Blick in die Zukunft mit großer Sorge

Die Diakonie Katastrophenhilfe warnt vor einer Gewaltspirale. Hilfseinrichtungen werden gezielt angegriffen

Von Tilman Asmus Fischer

So desillusionierend wie das am 4. Juni in der Evangelischen Akademie präsentierte Friedensgutachten sind die neuesten Verlautbarungen der Diakonie zur Lage der humanitären Hilfe. „Wir blicken mit großer Sorge in die Zukunft“, erklärte Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie Katastrophenhilfe, am 11. Juli bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung der Jahresbilanz 2013. „Weltweit haben bewaffnete Konflikte an Zahl und Brutalität zugenommen – beispielsweise im Irak und in Syrien –, aber auch in der zentralafrikanischen Republik, im Südsudan, Mali und Nigeria.“

So sei es in vielen Krisengebieten – etwa nach starken Regenfällen – ohnehin „logistisch schwer“, zu den Opfern zu gelangen und Hilfe zu leisten. Zudem sei nun vielerorts die „Sicherheitslage extrem schwierig“, so Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Im Südsudan würden gezielt humanitäre Einrichtungen angegriffen – fatal, da das Land kurz vor einer Hungerkatastrophe steht.

Mit Blick auf die Entwicklungen in Syrien und Irak stellt sich verstärkt die Frage, ob christliche Hilfsorganisationen hier unter einem besonderen Risiko arbeiten. Die Vorstellung, im arabischen Raum würden „Christen und christliche Hilfswerke in besonderer Weise verfolgt“, weist Füllkrug-Weitzel jedoch zurück. In der Zerstörung schiitischer Grabmäler durch den selbsternannten „Islamischen Staat“ ISIS im Irak sieht sie einen Beleg dafür, dass „jedwede Form religiöser Abweichung“ zum Ziel der Extremisten werde. Dementsprechend würden nicht nur christliche Helfer, sondern auch andere nichtchristliche Partner, mit denen man zusammenarbeite, angegriffen. Insgesamt profitiert die Diakonie Katastrophenhilfe in den Augen ihrer Präsidentin davon, dass sie strikt bemüht sei um „bedarfsgerechte Hilfe“, ohne Ansehen der religiösen Zugehörigkeit der Opfer: Dies schaffe Akzeptanz vor Ort für ihr Werk sowie für das internationale Netzwerk „Act Alliance“, dem die Katastrophenhilfe angehört.

Neben den verheerenden Folgen für die betroffenen Menschen sieht Füllkrug-Weitzel auch die Auswirkungen des Isis-Terrors auf die Staatengemeinschaft problematisch: Hier sei „eine Art Gewaltreflex“ ausgelöst worden und das „mühsam gewachsene Bewusstsein für ein notwendiges Primat der Eindämmung von Gewalt und friedlicher Konfliktlösung wird im Nu über Bord geworfen“. In diesem Kontext wertet sie die aktuellen Überlegungen einer deutschen Aufrüstung mit Drohnen als „Indiz für einen Bedeutungsverlust des Wertes der Humanität und des humanitären Völkerrechts“.

Der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesregierung, Prälat Martin Dutzmann, war zu seiner Zeit als evangelischer Militärbischof nicht unbedingt als vehementer Drohnen-Gegner in Erscheinung getreten. Als Antwort auf die Frage, welche Erwartungen sie an seinen Nachfolger, Sigurd Rink, und andere kirchliche Würdenträger habe, verwies Füllkrug-Weitzel auf ihren engen Dialog mit führenden Kirchenvertretern: Man gehe „gemeinsam in die Richtung, sehr viel stärker Maßnahmen der Konfliktprävention auszubauen“. Zudem arbeite die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung auf eine restriktivere Rüstungspolitik hin.

Dass auch innerhalb der EKD über diese Themen diskutiert werden muss, zeigen die jüngsten Äußerungen von Sigurd Rink zu den Forderungen, wonach sich die Bundesrepublik außenpolitisch stärker engagieren müsse: Er werbe dafür, „wegzukommen von einem deutschen Sonderweg. Gerade angesichts seiner mitunter verheerenden Sonderrolle im vergangenen Jahrhundert muss Deutschland sich fragen lassen, wie es seine Verantwortung in der Europäischen Union und der Nato in internationalen Zusammenhängen am besten wahrnehmen kann“, so Rink gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.

Eine intensive Neuausrichtung der internationalen Konfliktprävention scheint schon daher notwendig, da die Hilfswerke ihre Folgen nicht alleine bewältigen können – denn, so beschreibt Füllkrug-Weitzel die traurige Tendenz: „Menschen spenden nach Naturkatastrophen, sie spenden nicht für die Opfer von Kriegen und Flüchtlinge.“

Erschienen in: Die Kirche. Evangelische Wochenzeitung 29/2014.

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