Raus aus der Enge

Christentum und Vielfalt: Gegenwärtig wird viel über die Rechte bestimmter Gruppen der Gesellschaft gestritten. Was hat die Kirche zum Thema „Identität“ zu sagen? Welches Maß sollten das Eigene und die Vielfalt haben?

Herr Scheller, in „Identität im Zwielicht“ markieren Sie immer wieder Momente von Identitätspolitik in der – vor allem frühen – Kirchengeschichte. Welche Rolle hat Identitätspolitik in der Entwicklung der Christentums gespielt?

Wenig deutete anfänglich darauf hin, dass das Christentum – genauer gesagt: die Christenheit, mit Kierkegaard gesprochen – zum globalen Machtfaktor werden sollte. Immer wieder ist der christlichen Religion ja das unterstellt worden, was Nietzsche „Sklavenmoral“ nannte, also ein Kult der Schwäche – dabei waren die frühen Christen eine durchaus aggressive Bewegung. Die Konstantinische Wende lässt sich als machiavellischer Akt kultureller Aneignung deuten: Eine aufstrebende Identitätsgruppe wurde vom römischen Machtapparat strategisch geschickt integriert. So kam es, um vorläufig bei den fragwürdigen Begriffen zu bleiben, zur Allianz von „Sklavenmoral“ und „Herrenmoral“. Es ging um Macht, Teilhabe, Repräsentation – um Fragen also, die heute im Zusammenhang mit Identitätspolitik intensiv diskutiert werden. Das Beispiel der Christenheit zeigt, dass Machtverhältnisse nicht statisch sind. Was heute noch als marginalisierte Identitätsgruppe gilt, kann morgen caesaropapistische Züge haben.

John Rawls gehört – zumal aufgrund seiner 1971 erschienenen Theorie der Gerechtigkeit – zu den in der christlichen Sozialethik intensiv rezipierten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Welche Bedeutung kommt zentralen Begriffen seines Denkens für Ihre Auseinandersetzung mit Identitätspolitik(en) zu?

John Rawls ist für mich ein Verfechter der Imagination. Die zentrale These des Buches lautet, dass man sich mit Anderen unter einen „Schleier des Nichtwissens“ begeben müsse, um identitätsübergreifende Gerechtigkeitsprinzipien als „überlappenden Konsens“ zu entwickeln. Es gilt, zu imaginieren, man sei nicht man selbst. Identitätspolitik hingegen fokussiert, wenig überraschend, auf das Identifizieren konkreter Realitäten. Das ist wichtig. Aber schlimmstenfalls kaserniert sie Menschen in Identitäten ein: hier die Homosexuelle, dort der Heterosexuelle, hier die Weißen, da die Schwarzen. Sie verfestigt, was sie kritisiert. Imagination kann helfen, diese Kasernen zu schleifen und Menschen in ihrer Potenzialität, in ihren Wünschen und Träumen, in ihren Ambivalenzen ernst zu nehmen – Menschen als Möglichkeitswesen. Hier aber sind die Bessergestellten aufgerufen, den ersten Schritt zu tun.

Bestimmten Akteuren attestieren Sie in Ihrem Buch, exklusive Identitäten „vermittels dogmatischer Lehren zu repräsentieren“ und damit die „unheilvolle Spirale des identitären Kulturkampfs“ auszulösen. Inwieweit hat Identitätspolitik – potenziell – religiöse Züge?

Das hängt davon ab, welchen Wortstamm wir ansetzen: relegere („überdenken“) oder religere („anbinden“)? Im letzteren Fall läuft Identitätspolitik Gefahr, identitär zu werden. Sie verlässt den analytisch-kritischen Bereich und schart eine Gefolgschaft um sich, die vielleicht divers aussieht, aber gleich denkt. Ein homogenes „Denkkollektiv“, wie der Immunologe und Epistemologe Ludwik Fleck es genannt hätte, entsteht. Diese Tendenz gibt es. Im ersteren Fall hätte sie religiöse Züge in einem anderen, aus meiner Sicht befürwortenswerten Sinne: Sie würde Identität ständig überdenken, verkapselte Identitäten auf diese Weise öffnen und nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten betonen. Daran müssen wir arbeiten.

