Nicht vom gleichen Planeten

In Taiwan fragt die zwölfte Taipeh Biennale nach Zukunftsperspektiven angesichts der aktuellen ökologischen Krisen

Von Ting-Chia Wu und Tilman A. Fischer

„Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“, bezeugt Jesus Christus im Johannesevangelium (17,16) über seine Jünger. Die Erfahrung von Fremdheit in der unerlösten Welt ist für die christliche Existenz in allen Zeiten konstitutiv – und ermöglicht eine kritische Distanz zur jeweiligen sozialen Realität. Dabei ist die gesellschaftliche Wirklichkeit unserer Tage durch eine zunehmende Diversifizierung und Fragmentierung von Weltanschauungen geprägt, die den sozialen Zusammenhalt herausfordern. In einer Weise, die der christlichen „Außenperspektive“ auf die Welt vergleich ist, vermag auch die Kunst, soziale und ökologische Bedingungen zu analysiert und zu kritisiert, indem sie mit der Fremdheit von Weltbildern und -anschauungen spielt.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür bietet die aktuelle, zwölfte, Taipeh Biennale (21. November 2020 – 14. März 2021), die vom „Taipei Fine Arts Museum“ organisiert wurde. Die beiden französischen Intellektuellen, der Philosoph Bruno Latour und der freischaffende Kurator Martin Guinard-Terrin, die von den Veranstaltern eingeladen worden waren, die Biennale auszugestalten, verfolgen die Absicht, die derzeitigen politischen Spannungen ebenso wie die ökologische Krise anhand verschiedene ‚Planeten‘ zu veranschaulichen. So kommentieren Latour und Guinard-Terrin: „Es gibt zunehmende Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Welt bewohnbar erhalten werden kann, nicht nur, weil die politischen Meinungen auseinandergehen, sondern vor allem, weil wir uns nicht einig zu sein scheinen, wie die Erde beschaffen ist.“

Bedauerlicherweise werden aufgrund der gegenwärtigen Pandemie so gut wie keine ausländischen Besucher diese Ausstellung in der taiwanesischen Hauptstadt besuchen können. Umso gebotener scheint es zu sein, der Biennale journalistisch Tribut zu zollen und an dieser Stelle ein paar Schlaglichter auf sie zu werfen. Unter dem Titel „You and I don’t live on the same planet“ („Du und ich leben nicht auf demselben Planeten“) bietet die Ausstellung ein fiktives Planetarium, in dem Künstler, Wissenschaftler und Aktivisten verschiedene Aspekte von fünf ‚Planeten’ erkunden, die für unterschiedliche Visionen der Welt stehen. Diese weichen voneinander nicht nur in der Frage ab, was unter der „Welt“ zu verstehen ist, sondern auch in den Vorstellungen von angemessenen soziale und politische Reaktionen auf aktuelle Krisen wie Globalisierung, soziale Ungleichheit und Klimawandel.

Mika Rottenberg, Cosmic Generator (AP) (Foto: Ting-Chia Wu)

So folgt der Planet „Globalisierung“ dem Traum der Modernisierung, welche die materiellen Belastungsgrenzen unseres Planeten nicht berücksichtigt. Die Videoinstallation „Cosmic Generator“ der argentinischen Künstlerin Mika Rottenberg etwa zeigt, wie Mechanismen der Globalisierung Alltagskulturen auf der ganzen Welt transformieren. Dafür verwendet sie die Metapher eines Tunnels, der Orte in verschiedenen Weltregionen in Form von Konsumgüterströmen verbindet – hier einen Marktplatzes in Yiwu, Volksrepublik China, dort ein chinesisches Restaurants in Mexicali, einer mexikanischen Stadt nahe der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Auf diese Weise porträtiert Rottenberg eine globale Konsumwirtschaft, die nicht nur zu einer Homogenisierung des Lebensstils, sondern auch zu einer Masse von (Billig-)Produkten führt, die die Grenzen des tatsächlichen Bedarfs und der ökologischen Nachhaltigkeit überschritten hat.

