Heimweh nach Gott

Wie kann heute eine zeitgemäße Religiosität aussehen? Stefan Seidel spürt in seinem Buch „Nach der Leere“ neue Formen von „Religiosität“ in der heutigen Dichtung, Malerei, Philosophie und ökologischen Achtsamkeit auf, die tragen und trösten. Im Interview mit Tilman A. Fischer spricht der Autor über die Potenziale der Idee von einer „religionslosen Religiosität“

Herr Seidel, religionssoziologische Beschreibungen unserer Zeit schwanken zwischen „Säkularisierung“ und „Wiederkehr der Religion“. Wo positionieren Sie sich mit Ihrer Gegenwartsanalyse zwischen diesen Narrativen?

Tatsächlich glaube ich, dass beide Beschreibungen zutreffen: Wir leben einerseits in radikal religionslos gewordenen Zeiten, in denen die Bindung an eine Religion weitgehend verloren ist. Das hat mit dem Voranschreiten der Moderne zu tun, die der Religion nur noch eine Nische für den privaten Gebrauch lässt. Die allumfassende Macht der technisch-ökonomischen Vernunft hat das alte Göttliche hinweggefegt. Es soll kein Heil außerhalb der rational-technischen Markt-Vernunft geben. Doch andererseits wächst auch eine Sehnsucht nach neuer Rückbindung an ein größeres Ganzes, ein Heimweh nach Gott. Und dies bricht sich nicht nur Bahn in der Esoterik oder im Fundamentalismus, sondern auch in positiver Weise in der Dichtung, der Kunst und dem neuen Bewusstsein von der Heiligkeit der Natur.

Diese positive Idee einer „religionslosen Religiosität“ für das 21. Jahrhundert beschreiben Sie in Ihrem Buch „Nach der Leere“. Was darf sich der Leser unter diesem zunächst paradox klingenden Begriff vorstellen?

Das ist einfach die Entdeckung, dass heute Formen der Verbindung mit dem Göttlichen oder Heiligen existieren, die nicht das ausdrückliche Etikett „Religion“ tragen. Ich habe das selbst erlebt im Berührtwerden durch ein tiefes Mitleid mit leidenden Tieren. Da ist etwas von dem unantastbar Heiligen, das in jedem Leben wohnt, aufgeblitzt und hat zu einer neuen Ehrfurcht und einem Respekt vor der Würde der Tiere gezwungen. Ich denke, dass viele Menschen, die sich heute für die Bewahrung der Erde und den Schutz der Tiere einsetzen etwas von dem Kern der alten Religion in einer neuen Form bewahren. Oder da sind die Gedichte Tomas Tranströmers, in denen plötzlich etwas von dem unaussprechlichen Größeren, das wir „Gott“ nennen können, aufblitzt und einen tiefen Trost erzeugt. So gibt es heute viele religionslose Religiositäten im Vollzug, indem sich auf eine größere Liebe bezogen wird. Gott wird hier nicht formal mit Worten bekannt, sondern er ereignet sich.  

Welcher ethische Anspruch verbindet sich mit dieser möglichen Form neuer Religiosität?

Da geht es nicht um Gebote oder feste moralische Normen, sondern um das, was der Prophet Jeremia den neuen Herzens-Bund nennt, den Gott schließen möchte. Da geht es nicht mehr um Gesetze aus Stein, sondern um das Gottes Gesetz im Herzen des Menschen. Da wird nicht mehr einer den anderen belehren und gefordert werden „Erkenne den Herrn“, wie es heißt. Sondern darum, dass sich tief im Inneren das Eigentliche Bahn bricht und Früchte bringt – Mitgefühl, Liebe, Empfindsamkeit, das Bestreben, Leiden zu mindern, Trost zu stiften, Hoffnung zu weiten. Ich denke, diese Religiosität des Liebens, diese Kultivierung des Herzensbundes Gottes wollte auch Jesus, der gesagt hat, dass nicht die, die „Herr, Herr“ sagen ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen seines Vaters tun. Und das ist die Liebe, die tausend Gesichter hat und die jeder auf seine je eigene Art entdecken und leben soll. 

Ihre Suche nach Ansätzen einer „religionslosen Religiosität“ bewegt sich vornehmlich im Bereich ästhetischer Ausdrucksformen und philosophischer Reflexion. Damit setzt sie eine gewisse kulturelle bzw. intellektuelle Prägung voraus, die aber wohl nur bei einem Teil der gläubigen wie nichtgläubigen Menschen angenommen werden kann. Wie können Ihre Überlegungen für eine kirchliche Praxis fruchtbar gemacht werden, die nicht nur bildungsbürgerliche Kreise adressiert?

Mein Buch ist einfach ein ausschnitthaftes und persönliches Zeugnis von den Quellen heute möglicher Gott-Bezogenheit, die in mir Resonanz ausgelöst haben. Gewissermaßen als beispielhafte Ermutigung dazu, dass jeder seine Quellen entdeckt. Natürlich hoffe ich, dass sich etwas von meinem Berührtwerden in den Gedichten, Bildern, philosophischen Denkversuchen und in einem neuen Bezug zur Natur auf andere überträgt. Aber mehr noch sollte jeder sein eigenes Herz öffnen und offen sein dafür, auf welche Weise ihn die größere Liebe heute anspricht und Gestalt annehmen will.

Stefan Seidel: Nach der Leere. Versuch über die Religiosität der Zukunft. Claudius Verlag 2020, 160 Seiten, 18 Euro, als eBook 15,99 Euro

Erschienen in: Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung 41/2021.

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