Wie sollten vor diesem Hintergrund die christlichen Kirchen – eingedenk Ihrer Gesellschaftsverantwortung – auf Identitätspolitik als virulentes Phänomen der gegenwärtigen Lebenswelt reagieren?

Vor allem dadurch, dass ihre Repräsentanten christliche, das heißt für mich: nicht zwingend im Petersdom beheimatete Tugenden vorleben, anstatt Sonntagsreden zu halten. Das ist identitätsübergreifend attraktiv, sieht man einmal von rechten Sozialdarwinisten ab, an die sich anzubiedern nicht das Ziel sein darf. Mich interessieren christlich geprägte Unternehmen wie der Maschinenbauer Trumpf, die keine Rüstungsgeschäfte machen und dafür Umsatzeinbußen in Kauf nehmen – practice what you preach! Eine vielfältige, florierende, mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft ist sehr wichtig. Man sollte die Möglichkeit haben, eigenständige Entscheidungen zu treffen und sich eine Nische zu schaffen, anstatt sich vatikanöser Konzernlogiken fügen zu müssen. Die christlichen Kirchen sollten auf entsprechende liberale Vielfalt an der ökonomischen Basis und auf Aufstiegschancen durch unternehmerisches Handeln, das ja gerade unter Migranten beliebt und verbreitet ist, pochen – damit nicht nachträglich mit identitären Quoten künstliche Vielfalt geschaffen werden muss.

Das Gespräch führte Tilman A. Fischer

Zur Person: Jörg Scheller, 1979 in Stuttgart geboren, ist Kunstwissenschaftler, Buchautor und Pop-Akademiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Scheller bringt sich mit Analysen und Kommentaren regelmäßig in politische Debatten ein. Er warnt vor einer neuen Salonfähigkeit rechter Ideologie.

Wie eine offene Gesellschaft gelingen kann

Jörg Scheller sucht in seinem Buch „Identität im Zwielicht“ Auswege aus der Falle der Überbetonung des Eigenen

Identitätspolitische Programme sind nicht nur in Zivilgesellschaft und Politik en vogue, sondern werden auch zunehmend in Kirche und Theologie rezipiert. Das reicht von der Frage, ob die Schriftsprache der Kirchenzeitungen erst durch Sternchen ‚gerecht‘ wird, bis hin zu der unlängst erhobenen Forderung nach einer Quote für People of Color („nicht-weiße“ Personen) in der Institution Kirche. Derlei ist stets umstritten. Das neue Buch des Kunsthistorikers Jörg Scheller „Identität im Zwielicht“ verhilft dazu, eine differenzierte Haltung zu den unterschiedlichen Identitätspolitiken zu entwickeln.

Die Leitdifferenz, die er hierzu anbietet, ist diejenige zwischen einer „deskriptiv-analytischen“ – und damit konstruktiven – sowie einer „präskriptiv-ideologischen“ – folglich destruktiven – Verwendung von Identitätspolitik. Im ersten Fall geht Identitätspolitik der Frage nach, „wie Menschen ihre eigene Identität und die von anderen konstruieren“, und verhilft so zu „Grundlagen für seriöse Theoriebildung, zivilgesellschaftliches Engagement und politische Entscheidungsfindungen“. Im zweiten Fall hingegen wird sie dazu verwendet, „Menschen eine Identität zu- oder vorzuschreiben“, und birgt somit die Gefahr, dass Identitäten für Kulturkämpfe instrumentalisiert werden.

Während die erste Anwendung von Identitätspolitik dem Gedanken einer offenen Gesellschaft entspricht, stellt zweite für diese geradezu eine Bedrohung dar. Sich hiergegen zur Wehr zu setzen, ist Schellers erkennbares Anliegen – und damit ist sein Buch nicht nur als Einführung in identitätspolitische Diskurse zu verstehen, sondern im besten Sinne als Debattenbuch.

In diesem hat dann auch seine Kritik an einer staatlich-bürokratische Überreglementierung unter dem Vorzeichen der Diversity (Vielfalt) ihren Platz: „Ein Staat, der all dies gewährleisten muss, ist überfrachtet und übermächtig; das Individuum und die Zivilgesellschaft hingegen, die immer mehr Aufgaben an ihn delegieren und ihn monströs werden lassen, sind unterfordert.“

Tilman A. Fischer

Erschienen in: Der Sonntag. Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens 43/2021.

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