung ergeben hat, dass auch die Kinder und Enkel traumatisch geprägt sind, wird die zentralen Aufgabe sein, das kulturelle Erbe zu bewahren, auszubauen und ins Bewusstsein zu rufen. Darauf legen schon heute die meisten Landsmannschaften einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie sind die originären Träger; sie haben die beste Kenntnis von den Heimatorten und eine so innige Verbindung zu ihnen. Diese übertragen sie oft nicht auf die Kinder – die manchmal keine Lust haben –, aber auf die Enkelkinder, weil diese oft neugieriger sind.

Denken Sie, dass die Vertriebenenverbände unter den Jüngeren auch verstärkt Menschen gewinnen können, die keinen familiären Bezug zum historischen Ostdeutschland und den deutschen Siedlungsgebieten in Ostmitteleuropa haben?

Der BdV sagt: Jeder kann Mitglied werden, der sich der Thematik zuwendet. Und vor dem Hintergrund des Generationswechsels sollten wir alles daran setzen, offen auf die Menschen zuzugehen. Es gibt leider auch Gruppen in unserem Verband, die sich absetzen und immer nur untereinander reden. Das kann helfen und tröstend wirken, wenn man viele traumatische Erfahrungen hatte, trägt aber nicht dazu bei, dass wir andere für das Thema interessieren. Da sind gerade die Schulen als Multiplikatoren unverzichtbar.

In den vergangenen Jahren waren es vor allem die Unionsparteien, die sich in vertriebenenpolitischen Fragen etablierten und damit dieses Politikfeld dominieren konnten. Besteht Hoffnung, dass sich zukünftig auch ein breiteres politisches Spektrum für diese Fragen aufgeschlossen zeigt?

Es kommt auf die einzelnen Personen an, mit denen man an der Parteispitze in den jeweiligen Bundesländern zu tun hat. In Bayern beispielsweise zeigen sich neben dem herausragenden Engagement der CSU für die Vertriebenen auch die SPD und die Freien Demokraten sehr engagiert. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es mit an uns liegt, mit allen Parteien in ein sehr offenes, konstruktives Gespräch zu kommen.

Insbesondere gemeinsam mit dem leider zu früh verstorbenen Sozialdemokraten Peter Glotz konnten Sie einiges in diese Richtung erreichen. 2012 haben Sie eine weitere Amtszeit als BdV-Präsidentin angetreten und im Herbst kandidieren Sie erneut für den Deutschen Bundestag. Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Vertriebenenpolitik als Abgeordnete in der kommenden Legislaturperiode und als Verbandspräsidentin?

Mit unserer BdV-Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen will ich dauerhaft landauf landab für das Thema sensibilisieren. Genauso wichtig ist mir aber, die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung positiv zu begleiten. Es reicht ja nicht, die konzeptionellen Papiere in der Hand zu haben. Sondern es kommt am Ende darauf an, was in der Ausstellung aus den Papieren gemacht wird. Da müssen wir allesamt das Augenmerk drauf legen, und unsere Stiftungsratsmitglieder machen das auch wachsam. Wir müssen aber auch dankbar anerkennen, dass es eben diese Stiftung nun endlich gibt. Das Deutschlandhaus im Herzen von Berlin ist ein guter Ort, denn es ist seit Jahrzehnten mit dem Thema der Vertriebenen verbunden. Vor dem Hintergrund bin ich auch mit dem Standort sehr zufrieden und hoffe, dass es jetzt möglichst zügig vorangeht. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Dauerausstellung auf beinahe 3000 Quadratmetern in der nächsten Legislaturperiode eröffnet werden kann.

Das Gespräch führte Tilman Asmus Fischer.

Erschienen in: „DER WESTPREUSSE – Unser Danzig“, Nr. 7/2013.

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