Vom Werden der ersten deutschen Republik

Das Deutsche Historische Museum blickt auf die Weimarer Republik – und am Rande auf das Verhältnis von Staat und Kirche

Herrschaft ist notwendig – jedoch hat kein Mensch ein angeborenes Recht zur Beherrschung anderer Menschen. Von diesen beiden Prämissen ging der böhmisch-österreichische Rechtspositivist Hans Kelsen in seiner theoretischen Begründung der liberalen Demokratie aus, der er die Ideen von Gleichheit und Freiheit zugrunde legte. Angesichts gegenwärtiger Krisenphänomene in der politischen Kultur erschließt eine Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) die demokratietheoretischen und demokratiepraktischen Traditionen der Weimarer Republik – und knüpft dabei programmatisch an ihren großen Verteidiger Kelsen an. So ist bereits der Titel der Ausstellung dem seiner Denkschrift aus dem Jahre 1920 entlehnt: „Vom Wesen und Wert der Demokratie“.

Blick in die Ausstellung: die Wahlurne als Symbol für demokratische Teilhabe. Foto: DHM / David von Becker

Das Bild, das hier von der Weimarer Republik gezeichnet wird, ist anders, als es der Ausstellungsbesucher erwarten dürfte – und eröffnet gerade deshalb neue Perspektiven: Im Zentrum stehen weder die Geburtswehen noch das tragische Ende der ersten parlamentarischen Demokratie auf deutschem Boden. Vielmehr nimmt die Ausstellung demokratische Aushandlungsprozesse in den Blick, innerhalb derer sich die Verfassungs- und Staatsordnung herausbildete. Berücksichtigung finden gleichfalls soziokulturelle Dynamiken – von der Wohnkultur über Frauenemanzipation bis zur Medienrevolution des Radios –, die sich unter den neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entfalten konnten.

Wenn auch nicht an prominenter Stelle, so kommen hierbei doch kontinuierlich Fragen des Verhältnisses von Staat und Kirche zur Sprache – und immer wieder wird auch die Rolle politischer Christen deutlich. Auch wenn die Ausstellung auf eine genauere Würdigung der – bis heute gültigen – religionsverfassungsrechtlichen Bestimmungen der Weimarer Reichsverfassung verzichtet, wird doch die hohe Bedeutung deutlich, die der Religions- und Bekenntnisfreiheit in der Weimarer Republik beigemessen wurde. Genannt wird sie bereits in einem Flugblatt mit dem Regierungsprogramm des Rats der Volksbeauftragten vom 12. November 1918.

Exemplarisch Einblick in religionspolitische Debatten der folgenden Jahre gibt ein eigenständiger Abschnitt, der sich dem Kampf um die Konfessionsschule respektive Einheitsschule widmet. Während die katholische Zentrumspartei auf dem Erhalt ersterer beharrte, forderten Linke und Liberale die Einführung der zweiten. Am Ende standen ein Kompromiss des Nebeneinanders beider Modelle und der Verzicht auf eine reichsweite Regelung. In Person des Priesters und Reichsarbeitsministers Heinrich Brauns kann der kundige Ausstellungsbesucher sich zudem den Einfluss der katholischen Soziallehre auf die Weimarer Sozialpolitik erschließen. Auch wenn die katholische Soziallehre als wichtige zeitgenössische Strömung der christlichen Sozialethik weitestgehend ausgeklammert bleibt, erfährt zumindest eine ihrer wesentlichen Früchte dieser Jahre, die Arbeitslosenversicherung, eine hinreichende Würdigung.

Erstaunlich ist, dass das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, der republikanische und größte Wehrverband der Weimarer Republik, lediglich am Rande Erwähnung findet. Dabei war es mit mehr als drei Millionen Mitgliedern aus dem Umfeld von SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei einer der wichtigsten prodemokratischen politischen Akteure – mit großer Ausstrahlungskraft in die Zivilgesellschaft. In seinen Reihen kämpften auch viele bekennende Christen, vor allem aus dem Kreis der Zentrumsmitglieder, für die Demokratie. Gewiss lässt sich fragen, in welchem Verhältnis die konstitutive Bedeutung für die Weimarer Republik zur Repräsentation in der DHM-Schau steht – zumal wenn demgegenüber dem Themenfeld „Offener Umgang mit Sexualität“, von Markus Hirschfeld bis zur queeren Publizistik der 1920er Jahre, gleich eine eigene Abteilung gewidmet wird.

Weimar. Vom Wesen und Wert der Demokratie. Bis zum 22. September im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2, Berlin-Mitte. Geöffnet täglich 10–18 Uhr. Eintritt: 8/ermäßigt 4 Euro, bis 18 Jahre kostenlos. Telefon: (030) 203 04-0

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz 30/2019.

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