Neues Heim in der alten Heimat?

Gedanken über eine Zukunft verwaister Heimatsammlungen bei der deutschen Volksgruppe in Polen

Ein Geist geht um in den Vertriebenenverbänden. Es ist die Sorge um den Bestand – oft privat getragener – Heimatsammlungen. Wo liegt ihre Zukunft in Zeiten, da die Angehörigen der Erlebnisgeneration von Flucht und Vertreibung immer weniger werden und sich Basisgruppen der Vertriebenen zusehends auflösen? Vielleicht wurde – wenn überhaupt – zu lange nach Lösungen vor allem innerhalb der Bundesrepublik Deutschland gesucht. Diese Zeilen sollen dazu anregen, im europäischen Kontext neu über ein Problem nachzudenken, bei dem es um nicht mehr und nicht weniger als den Erhalt vor allem alltagsgeschichtlich bedeutender Quellen geht: Bernard Gaida, Präsident des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), ruft die Einrichtungen der deutschen Volksgruppe in Polen als mögliche Hüter der Bestände in Erinnerung. Diese Idee greift Tilman Asmus Fischer, Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen, aus bundesdeutscher Perspektive auf.

Bernard Gaida
Die Geschichte endet nicht mit uns

„Die Geschichte endet nicht mit uns“, sagte schon in der Antike der griechische Philosoph Sokrates. Obwohl dieses Zitat schon Jahrhunderte alt ist, ist es immer noch aktuell. Es zeigt in aller Fülle die Bedeutung unserer Einstellung, wenn es um die Wahrnehmung unserer Nachfahren geht. Wie wir die Vergangenheit verstehen, bestimmt maßgeblich die Art und Weise, wie wir die Gegenwart verstehen. Ohne die Erinnerung an das, was gewesen ist, ohne die Geschichte wäre ich nicht Vorsitzender einer nationalen Minderheit, weil es keine Minderheit gäbe. Genau deswegen ist die Erinnerung so wichtig – Erinnerung, die zur Bewahrung der Vielfalt dient. Diese Vielfalt ist der Schatz eines jeden Landes.

Eine wichtige Rolle in der Erinnerung an unsere Vergangenheit, an unser Schicksal, spielen die Heimatstuben. Hunderte kleinere und größere Sammlungen von Artefakten aus der Heimat oder zur Erinnerung an sie verbleiben heute in allen Teilen der Bundesrepublik. Kleidung, Geldstücke und Dokumente, in all diesen Dingen schlummert der Geist der pommerschen, ostpreußischen oder schlesischen Heimat. Wenn die Zeitzeugen der Vergangenheit, der Tragödie der Deutschen in Polen, der Vertreibungen, nicht mehr da sind, werden diese Gegenstände ihre Geschichte weitererzählen und so das gemeinsame Erbe den nächsten Generationen weitergeben.

Und doch beunruhigt heutzutage der Gedanke an die Heimatstuben. Die Träger der Heimatstuben, die Landmannschaften oder deren Einzelmitglieder, müssen gegen die vergehende Zeit ankämpfen. Die Vertriebenen werden immer älter, und auch das bundesdeutsche Bewusstsein für die durch die Heimatstuben erzählte Geschichte wird mit dem Wissensstand geringer. Wie aus verschiedenen Quellen zu hören ist, bleiben immer mehr potenzielle Exponate in Kellern, mit Staub bedeckt und auch sonst widrigen Bedingungen ausgesetzt, weil die Räumlichkeiten der Heimatstuben für andere Zwecke gebraucht werden oder weil niemand mehr da ist, der sich um sie kümmert. All diese Dinge drohen in Vergessenheit zu geraten. Dagegen oder vielmehr dafür können die Deutschen in Polen vielleicht etwas tun.

Trotz der beispielhaft ausgebauten Strukturen der deutschen Minderheit, die über 500 Einrichtungen umfassen, funktioniert unsere Gemeinschaft fast ohne jegliches gegenständliches Zeugnis der Vergangenheit. Nur einige Heimatstuben funktionieren in den DFKs, und wir haben nur wenige Möglichkeiten, unseren Mitgliedern den mehr oder minder „handfesten“ Kontakt mit der Vergangenheit zu ermöglichen. Die nichtgenutzten Sammlungsgegenstände der Heimatstuben könnten unserer Volksgruppe das Tor zur deutschen Identität weiter aufmachen. Unsere Begegnungsstätten können in Zukunft als Heimatstuben dienen, wenn uns die Gegenstände zur Verfügung gestellt werden. Auch der weiteren Völkerverständigung würde diese Initiative dienen, denn auch die polnische Mehrheit bekäme die Chance, diese Gegenstände zu bewundern. Die Heimatstuben sind ein kostbares Werkzeug, für das wir die Verantwortung übernehmen und deren Schätze wir ans Licht heben können.

