Ein Museum ist nie „fertig“

Blick in die Sonderausstellung "40 Jahre Westpreußisches Landesmuseum"  (Foto: Thomas Hölscher / WLM)
Blick in die Sonderausstellung „40 Jahre Westpreußisches Landesmuseum“
(Foto: Thomas Hölscher / WLM)

40 Jahre Westpreußisches Landesmuseum geben Anlass zum Nachdenken über die Zukunft Westpreußens – im europäischen Gedächtnis und am Standort Warendorf

Von Tilman Asmus Fischer
(auf Grundlage des abschließenden Korreferats)

70 Jahre nach Flucht und Vertreibung fragten die Kulturstiftung Westpreußen (KSW) und das Westpreußische Landesmuseum (WLM) in einem Symposion nach einer „Zukunft für ‚Westpreußen‘“ – nach der Zukunft für einen deutsch-polnischen Erinnerungsraum im europäischen Gedächtnis im allgemeinen, aber auch ganz konkret am neuen Standort des WLM in Warendorf. Anlass für diese Veranstaltung war, ebenso wie für eine eigene Sonderausstellung, das 40-jährige Bestehen des WLM. Mit der (bis zum 19. Juli gezeigten) Ausstellung „Das Westpreußische Landesmuseum 1975–2015. 40 Jahre Westpreußen in Westfalen“ wie mit dem Symposion zogen KSW und WLM eine Bilanz des bisherigen Wirkens und versuchten zugleich, zukünftige Perspektiven der Kulturarbeit im Rahmen von §96 Bundesvertriebenengesetz (BVFG) zu erschließen.

Eine zentrale Herausforderung, vor der die ostdeutschen Landesmuseen heute stehen und die sich wie ein roter Faden durch die Vorträge und Diskussionen zog, markierte Professor Dr. Erik Fischer, der KSW-Vorstandsvorsitzende, in seiner Einführung: In einer Gesellschaft, in der die Erlebnisgeneration der Heimatvertriebenen schwindet und vom Museumsbesucher nicht länger erwartet werden kann, dass Westpreußen für ihn noch von persönlicher Bedeutung sei, gehe die Selbstverständlichkeit eines „Westpreußischen Landemuseums“ verloren. Es gilt also umzudenken und überhaupt erst einmal verständlich zu machen, warum sich die Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur der Vertreibungsgebiete auch heute noch lohnt. Dabei müssten auch solide Verfahren des Kulturmanagements entwickelt werden, und durch eine größere Themenbreite und methodische Variabilität sollten neue Besuchergruppen an das WLM gebunden werden. (Hier könnte das Museum – das zeigte die Jubiläumsausstellung – durchaus an eine reiche Tradition anknüpfen: In einer eindrucksvollen ‚Regalwand‘ illustrierten die WLM-Ausstellungskataloge, vor allem diejenigen aus den 1980er und 1990er Jahren, eine große Vielfalt von Sujets und Zugangsweisen.) Entscheidend sei schließlich auch – so Fischer – die neuerliche Stärkung einer professionellen Sammlungstätigkeit: Hier gelte es, durch systematisch-wissenschaftliche Erschließungen auf der einen und durch neue Präsentationsformate auf der anderen Seite den spezifischen inneren „Stoffwechsel“ des Museums wieder anzuregen.

Die von Anfang an angestrebte Einheit aus Archiv, Bibliothek, Bild- und Filmarchiv und Museum verdeutlichte der Gründungsdirektor des WLM – zunächst noch des „Dokumentations- und Kulturzentrums Westpreußen“ –, Hans-Jürgen Schuch, in seinem Eröffnungsvortrag über die Entstehung des Hauses aus ersten Sammlungs- und Ausstellungsinitiativen der Landsmannschaft Westpreußen. Der Verband habe bereits damals eine „kulturelle Schlagseite“ gehabt, betonte Schuch. Daher sei schon früh eine „kulturelle Zentralstelle“ angestrebt worden, als die – so ließe sich ergänzen – die Landsmannschaft Westpreußen das Landesmuseum noch heute ansieht. Hans-Jürgen Schuch erinnerte auch daran, dass Bundesvertriebenenminister Heinrich Windelen bei der damaligen Eröffnung des Dokumentationszentrums zur Sicherung einer „eigenständigen Tätigkeit“ bereits hellsichtig die Bedeutung einer als Trägerin zu gründenden Stiftung hervorgehoben habe. Aus seiner langen und erfolgreichen Wirkungszeit, auf die der frühere Direktor zurückblickte, fanden sich in der Sonderausstellung neben historischen Aufnahmen wichtige Exponate und aufschlussreiche Dokumente, die die Strategien des Sammlungsaufbaus und die Anschaffung herausragender Ausstellungsstücke veranschaulichten.

