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Die African Initiated Churches gewinnen an Bedeutung für die Entwicklungspolitik

Von Tilman Asmus Fischer

Lange Zeit war das europäische Bild vom afrikanischen Christentum bestimmt durch Missionsgesellschaften und die von ihnen gegründeten Missionskirchen. Inzwischen gehört jedoch etwa jeder dritte Afrikaner einer African Initiated Church (AIC) an. Heute haben die AIC eine derartige gesellschaftliche Prägekraft entfaltet, dass sie als Akteure der Entwicklungspolitik in den Blick geraten.

So untersucht gegenwärtig an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin ein vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziertes Forschungsprojekt unter Leitung von Wilhelm Gräb und Philipp Öhlmann die „Potenziale der Zusammenarbeit mit African Initiated Churches für nachhaltige Entwicklung“.

Anlässlich des 70. Geburtstags von Wilhelm Gräb befasste sich am 25. September eine Podiumsdiskussion mit dem grundlegenden Thema „Religion und nachhaltige Entwicklung“. Bischof Markus Dröge, Aufsichtsratsvorsitzender des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung, dankte den Organisatoren in seinem Grußwort dafür, „diesen wichtigen Zusammenhang hier aufzunehmen, in dem wissenschaftliche Theologie, Diakonie und verfasste Kirche gemeinsam an einem Strang ziehen müssen“.

Die ersten AIC entstanden, als sich während des 19. Jahrhunderts afrikanische Christen von den unter europäischer Ägide stehenden Kirchen emanzipierten und sich ab etwa 1880 eine Generation „unabhängiger Kirchen“ gründete. Im Laufe des 20. Jahrhunderts löste eine zweite Generation diese ersten AIC ab: „indigenisierte Kirchen“, die unter Bezugnahme auf afrikanische Traditionen eine eigenständige Lehre und Konfessionskultur entwickelten. Dabei entstand eine spezifische Symbiose aus afrikanischem Spiritualismus und Einflüssen von der nordamerikanischen Pfingstbewegung.

Reinigungszeremonie von Angehörigen der Himmlische Kirche Christi (Celestial Church of Christ) bei Cotonou in Benin
(Foto: Ferdinand Reus)

„Kennzeichnend für viele dieser oft als ‚Spiritual Churches‘ oder ‚Indigenous Churches‘ bezeichneten Kirchen sind unter anderem die Erwachsenentaufe durch komplettes Untertauchen, eine normative Verhaltensethik, basierend auf einer wörtlichen Schriftauslegung, die Bedeutung geheiligter Objekte und von den Gläubigen getragene, meist weiße, liturgische Gewänder“, schreiben Philipp Öhlmann, Marie-Luise Frost und Wilhelm Gräb.

Es ist gerade die Verbindung klassisch-christlicher sowie traditionell-afrikanischer Ideen, die die AIC für die Entwicklungshilfe interessant machen. So betonte Dietrich Werner, Referent für Theologische Grundsatzfragen bei Brot für die Welt, bei der Podiumsdiskussion Ende September die „Ressourcen für ein anderes Verständnis von Nachhaltigkeit“ in den traditionellen Religionen und AIC. Dies gelte etwa für die afrikanische Ubuntu-Philosophie, die eine harmonische Lebensweise vorzeichnet, welche von Friedfertigkeit, gegenseitiger Achtung und Solidarität geprägt ist.

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts trat neben die zweite Generation der AIC eine dritte: „Afrikanische Pfingstkirchen“. Unterschiede bestehen nicht nur in einem modernen Erscheinungsbild, das sich gerade in der Gottesdienstgestaltung von lokalen Kultur- und Glaubenstraditionen distanziert. Vielmehr konstatieren Wilhelm Gräb und seine Kollegen auch eine inhaltliche Weiterentwicklung: Oft werde ein „Wohlstandsevangelium“ gepredigt, „nach dem göttlicher Segen denen gilt, die nach wirtschaftlichem Erfolg streben“. Diese Perspektive hat ein großes Potenzial, den einzelnen Gläubigen zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit zu motivieren und kreative Energien freizusetzen.

Zudem, heben Gräb und seine Kollegen hervor, wird das „Wohlstandsevangelium“ in den AIC nicht nur gepredigt, sondern findet seinen Ausdruck „in der aktiven Förderung von Unternehmertum und Empowerment“: „Die Kirchen bieten Fortbildungen zu unternehmerischem Handeln an und unterstützen ihre Mitglieder finanziell bei der Existenzgründung.“

Dementsprechend zeigte sich auch Andreas Heuser, Professor für Außereuropäisches Christentum an der Universität Basel, bei der Podiumsdiskussion offen für eine entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit AIC. Dabei steht für ihn fest: „Eine Zusammenarbeit setzt eine Projektvision voraus.“ Erst einmal gelte es, die Kapazitäten der AIC überhaupt wahrzunehmen.

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 40/2018.

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