Tilman Asmus Fischer
Replik: Wir müssen reden!

Die von Bernard Gaida eingebrachte Idee, die mir das erste Mal durch einen Vortrag zu Ohren kam, den er auf einer partnerschaftspolitischen Tagung der Landsmannschaft Westpreußen hielt, ist Gold wert. Gerade angesichts der Verunsicherung, die in vielen Heimatkreisen mit Blick auf die Zukunft ihrer Sammlungen besteht. Zurzeit gibt es für die betroffenen Träger ostdeutscher Heimatsammlungen eine einzige Hilfestellung angesichts ihrer Zukunftssorgen – die vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) herausgegebene Broschüre „Was wird aus den Heimatsammlungen? Überlegungen, Denkanstöße, Lösungsansätze zur Bewahrung des Kulturguts der Deutschen aus dem östlichen Europa in Heimatsammlungen und Heimatstuben in der Bundesrepublik Deutschland“.

Hier finden sich bereits Gedanken zur „Übergabe der Sammlungen an Einrichtungen in den Herkunftsgebieten“ im Allgemeinen – wobei offensichtlich primär an nichtdeutsche Institutionen gedacht wird. Die Autoren wissen um die für viele hiermit verbundenen Probleme: „Aufgrund der oft starken emotionalen Bindung der Vertriebenen an viele Objekte stellt die Überführung der zum überwiegenden Teil durch die prägenden Erlebnisse von Flucht und Vertreibung hindurch geretteten Sammlungen in die Herkunftsgebiete einen Schritt dar, den – wie die Erfahrung zeigt – letztlich kaum eine Heimatvereinigung bereit ist zu gehen.“ Gerade in diesem Punkt stellt der Übergang von Sammlungsstücken in die Einrichtung einer deutschen Volksgruppe in Ostmitteleuropa einen gedanklich reizvollen Mittelweg dar, der neue Überlegungen mit großen Realisierungschancen ermöglicht.

Bisher findet die Erörterung von Zukunftskonzepten für Heimatsammlungen lediglich innerhalb der Landsmannschaften und BdV-Landesverbände statt. Es handelt sich um eine Aufgabe, die bisher nicht als größeres Vorhaben etwa des Dachverbandes der deutschen Vertriebenen definiert worden ist. Dies hat seine Begründung darin, dass es sich – nun muss man sagen: bisher – um eine praktische Angelegenheit handelte, für deren Lösung die basisnahen und gut vernetzten Landsmannschaften den notwendigen Überblick hatten.

Nun jedoch macht mit dem VdG ein vielversprechender Partner in dieser Frage auf sich aufmerksam, bei dem es sich nicht um einen einzelnen Deutschen Freundschaftskreis oder eine Organisation auf Woiwodschaftsebene handelt, für die ein Heimatkreis oder eine Landsmannschaft der homologe Ansprechpartner ist. Um grundsätzliche Fragen der Übergabe, Überführung, fortgesetzten Pflege etc. zu klären, erscheint es notwendig, ein Kompetenzzentrum oberhalb der landsmannschaftlichen Gliederungen zu suchen oder zu schaffen, das hier moderierend tätig wird.

Welche Rolle könnte das BKGE übernehmen, welche der BdV, der mit Oliver Dix bereits einen auf das Thema spezialisierten Sachwalter hat? Es wird deutlich: Wir müssen – mal wieder – alle miteinander reden und uns darüber verständigen, wie zu verfahren ist. Denn die Zeit drängt. Diese Zeilen sollen hierfür einen ersten Anstoß geben.

Zur Lektüre: Markus Bauer e. a.: Was wird aus den Heimatsammlungen? Überlegungen, Denkanstöße, Lösungsansätze zur Bewahrung des Kulturguts der Deutschen aus dem östlichen Europa in Heimatsammlungen und Heimatstuben in der Bundesrepublik Deutschland. Oldenburg 2008. http://www.bkge.de/heimatsammlungen/40806.html

Erschienen in Kulturpolitische Korrespondenz Nr. 1347 / 25.8.2014 (http://kulturportal-west-ost.eu/wp-content/uploads/kk-1347_web.pdf)

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