Es gibt noch viel zu tun

Von Tilman Asmus Fischer

Wissenschaftliche Fachliteratur ist teuer – dies gilt umso mehr, je spezieller das fragliche Thema ist. Folglich haben es – oft zu Unrecht sogenannte – Nischenthemen schwer, in ihrem Fachbereich oder gar in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Vor diesem Problem standen in der Nachkriegszeit die Judaistik und der wissenschaftliche Dialog zwischen Kirche und Judentum. Dabei war doch gerade dieser Austausch nach Nationalsozialismus und Rassenwahn so bitter nötig. Aus Einsicht in die Notwendigkeit, hier Abhilfe zu schaffen, wurde an der West-Berliner Kirchlichen Hochschule 1960 das Institut Kirche und Judentum (IKJ) unter Leitung von Günther Harder begründet, der es bis 1974 leitete.

Publikationen der letzten Jahre in den Büroräumen des Instituts.  Foto: H-C. Bandholz
Publikationen der letzten Jahre in den Büroräumen des Instituts.
Foto: H-C. Bandholz

Hier werden seither Forschungen zur Beziehung zwischen Christentum und Judentum betrieben – und entsprechende Forschungsergebnisse in Publikationen umgesetzt. In seiner Schriftenreihe „Studien zu Kirche und Israel. Neue Folge“ sollen zu erschwinglichen Preisen sowohl neue Forschungen zu den christlich-jüdischen Beziehungen seit der Antike als auch neue Initiativen zum jüdisch-christlichen Dialog an Interessierte vermittelt werden. Um breite Kreise in Kirche und Wissenschaft zu erreichen, hat das Institut parallel zur Verlagstätigkeit unterschiedliche Veranstaltungsformate von Einzelvorträgen bis hin zu Israel-Studienfahrten entwickelt.

Unter Harders Nachfolger, dem Neutestamentler Peter von der Osten-Sacken, erfolgte 1994 die Angliederung an die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und der Wechsel in Räumlichkeiten des Berliner Doms. 2007 zog das Werk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit der Übernahme der Leitung durch den Alttestamentler Rüdiger Liwak letztmalig und nun in die Räume der Fakultät um.

Nachdem ab 2010 Liwaks Fachkollege Markus Witte das IKJ geleitet hatte, führt seit Mai 2015 mit dem Kirchenhistoriker Christoph Markschies erstmals kein Exeget kommissarisch die Geschäfte des Instituts. Da Markschies jedoch zuletzt selbst mit Forschungen zum Judentum hervorgetreten war, betraute ihn die EKBO mit der Leitung. Zuletzt war der ehemalige Präsident der Humboldt-Universität an einer englischsprachigen Veröffentlichung über die „Tegernsee-Haggadah“ beteiligt, deren deutschsprachige Ausgabe bald im Publikationsangebot des IKJ erscheinen wird.

Diese Ausgabe der Liturgie des als Teil des Pessach-Festes begangenen Sederabends dürfte auch für die weitere Aufarbeitung der spannungsreichen jüdisch-christlichen Beziehungsgeschichte von Bedeutung sein. Grund ist ein ihr zugehöriger lateinischer Kommentar. Dessen Verfasser, ein Mönch aus dem Kloster Tegernsee, war nicht nur ein großer Kenner der jüdischen Religion, sondern auch „voller antijudaistischer Vorurteile, insofern typisch für die spätmittelalterliche christliche gelehrte Beschäftigung mit dem Judentum“, erläutert Christoph Markschies. „Das Buch ist sowohl für Menschen interessant, die eine schön illustrierte mittelalterliche Haggadah kaufen und sich über jüdische Pessach-Bräuche informieren wollen, als auch für Leserinnen und Leser, die etwas über das jüdisch-christliche Verhältnis im Mittelalter erfahren wollen“, berichtet Markschies. Es sei die erste Edition dieses bislang unbekannten, ersten christlichen Kommentars mit Übersetzung und Kommentar und ein Vollfaksimile der prachtvollen Handschrift.

Ergänzend zu den eigenen Forschungen und Veröffentlichungen kooperiert das IKJ mit einer Reihe nationaler und internationaler Partnereinrichtungen. Dies ist vor allem das in Berlin ansässige, 2011 gegründete Zentrum Jüdische Studien, aber auch das an der Universität Greifswald angesiedelte Gustaf-Dalman-Institut für Palästina-Archäologie. So konnte in der ersten Hälfte des Jahres 2015 eine in Greifswald erarbeitete Wanderausstellung über das Werk des Palästinaforschers Gustaf Dalman (1855–1941) in der Berliner Fakultät gezeigt werden.

Zur diesjährigen traditionellen Sommeruniversität – „Der Messias im christlich-jüdischen Gespräch“ – erwartet das IKJ wissenschaftliche Hochkaräter, darunter die Alttestamentlerin Beate Ego von der Ruhr-Universität Bochum und Hermann Spiekermann von der Universität Göttingen. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern werden sie vom 25. bis 28. August über Messiaskonzeptionen im Judentum und Christentum diskutieren.

Die internationale Zusammenarbeit soll, so berichtet Christoph Markschies, eine baldige Intensivierung erfahren: „Gemeinsam mit Maren Niehoff, Professorin an der Hebräischen Universität in Jerusalem, und Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, werden die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und christlicher Bibelauslegung studiert werden.“ Dabei wolle man sich exemplarisch mit der Interpretation der fünf Bücher Mose beim ersten christlichen Universalgelehrten Origenes und den frühen rabbinischen Auslegern befassen. „Dazu wird Frau Niehoff als Gast für eine längere Zeit am Institut wirken“, so Markschies.

Die Arbeit am christlich-jüdischen Verhältnis bleibt jedoch nicht in Antike und Mittelalter stehen – vielmehr will das IKJ zukünftig den Blick gerade auch auf ehemalige Theologen der Fakultät und Universität richten, an die es selbst angegliedert ist. Hierbei wird es, so Markschies, vor allem um den Kirchenhistoriker „August Neander, einen zum Christentum konvertierten Hamburger Juden, und Adolf Harnack, dessen ambivalentes Verhältnis zum Judentum häufig zu Klischees verzeichnet wird“, gehen – aber auch um IKJ-Gründer Harder. Neben der Wissenschaft soll das Institut jedoch auch wieder stärker in die deutschen Landeskirchen hineinwirken – dabei denkt Christoph Markschies an „Arbeitshilfen zum Israel-Sonntag, für Unterrichtseinheiten und Gemeindeseminare, ein koordiniertes Vortrags- und Seminarangebot“.

Es gibt noch viel zu tun. Hierzu, betont Markschies, ist ein ebenfalls finanzieller Ausbau des Instituts und die entsprechende Einwerbung weiterer Geldmittel notwendig.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 32/2015.

Für die Sommeruniversität „Der Messias im christlich-jüdischen Gespräch“ vom 25. bis 28. August gibt es noch freie Plätze. Teilnehmer sind herzlich willkommen. Informationen finden Sie unter
Telefon: (030) 20 93 59 40
http://www.ikj-berlin.de

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