Das auch weiterhin neue Konzepte entworfen und Außenimpulse produktiv aufgenommen werden mussten, zeigte Dr. Jutta Reisinger-Weber, die die „Vielfältigkeit der Landschaften“ als besondere „Herausforderung für die Sammlungstätigkeit“ der ostdeutschen Landesmuseen kennzeichnete. Die ehemalige stellvertretende Museumsleiterin wie auch Dr. Lothar Hyss, der 1998 das Amt des Museumsdirektors übernommen hatte, illustrierten in ihren Beiträgen die Fortentwicklung des WLM unter den Bedingungen der Öffnung Osteuropas und der damit einsetzenden partnerschaftlichen Kooperationen. „Ost – West – Was nun?“ fragte Reisinger-Weber in ihrer Präsentation und erläuterte anschaulich die mannigfachen Möglichkeiten, die bald im Heimatgebiet erschlossen werden konnten: Sowohl die offizielle Zusammenarbeit mit der deutschen Volksgruppe als auch die Ausstellungen, die eigens für das Gebiet des früheren Westpreußen kuratiert wurden, bildeten einen völlig neuen Aufgabenbereich. Diese neue Qualität konnte der Besucher auch in der Jubiläumsausstellung nachvollziehen, weil dort an der Stirnseite vielgestaltige Plakate des WLM aus 25 Jahren „angeschlagen“ waren, die für Ausstellungen im Museum wie auch im Weichselland geworben haben.

Was die bisher benannten Probleme, Herausforderungen und Chancen für die museologische Praxis bedeuten, illustrierten im Anschluss daran Michael Wienand, Designer der neuen WLM-Dauerausstellung, und Alexander Kleinschrodt, Kulturwissenschaftler und ehrenamtlicher Mitarbeiter der KSW. Wienand diskutierte anhand der neuen Dauerausstellung Möglichkeiten, die jüngere Zeitgeschichte in einem landesgeschichtlichen Museum zu präsentieren, und nahm auch Ansätze für eine Fortschreibung des bislang realisierten Konzepts in den Blick. Kleinschrodt ging es in seinem anregenden Vortrag um die entscheidende Frage, wie ein Museum „unverwechselbar“ werden könne. Dabei wurde deutlich, dass es für das spezifische, zeitgemäße Erleben eines Museums im Wesentlichen darauf ankommt, den Besucher stärker als bisher zu aktivieren. Dies bedeutet, Wissen und Exponate nicht distanziert einem passiven Beobachter anzubieten, sondern ihm Chancen zu geben, selbst Fragen zu entwickeln und eigene Antworten zu finden.

Mit der Feststellung, dass die Lebensdauer einer modernen Dauerausstellung maximal 15 bis 20 Jahre betrage, hatte Michael Wienand bereits einen wichtigen Orientierungspunkt für die Zukunft „Westpreußens“ gesetzt. Wenn es auch vermessen erscheint, kaum mehr als ein halbes Jahr nach der Neueröffnung eines Museums über die Halbwertzeit seiner Dauerausstellung zu diskutieren – in solch einer Perspektive bestätigte sich die Erkenntnis, die Symposion und Sonderausstellung neuerlich in Bewusstsein gehoben haben: Ein Museum – auch das WLM – ist nie »fertig«, sondern muss sich immer wieder neu erfinden.

Erschienen in: DER WESTPREUSSE – Unser Danzig 8/2015.

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