Viele Menschen, die sich vom Ideal der Globalisierung betrogen und infolgedessen verloren fühlen, fliehen auf den Planeten „Sicherheit“, wie er von Rechtspopulisten propagiert wird. Der niederländische Künstler Jonas Staal fokussiert einen Vordenker dieser Bewegung, den ehemaligen Trump-Berater Steve Banon. In einer Installation bietet Staal eine „Propaganda-Retrospektive“, die in Auszügen Filme präsentiert, die von Banon produziert wurden und die Alt-Right-Ideologie befördern.  Indem diese mit der Angst vor Islamismus, Liberalismus und Multikulturalismus spielt, finden einzelne ihrer Bestandteile auch in Teilen konservativer christlicher Milieus zunehmend Unterstützung – vor allem, aber nicht nur in den USA. Gleichzeitig lassen die von Banon, Trump & Co artikulierten Krisenszenarien die Gefahren des Klimawandels und der ökologischen Degeneration in den Hintergrund treten.

Während auf diese Weise bereits heute Menschen der ökologischen Bedrohungslage – innerlich – entfliehen, spielt der der Planet „Flucht“ mit der futuristischen Möglichkeit einer kleinen Gruppe Privilegierter, sich gleich an Orte, der nicht vom Klimawandel betroffen sind, abzusetzen – in diesem Falle auf den Mars. Jedoch reagieren nicht alle Menschen auf die Konsequenzen der Globalisierung mit Flucht, sondern einige auch auf progressive Weise: Der „terrestrische“ Planet steht für diejenigen, die auf der Erde, wie sie tatsächlich ist, „landen“ und versuchen, das Gleichgewicht zwischen Wohlstand und der Achtung planetarer Belastungsgrenzen zu halten. Dieser Kampf beginnt mit der Anerkennung des Lebensraums des Menschen als der kritischen Zone der Erde, der ‚dünnen‘ Erdoberfläche, in der Gestein und Vegetation sich berühren und die ein komplexes wie fragiles Gebilde darstellt. Die taiwanesische Künstlerin Yu-Hsin Su fragt in ihrer Installation nach der Sichtbarkeit der Erdoberfläche als ebendieser „kritischen Zone“. Dafür nutzt sie das Material einer visuellen Datenbank taiwanesischer und deutscher Geologen, welche die bisherige Veränderung des Ökosystems in der taiwanesischen Taroko-Schlucht dokumentiert.

Mit einem fünften Planeten, „alternativen Gravitation“, porträtieren die Kuratoren Menschen und soziale Gruppen, die nicht ausschließlich einem der anderen „Planeten“ angehören, sondern sich von diesen Weltvisionen in divergierender Weise angezogen und abgestoßen fühlen. Damit dürfte sich hierin wohl der größte Teil der Weltbevölkerung repräsentiert finden.

In ihrer Gesamtheit exponiert die Biennale Umwelt- und Klimaschutz als ein Thema, welches von existenzieller Bedeutung für die Menschheit und den einzelnen Menschen ist. Dieser Tatsache entspricht in religiöser Sprache der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“. In diesem Sinne spricht die Ausstellung implizit auch die religiöse Dimension des Umweltschutzes aus. Hierzu passt, dass es der Kurator Bruno Latour ist, der seit Jahren darum kämpft, die Verbindungen zwischen Theologie und Klimaschutz zu stärken; etwa durch eine Seminarreihe, die er seit drei Jahren für die katholische Universität Paris (Institut Catholique de Paris) organisiert. Wenn Latour auch in Taiwan kein überwiegend katholisches oder christliches Publikum anspricht, kann diese Ausstellung dennoch auch als Aufforderung angesehen werden, die Verantwortung von Kirche, Theologie und Christen im Allgemeinen für diese Welt zu überdenken – auch wenn sie „nicht von der Welt“ sind.

Erschienen am 4. März 2021 in der Zeitung „Die Tagespost“ (www.die-tagespost.de).

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